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Morphologie der

deutschen Sprache 1
Wintersemester 2017/2018
Prof. Dr. Emilija Bojkovska
Abteilung für deutsche Sprache und Literatur
Philologische Fakultät „Blaže Koneski“ ‒ Skopje

1
Literaturverzeichnis

Duden (1963): Drosdowski, Günther u. a. (Hrgs.): Das


Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Die Etymologie
der deutschen Sprache. Mannhein usw.: Dudenverlag (= Der
Duden in 10 Bänden; 7).
Duden-www: http://www.duden/rechtschreibung (9.11.2014).
Engel, Ulrich (1996): Deutsche Grammatik. 3., korrig. Aufl.
Heidelberg: Gross.
Engel, Ulrich (2009): Syntax der deutschen Gegenwartssprache.
4. völlig neu bearb. Aufl. Berlin: Schmidt (= Grundlagen
der Germanistik; 22).

2
Literaturverzeichnis

Fleischer, Wolfgang / Barz, Irmhild (1995): Wortbildung der


deutschen Gegenwartssprache. 2. durchges u. erg.
Aufl. Tübingen: Niemeyer.
Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim (2001): Deutsche
Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin
usw.: Langenscheidt.

3
0. Morphologie
Die Morphologie (griech. morphḗ ,Gestalt‘ +
lógos ,Lehre‘) umfasst:
- die Morphemstruktur der Wörter (Bedeutung/
Funktion und Distribution/Verteilung der
Morpheme),
- die Einteilung der Wörter in Wortklassen,
- Gestaltveränderung der Wörter (Bildung von
Wortformen) und
- die grammatischen Kategorien (Kasus, Numerus
usw., nach denen die Gestalt-veränderung der
Wörter erfolgt).
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0. Morphologie
Nach manchen Autoren umfasst die Morphologie
auch die Bildung von Wörtern (die Wortbildung).
Diese Auffassung wird hier nicht vertreten. Die
Wortbildung wird als eigenes Teilgebiet der
Sprachwissenschaft (Linguistik) angesehen.
Diese Vorlesungen beruhen hauptsächlich auf
Helbig/Buscha (2001) und Engel (1996).
Zum Morphem-Begriff wird auf Fleischer/Barz (1995)
hingewiesen.

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I. Das Morphem
I.1. Definition
Teilen Sie folgende Wörter in kleinste Einheiten/
Teile, die eine eigene Bedeutung tragen:
Lehrer Tische
Buch Kinder
Mutter gehen
Schreibtisch gefragt
(ein) kleinerer (Wagen) Autos
bereisen verfilmen
Steitigkeiten Haus
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I. Das Morphem
Folgende Wörter sind in kleinste Einheiten/Teile
geteilt, die eine eigene Bedeutung tragen:
Lehr-er Tisch-e
Buch Kind-er
Mutter geh-en
Schreib-tisch ge-frag-t
(ein) klein-er-er (Wagen) Auto-s
be-reis-en ver-film-en
Streit-ig-keit-en Haus

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I. Das Morphem
Morpheme sind die kleinsten
Bedeutungsträger.

Morpheme sind die kleinsten


bedeutungstragenden Einheiten.

Herkunft: griech.: morphḗ ,Gestalt‘

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I. Das Morphem
I.2. Einteilung
Die Morpheme lassen sich nach folgenden
Kriterien einteilen:

I.2.1. Funktion/Bedeutung – semantisches


Kriterium (Lehr-er, Lehr-e)
I.2.2. Selbstständigkeit (Stein, geh-st)
I.2.3. Stellung (Bind-ung, ge-komm-en)
I.2.4. Produktivität (Nacht-musik, Nacht-i-gall)
9
I. Das Morphem
I.2.1. Nach der Funktion/Bedeutung unter-scheidet man
folgende Morphemarten:
- lexikalische Morpheme (Grundmorpheme-
Basismorpheme) benennen Außersprachliches (sie
bennenen Ausschnitte aus der Wirklichkeit),
- grammatische Morpheme:
- Wortbildungsmorpheme (Derivateme) dienen zur
Bildung neuer Wörter und
- Flexionsmorpheme (flexivische
Morpheme/Flexeme) dienen zur Bildung neuer
Wortformen und drücken grammatische Kategorien
aus.
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I. Das Morphem
Die lexikalischen Morpheme bilden eine offene
Menge: schreib-en, Stern, Fahr-t, schön,
schnell.
Die Wortbildungsmorpheme stellen, streng
genommen, ebenfalls eine offene Menge dar, die
sich aber nur sehr langsam verändert: be-
schreib-en, Schön-heit.
Die Flexionsmorpheme: bilden eine
geschlossene Menge: be-schreib-t, an-ge-
nomm-en. (Die Infinitivendung wird als
Flexionsmorphem angesehen.)
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I. Das Morphem
Bestimmen Sie die Morphemart nach dem
semantischen Kriterium:

Lehr-er Tisch-e
Buch Kind-er
Mutter geh-en
Schreib-tisch ge-frag-t
(ein) klein-er-er (Wagen) Auto-s
be-reis-en ver-film-en
Streit-ig-keit-en Haus
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I. Das Morphem
Lexik. Morphem Wortb.-Morphem Flex. Morphem
Lehr-er Lehr- -er
Buch buch
Mutter Mutter
Schreib-tisch schreib-, tisch
klein-er-er klein -er, -er
be-reis-en reis- be- -en
Streit-ig-keit-en Streit- -ig, -keit -en
Tisch-e Tisch -e
Kinder Kind -er
geh-en geh- -en
ge-frag-t frag- ge- … -t
Auto-s Auto -s
ver-film-en film- ver- -en
13
Haus Haus
I. Das Morphem
Ein Wort ist das, was übrig bleibt, nachdem man
die Flexeme entfernt hat.
Die Flexeme können vollständig aufgezählt
werden.
Bei einer sprachlichen Einheit werden die
Flexeme identifiziert und entfernt. Der Rest ist
ein Wort.

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I. Das Morphem
Das, was übrig bleibt, d.h. ein Wort ist/sind z. B.:
- ein lexik.Morphem: Buch (in: Buches)
- ein lexik. und ein Wortbild.-Morphem: Unglück (in:
Unglücks)
- zwei lexik. Morpheme: Schreibtisch (in:
Schreibtische)
Diese Definition des Wortes entspricht dem Begriff
des Wortstammes.
Nach dieser Definition sind die Wörter nicht immer
selbstständig (z. B. geh- in: gehen).
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I. Das Morphem
I.2.2. Nach der Selbstständigkeit unterscheidet
man folgende Morphemarten:
- freie Morpheme, die allein, “frei” auftreten
können, d. h. sie können allein ein Wort bilden:
Tisch; Tuch; Tisch + Tuch = Tischtuch
- gebundene Morpheme, die ein Wort nicht
allein repräsentieren können; sie treten zu
einem bestehenden Wort und modifizieren es
semantisch/grammatisch: Tisch-ler; Tisch-e

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I. Das Morphem
I.2.3. Hinsichtlich der Stellung unterscheidet man folgende
Arten der Flexeme und der Wortbildungsmorpheme:
- Präfixe treten vor das Wort / das lexikalische Morphem
(be-frag-en);
- Suffixe treten hinter das Wort / das lexikalische Morphem
(Fahr-er, Fahrer-s);
- Zirkumfixe umschließen das Wort / das lexikalische
Morphem (Ge-red-e; ge-lach-t);
- Infixe treten ins lexikalische Morphem (s. u.);
- Postfixe stehen hinter dem Flexionsmorphem (im
Deutschen gibt es keine Postfixe: vgl. петмина,
петтемина).

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I. Das Morphem
Im Latein gib es Verben mit einem nasalen Infix
im Präsens:
lat. ru-m-pō (1. P. Sing. Ind. Präs.) ,zerbrechen‘
rūp-ī (1. P. Sing. Perf. Aktiv)
rup-tum (Partizip Perfekt Passiv)
lat. vi-n-cō (1. P. Sing. Ind. Präs.) ,siegen‘
vīc-ī (1. P. Sing. Perf. Aktiv)
vic-tum (Partizip Perfekt Passiv)

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I. Das Morphem
Im Deutschen gibt es ein Verb mit einem n-Infix, das
ursprünghlich nur im Präsens und im Infinitiv stand: ahd (750–
1050)
sta-n-dan (Inf.),
stuat, aber auch: stuont (Prät.),
gi-stantan (Part. Prät.).
Das nasale Infix drang auch in das Prät. und in das Part. Prät.
ein. Heute fehlt es gerade im Inf./Präs: stehen, stand,
gestanden.
Im Englischen steht das Infix nur im Präs./Inf.
engl. sta-n-d, stood, stood.

19
I. Das Morphem

(Nach Fleischer/Barz (1995: 33) sind bestimmte


Verwendungsweisen von Präfixen als Infigierung
(Infixe) anzusehen:
entscheidungsfreudig, entschiedungs-un-freudig
hinlaufen, das Hin-ge-laufe.)
Kommentar: Diese Erklärung entspricht nicht dem
Wesen des Infixes, das ins lexikalische Morphem tritt.
Die Morpheme un- und ge- treten zwischen lexikalische
Morpheme.
Der Oberbegriff für alle oben genannten Morphemarten
lautet Affixe.

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I. Das Morphem
Von den Affixen sind die Affixoide zu
unterscheiden.
Affixoide sind Wortbiildungsmorpheme, die aus
einem noch vorhandenen lexikalischen
Morphem stammen:
Präfixoide: blitz-: blitzschnell; haupt-:
Hauptstraße
Suffixoide: -mann: Kaufmann, Fachmann;
-wesen: Zeitungswesen, Gesundheitswesen

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I. Das Morphem
Die Flexeme stehen mit Ausnahme von ge- am
rechten Wortrand. Sie sind Suffixe. Meistens
werden sie Endungen genannt:
- beim Subst., Adj. und Pronomen:-(e)s,-(e)n, -e,
-er, -em, -ens, -st, Umlaut;
- beim Verb: -e, -(e)st, -(e)t, -(e)n, -end, -te, ge-,
Ablaut, Umlaut;
(Fleischer/Barz 1995: 34)
- Nullmorphem, e/i-Wechsel, Umlaut und Ablaut
sind hinzuzufügen, obwohl sie keine Morpheme
sind.
22
I. Das Morphem
Im Deutschen gibt es 63 Flexeme, die durch 13
Lautzeichen repräsentiert sind:
- Nullmorphem Ø, -a, -e, -em, -(e)n, -ien,
-(e)ns, -(e)nd, -er, -(e)s, -(e)st, -(e)t, -s,
ge-, Ablaut, Umlaut
(Czichocki/Mrazovic 1983: 23)
Der e/i-Wechsel ist hinzuzufügen.

23
I. Das Morphem
I.2.4. Hinsichtlich der Produktivität unterscheidet
man:
- produktive
- unproduktive Morpheme: unikale Morpheme.

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I. Das Morphem
I.3. Besondere Morphemarten
I.3.1. Das Nullmorphem ist der Ausdruck morphologischer
Inhalte ohne Laute und Buchstaben. Kennzeichnung in
der Gramm.: ø
- bei den Flexemen: z. B.:
Schüler (Sg.) : Schüler-ø (Pl.);
mach-t-e (schw. Prät.) : mach-ø-e (Präs.)
- bei den Wortbildungsmorphemen: z. B.:
Nullableitung: Überführung einer Wortart in eine andere
ohne äußere Veränderungen (Großschreibung wird nicht
berücksichtigt):
essen: (das) Essen-ø
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I. Das Morphem
I.3.2 Unikale Morpheme:
- sie sind eingefrorene/erstarrte Morpheme,
- sie sind nicht produktiv (sie kommen nur in
einem Wort vor),
- ihre Bedeutung ist nur sprachhistorisch
erschließbar.

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I. Das Morphem
Beispiele für unikale Morpheme (vgl. Duden
1963):

- gam in: Bräutigam = Bräut-i-gam


ahd. (750-1050) brūtigomo ,Bräutigam‘, ahd.
gomo ,Mann‘ (lat. homo ,Mensch, Mann‘)

- (i)gall in: Nachtigall = Nacht-i-gall, ahd.


nahtgala ,Nachtigall‘, galan ,singen‘,

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I. Das Morphem

- lind- in: Lindwurm = Lind-wurm, ahd. lint


,Schlange, Drache‘; als dieses Wort
unverständlich wurde, verdeutlichte man es
durch das Lexem für ,Wurm‘, mhd. (1050-
1350) lintwurm
- him- in: Himbeere = Him-beere, ahd. hintperi
,Himbeere‘, and. hinta ,Hirschkuh‘;
eigentlich: ,Hirsch(kuh)beere‘; entweder
Himbeergewächs, in dem sich die Hirschkuh
mit ihren Jungen gern versteckt, oder Beeren,
die die Hirschkuh gern frisst.
28
I. Das Morphem
I.3.3. Konfixe:
- sie sind gebundene Morpheme,
- sie sind lexikalische Morpheme,
- sie sind produktiv,
- sie entstammen in der Regel einer Fremdsprache,
aber es gibt auch einheimische Konfixe:
- Biolandbau, Cybertechnik, Omnibus, Stiefvater
(das Morphem bio, das aus bilogisch stammt, wird
heute auch als Adjektiv verwendet: Sind Bioprodukte
wirklich bio?)
29
I. Das Morphem
I.3.4. Allomorphe(me) sind Varianten eines
Morphems; sie entstehen durch:
- Ablaut: fahr-e, fuhr-ø
- Umlaut: fahr-e, fähr-st;
- e/i-Wechsel: les-e, lies-t;
Berg, Ge-birg-e

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I. Das Morphem

Ablaut ist der regelmäßige Vokalwechsel in


etymologisch zusammenhängenden Wörtern
(geben : Gabe) und in Wortformen (sprech-
sprach-, -sproch-).

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I. Das Morphem
Umlaut:
/a/ > /ɛ/ fall-e : fäll-st
/ɑ:/ > /ɛ:/ Tal : Täl-er
/ɔ / > /oe/ konn-t-e : könn-t-e
/o:/ > /Ø:/ Sohn : Söhn-e
/u/ > /ʏ/ muss : müss-e
/u:/ > /y:/ fuhr : führ-e

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I. Das Morphem
I.3.3. Das Interfix/Fugenelement steht an der
Verbindungstelle zwischen den Morphemen in
Komposita und Ableitungen. Es ist ein Grenzfall der
Morpheme. Manche Interfixe sind alte
Kasus-/Numerusendungen:
-e-, -(e)n-, -(e)s, -ens, -er-, -i-, -o.
Frau-en-arzt, Arbeit-s-anzug, Staat-s-kasse, Lieg-e-
stuhl, theor-et-isch, afrik-an-isch, heid-n-isch, illus-or-
isch, Nacht-i-gall, Elektr-o-schock:
Aber das Vorhandensein bzw. das Fehlen des
Interfixes kann selten auch einen Bedeutungs-
unterschied bewirken: Landmann, Landsmann.
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I. Das Morphem
Übersicht über die Einteilung der Morpheme
Freie Morpheme sind die lexikalischen Morpheme
mit Ausnahme der Verben (der lexikalischen
Verbmorpheme).
Gebundene Morpheme sind a) die Flexeme, b)
die Wortbildungsmorpheme, c) die unikalen
Morpheme, d) die lexikalischen Verbmorpheme,
е) die Konfixe, f) die Nullmopheme und g) die
Fugenelemente (als Grenzfall der Morpheme).

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I. Das Morphem
Wortbildungsmorpheme sind Präfixe, Suffixe, Infixe
und Zirkumfixe.
Die Flexeme sind meistens Suffixe und heißen
Endungen (sprich-st, telefonier-t, bekomm-en).
Eine positionsbedingte Ausnahme sind die
Zirkumfixe ge-…-en und ge-…-t im Partizip Perfekt
(ge-komm-en, ge-mach-t).
(ge- und ge-...-e sind Wortbildungsmorpheme: ge-
hör-en, Ge-stein, Ge-red-e).

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I. Das Morphem
I.4. Homonyme Morpheme:
Es gibt Morpheme mit unterschiedlicher Bedeutung, die formal
zusammenfallen:
a) -er als Flexem: (Diese) Bild-er (sind) schön- er (als
meine.), (ein) neu-er (Tisch)
b) -er als als lexikalisches Morphem: Er spielt.
c) -er als Wortbildungsmorphem: Fahr-er, Bohr- er

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II. Flexion
Die Kombination aus Wort (Tisch) und Flexem (-e)
heißt Wortform (Tische).
Die Bildung von Wortformen heißt Flexion/
Beugung/Wortformenbildung (aus lat. flexio,
-onis ,Biegung‘; lat. flecto ,biegen, beugen‘).
Flexion ist der Ausdruck grammatischer Bedeutungen
durch Affixe, Wokalwechsel usw. an der Wortform
selbst. Bei der Flexion entstehen synthetische Formen.
Die Flexion ist Ausdruck des synthetischen
Sprachbaus.

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II. Flexion
Synthese < spätlat. synthesis < gr. sýnthesis, zu:
syntithénai ,zusammensetzen, -stellen, -fügen‘,
aus: sýn ,zusammen‘ + tithénai ,setzen, stellen,
legen‘.

Z. B.: sprach-st (2. P. Sing. Prät. Ind. Akt.):


synthetische Ausdrucksweise

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II. Flexion
Grammatische Kategorien können auch lexikalisch, d. h. durch
Umschreibungen (Periphrasen) ausgedrückt werden. Dazu
diesenen Hilfsverben, Präpositionen usw.
hast gesprochen (2. P. Sing. Perf. Ind. Akt.):
analytische (periphrastische) Ausdrucksweise
Analyse < mittellat. analysis < gr. análysis ,Auflösung,
Zergliederung‘, zu: analýein , auflösen‘; Periphrase < lat.
periphrasis < gr. períphrasis, zu: perí ,um, herum‘ und phrásis =
,das Sprechen, Ausdruck‘.

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II. Flexion
Die Kombinatorik der sprachlichen Elemente umfasst zwei Relationen:
das Syntagma / die syntagmatische Relation u.
das Paradigma / die paradigmatische Relation.
Wir + sprech-en + über + die + Reise.
sprach-en
Die Horizontale zeigt das Miteinander, Nebeneinander, das zugleich
Geltende. Die Vertikale zeigt das Füreinander, Statteinander, das
alternativ Geltende (Engel 2009: 18 ff.)

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II. Flexion
Innerhalb der Flexion bezieht sich das Syntagma auf das
Miteinander zwischen Wort und Flexem (=Wortform), das
Paradigma bezieht sich auf die Darstellung aller Wortformen
eines Wortes (=Flexionsparadigma).
Das Syntagma und das Paradigma bestehen auch auf anderen
Ebenen der Sprache, z. B. auf der Wortebene:
Wir + sprechen + über + die + Reise.
Fahrt
Liebe

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II. Flexion

Bei der Flexion wird ein Wort nach


grammatischen Kategorien verändert.
Es gibt Wörter, die sich nicht flektieren lassen.
Das sind die nicht flektierbaren Wörter/
Wortklassen (z. B. Präpositionen: für, mit usw.).

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II. Flexion

Je nach den grammatischen Kategorien werden


drei Flexionsarten unterschieden:
- Konjugation,
- Deklination und
- Komparation.

43
II. Flexion
Konjugation ist die Veränderung der Verben
nach den grammatischen Kategorien:
- Person (gebe, gibst),
- Numerus (gibst, gebt),
- Tempus (gebe, gab),
- Modus (er gibt, er gebe) und
- Genus verbi (Er baut ein Haus. Ein Haus wird
gebaut.)

44
II. Flexion
Nur die Verben werden konjugiert (geh-e).
Der Ausdruck einiger verbaler Kategorien geht
über die Flexion (die synthetischen Formen)
hinaus, da die Ebene der Wortform überschritten
wird. Diese Kategorien werden analytisch/
periphrastisch ausgedrückt. Das sind mehrteilige
Konstruktionen aus Verbformen: z. B.:
Perfekt Aktiv: (ich) bin gegangen
Passiv: (Der Brief) ist geschrieben.

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II. Flexion
Deklination ist:
a) die Flexion der Substantive (Nomina) nach den
grammatischen Kategorien:
- Kasus (Tisch, Tisches) und
- Numerus (Tisch, Tische),
b) die Flexion der Adjektive nach den grammatischen
Kategorien:
- Genus (ein neuer Tisch, eine neue Tasche),
- Kasus (neue Tische, neuer Tische) und
- Numerus (ein neuer Tisch, neue Tische)
46
II. Flexion

c) die Flexion der Determinative (Artikelwörter)


nach den grammatischen Kategorien:
- Genus (ein Zimmer, eine Lampe),
- Kasus (ein Zimmer, eines Zimmers) und
- Numerus (das Haus, die Häuser) sowie

47
II. Flexion
d) die Flexion der Pronomina nach den
grammatischen Kategorien:
- Kasus (wer, wen) und
- Numerus (ich, wir).
Das Personalpronomen wird auch nach der Person
flektiert (1. P.: ich, wir; 2. P.: du, ihr: 3. P.: er, sie,
es, sie).
Einige Pronomina werden nach Genus flektiert (z.
B. das Personalpronomen der 3. P.Sg.: er, sie, es).

48
II. Flexion
Komparation ist die Bildung von Positiv,
Komparativ und Superlativ. Sie verändert die
Bedeutung der Adjektive nach Intensität.
Kompariert werden einige Adjektive:
- (schnell) schnell-er, der schnell-st-e
am schnell-st-en
und teilweise Adverbien:
- oft, häufig-er, am häufig-st-en

49
II. Flexion

Das letzte Beispiel (oft, häufig-er, am häufig-st-


en) illustriert die suppletive Flexion (Bildung von
Wortformen desselben Wortes aus
verschiedenen Wortwurzeln/Wortstämmen).

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Einteilung der Wörter

Kriterien für die Einteilung der Wörter:


- semantisches
- flexematisches
- distributionelles/syntaktisches

51
Einteilung der Wörter
Nach der Bedeutung werden zwei große
Untermengen der Wörter unterschieden:
Autosemantika (Sing. Autosemantikum/
Autosemantikon) und Synsemantika/ Funktionswörter
(Sing. Synsemantikum/ Synsemantikon).
Die Autosemantika haben eine eigene vom Kontext
unabhängige und selbstständige lexikalische
Bedeutung: Verben, Substantive, Adjektive,
Adverbien.

52
Einteilung der Wörter

Die Synsemantika haben verfügen nicht über eine


ausgeprägte lexikalische Bedeutung und dienen zur
Verknüpfung der Autosemantika im Satz. Sie haben eine
grammatische Bedeutung: Artikelwörter, Präpositionen,
Konjunktionen, Subjunktionen, Pronomina
Du und ich können viel leisten.
Ich kaufe entweder eine Bluse oder eine Jacke.
Das Blatt liegt unter dem Buch.

53
Einteilung der Wörter
Diese Einteilung weist Nachteile auf: a) die
Bedeutung jedes Wortes wird im Kontext
spezifiziert, b) auch die sog. Synsemantika haben
eine eigene Bedeutung, z. B.
und hat eine kopulative Bedeutung,
entweder ... oder hat eine exludierende Bedeutung
unter hat in Adverbialbestimmungen eine
räumliche Bedeutung.

54
Einteilung der Wörter
Das semantische Kriterium richtet sich nach der
lexikalischen Bedeutung der Wörter und es ist
wegen der semantischen Überschneidungen
zwischen den Wortklassen ungeeignet (z. B.
Adjektive und Substantive benennen
Eigenschaften: schön und Schönheit).
Das flexematische Kriterium teilt die Wörter nach
der Flexemart ein. Es kann bei den nicht
flektierbaren Wörtern nicht angewendet werden.

55
Einteilung der Wörter
Das distributionelle (syntaktische) Kriterium
beruht auf der Verteilung der Wörter in größeren
sprachlichen Konstruktionen. Es richtet sich
nach der Umgebung der Wörter.
Helbig/Buscha (2001: 19 ff.) teilen die Wörter
nach der Distribution ein. Für die Wörter jeder
Wortklasse erstellen sie einen
Substitutionsrahmen. Das ist eine Lücke im
Satz, in welche Wörter nur einer Wortklasse
hineinpassen.
56
Wortklassen (Helbig/Buscha)

Der ... arbeitet fleißig. (Substantiv)


Der Schüler ... fleißig. (Verb)
Er sieht einen ... Arbeiter. (Adjektiv)
Der Lehrer arbeitet ... . (Adverb)
(Helbig/Buscha 2001: 19).

57
Wortklassen (Helbig/Buscha)
Der Nachteil ist, dass manchmal mehr als eine
Wortklasse in einen Substitutionsrahmen ein-
gesetzt werden können: eine Flasche Wein (das
Wort Flasche steht zwischen Artikelwort/ Deter-
minatv und Substantiv und ist kein Adjektiv).

Im Folgenden werden die Wörter grundsätzlich


nach Helbig/Buscha (2001) eingeteilt.

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Wortklassen (Helbig/Buscha)
Substantivwörter: Haus, wir, ...
Verb: stehen, lesen, ...
Adjektiv: schön, neu, ...
Artikelwort/Determinativ: der, dieser (Tisch)
Fügewörter
- Präpositionen: an, in, ...
- Konjunktionen: und, aber, ...
- Subjunktionen: weil, als, ...

59
Wortklassen (Helbig/Buscha)

Partikeln: Sogar/Nur (er hat das gesehen), ...


Modalwörter: vielleicht, ...
Satzäquivalente: ja, nein, doch, bitte, danke und
Interjektionen: ach, pst, ... .

60
Das Verb
Die Verben passen in den folgenden
Substitutionsrahmen (Helbig/Buscha 2001: 19).
Der Schüler ... fleißig. (Verb)
Das sind Wörter, die sich konjugieren lassen,
d. h., dass sie sich mit den Konjugations-
morphemen verbinden lassen: -e, -(e)st, -(e)t, -
(e)n, -end, -te, ge-, Ablaut, Umlaut
(Fleischer/Barz 1995: 34).
Nullmorphem + e/i-Wechsel sind hinzuzufügen

61
Das Verb
Beim Verb werden folgende grammatische
Kategorien unterschieden:
- die Person (3 Personen: 1., 2., 3.),
1. P.= sprechende P; 2. P. = angesprochene P.;
3. P. = besprochene P.
- der Numerus (2 Numeri: Singular, Plural),
- das Tempus (6 Tempora: Präsens, Präteritum,
Perfekt, Plusquamperfekt, Futur 1, Futur 2),

62
Das Verb
- der Modus (3 Modi: Indikativ, Konjunktiv,
Imperativ) und
- das Genus des Verbs (3 Genera: Aktiv,
Vorgangspassiv, Zustandspassiv).

Die Verbformen und die Verben können nach


verschiedenen Kriterien eingeteilt werden.

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Einteilung der Verben: Kriterien
Die Verben lassen sich nach
1. dem morphologischen Kriterium (der Flexion),
2. dem morphosyntaktischen Kriterium (Bildung
von mehrteiligen Tempora und von Genera)
3. dem syntaktischen Kriterium (Kombinatorik),
4. dem semantischen Kriterium (Bedeutung)
5. der Wortbidlung / der morphematischen
Struktur (Anzahl und Art der Morpheme)
klassifizieren.
64
Morphologische Einteilung
der Verben
1.1. Nach der Konjugiertheit und der weiteren
Konjugirbarkeit unterscheidet man
- finite Verbformen (finite Verben) und
- infinite Verbformen (infinite Verben).
Die finiten Verbformen sind konjugiert und weiter
konjugierbar :
- Präsens Indikativ Aktiv,
- Präteritum Indikativ Aktiv,
- Präsens Konjunktiv Aktiv,
- Präteritum Konjunktiv Aktiv und
- Imperativ.
65
Morphologische Einteilung
der Verben
Jede der finiten Verbformen wird zusätzlich nach
Person und Numerus flektiert.
Finite Verbformen legen den Wirklichkeitsgehalt
eines Sachverhalts fest (Engel 1996: 412 ff.):
- Präsens Indikativ Aktiv (geh-e, geh-st, … 6)
- Präteritum Indikativ Aktiv (ging, ging-st, …6)
- Präsens Konjunktiv Aktiv (geh-e geh-est, …6)
- Präteritum Konjunktiv Aktiv (ging-e, ging-est, 6)
- Imperativ (geh-e, geh-t, 2)
66
Morphologische Einteilung
der Verben
Kurzbe- Vollständige Allgemeine Beispiel
zeichnung Bezeichnung Bedeutung

Präsens Präsens Indikativ Es bezeichnet ein Er studiert


Aktiv Geschehen als wirklich. Germanistik.
Präteritum Präteritum wie oben Er studierte
Indikativ Aktiv Germanistik.
Konjunktiv I Präsens Es macht das Geschen Er erklärte, er sei
Konjunktiv Aktiv von einer Bedingung Deutschlehrer.
abhängig und lässt die
Wirklichkeit offen.
Konjunktiv II Präteritum wie oben Sie sagten, sie
Konjunktiv Aktiv läsen viel.
Imperativ Imperativ Es weist das
Geschehen als (noch) Lies das Buch.
nicht wirklich, aber „zu
verwirklichen“ aus. 67
Morphologische Einteilung
der Verben
Wenn man die homonymen Flexeme (die Flexeme mit
demselben Lautbild und derselben Schreibweise, jedoch
mit unterschiedlicher Bedeutung) als eigene Flexeme
betrachtet, gibt es im Deutschen 26 finite Verbformen.
Die infiniten Verbformen sind konjugierte, jedoch nicht
weiter konjugierbare Verformen:
- s Partizip I (sing-en-d),
- s Partizip II (ge-sung-en, ge-mach-t) und
- r Infinitiv (sing-en, lächel-n).
Helbig/Buscha (2001: 96) unterscheiden sechs Infinitive
(s. Punkt Inf.).
68
Morphologische Einteilung
der Verben
1.2. Nach der Art der Bildung des Präteritums
und des Partizips II unterscheidet man drei
wichtige Subklassen, die bei Helbig/Buscha (2001)
und Engel (1996) mit verschiedenen Termini
benannt werden:

Helbig/Buscha (2001) Engel (1996)


Unregelmäßige Verben Starke Verben
Regelmäßige Verben Schwache Verben
Mischtypen von regelmäßiger Unregelmäßige Verben
und unregelmäßiger Konjugation

224
Morphologische Einteilung
der Verben
Zwischen Helig/Buscha (2001) und Engel (1996)
bestehen auch Unterschiede in der Klassifizierung
bestimmter Verben.
z. B.: Die Verben brennen, denken sind bei Engel
(1996: 401 ff.) unregelmäßige Verben, bei
Helbig/Buscha (1996: 28 f.) gehören sie zu
besonderen Subklassen der regelmäßigen Verben.

224
Morphologische Einteilung
der Verben
Im Folgenden werden Engels Termini starke,
schwache und unregelmäßge Verben verwendet,
weil sie die historische Entwicklung widerspiegeln.
Folgende Verbsubklassen werden unterschieden:
a) starke Verben: sprechen, singen, …
b) schwache Verben: machen, arbeiten, …
c) unregelmäßige Verben: brennen, senden,
denken, …

224
Morphologische Einteilung
der Verben
a) Die starken Verben bilden Präteritum und
Partizip II in erster Linie durch eine Änderung des
Stammvokals, die Ablaut heißt:
brech-en, brach, ge-broch-en
bind-en, band, ge-bund-en
fahr-en, fuhr, ge-fahr-en
Ablaut ist ein regelmäßiger Vokalwechsel in
etymologisch zusammenhängenden Wörtern und
in Worformen.

72
Morphologische Einteilung
der Verben
Die starken Verben illustrieren die Verwendung
des Ablauts in der Flexion.
(Die Beispiele geben, Gabe illustrieren die
Verwendung des Ablauts in der Wortbildung.)
Bei einigen Verben tritt ein Vokalwechsel in der
1. u. 2. P. Sing. Präs. Ind.
Umlaut: trag-e, träg-st, träg-t
e/i-Wechsel: geb-e, gib-st, gib-t

73
Morphologische Einteilung
der Verben
Um die starken Verben zu beherrschen, muss man
vier Formen lernen, die Stammformen heißen:
- den Infinitiv, der auch den Stammvokal für die 1.
P. Sing. und den Plural im Präsens Ind. enthält:
tragen, genauso: (ich) trage, (wir) tragen, (ihr) tragt,
(sie) tragen),
- die 3. P. Sing. Präs. Ind., die auch den Vokal für
die 2. P. Sing. Präs. Ind. enthält: (er) trägt, genauso
(du) trägst; (er) gibt, genauso (du) gibst.

74
Morphologische Einteilung
der Verben
- die 3. P. Sing. Prät. Ind., die auch den Stammvokal
für das gesamte Prät. enthät: (er) trug, genauso:
(ich) trug, du trugst, (wir) trugen, (ihr) trugt, (sie)
trugen),
- das Partizip II: getragen
Die Verwendung von ge- hängt nicht davon ab, ob
das Verb stark oder schwach ist (s. Pkt. Partizip II).
z. B.: tragen, trägt, trug, getragen
betragen, beträgt, betrug, betragen

75
Morphologische Einteilung
der Verben
Die Stammformen zeigen auch den Konso-
nantenwechsel bei einigen Verben:
schneiden, schneidet, schnitt, geschnitten,
stehen, steht, stand, gestanden usw.

76
Morphologische Einteilung
der Verben

Alle anderen Verformen lassen sich aus diesen


vier Stammformen der Verben ableiten (z. B. 1.
P. Sing. Prät. Konj. (ich) trüge.
Aufgabe: Lernen Sie die starken Verben
(Helbig/Buscha 2001: 36 ff.; Engel 1996: 394 ff.).

77
Morphologische Einteilung
der Verben
b) Bei den schwachen Verben findet kein
Vokalwechsel (Ablaut, Umlaut, e/i-Wechsel) und
kein Konsonantenwechsel statt. Alle Verbformen
lassen sich vom Infinitiv ableiten.
Bildung des Prät.: Temporalendung –t
Bildung des Part. II: Temporales Zirkumfix:
ge- ... -t oder Temporalendung: -t
machen, mach-t-e, ge-mach-t
telefonieren, telefonier-t-e, telefonier-t

78
Morphologische Einteilung
der Verben
Die Verwendung von ge- im Part. II hängt nicht
davon ab, ob das Verb stark oder schwach ist (s.
Pkt. Partizip II)
Man muss nur den Infinitiv lernen.

79
Morphologische Einteilung
der Verben
Starke Verben Schwache Verben
Präteritum Ablaut; keine Dentale
(von sprechen und Temporalendung Temporalendung -t; kein
machen ) sprach Ablaut
mach-t-e
Partizip II Ablaut und nasale Dentale Endung -t; kein
(von sprechen und Endung -(e)n Ablaut
machen ) ge-sproch-en ge-mach-t
2., 3. P. Sing. Präsens Teilweise Umlaut und Kein Umlaut und kein
Indikativ e/i-Wechsel e/i-Wechsel
(von fahren, sprechen fähr-st,fahr-t mach-st, mach-t
und machen ) sprich-st, sprich-t
(ohne Umlaut: kommen)
Personalendungen s. Punkt zum Präteritum s. Punkt zum Präteritum
80
und Partizip II und Partizip II
Morphologische Einteilung
der Verben
Aus der Infinitivform selbst kann man grundsätzlich nicht
erschließen, ob das Verb stark oder schwach ist. Es gibt
jedoch folgende Hinweise (Helbig/Buscha 2011: 31 f.):
Die Verben, die vor der Infinitivendung -ier, -el, -er, -ig,
-lich haben, sind schwach (marschieren, lächeln,
beteuern, kündigen, verniedlichen)
Die meisten Verben mit Umlaut im Inf. sind schwach:
lösen, hüten, münden, tränken.
Stark sind jedoch: erlöschen, gebären, lügen, schwören,
(be)trügen, verlöschen (st.u.schw.), erwägen.

81
Morphologische Einteilung
der Verben
c) Uregelmäßigen Verben
c1. Temporales Zirkumfix ge- ... -t oder tem-porale Endung -t
und Vokalwechsel (Umlaut im Inf.-Präs., jedoch umlautloses
Prät. und Part. II)
brennen, brennt, brannte, gebrannt
kennen, kennt, kannte, gekannt
nennen, nennt, nannte, genannt
rennen, rennt, rannte, gerannt
denken, denkt, dachte, gedacht (mit Konsonantenwechsel)

82
Morphologische Einteilung
der Verben
senden, sendet, sandte, gesandt
wenden, wendet, wandte, gewandt
(Diese zwei Verben werden auch schwach konjugiert:
senden, sendet, sendete, gesendet
wenden, wendet, wendete, gewendet
Wichtig: Diese Verben enthalten keinen Ablaut. Das e im
Infinitiv und im Präsens ist durch Umlaut aus a enstanden.
Das Präteritum und das Partizip 2 gibt es keinen Umlaut.

83
Morphologische Einteilung
der Verben
c2. t-Endung, Ablaut und Konsonantenwechsel
bringen, bringt, brachte, gebracht
c3. Prät. schwach, Part. II stark
mahlen, mahlt, mahlte, gemahlen
(nicht zu verwechseln mit dem schw. V. malen)
c4. Prät. schwach, Part. II stark oder schwach
salzen, salzt, salzte, gesalzt/gesalzen
spalten, spaltet, spaltete, gespaltet/gespalten

84
Morphologische Einteilung
der Verben
c5. Prät. schwach oder stark, Part. II stark
backen, bäckt/backt, backte/buk, gebacken
c6. Prät. schwach oder stark, Part. II schwach oder
stark
gären, gärt, gärte/gor, gegärt/gegoren
melken, melkt/milkt, melkte/molk, gemelkt/gemolken
saugen, saugt, saugte/sog, gesaugt/gesogen
schleißen, schleißt, schleißte/schliss,
geschleißt/geschlissen

85
Morphologische Einteilung
der Verben
sieden, siedet, siedete/sott, gesiedet/gesotten
weben, webt, webte/wob, gewebt/gewoben
usw.

Die konkurrierenden starken und schwachen


Verbformen sind bei einigen Verben mit
Bedeutungsunterschied verbunden. Z. B.
Das Essen ist gesalzt / gesalzen.
Der Witz ist gesalzen. (Helbig/Buscha 2001: 41)
86
Morphologische Einteilung
der Verben
c7. haben, sein (suppletive Formen), werden
c8. dürfen, können, mögen, müssen, wissen
Diese Verben haben verschiedene Stämme im
Singular und im Plural Präsens (ursprünglich waren
diese Formen ein starkes Präteritum)
können, (er) kann, (er) konnte, gekonnt
wissen, (er) weiß, (er) wusste, gewusst
Ursprünglich gehörte auch das Verb sollen dazu.

87
Morphologische Einteilung
der Verben
c9. wollen
Dieses Verb hat spezifische Präsensformen:
wollen, (er) will, (er) wollte, gewollt

Aufgabe: Lernen Sie die Konjugationsformen


und die Bedeutung der unregelmäßigen Verben
(Helbig/Buscha 2001; 41 ff.; duden-www).

88
Morphologische Einteilung
der Verben
Neben den starken, den schwachen und den
unregelmäßigen Verben wird auf folgende
besondere Verbsubklassen hingewiesen.
a) Folgende Verben haben eine starke und eine
schwache Konjugation mit Bedeutungs-unterschied;
es handelt sich um Homonyme.
schw. V.: bewegen (,in Bewegung setzen‘)
Er bewegte den Arm.
st. V.: bewegen, bewegt, bewog, bewogen
(,veranlassen‘): Er bewog ihn zu dieser Reise.
89
Morphologische Einteilung
der Verben
Zu dieser Gruppe gehören:
schaffen, scheren, schleifen, weichen, wiegen
b) Folgende Verben haben eine starke und eine schwache
Konjugation mit Bedeutungs-unterschied; es handelt sich
um Homonyme. Das schwache Verb drückt einen Zustand
aus, das starke bezeichnet das Versetzen in den Zustand.

90
Morphologische Einteilung
der Verben
bleichen, erschrecken, hängen, quellen,
schmelzen, schwellen, stecken.
Das Kind erschrak vor dem Mann.
Der Mann erschreckte das Kind.
c) Eine eigene Subklasse bilden Verben mit
denselben Bedeutungsunterschied wie die unter
b), aber sie haben unterschiedliche
Infinitivformen:

91
Morphologische Einteilung
der Verben
ertränken, ertrinken; fällen, fallen; legen, liegen;
setzen, sitzen; versenken, versinken;
schwemmen, schwimmen; sprengen,
zerspringen.
Sie legte das Buch auf den Tisch.
Das Buch lag auf dem Tisch.

92
Morphologische Einteilung
der Verben
Aufgabe: Lernen Sie die Konjugation und die
Bedeutungserklärungen der besonderen
Verbsubklassen bei Helbig/Buscha 2001: 42 ff.

93
Morphosyntaktische Einteilung
der Verben
2.1. Einteilung nach der Perfektbildung
a) mit haben (Sie hat Fleisch gegessen.)
b) mit sein (Sie ist nach Paris geflogen.)
c) alternativ mit haben/sein mit Bedeutungs-unterschied
Sie hat das Auto gefahren.
Sie ist mit dem Auto gefahren.
(Helbig/Buscha 2001: 50 ff.; 122 ff.)
Morphosyntaktische Einteilung
der Verben
2.2. Einteilung nach der Passivfähigkeit
a) passivfähige Verben (bauen, schreiben
usw.)
Ein Haus wird gebaut.

b) nicht passivfähige Verben (gehen, können


usw.)

95
Syntaktische Einteilung
der Verben
3.1. Einteilung nach der Reflexivität (nach der
Kombinierbarkeit mit einem Reflexivpronomen):
a) nicht reflexive Verben kommen nicht mit
einem Rexlexivpronomen vor (arbeiten).
b) reflexive Verben
b)1.echte refl. Verben (sich verhalten, sich
beeilen, sich befinden usw.)
Sie verhält sich frech.
Sie kommen immer mit einem Reflexivpronomen
vor.

96
Syntaktische Einteilung
der Verben
b)2 refl. Konstruktionen (sich kämmen, sich
verletzen, sich waschen usw.)
Sie kämmt das Kind.
Sie kämmt sich.
Die Verben dieser Subklasse können mit einem
Reflexivpronomen vorkommen.

97
Syntaktische Einteilung
der Verben
Im Deutschen gibt es ein Preflexivpronomen nur für die
3. P.
ich wasche mich wir waschen uns
du wäschst dich ihr wascht euch
er wäscht sich sie waschen sich
In der 1. P. und in der 2. P. steht das jeweilige
Personalpronomen, das die Funktion des
Reflexivpronomens übernimmt.
Das Reflexivpronomen und das reflexiv verwendete
Personalpronomen bezeichnen dieselbe Größe wie das
Subjekt.
98
Syntaktische Einteilung
der Verben
Hierhin gehören auch die reziprok verwendeten
Verben, die ein wechselseitiges Verhältnis
ausdrücken:
Anna liebt Johann. Johann liebt Anna.
→ a) Anna und Johann lieben sich.
→ b) Anna und Johan lieben einander.
→ c) Anna und Johann lieben sich gegenseitig.
Das Beispiel a) ist doppeldeutig. Möglich ist die
Leseweise: ,Anna liebt sich und Johann liebt sich‘.

99
Syntaktische Einteilung
der Verben
3.2. Einteilung nach der Fähigkeit, einen Satz zu
konstituieren, wenn das Verb in einer finiten Form
erscheint.
1. Hauptverben (Vollverben): das sind Verben, die,
wenn sie in einer finiten Form erscheinen, allein
einen Satz konstituieren können.
gehen, sprechen, teilen usw.
Der Fußgänger läuft unaufmerksam über die
Straße.
Kein anderes Verb ist im Satz notwendig.
228
Syntaktische Einteilung
der Verben
2. Hilfsverben: haben, sein, werden. Sie kommen mit dem Infinitiv oder dem Partizip II
eines anderen Verbs und dienen zur Tempusbildung und zur Passivbildung.
- haben, sein (Perfekt)
Sie hat die einen Brief geschrieben.
Er ist unaufmerksam über die Straße gelaufen.
- werden (Futur)
Sie wird den Brief schreiben.
- werden, sein (Passiv)
Der Brief wird/ist geschrieben.

226
Syntaktische Einteilung
der Verben
3. Modalverben: dürfen, können, mögen, müssen,
sollen, wollen. Sie kommen mit dem Infinitiv eines
anderen Verbs vor.
Sie muss die Aufgabe lösen.
Wiist du ins Ausland gehen?

Im Beispiel:
Alle Kollegen mögen ihn.
ist mögen ein Hauptverb (Vollverb).

102
Syntaktische Einteilung
der Verben
4. Funktionsverben: sie kommen mit einem
Substantiv vor, das der Sinnträger ist; das Verb
bezeichnet die grammat. Kategorien (Tempus,
Genus usw.) und hat eine semant. Funktion
allgemeiner Art: es bezeichnet
a) einen Zustand (Angst haben),
b) eine Zustandsveränderung (Angst bekommen)
und
c) das Bewirken eines Zustandes (in Angst
versetzen).

103
Syntaktische Einteilung
der Verben
Diese Konstruktionen heißen Funktionsverbgefüge.
Vielen Funktionsverbgefügen stehen einfache Verben
oder Verbkomplexe gegenüber mit aktivischer oder
passivischer Bedeutung:
eine Antwort geben = antworten
eine Frage stellen = fragen
Überlegungen anstellen = überlegen
einen Einfluss auf (Akk.) ausüben = beeinflussen
eine Anregung bekommen = angeregt werden
(Helbig/Buscha 2001: 68 ff.)
227
Syntaktische Einteilung
der Verben
Es gibt gleichlautende Verben, die zu verschiedenen
Verbgruppen gehören:
sein: a) Vollverb: Sie ist Lehrerin.; b) Hilfsverb: Sie ist
Lehrerin geworden.; c) Funktionsverb: im/in Bau sein
(=gebaut werden): Die Straße ist noch im/in Bau
haben: a) Vollverb: Sie hat ein Haus.; b) Hilfsverb: Sie hat
ein Haus gekauft.; c) Funktionsverb: eine Ahnung haben
(=ahnen): Sie hat keine Ahnung von den Gerüchten.

229
Syntaktische Einteilung
der Verben
wollen: a) Modalverb: Sie will nach Hause
gehen.; b) Vollverb: Sie will ein Stück Kuchen.

106
Syntaktische Einteilung
der Verben
3.3. Einteilung nach der Transitivität
(Helbig/Buscha 2001: 50 ff.). Es gibt
- transitive Verben,
- Mittelverben und
- intransitive Verben
Transitive Verben sind passivfähig und sind mit
einem Akkusativobjekt kombiniert oder kombinierbar.
Sie bäckt einen Kuchen. Sie bäckt jeden Tag.
Ein Kuchen wird/ist gebacken.

107
Syntaktische Einteilung
der Verben
Mittelverben sind mit einem Akkusativobjekt
kombiniert oder kombinierbar und sind nicht
passivfähig.
Er bekommt jeden Tag Briefe.
*Jeden Tag werden Briefe bekommen.
Intransitive Verben sind nicht mit einem
Akkusativobjekt kombinierbar.
Sie ist ein guter Deutschlehrer.
Engel (1996) verwendet die Termini trans.Verb, intr.
Verb und Mittelverb nicht.
108
Syntaktische Einteilung
der Verben
3.4. Einteilung nach der Rektion (Helbig/Buscha
2001: 52):
Rektion ist die Fähigkeit der Verben, ein von ihnen
abhängiges Substantiv oder Pronomen in einem
bestimmten Kasus zu fordern. Dazu gehören
- der Nominativ (als Prädikativ, nicht als Subjekt)
Meine Freundin heißt Petra (wie).
- der Genitiv
Er schämt sich seiner Schwächen (wessen).

109
Syntaktische Einteilung
der Verben
- der Dativ
Meine Freundin hilft mir. (wem)
- der Akkusativ
Sie trinkt jeden Tag ein Glas Wein (was).
- Präpositionalkasus als Präpositonalobjekt
Sie spricht über viele Probleme. (über + Akk.;
worüber)
Er kämft für Gerechtigkeit. (für + Akk.; wofür)

110
Syntaktische Einteilung
der Verben
Zur Rektion gehören nicht die präpositionalen
Konstruktionen, die einen adverbialen Charakter
haben.
Die Schüler gehen in den Wald. (wohin)
Die Kinder spielen auf dem Bürgersteig. (wo)
Nach der Rektion unterscheiden Helbig/Buscha
(2001: 52 ff.):
- Verben mit dem Nominativ (als Prädikativ)
bleiben, sein, werden usw.

111
Syntaktische Einteilung
der Verben
- Verben mit dem Akkusativ:
essen, lieben, schlagen, trinken usw.
- Verben mit dem Dativ:
folgen, gehören, helfen, schaden, begegnen usw.
- Verben mit dem Genitiv:
bedürfen, gedenken, sich schämen usw.
- Verben mit Präpositionalkasus:
an + Dat.: arbeiten, sterben, teilnehmen usw.

112
Syntaktische Einteilung
der Verben
an + Akk.: denken, glauben, sich wenden usw.
auf + Dat.: beruhen, bestehen usw.
auf + Akk.: achten, hoffen, warten, sich berufen, sich
verlassen usw.
aus + Dat.: bestehen, folgen usw.
usw.
- Verben mit dem Akkusativ und einem Präpositionalkasus:
durch + Akk.: Er teilt die Menge durch vier.
usw.

113
Syntaktische Einteilung
der Verben
- Verben mit mehreren Präpositionalkasus:
mit + Dat., um + Akk./über + Akk
Er streitet mit seinem Bruder um das Erbe.
usw.
Helbig/Buscha (2001: 52 ff.) unterscheiden 14
Verbsubklassen nach der Rektion.
Aufgabe: Lernen Sie die Rektion der Verben.
Engel verwendet den Terminus Rektion mit einer
anderen Bedeutung. Das ist ein Untersuchungs-
gegenstand der Germanisten im 3. Studienjahr.
114
Syntaktische Einteilung
der Verben

Die Rektion beschreibt nicht alle Kombinatons-


möglichkeiten des Verbs (z. B. das Subjekt, die
Adverbialbestimmungen usw.).
Eine umfassende Beschreibung der
Kombinatorik des Verbs im Satz bietet der
Begriff Valenz.

115
Syntaktische Einteilung
der Verben
3.5. Einteilung nach der Valenz; das ist die Fähigkeit
eines Verbs, Leerstellen um sich herum zu eröffnen,
die besetzt werden müssen oder können: Die
Elemente, welche die Leerstellen besetzen, heißen
Aktanten (Helbig/Buscha 2001: 57).
Nach Engel (1996: 23 f.) ist Valenz die spezifische
Umgebung der Verben; sie besteht aus den
Satzgliedern, die für ein Verb charakteristisch sind.
Die Valenz umfasst auch alle obligatorischen
Satzglieder.

230
Syntaktische Einteilung
der Verben
Aktanten sind: das Subjekt (Sie liest ein Buch.), das
Akkusativobjekt (Er schreibt einen Brief,), das
Dativobjekt (Er gibt ihr ein Geschenk.), das
Genitivobjekt (Sie bedarf meiner Hilfe. ,Sie braucht
meine Hilfe.‘), die Richtungbestimmung (Wir fahren
ans Meer.) usw.
Neben den Aktanten gibt es im Satz sog. freie
Angaben, die nicht für bestimmte Verben spezifisch
sind und jederzeit weggelassen werden können: z.
B. die Lokal- und die Temporalbestimmung (Sie hat
heute im Garten ein Buch gelesen.).
231
Syntaktische Einteilung
der Verben
Nach der Valenz gibt es z. B. Verben:
- mit Subj.: schlafen, blühen, husten, ...
- mit Akk.-Obj.: es gibt,
- mit Subj., Dat.-Obj. und Akk.-Obj.: geben, schenken,
zeigen, ...
- mit Subj., Akk.-Obj. und Präp.-Obj.: drängen zu,
verbinden mit, ...
- ohne Valenz: es regnet, es schneit, es hagelt, ...
und viele andere Subklassen.
(Helbig/Buscha 2001: 57 f.; 521 ff.)
232
Syntaktische Einteilung
der Verben
Im Folgenden werden einige valenzbedingte Verbklassen
illustriert.
a) Verben mit Subjekt (wer/was):
Das Kind schläft.
Ebenso: welken, arbeiten, brennen, bluten, husten, verreisen u.a.
b) Subj. (wer/was); Prädikativ (was)
Mein Freund ist ein berühmter Arzt.
Ebenso: werden, bleiben, heißen, gelten als, sich fühlen als.

119
Syntaktische Einteilung
der Verben
c) Subj. (wer/was); Akk.-Obj. (wen/was)
Die Kollegin lehnte die Einladung ab.
Ebenso: anziehen, anrufen, aufräumen, brauchen,
haben, beschädigen, besetzen u.a.
d) Subj. (wer/was); Akk.-Obj. (wen/was);
Dat.-Obj. (wem)
Die Mutter erlaubte ihren Kindern einen Spaziergang.
Ebenso: geben, mitteilen, leihen, zeigen, schenken,
sagen, wünschen, verbieten, verkaufen, verschreiben
u.a.

120
Syntaktische Einteilung
der Verben
e) Subj. (wer/was); Dat.-Obj.(wem)
Die Frau ist gestern einem alten Freund begegnet.
Ebenso: folgen, gefallen, gelingen, passen, stehen (von
Kleidungsstücken)
f) Subj. (wer/was); Akk.-Obj. (wen/was); Gen.-Obj.
(wessen)
Der Staatsanwalt klagte den Mann des Mordes an.
Ebenso: beschuldigen, versichern u.a.
g) Akk.-Obj. (wen/was)
Heute gibt es kein gutes Essen.
121
Syntaktische Einteilung
der Verben
h) Subj. (wer/was); Präp.-Obj. (Präp. +
Pron./Präp.-Adv.: worüber, worauf);
Die Lehrerin achtet auf die Schüler. (auf+Akk.)
Ebenso: anfangen mit, abhängen von,
aufpassen auf+Akk., sich erinnern an+Akk.,
folgen aus, folgen auf+Akk., sprechen
von/über+Akk., teilnehmen an+Dat., hoffen
auf+Akk., sprechen für; sich wenden an+Akk.
u.a.

122
Syntaktische Einteilung
der Verben
i) Subj. (wer/was); Richt.-Best. (woher, wohin)
Die Schüler eilten nach Hause / in die Schule.
Meine Mutter kommt aus einer kleinen Stadt.
Ebenso: gehen, hängen, fahren, fliegen, fallen,
einsteigen, aussteigen, steigen, kommen, klettern, reisen,
springen, schwimmen u.a.
Wenn die Präp. Dat. u. Akk. zulässt, dann steht in der
Richt.-Best. der Akk. (auf, an, in, über, unter, neben,
zwischen, vor, hinter u.a.); viele Präp. lassen nur einen
Kasus zu (nach, bei, zu u.a.).

u123
Semantische Einteilung
der Verben
4. Das semantische Kriterium umfasst die
Bedeutungsstruktur und die Aktionsart.
4.1. Bedeutungsstruktur (Geschehensart):
a) Tätigkeitsverben: die Subjektgröße führt eine
Handlung aus (arbeiten, singen, spielen,
springen, gehen, ...) und
b) Vorgangsverben: ein Prozess verändert die
Subjektgröße (erkranken, erwachen,
einschlafen, sterben, wachsen, ...).

124
Semantische Einteilung
der Verben
c) Zustandsverben: sie drücken einen Zustand
aus; die Subjektgröße verändert sich nicht (sich
befinden, liegen, sein)
4.2. Aktionsarten: Verlaufsweise und Abstufung
des Geschehens:
- zeitlicher Verlauf (Phasen): Anfang, Dauer,
Übergang, Ende,
- inhaltlicher Verlauf: Veranlassung,
Intensität, Wiederholung, Verkleinerung.

125
Semantische Einteilung
der Verben
a) durative (imperfekive) Verben bezeichnen den
reinen Verlauf des Geschehens ohne
Information über Anfang oder Ende (arbeiten,
blühen, schlafen)
- Zu den durativen Verben sind weiter zu
rechnen:
- iterative Verben: sie bezeichnen die
Wiederholung eines Geschehens (klopfen,
streicheln)

126
Semantische Einteilung
der Verben
- intensive Verben: sie bezeichnen die
Verstärkung der Intensität des Geschehens
(brüllen, saufen, ...),
- diminutive Verben: sie bezeichnen die
Abschwächung der Intensität des Geschehens
(lächeln, tänzeln, ...).

127
Semantische Einteilung
der Verben
b) Perfektive Verben grenzen das Geschehen
zeitlich ein oder drücken den Übergang von
einem (Geschehen) zu einem anderen
Geschehen aus:
- ingressive Verben: sie bezeichnen den Anfang
des Geschehens (aufblühen, erblicken,
einschlafen, ...),
- egressive Verben: sie bezeichnen die Endphase
/ den Abschluss des Geschehens (verblühen,
platzen, ...).
128
Semantische Einteilung
der Verben
- mutative Verben: sie bezeichnen den
Übergang zu einem anderen Zustand (reifen,
sich erkälten, ...),
- kausative (faktitive) Verben: sie bezeichnen
das Versetzen in einen neuen Zustand (öffnen,
senken, legen, ...).

129
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Es gibt:
- einfache Verben und
- komplexe Verben, die aus anderen Wörtern
gebildet sind (Engel 1996: 438 ff.).
Einfache Verben sind: gehen, fahren, schreiben,
nehmen, geben, machen usw. Sie sind „primär“,
d. h., dass sie nicht aus anderen Wörtern
enstanden sind.

130
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Für den Verben der zweiten Subklasse gibt es
jeweils eine Basis (ein lexikalisches Morphem),
die sich mit anderen Elementen verbindet. Diese
Erscheinung heißt Wortbildung. Man
unterscheidet:
- Stammbildungen,
- Ableitungen (Derivate) und
- Zusammensetzungen (Komposita).

131
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Bei der Stammbildung treten die Konjugationsendungen
direkt an die Basis. Als Basis dienen Substantive und
Adjektive. Teilweise tritt Umlaut auf. Z. B.:
Rost > rosten: Das Austo fängt an zu rosten
faul > faulen (nur in der 3.P.): ,verderben‘: Das Obst fault.
Ehre > ehren: Er wurde mit einem Preis geehrt.
Kalb > kalben: Kühe kalben in der Regel einmal im Jahr.

132
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Bei der Ableitung (Derivation) verbinden sich
Präfixe und Siffixe mit der Basis. Es gibt ein
lexikalisches Mophem und ein oder mehrere
Wortbildungsmorpheme (Derivateme).
Es gibt feste und abtrennbare Präfixe. Die festen
Präfixe sind unbetont, die abtrennbaren sind
betont.
Bildungen mit festem Präfix: bekommen,
deformieren, durchfahren, überbrücken,
umgeben, widersprechen usw.
133
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Bildungen mit abtrennbarem Präfix: abnehmen,
abreisen, aussteigen, losfahren, umfahren,
vorschsreiben, zumachen, usw.
Es gibt Verben mit mehr als einem Präfix:
abbekommen, anerkennen, beabsichtigen,
hervorrufen usw.
Suffixbildungen: lächeln, tänzeln, frisieren,
probieren, garnieren usw.
Sie kommen im Deutschen bei den Verben seltener
als die Präfixbildungen vor.
134
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Eine besondere Art ber Ableitung sind die
schwachen Verben, die in vorliterarischer Zeit
aus starken Verben abgeleitet wurden. Das
schwache Verb ist umgelautet.
fallen > fällen, saugen > säugen, liegen > legen,
sitzen > setzen, trinken > tränken usw.
Der Umlaut wird nicht immer in der Schrift
wiedergegeben.

135
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Zusammensetzungen bestehen aus einer Basis, die
immer an zweiter Stelle steht und sich mit einem
anderen Wort verbindet:
kopfrechnen, (nur im Inf. u. Part.): ,rechnen ohne
aufzuschreiben‘,
schwarzmalen ,pessimistsich darstellen‘,
bloßstellen ,blamieren‘
usw.

136
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Die Grenze zwischen einem Kompositum und
einer Verbindung aus einem Adjektiv/Adverb und
einem Verb ist fließend.
z. B. fortfahren bedeutet: ,wegfahren‘ und
,weitermachen‘. Obwohl es zusammen-
geschrieben wird, ist das Verb in der ersten
Bedeutung, streng genommen, als Verbindung
aus Adverb + Verb zu interpretieren. Das gilt auch
für wegfahren.

137
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Der Rechtschreibereform zufolge sind Änderungen
in der Zusammenschreibung und in der
Getrenntschreibung eingetreten.
Früher wurde z. B. gesundpflegen ,jemanden so
pflegen, dass er wieder gesund ist‘ zusammen-
geschrieben. Die von duden-www empfohlene
Schreibung ist nun gesund pflegen. Eine
alternative Schreibung ist gesundpflegen.

138
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Zusammen- und Getrenntschreibung hängen bei
manchen Verben (z. B. bei denen mit weiter-
und wieder-) von der Bedeutung ab (vgl. duden-
www).
Zusammenschreibung, wenn weiter ,weiter als‘
bedeutet: Sie kann weiter gehen als ich.
Getrenntschreibung, wenn weiter ,das
Fortsetzen einer Handlung‘ bedeutet: Sie
können weitermachen/weiterspielen.

139
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Zusammenschreibung, wenn wieder ,zurück‘
bedeutet: Kann ich mein Heft wiederhaben? Ich
kann es dir erst morgen wiedergeben.
Getrenntschreibung, wenn wieder ,nochmals,
erneut‘ bedeutet: Ich werde das nie wieder tun.
Sie will mit dem Spiel wieder anfangen?
Zusammenschreibung auch bei: wiederholen,
wiederherstellen usw.

140
Einteilung der Verben
nach der Wortbildung
Vgl.
wiederholen ,nochmals ausführen‘
sie hat ihre Forderungen wiederholt
wiederholen ,zurückholen‘
er hat seine Bücher wiedergeholt;
(duden-www):
wieder holen ,nochmals holen‘
Er hat seine Bücher wieder geholt.

141
Weitere Themen

Reihenfolge der weiteren Themen in den


Vorlesungen:
- die infiniten Verbformen
- alle Tempora im Ind. Aktiv;
- alle Tempora im Konj. Aktiv;
- Imperativ;
- alle Tempora im Passiv (Ind. und Konj.)

142
Die infiniten Verbformen
Nach dem morphologischen Kriterium der Konju-giertheit
und der weiteren Konjugirbarkeit gibt es:
- finite Verbformen (finite Verben) und
- infinite Verbformen (infinite Verben).
Die finiten Verbformen sind konjugiert und weiter
konjugierbar:
- Präsens Indikativ Aktiv,
- Präteritum Indikativ Aktiv,
- Präsens Konjunktiv Aktiv,
- Präteritum Konjunktiv Aktiv und
- Imperativ.
143
Übersicht über die
Verbformen
Die finiten Verbformen umfassen folgende gramm.
Kategorien:
Präs.Ind.Akt.: (er) spricht
Prät.Ind.Akt.: (er) sprach
Präs.Konj.Akt.: (er) spreche
Prät.Konj.Akt.: (er) spräche
Imperativ: sprich, sprecht
Die finiten Verbformen lassen sich in jeder der fünf
Positionen zusätzlich nach Person und Numerus
flektiren. Der Imperativ besitzt nur die 2. Person.
218
Die infiniten Verbformen
Die infiniten Verbformen sind konjugierte, aber
nicht weiter konjugierbare Verbformen:
a) der Infinitiv
b) das Part. I (Part. Präsens, Pl. Partizipien
Präs.)
c) das Part. II (Part. Perf., Pl. Partizipien Perf.)
Bei bestimmten Verwendungen können diese
Verbformen dekliniert werden.

219
Die infiniten Verbformen
Das Part. I wird durch das Anhängen von -d an die
Infitinivform gebildet (singend, fragend, stehend).
Ausnahmen sind die Verben: sein – seiend, tun – tuend.
Manchen Partizipien I sind nicht üblich: *bekommend,
*widerfahrend.
Folgende Verwendungsweisen werden betrachtet:
- Attribut zum Substantiv,
- Prädikativ,
- Satzglied.

146
Die infiniten Verbformen
Ein attributiv verwendetes Part. I steht zwischen
Determinativ (Artikelwort) und Substantiv.
In dieser Verwendung wird das Part. I wie ein
Adjektiv flektiert:
das tanzende Mädchen
des tanzenden Mädchens
dem tanzenden Mädchen
das tanzende Mädchen

147
Die infiniten Verbformen
Bei der prädikativen Verwendung handelt es
sich um eine Kombination zwischen dem
Partizip I und einem Kopulaverb, vor allem sein,
seltener werden und bleiben
Die Arbeit ist / wird / bleibt anstrengend.
Das Getränk ist / *wird / (*)bleibt erfrischend.
(Helbig/Buscha 2001: 107)

220
Die infiniten Verbformen
Viele Partizipien I können jedoch nicht prädikativ
verwendet werden:
*Das Mädchen ist tanzend.
Prädikativ können vor allem die Part. I verwendet
werden, die ihre Beziehung zum Verb verloren
haben und als Adjektive neue Bedeutungen
angenommen haben:
Sie war reizend. Vgl. auch: anstrengend, spannend
usw.

149
Die infiniten Verformen
Einige Part. I können sich auf das Vollverb im
Satz beziehen, d. h. als Satzglied verwendet
werden:
Er ging, ein Lied vor sich hin singend, den Berg
hinauf.
Das Part. I kann (abgesehen vom Subjekt) eigene
Begleiter haben; es hat kein realisiertes Subjekt,
jedoch ein implizites Subj.
Das implizite Subjekt erscheint als realisiertes
Subjekt oder Objekt zum Vollverb im Satz.
221
Die infiniten Verformen
So entstehen Partizipialphrasen (z. B.: ein Lied
vor sich hin singend):
Er ging, ein Lied vor sich hin singend, den Berg
hinauf. (er ging, er sang)
Man fand ihn auf dem Rasen sitzend. (man fand
ihn, er saß)

151
Die infiniten Verformen

Das Part. I hat eine „aktivische“ Bedeutung, es


beziechnet, dass ein Sachverhalt zu einer
beliebigen Zeit vollzogen wird. Es kann durch
einen aktivischen Relativsatz umschrieben
werden (Engel 1996: 430 f.):
das tanzende Mädchen
→ das Mädchen, das tanzt(e)

152
Die infiniten Verformen
Das Part. II wird durch folgende Zirkumfixe gebildet:
- bei den starken Verben: ge- ... -en
- bei den schwachen Verben: ge- ... -t
- bei den schwachen Verben mit Auslaut auf -d/-t: ge- ... -et
Bei den starken Verben tritt Ablaut ein.
gesungen, gemacht, gearbeitet.
Regeln zur Verwendung des Prafixes ge-:

153
Die infiniten Verformen
Partizip II mit ge- Partizip II ohne ge-
Verben mit Betonung auf der Verben, die nicht auf der ersten
ersten Silbe, nämlich: Silbe betont werden, nämlich:
Der Großteil der Die Verben mit Die Verben mit Die Verben
einfachen Verben betontem, unbetontem, nicht fremder Herkunft
trennbarem Präfix trennbarem Präfix auf -ieren
gegangen eingegangen begangen amüsiert
gedrückt ausgedrückt bedrückt kasseirt
gelacht ausgelacht verlacht einkassiert
gefahren abgefahren befahren lackiert
geschlafen eingeschlafen verschlafen telefoniert
getrunken austrinken betrunken abtelefoniert
gewischt abgewischt verwischt sortiert
154
(vgl. Engel 1996: 432 f.)
Die infiniten Verformen
Einige Verben mit den Präfixen durch-, hinter,
über-, um-, unter- kommen sowohl trennbar als
auch untrennbar mit Bedeutungsunterschied vor:
durchbrechen : durchgebrochen
Sie hat das Brett durchgebrochen.
durchbrechen : durchbrochen
Das Flugzeug hat die Schallmauer
durchbrochen.

155
Die infiniten Verformen
Hierhin gehören die Verben z. B.:
umstellen : umgestellt; umstellen : umstellt
überziehen : übergezogen; überziehen :
überzogen
umpflanzen : umgepflanzt; umpflanzen : umpflanzt
überspringen : übergesprungen; überspringen :
übersprungen
usw.

156
Die infiniten Verformen
Zusammengesetzte Verben mit Substantiv, Adjektiv
oder Adverb als Erstteil (Part. II laut Duden-www):
- der Erstteil ist betont und trennbar
krankschreiben : krankgeschrieben
teilnehmen : teilgenommen
zurückblicken : zurückgeblickt
- der Erstteil ist betont, aber untrennbar
frühstücken : gefrühstück (abgeleitet aus Frühstück)
handhaben : gehandhabt

157
Die infiniten Verformen
staubsaugen : gestaubsaugt (auch: Staub saugen)
notlanden: notgelandet
- der Erstteil ist unbetont und untrennbar
liebkosen : geliebkost/liebkost
Die Verben mit zwei Präfixen (betontem +
unbetontem) bekommen kein ge-:
an-ver-traut, ab-be-kommen
(Er hat mir ein Geheimnis anvertraut.)
(Sie hat nichts von der Erbe abbekommen.)

158
Die infiniten Verformen
Aufgabe: Lernen Sie die Verben mit trennbarem
und mit untrennbarem Erstteil (Helbig/Buscha
2001: 198 ff.).

159
Die infiniten Verbformen
Das Part. II erscheint als
a) Teil des Prädikats und
b) als Attribut zum Substantiv
In der Verwendung unter a) steht das Part. II im Aktiv
(Perf., Plusquamperf. u. Futur II) sowie im Passiv (Er ist
nach Wien gefahren.; Der Wagen wurde repariert.).
Wenn es als Attribut erscheint, wird es wie ein Adj. flektiert:
das neulich erlassene Gesetz
des neulich erlassenen Gesetzes

222
Die infiniten Verformen
Das Part. II kann eigene Begleiter haben und
eine Partizipialphrase bilden, z. B.
neulich erlassen
Es kann nur kein Subjekt als Begleiter haben.
Das Part. II drückt aus, dass ein Sachverhalt zu
einer beliebigen Zeit abgeschlossen wurde
(Engel 1996: 434).

161
Die infiniten Verformen
Bildung des Infinitivs
An das Verb (den Verbstamm) wird -(e)n angefügt.
Die Infinitivendung lautet -n bei den Verben
auf -el/-er: lächel-n, fütter-n.
In allen anderen Fällen wird -en abgehängt:
lach-en, geh-en.
Der Infinitiv kann mit oder ohne zu vorkommen:
Infintiv mit zu (zu gehen, einzukaufen)
Infinitiv ohne zu (gehen, einkaufen)
162
Die infiniten Verformen
Infinitiv I Aktiv: lernen, gehen
Infinitiv II Aktiv: gelernt haben, gegangen sein
Infitiv I VP: gelernt werden
Infinitiv I ZP: gelernt sein
Infinitiv II VP: gelernt worden sein
Infinitv II ZP: gelernt gewesen sein
(Helbig/Buscha 2001: 95 ff.)

163
Die infiniten Verformen
Infinitive nach Helbig/Buscha (2001: 95 ff.)
Infinitiv
Infinitiv I Infinitiv II

Aktiv PassivAktiv Passiv


lernen gelernt haben
kommen gekommen sein
VP ZP VP ZP
gelernt gelernt gelernt gelernt
werden sein worden gewesen
sein sein
223
Die infiniten Verformen
Der Inf. erscheint als Teil des Prädikats
1. Hilfsverb + Infinitiv des Vollverbs ohne zu
Futur I: Sie wird den Tisch abräumen. (Inf. 1
Akt.)
Futur II. Sie wird den Tisch abgeräumt haben.
(Inf. 2 Akt.)

165
Die infiniten Verformen
2. Modalverb + Infinitiv des Vollverbs ohne zu
- Sie darf nicht ins Kino gehen. (Inf. 1 Akt.)
- Wir müssen die Hausaufgaben machen. (Inf.
1 Akt.)
- Sie muss die Frage beantworten. (Inf. 1 Akt.)
- Die Frage muss beantwortet werden. (Inf. 1
VP)

166
Die infiniten Verformen
Modalverben sind dürfen, können, mögen,
müssen, sollen, wollen. Sie fordern einen Infinitiv
ohne zu.
Anm. Wenn die genannten Verben ohne Inf.
eines Vollverbs vorkommen, sind sie selbst als
Vollverben anzusehen: Sie kann Deutsch. (kann
ist kein Modalverb, sondern ein Haputverb)

167
Die infiniten Verformen
3. Vollverb + Infinitiv eines Vollverbs (mit oder ohne zu)
- Sie geht Wasser holen.
- Sie bittet ihn, die Arbeit so schnell wie möglich zu erledigen.
- Sie geht ins Ausland, um dort zu studieren.
4. Substantiv + Infinitiv eines Vollverbs (mit zu)
- Er hat die Absicht, die Firma zu verlassen.
(hier: Absicht + Inf. mit zu)

168
Die infiniten Verformen
Der Infinitiv I Aktiv hat keine eigene „strukturelle“
Bedeutung.
Er hat nur seine lexikalische Bedeutung, die aus
dem Verbstamm (Verb) hervorgeht
geh-.
Aus seiner Wortform (auf -en) geht keine eigene
Bedeutung hervor.
Vgl. geh-en
Das Part. I (gehend) und das Part. II (gegangen)
haben hingegen eine eigene Bedeutung.
169
Die infiniten Verformen
Der Inf. I Akt. kann substantiviert werden. Er ist
ein Singulare tantum (d. h. er hat nur die
Singularform) und wird wie ein Substantiv
flektiert:
das Singen
des Singens
dem Singen
das Singen

170
Verbkategorien
Die Verbkategorien werden ausgedrückt:
- entweder durch eine finite Verbform (einteiliges
Prädikat)
Ich habe ein Buch.
Präsens Aktiv (fin. V. : Hauptverb)
Das Mädchen spielte mit einer Puppe. Präteritum
Aktiv (fin. V. : Hauptverb)

171
Verbkategorien
- oder durch eine Kombination aus einer finiten
und mindestens einer infiniten Verbform – mit
Ausnahme des Partizips I – (mehrteiliges
Prädikat):
Ich habe ein Buch gelesen. Perfekt Aktiv (fin.
V.: Hilfsverb + Part. II des Hauptverbs)
Ein Haus wird gebaut. Präsens Vorgangspassiv
(fin. V.: Hilfsverb + Part. II des Hauptverbs)

172
Verbkategorien
Im ersten Semester werden folgende
grammatische Kategorien des Verbs behandelt:
- die 3 Personen: sie geben die
Kommunikationsspartner wieder: 1., 2., 3. P.
- die 2 Numeri: sie bezeichnen die Anzahl der
Elemente: Sing. (Einzahl oder nicht nach der Zahl
unterscheidend) und Plural (Mehrzahl)
- die 6 Tempora: sie drücken die Zeitstufe aus:
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: Präs., Prät.,
Perf. Plusquamperf., Futur I und II

173
Verbkategorien
- die 3 Modi: sie spezifizieren den
Wirklichkeitsgehalt der fin. Verbformen: Indikativ
(„wirklich“), Konjunktiv („bedingt wirklich),
Imperativ („zu verwirklichen):
Sie hat ein Buch gekauft. (Ind.)
Wenn sie Zeit hätte, ginge sie spazieren. Sie
sagte, sie sei spazieren gegangen. (Konj.)
Kaufe ein Buch! (Imp.)

174
Verbkategorien
- die 3 Genera: das ist die Betrachtungs-
perspektive des Sachverhalts: ob er vom Täter
(Aktiv) oder vom Geschehen und vom
Leidenden her (Passiv) gesehen wird:
Er hat den Brief unterschrieben. (Perf. Aktiv)
Der Brief wird (von ihm) unterschrieben.
(Präsens VP)
Der Brief ist unterschrieben. (Präsens ZP)

175
Verbkategorien
Bei der Behandlung der Verbformen in den
Vorlesungen wird von den Tempora ausgegangen.
Folgende Aspekte werden betrachtet:
1. Formenbildung des Tempus;
2. Zeitstufe: Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft:
Er hat ein Buch gekauft.
Er wird ein Buch kaufen.
3. Gebrauch von Temporalbestimmungen der
jeweiligen Zeitstufe:
Er wird (morgen) ein Buch kaufen. und

176
Verbkategorien

4. Modale Bedeutung (Modalfaktor): Beziehung


zwischen dem Sprecher und dem Geschehen:
i.d.R.: Vermutung:
Er wird (gestern) ein Buch gekauft haben.
= Er kaufte (gestern) wohl ein Buch.

177
Das Präsens Ind. Akt.
Das Präsens Ind. Akt.ist eine finite Verbform.
Folgende Endungen werden an den Infinitiv-
Verbstamm angehängt:
1.P.Sg. -e 1.P.Pl. -en
2.P.Sg. -(e)st 2.P.Pl. -(e)t
3.P.Sg. -(e)t 3.P.Pl. -en
1.P.Sg. schreib-e, red-e; 1.P.Pl. schreib-en, red-en
2.P.Sg. schreib-st, red-e-st 2.P.Pl. schreib-t, red-e-t
3.P.Sg. schreib-t, red-e-t 3.P.Pl. schreib-en, red-en

178
Das Präsens Ind. Akt.
Besonderheiten des Verbstamms:
- Umlaut 2. u. 3. P. Sg.
ich fahr-e, du fähr-st, er fähr-t
ich stoß-e, du stöß-t, er stöß-t
- e/i-Wechsel 2. u. 3. P.Sg.
ich nehm-e, du nimm-st, er nimm-t

Zu den weiteren Besonderheiten des


Verbstamms und der Endung, s. Helbig/Buscha
(2001: 26).
179
Das Präsens Ind. Akt.
Das trennbare Hauptverb bildet Verbalklammern, wenn die
finite Verbform im Hauptsatz vorkommt.
- Aussagesatz
Er gibt morgen die Arbeit ab.
- Ergänzungsfrage
Wann gibt er die Arbeit ab?
- Entscheidungsfrage
Gibt er morgen die Arbeit ab?
Dasselbe gilt für den Modus Imperativ:
- Aufforderungssatz:
Gib morgen die Arbeit ab.

180
Das Präsens Ind. Akt.
Keine Verbalklammern bildet das Hauptverb:
- wenn das trennbare Verb im Infinitiv steht:
Er will morgen die Arbeit abgeben.
Ich nehme an, dass er die Arbeit morgen
abgeben will.
- wenn das Präsens Ind. Akt. des trennbaren
Verbs im Nebensatz steht:
Ich nehme an, dass er morgen die Arbeit abgibt.

181
Das Präsens Ind. Akt.
Wenn im Satz eine finitie Verbform und ein Infinitiv
stehen, werden Verbalklammern gebildet, die aus der
finiten Verbform und dem Infinitiv bestehen:
Er will morgen die Arbeit abgeben.
Keine Verbalklammern werden gebildet, wenn die finite
Verbform und der Infinitiv im Nebensatz stehen:
Ich nehme an, dass er die Arbeit morgen abgeben
will.

182
Das Präsens Ind. Akt.
Der Erstteil des Verbs ist trennbar, wenn er
betont ist.
1. Präfixe als Erstteil
betonte und trennbare Präfixe
- präpositionale Präfixe (im freien Gebrauch
handelt es sich um Präpositionen): ab-, an-, auf-,
aus-, bei-, gegen-, mit-, nach-, vor-, zu-;
- adverbiale Präfixe (Präfixe, die auf Adverbien
zurückzuführen sind); da-, dar-, ein-, empor-,
fort-, her-, hin-, nieder-, weg-, wieder-.

183
Das Präsens Ind. Akt.
2. Substantive als Erstteil
2.a.Rad fahren, Angst haben, …
Sie fährt jeden Tag Rad.
2.b. eislaufen, stattfinden, teilnehmen
Sie nimmt an der Konferenz teil.

184
Das Präsens Ind. Akt.
3. Adjektive als Erstteil
krankschreiben, schwerfallen, …
Der Arzt schreibt ihn krank.
Beispiele mit Bedeutungsunterschied:
kleinschreiben (‘mit kleinem Anfangsbuchstaben
schreiben‘)
klein schreiben (‘in kleiner Schrift schreiben ‘)
freisprechen (‘für nicht schuldig erklären‘)
frei sprechen (‘ohne Manuskript sprechen‘)
185
Das Präsens Ind. Akt.
Präfixe, die sowohl betont/trennbar als auch
unbetont/untrennbar vorkommen: durch-, hinter-,
über-, um-, unter- (Helbig/Buscha 2001: 198 ff.).
konkrete Bedeutung (trennbar)
abstrakte Bedeutung (untrennbar)
Er springt auf ein anderes Thema über.
Er überspringt ein wichtiges Thema.
Er setzt die Touristen ans andere Ufer über.
Sie übersetztden Text aus dem Deutschen ins
Mazedonische.

186
Das Präsens Ind. Akt.
Bedeutungen:
1. Aktuelles Präsens
Es drückt gegenwärtige Sachverhalte aus und
hat keinen Modalfaktor. Die Temporal-
bestimmung der Gegenwart ist fakultativ.
Die Gegenwart ist ein nicht genau bestimmter
Zeitraum zwischen vergangener Zeit
(Vergangenheit) und kommender, künftiger Zeit
(Zukunft).

187
Das Präsens Ind. Akt.
Sie kaufen (heute) neue Möbel.
Sie sitzen (jetzt, in diesem Augenblick) im
Garten.
Sie leben (jetzt) in der Schweiz.

188
Das Präsens Ind. Akt.
2. Präsens zur Bezeichnung eines zukünftigen
Geschehens
Es bezeichnet zukünftige Sachverhalte ohne
Modalfaktor. Die Temporalbestimmung der Zukunft ist
fakultativ.
Wir treffen uns auf dem Universitätsgelände.
Wir haben (in zwei Monaten) Ferien / vorlesungsfreie
Zeit.
Bei perf. Verben hat das Präs. automatisch
Zukunftsbezug. Bei dur. Verben kann Doppeldeutigkeit
auftreten.

189
Das Präsens Ind. Akt.
3. Historisches Präsens
• Es drückt vergangene Sachverhalte ohne modale
Bedeutung aus. Die Temporal-bestimmung der
Vergangenheit ist obligatorsch.
Gestern gehe ich nach Hause und treffe einen
alten Freund von mir.
1914 beginnt der erste Weltkrieg.
Ca. 470 v. Chr. wird Platon Schüler von Sokrates.
Dadurch wird Vergangenes lebendig gestaltet und
„vergegenwärtigt“.

190
Das Präsens Ind. Akt.
4. Generelles („atemporales“) Präsens
Redewendungen, wissenschaftliche Tatsachen,
Der Terminus atemporal ist unzutreffend, weil das Präfix
a- die Bedeutung des Adjektivs verneint (apolitisch,
asinnlich, atypisch) und atemporal ‘nicht zeitlich’ bedetet.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
2+2=4
Die Erde dreht sich einmal in 23 Stunden und 56 Minuten
um ihre eigene Achse.
Die Erde bewegt sich um die Sonne.

191
Präteritum Ind. Akt.
Man unterscheidet zwischen starkem und
schwachem Präteritum (einige Grammatiker, z.
B. Helbig/Buscha 2001 nennen das st. Prät.
unregelmäßiges Prät.)
Das st. Prät. kommt meistens zusammen mit
dem st. Part. Perf. bei den starken Verben vor.
Das schw. Prät. charakterisiert meistens
zusammen mit dem schw. Part. Perf. die
schwachen Verben (bei Helbig/Buscha 2001
heißt das schw. Prät regelmäßiges Prät).
Nach der Bildung des Prät. und des Part. Perf.
unterscheidet man starke und schwache Verben.
192
Starkes Präteritum Ind. Akt.
Das Präteritum Ind. Akt. ist eine finite Verbform.
Das starke Prät wird mit Hilfe des Ablauts ohne
Temporalendung gebildet.
Inf./Präs. St. Prät.
bind-en band
geh-en ging
Ablaut = regelmäßiger Vokalwechsel in etymo-logisch
zusammenhängenden Wörtern und in Worformen.
Beispiele für Wortformen (Flexion)
singen sang reiten ritt
sinken sank beißen biss
binden band
Die starken Verben werden in Ablautreihen eingeteilt.
193
Schwaches Präteritum Ind. Akt.
Das schwache Prät. wird ohne Ablaut mit
einer dentalen Temporalendung gebildet.
Inf. Präs. Ind. Schw. Prät. Ind.
1.P.Sg. 1./3.P.Sg.
mach-en mach-e mach-t-e
schau-en schau-e schau-t-e
arbeit-en arbeit-e arbeit-e-t-e

194
Das Präteritum Ind. Akt.
St. Prät.: Verbstamm mit Ablaut + Personalend.
nahm-Ø nahm-en
nahm-st nahm-t
nahm-Ø nahm-en

Schw. Prät.: Verbstamm ohne Ablaut + dent. Temp.-End. +


Personalend.)
frag-t-e frag-t-en
frag-t-e-st frag-t-e-t
frag-t-e frag-t-en

195
Das Präteritum Ind. Akt.
Hauptbedeutung: Das Präteritum bezeichnet
vergangene Sachverhalte. Es hat keine modale
Bedeutung, die Temporalbestimmung der
Vergangenheit ist fakultativ.
Er gab mir (vor drei Tagen) ein Buch.
Er ging ins Ausland, um Mathematik zu
studieren.
Er kaufte (gestern) ein neues Kleid für sie.

196
Das Präteritum Ind. Akt.
Nebenbedeutung: Das Präteritum kann das
Präsens ersetzen und sich auf die Gegenwart
beziehen, wenn der Sprecher sich an einer
vorherigen Situation orientiert.
Wie war Ihr Name?
Wer bekam das Bier?

197
Das Perfekt Ind. Akt.
Das ist ein zusammengesetztes Tempus.
Es besteht aus einer finiten Form des Hilfsverbs
und einer infiniten Form des Vollverbs:
Präsens des Hilfsverbs haben/sein + Partizip
Perfekt (Partizip II) des Hauptverbs (Vollverbs)
Sie hat ein Buch gekauft.
Sie ist nach Hause gegangen.

198
Das Perfekt Ind. Akt.
und das Partizip II
Das Perfekt ist ein Tempus.
Er ist nach Berlin geflogen.

Das Partizip Perfekt/Partizip II (geflogen) ist eine


infinite Verbform. Es ist Bestandteil der
aktivischen Tempora Perfekt, Plusquamperfekt
und Futur II sowie aller Tempora im Passiv.

199
Partizip II: Starke Verben
Das Präs. und das Prät. sind finite Verbformen.
Der Infinitiv und das Part. II sind infinite
Verbformen.

Inf. St. Prät. St. Part. II


bind-en band ge-bund-en
geh-en ging ge-gang-en
Ablaut Ablaut +
nasale Endung -en

200
Partizip II: Starke Verben
Ablaut ist der regelmäßige Vokalwechel in
etymologisch zusammenhängenden Wörtern und in
Worformen. Hier wird der Ablaut in den Wortformen
der starken Verben betrachtet.
Die starken Verben werden in Ablautreihen
eingeteilt.
3. Ablautreihe 1. Ablautreihe
singen sang gesungen reiten ritt geritten
sinken sank gesunken beißen biss gebissen
binden band gebunden greifen, griff, gegriffen

201
Partizip II: Schwache Verben
Inf. Schw. Prät. Schw. Part. II
mach-en mach-t-e ge-mach-t
schau-en schau-t-e ge-schau-t
arbeit-en arbeitet-e-t-e ge-arbeit-e-t
kein Ablaut
dentale Endung (e)t

202
ge- als Flexem im Partizip II
Das verbale Flexem ge- wird im Part. II an die
Verben angehängt, die auf der ersten Silbe
betont werden.
ge- steht bei einfachen Verben am Wortanfang;
bei Verben mit trennbarem Erstteil steht es
zwischen dem Erstteil und dem Verbstamm:
ge-frag-t ab-ge-frag-t
ge-arbeit-et an-ge-komm-en
ge-nomm-en an-ge-nomm-en

203
ge- als Flexem im Partizip II
Das verbale Flexem ge- fehlt im Part. II der
Verben mit einem untrennbaren Erstteil:
bekommen, verstanden
und bei den Verben auf -ieren:
funktioniert, organisiert.

204
Vergangenheit mit haben
1. transitive Verben: Verben, die mit einem
Akkusativobjekt vorkommen (können) und die
passivfähig sind.
Wir haben den ganzen Tag das Buch gelesen.

Das Akk.-Obj. ist ein(e) Substantiv(phrase) oder


ein Pron. im Akk., das (die) durch wen/was
erfragbar ist.

205
Vergangenheit mit haben
Anmerkung: Nicht jede(s) Substantiv(phrase) /
Pronomen im Akk. ist ein Akkusativobjekt:
Wir sind den ganzen Tag spazieren gegangen.
Wir haben den ganzen Tag gelesen.
Die Subst.-Phrase den ganzen Tag ist nicht
durch wen/was erfragbar.
Sie ist durch: wann / wie lange erfragbar.
Sie ist eine Temporalbestimmung.

206
Vergangenheit mit haben
2. Mittelverben: Verben, die mit einem
Akkusativobjekt vorkommen (können) und nicht
passivfähig sind:
behalten, bekommen, erhalten, haben, umfassen u.
a.
Wir haben eine gute Note bekommen.
* Eine gute Note wird von uns bekommen. (VP
Präs.)
*Eine gute Note ist von uns bekommen worden.
(VP Perf.)
207
Vergangenheit mit haben
3. Reflexive Verben sind Verben, die in der 3.P.
mit dem Reflexivpronomen sich (in der 1. und
der 2. P. mit dem entsprechenden
Personalpronomen) vorkommen, das sich auf
das Subjekt bezieht und dieselbe Größe
bezeichnet:
Sie benimmt sich sehr unhöflich. (refl.)
Sie stellen verschiedene Waren her. (trans.)
Sie haben keine Hoffnung mehr. (Mittelverb)

208
Vergangenheit mit haben
Das Reflexivpronomen sich ist grammatisch
doppeldeutig: es kann im Dativ oder im
Akkusativ stehen:
Er hat sich für das Geschenk bedankt. (Akk.)
Ich habe mich für das Geschenk bedankt. (Akk.)
Er hat sich diese Situation eingebildet. (Dat.)
Ich habe mir diese Situation eingebildet. (Dat.)

209
Vergangenheit mit haben
Die reflexiven Verben zerfallen in zwei Gruppen:
a) reflexive Verben im engeren Sinne (echte refl.
Verben); das Reflexivpronomen ist obligatorisch
und nichr ersetzbar.
Wir haben uns beeilt, weil wir dort rechtzeitig
ankommen wollten.
Das Pronomen uns kann nicht durch ein
anderes Pronomen ersetzt werden.
*Wir haben dirch/ihn/sie/… beeilt, …
210
Vergangenheit mit haben

Refl.-Pron. im Akk.: sich bedanken, sich beeilen,


sich befinden, sich betrinken, sich eignen, sich
erkälten u.a.

Refl.-Pron. im Dat: sich aneignen, sich


anmaßen, sich ausbitten, sich einbilden u. a.

211
Vergangenheit mit haben
b) reflexive Konstruktionen: das Refl.-Pron. ist
nicht obligatorisch, sondern durch ein
Akkusativobjekt oder ein Dativobjekt ersetztbar:

Refl.-Pron. im Akk. berichtigen, fragen, kämmen,


verletzen, waschen u.a.

Refl.-Pron. im Dat.: schaden, verzeihen,


widersprechen u. a.
212
Vergangenheit mit haben

(Akk.) Er hat sich gewaschen. (refl.Konstr.)


Ich habe mich gewaschen. (refl. Konst.)
Ich habe dich gewaschen. (trans.Verb)
(Dat.) Er hat sich widersprochen. (refl. Konstr.)
Du hast dir widersprochen. (refl. Konstr.)
Er hat mir widersprochen. (intrans.Verb)

213
Vergangenheit mit haben
4. Modalverben (dürfen, können, mögen,
müssen, sollen, wollen)
Sie kommen mit dem Infinitiv eines Hauptverbs
(Vollverbs) vor. Im Perf. (und im Plusquamperf.)
stehen sie im Ersatzinfinitiv, der das Part. II
ersetzt:
Er hat den gazen Tag arbeiten müssen. (anstatt:
gemusst)
Der Ersatzinf. stimmt formal mit dem Infinitiv (I
Akt.) überein.

214
Vergangenheit mit haben
Sie darf ins Kino gehen. (Präs.)
Sie durfte ins Kino gehen. (Prät.)
Sie hat ins Kino gehen dürfen. (Perf.)

215
Vergangenheit mit haben

Die Verben dürfen, können, mögen, müssen,


sollen, wollen können auch ohne den Inf. Eines
Hauptverbs verwendet werden. In diesem Fall
gehen sie in die Klasse der Hauptverben über
und haben ein “reguläres” Part. II:

Sie mag/will Tee. (Präs.)


Sie wollte Tee. (Prät.)
Sie hat Tee gewollt. (Perf.)

216
Vergangenheit mit haben
Die Verben dürfen, können, mögen, müssen,
sollen, wollen haben ein “reguläres” Part. II auch
in Ellipsen.
Eine Ellipse entsteht, wenn ein obligatorisches
Element ausgelassen wird (weil es aus dem
Kontext erschließbar ist, z. B. ein Verb der
Fortbewegung). Ellipsen können ungrammatische
Konstruktionen sein.
Sie muss in die Schule. (Präs.; ugs.)
Sie musste in die Schule. (Prät.; ugs.)
Sie hat in die Schule gemusst. (Perf.; ugs.)

217
Vergangenheit mit haben
5. Unpersönliche Verben, die nur in der 3. P.
Sing. stehen.
regnen, es, blitzen, es; nieseln, es; donnern, es;
dunkeln, es; schneien, es; hageln, es; geben, es
u. a.
Letzten Winter hat es oft geschneit.
Gestern hat es in Skopje geregnet.
In dieser Stadt gibt es viele Museen.

218
Vergangenheit mit haben
6. Intransitive durative Verben:
Wir haben in der ersten Reihe gesessen.
Die Rose hat den ganzen Sommer geblüht.
Das Kind hat drei Stunden geschlafen.
Sie hat lange vor dem Schaufenster gestanden.
Der Wald hat lange gebrannt.

219
Vergangenheit mit sein
1. Intransitive perfektive Verben:
Die Rose ist gestern aufgeblüht/verblüht.
Das Kind ist vor drei Stunden eingeschlafen.
Das Essen ist angebrannt.
Das Haus ist abgebrannt/niedergebrannt.
Der kranke Mann ist neulich gestorben.

220
Vergangenheit mit sein
2. Intransitive Verben der Fortbewegung oder der
Lageveränderung. Das sind Verben, die mit einer
Richtungsbestimmung kombiniert werden können. Sie
bezeichnet:
a) den Ausgangspunkt: Er ist um 9 Uhr aus dem
Haus gegangen. (woher)
b) die Richtung: Wir sind durch den Wald gewandert.
c) das Ziel der Bewegung: Er ist gestern in den
Urlaub gefahren.; Das Kind ist nach Hause gerannt.
(wohin)

221
Vergangenheit mit sein
Richt.-Best. a) Ausgangspunkt:
Richt.-Best. b) Richtung:
Richt.-Best. c) Ziel
Die Richt,-Best. ist von der Lokalbest. zu
unterscheiden, welche den Ort bezeichnet, an
dem sich etwas abspielt.
Die Kinder spielen im Park.
2010 ging man in Deutschland auf die Straßen
und demonstrierte gegen Stuttgart 21.
222
Vergangenheit mit sein
Richtungs- Lokalbestimmung
bestimmung (Ziel)
Ich gehe/fahre/fliege nach Ich bin/arbeite zu Hause.
Hause.
Wir gehen zu unserer Wir verbringen das
Tante. Wochende bei unserer
Tante.
Er geht auf den Markt. Er kauft auf dem Markt ein.

Sie fliegt nach Skopje/DE/ Sie ist in Skopje/DE/MK.


MK. Sie fliegt in die Sie ist in der 223
Bundesrepublik DE. Bundesrepublik DE.
Vergangenheit mit sein
Bildung der Richtungs- und der
Lokalbestimmung:
1. Die Wahl der Präposition hängt vom Substantiv
in der Adverbialbestimmung ab (nach/zu Hause;
nach/in Skopje usw.)
2. Wenn die Präp. zwei Kasus zulässt, gilt
Folgendes: der Akk. steht in der Richtungsbest.,
die Lokalbest. enthält den Dativ.

224
Vergangenheit mit sein
3. Ausnahmen:
sein, bleiben (sie sind intrans. dur. Verben)
Sie ist den gazen Tag zu Hause geblieben.
Bist du im Konzert gewesen?
Anmerk.: werden ist intrans. perf. und somit
keine Ausnahme
Sie ist Lehrerin geworden.

225
Vergangenheit mit sein
4. zusammengesetzte oder abgeleitete transitive
Verben, deren Stamm die Vergangenheitsform
mit sein bildet:
Sie ist den Vertrag mit dem Arbeitgeber
eingegangen.
Sie ist den Text/die Fragen durchgegangen.
Wir sind die Probleme losgeworden.

226
Vergangenheit mit
haben und/oder sein
1. intr. Verben der Fortbewegung: tanzen, segeln,
rudern, reiten u.a.; es handelt sich um
verschiedene Blickrichtungen auf das
Geschehen:
- das Geschehen wird in seiner Dauer betrachtet:
(Perf.-Bildung mit haben: intr. durative Verben,
wie schlafen)
Sie hat sehr oft getanzt.
Sie haben gestern lange gesegelt.

227
Vergangenheit mit
haben und/oder sein
- das Geschehen wird unter dem Gesichtspunkt
seines Ausgangspunktes/seiner Richtung/seines
Zieles betrachtet (Perf.-Bildung mit sein: intr.
Verben der Fortbew. wie gehen)
Sie ist durch den Saal getanzt.
Sie ist ans andere Ufer/nach der Insel gesegelt.
Es besteht kein Bedeutungsunterschied.

228
Vergangenheit mit
haben und/oder sein
2. liegen, sitzen, stehen: regionale Präferenzen:
- im nördlichen Teil des deutschsprachigen
Gebietes wird die Vergangenheit mit haben
gebildet
- im südlichen Teil des deutschsprachigen
Gebietes wird zur Bildung der Vergangenheits-
formen sein verwendet.
Wir haben/sind lange im Restaurant gesessen.

229
Vergangenheit mit
haben und/oder sein
3. Verben mit Bedeutungsunterschied jedoch ohne
Unterschied in der Konjugation:
- trans. Verben: Vergangenheit mit haben;
- intrans. Verben: Vergangenheit mit sein
Der Fahrer hat ein altes Auto gefahren. (tr.)
Sie ist mit dem Auto in den Urlaub gefahren.(itr.)
Die Sonne hat das Eis geschmolzen. (tr.)
Das Eis ist geschmolzen. (itr.)
Sie hat die Wäsche getrocknet. (tr.)
Die Wäsche ist in der Sonne getrocknet. (itr.)
230
Vergangenheit mit
haben und/oder sein
Aufgabe: Lernen sie Verbsubklassen und die
Verben, welche das Perfekt und das
Plusquamperfekt mit haben, mit sein oder mit
haben /sein bilden (Helbig/Buscha 2001: 122 ff.).

231
Das Perfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
1. Es bezeichnet ein abgeschlossenes vergangenes
Geschehen ohne Modalfaktor. Die Temporalbest.
der Vergang. ist fakultativ.
Sie hat (gestern) die Prüfung bestanden.
Wir haben letztes Wochenende einen Spaziergang
gemacht.
In dieser Bedeutung ist es durch das Prät. ersetzbar.

232
Das Perfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
2. Es bezeichnet ein abgeschlossenes vergangenes
Geschehen mit resultativem Charakter ohne
Modalfaktor. Die Temporalbest. der Vergangenheit ist
fakultativ. Es wird ein neuer Zustand erreicht, der für die
Sprechzeit relevant ist. Diese Bedeutung ist nur bei
tranformativen Verben möglich.
Das Kind ist vor einer Stunde eingeschlafen. (→ Es
schläft jetzt.)
Er hat den Motor repariert. (Der Motor funktioniert jetzt.)
Das Perf. ist nicht durch das Prät. ersetzbar.

233
Das Perfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
3. Es bezeichnet ein Geschehen, das im
Sprechzeitpunkt abgeschlossen wird. Die
Abgeschlossenheit lenkt den Blick mittelbar auf
ein zeitlich zurückliegendes Geschehen. Es hat
keinen Modalfaktor; die Temporalbest der
Gegenwart ist obligatorisch.
Jetzt habe ich den Wein gekostet.
Wir haben gerade eine Einladung zum Konzert
bekommen.

234
Das Perfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
4. Es bezeichnet ein zukünftiges Geschehen. Es
hat keinen Modalfaktor und die Temporalbest.
der Zukunft ist obligatorisch. Das Geschehen
wird unter einem zukünftigen Zeitpunkt als
abgeschlossen betrachtet:
Er hat morgen früh die Arbeit abgegeben.
In einem Jahr hat er das Studium mit dem
Diplom abgeschlossen.

235
Das Plusquamperfekt Ind. Akt. :
Bildung

Prät. des Hilfsverbs haben/sein + Part. II des


Vollverbs (sie hatte gearbeitet; sie war
gegangen)

Die Verteilung von haben und sein: wie beim


Perf.

236
Das Plusquamperfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
1. Es bezeichnet ein abgeschlossenes vorver-
gangenes Geschehen ohne Modalfaktor, das vor
einem anderen vergangenen Geschehen stattfand.
Die Temporalbest. der Vergangenheit ist obligatorisch.
Als ich sie traf, hatte sie die Prüfung bereits
bestanden.
Als ich ihn anrief, hatte er schon zu Mittag gegessen.
(Die Temporalbestimmungen sind hier die
Nebensätze: als ich sie traf, als ich ihn anrief)

237
Das Plusquamperfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
Bei meinem Anruf hatte er schon zu Mittag
gegessen..
(Die Temporalbest. ist hier der Ausdruck: bei
meinem Anruf.)
Nachdem ich wir einen Spaziergang gemacht
hatten, haben wir zu Mittag gegessen.
(Hier steht das Plusquamperf. im Nebensatz, der
eine Temporalbest. ist.)

238
Das Plusquamperfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
Immer muss das Plusquamperf. zu einem
anderen Geschehen in Beziehung gesetzt.
In dieser Bedeutung ist es nicht durch das Perf.
ersetzbar. Es wird oft mit Prät./Perf. kombiniert.

239
Das Plusquamperfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
2. Es bezeichnet ein abgeschlossenes
vergangenes Geschehen mit resultativem
Charakter ohne Modalfaktor. Die Temporalbest.
der Vergangenheit ist fakultativ. Es ist durch das
Perf. (2) ersetzbar.
Er hatte gestern seine Mütze verloren. (→ Seine
Mütze war weg.)

240
Das Plusquamperfekt Ind. Akt. :
Bedeutung
3) Das Plusquamperf. kommt mit dem Präteritum
vor. Das Prät. bezeichnet ein länger dauerndes
Geschehen, das Plusquamperf. drückt
Abgeschlossenheit, jedoch keine Vorvergangenheit
aus:
Sie diskutierten, bis der Morgen angebrochen war.
(Engel 1988: 451).

241
Das Futur 1 Ind. Akt. :
Bildung/Bedeutung
Präs. des Hilfsverbs werden + Inf. I (Aktiv) des
Vollverbs
Sie wird morgen in die Schule gehen.
1. Es bezeichnet ein vermutetes Geschehen in der
Gegenwart. Es wird mit durativen Verben gebildet.
Die Temporalbest. der Gegenwart ist fakultativ:
Sie wird (jetzt) zu Hause sein.
Er wird (gerade) im Flugzeug sitzen.

242
Das Futur I Ind. Akt. :
Bedeutung
2. Es drückt ein zukünftiges Geschehen aus.
Der Modalfaktor und die Temporalbest. der
Zukunft sind fakultativ:
Sie wird (in einem Monat) wieder in Skopje sein.
Er wird (morgen) im Flugzeug sitzen.

243
Das Futur II Ind. Akt. :
Bildung/Bedeutung
Präs. des Hilfsverbs werden + Inf. II (Aktiv) des Vollverbs
Sie wird in die Schule gegangen sein.
1. Es bezeichnet ein vermutetes Geschehen in der
Vergangengeit. Die Temporalbest. der Vergangenheit ist
fakultativ:
Sie wird (gestern) im Kino gewesen sein.
Er wird (vor zwei Tagen) in Skopje angekommen sein.

244
Das Futur II Ind. Akt. :
Bedeutung
2. Es bezeichnet ein vermutetes Geschehen in der Vergangengeit
mit resultativem Charakter. Die Temporalbest. der Vergangenheit
ist fakultativ. Es wird ein neuer Zustand erreicht, der für die
Sprechzeit relevant ist. Diese Bedeutung ist nur bei
transformativen Verben möglich.
Er wird den Motor repariert haben. (→ Der Motor funktioniert
jetzt.)
Er wird (gestern) seinen Koffer verloren haben. (→ Heute hat er
den Koffer nicht mehr.)
Wenn das Futur II durch das Perf. (2) ersetzt wird, muss im Perf.-
Satz die modale Bedeutung ausgedrückt werden. (Er hat den
Motor vermutlich repariert.)

245
Das Futur II Ind. Akt. :
Bedeutung
3. Es bezeichnet ein zukünftiges Geschehen. Es kann einen
Modalfaktor haben, der vom Kontext abhängt; die Temporalbest.
der Zukunft ist obligatorisch. Das Geschehen wird unter einem
zukünftigen Zeitpunkt als abgeschlossen betrachtet:
Morgen wird er die Arbeit abgegeben haben.
In einem Jahr wird er das Studium mit dem Diplom
abgeschlossen haben.
Wenn das Futur II durch das Perf. (4) ersetzt wird, muss im
Perf.-Satz i.d.R. die modale Bedeutung lexalisch ausgedrückt
werden. (Morgen wird er die Arbeit vermutlich abgegeben
haben..)

246
Die Tempora im Indikativ Aktiv
Tempus Zeitbezug
Vergangenheit Gegenwart Zukunft
Präs. -MF; +TB -MF; +/- TB -MF; +/-TB
Prät. -MF; +/-TB (-MF; +/-TB) Ø
Perf. -MF; +/-TB -MF; +TB -MF; +TB
Plusquamperf. -MF; +/-TB Ø Ø
Futur 1 Ø +MF; +/-TB +/-MF; +/-TB
Futur 2 +MF; +/-TB Ø +/-MF; +TB

Legende: MF Modalfaktor
TB Temporalbestimmung
+ obligatorisch
- nicht vorhanden
+/- fakultativ
Ø kein Zeitbezug 247
Die Tempora im Indikativ Aktiv
Vergangenheit Gegenwart Zukunft
Modalfakt. Temp.- Modalfakt. Temp.- Modalfakt. Temp.-
Best. Best. Best.
Präs. - + - +/- - +/-
Prät. - +/- - +/- Ø Ø
Perf. - +/- - + - +A
Plus- - +/- Ø Ø Ø Ø
quamperf
Futur 1 Ø Ø + +/- - +/-
Futur 2 + +/- Ø Ø +/- +A
Hinzuzufügen sind: a) das generelle Präs. ; b) die resultative Bedeutung von
Perf., Plusquamperf. und Futur 2.
Legende: 1) Modalfaktor/Temp.-Best.:
+ obligatorisch.; - nicht vorhanden; +/- fakultativ;
2) Ø kein Zeitbezug vorhanden
3) A Abgeschlossenheit von einem zukünftigen
Zeitpunkt aus gesehen 248
Die Modi
Die drei Modi: sie spezifizieren den
Wirklichkeitsgehalt der fin. Verbformen:
Indikativ: „wirklich“,
Konjunktiv: „bedingt wirklich“,
Imperativ: „zu verwirklichen“.

249
Präsens Konjunktiv Akt.:
Bildung
Der Konj. im Präs. ist eine finite Verbform.
1. Er wird aus der Infinitivform (I Aktiv) gebildet.
2. Jede Endung enthält ein -e.
Ind.Präs. Konj. Präs.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. lache lachen lache lachen
2. P. lachst lacht lachest lachet
3. P. lacht lachen lache lachen

1. Es gibt weder Umlaut novh e/i-Wechsel


3. Formaler Zusammenfall zwischen Ind. und Konj. Präs.

1. Es gibt weder Umlaut novh e/i-Wechsel


3. Formaler Zusammenfall zwischen Ind. und Konj. Präs.

250
Präsens Konjunktiv Akt.:
Bildung
3. Es gibt weder Umlaut noch e/i-Wechsel
Ind. Präs. Konj. Präs.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. fahre fahren fahre fahren
2. P. fährst fahrt fahrest fahret
3. P. fährt fahren fahre fahren
1. P. spreche sprechen spreche sprechen
2. P. sprichst sprecht sprechest sprechet
3. P. spricht sprechen spreche sprechen
251
Präsens Konjunktiv Akt.:
Bildung
4. Bei den Verben,
a) deren Stamm auf –t/-d endet
und bei den Verben,
b) deren Stamm auf –m/-n endet und
diesem -m/-n ein weiterer Konsonant (außer r,l)
vorausgeht,
fallen Ind. Präs. und Konj. Präs. außer in der 3.
P. Sing. zusammen (vgl. Helbig/ Buscha 2001:
26)
252
Präsens Konjunktiv Akt.:
Bildung
Ind. Präs. Konj. Präs.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. rede reden rede reden
2. P. redest redet redest redet
3. P. redet reden rede reden
1. P. zeichne zeichnen zeichne zeichnen
2. P. zeichnest zeichnet zeichnest zeichnet
3. P. zeichnet zeichnen zeichne zeichnen

253
Präsens Konjunktiv von
haben, sein
Ind. Präs. Konj. Präs.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. habe haben habe haben
2. P. hast habt habest habet
3. P. hat haben habe haben
1. P. bin sind sei seien
2. P. bist seid sei(e)st seiet
3. P. ist sind sei seien

254
Präsens Konjunktiv der
Modalverben
Ind. Präs. Konj. Präs.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. mag mögen mögemögen
2. P. magst mögt mögest möget
3. P. mag mögen mögemögen
1. P. kann können könne können
2. P. kannst könnt könnest könnet
3. P. kann können könne können
Auch noch: dürfe, ...; müsse, ...; solle, ...; wolle., ...
255
Präteritum Konjunktiv Akt.:
Bildung
Der Konj. Prät. ist eine finite Verbform.
Schwache Verben: Ind. Prät. und Konj. Prät. Fallen formal zusammen.
Starke Verben: 1. Er wird aus dem Ind. Prät. gebildet. 2. Jede
Endung enthält ein -e.
Ind. Prät. Konj. Prät.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. ging gingen ginge gingen
2. P. gingst gingt gingest ginget
3. P. ging gingen ginge gingen
Präteritum Konjunktiv Akt.:
Bildung
4. Ein umlautfähiger Stammvokal im Ind. Prät. wird im
Konj. Prät. umgelautet.
Ind. Prät. Konj. Prät.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. nahm nahmen nähme nähmen
2. P. nahmst nahmt nähmest nähmet
3. P. nahm nahmen nähme nähmen
1. P. fuhr fuhren führe führen
2. P. fuhrst fuhrt führest führet
3. P. fuhr fuhren führe führen
257
Präteritum Konjunktiv Akt.:
Bildung
5. Bei einigen Verben wird nicht (nur) der Stammvokal
aus dem Ind. Prät., sondern (auch) ein anderer,
historisch begründeter Vokal umgelautet (neben hälfe):
Ind. Prät. Konj. Prät.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. half halfenhülfe hülfen
2. P. halfst halft hülfest hülfet
3. P. half halfenhülfe hülfen
Vgl. auch: begönne (neben: begänne); stünde (neben.
stände).

258
Präteritum Konjunktiv von
haben, sein
Ind. Prät. Konj. Prät.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. hatte hatten hätte hätten
2. P. hattest hattet hättest hättet
3. P. hatte hatten hätte hätten
1. P. war waren wäre wären
2. P. warst wart wärest wäret
3. P. war waren wäre wären

259
Präteritum Konjunktiv Akt der
Modalverben
Ind. Prät. Konj. Prät.
Sg. Pl. Sg. Pl.
1. P. mochte mochten möchte möchten
2. P. mochtest mochtet möchtest möchtet
3. P. mochte mochten möchte möchte
1. P. durfte durften dürftedürften
2. P. durftest durftet dürftest dürftet
3. P. durfte durfen düfte dürften
Auch: könnte, ...; müsste, ...; sollte, ...; wollte., ...
260
Konjunktiv Aktiv der
zusammengesetzten Tempora
Der Konj. Perf. wird mit dem Konj. Präs. des
Hilfsverbs haben/sein + Part. Perf. des
Vollverbs gebildet (er habe gesehen; sie sei
gegangen).
Der Konj. Plusquamperf. wird mit dem Konj.
Prät. des Hilfsverbs von haben/sein + Part.
Perf. des Vollverbs gebildet (er hätte gesehen;
sie wäre gegangen)

261
Konjunktiv Aktiv der
zusammengesetzten Tempora
Der Konj. Futur I wird mit dem Konj. Präs. des
Hilfsverbs werden + Inf. (I Aktiv) des Vollverbs
gebildet (du werdest gehen; er werde gehen).
Der Konj. Futur II wird mit dem Konj. Präs. des
Hilfsverbs werden + Inf. II (Aktiv) des Vollverbs
gebildet (du werdest gegangen sein; er werde
gesehen haben).

262
Die würde-Form
Sie besteht aus dem Konj. Prät. von werden +
Inf. I (und II) des Vollverbs (mit Inf. I: ich würde
schreiben; er würde gehen; mit Inf. II: du würdest
geschrieben haben; er würde gegangen sein).
Sie ersetzt Konj. Präs., Prät. und Futur, wenn sie
mit den indikativischen Formen zusammenfallen
(z. B. sie würden sprechen anstatt: sie sprechen
als Konj. Präs.).

263
Die würde-Form
Sie ersetzt veraltete und/oder gehobene Konj.-
Formen der starken Verben (er würde helfen
anstatt: er hülfe/hälfe).
Dieser Ersatz findet nicht immer statt oder er
findet statt, obwohl kein Zusammenfall zwischen
Ind. und Konj. vorliegt.
Wenn ich Zeit hätte, besuchte ich dich. (anstatt:
würde ... besuchen).
Wenn ich Geld hätte, würde ich einkaufen
gehen. (anstatt: ginge).
Verwendung des Konjunktivs
Der Konjunktiv wird verwendet
a) im zusammengesetzten Satz, und zwar
aa) entweder nur im Nebensatz (Er sagte, er
habe ein Haus gekauft.) oder
ab) im Hauptsatz und im Nebensatz (Wenn er
Zeit hätte, ginge er einkaufen.) und
b) im Hauptsatz (Man wasche den Reis, ...)
verwendet

265
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)

Die indirekte Rede wird gekennzeichnet durch:


a) das redeeinleitende Verb (Verb des Sagens):
sagen, meinen, behaupten, bitten...
b) die Subjunktion (subordinierende
Konjunktion), die den Nebensatz einleitet und
das finite Verbs ans Satzende verschiebt;
c) den fakultativen Konjunktiv im Nebensatz.
Er sagte, dass er ein Haus gekauft habe/hat.
266
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
Es werden drei Zeitstufen unterschieden:
1. Gleichzeitigkeit: das Geschehen im Nebensatz
stimmt zeitlich mit der Redeeinleitung überein;
oder: Gegenwart: das Geschehen im Nebensatz
erfolgt zum Zeitpunkt der Aussage des ersten
Sprechers (für den ersten Sprecher erfolgt das
Geschehen in der Gegenwart):
Sie sagte: „Ich nehme am Unterricht teil”.
Sie sagte, dass sie am Unterricht teilnehme.
267
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
Bei Gleichzeitigkeit/Gegenwart steht im Nebensatz
Konj. Präs. / Prät. oder Ind. Präs.
Sie sagte: „Ich nehme am Unterricht teil”.
Sie sagte, dass sie am Unterricht
teilnehme/teilnähme.
Sie sagte, sie nehme/nähme am Unterricht teil.
Sie sagte, dass sie am Unterricht teilnimmt.
Anmerkung: Das Prät. Konj. bezieht sich auf die
Gegenwart; das Prät. Ind. bezieht sich auf die
Vergangenheit.
268
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
2. Vorzeitigkeit: das Geschehen im Nebensatz
geht der Redeeinleitung voraus; oder:
Vergangenheit: das Geschehen im Nebensatz
erfolgt vor dem Zeitpunkt der Aussage des
ersten Sprechers (das Geschehen ist bereits
beendet, wenn er erste Sprecher spricht):
Sie sagte: „Ich las als Studentin viel”.
Sie sagte, dass sie als Studentin viel gelesen
habe.

269
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
Bei Vorzeitigkeit/Vergangenheit steht im
Nebensatz Konj. Perf. / Plusquamperf. oder Ind.
Prät./Perf.
Sie sagte: „Ich las als Studentin viel”.
Sie sagte, dass sie als Studentin viel gelesen
habe/hätte.
Sie sagte, sie habe/hätte als Studentin viel
gelesen.
Sie sagte, dass sie als Studentin viel las/gelesen
hat.
270
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
3. Nachzeitigkeit: das Geschehen im
Nebensatz erfolgt nach der Redeeinleitung;
oder: Zukunft: das Geschehen im Nebensatz
erfolgt nach dem Zeitpunkt der Aussage des
ersten Sprechers (für den ersten Sprecher liegt
das Geschehen in der Zukunft):
Sie sagte: „Ich werde dieses Buch lesen”.
Sie sagte, dass sie dieses Buch lesen werde.

271
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
Bei Nachzeitigkeit/Zukunft steht im Nebensatz: Konj.
Futur I, würde-Form oder Ind. Präs./Futur I
Sie sagte: „Ich werde dieses Buch bald lesen”.
Sie sagte, dass sie dieses Buch bald lesen werde/würde.
Sie sagte, sie werde/würde dieses Buch bald lesen.
Sie sagte, dass sie dieses Buch bald liest/lesen wird.

272
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
Fragesatz (Entscheidungsfrage,
Ergänzungsfrage)
Er fragte sie: „Hast du ihn besucht?“
Er fragte sie, ob sie ihn besucht habe.
Er fragte sie: „Wen hast du besucht?“
Er fragte sie, wen sie besucht habe.
Aufforderungssatz:
Er bat sie: „Besuchen Sie ihn bitte“.
Er bat sie, sie möge/solle ihn besuchen.
273
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
Aufforderungssatz:
- Bitte:
„Besuchen Sie ihn bitte.“
Er bat sie, sie möge/solle ihn besuchen.
- Aufforderung/Befehl
Der Polizist forderte die Fahrer auf, sie sollen/sollten
langsamer fahren. (Pl.)
Vgl. auch die Infinitivkonsstruktionen:
Er bat sie, ihn zu besuchen.
Der Polizist forderte die Fahrer auf, langsamer zu fahren.

274
Konjunktiv im zusammengesetz. Satz:
Indirekte Rede (Textwiedergabe)
Pronominalverschiebung
Sie sagte: „Ich las als Studentin viel”.
Sie sagte, sie habe/hätte als Studentin viel gelesen.
Adverbialverschiebung
Er sagte: „Ich habe gestern einen interessanten Film
gesehen”.
Er sagte, er habe am Vortag einen interessanten
Film gesehen.
morgen → am nächsten Tag; heute → an
dem(selben) Tag; hier → dort
275
Konkurrenzformen der indirekten
Rede (Textwiedergabe)
Neben der Textwiedergabe drücken die
Konkurrenzformen auch die Einschätzung der Wahrheit
der fremde Aussage durch den Sprecher aus:
Sie sagt, sie habe dieses Buch gelesen.
Nach ihren Worten hat sie dieses Buch gelesen.
Wie sie sagt, hat sie dieses Buch gelesen.
Sie hat angeblich dieses Buch gelesen.
Sie will dieses Buch gelesen haben. (Präs. wollen + Inf. II)

276
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konditionalsatz
Der Konditionalsatz ist ein Nebensatz, der ein
bedingendes Geschehen ausdrückt. Der
Hauptsatz drückt das bedingte Geschehen aus.
Wenn ich Zeit habe, besuche ich dich.
Es werden drei Arten von Konditionalsätzen
unterschieden:
1. potenzieller Konditionalsatz
2. hypothetischer Konditionalsatz
3. irrealer Konditionalsatz
277
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konditionalsatz
Der Konjunktiv ist ein obligatorisches
grammatisches Mittel im Hauptsatz und im
Nebensatz
- im hypothetischen Konditionalsatz und
- im irrealen Konditionalsatz.
Im potenziellen Konditionalsatz wird der Indikativ
verwendet.
In den beiden Teilsätzen wird dasselbe Tempus
verwendet.
278
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konditionalsatz
1. Potenzieller Konditionalsatz:
a) Ind.Präs./Futur I
Wenn ich Geld habe, gehe ich einkaufen. /
(Wenn ich Geld haben werde, werde ich
einkaufen gehen.)
Der zusammengesetzte Satz bezieht sich auf
die Gegenwart/Zukunft. Das bedingende und
das bedingte Geschehen sind realisierbar.

279
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konditionalsatz
1. Potenzieller Konditionalsatz:
b) Ind.Prät./Perf.
Wenn ich Geld hatte, ging ich einkaufen. / Wenn
ich Geld gehabt habe, bin ich einkaufen
gegangen.
Der zusammengesetzte Satz bezieht sich auf
die Vergangenheit. Das bedingende und das
bedingte Geschehen sind realisiert.

280
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konditionalsatz
Aufgrund der Doppeldeutigkeit von wenn, sind die
wenn-Sätze unter a) und b) auch als Temporalsätze zu
verstehen. Nur eine konditionale Bedeutung haben die
Subjunktionen: falls, sofern.
Anmerkung: Das „temporale“ wenn in einem
Nebensatz mit Vergangenheitsbezug drückt ein sich
wiederholendes Geschehen aus (=immer wenn). Ein
einmaliges Geschehen in der Vergangenheit wird mit
als ausgedrückt.
(Immer) Wenn ich ihn anrief, war er im Urlaub.
Als ich ihn anrief, war er im Urlaub.
281
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konditionalsatz
2. Der hypothetische Konditionalsatz wird mit Konj. Prät.
oder mit würde + Inf. I gebildet.
Er bezieht sich auf die Gegenwart/Zukunft und drückt
ein bedingendes und ein bedingtes Geschehen, die (a)
nur in der Vorstellung des Sprechers realisierbar oder
(b) auch in seiner Vorstellung unter keinen Umständen
realisierbar sind:
a) Wenn du Zeit hättest, könnte ich dir die Stadt zeigen.
b) Wenn er volljährig wäre, würde er die Fahrprüfung
ablegen.

282
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konditionalsatz
3. Der irreale Konditionalsatz wird mit Konj.
Plusquamperf. gebildet.
Er bezieht sich auf die Vergangenheit und drückt ein
bedingendes und ein bedingtes Geschehen, die nicht
realisiert und nicht mehr realisierbar sind:
Wenn du Zeit gehabt hättest, hätte ich dir die Stadt
gezeigt.
Wenn du Zeit gehabt hättest, hätte ich dir die Stadt
zeigen können.
Wenn er fleißig gewesen wäre, hätte er die Prüfung
bestanden.
283
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konditionalsatz
Der Konditionalsatz kann auch uneingeleitet mit
Verberststellung vorkommen.
Wenn du Zeit hättest, könnte ich dir die Stadt
zeigen.
→ Hättest du Zeit, könnte ich dir die Stadt zeigen.
Wenn er fleißig gewesen wäre, hätte er die
Prüfung bestanden.
→ Wäre er fleißig gewesen, hätte er die Prüfung
bestanden.

284
Konkurrenzformen des
Konditionalsatzes
Eine Bedingung kann ebenfalls mit a) Partizipial-
phrase u. b) Präpositionalphrase ausgedrückt werden:
a) Über die Zeit befragt, wüsste ich keine Antwort.
→ Wenn ich über die Zeit befragt würde, wüsste ich
keine Antwort.
b) Mit einem besseren Zeugnis hättest du die Stelle
bekommen.
→ Wenn du ein besseres Zeugnis gehabt hättest,
hättest du die Stelle bekommen.
(Helbig/Buscha 2001: 182)
285
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Komparativsatz
Sie tut (so), als ob/wenn sie die Antwort wüsste.
Sie tut (so), als wüsste sie die Antwort.
Der Komparativsatz drückt eine hypothetische
(gedanklich vorgestellte) Gleichheit aus. Der
Konjunktiv kann im Nebensatz stehen. Im
Hauptsatz steht der Indikativ.
Subjunktion:
als ob/wenn + Endstellung des fin.Verbs oder
als + Zweitstellung des fin. Verbs (kaum mit Ind.)
286
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Komparativsatz
Der Komparativsatz bezieht sich auf die:
a) Gegenwart (Konj. Prät. / Präs. oder würde-Form; Ind.
Präs.)
Er tut (so), als ob er mich nicht sähe/sehe/sehen würde.
Er tut (so), als sähe/sehe er mich nicht / als würde er
mich nicht sehen.
Er tut (so), als ob er mich nicht sieht.
Er tut (so), als ob er mein bester Freund wäre.
Der Schauspieler spricht, als hätte er einen
ausländischen Akzent.

287
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Komparativsatz
b) Vergangenheit (Konj. Plusquamperf. / Perf.; Ind.
Prät. / Perf.)
Er tat (so), als ob er mich nicht gesehen hätte/habe.
Er tat (so), als hätte/habe er mich nicht gesehen.
Er tat (so), als ob er mich nicht sah/gesehen hat.
Er tat (so), als ob er mein bester Freund gewesen
wäre.
Der Schauspieler sprach, als hätte er einen
ausländischen Akzent gehabt.

288
Hinweis zum Vorlesungsstoff

Der Konzessivsatz und der Konsekutivsatz (d. h.


die folgenden 7 Slides) wurden in den
Vorlesungen nicht behandelt und gehören nicht
zum Prüfungsstoff. Sie werden als Lesematerial
angeboten.
Der Prüfungsstoff wird beim Konjunktiv im
Haupzsatz fortgesetzt.

289
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konzessivsatz
Er drückt ein Hindernis für das Hauptsatz-Geschehen
aus, das es nicht verhindern kann/konnte:
Ich lerne Deutsch, obwohl ich keine Lust dazu habe.
Der Konjunktiv wird wie beim Konditionalsatz
verwendet: er steht in Konzessivsätzen mit
hypothetischer und irrealer Bedeutung.
Die Konzessivsätze mit obwohl/obgleich sind mit
hypothetischer und irrealer Bedeutung mit Konjunktiv
nicht möglich.

290
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konzessivsatz
Der Konjunktiv steht in Konzessivsätzen mit der
Subjunktion auch wenn. Er erscheint im Hauptsatz und im
Nebensatz:
a) Hypothetischer Konzessivsatz: Gegenwart/Zukunft;
Nebensatz- und Hauptsatzgeschehen sind a) nur noch in
der Vorstellung des Sprechers realisierbar oder b) auch in
seiner Vorstellung unter keinen Umständen realisierbar;
Konj. Prät. oder würde + Inf. I.
a) Auch wenn ich Geld hätte, (so) würde ich ein solches
Auto (doch) nicht kaufen.
b) Auch wenn ich jung wäre, würde ich nicht zum Konzert
gehen.
291
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konzessivsatz

a) Irrealer Konzessivsatz: Vergangenheit;


Nebensatz- und Hauptsatzgeschen sind nicht
realisiert und nicht mehr realisierbar; Konj.
Plusquamperf.
Auch wenn ich Geld gehabt hätte, (so) hätte ich
ein solches Auto (doch) nicht gekauft.

292
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konsekutivsatz
Der Konsekutivsatz drückt ein Folgegeschehen
zum Hauptsatz-Geschehen aus.
Subjunktion: sodass / so dass + Ind.
Der Schüler ist verwirrt, sodass er auf die Frage
nicht antworten kann.
Variante: so + Adjektiv + dass + Ind.
Der Schüler ist so verwirrt, dass er auf die Frage
nicht antworten kann.

293
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konsekutivsatz
Der Konjunktiv kann in Konsekutivsätzen mit der
Subjunktion als dass stehen. Er kommt nur im
Nebensatz vor.
Im Hauptsatz steht die Partikel zu, welche die
Überschreitung eines Intensitätsgrades einer
Eigenschaft bezeichnet. Das Nebensatz-
Geschehen kann infolgedessen nicht stattfinden.
Der Schüler ist zu verwirrt, als dass er auf die
Frage antworten könnte/kann.

294
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konsekutivsatz
a) Gegenwart: Konj. Prät./Ind. Präs.
Die Aufgabe ist zu schwer, als dass ich sie lösen
könnte/kann.
Das Projekt ist zu teuer, als dass wir es umsetzen
könnten/können.
Vgl. die Sätze mit sodass ohne Konjunktiv:
Die Aufgabe ist zu schwer, sodass ich sie nicht lösen
kann.
Das Projekt ist zu teuer, sodass wir es nicht umsetzen
können.

295
Konjunktiv im zusammengesetz.
Satz: Konsekutivsatz
• b) Vergangenheit: Konj. Plusquamperf./ Ind. Prät.
Die Aufgabe war zu schwer, als dass ich sie hätte lösen
können / als dass ich sie lösen konnte.
Das Projekt war zu teuer, als dass wir es hätten umsetzen
können / als dass wir es umsetzen konnten.
Anmerkung: Wortstellung im Nebensatz mit Modalverb im
Ersatzinf.: fin. Hilfsverb + Inf. des Vollverbs + Ersatzinf. des
Modalverbs (der das Part. II ersetzt)
Vgl. die Sätze mit sodass ohne Konjunktiv:
Die Aufgabe war zu schwer, sodass ich sie nicht lösen konnte.
Das Projekt war zu teuer, sodass wir es nicht umsetzen konnten.

296
Präsens Konjunktiv Akt. im
Hauptsatz
1. Er hat eine imperativische Bedeutung und
ersetzt die fehlende Imperativform der 3. P. Er
kommt selten vor und ist auf Wendungen
beschränkt.
Der König ist tot. Es lebe der König.
Es lebe die Freiheit.
Er ruhe in Frieden.

297
Präsens Konjunktiv Akt. im
Hauptsatz
2. Der Konjunkjtiv Präs. steht in Verbindung mit dem
Indefinitpronomen man in Kochrezepten,
Gebrauchsanweisungen usw. Er kommt gelegentlich
vor und kommutiert mit dem Infinitiv (I) und dem
Imperativ:
Man schneide den Paprika in schmale Scheiben und
brate ihn in Olivenöl.
Vgl. auch: Den Paprika in schmale Scheiben schneiden
und in Olivenöl braten. (Inf.)
Schneiden Sie den Paprika in schmale Scheiben und
braten Sie ihn in Olivenöl. (Imperativ)
298
Konjunktiv Präsens im
Hauptsatz
3. Der Konjunktiv Präsens von sein + Part. II
passivfähiger Verben steht in wissenschaftlichen
Arbeiten. Diese Konstruktion ersetzt die 1.P. Pl.
(Autorenplural) oder die 1.P. Sg. Aktiv:
Es seien nur zwei Beispiele genannt:...
Vgl.
Wir möchten nur zwei Beispiele nennen: ...
Ich möchte nur zwei Beispiele nennen: ...

299
Präteritum/ Plusquamperf.
Konjunktiv Akt. im Hauptsatz

1. Wunschsatz: Das ist ein isolierter


Konditionalsatz mit der Subjunktion wenn (und
Endstellung des fin. Verbs) oder ohne
Subjunktion (mit Erststellung des fin. Verbs). Der
Hauptsatz wird ausgelassen. Verwendet werden
die Partiklen doch und/oder nur:

300
Präteritum/ Plusquamperf.
Konjunktiv Akt. im Hauptsatz
1. a) Wunschsatz:
Gegenwart: hypothetischer Wunsch (der nur in
der gedanklichen Vorstellung erfüllbar sein
kann): Konj. Prät.:
Wenn ich dir doch nur helfen könnte! Könnte ich
dir doch nur helfen!
Wenn es doch nur so einfach wäre!
Wäre es doch nur so einfach!

301
Präteritum/ Plusquamperf.
Konjunktiv Akt. im Hauptsatz
1. b) Wunschsatz:
Vergangenheit: irrealer Wunsch (das ist ein nicht
erfüllter und nicht mehr erfüllbarer Wunsch):
Konj. Plusquamperf.:
Wenn ich dir doch nur geholfen hätte! Hätte ich
dir doch nur geholfen!
Wenn es doch nur so einfach gewesen wäre!
Wäre es doch nur so einfach gewesen!

302
Präteritum/ Plusquamperf.
Konjunktiv Akt. im Hauptsatz
2. Modalverbkonstruktionen mit müssen, sollen
und verneintem dürfen im Plusquamperf.;
Vergangenheit: es wird eine nicht erfüllte und
nicht mehr erfüllbare Forderung ausgedrückt. Im
Kontext kann eine antonymische Aussage /
Feststellung im Indikativ stehen:
Du hast die Prüfung nicht bestanden. Du hättest
die Prüfung bestehen sollen.
Er ist gestern ins Kino gegangen. Er hätte
gestern nicht ins Kino gehen dürfen.
303
Präteritum/ Plusquamperf.
Konjunktiv Akt. im Hauptsatz
3. Höfliche und vorisichtig ausgedrückte Äußerungen und
Fragen. Gegenwart: Konj. Prät. Die Zurückführung auf
einen ausgelassenen Konditionalsatz ist nur bedingt
möglich:
Ich hätte gerne ein Glas Wasser (, wenn ich wählen
dürfte / wenn Sie mich danach fragen würden).
Könnten Sie mir sagen (, wenn Sie so freundlich wären),
wie man zum Bahnhof kommt?
(Helbig/Buscha 2001: 182)
.

304
Imperativ: Bildung

Er ist die gramm. Grundform der Aufforderung


des Sprechers an die angesprochene Person,
die eine Handlung (nicht) ausführen soll. Für die
1. und die 3. P. gibt es keine Imperativformen.
Der Imperativ besitzt nur die Formen des Präs.
Aktiv.

305
Imperativ: Bildung
Es gibt Imperativformen der Vertraulichkeit (mit
unterschiedlichen Formen für. Sing. und Pl.) und
eine einzige Form für die soziale Distanz (sog.
Höflichkeitsform), mit der man eine oder
mehrere Personen ansprechen kann.
Schreibe deinen Namen auf!
Schreibt euren Namen auf!
Schreiben Sie Ihren Namen auf!

306
Imperativ: Bildung
Das Personalpronomen wird bei der
Vertraulichkeitsform gewöhnlich weggelassen.
Der Imperativ wir aus dem Infinitiv (I Aktiv) und dem
Präsens gebildet:
2.P.Sg. -e 2.P.Pl. -t
frage fragt
antworte antwortet
schreibe schreibt
Das Pers.-Pron. wird bei Hervorhebung realisiert:
Schreibe du den Brief.
307
Imperativ: Bildung

Die Imperativform für die 2. P. Pl. stimmt mit


dem Ind. Präs. der 2. P. Pl. überein.
In der 2. P. Sg. gibt es den e/i-Wechsel (mit
Ausnahme von werden), aber keinen Umlaut.
Bei den Verben mit e/i-Wechel fällt in der 2.P.
Sg. die Endung -e weg.
fahre, blase, iss, lies, nimm, sieh, werde.

308
Imperativ: Bildung
Die Vertraulichkeitsform wird im Sg. auch bei
anderen Verben ohne -e verwendet: schreib,
komm. In der geschriebenen Sprache steht kein
Apostroph.
Der Wegfall der Endung -e ist nicht möglich bei
den Verben,
a) deren Stamm auf -ig endet: entschuldige
b) deren Stamm auf Konsonant (außer r/l) + m/n
endet: atme, zeichne; aber: lern(e), lärm(e).

309
Imperativ: Bildung
c) deren Stamm auf t/d endet: arbeite, rede
d) mit Inf.-End. -eln/-ern, deren e aus der Inf.-End.
ausfällt: lächle, zitt(e)re
Die imperativische „Höflichkeitsform“ stimmt formal
mit der 3. P. Pl. Präs. Konj. überein. Nach dem Verb
steht das Pers.-Pron. der 3. P. Pl.: kommen Sie,
fragen Sie, schreiben Sie.
Besondere Formen bildet das Verb sein:
sei, seid, seien Sie

310
Imperativ: Bildung

Die Verben, die semantisch keine Aufforderung


zulassen, haben keine Imperativformen: a)
Modalverben b) unpersönliche Verben, c)
wissen, kennen, ...

311
Imperativ: Verwendung
Mit dem Imperativ werden Aufforderungen (Bitten,
Befehle usw.) ausgedrückt:
Schließen Sie bitte die Tür!
Komm morgen pünktlich zur Arbeit!
Wenn die Aufforderung sich auf eine Gruppe bezieht,
in die sich der Sprecher einbezieht, wird die 1 P. Pl. im
Kojunktiv Präs. mit realisiertem Pers.-Pron. verwendet.
Beginnen wir mit der Arbeit! Seien wir vorsichtig!
(Helbig/Buscha 2001: 618)

312
Konkurrenzformen des
Imperativs

Fragesätze (vor allem Entscheidungsfragen)


Könn(t)en Sie mir bitte die Uhrzeit sagen?
Wann räumst du endlich dein Zimmer auf?
Vgl. Sagen Sie mir bitte die Uhrzeit!
Räume endlich dein Zimmer auf!

313
Konkurrenzformen des
Imperativs
Aussagesätze (Haupt- und zusammengesetz.
Sätze)
Sie bleiben jetzt hier!
Sie werden jetzt hier bleiben!
Sie müssen jetzt hier bleiben!
Ich bitte Sie, hier zu bleiben.
Ich fordere Sie auf, hier zu bleiben!
Vgl.: Bleiben Sie jetzt (bitte) hier!

314
Konkurrenzformen des
Imperativs
Konj. Präs. im Hauptsatz mit dem Indef.-Pron.
man:
Man wasche den Reis, ... .
Vgl.: Waschen Sie den Reis, ...
Isolierte Nebensätze:
Dass du ja sofort nach Hause kommst!
Dass ihr mir gut aufpasst!
Vgl.: Komm sofort nach Hause!
Passt gut auf!
315
Konkurrenzformen des
Imperativs
Infinitiv I Aktiv:
Alles aussteigen! Aufmerksam zuhören! Den Reis waschen, ... .
Vgl. Steigen Sie / Steigt alle aus! Hören Sie / Höre / Hört
aufmerksam zu! Waschen Sie den Reis, ...
Partizip II
Stillgestanden! Aufgepasst!
Vgl.: Passen Sie / Pass / Passt auf!
Sonstige Wörter/Wortgruppen:
Achtung! Hilfe! Feuer! Schnell! Leise! Zurück! Nach vorn!
Passiv
Jetzt wird gearbeitet!

316
Das Passiv
Im Deutschen werden drei Genera
unterschieden. Sie bezeichnen die
Betrachtungsperspektive des Sachverhalts: ob
er vom Täter (Aktiv) oder vom Geschehen
(Passiv) her gesehen wird.
Die Kollegen arbeiten den Plan aus.
Der Plan wird (von den Kollegen) ausgearbeitet.
Der Plan ist ausgearbeitet.

317
Das Passiv im Indikativ
Aktiv Indikativ Vorgangspassiv Ind. Zustandspassiv Ind.
ich impfe werde geimpft bin geimpft
ich impfte wurde geimpft war geimpft
ich habe geimpft bin geimpft worden bin geimpft gewesen
ich hatte geimpft war geimpft worden war geimpft gewesen
ich werde impfen werde geimpft werden werde geimpft sein
ich werde geimpft haben werde geimpft worden werde geimpft gewesen
sein sein
Das Vorgangspassiv wird gebildet aus einer konjugierten Form (einem
Tempus) des Hilfsverbs werden und dem Partizip II des Vollverbs. Das
Partizip II von werden im Vorgangspassiv (Perf., Plusquamperf. und Futur II)
lautet worden (und nicht: geworden).
Das Zustandspassiv wird gebildet aus einer konjugierten Form (einem
Tempus) des Verbs sein und dem Partizip II des Vollverbs.
318
Das Passiv im Konjunktiv
Aktiv Konjunktiv Vorgangspassiv Konj. Zustandspassiv Konj.
er informirere werde informiert sei informiert
er informierte würde informiert wäre informiert
er habe informiert sei informiert worden sei informiert gewesen
er hätte informiert wäre informiert worden wäre informiert gewesen
er werde informieren werde informiert werden werde informiert sein
er werde informiert werde informiert worden werde informiert
haben sein gewesen sein
Das Vorgangspassiv wird gebildet aus einer konjugierten Form (einem
Tempus) des Hilfsverbs werden und dem Partizip II des Vollverbs. Das
Partizip II von werden im Vorgangspassiv (Perf., Plusquamperf. und Futur II)
lautet worden (und nicht: geworden).
Das Zustandspassinv wird gebildet aus einer konjugierten Form (einem
Tempus) des Verbs sein und dem Partizip II des Vollverbs.
319
Das Passiv
Die futurischen Formen des VP werden relativ
selten verwendet.
Das Futur I wird durch das Präsens ersetzt:
ich werde geimpft werden → ich werde geimpft

Das Futur II wird durch das Perfekt ersetzt:


ich werde geimpft ich bin geimpft
worden sein → worden

320
Das Passiv
Perf., Plusquamperf., Futur I und II des ZP werden relativ selten
verwendet:
Das Perf. und das Plusquamperf. werden durch das Prät. ersetzt:
ich bin geimpft gewesen → ich war geimpft
ich war geimpft gewesen → ich war geimpft
Das Futur I wird durch das Präsens ersetzt:
ich werde geimpft sein → ich bin geimpft
Das Futur II wird durch das Perfekt ersetzt:
ich werde geimpft ich bin geimpft
gewesen sein → gewesen

321
Das Passiv
Passivtransformation:
Aktiv: Der Mechaniker repariert den Wargen.
VP: Der Wagen wird (von dem Mechaniker)
repariert.
ZP: Der Wagen ist repariert.
Das Akk.-Obj. aus dem Aktivsatz wird zum Subjekt
im Passivsatz. Das Subjekt aus dem Aktivsatz wird
zum Präp.-Obj. mit von/durch im VP.
Im ZP wird dieses Präp.-Obj. oft nicht verwendet.

322
Das Passiv
Die übrigen Satzglieder werden unverändert in die
Passivkonstruktion übernommen.
Die Mutter schenkt dem Kind einen Rucksack.
Ein Rucksack wird dem Kind (von der Mutter) geschenkt.
Wenn im Aktivsatz kein Akk.-Obj. steht, enthält der Passivsatz kein
Subjekt:
Die Lehrer helfen den Schülern.
Den Schülern wird (von den Lehrern) geholfen.
Der Staatsanwalt klagte ihn des Mordes an.
Er wird (vom Staatsanwalt) des Mordes angeklagt.

323
Das Passiv
Wenn im Aktivsatz das Pron. man Subjekt ist, steht im
Passivsatz kein Agens (Präp.-Obj mit von/durch):
Man tanzte den ganzen Abend.
Es wurde den ganzen Abend getanzt.
In solchen Sätzen kann der Platzhalter es (das expletive
es) stehen (vgl. lat. expleō ‘ergänzen, vervollständigen’).
Es nimmt die erste Stelle im Aussagesatz ein, wenn alle
Satzglieder nach dem fin. Verb stehen, weil sie dort
einen größeren Informationsgehalt haben:

324
Das Passiv
Den ganzen Abend wurde getanzt.
Wenn im Passivsatz kein Satzglied vorhanden
ist, muss der Aussagesatz mit es beginnen:
Man schwieg.
Es wurde geschwiegen.

325
Das Passiv
Die meisten Verben haben das Aktiv. Ein Teil von
ihnen bildet auch ein VP.
1. Ein VP kann gebildet werden, wenn das Subjekt im
Aktiv das Agens (den Täter) bezeichnet, d. h. wenn
das Vollverb eine Tätigkeit ausdrückt:
Der Sohn hilft dem Vater.
→ Dem Vater wird (von dem Sohn) geholfen.
Der Sohn ähnelt dem Vater.
→ *Dem Vater wird (von dem Sohn) geähnelt.

326
Das Passiv
2. Kein VP bilden die Modalverben. Sie kommen mit einem
Inf. ohne zu des Vollverbs vor:
Sie muss einen Brief schreiben.
→ *Der Brief wird (von ihm) geschrieben gemusst.
Hinweis: mögen als Vollverb (d. h. ohne Inf. eines
Vollsverbs) kann in der Bed. ‘gern haben’ das VP bilden,
wenn das Agens durch ein Indef.-Pron. ausgedrückt wird
oder wenn es eine unbestimmte Personengruppe
bezeichnet (Hentschel/Weydt 2003: 75):
Er wird von keinem / allen / einigen gemocht.
Er wird von seinen Kollegen gemocht.
327
Das Passiv
Die Modalverben können jedoch mit einem Inf.
Passiv des Vollverbs vorkommen:
Der Brief muss geschrieben werden.
Hier darf nicht geraucht werden.
Diese Tür darf nicht geöffnet werden.

328
Das Passiv
3. Kein VP bilden die Wahrnehmungsverben und
lassen, die mit einem Inf. ohne zu vorkommen.
Die Mutter sieht/hört den Sohn kommen.
Die Muter hat den Sohn kommen sehen/hören.
*Der Sohn wird (von der Mutter) kommen
gesehen/gehört.

329
Das Passiv
4. Die Bildung des VP ist bei den reflexiven
Verben nicht möglich:
Sie bedankt sich für das Geschenk.
→ *Es wird von ihr für das Geschenk bedankt.
Sie wäscht sich.
→ *Sie wird von sich gewaschen.

330
Das Passiv
5. Kein VP bilden die Mittelverben:
a) Verben des Besitzens: bekommen, haben,
besitzen, erhalten, ...
b) Verben, die geistiges Besitzen bezeichnen:
wissen, kennen, ...
c) Verben, die Betrag, Gewicht, Menge usw.
bezeichnen: betragen, kosten, wiegen,
beinhalten, umfassen, es gibt, ...

331
Das Passiv
6. Intransitive Verben der Fortbewegung bilden
kein VP:
gehen, fahren, reisen, reiten, fliegen, laufen, ...
Sie fliegt nach Wien.
→*Es wird von ihr nach Wien geflogen.
7. Auch intransitive durative Verben: atmen,
brennen, blühen, … haben kein VP:
Der Wald hat gebrannt.
→* Es wird vom Wald gebrannt.
332
Das Passiv
Anschluss des Agens:
Im VP wird das Agens als Präp.-Phrase mit von/durch ausgedrückt:
von bezieht sich auf den Urheber (einen Menschen/eine Institution als
selbsttätige Größen, von denen eine Tat ausgeht)
durch bezieht sich auf den Vermittler oder das Mittel oder auf
Gegenstände und Ereignisse, die ein Geschehen
verursacht/ausgelöst haben.
Ich wurde von meinem Freund durch einen Boten verständigt.
Das Schiff wurde von einem Flugzeug durch Bomben zerstört.
(Helbig/Buscha 2001: 153)

333
Das Passiv
Wenn sich durch auf das Mittel bezieht, ist es duch mit
ersetzbar:
Ich wurde von meinem Freund mit einem Boten verständigt.
Das Schiff wurde von einem Flugzeug mit Bomben zerstört.
Nur das von-Prap.-Obj. entspricht dem Subjekt im Aktivsatz:
Mein Freund verständigte mich durch einen Boten / mit
einem Boten.
Das Flugzeug zerstörte das Schiff durch / mit Bomben.
(Helbig/Buscha 2001: 154)

334
Das Passiv
Wenn im Passivsatz nur ein Präp.-Obj. vorkommt, besteht
kein wesentlicher Bedeutungsunterschied zwischen von
und durch:
Er wurde von den Freunden überzeugt.
Er wurde durch die Freunde überzeugt.
Die Straße wurde von dem Regen überschwemt.
Die Straße wurde durch den Regen überschwemmt.
(Helbig/Buscha 2001: 153)

335
Das Passiv
Der Unterscheid zwischen dem von-Objekt und
dem durch-Objekt besteht in der Betrachtungs-
perspektive/Interpretation des Geschehens:
a) Das Gesetz wurde vom Bundestag erlassen.
b) Das Gesetz wurde durch den Bundestag
erlassen.
In a) wird der Bundestag als Urheber (selbsttätig
entscheidende Große), in b) als „Abstimmungs-
maschinerie“ („Mittel“ zur Vollbringung einer Tat)
angesehen. (vgl. Engel 1996: 455)
336
Das Passiv
Doppeldeutig sind Sätze, die beide Interpretationen
zulassen:
Der Brief wurde durch den Boten geschickt.
(der Bote kann entweder Sender oder Überbringer
sein)
Der Bote schickte den Brief.
Man schickte den Brief durch einen Boten / mit einem
Boten. (vgl. Helbig/Buscha 2001: 154)

337
Das Passiv
Semantischer Unterschied zw. Akt. und VP:
Aktiv: Er beleidigt sie. VP: Sie wird (von ihm) beleidigt.
Aktiv: Er gibt ihr eine Blume. VP: Eine Blume wird ihr (von ihm)
geschenkt.
Sem. Strukt: Patiens = lebende, reaktionsfähige Größe
Objekt = nicht lebende, nicht reaktionsfäh. Größe

Akt.: synt.Strukt. Subjekt Akk.-Obj. Dat.-Obj.

Akt: sem.Strukt. Agens Patiens/Objekt Adressat

VP: synt. Strukt Subjekt Präp.-Obj. Dat.-Obj.


VP: sem. Strukt. Patiens/Objekt Agens Adressat

338
Das Passiv
Von einem Teil der transitiven Verben, die ein VP bilden,
kann ein ZP gebildet werden. Das ZP kann gebildet
werden, wenn ein VP möglich ist und wenn das Verb den
Übergang zu einem neuen Zustand bezeichnet:
Der Brief wird unterschrieben.
→Der Brief ist unterschrieben.
Der Schauspieler wird bewundert.
→ *Der Schauspieler ist bewundert.
Ausnahmen: Damit ist ihm nicht geholfen.(intrans.Verb)
Das war gewollt. (ein VP von wollen als Vollverb ist kaum
akzeptabel)
339
Das Passiv
Das ZP ist möglich bei: verletzen, verbinden,
nähen, abschneiden, verabschieden, erlassen,
kämmen, waschen, schreiben, öffnen,
schließen,...
Das ZP ist nicht möglich bei: bewundern, loben,
betrachten, befragen, beglückwünschen, zeigen,
...

340
Das Passiv

Das Aktiv drückt nicht immer eine Tätigkeit, und


das Passiv ist nicht immer eine „Leideform“.
Das Kind schläft.
Sie wohnen in Skopje.
Sie wird bewundert.

341
Das Passiv
Aktiv und Passiv bezeichnen denselben Sachverhalt. Sie
unterscheiden sich durch eine verschiedene
Perspektivierung des Sachverhalts, durch eine verschiedne
Blickrichtung auf das Geschehen. Das Aktiv beschreibt den
Sachverhalt agensorientiert, das Passiv lässt ihn als nicht
agensorientiert erscheinen. Der Sprecher verwendet das
Passiv, wenn er das Agens nicht nennen kann oder will.
Wenn er das Agens doch ausgedrückt, wird es
kommunikativ als wesentliche Inform. empfunden, da dieses
Satzglied in Rhema-Position (nach dem fin.Verb) steht.
Das Hemd wird (von ihm) gebügelt.

342
Das Passiv

Rhema ist die neue Information im Satz. Die


bereits bekannte Information heißt Thema. Das
Thema steht oft (aber nicht immer!) links vom
fin. Verb und ist oft (jedoch nicht immer!) das
Subjekt:
Sie (=Thema) kaufte ein Buch (=Rhema). Es
(=Thema) kostete 20 Euro (=Rhema).

343
Das Passiv
Prozessual Agensorientiert
Aktiv + +
VP + -
ZP - -
Das Aktiv und das VP bezeichnen denselben Sachverhalt unter
verschiedenen subjektiven Perspektiven: agensorientiert (Aktiv) oder
prozessual (VP). Das ZP unterscheid sich jedoch objektiv vom Aktiv und
vom VP: es bezeichnet nicht – wie diese – ein Geschehen/einen Prozess,
sondern einen Zustand als dessen Resultat.
VP und ZP im selben Tempus können nicht zugleich wahr sein:
Aktiv: Der Tourist schreibt den Brief
VP: Der Brief wird (von dem Touristen) geschrieben.
ZP: *Der Brief ist geschrieben. (Der Satz ist gramm. korrekt, er entspricht
jedoch zeitlich nicht dem Aktiv und dem VP)
Aktiv: Der Tourist hat den Brief geschrieben
VP: Der Brief ist geschrieben worden.
ZP: Der Brief ist geschrieben. 344
Das Passiv: Abgrenzung
Abgrenzung gegen anderen Konstruktionen:
1. Allgemeine Zustandsform (sein + Part. II):
Milch ist in der Flasche enthalten.
Das ZP und VP sind nicht möglich:
Milch wird/ist von der Flasche enthalten.
Vgl. das Aktiv:
Die Flasche enthält Milch.

345
Das Passiv: Abgrenzung
2. Zustandspassiv
Die Tür ist geöffnet. (Präs.)
3. Adjektivisches Prädikativ:
Die Tür ist offen. (Präs.)
Der Mann ist begabt. (Präs.)
Das Wort begabt wird als Adjektiv angesehen, weil es
keine Verbformen gibt, die mit ihm in Beziehung
stehen.
Vgl.: *Der Mann ist begabt worden. (VP, Perf.)
*Der Mann begabt. (Aktiv, Präs.)
346
Das Passiv: Abgrenzung
4. Perf.Aktiv:
Die Frucht ist gereift.
Die Frucht reift. (Präs. Akt.)
5. Zustandsreflexiv:
Das Buch ist nur zum Zeitvertreib geeignet.
Das Buch eignet sich nur zum Zeitvertreib. (Präs. Akt.)
Das Subj. des ZR entspricht dem Subj. des Aktivs (und
nicht dem Akk.-Obj. wie beim VP)
Vgl. auch: Er ist verliebt. Sie ist erholt.

347