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© Kujamäki 2020/ KFUG

VO Einführung in die Translationswissenschaft


Teil 7B

Descriptive Translation Studies


(DTS)
Normen? Übersetzung ist
‚Rewriting‘?
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Normen?
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Normen auf der Spur: Top-down-


Analysen
• Analyse zielkultureller Diskurse über Übersetzungen und
Übersetzen; Bedeutung von literarischen Übersetzungen in
der Zielkultur – Offenheit vs. Geschlossenheit des
literarischen Systems
• Analyse: Auswahl der im gegebenen historischen Kontext
übersetzten Texte?
• Analyse der ausgewählten Übersetzungen >
translatorische Beziehungen und Verschiebungen
(translation relationships; shifts ) als potentielle Zeichen für
Auswirkungen des Diskurses auf die Übersetzung
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Normen auf der Spur: Bottom-up-


Analyse
• Analyse von (kleineren) sprachlichen Einheiten 
translatorische Beziehungen und Verschiebungen
(„shifts“)
• Kontextualisierung der Befunde, d.h. Verknüpfung mit
zeitgenössischen Diskursen über Übersetzung 
Kausalitäten  Hypothesen über Normen als Strukturen,
die die Translation in der Zielkultur gesteuert haben
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• Vergleichsmöglichkeiten
• Übersetzungen (von einem Ausgangstext oder mehreren
Ausgangstexten) miteinander,
• Mehrere Übersetzungen einer/eines Übersetzers/Übersetzerin von
einem Ausgangstext
• Übersetzungen mit den Texten derselben Textgattung in der Zielsprache
(die also nicht durchs Übersetzen entstanden sind),
Normen auf der • Übersetzungen in der Sprache B mit Übersetzungen in anderen Sprachen
Spur: Schritte C, D etc. sowie
• Übersetzungen mit ihren Ausgangstexten

• Beobachtet werden translatorische Beziehungen / Verschiebungen („shifts“), die


Regelmäßigkeiten in der Performanz (von der gesamten Kompetenz) erschließen
lassen.

• Regelmäßigkeiten sind Hinweise auf die Funktion von Normen  Kontextualisierung


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Drei Ebenen der Analyse in DTS


(vgl. Pym 2010: 71 in Anlehnung an Delabastita 2008: 234)

(1) Systemebene: Gesamtmenge Es ist grundsätzlich möglich, für jedes Translationsproblem oder
der theoretisch möglichen jeden Ausgangstext eine Reihe von möglichen oder theoretischen
Übersetzungslösungen und Übersetzungslösungen zu definieren.
Kompetenzen (“könnte”)

Auf der Ebene der Normen wird ein Teil der Lösungsmöglichkeiten
(2) Normebene: empfohlen oder sogar als Lösungen vorausgesetzt, mit denen
kulturgebundene “eigentliche” Übersetzungen hergestellt werden, wogegen andere
Einschränkungen (“sollte”) Möglichkeiten ausgeklammert oder einfach ignoriert werden.

Auf dieser Ebenen können die konkreten Lösungen im jeweiligen


(3) Ebene der Performanz: kulturellen Kontext analysiert werden. Die Performanz
empirische translatorische Praxis materialisiert eine Subkategorie der theoretischen Möglichkeiten.
(“ist”) Ihre Frequenz ist ein Zeichen für die Funktion einzelner Normen in
dieser kulturellen Situation.
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Beispiel: Fin. Seitsemän veljestä in den deutschen


Übersetzungen – ein Vergleich
• Vergleichender Blick auf 1930 Übersetzungen von Realienbezeichnungen in neun Übersetzungen zwischen
1921-1989; Analyse von Übersetzungslösungen nach folgenden Kategorien:
a) Fremdwortübernahme
• Die Sauna, das Puukko (“Messer”), Namen, das Metsola
Systemebene

b) Lehnübersetzung
• Fin. Sonni[-]mäki > Stier[-]hügel (Ortsbezeichnung), Fin. saunaparvi > Dt. Badestuben/Sauna[-]pritsche
c) Erklärendes Übersetzen
• Fin. Metsola > das Reich des Waldes, Fin. vihta > Dt. Birkenquast
d) Analogieverwendung
• Fin. Metsola >Dt. Wald; Fin. tuulenpesä > Dt. Hexenbesen; Fin. ilves > Dt. Luchs
e) Hyperonymische Übersetzung Systemebene – die
• Fin. Turku > Dt. Stadt; Fin. Varis (“Krähe”) > Dt. Vogel
Ebene der
f) Kohyponymische Übersetzung
• Fin. Varis “(“Krähe”) > Dt. Rabe; Fin. pyllimakkara > Dt. Thüringer Bratwurst potentiellen
g) Assoziative Übersetzung Vorgehensweisen
• Fin. “kas tuota kiiskiä” (‘Sieh mal den Kaulbarsch an’) > Dt. Sieh mal den Zappelphilipp an
h) Auslassung
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Beispiel: Fin. Seitsemän veljestä in den deutschen


Übersetzungen – Profile/Performanz
Übersetzung A-C (AT/AS-orientiert) % D % “Neutral” E-H (ZK/ZS-orientiert) %
AK/GS 1921 30 52 18
AK/GS-AK 1980 32 54 14
AK/HHB 1935 20 29 51
AK/RÖ 1942 29 39 32
AK/RÖ 1962 42 47 11
AK/ES 1950 33 44 23
AK/JG 1961 15 27 58
AK/EFS 1989 40 36 24

Ebene der Performanz – Große


Unterschiede im tatsächlichen
Gebrauch unterschiedlicher
Vorgehensweisen
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Normen haben eine regulierende


Funktion
Toury fasst Normen als Verhaltensmodelle auf, die der Regelung des gesellschaftlichen
Zusammenlebens dienen; sie sind Anweisungen, Verhaltensvorschriften, die für bestimmte
Gemeinschaften vorschreiben, was richtig und falsch bzw. verpflichtend und verboten ist:
• “[T]he translation of general values or ideas shared by a community - as to what is right and wrong,
adequate and inadequate - into performance instructions appropriate for and applicable to particular
situations, specifying what is prescribed and forbidden as well as what is tolerated and permitted in a
certain behavioural dimension.” (Toury 1995: 55)
• „Die Leistung der Norm besteht darin, unter der Fülle des Möglichen, das aus einem System
hergeleitet werden kann, eine begrenzte, entscheidbare Auswahl verbindlich zu machen.“ (Turk
1992: xi)

Übertragen auf Translation: Normen besagen, welche Texte (nicht) übersetzt werden können und
wie diese Texte (nicht) übersetzt werden können:
• “Generally speaking, norms articulate what is ‘sayable’ in a particular situation and what remains, on
the contrary, ‘unsayable’. In other words: What has to be said, what may be said, what must
definitely not be said. In the specific case of translation, norms state what specific texts are
(un)translatable und how they ideally should (not) be translated.” (De Geest 1992: 38)
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Initial norms Preliminary norms Operational norms


(Initialnormen; (Vornormen; (Operativnormen;
Ausgangsnormen) vorbereitende N.) operationale N.)

Normenkonzept nach Adequate translation


(Ädaquatheit; primäre
Translation policy Matricial norms

Toury
(Translationspolitik (Matrixnormen)
Orientierung am AT)

Acceptable translation
Directness of Textual-linguistic norms
(Akzeptabilität in Bezug
translation (Direktheit (Textlinguistische
auf zielkulturelle und –
der Übersetzung) Normen)
sprachliche Normen)
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Normenkonzept nach Chesterman (u.a. 1997)

Social norms (soziale Normen)

Ethical norms (ethische Normen)

Expectancy norms (Produktbezogene Normen)


Professional norms (Prozessbezogene Normen)

Technical Norms • Accountability norm (Vertrauen, Loyalität)


• Communication norm (Optimalität der Translation in Bezug auf
kommunikative Ziele)
• Relation norm (Erwartungen hinsichtlich der AT-ZT-Beziehung)
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• … fasst zusammen:

Theo Hermans
“Norms (…) operate at the intermediate level between
competence and performance, where performance refers to
the options actually selected.” (1999: 75)

(1999)… “In this social context, the norms and conventions of


translation guide and facilitate decision-making. The basic
premise is that translation, as communicative act, constitutes
a form of social behaviour. For communication to succeed
those engaged on the process need to coordinate their
actions (1999:80).
• Für Hermans sind Normen starke, präskriptive Formen
von sozialen Konventionen:
“Norms can then be understood as stronger, prescriptive
versions of social conventions. Like conventions, norms
derive their legitimacy from shared knowledge, mutual
expectation and acceptance, and the fact that, on the
individual level, they are largely internalized. […] Unlike
conventions, norms have a directive character.“ (ibid.:81)
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Strenge, • Strenge:

Reichweite,
• absolute, gesetzte Normen (Zensur; Gesetzliche Richtlinien)
• relative, sich selbst regulierende Normen

Anwendbarkeit
• Reichweite:
• allgemeine Normen
• Idiosynkrasien (persönliche Normen)

von Normen • Anwendbarkeit:


• explizit ausformulierte (Übersetzungsexterne Normen)
• implizite, rekonstruierbare Normen (Übersetzungsinterne
Normen) < Bedeutung von Regelmäßigkeiten!
• Wichtig!
• Die Erforschung von Normen wird eben gerade dadurch
erschwert, dass dem/der Forscher/in unmittelbar und direkt
nur die Produkte einer normgesteuerten Tätigkeit - primär die
Übersetzungen, sekundär aber auch die normativen
Aussagen in Vorworten, Literaturbesprechungen und
ähnlichen Quellen – zugänglich sind, nicht die Normen selbst.
(Toury 1995: 65)
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Translation als
Rewriting
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André Lefevere (1992):


Produktionsrahmen für Literatur und “Rewritings”
Auf dem Weg zur “cultural turn” in TLW
Ideologie
(“ideology”)
“Translation is, of course, a
Wirklichkeitsmodell rewriting of an original text.
(“universe of discourse”) All rewritings, whatever their
Sprache
Professionals

intention, reflect a certain


Literarisches ideology and a poetics and as
Kunstwerk X such manipulate literature to
u. “Rewritings” function in a given society in a
Poetik given way. Rewriting is
“professionals” / (“poetics”)
“Rewriters” manipulation, undertaken in
the service of power […]”
Regulierende Mechanismen innerhalb des
literarischen Systems
(Bassnett/Lefevere 1992: VII, zit. nach
Prunč 2012:288)
Patronage
Regulierende Mechanismen außerhalb des
literarischen Systems
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• Ideologie
• Weltsicht; Bündel von gesellschaftlichen Normen, Konventionen und
Idealen

• Patronage

Regulierende • Personen und Institutionen, die das Lesen, Schreiben und das
„Rewriting“ von Literatur fördern bzw. verhindern können.

Mechanismen • “the power (persons, institutions) which can further or hinder


the reading, writing and rewriting of literature” (Lefevere

außerhalb des
1992:15)
• besteht aus drei Komponenten:

literarischen
• ideologische Komponente bestimmt über die Beziehung
zwischen Literatur und dem sozialen System.
• Durch die ökonomische Komponente sichert der Patron den

Systems Lebensunterhalt des Autors und jener Personen, die an der


Publikation eines Buches beteiligt sind.
• Die Komponente des Status verleiht Prestige und Bekanntheit.
• Patrons: einzelne Personen (z.B. ein König) oder eine Gruppe von
Personen (z.B. eine politische Partei, eine soziale Klasse,
VerlegerInnen) oder auch die Medien (Fernsehen, Zeitungen,
Zeitschriften)
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• Poetik / Poetics
• Das dominante Konzept von Literatur; (u.a. ideologisch
geprägte) Auffassungen von „guter Literatur“ und von der

Regulierende
sog. gesellschaftlichen Rolle der Literatur
• Wirklichkeitsmodell / Universe of Discourse (vgl. auch
„narratives“)
Mechanismen • Kulturspezifische Diskurswelt; das, worüber man
schreiben/sprechen darf/muss oder zu

innerhalb des schreiben/sprechen pflegt (Realien, Sitten, Gebräuche,


Glaubensvorstellungen, Tabus usw.)

literarischen
• Rewritings v. Rewriters (Neu- und UmtexterInnen) und
Professionals
• Übersetzungen; Kritik (Literaturkritik, Filmkritik, etc.);

Systems Buchbesprechungen; Bearbeitungen, z.B. , Adaptationen


für Kinder; Literaturgeschichten; Nachschlagewerke;
Biografien; Zusammenfassungen; Anthologien;
Literaturverfilmungen; Produktion von Comics etc. –
insgesamt Texte, die zumindest zu einem gewissen Grad
das Original, das Image des/der Autors/in manipulieren.
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Teil 7 / Verwendete u. weiterführende Literatur:


• Chesterman, Andrew (1997) Memes of Translation. The Spread of Ideas in Translation Theory. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.
• Hermans, Theo (1985) Translation Studies and a new paradigm, in: Hermans, Theo (Hrsg.) The Manipulation of Literature. Studies in
literary translation. New York: St. Martin Press.
• Hermans, Theo (1999) Translation in Systems. Descriptive and Systemoriented Approaches Explained. Manchester: St. Jerome.
• Hermans, Theo (2006) Descriptive Translation Studies, in: Snell-Hornby, Mary et al. (Hrsg.) Handbuch Translation. Zweite, verbesserte
Auflage. Tübingen: Stauffenburg, 96-100.
• Kujamäki, Pekka (1998) Deutsche Stimmen der Sieben Brüder. Ideologie, Poetik und Funktionen literarischer Übersetzung. Frankfurt a.M.
etc.: Peter Lang.
• Kujamäki, Pekka (2001) Finnish Comet in German Skies – Translation, Retranslation and Norms, in: Target. International Journal of
Translation Studies. 13:1 (2001), 45–70.
• Lefevere, André (1992) Translation, Rewriting, and the Manipulaiton of Literary Fame. London/New York: Routledge.
• Prunč, Erich (32012) Entwicklungslinien der Translationswissenschaft. Von den Asymmetrien der Sprachen zu den Asymmetrien der
Macht. Berlin: Frank & Timme (TRANSÜD 43). [Kap.7 u. 9.1.1]
• Pym, Anthony (2010) Exploring Translation Theories. London/New York: Routledge. [Chapter 5: “Descriptions”]
• Stolze, Radegundis (1994 od. spätere, z.B. 52008) Übersetzungstheorien: Eine Einführung. Tübingen: Narr (narr studienbücher). [Kap. 8.1
u. 8.2]
• Toury, Gideon (1995) Descriptive Translation Studies and Beyond. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.