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DIE WIENER

MODERNE ALS
ÄSTHETISCHES
PHÄNOMEN
1890-1910
Die Österreichisch-Ungarische Monarchie(die HabsburgerMonarchie
/ die Donaumonarchie /
die k. u. k. Monarchie)
Österreich-Ungarn
◦ Österreich,
◦ Ungarn,
◦ Tschechien (mit Ausnahme des Hultschiner Ländchens),
◦ Slowakei,
◦ Slowenien,
◦ Kroatien,
◦ Bosnien und Herzegowina
◦ sowie Teile des heutigen Rumäniens (Siebenbürgen, Banat, später Kreischgebiet, östlicher Teil von
Sathmar, Südmarmarosch, Südbukowina),
◦ Montenegros (Gemeinden an der Küste),
◦ Polens (Westgalizien),
◦ der Ukraine (Ostgalizien, Karpatenukraine und Nordbukowina),
◦ Italiens (Trentino-Südtirol und Teile von Friaul-Julisch Venetien) und
◦ Serbiens (Vojvodina).
Kaiserin Elisabeth
von Österreich-Ungarn (Sissi)
1837-1898
Kaiser Franz Joseph
Regierungszeit:1848-1916
Décadence, Historismus
HERBSTTAG

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.


Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;


gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.


Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Hans Makart Der Triumph der Ariadne (1873-74) Aus: Rainer Maria Rilke Buch der Bilder, 1902
Historismus
Gustav Klimt
Adele Bloch-
Bauer I (1907)
Fin de siècle, Jugendstil

Gustav Klimt Der Kuss (1907-1908)


Expressionismus

Egon Schiele Selbstbildnis mit gesenktem Kopf (1912) Egon Schiele Vier Bäume (1917)
Die Wiener Secession
Otto Wagner (1841-1918)

Die österreichische Postsparkasse (1905) Die Kirche am Steinhof (1904/1907)


Adolf Loos (1870-1933)

Das Looshaus am Michaelerplatz (1911) Café Museum (1899)


Jugendstil
◦ eine Reihe von teilweise divergierenden ◦ Wiedereinbeziehung der Kunst in das
Strömungen Alltägliche
◦ Abkehr vom Historismus ◦ Forderung nach Funktionalität
◦ dekorativ geschwungene Linien ◦ der sogenannte „moderne“ Stil, ein „Stil
◦ großflächige florale Ornamente unserer eigenen Zeit“

◦ bisher gängige Nachahmung historisch


überlieferter Formvorbilder
◦ Forderung nach der großen Verschmelzung von
„Kunst und Leben“
Merkworte der Epoche

Dilettantismus Nervosität Selbstverdoppelung

Traum Müdigkeit Überdruss

Impressionismus Symbolismus Synästhesie


Dreifache Diagnose der Epoche
1. Der Gott ist tot (Fridrich Nietzsche).
2. Die Entzauberung der Welt (Max Weber).
3. Die transzendentale Obdachlosigkeit (Georg Lukács).
Krise der Erkenntnis
"Es wurde der Übermensch geliebt, und es wurde der Untermensch geliebt; es wurden die Gesundheit und
die Sonne angebetet, und es wurde die Zärtlichkeit brustkranker Mädchen angebetet; man begeisterte sich
für das Heldenglaubensbekenntnis und für das soziale Allemannsglaubensbekenntnis; man war gläubig und
skeptisch, naturalistisch und preziös, robust und morbid; man träumte von alten Schloßalleen, herbstlichen
Gärten, gläsernen Weihern, Edelsteinen, Haschisch, Krankheit, Dämonien, aber auch von Prärien,
gewaltigen Horizonten, von Schmiede- und Walzwerken, nackten Kämpfern, Aufständen der
Arbeitssklaven, menschlichen Urpaaren und Zertrümmerung der Gesellschaft. Dies waren freilich
Widersprüche und höchst verschiedene Schlachtrufe, aber sie hatten einen gemeinsamen Atem; würde man
jene Zeit zerlegt haben, so würde ein Unsinn herausgekommen sein wie ein eckiger Kreis, der aus
hölzernem Eisen bestehen will, aber in Wirklichkeit war alles zu einem schimmernden Sinn
verschmolzen."

Aus: Robert Musil Der Mann ohne Eigenschaften (1925), Kapitel 15 Geistiger Umsturz
Traum und Wirklichkeit
Terzinen III
Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf


Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsere Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,


Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.

Das innerste ist offen ihrem Weben;


Wie Geisterhände im versperrten Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.
Aus: Hugo von Hofmannsthal Terzinen über Vergänglichkeit (1894)
Krise des Wertesystems
Die fröhliche Apokalypse Wiens um 1880

"Obwohl Wien sich gleichfalls als Kunststadt, ja als Kunststadt par excellence fühlte, war die Atmosphäre
hier eine ganz andere. Es war nähmlich weit weniger eine Stadt der Kunst als der Dekoration par
excellence. Entsprechend seiner Dekorativität war Wien heiter, oft schwachsinnig heiter, aber von
eigentlichem Humor oder gar von Bissigkeit und Selbstironie war da wenig zu spüren."

Aus: Hermann Broch Hofmannsthal und seine Zeit (1948)


Krise des Bewusstseins
"Farben, Töne, Wärmen, Drücke, Räume, Zeiten usw. sind in
mannigfaltiger Weise miteinander verknüpft, und an dieselben
sind Stimmungen, Gefühle und Willen gebunden. Aus diesem
Gewebe tritt das relativ Festere und Beständigere hervor, es
prägt sich dem Gedächtnisse ein, und drückt sich in der
Sprache aus. Als relativ beständiger zeigen sich zunächst
räumlich und zeitlich verknüpfte Komplexe von Farben,
Tönen, Drücken usw., die deshalb besondere Namen
erhalten, und als Körper bezeichnet werden. Absolut
beständig sind solche Komplexe keineswegs."

Aus: Ernst Mach, Antimetaphysische Vorbemerkungen (1900)


Impressionismus
"Wie lang' wird denn das noch dauern? Ich muß auf die Uhr schauen... schickt sich wahrscheinlich nicht in
einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht's denn? Wenn's einer sieht, so paßt er gerade so wenig auf, wie ich,
und vor dem brauch' ich mich nicht zu genieren... Erst viertel auf zehn?... Mir kommt vor, ich sitz' schon drei
Stunden in dem Konzert. Ich bin's halt nicht gewohnt... Was ist es denn eigentlich? Ich muß das Programm
anschauen... Ja, richtig: Oratorium! Ich hab' gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche!
Die Kirche hat auch das Gute, daß man jeden Augenblick fortgehen kann. – Wenn ich wenigstens einen Ecksitz
hätt'! – Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End'! Vielleicht ist es sehr schön, und ich bin nur
nicht in der Laune. Woher sollt' mir auch die Laune kommen? Wenn ich denke, daß ich hergekommen bin, um
mich zu zerstreuen... Hätt' ich die Karte lieber dem Benedek geschenkt, dem machen solche Sachen Spaß; er
spielt ja selber Violine. Aber da wär' der Kopetzky beleidigt gewesen. Es war ja sehr lieb von ihm, wenigstens
gut gemeint. Ein braver Kerl, der Kopetzky! Der einzige, auf den man sich verlassen kann... Seine Schwester
singt ja mit unter denen da oben. Mindestens hundert Jungfrauen, alle schwarz gekleidet; wie soll ich sie da
herausfinden? Weil sie mitsingt, hat er auch das Billett gehabt, der Kopetzky... Warum ist er denn nicht selber
gegangen? – Sie singen übrigens sehr schön. Es ist sehr erhebend – sicher! Bravo! Bravo!... Ja, applaudieren
wir mit. Der neben mir klatscht wie verrückt. Ob's ihm wirklich so gut gefällt? – Das Mädel drüben in der Loge
ist sehr hübsch. Sieht sie mich an oder den Herrn dort mit dem blonden Vollbart?..."
Aus: Arthur Schnitzler Leutnant Gustl (1900)
Krise der Männlichkeit
Drei Frauengestalten der Wiener Moderne:

1. Die femme fatale.

2. Die femme fragile.

3. Das "süße Mädel".


Sprachkrise
"Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas
zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.
Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und
dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu
bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper«
nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die
Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa
aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut:
sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches
Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze."
Aus: Hugo von Hofmannsthal EIn Brief (1902)
Kaffeehauskultur
Peter Altenberg

Kaffeehaus
"Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene - - ins Kaffeehaus!"
"Sie kann, aus irgend einem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu dir kommen - -ins Kaffeehaus!"
„Du hast zerrissene Stiefel - - Kaffeehaus!"
„Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus - - Kaffeehaus!"
„Du bist korrekt sparsam und gönnst Dir nichts - - Kaffeehaus!"
„Du bist Beamter und wärest gern Arzt geworden - - Kaffeehaus!"
„Du findest Keine, die Dir passt - - Kaffeehaus!"
„Du stehst innerlich vor dem Selbstmord - - - Kaffeehaus!"
„Du hasst und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen -- Kaffeehaus!"
„Man kreditiert Dir nirgends mehr - - Kaffeehaus!"
Fragen für Fr., den 18.09.2020
1. Arthur Schnitzlers Leutnant 2. Hugo von Hofmannsthals Ein
Gustl: Interpretation. Brief und die Tradition der
Sprachskepsis.
DANKE FÜR IHRE
AUFMERKSAMKEIT!