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Einführung in die Ältere

deutsche Literatur
Literatur am Hof
06.05.20
1. Gattungsmodell und Beispiele
2. Antikenroman:
Heinrich von Veldeke „Eneasroman“ (1170-1188)
 Mediengeschichte 2: Text und Bild
Gattungsmodell mhd., volkssprachlicher Literatur (ohne Prosaroman)

Epik Lyrik Drama/ Spiel

Weltliche Geistliche

Großepik Kleinepik Legende/Hagiographie Bibelepik,


Mariendichtung
Antikenroman Maere, Fabel, Bîspel, Schwank,
matière de Rome Brautwerbungsdichtung

 Trojaroman
 Alexanderroman Chanson de geste*, Karlsdichtung
 Eneasroman matière de France
* lat. gesta - Kriegstaten
Höfische Epik
Höfischer Roman

Heldenepik Artusroman Tristanroman Minne-Aventiure-Roman


„Nibelungenlied“ matière de Bretagne „Tristan“ „Flore und Blanscheflur“
„Kudrun“ „Erec“, „Iwein“, „Parzival“ „Willehalm von Orlens“
„Daniel von dem blühenden Tal“
Wiederholung Stoffkreise (Jean Bodel)
• Matière de France:  nationale Heldendichtung
(chanson de geste)
= Bearbeitung von Begebenheiten der französischen
und fränkischen Nationalgeschichte
z.B. „Rolandslied“ (Kriegszüge Karl Martells gg. Heiden)
• Matière de Rome  Antikenromane
(roman d’ antiquité)
= Bearbeitung des Stoffes um Alexander, Aeneas,
Theben und Troja
z.B. „Alexanderroman“, „Eneasroman“
• Matière de Bretagne  Artusepik
(roman courtois)
= Bearbeitung keltisch-bretonischen Erzählguts
z.B. „Erec“, „Iwein“, „Parzival“
Großepik

Antikenroman Chanson de geste Höfische Epik


matière de Rome matière de France

 Trojaroman Höfischer Roman


 Alexanderroman
 Eneasroman Artusroman
matière de Bretagne
Antikenromane
• behandeln Stoffe der antiken Literatur (v.a. lateinische und griechische
Vorlagen)
• die frz. Bearbeitungen sind Vorbilder für die dt. Antikenromane, diese
entstanden in der ersten Hälfte des 12. Jhs.
• Autoren der frz. Versepen waren lateinkundig
Autoren vermittelten also zwischen dem Wissen ihrer lateinischen
Vorlagen und einem höfischen Publikum: Könige, Fürsten, adlige
Damen
 Antikenroman höfisieren ihre Vorlagen; sind unbefangene
Umdichtungen
frz. Antikenroman vereint Elemente der nationalen chanson de geste-
Dichtung) und des höfischen Roman (neue Gattung entsteht Ende des
12. Jhs. mit Chrétien de Troyes)
 Protagonist des Antikenromans ist weder Heros noch arthurischer Ritter
 ist bestimmt durch Klugheit, Kampfkraft oder durch die Unterstützung der Götter
Antikenroman - Typen
• Roman de Thébes (altfrz. Versepos, um 1160): Geschehnisse
um Ödipus und die Stadt Theben
• Roman de Troie (um 1165)/ Trojaroman: Trojanischer Krieg
(Basis: Homers „Ilias“)
dt. Trojaroman Herborts von Fritzlar (um 1190)
dt. Trojaroman Konrads von Würzburg (um 1280)
• Roman d‘Alexandre (nach 1120)/ Alexanderromane: Heldentaten
und Orientreise Alexanders d. Gr. (spätantike Vorlagen)
 dt. „Alexanderlied“ des Pfaffen Lamprecht (um 1130)
 dt. „Alexanderroman“ des Rudolfs von Ems (um 1240)
 dt. „Alexanderroman“ Ulrichs von Etzenbach (um 1285)
• Roman d‘Eneas (um 1160)/ „Eneasroman“ Heinrichs von Veldeke
(abgeschlossen 1187/89): Flucht aus Troja und Gründung Roms
(Quellen: Vergils „Aeneis“  frz. „Roman d‘Eneas“)
Heinrich von Veldeke (Autor, biografisch)
• maasländischer Dichter des 12. Jhs. im deutsch-
französischen Kontaktraum
 Veldeke: vermutlich ein Dorf westlich der Maas, in der Nähe
des Dorfes Hasselt
 Umgebung von Maastrich (Domstift St. Servatius)
 vgl. Servatiuslegende, diese wurde im Auftrag der Gräfin
Agnes von Loon und auf Betreiben des Maastricher Küsters
Hessel geschrieben
13. Jh.: ein Geschlecht de Veldeke ist als Ministeriale der
Grafen von Loon bezeugt (Ministeriale: ursprünglich unfreier
Verwalter und Ritter im Dienst des Adels, ab 13. Jh.: niedere
Schicht des Adels)
Heinrich von Veldeke: Werke
• Minnelieder (Bezug zur
Troubadour- und Trouvèrelyrik und
zur lateinischen Lyrik)
• Servatiuslegende (lat. Vorlage)
• Eneasroman (basiert auf frz.
Vorlage, um 1160, und auf der
Kenntnis von Vergils „Aeneis“)
 höfisierter Antikenroman

 rechts: Manessische
Liederhandschrift (= Große
Heidelberger Liederhandschrift C,
= cpg 848, fol. 30r: Autorbild zu
Heinrich von Veldeke
Eingang + Epilog: Heinrich von Veldeke
– Inszenierung des Autors
Ir habet wol vernomen daz [...] V.1 Roman = fingierter Dialog zw.
Erzähler/Publikum

Nû solen wir enden diz bûch. Wer spricht? – Erzählinstanz für ein wir (Erzähler
ez dûht den meister genûch, und Publikum), Erzählinstanz ist ein meister
derz ûz der welsche kêrde, Übertrug Text aus dem Französischen ins Deutsche
ze dûte herz uns lêrde: Text = Lehre
daz was von Veldeke Heinrîch. H.v.V. = Autorinstanz* – Sprechen in 3. Person
daz is gnûgen wizzenlîch, hat eine Ruf, Geleistetes ist bekannt
daz herz tihten kunde. H.v.V. = Dichter
(V.13429-13435)

•* Name ist Autorinstanz (Stellvertreter des realen Autors im Text)


•Sprecher, der über H.v.V. spricht = Erzählinstanz (Stellvertreter des
Erzählers im Text)
•Heinrich von Veldeke wird inszeniert als bekannter Dichter und Meister, der
das Französische beherrscht, der den Text aus dem Französischen ins
Deutsche übertrug, um sein Publikum zu unterweisen
Inszenierung von Autorschaft im Epilog
Er hatte vor längerer Zeit schon/ den größten Teil verfasst/ bis
dorthin, wo Herr Eneas/ den Brief der Lavinia las,/ und wollte es
vollenden./ Es unterblieb aus einem bestimmten Grund./ Er
unterließ es wegen einer ärgerlichen Sache:/ Das Büchlein war ihm
abhanden gekommen.
Er hatte es einer Dame/ zu lesen und anzuschauen gegeben,/ ehe
es vollständig geschrieben war./ Das war die Gräfin von Kleve,/ die
freigebige, edle, großzügige,/ die fürstlich zu schenken verstand./
Ihr Leben war vorbildlich,/ wie es sich für eine Adelige verstand./

gezeigt wird, dass Roman genuin schriftlich ist


 Fragment war zur Vorablektüre bei einer Gönnerin
 Dichtung Heinrichs von Veldeke basiert auf finanzieller Unterstützung
der Margarethe von Kleve
 Dichtung basiert auf Gönnerschaft
 Autor legitimiert sich über seine Gönnerin; ihre Großzügigkeit spiegelt
sich im Text
Als der Landgraf sie heiratete,/ wurde das Buch in Kleve/ einer
Dame gestohlen, die es aufbewahren sollte/ Deshalb erzürnte sich
die Gräfin/ über den Grafen Heinrich, der es an sich genommen/
und weggeschickt hatte/ nach Thüringen, in seine Heimat./
Dort wurde die Geschichte anders geschrieben,/ als wenn sie bei
ihm geblieben wäre./ Das ist die volle Wahrheit./ Danach blieb das
Buch neun Jahre lang dem Meister Heinrich entzogen,/ so dass er
es nicht wiedererlangen konnte,/ bis er nach Thüringen kam,/ wo er
den Pfalzgrafen von Sachsen traf,/ der ihm das Buch überließ/ und
ihm auftrug, es zu vollenden./ Hätte er ihm nicht den Auftrag
gegeben,/ er hätte es nicht vollendet./ Er musste es aber auch für
den Sohn des Landgrafen Ludwig tun./ Also vollendete er es auch/
für den Pfalzgrafen Hermann [...] Denn ihm erwies er jeden Dienst
[...] V. 13429ff.

Romanfragment wird vollenden


 Dichtung ist ein Auftragswerk, das durch einen zweiten Gönner in
Auftrag gegeben und finanziert wird
Relation Autor – Auftraggeber/ Gönner zeigt Autor in einem Dienst-Lohn-
Verhältnis: Dienst (= Auftragswerk) für den Fürsten wird entlohnt
Eneasroman: Inhalt

Bei der Eroberung Trojas durch die Griechen flieht Eneas, auf Weisung der Götter,
mit seiner Familie und dreitausend Kriegern aus der Stadt, um in Italien ein neues
Reich zu gründen. Nach siebenjähriger Irrfahrt kommen die Trojaner nach
Karthago, wo die Königin Dido herrscht, die mit Eneas ein Liebesverhältnis eingeht
und sich selbst tötet, als Eneas Karthago wieder verläßt. Von der Prophetin Sibille
geleitet steigt Eneas in die Unterwelt hinab, wo ihm sein Vater Anchises verheißt,
daß aus seinem Geschlecht der Begründer Roms hervorgehen werde. In Italien
zeigt sich König Latinus bereit, Eneas mit seiner Tochter Lavinia zu vermählen und
ihn zu seinem Erben zu machen. Doch Lavinia ist bereits an Herzog Turnus
versprochen, der von der Königin favorisiert wird und der den Trojanern kriegerisch
entgegentritt. Auf Turnus‘ Seite kämpft die Amazonenkönigin Camilla, während
Eneas von dem Königssohn Pallas unterstützt wird. Beide fallen im Kampf und
werden mit großem Pomp bestattet. Der Zweikampf zwischen Eneas und Turnus
muß die Entscheidung bringen. Inzwischen sind Lavinia und Eneas in Liebe
zueinander entbrannt. Eneas besiegt und tötet den Gegner. Ein großes
Hochzeitsfest bildet den glücklichen Abschluß. (13528 Verse)

Joachim Bumke: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. Dt. Taschenbuch
Verlag, 3. Aufl., München 1996, S. 142.
Personal
• Eneas: Bruder des Gottes Cupido, Sohn der Liebesgöttin
Venus, die im Konflikt steht mit der Göttin Juno
Grund = Urteil des Paris: Episode der griechischen
Mythologie: Göttin Aphrodite (=Venus) siegt über Athene/
Minerva und Hera/ Juno als schönste der Göttinnen
• Anchises: Vater des Eneas
• Dido: Herrscherin von Karthago (erste Liebschaft)
• Prophetin Sibylla: begleitet Eneas durch die Unterwelt
• König Latinus von Laurentum, Vater der Laudine (zweite
Liebe)
• Turnus, Anwärter auf Hand der Königstochter Laudine
• Pallas: Königssohn und Mitstreiter auf Seiten Eneas‘
• Camilla: Amazonenkönigin und Mitstreiterin auf Seiten des
Turnus
Rommythos (Vergil): Die Geburt Roms aus
dem Untergang Trojas = translatio imperii

 Homer als strukturelles Vorbild


 liegt bereits dem Roman d‘Eneas zugrunde:
 Zweiteilung aus Odysee- und Ilias-Teil
Odysseeischer Teil: Vorbild für Flucht aus Troja, Irrfahrt und
Landung in Latium
Iliadischer Teil: Vorbild für Kampf um Latium
Heinrich von Veldeke ergänzt diese Zweiteilung um die beiden
Liebesbeziehungen
Minnebeziehung mit Dido (göttlich lancierte ‚tragische Beziehung‘)
Minnebeziehung mit Laudine (höfische Beziehung)
Gliederung der Handlung
1.  Zerstörung Trojas + Flucht des Eneas aus Troja (Gebot der
Götter)
2. Irrfahrt (hat Ursache im Zorn Junos) + Ankunft in Karthago
3. Dido und Eneas (Liebesgeschichte 1 [hat Ursache im Spiel von
Venus und Cupido])  Tod Didos
______________________________________________________
4. Unterweltfahrt als Zäsur (Gebot der Götter)
______________________________________________________
5. Fahrt nach Italien (Gebot der Götter) + Ankunft in Latium
6. Kampf gegen Turnus um die Vorherrschaft in Italien
7. Laudine und Eneas (Liebesgeschichte 2 [hat Ursache im
Emotionalen – topischer Minnerbeginn durch die Augen])
8. Ausblick: Bericht von der Zukunft des Eneas bis zu seinen
Nachkommen und der Geburt Jesu Christi
Vergil – Heinrich von Veldeke
• „Aeneis“ – Einteilung in 12 Bücher
• Heinrich von Veldeke streicht Buch 3, die Irrfahrten auf dem Weg
nach Karthago, und baut Buch 12 (zweite Liebesgeschichte) aus
• Proöminum der „Aeneis“ mit Einführung in Problematik (Streit der
Göttinnen) fehlt bei Heinrich von Veldeke
• Aeneas ist Spielball der Götter, hat deren Auftrag = seine
Bestimmung (Providenz) zu erfüllen
• Heinrich von Veldeke zeichnet mit Minneglück und schicksalhafter
Bestimmung einen irdischen, z.T. auch selbstbestimmten Weg ein
Providenz und Selbstbestimmung werden am Ende gleich-
gewichtet
• weltgeschichtlicher Vorgang wird auf personenbezogene Konflikte
eingeengt
statt national-röm. Pathos ständisch-höfisches Milieu
Strategien der Adaptation
• Tilgung + Umdefinition des Götterapparates
• Modellierung eines Liebesdiskurses
• Christianisierung der antiken Unterwelt
• Höfisierung der antiken Lebenswelt
• deskriptive Darstellung der translatio imperii
(Wunder des hlg. Lichts im Grabmal des Pallas,
leuchtet mehr als 2000 Jahre bis zur Zeit Kaiser
Friedrich I, Barbarossa [Untergang Trojas wird
zwischen 1334-1135 v.Chr. datiert; Kaiserkrönig
Friedrich I. in Rom 1152])
Im Grabmal des Pallas, dem einheimischen iuvenis auf Eneas‘ Seite, wird ein ewiges Licht angezündet: translatio imperii

So ging es bis zu dem Tag, das sein Vater hineingehängt hatte,


da Pallas wieder aufgefunden wurde. Als der junge Pallas
Das geschah später zu der Zeit, in das Grab gelegt wurde.
da Kaiser Friedrich, Es war ein großes Wunder,
der ruhmreiche, mächtige Fürst, daß das kostbare Licht
in Rom geweiht wurde unter der Erde
nach seiner ersten Heerfahrt, so viele Tage brannte
die er über die Alpen wo Pallas,
mit vielen gerüsteten Kriegern wie wir genau wissen
in das Land der Lombardei mehr als 2000 Jahre gelegen hatte,
[unternommen hatte. bis man Pallas fand,
Danach fand man den Kämpfer. und noch immer unverbrannt war.
Pallas im Grab, Als man die Gruft ausgrub, [...],
von dem wir erzählt haben. und der Wind hineinblies [...],
Das ist nicht erfunden da erlosch es durch den Wind.
damals brannte immer noch das Licht (8375ff.)
Eneasroman, heroische und höfische
Aspekte
• weist heroische Züge auf, aber: Krafttaten stehen
kalkuliertem Verhalten, Suche nach Rat gegenüber
• Tod (Pallas, Camilla, Turnus) ist nicht heroische Erfüllung,
sondern persönliche Katastrophe
• Dido und Lavinia sind Gegensätze, Lavinia als höfische
Minnedame, auch Eneas verändert sich entsprechend
ist am Ende nicht mehr besiegter Flüchtling, sondern
siegreicher Gründer, besiegt von der Liebe
 Ist kein statischer Heros: muss sich stets bewähren
• heroische Tugenden stehen neben höfischen
Wertvorstellungen
 Zeichnung des Eneas: auf dem Weg zum höfischen Ritter
 Mediengeschichte 2:
Relation Text und Bild im Überblick
• in der Antike stehen Bild und Text in ihrer Wirkung nah beieinander, wurden als
Nachahmungen begriffen, als Abbildungen, bloßer Schein
• im Mittelalter war Literatur Belehrung und Unterhaltung, zielte darauf ab, Publikum
vom Gesagten zu überzeugen (= rhetorisches Ziel)
Bild und Text tragen i.d.R. beide zur evidentia einer Sache bei durch
Veranschaulichung, Exemplifizierung, Detaillierung der dargestellten
Gegenstände
in der Aufklärung stand die mediale Differenz von Dichtung und Bildkunstwerk im
Vordergrund; basierte auf Vorstellung einer je anderen Wirksamkeit (Gedanke
wurde zentral ausgearbeitet durch Gotthold Ephraim Lessings in seinem
„Laokoon“); differenzierte wie folgt:
Dichtung als Zeitkunstwerk: aneinandergereihte Worte erzeugen Vorstellungsbild
Malerei als Raumkunstwerk: Ähnlichkeit von Abbild und Abgebildetem ist
unmittelbar evident
• in der Postmoderne wurde die Wirkmächtigkeit von Bildern wiederentdeckt
spiegelt sich in Vorstellung von einer Visual Culture  forschungsgeschichtliche
Hinwendung zum Bild wurde durch sogenannten pictorial bzw. iconic turn
eingeleitet (Wende zum Bild, zum ikonischen Zeichen)
Funktionen
•Bild und Text tragen i.d.R. zur evidentia eines dargestellen
Gegenstandes, eines Themas bei
Veranschaulichung, Exemplifizierung, Detaillierung
mögliche Funktionen von in eine Handschrift integrierten Miniaturen:
• Bilder gliedern einen Text
• Bilder repräsentieren (vergegenwärtigen) dargestellten Stoff des
Textes oder eine Handlungsabschnitt
• Bilder ermöglichen den Zugang zum Text, indem sie einen Sinn
vorgeben
• Bilder erzählen (detaillieren) eine im Text nur verkürzt dargestellte
Handlung
 Vgl. Christel Meier, Typen der Text-Bild-Lektüre. Paratextuelle Introduktion – Textgliederung
– diskursive und repräsentierende Illustrationen – bildliche Kommentierung –
diagrammatische Synthesen, in: Lesevorgänge. Prozesse des Erkennens in mittelalterlichen
Texten, Bildern und Handschriften, hrsg. v. Eckart Conrad Lutz, Martina Backes und Stefan
Matter, Zürich 2010, S. 157-181
Heinrich
von
Veldeke:
Eneit,
SBPK,
Ms. germ.
oct. 109,
(um 1230)

Dido hat sich ins Schwert (des Eneas) gestürzt: Owi iamerliche not. durch eneasen lid ih disen
tot. Im Feuer liegen Schwertscheide, Horn und Ring (des Eneas); unten: Wahrsagerin und
Schwester der Dido, Anna, spähen durchs Fenster der verschlossenen Tür
Tür von Diener aufgebrochen, Wahrsagerin steht in der Tür, Anna: Nu muz ih wol von schulden chlagen.
daz ir iuh so von minnen habt erslagen. unten: Deckel wird auf Sarkophag gelegt, Anna steht hinter dem
Sarkophag
Lavinia schreibt (Eneas) einen Brief: Lavine diu chuniginne. enbutet enee dienist und minne.;
unten: Lavinia: Wil du iemer lon von mir haben. schiuoz di strale under di in dem graben.; ein
Schütze: Daz wære mir angistlich zetuon, wan iz ist fride und suon.
Wolfram von Eschenbach,
Parzival, Bayerische
Staatsbibliothek München, cgm
(codex germanicus monacensis)
19 (um 1250)
Heinrich von Veldeke: Eneit
UB Heidelberg, cpg 403, fol. 69v u. 63v (ca. 1419)
Sigenot, UB Heidelberg,
cpg 67,um 1470

Einführung in die germanistische


09/20/2021
Mediävistik
Text-Bild-Relationen in ma. Handschriften
• zu unterscheiden sind mindestens drei Formen:
1.in Handschrift eingefügte Lagen* mit Doppelminiaturen (Bsp. Berliner
„Eneit“) oder Miniaturen in Registern (Bsp. Münchener „Parzival“)
hinzutreten können Spruchbänder, die direkte Rede der dargestellten
Figuren wiedergeben
hinzutreten können auch sogenannte Beischriften, die Figuren oder
Architekturelemente benennen
2.Miniaturen gehen Text regelmäßig voraus, illustrieren den Text der
Seite (Bsp. „Sigenot“)
3.Miniaturen sind in den Fließtext eingefügt und durch eine farblich
abgesetzte Bildüberschrift erklärt (Heidelberger „Eneit“)

* Eine Lage bezeichnet ineinandergelegte Doppelblätter, die zusammengeheftet


werden; i.d.R. besteht eine Lage aus vier Doppelblättern.