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DIE WIENER

MODERNE ALS
ÄSTHETISCHES
PHÄNOMEN
1890-1910
Impressionismus
"Wie lang' wird denn das noch dauern? Ich muß auf die Uhr schauen... schickt sich wahrscheinlich nicht in
einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht's denn? Wenn's einer sieht, so paßt er gerade so wenig auf, wie ich,
und vor dem brauch' ich mich nicht zu genieren... Erst viertel auf zehn?... Mir kommt vor, ich sitz' schon drei
Stunden in dem Konzert. Ich bin's halt nicht gewohnt... Was ist es denn eigentlich? Ich muß das Programm
anschauen... Ja, richtig: Oratorium! Ich hab' gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche!
Die Kirche hat auch das Gute, daß man jeden Augenblick fortgehen kann. – Wenn ich wenigstens einen Ecksitz
hätt'! – Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End'! Vielleicht ist es sehr schön, und ich bin nur
nicht in der Laune. Woher sollt' mir auch die Laune kommen? Wenn ich denke, daß ich hergekommen bin, um
mich zu zerstreuen... Hätt' ich die Karte lieber dem Benedek geschenkt, dem machen solche Sachen Spaß; er
spielt ja selber Violine. Aber da wär' der Kopetzky beleidigt gewesen. Es war ja sehr lieb von ihm, wenigstens
gut gemeint. Ein braver Kerl, der Kopetzky! Der einzige, auf den man sich verlassen kann... Seine Schwester
singt ja mit unter denen da oben. Mindestens hundert Jungfrauen, alle schwarz gekleidet; wie soll ich sie da
herausfinden? Weil sie mitsingt, hat er auch das Billett gehabt, der Kopetzky... Warum ist er denn nicht selber
gegangen? – Sie singen übrigens sehr schön. Es ist sehr erhebend – sicher! Bravo! Bravo!... Ja, applaudieren
wir mit. Der neben mir klatscht wie verrückt. Ob's ihm wirklich so gut gefällt? – Das Mädel drüben in der Loge
ist sehr hübsch. Sieht sie mich an oder den Herrn dort mit dem blonden Vollbart?..."
Aus: Arthur Schnitzler Leutnant Gustl (1900)
Sprachkrise
"Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas
zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.
Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und
dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu
bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper«
nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die
Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa
aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut:
sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches
Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze."
Aus: Hugo von Hofmannsthal EIn Brief (1902)
Kaffeehauskultur
Peter Altenberg

Kaffeehaus
"Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene - - ins Kaffeehaus!"
"Sie kann, aus irgend einem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu dir kommen - -ins Kaffeehaus!"
„Du hast zerrissene Stiefel - - Kaffeehaus!"
„Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus - - Kaffeehaus!"
„Du bist korrekt sparsam und gönnst Dir nichts - - Kaffeehaus!"
„Du bist Beamter und wärest gern Arzt geworden - - Kaffeehaus!"
„Du findest Keine, die Dir passt - - Kaffeehaus!"
„Du stehst innerlich vor dem Selbstmord - - - Kaffeehaus!"
„Du hasst und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen -- Kaffeehaus!"
„Man kreditiert Dir nirgends mehr - - Kaffeehaus!"
Arthur Schnitzler
(1862-1931)

◦ Sohn eines angesehenen Medizinprofessors


◦ Medizinstudium, Arzt von Beruf
◦ Anhänger liberaler politischer Auffassungen
Werke
Romane, Erzählugen: Dramen:
◦ Leutnant Gustl (1901) ◦ Anantol (1892)
◦ Der Weg ins Freie (1908) ◦ Liebelei (1895)
◦ Fräulein Else (1924) ◦ Reigen (1900)
◦ Traumnovelle (1926)
Themen und Figuren
◦ die Situation des jüdischen Intellektuellen und Häufig wiederkehrende Typen:
des jüdischen Bourgeois ◦ der leichtlebige, aus einer gehobenen Familie
◦ soziale Polarisierungen und ihre Auswirkung stammende junge Offizier
auf das Bewusstsein ◦ das „süße Mädel“ (das in der Vorstadt lebende
◦ Begriff „Ehre“ in seiner seelischen Dimension erotische Beuteobjekt sogenannter besserer
◦ Darstellung seelischer Vorgänge Herren)

◦ Darstellung der Wiener Gesellschaftskultur der


Jahrhundertwende und ihre bürgerliche
Trägerschaft
Bekannschaft mit Freud
◦ vertraut mit Freuds Thesen Technik:
◦ „Ich schreibe Diagnosen“ ◦ der „innerer Monolog“ (ich + Präsens)
◦ Die Beziehungen zwischen Bewußtem, ◦ verwandt mit der Technik der freien Assoziaton
Halbbewußtem und Unbewußtem so scharf zu der Psychoanalyse
ziehen, als es übehaupt möglich ist, darin wird ◦ Adequates Verfahren zur Abbildung
dieKunst des Dichters vor allem bestehen“
psychischer Prozesse
◦ Freuds literarischer „Doppelgänger“
Der Reigen (1900)

◦ eine Reihe von 10 Ein-Akt-Stücken


◦ Liebeskarussel um ein paar „süße Mödels“
◦ Theaterskandal des Jahrhunderts, politischer
Krach zur Folge
Leutnant Gustl (1901)
◦ nichtsnützig, zu nichts taugich
◦ von einem Bäcker als „dummer Bub“ bezeichnet
◦ zum Duell auffordern? – aber ein Bäcker ist nicht
satisfaktionsfähig
◦ Wiedergabe aller des Fetzen des fiebrigen unlogischen
Gedankenablaufs
◦ Doppelmoral
◦ Verflechtung aus fragmentaren Erinnerungen, Emotionen,
undeutlichen Gefühlen
◦ Fixierung äußerlicher Eindrücke, Gesprächsfetzen,
angeeignete Redeklischees
Ich(1917)
◦ Novellette
◦ Familie Huber
◦ unerhörte Begebenheit
◦ Normalitätsverlust
◦ „Sprach-Ordnungswahn“
◦ „Unrettbarkeit des Ich“ (Hermann Bahr)
◦ Tradition der Sprachskepsis
◦ „Jedes Wort hat fließende Grenzen; diese
Tatsache zu ästhetischer Wirkung auszunützen
ist das Geheimnis des Stils.“ (Schnitzer)
DANKE FÜR IHRE
AUFMERKSAMKEIT!