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Unternehmensbesteuerung

- Gewerbesteuer -

Wintersemester 2016/2017

Fakultät für
Wirtschaftswissenschaften
Grundlagen
1.1. Historie

Schon im Mittelalter wurden von Gewerbetreibenden sog. Marktgelder


erhoben. Im 19. Jahrhundert wurden die Gewerbetreibenden auf Länder-
ebene unterschiedlichen Abgaben unterworfen. Grundlegend geändert
wurden diese Abgaben 1891 durch die Steuerreform des preußischen
Finanzministers Miquel, der erstmals ein Gewerbesteuergesetz schuf und
den Gewerbeertrag sowie das Gewerbekapital als Bemessungsgrundlage
heran zog. Die Gewerbesteuer stand nunmehr den Gemeinden zu.
Im Rahmen der Realsteuerreform von 1936 wurde die Gewerbesteuer
reichseinheitlich gestaltet. Die Bemessungsgrundlage wurde um die Lohn-
summe erweitert.
1950 wurde das erste bundeseinheitliche Gewerbesteuergesetz verab-
schiedet und bis heute vielfach geändert. Seit 1998 wird nur noch der
Gewerbeertrag als Bemessungsgrundlage heran gezogen.

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Grundlagen
1.1. Historie

Steuern bieten keinen Anspruch auf staatliche Gegenleistung. Die Gewerbe-


steuer wird allerdings begründet als Äquivalenz für die mit dem Gewerbe-
betrieb verbrauchten kommunalen Ressourcen und kommunalen Aufwen-
dungen für die Schaffung der Infrastruktur.

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1. Grundlagen
1.2. Bedeutung und Stellung im Steuersystem

Gewerbesteuer

Die Berechtigung zur Steuererhebung steht den


Gemeindesteuer
Gemeinden zu

Steuergegenstand ist der Gewerbebetrieb (=Objekt);


Realsteuer
persönliche Verhältnisse werden nicht berücksichtigt

Die Gewerbesteuer und die darauf entfallenden


Betriebsteuer Nebenleistungen sind ab 01.01.2008 keine
(abziehbaren) Betriebsausgaben, § 4 (5b) EStG

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Grundlagen
1.3. Festsetzung und Erhebung

Jahresabschluss incl. Gewerbesteuererklärung

Finanzamt

Bescheid über Gewerbesteuermessbetrag Grundlagenbescheid

Gemeinde

Gewerbesteuerbescheid Folgebescheid

Steuerpflichtiger

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1. Grundlagen
1.3. Festsetzung und Erhebung

Gemeinden Betriebsfinanzämter
zuständig für: zuständig für:
Festsetzung und Erhebung der Ermittlung der Besteuerungs-
Gewerbesteuer grundlagen
Erstellung des Gewerbesteuer- Festsetzung, ggf. Zerlegung des
bescheids Steuermessbetrags
Entscheidungen über: Festsetzung und Erhebung der
- Stundung Gewerbesteuer, wenn dies nicht
- Niederschlagung auf die Gemeinden übertragen ist
(z.B. in Berlin)
- Erlass der Gewerbesteuer
- Aussetzung der Vollziehung

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1. Grundlagen
1.4. Steuerbescheide und Rechtsbehelfe

Gewerbesteuer
Bescheide Gewerbesteuerbescheid -messbescheid/
-zerlegungsbescheid

Widerspruch bei Einspruch beim


der Gemeinde Finanzamt
Anfechtungsklage
Verwaltungsgericht
Rechtsbehelfe
Berufung Landes- Klage
verwaltungsgericht Finanzgericht
Revision Bundes- Revision
verwaltungsgericht Bundesfinanzhof

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2. Gewerbebetrieb
2.1. Steuerschuldner

Einzelunternehmen Personengesellschaften Kapitalgesellschaften

Gesellschaft,
juristische Person, z.B.
z.B. die OHG, KG, GbR;
Unternehmer, auf dessen AG, GmbH; die
die Gesellschafter können
Rechnung und Gefahr das Gesellschafter kommen als
als Haftungsschuldner in
Gewerbe betrieben wird Haftungsschuldner nicht in
Anspruch genommen
Betracht
werden

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2. Gewerbebetrieb
2.2. Formen des Gewerbebetriebs

Gewerbebetrieb kraft …

… gewerblicher Betätigung … Rechtsform


Einzelunternehmen Kapitalgesellschaften,
Personengesellschaften, z.B. z.B. AG, GmbH
OHG, KG gewerblich geprägte
juristische Personen des Personengesellschaften, z.B.
öffentlichen Rechts GmbH & Co. KG
nichtrechtsfähige Stiftungen und
Zweckvermögen

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2. Gewerbebetrieb
2.2. Formen des Gewerbebetriebs

Einige Gewerbetreibende sind jedoch von der Gewerbesteuerpflicht befreit,


§ 3 GewStG. Dazu gehören u.a.
• das Landesförderinstitut in Schwerin
• gemeinnützige Körperschaften, z.B. Vereine
• private Schulen
• Krankenhäuser
• Pflegeunternehmen
2. Gewerbebetrieb
2.3. Beginn der Steuerpflicht

Form des Gewerbebetriebs Beginn der Gewerbesteuerpflicht

Zeitpunkt, zu dem alle Voraussetzungen für


einen Gewerbebetrieb erfüllt sind,
insbesondere aktive Teilnahme am allgemei-
Einzelunternehmen nen wirtschaftlichen Verkehr.
Personengesellschaften Vorbereitungshandlungen reichen nicht
aus, z.B. Anmieten eines Geschäftsraums,
Errichtung eines Fabrikgebäudes, Kauf von
Einrichtungsgegenständen

Eintragung ins Handelsregister,


Genossenschaftsregister oder
Kapitalgesellschaften Erteilung der behördlichen Erlaubnis
oder. mit einer nach außen in Erscheinung
tretenden Vorbereitungshandlung

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2. Gewerbebetrieb
2.4. Ende der Steuerpflicht

Form des Gewerbebetriebs Ende der Gewerbesteuerpflicht

tatsächliche Einstellung des Betriebs;


Einzelunternehmen vorübergehende Unterbrechungen heben die
Personengesellschaften Gewerbesteuerpflicht nicht auf, z.B. bei
Saisonbetrieben

Einstellung jeglicher Tätigkeit


Kapitalgesellschaften und Verteilung des Vermögens an die
Gesellschafter

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3. Ermittlung der Gewerbesteuer
3.1. Schema

Bemessungsgrundlage für die Gewerbesteuer ist der sog. Gewerbeertrag.

Die Berechnung des Gewerbeertrags basiert auf dem, nach den Vorschrif-
ten des Einkommensteuerrechts ermittelten Gewinn. Dieser Gewinn wird mit
einigen gesetzlichen Hinzurechnungen und Abzügen korrigiert.

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3. Ermittlung der Gewerbesteuer
3.1. Schema

Gewinn aus Gewerbebetrieb § 7 GewStG 197.000

+ Hinzurechnungen § 8 GewStG 10.675


- Kürzungen § 9 GewStG 2.150
- Gewerbeverlustvortrag § 10a GewStG 1.000
Gewerbeertrag abgerundet auf volle 100 € 204.500
- Freibetrag 24.500 € bei Einzelunternehn/PersGesellsch § 11 (1) GewStG 24.500
verbleibender Gewerbeertrag 180.000
x Steuermesszahl = 3,5% § 11 (2) GewStG
= Steuermessbetrag 180.000 x 3,5% 6.300
x Hebesatz der Gemeinde z.B. 400% § 16 GewStG 25.200

Gewerbesteuer
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3. Ermittlung der Gewerbesteuer
3.2. Hinzurechnungen

Dem Gewinn aus Gewerbebetrieb werden folgende Beträge hinzugerech-


net, soweit sie bei der Gewinnermittlung abgesetzt worden sind:

§ 8 Nr. 1 ein Viertel der Summe aus:


100% Entgelte für Schulden
100% Renten und dauernde Lasten
100% Gewinnanteile des stillen Gesellschafters
20% der Miet- und Pachtzinsen (einschließlich Leasingraten) für die Be-
nutzung von beweglichen Wirtschaftsgütern des Anlagevermögens,
die im Eigentum eines anderen stehen
50% der Miet- und Pachtzinsen (einschließlich Leasingraten) für die Be-
nutzung der unbeweglichen Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens,
die im Eigentum eines anderen stehen
25% der Aufwendungen für die befristete Überlassung von Rechten, z.B.
Konzessionen und Lizenzen, ausgenommen Vertriebslizenzen.

… soweit die Summe den Betrag von 100.000 € (Freibetrag) übersteigt.


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3. Ermittlung der Gewerbesteuer
3.2. Hinzurechnungen

Beispiel

Ein Gewerbetreibender hat folgende Beträge als Betriebsausgaben


gebucht:
Schuldzinsen: 48.000 €
Miete für Maschinen: 24.000 €
Leasingraten für Pkw: 12.000 €
Pachtzinsen für Lagerhalle: 18.000 €
Gewinnanteil typisch stiller Gesellschafter (Privatperson): 40.000 €

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3. Ermittlung der Gewerbesteuer
3.2. Hinzurechnungen

Lösung

Entgelte für Schulden (100%) 48.000 €

+ Gewinnanteil typischer stiller Gesellschafter (100%) 40.000 €

+ Miete für Maschinen (24.000 € x 20%) 4.800 €


+ Leasingraten Pkw (12.000 € x 20%) 2.400 €
+ Pachtzinsen für Lagerhalle (18.000 x 50%) 9.000 €
= Summe 104.200 €
- Freibetrag 100.000 €
= verbleibender Betrag 4.200 €
Hinzurechnungsbetrag (4.200 € x 25%) 1.050 €

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3. Ermittlung der Gewerbesteuer
3.3. Kürzungen

Kürzungen nach § 9 GewStG

1,2 % des Einheitswerts des zum Gewinne aus Anteilen an einer


Betriebsvermögen gehörenden steuerpflichtigen inländischen
Grundbesitzes Körperschaft

Gewinnanteile an einer inländischen


Spenden, die aus Mitteln des
oder ausländischen
Gewerbebetriebs geleistet worden sind
Personengesellschaft

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3. Ermittlung der Gewerbesteuer
3.4. Freibeträge

24.500 € 5.000 €

wenn der Gewerbebetrieb von


wenn ein wirtschaftlicher
natürlichen Personen oder
Geschäftsbetrieb u.a. von einem
Personengesellschaften betrieben
nichtrechtsfähigen Verein oder einer
wird. Der Freibetrag wird betriebs-
gemeinnützigen Körperschaft
bezogen gewährt. Bei Wechsel des
betrieben wird sowie bei
Steuerschuldners wird er nach der
Unternehmen von juristischen
Dauer der persönlichen Steuerpflicht
Personen des öffentlichen Rechts
aufgeteilt.

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4. Steuermesszahl und Steuermessbetrag

Die Steuermesszahl beträgt bei allen gewerbesteuerpflichtigen Unterneh-


men einheitlich 3,5% vom auf volle hundert Euro abgerundeten
verbleibenden Gewerbeertrag, § 11 (2) GewStG.

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5. Zerlegung

Sollen mehrere Gemeinden von der Gewerbesteuer profitieren, ist der


Gewerbesteuermessbetrag aufzuteilen.

§ 28 (1) GewStG:
Sind im Erhebungszeitraum Betriebsstätten zur Ausübung des Gewerbes in
mehreren Gemeinden unterhalten worden, so ist der Steuermessbetrag in
die auf die einzelnen Gemeinden entfallenden Anteile (Zerlegungsanteile) zu
zerlegen. Das gilt auch in den Fällen, in denen eine Betriebsstätte sich über
mehrere Gemeinden erstreckt hat oder eine Betriebsstätte innerhalb eines
Erhebungszeitraums von einer Gemeinde in eine andere Gemeinde verlegt
worden ist.

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5. Zerlegung

Maßstab für die Aufteilung des Messbetrags zwischen den Gemeinden ist
die auf volle tausend abgerundete Summe der Arbeitslöhne, die in der
jeweiligen Gemeinde vom Betrieb gezahlt worden sind, § 29 (1) GewStG.

Zu den Arbeitslöhnen gehören alle Gehälter und Löhne incl. Zuschläge und
Einmalzahlungen wie Boni oder Weihnachtsgelder.
Gewinnabhängige (!) Einmalzahlungen wie z.B. Tantiemen bleiben jedoch
unberücksichtigt.
Für Mitunternehmer sind pauschal 25.000 € als fiktiver Lohn anzusetzen.
Nicht zu den Arbeitslöhnen gehören Vergütungen für Auszubildende.

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5. Zerlegung

Übungsaufgabe:
Der Einzelunternehmer Emil unterhält in Schwerin (Hebesatz: 420%), Wismar (400%)
und Grevesmühlen (350%) Niederlassungen. Er selbst arbeitet in Wismar. Der Ge-
werbesteuermessbetrag beläuft sich auf 10.000 €. Die folgenden Jahresvergütungen
werden bezahlt.
Schwerin: 2 Verkäuferinnen à 12.500 €, 1 Auszubildende à 6.000 €. Die Verkäufe-
rinnen bekommen ein Weihnachtsgeld von 20% der Festbezüge; die Azubi bekommt
400 € Weihnachtsgeld.
Wismar: 3 Verkäuferinnen à 12.000 €. Die drei bekommen zusätzlich ein Gehalt als
Weihnachtsgeld. Die zusätzliche Prokuristin bekommt 24.000. Alle vier erhalten ein
Urlaubsgeld von je 500 €. Die Prokuristin bekommt noch eine Tantieme von 8.000 €.
Grevesmühlen: 6 Verkäuferinnen à 9.500 € sowie 3 Auszubildende mit jeweils 6.000
€. Nur die Verkäuferinnen erhalten ein Weihnachtsgeld von jeweils pauschal 500 €.
Wieviel Gewerbesteuer ist an jede Gemeinde zu zahlen?

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5. Zerlegung

Lösung:
Schwerin Wismar Grevesmühlen
Festlohn 25.000 60.000 57.000
Auszubildende 6.000 18.000
Weihn./Urlaubsgeld 5.000 5.000 3.000
Weihnachtsgeld Azubi 400
Tantieme 8.000
Mitunternehmeranteil 25.000

= Arbeitslöhne 30.000 90.000 60.000 = 180.000 €


Zerlegungsanteil 16,67% 50,00% 33,33%

Anteil am Messebetrag 1.667 € 5.000 € 3.333 €


x Hebesatz 7.001,40 € 20.000,00 € 11.665,50 € = Gewerbesteueranteil

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6. Anrechnung

Die Gewerbesteuer besteuert, wie auch die Einkommensteuer, den


steuerlichen Gewinn. Um eine doppelte Gewinnbesteuerung zu vermei-
den kann bei natürlichen Personen ein Gewerbesteuerbetrag bis zu
einer Höhe von 380% des Gewerbesteuermessbetrags von der
Einkommensteuerzahlung abgezogen werden, § 35 (1) Satz 1 EStG.

Bei Personengesellschaften wird der Gewerbesteuermessbetrag ent-


sprechend der Gewinnverteilung auf die Gesellschafter aufgeteilt und
führt dann anteilig zu einer Reduzierung der Einkommensteuerzahlung.

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7. Entstehung und Fälligkeit

Die Gewerbesteuer ist eine Jahressteuer und entsteht mit Ablauf des
Kalenderjahres, § 16 GewStG.
Der Steuerschuldner hat quartalsweise Vorauszahlungen in Höhe von
jeweils einem Viertel der letzten Veranlagung zu leisten, § 29 GewStG. Die
Vorauszahlungen sind auf die festgesetzte Gewerbesteuer anzurechnen.

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