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Jörg Böckem

Lass mich die


Nacht überleben
Mein Leben als
Journalist und Junkie

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»Ich sah alle 90 Sekunden auf die Uhr. Die Rückreise nach dem
Interview war eine Tortur. Eineinhalb Stunden würde ich noch warten
müssen – auf den nächsten Schuss. Drogensucht macht die Zeit zum
Feind. Doch wenn es etwas gab, das ich noch mehr fürchtete als die
Entzugsqualen, dann war es, meinen Job zu verlieren. Mein
bürgerliches Leben als erfolgreicher und angesehener Journalist.«

ISBN: 3-421-05775-3
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt München
Erscheinungsjahr: 2. Auflage 2004

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!


Buch

Er ist Journalist, schreibt seit den Neunzigern für die


renommiertesten deutschen Zeitungen und Magazine. Und
er ist ein Junkie. Im Alter von 14 Jahren hat er sich in den
Drogenrausch verliebt, damals in der nordrhein­
westfälischen Kleinstadt. Haschisch, LSD, Kokain und
Heroin. Mit 19 bringt ihn seine Heroinsucht zum ersten
Mal ins Gefängnis, mit 33 versucht der Journalist im
Drogenrausch seine Freundin zu erwürgen. Der Autor
erzählt von seinem Doppelleben als Journalist und Junkie:
von Verzückung und Verzweiflung, Haft und Hepatitis,
Partys und Porno-Dreh, Karriere und Koma, Abstinenz
und Absturz. Er durchbricht sein zehnjähriges Schweigen
und ein gesellschaftliches Tabu. Wie viele
andere Drogensüchtige, die im Beruf Erfolg haben und
weiter funktionieren, hat er ein Doppelleben geführt. Ein
Leben mit der Sucht – zerfressen von Versagensangst,
Scham, Selbsthass und der ständigen Gier nach Drogen.
Die Geschichte einer doppelten Karriere.
Autor

Jörg Böckem schlug sich nach dem Abitur als Schreiner,


Metzger, Waldarbeiter, Germanistikstudent, Aktmodell,
und einiges mehr durch. Seit den neunziger Jahren arbeitet
er als freier Journalist unter anderem für »Tempo«,
»jetzt«, »Die Zeit«, »Der Spiegel«. Seit drei Jahren führt
der Autor ein Leben ohne Sucht.
Für meine Eltern
»I need excitement, oh I need it bad
And it’s the best I’ve ever had
I wanna hold her wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night«

The Undertones 1978


Hamburg 1999

Draußen an der Tür zu meinem Büro klopft jemand. Es ist


ein schnelles, flüchtiges Klopfen. Die Tür öffnet sich, es
ist Runhild, die Sekretärin. »Oh, entschuldige«, sagt sie,
»ich dachte, du bist zu Tisch. Ich wollte nur Bescheid
geben, dass die Konferenz auf 15 Uhr verschoben worden
ist. Lass dich nicht stören.«
Sie ahnt nicht, wie sehr sie mich tatsächlich stört. Ich
sitze mit dem Rücken zur Tür an meinem Schreibtisch im
dritten Stock des Hamburger »Spiegel«-Gebäudes, in der
rechten Hand halte ich ein Feuerzeug und in der linken
einen rußgeschwärzten Suppenlöffel mit einer
dampfenden braunen Flüssigkeit darauf. Unter der
Tischplatte koche ich gerade mein Heroin auf. Ohne mich
umzudrehen, schiebe ich den Löffel vorsichtig hinter einen
Zeitschriftenstapel, den ich vorsorglich auf meinem
Schreibtisch platziert habe. Sorgsam darum bemüht, meine
Hände vor ihren Blicken abzuschirmen. Dann erst drehe
ich mich um.
»Alles klar, vielen Dank«, antworte ich und lächele ein
wenig verkrampft. Schweiß steht auf meiner Stirn, meine
Stimme zittert, ich hoffe, dass sie nichts merkt. Sie gibt
mir einen Computerausdruck mit Ort und neuem Termin
der Konferenz, auf der die Themen für die nächsten Hefte
besprochen werden sollen. Nachdem sie die Tür wieder
geschlossen hat, ziehe ich die braune Flüssigkeit in meine
Insulinspritze, umwickele den Löffel mit Klopapier und
verstecke ihn in der Schreibtischschublade.
Dezember 1999. Seit beinahe einem Jahr arbeite ich als
Pauschalist für »Spiegel Special«, das seit vergangenem
Monat »Spiegel Reporter« heißt. Ich bin unter anderem für

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den Themenbereich Film zuständig. Da ich Pauschalist bin
und kein fest angestellter Redakteur, schreibe ich meist zu
Hause. Mein Büro im Redaktionsgebäude betrete ich nur,
wenn es sich nicht vermeiden lässt. Wenn Konferenzen
anstehen, zum Beispiel. Ich hasse Konferenzen. Die schier
endlosen, ermüdenden Diskussionen um Themen, Inhalte
und Konzepte sind der unangenehmste Teil meines Jobs.
Seit beinahe einem halben Jahr spritze ich wieder täglich
Heroin, oft zusammen mit Kokain. Gebe jeden Tag 500
Mark für Drogen aus. Glücklicherweise verdiene ich gut,
meine Wohnung verlasse ich so selten wie möglich,
beschränke meine Kontakte mit den zuständigen
Redakteuren auf E-Mail und Fax und gehe erst ans
Telefon, wenn die Nachricht auf dem Anrufbeantworter
keinerlei Aufschub mehr zulässt.
In der Redaktion muss ich mich jede Minute
zusammenreißen. Niemand darf meinen Zustand
bemerken. Nehme ich zu viel Heroin, fällt es mir schwer,
die Augen offen zu halten und gerade auf meinem Stuhl zu
sitzen. Ist die Dosis zu niedrig oder dauert eine Konferenz
besonders lange, kriecht der Entzug in meinen Körper,
stinkender Schweiß bricht mir aus allen Poren, Schmerzen
wüten in meinem Darm und meinem Magen; es gelingt
mir kaum, den Durchfall und das Erbrechen zu
unterdrücken. Ich zittere am ganzen Körper.
Mit aller Kraft, die ich noch aufbringen kann, klammere
ich mich an meine Arbeit. Gleichzeitig hasse ich sie. Bei
jedem neuen Auftrag zerfrisst mich die Angst, all dem
nicht mehr gewachsen zu sein. Ich begreife selbst nicht,
wie es mir gelingt, Recherche-Reisen durchzustehen,
Interviews zu führen, Texte zu schreiben. Arbeit auf
Autopilot. Jeden Tag denke ich daran, alles hinzuwerfen.
Toter Mann spielen.
Aber ich mache weiter. Die Arbeit finanziert meine
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Wohnung, meinen Wagen und vor allem meine Sucht, sie
bewahrt mich vor der Kriminalität. Vor allem habe ich
Angst, dass mir diese letzte Sicherheitsleine aus den
Händen gleitet. Ich würde viel mehr verlieren als nur
meinen Job.
Ich schiebe die aufgezogene Spritze vorsichtig in meine
Hosentasche. Dann gehe ich auf die Toilette, vergewissere
mich, dass der Raum leer ist. Ich nehme die Kabine links
an der Wand, die am weitesten von der Eingangstür
entfernt ist. Ich schließe die Tür hinter mir, klappe den
Toilettendeckel hinunter und setze mich darauf. Ich ziehe
meinen Gürtel aus der Hose und binde meinen linken
Unterarm ab. An diesem Morgen habe ich eine Ader an
meinem linken Handgelenk entdeckt, die noch nicht
zerstört ist. Für ein oder zwei Tage werde ich sie noch
benutzen können. Normalerweise wage ich es schon seit
längerem nicht mehr, mir auf der »Spiegel«-Toilette eine
Spritze zu setzen. In den letzten Monaten ist diese
Prozedur so langwierig und blutig geworden, dass das
Risiko, aufzufallen, mir zu groß erscheint. Doch wenn ich
einen ganzen Tag in der Redaktion verbringen muss,
bleibt mir keine Wahl. Mein Körper verlangt nach der
Droge, ohne sie stehe ich Konferenzen und
Besprechungen nicht durch.
In der Redaktion rauche ich meistens mein Heroin,
entweder in meinem Büro oder auf der Toilette. Weil das
ständige Klacken, mit dem das Feuerzeug zündet, wieder
und wieder, und der eigentümlich riechende Rauch, der
aus meiner Toilettenkabine oder meinem Büro quillt,
Kollegen auffallen könnte, gehe ich meistens in der
Mittagspause auf die Toilette, wenn die anderen
Redakteure in der Kantine im Erdgeschoss sind. Trotzdem
sitze ich dort mit vor Angst rasendem Puls, horche auf
jedes Geräusch und wage kaum zu atmen, wenn jemand

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die Toilette neben mir benutzt.
Aber heute spritze ich, es dauert beinahe dreißig
Minuten, bis ich die nur einen Millimeter große Ader
treffe. Ich werde immer fahriger, mein Puls hämmert, mein
T-Shirt habe ich ausgezogen, ich bin völlig verschwitzt.
Immer wieder aufs Neue steche ich die Nadel in meinen
Arm und ziehe den Bolzen mit dem Daumen nach hinten,
hoffe sehnsüchtig, dass das Vakuum einen dünnen
Blutstrom in die Spritze zieht. Jedes Mal versiegt das Blut
schon nach wenigen Tropfen. Nach jedem vergeblichen
Versuch entferne ich die Luft aus der Kanüle, dabei
spritzen immer wieder Blutstropfen auf die Kacheln.
Endlich schießen dünne Blutschlieren aus der Ader in
die braune Flüssigkeit. Vorsichtig drücke ich den Inhalt
der Spritze in meinen Arm. Sofort breitet sich das Heroin
in meinem Körper aus, besänftigt die Schmerzen und den
Aufruhr in meinem Kopf. Ich sinke auf dem
Toilettendeckel in mich zusammen, den Rücken an die
weißen Kacheln gelehnt, und genieße einige wenige
Minuten die Entspannung. Dann säubere ich sorgfältig die
Kabine, wische alle Blutspritzer mit Toilettenpapier auf.
Jetzt bin ich für die Konferenz gerüstet.

Erkelenz 1982

Der Streifenwagen bog langsam um die Ecke, ohne


Licht. Keiner von uns sah ihn kommen. »Was machst du
denn da? Lass mich mal.« Wir drängelten uns zu dritt um
einen Süßwarenautomaten, Artur, Dieter und ich. Aus
irgendeinem Grund gelang es uns nicht, dem Automaten
mit unserem letzten Markstück eine Packung

Gummibärchen zu entlocken. Vielleicht lag es an den

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Temperaturen, eine klirrend kalte Winternacht, unsere
Finger waren in den Handschuhen steif gefroren. Oder an
den Lichtverhältnissen, an dieser Straßenecke in Erkelenz
brannte nachts um zwölf keine Laterne mehr. Oder es lag
einfach daran, dass zwei von uns total bekifft waren.
Den Abend hatten wir in einem kleinen Laden mit einem
Billardtisch, einem Flipper, einem Videospiel und rund
einem Dutzend Geldspielgeräten vertändelt, der sich
»Spielothek« nannte. Eine der wenigen Attraktionen, die
unsere Kleinstadt am Niederrhein zu bieten hatte. Ich war
gerade mal 16 Jahre alt und seit einem Jahr Stammgast.
Eigentlich hätte ich den Laden gar nicht betreten dürfen,
doch sie machten dort guten Umsatz mit Minderjährigen.
Die Playstation war noch nicht erfunden. Und solange wir
uns unauffällig verhielten und nicht zu viel Zeit an den
Geldspielgeräten verbrachten, war alles in Ordnung. Als
der Laden schloss, hatten wir uns auf dem Schulhof
unseres Gymnasiums eine windgeschützte Ecke gesucht
und Artur hatte sein Haschisch mit dem Feuerzeug erhitzt
und in eine aus einem Wasserhahn gebastelte Pfeife
gebröselt. Ich hatte das Haschischrauchen vor einiger Zeit
aufgegeben. Es war mir einfach nicht mehr bekommen,
das Haschisch bescherte mir immer häufiger
Angstzustände und Verfolgungswahn. Ich wagte mich
bekifft nicht mehr unter Menschen, weil ich dachte, jeder
würde mir meinen Zustand sofort ansehen. Ich wollte mit
niemandem reden, weil meine Zunge mir nicht mehr
zu
gehorchen schien.
In Erkelenz gab es nachts nicht viel zu tun. Nicht, dass es
tagsüber wesentlich aufregender gewesen wäre. Für die
beiden Jugendzentren, in denen wir die letzten Jahre
zahlreiche Abende am Kicker zugebracht hatten, fühlten
wir uns zu alt; außerdem öffneten sie nur an festgelegten
Tagen und schlossen früh. Für die meisten Kneipen
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fühlten wir uns nicht alt genug. Und hofften, dass wir es
niemals sein würden. Das einzige Kino der Stadt spielte
nur sehr selten Filme, die uns interessierten, und die 24-
Stunden-Tankstelle, die sich einige Jahre später zum
Zentrum des jugendlichen Nachtlebens entwickeln sollte,
war noch nicht gebaut. Der einzige Ort, an dem Artur und
Dieter ihr durch Haschisch ausgelöstes Zuckerbedürfnis
stillen konnten, war dieser Süßwarenautomat, geschickt in
der Nähe des Schulzentrums platziert.
Den Polizeiwagen bemerkten wir erst, als er hinter uns
bremste und die Beamten einen Scheinwerfer auf uns
richteten. »Was ist hier los? Nehmen Sie die Hände über
den Kopf und drehen Sie sich um!«
Die Polizisten hatten Dieter von hinten erkannt. Er hatte
sich schon im Alter von 18 Jahren als notorischer
Kleinkrimineller einen Namen gemacht, diverse Einbrüche
und Diebstähle gingen auf sein Konto. Von ihm lernte ich
später, mit welcher Methode sich Zigarettenautomaten am
einfachsten knacken ließen und wie man ohne Geld
genügend zu essen bekam, indem man die
Frischwarenlieferungen für die kleineren Supermärkte
abgriff, die damals ganz früh morgens unverschlossen im
Hinterhof abgestellt wurden. Kartonweise schleppten wir
auf unseren Fahrrädern Mokkatorten, Quark und Joghurt
weg. Dieter stellte sich bei seinen Einbrüchen oft so
ungeschickt an, dass sie ihn regelmäßig erwischten.
Einmal war er in einen Imbiss eingebrochen, hatte die
Kasse und die Geldspielautomaten geknackt und sich
anschließend über Alkohol und Lebensmittel hergemacht.
Am nächsten Morgen fand ihn der Imbissbudenbesitzer
sturztrunken und schlafend auf dem Tresen.
Dass wir nur Gummibärchen ziehen wollten, glaubten
uns die Polizisten nicht für eine Sekunde. Sie spulten die
Verhaftungsroutine ab, wie ich sie bisher nur aus »Die

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Straßen von San Francisco« kannte. Wir mussten uns an
den Wagen stellen, breitbeinig, die Hände auf dem Dach,
und wurden durchsucht. Sie fanden nichts. Also suchten
sie die Umgebung nach Tatwerkzeugen ab. »Sagt uns am
besten gleich, wo ihr die Brechstange hingeworfen habt«,
sagte der eine. »Wir finden sie eh.«
Der andere hielt den Lichtkegel seiner Taschenlampe auf
uns gerichtet und herrschte uns an. »Keine Bewegung!«
Dann legten sie uns Handschellen an und fuhren uns ins
Revier. Mein Herz raste. Ich fühlte mich großartig,
verwegen und lebendig. Und das beste war, ich hatte nicht
einmal etwas verbrochen. Sie konnten mir nichts anhaben.
Laut machte ich meiner Empörung Luft. Was für ein Spaß!
Es war das letzte Mal, dass ich mich bei einer Verhaftung
so fühlen sollte.
Als sie Artur und mich wieder laufen ließen, ungefähr
nach einer Stunde, verzogen wir uns auf einen Spielplatz,
in eine Lokomotive für Kinder, die ein wenig Schutz vor
der Kälte bot. Da sie uns kein Verbrechen nachweisen
konnten, hatten sie davon abgesehen, meine Eltern zu
informieren. Dieter hatten sie dabehalten, vielleicht
konnten sie ihm noch den einen oder anderen ungelösten
Einbruch anhängen. Artur holte seinen letzten Krümel
Dope aus der Tasche. Er hatte ihn bei unserer Verhaftung
unbemerkt in die Fingerspitzen seiner Handschuhe
geschoben. Ich klopfte ihm auf die Schulter. Dieses Mal
wollte ich auch einen Zug. Wir saßen auf dem Spielplatz,
bis die Sonne aufging.

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Das Ende der Straße

Meine Zeugung war eine Mischung aus Unfall und


Kontrollverlust aus Liebe. Nicht, dass meine Eltern mich
das hätten spüren lassen. Im Gegenteil, es sollte viele
Jahre dauern, bis mir auffiel, dass der Hochzeitstag meiner
Eltern und mein Geburtstag nur wenige Monate
auseinander lagen.
Meine Mutter war 20 Jahre alt, als sie schwanger wurde.
Damals arbeitete sie als Arzthelferin, für ein Mädchen vom
Dorf ein Aufstieg. Da sie nicht nur jung und strebsam war,
sondern auch schön, hofierten sie die jungen Männer in
der Umgebung. Ihr weiteres Leben malte meine Mutter
sich in leuchtenden Farben aus. Mein Vater war 26 und
ein einfacher Handwerker, im Alter von 14 Jahren hatte er
gelernt, aus Eisen Werkzeug zu schmieden, zwei Jahre
später hatte er sich zum Heizungsmonteur weiterbilden
lassen. Sein vornehmlicher Zukunftsplan war, meine
Mutter zu heiraten. Als meine Mutter ihn am Tag meiner
Zeugung bat, aufzupassen, sagte er »Jaja« und lies dann
doch, von Lust und Liebe übermannt, den Dingen ihren
Lauf. Einige Wochen später erfuhr meine Mutter, dass sie
schwanger war. Sie gab ihren Beruf auf, heiratete meinen
Vater und widmete ihre Zeit, ihre Energie und ihre
ehrgeizigen Zukunftspläne stattdessen ihrem Sohn.
Meine Eltern mühten sich nach Kräften. Ein großer Teil
des Einkommens meines Vaters wurde für Spielzeug oder
Familienausflüge in den Zoo und Vergnügungsparks
ausgegeben, meine Mutter bastelte mit mir in
zeitentrückter Versunkenheit oder las mir aus
Kinderbüchern vor. Als zweieinhalb Jahre nach meiner
Geburt mein Bruder zur Welt kam, entschied sie sich,

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mich nicht in die Obhut eines Kindergartens zu geben. Die
Aufgabe, ihr Kind zu erziehen, wollte sie nicht auf andere
abwälzen. Außerdem zweifelte sie daran, dass andere
diese Aufgabe mit der gebotenen Sorgfalt erfüllen würden.
Derweil schuftete mein Vater auf dem Bau. Häufig ließ er
sich von seinem Arbeitgeber auf weit entfernten
Baustellen einsetzen, kassierte Überstunden- und
Entfernungszuschläge, arbeitete bis zur totalen
Erschöpfung und kam nur an den Wochenenden nach
Hause.

Damals erhielt ich einen klar umrissenen Auftrag für


meinen weiteren Weg in der Welt. Jeder von uns bekommt
so einen Auftrag in der Kindheit von seiner Familie erteilt,
unausgesprochen meist, aber deswegen nicht minder
eindeutig und verbindlich. Vor allem auf das älteste Kind
werden die Träume, Wünsche, Erwartungen und Ängste
der jungen Eltern mit großer Kraft projiziert. Mein Auftrag
war simpel – ich sollte möglichst immer unter den Besten
sein. Der perfekte Sohn. Wie in vielen Familien der
unteren Mittelschicht zu jener Zeit fokussierte sich das
stetige Bemühen meiner Eltern um ein besseres, sprich
wohlhabenderes und gesellschaftlich respektiertes Leben
in ihren Kindern. »Ihr sollt es einmal besser haben« war
ihr Lebenscredo, und wie selbstverständlich erwarteten
sie, dass wir mit der gleichen Aufopferung diesem Ziel
nachstrebten. Aber ich sollte es nicht nur besser haben, ich
sollte es vor allem besser machen. Schließlich hatte meine
Mutter auf ihre Zukunft verzichtet. Also würde sie dafür
sorgen, dass ich auf nichts würde verzichten müssen und
an ihrer statt all die Dinge erreichte, die außerhalb ihrer
Möglichkeiten lagen.
Sie bereitete mich gründlich auf den Erfolg in der Welt
vor. Förderte meine intellektuellen und kreativen

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Interessen, soweit es ihr möglich war, und gab mir das
Gefühl, dass irgendwo in der Welt am Fuße eines
Regenbogens ein Topf mit Gold auf mich wartete. Sie
belohnte mich für jede meiner Leistungen und versuchte
alle Ambitionen zu unterdrücken, die ihr schädlich
erschienen. Meine Mutter schlug mich niemals, ließ mich
aber jedes Mal, wenn ich ihren Erwartungen nicht
entsprochen hatte, ihre Enttäuschung spüren. War sie
wütend auf mich, litt ich Qualen. Jedes ungeduldige
Stirnrunzeln, jeder böse Blick, jedes laute Wort traf mich
wie ein Stockschlag. Also mühte ich mich meinerseits
nach Kräften, ihren Vorstellungen des idealen Sohns zu
entsprechen. Ich lernte lesen, lange bevor ich eingeschult
wurde. Und in den ersten zehn Jahren meines Lebens war
ich ein gelehriger Schüler.

Meine Kindheit verlebte ich in dem kleinen Dorf, aus dem


meine Mutter stammte. Erkelenz, die nächste Kleinstadt,
ist sieben Kilometer entfernt. Bis Düsseldorf sind es
ungefähr 40, bis Köln 50 Kilometer. Mehr als anderthalb
Jahrzehnte waren diese beiden Städte für mich nur Namen
auf den Straßenschildern. Die Grenze zu den Niederlanden
dagegen ist gerade mal 10 Kilometer entfernt. Jenseits
dieser Grenze kauften meine Eltern Kaffee, Zigaretten und
Diesel. Einige Jahre später verbrachten wir die ersten
Familienferien auf einem holländischen Campingplatz.
Das Dorf, in dem ich aufwuchs, bestand im
Wesentlichen aus einer Durchgangsstraße, die zu beiden
Seiten mit einigen Dutzend Häusern und Höfen bebaut
war. Ein wenig erinnerte es mich an die Western-Dörfer,
die ich aus Fernsehserien kannte – ein Saloon, ein
Drugstore und eine Handvoll Häuser links und rechts der
Mainstreet, umgeben von Prärie und Ackerland. Der
Drugstore ein Tante-Emma-Laden, in dem wir Kinder

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unsere Kaugummis kauften, der Saloon eine verrauchte
Eckkneipe, in der mein Großvater Sonntagmorgens zum
Frühschoppen verschwand. In der Mitte des Dorfes die
Kirche, katholisch, der Glockenturm überragte alle
anderen Gebäude. Die Schule auf der anderen Straßenseite
war schon vor Jahren wegen Schülermangels geschlossen
worden. Dahinter nichts als Felder, Wiesen und ein kleiner
Wald. Statt der Pferde und Postkutschen preschten Autos
und Motorräder durch das Dorf, die Landstraße verband
einige der größeren Ortschaften in der Umgebung. Die
Bauern rumpelten mit ihren Traktoren meist über die
Wirtschaftswege jenseits dieser Straße. Sobald sie die
Hauptstraße nehmen mussten, bildeten sich hinter ihnen
lange Autoschlangen. Diejenigen Fahrer, deren
Nummernschild sie als Bewohner der größeren Städte
auswies, machten ihrem Ärger oft mit der Hupe Luft. Mir
war, als würden die Landwirte dann ganz besonders
gemächlich fahren.
Den Verkehr und die Gebäude trennte nur der Gehsteig.
Zur Straße hin zeigten die Häuser und Höfe hohe
Ziegelmauern und vereinzelt Fachwerk, darin große
Holztore, die meist geschlossen blieben und so die Tiere
und Kinder drinnen und neugierige Blicke von Fremden
draußen hielten. Die Fenster verhängten die Hausfrauen
mit schweren weißen Gardinen. Meine Eltern, mein
jüngerer Bruder und ich lebten im Haus meiner Großeltern
mütterlicherseits. Unsere Wohnung lag im ersten Stock,
das Erdgeschoss bewohnten meine Großmutter und ihr
zweiter Ehemann. Der Vater meiner Mutter war im Krieg
gefallen. Vielleicht war das der Grund dafür, dass ihr
Stiefvater, den ich ganz selbstverständlich Opa nannte, mir
immer ein wenig fremd blieb. Selbst dann noch, als er mir
Skat beibrachte und mir zeigte, wie ich aus Schnur und
Ästen Pfeil und Bogen bauen konnte.

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Meine Oma hatte das Haus nach dem Krieg gebaut, nur
mit ihrer bescheidenen Witwenrente, etwas Hilfe von
Nachbarn und Verwandten und einer Menge Schweiß.
Darauf war sie sehr stolz. Vor dem Haus hatte sie Rasen
und einige dekorative Blumen gepflanzt und mit einer
niedrigen Ziegelmauer eingefaßt; ein Vorgarten, der hier
an der viel befahrenen Straße merkwürdig deplatziert
wirkte. Da mir meine Eltern verboten hatten, in der Nähe
der Straße zu spielen, erschien mir dieser Vorgarten meine
ganze Kindheit hindurch gänzlich überflüssig.
Hinter dem Haus hatten meine Großeltern einen
Gemüsegarten angelegt, darin zogen sie Tomaten, Gurken,
Bohnen, Erdbeeren, Himbeeren und Stachelbeeren. In
ihrem Garten pflanzten und ernteten sie den größten Teil
ihrer Zeit, nachdem der Stahlbetrieb in Erkelenz meinen
Großvater mit einer Dankurkunde und einer goldenen Uhr
in Rente geschickt hatte. Als ich 15 war, starb mein
Großvater dort in seinem Garten, sein Herzschrittmacher
versagte, als er am Abend einen kleinen Spaziergang zu
seinem Gemüse unternahm. Nach der Beerdigung wurde
in derselben Gaststätte Kaffee und Kuchen serviert, in der
mein Großvater vor seinem Ableben jeden Sonntagmorgen
sein Bier getrunken hatte. Mir erschien sein Tod wenig
tragisch. Schließlich war er an dem Ort gestorben, an dem
er sich besonders wohl fühlte. Und außerdem, fragte ich
mich, hätte er mit einem Herzen, das den Anstrengungen
der Gartenarbeit nicht mehr gewachsen war, tatsächlich
weiterleben wollen? Ich an seiner Stelle hätte das nicht
gewollt. Damals dachte ich, dass so ein Ende wohl nicht
das Schlechteste war. Meine Großmutter aber war danach
nie mehr dieselbe.
Hinter dem Haus meiner Großeltern, in der Mitte des
Gartens, lag eine großzügige Rasenfläche, auf der vier
Obstbäume und eine Birke wuchsen. Für einige Jahre war

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mir diese Birke der liebste Platz der Welt. Immer, wenn
ich traurig oder wütend war, kletterte ich bis in die letzte
Astgabel oben im Wipfel, dorthin, wo mir niemand folgen
konnte, da die schlanken Äste das Gewicht eines
Erwachsenen nicht trugen. Wenn ich dort oben saß, hoch
über den anderen, die Baumkrone schaukelte leicht im
Wind, schrumpften die Dramen und Ängste, die das Leben
eines kleinen Jungen beschatten, auf Spielzeuggröße und
wirkten weniger bedrohlich.
An einem dieser Tage erteilte ich mir selbst einen
Auftrag. Nach einem Streit mit meinen Eltern war ich vor
der Ignoranz und dem Unverständnis der Erwachsenen auf
meine Birke geflüchtet und hatte dort einige Stunden auf
meiner Astgabel in der Baumkrone gesessen, empört und
wütend. Abends, vor dem Einschlafen, schrieb ich einen
Brief an mich selbst. Ich konnte nicht begreifen, dass all
die Erwachsenen, die, wie ich wusste, selbst einmal Kinder
gewesen waren, so wenig Verständnis für meine Wünsche
und Bedürfnisse hatten. Ich ermahnte mich in diesem
Brief, niemals zu vergessen, was ein kleiner Junge von
sieben Jahren so fühlt, träumt und fürchtet. Dann schwor
ich mir, niemals selbst so zu werden wie all die
Erwachsenen, die ich kannte, meine Eltern im Besonderen.
Ich steckte den Brief in einen Umschlag, schrieb mit
meiner Kinderschrift in großen Buchstaben »Achtung! Für
Jörg Böckem, erst mit 18 lesen. Öffnen bei Todesstrafe
verboten!« darauf, versiegelte den Umschlag gewissenhaft
mit rotem Kerzenwachs und grünem Isolierband und
versteckte ihn in meiner Spielzeugkiste. Der Brief ging im
Laufe der Jahre verloren, die Botschaft nicht.

Auf der anderen Straßenseite, ungefähr 200 Meter vom


Haus meiner Großmutter entfernt, lag der Bauernhof
meiner Urgroßeltern. Dort war meine Großmutter

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aufgewachsen. Ihre Eltern waren tot, der Hof wurde
mittlerweile von ihrer jüngeren Schwester und deren
Mann bewirtschaftet. Meine Großtante und mein
Großonkel hatten keine Kinder, ein großes Unglück für
einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb. Und ein
großes Glück für meinen Bruder und mich. Es gibt kaum
einen spannenderen Ort für kleine Jungs als einen
Bauernhof, wir tobten durch Ställe und Scheunen, ritten
auf Schweinen, Kühen und Pferden, tollten mit den
Hofhunden und versuchten die verwilderten Katzen zu
zähmen, was meist mit blutigen Striemen und Tränen
endete. Als ich älter wurde, lernte ich Traktor fahren. In
den Ferien halfen mein Bruder und ich bei Saat und Ernte
und besserten so unser Taschengeld auf. Mein Großonkel
war Herr in seinem kleinen Reich. Zusammen mit meiner
Großtante erledigte er alle anfallenden Arbeiten, er wusste
genau, wann die Ferkel von ihrer Mutter entwöhnt werden
mussten und wann das Getreide reif war, erledigte kleinere
Reparaturen und hatte für alle Schwierigkeiten auf einem
Bauernhof eine Lösung und auf alle meine Fragen eine
Antwort. Ich bewunderte und liebte ihn dafür. Dass er
herrisch und launisch war, verzieh ich ihm. Und dass er
strammer CDU-Wähler war, wurde erst zum Problem, als
ich im Alter von 13 Jahren meine Haare wachsen ließ und
offen mit den Grünen sympathisierte.
Ich spielte ganze Tage auf dem Bauernhof meines
Großonkels und in den umliegenden Wäldern, zusammen
mit meinen Freunden baute ich Bretterbuden in den
Bäumen und tiefe Höhlen im Stroh. Die ganze Welt war
mir ein einziger Spielplatz. Am Baggersee bliesen die
älteren Jungs Frösche auf, bis sie anschwollen und
platzten. Später inhalierten wir dort den Rauch der ersten,
verbotenen Zigaretten, bis unsere Gesichter die Farbe der
Frösche annahmen. Doch davon ließ ich mir den Spaß

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nicht verderben.
Immer, wenn mich das Wetter oder eine Grippe von den
Wiesen und Wäldern fernhielt, las ich. Ich verschlang
»Robin Hood«, »Tom Sawyer & Huckleberry
Finn«,
»Robinson Crusoe«, »Reise zum Mittelpunkt der Erde«,
und was mir sonst noch an Abenteuergeschichten in die
Hände fiel, Comics mit Batman und Spiderman, der
damals noch »Die Spinne« hieß, Romanhefte um den
Geisterjäger John Sinclair. Ich lauschte völlig gebannt
Hörspielplatten von EUROPA, »Winnetou«, »Der Schatz
im Silbersee«, »Siegfried und die Nibelungen«, allesamt
vorgetragen von Hans Paetsch, dessen Stimme mich noch
Jahrzehnte später rühren sollte, als ich im Auftrag des
»kulturSpiegel« ein langes Interview mit ihm führte. All
diese Geschichten erfüllten mich mit einer tiefen
Sehnsucht nach Aufregung und Abenteuer. Mit einer
Sehnsucht nach einem Leben, das bald nichts mehr mit
dem zu tun haben würde, wie es sich meine Eltern für
mich erträumten.
Die Bücher waren nur der Anfang. »Raumschiff
Enterprise« und »Arpad, der Zigeuner« im Fernsehen
folgten, verwegene Weltraumcowboys, die dahin gingen,
wo nie ein Mensch zuvor gewesen war. Arpads rassige
Zigeunerfreundin, die erste Frau, in die ich mich so heftig
verliebte, dass ich wie im Fieber war. Ein neues,
wunderbares Fieber, von dem ich nicht genug bekam.
Bruce-Lee-Filme in unserem zwei Kilometer entfernten
Provinzkino, danach flog ich nach Hause und trat
schattenhafte Gegner durch die Luft. Nichts hätte in der
Dunkelheit lauern können, dem ich mich nicht gewachsen
fühlte. Die ersten Singles aus der Musikbox meiner Eltern,
»Ticket to Ride« von den Beatles und »Kenn ein Land«
von dem wilden
fremden, deutschen Country-Sänger
Orten und Gefühlen Ronny,
träumendie mich von
ließen.

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Später meine ersten eigenen Platten, The Sweet und
Smokie, dann AC/DC und Blondie, die verführerische
Kraft von Wut und Ekstase. Debbie Harry, die erste und
einzige Sängerin, in die ich mich je verliebte. Dass sie
heroinabhängig war, wusste ich damals nicht.

Als ich sechs Jahre alt war, hatten meine Eltern mit den
Bauarbeiten an ihrem Bungalow in einem neu
erschlossenen Wohngebiet in dem Nachbarort begonnen,
in dem ich eingeschult worden war, ungefähr zwei
Kilometer vom Haus meiner Großmutter entfernt. Zwei
Jahre später zogen wir dort ein. Nach und nach veränderte
sich mein Leben. Im ersten Jahr fuhr ich noch beinahe
täglich mit dem Fahrrad zu den Spielplätzen meiner frühen
Kindheit. Irgendwann wurde mir die Entfernung lästig.
Ich fand neue Freunde, mit denen ich auf Parkplätzen
Rollschuhhockey spielte, und neue Wälder, in denen wir
Baumhütten zimmerten. Außerdem nahm die Schule mich
mehr und mehr in Anspruch. Seit meiner Einschulung
waren die Erwartungen meiner Mutter immer konkreter
geworden. Meine schulischen Leistungen standen von nun
an im Mittelpunkt ihres Interesses. Glücklicherweise
machte mir die Schule keine nennenswerten Probleme. Ich
hatte Spaß daran, täglich etwas Neues zu lernen, die
Hausaufgaben erledigte ich schnell. Und für jedes
Zeugnis, das mich als Klassenbester auswies, wurde ich
von meiner Mutter mit Zuneigung überhäuft.
Bis zu meinem elften Geburtstag teilte ich mir mit
meinem Bruder ein Zimmer im Erdgeschoss, dann zog ich
um in den Kellerraum, der bis dahin unser Spielzimmer
gewesen war. Mein Vater hatte dieses Zimmer mit einem
großzügigen Lichtschacht und einem zweiflügeligen
Fenster versehen. Schnell entdeckte ich, dass ich durch
dieses Fenster von meinen Eltern unbemerkt ins Freie

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klettern konnte. Gemeinsam mit einem Freund stromerte
ich nachts durch die Straßen, erkundete mit in der
Dunkelheit wild klopfendem Herzen den nahe gelegenen
Waldfriedhof. Bei meinem vierten oder fünften Ausflug,
in einer Vollmondnacht, traf ich meine Eltern, Hand in
Hand bei einem Spaziergang im Mondschein. Ich erinnere
mich nicht, wer von uns dreien das verdutzteste Gesicht
machte. Die nächsten Wochen bekam ich Hausarrest.
Im Jahr zuvor war ich auf das Jungengymnasium in
Erkelenz versetzt worden. Erkelenz liegt ungefähr acht
Kilometer entfernt, bis zur Gemeindezusammenlegung
von 1973 war es Kreisstadt gewesen, mittlerweile hatte
Heinsberg diesen Titel übernommen. Der Kreis Heinsberg
besteht aus einigen Dutzend Dörfern und sieben
Kleinstädten, verteilt auf 627,7 Quadratkilometer und nur
durch schmale Landstraßen verbunden. Von diesen
Landstraßen waren die umliegenden Orte schon von
weitem zu erkennen, abgesehen von einigen wenigen
Abraumhalden des Steinkohle-Tagebaus verstellte kein
Hügel den Blick. Meist hing der Himmel so tief über den
Häusern und Höfen, dass es aussah, als würden die Wolken
die Gebäude am Wachsen hindern. Eine Anbindung an die
Bahnstrecke Düsseldorf-Aachen gab es nur in Erkelenz,
dort hielt der Regionalexpress. Die einzelnen Orte im
Kreis verband lediglich ein lockeres Netz von
Linienbussen, das hauptsächlich dazu bestimmt war, die
Schüler aus den umliegenden Dörfern zu den
weiterführenden Schulen in Wegberg, Erkelenz,
Hückelhoven und Heinsberg und wieder zurück zu
befördern. Für die acht Kilometer von meinem Heimatdorf
nach Erkelenz benötigte der Schulbus ungefähr dreißig
Minuten, da er auf seinem Weg alle Dörfer in der
Umgebung ansteuerte. Außerhalb der Schulzeit fuhren die
Busse nur sporadisch. Wer hier aufwuchs, sehnte sich früh

21
nach einem Auto, einem Moped oder was immer ihn
schnell von hier fort brachte.
Das Gymnasium veränderte meinen Blick auf die Welt.
Gute Noten und ebensolches Benehmen waren plötzlich
kein Garant mehr für den Respekt und die Sympathie der
Mitschüler. Eine große Klappe, die richtige Jeansmarke
und später die Bandnamen, die mit schwarzem Edding auf
die Army-Taschen geschmiert waren, zählten deutlich
mehr. Anfangs fühlte ich mich ziemlich verloren dort,
zumal ich niemanden in meiner neuen Klasse kannte. Von
meinen ehemaligen Mitschülern in der Grundschule war
keiner aufs Gymnasium gewechselt. Noch einige Jahre
war ich unter den Klassenbesten. Aber mehr und mehr
begann ich, mich für andere Dinge zu interessieren.
Ich wurde täglich daran erinnert, dass jenseits der Schule
und der Erwartungen meiner Eltern eine aufregende Welt
auf mich wartete, der Schulhof des benachbarten
Mädchengymnasiums, beispielsweise. Und dass die
Erwartungen und Tugenden meiner Eltern mir in dieser
Welt nicht viel nutzten. In meinem dritten Jahr auf dem
Gymnasium wählten meine Mitschüler mich zum
Klassensprecher, im Jahr darauf zum Sprecher der
gesamten Mittelstufe. Ich brachte mehr Zeit damit zu, mit
den Lehrern über Schülerrechte zu streiten und
Arbeitsgemeinschaften zu gründen, als dem
Unterrichtsstoff zu folgen. Meine Mutter reagierte panisch
auf meinen schleichenden Wertewechsel und versuchte
mit aller Macht, mich in der richtigen Spur zu halten. Bald
schienen mir der Erwartungsdruck und ihre
vereinnahmende Zuneigung nur zwei Möglichkeiten offen
zu lassen – die völlige Anpassung oder die totale
Verweigerung. Anpassung hätte bedeutet, dass ich einige
der Türen, durch die ich in diesen Jahren die ersten
neugierigen Blicke geworfen hatte, wieder würde

22
schließen müssen. Aber ich wollte selbst herausfinden,
was die Welt jenseits unseres Neubaugebiets zu bieten
hatte. Ich entschied mich für die totale Verweigerung und
warf mich von nun an kopfüber in alles, was nach Gefahr,
Protest und Abenteuer aussah. Je weniger es meinen Eltern
gefiel, desto interessanter erschien es mir.

Mit 13 Jahren begann ich ehrenamtlich in einem selbst


verwalteten Jugendzentrum in meinem Heimatdorf zu
arbeiten. Thomas, ein gleichaltriger Junge, nahm mich das
erste Mal mit dort hin. Wir hatten uns auf dem
Kirmesplatz angefreundet, nachdem wir auf dem
Autoscooter eine halbe Stunde lang wild ineinander gerast
waren. Das Jugendzentrum lag in einem Viertel, das
Welten vom Neubaugebiet meiner Eltern mit seinen
Doppelgaragen, Vorgärten und Partykellern entfernt
schien. Viele Menschen dort waren arbeitslos, andere
schufteten unter Tage. In den Garagen wurden Mofas
frisiert, statt der Vorgärten gab es nur die Straße und statt
der Partykeller Kneipen, die zu jeder Tageszeit gut gefüllt
waren. In unserem Jugendzentrum herrschten raue Sitten.
Der Umgangston war barsch und laut, regelmäßig flogen
die Fäuste und die eisernen Aschenbecher. Mehrmals im
Monat stand der Krankenwagen vor der Tür. Der Träger
der Einrichtung, die evangelische Kirche, drohte ständig
mit Schließung. Bis sie einen jungen, idealistischen
Sozialarbeiter fanden, der sich der Sache annahm und der
in den ersten Jahren beinahe verzweifelte.
Ich war einer der jüngsten Mitarbeiter dort. Alles, was
ich sah und hörte, sog ich gierig auf. Ich verliebte mich in
ein 16-jähriges Hippie-Mädchen, das mich mitnahm zu
Ostermärschen der Friedensbewegung, Treffen der SPD-
Jugendorganisation »Die Falken« und später zu Partys in
besetzten Häusern. Eine neue, aufregende Welt, die ich

23
voller Leidenschaft und Eifer erkundete. Aber landen
konnte ich bei ihr nicht. Ich war ihr wohl zu jung und zu
schüchtern.
An drei Abenden in der Woche öffneten wir den
Partykeller in unserem Jugendzentrum und spielten bis um
22 Uhr bei gedämpftem Licht laute Musik. Diese
Veranstaltungen nannten wir »Disco«. Wir legten Platten
von Nina Hagen und Janis Joplin auf, aktuelle Hits von
Madness, Talking Heads oder Judas Priest und Klassiker
von den Doors, David Bowie, Iggy Pop, The Who und
Deep Purple, dazwischen obskure Krautrock-Bands wie
Kraan oder Guru Guru. Die Mädchen tanzten zu »Video
Killed the Radio Star« von den Buggies oder »I Was Made
for Lovin You« von Kiss, die Jungs lehnten betont lässig
an den Wänden, Lederjacke um die Schultern, Bier und
Zigarette in der Hand, bliesen Rauchringe und nickten zu
»Paranoid« von Black Sabbath mit dem Kopf. Ab und an
stakste einer von ihnen gemessenen Schrittes auf die
Tanzfläche, stellte sich breitbeinig hin, reckte zu »T.N.T«
von AC/DC die Faust gegen die Decke und spielte
Luftgitarre.
Die meisten Besucher waren zwischen 13 und 16, aber
da unser Dorf für all jene, die Schützenverein oder
Kegelclub nicht interessierte, sonst kein Nachtleben zu
bieten hatte und die Getränke hier billiger waren als in den
Kneipen, lungerten viele noch mit 18, 19 Jahren in
unserem Jugendzentrum herum. Wir jüngeren sahen
bewundernd zu ihnen auf, sie hatten mit den Jahren den
gleichermaßen gelangweilten wie überheblichen Blick
perfektioniert und meist ein Mädchen dabei, dem sie die
Hand auf den Hintern legten und demonstrativ die Zunge
in den Mund steckten. Jeder von ihnen trank übermäßig
oder kiffte, sogar von härteren Drogen war die Rede, und
einige hatten in gelegentlichen Schlägereien das Image

24
eines harten Kerls errungen.

Bevor der neue Sozialarbeiter seinen Dienst antrat, führten


einige engagierte Mütter, Mitglieder im evangelischen
Gemeindeverein, die offizielle Aufsicht. Meist saßen sie
rauchend in ihrem Büro. In der Disco und der so
genannten Teestube im Erdgeschoss bestimmten wir
Jugendlichen den Ablauf des Abends. Wir legten die
Platten auf, kochten Tee, verkauften Getränke, räumten
die Scherben und den Müll beiseite und fühlten uns
ziemlich reif und abgeklärt. Außer mir gab es dort noch
einen anderen Jungen, der auch das Gymnasium besuchte.
Es kostete uns viel Anstrengung, den anderen zu
beweisen, dass wir keine verweichlichten Klugscheißer
waren.
In unserem Jugendzentrum lernte ich Detlef kennen. Er
war drei Jahre älter als ich, besuchte die Handelsschule
und sang in der einzigen Rockband unseres Dorfes. Auf
seinen linken Unterarm hatte er mit blauer Tinte
schwungvolle chinesische Schriftzeichen tätowiert, über
deren Bedeutung er sich ausschwieg.
Detlef war ein kluger, einfühlsamer Junge, der beim
Fußball die meisten Tore schoss und sich gut bei
Schlägereien wehren konnte. Vielleicht der Einzige dort,
der mit Sätzen ebenso gut umzugehen verstand wie mit
seinen Fäusten. Die Jungs respektierten ihn, die Mädchen
himmelten ihn an. Mit Detlef rauchte ich meinen ersten
Joint. Wir kauften unser Haschisch von Harald. Harald
mochten wir nicht besonders. Ein älterer Typ, um die
zwanzig, der noch bei seinen Eltern wohnte, schlechte
Witze erzählte und, wenn er breit war, damit prahlte, dass
er seinen Hund regelmäßig mit der Grillzange befriedigte.
Sein liebstes Hobby, noch vor Hundewichsen,
bestand
25
darin, deutlich jüngere Mädchen bekifft zu machen und
sie, wenn sie völlig weggetreten waren, zu vögeln. Aber
Harald hatte gutes Dope, und wir waren keine Hunde und
keine Mädchen.
Wir kauften für 30 Mark zwei Gramm Haschisch, auf
Haralds gläsernen Couchtisch klebte Detlef sorgfältig zwei
Zigarettenblättchen zusammen und legte Tabak darauf.
Dann hielt er die Flamme seines Feuerzeuges an das
Haschisch und bröselte es auf den Tabak. Am Ende rollte
er den Joint, zündete ihn an und sog den würzig
riechenden Rauch tief in seine Lungen. Ich sah ihm
fasziniert zu und nahm den nächsten Zug.
Von meinen ersten Zügen wurde mir ziemlich schlecht.
Detlef beruhigte mich, das sei immer so, ich solle einfach
weiter machen. Bei dem zweiten Joint verflog meine
Übelkeit. Ich lag weggetreten auf Haralds Fußboden, mein
Kopf unter dem Glastisch, und sah wie verzaubert den
Ringen aus Rauch zu, die Detlef mit dem Mund formte
und auf der Glasscheibe über mir tanzen ließ. Haschisch
begeisterte mich sofort. Nicht nur seine Wirkung, auch
alles, was damit zusammenhing. Die konspirativen
Drogenkäufe an abgelegenen Orten, später die Fahrten mit
dem Fahrrad nach Roermond, der nächstgelegenen
Kleinstadt in den Niederlanden, das rituelle Zubereiten der
Dope-Tabak-Mischung, die ausgeklügelten selbst
gebauten Rauchutensilien. Ich vertiefte mich ins Kiffen
wie die Jungs im Informatik-Unterricht in ihre
Programmiersprachen.
Jeden Morgen traf ich Detlef vor dem Unterricht auf
dem Sportplatz und rauchte den ersten Joint des Tages,
abends lagen wir stundenlang auf dem Boden seines
Zimmers, hörten »Shine on You Crazy Diamond« von
Pink Floyd und konnten die Musik in unserem Körper
spüren. Dass dieses Lied Syd Barrett gewidmet war, einem

26
Gründungsmitglied der Band, der sich im Drogenrausch
verloren hatte und in der Psychiatrie gelandet war,
wussten wir nicht. Aber es hätte uns sicher gefallen. Als
im gleichen Jahr Bon Scott, Sänger meiner damaligen
Lieblingsband AC/DC, nach einer durchzechten Nacht an
seinem Erbrochenen erstickt war, erschien mir das ein
würdiger Abgang für einen Rocker. So einer taugte zum
Helden. Radikale Lebensentwürfe, jenseits des bigotten
Kleinstadtkatholizismus in der Welt meiner Eltern,
faszinierten mich.
War ich halbwegs nüchtern, legte ich »Macht kaputt was
euch kaputt macht« und »Keine Macht für niemand« von
Ton Steine Scherben auf. Ich hatte der bürgerlichen
Gesellschaft den Krieg erklärt. Meine Eltern wurden mein
größter Feind. Wir stritten beinahe täglich, wegen meiner
Haare, meiner Kleidung, meiner Freunde, den ständigen
Beschwerden der Lehrer. Mit 15 schleppten sie mich
völlig ratlos nacheinander zu einem Neurologen und
einem Erziehungsberater, keiner konnte ihnen die
erhofften Antworten und Ergebnisse liefern. Ich suchte
mir woanders eine neue Familie, eine, die meinem
Erfahrungshunger nicht im Wege stand, meine Freunde.
Mein Dope-Konsum, meine Haare und die Anzahl der
Löcher in meinen Jeans wuchsen ebenso schnell wie
meine verstockte Ablehnung von Autorität.
Bis ich ungefähr zwei Jahre nach meinem ersten Joint
immer häufiger Angstzustände bekam und der
Verfolgungswahn mir die Freude am Haschischrausch
verdarb. Nächtelang lag ich mit galoppierendem Herzen
wach, kontrollierte ständig, ob meine Zimmertür
abgeschlossen war, und horchte auf Geräusche. Haschisch,
musste ich bald einsehen, war keine Droge für mich.

Später, bei meinen ersten Therapieversuchen, sollte die


27
Frage, ob Haschisch als Einstieg für harte Drogen wie
Heroin und Kokain anzusehen ist, immer wieder
auftauchen. Ich habe das nie so gesehen. Sicher,
Haschisch war die erste illegale Droge, die ich
ausprobierte. Weil sie auch für einen Teenager einfach zu
bekommen war, vor allem im holländischen Grenzgebiet.
Natürlich war Bier noch einfacher zu haben und machte
einen auch ziemlich wirr im Kopf. Aber Alkohol gehörte
in die Welt meiner Eltern, langweiliges, legales Zeug.
Genau wie Zigaretten, die schon früh ihren Reiz für mich
verloren hatten. Ich wollte etwas Neues, Eigenes,
Verbotenes. Haschisch war nur eines der vielen Dinge, die
mich damals anzogen.
Und wenn es diesen einen Moment tatsächlich geben
sollte, an dem alles seinen Anfang nahm, dann lag der
wohl viel weiter zurück als mein erster Joint. Möglich,
dass alles mit einer Autofahrt vor mehr als 30 Jahren
begann, noch bevor ich lesen lernte. An einem sonnigen
Frühlingsmorgen holte mich ein Freund meiner Eltern
kurz nach Sonnenaufgang zu Hause ab. Er war Postbote,
und ich durfte in seinen großen, gelben Wagen steigen und
ihn für einen schier endlosen Vormittag auf seiner Tour
begleiten. Meine Mutter musste mit meinem jüngeren
Bruder zum Arzt. Es war der aufregendste Tag meines
bisherigen Lebens. Wir fuhren durch diesen strahlenden
Morgen, vorbei an Wäldern und Wiesen, und besuchten
Orte und Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Ich konnte kaum still sitzen vor Aufregung. Schließlich
kamen wir an eine kleine Straße, die kurz hinter dem
letzten Haus endete. Der Asphalt hörte einfach auf. »Wo
sind wir hier?«, wollte ich wissen. Der Postbote nannte
den Namen des Ortes. Aber das meinte ich nicht. Ich war
mir sicher, das hier musste das Ende der Welt sein. Denn
warum sollte die Straße wohl sonst aufhören? Ich fragte

28
ihn. Er lachte. Nein, sagte er, es gibt kein Ende, es geht
immer weiter, auch wenn die Straßen aufhören. Ich war
wie elektrisiert. Eine Welt jenseits der Straßen schien mir
unvorstellbar. Irgendwann musste ich herausfinden, wie es
dort aussah.
Als ich dann alt genug war, die Straßen meines kleinen
Dorfes zu verlassen, waren Drogen und Sex das
Aufregendste, was ich dort fand, wo der Asphalt endet.

29
Artur

Artur lernte ich 1981 auf einer Party des Cusanus-


Gymnasiums in Erkelenz kennen. Ein Jahr zuvor hatte die
Schule, die wir beide besuchten, noch ganz profan
»Jungengymnasium« geheißen. Doch im vergangenen
Schuljahr hatte die Verwaltung beschlossen, auch
Mädchen aufzunehmen, und Nicolaus von Kues, genannt
Cusanus, den einzigen Gelehrten, der je in Verbindung zu
Erkelenz stand, als Namenspatron gewählt. Uns Schülern
gefiel die Veränderung. Endlich mussten wir uns nicht
mehr auf den Schulhof des benachbarten
Mädchengymnasiums schleichen und drastische
Sanktionen riskieren.
Artur war mit seinen 17 Jahren zwei Jahre älter als ich.
In seinem schwarzen Lodenmantel sah er ziemlich
erwachsen aus. Artur war in der Schule als Kiffer bekannt,
und da mich mein Dealer am Nachmittag versetzt hatte,
war ich verzweifelt auf der Suche nach ein paar kleinen
Brocken Haschisch. Noch hatte ich das Kiffen nicht ganz
aufgegeben, und eine Schulparty nüchtern erleben zu
müssen wäre einfach zu öde gewesen. Wir verließen das
Schulgelände, Artur wollte nicht riskieren, von einem
Lehrer erwischt zu werden. Der Direktor wartete nur auf
einen Grund, ihn von der Schule zu verweisen. Und es war
ein offenes Geheimnis, dass die »We Don’t Need No
Education«-Schmierereien auf dem Schulhof von Artur
stammten. Beweisen konnte ihm die Schulleitung das
allerdings nicht.
Hinter der Sporthalle holte Artur sein Haschisch aus der
Tasche, hielt sein Feuerzeug daran und brach ein Stück ab,
nachdem die Hitze es warm und brüchig gemacht hatte.

30
»Ich verkaufe nichts«, sagte er und drückte mir das Stück
in die Hand. »Hier, das wird wohl reichen für heute
Abend. Viel Spaß damit. Und frag mich bitte nie wieder.«
Ich verstand ihn nicht. Wenn er mir etwas verkaufen
würde, erklärte er mir, würden unweigerlich andere davon
erfahren und irgendwann würde er auf dem Schulhof von
sämtlichen Kiffern belästigt werden. Daran habe er kein
Interesse. Er wollte vor allem in Ruhe gelassen werden.
Einige Monate später wurde Artur zum Schulsprecher
gewählt, denn ebenso wie nach Ruhe verlangte es ihn nach
einer Bühne, auf der er sich, seine Ideen und
Überzeugungen in Szene setzen konnte. Aus ähnlichen
Gründen ließ ich mich zu seinem Stellvertreter wählen.
Zuerst waren wir erbitterte Konkurrenten, dann brachte
uns der Kampf gegen die Engstirnigkeit der Schulleitung,
die bürgerliche Gesinnung der meisten Lehrer, die
Gleichgültigkeit unserer Mitschüler und vor allem gegen
die Eintönigkeit des Schulalltags einander näher. Wir
verteilten Flugblätter, in denen wir unsere Mitschüler über
ihre Rechte aufklärten und zum Widerstand gegen
Lehrerwillkür aufforderten, entwarfen Broschüren, in
denen wir Aufrüstung und amerikanische Propaganda
anprangerten, organisierten Rockkonzerte in der Schule
und hielten während der Schulkonferenzen Vorträge über
den Rassismus in Südafrika. In dem Klassenraum, der uns
nach dem Unterricht für Sitzungen zur Verfügung stand,
sabotierten wir beinahe täglich den Lautsprecher, über den
der Direktor seine Durchsagen machte. Wir fürchteten, die
Schulleitung würde uns abhören. An dem Tag, an dem wir
mit einer Klebepistole den Mülleimer, einen Stuhl und
einige Aktenordner an die Zimmerdecke geklebt hatten,
wurden wir enge Freunde. Viel mehr noch als der Direktor
hasste uns der Hausmeister.
Artur wohnte mit seinen Eltern und seinem jüngeren

31
Bruder in einem schmalen alten Häuschen im Zentrum
von Erkelenz, in der Nähe des Bahnhofs. Sein Vater war
Vertreter, ein stiller Mann, der selten zu Hause war und
meist milde lächelte. Dass er zu viel trank, erfuhr ich erst
sehr viel später. Seine Mutter war Hausfrau, ihre
unterkühlte Art flößte mir Furcht ein. In ihr Gesicht schien
das Leid der Welt gegraben, und sie gab mir, wenn ich sie
ansah, das Gefühl, Schuld daran zu haben. Ihr
Gesichtsausdruck erinnerte mich an meine Mutter. Jedes
Mal, wenn sie die Tür öffnete, bekam ich ein schlechtes
Gewissen.
Artur hatte ein winziges Zimmer unter dem Dach
bezogen, in der größtmöglichen Entfernung zu den
Räumen seiner Eltern. Dort stapelten sich im Laufe der
Jahre Skizzenblöcke, Bildhauerwerkzeug, Ytongsteine in
verschiedenen Phasen der Bearbeitung und Bücher,
»Schwarze Spiegel« von Arno Schmidt, »Der Verfolger«
von Julio Cortazar, Hermann Hesses »Siddhartha«, der
Illuminaten-Zyklus von Robert Anton Wilson, »Die
Lehren des Don Juan« von Carlos Castaneda, sämtliche
auf Deutsch erschienenen Taschenbücher von Kerouac
und Kotzwinkle. Außerdem sympathisierte Artur gerade
mit der RAF und las alles, was ihm dazu in die Finger fiel.
Auf dem Dachboden neben seinem Zimmer hatte Artur
einen Getränkevorrat angelegt. Ein Kasten Wasser, ein
Kasten Bier, hin und wieder eine Flasche
Hochprozentiges, meist Wodka, hinter Kartons voller
Gerümpel verborgen. Bei meinem ersten Besuch wunderte
ich mich darüber, dass auch die geöffneten Flaschen mit
Flüssigkeit gefüllt waren. Artur erklärte mir, dass er in den
Flaschen seinen Urin entsorgte. Da sich die Toilette zwei
Stockwerke tiefer befand, pinkelte er häufig in leere
Flaschen, erst wenn der Kasten voll war, schüttete er den
Inhalt in die Toilette. Nicht immer einfach zu

32
bewerkstelligen, aber eine gute Idee, wie mir schien. In
den unteren Stockwerken bestand die Gefahr, seiner
Mutter über den Weg zu laufen. Vor allem unter
Drogeneinfluss erschien uns diese Vorstellung ziemlich
erschreckend. Unter dem Dach fühlten wir uns sicher.
Oft saß Artur ganze Tage allein auf seinem Dachboden,
schloss sich in seinem Zimmer ein und wies seine Freunde
ab. Sogar im LSD-Rausch, wenn wir anderen froh waren,
der unvorhersehbaren Wirkung der Halluzinogene nicht
allein ausgesetzt zu sein und unsere Erlebnisse
miteinander teilen zu können, war Artur sich oft selbst
genug. Einmal brachte er eine ganze Nacht auf LSD damit
zu, hunderte Augenpaare aus Zeitschriften zu schneiden
und zu einer DIN A1 großen Collage zusammenzukleben.
Als ich am nächsten Tag das Ergebnis sah, machte ich mir
zum ersten Mal ein wenig Sorgen um ihn. Selbst nüchtern
machte mir das hundertfache Starren dieser Augen Angst.
Monate später las Artur in einer einzigen,
kokainberauschten Nacht Arno Schmidts Werk »Zettels
Traum«, am nächsten Tag erklärte er mir mit rot
geränderten Augen, welche tief greifenden Erkenntnisse
ihm das Buch vermittelt hatte.

33
LSD, juchhe

»Du bist dran«, sagte Erik. Tom machte zwei Schritte


nach vorne und drückte auf den Knopf. Wie er es schon
viele Male zuvor getan hatte, denn er war eigentlich
immer dran. Wir standen zu viert vor einer
Fußgängerampel, die einzige Ampel in meinem
Heimatdorf, es war spät in der Nacht. Das ganze Dorf war
vor Stunden in den Schlaf gesunken, kein Mensch mehr
auf den Straßen. Alle Kneipen, davon gab es ungefähr ein
halbes Dutzend mehr als Ampeln, lange geschlossen. Wir
amüsierten uns glänzend. Jeder Farbwechsel der
Signallampen jagte bunte Lichtexplosionen durch unsere
weit aufgerissenen Augen direkt in unser Hirn, immer
wieder aufs Neue.
Seit ungefähr 36 Stunden waren wir auf LSD. Meine
Eltern waren für einige Tage verreist, also schliefen alle
bei mir. Genau genommen schlief keiner von uns an
diesem Wochenende. Am Morgen des Vortages hatten
Artur, Erik und ich zwanzig Mikrotrips gekauft, so
ziemlich das beste LSD, das der Markt hergab. Ralf, den
Verkäufer, hatte Artur aufgetan, aber als er vor mir stand,
entpuppte er sich als ein alter Bekannter. So war es
eigentlich immer hier auf dem Land. Jeder kannte jeden
oder zumindest jemanden, der den anderen kannte. Das
galt auch für die Drogenszene, die wie eine Art
Schützenverein funktionierte.
Ralf und ich waren die ersten Jahre auf dem Gymnasium
in die gleiche Klasse gegangen, als wir zehn oder elf
waren, hatten wir oft zusammen mit unseren Big-Jim-
Abenteuerpuppen gespielt. Ralf war Einzelkind und sein
Vater verdiente ziemlich gut. In Ralfs Zimmer stapelten

34
sich Big-Jim-Zubehör, zwei Motorräder, ein Schnellboot,
Tiefseeausrüstungen und vieles mehr. Sündhaft teures
Zeug, das ich mir nicht leisten konnte. Nach meinem
ersten Besuch nahm ich irrtümlich etwas davon mit nach
Hause. Ralf bemerkte es nicht einmal. Selber Schuld,
dachte ich, und steckte danach jedes Mal etwas ein – wer
sein Spielzeug nicht zu schätzen weiß, hatte es nicht besser
verdient. Da ich schnell immer gieriger und dreister
wurde, fielen meine kleinen Diebstähle bald auf. Ralf lud
mich nicht mehr zu sich nach Hause ein.
Später erlangte Ralf kurz lokale Berühmtheit an unserer
Schule, weil er in der achten Klasse während des
Unterrichts immer wieder seinen Schwanz aus der Hose
holte und onanierte, unter der Tischplatte verborgen und
dennoch vor unser aller Augen. Anfangs war das ganz
lustig, aber Ralf begriff nie, wann er aufhören musste. Als
er von der Schule flog, verloren wir uns für ein paar Jahre
ganz aus den Augen. Bis die Drogen uns wieder
zusammenbrachten. Auch als Dealer stellte Ralf sich nicht
klüger an, er wurde immer wieder verhaftet.
Aber seine Trips an diesem Tag waren phantastisch. So
gut, dass es im Bungalow meiner Eltern immer turbulenter
zuging. Im Laufe des ersten Tages klingelte es ständig an
der Tür, wir verkauften einige der Trips mit bescheidenem
Gewinn weiter. Ein paar Leute warfen ihre direkt vor Ort
ein und blieben gleich da. Wir lagen auf den mit
Batiktüchern bezogenen Matratzen, die beinahe den
gesamten Boden meines Zimmers einnahmen, und hörten
wohlig weggetreten »Tales of Mystery and Imagination«,
Alan Parsons musikalische Umsetzung der
Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe, und »Tubular
Bells« von Mike Oldfield. Die Töne kribbelten auf unserer
Haut und Klangfasern füllten den Raum. Mit unseren
Fingern malten wir bunte Linien in die Luft. Die Vögel,

35
die in meinen Wandteppich gewebt waren, flogen
gemeinsam mit Poes Raben durch den Raum.
Am Mittag des zweiten Tages waren unsere Vorräte
aufgebraucht, wir orderten zwanzig neue Trips. Ralf
brachte sie uns wenige Stunden später. Dieses Mal würden
wir gleich zwei oder drei nehmen müssen. Unsere Körper,
das wussten wir, reagierten nach mehr als 24 Stunden
Dauerrausch nicht mehr so empfindlich auf das LSD.
»Vielleicht kann man die Dinger auch auflösen«, sagte
Artur und starrte nachdenklich auf die kleinen, hellroten
Stängchen in seiner Hand.
»Bestimmt!«, sagte Erik aufgekratzt. »Gute
Idee.« Der Vorschlag verwirrte mich.
»Wieso, wollt ihr den Kram trinken?«, fragte ich. Artur
sah mich irritiert an.
»Blödsinn«, sagte er. »Aber vielleicht kann man sich die
Dinger auch drücken. Das knallt bestimmt noch besser.«
Dass die beiden vor kurzem angefangen hatten, Kokain
zu injizieren, wusste ich. Trotzdem schien mir die Idee,
irgendetwas könnte noch besser knallen, absurd. Als die
beiden zwei der Trips auf einem Esslöffel auflösten und
sich die Flüssigkeit mit einer Spritze injizierten, sah ich
neugierig zu.

Mein erster LSD-Trip lag erst wenige Wochen zurück.


Ich nahm ihn kurz nach meinem 18. Geburtstag. Zuvor
hatte ich beinahe zwei Jahre völlig drogenfrei gelebt, nicht
mal legale Gifte wie Alkohol, Kaffee oder Zigaretten hatte
ich zu mir genommen. Nachdem meine Angstattacken
immer heftiger geworden waren, hatte ich das Interesse an
Haschisch, an Drogen insgesamt, zunächst völlig verloren.
Als ich 15 war, hatte ich Alice kennen gelernt. Sie war

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meine erste große Liebe und das erste Mädchen, mit dem
ich schlief. Sex und der Körper eines Mädchens waren neu
und aufregend genug. Außerdem hatte ich andere
Betätigungsfelder gefunden, in denen ich meine Lust am
Widerstand ausleben konnte. Ich stritt in der
Schülerverwaltung für Mitbestimmung an der Schule,
organisierte Konzerte an unserem Gymnasium oder
demonstrierte gemeinsam mit Alice gegen den Nato-
Doppelbeschluss und die Stationierung eines AWACS-
Luftabwehrgeschwaders in unserem Kreis.
Wenige Tage nach meiner Trennung von Alice ließ ich
mir die Haare schneiden und wandte mich wieder den
Drogen zu. Mit einer Begeisterung, und vielleicht auch
Verzweiflung, als gelte es, das Loch zu füllen, das sie in
meinem Leben hinterlassen hatte. Artur hatte vor kurzem
begonnen, mit LSD, Amphetaminen und Kokain zu
experimentieren. Bei seinem Dealer traf er Erik. Erik war
zwei Jahre jünger als ich und besuchte ebenfalls unser
Gymnasium. Ein kompromissloser Bursche, der ohne
Angst vor Blessuren durch die Welt preschte. Einer von
denen, die beim Fußball immer den Mittelstürmer spielten
und kaum zu halten waren. Ein wenig erinnerte er mich an
Matt Dillon in Coppolas »Rumblefish«. Ich mochte ihn
von Beginn an.
Auch für LSD ließ ich mich sofort begeistern. Auf LSD
war Erkelenz der aufregendste Ort im Universum. Artur,
Erik und ich zogen zu dritt durch die Nacht, jeder Schritt
ein Erlebnis, das meine Sinne erschütterte. Die
Fahrbahnmarkierungen lösten sich vom Asphalt und
sirrten durch meinen Körper, ich badete im Schein einer
Straßenlaterne, konnte spüren, wie die Lichtfasern auf
meiner Haut prickelten. Artur musste mich sanft weiter
ziehen, ich hätte mich stundenlang nicht vom Fleck
gerührt. Später standen wir auf einer Autobahnbrücke, die

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Scheinwerfer der unter uns vorbeifahrenden Autos
schabten wie gleißende Finger innen an unserer Kopfhaut.
Das LSD schien unsere Gehirne auf wunderbare Weise zu
vernetzen, jeder sah und spürte, was die anderen sahen
und spürten. Wir handelten wie ein einziger Organismus.
Am Bahnhof sahen wir einem vorbeifahrenden Güterzug
zu, am Ende lag ich wie von Krämpfen geschüttelt auf
dem Boden. Der Zug war durch jede Zelle meines Körpers
gerast.
»Alles okay mit dir?«, fragte Artur und half mir auf. Der
erste Trip ist meist der heftigste, und Artur machte sich
Sorgen, dass es mir zu viel werden könnte. Ich lächelte ihn
nur an, ich war so aufgewühlt, dass meine Stimme
versagte. Mein Lächeln beruhigte ihn. Ich hatte nicht für
eine Sekunde Angst gehabt. So fremd und neu all diese
Erfahrungen auch waren, ich fühlte mich sicher. Artur und
Erik waren an meiner Seite, meine Familie, und der große
Abenteuerspielplatz, der die Welt war, hatte mir heute ein
paar neue Attraktionen geboten. Das war alles.

Golden Brown

Ein nasskalter Wintertag, einige Wochen nach meinem


18. Geburtstag, steingraue Wolken pappten wie
schmutzige Putzlappen am Himmel. Am Nachmittag war
Erik in Roermond gewesen und hatte Heroin und Kokain
gekauft, abends saßen wir zusammen mit Artur in Eriks
Zimmer auf dem Boden, in der Mitte die beiden
Drogenpäckchen, eine Dose Ascorbinpulver, ein Glas
Wasser, ein Suppenlöffel, eine Packung Insulinspritzen
und ein Feuerzeug. Mein Herz raste. Vor wenigen Tagen
erst hatte ich zum ersten Mal Heroin geraucht und
Amphetamine gesnifft, und obwohl mir eigentlich nur
ziemlich übel
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geworden war, hatte das meine Neugier auf das Drücken
nur noch angefacht. Erik hatte »Golden Brown« von den
Stranglers aufgelegt, eine Hymne an das Heroin. Der
Sänger der Band, Hugh Cornwell, war ein Junkie. Genau
wie Iggy Pop, Sid Vicious, David Bowie und einige
andere, die ich bewunderte.
Erik erzählte mir, ihm sei bei seinem ersten Druck so
schlecht geworden, dass er sich den ganzen Tag übergeben
musste. Trotzdem hatte ihn der Rausch für alle Übelkeit
entschädigt. Artur entnahm mit der Spitze seines
Taschenmessers etwas Heroin aus dem Päckchen und gab
das Pulver auf den Löffel. Dann mengte er ungefähr die
gleiche Menge Ascorbinpulver dazu, damit sich das
Heroin auflöste. Anschließend kochte er das Heroin auf,
gab dann das Kokain dazu und zog die Flüssigkeit in drei
Spritzen auf. Ich verfolgte andächtig jede seiner
Bewegungen. Die erste Spritze war für mich bestimmt,
nach seinem eigenen Druck würde Artur minutenlang
nicht in der Lage sein, sich um meinen zu kümmern. Das
wollte er mir nicht zumuten. Ich band meinen Arm mit
einem Gürtel ab, so wie ich es eine Woche zuvor bei Artur
und Erik gesehen hatte.
»Alles klar?«, fragte Artur mich.
»Alles klar«, antwortete ich.
Dann senkte Artur die Nadel in meine linke Armbeuge,
durchstieß vorsichtig die Vene. Ich spürte, wie sich die
Härchen auf meinem Arm aufstellten. Langsam drückte
Artur den Inhalt der Spritze in meine Ader.
Nur Sekundenbruchteile später schien mein Gehirn zu
explodieren. Das Kokain brachte alle meine Nervenzellen
wie mit einem Vorschlaghammer aus Daunenfedern zum
Schwingen, ich fühlte mich wie eine Art riesiger
chinesischer Gong aus Fleisch und Knochen. Mein Herz

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hämmerte, jeder Zentimeter meiner Haut prickelte, ich
atmete so schnell wie nach einem 100-Meter-Lauf.
Als der Kick nachließ, setzte die Wirkung des Heroins
ein. Mir war, als würde die Droge die Schwerkraft
aufheben, mein Körper wurde völlig schwerelos. Ich fühlte
mich ruhig und zufrieden. Jede meiner Bewegungen war
verlangsamt, mir war, als würde ich fließen. Das Heroin
konzentrierte sich in meiner Körpermitte, von dort strahlte
es wohlige Wärme bis in meine Fingerspitzen. Umschloss
mich wie die Fruchtblase den Fötus. Die Spritze war die
Nabelschnur, die mich mit allem versorgte, was ich
brauchte.
Bis spät in die Nacht lagen wir in Eriks Zimmer, kochten
unsere Drogen auf und hörten Platten von Lou Reed,
David Bowie und Iggy Pop. Wir trieben weggetreten
durch die Nacht, die Dunkelheit vor Eriks Fenster war
angefüllt mit Verheißung, das Reich von Iggy und David
schien zum Greifen nahe. Das Heroin war meine
Eintrittskarte. Ich hatte mich in diesen Rausch verliebt,
von der ersten Sekunde an. Nichts fühlte sich mehr so an
wie zuvor.
Einige Stunden später zog ich mich aus und kroch zu
Eriks Schwester ins Bett. Wir hatten seit kurzem eine
Affäre. Schlaftrunken schmiegte sie sich in meine Arme.
Ich spürte ihren Atem an meinem Ohr, ihre nackte Haut an
meiner, das Heroin und das Kokain pulsierten in meinem
gesamten Körper. So ungefähr stellte ich mir das Paradies
vor.

40
Teenage Kicks

»Ist dir eigentlich klar, dass du dein Leben völlig


ruinierst?«, fragte das Mädchen über mir. Mir war
überhaupt nichts mehr klar. Ich hockte mit dem Rücken an
die Außenwand einer Garage gelehnt, das Mädchen stand
vor mir. Im Moment erschien es mir als die größte
Leistung meines Lebens, diese verdammte Garage
verlassen zu haben. Wir waren auf einer Party in einem
Nachbarort, und ich war völlig weggetreten. Am Tag
zuvor hatten Erik und ich in Amsterdam 200 LSD-Trips
gekauft. Wir kauften die Trips für ungefähr 1,80 Mark pro
Stück ein und verkauften sie für 10 bis 15 Mark weiter.
Wir hatten zwei Platten mit je 100 Papers gekauft, einen
Quadratzentimeter kleine Löschpapierpappen mit einem
Fliegenpilz darauf gedruckt, zehn Reihen à zehn Stück. An
den Rändern der Platten stand ein Streifen über, ungefähr
ein Drittel so breit wie ein Trip und zehnmal so lang.
Diese Randstreifen hatten wir abgeschnitten und
eingenommen. Da das LSD großflächig auf die Platten
geträufelt wurde, konnte man nie wissen, wie hoch die
Konzentration an den Rändern war. An diesem Tag muss
sie sehr hoch gewesen sein. Schon auf der Fahrt zur Party
hob ich ab. Im Keller meiner Eltern hatte ich eine alte
Schweißbrille meines Vaters gefunden, ein klobiges
Plastikteil mit grünen Gläsern. Artur hatte mir mehrfach
gesagt, ich sähe wie ein Vollidiot aus mit dieser Brille.
Trotzdem weigerte ich mich stundenlang, sie abzulegen.
Artur, Erik und ich fuhren zu der Party in Ralfs
Scirocco, einem verunglückten Versuch von VW, eine Art
Sportwagen zu entwerfen. Keiner von uns dreien besaß ein
Auto, Erik und ich hatten nicht mal einen Führerschein,

41
aber wir waren ziemlich gut darin, Freiwillige zu finden,
die uns durch die Gegend fuhren. Ralf war Krankenpfleger
und kaufte regelmäßig LSD von uns. Er gehörte zu
unseren bevorzugten Chauffeuren, der Scirocco fuhr
schnell und war mit leistungsstarken Lautsprechern
bestückt. Die Party gab Ralfs Arbeitskollege im Haus
seiner Eltern. Der Scirocco flog durch eine grün getönte
Nacht, aus den Boxen dröhnte Yellos »You Gotta Say Yes
to Another Excess« und ich verlor völlig die
Bodenhaftung.
Auf der Party angekommen suchte ich zuerst die Garage.
Meine Brille hatte ich mittlerweile abgenommen. In der
Garage, hatte ich erfahren, standen die Wasserpfeifen.
Haschisch funktioniert wie eine Art Turbo für das LSD,
auch ein eher lahmer Trip kommt nach ein paar Zügen
richtig in Fahrt. Mein Trip war vom Feinsten, ich hätte auf
das Dope verzichten können. Aber vielleicht ging ja noch
was. Ich setzte mich auf eine der Matratzen, die an der
Garagenwand aufgereiht waren, und nahm einige tiefe
Züge aus der Pfeife. Dann schloß ich die Augen und lehnte
mich zurück. Die Schwärze unter meinen Lidern füllte
sich mit Farben.
Als ich die Augen wieder öffnete, waren die Farben
immer noch da. Aber die Garage war verschwunden. Mein
gesamtes Blickfeld wurde von einem gigantischen,
dreidimensionalen grün-gelben Schachbrettmuster
eingenommen. Ich sah nichts anderes mehr. Keine Wände,
keine Decke, keinen Boden. Nur gelbe und grüne Quader,
die sich langsam bewegten. Ich musste raus, an die Luft.
Vorsichtig ertastete ich die Wand hinter mir, richtete mich
langsam auf. Die Tür, erinnerte ich mich, war
glücklicherweise in genau jener Wand, an der ich saß,
einige Meter rechts von mir. Oder war es links? Ich schob
mich langsam an der Wand lang, in die Richtung, in der

42
ich die Tür vermutete. Die grünen und gelben Quader
waberten um mich herum, langsam wurde mir das Ganze
wirklich unheimlich. Als meine Hand die Türklinke
ertastete, beruhigte sich mein Puls ein wenig. Ich schob
mich vorsichtig durch den Türrahmen und lehnte meinen
Körper an die Außenwand, ganz langsam ließ ich mich zu
Boden gleiten. Sog die frische Luft in meine Lungen und
wartete, dass sich die Farbschleier vor meinen Augen
auflösten.
Das Mädchen vor mir erkannte ich nur an ihrer Stimme.
Alice, meine erste Liebe, unsere Trennung war erst einige
Monate her. Das erste Mädchen, mit dem ich geschlafen
hatte. Diesen Tag würde ich nie vergessen. Auf den
Wiesen und Wäldern in meinem Heimatdorf lag Schnee,
es war der 6. Dezember, Nikolaus. Wir waren beide 15
Jahre alt. Nachmittags hatten wir stundenlang im Schnee
herumgealbert; als wir uns schließlich in mein Zimmer
flüchteten, waren wir völlig verfroren. Wir zogen unsere
durchnässte Kleidung aus und schlüpften nackt in mein
Bett. Langsam kroch die Wärme in unsere Körper zurück.
Wir küssten uns, fassten uns an, es war so ähnlich wie die
Balgerei im Schnee. Wenn ich sie ansah, war mir, als
könne ich in ihren Augen, in ihrem Körper etwas finden,
das ich lange schmerzlich vermisst hatte. Der erste Sex
berauschte mich noch stärker als mein erster Joint, ein
Gefühl wie Bäume klettern, Höhlen bauen und Geburtstag
haben gleichzeitig, wie Spiele ohne Verlierer und freier
Fall ohne Aufprall. Danach war mir, als könne ich fühlen,
wie das Blut durch meine Adern rauschte und jeder
Atemzug mich mit einem neuen, aufregenden Leben
erfüllte. Ich wollte dieses Gefühl für alle Zeiten festhalten.
Für zweieinhalb Jahre war Alice der Mittelpunkt meines
Lebens gewesen. Jetzt wünschte ich sie so weit weg wie
nur möglich. Doch sie stand genau vor mir, und ich sah

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keine Möglichkeit, ihr zu entkommen. Ich wusste nicht, ob
meine Beine noch die Kraft hatten, mich zu tragen. Ohne
die Wand hinter mir wäre ich sicher sofort in dem grün-
gelben Wabern versunken. Aufstehen und Gehen schied
damit aus. Auch meine Zunge gehorchte mir nicht mehr,
ich konnte ihr nicht mal sagen, sie solle sich zum Teufel
scheren. Stattdessen war ich dazu verurteilt, ihre Predigt
über mich ergehen zu lassen.
»Ich mache mir echte Sorgen um dich«, sagte sie.
»Wenn du so weitermachst, bist du in ein paar Monaten
völlig fertig. Du kannst so viel Besseres mit deinem Leben
anfangen, als dich ständig zuzuknallen.« Ihre Umrisse
ragten aus dem bunten Nebel vor mir auf. Ich sah hoch,
konnte aber ihr Gesicht nicht genau lokalisieren. Ich fragte
mich, ob alle Frauen irgendwann anfingen, wie meine
Mutter zu klingen. Sie erinnerte mich daran, wie großartig
unsere gemeinsame, drogenfreie Zeit gewesen war. An die
Friedensdemonstrationen, an die Arbeit in der
Schülervertretung meines Gymnasiums. An die Stunden,
die wir damit zugebracht hatten, im Kerzenschein den
Körper des anderen zu erforschen. Aber jetzt gefiel mir
mein Leben besser. Mein Amt als Schülersprecher hatte
ich noch nicht abgegeben, hauptsächlich, weil ich in dieser
Funktion unserem Direktor wunderbar auf die Nerven
gehen konnte und im Winter die Pausen in unserem
beheizten Arbeitsraum verbringen durfte. Anstelle Erich
Fromms »Die Kunst des Liebens« las ich jetzt
»Aufzeichnungen eines Außenseiters« von Charles
Bukowski und randalierte bei Punk-Konzerten.
Vor einigen Monaten, kurz nach meiner Trennung von
Alice, war ich zum Punk konvertiert. Ein Freund hatte mir
die Haare geschnitten, die Wände meines Zimmers hatte
ich schwarz und weiß gestrichen und alle Bettbezüge und
Batiktücher schwarz gefärbt. Meine Pink-Floyd- und

44
Mike-Oldfield-Platten hatte ich verkauft, stattdessen hörte
ich jetzt The Ruts, The Clash, The Undertones, Sex
Pistols, Abwärts, KFC, Trio, Extrabreit und Fehlfarben.
»Stimmt es, dass du angefangen hast, Heroin zu
drücken?«, fragte Alice und versuchte meine
irrlichternden Augäpfel zu fixieren. »Stimmt«, hätte ich
ihr gerne geantwortet. »Eine tolle Sache, solltest du auch
mal probieren.« Junk und Punk, das fügte sich meiner
Meinung nach nicht nur phonetisch wunderbar zusammen.
Beides verband Radikalität und Verweigerung – eine
unschlagbare Kombination im Kampf gegen die
bürgerliche Gesellschaft.
Außerdem versetzten Drogen mich in einen ähnlichen
Zustand wie Sex – das Gestern und Morgen warf keinen
Schatten mehr auf das Hier und Jetzt. So ähnlich hatte ich
mich als Kind gefühlt, wenn ich im Spiel versank und Zeit
und Raum ihre Bedeutung verloren. Damals, als mein
Kinderzimmer meine Burg war und meine Eltern mich vor
allem Bösen abschirmten, das außerhalb der Mauern
lauern mochte. Nur, dass Drogen dem Sex gegenüber
einen großen Vorteil boten – ich brauchte niemand
anderen dazu. Und Heroin war die Königsdroge. Sicher,
auch LSD, Kokain und Haschisch verschafften mir
aufregende, rauschhafte Momente. Aber sie waren nur
Etappen auf meiner Suche. Heroin gab mir das Gefühl, an
meinem Ziel angelangt zu sein. Wie auf Knopfdruck
versetzte es mich in einen Zustand völliger Zufriedenheit,
ich war eins mit mir, aller Druck, alle Wut und aller Trotz
lösten sich auf, alle Sehnsucht und alle Begierden waren
gestillt. Ein Gefühl, das ich mir ohne Drogen hart
erarbeiten musste und in dieser Intensität trotzdem nur
sehr selten erreichte.
Außerdem war Heroin gefährlicher, verbotener als alle
anderen Drogen, flößte den Menschen Angst ein. Heroin

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schmiedete uns eng zusammen und verlieh uns das Gefühl
besonderer Verwegenheit. Jedes Mal, wenn wir die Nadel
in unsere Adern stachen, überschritten wir eine Grenze,
vor der die anderen zurückschreckten. Das Aufkochen des
Pulvers, das Aufziehen der Spritze und Abbinden der
Arme, all diese Rituale gaben mir das Gefühl, Mitglied
eines geheimen, verschworenen Ordens zu sein.
Ich führte ein wunderbares Leben. Wollte ich mich für
eine Party in Stimmung bringen, nahm ich LSD oder
Amphetamine. Für einen lässig vertrödelten Tag war
Heroin das Richtige. War ich mit einem Mädchen
zusammen, nahm ich oft Kokain dazu; die zarteste
Berührung ließ dann elektrische Wellen durch unsere
Körper sirren.
Wenn mir ein Mädchen gefiel, ging ich hin und sagte es
ihr. Ich war so sehr davon überzeugt, dass sie darüber in
Verzückung geraten würde, dass sie es meist auch tat. Und
anschließend mit mir schlief. Mit genügend Stoff in der
Tasche war es sogar noch leichter, Mädchen ins Bett zu
bekommen. Ab einer bestimmten Menge schien der Sex
beim Drogenkauf sogar im Preis mit inbegriffen zu sein.
Leider hatte Heroin den Nebeneffekt, dass es Stunden
dauern konnte, bis ich einen Orgasmus bekam, oft gelang
es mir überhaupt nicht. Anfangs war ich davon begeistert,
doch das legte sich schnell. Das Kunststück bestand darin,
zu Beginn nur eine kleine Dosis zu nehmen und mir erst
nach dem Sex eine Dröhnung zu verpassen, das perfekte
Nachspiel, sozusagen. So nahm der Sex beinahe
olympische Dimensionen an.
All das hätte ich Alice gerne erklärt, wie sie neben der
Garage über mir stand und auf mich einredete. Aber ich
starrte nur apathisch durch sie hindurch. Sie seufzte und
schüttelte den Kopf. Die Farbschleier wirbelten
durcheinander. Wieder sah ich meine Mutter. »Was mache

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ich hier eigentlich, das hat doch eh keinen Zweck«, sagte
Alice, drehte sich um und ging. Wäre meine Mutter nur
auch so einsichtig, dachte ich.
Irgendwann stand Artur neben mir und half mir auf die
Beine. »Komm, lass uns ’ne Cola trinken gehen«, sagte er.
Ich trank immer noch keinen Alkohol, hielt Schnaps und
Bier für den Drogenersatz tumber Langweiler. Erst auf
dem Weg zur Bar bemerkte ich, dass die meisten Gäste
sich mit Anzügen und Abendkleidern ausstaffiert hatten,
obwohl keiner älter war als 25. Sie erschienen mir
unsagbar lächerlich. Die Veranstaltung war als
Cocktailparty deklariert, wie deplatziert ich mit meiner
abgerissenen Lederjacke und der zerrissenen Jeans mit
Leopardenmuster wirkte, fiel mir ebenfalls erst in diesem
Moment auf. Wahrscheinlich duldeten sie mich nur, weil
ich ihnen Trips und Speed verkaufte.
An der Bar geriet ich in den nächsten Farbrausch. Die
Gastgeber hatten eine Vielzahl schreibunter Cocktails
gemixt und ordentlich auf dem Tresen aufgereiht. Die
Drinks funkelten mich an. »Vergiss die Cola«, dachte ich.
Das hier schien wesentlich interessanter. Ich stürzte die
Cocktails wie Wasser hinunter, einen nach dem anderen.
Der Alkohol dämpfte meine Halluzinationen ein wenig,
und ich glitt sanft hinüber in ein Stadium entspannter
Trunkenheit. Alkohol zählte von nun an zu meiner Palette
der probaten Rauschmittel.

47
Too Drunk to Fuck

Einige Wochen später lernte ich Barbara kennen. Sie war


16, anderthalb Jahre jünger als ich, ein hübsches blondes
Mädchen mit Stupsnase, kleinem Hintern und großem
Busen. Barbara war behütet aufgewachsen und begann
gerade erst, ihre sexuelle Anziehungskraft zu entdecken.
Ihr unschuldiger Kleinmädchencharme erschien mir sexy
und aufregend. Ich musste mich am Anfang ziemlich
anstrengen, um sie ins Bett zu bekommen. Eine Zeit lang
war ich sehr in sie verliebt. Nach wenigen Monaten
beendete ich unsere Beziehung, je mehr sie mich
kritisierte, meinen Drogenkonsum, meine
Unzuverlässigkeit, desto unattraktiver wurde sie. Ihre
Eltern zeigten sich erleichtert über die Trennung, unsere
Beziehung hatte ihnen eine Menge Sorgen bereitet.
Barbaras Vater arbeitete in einer hohen Position im
Jugendamt, er hatte von mir gehört, noch bevor wir uns
kennen lernten. Als er mich das erste Mal sah, die Jeans
völlig zerrissen, eine schwarzweiß gescheckte Ratte auf
der Schulter, warf er mich aus seinem Haus und verbot
seiner Tochter den Umgang mit mir.
Im Herbst 1984, wenige Wochen nach unserer Trennung,
lud Barbara mich auf ihre Party ein. »Komm bitte
nüchtern«, schärfte sie mir ein. Am Tag vor Barbaras
Party fuhren Erik und ich nach Amsterdam, 100 LSD-
Trips, einige Gramm Heroin, Kokain und Amphetamine
kaufen. Solche Einkaufstouren unternahmen wir
mittlerweile mehrmals im Monat. Meist sammelten wir
zuvor Geld, und während wir unterwegs waren, saßen ein
halbes Dutzend unserer Freunde zusammen in unserer
Stammkneipe, der Wirt gehörte ebenfalls zu unseren

48
Kunden, oder in irgendeiner Wohnung und warteten
ungeduldig auf unsere Rückkehr. Eine Art Warten aufs
Christkind für Große.
Eine offene Szene existierte in unserer Region nicht, der
Drogenhandel fand nur in Privatwohnungen statt oder
wenn man sich zufällig in Kneipen, Parks oder auf dem
Marktplatz begegnete. Hin und wieder hatte ich selbst zu
denen gehört, die wartend herumsaßen, ständig auf die
Uhr sahen und darauf hofften, dass der Dealer auftauchte.
Da ich es hasste, so zur Untätigkeit verdammt zu sein,
machte ich mich, so oft es ging, selbst auf den Weg nach
Holland, meist zusammen mit Erik. Artur zog es vor, zu
Hause zu bleiben, sich in seinem Zimmer zu
verbarrikadieren und die Wartezeit mit Lesen und Malen
zu überbrücken. Da Erik und ich weder Führerschein noch
Auto besaßen, mussten wir immer jemanden finden, der
uns chauffierte. Für einen bescheidenen Anteil am
Gewinn, der meist in Naturalien gezahlt wurde.
An diesem Tag fuhren wir mit einem alten Citroen CX,
ein riesiger Wagen, ausgestattet mit braunen Ledersitzen
und einer Stereoanlage mit großer Wattleistung. Wenn die
Zündung eingeschaltet wurde, hob sich der gesamte
Wagen um einige Zentimeter an, wie ein Tier, das sich in
Bewegung setzt. Wer auf dem Beifahrersitz saß, konnte
die Füße ausgestreckt auf dem Armaturenbrett ablegen.
Erik und ich stritten uns jedes Mal darüber, wer vorne
sitzen durfte. Vor allem auf der Rückfahrt, wenn uns der
Rausch umfangen hielt. Dieses Mal saß ich auf dem
Beifahrersitz wie auf einem Thron, das Heroin und das
Kokain rauschten in meiner Blutbahn. Ich versank in der
Weichheit der Ledersitze und sah durch die riesige
Windschutzscheibe zu, wie auf der Autobahn die roten
Rücklichter und die gelben Scheinwerfer der
holländischen Autos vorüberglitten. Aus den

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Lautsprechern klang die Stimme von Sade, sie sang
»Smooth Operator«, und mir war, als würde die Welt mir
gehören. Zu Hause angekommen setzten wir uns noch
einen Druck, dann fuhren wir in unsere Stammkneipe, wo
unsere Kunden auf uns warteten, und verkauften unsere
Drogen.

Barbara wohnte ungefähr 6 Kilometer von meinem


Heimatort entfernt, kurz vor der holländischen Grenze. An
dem Abend, an dem ihre Party stattfand, legten viele ihrer
Gäste einen Zwischenstopp am Haus meiner Eltern ein
und kauften von mir Trips oder Koks. Als meine Eltern
immer misstrauischer wurden wegen des andauernden
Klingeins beschloss ich, meine restlichen Geschäfte direkt
vor Ort zu erledigen. Zusammen mit Arthur und Sylvana,
meiner neuen Freundin, fuhr ich zu Barbaras Party. Dort
verkaufte ich in einer halben Stunde den größten Teil
meiner Vorräte.
Kurz vor Mitternacht standen wir zu dritt auf einer
Waldlichtung, umgeben von riesigen Bäumen, die sich
undurchdringlich wie eine Felswand vor dem
blauschwarzen Nachthimmel türmten. Der Mond blieb
hinter Wolken verborgen. Wir sahen uns um, in allen vier
Richtungen das gleiche Bild.
»Und was jetzt?«, fragte ich.
»Keine Ahnung«, sagte Artur.
Sylvana sah uns nur ängstlich an. Sie hatte zum ersten
Mal in ihrem Leben LSD genommen und wirkte ziemlich
verängstigt. Bei jedem Geräusch, das aus dem Wald zu
uns drang, zuckte sie zusammen. Sylvana lebte in dem
gleichen Dorf wie ich, ihren merkwürdigen Vornamen
verdankte sie ihrem österreichischen Vater. Als wir 13
waren, hatte ich mich in sie verliebt, damals in unserem

50
Jugendzentrum. Ein stilles Mädchen mit slawischen
Wangenknochen und langem, schwarzem Haar. Sylvana
hatte schon früh einen Busen, auf ihrem Gesicht lag meist
ein wehmütiger Ausdruck. Zu jener Zeit vergötterte sie
Debbie Harry, die Sängerin der Band Blondie.
Stundenlang hatten wir nebeneinander in einer zum
Partyraum umfunktionierten Gartenlaube gesessen,
Blondie-Platten gehört und, die Blicke in einander
versenkt, ihren Schäferhund gestreichelt. Aber ihre
Weiblichkeit und Fremdheit schüchterten mich zu sehr
ein. Da wir wochenlang nicht von der Stelle kamen,
trennte sie sich bald von mir. Damals schwor ich mir, so
einen Fehler nicht noch einmal zu begehen. Wir verloren
uns aus den Augen. Vor einigen Wochen, im Herbst 1984,
hatte ich sie wieder getroffen. Fünf Jahre waren seit
unseren vorsichtigen Annäherungsversuchen vergangen.
An diesem Abend trug sie eine schwarze Lederjacke, auf
die sie mit weißem Edding »Sex Pistols« geschmiert und
ein großes A mit einem Kreis darum gemalt hatte, dazu
ein Lederarmband mit spitzen Nieten. Sylvana war noch
weiblicher und noch attraktiver als mit 13, die Wehmut in
ihrem Blick hatte sich in eine Mischung aus Überdruss,
Resignation und Wut verwandelt. Am gleichen Abend
schliefen wir miteinander.
Irgendwo jenseits der Bäume, die uns umringten, war
Barbaras Party im Gange. Wir waren von dort
aufgebrochen, als vor einigen Stunden die Wirkung des
LSD eingesetzt hatte. Artur und ich wollten den
umliegenden Wald erkunden, Sylvana nicht alleine
zurückbleiben. Zwischen den Bäumen hatten wir rote
Lichter tanzen gesehen. Artur und ich beschlossen, den
Lichtern zu folgen. Kreuz und quer hatten uns diese
Lichter durch den Wald geführt, wir kletterten über
entwurzelte Bäume und stolperten über tiefe Furchen im

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Waldboden. Irgendwann fanden wir uns auf dieser
Lichtung wieder, umgeben vom Dunkel des Himmels und
den Geräuschen des Waldes.
Ich erinnerte mich an eine ähnlich mondlose Nacht, vor
wenigen Monaten. Damals hatten Artur und ich
gemeinsam mit einem halben Dutzend Freunden an einem
Waldsee gezeltet, den späten Nachmittag hatten wir damit
zugebracht, auf Pferdewiesen in der Umgebung
halluzinogene Psylocybin-Pilze zu suchen. Am Abend
fuhren Artur und ich mit einem kleinen Schlauchboot auf
den See hinaus, in seiner Mitte aßen wir unsere Pilze.
Benommen dümpelten wir in unserem Boot auf dem
Wasser. Als die Nacht kam, verloren wir völlig die
Orientierung. Mit einem Mal war um uns nur Schwärze,
oben, unten, vor uns, hinter uns. Wir konnten nicht mehr
unterscheiden, wo das Wasser war, wo der Himmel und
wo das rettende Ufer. Wie gelähmt harrten wir in dem
kleinen Boot aus, bis die Sonne aufging. Und stellten fest,
dass das Ufer nur ungefähr zehn Meter entfernt war.
Diesmal, da waren Artur und ich uns einig, würden wir
nicht auf das Tageslicht warten. Wir wollten zurück auf
die Party. Außerdem war es Herbst, die Kälte kroch uns in
die Glieder.
»Ich habe eine Idee«, sagte Artur, nachdem wir uns eine
Weile ratlos angesehen hatten. »Wir drehen uns um 180
Grad, gehen hinter uns wieder in den Wald und suchen die
roten Lichter. Dann folgen wir ihnen wieder zurück.«
Sylvana sah ihn nur fassungslos an. Mir erschien sein
Plan völlig einleuchtend.
»In Ordnung«, sagte ich und drehte mich um. Die
anderen beiden trotteten hinter mir zurück in den Wald,
Sylvana umklammerte die ganze Zeit meine Hand.
Kurz nachdem wir die Lichtung verlassen hatten, sahen

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wir die Lichter wieder. Sie führten uns an exakt der
gleichen Stelle aus dem Wald, an dem wir ihn betreten
hatten.
Kurz nach unserer Rückkehr geriet die Party außer
Kontrolle. Barbara hatte geplant, die Feierlichkeiten nur
auf die Kellerräume zu beschränken. Daran hielt sich
längst niemand mehr. Tom hatte in der Garage das
Rennrad von Barbaras Vater entdeckt und drehte damit
immer schnellere Kreise im Wohnzimmer. Später stürzte
er, als er versuchte, mit dem Rad die Kellertreppe
hinunterzufahren. Artur hatte auf einer nächtlichen
Wanderung durch das Dorf einen betrunkenen
Landstreicher aufgelesen, dem er in der Küche etwas zu
essen gab. Irgendwer spielte im Wohnzimmer in
trommelfellzerfetzender Lautstärke »Too Drunk to Fuck«
von den Dead Kennedys auf der Stereoanlage von
Barbaras Eltern. Ich machte mich im Badezimmer daran,
das Gegenteil zu beweisen. Halb hinter dem
Duschvorhang verborgen stand ich in der Badewanne, die
offene Hose bis auf die Springerstiefel heruntergerutscht.
Sylvana kniete vor mir, sie trug nur noch ihren Minirock,
den Slip, ihr T-Shirt und ihren BH hatte sie ausgezogen.
Jeden, der uns störte, vertrieb ich mit einem Schwall
Wasser aus dem Duschkopf. Da die einzige Toilette direkt
neben der Wanne stand und irgendjemand den Schlüssel
zur Badezimmertür im Klo runtergespült hatte, wurden wir
recht häufig gestört und selbst ziemlich nass. Irgendwann
gaben wir auf und setzten uns stattdessen hinter dem
Duschvorhang verborgen noch einen Druck. Erst wenige
Tage zuvor hatte ich Sylvana zum ersten Mal Heroin
gespritzt, sofort hatte sie meine Begeisterung für die
Droge geteilt. Nach dem Druck gaben wir das Bad wieder
frei. Barbara hatte ihre anfänglichen Versuche, Ordnung zu
schaffen, längst eingestellt und sich betrunken.

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In den frühen Morgenstunden, als sämtliche
Alkoholvorräte aufgebraucht waren, ging die Party
langsam zu Ende. Artur hatte kurz zuvor in einem Schrank
im Wohnzimmer eine Kristallkaraffe mit einem Rest
Sherry darin gefunden. Als Barbara sah, dass er damit aus
der Haustür wankte, wurde sie blass.
Sie versuchte, ihn davon zu überzeugen, ihr das Gefäß
auszuhändigen, und bot ihm an, den Inhalt in ein Glas zu
schütten. Keine Chance, mit Artur war nicht zu reden. Er
hütete den letzten Alkohol des Abends wie einen kostbaren
Schatz.
»Mein Vater liebt diese Karaffe«, beschwor Barbara
mich, als wir gingen. »Außerdem ist sie sauteuer. Du
musst dafür sorgen, dass sie heil bleibt. Klar?« Sie lallte
ein wenig, trotzdem drang die Dringlichkeit ihres
Anliegens irgendwie zu mir durch. Vielleicht, weil sie ihre
Finger in meinen Arm bohrte und mich wild rüttelte. Auf
dem Heimweg legte ich meinen Arm um Arturs Schulter
und schärfte ihm ein, unter keinen Umständen die Karaffe
loszulassen, egal, was passierte. Es funktionierte. Artur
hielt die mittlerweile leere Karaffe immer noch fest im
Griff, als wir die Kellertreppe im Haus meiner Eltern
herunterwankten und uns auf meinen Matratzen schlafen
legten. Erst als wir viele Stunden später völlig
desorientiert wach wurden, warf jemand die Karaffe vom
Tisch.

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Birthday Party

Am 24.12.1984 traf ich Erik und einige Freunde nach der


Bescherung in Toms Wohnung. Jeder von uns hatte Geld
zu Weihnachten bekommen, also überredeten Erik und ich
die anderen zu einem Trip nach Amsterdam. Kurz nach 1
Uhr brachen wir auf, kurz vor 2 Uhr ging Tom, dem
Fahrer, mitten auf der Autobahn das Benzin aus. Die
Tankstelle an der A1, auf die wir mit der letzten
Treibstoffreserve rollten, öffnete erst um sechs. Vier
Stunden bibberten wir ohne Heizung auf der Tankstelle in
unserem Wagen, kurz vor 7 Uhr morgens kamen wir
endlich in Amsterdam an. Natürlich war kaum jemand auf
der Straße. Der einzige Junkie, der zu dieser Zeit
unterwegs war, verkaufte uns für unser gesamtes
Weihnachtsgeld braunen und weißen Zucker. Irgendwie
war es ihm gelungen, die Päckchen zu vertauschen, noch
nachdem wir den Inhalt getestet hatten. Als ich am ersten
Weihnachtstag gegen Mittag völlig übernächtigt,
übellaunig und pleite wieder zu Hause ankam beschlossen
meine Eltern, an meinem Geburtstag in drei Wochen von
Geldgeschenken abzusehen.
Nach Weihnachten deckten sich alle unsere Kunden zu
Silvester großzügig mit Kokain und LSD ein, was Erik
und mir einige rauschende Tage bescherte. Am
Silvesterabend musste ich Erik nach einer Überdosis
Kokain aus meinem Zimmer tragen. Meine Eltern standen
fassungslos im Flur und sahen uns zu, sie wussten schon
lange nicht mehr, was sie noch sagen sollten. Als Erik
wieder selbständig auf seinen Beinen stehen konnte,
gingen wir auf eine Party, tollten nur mit T-Shirt bekleidet
durch den Schnee und bewarfen die anderen Partygäste

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mit Schneebällen, einige Gramm Kokain und Heroin im
Körper.
Vierzehn Tage später, an meinem 19. Geburtstag, sah es
so aus, als müsste ich nüchtern bleiben. In den
vergangenen Wochen war es immer schwieriger
geworden, Geld aufzutreiben. Jeder schien pleite zu sein,
sogar unsere Stammkunden wollten nichts kaufen. Ich war
in finsterer Stimmung.
Am Nachmittag des 15. Januar stand Erik mit einem
Geschenk vor meiner Tür.
»Herzlichen Glückwunsch«, sagte er und drückte mir
grinsend zwei gefaltete Papierbriefchen in die Hand. Ich
sah ihn verwundert an.
»Wo hast du das her?«, fragte ich. Erst 24 Stunden zuvor
hatten wir beide zu unserem großen Entsetzen festgestellt,
dass wir völlig abgebrannt waren.
»Ich habe Schmuck von meiner Mutter versetzt«, sagte
er und zuckte mit den Schultern. »Geburtstag nüchtern,
das konnte ich dir nicht antun.«
Wir schlossen meine Zimmertür ab, ließen die Rolladen
herunter und setzten uns auf meine Matratzen. Dann zogen
wir unsere Spritzen mit Heroin und Kokain auf und
setzten uns einen Druck. Zwischendurch musste ich meine
Ratte davonscheuchen. Sie lebte seit Monaten frei in
meinem Zimmer, und sie war manchmal tagelang
verschwunden. Wenn sie sah, dass ich meine Lederjacke
anzog, kletterte sie an meinen Beinen hoch und machte es
sich in der Innentasche meiner Jacke oder auf meiner
Schulter bequem. Erst vor wenigen Wochen hatte ich sie
durch das Zimmer verfolgt, nachdem sie sich mit einem
Riegel LSD-Trips im Maul davonmachen wollte.
Wenn wir unser Heroin oder Kokain auf einer
Plattenhülle ausgebreitet und aufgeteilt hatten, leckte

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meine Ratte jedes Mal die Reste weg. Und wann immer
ich zugedröhnt auf meinen Matratzen lag, krabbelte sie auf
mich, zog mit den Vorderpfoten meine Lippen
auseinander, steckte ihren Kopf in meinen Mund und
begann, meinen Speichel zu lecken. Ratten lieben
menschlichen Speichel und menschlichen Schweiß, mein
Speichel war oft noch so drogengetränkt, dass meine Ratte
anschließend die Kontrolle verlor. Sie fuhr auf meinem
Plattenspieler Karussell oder kletterte an den Vorhängen
bis unter die Decke und ließ sich anschließend von zwei
Metern Höhe wieder auf den Boden fallen. Und immer,
wenn ich vergaß, die Mädchen, die ich mit zu mir nahm,
vor dem Tier zu warnen, wurde ich mitten in der Nacht
durch einen lauten Schrei geweckt, weil meine Ratte auf
der Brust des Mädchens saß und nach dem Sex den
Schweiß von ihrer Haut leckte oder versuchte, Speichel
aus ihrem Mund zu trinken.

»Und, was jetzt?«, fragte Erik, nachdem wir das Kokain


und den größten Teil des Heroins aufgebraucht hatten. In
Kürze würden meine Eltern nach Hause kommen, keiner
von uns legte Wert darauf, ihnen zu begegnen. Mein
familiärer Grabenkrieg hatte sich in den vergangenen
Jahren immer weiter zugespitzt. Seit ich 18 war, ließ ich
mir von meinen Eltern gar nichts mehr sagen, die meiste
Zeit schrien wir uns an.
Draußen herrschte eine klirrende Kälte, kaum Autofahrer
auf den Straßen. Kein Tag zum Trampen, und anders
kamen wir aus meinem Heimatdorf nicht hinaus. Schon
auf dem Weg zu mir hatte Erik lange am Straßenrand
warten müssen. Die Vorstellung, Stunden in der Kälte zu
stehen, gefiel uns nicht. Und erst in einigen Stunden, nach
Feierabend, würden wir jemanden finden, der bereit war,
uns mit dem Wagen abzuholen.
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»Lass uns irgendein Mädchen besuchen«, sagte ich. »Ich
habe Lust auf Sex. Ist schließlich mein Geburtstag.«
»Klar, warum nicht«, sagte Erik.
Allerdings kannten wir beide nur ein einziges Mädchen
in unmittelbarer Nähe, das für Sex in Frage kam. Sylvana,
mittlerweile meine Exfreundin. Wir waren seit einiger Zeit
getrennt, auch unser zweiter Versuch hatte nicht lange
gehalten. Sylvana hatte schnell Gefallen am Heroin
gefunden, und weil sie nicht auf meine Drogen und mein
Geld angewiesen sein wollte, war sie nur Wochen,
nachdem ich ihr den ersten Druck gesetzt hatte, nach
Düsseldorf gefahren und dort auf den Strich gegangen.
Kurz darauf hatte ich mich von ihr getrennt.
»Was hältst du von einem Dreier?«, fragte Erik mich.
»Super Idee«, antwortete ich. »Reicht unser Heroin noch
für drei?«
Es war genug Heroin übrig, Sylvanas anfängliche
Skrupel zu beseitigen. Wir zogen uns aus, nahmen
Sylvana in die Mitte und streichelten ihren nackten Körper.
Aber ich vermisste die alles andere ausschließende
Intimität, die entstand, wenn ich mit einem Mädchen
allein war. Irgendwann zog ich mich zurück, setzte mir
meinen letzten Druck für diesen Tag und sah den beiden
zu.

58
Amsterdamned

»Schau dir das an«, sagte ich zu Ben, »Total irre! Drehen
die hier einen Film oder so was?« Wir saßen in einem
Lieferwagen, Ben hinter dem Steuer. Erik lag auf einer
Decke im Laderaum, sobald wir die belebteren Stadtteile
von Amsterdam verlassen hatten, wollten wir anhalten,
und er würde zu uns nach vorne klettern. Das Führerhaus
war nur für zwei Personen zugelassen, und wir wollten so
wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Schließlich
transportierten wir viele unterschiedliche Drogen.
Außerdem befand sich schon eine Menge Heroin, Kokain
und LSD in unserer Blutbahn. Wir hatten gerade an einer
roten Ampel angehalten, als auf der Kreuzung die Hölle
losbrach. In allen Wagen in unserer unmittelbaren Nähe,
vor uns, hinter uns, neben uns, rissen sie wie auf ein
geheimes Zeichen die Türen auf, und die Insassen traten
mit schnellen Bewegungen auf die Straße. »Abgefahren!«,
dachte ich. »Was haben die denn vor?« Ich war völlig
ergriffen von diesem Schauspiel, genoss die eigentümliche
Choreografie, mit der sie unseren Wagen umringten. Erst
als eine der Gestalten die Beifahrertür öffnete und mich
mit vorgehaltener Waffe aufforderte, die Hände zu heben
und langsam den Wagen zu verlassen, begriff ich.
Die Uhr im Armaturenbrett des Lieferwagens zeigte
22.30 Uhr, später Abend, gegen Mittag waren wir in
Erkelenz aufgebrochen. Für die 180 Kilometer nach
Amsterdam benötigten wir normalerweise nicht viel mehr
als 1,5 Stunden, mit Bens klapprigem Lieferwagen dauerte
es deutlich länger. Aber Erik und ich hatten an diesem Tag
keinen anderen Wagen auftreiben können. Der Wagen von
Ben war langsam, unbequem und für Grenzüberquerungen

59
viel zu auffällig. Außerdem war Ben, ein dicker, über und
über tätowierter Biker, wegen zahlreicher Verstöße gegen
das Betäubungsmittel-Gesetz vorbestraft. Erik und ich
hatten noch keine Vorstrafen, und obwohl wir uns zu
Hause in Erkelenz viel Mühe gaben aufzufallen,
vermieden wir das bei den Fahrten nach Amsterdam. Ich
hatte statt der silbernen Leggins mit Schlangenmuster, die
ich zur Zeit beinahe täglich trug, eine schlichte schwarze
Lederjacke und eine ebenfalls schwarze Jeans angezogen,
ohne dekorative Sicherheitsnadeln, aufgenähte
Reißverschlüsse oder Risse. Dazu den Gürtel mit den
flachen Nieten. In den Gegenden von Amsterdam, in
denen wir verkehrten, fielen wir mit dieser Kleidung
tatsächlich kaum auf.
Als Erstes fuhren wir zu unserem Stammdealer.
Glücklicherweise war er noch im Geschäft. Das änderte
sich oft schneller, als uns lieb war. Da sie alle selbst
abhängig waren, geschah es immer wieder, dass ein Dealer
bei unserem nächsten Besuch in der Entgiftung, im
Gefängnis oder in der Notaufnahme zu finden war. Wir
kauften Heroin und Kokain, LSD führte unser Dealer
nicht. Diese Märkte waren in der Regel streng getrennt, es
geschah auch eher selten, dass ein Kunde nach Heroin und
LSD gleichzeitig verlangte. Zu sehr unterschieden sich die
beiden Drogen in Funktion und Wirkung. Uns hatte das
Heroin die Freude am LSD noch nicht verdorben. Aber
das sollte noch kommen.
Außerdem war es wesentlich leichter, unseren
Drogenkonsum mit dem Verkauf von LSD-Trips zu
finanzieren, nicht nur wegen der großen Gewinnspanne.
Die Nachfrage war größer als das Angebot, seit Ralf,
unser LSD-Dealer in der Heimat, auf Heroin umgestiegen
war. Wir waren jetzt die Einzigen, die regelmäßig Trips
anboten. Daher konnten wir sicher sein, dass wir das LSD

60
in so kurzer Zeit verkauften, dass wir gar nicht dazu
kamen, einen Großteil selbst zu konsumieren und so
unseren Gewinn zu schmälern. Bei Heroin und vor allem
bei Kokain verhielt es sich anders. Erst kürzlich hatten
Artur, Erik und ich unseren gesamten Kokain-Vorrat, mit
dem wir Geschäfte machen wollten, innerhalb einer Nacht
vollständig in unsere Adern gejagt. Der eigentliche Kick
hält nur wenige Minuten an, und die Gier nach dem
nächsten Druck ist so stark, dass wir meist erst aufhörten,
wenn das letzte Stäubchen verbraucht war.
Also hatten wir beschlossen, Kokain und Heroin nur
noch für unseren Gebrauch zu kaufen und das Geld dafür
mit LSD zu verdienen. An diesem Tag versprach unser
Deal eine Menge Gewinn abzuwerfen. Rolf, einer unserer
Stammkunden, hatte 200 Trips bestellt, die 900 Mark, die
wir ihm dafür berechneten, hatte er schon am Morgen vor
unserer Abfahrt bezahlt. Für 540 Mark würden wir in
Amsterdam 300 Trips bekommen, die übrigen 100 würden
wir in Deutschland für rund 10 Mark das Stück weiter
verkaufen. Und zusätzlich dazu blieben uns nach Abzug
der Unkosten sogar noch 300 Mark für Heroin und Koks.
So stellten wir uns einen rundum gelungenen Tag vor.
Im Wartezimmer unseres Dealers, einem
heruntergekommenen Raum mit Matratzen auf dem
Boden, setzten wir uns den ersten Druck des Tages. Mit
beinahe sakraler Hingabe kochte ich das Heroin auf,
kühlte die hellbraune Flüssigkeit mit einem Spritzer
Wasser ab und rührte dann das Kokain hinzu. Legte ein
kleines Stückchen Watte auf den Löffel, das die
Rückstände herausfiltern sollte, senkte die Nadelspitze in
die Watte und zog die Flüssigkeit in die Spritze. Meinen
Arm abzubinden war nicht nötig. Die Vene in meiner
linken Armbeuge war so dick, dass es genügte, ein
Feuerzeug unter meine Achsel zu klemmen und so den

61
Rückfluß des Blutes in meinem Arm kurz zu stauen. Satt
und blau trat die Ader hervor. Ich stach die Spritze hinein.
In dem Moment, in dem die Spitze mit einem leichten
Knirschen in die Vene eindrang, meinte ich schon, das
Kokain auf meiner Zunge zu schmecken. Ich zog den
Bolzen am Ende der Spritze, dunkelrote Blutschlieren
vermischten sich mit der braunen Flüssigkeit. Dieser
Anblick elektrisierte mich jedes Mal aufs Neue. Ein
heiliger Moment: Der Höhepunkt des Tages, der große
Orgasmus, nur noch Sekunden entfernt. Sanft drückte ich
den Inhalt der Spritze in meine Ader. Einen Herzschlag
später explodierte das Drogengemisch in jeder Faser
meines Körpers. Ich schaffte es gerade noch, die Spritze
mit zitternden Fingern auf den Tisch zu legen, dann
versagten meine Muskeln ihren Dienst. Langsam sank ich
der Länge nach auf die Matratze. Erik war noch nicht so
weit, er sah mich an, die Vorfreude brachte ein Lächeln auf
sein Gesicht. Die Tür öffnete sich, unser Dealer steckte
den Kopf herein. »He Jungs, seid vorsichtig«, sagte er,
»das Koks ist heute besonders stark.« Er sah mich auf der
Matratze liegen, nur noch dazu in der Lage, ihn mit weit
aufgerissenen Augen anzustarren. »Oh, ich sehe, ihr wisst
schon Bescheid.« Dann schloss er leise und vorsichtig die
Tür. In den ersten Minuten nach einem Druck, das wusste
er, konnten Lärm und hektische Bewegungen alles
verderben. Erik musste kotzen, das geschah nur noch,
wenn die Qualität besonders gut war. Erst Stunden später
gingen wir. Nicht einmal in der Präsidentensuite des
Hilton hätten wir uns heimeliger gefühlt als in diesem
schäbigen Raum mit den stinkenden Matratzen.
An einer Gracht, an der die Dealer und ihre Kunden zu
jeder Tageszeit mehr oder weniger offen ihre Geschäfte

machten, trafen wir einen Vermittler, den wir von früheren

62
Einkaufstouren kannten. Er brachte uns in eine Wohnung
über einer Autowerkstatt. Dort, behauptete er, gab es zur
Zeit das beste LSD in Amsterdam. Wir hatten keinen
Grund, ihm nicht zu glauben. Der Vermittler wurde in der
Regel von Dealer und Kunde mit Drogen bezahlt. Das
bedeutete, er würde die gleiche Ware bekommen, die er
uns besorgte. Also hatte er ein großes Interesse daran, dass
die Qualität in Ordnung war. Gerade in Bezug auf LSD
war es wichtig, dem Dealer halbwegs vertrauen zu
können. Anders als beim Kokain und Heroin, wo schon
ein paar Körner auf der Zunge reichen, ist der Test bei
LSD eher schwierig. LSD wirkt erst nach einer halben
Stunde, so lange wartet niemand auf den Abschluss eines
Geschäfts. Da wir auch nicht gerne so lange auf den
Rausch warteten, gingen wir immer häufiger dazu über,
das LSD aufzulösen und zu injizieren. Von Null auf
Hundert in Sekunden. Wenngleich die meisten Dealer, die
mit Halluzinogenen, also LSD, handelten, eine echte
Abneigung gegen Junkies hatten. Also mussten wir uns
die Zeit nehmen, die Trips auf dem herkömmlichen Weg
wirken zu lassen. Aber wir hatten es ja auch nicht
besonders eilig, das Heroin versetzte uns in einen Zustand
tiefster Gelassenheit, und unsere Kunden würden schon
auf uns warten. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Eine
Stunde später machten wir uns vollständig zufrieden auf
den Heimweg, das LSD war tatsächlich so gut, wie der
Vermittler versprochen hatte.

»Nehmen Sie die Arme auf den Rücken«, befahl mir der
Beamte. Die holländischen Polizisten sprachen ziemlich
gut Deutsch, vielleicht gehörte ein Sprachkurs zu ihrer
Grundausbildung. Ich war weggetreten, streckte meine
Arme seitlich vom Körper aus und versuchte, sie gerade
und mit durchgestreckten Ellbogen hinter meinem Rücken

63
zusammenzubringen. Natürlich vergeblich, die Anatomie
des menschlichen Körpers lässt so eine Bewegung nicht
zu. »Warum verlangt der so etwas Dämliches von mir?«,
dachte ich. »Wird das irgendein Test?«
Auch der Schock der Verhaftung hatte mich nicht
ausnüchtern können. »Geht nicht«, antwortete ich. Der
Polizist wollte wissen, ob meine Arme gebrochen seien.
Ich verneinte. »Willst du mich verarschen?«, fragte er mit
gereizter Stimme und schlug kurz mit der Handkante in
meine Armbeuge. Meine Unterarme klappten herunter, er
bog meine Handgelenke widerstandslos auf den Rücken
und legte mir Handschellen an. Ich starrte ihn verblüfft an.
Auf die Idee, die Arme zu beugen, war ich tatsächlich
nicht gekommen. Immerhin gelang es mir, den Zettel mit
der Adresse unseres neuen LSD-Dealers aus meiner
Hosentasche zu angeln und im Streifenwagen zwischen
die Polster der Rückbank zu quetschen. Ich war ziemlich
stolz auf diesen kleinen Sieg, nutzen sollte er mir gar
nichts.
Sie fuhren uns zum Polizeipräsidium. Dort wurden wir
zuerst durchsucht und dann verhört, getrennt von einander.
Ich musste meine Kleidung ausziehen, sie ließen keine
Stelle meines Körpers aus. Suchten in Mund und Ohren,
unter meinen Achseln und meinem Hodensack. Dann
musste ich mich breitbeinig nach vorne beugen, damit sie
auch in meinem After nachsehen konnten. Eine
überflüssige Prozedur. Unseren gesamten Drogenvorrat,
die 300 LSD-Trips sowie einige Gramm Heroin und
Kokain, hatten sie schon bei der Verhaftung sichergestellt.
Er befand sich sorgfältig in Plastikfolie eingeschweißt und
mit einem Kondom überzogen in Eriks Hosentasche. Auf
holländischem Boden fühlten wir uns sicher, die hiesigen
Ordnungshüter waren bekannt für ihren großmütigen
Umgang mit Drogensüchtigen. Hier hatten wir noch nie

64
Ärger mit der Polizei gehabt, Probleme machten
normalerweise erst die Zöllner. Kurz vor der Grenze
wollten Erik und ich dann je eines der beiden Päckchen in
unserem Enddarm verschwinden lassen. Dass in
Amsterdam Stadtratswahlen anstanden und die
Bekämpfung des Drogentourismus zu einem
Wahlkampfthema erklärt worden war, wussten wir nicht.
Die Adresse unseres LSD-Dealers, erfuhr ich während
des Verhörs, diese Adresse, die ich im Auto so elegant
hatte verschwinden lassen, war den Polizisten bekannt.
Den ganzen Tag hatten sie das Haus observiert, und als wir
mit unserem deutschen Nummernschild vorgefahren
waren, griffen sie zu. Obwohl sie bei mir nichts gefunden
hatten, sagte mir der Beamte, es sei völlig sinnlos, meine
Beteiligung an dem Drogenkauf zu leugnen. Schließlich
waren wir beschattet worden. Außerdem habe der
Vermittler schon gegen uns ausgesagt, und wenn sie den
Dealer festnahmen, würde der mich garantiert auch nicht
schonen. Überhaupt, wir seien ihnen völlig egal. Sie
wollten nur den Dealer drankriegen. Und auf den müsste
ich ja wirklich keine Rücksicht nehmen!
Ich wusste nicht, ob er die Wahrheit sagte. Ich wusste
nur, kein Mensch würde mir glauben. Und mir war der
ganze Rummel jetzt schon entschieden zu aufreibend. Ich
sehnte mich nach Ruhe. Außerdem hatten sie die Drogen ja
gefunden. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, alles
auf Erik abzuwälzen. Das kam nicht in Frage. Also
gestand ich. So schlimm, dachte ich, würde es schon nicht
werden, schließlich war ich nicht vorbestraft. Ich gab alles
zu, von dem ich annahm, dass sie es sowieso wussten. Ja,
wir hatten bei der genannten Adresse 300 LSD-Trips
gekauft, kleine rosa Pappen mit dem Gesicht von Paulchen
Panther darauf gedruckt. Ja, wir waren auf dem Weg nach
Hause, über die deutsch-holländische Grenze. Nein, die

65
Drogen gehörten Erik und mir, Ben war nur der Fahrer, er
wusste nichts von unseren Geschäften. Dass Ben mit
seinen zahlreichen Vorstrafen sonst auf direktem Weg ins
Gefängnis gehen würde, war mir trotz meines Zustandes
klar. Dass eben diese Vorstrafen meine Aussage extrem
unglaubwürdig klingen ließen, ebenfalls. Trotzdem blieb
ich dabei. Die anderen beiden, da war ich mir sicher,
würden das Gleiche behaupten. So hatten wir es
abgesprochen, für den Fall, dass es an der Grenze Ärger
geben würde. Was wir mit den vielen Trips vorhatten,
fragte der Beamte. Jetzt wurde es kritisch. »Verkaufen«
wäre eine fatale Antwort gewesen, das wusste ich. Die
Strafen für Handel fielen wesentlich höher aus als die
Strafen für Erwerb und Eigenkonsum.
»Was sollen wir damit schon machen?«, antwortete ich.
»Einwerfen. Nächste Woche bin ich mit meinem Abitur
fertig. Danach wollte ich mir eine schöne Zeit machen.«
Mit 300 Trips hätte ich mich ein halbes Jahr am Stück
zudröhnen können und wäre anschließend in einer Anstalt
gelandet. Das wusste auch der Polizist. Er lachte mich aus.
Aber er hatte, was er wollte: ein Geständnis, das uns und
den Dealer belastete. Und ich würde ihm schließlich auch
nicht weglaufen. Also beließ er es zunächst dabei. Wie
häufig ich Drogen nehmen würde, fragte er noch, ob ich
heroinabhängig wäre und er einen Arzt informieren sollte,
falls die Entzugserscheinungen zu stark werden würden.
Ich wiegelte ab. Nein, abhängig war ich nicht. Ich nahm
Drogen zum Vergnügen, behauptete ich, und das auch
eher selten. Aus irgendeinem Grund war ich der Meinung,
meine Lage würde sich bessern, wenn mich der Beamte
für einen harmlosen Gelegenheitsjunkie hielt. Natürlich
nutzte mir diese Aussage nicht. Ganz im Gegenteil, ich
brachte mich damit nur um die Möglichkeit, Medikamente
gegen die Entzugsschmerzen zu erbitten.

66
Nachdem sie mir meine Schnürsenkel, meinen Ohrring,
meine Armbänder und den Nietengürtel abgenommen
hatten, brachten sie mich in den Zellentrakt. Ben und Erik
sah ich nirgends. Als der Beamte die Tür zu meiner Zelle
öffnete, stockte er kurz. Die Zelle war besetzt. »Okay, raus
mit dir«, sagte er zu dem Mann auf der Pritsche. So viel
Holländisch verstand ich. »Und du, rein da«, sagte er zu
mir. »Oh verdammt«, dachte ich. »Haben die den Typen
da drinnen wirklich vergessen? Das sind ja großartige
Aussichten.« Ich legte mich auf die Matratze, auf der eben
noch dieser bedauernswerte Kerl geschlafen hatte, und
dämmerte weg.

Als ich die Augen öffnete, erlitt ich den schlimmsten


Schock meines bisherigen Lebens. Ich sah mich um. Sah
die blaue Metalltür, eine fleckige Kloschüssel aus
Edelstahl, ohne Brille, darüber ein Waschbecken mit
einem Stück Kernseife und einem Handtuch, einen Tisch
und einen Hocker, im Boden vernietet. Über mir ein
Fenster, mit Glasbausteinen vermauert. Rechts und links
die Zellenwände, so nah, dass ich, wenn ich auf der
Pritsche lag, nur Arme und Beine ausstrecken musste,
wollte ich beide berühren. Mit einem Schlag waren der
Schlaf und die letzten Drogenreste aus meinem Kopf
verschwunden. Die Erinnerung an die vergangene Nacht
überfiel mich, zum ersten Mal ungefiltert. »Ach du
Scheiße«, dachte ich nur. »Oh verdammte Scheiße.«
Nach einer Nacht auf Droge ging es mir am nächsten
Morgen häufig dreckig, ich fühlte mich dann wie
ausgesaugt, in meinem Gehirn ein Flimmern und
Rauschen, und mein Körper schien Tonnen zu wiegen.
Dieser Zustand endete normalerweise spätestens mit dem
ersten Druck. Doch dieses Mal war keine Erlösung in
Sicht, und die Zellenwände schienen mein Elend zu

67
reflektieren und in vielfacher Stärke auf mich
zurückzuwerfen.
Die Zellentür öffnete sich. Der Beamte gab mir zu
verstehen, ich solle die Gummiauflage und die Wolldecke
von meiner Betonpritsche nehmen und hinausbringen.
Draußen reihte ich mich in eine Schlange ein. Erik stand
einige Schritte weiter vorne. Als er seine Matratze
abgegeben hatte, ging er auf dem Rückweg in seine Zelle
an mir vorüber. Er blieb stehen, wollte mit mir reden. Der
Beamte schob ihn weiter. Sein aschfahles Gesicht sah ich
noch vor mir, als sich die Zellentür schon lange hinter ihm
geschlossen hatte. Ich händigte die Gummimatratze und
Wolldecke einem anderen Beamten aus, er schloss sie in
einen Lagerraum ein. Dann wurde ich wieder in meine
Zelle gebracht. Ich saß apathisch auf der Betonpritsche,
meine Gedanken kreisten in einer Endlosschleife um
immer den gleichen Satz: »Sie haben uns tatsächlich
erwischt.«
Bisher war die Gefahr, verhaftet zu werden, für uns nicht
viel mehr gewesen als ein zusätzlicher Reiz. Verbrechen
und Drogen waren mir einfach nur als ein wilder Spaß
erschienen und unsere Einkaufstouren als eine Art Katz-
und-Maus-Spiel mit Polizisten und Zöllnern. Wir wussten
natürlich, dass wir auch verlieren konnten, aber wir hatten
nie wirklich daran geglaubt. Jetzt saß ich in einer Zelle im
Amsterdamer Polizeipräsidium. Ich war 19 Jahre alt, in
drei Tagen sollte meine mündliche Abiturprüfung
stattfinden. Doch in diesem Moment schien mir ein Leben,
in dem so etwas wie ein Schulabschluss existierte, in
unerreichbare Ferne gerückt.
Zum ersten Mal dämmerte mir, dass wir uns
möglicherweise geirrt hatten. Dass Drogen mehr waren als
nur ein aufregendes Spielzeug, mit dem wir anstellen
konnten, was immer uns gefiel. Ich hatte die Kontrolle

68
verloren. Meine Zukunft begann sich aufzulösen wie in
einem Säurebad. Ich wollte mit den Drogen der Enge eines
bürgerlichen Lebens in der Kleinstadt entfliehen, und nun
saß ich in einer Gefängniszelle.
Irgendwann öffnete sich eine Luke in der Zellentür, der
Wärter reichte mir mein Frühstück. Zwei labberige
Weißbrote mit buntem Zuckerstreusel belegt, dazu
Milchkaffee in einem Pappbecher. Die Luke schloß sich.
Ich war wieder allein mit meiner Angst und meiner
Verzweiflung. Minutenlang wand ich mich auf der nackten
Betonpritsche, bis ich endlich eine nicht allzu
schmerzhafte Position gefunden hatte. Starrte an die
Wände und versuchte, in dem verschwommenen Grau
hinter den Glasbausteinen einen Hinweis auf die Uhrzeit
zu finden, das Wetter, irgendetwas, das mich mit der Welt
da draußen verband. Bis ich resigniert die Augen schloss
und mich in den Schlaf flüchtete.
Ein lautes Knirschen weckte mich. Die Luke in der Tür
wurde wieder geöffnet. »Mittagessen«, sagte der Mann
hinter der Tür, dieses Mal bekam ich eine Plastikschüssel,
gefüllt mit einem undefinierbaren Reisgericht, und einen
Plastiklöffel. Das Frühstück nahm er wieder mit. Ich hatte
es nicht angerührt. Obwohl ich meine letzte Mahlzeit am
Nachmittag des Vortages zu mir genommen hatte, mochte
ich auch jetzt nichts essen. Ich stocherte nur in meinem
Reis, hob einen Löffel davon an die Lippen, konnte mich
aber nicht überwinden, den Mund zu öffnen. Mir war übel,
das Essen stank und es sah unappetitlich aus. Ich stellte
die Schüssel beiseite und starrte wieder die Wände an. In
einer der Nachbarzellen schlug jemand gegen die Stahltür
und schrie nach Methadon, einem Heroinersatzstoff, der
die Entzugssymptome verschwinden ließ. Wenn die
Schläge und Schreie verstummten, konnte ich hören, wie
er würgte und sich übergab. Er gab erst Ruhe, als sie ihm

69
einen Arzt in die Zelle schickten. Glücklicherweise hielten
sich meine Entzugsschmerzen zu dieser Zeit noch in
Grenzen. Schwitzen, Frieren, Müdigkeit und
Gliederziehen wie bei einer leichten Grippe, das war alles.
Da ich erst seit etwas mehr als einem Jahr drückte und
nicht täglich Heroin nahm, hatte sich die Droge noch nicht
vollständig in meinem Körper festgebissen.
Ich hatte keine Vorstellung, wie viele Stunden vergangen
waren, als meine Zellentür geöffnet wurde. Ein
Polizeibeamter trat ein. »Umdrehen«, befahl er und legte
mir Handschellen an. Anschließend führte er mich aus der
Zelle, seine Hand auf meiner Schulter. »Wohin gehen
wir?«, fragte ich. »Wirst du schon sehen«, antwortete er
und schob mich durch die Korridore der Polizeiwache.
Niemand schien von mir Notiz zu nehmen. In einem der
Büros konnte ich eine Uhr erkennen, sie zeigte kurz vor
drei.
Der Raum, in den er mich brachte, erschien mir vage
vertraut. Ein Tisch, drei Stühle, ein Aufnahmegerät. In so
einem Raum, erinnerte ich mich, war ich schon in der
Nacht zuvor verhört worden. Dieses Mal ein anderer
Beamter, der im Wesentlichen die gleichen Fragen stellte.
Ich gab im Wesentlichen die gleichen Antworten. Nur
fragte er genauer, verlangte nach Details. Hatte der
Vermittler uns angesprochen oder wir ihn? Waren uns bei
dem Dealer noch andere Kunden aufgefallen? Ich
beantwortete alle Fragen, so gut ich konnte und so vage
wie möglich. Nur, dass er mir jetzt deutlich zu verstehen
gab, wie wenig er daran glaubte, dass Ben an unserem
Deal völlig unbeteiligt gewesen sein sollte. Noch viel
weniger glaubte er mir, dass die gesamte Drogenmenge für
den Eigenkonsum bestimmt war. »Wir haben Sie auf dem
Weg zur Grenze verhaftet«, sagte der Beamte am
Ende des Verhörs.

70
»Sie haben zugegeben, dass Sie die Drogen gekauft
haben und nach Deutschland ausführen wollten. Also
werden wir Sie wegen internationalen Drogenhandels vor
den Schnellrichter bringen. Bis ein Verhandlungstermin
festgelegt ist, bleiben Sie hier. Dann werden sie in die
Untersuchungshaft verlegt. Möchten Sie mit einem
Anwalt reden?« Ich nickte nur stumm mit dem Kopf, seine
Worte hatten mir die Sprache verschlagen.
Wie ferngesteuert ließ ich mich zurück in meine Zelle
führen, ich nahm nichts von dem wahr, was um mich
herum geschah. Die Worte »internationaler
Drogenhandel«, »Schnellrichter« und
»Untersuchungshaft« hallten noch in meinem Kopf
wider, als sie mir das Abendessen brachten. Einige Zeit
später öffnete sich die Tür erneut, ich wurde aufgefordert,
die Zelle zu verlassen und meine Matratze wieder aus der
Kammer zu holen. Mechanisch folgte ich allen
Anweisungen. Kurz darauf erlosch das Licht. Ich lag noch
lange wach und starrte in die Dunkelheit. Mir war, als sei
ich aus der Welt gefallen.

Am zweiten Tag gewann ich ein wenig Orientierung


zurück. Zumindest für die wenigen Momente, in denen die
Monotonie der Haft durchbrochen wurde. Als ich meine
Matratze abgab, zeigte die Armbanduhr eines Wärters 6
Uhr und fünf Minuten. Das Wecken erfolgte demnach um
6 Uhr. Irgendwo auf den Fluren spielte leise ein Radio,
wenn ich aufmerksam zuhörte, konnte ich die Zeitansage
während der Nachrichten verstehen. Mittagessen, erfuhr
ich so, gab es pünktlich um zwölf. Zur gleichen Zeit, zu
der meine Großtante Jahre zuvor das Essen auf den Tisch
gestellt hatte, Tag für Tag. So würde sie es wohl auch
heute halten, auf ihrem Bauernhof, nicht einmal 200
Kilometer von hier.

71
Das Abendessen wurde um 16.30 serviert, um 18 Uhr
öffnete sich die Zellentür und ich bekam meine Matratze
zurück. Um 20 Uhr erlosch die Neonröhre an der Decke.
Bis sie um sechs wieder aufflammte und die Nacht
beendete. Dazwischen nichts, nur zäh fließende Zeit,
Mauern und Warten. Anders als in einem regulären
Gefängnis gab es in Polizeigewahrsam weder Hofgang
noch Umschluss mit anderen Häftlingen. Die einzige
Waschgelegenheit das stählerne Becken in meiner Zelle.
Mein Lebensraum war auf drei Quadratmeter Stahl und
Beton geschrumpft. So oft es ging, versuchte ich zu
schlafen. Ich träumte von Drogen und Sex. Wenn ich
aufwachte, klammerte ich mich an diese Träume, bis auch
die letzten Bilder völlig verblasst waren. Ich onanierte
mehrmals am Tag. Meistens nach den Mahlzeiten, wenn
wieder endlose Stunden vor mir lagen, bis sich die Luke in
der Tür erneut öffnen würde. Außer meinem Körper war
mir nichts geblieben, mit dem ich mich beschäftigen
konnte, und irgendwie musste ich die riesigen,
bedrohlichen Brocken Zeit zerteilen. Ich hoffte auf ein
erneutes Verhör, irgendetwas, was die Monotonie
aufbrach.
Am dritten Tag öffnete sich die Zellentür am
Nachmittag. Wieder wurden mir Handschellen angelegt.
Auf dem Gang hörte ich Musik. Ein schrammeliger
Kassettenrecorder spielte »Time after Time« von Cyndi
Lauper, es klang wie ein Signal aus einer anderen Welt.
An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, hatte ich das
Radio jedes Mal lauter gedreht wenn eines ihrer Lieder
gespielt wurde. Sie erinnerte mich an ein Mädchen, das ich
sehr mochte. Jetzt sang sie »If you’re lost you can look
and you will find me/time after time/if you fall I will catch
you I’ll be waiting/time after time«, und die Haare an
meinen Armen stellten sich auf, die Reste des

72
Mittagessens in meinem Magen schienen sich in einen
Stein zu verwandeln, ich schluckte, nur mit Mühe konnte
ich die Tränen zurückhalten. In den nächsten Tagen hörte
ich dieses Lied immer wieder. Einer der Beamten spielte
jeden Tag bei Dienstantritt die gleiche Kassette. Es sollte
Jahre dauern, bis ich dieses Lied wieder hören konnte,
ohne in eine seltsame Stimmung zu verfallen.
Der Polizeibeamte schob mich stoisch durch die Gänge.
In einem Verhörraum wartete ein Anwalt auf mich. Der
Beamte stellte uns vor und schloss die Zelle von außen ab.
»Das sieht nicht gut aus«, sagte der Anwalt, runzelte die
Stirn und verlas die Anklagepunkte. »Die Höchststrafe für
die Ihnen vorgeworfenen Vergehen liegt bei sieben
Jahren.« Er machte eine kurze Pause, nahm die Brille von
seiner Nase, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah
mich an. Ich hockte zusammengesunken auf meinem
Stuhl, starrte ihn an. »Aber da Sie nicht vorbestraft sind
und unter 21, wird die Strafe wohl deutlich milder
ausfallen«, ergänzte er.
»Was bedeutet das genau?«, fragte ich.
»Genau kann ich Ihnen das auch nicht sagen, das hängt
vom Richter ab«, antwortete er. »Aber ich würde sagen,
Sie bekommen nicht mehr als zwei Jahre Haft.«
So hatte ich mir eine milde Strafe nicht einmal in meinen
Alpträumen vorgestellt.
»Heißt das, ich bleibe jetzt zwei Jahre hier eingesperrt?«,
fragte ich. »Gibt es keine Chance, vorher noch
rauszukommen? Zumindest für ein paar Tage. Morgen ist
meine Abiturprüfung, kann man da nichts machen?«
»Wohl kaum«, sagte der Anwalt. »Da Sie Ausländer
sind und bis zum Prozessbeginn das Land nicht verlassen
dürfen, bleiben Sie in Haft. Spätestens nach zwei Wochen
in Polizeigewahrsam werden Sie in ein

73
Untersuchungsgefängnis verlegt, der Verhandlungstermin
wird innerhalb des nächsten halben Jahres angesetzt. Die
Zeit in der Untersuchungshaft wird anschließend auf die
Gesamtstrafe angerechnet.« Er riet mir, mich möglichst
kooperativ zu verhalten, und verabschiedete sich. »Wir
sehen uns wieder, wenn der Gerichtstermin feststeht. Ich
versuche, die Sache zu beschleunigen. Bis dann.«

Er gab mir die Hand, versprach, meine Eltern zu


informieren, und klopfte an die Tür. Der Beamte öffnete
und führte mich zurück in meine Zelle. Ich wusste nicht
einmal, wie ich diesen Tag überstehen sollte. Zwei Jahre
Haft lagen jenseits meiner Vorstellungskraft.
Kurz nachdem sich die Zellentür wieder hinter mir
geschlossen hatte, hörte ich jemanden leise meinen Namen
rufen. Ich sprang auf und drückte mein Ohr an den feinen
Schlitz zwischen Türblatt und Türrahmen. Da war es
wieder, deutlicher jetzt.
»Jörg, hörst du mich?«, fragte die Stimme.
»Erik, bist du das?«, antwortete ich.
Erik hatte meine Stimme erkannt, als ich auf dem Gang
mit dem Beamten gesprochen hatte. Seine Zelle war auf
der anderen Seite des Flures, wenn wir laut genug redeten,
konnten wir uns unterhalten. Eriks Stimme vertrieb für
einen Moment mein Elend. Ich erzählte ihm von dem
Treffen mit meinem Anwalt, seiner hatte ihm in etwa
dasselbe erzählt. Wir sprachen uns gegenseitig Mut zu.
Obwohl unsere Sätze nicht mehr als Floskeln waren,
zeigten sie Wirkung. Als wenige Minuten später ein
Wärter »Ruhe« schrie und gegen meine Zellentür schlug,
fühlte ich mich etwas weniger allein und verloren.

Am vierten Tag holte mich der Beamte noch vor dem


74
Mittagessen. In dem Raum, in dem ich tags zuvor mit
meinem Anwalt gesprochen hatte, saß diesmal eine junge,
hübsche Frau mit langen blonden Haaren. Als sie aufstand
und mich begrüßte, sah ich, dass sie einen Minirock und
schwarze Netzstrümpfe trug. In diesem Zellentrakt
erschien sie mir wie eine Fata Morgana. Als sie mich
anlächelte, verschwamm der Raum vor meinen Augen. Ich
nahm kaum wahr, dass sie sich als Mitarbeiterin einer
Amsterdamer Drogenhilfe-Einrichtung vorstellte. Sie
erkundigte sich nach meinem Leben, meinem
Drogenkonsum und meinen Zukunftsplänen. Wenn sie
sich vorbeugte, konnte ich tief in ihren Ausschnitt sehen.
Ihr Anblick erschütterte mich mehr als alle ihre Worte. Ihr
Busen, ihre Beine, ihr Lächeln versetzten mich in eine
merkwürdige Stimmung. In meine Erregung mischte sich
eine tiefe Traurigkeit. Sie hielt mir vor Augen, was ich
alles leichtfertig aufs Spiel gesetzt und hinter den Wänden
meiner Zelle zurückgelassen hatte, für Wochen, Monate
oder Jahre.
Es kostete mich viel Disziplin, ihre Fragen zu
beantworten. Immer wieder verirrte sich mein Blick, dann
verlor sich ihre Stimme irgendwo in der Ferne. Schließlich
bot sie an, mich jede Woche zu besuchen, wenn ich
Interesse an Gesprächen hatte, auch in der
Untersuchungshaft. Natürlich hatte ich Interesse.
Auch wenn mir normalerweise kluge Ratschläge von
Leuten wie ihr eher auf die Nerven gingen, war mir ihre
Gegenwart doch angenehm. Und in diesem speziellen Fall
hatte ich sogar gegen Ratschläge nichts einzuwenden.
Wieder zurück in meiner Zelle rief ich Eriks Namen. Er
antwortete nicht. Also onanierte ich, Beine und Dekollete
der Sozialarbeiterin vor Augen. Mir kam es sehr schnell,
danach fühlte ich mich elender als zuvor. Kurz darauf
hörte ich Eriks Stimme auf dem Gang, er klang ziemlich

75
aufgeregt. Auch er hatte eine Audienz bei dem blonden
Drogenberatungsengel hinter sich. Wir erörterten
ausführlich die Form ihrer Beine und ihres Busens. Für
einen kurzen Moment fiel die bleierne Schwere, die mich
seit Tagen umfangen hielt, von mir ab, und ich fühlte mich
zum ersten Mal wieder wie ein aufgedrehter 19-jähriger
Junge. Erik fragte sich laut, ob ihr wohl vorher klar
gewesen wäre, welche Wirkung ihr Minirock und ihr tiefer
Ausschnitt auf uns haben würde.
»Wahrscheinlich«, antwortete ich. »So wie sie gegrinst
hat. Ich denke, sie hat sich einen Spaß daraus gemacht.«
»Hoffentlich«, sagte Erik. »Wäre wirklich schade, wenn
sie nächste Woche im Rollkragenpullover kommen
würde.«
Wir machten alberne Scherze, bis der Beamte uns zur
Ruhe mahnte.

Am siebten Tag holten sie mich das nächste Mal aus


meiner Zelle.
Ich saß auf meiner Betonpritsche und warf seit Stunden
kleine Kügelchen aus Klopapier in einen Plastikbecher,
der auf dem Rand des Waschbeckens stand. Die Idee war
mir am Vortag gekommen. Nach dem Frühstück hatte ich
den Kaffeebecher einbehalten und mit meinen
Wurfübungen begonnen. Mittlerweile wusste ich genau,
wie dick ich das Toilettenpapier rollen musste, damit die
Kügelchen in ihrer Flugbahn berechenbar waren. Meine
Treffsicherheit machte erstaunliche Fortschritte. Der
Beamte unterbrach meine Bemühungen und forderte mich
auf, ihm zu folgen. Dieses Mal verzichtete er darauf, mir
Handschellen anzulegen. Wir gingen an den
Verhörräumen vorbei und verließen den Zellentrakt.
»Wohin gehen wir?«, fragte ich.

76
»Du verlässt uns heute«, antwortete der Beamte.
Das sollte wohl heißen, ich wurde in die
Untersuchungshaft verlegt. So unerträglich meine
Einzelzelle auch war, gegen die Vorstellung, in ein
reguläres Gefängnis verlegt zu werden, umgeben von
Schwerverbrechern, erschien sie mir beinahe heimelig.
Wir gingen auf einen Büroraum zu, durch die Glasscheibe
in der oberen Türhälfte erkannte ich Erik. »Gott sei Dank,
wir werden zusammen verlegt«, dachte ich. Der Beamte
öffnete die Tür und schob mich in den Raum. Ein Polizist
in Uniform saß an einem Schreibtisch, Erik stand vor ihm.
Hinter dem Uniformierten, am anderen Ende des Raumes,
sah ich eine hagere Frau und einen bärtigen Mann mit
Bauch. Eriks Mutter und mein Vater. Ich konnte mich
nicht erinnern, wann ich mich zuletzt so darüber gefreut
hatte, meinen Vater zu sehen.
Der Polizist hinter dem Schreibtisch gab mir meinen
Nietengürtel, meinen Ohrring, meine Armbänder und
meine Schnürsenkel zurück und ließ mich die Übergabe
quittieren.
»Nehmen Sie die beiden mit und sorgen Sie dafür, dass
wir sie hier nie wieder sehen«, sagte er zu Eriks Mutter
und meinem Vater. Ein anderer Polizist öffnete die Tür
und führte uns vier aus dem Gebäude. Erik und ich folgten
ihm wie in Trance. Mein Vater sah mich nur wortlos an.
Mir war immer noch nicht ganz klar, was mit mir geschah.
»Fahren wir jetzt nach Hause?«, fragte ich meinen Vater,
als wir in seinem Wagen saßen.
Er nickte. Die Staatsanwaltschaft hatte beschlossen, die
Anklage gegen uns fallen zu lassen. Sie hatten uns
lediglich als unerwünschte Ausländer des Landes
verwiesen und uns ein Einreiseverbot erteilt. Da wir beide
unter 21 waren und daher noch unter das Jugendstrafrecht

77
fielen, hatten sie uns an unsere Eltern überstellt. Ben hatte
weniger Glück. Da er vorbestraft war und als voll
strafmündig galt, wurde er an die deutschen Behörden
übergeben.
»Ihr habt mehr Glück als Verstand«, sagte mein Vater.
»Hast du nur für eine Sekunde darüber nachgedacht, dass
du dein Leben ruinierst?«
Ich habe diese Frage oft gehört in meinem Leben. Nie
schien jemand eine Antwort zu erwarten.
»Ganz zu schweigen davon, was du deiner Mutter
antust«, fuhr mein Vater fort. »Aber das hat dich ja noch
nie interessiert.«
Er hatte Recht, zumindest mit dem zweiten Teil seiner
Ansprache. Es war tatsächlich viele Jahre her, dass ich
mich zuletzt um das Wohlbefinden meiner Eltern gesorgt
hatte. Und es sollte auch noch einige Jahre dauern, bis ich
das nächste Mal darüber nachdachte.

78
Home Sweet Home

Zu Hause angekommen rief ich sofort Ellen an und


erzählte ihr, was geschehen war. Wir waren seit einigen
Monaten ein Paar, kurz nach meiner Trennung von
Sylvana hatten wir uns kennen gelernt. Ellen war ein Jahr
jünger als ich und ging auf das Gymnasium in einem
Nachbarort. Sie nahm keine harten Drogen. In den ersten
Jahren suchte ich mir meine Freundinnen oft außerhalb der
Junkie-Szene. So sorgte ich dafür, dass die Droge nicht
mein gesamtes Leben bestimmte. Ellen hatte erst nach
Tagen von unserer Verhaftung erfahren. Nachdem wir
nicht wie erwartet mit unserer Drogenlieferung in unserer
Stammkneipe angekommen waren, wo ein ganzer Tisch
mit Kunden ungeduldig wartete, hatten schon einige
unserer Freunde befürchtet, dass wir festgenommen
worden waren. Andere, vor allem diejenigen, die uns ihr
Geld anvertraut hatten, hatten uns lautstark der
Unterschlagung verdächtigt. Aber erst, als meine Mutter
Ellen anrief und sie bat, doch bitte alle verdächtigen
Gegenstände aus meinem Zimmer zu entfernen, falls die
Polizei eine Hausdurchsuchung durchführen würde, bekam
Ellen die Bestätigung für ihre Ängste.
In den Monaten zuvor war Ellen für mich eine Art
Sicherungsleine geworden. Trotzdem schlief ich, wann
immer sich die Gelegenheit ergab, auch mit anderen
Mädchen. Nichts erschien mir erschreckender als eine
verpasste Gelegenheit. Ellen erzählte ich von meinen
Affären, und wir stritten uns dann häufig, trotzdem blieb
sie bei mir.

Wenige Wochen nach meiner Verhaftung durfte ich


meine
79
mündliche Abiturprüfung nachholen. Meine Mutter hatte
mich telefonisch bei der Schulleitung entschuldigt, sie
hatte behauptet, ich sei bei einem Kurzurlaub an der
Nordsee bettlägerig erkrankt und nicht in der Lage, zum
Prüfungstermin zurückzukehren. Sie sorgte außerdem
dafür, dass die Hausärztin unserer Familie mir ein
gleichlautendes Attest ausstellte. So bewahrte meine
Mutter mich davor, das letzte Schuljahr und die schon
absolvierten schriftlichen Prüfungen wiederholen zu
müssen. Ich bedankte mich nur halbherzig bei ihr.
Unser Direktor fragte nicht nach Einzelheiten.
Wahrscheinlich war ihm die Vorstellung, mich noch ein
Jahr an seiner Schule ertragen zu müssen, ebenso
unangenehm wie mir. In den letzten beiden Schuljahren
waren wir häufig aneinander geraten, und das lag nicht nur
daran, dass ich es mir in meiner Arbeit als Schülersprecher
zum Sport gemacht hatte, so häufig wie möglich mit
Autoritäten zu streiten. Im Laufe der Jahre war ich immer
mehr zum lebenden Störfall im Schulbetrieb geworden.
Ständig schlief ich im Unterricht ein, vor allem
samstagmorgens, wenn ich ohne Bücher oder Schulhefte
direkt aus der Disco oder von einer Party in die Schule
kam. Häufig begleitet von meiner Ratte, die während der
Schulstunde aus der Innentasche meiner Lederjacke kroch
und durch das Klassenzimmer lief. Oft rannte eine meiner
Mitschülerinnen schreiend aus dem Raum. Im
Sportunterricht war ich immer wieder kollabiert oder hatte
gebannt und völlig bewegungsunfähig die Flugbahn eines
Volleyballes beobachtet, der mir geheimnisvolle Muster in
die Luft zu malen schien. In meinem letzten Schuljahr, als
meine Mitschüler begannen, sich auf das Abitur
vorzubereiten und nur die Kurse besuchten, in denen sie
geprüft werden sollten, musste ich als Einziger ein
Pensum von 36 Wochenstunden absolvieren. Im Jahr

80
zuvor hatte ich aufgrund meiner hohen Anzahl von
Fehlstunden einige Kurse nicht angerechnet bekommen.
Die musste ich nachholen, und da ich mein Kontingent an
erlaubten Fehlstunden auch in diesem Jahr schon nach
wenigen Monaten ausgeschöpft hatte, musste ich den Rest
des Schuljahres in jedem Zustand dem Unterricht
beiwohnen. Oft war ich so zugeknallt, dass ich mitsamt
Tisch und Stuhl umfiel oder mich im Mülleimer in der
Klasse erbrach, weil ich es nicht mehr bis zur Toilette
schaffte. Wenn ein Lehrer versuchte, mich zu
disziplinieren, berief ich mich empört auf meine
Schülerrechte oder saß die Strafe stoisch aus. Ich nahm
mich gerade soweit zurück, dass die Schulleitung mich
nicht ohne weiteres von der Schule verweisen konnte.
Trotzdem verdankte ich es letzten Endes dem Langmut
einiger motivierter Lehrer, dass ich halbwegs schadlos bis
zum Abitur gekommen war.
Als feststand, dass ich die mündliche Prüfung würde
nachholen dürfen, bereitete ich mich so gewissenhaft vor
wie seit meinem ersten Jahr am Gymnasium nicht mehr.
Durchzufallen hätte bedeutet, dass die letzten Schuljahre
verschwendete Zeit gewesen wären und all jene Recht
behalten sollten, die behaupteten, mein Lebenswandel
würde mich ruinieren. Das kam nicht in Frage, ich wollte
allen – und vor allem mir selbst – beweisen, dass ich,
wenn es darauf ankam, alles schaffen konnte, was ich mir
vornahm. Jean-Paul Sartres Existenzialismus war das
Prüfungsthema, es interessierte mich sehr. Ich bestand mit
»sehr gut«. Nach dem Abitur suchte ich mir einen Job in
der Baukolonne eines Stahlbetriebs, der Feuerschutztüren
herstellte. Von einem Studium wollte ich nichts wissen.
Die Baukolonne dagegen war ein neues Spielfeld, auf dem
es galt, mich zu beweisen. Außerdem konnte ich mir mit
dem Geld, das ich dort verdiente, endlich eine eigene

81
Wohnung leisten. Ich zog aus dem Kellerraum im
Bungalow meiner Eltern aus und in eine 1,5-Zimmer-
Wohnung in einem Mietshaus in Erkelenz ein. Ich strich
das Badezimmer schwarz und lila, die Kochnische samt
Kühlschrank rot und legte den Boden dort mit schwarzem
PVC aus. Die Wände in Schlaf- und Wohnzimmer ließ ich
weiß, im Schlafzimmer klebte ich Styroporplatten als
Lärmisolierung an die Wand zu der Wohnung meiner
Nachbarn, trotzdem begannen die Beschwerden schon
wenige Wochen nach meinem Einzug. Ich schlief auf zwei
alten Matratzen auf dem Boden, die restlichen Möbel
suchte ich mir auf Dachböden in der Verwandtschaft oder
auf dem Sperrmüll und bearbeitete sie anschließend mit
Sprühfarbe.
Von harten Drogen ließ ich zunächst die Finger.
Stattdessen begann ich schon in der Mittagspause auf der
Baustelle, Wodka zu trinken. An dem Tag, an dem unser
Vorarbeiter eine Flasche 74-prozentigen Raki – ein
Mitbringsel aus seinem Türkeiurlaub – an uns verteilte
und ich mich kurz vor Feierabend noch halbwegs sicher
auf dem Baugerüst bewegen konnte, hatte ich mir
endgültig den Respekt meiner Kollegen verdient.
Mehr als ein Jahr war seit meiner Verhaftung vergangen,
da bekam ich Post von der Staatsanwaltschaft. Die
holländische Justiz, erfuhr ich, hatte unsere Akten nicht an
die deutschen Kollegen überstellt. Die Beamten im
Drogendezernat hatten nur durch Zufall von unserer
Verhaftung erfahren. Als sie einige Tage zuvor die
Wohnung von Eriks damaliger Freundin durchsucht hatten,
war ihnen deren Tagebuch in die Hände gefallen. Darin
hatte sie unsere Drogengeschäfte säuberlich protokolliert.
Danach hatten die Drogenfahnder die Akten in
Amsterdam angefordert und Anzeige gegen Ben, Erik
und mich erstattet. Einige Wochen später erhielt ich meine

82
erste Bewährungsstrafe, sechs Monate auf zwei Jahre. Der
Richter war zu dem Schluss gekommen, dass ich noch
unter das Jugendstrafrecht fiel, und hielt mir zugute, dass
ich in den vergangenen Monaten laut ärztlichem Attest
clean gewesen war. Außerdem wertete er die 150 Trips,
die mir zugeordnet wurden, absurderweise als »geringe
Menge«, da in Sachen LSD, anders als etwa bei Heroin
oder Haschisch, keine verbindliche Festlegung existierte,
wie die strafrechtlich relevante »nicht geringe Menge«, die
auf Handel schließen lässt, zu taxieren sei. Ich war mit
dem Schrecken davongekommen.

Meinen Job als Bauhelfer gab ich wieder auf, sobald ich
die Berechtigung zum Bezug von Arbeitslosenhilfe
erworben hatte. Ich ließ mich wegen Rückenproblemen
monatelang krankschreiben und kündigte schließlich aus
gesundheitlichen Gründen. Danach schlug ich mich mit
meiner Arbeitslosenhilfe durch. Ich trieb entspannt durch
die Tage und Nächte.
Ich lungerte ganze Nachmittage auf dem Erkelenzer
Marktplatz herum, saß mit Erik auf einer der beiden
Holzbänke unter einer alten Linde, die Füße auf dem
zugehörigen Tisch, daneben ein Sixpack Diebels Alt, das
Rathaus und die Kirche im Rücken. Vor unserer
Verhaftung hatten wir auf dieser Bank unsere Geschäfte
getätigt, die Kundschaft aus den umliegenden Orten fand
sich hier ein, Tag für Tag. Unseren täglichen Druck hatten
wir uns in der nahe gelegenen Ruine der Stadtmauer
gesetzt.
In den späten Nachmittagsstunden füllte sich der
Marktplatz, irgendwann fuhr einer mit seinem Wagen auf
den benachbarten Parkplatz, öffnete alle Türen, drehte die
Stereoanlage bis zum Anschlag auf und spielte Punk,
Gothic und Heavy Metal. Meist war es einer der Jungs aus
83
der Heavy-Metal-Fraktion, der einen Golf GTI mit
schwarz getönten Scheiben und Kenwood-Anlage fuhr.
Auf diese Stereoanlage wies ein monströser Schriftzug
hin, den er auf die Heckscheibe geklebt hatte.
Beschwerden der Anwohner ignorierten wir so lange, bis
die Polizei vorfuhr. Abends, wenn in der Schreinerei, in
der Artur gerade eine Ausbildung machte, Feierabend war,
gesellte sich auch Artur zu uns. Wir tranken, flirteten,
knutschten, klauten Alkohol in den umliegenden
Geschäften und hin und wieder fing einer Streit an. Immer
drehte es sich um Drogengeschäfte oder Mädchen,
manchmal wuchs sich der Streit zu einer Schlägerei aus,
die aber nie besonders bösartig wurde. Idyllische Tage, an
deren Ende kleine Jungs aus der Nachbarschaft die leeren
Bierflaschen einsammelten und sich am nächsten Morgen
vom Pfandgeld ein Eis leisteten.
An den Wochenenden stiegen wir am späteren Abend in
die Autos, fuhren in eine der Discotheken in der
Umgebung, oft bis nach Düsseldorf, an den Ort, wo die
deutsche Punk-Szene besonders lebendig war und mit
Bands wie Fehlfarben die Neue Deutsche Welle ihren
Anfang nahm. Als der legendäre Punk-Club SO36 in
Kreuzberg Wiedereröffnung feierte, fuhren wir sogar bis
nach Berlin. Vor allem besuchten wir so ziemlich jedes
Konzert unserer lokalen Punkrock-Band The Prost, ihre
klassischen Textzeilen wie »Alkohol löst meine
Probleme« oder »Wenn du da bist, wo es nicht mehr
weiter geht komm zu mir – meine Tür ist zu wie ich«
grölten wir schon auf der Fahrt.
Meine Stammkneipe, ein kleiner Laden, der
nacheinander die abstrusen Namen »Die Fluse« und
»Sinus« trug, lag nur wenige Straßen von meiner
Wohnung und dem Marktplatz entfernt. Da es in Erkelenz
und Umgebung nur sehr wenige Gaststätten gab, in denen

84
ein junges Publikum verkehrte, versammelte sich hier eine
bunte Mischung der Stile der vergangenen Jahrzehnte.
Zwei, drei Punks in zerfetzten T-Shirts und Bondage-
Hosen, eine Hand voll Hippies und langhaarige Jungs und
Mädchen in Jeans und Cowboystiefeln, dazu ein einzelner,
wüst geschminkter New Waver und ein Skin mit roten
Schnürsenkeln in seinen Doc-Martens-Stiefeln, die ihn als
Linken auswiesen und der kurze Zeit später zum schwarz
gewandeten Gothic-Anhänger mutierte. Dann die Fraktion
der Heavy-Metal-Hörer in ihren schwarzen
Motorradlederjacken und Jeanswesten mit bunten
Aufnähern, sie waren leicht in der Überzahl. Hier in der
Provinz dauerte es mitunter ein wenig länger, bis ein neuer
Trend ankam, aber dafür hielt er sich dann auch
hartnäckiger. Oft wechselten einzelne von uns zwischen
den unterschiedlichen Stilen. Und da wir zu wenige waren,
als dass sich zu jedem Stil eine eigene Szene hätte bilden
können, standen alle mehr oder weniger einträchtig
nebeneinander am Tresen.
Dazwischen standen unauffällige Durchschnittstrinker
und die ganz normalen Verrückten, die in der Provinz
besonders gut zu gedeihen scheinen. Solche wie Pit, ein
älterer Typ, der in seinem Leben zu viele schlechte
Drogen konsumiert hatte und jetzt schwer soff. Alle paar
Wochen knallte eine Sicherung in seinem Hirn durch.
Dann lief er schreiend auf die Straße, riss sich die
Kleidung vom Leib, wälzte sich nackt auf dem Asphalt
und schrie »Die Erdmännchen kommen«. Und dennoch
gelang es ihm in beinahe jedem Zustand der Trunkenheit,
einen Kopfstand auf dem Barhocker vorzuführen. Damit
gewann er eine ganze Anzahl Wetten um Schnaps und
Bier. Einem anderen hatten die Anabolika so das Hirn
verwüstet, dass er in seinem Bodybuilding-Wahn glaubte,
auch seinen Penis trainieren zu müssen, da es sich ja

85
schließlich um einen Muskel handelte. Deshalb hängte er
immer schwerere Gewichte daran und mühte sich,
trotzdem eine Erektion zu bekommen. Abends beim Bier
erzählte er von seinen Fortschritten.
In dieser Kneipe traf ich meine Freunde, spielte ganze
Nächte lang Tischfußball, während der Wirt laut Billy
Idol, Fischer Z, The Fixx, The Art of Noise, The Cure und
Talking Heads spielte, und trank auf Kredit. Der Wirt hatte
früher zu meinen LSD-Kunden gehört, damals hatte ich
meine Rechnung oft in Naturalien beglichen. Außerdem
hatte ich ihm hin und wieder Kredit gewährt, also blieb
auch ihm nichts anderes übrig, als sich großzügig zu
zeigen, wenn meine Zahlungsmoral zu wünschen übrig
ließ. Da das Arbeitsamt schließlich auch nur zweimal im
Monat meine Arbeitslosenhilfe überwies, hielt ich es für
selbstverständlich, dass ich im gleichen Rhythmus meine
Rechnung bei ihm beglich. So großzügig verfuhr er bei
den meisten Stammgästen, daher stand seine Kneipe
immer kurz vor dem Konkurs. Als er dann schließen
musste, weil die Bewohner des benachbarten Altenheims
eine Beschwerde beim Ordnungsamt wegen Ruhestörung
eingereicht hatten und die darauf folgenden
Beschränkungen einen normalen Betrieb unmöglich
machten, hatten sich viele hundert Mark offener
Rechnungen angehäuft.
Wenn ich gerade Geld brauchte, nahm ich irgendeinen
Gelegenheitsjob an. In den Achtzigern war das Angebot an
kurzfristigen Jobs noch ziemlich üppig, vor allem auf dem
Bau und in den Handwerksbetrieben. Ich schleppte Steine,
schaufelte Gruben, pflasterte Gehwege, zimmerte
Dachstühle, hackte Holz oder schlachtete Schweine,
immer schwarz, 10 bis 15 Mark die Stunde bar auf die
Hand, fällig jeden Feierabend. Wenn mir ein Job nach
einigen Wochen zu sehr auf die Nerven ging, kündigte ich

86
und leistete mir einen Urlaub an irgendeinem
europäischen Strand. Ich lernte Schnorcheln und Tauchen
mit Sauerstoffflasche; den Versuch, mir das Windsurfen
selbst beizubringen, brach ich nach einigen Tagen
frustriert wieder ab. Wie so häufig, wenn mir etwas nicht
auf Anhieb gelang. Den nächsten Job suchte ich mir
immer erst, wenn das Geld wieder knapp wurde.

An einem Abend im Herbst saßen Artur und ich


nebeneinander auf unserer Bank auf dem Marktplatz. Wir
hatten keine Pläne, sahen zu, wie der Himmel langsam
dunkler wurde, und tranken Bier aus der Dose.
»Hattest du schon mal Sex mit einem Mann?«, fragte
Artur ziemlich unvermittelt. Ich sah ihn überrascht an.
»Ja, ist aber schon eine ganze Zeit her«, antwortete ich.
»Als ich so 12 oder 13 war. An Mädchen haben wir uns
damals noch nicht herangetraut. Und dann noch einmal
mit 16, weil ich wissen wollte, ob mir das immer noch
Spaß macht.«
»Und, hat es noch Spaß gemacht?«
»Ja, schon. Aber so aufregend wie mit einem Mädchen
war es nicht.«
»Ich wollte das schon länger mal ausprobieren«, sagte
Artur.
»Hast du Lust?«
»Klar, warum nicht«, antwortete ich. Schließlich war
Artur mir näher als die meisten der Mädchen, mit denen
ich schlief, und möglicherweise würde mir etwas
entgehen, wenn ich es nicht versuchte.
»Jetzt gleich?«
»In Ordnung«, sagte Artur. »Gehen wir zu mir.«
In Arturs Mansardenzimmer zogen wir uns aus und
87
legten uns ins Bett. Anfangs wusste keiner so recht, wie er
anfangen sollte. Nach einer halben Stunde brachen wir
unser Experiment dann vorzeitig ab.
Auch wenn ich es mochte, Artur anzufassen und von
ihm angefasst zu werden – ich vermisste all das, was den
Sex mit einem Mädchen so aufregend machte, die
Weichheit der Haut, der Lippen und des Busens, die
Fremdheit des Körpers, der Kitzel und die Spannung.
Außerdem nervte mich das Kratzen von Arturs
Bartstoppeln. Wir zogen uns an und gingen in unsere
Stammkneipe, bestellten uns zwei Bier und kickerten.

Oft saß ich ganze Tage an meinem Küchentisch und


schrieb. Vor ungefähr zwei Jahren, noch vor meinem
ersten Druck, hatte ich mit dem Schreiben begonnen.
Gemeinsam mit Helmut und Bernd gab ich seitdem ein
Punk-Fanzine heraus, das wir »Ausbruch – Zeitschrift für
den geistig-moralischen Niedergang« getauft hatten.
Helmut war drei Jahre älter als ich, wir hatten das gleiche
Gymnasium besucht. Ein gewohnheitsmäßiger Kiffer, der
hin und wieder Kokain schnupfte, Heroin und Spritzen
aber verabscheute. Jahrelang hatte er an Weihnachten
bekifft meine gesamten Schokoladenvorräte in wenigen
Stunden verschlungen. Bernd war Schlagzeuger und
ständig betrunken. Immer wieder fiel er bei Konzerten im
Suff von seinem Schemel. In unserem Fanzine
veröffentlichten wir wüste Pamphlete gegen alles und
jeden, dezidierte Berichte unserer Alkohol- und
Drogenexzesse, als Konzertkritik getarnt, Lobpreisungen
unserer lokalen Punkrock-Band The Prost, die Band, bei
der Bernd Schlagzeug spielte, sowie Kurzgeschichten und
merkwürdige Textminiaturen voller Sex, Drogen, Gewalt
und Pathos sowie abstruse, selbst gefertigte Fotos und
Comics. Das Ganze tippten wir mit der Schreibmaschine

88
und korrigierten notdürftig mit Tipp-Ex, dann wurden die
Vorlagen auf ramschigem Papier kopiert und in
Handarbeit zusammengelegt und geheftet. Die Auflage
von 400 Stück verkauften wir in Kneipen, auf Konzerten
und heimlich auf Schulhöfen.
Ich begeisterte mich von Beginn an für das Schreiben. So
sehr, dass ich über die Arbeit an unserer kleinen
Zeitschrift in den ersten Jahren sogar manchmal meine
Freundin vernachlässigt und meinen Drogenkonsum
eingeschränkt hatte. Auch während meiner wildesten
Absturzphasen hatte ich nur geschrieben, wenn ich
nüchtern war, und da auch Helmut und Bernd keine harten
Drogen nahmen, bemühte ich mich, zu unseren Treffen
halbwegs nüchtern zu erscheinen. So hatte ich mir in den
vergangenen Jahren ein Reservat in meinem Leben
bewahrt, das nicht von den Drogen beherrscht wurde. Jetzt
half mir das Schreiben, die Löcher zu füllen, die
entstanden, weil ich keine Drogen mehr nahm.

Für eine kurze Zeit versuchte ich mich als Posaunist in


einer Punkband und als Mixer für eine lokale Ska-Pop-
Gruppe – obwohl ich nicht die geringste Ahnung davon
hatte, wie eine Posaune oder ein Mischpult funktionierte.
Aber meine musikalischen Ambitionen beerdigte ich
schnell, schließlich beschränkte ich mich darauf, Texte für
befreundete Punk- und Heavy-Metal-Bands zu schreiben.
Ich schrieb mehr als je zuvor. Ich veröffentlichte eine
Kurzgeschichte in einer Rowohlt-Anthologie und
versuchte mich sogar an einem Theaterstück. Der Essener
Theaterbund hatte einen Preis von 10.000 Mark für einen
Wettbewerb ausgelobt. Für diese Summe hätte ich alles
geschrieben. Und ein Theaterstück sowieso, zumal ich mir
im Jahr zuvor ein Abonnement für die Studiobühne am
Mönchengladbacher Stadttheater geleistet hatte, nachdem

89
ich eine Aufführung von Samuel Becketts »Endspiel«
gesehen hatte. Leider ging der Preis dann doch an jemand
anderen.
Mit dem Bruder eines ehemaligen Klassenkameraden,
der Fotograf werden wollte, zog ich außerdem durch
Parkhäuser, verfallene Fabriken und zugemüllte
Fußgängerunterführungen und posierte für seine Bilder.
Ich stand ihm auch Model für Aktaufnahmen. Irgendwann
kam mir die Idee, mich im Kleinanzeigenteil einer
Fotofachzeitschrift als Aktmodell anzubieten. Ich wurde
tatsächlich von zwei Fotografen gebucht, für einen
Stundenlohn von 50 Mark. Obwohl sich minutenlanges
Stillsitzen als ziemlich anstrengend erwies, hatte ich mein
Geld noch nie leichter verdient.
Von dem Erfolg beflügelt, schaltete ich einige Wochen
später eine Anzeige in einer regionalen Tageszeitung
»Junger Mann, 20, sucht Jobs jeder Art«. Daraufhin
bekam ich das seltsamste Angebot meines Lebens. Ein
Mann, der am Telefon weder seinen Namen nennen noch
darüber Auskunft geben wollte, welche Art Job er
anzubieten hatte, drängte auf ein persönliches Treffen mit
mir. Da mir das Ganze ein wenig unheimlich war, bestand
ich auf einen gleichermaßen öffentlichen wie anonymen
Ort. Wir trafen uns in der Bahnhofsgaststätte in Erkelenz.
Hierher würde sich niemand verirren, den ich kannte.
Trotzdem waren wir nicht allein. Der Mann, der dort auf
mich wartete, war Mitte dreißig und schien sehr
freundlich. Er sagte, er sei Vertreter. Seinen Namen
wollte er mir immer noch nicht nennen.
»Wenn ich dir erzähle, um was für einen Job es sich
handelt, wirst du verstehen, warum«, sagte er. Seit drei
Jahren, erzählte er und sah mir dabei fest in die Augen, sei
er mit einer attraktiven, jüngeren Frau verheiratet, die er
sehr liebe. Diese Frau sei Nymphomanin. Sie hätte alle

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möglichen Therapien versucht, alle waren langfristig ohne
Erfolg geblieben. Seine Frau brauchte Sex, mehrmals
täglich. Anfangs, als er noch im Innendienst arbeitete, sei
er in jeder Pause nach Hause geeilt und habe mit seiner
Frau geschlafen. Seit seine Arbeit als Vertreter ihn häufig
in weit entfernte Orte führte, fand er dazu nur noch an
wenigen Tagen in der Woche Gelegenheit. Da sie im
vergangenen Jahr ein Haus gebaut hatten, konnten sie aber
auf die Mehreinnahmen, die ihnen seine nicht
Außendiensttätigkeit einbrachte, verzichten. Also Drang
ging seine Frau, wenn der nach Sex sie
überwältigte, auf die Straße oder in irgendeine Kneipe und
suchte sich wahllos einen fremden Mann, der ihren Trieb
befriedigte. Diese Geschichte erzählte er mit großem Ernst
und einem Anflug von Traurigkeit in der Stimme. Ich
rutschte ein wenig unbehaglich auf meinem Stuhl hin und
her.
»Ich bin nicht eifersüchtig«, versicherte er mir. »Ich
weiß, dass meine Frau krank ist und selbst genauso
darunter leidet wie ich.« Mit der Tatsache, dass seine Frau
mit anderen schlief, schien er sich tatsächlich abgefunden
zu haben. Allerdings, fuhr der Mann fort, würde er sich
sehr um seine Frau sorgen. Wie schnell konnte sie an den
Falschen geraten, verletzt, misshandelt, ausgeraubt oder
gar getötet werden. Und hier kam ich ins Spiel.
Gemeinsam waren sie zu der Entscheidung gelangt, einen
vertrauenswürdigen jungen Mann dafür zu bezahlen, dass
er, wann immer der Trieb in ihr übermächtig wurde, mit
ihr schlief. Wenn ich Interesse an diesem Job hätte, und
nur dann, würde er mir seinen Namen und seine Adresse
nennen. Vorausgesetzt natürlich, seine Frau wäre mit mir
einverstanden. Aber darin sah er kein Problem.
So einen Job hätte ich mir nicht einmal in meinen
kühnsten pubertären Träumen vorstellen können, damals,

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als die »Praline« noch als Wichsvorlage herhielt und Peter
Maffays »Und es war Sommer« in meinen Ohren wie
sexuelle Verheißung klang. Dafür bezahlt zu werden, mit
einer attraktiven, älteren Frau zu schlafen, wäre mir
damals wie eine Geschichte aus »Tausendundeiner Nacht«
erschienen. Aber das, was mir der ernste Mann auf der
anderen Seite des Tisches erzählte, das, was seine Blicke
und seine Stimme ahnen ließen, war wohl eher dramatisch
denn märchenhaft. Ich erbat mir Bedenkzeit. Er schrieb
mir seine Telefonnummer auf, wir verabredeten, dass ich
mich in den nächsten drei Tagen melden würde. Als ich
ihn zwei Tage später anrufen wollte, konnte ich den Zettel
mit der Telefonnummer nirgends finden. Er rief nie wieder
an.

92
Was ich nie über Sex wissen wollte

»Was hältst du davon, in einem Pornofilm mitzuspielen?«,


fragte ich Zanne. Wir lagen nackt auf meinem Bett, der
Lichtstreifen einer Straßenlaterne fiel durch mein Fenster
und verlieh den Schweißperlen auf Zannes Bauch einen
matten Glanz. Auf meinem Plattenspieler lief leise
»Smalltown Boy« von Bronski Beat, Jimmy Somerville
sang mit glockenheller Stimme »Mother will never
understand why you had to leave/ but the answers you
seek will never be found at home/The love that you need
will never be found at home / run away turn away run
away«. Mit den Fingerspitzen streichelte ich sanft über
Zannes Haut, spürte, wie die feinen Härchen auf ihrem
Arm sich unter der Berührung aufstellten, als stünden sie
unter Strom. Zanne sah versonnen dem Rauch ihrer
Zigarette nach, ihr Kopf ruhte auf meiner Brust.
Beinahe zwei Jahre waren seit meiner Verhaftung in
Amsterdam vergangen. In einem Pornomagazin hatte ich
einige Tage zuvor eine Anzeige gelesen, eine Video-
Produktionsfirma suchte Modelle, wie sie es nannten, für
eine Filmreihe, die deutsche Paare beim Sex zeigte. Ich
hatte sofort unter der angegebenen Nummer angerufen
und mich nach den Einzelheiten erkundigt. Eine Nummer
mit dem eigenen Partner brachte 500 Mark pro Person,
und die Videos, so wurde mir zugesichert, würden nur
über Sexshops in den Verkauf gelangen.
Zanne, da war ich mir ziemlich sicher, würde ich nicht
lange überreden müssen. Wir kannten uns seit drei Jahren,
obwohl wir kein Paar waren, schliefen wir regelmäßig
miteinander. Meine Freundin wusste davon nichts.
Zanne war 17, drei Jahre jünger als ich, hieß
eigentlich
93
Susanne und hasste ihren Vornamen, vor allem dessen
übliche Abkürzungen. Die Tatsache, dass sie der
berühmtesten Susanne dieser Zeit, die unter dem
Spitznamen Nena zum größten deutschen Popstar der
Achtziger aufgestiegen war und von uns allen aus tiefster
Seele gehasst wurde, ziemlich ähnlich sah, machte es nicht
leichter für sie. Schon vor Jahren hatte Susanne sich
deshalb den Namen Zanne gegeben. Mittlerweile kam
niemand mehr auf die Idee, sie Susi oder gar Nena zu
rufen.
»Die zahlen uns 1000 Mark dafür, dass sie uns dabei
filmen dürfen, wenn wir miteinander vögeln?«, fragte sie
und sah mich nachdenklich an. Dann spürte ich an meinem
Bauch, wie sie mit ihren Schultern zuckte. »Na klar,
warum nicht«, sagte sie und lächelte mich an. Ich strich ihr
eine klebrige Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste
sie.
»Klasse, dann melde ich uns direkt morgen da an. Ich
brauche noch ein Nacktfoto von dir.«
»Kein Problem, ich bringe dir welche vorbei«, sagte sie,
drehte sich auf den Bauch und stützte sich auf ihre
Ellbogen. Jetzt war ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von
meinem entfernt, meine Hand lag auf ihrem Po.
»Bist du sicher, dass der Film nicht in Videotheken
angeboten wird?«, fragte sie. »Meine Brüder und mein
Stiefvater leihen sich häufig Videos aus. Wäre ja möglich,
dass die sich auch in der Porno-Abteilung umsehen.«
»Zumindest hat die Frau von der Produktionsfirma das
behauptet.«
»Und wenn schon«, sagte Zanne nach kurzem
Nachdenken.
»Wer sich Pornos ansieht, hat kein Recht, sich darüber
aufzuregen, wennich.
»Genau«, sagte wir »So
in einem
sehe mitspielen.«
ich das auch.«

94
Noch lange lagen wir nebeneinander und malten uns all
die Dinge aus, die wir mit dem verdienten Geld anstellen
würden.
Ich hatte Zanne kurz vor meinem 18. Geburtstag kennen
gelernt, auf einer Silvesterfeier an meinem Gymnasium.
Einige Wochen zuvor hatte ich mich von Alice getrennt.
Zanne feierte in dieser Nacht ihren 15. Geburtstag. Sie war
eines von jenen Mädchen, deren bloße Anwesenheit eine
Art elektrisches Spannungsfeld in ihrer Umgebung
erzeugt. Ich verliebte mich in dem Moment, in dem ich sie
das erste Mal sah. Noch am gleichen Abend küssten wir
uns. Aber sie war ebenso aufregend wie anstrengend,
sprunghaft und überdreht, ihr Redefluss stoppte nur, wenn
wir uns küssten. Schon nach kurzer Zeit begannen die
Schwierigkeiten.
Zannes Mutter hatte vor Jahren zum zweiten Mal
geheiratet, Zanne hasste ihren Stiefvater und beschloss
einige Tage, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, sie
könne es in diesem Haus nicht mehr aushalten. Sie selbst
sorgte dafür, dass sie in ein Heim eingewiesen wurde,
ungefähr 30 Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt.
Wenn ich sie sehen wollte, musste ich mit dem Bus und
unserem Kleinstadtbummelzug mehr als eine Stunde durch
die Landschaft fahren. Wir trafen uns beinahe täglich.
Dann saßen wir frierend auf Parkbänken, hielten uns eng
umschlungen und küssten uns. Wir schwelgten in unserer
Verliebtheit und fühlten uns wie Romeo und Julia. Eine
Zeit lang genügte uns das.
Doch schon nach wenigen Wochen wurden wir beide
unzufrieden. Zwischen den Küssen beschlich uns immer
häufiger die Langeweile, und die Parkbank erschien uns
von Tag zu Tag unbequemer. Aber die Hausregeln ihres
Heimes erlaubten uns nichts sonst. Als sie zum ersten Mal
einen ganzen Tag Ausgang bekam und mich zu Hause

95
besuchte, stellten wir uns im Bett ziemlich ungeschickt an.
Unsere Beziehung ging dann schnell in die Brüche. Wir
gingen uns einfach gegenseitig auf die Nerven.
Seltsamerweise lief mit uns alles bestens, wenn wir kein
Paar waren. Wir betranken uns in Kneipen, lagen
stundenlang nebeneinander in der Sonne und redeten oder
spritzten gemeinsam Heroin und Kokain, streichelten uns
in drogenbefeuerter Zweisamkeit. Und wenn mir ihr
Redeschwall oder ihre Rastlosigkeit auf die Nerven
gingen, verzog ich mich nach Hause zu meiner Freundin,
die von all dem nichts wusste.
Zanne und ich vögelten nachts auf dem Sportplatz, auf
dem Schulhof des Gymnasiums und auf den Ruinen der
Stadtmauer, trafen uns tagsüber zum Sex in der
Umkleidekabine des Hallenbades oder auf dem Solarium.
Nachdem wir den Film »9 1/2 Wochen« im Kino gesehen
hatten, experimentierten wir mit Lebensmitteln. Aber das
gaben wir schnell wieder auf, Eiscreme oder Honig waren
einfach nur klebrig und Sahne, mussten wir feststellen, hat
die Eigenschaft, auf verschwitzter Haut sehr schnell sauer
zu werden und unangenehm zu riechen.
Wenn wir uns also schon aufführten wie in einem
Sexfilm, dachte ich, dann konnten wir uns auch dabei
filmen lassen und gutes Geld kassieren.
An dem Tag, an dem die Dreharbeiten stattfinden
sollten, trafen wir uns kurz vor Mittag. Unser Zug nach
Köln ging am Nachmittag, das Filmteam würde uns dort
am Bahnhof abholen. Zanne hatte eine Flasche »Southern
Comfort« und zwei Flaschen Gingerale mitgebracht. Wir
saßen in der Küche und stießen auf unseren baldigen
Geldsegen an. Als die Flasche leer war, saß sie stöhnend
auf mir. Bis zum Beginn der Dreharbeiten blieben uns
noch einige Stunden, in denen wir wieder zu Kräften
kommen konnten. Ich ahnte nicht, wie schwer dieses Geld
96
verdient sein würde und wie wenig das, was vor uns lag,
mit dem zu tun hatte, was wir gerade taten.
Der Regisseur las uns am Kölner Hauptbahnhof auf,
zusammen mit dem zweiten Pärchen, das an diesem Tag
gefilmt werden sollte. Er begrüßte uns überschwenglich.
Als ich das andere Pärchen sah, verstand ich, warum.
Jeder von den beiden kam ungefähr auf das gleiche Alter
und das gleiche Gewicht wie Zanne und ich zusammen.
Das Filmteam fuhr mit uns in eine Wohngegend am Rand
von Köln. Die Dreharbeiten fanden in einem Swingerclub
statt.
Der Regisseur sah exakt so aus, wie ich mir jemanden
vorgestellt hatte, der sein Geld mit der Produktion von
Pornofilmen verdient. Seinen Bart hatte er seit Tagen nicht
rasiert und seine Haare ebenso lange nicht mehr
gewaschen. Kein Anblick, der uns für das, was wir
vorhatten, besonders stimulierte. Das Gleiche galt auch für
die Räumlichkeiten, in denen wir uns befanden. Die
Besitzer führten uns voller Stolz durch die verschiedenen
Zimmer des Swingerclubs. Was wir dort zu sehen
bekamen, konnte einem die Lust auf Sex gründlich
verderben:
Räume mit Löchern in den Holzwänden, durch die
Männer ihren Schwanz stecken konnten, merkwürdige
Apparate, die wie futuristische Schaukeln oder
Bohrmaschinen aussahen, ein Zimmer, das zu einer
quietschbunten Gruppensex-Spielwiese aufgepolstert war
und an eine Gummizelle erinnerte.
Nach der Führung mussten wir am Tresen warten, die
letzten Gäste der Party in der Nacht zuvor waren noch
nicht gegangen. Ein Pärchen setzte sich auf die Barhocker
neben uns. Die Frau war in den Vierzigern und stark
geschminkt, der Spitzen-BH und der String-Tanga
schnitten ihr tief ins Fleisch, das Fett an ihrem Hintern und
97
Oberkörper wölbte sich über die Ränder der Dessous. Die
Strapse an ihren Beinen erinnerten mich an Wurstpellen.
Ihr Mann war noch ein paar Jahre älter, er hatte eine
Halbglatze und einen Schmerbauch. Seinen faltigen
Hintern hatte er in einen Minislip mit Tigermuster
gezwängt.
»Hallo, ich bin der Erwin«, sagte der Mann und legte
den Arm um die Frau. »Und das ist Karin, wir sind hier
Stammkunden. Seid ihr das erste Mal hier?« Seine Augen
hingen an Zanne, die auf der anderen Seite neben mir saß
und mit ihrem Barhocker ein paar Zentimeter
zurückrutschte. Ich nickte, ohne ihn anzusehen.
»Ja, stimmt«, sagte ich.
»Das ist ein wirklich toller Club«, sagte Karin und
strahlte mich an. »Sollen wir euch die Räume zeigen?«
»Nicht nötig«, antwortete ich, »wir haben schon genug
gesehen.«
»Was haltet ihr denn von Partnertausch?«, fragte
Erwin.
»Nicht viel«, sagte ich. Zanne starrte die beiden nur
wortlos an.
Dann erschien der Regisseur und bat Erwin und Karin,
die Bar zu räumen. Die Dreharbeiten würden in wenigen
Minuten beginnen.

Zanne und ich setzten uns auf ein rotes Plüschsofa, noch
vollständig bekleidet, vor uns der Kameramann und der
Regisseur. Bevor wir beim Sex gefilmt wurden, sollten wir
dem Zuschauer im Interview vorgestellt werden. So wollte
der Regisseur deutlich machen, dass wir ein reales Paar
waren und nicht die üblichen Profidarsteller der Branche.
»Welche Sexpraktiken bevorzugt ihr beide denn?«, fragte
uns der Regisseur zu Beginn des Interviews.
98
»Ich bevorzuge Sex zu zweit«, antwortete Zanne, immer
noch mit Ekel in der Stimme.
Das Interview machte uns beiden großen Spaß. Zanne
nannte sich »Hilde aus Hagen« und erzählte die
Lebensgeschichte, die wir uns während der Zugfahrt
ausgedacht hatten, inklusive eines falschen Alters.
Schließlich war sie noch minderjährig. Ich erzählte, wie
aufregend es sei, im Freien zu vögeln und wie wir eines
Nachts auf dem Sportplatz von einem Spaziergänger mit
seinem Hund überrascht worden waren, als ich gerade
Zannes Minirock hochraffte. Der Regisseur war begeistert.
»Unser erstes Pärchen am heutigen Tag klingt ja sehr viel
versprechend«, sagte er am Ende des Interviews. »Also
Kamera ab.«
Für unsere Sexszenen hatte der Regisseur den Pool als
Drehort ausgesucht. Wir zogen uns aus und stiegen in den
Pool. Im Wasser knutschten wir ein wenig. Ich bekam die
Anweisung, Zanne auf einer Luftmatratze durch das
Becken zu schieben und dabei zwischen ihren Beinen und
an ihren Brüsten herumzuspielen. Ich kam mir völlig
bescheuert vor. Das hier, dämmerte mir, würde wohl nicht
so laufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Als wir den
Pool verlassen und uns abgetrocknet hatten, dirigierten sie
uns in die 69er-Stellung. Der Regisseur korrigierte ständig
unsere Lage und gab dem Kameramann Anweisung. Ich
lag zwischen Zannes Beinen, einem der wunderbarsten
Orte der Welt, und fühlte mich elend. Auch wenn das hier
später tatsächlich aussehen sollte wie Sex, woran ich
erhebliche Zweifel hegte, mit Lust hatte es wenig zu tun.
Ich bekam keine Erektion. Zanne gab sich alle Mühe, zum
ersten Mal, seit wir uns kannten, ohne Erfolg.
Der Regisseur beriet sich kurz mit seinem Kameramann.
Sie entschieden, weiter zu drehen. Zanne sollte nach
einigen Minuten einen Orgasmus mimen. Sie wollten die

99
Aufnahmen trotzdem verwenden. Am Ende druckten sie
dann sogar unser Foto auf das Cover. Natürlich wurde das
Video nicht wie zugesagt nur in Sexshops angeboten.
Aber das erfuhren wir erst viele Monate später.
In den Videotheken rund um Erkelenz war der Film
monatelang ständig ausgeliehen.
Als wir spät am Abend zu mir nach Hause kamen,
redeten wir kaum miteinander. Das Geld warfen wir
achtlos in eine Ecke meines Zimmers. Wir zitterten am
ganzen Körper. Wir tranken den letzten Rest »Southern
Comfort« aus der Flasche. Im Bett klammerten wir uns
aneinander wie Kinder, die Angst vor der Dunkelheit
haben. Wir behielten sogar unsere Kleidung an, die nackte
Haut des anderen zu spüren bereitete uns zum ersten Mal
Widerwillen.
Am nächsten Tag traf ich mich mit Gaby, meiner
damaligen Freundin. Sie wunderte sich, dass ich so still
und abwesend war.

100
Gaby

Der Tritt traf mich völlig unvorbereitet. Ich saß in einem


italienischen Bistro am Erkelenzer Marktplatz, direkt
gegenüber der Kirche. Der Laden war erst vor zwei Jahren
eröffnet worden, mit Bambusmatten und Korbstühlen
versuchte der Inhaber, seinem Etablissement mediterranen
Chic zu verleihen. Ich hasste diesen Laden, seinen
aufgesetzten Flair, den Wirt und sein schnöseliges
Publikum. Und der Wirt hasste mich. Alle paar Monate
gerieten wir in Streit, und er erteilte mir immer wieder
aufs Neue Hausverbot. Aber da in Erkelenz jeder Gast
zählt und ein Hausverbot für mich immer auch bedeutete,
dass einige meiner Freunde und damit eine Reihe
potentieller Kunden das Bistro mieden, ließ er mich jedes
Mal nach wenigen Wochen wieder hinein. Und da meine
Stammkneipe vor einigen Monaten geschlossen worden
war und Erkelenz kaum Alternativen bot, kam ich immer
wieder. An diesem Abend saß ich mit Zanne an einem
Tisch in der Mitte des Raumes, ungefähr ein Jahr war seit
unseren Pornoaufnahmen vergangen. Sie hatte Kaffee
bestellt, ich eine Cola. So hielten wir es häufig, wenn uns
einige Zutaten für unseren nächsten Druck fehlten – der
Kaffee wurde mit einem Löffel serviert, den wir
unauffällig einsteckten, und aus der Cola fischten wir die
Zitronenscheibe. Heroin löst sich ohne ascorbinhaltige
Zusätze beim Kochen nicht auf.
Kurz sah ich das Erschrecken in Zannes Augen
aufblitzen, da traf mich schon die volle Wucht des Trittes
und riss mich mitsamt meinem Stuhl und dem Tisch nach
vorne. Mit lautem Getöse polterte ich durch die Kneipe
und landete hart zwischen den Stühlen der anderen Gäste

101
auf dem Boden. Meine Hüfte schmerzte, am nächsten Tag
würde sie sich blau färben. Alle Gespräche erstarben. Da,
wo ich kurz zuvor gesessen hatte, stand Gaby und starrte
mit wutflackerndem Blick auf mich herunter. Dieser Blick
setzte mir mehr zu als der Sturz und meine geprellte
Hüfte. Sie drehte sich wortlos um, ging zum Tresen und
bestellte sich ein Bier. Ich rappelte mich benommen auf
und stellte Tisch und Stühle wieder an ihren Platz. Zanne
sah unbeteiligt aus dem Fenster, als ginge sie das Ganze
nichts an. Natürlich war ich es, den der Wirt aus der
Kneipe warf. Zanne ging mit mir. Gaby drehte sich nicht
einmal mehr nach mir um.

Gaby und ich hatten uns vor mehr als zwei Jahren kennen
gelernt, 1985, einige Monate nachdem ich aus dem
Gefängnis in Amsterdam entlassen worden war und meine
erste eigene Wohnung in Erkelenz bezogen hatte. Ich war
19 Jahre alt und clean zu dieser Zeit, meine Verhaftung
und die Tage in Polizeigewahrsam waren mir noch
deutlich in Erinnerung.
Wir trafen uns auf einer Party, die Rolf, der mir im
vergangenen Jahr 900 Mark für meinen LSD-Einkauf in
Amsterdam gezahlt hatte, im Haus seiner Eltern gab. Ich
besuchte die Party mit meiner damaligen Freundin Elke.
Elke war einige Jahre älter als ich, sie studierte
Kunstgeschichte an der Universität in Düsseldorf. Eine
auffällige Erscheinung, ihr langes blondes Haar trug sie
meist hochgesteckt wie die Sängerinnen der Band B-52’s,
ihre Fingernägel waren knallpink lackiert. An diesem
Abend trug sie einen karierten Minirock, ein schwarzes
Bustier und ein rosa Hemd mit Rüschen, dazu hohe,
klobige Schuhe und gestreifte Strümpfe. Elke pflegte
merkwürdige Vorlieben. So sammelte sie zum Beispiel die
Glanzbildchen, die die Mädchen in meiner Kindheit in

102
ihre Poesiealben geklebt hatten, und war ganz besessen
von Engelsstatuen. Stunden brachte sie auf dem alten
Friedhof in Erkelenz zu, völlig versunken in den Anblick
der Grabsteine und Standbilder. Anfangs hatte sie all das
interessant erscheinen lassen. Mittlerweile war ich an dem
Punkt angekommen, an dem ich mich üblicherweise aus
einer Beziehung verabschiedete und in die nächste
flüchtete – der anfängliche Rausch der Verliebtheit und die
Neugier auf den anderen waren verebbt, insgeheim suchte
ich schon nach etwas Neuem, Aufregendem.
Gaby begeisterte mich sofort. Ein blondes Mädchen, das
vor Natürlichkeit, Temperament und Ausgelassenheit
strahlte. Wie selbstverständlich war sie innerhalb von
wenigen Minuten der Mittelpunkt, um den die Party
kreiste. Kurz nach Mitternacht küssten wir uns in einem
dunklen Zimmer im ersten Stock. Ein Gefühl wie
Sonnenbrand unter der Haut, noch Tage später meinte ich,
Gabys Berührungen zu spüren, und wurde beinahe krank
vor Sehnsucht. Aber sie hatte mir unmissverständlich
klargemacht, dass es nicht mehr als diesen Kuss geben
würde, solange ich in einer festen Beziehung war.
Elke bemerkte von all dem zuerst nichts. Dieses Mal war
es von Vorteil, dass sie meist in ihrer eigenen Welt lebte.
Erst nach Tagen fand ich den Mut, mich von ihr zu
trennen. Ein wenig schüchterten mich ihre
Eigentümlichkeiten auch ein. Zwei Tage, nachdem sie
wütend und verletzt aus meiner Wohnung gestürmt war,
beklebte sie nachts auf dem gesamten Weg von meinem
Zuhause bis in meine Stammkneipe Bauzäune und die
Masten von Straßenlaternen mit DIN A4 großen
Flugblättern. Die Plakate waren Fotokopien von
Aktaufnahmen, die ein Freund von mir geschossen hatte.
Auf die Fotos hatte sie in dicken schwarzen Lettern
»WANTED BY A REAL WOMAN« geschrieben.

103
Natürlich war ich beeindruckt. Aber dadurch wurde sie
mir eher noch unheimlicher. Wenn ich nachts alleine nach
Hause ging, fühlte ich mich die ersten Tage immer ein
wenig unbehaglich und sah ständig über meine Schulter.

Ich verliebte mich mit einer Leidenschaft in Gaby wie in


noch kein Mädchen zuvor. Noch nach Monaten schwitzten
meine Hände vor Aufregung, und mein Herz schlug
vernehmlich in meinem Hals, wenn ich vor ihrer Tür stand
und klingelte. Alles an ihr erschien mir einzigartig und
begehrenswert, ihr Witz, ihre Schlagfertigkeit, die
Weichheit ihrer Haut und ihrer Berührungen, ihr runder,
fester Busen mit dem Leberfleck an der linken Seite, ihre
Verletzlichkeit und ihre trotzige Kraft. Ganze Tage lagen
wir auf meinem Bett, küssten und streichelten uns, im
Hintergrund sang Loyd Cole »She ’s Got a Perfect Skin«.
Nur machte es mich irgendwann schier verrückt, dass
Gaby sich wochenlang strikt weigerte, ihre Jeans
auszuziehen. Trotz ihrer 21 Jahre war Gaby noch
Jungfrau. Auf eine schnelle, unverbindliche Nummer hatte
sie keine Lust gehabt, und der einzige Junge, in den sie
richtig verliebt gewesen war, war zu schüchtern gewesen.
Ungefähr vier Wochen, nachdem wir ein Paar geworden
waren, wurde meine Geduld belohnt. Ein strahlender
Frühlingstag, der Himmel spannte sich über die Welt, als
lebten wir im Inneren eines gigantischen, aufblasbaren
Nivea-Balles. Die Türklingel und das Telefon hatten wir
abgestellt, dieser Tag sollte nur uns gehören. Am nächsten
Morgen würde Gaby mit ihrer Freundin für drei Wochen
in den Urlaub fahren, unseren letzten gemeinsamen Abend
durfte die Außenwelt nicht stören. Wir bestellten Pizza
beim Lieferservice und aßen im Bett bei Kerzenschein. Ich
hatte ABC aufgelegt, Martin Fry buchstabierte das
»Lexicon of Love«. Wir küssten uns, zogen die Pullover

104
aus, ich streichelte Gabys Busen. Irgendwann zog Gaby
auch ihre Jeans und ihre Unterhose aus. Vorsichtig
berührte ich ihre Oberschenkel, langsam tastete ich mich
weiter vor. Als wir schließlich miteinander schliefen, war
ich so behutsam wie noch nie in meinem Leben. Trotzdem
hatte Gaby Schmerzen, sie schrie kurz auf. Ich erschrak,
wollte mich von ihr lösen. Aber sie hielt mich fest, schlang
ihre Arme um mich und küsste mich lange und
leidenschaftlich. Ganz langsam nahm ich meine
Bewegungen wieder auf. Anschließend lagen wir noch
Stunden berauscht nebeneinander, ihre baldige Abreise
verlieh jeder Berührung zusätzliche Intensität.
Nach ihrer Rückkehr verkrochen wir uns ganze
Wochenenden im Bett, ausgestattet mit Chips,
Tiefkühlpizza und Videofilmen, die wir selten zu Ende
ansahen. Wir schliefen so häufig miteinander, dass ich
montags keine engen Jeans tragen konnte.
Gaby machte zu dieser Zeit eine Lehre als Maler- und
Lackiererin. Sie war die einzige Frau auf der Baustelle,
inmitten von einem halben Dutzend männlicher und in der
Regel deutlich älterer Kollegen. Ein harter Job für ein
junges, hübsches Mädchen. In den ersten Monaten gingen
die meisten Sprüche und Witze auf ihre Kosten, und
immer wieder landete eine Hand auf ihrem Hintern. Aber
sie hatte schon früh gelernt, sich durchzusetzen, ihre
Eltern waren Alkoholiker, in ihrer Kindheit fehlte der
Familie oft das Geld, die Stromrechnung zu bezahlen und
Gaby musste ihre Hausaufgaben bei Kerzenlicht oder im
Schein einer Taschenlampe fertig stellen. Trotzdem hatte
sie es auf die Realschule geschafft und mit guten Noten
abgeschlossen. Auf dem Bau lernte sie, durchzuhalten und
ihre Unsicherheiten hinter einer großen Klappe zu
verstecken. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kam,
verschwitzt, voller Farbe und in einem verschmierten

105
Overall, wirkte sie unwiderstehlich auf mich.
Trotzdem, oder vielleicht deswegen, schlief ich auch mit
anderen Mädchen. Möglich, dass die Anziehungskraft, die
Gaby auf mich ausübte, ihre immer größer werdende
Bedeutung für mein Leben, mir Angst einflößte und ich
die Affären mit anderen dazu nutzte, mich unabhängig und
frei fühlen zu können. Vielleicht war ich aber auch nur
unreif, selbstbezogen und unersättlich. Jedenfalls hielt ich
beinahe zwanghaft an der bewährten Maxime fest, keine
Gelegenheit auszulassen. Schließlich verzichtete ich ja
schon auf illegale Drogen, mir auch noch den Reiz
sexueller Abenteuer zu versagen erschien mir unzumutbar.
Eine Sache hatte sich allerdings geändert. Zum ersten Mal
legte ich großen Wert darauf, dass meine Freundin nichts
von meinen Eskapaden erfuhr. Vor Gaby hatte ich es mit
einer Offensivverteidigung gehalten, hatte alle Mädchen,
mit denen ich eine Beziehung einging, von Beginn an
gewarnt, dass ich von Treue nichts hielt und dass es immer
auch One-Night-Stands geben würde. Alle hatten sich
darauf eingelassen. Gaby, da war ich mir sicher, würde
mir einen Tritt verpassen und mich zum Teufel jagen. Ich
hatte eine höllische Angst, sie zu verlieren.
1986, ungefähr ein Jahr nachdem Gaby und ich uns
kennen gelernt hatten, zog ich nach Baal, ein Dorf,
ungefähr 6 Kilometer hinter Erkelenz. Zusammen mit
Detlef, meinem ältesten Freund aus Jugendzentrum-
Tagen, mit dem ich meinen ersten Joint geraucht hatte. Ich
war jetzt mehr als ein Jahr lang clean. Detlef hatte im
Frühjahr seine Drogentherapie abgebrochen, nach
ungefähr vier Monaten, und war zu mir in meine
Wohnung in Erkelenz gezogen. Er war ungefähr zur
gleichen Zeit auf Heroin gekommen wie ich; mehr als ein
Dutzend der Jungs und ein paar der Mädchen aus unserem
Jugendzentrum waren mittlerweile Junkies. Nachdem im

106
Vorjahr Thomas, sein jüngerer Bruder, bei einem
Autounfall unter Heroineinfluss ums Leben gekommen
war, hatte Detlef den Boden unter den Füßen verloren und
sich in eine Therapie geflüchtet. Und obwohl er die
Therapie nicht zu Ende gebracht hatte, war er zu diesem
Zeitpunkt clean. Gemeinsam mit Charly, einem
Werbetexter aus Düsseldorf, und ebenfalls gerade
drogenfreier Junkie, mieteten wir ein zweistöckiges Haus.
Obwohl nur Detlef als Schriftsetzer ein bescheidenes
Einkommen vorweisen konnte – Charly und ich waren
arbeitslos –, gelang es uns, den Vermieter von unserer
Zuverlässigkeit zu überzeugen. Unser Wohnprojekt
begann voller Enthusiasmus, wir strichen Wände und
Türen grau und tapezierten den Flur in mühevoller
Kleinarbeit mit Filmplakaten. Abends saßen wir beim Bier
zusammen in der Küche, hörten The The und Frankie
Goes To Hollywood und schmiedeten Pläne für eine
gemeinsame Zukunft. Ab und an besuchte Zanne mich,
und wir schliefen in meinem Zimmer miteinander. Wenn
Gaby anrief, deckte Detlef mich am Telefon. Auch an dem
Tag, an dem Zanne und ich zu den Pornoaufnahmen nach
Köln fuhren.

Nach wenigen Monaten ging alles in die Brüche. Die


Verwüstungen, die unsere Einweihungsparty nach sich
zog, beseitigten wir nur halbherzig und kurz darauf zogen
Heroin und Kokain in unsere Wohngemeinschaft ein. Die
Mülltüten stapelten sich im Flur, das dreckige Geschirr in
der Badewanne. Ich flüchtete zu Gaby, zog vorübergehend
in ihre Zwei-Zimmer-Wohnung ein. Sie sollte mich vor
dem Absturz bewahren. Immerhin war ich während
unserer Beziehung bisher clean gewesen. Doch schon nach
wenigen Wochen wurde mir alles zu eng, ihre Wohnung,
unsere Beziehung. Ich ging zurück in unser Haus und

107
begann eine Affäre mit einer Studentin aus Düsseldorf. Bei
unserem dritten oder vierten Treffen brachte sie ein
Gramm Heroin mit. Dieser Versuchung konnte und wollte
ich nicht widerstehen.
Die Zustände in unserem Haus wurden von Tag zu Tag
desolater. Bald lebten wir auf einer Mülldeponie. Als sich
unsere Nachbarn beim Vermieter beschwerten, weil
Maden aus unserer Garage zu deren Eingangstür gepilgert
waren, bekamen wir die Kündigung.
Bald nahm ich immer häufiger Heroin. Allmählich war
die Erinnerung an meine Einzelzelle verblasst, und immer
häufiger blitzten in meinem Gedächtnis die Bilder von
Drogenpartys und heroinverschleierter Tage und Wochen
auf. Sollte ich auf solche Erlebnisse tatsächlich für immer
verzichten? Schließlich war ich doch aus der Sache mit
der Verhaftung ganz gut herausgekommen. Wenn ich
vorsichtig war und mich in Zukunft nicht mehr erwischen
ließ, gab es doch keinen Grund, die Drogen ganz
aufzugeben.
Gaby hasste das Heroin und den unbeteiligten,
unberührbaren Menschen, den es aus mir machte. Ich sah
keine Veränderung, verstand nicht, was sie von mir wollte,
und weigerte mich, ihr zum Gefallen auf meinen Rausch
zu verzichten. Unsere Beziehung wurde immer
schwieriger. Nachdem wir uns an einem Wochenende weit
nach Mitternacht quer über den Erkelenzer Marktplatz
angebrüllt hatten, bis die Anwohner die Polizei riefen,
beschlossen wir, uns für einige Zeit nicht zu sehen.
Wenige Wochen später, in einer regnerischen Nacht im
Herbst, endete unsere Beziehung endgültig. Detlef war
gemeinsam mit seiner Freundin Karin bei Gaby
untergekrochen. Wir hatten seit Monaten die Strom- und
Gasrechnung nicht mehr zahlen können, und unser Haus
in Baal, in dem die beiden noch bis zum endgültigen
108
Räumungstermin ausharren wollten, war jetzt ohne Licht
und Heizung. In dieser Nacht saß Gaby weinend zu Hause,
unsere Trennung und mein distanziertes Verhalten in den
letzten Wochen setzten ihr zu. Detlef beschloss, sie zu
trösten. Voll gedröhnt mit Heroin und Pillen dachte er, die
Trennung wäre für Gaby leichter zu ertragen, wenn sie
wüsste, wie mies ich mich während unserer gesamten
Beziehung aufgeführt hatte. Innerhalb einer Viertelstunde
schilderte er Gaby ausführlich all meine Affären und One-
Night-Stands der letzten anderthalb Jahre; erzählte von
meinen Beischlafverabredungen mit Zanne und wie er
mich am Telefon verleugnet hatte, wenn Gaby anrief,
während ich gerade in meinem Zimmer mit einem anderen
Mädchen schlief. Nur die Geschichte mit dem Pornofilm
ließ er aus, aus welchem Grund auch immer. Gaby ging in
die Küche, nahm ein Brotmesser aus der Schublade, zog
ihre Jacke an und verbarg das Messer unter der Jacke.
Dann streifte sie auf der Suche nach mir durch alle
Erkelenzer Kneipen, fest entschlossen, mir das Messer
zwischen die Rippen zu rammen. Sie hätte mich wohl in
jener Nacht ohne jede Skrupel umgebracht.
Glücklicherweise besuchte ich an diesem Wochenende
Helmut in Düsseldorf, befand mich in sicherer Entfernung.
Als ich hörte, was passiert war, kündigte ich Detlef die
Freundschaft und ging Gaby aus dem Weg. Wir sahen uns
erst Wochen später wieder, Anfang Januar des
darauffolgenden Jahres.

In dieser Nacht saßen Gaby und ich zusammen mit


Helmut und Ruth im »Ratinger Hof« in der Düsseldorfer
Altstadt. Der »Ratinger Hof« hatte Ende der Siebziger
Jahre seine Hochzeit erlebt, damals galt er als eine
Keimzelle des Punk in Deutschland und den Anfängen der
Neuen Deutschen Welle. Auch Ende der Achtziger wurde

109
er noch aus sentimentalen Gründen von einige Punks und
New Wavern frequentiert. An diesem Abend hatte Xao
Seffcheque, ein Österreicher, der sich als Autor und
Musiker in der Szene einen Namen gemacht hatte,
irgendeine affektierte Kunstaktion vor der Tür inszeniert.
Der Hof war gut gefüllt. Helmut feierte an diesem Abend
seinen 24. Geburtstag. Er studierte mittlerweile
Germanistik. Obwohl wir unser gemeinsames Fanzine
eingestellt hatten, waren wir noch gute Freunde. Helmut
war Anfang der Achtziger begeisterter Leser des Magazins
»Sounds« gewesen, hatte ganze Jahrgänge archiviert und
besaß eine kleine, aber ausgesuchte Sammlung
schrammeliger Punkplatten aus der ganzen Welt, die
meisten davon waren nur im Vollrausch zu ertragen.
Aus irgendeinem Grund war Helmut auf die seltsame
Idee verfallen, neben seiner Freundin Ruth nur Gaby und
mich einzuladen. Vielleicht konnte er es nicht mehr mit
ansehen, wie unser beider Leben nach der Trennung
auseinander gefallen war. Gaby trieb sich Nacht für Nacht
durch die Kneipen im Kreisgebiet und nahm jedes
Wochenende im Vollsuff einen anderen Kerl mit nach
Hause. Ich drückte wieder täglich Heroin, oft zusammen
mit Kokain. Aber etwas Entscheidendes hatte sich
verändert. Zum ersten Mal nahm ich Drogen, weil ich
mich mies fühlte, weil der Rausch zumindest für
Augenblicke die Leere in meinem Leben ausfüllte. Ich
hatte Gaby verloren und irgendwie auch Detlef, meinen
ältesten Freund. Erik hatte sich in die Drogentherapie
abgesetzt, Artur war mit seiner neuen Freundin in einen
entfernten Ort gezogen, und aus unserem zugemüllten
Haus in Baal, schon seit langem weit davon entfernt, mir
ein Zuhause zu sein, war ich geflohen. Mein Leben war
ohne Halt und Ziel. Untergehen war nur eine Frage der
Zeit. Doch ich gaukelte mir vor, alles sei in Ordnung. Stur

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folgte ich den vertrauten Ritualen, die, wie ich meinte,
mein Leben in den letzten Jahren ausgemacht hatten. Ich
betrank mich in den gleichen Kneipen wie vorher, knallte
mir den Kopf zu, so häufig es ging, und wechselte von
einer Affäre in die nächste. Aber all das hatte viel von
seinem ursprünglichen Reiz eingebüßt. Ich lebte mein
Leben wie ein Verhungernder, der immer und immer
wieder auf einem alten Stück Brot kaut, ohne zu merken,
dass es seinen Geschmack und Nährwert schon vor langer
Zeit verloren hat. Ich erhöhte die Dosis.

Um Mitternacht stießen wir mit »Tequilla Rapido« auf


Helmuts Geburtstag an, ein doppelter Tequila mit Sekt
vermischt und in einem stabilen Glas serviert. Das Glas
deckten wir mit einem Bierdeckel ab und schlugen die
Unterseite mit Wucht auf einen anderen Bierdeckel, der
auf dem Tisch bereitlag. Die Kohlensäure verwirbelte Sekt
und Tequila zu einem schaumigen Gemisch, das wir in
einem Zug hinunterstürzten. Ich kannte kein anderes
Getränk, das so schnell und nachhaltig betrunken machte.
Ich trank schneller als die anderen, Gabys Gegenwart
machte mich nervös. Auch wenn sie an diesem Abend
noch keine Anzeichen von Wut zeigte. Im Gegenteil, sie
war charmant wie lange nicht mehr, lächelte mich an und
berührte immer wieder wie zufällig meine Hand, meinen
Arm oder mein Bein. Ich war völlig verwirrt.
»Was machst du da?«, fragte ich sie. Sie wirkte an
diesem Abend nicht weniger anziehend auf mich als auf
der Party vor zwei Jahren.
»Wieso?«, antwortete sie. »Du hast dich früher doch
auch nicht so geziert.« Dann küsste sie mich, ihre Zunge
tief in meinem Mund, ihre Hand zwischen meinen Beinen.
Ich bestellte den nächsten Tequila und ergab mich in mein
Schicksal.
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In Helmuts Ein-Zimmer-Wohnung verzogen wir uns ins
Badezimmer. Wir schlossen die Tür ab, küssten uns und
zogen uns aus. Schnell und leidenschaftlich, wir ließen uns
keine Zeit für Zweifel und keinen Raum für Skrupel. Streit
und Trennung hatten eine spürbare Distanz geschaffen,
aber sobald wir nackt waren, Haut an Haut, wurde es
einfacher. Jede Berührung war vertraut, der Anflug von
Fremdheit erhöhte nur die Spannung. Irgendwann lagen
wir auf dem Badezimmerboden, Gaby stöhnte mit
geschlossenen Augen unter mir. Dann, für einen kurzen
Moment, erstarb ihr Stöhnen. Ich hielt überrascht inne. Sie
sah mich kurz an, mit einem Blick, den ich nicht zu deuten
wusste, ballte ihre rechte Hand zur Faust und schlug mir
mit voller Kraft ins Gesicht. Ich zuckte von ihr zurück,
völlig verstört. Mit einem Mal war mir entsetzlich kalt,
mein ganzer Körper schmerzte. Ich sah sie an, suchte in
ihrem Gesicht nach einer Erklärung, nach Bedauern, Trost,
Wärme, irgendetwas, das die Schmerzen und die Kälte aus
meinem Körper vertrieb. Doch sie sah nur mit
promilleschwerem Blick durch mich hindurch und begann
zu schluchzen. Ich wollte sie in den Arm nehmen, sie stieß
mich von sich. Mir blieb nichts weiter, als mich mit
Helmuts Bademantel dürftig zuzudecken und mich
umzudrehen. Ich fiel in einen unruhigen Schlaf. Am
nächsten Morgen beim Frühstück sahen wir wortlos
aneinander vorbei. Ich sah sie erst Monate später wieder,
in jener Nacht, in der sie mich durch die Kneipe trat.

112
Klara

Als ich am 28. Juli des Jahres 1988, einem Donnerstag,


abends meine Wohnung betrat, lag ein Foto auf meinem
Tisch, das am Morgen noch nicht dagewesen war. Keine
Ahnung, wieso es mir auffiel. In meiner Wohnung
herrschte eine ziemliche Unordnung, aufgeräumt hatte ich
seit einigen Wochen nicht mehr. Das Foto war ungefähr
zwölf mal acht Zentimeter groß, ich sah es mir genau an,
konnte aber die merkwürdigen schwarzweißen Ornamente
darauf nicht deuten. Auf dem Foto stand mit schwarzem
Filzschreiber »Herzlichen Glückwunsch« geschrieben.
Zu dieser Zeit hauste ich in einer Dachwohnung in
Mönchengladbach, für die ich 100 Mark Miete zahlte.
Genau genommen war mein Zimmer ein Dachboden, der
zu der Wohnung im Stockwerk darunter gehörte. Dort
wohnte Michael, Zannes älterer Bruder. Er hatte seinen
Dachboden an mich vermietet, ein Zimmer, 18
Quadratmeter. Das Ganze wies nur entfernte Ähnlichkeit
mit einer Wohnung auf. Wände und Dach waren nicht
isoliert, es gab keine Heizung, kein Badezimmer, und die
Gemeinschaftstoilette befand sich im Treppenhaus
zwischen den beiden Etagen. Anstelle einer Küche hatte
der Vormieter eine marode Spüle im Flur installiert.
Daneben hatte ich einen alten Kühlschrank aufgestellt, mit
einer Kochplatte obenauf. Im Sommer staute sich die
Hitze zwischen den Dachbalken, als Fenster diente nur
eine kleine Luke, die kaum Frischluft hineinließ. Im
Winter kroch der Frost ungehindert durch Decken und
Wände, es wurde so kalt, dass ich meine steif gefrorene
Kleidung jeden Morgen vor einem kleinen Gasofen
auftauen musste. Doch das alles kümmerte mich nicht

113
sonderlich. Tagsüber arbeitete ich schwarz in der
Schreinerei, in der Artur seine Lehre gemacht hatte, nach
Feierabend wärmte mich das Heroin. Am Wochenende
gönnte ich mir, wann immer mein Lohn es zuließ, ein paar
Gramm Kokain dazu.
Verwirrt ging ich zu Michael, er war der Einzige, der
einen Zweitschlüssel zu meinem Zimmer hatte. Er musste
wissen, wo das Bild herkam.
»Karina war heute Nachmittag hier«, sagte Michael und
machte ein Gesicht wie ein Polizist in einem Krimi, wenn
der die Frau eines Kollegen von dessen Tod in Kenntnis
setzen muss. »Sie hat sich meinen Schlüssel geliehen und
das Foto auf deinen Tisch gelegt. Das ist ein
Ultraschallbild. Darauf kann man erkennen, dass Karina
schwanger ist. Es sieht so aus, als würdest du Vater.«
»Ähm, herzlichen Glückwunsch«, sagte Michael noch.
Völlig verwirrt rief ich von seinem Telefon Karina an, in
meiner Wohnung gab es keine Telefonleitung, und fragte,
ob sie sicher wäre, dass ich der Vater ihres Kindes sei.
Sicher war sie nicht, zumindest nicht hundertprozentig.
Eine Nacht mit einem anderen Mann hatte es in jener Zeit
gegeben, aber damit standen meine Chancen immer noch
ziemlich hoch.
»Ich will dieses Kind bekommen«, sagte Karina. »Mit
oder ohne Vater.« Ich hatte nicht die geringste Ahnung,
was ich wollte.

Seit Monaten kämpfte ich verbissen darum, mich und


mein Leben nicht vollständig den Drogen auszuliefern.
Immer, wenn mir meine Situation zu bedrohlich erschien,
klaubte ich ein wenig Geld zusammen und entgiftete an
irgendeinem europäischen Strand. Bekam ich das Geld
nicht zusammen, fuhr ich zu Detlef, meinem

114
Jugendfreund, der mittlerweile in Lübeck lebte, nach
seiner zweiten Therapie völlig drogenfrei. Oder auf die
schwäbische Alb; dort besuchte ich Hans, er war einer der
Hobbyfotografen, die mich damals auf meine Anzeige hin
als Aktmodell verpflichtet hatten. Hans lebte mit Frau und
zwei Kindern in der Nähe von Ulm, dort bewirtschaftete er
einen Familienbetrieb, zu dem Landwirtschaft, eine
Metzgerei und eine Gaststätte gehörte. In den vergangenen
Jahren war ich häufig in Krisenzeiten bei Hans
untergekrochen. Wenn mein Zustand es zuließ, half ich
ihm bei den anfallenden Arbeiten, hackte Holz,
schlachtete Schweine, zog Rehen die Haut vom Körper
oder servierte Getränke.
Nach solchen Selbstentgiftungen schrieb ich mich im
Wintersemester 87/88 für ein Studium der Germanistik
und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität in
Düsseldorf ein, machte meinen Führerschein und begann,
für eine Mönchengladbacher Stadtzeitung zu schreiben.
Eine Art Tauziehen mit der Sucht, das ich am Ende immer
verlor. So besuchte ich in den zwei Jahren, die ich an der
Universität eingeschrieben war, höchstens zehn
Vorlesungen. All meine Bemühungen rissen mich immer
nur für einige Tage, Wochen oder bestenfalls wenige
Monate aus dem ewig gleichen Trott.

An einem Freitagabend im Spätsommer 1987 brach ich


gemeinsam mit Artur in dessen Golf nach Venedig auf.
Wir wollten der öden Wochenendroutine, die zuverlässig
im Drogenrausch endete, entkommen und uns ein
entspanntes Wochenende gönnen. Aber Venedig war heiß,
voller Menschen und stank. Schon in der Nacht auf
Sonntag beschlossen wir, völlig betrunken, wieder nach
Hause zu fahren. Wir kamen nur wenige Kilometer weit.
Auf einer italienischen Landstraße rammte Artur bei

115
einem Überholversuch zwei Wagen, hinter uns kam es
durch eine Vollbremsung zu einem weiteren Auffahrunfall.
Als die Polizei am Unfallort eintraf, standen fünf
schrottreife Autos auf der Straße und Artur lag auf der
Motorhaube seines Wagens, tief und fest schlafend. Es
gelang mir kaum, ihn aufzuwecken. Unsere Heimreise
mussten wir am Sonntagnachmittag mit dem Zug
fortsetzen, die Überreste von Arturs Auto und Teile
unseres Gepäcks hatten wir dem Abschleppunternehmen
als Bezahlung dagelassen. Am Bahnhof in
Mönchengladbach angekommen, beruhigten wir unsere
malträtierten Nerven als Erstes mit Heroin.

Am 31.12.1987 feierten einige meiner Freunde eine


Silvesterparty in einem ziemlich maroden alten Schloss,
wo sie die obersten Etagen bewohnten. Mitternacht war
lange vorüber, Artur und ich hatten uns mit Heroin,
Kokain und ein wenig LSD zugeknallt und wanderten
durch die Wiesen und Felder hinter dem Schloss. Artur
wollte für eine Weile raus aus dem Trubel und erklärte mir
unterwegs, dass er in dieser Nacht die Antwort auf alle
Fragen der menschlichen Existenz gefunden, aber sofort
wieder vergessen habe. Als wir zurück in das Schloss
kamen, traf ich Karina, ein hübsches Mädchen mit leicht
schräg stehenden Augen, im Flur. Sie hatte gerade ihre
Jacke angezogen, war auf dem Weg nach Hause. Wir
redeten nur kurz miteinander, irgendwann war sie
verschwunden, ohne mir ihre Telefonnummer oder
Adresse zu hinterlassen.
Ich verliebte mich, wie so oft, auf Anhieb, wollte sie
unbedingt Wiedersehen. Aber es kostete mich in den
kommenden Tagen viele Telefonate mit Freunden und
Bekannten, bis ich zumindest ihre Nummer
herausgefunden hatte. Und selbst dann dauerte es noch

116
Tage, bis wir endlich länger miteinander reden konnten.
Ich besaß schließlich kein eigenes Telefon und Michael
vergaß häufig, mir Anrufe auszurichten. Karinas Telefon
war gestört, oft brach die Verbindung mitten im Gespräch
ab. Kurz nach unserem ersten Telefonat verabredeten wir
uns, am gleichen Tag wurden wir ein Paar. Eine Zeit lang
half mir meine Verliebtheit dabei, meinen Drogenkonsum
im Zaum zu halten. Aber schon nach wenigen Monaten
lief ich wieder in der ewig gleichen Tretmühle von
Drogen- und Geldbeschaffung.
Karina liebte Pferde und Hunde und arbeitete in einem
Tierheim. Sie nahm keine harten Drogen, Haschisch und
Alkohol genügten ihr. Einige Monate, nachdem wir uns
kennen gelernt hatten, verlor sie ihren Job im Tierheim.
Immer häufiger lag sie, wenn ich abends in die Wohnung
kam, noch im Bett, weil es ihr zu lästig erschienen war,
aufzustehen und aus den warmen Decken zu kriechen. Ihr
kleiner Hund hatte indessen in die Wohnung gekackt. Oft
ließ ich meine Wut dann an dem Hund aus. Bald stritten
wir uns täglich. Im Juni trennten wir uns.
Wenige Wochen, nachdem ich von Karinas
Schwangerschaft erfahren hatte, entschied ich mich zu
meiner ersten stationären Entgiftung. Ich wollte der Vater
dieses Kindes sein, egal, was der Vaterschaftstest acht
Monate nach der Geburt ergeben würde. Nur mit klarem
Kopf, das wusste ich, hatte ich überhaupt eine minimale
Chance, der bevorstehenden Aufgabe gewachsen zu sein.
Außerdem waren mir die Drogen mittlerweile schal
geworden, ich nahm sie aus Gewohnheit und vor allem,
weil ich die Entzugserscheinungen und die Ernüchterung
fürchtete. Der Heroinrausch hatte viel von seiner
anfänglichen Faszination verloren.
Ich meldete mich im Erkelenzer Krankenhaus an, aber
in
den achtziger Jahren waren die Ärzte dort auf einen

117
Drogenentzug nicht vorbereitet. Sie steckten mich in ein
Mehrbett-Zimmer auf der Inneren Männerstation. Im
Nebenbett lag ein älterer Mann, der sich von einem
Herzanfall erholen sollte. Die Ärzte pumpten mich mit
Medikamenten voll, die sie sonst bei Alkoholentzug
einsetzten. Die meiste Zeit war ich so weggetreten, dass
ich kaum auf meinen Beinen stehen konnte, wurde aber
sogar durch den Medikamentennebel von
Entzugsschmerzen und Schlaflosigkeit gepeinigt. Die
halbe Nacht wankte ich wie ein Gespenst durch Zimmer
und Flure. Meine stetige Unruhe trieb meinen
Bettnachbarn beinahe in seinen nächsten Herzanfall.
Wenn ich es gar nicht mehr aushielt, rief ich einen Freund
an und ließ mir Drogen ins Krankenhaus bringen.
Nach 14 Tagen wurde ich entlassen, immerhin soweit
clean und stabilisiert, dass es mir gelang, mich ohne die
Hilfe der Droge durch die Tage zu schleppen. Ich hielt
mich von meinen Drogenfreunden fern und begleitete
Karina zu ihren Vorsorgeuntersuchungen. Von Tag zu Tag
fühlte ich mich besser. Karina war durch die
Schwangerschaft auf wundersame Weise aufgeblüht.
Innerhalb weniger Wochen hatte sie ihr Leben in den Griff
bekommen, eine Wohnung gemietet und begonnen, sich,
ihrem Kind und ihrem Hund ein Nest zu bereiten. Warum
sollte mir das nicht auch gelingen? Ich fand einen Job als
Speditionsfahrer, zuerst nur zur Aushilfe, aber immerhin,
und mietete mir eine Drei-Zimmer-Wohnung in
Mönchengladbach, wenige Straßen von Karinas Wohnung
entfernt.
Den Abend, an dem Karinas Wehen einsetzten, saß ich
mit Helmut in meinem VW Jetta, jeder zwei Sixpacks
Becks in Griffweite. Helmut hatte sein Studium in
Düsseldorf beendet und wohnte wieder im Rheinland, wir
sahen uns häufig. Vor allem, seit ich nicht mehr drückte.

118
Wir parkten auf einem abgelegenen Wirtschaftsweg, mein
Autoradio spielte »Teenage Kicks« von den Undertones,
»Lust for Life« von Iggy Pop und R.E.M.s, »It’s the End
of the World as We Know It (and I Feel Fine)«, wir
tranken unser Bier, sahen über die dunklen Felder in die
mondhelle Nacht hinaus und redeten über all das, was vor
und hinter uns lag. Helmut sprach mir Mut zu. Immer
wieder erklärte er mir, wie gut es sei, endlich wieder
normal mit mir reden zu können. In den letzten Jahren war
Helmut meist die Aufgabe zugefallen, mir in
Notsituationen Geld oder Wagen zu leihen und mir
Obdach zu gewähren, wenn ich nicht mehr in der Lage
war, zurück in meine Wohnung zu finden. Er erinnerte
mich an einen Abend vor einigen Wochen, in seinem
Wagen, auf einem Feldweg wie diesem. Ich hatte ihn
gebeten, kurz anzuhalten, damit ich mir mit dem Wasser
aus einer Pfütze an Wegesrand mein Heroin aufkochen
und injizieren konnte. Damals, sagte er, sei er kurz davor
gewesen, mich aufzugeben. Als ich Helmut nach
Mitternacht in seiner Wohnung absetzte, wartete seine
Freundin schon in heller Aufregung auf uns. Karina hatte
angerufen, die Wehen hatten begonnen.
Die Geburt dauerte zwölf Stunden. Ich hielt Karinas
Hand, massierte ihren Rücken und redete ihr zu.
Nachmittags um 14.10 Uhr wurde Klara geboren. Es war
der beeindruckendste Tag meines Lebens. Noch Tage
später saß ich in den Momenten, in denen ich nicht bei
Karina und Klara im Krankenhaus sein konnte, nur mit
abwesendem Lächeln in Kneipen oder bei Freunden
herum, unfähig, an etwas anderes zu denken.
Als Karina aus dem Krankenhaus entlassen wurde,
suchte ich jede freie Minute die Nähe der beiden. Zu dritt
unternahmen wir lange Spaziergänge oder besuchten
meine Eltern, die ganz vernarrt in Klara waren.

119
Harmonische Nachmittage mit Kaffee und Kuchen, wie
ich sie seit meiner Kindheit nicht mehr erlebt hatte. Dank
Klara ruhte sogar der ewige Streit mit meinen Eltern.
Trotz all der Kämpfe, die wir in den vergangenen Jahren
ausgetragen hatten, erkannte ich, dass die beiden
wunderbare Großeltern waren, freundlich und liebevoll.
Oft blieb ich die Nacht über bei Karina, auch wenn wir
unsere Beziehung offiziell nicht wieder aufgenommen
hatten, so hatte uns die Geburt doch einander wieder näher
gebracht. Lange hatte ich mich nicht mehr so im Frieden
mit der Welt gefühlt.
Doch nachts, wenn Klara in ihrem Bettchen schlief und
ich untätig vor dem Fernseher saß, begann ich, mich
unwohl zu fühlen. Ich war gerade 23 Jahre alt, hatte keine
Ausbildung und keine Idee, wie mein Leben weitergehen
sollte. War ich all dem wirklich gewachsen? Würde ich für
ein Kind sorgen können und damit zufrieden sein, für den
Rest meines Lebens mit einem Lieferwagen Kühlschränke
durch Mönchengladbach zu fahren und vollgeschissene
Windeln zu wechseln?
Es dauerte nur wenige Monate, bis ich wieder zum
Heroin griff. Der Heroinrausch vernebelte all meine
Unsicherheiten und Ängste. Die Droge half mir, meinen
Gelegenheitsjob so zuverlässig zu erledigen, dass mir bald
eine feste Anstellung in Aussicht gestellt wurde. Ich
entlastete Karina, wo immer ich konnte, fütterte und
wickelte Klara, schob sie im Kinderwagen durch den Park
und ging mit ihr zum Babyschwimmen. Wenn sie weinte,
tröstete ich sie, warf sie hoch in die Luft, bis sie vor
Vergnügen quietschte. Nie ging mir ihr Geschrei auf die
Nerven. Doch je häufiger ich in den Heroinrausch
flüchtete, der mich so verlässlich besänftigen konnte, desto
weniger fühlte ich mich meinem Leben ohne die
Droge gewachsen. Bald drückte ich wieder täglich.

120
Das Heroin wirkte gleichermaßen effektiv wie perfide.
Zunächst brachte es mir Erleichterung, dann schaffte es
ein Elend, das es nur selbst beheben konnte. Es half mir,
unangenehme Zustände besser auszuhalten. Gleichzeitig
wuchs meine Abhängigkeit. Irgendwann fühlte ich mich
nicht mehr in der Lage, nüchtern mit meinem Alltag
zurechtzukommen, egal, ob ich unter Entzugsschmerzen
litt oder nicht. Mein Leben wurde wieder zusehends
stumpfsinniger. Den Großteil meiner Zeit war ich damit
beschäftigt, Geld zu verdienen. Davon kaufte ich mir
Drogen, die wiederum gewährleisteten, dass ich Geld
verdienen konnte. Mein Interesse an Sex und Zärtlichkeit
war erloschen, Geborgenheit suchte ich beim Heroin.
Mein Körper war eine Maschine, die nur mit dem
richtigen Treibstoff funktionierte und ständig kurz davor
stand, den Betrieb einzustellen. Ich dachte nicht weiter als
bis zu meinem nächsten Druck.
An einem Mittwochabend im November 1989 dröhnte
ich mich dermaßen zu, dass ich nicht mehr ansprechbar
war. Am Nachmittag hatte ich ein Schreiben des
Mönchengladbacher Amtsgerichtes erhalten, das mit ein
paar spröden Worten meine kleine Familie endgültig
auseinander zu sprengen drohte. Ein Doktor Wolfgang
Weber teilte mir mit, sein Blutgruppengutachten habe
ergeben, dass ich, »der Beklagte, als Erzeuger der
Klägerin nicht in Betracht« käme. Da Karina in der
fraglichen Zeit ein Mal mit einem anderen Mann im Bett
gewesen war, hatten wir uns für einen Vaterschaftstest
entschieden. Doch mit diesem Ergebnis hatte ich nicht
gerechnet. Klara war doch meine Tochter, daran gab es für
mich keinen Zweifel. Das erste und letzte Mal in meinem
Leben wünschte ich mir, bei einem Verfahren schuldig
gesprochen worden zu sein.
Nach dem negativen Vaterschaftstest klammerte ich

121
mich noch stärker an Klara. Ich liebte sie, daran konnte
auch die genetische Abstammung nichts ändern. Und ich
brauchte ihre Liebe wie ein Verhungernder die Nahrung.
Nur wenn ich sie in den Armen hielt, ihr Lächeln sah,
fühlte ich etwas anderes als die Taubheit des Heroin oder
die Angst vor dem Entzug, gewann ich ein Gefühl für
Gegenwart und Zukunft zurück. Als mein Drogenkonsum
anstieg, kaufte ich hauptsächlich bei Dealern, die selbst
Kinder hatten, mit denen Klara spielen konnte, während
ich meine Geschäfte erledigte und mir auf der Toilette, vor
ihren Augen verborgen, meinen Druck setzte. Wenn ich
nach Holland fuhr, weil die Droge dort deutlich billiger
war, nahm ich Klara mit über die Grenze, alberte mit ihr
herum und sang »Alle meine Entchen«, während sie in
ihrem Kindersitz neben mir saß. Auf dem Rückweg
versteckte ich mein Heroin in ihrer Windel. Sobald ich für
Momente zur Ruhe kam, quälte mich mein Gewissen.
Aber ich sah keinen Ausweg, einem Leben ohne Droge
fühlte ich mich nicht mehr gewachsen. Und ohne Klara
wäre es nicht mal mehr ein Leben gewesen.
Wenn Karina am Wochenende mit Freunden verabredet
war, schlief ich in ihrer Wohnung. Wurde Klara nachts
wach und schrie, trug ich sie durch die Zimmer, bis sie
wieder eingeschlafen war. Dann saß ich vor dem
Fernseher, ein 24-Stunden-Programm gab es noch nicht,
einzig der Privatsender Tele 5 spielte damals die ganze
Nacht hindurch Musikvideos. Immer, wenn ich das Video
zu »Being Boring« von den Pet Shop Boys sah, war mir,
als zöge jemand eine Schlinge um meine Kehle
zusammen. Auf der Leinwand tummelten sich leicht
bekleidet junge, schöne Menschen, in stilvollem
Schwarzweiß fotografiert. Sie tanzten durch Zimmer und
Flure einer Villa, lagen sich in den Armen und küssten
sich. Dazu sang Neil Tennant »And we were never being

122
boring/and we were never being bored«. Mir war, als
würde er von all dem singen, was ich in den letzten Jahren
verloren hatte. Sehnsucht und Verzweiflung zerrissen
mich. Noch nie hatte ich mich so abgestorben, so wertlos
gefühlt wie in diesen Augenblicken. Wenn ich es gar nicht
mehr aushielt, schlich ich in Klaras Zimmer, setzte mich
neben ihr Kinderbett und streichelte sie, vorsichtig und
unter Tränen.
Karina bemerkte erst nach und nach, wie schlimm es
tatsächlich um mich stand. Nachdem sie gesehen hatte,
dass mir bei einer Autofahrt die Augen zugefallen waren,
verbot sie mir, Klara in meinem Wagen mitzunehmen,
wenn ich unter Drogeneinfluss stand.

123
Schleudertrauma

Ich erwachte durch einen heftigen Schlag. Mein Körper


wurde aus dem Fahrersitz gerissen, hart schlug ich mit den
Rippen gegen das Lenkrad des LKW. Erschrocken riss ich
die Augen auf und trat auf die Bremse. Zu spät, die Wucht
des Aufpralls schleuderte den vor mir fahrenden Toyota
quer über die Fahrbahn in die Leitplanke auf der anderen
Straßenseite. Ich lenkte meinen 3,5-Tonner mit zitternden
Händen an den Straßenrand und schaltete die
Warnbeleuchtung an. An dieser Stelle der A3 kurz vor
Köln war die Straßenführung wegen einer Baustelle
einspurig, wie durch ein Wunder war der Toyota einem
Zusammenstoß mit dem Gegenverkehr entgangen. Ich
starrte auf das verbogene Metall und versuchte panisch,
meinen Kopf klar zu bekommen. Durch die
Windschutzscheibe sah ich rote Warnleuchten blinken und
Menschen aufgeregt gestikulierend über die Fahrbahn
laufen. Die Uhr in meinem Armaturenbrett zeigte 19.45.
»Na großartig«, dachte ich, »das wird mich ein paar
Stunden kosten.« Mit großer Verspätung nach Hause zu
kommen schien mir in diesem Moment die wahre
Katastrophe zu sein, schon seit Stunden litt ich unter den
ersten Entzugssymptomen.
Am frühen Morgen, kurz nach 7 Uhr, hatte ich meine
Fahrt begonnen. Da einer meiner Kollegen in der
Spedition krank geworden war, bat mich mein Chef,
dessen Tour zu übernehmen. Normalerweise fuhr ich auf
der Nahverkehrstour zwischen Düsseldorf,
Mönchengladbach und Erkelenz. Diese Arbeit machte ich
bereits seit einigen Monaten, aus meiner Aushilfstätigkeit
war ein Vollzeitjob geworden. Meine Route hatte ich so

124
geplant, dass sie mich jeden Tag ungefähr zur gleichen
Zeit in die Nähe einer meiner Dealer führte. Dort füllte ich
meine Drogenvorräte auf und machte mich anschließend
wieder an die Arbeit. So kam ich ohne größere Probleme
über die 12 bis 13 Arbeitsstunden. Wenn ich versuchte,
mir einen Heroinvorrat für einige Tage zuzulegen, nahm
ich meist viel mehr, als ich brauchte. Aus diesem Grund
hatte ich auch vor einigen Monaten mal wieder mit dem
Dealen Schluss gemacht. Immer, wenn ich eine größere
Drogenmenge zu Hause hatte, wuchs meine Dosis von Tag
zu Tag, irgendwann bekam ich schlicht Angst.
Von meiner täglichen Arbeitsroutine abweichen zu
müssen beunruhigte mich. Glücklicherweise bewahrte ich
mir abends immer genug Heroin auf, so dass ich morgens
aus dem Bett und problemlos über den Vormittag kam.
Meine Dealer waren vor 14 Uhr selten ansprechbar. Jeden
Abend zog ich mir zwei oder drei Spritzen fertig auf und
legte sie neben mein Bett. Sobald ich die Augen
aufschlug, setzte ich mir die erste. An diesem Tag hatte
ich zwei in Reserve, mit viel Disziplin würde ich bis zum
Abend damit durchhalten.
Meine Tour führte mich tief in den Westerwald. Ich fuhr
mit meinem kleinen LKW und einem mit
Waschmaschinen, Kühlschränken, Hi-Fi-Lautsprechern,
Salznüssen und Nivea-Produkten beladenen Anhänger
über schmale Landstraßen, die sich in engen Kurven durch
dichte Wälder, sattgrüne Hügel und bergige Ortschaften
schlängelten. Für die Schönheit der Landschaft fehlte mir
der Blick. Die Fahrt trieb mir schon nach wenigen Stunden
den Schweiß auf die Stirn. Wenn mir ein anderer LKW
entgegenkam, wurde es eng auf der Straße; mit dem voll
beladenen Lieferwagen plus Hänger am Berg anzufahren
erforderte Konzentration. Die einzelnen Lieferadressen
lagen meist in weit voneinander entfernten Orten mit

125
merkwürdigen Namen, die Wege dorthin waren schlecht
ausgeschildert, und meine Kunden schienen immer dann
ihre Warenannahme zu schließen, wenn ich gerade auf den
Hof fuhr. Gegen Mittag war ich so entnervt, dass ich meine
erste Pause einlegte. Ich steuerte eine Parkbucht am Rande
der Landstraße an, parkte den Wagen und nahm eine
meiner beiden Spritzen aus dem Handschuhfach. Meine
Laune besserte sich nach dem Druck nur unwesentlich. Da
ich gerade mal ein Drittel meiner Waren zugestellt hatte,
wusste ich, der Tag würde lang werden. Meinen nächsten
Druck musste ich daher für den frühen Abend aufheben.
Die Stunden bis dahin schienen mir endlos.
Am frühen Nachmittag rutschte mir eine Waschmaschine
aus der Hand. Mein rechter Oberschenkel fing den Sturz
ab, die Waschmaschine blieb unbeschädigt. Im Gegensatz
zu mir. Trotz der dämpfenden Wirkung des Heroins schoss
ein stumpfer Schmerz in mein rechtes Bein. Danach spürte
ich jedes Mal, wenn ich bremste, ein lästiges Stechen in
meinem Oberschenkel. Anschließend vertändelte ich mehr
als eine halbe Stunde damit, eine winzige Straße nach
einem Kunden abzusuchen, dessen Hausnummer auf dem
Lieferschein falsch angegeben war. Jetzt war mir alles
egal. Ich fuhr auf einen einsamen Waldweg und jagte mir
den Inhalt meiner letzten Spritze in die Adern, Stunden
früher als geplant.
Gegen 19 Uhr machte ich mich auf den Heimweg, die
letzten beiden Firmen hatten schon geschlossen, als ich
vorgefahren war. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn,
Beine und Rücken schmerzten. Nur mit Mühe hielt ich
meine Augen offen, mein Körper verlangte nach der
nächsten Dosis Heroin. Bei Montabaur fuhr ich auf die A3
in Richtung Köln. Noch ungefähr eine Stunde, dann hatte

ich es geschafft. Ich trat das Gaspedal durch, die 100 PS

126
beschleunigten den 3,5-Tonner auf 110 Stundenkilometer.
Die Monotonie der Autobahn gab mir den Rest.
Irgendwann nickte ich für einige Sekunden ein, mein Kopf
sank mir auf die Brust. Genau in dem Moment zeigte ein
Warnschild den Beginn der Bauarbeiten an, die
Höchstgeschwindigkeit wurde auf 60 Stundenkilometer
begrenzt. Nichts von all dem bekam ich mit. Auch nicht,
dass die Fahrerin vor mir abbremste. Ich fuhr ungebremst
mit 110 Stundenkilometern auf ihren Toyota auf.
In den letzten Monaten war ich schon häufiger während
der Fahrt kurz eingenickt. Beinahe jeden Morgen, wenn
ich kurz nach dem ersten Druck meine Fahrt begann,
fielen mir auf der Autobahn nach Düsseldorf für Sekunden
die Augen zu. Jedes Mal wachte ich auf, kurz bevor ich
die Leitplanke oder den vor mir fahrenden LKW rammte.
Dann riss ich das Steuer herum oder trat auf die Bremse.
Abgesehen von einem heftigen Adrenalinstoß, der mich
endgültig aufweckte, war mir nie etwas zugestoßen. Vor
einigen Wochen war es besonders eng geworden. Ich war
nach Feierabend eingeschlafen, als ich mit meinem Jetta
auf dem Weg nach Hause war. Ich wurde wach, weil mir
ein heftiger Stoß beinahe das Lenkrad aus der Hand
geprellt hatte. Als ich die Augen öffnete, sah ich, dass ich
mit zwei Rädern auf dem Gehsteig fuhr. Glücklicherweise
waren weder Fußgänger noch spielende Kinder oder
geparkte Autos im Weg. Mein Herz hämmerte. Damals
dämmerte mir, dass ich mich nicht dauerhaft auf schieres
Glück verlassen konnte. Aber ich brauchte das Geld, das
ich als Fahrer verdiente. Außerdem bot dieser Job mir die
Möglichkeit, mein Einkommen hin und wieder, relativ
risikofrei, mit dem Diebstahl von teuren Hi-Fi-Boxen bei
einem unserer Großkunden aufzubessern. Die Vorstellung,
meinen Drogenkonsum Tag für Tag durch Dealen
finanzieren zu müssen, erschien mir ungleich

127
erschreckender. Dafür fehlten mir mittlerweile schlicht die
Nerven. Eine Verhaftung und anschließende Verurteilung,
da war ich mir sicher, würde ich kaum noch einmal
durchstehen. Also vertraute ich weiterhin auf meinen
Schutzengel. Dieses Mal war es also schief gegangen.
Bevor ich aus dem Wagen kletterte, zwang ich mich
nachzudenken. Ich überlegte gehetzt, wie ich möglichst
schadlos aus dem ganzen Schlamassel herauskommen
konnte. Punkt für Punkt hakte ich eine Liste der möglichen
Katastrophen ab. Meine Spritzen hatte ich
glücklicherweise direkt nach Gebrauch weggeworfen.
Trotzdem sah ich im Handschuhfach nach. Es war leer.
Als Nächstes musste ich die Tachoscheibe vernichten. Der
Fahrtenschreiber eines LKW notiert Fahrtdauer und
Höchstgeschwindigkeit, der Gesetzgeber erlaubt acht
Stunden Lenkzeit und, für ein Gespann mit Anhänger, eine
Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern. Ich saß seit
ungefähr 13 Stunden hinter dem Steuer und war bis zu 110
Stundenkilometer schnell gefahren. Sollte der Polizei
mein Fahrtprotokoll in die Hände fallen, wäre ich nicht
nur meinen Führerschein los gewesen. Natürlich machte
ich mich auch strafbar, wenn ich ohne eingelegte
Tachoscheibe fuhr. Aber so blieb mir wenigstens die vage
Hoffnung, mich herausreden zu können. Allemal besser
als der Polizei einen Beweis für meine Verstöße zu
überlassen. Ich öffnete den Fahrtenschreiber und zerriss
die runde Papierscheibe. Die Fetzen stopfte ich in die
Brusttasche meiner Jeansjacke. Dann dachte ich kurz nach.
Was, wenn die Polizisten mich durchsuchen würden?
Wegwerfen ging auch nicht, es war doch möglich, dass sie
die Umgebung absuchten. Langsam wurde ich paranoid.
Die Tachoscheibe musste endgültig und unauffindbar
verschwinden. Also riss ich sie in noch
kleinere Fetzen, steckte sie in den Mund, kaute sie kurz

128
durch und würgte den Papierbrei hinunter. Dann erst
verließ ich das Führerhaus.
Die Insassen des Toyota, die junge Fahrerin und ihre
Mutter, hatten nur einige Prellungen und einen leichten
Schock erlitten. Ich entschuldigte mich.
»Hast du nicht gesehen, dass ich gebremst habe«, fragte
mich die junge Frau mit noch immer angstgeweiteten
Augen. Ich verneinte. Behauptete, ich hätte genau in
diesem Augenblick in meinem Autoradio einen Sender mit
Verkehrsfunk gesucht und deshalb für einen kurzen
Moment nicht auf den Verkehr geachtet. Die gleiche
Geschichte erzählte ich ungefähr eine viertel Stunde später
auch dem Polizeibeamten, der meine Aussage zu Protokoll
nahm. So erklärte ich auch das gänzliche Fehlen einer
Bremsspur. Dass ich erst nach dem Aufprall gebremst
hatte, als mein Wagen durch den Zusammenstoß schon
verlangsamt war, machte es der Polizei unmöglich, meine
genaue Geschwindigkeit im Augenblick des Unfalls zu
ermitteln. Ich gab an, ordnungsgemäß 80
Stundenkilometer gefahren zu sein. Auf die Frage nach
meinem Fahrtenschreiber antwortete ich dem Beamten, ich
hätte am Morgen vergessen, eine Tachoscheibe
einzulegen. Normalerweise, erklärte ich wahrheitsgemäß,
fuhr ich eine andere Tour, ohne Hänger, was wiederum
gelogen war, und die Zulassung meines LKWs erlaubte,
für Solofahrten auf den Fahrtenschreiber zu verzichten.
Eine Lüge, dachte ich, klingt überzeugender, je mehr
Wahrheit in ihr steckt. Ich konnte nicht erkennen, ob der
Beamte mir glaubte. Meinen desolaten körperlichen
Zustand und mein Zittern schien er jedenfalls dem Schock
zuzuschreiben. Nachdem sie alle Aussagen aufgenommen
hatten, informierten die Polizisten meinen Chef. Da die
komplette Front meines Wagens mitsamt den
Scheinwerfern zerstört war, konnte ich meine Fahrt nicht

129
fortsetzen. Ein Kollege machte sich auf den Weg, den
Hänger und mich zurückzuholen. Um den LKW kümmerte
sich ein Abschleppunternehmen.
Als ich gegen 23 Uhr auf dem Speditionsgelände eintraf,
stand ich kurz vor dem Zusammenbruch. Kalter, übel
riechender Schweiß brach mir aus allen Poren,
schmerzhafte Krämpfe marterten meinen Darm, meine
Nase lief und meine Beine trugen mich kaum noch. Ich
betrat das Büro. Dieter, mein Chef, saß hinter dem
Schreibtisch, er sah mich nur an, ein großes Fragezeichen
in seinem Gesicht.
»Frag mich bitte nichts«, würgte ich heraus. »Gib mir
einfach nur mein Geld, ich erkläre dir morgen alles. Im
Moment kann ich nicht reden.« Schweigend griff er in die
Kasse, zog einen 100-Mark-Schein hervor und reichte ihn
mir über den Schreibtisch.
»Schlaf dich aus. Schaffst du es, bis morgen früh um
zehn wieder auf den Beinen zu sein?«, fragte er nur. Ich
nickte und sah ihn erleichtert an.
»Dann bis morgen«, sagte er. Ich bedankte mich kurz
und verließ fluchtartig das Büro.
Die zwanzig Minuten, die ich zu meinem Dealer
unterwegs war, zogen sich quälend in die Länge. Ich fuhr
zu Steffi, Ralfs Freundin, die nur wenige Kilometer
entfernt wohnte. Ralf, mein früherer LSD-Dealer, war
schon vor Jahren auf Heroin umgestiegen und saß wieder
einmal im Gefängnis. Jetzt fuhr Steffi täglich nach
Holland und versorgte Ralfs Kundenstamm. Da der Preis
für Heroin während der letzten Jahre in Holland deutlich
gefallen war und Steffi mir die Droge zu einem guten Kurs
verkaufte, ohne die üblichen Zuschläge für
Kleinabnehmer, kam ich mit den 100 Mark, die ich täglich
bar ausgezahlt bekam, meist über den Tag. Nur an den

130
Wochenenden wurde es eng.
Als ich schließlich mein Heroin in den Händen hielt,
zitterte ich so stark, dass ich nicht in der Lage war, den
Löffel ruhig zu halten. Steffi hatte Mitleid und zog mir die
Spritze auf. Kaum rauschte die Droge durch meine Adern,
beruhigten sich alle Körperfunktionen in
Sekundenschnelle. Als ich kurz darauf die Tür zum
Bungalow meiner Eltern öffnete, fühlte ich mich beinahe
wieder wie ein Mensch. Sie hatten mich wieder bei sich
aufgenommen, als ich meine Miete nicht mehr zahlen
konnte. Ich schlief in dem kleinen Zimmer neben der
Eingangstür, das mein Bruder früher bewohnt hatte. Nach
meinem Auszug hatte er das Kellerzimmer bezogen, und
obwohl er in Köln studierte, fuhr er jedes Wochenende
nach Hause zu meinen Eltern.
Der Drogenberater in Mönchengladbach, bei dem meine
Eltern schon vor Monaten Rat gesucht hatten, hatte ihnen
eingeschärft, es sei ein großer Fehler, mich in ihrem Haus
wohnen zu lassen und zu verköstigen, sie müssten mich
mit meinem Elend alleine lassen, sonst würde ich niemals
etwas gegen meine Sucht unternehmen. Doch das brachten
sie nicht fertig. Zu meinem Glück und zum Unglück für
meine Mutter, sie schien beinahe noch mehr unter meinem
Elend zu leiden als ich. Während ich mich in den
Heroinrausch flüchten konnte, blieb ihr nichts anderes
übrig, als daneben zu stehen und zuzusehen, wie ich
langsam vor die Hunde ging. Sie ging kaum noch unter
Menschen und weinte jeden Tag viele Stunden. Immer,
wenn ich mit dem LKW unterwegs war, stand sie
Höllenängste aus, fiel erst in einen unruhigen Schlaf, wenn
sie meinen Schlüssel im Türschloss hörte.
Am Morgen nach dem Unfall wurde ich ins Lager
versetzt. In Zukunft war ich dafür zuständig, die
einfahrenden LKWs zu beladen und zu entladen und über

131
die Lagerbestände Buch zu führen. Ich fuhr nur noch kurze
Strecken mit dem Gabelstapler. Dieter wollte keine
weiteren Unfälle riskieren. Vorhaltungen machte er mir
keine. Zum einen wusste er wohl, dass die Tour in
vorgeschriebener Zeit und Geschwindigkeit kaum zu
bewältigen war. Zum anderen hatte ich ihm gegenüber aus
meiner Drogensucht kein Geheimnis gemacht. Er hatte
wenig geschockt reagiert. Da er neben seiner kleinen
Spedition noch ein teures Bordell in der Nähe von
Düsseldorf unterhielt, waren ihm Drogen, Kriminalität und
Ärger mit der Justiz nicht fremd. Außerdem war er
Pragmatiker und wusste meine Arbeit zu schätzen. Nicht
nur, dass ich meine Tour in Rekordzeit erledigte, ich war
beinahe ständig verfügbar und kein Auftrag war mir zu
viel. Die Heroinabhängigkeit hatte mich extrem genügsam
gemacht. Solange sichergestellt war, dass ich meine
regelmäßigen Rationen bekam, arbeitete ich wie eine
Maschine. Zu abgestumpft, um gelangweilt zu sein, zu
bedürfnislos, als dass ich viel Zeit mit Essen oder Schlafen
verschwendet hätte. Ich dachte nur daran, dass jede Stunde
mir mehr Geld für Heroin einbrachte. Es kam vor, dass
mein Chef mich am späten Abend anrief, kurz nachdem
ich meine zwölfstündige Tour beendet hatte, und mich bat,
für einen erkrankten Kollegen die Nachtschicht zu
übernehmen. Dann fuhr ich in die Firma, und Dieter zahlte
mir mit den Worten »Gehst du dich wieder intravenös
ernähren« einen Vorschuss auf die Nachtarbeit aus.
Anschließend besuchte ich meinen Dealer, und gegen 23
Uhr war ich wieder bei der Arbeit. Nachdem ich die
LKWs beladen hatte, schlief ich zwei, drei Stunden und
saß morgens um sechs wieder am Steuer.

Wenige Tage nach meiner Beförderung zum Lagerleiter


schickte Dieter mich mit einem Scheck über 10.000 Mark

132
zur Bank. Ich war mir nicht sicher, ob das als Test oder
Vertrauensbeweis gedacht war. Nachdem ich das Geld auf
das Firmenkonto eingezahlt hatte, machte ich einen kurzen
Abstecher zu Karin. Karin und ich hatten vor Jahren für
eine kurze Zeit zusammengewohnt, in unserem Haus in
Baal. Damals war sie Detlefs Freundin gewesen. Bis vor
einigen Monaten hatten wir gemeinsam gedealt, ich hatte
das Heroin in den Niederlanden geholt, sie hatte es in
kleinen Portionen weiterverkauft. Seit ich aus dem
Geschäft ausgestiegen war, verkaufte sie auf eigene
Rechnung weiter. In unserer Szene wechselten Dealer und
Kunde häufig die Rollen.
Als ich an ihre Tür klopfte, war sie gerade auf dem Weg
zu einem Kunden. Ich kaufte für 50 Mark Heroin, sie
klaubte die Briefchen aus einem Tütchen in ihrer
Unterhose. Seit ihr vor einigen Tagen jemand die Tür
eingetreten und die Wohnung durchwühlt hatte, bewahrte
sie ihre Drogen immer am Körper auf. Ich hätte mir gerne
noch mein Heroin aufgekocht, doch Karin drängte zur
Eile. Ich verstaute die Drogen in meinem
Schlüsselanhänger, einem schwarzen Ledermäppchen mit
je einem Reißverschluss auf der Vorder- und Rückseite.
Als ich die Wohnung verlassen wollte, lief ich zwei
Drogenfahndern in Zivil in die Arme. »Herr Böckem,
wohin denn so eilig, bleiben Sie doch hier«, sagte der eine.
Karin war noch in der Wohnung, durch die Eingangstür
vor den Polizisten verborgen. Als sie die Stimme hörte,
griff sie in ihren Slip und ließ das Tütchen mit dem Heroin
mit einer schnellen Bewegung in ihrer Vagina
verschwinden.
Die Beamten wiesen Karin an, sich mit erhobenen
Händen an der Wand aufzustellen und forderten per Funk
eine Kollegin an, die sie durchsuchen sollte. Einer der
beiden sah sich in der Wohnung um. Karin fragte nach

133
dem Durchsuchungsbefehl. Den brauchten sie nicht,
erklärte der Zivilfahnder. Da wir im Zollgrenzbezirk
lebten, wäre ein so genannter »begründeter Verdacht«
ausreichende Legitimation für eine Leibesvisitation und
Hausdurchsuchung bei »einschlägig bekannten Personen«.
Der andere Beamte forderte mich auf, meine Taschen
auszuleeren und ihm den Inhalt auszuhändigen. Mein Herz
raste. Als Erstes gab ich ihm meinen Schlüsselbund, die
Seite mit dem leeren Fach ihm zugewandt. Er öffnete den
Reißverschluss, sah hinein, fand nichts und legte den
Schlüsselbund beiseite. Ohne ihn umzudrehen und die
andere Seite zu inspizieren. Ich schwitzte. Dann
durchsuchte er meinen übrigen Tascheninhalt und meine
Kleidung. Anschließend durfte ich gehen.
»Noch mal Glück gehabt«, sagte der Beamte lapidar. Er
hatte keine Ahnung, wie viel Glück ich tatsächlich gehabt
hatte.
Wieso sie just in diesem Moment hier aufgetaucht
wären, fragte ich. Offensichtlich waren sie nicht auf eine
Hausdurchsuchung vorbereitet, sonst wären sie nicht zu
zweit und ohne weibliche Unterstützung aufgetaucht.
»Wir haben Sie aus der Bank kommen sehen«, erzählte
mir der Polizist. »Und wollten sehen, was Sie so vorhaben.
Also sind wir Ihnen gefolgt. Als wir gesehen haben, wo
Sie hinfuhren, dachten wir, es könne nicht schaden, Ihnen
ein wenig auf die Finger zu sehen. Also bis zum nächsten
Mal dann.«
Dass meine Akte beim Drogendezernat zu dieser Zeit
schon dicker war als das Telefonbuch von Erkelenz und
die Polizisten nur noch auf den richtigen Augenblick für
meine Verhaftung warteten, erfuhr ich erst Monate später.
Auf der Fahrt in die Firma hing ich düsteren Gedanken
nach. Die Schlinge um meinen Hals zog sich immer enger.

134
Nach Feierabend fuhr ich zu meinen Eltern. Ich schloss
mich auf der Toilette ein und versuchte, mir mein letztes
Heroin für den Tag zu injizieren. Aber ich konnte keine
intakte Vene finden, die einzige Stelle, die viel
versprechend aussah, befand sich an einer Stelle an
meinem linken Oberarm, die ich nicht erreichen konnte.
Nach einer halben Stunde gab ich entnervt auf. Ich schloss
die Badezimmertür auf und rief meine Mutter.
»Ich treffe keine Ader«, sagte ich ihr und hielt ihr die
Spritze hin, die Flüssigkeit im Inneren war schon mit Blut
vermischt, das bald verklumpen würde. »Mach du das. Du
hast doch früher als Arzthelferin gearbeitet, du weißt doch,
wie das geht.«
Sie sah mich an, völlig entsetzt.
»Bist du verrückt?«, stammelte sie, am ganzen Körper
zitternd.
»Stell dich nicht so an«, schrie ich. »Hilf mir,
verdammt.«
Schluchzend rannte sie aus dem Zimmer.
Etwas später gelang es mir, eine Vene zu treffen.
Anschließend entschuldigte ich mich unter Tränen bei
meiner Mutter. So ging es seit Wochen. Wenn das Heroin
durch meine Adern rauschte, war ich meist freundlich und
pflegeleicht wie zuletzt vor sehr vielen Jahren. Dann
empfand ich sogar so etwas wie Dankbarkeit, für mein
warmes Zimmer, die Mahlzeiten, die meine Mutter mir
zubereitete, die Zuneigung, mit der meine Eltern Klara in
die Familie aufnahmen, auch nachdem der Bluttest
ergeben hatte, dass ich nicht ihr leiblicher Vater war.
Sobald jedoch der Entzug seine Klauen in meinen Körper
schlug, tyrannisierte ich rücksichtslos jeden in meiner
Familie. Erst vor wenigen Tagen hatte ich, völlig

135
weggetreten von einigen Schlaftabletten, meinen Vater
übel beschimpft, weil der sich weigerte, mir meinen
Autoschlüssel auszuhändigen, nachdem er gesehen hatte,
dass ich kaum auf meinen Beinen stehen konnte und bei
dem Versuch, den Flur zu durchqueren, gegen einen zwei
Meter breiten Schrank gelaufen war. Am Ende erklärte er
sich sogar bereit, mich zu meinem Dealer zu fahren. Ich
war völlig am Ende. Erst jetzt entschied ich mich, es mit
einer Drogentherapie zu versuchen.

136
Die Anstalt

Beinahe ein Jahr dauerte es, bis ich endlich in der


Drogentherapie aufgenommen wurde. Die Wartezeit wäre
mir beinahe zum Verhängnis geworden. Nachdem ich
meine Bewerbungsunterlagen im Frühjahr 1990
eingeschickt hatte, bekam ich einen Aufnahmetermin
zugeteilt. An einem Montag Anfang Dezember sollte ich
mich vormittags vollständig entgiftet in der Klinik
einfinden. Im November kündigte ich meinen Job in der
Spedition und ließ mich von meiner Hausärztin zur
Entgiftung in ein Krankenhaus einweisen. Die
Therapieeinrichtung bestand darauf, dass die Entgiftung in
einer geschlossenen Station durchgeführt wurde.
Anfang der neunziger Jahre existierten in Deutschland
nur eine Handvoll solcher Entzugsstationen. In meiner
näheren Umgebung gab es keine davon, im Rheinland
wurden stationäre Entgiftungen daher in der geschlossenen
Psychiatrie durchgeführt. Dort fanden einige der Insassen
noch nach Monaten den Weg von ihrem Zimmer in den
Speiseraum nicht, andere warfen nachts die Möbel durch
den Raum, bis ein Pfleger sie an das Bett fesselte. Wer als
selbstmordgefährdet galt, wurde mit Pillen ruhig gestellt,
bis er nur noch abwesend aus dem Fenster starrte. Die
Alkoholiker, die oft im Koma eingewiesen wurden,
fantasierten noch Stunden nach der Einlieferung im
Delirium. Viele hier waren zwangseingewiesen, manche
sogar entmündigt.
In meiner ersten Nacht schlief ich nicht eine Minute. Der
Entzug wütete in meinem Körper. Ich bekam keine
Medikamente gegen die Schmerzen, sogar Kohletabletten
gegen meinen Durchfall und die Darmkrämpfe musste ich

137
mir erbetteln. Kalter Entzug hieß das, der Arzt würde erst
dann eingreifen, wenn die Symptome lebensbedrohlich
wurden. Die gesamte Nacht über schleppte ich mich über
den Flur, von meinem Zimmer in den Aufenthaltsraum
und wieder zurück. Sobald ich lag, fühlten sich meine
Arme und Beine an, als seien sie in eine Streckbank
geraten, ein Ziehen und Reißen, das mich wahnsinnig
machte. Mein Körper stand in Flammen. Meinem
Verstand ging es noch schlechter. Nachdem die Taubheit
der Droge verflogen war, hatten mich nackte Angst und
bodenlose Depressionen gepackt. Ich heulte, zitterte; als
die Nachtwache mich fragte, was los sei, konnte ich kaum
reden.
»Ich halte das nicht aus«, stammelte ich. »Ich will nur,
dass es aufhört.«
Vor allem wünschte ich mir, dass das Denken aufhörte.
Ich hatte mein Leben gründlich an die Wand gefahren.
Diese Erkenntnis vergiftete jeden meiner Gedanken.
Meine Lage erschien mir ohne Ausweg, ich sah keine
Chance, alles wieder in Ordnung zu bringen. Dazu, da war
ich mir ganz sicher, fehlten mir Mut und Kraft.
»Da musst du jetzt durch«, sagte die Nachtwache.
»Schließlich hast du dir das selbst zuzuschreiben. Und in
der Therapie wird es dir oft noch schlechter gehen.« Hätte
ich die Kraft dazu gehabt, ich wäre ihm an die Kehle
gegangen.
Am nächsten Morgen ließ ich den Arzt noch vor der
Visite rufen und unterschrieb, dass ich auf eigene
Verantwortung und gegen ärztlichen Rat das Krankenhaus
verlassen wollte. Sobald sich die Türen der Station hinter
mir geschlossen hatten, rief ich meinen Dealer an und
bestellte mir von dem Geld, das meine Mutter mir für
kleinere Einkäufe am Krankenhauskiosk zugesteckt hatte,
ein Taxi.
138
Sobald das Heroin die Entzugssymptome beseitigt hatte,
bedauerte ich meine Flucht aus dem Krankenhaus. Mit
Hilfe meiner Hausärztin, die mich schon seit meiner
Geburt behandelte, besorgte ich mir am Tag darauf einen
neuen Entgiftungsplatz. In der kommenden Woche sollte
ich mich in einer ähnlichen Klinik melden. Die
Therapieeinrichtung erklärte sich bereit, meinen
Aufnahmetermin eine Woche nach hinten zu verlegen.
Dieses Mal hielt ich den kalten Entzug nur einen Tag
länger durch.
Nach meinem Abbruch ging ich nicht zurück zu meinen
Eltern. Meine Situation war jetzt völlig verfahren, der
nächste Aufnahmetermin in der Therapie war erst im Mai,
ich hatte keine Ahnung, wie ich bis dahin durchhalten
sollte. Rolf, mein früherer LSD-Stammkunde, vermietete
mir ein Zimmer in seiner Wohnung. Dort dämmerte ich
tagelang mit dem Rücken zur Heizung auf meiner
Matratze, ein anderes Möbelstück gab es nicht, schluckte
Pillen gegen den Entzug und starrte die Wände an. Ich
wagte mich kaum mehr auf die Straße, sogar die
Vorstellung, Drogen zu kaufen, flößte mir Furcht ein. Nur,
wenn einer meiner Freunde mich mit seinem Wagen
abholte und direkt zu unserem Dealer fuhr, verließ ich die
Wohnung. Ab und zu rief Karina mich an, dann redete ich
nur vom Tod. Einen anderen Ausweg sah ich nicht mehr.

Als ich meine Miete nicht zahlte, warf Rolf mich aus der
Wohnung. Wieder nahmen meine Eltern mich auf, unter
der Bedingung, dass ich alles dafür tat, meinen nächsten
Aufnahmetermin in der Therapie einzuhalten. Sollte ich
diesen Termin wieder verstreichen lassen, würden sie mir
nicht mehr helfen. Ich fand einen Arzt, der mir
Hustenblocker verschrieb. Medikamente wie Remedacen,
Kodipront oder Kodein Compretten enthalten einen relativ

139
hohen Anteil an Kodein, ein dem Heroin verwandter
Wirkstoff, der, ausreichend hoch dosiert, die
Entzugserscheinungen lindert. Ein Wirkstoff, der in
geringerer Dosierung auch dem Hustensaft beigemischt
war, den ich in meiner Kindheit von unserer Hausärztin
verschrieben bekommen hatte. Und vor der Einführung
von Methadon das einzig probate Mittel zur Substitution
bei Junkies.
Anfangs nahm ich 60 Stück täglich, die bei starkem
Husten empfohlene Dosierung lag bei zwei Tabletten am
Tag. Täglich verringerte ich meine Dosis um ein bis zwei
Tabletten. Meine Mutter päppelte mich derweil mit
Vitamintabletten und warmen Mahlzeiten notdürftig
wieder auf. Mit letzter Kraft stand ich diesen Selbstentzug
durch. Wenn ich es wieder nicht in die Therapie schaffen
würde, da war ich mir völlig sicher, würde ich spätestens
in einem halben Jahr tot sein. Dieses Leben würde ich
nicht mehr länger durchstehen. Völlig egal, ob meine
Eltern mich nun hinauswarfen oder nicht. Als die
stationäre Entgiftung begann, hatte ich es immerhin
geschafft, meine Dosis auf vier Kodeintabletten täglich zu
reduzieren. Dieses Mal hielt ich die vollen 14 Tage durch.

An einem Dienstag im Mai wurde ich in der Fachklinik


Hahnenholz im hessischen Reddighausen, einem Dorf an
den Ausläufern des Rothaargebirges, aufgenommen. Zu
einer neunmonatigen »Entwöhnungsbehandlung«. So
nannte es zumindest die BfA, mein Rentenversicherer, der
für die Kosten der Therapie aufkam.
Am nächsten Vormittag fand, wie jeden
Mittwochmorgen, die so genannte Großgruppe
Normalerweise waren die 40 Patienten in statt.
Kleingruppen aufgeteilt, die das Therapieprogramm vier
gemeinsam durchliefen. Nur mittwochs trafen sich alle
140
Patienten mit allen Therapeuten und besprachen jene
Angelegenheiten, die die gesamte Hausgemeinschaft
betrafen. Dazu gehörten auch krasses Fehlverhalten und
disziplinarische Maßnahmen. An diesem Mittwoch ging es
um Heike, eine Frau Anfang dreißig, die kurz vor ihrer
regulären Entlassung stand. Sie hatte bereits sieben der
neun Therapiemonate hinter sich und war am Abend zuvor
von ihrem ersten Wochenendurlaub zurückgekehrt. Jedes
Mal, wenn ein Patient das Klinikgelände für längere Zeit
verließ, wurde bei der Rückkehr sein Gepäck von zwei
anderen Patienten durchsucht. So sollte verhindert werden,
dass Drogen, Alkohol oder Medikamente in die Klinik
geschmuggelt wurden. In Heikes Gepäck wurde bei der
Durchsuchung eine Packung Abführtee gefunden. Sie
sollte disziplinarisch entlassen werden. Heike musste in
der Großgruppe um ihr Verbleiben in der Klinik kämpfen.
Ich verstand das alles nicht. Hier ging es doch nur um
Tee. Wo war das Problem? Heike war ja nicht wegen
Teeabhängigkeit hier, sondern wegen ihrer Heroinsucht.
Aber die Therapeuten werteten Heikes Versuch, Abführtee
in die Klinik zu schmuggeln, als Rückfall in ein
suchttypisches Verhaltensmuster, einen so genannten
»Verhaltensrückfall«. Zum einen, weil Heike, wie viele
drogensüchtige Frauen, lange unter Magersucht gelitten
und Abführmittel zur Gewichtskontrolle benutzt hatte.
Zum anderen, weil sie versucht hatte, die Regeln zu
umgehen – seit Monaten bedrängte sie den Klinikarzt, ihr
ein Abführmittel zu verschreiben, aber der hatte sich mit
dem Hinweis auf ihre Essstörung geweigert. Heike durfte
bleiben, unter der Voraussetzung, dass sie in genau 14
Tagen in der Großgruppe glaubhaft darlegen konnte, dass
sie aus diesem Vorfall etwas gelernt und Konsequenzen
gezogen hatte. Gelang ihr das nicht, würde sie in zwei
Wochen ihre Koffer packen müssen.

141
Da sie die Therapie anstelle einer Haftstrafe angetreten
hatte, erklärte mir Uwe, bedeutete das, sie müsse zurück
ins Gefängnis. Die Haftstrafe eines verurteilten
Drogensüchtigen konnte zur Bewährung ausgesetzt oder
sogar erlassen werden, wenn der sich zu einer
Langzeittherapie bereit erklärte. Mehr als die Hälfte der
Patienten hatten die Therapie unter diesen Bedingungen
angetreten. Ich war freiwillig hier. Aber das hätte auch
anders laufen können, seit Ende des vergangenen Jahres
lag der Staatsanwaltschaft ein Haftbefehl gegen mich vor,
der nur nicht vollstreckt worden war, weil die
Drogenfahnder lange Zeit nicht gewusst hatten, wo ich
mich aufhielt. Von diesem Haftbefehl erfuhr ich erst, als
ich schon in der Therapie angekommen war und damit
relativ sicher vor dem Strafvollzug. Ich durfte in der Klinik
bleiben, meine Haftstrafe wurde zur Bewährung
ausgesetzt.
Uwe hatte sich im Gefängnis für die Therapie
entschieden. Er war einige Jahre älter als ich, ein
tätowierter Harley-Fahrer mit langen, schwarzen Haaren
und einem buschigen Schnauzbart. Uwe hatte lange für
eine deutsche Firma in arabischen Staaten als Monteur
gearbeitet, dort hatte er zum ersten Mal Haschisch und
später Heroin genommen. Dort war er auch wegen
Drogenbesitzes auf dem Marktplatz ausgepeitscht worden.
Ein gutmütiger Kerl, der viel freundlicher war, als er
aussah. Uwe hatte sich vor mehr als zehn Jahren mit HIV
infiziert. Die gängige Lehrmeinung damals besagte, dass
einem HIV-Positiven vom Tag der Infizierung an noch
ungefähr zehn bis 15 Jahre bis zu seinem Tod blieben.
Wenn die nächsten Jahre tatsächlich seine letzten sein
sollten, dann wollte Uwe sie genießen, drogenfrei und mit
klarem Verstand. Ich bewunderte ihn.
Uwe hatte bei meiner Aufnahme in der

142
Therapieeinrichtung die Patenschaft für mich
übernommen. Jeder Neuankömmling wurde in den ersten
Wochen von einem erfahrenen Patienten betreut. Ich
konnte Uwes Hilfe gut gebrauchen. In den ersten Wochen
erschien mir die Therapie wie eine völlig absurde Welt,
deren Regeln ich erst nach und nach begriff. Und Regeln
gab es viele.

Der Tagesablauf war streng durchstrukturiert. Morgens um


sieben wurden wir geweckt, 15 Minuten später mussten
wir uns im Hausflur versammeln, dort wurde die
Anwesenheit abgehakt. Für einige der verhassteste
Moment des Tages. Vor allem Frank, ein 21-jähriger Junge
aus Gießen, sah jeden Morgen aus, als würde er noch im
Stehen schlafen. Er bekam seine Augen kaum auf, und
wenn sein Name aufgerufen wurde, gelang es ihm nur
unter großer Anstrengung, den Arm zu heben und
»hier« zu sagen. Trotzdem quälte er sich jeden Morgen
aus den Kissen. Denn wer fehlte, wurde aus dem Bett
geholt und musste in seiner Mittagspause den Spüldienst
übernehmen. Da bei jeder Mahlzeit ungefähr 40 Patienten
am Tisch saßen, eine sehr lästige Angelegenheit, und
Frank war seine Mittagsruhe heilig. Bei mehrmaligem
Verschlafen drohten dann krassere Sanktionen.
Um 7.30 Uhr begann der Frühsport, er dauerte ungefähr
zehn Minuten. Die Teilnahme war für alle verpflichtend.
Frank wurde regelmäßig ermahnt, weil er sich immer noch
bewegte, als würde er in Treibsand stecken. Eine halbe
Stunde später wurde das Frühstück eingeläutet, wer zu
spät kam, wurde wieder mit Spüldienst bestraft. Auch das
Frühstück selbst war klar geregelt, jeder bekam ein
Brötchen, eine kleine Schale Speisequark, Butter,
Marmelade und genau zwei kleine Tassen Kaffee. Jeden
Morgen florierte bei Tisch ein lebhafter Tauschhandel mit

143
Kaffee, halben Brötchen und Quarkschüsseln.
Nach dem Frühstück fanden die verschiedenen
Therapiegruppen statt, Gruppengespräche, Sport-, Arbeits-
und Kunsttherapie, drei Stunden lang. Dann Mittagessen.
Anschließend Mittagsruhe bis 14 Uhr, jeder musste auf
sein Zimmer. Von 14 bis 14.30 Uhr gab es Kaffee, wieder
maximal zwei Tassen für jeden, und Gebäck. Um 15 Uhr
begann das Therapieprogramm aufs Neue. Nach dem
Abendessen wurde die Post verteilt, über den Rest des
Abends konnten wir relativ frei verfügen. Von 19 bis 20
Uhr durften wir im Gemeinschaftsraum unsere Platten
hören, abgesehen von einem Radio war auf den Zimmern
keine Musik erlaubt. Ein Plattenspieler für 40 Patienten,
ein Plan regelte, wer wann an der Reihe war. Von 20 bis
22 Uhr lief der einzige Fernseher, jeden Tag wurde über
das Programm abgestimmt. Zwischen 19 und 21 Uhr
konnten wir auch angerufen werden, allerdings nur von
Angehörigen und Freunden, mit denen der Therapeut den
Kontakt vorher genehmigt hatte. Wieder nur ein Telefon
für 40 Patienten, wer die Leitung zu lange blockierte,
riskierte eine Menge Ärger. Soziale Kontrolle der Gruppe
über den Einzelnen war ein wichtiger Teil des
therapeutischen Alltags. Wir durften niemanden anrufen.
Wer wollte, durfte in den Abendstunden auch das
Schwimmbad, die Sauna, die Sporthalle oder das
Volleyballfeld neben dem Spielplatz benutzen. Diejenigen,
die schon kurz vor der Entlassung standen und eine
entsprechende Ausgangsberechtigung besaßen, durften in
den umliegenden Wäldern spazieren gehen oder in der
einzigen Gaststätte des Ortes Billard spielen. Rauchen war
innerhalb des Gebäudes nur in einem einzigen Zimmer
gestattet, dem so genannten Teeraum. Wurden auf einem
Zimmer Zigaretten oder Streichhölzer
gefunden, konnte das zur Entlassung führen. Cola war auf

144
dem gesamten Klinikgelände verboten.
Der therapeutische Leiter der Klinik, ein Mann, der von
uns allen respektiert und ein wenig gefürchtet wurde,
erklärte uns immer wieder, Drogensüchtige hätten in der
Regel ein Strukturproblem. Sie seien in ihrer
Persönlichkeit meist nicht gefestigt, hätten weder Halt
noch klare Ordnungskonzepte und Grenzen. Außerdem
seien sie in ihren Bedürfnissen und Ansprüchen maßlos. In
den Jahren auf der Szene sei die Fähigkeit verkümmert, in
sozialen Gruppen angepasst zu leben. Süchtige, hieß es,
besäßen zudem eine extrem niedrige Frustrationstoleranz
und seien es gewohnt, jede Kränkung, jede Verletzung
oder Stimmungsschwankung mit Hilfe der Droge
augenblicklich zu kurieren. In der Therapie sollten daher
Sozialverhalten und neue Bewältigungsstrategien schon im
täglichen Zusammenleben eingeübt werden. Erst in den
letzten Therapiemonaten ging es dann um Themen wie
Eigenverantwortung, Außenorientierung und
Selbständigkeit.
In der Klinik war beinahe alles verboten, was das Leben
draußen ausgemacht hatte: neben Drogen, Alkohol,
Gewalt und Gewaltandrohung auch Sex und Beziehungen.
Nur wer als Paar aufgenommen wurde, bekam ein
gemeinsames Zimmer. Für alle anderen konnten schon
heimliche Küsse zur Entlassung führen. Drogensucht,
wurde uns beigebracht, sei eben auch der Ausdruck einer
schweren Beziehungsstörung, und bevor wir in der Lage
wären, uns auf eine Partnerschaft einzulassen, müssten wir
lernen, mit uns und unserem Leben alleine
zurechtzukommen. Außerdem galt Verlieben als
Therapieflucht. Wer verliebt war, so hieß es, schotte sich
in der Beziehung von der Außenwelt ab und sei für den
Therapeuten nicht mehr zu erreichen. Ein Paar, das sich in
der Therapie verliebt, erklärten uns die Therapeuten, sei

145
wie zwei Invalide, die sich aneinander klammern, um
stehen zu können. So aber würden sie nie gehen lernen
und lediglich irgendwann gemeinsam fallen. Ein Gedanke,
der uns allen durchaus einleuchtete. Abgesehen von
denen, die sich verliebt hatten.
Über alles, was wir taten oder nicht taten, mussten wir
Rechenschaft ablegen, in der Gruppe, vor den Therapeuten
oder, im schlimmsten Fall, in der Großgruppe.
Demjenigen, der jeden Abend nur vor dem Fernseher saß,
wurden genauso Verhaltensregeln auferlegt wie dem, der
jede freie Minute zum Sport nutzte. So sollten wir darauf
trainiert werden, ein maßvolles Gleichgewicht zu finden,
bestimmte Muster in unserem Verhalten zu erkennen, zu
hinterfragen und zu verändern. Alle Konflikte, alles
Fehlverhalten mussten offen in der Gruppe ausgetragen
werden, und oft entschieden die Patienten gemeinsam mit
den Therapeuten darüber, ob eine ausreichende
Verhaltensänderung zu erkennen war. Wer über einen
Konflikt in der Therapiegemeinschaft oder einen heiklen
Punkt seiner Lebensgeschichte nicht reden wollte, konnte
meist sicher sein, dass die Therapeuten besonders
nachhaltig insistierten. So wollten sie uns dazu bringen,
Verantwortung für unser Leben und Handeln zu
übernehmen. Und für unsere Sucht – wir sollten begreifen,
dass niemand zufällig oder durch widrige Umstände in die
Abhängigkeit rutscht, sondern dass sich jeder von uns an
bestimmten Punkten seines Lebens für die Droge
entschieden hatte. Nur wenn wir unsere ganz persönlichen
Gründe für diese Entscheidung verstehen würden, wären
wir in der Lage, in Zukunft eine andere Wahl zu treffen.
Deshalb gab es sogar Regeln für den Sprachgebrauch.
Wir wurden angehalten, das Wort »man« und damit die
Unverbindlichkeit aus unseren Sätzen zu streichen, »ich«
zu sagen, wenn es um uns ging, oder »du«, wenn wir unser

146
Gegenüber meinten. Wir sollten lernen, Verantwortung
schon mit der Sprache zu übernehmen. Gemeinplätze und
Plattitüden waren verpönt, ganz oben auf der roten Liste
stand der Satz »Ich kann nicht«. In den meisten Fällen,
erklärten uns die Therapeuten, bedeute dieser Satz
lediglich »Ich will nicht«. Hier bekam ich zum ersten Mal
eine Ahnung davon, dass Sprache die Wirklichkeit nicht
nur abbildet, sondern auch gestaltet, dass die Art und
Weise, wie ich die Welt und meine Beziehung zu ihr
benenne, auch das Wesen dieser Beziehung bestimmt.
In der Woche, in der ich aufgenommen wurde, hatten
sich die so genannten Regelverstöße so gehäuft, dass die
Therapeuten beschlossen, alle Patienten mit Sanktionen zu
belegen. Für die Dauer von 14 Tagen wurde eine
Kontaktsperre nach außen verhängt, niemand durfte
angerufen werden, Briefe wurden nur weitergeleitet, wenn
sie von offizieller Stelle kamen. Außerdem mussten
Fernseher, Plattenspieler und Radios zwei Wochen
ausgeschaltet bleiben, und statt des Kaffees wurde
morgens und am Nachmittag Tee serviert. Wer sich nicht
daran hielt, riskierte den Rauswurf. Vierzig Junkies, viele
von ihnen direkt aus dem Gefängnis hierher verlegt,
mussten sich damit abfinden, dass sie behandelt wurden
wie kleine, unartige Kinder. In vielen brodelte es. Die
ersten verließen die Klinik nach wenigen Tagen.
Abgesehen von der schlechten Stimmung im Haus
kümmerten mich die Sanktionen nicht sonderlich. Zu
Beginn meiner Therapie bereitete mir der normale
Tagesablauf schon genug Schwierigkeiten. Ich war so
verstört, dass die alltäglichsten Anforderungen mich
heillos verunsicherten. In den letzten Jahren war ich nur
noch im Rausch durch mein Leben gewankt, ich hatte
völlig verlernt, ohne Drogen oder Medikamente mit
meinem Alltag, meinen Gefühlen, der Welt und den

147
Menschen zurechtzukommen. Wenn ich durch einen
Raum voller Menschen ging, stolperte ich beinahe über
meine eigenen Füße, weil ich mich beobachtet fühlte und
mich darauf konzentrieren musste, einen Fuß vor den
anderen zu setzen. Wollte ich abends an unserem
Klinikkiosk Schokolade kaufen, legte ich mir vorher jedes
Wort zurecht. Alles um mich herum erschien mir fremd
und merkwürdig, sogar mein eigener Körper. Mir war, als
säße ich eingesperrt in einem Burgturm mit dicken
Mauern und würde die Welt durch die schmalen
Schießscharten betrachten.
Die Welt der Therapie war erfüllt von merkwürdigen
Menschen und dramatischen Geschichten. Menschen wie
Udo, einem Büroangestellten aus Berlin, der mit Ende
dreißig in die Therapie kam, weil er seinem Arbeitgeber
als notorischer Kiffer aufgefallen war. Udo vertrat die
Ansicht, er sei zudem abhängig von Cola und dem – eher
milden – Schmerzmittel Thomapyrin. Noch bei seiner
Aufnahme war er davon ausgegangen, eine Drogenklinik
sei eine Art Sanatorium, in dem er im Liegestuhl in der
Sonne dösen dürfe und Krankenschwestern mit kurzen
Röcken ihm Mineralwasser servieren würden. Er brauchte
Wochen, um sich an die Ansprüche und Abläufe der
Therapie zu gewöhnen. Und Monate, den Schock zu
verdauen, dass er von Junkies und Kriminellen umgeben
war.
Hier traf ich auch auf Menschen wie Björn, einen
cholerischen Jungen von 21 Jahren und ungefähr 1,60
Meter Größe, der in breitem hessischen Dialekt davon
erzählte, wie er im Amphetaminrausch seine Mutter mit
dem Baseballschläger zusammengeschlagen hatte, weil die
es gewagt hatte, die Sicherung herauszudrehen, als er
gerade in trommelfellzerfetzender Lautstärke Speed Metal
hörte. Und bei seiner Schilderung völlig unbeteiligt klang,

148
so, als würde er von einem Film erzählen, den er gesehen
hatte. Schon nach wenigen Wochen in der Therapie
entging er nur knapp einem Rauswurf: Er hatte die
Arbeitstherapie in der klinikeigenen Schreinerei dazu
genutzt, ein Nunchaku zu basteln, eine chinesische
Schlagwaffe, die häufig in Kung-Fu-Filmen benutzt wird.
Hier hörte ich auch Geschichten wie die einer jungen
Italienerin, die von ihrem Cousin und dessen Freunden
drei Tage lang eingesperrt und vergewaltigt wurde. Seit
damals hatte sie ihre Wut und ihre Scham jahrelang mit
Heroin bekämpft. Jetzt, nüchtern in der Therapie, ging sie
auf jeden los, von dem sie sich bedrängt fühlte.
Auch meine eigenen Geschichten erschienen hier in
einem anderen Licht. Ich erzählte in einer Therapiestunde
beiläufig davon, dass ich einige Monate lang ein Mädchen,
das ich kannte, jeden Abend mit meinem Wagen über die
Grenze nach Holland gefahren hatte. Dort war sie auf dem
Straßenstrich anschaffen gegangen, während ich die
Autonummern der Freier notierte, zu denen sie in den
Wagen stieg. Das tat ich für den Fahrer gut sichtbar, damit
er nicht auf die Idee kam, dem Mädchen ungestraft etwas
antun zu können oder sie um ihren Lohn zu prellen.
Anschließend kauften wir von dem Geld, das sie verdient
hatte, Heroin und teilten es untereinander auf. Dieser
Episode hatte ich nie besondere Beachtung geschenkt, für
mich waren solche Dienstleistungsgeschäfte unter Junkies
nichts Ungewöhnliches – wer ein Auto besaß, wurde eben
dafür entlohnt, dass er denjenigen, der keines hatte,
chauffierte. Doch meine Therapeutin gab nicht eher Ruhe,
bis ich widerwillig zugab, dass ich mich wie ein Zuhälter
verhalten hatte.
Ich sprach über meine Furcht vor Nähe, die Unreife und
Rücksichtslosigkeit, mit denen ich meine
Liebesbeziehungen geführt hatte. Darüber, dass ich

149
jahrelang dem Rausch des Verliebtseins hinterhergejagt
war und immer, wenn das anfängliche Hochgefühl
verebbte, das jeweilige Mädchen fallen gelassen hatte wie
eine leere Tüte Chips. Wenn es darum ging, Arbeit in eine
Beziehung zu investieren, hatte ich mich verdrückt. Und
wenn es mir nicht gelang, mich aus einer Beziehung
davonzustehlen, benutzte ich dazu die Drogen und Affären
mit anderen Mädchen. Langsam dämmerte mir, dass ich
vor dem Erwachsenwerden und der Furcht vor dem
Versagen in den Heroinrausch geflohen war. Heroin war
schließlich die wirksamste Medizin gegen Angst und
Unzufriedenheit. Drogenkonsum, begann ich zu begreifen,
hatte viel mehr mit Feigheit denn mit Mut zu tun.
Manchmal gab mir das Verhalten der Therapeuten auch
Rätsel auf. Nach ungefähr vier Monaten, als ich von den
unter der Hand kursierenden Porno-Magazinen, die
Patienten ins Haus geschmuggelt hatten, gelangweilt war,
bat ich Helmut, mir auf dem offiziellen Postweg
Nachschub zu schicken. Als das Paket im Haus eintraf,
wurde ich umgehend zu einem Gespräch mit meiner
Therapeutin gebeten. Sie wollte wissen, wozu ich die
Pornos brauchte und aus welchem Grund sie mir diese
Magazine aushändigen sollte. Ich erklärte ihr, dass nach all
den Jahren, in denen die Droge jedes Interesse am Sex,
jedes körperliche Bedürfnis fast völlig unterdrückt hatte,
sich der Sexualtrieb jetzt umso stärker bemerkbar machte
und dass es mit der Zeit schlicht öde wurde, wenn ich bei
der Selbstbefriedigung nur auf meine Fantasie oder auf die
ewig gleichen Hefte angewiesen war. Außerdem war ich
erwachsen und Pornos weder illegal noch per
Hausordnung verboten. Ich war überzeugt davon, nichts
Unrechtes zu tun. Trotzdem stand ich jetzt mit dem
Rücken an der Wand, gezwungen mich zu rechtfertigen.
Die Therapeutin ließ mich spüren, wie sehr sie

150
Pornografie und deren Konsum verabscheute, redete von
Frauenfeindlichkeit und dem verzerrten Bild von
Sexualität, das diese Hefte vermittelten. Ich erklärte ihr,
dass ich Pornos nicht ernster nahm als die Comics meiner
Kindheit; Fantasiekonstruktionen, von denen ich sehr
wohl wusste, dass sie mit realen sexuellen Beziehungen
nicht viel zu tun hatten. Wenn ich Pornos zur
Selbstbefriedigung nutzte, hieß das nicht, dass ich
anschließend über Frauen herfallen würde wie die Männer
in den Heften es taten. Schließlich versuchte ich ja auch
nicht, Häuserwände hinaufzuklettern, nachdem ich
Spiderman-Comics gelesen hatte.
Die Therapeutin ließ nichts davon gelten, am Ende
händigte sie mir die Hefte nur aus, weil deren Besitz nicht
gegen die Regeln verstieß. Sie sagte, ich sei der einzige
Patient in den vergangenen fünf Jahren gewesen, der sich
seine Pornos nicht heimlich besorgt hatte. So wie sie mir
zugesetzt hatte, verstand ich auch, warum.

Nur langsam gewöhnte ich mich in der Klinik ein, und


doch dachte ich in den gesamten neun Monaten nicht einen
Tag darüber nach, meine Koffer zu packen. Nichts von
dem, was hier von mir verlangt wurde, konnte mich so
erschrecken wie das, was draußen auf mich wartete. In den
ersten Monaten versteckte ich mich regelrecht vor der
Droge. Ich versuchte, so viel wie möglich von dem zu
nutzen, was mir in der Therapie beigebracht werden sollte.
Ich brauchte eine Art Schutzwall zwischen mir und meiner
Sucht. Schließlich war ich hier, weil ich alleine nicht mehr
zurechtkam. Doch es dauerte bis wenige Wochen vor
meiner Entlassung, dass ich mir ein Leben ohne Drogen
außerhalb der Therapie überhaupt vorstellen konnte. Zu
sehr hatten die Drogen in den vergangenen Jahren mein
Leben, mein Bild von mir selbst und meinen Blick auf die

151
Welt bestimmt.
»Stellt euch vor«, hatte der Leiter der Klinik uns erklärt,
»die Welt, in der ihr lebt, wäre ein Kreis. Eure ganz
persönliche Welt, die im Normalfall aus eurer Familie,
einer Arbeitsstelle, der Straße, in der ihr wohnt, euren
Freunden und Hobbys besteht. Wenn ihr auf Drogen seid,
hat dieser Kreis einen ziemlich engen, aber genau
umrissenen Radius. Alles außerhalb der Droge hat darin
keinen Platz. In dem Kreis hat alles eine ganz klare
Ordnung, jeder Tag, alles, was ihr tut, hat ein eindeutiges
Ziel, und ihr wisst ganz genau, wie ihr mit Dealern,
Polizisten und anderen Junkies umzugehen habt. Euer
Platz ist ganz genau in der Mitte dieses Kreises, ihr
befindet euch im Zentrum eurer Welt. Wenn ihr hier
rausgeht und versucht, ein Leben ohne Drogen zu führen,
wird es diesen eindeutigen Zustand nie mehr geben. Ihr
werdet dem Mittelpunkt nahe kommen, mal mehr und mal
weniger, aber ihn nie erreichen. Damit müsst ihr lernen,
zurechtzukommen. Sonst werdet ihr garantiert irgendwann
rückfällig.«
Er hatte Recht. Ohne die Droge hatte ich völlig die
Orientierung verloren. Ich hatte kein Gefühl mehr dafür,
wer ich war und was ich mir jenseits des nächsten Drucks
vom Leben erhoffte. Mir war, als sei ich schon immer ein
Junkie gewesen, mein einziger Lebensinhalt die Droge.
Alles andere musste ich mir mühsam zurückerobern. In
den letzten Jahren war mir Verweigerung zum
Selbstzweck geworden. Nur langsam begann ich
herauszufinden, was ich wollte und konnte.
Als Erstes schloß ich Frieden mit meinem Körper. Ich
hatte vergessen, wie es war, morgens wach zu werden,
ohne dass der Entzug mich niederdrückte. Mich den
gesamten Tag über kräftig und ausgeruht zu fühlen, nicht
auf chemische Hilfe angewiesen zu sein. Mit Appetit zu

152
essen. So lange ich abhängig gewesen war, hatte ich
meinen Körper nur dann gespürt, wenn er mich mit
Entzugsschmerzen peinigte oder mir mit überflüssigen
Bedürfnissen nach Schlaf und Essen Zeit und Geld raubte.
Langsam begann ich, Schlaf und regelmäßige Mahlzeiten
zu genießen. Oder das Gefühl von Wind und Sonne auf
meiner nackten Haut.
Nach kurzer Zeit begann ich, Sport zu treiben. Neben
den drei Stunden Sporttherapie in der Woche spielte ich in
meiner Freizeit Volleyball oder Tischtennis. An den
Wochenenden joggte ich durch die nahe gelegenen
Wälder. Bisher hatte ich mir aus Sport nicht viel gemacht,
in den letzten Jahren war mir jede Bewegung lästig
gewesen. Jetzt begeisterte mich das Gefühl, wenn ich nach
dem Training jeden einzelnen Muskel spürte, wenn nach
dem Joggen das Blut durch meine Adern pulsierte und
Endorphine durch meinen Körper rauschten. Oder wenn
mir beim Tischtennis ein punktgenauer Schmetterschlag
gelang.
An drei Abenden in der Woche trainierte ich gemeinsam
mit Bernd, einem Junkie aus Köln, in der kleinen
Sporthalle mit Kurzhanteln und Medizinbällen, erarbeitete
mir mit Hilfe des Sporttherapeuten ein intensives
Trainingsprogramm. An einem dieser Abende hatten wir
ein Radio mit in die Turnhalle genommen. Während des
Trainings spielte der Hessische Rundfunk »Smells Like
Teen Spirit« von Nirvana. Ich hörte dieses Stück zum
ersten Mal. Beinahe wäre mir die Hantel aus der Hand
gefallen. Ich vergaß mein Training, hastete zum Radio und
drehte es bis zum Anschlag auf. Dass ich damit riskierte,
dass mir das Radio abgenommen wurde, interessierte mich
nicht. Seit »Teenage Kicks« von den Undertones hatte ich
so ein Lied nicht mehr gehört, die schiere Energie der
Melodie, der Überdruss und die Wut in Kurt Cobains

153
Stimme ließen meinen Puls rasen, die Haare auf meinen
Armen stellten sich auf. An den folgenden Abenden saß
ich gemeinsam mit Peter gebannt vor dem Radio und
wartete darauf, dass der DJ Nirvana spielte.
Einige Wochen später begann ich, zögerlich zuerst,
wieder zu schreiben. Am Anfang nur wenige Sätze, in
denen ich versuchte, meine Angst in Worte zu kleiden.
Im Spätsommer lud ich meine Eltern in die Klinik ein.
Es war Teil des Therapiekonzeptes, Gespräche mit den
Angehörigen zu suchen. Sucht, so hieß es, sei immer auch
ein Hinweis auf eine Störung in der Familie. Eine These in
der Suchttheorie besagt, dass in einer Familie meist der
Sensibelste die Störungen gesamten
Beziehungsgeflecht auslebt. Dieser so
im
Symptomträger wird häufig drogensüchtig, Alkoholiker,
genannte
essgestört oder verletzt sich selbst. Außerdem gingen die
Therapeuten davon aus, dass das Umfeld eines
Drogenabhängigen meist unbewusst und unbeabsichtigt
dazu beiträgt, ihn in seiner Sucht festzuhalten. Co-
Abhängigkeit hieß das, und die Therapie würde nur dann
erfolgreich sein können, wenn diese Co-Abhängigen
ebenfalls erkannten, wie Sucht funktionierte und ihr
Verhalten änderten.
An diesem Tag führte ich zum ersten Mal in meinem
erwachsenen Leben ein wirkliches Gespräch mit meinem
Vater. Erzählte ihm, wie wütend ich in meiner Kindheit
auf ihn gewesen war, weil ich ihn vermisst hatte, wenn er
für Wochen auf weit entfernten Baustellen arbeitete und
nur an einem Wochenende im Monat nach Hause kam.
Erzählte ihm von meiner Enttäuschung und Unsicherheit;
davon, wie mir in der Pubertät sein männliches Vorbild
gefehlt hatte.
Er erklärte mir, wie schwer es ihm gefallen war, eine
Beziehung zu mir zu finden. Dass ich ihm von Jahr zu Jahr
154
mehr zu verstehen gegeben hatte, wie wenig er und sein
Leben mich interessierten und wie sehr er darunter gelitten
hatte. Von seinem Bedauern darüber, dass ich seine
Leidenschaft für Fußball nie geteilt hatte. Am Ende
umarmten wir uns vorsichtig, das erste Mal seit 15 Jahren.
Meine Mutter und ich hatten es noch schwerer.
Schließlich war sie immer diejenige gewesen, mit der ich
all meine Kämpfe um Selbstbestimmung und Identität
ausgetragen hatte. In den vergangenen zehn, zwölf Jahren
hatten wir uns in einem Geflecht von Schuld,
Enttäuschung, Wut, Scham und Angst verstrickt, das wir
kaum aufzulösen vermochten. Obwohl ich ihr für ihre
Hilfe und Unterstützung in den letzten Jahren dankbar war
– viel mehr als eine Art wohlwollender Waffenstillstand
war noch nicht drin.

Im September besuchte mich Karina in der Klinik.


Diesen Besuch hatte ich seit Wochen gefürchtet, aber ich
wusste, dass ich ihn nicht aufschieben konnte. In den
letzten Monaten war ich in den Therapiegesprächen zu der
Überzeugung gekommen, dass es mir nur dann gelingen
würde, drogenfrei zu leben, wenn ich ganz neu anfing,
weit weg vom Rheinland, wo mich jede Straßenecke, jedes
bekannte Gesicht an die Droge und mein Junkiedasein
erinnerte. Weit weg von den Erwartungen und Ängsten
meiner Eltern, mit denen ich nicht umzugehen wusste.
Und, wenn ich ehrlich war, auch weg von Karina und
Klara, von einer Vaterrolle, der ich nicht gewachsen war.
Doch diese Gedanken behielt ich zunächst für mich, sie
machten mich beinahe verrückt. Klara war das Einzige in
diesen elenden letzten Jahren gewesen, was mir gut und
richtig erschienen war. Und das sollte ich jetzt aufgeben
müssen? Und mit ihr den Traum vom idyllischen
Familienleben?

155
Meine Schuldgefühle zerrissen mich. Karina war immer
für mich da gewesen, als es mir dreckig ging. Als ich ihr
nichts zu geben hatte, nicht einmal Sex oder Zärtlichkeit.
Aber ich wusste, dass sie mich immer noch liebte und auf
eine Beziehung mit mir hoffte. Wie konnte ich sie dann
jetzt, wo es mir wieder besser ging, verlassen? Allein bei
dem Gedanken fühlte ich mich wie ein verräterisches
Schwein. Und ohne Klara hätte ich die letzten Jahre
möglicherweise nicht einmal überlebt. Wenn ich einem
Menschen auf diesem Planeten etwas schuldete, dann ihr.
Wie konnte ich ihr ihren Vater vorenthalten, wo ich doch
selbst meinen Vater in der Kindheit oft schmerzlich
vermisst hatte? Ich klammerte mich an die Hoffnung,
gemeinsam mit Karina einen Weg aus diesem
Durcheinander zu finden.
Nach einem Gespräch mit Karina und meiner
Therapeutin bekam ich den Tag frei. Karina und ich
spazierten Hand in Hand durch Wiesen und Wälder, ein
warmer Spätsommertag, die Sonne wärmte unsere Haut.
Stundenlang lagen wir im Gras einer Waldlichtung,
redeten, streichelten und küssten uns. Ihre Berührungen
prickelten auf meiner Haut, als hätte ich zum ersten Mal
ein Mädchen im Arm. Trotzdem, in dem Moment, in dem
ich sie in die Arme nahm, wusste ich, dass wir keine
Chance hatten. Ich liebte sie nicht. Das spürte ich genau,
trotz all der Zärtlichkeit und Geborgenheit, die ich
empfand. Doch ich brachte es nicht fertig, ihr das zu
sagen. Auch nicht, als sie am Abend nach Hause fuhr,
erfüllt von Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.
Es dauerte beinahe zwei Wochen, bis ich den Mut
aufbrachte, Karina zu beichten, dass ich nicht ins
Rheinland zurückkommen würde. Ich hatte nicht die
Nerven, es ihr am Telefon zu sagen, also schrieb ich einen
langen Brief. Ausführlich erklärte ich ihr die Gründe für

156
meine Entscheidung, erklärte ihr, dass ich mir nichts so
sehr wünschen würde, wie ein harmonisches
Familienleben mit ihr und Klara. Wie sehr die Erkenntnis,
damit überfordert zu sein, mich quälte. Erklärte ihr, wie
wichtig es an diesem Punkt meines Lebens für mich sei,
zunächst Verantwortung für mein eigenes Leben zu
übernehmen. Erst dann konnte ich für andere da sein. Die
größten Probleme bereitete es mir, ihr zu schreiben, dass
ich sie nicht liebte. Dann bat ich sie um Verzeihung.
Der schwierigste Brief meines Lebens, viele Male fing
ich von neuem an und zerriss ihn anschließend wieder.
Meinen siebten Versuch steckte ich schließlich in einen
Umschlag und gab ihn in die Post. Karinas Antwort kam
nur wenige Tage später. Nach dem Abendessen verteilte
die Nachtwache die Post. Mit schweißnassen Fingern und
galoppierendem Puls riss ich den Umschlag auf. Karina
hatte mir meinen Brief zurückgeschickt, mit schwarzem
Edding hatte sie darunter geschmiert:
»Es hat mich gefreut, Sie kennen gelernt zu haben.«
Dieser Satz traf mich wie ein Tritt in den Unterleib. Der
Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen. Peter saß
neben mir. Wir teilten uns seit Monaten das Zimmer in der
Klinik. »Was ist denn mit dir los?«, fragte er. Ich zeigte
ihm den Brief, wortlos, es gab nichts mehr zu sagen.
Schon wieder hatte ich alles kaputtgemacht, hatte den
Menschen wehgetan, die mir am meisten bedeuteten.
Ich lief aus dem Aufenthaltsraum. Musste raus, an die
Luft, weg von den anderen, ich fühlte mich so nackt, dass
ich niemanden in meiner Nähe ertragen konnte. Doch
eigentlich wollte ich weg von mir, am wenigsten konnte
ich mich selbst ertragen.

»Kommst du klar?«, fragte Peter mich eine halbe


Stunde
157
später. Ich zuckte mit den Achseln.
»Keine Ahnung. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig,
oder?« Wir saßen nebeneinander auf dem Klettergerüst
eines Spielplatzes, ungefähr zwei Meter über dem Boden,
und starrten in den Nachthimmel. Selten zuvor war mir
das Licht der Sterne so kalt erschienen. Bis vor wenigen
Minuten hatte ich alleine dort oben gesessen, regungslos,
und zugesehen, wie die Welt nach und nach in Dunkelheit
versank. Irgendwann hatte ich meine Scham und meine
Hilflosigkeit in die Nacht hinaus geschrien. Noch immer
liefen Tränen über mein Gesicht. Peter legte wortlos seine
Hand auf meine Schulter.
Peter war Anfang dreißig, vor einigen Jahren hatte er
seiner Freundin versehentlich eine tödliche Überdosis
Heroin gespritzt. Seit dieser Zeit fraß ihn sein Selbsthass
schier auf. Kein sehr umgänglicher Mensch; Peter hatte
ein aufbrausendes Temperament, wurde oft sarkastisch und
behandelte alle anderen meist mit der gleichen
Gnadenlosigkeit, mit der er sich selbst verurteilte.
Trotzdem, ich schätzte seinen scharfen Verstand, seine
Aufrichtigkeit, Loyalität und Konsequenz.
Außerdem verband uns die Begeisterung für den
britischen Punk der späten siebziger Jahre und dessen
Epigonen, wie ich mochte Peter Bands wie die
Undertones, The Clash, The Jam, Joy Division, Echo and
the Bunnyman, ABC oder The Smiths. Nach kurzer Zeit
waren wir enge Freunde geworden. Und im Moment
konnte ich einen Freund gut brauchen. Dieser Tag war der
fürchterlichste meiner bisherigen Therapie. Ich fühlte mich
wie ausgehöhlt.
»Gib ihr Zeit«, sagte Peter. »Sie ist eben verletzt und hat
jedes Recht der Welt, wütend auf dich zu sein. Aber du
hast die richtige Entscheidung getroffen. Solltest du
zurückgehen, würde ich dir kein halbes Jahr geben, bis du
158
wieder drauf bist. Die beiden haben mehr von dir, wenn du
weit weg bist und es dir gut geht. Irgendwann wird Karina
das auch so sehen.« Ich sah ihn dankbar an. Natürlich
hatte er Recht. Aber es dauerte noch Monate, bis ich selbst
davon überzeugt war.
Am zweiten Weihnachtstag besuchten mich meine Eltern
in der Klinik. Sie brachten Klara mit, die mir sofort
entgegenstürmte und um den Hals fiel, als sei nichts
geschehen. Karina hatte entschieden, den Kontakt zu mir
nicht abzubrechen. Ich spielte eine wichtige Rolle in
Klaras Leben – und Klara in meinem. Auch wenn wir
nicht mehr Vater und Tochter sein konnten, so wollte
Karina uns die Möglichkeit geben, selbst herauszufinden,
was für eine Art von Beziehung für uns beide sonst noch
möglich war. Langsam begann ich, an eine Art Zukunft zu
glauben. Auch wenn ich noch nicht wusste, wie sie
aussehen würde.

Am 6. Januar 1992 wurde ich in diese Zukunft entlassen.


Jeder Patient bekam zu diesem Anlass von der Klinik ein
kleines Heft mit Gedichten und Sinnsprüchen überreicht.
Es war Tradition in Hahnenholz, dass auch einige der
Patienten sich darin verewigten, eine Art Poesiealbum für
Junkies. »Danke, dass du meinen Arsch ein paar Mal
gerettet hast durch einen Tritt in denselben«, schrieb Peter
auf die erste Seite meines Heftes. Ein paar Seiten weiter
ergänzte er, neben Zitaten aus Liedern von Sham 69, der
PIL und den Talking Heads: »Es gibt zwei Möglichkeiten.
Entweder bist du heiß oder kalt. Die Lauwarmen spuckt
der Herr aus.« Sein Eintrag auf der letzten Seite endete mit
»so long, asshole«.
Ich zog in eine Nachsorge-Wohngemeinschaft in
Hamburg. Dort traf ich Frank wieder, den Jungen, der
jeden Morgen beim Frühsport beinahe eingeschlafen war.
159
Er hatte vier Wochen vor mir die Therapie beendet und
war in eben diese WG gezogen. Die neu gewonnenen
Freiräume nutzte er in den ersten Wochen hauptsächlich
dazu, bis mittags im Bett zu bleiben.
Peter brach seine Therapie wenige Wochen später ab.
Kurz darauf zog die Feuerwehr seine Leiche aus einem
Fluss nahe seiner Heimatstadt.

160
Frohes neues Jahr

Als ich in Hamburg aus dem Zug stieg, eine Sporttasche


mit einigen wenigen Kleidungsstücken, eine Menge Pläne
und ebenso viel Angst im Gepäck, fühlte ich mich ein
wenig wie Tarzan bei seinem Besuch in New York. Die
Großstadt überfiel mich mit ihren Menschen und
Möglichkeiten, meine Zukunft breitete sich in
schillerndsten Farben vor mir aus. Für Hamburg hatte ich
mich entschieden, weil ich Journalist werden wollte. Seit
ich im Alter von 16 Jahren begonnen hatte, zusammen mit
Freunden unser Punk-Fanzine herauszugeben, träumte ich
davon, mit dem Schreiben meinen Lebensunterhalt zu
finanzieren.
In der Nachsorge-Wohngemeinschaft von Therapiehilfe
e.V. in der ich wohnte, sollten aus der Therapie entlassene
Ex-Junkies unter Aufsicht den Wiedereinstieg in die
Gesellschaft lernen. Eine Art Pufferzone zwischen der
totalen sozialen Kontrolle einer Therapie und der völligen
Selbstbestimmung. Die Kosten für mein WG-Zimmer in
einem Altbau im Hamburger Stadtteil Eppendorf trug das
Sozialamt. Erst Jahre später konnte ich mir so eine
Wohnlage auf eigene Kosten leisten. Unzählige Stunden
streifte ich durch die Straßen, eroberte mir Stück für Stück
die Stadt. Die WG war das sichere Nest, in das ich
zurückkehrte, wenn mir die Anonymität,
die Geschwindigkeit und das
Großstadt zu viel wurde. Dort fand ich Ruhe
Reizbombardement der
Geborgenheit – Alkohol und Drogen waren nicht erlaubt – und
und die Gesellschaft von Menschen, die sich in der
gleichen Situation befanden.
Ich brauchte eine Weile, mich an den Alltag in der

161
normalen Welt, jenseits der Regeln und Mauern der
Klinik, zu gewöhnen. Während der Therapie war ich so
auf Wahrnehmung und Reflexion gedrillt worden, dass ich
auf die Frage »Wie geht es dir« minutenlange,
erschöpfende Antworten gab und erst am Ende begriff,
dass mein Gegenüber nur eine höfliche Floskel benutzt
hatte und nicht an einer dezidierten Beschreibung meines
Gemütszustandes interessiert war. An den ersten Tagen
blieb ich vor jeder roten Ampel stehen, auch dann, wenn
kein Auto in Sicht war, und dachte so lange darüber nach,
ob ich die Straße überqueren durfte, bis die Ampel auf
Grün umsprang.
In der WG lebten wir zu dritt auf 120 Quadratmetern.
Mit Frank, der einige Wochen vor mir in der WG
aufgenommen worden war, hatte ich mich schon in
Hahnenholz gut verstanden, jetzt wurden wir enge
Freunde. Petra, ein hübsches Mädchen mit langem
schwarzen Haar und perfektem Busen, zog kurz nach uns
ein. Sie stammte aus Berlin. Nachdem wir uns eines
Abends beim gemeinsamen Fernsehen auf der
Wohnzimmercouch wild geküsst hatten, schlich ich mich
nachts häufig in ihr Zimmer, und wir schliefen
miteinander. Manchmal war sie es, die klopfte. Aber
immer im Verborgenen, sie hatte damals einen festen
Freund, der in einer anderen Wohngemeinschaft lebte.
Im Frühjahr begann ich, Hapkido zu trainieren, eine
traditionelle koreanische Kampfkunst. Davon hatte ich
geträumt, seit ich als kleiner Junge meinen ersten Bruce-
Lee-Film im Kino gesehen hatte. Ich trainierte, so oft ich
konnte. Nicht nur, weil ich all die Tritte und Schläge
lernen wollte, die mich als Kind fasziniert hatten. Ich
begriff schnell, dass sie mir dort noch einiges mehr
beibringen konnten. Unsere Lehrer legten einen großen
Wert auf die für kleine Jungs eher unspektakulären Anteile

162
des Trainings, auf Atemübungen, Meditation, Akupressur,
sie wollten uns lehren, sensibler für unseren Körper zu
werden, in der Bewegung unsere Mitte und einen Fokus zu
finden. Solche Lektionen konnte ich gut gebrauchen. Zum
ersten Mal wurde mir klar, was begreifen tatsächlich
bedeutete – nicht nur rational verstehen, sondern anfassen,
mit seinen Sinnen spüren. Als ich das erste Mal die
Bedeutung einer Fallübung wirklich begriff, über den
technisch genauen Bewegungsablauf zu der Erkenntnis
gelangte, dass Fallen Teil einer Bewegung sein kann und
nicht das Ende der Bewegung bedeuten muss, erschien mir
diese einfache Einsicht wie eine Offenbarung.
Kurz darauf wurde ein weiterer Traum für mich wahr.
Ich hatte mich bei so ziemlich allen Redaktionen
Hamburgs um ein Praktikum beworben, schon nach
wenigen Wochen kam die Zusage von »Tempo«.
Normalerweise waren Wartezeiten von einem halben Jahr
auf einen Praktikumsplatz üblich, zufällig war ein
Praktikant abgesprungen, wenige Tage nachdem meine
Bewerbung auf dem Schreibtisch der geschäftsführenden
Redakteurin gelandet war. Sie fragte mich, ob ich schon in
der nächsten Woche anfangen könne. Im April begann ich
mein vierwöchiges Praktikum. Vor Aufregung schlief ich
in den ersten Nächten kaum. »Tempo« war immer meine
erste Wahl gewesen.
In den achtziger Jahren war die Zeitschrift angetreten,
den etablierten Zeitschriftenmarkt in Deutschland gehörig
aufzumischen. Die Redakteure hatten ein Lifestyle-
Magazin voller Größenwahn, Subjektivismus, frischen
Ideen, einer eigenen, oft radikalen Weltsicht und einem
aufrichtigen Bemühen um Stil und Haltung etabliert.
»Tempo« scherte sich nicht um die Regeln der Branche.
Der Chefredakteur hatte einen Koch angestellt, der ihm
während der Arbeit im Büro die Mahlzeiten zubereitete.

163
An feste Arbeitszeiten hielt sich niemand, einige der
Redakteure betraten erst gegen Mittag ihr Büro und saßen
noch spät in der Nacht dort. Und als es der Redaktion
1988 nicht gelang, ein Heft rechtzeitig zum
Erscheinungstermin fertig zu stellen, wurde beschlossen,
diese Ausgabe schlicht ausfallen zu lassen und im
nächsten Monat eine Doppelnummer auf den Markt zu
bringen.
Anfang der Neunziger ging die große Zeit des Magazins
langsam zu Ende, einige der Redakteure, die den Stil und
den Geist von »Tempo« geprägt hatten, waren zu anderen
Zeitschriften gewechselt. Michael Jürgs, ehemals
Chefredakteur des »Stern«, hatte das Blatt gerade
übernommen und sollte die fallenden Auflagenzahlen
stabilisieren. Er mühte sich mit nachsichtiger Strenge, die
häufig sehr jungen Redakteure zu disziplinierter Arbeit
und seinem Verständnis von journalistischer
Professionalität zu erziehen, nicht immer erfolgreich.
Aber auch noch Anfang der Neunziger bot »Tempo« die
spannendste Spielwiese im deutschen Journalismus, in der
Redaktion arbeiteten ausgewiesene Könner und
Exzentriker. Unter ihnen Astrid Proll, ein früheres
Mitglied der RAF, und Annette Simons, die in den
achtziger Jahren kurz Berühmtheit als Sängerin der NDW-
Band Bärchen und die Milchbubis errungen hatte. Ich
begegnete Redakteuren wie Otmar Jenner, in den
Achtzigern Saxophonist der Hamburger Punkband
Ledernacken, der zeitweise in der Redaktion auf seinem
Teppich gen Mekka betete. Oder Christian Kracht, in
späteren Jahren eine der Galionsfiguren der deutschen
Popliteratur, der in der Redaktion an seinem ersten Roman
schrieb, eine Nachttischlampe auf seinem Schreibtisch
aufgestellt hatte und immer, wenn er nachdachte, an
seinem Daumen lutschte.

164
Christoph Dallach, ein besessener Plattensammler, war
zu »Tempo« gestoßen, nachdem er Ende der Achtziger
seine Kopie einer nie veröffentlichten Platte eines
britischen Popstars den Redakteuren für eine Geschichte
überlassen hatte. Später sorgte er als Volontär dafür, dass
sich »Tempo« als erste große Zeitschrift Deutschlands in
jeder Ausgabe mit Comic-Neuerscheinungen befasste.
Andreas Banaski hatte vor rund einem Jahrzehnt unter
dem Pseudonym Kid P. als Pop-Chronist und
schonungsloser Polemiker in der vor Jahren eingestellten
Musikzeitschrift »Sounds« für Furore gesorgt.
Mittlerweile hatte er das Schreiben eingestellt und verbarg
sich in der Dokumentation, einem Raum voller
Aktenordner und Zeitschriften, vor der Welt. In den ersten
Wochen sprach er mit niemandem in der Redaktion. Für
»Tempo« schrieb auch Peter Glaser, dessen Texte ich
schon im Düsseldorfer Stadtmagazin »Überblick«
bewundert hatte. Ein an den Rollstuhl gefesselter
Computerpionier und begnadeter Autor, der Anfang der
Achtziger eng mit der Düsseldorfer Musikszene
verbunden war und, wie ich meinte, eine Sprache in der
Literatur gefunden hatte, die den gleichen Geist, die
gleiche Melodie und Haltung transportierte.
Viele von denen, die in den Achtzigern und Neunzigern
für »Tempo« schrieben, bekleideten Jahre später gehobene
Positionen bei Magazinen und Zeitschriften wie
»Spiegel«, »Stern«, »Merian«, »Die Welt«,
»Süddeutsche
Zeitung«, »Cosmopolitan«, »Bild«, »Taz«, »FAZ«
und
»Die Zeit«.
Mir war, als hätte ich eine fremde Welt betreten. Noch
gestern, so schien es mir, hatte ich in meiner Therapie
einen Antrag
bekleidet mit stellen müssen,
einer wild wenn ichSchlafanzugjacke
gemusterten mit dem Rad in das
Nachbardorf fahren wollte. Und erst vorgestern hatte ich,
165
und silbernen Leggins mit Schlangendruck, auf dem
Erkelenzer Marktplatz gesessen und darüber nachgedacht,
an welchem Grenzort zu den Niederlanden die geringste
Gefahr bestand, von Zöllnern kontrolliert zu werden. Jetzt
saß ich in Redaktionskonferenzen, auf denen die letzten
musikalischen Entwicklungen in Tokio, Tel Aviv und
Ibiza oder Modetrends aus London und New York
diskutiert wurden. Meine neuen Kollegen jetteten zu
Interviews mit Hollywoodstars in weit entfernte
Metropolen oder bereisten die Krisengebiete der Welt auf
der Suche nach einer aufregenden Geschichte. Noch nie
hatte ich Menschen getroffen, die mir so lebenstüchtig,
selbstbewusst und weitläufig erschienen. Ich wollte einen
Platz finden in dieser Welt.
Ich erwischte einen Traumstart. Schon mein erster Text
wurde für gut befunden und mit nur minimalen
Veränderungen gedruckt. Ich hatte ein Porträt des Autors
Helmut Rellergert geschrieben, der unter dem Pseudonym
Jason Dark die Groschenromane um den Geisterjäger John
Sinclair verfasste. In meiner Kindheit hatten diese Romane
mich begeistert. Mein zweiter Artikel wurde bei der
monatlichen Heftkritik sogar ausdrücklich gelobt. Aus
meiner Drogenvergangenheit hatte ich von Anfang an kein
Geheimnis gemacht. Wie hätte ich die großen Lücken in
meinem Lebenslauf auch sonst erklären können? Aber hier
machte niemand großes Aufheben um mein Vorleben.
Obwohl die wilde Zeit in der Redaktion vorüber war –
noch vor wenigen Jahren, hieß es, hatten während
rauschhafter »Tempo«-Feiern einzelne Redakteure völlig
zugekokst zur Musik von Primal Scream, den Stone Roses
und den Pet Shop Boys auf den Leuchttischen der Grafiker
getanzt, bis Glasscheiben und Tische zu Bruch gingen –,
traf ich immer wieder einzelne Kollegen in den
Hamburger Clubs, bekifft, besoffen oder zugekokst.

166
Michael Jürgs, der Chefredakteur, erwies sich als höchst
liberal und gab mir, dem Ex-Junkie, die Chance, die ich
brauchte. Als ich mich am Ende meines Praktikums um
die gerade frei werdende Stelle als Volontär bewarb,
beauftragte er mich, eine Reportage zu schreiben. Von
diesem Text würde er seine Entscheidung abhängig
machen. Ich schrieb über die Tournee der Rockband in
Böhze Onkels, die den Achtzigern wegen ihrer
rechtsradikalen Texte als Nazis galten und sich
mittlerweile geläutert gaben. Eine Woche, nachdem ich
meine Reportage abgegeben hatte, unterschrieb ich
meinen Vertrag als »Tempo«-Volontär.
Kurz darauf begann meine Ausbildung, ich flog nach
New York, London und Paris, traf die japanische Band
Shonen Knife, die isländische Sängerin Björk, die
französische Schauspielerin Julie Delpy, den
amerikanischen Musiker Moby und den Comiczeichner
Jeff Smith. Doch mehr als alle Reisen und Begegnungen
nahm mich das Schreiben gefangen. Wenn meine
Erlebnisse sich zu Geschichten verdichteten und die
Menschen, die ich getroffen hatte, in meinen Texten
Kontur annahmen, wenn mir Sätze voller Rhythmus und
Melodie gelangen, geriet ich in einen Rausch. Schreiben
ordnete die Welt.
Wann immer mir die fremden Länder zu fremd und die
Großstädte zu groß erschienen, suchte ich mir einen
Auftrag, der mich zurück in die vertraute Enge der Provinz
führte. Alle sechs bis acht Wochen besuchte ich Klara.
Sobald sie mich sah, flog sie mir strahlend in die Arme,
kein anderer Mensch schien mehr für sie zu existieren. Ich
empfand dasselbe. Obwohl sie mittlerweile wusste, dass
ich nicht ihr leiblicher Vater war, nannte sie mich noch
jahrelang Papa. Auch mit meinen Eltern verstand ich mich
langsam besser. Als sie mich im Sommer in Hamburg

167
besuchten, gemeinsam mit Klara, freute ich mich
tatsächlich, sie zu sehen. Ende 1992 zog ich aus meinem
WG-Zimmer in eine 45-Quadratmeter-Wohnung in
Dulsberg, einem Stadtteil im Nordosten Hamburgs.
Mein Leben hätte kaum noch aufregender werden
können, da traf ich Miriam. Als ich an meinem ersten
Arbeitstag nach dem Urlaub in die Redaktion kam, sah ich
sie im Nachbarbüro sitzen. Eine 21-jährige italienische
Schönheit, ausdrucksstarkes Gesicht, sanft geschwungene
Lippen und ein bezwingendes Lächeln, gerahmt von
langem schwarzen Haar, das in lockeren Wellen auf ihre
schmalen Schultern fiel. Ein zierlicher Körper, dezent,
aber unverkennbar teuer und geschmackvoll gekleidet.
Eine Mischung aus Elizabeth Taylor in »Die Katze auf
dem heißen Blechdach« und Audrey Hepburn in
»Frühstück bei Tiffany«. Miriam war die neue
Praktikantin, und ein großer Teil meiner männlichen
Kollegen hofierte sie. Anfangs hielt ich mich fern.
Mädchen, die derart umschwärmt wurden, bedeuteten in
der Regel nur jede Menge Arbeit und ebenso viel Ärger.
Außerdem musste es bei zu offensichtlichen Vorzügen
immer einen Haken geben, da war ich mir sicher.
Als mich der Chefredakteur bat, sie auf eine Recherche
mitzunehmen, kapitulierte ich vor ihrem Charme und ihrer
Schönheit. Noch lange nach Feierabend saßen wir
zusammen und unterhielten uns. An den folgenden Tagen
fuhr ich sie nach der Arbeit häufig nach Hause, der
Mercedes ihrer Mutter, den sie normalerweise benutzte,
war in der Werkstatt. Stundenlang saßen wir dann in
meinem VW Jetta und redeten, unempfindlich für die
Kälte des Hamburger Winters. Schon nach wenigen Tagen
erzählte ich ihr von meiner Drogensucht. Sie war ebenso
neugierig auf mich und mein Leben wie ich auf sie. Wir
küssten uns das erste Mal an einem frostigen Winterabend

168
Anfang Dezember, auf einer Mauer im Stadtpark. Jeden
Tag verliebte ich mich ein wenig mehr in sie.
Miriam erinnerte mich an die Mädchen in den
Kurzgeschichten von F. Scott Fitzgerald, die ich zu dieser
Zeit gerade las. Sie war einer jener Menschen, die wissen,
dass sie in dieser Welt einen Hauptgewinn gezogen haben,
und die dieses Wissen sicher über die Fallgruben des
Lebens trägt.
Wenn ich mich verliebte, sah ich in dem jeweiligen
Mädchen meist ein Zauberwesen aus einem fremden
Universum. Das Problem war, Miriam stammte tatsächlich
aus einer völlig anderen Welt. Sie hatte eine internationale
Schule besucht und in Mailand studiert, sie sprach neben
Deutsch fließend Englisch und Italienisch, außerdem gut
Französisch und Russisch. Ihre Großeltern lebten in New
York und ihre Eltern wohnten in einem geräumigen Haus
in einer Villengegend der Hamburger Elbvororte.
Außerdem war Miriam Jüdin. Mir wäre nie in den Sinn
gekommen, dass unterschiedliche Religionszugehörigkeit
zu einem Problem in der Beziehung werden könnte. Ich
war katholisch erzogen worden, weil meine Eltern und
Großeltern katholisch waren. Der Glaube, die Religion
und ihre Rituale bedeuteten mir nichts. Miriam bedeuteten
die ihren sehr viel. Die meiste Zeit, vor allem an den
zahlreichen jüdischen Feiertagen und bei den nicht minder
häufigen Familienfesten, lebte sie in einer Welt, die ich
nicht verstand und zu der mir der Zugang verwehrt blieb.
Dann konnte ich sie weder sehen noch anrufen, ihre Eltern
sollten nicht von mir erfahren, sie hätten eine Beziehung
zu einem Nichtjuden niemals akzeptiert. In manchen
Stadtteilen mussten wir auf getrennten Straßenseiten
gehen, wenn wir uns trafen. Nur bei Dunkelheit und in
dem Außenbezirk von Hamburg, in dem ich lebte,
schlenderten wir Hand in Hand durch die Stadt.

169
Wann immer Miriam sich unter vielfältigen Vorwänden
davonstehlen konnte, stürzten wir uns aufeinander. In
diesen Stunden schien die Welt einen Schritt
zurückzutreten. Vergangenheit und Zukunft, Ängste, Pläne
und Träume verblassten zu Schatten am Rande meiner
Wahrnehmung. Nur dieser Moment zählte, alles im
Universum schien an den richtigen Platz gerückt. Sogar
der Rest Sehnsucht, der sonst auch in meinen glücklichsten
Momenten irgendwo in den hintersten Regionen meines
Bewusstseins gespukt hatte, schien verschwunden, alle
Unruhe besänftigt. Ein Zustand, den ich sonst nur für
kurze Augenblicke erreichte, an einem guten Tag bei
meinem Hapkido Training etwa. Wenn ich Sätze schrieb,
die mich begeisterten. Wenn ich beim Tischfußball einen
Ball perfekt traf und ich für einen endlosen Augenblick
stärker schien als die Schwerkraft und die Gesetze der
Physik.
Ganze Nachmittage lagen wir auf meinem Bett, redeten
und küssten uns, meine Stereoanlage spielte Portishead
und das erste Album der Tindersticks, wenn Stuart Staples
sang »I lay awake that night/listening to her
breathing/thinking how strange it would be if I awoke and
she wasn’t there/I can feel myself, feel myself
changing/no longer me, I was only a part of her«, wusste
ich genau, was er meinte.
Ich versank in Miriam, wie ich Jahre zuvor im
Drogenrausch versunken war. Ihren Körper zu spüren
wurde mir zu einem drängenden Bedürfnis. Wir schliefen
so häufig miteinander wie nur irgend möglich, in meinem
Bett, auf dem Rücksitz des Wagens oder in klimatisierten
Hotelzimmern mit Zimmerservice, die wir eigens zu
diesem Zweck gemietet hatten. Danach stand sie
irgendwann auf und ging.
Anfangs schien mir das Ganze noch romantisch,
meine
170
ganz persönliche West-Side-Story. Beinahe jeder meiner
Texte geriet zu einer Liebeserklärung an Miriam,
gleichgültig, ob ich über Filme, Musik, Flipperautomaten
oder Mädchenbäuche schrieb. Doch bald zerfraß das
ständige Warten, das andauernde Versteckspiel meine
Nerven, und als ich erfuhr, dass ihre Eltern regelmäßig
junge jüdische Männer aus guter Familie einluden in der
Hoffnung, Miriam würde unter ihnen einen passenden
Heiratskandidaten wählen, wurde ich schier verrückt.
Wenn wir uns nicht sehen konnten, saß ich nur noch
abwesend da und fragte mich, was sie wohl gerade tat und
mit welchen perfiden Methoden der Kerl, mit dem sie zum
Essen verabredet war, sie verführen würde. Irgendwo hatte
ich gelesen, dass die Schwänze von jüdischen Männern
besonders groß sein sollten. Danach ging es mir noch
schlechter. Wir stritten uns immer häufiger. Ich begriff
nicht, warum sie so viel Rücksicht auf ihre Eltern nahm,
warum sie nicht das Recht einforderte, sich zu verlieben in
wen immer sie wollte und ihre Zeit so zu verbringen, wie
es ihr gefiel. Ich hatte das mein ganzes Leben getan. Sie
war verletzt, dass ich nicht verstand, wie viel ihre Familie
ihr bedeutete, und dass sie den Menschen, die sie liebte,
nicht wehtun wollte.
»Aber so tust du mir weh«, schrie ich sie an.
»Ich weiß«, antwortete sie dann und fiel mir weinend in
die Arme. »Egal, was ich tue, immer muss jemand leiden,
den ich liebe.«
Bald waren wir beide am Ende unserer Kräfte, Miriam
aß kaum noch und kollabierte einmal in der Woche. Ich
wurde fahrig und gereizt, fand kaum noch Schlaf.
Irgendwann erfuhren ihre Eltern von unserer Beziehung.
Wenig später, im Dezember 1994, flüchtete Miriam nach
London. Dort wollte sie für ein halbes Jahr eine

171
Sprachschule besuchen und Hebräisch lernen. Ein Bruder
ihres Vaters hatte ihr eine Wohnung besorgt, zwei Blocks
von seinem eigenen Haus entfernt. Der folgende
Jahreswechsel war der Anfang vom Ende unserer
Beziehung. Am zweiten Weihnachtsfeiertag flog ich zu ihr
nach London, aber etwas Entscheidendes schien sich
verändert zu haben. Miriam war in England aufgeblüht,
hier war sie, befreit vom Ballast der Heimlichkeit und der
enttäuschten Erwartungen, wieder zu dem unbeschwerten
und lebensfrohen Mädchen geworden, in das ich mich
verliebt hatte. Nur, dass ich in dem neuen Leben und unter
ihren neuen Freunden keinen Platz hatte. Ich blieb 14
Tage. Silvester verbrachte ich mit Miriam und ihren
Freunden. Auch wenn wir noch ein Paar waren und sogar
endlich jede Nacht nebeneinander schliefen, so spürte ich
doch deutlicher als je zuvor den tiefen Graben, der uns
trennte. Miriam begann zu begreifen, was ich in meiner
romantischen Sturheit nicht einsehen wollte – dass unsere
Beziehung keine Chance hatte, im Alltag zu bestehen, und
unsere Leidenschaft füreinander uns mehr schadete als
nutzte.
Anfang Februar, drei Wochen, nachdem ich wieder nach
Hamburg zurückgekehrt war, beendete Miriam unsere
Beziehung am Telefon. Ich redete wütend und verzweifelt
auf sie ein, versuchte, sie umzustimmen. Sie legte auf und
war für den Rest der Nacht nicht mehr erreichbar. Miriam
war in London, wie ich wusste, mit einem anderen Mann
verabredet, und ich in Hamburg, ohne Ventil für meinen
Schmerz und meine Frustration. Ich brach zusammen, lag
schreiend und heulend auf dem Zimmerboden. Warf meine
Möbel durch die Wohnung und schlug mit der bloßen
Faust durch die Glasscheibe in meiner Eingangstür. Als ich
aus zahlreichen Schnittwunden blutete, beruhigte ich mich
ein wenig.

172
In dieser Nacht ging mehr zu Bruch als meine
Wohnungseinrichtung. Monatelang schlief und aß ich
kaum, jedes Lied, das ich hörte, jede Straße, durch die ich
fuhr, quälte mich mit der Erinnerung an Miriam. Ein
Drogenentzug erschien mir nur unwesentlich
dramatischer. Aber auf eine merkwürdige Weise verliehen
auch die Trennung und der Verlust meinem Leben Form
und Richtung. So lange sich alle meine Gedanken um
Miriam drehten, so oder so, gab es in meinem Leben
keinen Platz für die Droge. Am Ende des Sommers
schließlich hellte sich mein Gemütszustand langsam auf.
Am 1.1.1996 gegen 4.30 Uhr stand ich an einer
Haltestelle der Hamburger Hochbahn, die Hände tief in
den Manteltaschen vergraben, und sah in den Himmel.
Neujahrsmorgen, noch immer explodierten vereinzelte
Raketen und überzogen die Nacht für flüchtige
Augenblicke mit silbernem Glanz. In den Straßen
prosteten sich die Menschen zu und schwankten Hand in
Hand in das neue Jahr. Ich war 29 und fühlte mich älter,
als ich je werden wollte. Von dem neuen Jahr versprach
ich mir nichts Gutes.
Die nächste Bahn fuhr in zwanzig Minuten, in dieser
Nacht ein Taxi zu bekommen war in Hamburg ungefähr so
wahrscheinlich wie ein kompletter Dezember ohne Regen.
Also wartete ich. Ich hatte es nicht eilig, nach Hause zu
kommen. Den Silvesterabend hatte ich mit zwei
befreundeten Pärchen und einer Kollegin gefeiert. Zu
sechst hatten wir in Christophs Wohnung zu Abend
gegessen. Christoph war 31 und arbeitete wie ich für
»Tempo«, seit dem vergangenen Jahr gehörte er zu
meinen engsten Freunden. Nach dem Essen, kurz vor
Mitternacht, waren wir mit zwei Flaschen Champagner
und einem Dutzend Raketen im Gepäck an das nahe
gelegene Alsterufer aufgebrochen, hatten die Flaschen

173
geleert, auf das neue Jahr angestoßen und in den leeren
Champagnerflaschen unsere Raketen gezündet. Bald
froren unsere Füße und Hände, und wir gingen zurück in
die behagliche Wohnung. Christoph spielte Platten von
Frank Sinatra und Dean Martin, und wir unterhielten uns.
Dass ich immer melancholischer wurde, lag nicht nur an
der Musik. Mir wurde klar, dass ich irgendwann alleine
nach Hause gehen würde, und ich fühlte mich trotz der
Menschen um mich herum ziemlich einsam. Bald darauf
verabschiedete ich mich.
Auf dem Weg zur Haltestelle verfinsterte sich meine
Stimmung zusehends. »Soll es das jetzt gewesen sein?«,
dachte ich. Was hatte ich von einem Jahr zu erwarten, das
so langweilig begann? In zwei Wochen würde ich 30 Jahre
alt werden, eine Zahl, die mir Angst machte. Hörte ich
jetzt endgültig auf, jung zu sein? War der Spaß
unwiderruflich vorbei? Sollte so meine Zukunft aussehen,
nette Leute und nette Abende, die ereignislos
dahinplätscherten? Die Vorstellung erinnerte mich so sehr
an das Leben meiner Eltern, dass mich schauderte.
Ich dachte an Miriam. Daran, wie sehr ich sie vermisste.
Oder wie sehr ich es vermisste, sie zu vermissen, ich war
mir nicht ganz sicher. An diesem Neujahrsmorgen, fast ein
Jahr nach unserem letzten Zusammensein, war sie aus
meinem Sehnen genauso verschwunden wie aus meinem
Leben. Ich starrte in den illuminierten Nachthimmel, der
gerade zwischen roter und grüner Färbung changierte, als
sei dort irgendeine Spur von ihr zu finden. Ich fühlte mich
leer und verlassen. Sie war nicht mehr da, unbemerkt hatte
sie sich aus meinen Gedanken gestohlen. Ich dachte an
unseren letzten, gemeinsamen Jahreswechsel. Damals
hatten meine Sehnsucht und meine Träume noch ein Ziel
und einen Namen gehabt. Jetzt schienen sie mir
erschreckend form- und richtungslos. Als die U-Bahn

174
endlich einfuhr, stieg ich ein und setzte mich in die letzte
Bank, so weit weg wie nur möglich von den anderen,
trunkenen Fahrgästen und ihrer Silvesterseligkeit. Mir war
nicht nach Feiern zumute.
Wie war es möglich, dass mein Leben mir in dieser
Nacht mit einem Mal so fade und unsäglich langweilig
erschien? Abgesehen davon, dass ich gerade keine
Freundin hatte, lief doch alles großartig. Mein Volontariat
hatte ich erfolgreich abgeschlossen, und auch meine neue
berufliche Selbständigkeit ließ sich gut an. Ich schrieb
weiterhin als Pauschalist für »Tempo« und nebenbei als
freier Autor für »Die Woche« und »jetzt«, das
Jugendmagazin der »Süddeutschen Zeitung«. Im
vergangenen Jahr hatte ich die Hapkido-Prüfung zum 6.
Kup, dem Blaugurt, bestanden. Ich war jetzt in der
fortgeschrittenen Stufe angelangt. Alles hätte wunderbar
so weiterlaufen können, ich liebte meine Arbeit und mein
Training. Aber in den letzten Jahren hatte beides viel von
seinem anfänglichen Glanz verloren. Schreiben und
Hapkido gehörten jetzt zu meinem Alltag. Ein wenig öde
war das schon. Wie ein Kaugummi, den man zu lange im
Mund behält, war mir mein Leben schal geworden. Ich
sehnte mich nach Aufregung. Verlieben wäre nicht
schlecht gewesen, aber das ging leider nicht auf Befehl.
Und in zwei Wochen würde ich auch noch meinen 30.
Geburtstag feiern und damit, so schien es mir, mein fades
Leben in Zement gießen.
»Ich kann nichts dagegen tun, 30 zu werden«, dachte
ich. So schlecht, dass ich mich hätte umbringen wollen,
ging es mir nämlich auch wieder nicht. »Aber ich kann
dafür sorgen, dass die zwei Wochen bis zu meinem
Geburtstag aufregender werden als der heutige Abend.«
An der Haltestelle Hauptbahnhof-Süd stieg ich aus. Am
Hamburger Hauptbahnhof und den umliegenden Straßen

175
wurde zu jeder Tages- und Nachtzeit Heroin und Kokain
verkauft. An Silvester, nahm ich an, würden Angebot und
Nachfrage besonders hoch sein. Einen Dealer zu finden
war tatsächlich nicht besonders schwierig. Nachdem ich
mich einige Minuten suchend auf dem Bahnhofsvorplatz
umgesehen hatte, schlenderte ein junger Kerl in einer
Trainingshose von Adidas und einer schmuddeligen
Bomberjacke an mir vorüber.
»Suchst du Schore?«
Ich bejahte und folgte ihm in die U-Bahn-Haltestelle
unter dem Bahnhof. In einer abgelegenen Ecke kaufte ich
für 50 Mark sechs kleine Briefchen, aus zerschnittenen
Lottoscheinen gefaltet, mit je ungefähr einem Zehntel
Gramm Heroin darin. Eines der Briefchen öffnete ich, der
Inhalt sah aus wie Heroin aussehen sollte, ein feines,
hellbraunes Pulver. Ich machte mir nicht die Mühe, das
Pulver genauer zu untersuchen. »Jetzt kommt der Abend
endlich in Schwung«, dachte ich. An der Haltestelle trat
ich ungeduldig von einem Bein auf das andere. Die Kälte
spürte ich nicht mehr, meine Haut prickelte vor
Aufregung, und der Silvesterbraten rumorte in meinen
Eingeweiden. Beinahe hätte ich mich übergeben müssen,
so flau war mein Magen. Meine düstere Stimmung und die
Langweile waren verschwunden. Für einen Augenblick
fühlte ich mich tatsächlich wieder wie der Teenager, der
zum ersten Mal Drogen über die Grenze schmuggelt. Oder
wie der elfjährige Junge, der nachts aus seinem Fenster
geklettert war und mit klopfendem Herzen den
Waldfriedhof erkundet hatte. In diesem Moment schien
mir alles so einfach. Beinahe alle Erinnerungen an meine
Teenagerjahre waren durchsetzt mit Drogen. Was lag also
näher, als Drogen zu Hilfe zu nehmen, wenn ich die
Panikattacken vor meinem 30. Geburtstag eindämmen
wollte?

176
Die Angst, die in immer wiederkehrenden Wellen in
mein Bewusstsein drängte, rang ich entschlossen nieder.
Meine Hochstimmung wollte ich mir auf keinen Fall
verderben lassen. Dass ich eine Entscheidung getroffen
hatte, die mein Leben unwiderruflich verändern sollte,
wollte ich nicht sehen.
»Ich bin seit fünf Jahren clean«, dachte ich. »Ich weiß,
dass ich ohne Drogen wunderbar leben kann. Kein
Problem, mich ein Wochenende lang zuzudröhnen und
danach mein normales Leben wieder aufzunehmen.« Einer
der schwersten Irrtümer meines Lebens.
Zu Hause angekommen, holte ich einen Streifen
Aluminiumfolie, ein kleines Messer und ein Feuerzeug aus
der Küche, ließ die Jalousien herunter und setzte mich auf
meine Couch. Ich schob eine Pulp-CD in meine
Stereoanlage, Jarvis Cocker sang »Common People«, ein
Lied, in dem er von seiner Beziehung mit einem reichen
griechischen Mädchen erzählt. Ich dachte an Miriam, wie
immer, wenn ich dieses Stück hörte. Nach einigen
Sekunden schaltete ich die Stereoanlage wieder aus,
Musik konnte ich jetzt nicht brauchen, erst recht keine, die
mich an Miriam erinnerte. Dann riss ich ein zwanzig
Quadratzentimeter großes Stück aus der Aluminiumfolie
und glühte es mit der Flamme des Feuerzeuges durch. So
konnte ich sicher sein, dass ich keine Rückstände von der
Folie einatmen würde, wenn ich das Heroin rauchte. Ich
wollte mir keine Spritze setzen. So vernünftig war ich
noch. Zu deutlich erinnerte ich mich daran, wie viele
Junkies in genau dieser Situation an einer Überdosis
krepiert waren – der erste Druck nach einer längeren
Cleanphase, die Gier nach der Droge und kein Gefühl
mehr für die angemessene Dosierung. So ein Risiko war
mir mein Ausflug in den Rausch nicht wert.
Ich öffnete das erste Briefchen und häufte eine

177
Messerspitze des braunen Pulvers auf die Alufolie. Dann
rollte ich einen 20-Mark-Schein zu einem Röhrchen,
steckte ihn zwischen die Lippen und nahm die
Aluminiumfolie vorsichtig in die linke Hand. Meine
Finger zitterten leicht. Mit der rechten hielt ich das
Feuerzeug, langsam führte ich die Flamme von unten an
die Folie. Die Hitze ließ das braune Pulver zu einem
schwarzen Brei schmelzen, der langsam verdampfte. Tief
sog ich den Rauch in meine Lungen.
Die Wirkung des Heroins setzte ein, als ich das zweite
Päckchen zur Hälfte geleert hatte. Wohlige, vertraute
Mattigkeit umfing mich. Nicht so aufregend, wie ich
gehofft hatte, aber immerhin. Das dritte Päckchen leerte
ich noch zur Hälfte. Die Nebenwirkungen setzten mit
einer Heftigkeit ein, die ich nicht erwartet hatte. Meine
Nase juckte höllisch, und wenn ich die Augen schloss, war
mir, als sei ich auf einem Riesenrad festgeschnallt, die
Welt um mich herum wogte langsam vor und zurück. An
Schlaf war nicht zu denken in dieser Nacht. Aber ich war
zufrieden, belämmert auf meiner Couch zu sitzen, Musik
zu hören, die angenehm, aber bedeutungslos war, ins
Nichts zu starren und an noch weniger zu denken. Mein
30. Geburtstag war in neblige Ferne gerückt. Das Heroin
hatte den Überdruss und die Langweile ebenso zuverlässig
vertrieben wie die Angst vor der Zukunft.
Ich dachte nicht darüber nach, was für ein Feigling ich
war. Darüber, dass ich mich in den Drogenrausch und
zweifelhafte Teenagerfreuden aus zweiter Hand flüchtete,
weil mir das, was vor mir lag, eine höllische Angst
einflößte. »Solange du mehr Angst vor dem Leben hast als
vor dem Tod, wirst du immer wieder Drogen nehmen«,
hatte mir der Leiter der Therapieeinrichtung vor vier
Jahren zum Abschied gesagt. Er hatte Recht behalten.
Einem Leben als Erwachsener mit all seiner Routine,

178
seinen Verbindlichkeiten, Kompromissen und
Zugeständnissen, seinen kleinen, alltäglichen
Herausforderungen und Frustrationen, fühlte ich mich
nicht gewachsen. Stattdessen versteckte ich mich in einem
trotzigen Traum von jugendlicher Rebellion und
vernebelte alle Fragen und Unsicherheiten mit
Heroinrauch. Noch am nächsten Tag, als ich völlig
gerädert, mit wundgeriebener Nase und vom Schlafmangel
und Heroin getrübten Augen, den Inhalt der letzten
Briefchen rauchte, redete ich mir ein, am Montag sei
dieses Intermezzo beendet und vergessen. Wenige Stunden
später fuhr ich zum Hauptbahnhof und kaufte noch drei
Briefchen für die Nacht.

Heißer Sand

Die erste Welle des Entzuges erwischte mich schon im


Flughafen von Marrakesch. Meine Nase lief, Schweiß
stand auf meiner Stirn. Alle zehn Minuten schleppte ich
mich zur Toilette, mein Darm konnte den Durchfall nicht
halten. »Reisekrankheit«, erklärte ich dem Reiseleiter und
der zehnköpfigen Journalistengruppe, mit der ich
unterwegs war. Dann schluckte ich die ersten fünf meiner
25 Kodeintabletten. Als zwanzig Minuten später die
Wirkung einsetzte, fühlte ich mich ein wenig besser.
Trotzdem war mir völlig rätselhaft, wie ich die
kommenden elf Tage durchstehen sollte.
Schon als ich im Mai den Auftrag angenommen hatte,
war mir klar gewesen, dass schlimme Stunden vor mir
lagen. Wie grausam es tatsächlich werden würde,
dämmerte mir allerdings erst jetzt. Noch vor zwei Wochen
schien mir diese Reise durchaus eine gute Idee zu sein.
Der Ressortleiter der Hamburger Wochenzeitschrift »Die

179
Woche« hatte angefragt, ob ich eine Reportage über eine
Trecking-Tour in der Sahara schreiben wolle. Die Reise
sollte in der nächsten Woche losgehen und zwölf Tage
dauern. Wir würden nach Marrakesch fliegen und von dort
in die Sahara aufbrechen, von Beduinen und Kamelen
begleitet, sechs Tage zu Fuß durch die Wüste ziehen, bei
völligem Komfortverzicht, Abseits der Zivilisation. Der
Vorschlag klang reizvoll. In der Zivilisation fühlte ich
mich zur Zeit nicht besonders wohl.
Bei meinem geplanten Wochenendurlaub im Land der
Morphinträume war es nicht geblieben. Seit zwei, drei
Monaten rauchte ich wieder regelmäßig Heroin, zuletzt
täglich. In den ersten Wochen des Jahres hatte ich mir
noch längere Pausen verordnet, hatte sorgfältig darauf
geachtet, mein Training und meine Arbeit nicht zu
vernachlässigen. Aber immer häufiger fand ich eine
Nische in meinem Alltag, die mir Platz bot für den
Rausch. Mein ganz privates, heimliches Vergnügen, von
dem ich keinem meiner Freunde erzählte. Sie hätten sich
nur unnötig gesorgt.
Anfang April 1996 stellte der Jahreszeitenverlag, für uns
Mitarbeiter völlig überraschend, dann »Tempo« ein. Die
Mai-Ausgabe, die schon weitgehend fertig gestellt war,
wurde nicht mehr gedruckt. Mir war, als hätte man mir ein
Stück Heimat weggenommen. Bald griff ich jedes
Wochenende zum Heroin. Irgendwann wurden die Pausen
noch kürzer, und mein Alltag erschien mir ohne die Droge
nur noch stumpf und anstrengend. Schon nach wenigen
Rückfallen begann mein Körper, sich wieder an die
vertraute Wirkung des Heroins zu gewöhnen. Ohne sie
fühlte ich mich müde, lustlos, ohne Energie und Antrieb.
Wenn aber das Heroin in meinem Blut zirkulierte, war ich
erfüllt von seltsam geduldigem Tatendrang, sogar Arbeiten
wie Putzen und Spülen gingen mir leicht von der

180
Hand. Ich legte die neuesten CDs von Supergrass, Teenage
Fanclub, Oasis und Underworld ein, und ehe ich mich
versah, waren Stunden vergangen und meine Wohnung
sauber und aufgeräumt. Am nächsten Tag, wenn die
Wirkung der Droge verflogen war, lag ich nur auf meiner
Couch, starrte abwesend in den Fernseher oder saß an
meinem Schreibtisch und mühte mich durch einen Artikel.
Ging es um meine Arbeit, misstraute ich der Droge und
der selbstgefälligen Genügsamkeit, die sie erzeugte. Ich
schrieb nur, wenn ich halbwegs nüchtern und klar im Kopf
war.
Kurz vor Pfingsten 1996, frühmorgens direkt nach dem
Aufwachen, kehrten auch die körperlichen
Entzugserscheinungen zurück. Bis dahin hatte ich mir
noch vorgaukeln können, mein Rückfall sei nur ein kurzes
Intermezzo und bald wieder vorüber. Jetzt stand
unwiderruflich fest, ich war wieder abhängig. Ich war dem
Zustand, vor dem ich mich vor Jahren in die Therapie
geflüchtet hatte, wieder gefährlich nahe gekommen. Panik
stieg in mir auf, benommen und bewegungsunfähig starrte
ich an meine Zimmerwand. Wie hatte es so weit kommen
können? Sollten all die Anstrengungen der letzten Jahre
umsonst gewesen sein, das Leid in der Entgiftung, die
Therapie, die vier Jahre, in denen ich mir in Hamburg ein
neues Leben aufgebaut hatte? In mir gärte Hass auf mich
selbst. Wieso hatte ich verdammt noch mal geglaubt, bei
meinem kleinen Spiel mit dem Feuer unbeschadet
davonzukommen? War ich tatsächlich so ein
größenwahnsinniger Idiot? Hatte ich in all den Jahren der
Sucht und den vielen Monaten der Therapie gar nichts
gelernt?
Die Flucht in die Wüste verhieß mir Rettung. Dort
würde ich meine Verfehlungen der letzten Monate
abbüßen und gleichzeitig zur Entgiftung gezwungen sein –

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dass ich mich in einem arabischen Land nicht mit Heroin
erwischen lassen durfte, war mir nicht erst klar, seit mir
Uwe in der Therapie erzählt hatte, dass er in Saudi-
Arabien wegen Haschischbesitzes auf dem Marktplatz
ausgepeitscht worden war. Und vielleicht würde ich dort,
fernab von Drogen und Alltag, unter dem weiten
Wüstenhimmel, endlich wieder klar sehen und mit mir
selbst ins Reine kommen. Bis die Reise losging, blieben
mir noch zehn Tage. Das sollte ausreichen, mich halbwegs
vom Heroin zu entwöhnen. Also sagte ich zu.
Natürlich wurde nichts aus meiner Entgiftung. Ich
brachte den Mut und die Disziplin einfach nicht auf. Also
besorgte ich mir einen Tag vor der Reise eine Schachtel
Schlaftabletten und einen kleinen Vorrat an kodeinhaltigen
Hustenblockern gegen die Entzugserscheinungen. Diese
Tabletten waren zwar rezeptpflichtig, aber einige Ärzte
verordneten sie als Substitutionsmittel. Und wer selbst
keinen hilfsbereiten Arzt fand, kaufte die Pillen eben auf
dem Schwarzmarkt am Hamburger Bahnhof.
Dummerweise gab der Schwarzmarkt an dem Tag vor
meiner Abreise nicht viel her, und ich musste mich mit
einem weit geringeren Vorrat auf den Weg machen, als mir
lieb war.

Die erste Nacht in Marokko verbrachten wir in einem


Hotel am Rande der Wüste. Meine Mitreisenden genossen
den letzten Tag in der Zivilisation, entspannten sich im
türkischen Bad und sahen von der Hotelterrasse zu, wie
die Sonne über der Ebene unterging. Ich flüchtete mich
sofort in mein Bett, von Entzugsschmerzen und Angst
gemartert, suchte ich wie im Fieber nach einem Ausweg,
irgendeiner Ausrede, die es mir erlaubte, den nächsten
Flieger nach Hause zu nehmen. Ich fand keine. Selbst
wenn ich behauptete, krank und nicht reisefähig zu sein –

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den Vorschuss des Verlages hatte ich schon komplett
ausgegeben, und der Reiseveranstalter hatte vertraglich
festlegen lassen, dass jeder von uns die Kosten für eine
verfrühte Rückreise selbst tragen musste. Meine Gedanken
jagten sich im Kreis. Irgendwann schluckte ich meine
Tabletten und wartete auf den Schlaf.
Als die Jeeps uns am nächsten Morgen in der Wüste
absetzten, war ich kurz davor, mich schreiend an meinen
Sitz festzuklammern. So sehr fürchtete ich mich davor,
diese letzte Bastion der Zivilisation aufzugeben. Doch ich
riss mich zusammen, nahm noch zwei Kodeintabletten und
stieg aus. In den ersten Tagen litt ich fürchterlich. Meine
Arme und Beine fühlten sich an, als seien sie mit Blei
ausgegossen. Mit schweren Schritten schleppte ich mich
durch Wüstensand, dessen Farbe mich unablässig an
Heroin erinnerte. Zwischen den Felsbrocken und
mickrigen Sträuchern, die wie weggeworfen auf der
Schotterebene verteilt waren, fauchte der Wind und blies
mir Sand in die Augen. In meinen Ohren rauschte es
unablässig. Die Sonne stach durch meine Sonnenbrille,
schien meine Augäpfel zu versengen. Der Boden voller
Geröll, das meine nackten Zehen in den Treckingsandalen
malträtierte. Mein Rücken schmerzte, als hätte jemand ein
Messer in meine Wirbelsäule gerammt, mein Rucksack
schien Tonnen zu wiegen. Nur meine spärlichen
Kodeinrationen hielten mich aufrecht, jeder Schritt eine
Qual, die Hitze schien die letzten Kraftreserven aus
meinem Körper und allen Verstand aus meinem Kopf zu
schmelzen. Das brackige Wasser aus den Schläuchen der
Beduinen schmeckte wie vorverdaut, nach jedem Schluck
revoltierte mein Magen, mit großer Anstrengung hielt ich
die Flüssigkeit unten. Glücklicherweise halfen das Kodein
und der Flüssigkeitsmangel einigermaßen gegen meinen
Durchfall.

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Ich marschierte völlig apathisch, den Blick gesenkt.
Mein Körper und mein Verstand arbeiteten nur noch
mechanisch. Irgendwann tauchten in meinem Kopf die
Zeilen eines Liedes auf, das ich als Kind in der Musikbox
meiner Eltern gefunden hatte: »heißer Sand und ein
verlorenes Land und ein Leben in Gefahr/heißer Sand und
die Erinnerung daran, dass es einmal schöner war«. Wenn
ich kurz davor war, alles hinzuwerfen und
zusammenzubrechen, sang ich diese Sätze im Stillen vor
mich hin, wieder und wieder, wie eine Platte mit Sprung.
Solange mein Gehirn mit irgendetwas anderem beschäftigt
war, dachte ich zumindest nicht jede Sekunde daran,
einfach in den Wüstensand zu sinken und liegen zu
bleiben.
»Einfach weitergehen«, sagte ich mir, den Blick fest auf
meine Füße gerichtet. »Einfach nur weitergehen. Nur noch
ein paar Schritte.« Dann begann ich aufs Neue zu singen.
Mit meinen Mitreisenden sprach ich kaum, hielt mich
meist abseits der Gruppe. Abends breitete ich meine
Isomatte und meinen Schlafsack aus, nahm zwei
Schlaftabletten, verfluchte mich und betete darum, am
nächsten Morgen nicht mehr aufwachen zu müssen.
Morgens, wenn ich die Augen öffnete und mich umsah,
hätte ich mein Elend gerne herausgeschrien.
Am dritten Tag in der Wüste schluckte ich mittags meine
letzte Kodeintablette. Am vierten Tag fühlte ich mich
deutlich besser. Es war, als hätte die Wüste das Heroin in
Rekordzeit aus mir herausgebrannt. Meine Beine trugen
meinen Körper wieder ohne große Anstrengung, ich fühlte
mich seltsam leicht und beschwingt. Ich hob meinen Kopf,
zum ersten Mal seit Tagen, und sah die Wüste mit anderen
Augen. Sah, wie die Sonne frühmorgens über den Rand
der Welt lugte und die Schatten einer Hügelkette über die
Ebene schob. Feine Wolkenschwaden schlierten wie

184
Fäden von Zuckerwatte am Himmel, das Blau leuchtete
zart. Berge verstellten den Horizont erst in weiter Ferne.
Am nächsten Tag legten wir nachmittags eine Rast ein,
die Beduinen bereiteten mit groben Decken und
Kamelsätteln ein Lager im Schatten einer Akazie. Stunden
lag ich auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf
verschränkt, sah in den weiten Himmel und lauschte auf
die Geräusche der Wüste, das Flirren der Insektenflügel,
das Scharren von Ziegenhufen in der Ferne. Die Beduinen
kochten Tee und buken Brot im heißen Wüstensand.
Langsam nahm ich meine Mitreisenden wahr. Eine Frau
aus Celle lobte lautstark die Vorzüge alkoholfreien Bieres
und die Freuden der Gartenarbeit und ging damit so
ziemlich jedem auf die Nerven. Ein Globetrotter aus dem
Ruhrgebiet erzählte von einem isländischen Vogel, der
stinkenden grünen Schleim auskotzt, wenn er sich bedroht
fühlt. Irgendwann unterhielt ich mich mit einem jungen
Lokalzeitungsredakteur aus Hessen. Es tat gut, zu reden
und zuzuhören.
Als es dunkel wurde und alle Geräusche verweht waren,
meinte ich in der Stille ein Pulsen und Sirren zu hören. Die
Stille, erkannte ich, war tatsächlich selbst eine Art Laut.
Ich dachte an einen Satz von Truman Capote:
»Dämmerung, die Nacht brach an. Und die Lautfasern,
die man Schweigen nennt, woben eine leuchtend blaue
Maske.« Ich begann zu ahnen, was er gemeint hatte.
Nachts lag ich im Wüstensand unter einem
sternenübersäten Himmel, tausende Kilometer von zu
Hause entfernt, und fühlte mich seit langer Zeit zum ersten
Mal entspannt und getröstet, meine Zukunft war in
leuchtenden Farben in den Nachthimmel gemalt und zum
Greifen nahe. Der schlimmste Entzug meines Lebens war
zugleich der kürzeste gewesen.

185
Back in Business

»Du musst mir helfen«, sagte ich zu Kirsten. »Ich schaffe


es nicht alleine.« Wir standen auf der Schwelle ihrer
Wohnung, Kirsten hielt die Türklinke noch in der Hand.
Sie schaute mich an, als hätte sie einen Geist gesehen.
»Oh Mann, wie siehst du denn aus! Komm rein«, sagte
sie und gab die Tür frei. Kirsten war zwei Jahre jünger als
ich, sie studierte Kulturwissenschaften und schrieb
nebenher für einige Frauenmagazine. Im vergangenen Jahr
hatten wir eine kurze, heftige Affäre gehabt. Damals war
ich erst einige Monate von Miriam getrennt, und Kirsten
hatte als Erste mein Interesse an Sex und Zärtlichkeit neu
geweckt. Aber unsere Leidenschaft hielt nur wenige
Wochen an, also wurden wir kein Paar, sondern gute
Freunde.
Ich folgte ihr in die Küche. Schwer ließ ich mich auf den
Stuhl sinken. Ich war am Ende meiner Kräfte. Meine Haut
war totenbleich mit einem leichten Graustich, mein Haar
hing mir ungewaschen auf die Schultern und meine Augen
waren dumpf und wässrig. Kirsten gab mir ein Glas
Wasser, setzte sich mir gegenüber und sah mich lange an.
»Also, was ist los?«, fragte sie.
Seit meiner Wüstentour war ungefähr ein halbes Jahr
vergangen. An meinem letzten Tag in Marokko war ich
krank geworden, eine schwere Magen-Darm-Grippe hatte
mich erwischt. Ich fieberte, litt unter Durchfall und
Erbrechen. Meine Reise war zu Ende, und im Grunde
fühlte ich mich kaum besser als an dem Tag, an dem ich
aufgebrochen war. Dass mein Zustand dieses Mal wohl
von einem Virus verursacht worden war, machte das
Ganze nicht leichter. Doch auch ohne die Krankheit wäre
186
meine Stimmung düster gewesen, diesen Teil einer Reise
hatte ich schon immer gehasst. Packen war mir lästig,
meist wurde ich erst in der letzten Minute fertig und lief
Gefahr, den Flug zu verpassen. Dann das endlose Warten
am Flughafen, die Stunden, die ich an Bord zwischen
Fremden eingezwängt war, meine Füße in den Schuhen
angeschwollen.
Aufdringliche Parfüms, stinkende Menschen und
klimatisierte Luft, die meine Lunge und
Nasenschleimhäute reizte. Das Virus in meinem Körper meine
schwächte mich zusätzlich und machte mich noch
empfindlicher. Als ich in Frankfurt aus dem Flugzeug
stieg und auf mein Gepäck wartete, war mir mein Zustand
unerträglich geworden. Am Hauptbahnhof beschloss ich,
die Wartezeit auf den ICE nach Hamburg zur
Selbstmedikation zu nutzen.
Ein wenig Heroin wäre jetzt genau das Richtige. Heroin
würde die Krankheitssymptome verfliegen lassen und mir
den Rest der Reise erleichtern. In Hamburg würde mir
dann immer noch genug Zeit bleiben, mich in mein Bett
zu legen und die Krankheit auf dem üblichen Weg aus
meinem Körper zu schwitzen. Oder besser noch, mich in
Petras Bett zu legen und mich von ihr pflegen zu lassen.
Petra hatte ich vor Jahren in der »Tempo«-Redaktion
kennen gelernt, wir hatten dort gleichzeitig das Praktikum
absolviert. Seit wir nach meiner Geburtstagsfeier im
Januar zusammen im Bett gelandet waren, schliefen wir
häufig miteinander.
Seit meiner stationären Drogentherapie, in der ich neun
Monate mit Junkies aus ganz Deutschland
zusammengelebt hatte, wusste ich ziemlich genau, wie die
Szene in den verschiedenen Teilen der Bundesrepublik
funktionierte. Aber auch ohne dieses Wissen wäre es kein
Problem gewesen, an Heroin zu kommen. Wer jahrelang

187
harte Drogen nimmt, erkennt einen anderen Junkie meist
auf Anhieb, an jedem Ort. Sogar während meiner
Urlaubsreisen war ich mit schöner Regelmäßigkeit in den
fremden Ländern und Städten irgendwann zufällig auf die
Drogenszene gestoßen. Als würde die Droge über eine
magnetische Kraft verfügen, die ihre Konsumenten
aufeinander zutreibt. Die Szene war für Eingeweihte leicht
auszumachen – die auf Stecknadelkopfgröße
geschrumpften Pupillen der Junkies, die merkwürdige
verdrehte Körperhaltung derer, die ihren Heroinrausch mit
Schlaftabletten unterfütterten, der unstete, ständig suchend
umherschweifende Blick der Dealer und Käufer, die
fahrigen Bewegungen der Kokser.
Auf der B-Ebene unter dem Bahnhof in Frankfurt kaufte
ich, nur hinter einem Pfeiler vor den Passanten verborgen,
für 50 Mark Heroin von einem Unbekannten. Mit einem
kleinen Plastiklöffel maß er die Pulvermenge ab und
schüttete sie in ein Papierbriefchen, das ich
zwischenzeitlich gefaltet hatte. Ich leckte über meinen
Mittelfinger, senkte die Fingerkuppe vorsichtig in das
Pulver und kontrollierte mit der Zunge den Geschmack.
So konnte ich ausschließen, Gewürze oder Sand zu kaufen.
Doch obwohl ein Drogendeal immer ein gewisses Risiko
darstellt, vor allem auf einer unbekannten Szene, so
funktioniert das unsichere Geschäft in der Regel
reibungslos. Da Käufer und Dealer aufeinander
angewiesen waren und sich die Rollen schnell ändern
konnten, hielten sich die meisten an die Regeln. Natürlich
gab es immer jemanden, der versuchte, Sand als Heroin zu
verkaufen oder dem Dealer die Drogen zu entreißen und
sich davonzumachen, ohne zu zahlen. Aber solche
Betrugsversuche hielten sich meist in Grenzen und die
entsprechenden Junkies waren auf der Szene bald
gebrandmarkt.

188
Auch dieses Mal ging alles glatt. Ich besorgte mir noch
ein Feuerzeug und eine Rolle Aluminiumfolie, dann
schloss ich mich auf der Bahnhofstoilette ein. Als der ICE
einfuhr, waren meine Übelkeit, mein Durchfall und meine
üble Laune verraucht, selbst mein schwerer Seesack
erschien mir leicht und handlich. Während der
fünfstündigen Fahrt döste ich in meinem Sitz und sah
versonnen zu, wie Wälder und Wiesen vor dem Zugfenster
vorüberglitten. »Eigentlich leben wir in einem verdammt
schönen Land«, dachte ich, wie so häufig, wenn ich aus
einem Zugfenster auf deutsche Landschaften und
Kleinstädte sah. Zum ersten Mal an diesem Tag empfand
ich Vergnügen an der Reise, freute mich, nach Hause zu
kommen. Zwischendurch verzog ich mich auf die
Zugtoilette und rauchte mein restliches Heroin. Als der
Zug im Hamburger Bahnhof einlief, war mir, als sei ich
eben erst losgefahren.
Kurz nach meiner Ankunft traf ich Petra. Kaum war sie
durch die Tür, da zog ich sie schon in meine Arme. Leider
verhinderte das Heroin, dass ich einen Orgasmus bekam.
Irgendwann hatte sie genug und schlief ein, ich lag noch
Stunden wach, völlig aufgedreht und berauscht.
Am nächsten Tag kroch die Krankheit wieder in meinen
Körper, jetzt ging es mir so übel, dass ich das Bett kaum
verlassen konnte, der Durchfall war schlimmer als zuvor,
und ich wurde von Schüttelfrost geplagt. Petra war noch
bei mir, aber ich empfand ihre Anwesenheit und ihre
Besorgnis als anstrengend und lästig. Als sie mich am
Nachmittag verließ, weil sie in der Universität eine
Vorlesung besuchen musste, war ich erleichtert. Einen Tag
hielt ich diesen Zustand aus, schleppte mich sogar zu
einem Arzt, der mir Medikamente und Bettruhe
verordnete. Nichts davon half mir. Am Tag darauf fuhr ich
zum Hauptbahnhof und kaufte mir das »Medikament«, das

189
mir schon in Frankfurt die Krankheit in Minuten vom Hals
geschafft hatte.
Innerhalb einer Woche setzte sich das Heroin wieder in
meinem Leben fest. Ich fuhr jetzt beinahe täglich zum
Hauptbahnhof und kaufte dort meine Ration, ohne die
Droge kam ich kaum mehr durch den Tag. Ich beendete
meine Beziehung mit Petra, das Heroin ließ keinen Raum
für Sex und Zärtlichkeit. Bald begann ich wieder, Heroin
zu spritzen. Rauchen erschien mir zu teuer und zu
ineffektiv, intravenös verabreicht genügt eine deutlich
kleinere Menge, um einen ungleich stärkeren Effekt zu
erzielen. Wenn ich schon täglich Heroin nahm, dann
konnte ich es auch gleich richtig tun.
Henry war der Einzige von meinen Freunden, der mich
bei meinen Ausflügen in den Rausch begleitete. Henry war
drei Jahre älter als ich und stammte aus Berlin. Dort war
er nach seiner Frisörlehre auf dem Schwulenstrich und in
einschlägigen Bars anschaffen gegangen. Vor ungefähr
vier Jahren hatte er ebenfalls eine Drogentherapie hinter
sich gebracht. Ich hatte ihn in der Nachsorge-
Wohngemeinschaft kennen gelernt, seit dieser Zeit
verband uns eine enge Freundschaft. Henry wohnte nur
wenige Straßen entfernt und war ungefähr zur gleichen
Zeit rückfällig geworden wie ich. Oft fuhren wir
gemeinsam zum Hauptbahnhof, einer spähte nach
Zivilpolizisten, während der andere die Einkäufe tätigte.
Anschließend saßen wir gemeinsam in meiner Wohnung,
kochten das Heroin auf und dämmerten Seite an Seite auf
meiner Couch durch den Tag. Für eine kurze Zeit fühlte
ich mich wieder wie vor einem Jahrzehnt im Rheinland,
als das Heroin und die Freundschaft zu Erik und Artur
mich wärmten wie ein Kaminfeuer. Doch dieses Mal
bröckelte die Idylle schon nach wenigen Wochen. Das
Wissen, dass wir geradewegs auf einen Abgrund

190
zusteuerten, war nach vielen Monaten der Therapie
unauslöschlich in unserem Verstand eingebrannt, sobald
der Rausch nachließ, drängte es an die Oberfläche. Dann
konnten wir die Gegenwart des anderen kaum ertragen;
Henry war der Spiegel, der mir mein Versagen und mein
Elend vor Augen hielt. Je mehr Drogen wir konsumierten,
desto häufiger gerieten wir in Streit, um Geld oder um die
Drogenmenge, die jedem zustand. Irgendwann fuhren wir
beide auf getrennten Wegen zum Hauptbahnhof.
Bis ich erfuhr, dass eine junge Frau, von der wir hin und
wieder Heroin gekauft hatten, in meiner Nachbarschaft
wohnte, nur wenige Häuser entfernt. Jetzt konnte ich sogar
den ungeliebten Weg zum Bahnhof umgehen, das mitunter
langwierige Suchen nach einem Dealer, das Risiko, bei
Unbekannten zu kaufen oder auf der offenen Szene
verhaftet zu werden. Von Tag zu Tag spritzte ich immer
größere Mengen in immer kürzeren Abständen. Ich verließ
meine Wohnung kaum noch.
Immer, wenn ich gerade an einem Artikel arbeitete,
mühte ich mich nach Kräften, meinen Konsum zu zügeln
und die Kontrolle zu behalten. Zu dieser Zeit schrieb ich
regelmäßig als freier Autor für »jetzt«, die Jugendbeilage
der »Süddeutschen Zeitung«, für »Die Woche« und als
freier Filmredakteur für »Spiegel Kultur Extra«, die
Abonnentenbeilage des »Spiegel«. Ich rezensierte die neu
anlaufenden Filme oder porträtierte Schauspieler und
Regisseure. Pressevorführungen, bei denen Journalisten
neue Kinofilme Wochen oder Monate vor dem
eigentlichen Starttermin gezeigt wurden, betrat ich immer
erst, wenn das Licht im Kino gerade erloschen war und
meine Kollegen schon alle im abgedunkelten Vorführraum
saßen. Sobald der Abspann lief, verließ ich fluchtartig das
Kino, noch bevor die Beleuchtung wieder aufflammte.
Wenn ich Interviews führte oder Texte schrieb, nahm ich

191
nur so viel Heroin, dass ich den Entzug nicht spürte und
ich mich halbwegs normal fühlte. Erst wenn die Arbeit
erledigt war, gönnte ich mir eine größere Dosis. Oft mit
Kokain vermischt, eine Art besondere Belohnung, wenn
ich diszipliniert gearbeitet hatte und mit dem Ergebnis
besonders zufrieden war. Oder wenn ich gerade eine
größere Menge Geld verdient hatte.
Als ich für ein Interview mit dem Regisseur David
Cronenberg nach Toronto reisen musste, rief ich Ellen an,
meine Exfreundin aus dem Rheinland. Ellen lebte
mittlerweile in Bochum und arbeitete als Sozialpädagogin
in der Drogenhilfe. Kurz nach meiner Therapie, Jahre nach
unserer Trennung, hatte ich wieder Kontakt zu ihr
aufgenommen. Mittlerweile waren wir gute Freunde. Erst
jetzt, als ich ihre Hilfe brauchte, erzählte ich von meinem
Rückfall.
»In meinem Zustand stehe ich die Reise nicht durch«,
sagte ich ihr am Telefon. »Und in Hamburg schaffe ich es
nicht, clean zu werden. Kann ich zu dir kommen und
entgiften?«
Ellen war einverstanden. Eine Woche lang blieb ich bei
ihr, schluckte Kodeintabletten und Schlafmittel,
verringerte täglich meine Dosierung. Dann flog ich nach
Toronto, immer noch geschwächt, aber soweit entgiftet,
dass ich auch ohne Heroin wieder gerade stehen und
Fragen stellen konnte. Nach dem Interview kaufte ich
einen Burger bei McDonald’s und flüchtete mich in mein
Hotelzimmer, die fremde Stadt überforderte mich. Nur im
Hotelbett vor dem Fernseher fühlte ich mich halbwegs
sicher. Ich verließ mein Zimmer erst wieder am nächsten
Morgen, als mein Flieger zurück nach Hamburg ging.
Kaum war ich zu Hause angekommen, kaufte ich mir
wieder Heroin.
Bald wurden diese Selbstentgiftungen zu einem
192
merkwürdigen Ritual. Wann immer ein Interview oder
eine Recherche einen Aufenthalt in fremden Ländern und
Städten nötig machte, kroch ich einige Tage zuvor bei
Ellen unter. Nach der Reise ging das ganze Spiel wieder
von vorne los.
Meine Hamburger Wohnung verwahrloste zusehends. In
meinem Wohn- und Arbeitszimmer türmten sich
Zeitschriften auf mehreren Quadratmetern bis unter das
Fensterbrett, immer häufiger ungelesen, auf meinem
Schreibtisch Papierberge, über die ich irgendwann den
Überblick verlor. In der Küche Stapel von dreckigem
Geschirr, das ich erst dann spülte, wenn der Geruch zu
penetrant wurde. Mein Zustand war nicht viel besser als
der meiner Wohnung. Ich ernährte mich beinahe
ausschließlich von Joghurt, kauen war mir lästig, und
duschte nur noch, wenn wichtige Termine mich unter die
Menschen zwangen. Das Gefühl von Wasser auf meiner
Haut war mir zuwider. Zu einem Frisör war ich seit
Monaten nicht gegangen, bis zu meinem Rückfall hatte
Henry meine Haare geschnitten. In seinem jetzigen
Zustand wollte ich ihn mit einer Schere nicht in meine
Nähe lassen, und einen anderen Frisör zu suchen erschien
mir unverhältnismäßig aufwendig und kostspielig. Der
Tatendrang, den Heroin und Kokain anfänglich in mir
ausgelöst hatten, war schnell verweht und einer dumpfen
Betäubung gewichen.
Geld wurde immer häufiger zu einem Problem. Ich
benötigte 150 bis 200 Mark am Tag, allein für Drogen. Die
Summen, die ich verdiente, reichten da oft nicht aus. Dazu
kam, dass die Zahlungen oft unregelmäßig erfolgten und
sich mitunter um Wochen verzögerten. An manchen Tagen
stand ich mit wild rasendem Puls vor dem Geldautomaten,
sobald ich hörte, dass der Automat das
Geld abzählte, atmete ich befreit auf. Kein Geräusch der

193
Welt versetzte mich dermaßen in Verzückung wie das
Rattern des Geldautomaten.
Musik hörte ich kaum noch. Viele Jahre lang hatten
Popsongs meine Stimmungen gespiegelt, Musik war eine
Art Gefühlsverstärker gewesen, der meiner Melancholie,
meiner Sehnsucht oder meiner Euphorie Nahrung gab.
Jetzt war sie nur noch lästiges Geräusch, und ich war froh,
wenn ich von meinen Gefühlen so wenig wie möglich
spürte. Ich ging nicht mehr auf Konzerte, und wenn der
Geldautomat nichts ausspuckte, schleppte ich alles, was
noch einen Wert besaß, in ein nahe gelegenes Pfandhaus –
zuerst den Videorecorder, dann die Stereoanlage und
meine CDs. Anschließend begann ich, die Comic-
Sammlung, die ich mir in den letzten Jahren sorgfältig
aufgebaut hatte, Stück für Stück an einen Händler zu
verkaufen.
Vor allem entwickelte ich große Kreativität darin, mir
Geld zu leihen. Meine Sucht verheimlichte ich immer
noch den meisten Menschen, nur vor einigen wenigen
engen Freunden hatte ich sie nicht mehr verbergen können.
Die anderen, Bekannte oder Kollegen, rief ich
nacheinander an, meist an Wochenenden oder spät am
Abend, erzählte, ich sei zum Essen verabredet und habe
gerade bemerkt, dass meiner EC-Karte nicht funktioniere
und dass ich dringend 100 oder 150 Mark brauchte. Ob sie
mir das Geld leihen und mit einem Taxi zu mir nach Hause
schicken könnten? Ich war so überzeugend, dass ich mein
Geld bekam und niemand Fragen stellte. Sobald das
nächste Honorar angewiesen wurde, zahlte ich meine
Schulden zurück. Zumindest in den ersten Monaten.
Ich nahm jeden Auftrag an, den ich bekommen konnte.
Nicht nur, weil ich das Geld brauchte. Meine Arbeit war
die letzte Sicherungsleine, die mich noch vor dem
endgültigen Absturz bewahrte. Das Hapkido-Training

194
hatte ich schon kurz nach Pfingsten aufgegeben, und bei
meinen Freunden meldete ich mich nur noch sehr selten.
Auch meine Besuche bei Klara waren immer
unregelmäßiger geworden, in ihre Nähe wagte ich mich
nur noch, wenn ich halbwegs entgiftet war. Und auch dann
war jeder Besuch überschattet von Scham und einem
diffusen Gefühl von Schuld.
Im Sommer stand ich zum ersten Mal kurz vor der
beruflichen Katastrophe. Wie in jedem Jahr fand im
August die Popkomm statt, Deutschlands größte
Musikmesse, damals noch in Köln beheimatet und ein
Pflichttermin für jeden Journalisten, der sich mit
Popmusik beschäftigte. Zu keiner anderen Gelegenheit
versammelte sich in Deutschland eine so große Zahl
internationaler Künstler, auf der Popkomm ließen sich in
drei Tagen zahlreiche hochkarätige Interviews führen und
Kontakte knüpfen, im Rahmenprogramm traten Bands aus
aller Welt auf, die sonst nur selten den Weg auf deutsche
Konzertbühnen fanden. Schon im Frühjahr hatte ich mich
gemeinsam mit Christoph, meinem Freund aus »Tempo«-
Tagen, für die Messe angemeldet. Christoph arbeitete
mittlerweile als Musikredakteur für den »Spiegel«, wir
hatten geplant, eine Reihe Interviews gemeinsam zu
führen und einige Konzerte und Partys zu besuchen. Auch
unser Hotel hatten wir lange im Voraus gebucht.
Der Sommer schritt voran, meine Sucht ebenso. Mir
dämmerte, dass sich die Popkomm für mich zu einem
großen Desaster entwickeln würde. Schon in den wenigen
Stunden, in denen ich den direkten Kontakt zu
Redaktionen und Plattenfirmen in meinem normalen
Arbeitsalltag nicht vermeiden konnte, kostete es mich
große Anstrengung, mich zusammenzureißen und einen
halbwegs unauffälligen Eindruck zu machen. Drei
komplette Tage unter den Augen der Branche, in einer

195
fremden Stadt, weit weg von meiner Dealerin und meiner
Wohnung, in der ich mich verbergen konnte, würde ich
nicht durchstehen. Außerdem reagierte Christoph, einer
der wenigen meiner Kollegen, die von meinem Rückfall
wussten, sehr verstört und oft entnervt auf meine Sucht.
Schon Wochen vor Messebeginn bedrängte er mich, ihm
rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn ich mich unseren
gemeinsamen Interviews nicht gewachsen fühlen sollte.
Doch eine Absage wäre einer Kapitulation vor der Sucht
gleichgekommen. Das kam nicht in Frage, auf keinen Fall.
Die Popkomm begann an einem Donnerstag, an dem
Freitag der Vorwoche flüchtete ich wieder einmal aus
Hamburg. Ich kroch bei Artur unter, der zu der Zeit in
Mönchengladbach lebte, nur 40 Kilometer von Köln
entfernt. Ellen hatte mich gebeten, sie erst wieder zu
besuchen, wenn ich clean sei. Sie wollte meine ständigen,
erfolglosen Entgiftungsversuche nicht mehr mitansehen.
Artur war seit einigen Jahren clean und hatte sich als
Schreiner selbständig gemacht. Er hatte sich mit Hilfe
einer sektenähnlichen Gemeinschaft aus der Sucht
herausgekämpft und erzählte mir von Feuerläufen,
energetischen Reinigungsritualen und Psychospielen, die
mir höchst suspekt erschienen. Doch ihm hatte all das
scheinbar geholfen.
Bevor ich losfuhr, deckte ich mich mit meinem üblichen
Vorrat an Husten- und Schlaftabletten ein, in den fünf
Tagen, die mir bis zur Messe blieben, wollte ich soweit
wieder auf die Beine kommen, dass ich drei drogenfreie
Tage in der Öffentlichkeit durchhalten würde. Ein
Interview mit dem Schauspieler Ben Stiller, das ich am
Montag im Auftrag von »Spiegel Kultur Extra« führen
sollte, übernahm Christoph für mich.
Artur bereitete mir ein Lager auf der Couch vor
seinem
Fernseher. Er bat mich, den Platz in seiner Wohnung, an

196
dem er die meiste Zeit saß, eine Ecke auf der Fensterbank,
zu meiden. Meine negativen Energien würden die Aura
dort vergiften. Von meiner Matratze erhob ich mich
sowieso nur, wenn ich auf die Toilette musste. Tag für Tag
lag ich vor dem Fernseher, sah mir alte Serien an und glitt
immer wieder in einen fiebrigen Halbschlaf, der von
heftigem Schüttelfrost begleitet wurde. Wenn ich
erwachte, war mein T-Shirt meist völlig durchnässt. Neben
meinem Lager stand eine Flasche Cola, daneben meine
Pillen, eine Tafel Schokolade und eine Packung
Riesenfruchtzwerge – den Tee und die Rohkostmahlzeiten,
die Artur mir zubereitete, behielt ich nicht bei mir – und
ein Wecker. Der Wecker klingelte jeden Tag um 15 Uhr, zu
dieser Zeit strahlte Sat1 täglich eine Folge von
»Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert« aus.
Der Höhepunkt meines Tages, den ich auf keinen Fall
verpassen wollte. Ich begleitete Captain Picard und seine
Besatzung bei ihren Abenteuern in fremden Galaxien, wo
nie zuvor ein Mensch gewesen war. Besonders Data, der
Android ohne Emotionen, faszinierte mich. So
strukturierte einzig das Fernsehprogramm meine Tage.
Donnerstag, am Tag des Messebeginns, fuhr ich
morgens mit dem Zug nach Köln. Am Bahnhof war ich
mit Christoph verabredet, der mit dem ICE aus Hamburg
kam. Seit dem Vortag konnte ich wieder auf meinen
Beinen stehen, meine Schweißausbrüche traten nur noch
sporadisch auf, und kleinere Mahlzeiten behielt ich
mittlerweile bei mir. Doch ich war weit davon entfernt,
mich der Messe, der bedrohlichen Menge an Menschen
und Kontakt, gewachsen zu fühlen. Die Droge fehlte mir,
nicht nur körperlich. Ich fühlte mich dünnhäutig, schutzlos
und ausgeliefert. Bis Christophs Zug im Kölner Bahnhof

einfuhr, blieben mir nur ungefähr zwanzig Minuten. Wie

197
in Hamburg und Frankfurt traf sich auch in Köln die
Drogenszene in Bahnhofsnähe, auf dem Domplatz und in
der U-Bahn darunter. Ich kaufte ein Gramm Heroin und
rauchte eine kleine Menge davon. Gerade so viel, wie
nötig war, damit der wattige Schutzpanzer des Heroins
meinen Körper stärkte und meinen Geist polsterte. Da ich
fünf Tage kein Heroin genommen hatte, brachten mich vier
Zehntel Gramm halbwegs über den Tag. Das Gramm hielt
somit bis Samstag vor, den Tag unserer Abreise. Die
Droge half mir wieder zuverlässig, ich stand die
Interviews durch und erreichte gemeinsam mit Christoph,
dem ich meinen Heroinkonsum verschwieg, bei dem
Kickerturnier einer Plattenfirma ungefährdet das Endspiel,
in dem wir knapp unterlagen. Als ich Samstagnachmittag
in Hamburg aus dem Zug stieg, kaufte ich noch am
Bahnhof erneut Heroin. Zur Belohnung gönnte ich mir
eine Dosis Kokain dazu. So hangelte ich mich wieder im
alten Trott durch die Wochen.

Im Herbst unterbreitete mir der Verlag Gruner+Jahr ein


Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte. In
Kooperation mit dem Musiksender Viva wollte der Verlag,
in dem der »Stern« und »Geo« erschienen, ein
Jugendmagazin entwickeln, das der mittlerweile etwas
angestaubten »Bravo« Konkurrenz machen sollte. Der
Arbeitstitel lautete »Splash«. In der
Entwicklungsredaktion saßen Redakteure, mit denen ich
schon bei »Tempo«, »jetzt« und »Die Woche«
zusammengearbeitet hatte. Einer von ihnen hatte mich
angerufen und zu einer Besprechung in die Redaktion
eingeladen. Ich hasste solche persönlichen Treffen, wenn
es irgend möglich war, wickelte ich geschäftliche
Unterredungen am Telefon ab. Der Redakteur erzählte
mir, die Arbeit an der Nullnummer ihres Magazins hätte

198
gerade begonnen, eine Art Testheft, das fertig gestellt und
in der Zielgruppe erprobt wird, bevor ein Verlag
entscheidet, ob er den neuen Titel auf den Markt bringen
wird. Er bot mir an, in dieser Nullnummer eine
mehrseitige Rubrik als verantwortlicher Redakteur zu
betreuen. Sollte ich interessiert sein, würde er die
Einzelheiten gerne mit mir und seinen Kollegen in der
Redaktion besprechen. Natürlich war ich interessiert.
Am nächsten Tag duschte ich, wusch mir die Haare,
legte ein wenig Parfüm auf und spritzte mir nur eine kleine
Dosis Heroin. Dann fuhr ich zu Grüner+Jahr. Der Verlag
residiert in einem imposanten Gebäude an der Elbe, die
nächste U-Bahn-Haltestelle liegt vor der Tür.
Wir wurden uns schnell einig. Ich sollte eine Strecke von
zwölf Seiten inhaltlich mit entwickeln und anschließend
als verantwortlicher Redakteur in Eigenregie und in
Absprache mit dem Redaktionsleiter füllen. Seiten, auf
denen neue Filme, CDs, Comics und was den jungen
Leser sonst noch interessiert vorgestellt werden sollten.
Ein sehr interessanter Auftrag, für den sie mir eine
angemessene Summe boten. Ein Auftrag, den ich einfach
annehmen musste. Vor allem, da eine erfolgreiche
Markteinführung des Titels mir dauerhaft ein gutes
Einkommen garantieren würde. Leider aber auch ein
Auftrag, von dem ich wusste, dass ich ihm in meinem
jetzigen Zustand, zusätzlich zu meinen Verpflichtungen
bei »Spiegel Kultur Extra«, kaum gewachsen war. Ich
würde häufig Interviews in anderen Städten führen
müssen, mit Plattenfirmen, Filmverleihern und der
Redaktion verhandeln, eine Menge Texte schreiben. Dazu
fehlten mir die Zeit, die Kraft und vor allem die Nerven.
Dazu kam, dass mein Videorecorder und meine
Stereoanlage in der Pfandleihe waren und ich nicht genug
Geld besaß, sie auszulösen. Wie sollte ich also CDs hören

199
oder Videofilme sichten, die ich bewerten sollte?
Trotzdem, Ablehnen kam nicht in Frage. Also stürzte ich
mich verbissen in die Arbeit. Und verzweifelte schon nach
wenigen Tagen. Der Termindruck wurde immer größer,
und in gleichem Maße wie meine Versagensangst wuchs
mein Heroinkonsum. Immer, wenn ich versuchte, mich
zusammenzureißen und mich mit einer geringeren Dosis
der Droge oder Hustentabletten über den Tag zu retten,
klingelte irgendwann meine Dealerin an meiner Tür.
Sobald ich sie sah und mit ihr das Heroin, zum Greifen
nahe, war es, als würde ein Schalter in meinem Kopf
umgelegt. Wenige Minuten später stach ich die Spritze in
meinen Arm. Hatte ich kein Geld, ließ sie mich erst betteln
und gab mir das Heroin anschließend auf Kredit. Dann
stand ich in ihrer Schuld, war ihren Launen ausgeliefert.
Sie genoss die Macht, die ihr das Heroin über mich
verlieh.
So würde ich keine brauchbare Arbeit abliefern können,
niemals. Der Supergau stand unmittelbar bevor. Die Flucht
zu Kirsten schien mir der einzig mögliche Ausweg.

»Kann ich für ein paar Wochen bei dir wohnen,


zumindest bis ich den Auftrag erledigt habe?«, fragte ich
Kirsten, nachdem ich ihr meine Situation geschildert
hatte. »Wenn ich in meiner Wohnung bleibe, bekomme ich
das niemals hin.« Obwohl ich Kirsten von meiner Junkie-
Vergangenheit im Rheinland erzählt hatte, entsetzte sie
meine Geschichte noch mehr als mein Aussehen. Sie
dachte nicht lange nach.
»Ich will nicht, dass du auch noch deinen Job verlierst«,
sagte sie. »Wahrscheinlich würdest du dann völlig
abstürzen. Du kannst hier bleiben, bis die Nullnummer
fertig ist. Aber danach musst du dir etwas einfallen lassen,

200
wie du wieder auf die Beine kommst.«
Kirsten nahm mich nicht nur bei sich auf, sie bot mir
sogar an, mich bei der Arbeit zu unterstützen. Wir einigten
uns darauf, dass sie Interviews übernahm, die mir zu
strapaziös waren, und dafür von mir das übliche
Autorenhonorar erhielt, sobald G+J mich bezahlt hatte. In
den Redaktionen gab ich Kirstens Telefonnummer an und
behauptete, ich hätte mir ein Büro gemietet. So wurde
Kirsten auch meine Sekretärin. Dass Kirstens Wohnung in
unmittelbarer Nähe des Gruner+Jahr-Verlagshauses lag,
sparte mir zusätzlich Zeit und Kraft.
In den nächsten Wochen arbeiteten wir gemeinsam unter
Hochdruck. Saßen zu zweit an Kirstens Küchentisch,
hörten uns durch neue CDs, bereiteten Interviews vor und
wählten die Filme aus, die uns einer Rezension würdig
erschienen. Wenn mir das Geld für Heroin ausging, lieh
Kirsten mir kleinere Summen. Ich reduzierte meinen
Heroinkonsum, schrieb Texte, dachte mir neue Rubriken
aus und schleppte mich zu Redaktionsbesprechungen.
Wenn sich jemand erkundigte, warum ich so angeschlagen
aussah, erzählte ich wahlweise von Virusinfekten oder von
Beziehungsproblemen. Die Erklärungen schienen jeden
zufrieden zu stellen.
Spätabends fiel ich völlig ausgepumpt auf meine
Matratze, wie immer vor dem Fernseher. Ab und an
versuchte Kirsten mich zu Kino- oder Konzertbesuchen zu
bewegen – und blieb erfolglos. Stattdessen sah ich mir mit
ausgeschaltetem Hirn amerikanische TV-Serien wie
»Melrose Place« und Historienschinken wie die
restaurierte Vier-Stunden-Fassung von »Cleopatra« an.
Wenn Kirsten für uns beide kochte, aß ich nur wenige
Gabeln. Ich ernährte mich beinahe ausschließlich von
Löffelbiskuit, Nutella und Kokosmilch. Meistens nachts,
die Schlaftabletten, die ich häufig zusätzlich oder anstelle

201
des Heroins nahm, machten mich hungrig. Da ich mich
kaum bewegte, wurde ich immer fetter. Wahrscheinlich
war ich der einzige fette Junkie auf diesem Planeten.
Kirsten wunderte sich täglich, dass ich nicht
zusammenbrach und trotz meines Zustandes in kurzer Zeit
brauchbare Arbeit ablieferte. Ich schrieb um mein Leben.
Die Angst, alles zu verlieren, mobilisierte Kräfte, von
denen ich sicher war, dass ich sie gar nicht mehr besaß.
Mit Kirstens Hilfe gelang es mir, meine Arbeit fristgerecht
und zur Zufriedenheit der Redakteure abzuliefern. Als der
erlösende Anruf aus der Redaktion kam, saß ich noch
Minuten später wie betäubt vor dem Telefon, nur ganz
langsam sickerte die Erkenntnis in meinen Verstand, dass
ich es geschafft hatte. Statt Stolz und Freude empfand ich
nur eine schier grenzenlose Erschöpfung. Sobald ich mich
wieder bewegen konnte, fuhr ich zum Hauptbahnhof und
gönnte mir eine große Dosis Heroin und Kokain. Erst
danach fühlte ich mich wirklich erleichtert.
Schon am nächsten Tag war die Angst wieder da. Mein
Auftrag war erledigt, doch die Vorstellung, in meine
verwahrloste, einsame Wohnung und in die Nachbarschaft
meiner Dealerin zurückzukehren, schauderte mich. Ich bat
Kirsten, in ihrer Wohnung einen erneuten
Entgiftungsversuch mit Schlaf- und Kodeintabletten
versuchen zu dürfen. Sie willigte ein.

Wenige Tage später saßen wir nebeneinander in der


Küche. Ich verbarg meinen Kopf in meinen Händen, von
Heulkrämpfen geschüttelt, Rotz lief mir aus der Nase.
Kirsten legte mir ihren Arm um die Schultern.
»So schlimm ist das auch wieder nicht«, sagte sie.
»Doch, das ist es«, antwortete ich. »Soweit durfte es
einfach nicht kommen.«

202
Am Tag zuvor hatte ich ungefähr ein Dutzend von
Kirstens CDs versetzt. Ich hatte den Entzug einfach nicht
mehr ausgehalten, und meine Geldquellen waren sämtlich
versiegt. Zum ersten Mal hatte ich einen meiner Freunde
bestohlen, sogar damals im Rheinland hatte ich so etwas
nie getan. Freunde bestehlen oder betrügen kam nicht in
Frage, so eine Art Junkie wollte ich nie sein. Schließlich
waren meine Freunde das Wichtigste in meinem Leben,
wichtiger noch als die Drogen. An dieser Überzeugung
hatte ich mich immer festgehalten. Scham und Angst
schnürten mir die Kehle zu, ich meinte, daran ersticken zu
müssen. Jetzt hatte ich den Kampf mit der Sucht wohl
endgültig verloren. Ich hatte eine Grenze überschritten,
dahinter lauerten der totale Verfall und der Tod.
Kirsten hatte meinen Diebstahl nicht einmal bemerkt, ich
hatte die CDs sorgfältig ausgesucht und nur unhörbares
Zeug wie Sting oder Phil Collins verkauft, CDs, die ihr
Plattenfirmen unentgeltlich als Rezensionsexemplare
zugesandt hatten.
Aber das war nicht der Punkt. Ich konnte mir selbst nicht
mehr trauen.
»Wenn du das nächste Mal das Haus verlässt, schließ
bitte die Tür hinter dir ab«, bat ich Kirsten und gab ihr den
Zweitschlüssel zurück, den sie mir überlassen hatte.
»Bist du verrückt?«, antwortete sie und starrte mich un-
gläubig an, dieser Vorschlag erschütterte sie offensichtlich
weitaus mehr als das Geständnis meines Diebstahls.
»Ich soll dich hier einschließen?«
»Ja, bitte«, sagte ich.
Der Junkie, der ich geworden war, gehörte weggesperrt.
Eine andere Lösung fiel mir nicht ein. Einige Tage später
zog ich zurück in meine Wohnung. Ich hatte den Entzug
nicht durchgestanden.

203
Sympathy for the Devil

»Daran ist nur der Teufel schuld«, sagte die Frau, die mir
gegenüber auf der anderen Gangseite des Busses saß. Ich
war kurz weggedämmert, ihre Stimme weckte mich auf.
»Wie bitte?« fragte ich benommen.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wovon sie redete.
»Der Teufel lockt Sie in die Abgründe des Schlafes, um
Sie zu verderben. So will er verhindern, dass Sie von
unseren Predigten und Gebeten profitieren und doch noch
Ihr Seelenheil finden«, erklärte sie mir.
Freitagmorgen kurz nach 7 Uhr, die Sonne war gerade
aufgegangen. Eine kalte, klare Frühlingssonne, die grell in
meine Augen stach. In ungefähr zwölf Stunden sollte ich
dem Teufel begegnen, dem großen Verführer, der
Manifestation des absolut Bösen. Auf einem Parkplatz in
Würzburg war ich in diesen Bus gestiegen, der 50
deutsche Pilger nach Arluno fahren sollte, einem kleinen
Ort in Italien, 30 Kilometer vor Mailand. Dort zelebrierte
der katholische Erzbischof Emmanuel Milingo so
genannte Befreiungsgottesdienste. Der Bischof galt seinen
Anhängern als wundertätiger Mann, der Geister und
Dämonen austrieb und Kranke von Verwünschungen und
Flüchen befreite. In diesen Gottesdiensten, so hieß es, rang
er mit Dämonen und Teufeln.
Einige Wochen zuvor hatte ich eine kurze dpa-Meldung
über den Bischof gelesen und den gescheiterten Versuch
eines TV-Teams, eine seiner Messen zu filmen. Mehrere
Wochen hatte ich recherchiert, bis ich den zuständigen
Reiseveranstalter in Deutschland ausfindig machen
konnte. Obwohl ich im Auftrag der Zeitschrift »Die

204
Woche« an dieser Exorzismus-Butterfahrt teilnahm, gab
ich mich nicht als Journalist zu erkennen. Während meiner
Vorrecherche hatte ich erfahren, dass die fanatischen
Christen, die diese Fahrt organisierten, die Presse beinahe
ebenso verabscheuten wie den Teufel. Möglich, dass sie in
Journalisten sogar Handlanger des großen Verführers
sahen. Bei meiner Anmeldung hatte ich stattdessen
behauptet, dass ich mich gerade in einer großen
Lebenskrise befand und verzweifelt nach Orientierung
suchte. Eine durchaus glaubhafte Erklärung, in diesem
Frühjahr schienen mir meine eigenen Dämonen schier
unbezwingbar.
Am Vorabend war ich in Würzburg angereist, mit dem
letzten Zug. Ich hatte in einem Hotel übernachtet,
geschlafen hatte ich nur wenige Stunden. Schon im Zug
hatte ich mein letztes Heroin genommen, da ich es nicht
riskieren wollte, an der italienischen Grenze mit Drogen
erwischt zu werden. Als um 5.30 Uhr mein Wecker
klingelte, plagte mich schon der Entzug. Ich hielt ihn mit
einigen Kodeintabletten notdürftig in Schach. Als der Bus
losfuhr, stand kalter Schweiß auf meiner Stirn. Ich zog die
Vorhänge vor die Fenster, das Licht schmerzte in meinem
Kopf. Ich wollte von der Welt, die draußen am Bus
vorüberzog, nichts sehen. Auch vor die Welt im Inneren
des Busses hätte ich gerne einen Vorhang gezogen. Dort
predigte mit lauter Stimme ein Abbe von der Gefahr der
Verdammnis. Breit und stiernackig saß er neben dem
Fahrer auf dem Platz des Reiseleiters und pries statt der
Sehenswürdigkeiten am Straßenrand die
Segenswürdigkeiten des Himmelreiches.
Meine Mitreisenden, die sich alle von ähnlichen
Pilgerfahrten zu kennen schienen, erzählten einander von
stigmatisierten Priestern, Marienerscheinungen und
Exorzismen oder tauschten Broschüren mit Titeln wie

205
»Hilferufe aus dem Fegefeuer«. Es schien, als hätte ich die
mir bekannte Welt verlassen, hier und jetzt, in diesem
Bus, galten andere Wahrheiten, existierten ungeahnte
Bedrohungen.
Der Mann neben mir umklammerte einen Rosenkranz,
hielt sich daran fest wie ein Bergsteiger an seinem
Sicherungsseil. Seine zittrigen Finger spielten mit den
Perlen des Rosenkranzes, seine Lippen murmelten
unablässig Gebete, »Gegrüßet seist du, Maria« und das
»Vaterunser«. Den Kopf hielt er gesenkt, er wackelte
leicht vor und zurück. Auf den Hinterkopf hatte er sich ein
Taschentuch gelegt, mit Weihwasser getränkt. Gegen das
Pochen in seinem Kopf, erklärt er mir mit leiser Stimme.
Er sah mich kaum an dabei. Von Bischof Milingo
versprach er sich Linderung seiner Schmerzen, kein
Neurologe oder Psychotherapeut hatte ihm helfen können.
Ein wenig beneidete ich ihn um diese Hoffnung. Ich hoffte
bestenfalls darauf, am Ende der dreitägigen Reise meinen
Drogenpegel wieder auf ein moderates Maß gesenkt zu
haben. Daran, dass meine Entzugsversuche irgendwann
von dauerhaftem Erfolg sein würden, konnte ich nicht
mehr glauben. In den vergangenen zwölf Monaten war ich
einfach zu oft gescheitert. Alle meine
Entgiftungsversuche, die Monate bei Kirsten oder die
Besuche bei Ellen, hatten damit geendet, dass ich noch in
der Stunde, in der ich in meine Wohnung zurückkehrte,
wieder zum Heroin griff. Ich wusste nicht mehr weiter.
Nach dieser Reise, hatte ich entschieden, würde ich mich
um einen Platz in einer Therapie bewerben. Zum zweiten
Mal in meinem Leben.
Bisher hatte ich mich geweigert, über eine erneute
Therapie und den zugehörigen Entzug in einem
Krankenhaus nachzudenken. Mit dieser Entscheidung, so
glaubte ich, kapitulierte ich endgültig vor der Droge. Ich

206
machte mein Versagen amtlich, mich aus eigener Kraft aus
der Misere, die ich selbst verschuldet hatte,
hinauszuarbeiten. Doch nach Dutzenden erfolglosen
Versuchen, der Sucht Herr zu werden und wieder die
Kontrolle über mein Leben zu erlangen, blieb mir nichts
anderes übrig, als meine totale Niederlage einzugestehen.
So konnte ich nicht weitermachen.

Ich versuchte, mich in den Schlaf zu flüchten. Der Entzug


gewährte mir nur ein fiebriges Dämmern, in das sich
immer wieder Teile der Predigt oder das monotone
»Vaterunser« aus 50 Kehlen mischte. In meinen
Fieberträumen tauchten fast vergessene Bilder aus meiner
Kindheit auf, Bilder eines gestrengen Gottes, der in
dunklen Häusern aus Stein wohnte und hoch über den
Altären thronend einen kleinen Jungen zwang, auf harten
Bänken zu knien, bis seine Beine schmerzten; der ihn
lateinische Lieder singen ließ, die er nicht verstand, wo er
doch viel lieber an sonnigen Sonntagmorgen auf der
Wiese hinter der Kirche Fußball gespielt hätte. Die
Erinnerung an Scham und Angst; an den Tag, an dem ich
als Sechsjähriger bei einem sonntäglichen Kirchbesuch in
die Hose gepinkelt hatte, weil ich mich fürchtete, die
Messe vor dem letzten Lied zu verlassen. Die Erinnerung
an einen Gott, den ich zwischen der ersten Jeans und dem
ersten Sex für alle Zeiten entmachtet hatte.
Immer wieder schrak ich auf, schweißnass und mit wild
hämmerndem Herzen. Vielleicht lag es an den
Entzugserscheinungen und den Predigten, die in
ununterbrochener Folge in mein wundes Hirn hämmerten,
aber in diesem Moment erschienen mir Sucht und
Gottesverehrung nach den gleichen Gesetzen zu
funktionieren. Die Droge, die mein Leben beherrschte,
forderte mit der gleichen Gnadenlosigkeit die totale

207
Unterwerfung wie der Gott, dem die Menschen in diesem
Bus huldigten. Ich schleppte mich auf das Bordklo und
schluckte meine nächste Ration Tabletten. Wieder auf
meinem Platz angekommen, schloss ich die Augen, lehnte
meine Stirn an den Sitz vor mir und wartete auf die
gnadespendende Wirkung des Kodeins.
»Sie müssen der Predigt zuhören«, mahnte mich die Frau
auf der anderen Gangseite zum wiederholten Mal. »Der
Abbe ist ein heiliger Mann. Er weiß genau, wie man den
Versuchungen des Teufels widersteht.« Die Frau hatte
unsere Reise organisiert, schon in Würzburg hatte sie mich
begrüßt. Jetzt wollte sie sich mit mir unterhalten,
schließlich war ich der einzige Unbekannte in diesem Bus,
der Einzige, den sie nicht schon häufiger auf solchen
Reisen begleitet hatte. Wann ich mich zu dieser Pilgerfahrt
entschieden hatte, fragte sie mich. Ich erzählte ihr von
einer schmerzhaften Trennung, dem Verlust des
Arbeitsplatzes und einem Todesfall in der Familie. Von
Alkoholexzessen und davon, wie mein Leben mehr und
mehr aus der Spur geraten war.
In dieser Situation, sagte ich ihr, hätte ich eine kurze
Zeitungsnotiz über Bischof Milingo gelesen und
augenblicklich das starke Bedürfnis verspürt, Trost und
Unterstützung bei Gott zu suchen. Meine Geschichte
gefiel ihr, und ich sah so erbarmungswürdig aus, dass sie
in mir ein geeignetes Missionierungsobjekt sah.
Stundenlang erzählte sie mir von den Zeichen, die das
nahe Ende der Welt anzeigten. Von den Gebeten, die
einem das Fegefeuer ersparten, von den fürchterlichen
Qualen, die all jene ereilten, die nicht taten, wie von Gott
befohlen. Sie erzählte von den tückischen Verlockungen
der modernen Welt, zumeist finstere Winkelzüge des
Teufels. Von einem amerikanischen Industriellen und
Satanisten, der im Fernsehen zugegeben hätte, dass alle

208
Produkte seiner Firma, inklusive Einwegwindeln für
Babys, verhext seien. Der Gläubige, erfuhr ich, war allzeit
umringt von Gefahr und Versuchung. Sobald mir während
ihrer Monologe die Augen zufielen, weckte sie mich
erneut auf.
»Sie müssen sich gegen den Teufel zur Wehr setzen!«,
beschwor sie mich jedes Mal mit ernstem Blick.
In diesen Momenten schien sie selbst mir eine Ausgeburt
der Hölle zu sein, deren Auftrag auf Erden darin bestand,
mich zu martern. Ich war in einem Alptraum gefangen.
Doch das sagte ich ihr nicht.
Als wir am frühen Abend an unserem Bestimmungsort
ankamen, hatte ich kaum Schlaf gefunden und der Entzug
hielt mich fest in seinen Klauen. Die Kirche, in der die
Gottesdienste an diesem Wochenende stattfinden sollten,
erinnerte an eine Fabrik. Eine große Halle aus Wellblech,
davor säuberlich gestapeltes Baumaterial. Nur die
Menschen, die das Gelände bevölkerten, wollten nicht so
recht in eine Fabrik passen. Die Gläubigen hatten sich für
ihre Audienz bei Bischof Milingo herausgeputzt, auf
vielen Gesichtern lag ein feierlicher Glanz. Die einzigen
dämonischen Mächte, deren Wirken ich feststellen konnte,
tobten in meinem Inneren. Ich schlich über das Gelände,
mit hängenden Schultern, und wünschte mich in das Hotel
zurück, in dem die gesamte Reisegruppe zuvor
eingecheckt hatte. Am Eingang zum Gelände vertrieben
die Ordnungskräfte ziemlich rabiat ein Kamerateam des
italienischen Fernsehens. Ich verbarg die
Sofortbildkamera, mit der ich zuvor in unbeobachteten
Momenten Bilder für »Die Woche« geschossen hatte,
vorsorglich unter meiner Jacke.
Der Befreiungsgottesdienst begann pünktlich um 20 Uhr.
Die Halle, in der die Messe stattfand, hatte zwei Eingänge;
der rechte, direkt neben dem Altar, war für die Kranken

209
und Besessenen reserviert. Bänke gab es nur dort und in
den vordersten Reihen vor dem Altar. In der Halle
drängten sich Hunderte Menschen, ich postierte mich
ziemlich weit hinten und betete darum, dass dieser Spuk
bald vorüber sein würde. Lange würden meine
schmerzenden Beine mich nicht mehr tragen, immer
häufiger brach mir kalter Schweiß aus, die Gebete und
Lieder dröhnten in meinen Ohren und der Geruch des
Weihrauchs verursachte mir Übelkeit. Als Bischof
Milingo den heiligen Geist anrief, brach neben dem Altar
die Hölle los. Die Besessenen schrien in den
unterschiedlichsten Sprachen und Stimmlagen, sie rissen
sich die Haare aus oder fielen einfach stocksteif zu Boden.
Ein junges Mädchen gebärdete sich schlimmer als Linda
Blair in »Der Exorzist«, sie tobte, schlug um sich,
stampfte mit den Füßen auf den Hallenboden, fluchte in
vielen Stimmlagen, ihr hübsches Gesicht zu einer
Teufelsfratze verzerrt. Als sie versuchte, aus der Halle zu
fliehen, mussten sie drei Männer halten. Ich hätte es ihr
gerne gleichgetan.
Über allem dröhnte die Stimme des Bischofs und die
Gebete der Gläubigen. »Die Dämonen ertragen die
Anwesenheit des heiligen Geistes nicht«, flüsterte mir
einer meiner Mitreisenden zu, der neben mir stand. Dann
erhob er seine Stimme wieder zum Gebet. Ich war in einen
surrealen Horrorfilm geraten. Als ich versuchte, die Szene
mit der Sofortbildkamera festzuhalten, war sofort ein
Ordner neben mir. Er führte mich aus der Halle, nahm mir
das Foto ab und erklärte mir, dass fotografieren nicht
erlaubt sei und ich beim nächsten Mal des Geländes
verwiesen würde. Obwohl ich kein Italienisch verstand,
war seine Botschaft unmissverständlich. An der frischen
Luft atmete ich einige Male tief durch, bevor ich mich
wieder an meinen Platz in der Halle begab.

210
Im Anschluss an die Messe weihte der Bischof Wein,
Essig und Salz der Gläubigen, alles im Reisepreis
inbegriffen, und erteilte den Einzelsegen. Vor mir in der
Schlange stand ein kräftiges Mädchen, auf deren T-Shirt
Gesicht und der nackte Oberkörper von Jean-Claude Van
Damme gedruckt waren.
Als der Bischof seine Hand auf ihre Stirn legte, brüllte
sie mit fremder Stimme Verwünschungen. Der Bischof
sprach gebieterisch auf sie ein. Sie zuckte am ganzen
Körper, fiel stocksteif nach hinten und verlor das
Bewusstsein.
»Der Dämon hat sie verlassen«, erklärte mir meine
Reiseleiterin, die einige Meter hinter mir stand.
Als der Bischof seine Hand auf meinen Kopf legte und
mich segnete, geschah nichts. Ich würde mit meinen
Dämonen ohne göttlichen Beistand fertig werden müssen.

211
Abstellgleis

Kurz nach meiner Rückkehr aus Italien bewarb ich mich


erneut um einen Platz in einer Drogentherapie. Wenn ich
das Wenige retten wollte, was von mir und meinem Leben
übrig war, blieb mir keine andere Wahl. Schließlich hatte
meine letzte Therapie mir zumindest fünf drogenfreie
Jahre beschert.
Und obwohl ich mich davor fürchtete, dass mich eine
Zwangspause von mehreren Monaten beruflich
zurückwerfen konnte, wusste ich, in meinem jetzigen
Zustand würde ich nicht mehr lange durchhalten.
Wieder nach Hahnenholz zu gehen, in meine erste
Klinik, erschien mir wie ein Rückschritt. Dieses Kapitel
war abgeschlossen. Ich war sechs Jahre älter und hatte mir
in diesen Jahren ein neues Leben aufgebaut. Obwohl ich
wieder Heroin drückte, sah ich keinen Grund, mein
jetziges Leben hinter mir zu lassen und wieder ganz von
vorne anzufangen. Ich wollte am Ende der Therapie nach
Hamburg zurückkehren und wieder als Journalist arbeiten.
Ich musste einfach nur wieder zu Kräften kommen, um
mich einem Alltag ohne Drogen gewachsen zu fühlen.
Musste herausfinden, weshalb ich wieder Heroin
genommen hatte und wie ich in Zukunft darauf verzichten
konnte.
In den vergangenen sechs Jahren hatten sich auch die
Therapien verändert, angefangen bei den formalen
Rahmenbedingungen. Als ich meine erste Therapie
angetreten hatte, gehörte die mit einer Laufzeit von neun
Monaten noch zu den kürzesten, in manchen Kliniken
blieben die Patienten bis zu 18 Monate. Mittlerweile belief
sich die Therapiedauer für Drogenabhängige nur noch auf

212
vier bis sechs Monate.
Ich entschied mich für die Kliniken Wied, eine
Therapieeinrichtung im Westerwald. Die Kliniken Wied
gehören zu den ältesten Suchttherapien in Deutschland,
anfangs hatten sie dort nur Alkoholiker behandelt. Seit
einigen Jahren nahmen sie auch Drogen-, Medikamenten-
und Spielsüchtige auf.
Ich wählte ganz bewusst eine Klinik, in der nicht nur mit
Drogensüchtigen gearbeitet wurde. Zum einen, weil ich
meinte, für den Rest meines Lebens genug Junkies
getroffen, genug von den ewig gleichen Geschichten und
Anekdoten gehört zu haben. Zum anderen, weil in diesen
Kliniken das Konzept meist weniger rigide war. Da
Alkoholiker in der Regel sozial angepasster lebten als
Junkies, Familie und Berufe hatten, war der Tagesablauf
und das Therapieprogramm in solchen Kliniken weniger
strikt. Stures Einhalten von Regeln spielte keine so große
Rolle. Stattdessen sollten die Patienten von Beginn an
selbst Verantwortung übernehmen. In so einer Klinik
fühlte ich mich besser aufgehoben.
Vor der Therapie fürchtete ich mich nicht. Nur vor dem,
was danach kam. Davor, wieder clean als Journalist zu
arbeiten, meinen Freunden wieder zu begegnen, die mein
Elend der letzten Monate mit ansehen mussten. Vor den
ereignislosen Abenden, an denen ich allein in meiner
Wohnung sitzen würde. Dagegen waren die
überschaubaren Erwartungen und Regeln in einer
Drogenklinik beinahe einfach zu bewältigen. In der Klinik
war ich sicher, vor meinen eigenen Ansprüchen, vor der
Einsamkeit, vor der Langeweile, vor der Droge. Erst
danach ging es um das Überleben.

Einige Wochen später bekam ich den Bescheid, dass ich

213
im September 1997 meine Therapie in den Kliniken Wied
antreten konnte. Jetzt galt es, die kommenden Monate
möglichst schadlos zu überstehen. Arbeiten fiel mir
zusehends schwerer, und mein Heroinkonsum stieg immer
weiter an. Mit dem Geld, das ich verdiente, konnte ich
meine Sucht schon seit einiger Zeit nicht mehr
finanzieren. Mein Konto war über das Limit belastet, ich
hatte meine sämtlichen Wertgegenstände verpfändet und
seit zwei Monaten keine Miete mehr gezahlt. Im nächsten
Monat würde mein Vermieter mich aus der Wohnung
werfen. Der Gerichtsvollzieher hatte auch schon vor
meiner Tür gestanden. Ohne Hilfe würde ich nicht bis zur
Therapie durchhalten.
Als ich nicht mehr weiterwusste, rief ich Anke an und
schilderte ihr meine Probleme. Anke arbeitete als
Redakteurin bei »Spiegel Kultur Extra«. Wir hatten uns
1994 kennen gelernt, damals schrieb ich für »jetzt«, das
Jugendmagazin der »Süddeutschen Zeitung«, wo sie als
Redakteurin meine Texte betreute. Vor zwei Jahren war sie
nach Hamburg gezogen, seit dieser Zeit waren wir gute
Freunde. Bevor ich rückfällig geworden war, hatten wir
uns einmal in der Woche zum Skatspielen getroffen.
Neben Christoph und Kirsten war Anke die einzige meiner
Kollegen, der ich von meinem Rückfall erzählt hatte.
Trotzdem kostete mich dieses Gespräch große
Überwindung. Ich hasste das Gefühl, für alle meine
Freunde nur eine Last zu sein.
»Okay, was brauchst du?«, fragte Anke mich, als wir uns
am darauf folgenden Tag in ihrer Mittagspause trafen. Wir
saßen an der Alster, die Sonne schien, Anke trug einen
dünnen Rock, der über ihrem Knie endete. Neben uns
übten einige Skater spektakuläre Sprünge und Figuren. Ich
nahm all die Schönheit um mich nur am Rande wahr, den
strahlend blauen Himmel, Ankes Beine, die

214
Ausflugsdampfer auf der Alster, die schnittige Eleganz der
Skater.
»Eine Menge Geld«, antwortete ich. »Ich denke, mit
1000 bis 2000 Mark komme ich erst mal über die Runden.
Aber zurückzahlen kann ich das erst irgendwann nach
meiner Therapie. Keine Ahnung, wie lange es dauern
wird.«
Anke dachte kurz nach.
»In Ordnung, ich leihe dir 1500 Mark. Sonst kommst du
möglicherweise gar nicht in der Therapie an. Gib sie mir
zurück, wenn du kannst.«
Ich bedankte mich. In meine Scham mischte sich große
Erleichterung. Bevor Anke zurück in die Redaktion ging,
hob sie 800 Mark von ihrem Konto ab und drückte mir die
Scheine in die Hand.
»Den Rest gebe ich dir nächsten Monat, ist das in
Ordnung?«, fragte sie mich.
»Klar, kein Problem«, sagte ich, obwohl ich mich mit
dem gesamten Geld deutlich besser gefühlt hätte.
Anschließend fuhr ich zum Hauptbahnhof und kaufte
einige Gramm Heroin und Kokain. Zumindest die
nächsten Tage musste ich den Entzug nicht mehr fürchten.
Aber auch Ankes Geld würde mich nicht über die
komplette Distanz bis zur Therapie bringen, das war mir
klar.
Am nächsten Tag meldete ich mich im Amt für
Wohnungssicherung. Diese Abteilung des Hamburger
Sozialamtes war dafür zuständig, drohende
Obdachlosigkeit mit kurzfristigen Hilfeleistungen
abzuwenden. Ich schilderte der zuständigen
Sachbearbeiterin meine Situation. Amt für
Das
Wohnungssicherung übernahm meine Mietschulden in
Form eines unbefristeten Darlehens und zahlte auch in den
215
nächsten Monaten, bis zum Beginn meiner Therapie,
meine Miete. Außerdem riet mir die Sachbearbeiterin,
Sozialhilfe zu beantragen. Das Sozialamt bewilligte mir
eine bescheidene Hilfe zum Lebensunterhalt.
In den kommenden Monaten würde ich also nicht aus
meiner Wohnung fliegen und konnte meine
Stromrechnung zahlen. Unabhängig davon, ob ich noch in
der Lage war, zu arbeiten. Das nächste Problem war das
Heroin. Ankes Geld war bald aufgebraucht. Also bewarb
ich mich um einen Platz im Methadon-Programm.
Seit einigen Jahren bot die Stadt Hamburg Junkies die
Möglichkeit, auf Kosten der Krankenkassen mit dem
Heroinersatzstoff Methadon oder Polamydon versorgt zu
werden. Methadon und Polamydon sind dem Heroin
verwandte Stoffe. Tropfen, die mit Saft vermischt
getrunken werden. Methadon und Polamydon nehmen die
Entzugserscheinungen, haben aber den Nachteil, dass der
Rauschzustand und vor allem der Kick, dem jeder Junkie
nachjagt, weitgehend ausbleiben. Normalerweise dauerte
es wegen des großen Andrangs Monate, bis ein Platz in
diesem Programm frei wurde. Da ich die Zusage der
Klinik für einen Therapieplatz vorweisen konnte, wurde
ich kurzfristig aufgenommen. Bis zu meinem
Therapieantritt würde ich Polamydon bekommen.
Bevor ich substituiert werden konnte, musste der
zuständige Arzt eine Blutuntersuchung vornehmen. Er
musste sichergehen, dass ich tatsächlich heroinabhängig
war. Einen Nichtsüchtigen konnte die Menge Polamydon,
die nötig war, meinen Entzug zu bekämpfen, umbringen.
Bei dieser Blutuntersuchung wurde routinemäßig auch
nach Krankheiten wie Aids und Hepatitis C gesucht,
Virusinfektionen, die unter Junkies weit verbreitet waren.
Die Blutabnahme gestaltete sich ziemlich schwierig.
Der Arzt, obwohl erfahren im Umgang mit Junkies,
fand
216
keine intakte Vene, weder an meinen Armen noch an
meinen Beinen. Also entschied er sich, das Blut aus der
Leiste zu entnehmen. Die Vene dort liegt ungefähr zwei
bis vier Zentimeter unter der Haut und ist von außen nicht
zu erkennen, daher wird sie von Junkies eher selten
benutzt. Nachdem der Arzt mir die fünf Zentimeter lange
Nadel tief in meine Leiste gebohrt hatte, konnte ich zwei
Tage kaum laufen.

»Nehmen Sie Platz«, sagte der Arzt, nachdem ich die Tür
zu seinem Sprechzimmer hinter mir geschlossen hatte.
Eine Woche war seit der Blutabnahme vergangen. Ich
setzte mich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, er
blätterte in der Akte, die vor ihm auf der Tischplatte lag.
»Waren Sie in der letzten Zeit krank, abgesehen von den
Entzugserscheinungen?«, fragte er mich.
Ich dachte kurz nach. Dann erinnerte ich mich an die
Rückreise nach meiner Wüsten Wanderung. Ich erzählte
ihm davon.
»Warum wollen Sie das wissen?«, fragte ich.
»Das Labor hat Hepatitis-C-Antikörper in Ihrem Blut
gefunden«, sagte er. »Das heißt, Sie haben sich mit diesem
Virus infiziert. Manchmal fühlt man sich dann, als hätte
man einen grippalen Infekt.«
»Was bedeutet das genau?«, fragte ich.
»Wir wissen zu diesem Zeitpunkt nur, dass Sie Kontakt
mit dem Hepatitis-C-Virus hatten, ob Ihr Immunsystem die
Infektion überwunden hat, kann ich noch nicht sagen.«
sagte der Arzt.
»Wir müssen jetzt testen, ob die Infektion noch aktiv ist,
ob in Ihrem Blut Viren zu finden sind.«
Hepatitis C, erklärte er mir, ist eine unberechenbare

217
Krankheit mit zyklischem Verlauf, die häufig chronisch
wird und im schlimmsten Fall zu Leberzirrhose oder
Leberzellenkrebs führen und tödlich enden kann. Eine
verlässliche Behandlungsmethode existierte damals nicht.
Auch wenn der Körper Antikörper produziert und keine
Viren im Blut nachzuweisen sind, kann die Krankheit
noch Jahrzehnte später unvermittelt ausbrechen.
Manchmal bleibt das Virus auch für den Rest des Lebens
inaktiv oder heilt, in sehr seltenen Fällen, sogar spontan
vollständig aus. Da Hepatitis C von Blut zu Blut
übertragen wird und schon kleinste Mengen genügen,
hatte sich das Virus in den vergangenen Jahren unter
Junkies rasend schnell ausgebreitet. Auch unter meinen
Freunden, sowohl Frank als auch Henry waren infiziert.
Mittlerweile hatte Hepatitis C Aids als klassische Junkie-
Seuche längst abgelöst.
Unglücklicherweise wussten die meisten von uns in den
ersten Jahren nach Entdeckung des Virus nicht, welche
konkreten Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz vor der
Infektion mit Hepatitis C nötig waren. Da das Hepatitis-C-
Virus Stunden und Tage außerhalb des Körpers überlebt,
auch in Wassergläsern oder auf Löffeln, bestand schon
Ansteckungsgefahr, wenn wir unsere Spritzen in dem
gleichen Wasserglas reinigten oder den gleichen Löffel
zum Aufkochen benutzten. Wahrscheinlich hatte ich mich
auf diesem Weg bei Henry angesteckt; denn seine Spritzen
hatte ich nie benutzt – ich wusste, dass er HIV positiv war.
Hepatitis C, erfuhr ich, konnte damals nur mit Interferon
behandelt werden, einem Medikament aus der
Krebstherapie, das den Körper extrem belastete. Die
Behandlung dauerte ein Jahr. Ein Jahr, in dem viele
Patienten täglich unter Übelkeit, Schweißausbrüchen und
oft schweren Depressionen litten; ein Jahr, in dem sie
ständig müde waren, ihnen die Haare ausfielen, ihr ganzer

218
Körper aufschwemmte. Trotzdem lagen die
Heilungschancen nur bei ungefähr bei 30 Prozent.
Als Teenager hatte ich so viele Jahre exzessiv Drogen
genommen, ohne mich um irgendwelche
Vorsichtsmaßnahmen zu scheren, und war ohne bleibende
Schäden geblieben. Jetzt war ich gerade mal 18 Monate
rückfällig und hatte mich mit einer lebensgefährlichen
Krankheit infiziert. Welchen Verlauf die Krankheit bei mir
nehmen würde, konnte erst im Laufe der Jahre
prognostiziert werden. Also blieb mir nichts anderes übrig,
als abzuwarten und das Beste zu hoffen.
Jetzt musste ich mich zuallererst darum kümmern, meine
Sucht in den Griff zu bekommen. Am Tag nach meinem
Arztbesuch nahm ich zum ersten Mal Polamydon. Der
Arzt hatte mir ein Rezept ausgestellt, das ich in einer
Apotheke abgab. Der Apotheker mischte den Ersatzstoff
mit Himbeersirup und Wasser. Die Apotheke lag nur
wenige Minuten von meiner Wohnung entfernt, jeden
Morgen trank ich dort meine Dosis, immer unter Aufsicht.
Nur am Samstag füllte der Apotheker mir die
Sonntagsration in ein kleines Fläschchen. Ganze
Wochenrationen wurden den Patienten erst nach einigen
Wochen oder Monaten ausgehändigt, wenn sie sich als
halbwegs zuverlässig erwiesen hatten. So sollte verhindert
werden, dass die Substituierten mit dem Ersatzstoff
Handel trieben. Eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme, am
Hamburger Hauptbahnhof florierte mittlerweile ein reger
Schwarzmarkt für Methadon und Polamydon.
Das Polamydon wurde mir schnell widerlich. Es nahm
mir die Entzugssymptome, sicher, das funktionierte schon.
Das Medikament bot tatsächlich einen Notausgang aus der
zermürbenden Tretmühle der Drogenbeschaffung. Aber es
versetzte mich in einen Zustand, der mir unerträglich war
– ich stumpfte vollends ab. Auf Drogen ging es mir

219
wenigstens ab und an so elend, dass ich mich im Vergleich
dazu an anderen Tagen beinahe gut fühlte, und die
Notwendigkeit, Geld zu verdienen, marterte mich zwar,
zwang mich aber auch zur Arbeit, dazu, zumindest
ansatzweise am Leben teilzunehmen. Und wenn auf
meinem Konto eine größere Zahlung einging, fühlte ich
sogar etwas Ähnliches wie Freude.
Polamydon dagegen versetzte mich in ein dumpfes
Dämmern, ein diffuses Gefühl von wunschlosem
Unbehagen, nichts hatte mehr Bedeutung. Völlige
Antriebslosigkeit, ich schlurfte morgens in meine
Apotheke, und das war es. Arbeiten ging gar nicht mehr.
Warum auch? Ich saß nur noch vor meinem alten
Fernseher, stundenlang, und glotzte wahllos alles, was mir
vorgesetzt wurde, von der Tour de France im Ersten bis zu
»Unsere kleine Farm« auf Kabel 1. Vor meine Fenster
hatte ich dichte Vorhänge gezogen. Draußen brannte die
Sonne, es war ein außergewöhnlich heißer Sommer. Aber
auch ohne die Hitze trieb mir das Polamydon den Schweiß
aus allen Poren. Beides zusammen war kaum auszuhalten.
Wenn ich mich morgens die wenigen Schritten zur
Apotheke schleppte, war mein T-Shirt anschließend völlig
durchnässt. Also verbrachte ich die Tage regungslos in
meiner abgedunkelten Wohnung. Wenn ein wenig Geld
übrig war, kaufte ich mir davon Kokain. Der Kick, den das
Kokain mir verschaffte, war das Einzige, was mich für
Momente aus dem Polamydondämmern riss.
Das Polamydon weckte meinen Heißhunger auf Süßes.
Ich ernährte mich beinahe ausschließlich von Eis und
Schokoladenpudding, die ich mir vom Pizza-Lieferservice
an die Haustür bringen ließ. Nutella löffelte ich pur aus
dem Glas. Schon in den Monaten zuvor hatte ich ziemlich
an Gewicht zugelegt. Jetzt wurde ich noch fetter, das
Polamydon ließ mich zudem wie aufgequollen aussehen.

220
Ein Grund mehr, die Wohnung nicht zu verlassen. Ich
fühlte mich wie ein ausrangierter Zug auf dem
Abstellgleis.

Anfang September, drei Wochen vor Therapiebeginn, trat


ich meine Entgiftung im Allgemeinen Krankenhaus
Ochsenzoll an. Der kalte Entzug gehörte der
Vergangenheit an, jetzt bekamen Drogenabhängige in der
Klinik ebenfalls Methadon oder Polamydon. Jeden Tag
wurde die Dosis schrittweise verringert, erst in der letzten
Woche wurde auf den Ersatzstoff verzichtet.
In den ersten zehn Tagen fühlte ich mich von Tag zu Tag
besser. Ich spielte mit den anderen Patienten Volleyball
oder saß viele Stunden im Garten der Entzugsstation und
las; ließ mir Akupunkturnadeln in mein Ohr stechen, die
den Entzug erleichtern sollten, und nahm an einem Qi-
Gong-Kurs teil, den einer der Pfleger anbot. An einem
Wochenende fuhren die gesamten Patienten sogar
gemeinsam mit dem Pflegepersonal in ein nahe gelegenes
Kino. Dort sahen wir uns »Das fünfte Element« an, Milla
Jovovich in ihrem knappen Bondage-Kleid von Jean-Paul
Gaultier erschien nächtelang in meinen Träumen. Langsam
fand ich ins Leben zurück.
Nach einer Woche begann ich, mich mit der Krankheit
zu beschäftigen, die mein Leben bedrohte. Im
Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll arbeitete ein Arzt,
der maßgeblich in der Hepatitis-C-Forschung in
Deutschland involviert war. Dass in meinem Blut keine
Virentätigkeit festzustellen war und meine Leber keine
erhöhten Werte oder gar Schäden aufwies, wusste ich
schon. Daher, erklärte mir der Arzt, sah er auch keinen
Anlass zu einer Interferon-Behandlung. Dazu würde er mir
erst raten, wenn die Krankheit tatsächlich akut war.
Trotzdem bestand natürlich weiterhin die Gefahr, dass die
221
Krankheit unvermittelt ausbrach. Bei ungefähr 80 Prozent
der Infizierten, so die Statistik, wurde die Krankheit im
Laufe der Jahre chronisch, bei einem Drittel dieser 80
Prozent entwickelte sich daraus im Laufe der Jahrzehnte
eine Leberzirrhose.
Ganz so finster, dachte ich mir, sah meine Situation dann
ja doch nicht aus. Außerdem, erklärte mir der Arzt,
erhöhten sich mit jedem Jahr ohne Befund meine
Gesundungschancen, einmal, weil die Forschung ständig
Fortschritte machte und mit jedem neuen
Behandlungsverfahren die Heilungsquote stieg. Zum
anderen bestand ja auch immer noch die Möglichkeit, dass
ich zu den wenigen gehörte, bei denen die Infektion nie
wieder ausbrach und von selbst ausheilte. Eine
Möglichkeit, die ich entschieden favorisierte. Wenn es eng
wurde, hatte ich mich doch meistens auf mein Glück
verlassen können.
Doch die beste Nachricht war, dass die Hepatitis-C-
Infektion das Sexleben weitaus weniger drastisch
einschränkt als zum Beispiel HIV. Da der Erreger nur von
Blut zu Blut übertragen wird, erklärte mir der Ar/t, sei eine
Infektion über Schleimhäute und andere
Körperflüssigkeiten kaum wahrscheinlich. Es sei denn, es
gäbe offene Wunden. Das Risiko, sich bei ungeschütztem,
normalem Geschlechtsverkehr zu infizieren läge unter
einem Prozent. Allerdings sei bei Analverkehr und vor
allem Sado-Maso-Praktiken besondere Vorsicht geboten.
»Das heißt, ich kann ohne Kondom mit einer Frau
schlafen?«, fragte ich ihn zum Schluss.
»Als Arzt«, antwortete er, »muss ich Ihnen zu einem
Kondom raten. Einfach, weil das Ansteckungsrisiko nicht
völlig ausgeschlossen werden kann. Würden Sie mich
allerdings privat fragen, würde ich empfehlen, das in einer
festen, vertrauensvollen Beziehung gemeinsam mit der
222
Partnerin zu entscheiden.«
Das klang doch alles in allem nicht so schlecht, wie ich
nach der ersten Diagnose gefürchtet hatte.

223
Daniela

Ich sah Daniela zum ersten Mal an meinem ersten Tag in


den Kliniken Wied. Es war September, ein sonnenmatter
Spätsommerabend. Die Klinik lag malerisch inmitten des
Westerwaldes. Ich fühlte mich schrecklich. Das Frösteln in
meinem Körper ging mir bis auf die Knochen, auch der
Sonnenschein hatte die Kälte nur kurz vertreiben können.
Erst in der letzten Hälfte meiner Entgiftung hatten die
Entzugserscheinungen eingesetzt, seit beinahe zwei
Wochen hatte ich kaum noch geschlafen, 45 Minuten pro
Nacht, im Höchstfall. Ich konnte mich kaum auf den
Beinen halten. Da ich schon vor der Entgiftung beinahe
ein halbes Jahr Polamydon genommen hatte, zog sich
mein Entzug schier endlos. Anders als der Heroinentzug,
der ungleich schmerzhafter abläuft, aber dafür auch
überschaubarer – nach vier oder fünf Tagen geht es
langsam aufwärts, nach zwei Wochen ist das Gröbste
überstanden –, wollte die Chemikalie nicht aus meinem
Organismus, der dumpfe Schmerz und die Taubheit bissen
sich für viele Wochen in meinem Körper fest. Beinahe
drei Monate dauerten diese Schlafstörungen an, mehr als
eine Stunde pro Nacht war nicht drin, keine Liegeposition
konnte ich lange aushalten. Manchmal stand ich kurz
davor, meinen genussvoll schnarchenden Zimmerkollegen
zu erdrosseln. Tagsüber schleppte ich mich über das
Klinikgelände, musste mich am Geländer festhalten, wenn
ich eine Treppe hoch wollte, weil mir sonst die Beine
weggesackt wären.
Daniela war schon zwei Monate hier, als ich
aufgenommen wurde. Ein zierliches Mädchen aus
Süddeutschland, als ich sie zum ersten Mal sah, saß ich

224
auf der letzten Stufe einer Treppe, ausgelaugt und
bewegungsunfähig. Sie schien die Treppe hinaufzufliegen.
Anfang zwanzig und das schönste Mädchen, das ich seit
langer Zeit gesehen hatte, sie schien zu flirren vor Energie
und Leben.
Anfangs hielt ich Abstand. In den Kliniken Wied
herrschte, wie in den meisten Drogentherapien,
Männerüberschuss, nur ungefähr ein Viertel der Patienten
waren Frauen. Und die wenigsten von ihnen waren auch
nur annähernd so jung und hübsch wie Daniela. Die
Männer umschwärmten sie. Ich hielt mich aus den
Balzspielen heraus. Mir fehlten schlicht die Kraft und das
Selbstbewusstsein dazu. Außerdem hatte ich genug andere
Probleme, ich musste mich nicht auch noch wegen eines
Mädchens zum Affen machen. Nach zwei Wochen war sie
es, die mir bei einem Spaziergang im Klinikpark gestand,
dass sie sich in mich verliebt hatte.
Nie war ich so anfällig für Verliebtheit und die
Sehnsucht nach Intimität wie in diesen Momenten: Kurz
nach dem Drogenentzug war mir jedes Mal, als sei meine
Haut verkehrt herum auf den Körper getackert. Schutzlos,
offen, allem ausgeliefert – all den Reizen und
Bedrohungen, die von außen auf mich eindrangen oder in
meinem Inneren tobten. Mehr als ein Jahr hatten die
Opiate alle anderen Bedürfnisse beinahe völlig
ausgeschaltet. Jetzt kamen sie mit Macht zurück. Daniela
ging es ähnlich. Wir stürzten uns wie Verhungernde
aufeinander, auf die Nähe, die Berührungen, den Sex.
Erlösung.

In Wied wurde auch mit Beziehungen unter den Patienten


anders umgegangen als damals in Hahnenholz, meiner
ersten Therapie. Gern sahen es die Therapeuten auch hier
nicht, wenn sich zwei Süchtige zusammentaten. Aber eine
225
Beziehung wurde geduldet, wenn das frisch verliebte Paar
bestimmte Auflagen erfüllte.
Genau genommen bestehen die Kliniken Wied aus drei
verschiedenen Therapiehäusern, die im Umkreis von zehn
Kilometern in winzigen Dörfern des Westerwaldes gelegen
sind. Die ersten zwei Wochen verbringen alle Patienten im
Haupthaus in Wied, wo ich Daniela begegnet war. Danach
entscheiden die Therapeuten, ob ein Patient in eines der
beiden anderen Häuser verlegt werden soll oder ob er
seine Therapie im Haupthaus fortsetzen wird. Verliebten
sich zwei Patienten, wurden sie getrennt. Damit die
Beziehung die Therapie nicht störte. Treffen durften sich
Paare nur in ihrer Freizeit.
Wir fanden häufig Gelegenheit, uns nahe zu sein.
Während der Woche telefonierten wir jeden Abend. An
den Wochenenden trafen wir uns zu langen
Waldspaziergängen, gegenseitige Besuche auf unseren
jeweiligen Zimmern in der Klinik waren streng untersagt.
Dann lagen wir für entrückte Stunden auf einer Lichtung
in der Spätsommersonne, streichelten und küssten uns. Bei
schlechtem Wetter flüchteten wir in die Cafes der
Umgebung. Wir redeten über unsere Vergangenheit, von
unseren Ängsten und Träumen und begannen schon bald,
zaghafte Pläne für eine gemeinsame Zukunft zu
schmieden. Seit meiner Trennung von Miriam hatte ich
mich nicht mehr so verliebt. Wenn ein Tag verging, ohne
dass ich sie sah oder ihre Liebesschwüre am Telefon hörte,
wurde ich schier wahnsinnig.
Nach einigen Wochen mieteten Daniela und ich uns an
einem Sonntagmittag ein Hotelzimmer in einem kleinen
Landgasthof. Dort schliefen wir zum ersten Mal
miteinander. Wir blieben den gesamten Nachmittag im
Bett, erst spät am Abend, kurz bevor wir in unsere
Therapiehäuser zurückkehren mussten, verließen wir das

226
Hotel, völlig berauscht voneinander. Wann immer unsere
Zeit und unsere Finanzen es zuließen, schliefen wir auch
an den kommenden Wochenenden in den Hotelzimmern
der Umgebung miteinander.
Ich hatte Daniela schon nach wenigen Tagen von meiner
Hepatitis-C-Infektion erzählt. Sie gehörte zu den wenigen
Junkies in der Klinik, die nicht infiziert waren. Trotzdem
wollte sie keine Kondome benutzen, zur Verhütung nahm
sie die Pille. Mir war das sehr recht, mir verdarben
Kondome immer den Spaß am Sex.
Die Zeit, in der wir uns nicht sehen konnten, nutzte ich
dazu, meinen Körper wieder in Form zu bringen. Ich nahm
so ziemlich jedes Sportangebot wahr und obwohl ich vom
Schlafmangel geschwächt war, joggte ich mehrmals in der
Woche mit einem Mitpatienten durch den Westerwald.
Zuerst hielt ich nur wenige Minuten durch, doch von
Woche zu Woche steigerte sich meine Leistungsfähigkeit.
Da ich eh kaum schlief, leitete ich jeden Morgen den
Frühsport ein.
Neben der räumlichen Trennung bestanden die
Therapeuten darauf, dass wir über unsere Beziehung
ausführlich in den Gruppensitzungen redeten. Meine
Therapeutin machte es mir nicht leicht. Sie sah meine
Beziehung sehr skeptisch. Vor allem, da Daniela mir nach
Wochen gestanden hatte, dass sie unter Bulimie litt, einer
schweren Essstörung, die im schlimmsten Fall zum Tod
durch Nierenversagen führen konnte.
»Ich denke, du unterschätzt, wie krank das Mädchen
tatsächlich ist«, sagte meine Therapeutin. »Es kann noch
Jahre dauern, bis Daniela ihre Essstörung und ihre
Drogensucht in den Griff bekommt, sie ist erst Anfang
zwanzig. Und du unterschätzt deine eigene Sucht. In den
nächsten Jahren wirst du genug damit zu tun haben, clean
zu bleiben, auch ohne dich um Daniela zu kümmern.«
227
Unser Plan, nach der Therapie gemeinsam in Hamburg
zu leben, gefiel meiner Therapeutin nämlich noch weniger.
»Ich kann verstehen, dass ihr euch nach Zärtlichkeit und
Sex sehnt«, sagte sie. »Aber ich wäre vorsichtig damit,
aufgrund dessen meine Zukunft zu planen. Du kannst gar
nicht absehen, worauf du dich einlässt. Langfristig sehe
ich keine großen Chancen für euch beide.«
Sie erinnerte mich daran, dass Beziehungen, die in
Therapien entstehen, dem Alltag selten standhalten. Mehr
als 90 Prozent aller Partnerschaften zwischen zwei
ehemaligen Drogenabhängigen enden mit Rückfall. Aber
Statistiken, dachte ich, konnten Daniela und mir nichts
anhaben.

228
Reset

Als ich an einem Freitag im November nach Hause in


meine Hamburger Wohnung kam, öffnete ich als Erstes
die Fenster. Die Luft roch nach Staub, abgestandenem
Rauch, verdorbenen Essensresten und verschwitzter
Wäsche. Ich sah mich in meiner Wohnung um. Der
Anblick war genauso trostlos, wie ich ihn in Erinnerung
hatte. Auf dem Boden Gebirge von Zeitschriften und
schmutziger Wäsche, der Schreibtisch übersät mit
Papieren, an der Wand zahlreiche Spritzer von
getrocknetem Blut. Es würde mich eine Menge Zeit und
Arbeit kosten, die Wohnung wieder in einen bewohnbaren
Zustand zu versetzen. Aber dazu blieben mir nur knapp
drei Tage. Am Sonntagabend wurde ich in den Kliniken
Wied zurückerwartet, meine Therapie würde erst in vier
Wochen beendet sein. In der letzten Therapiephase
schickte die Klinik den Patienten an zwei oder drei
Wochenenden nach Hause. Wir sollten uns schrittweise an
unsere bevorstehende Rückkehr in den Alltag herantasten.
Bevor ich mit dem Aufräumen begann, hörte ich meinen
Anrufbeantworter ab. Da alle Freunde wussten, wo ich
mich aufhielt, und ich mich vor Therapieantritt bei meinen
Arbeitgebern wegen einer ausgiebigen Urlaubsreise
abgemeldet hatte, erwartete ich keine aufregenden
Neuigkeiten. Doch die letzte Nachricht stammte von dem
damaligen Chefredakteur der Zeitschrift »Max«. Er suchte
einen Medienredakteur für sein Magazin.
Glücklicherweise war die Nachricht erst wenige Tage alt.
Ich rief sofort zurück. Der Chefredakteur erzählte mir,
dass mich ein Kollege, den ich während meiner Arbeit für
»Tempo« kennen gelernt hatte, empfohlen hätte, und
bat
229
um ein persönliches Treffen. Wir verabredeten einen
Termin in zwei Wochen. An dem Wochenende, an dem ich
zum letzten Mal vor der Entlassung aus der Therapie nach
Hamburg fahren würde, um alles für meine Rückkehr
vorzubereiten. Davon erzählte ich dem Chefredakteur
nichts.
Als der Chefredakteur und ich uns dann trafen, einigten
wir uns darauf, dass ich den Posten des Medienredakteurs
übernehmen würde. Eine Anstellung als Redakteur bekam
ich nicht, ich war Pauschalist, mein Vertrag sah vor, dass
ich an zehn Tagen im Monat für »Max« arbeiten würde. In
dieser Zeit hatte ich für jede Ausgabe sechs Seiten zu
füllen. Anwesenheitspflicht in der Redaktion bestand für
mich nur an den Tagen, an denen die Medienseiten des
jeweiligen Heftes druckfertig gemacht wurden. Dafür
wurde mir ein Honorar gezahlt, mit dem ich jeden Monat
meine gesamten Rechnungen begleichen konnte.
Außerdem blieben mir immer noch zwei Wochen, in
denen ich frei für andere Redaktionen arbeiten und etwas
Geld dazuverdienen konnte.
In den ersten Januarwochen sollte ich gemeinsam mit
dem Art Director und dem Chefredakteur ein neues
Konzept für die Medienseiten entwickeln, im Februar
sollte die Arbeit an der ersten Ausgabe beginnen. Da
meine Therapie in der ersten Januarwoche endete, passte
alles perfekt zusammen. Mein Glück schien mich noch
nicht gänzlich verlassen zu haben.
Am 5.1.1998 wurde ich nach 16 Wochen aus der
Therapie entlassen. Daniela folgte mir vier Wochen später
nach Hamburg, ihre Therapie hatte sechs Monate
gedauert. Im Februar zog sie in der Wohngemeinschaft
ein, in der auch ich in meinen ersten Monaten in Hamburg
gelebt hatte. Im Mai übernahm ich bei »Max« zusätzlich
noch die Urlaubsvertretung für einen Kollegen und

230
verfasste immer häufiger auch Texte für andere Ressorts
des Magazins. Für all diese Arbeit bekam ich ein
zusätzliches Honorar. Außerdem schrieb ich wieder für
»jetzt« und »Spiegel Kultur Extra«. Ich verdiente mehr
Geld als jemals zuvor.
Meine ersten Honorare investierte ich in eine neue
Garderobe. Ich kaufte Hosen, Pullover und T-Shirts von
Helmut Lang und Jacken der italienischen Marke Stone
Island, schließlich musste ich doch bei meinen Treffen mit
der Werbebranche in etwa wie ein »Max«-Redakteur
aussehen. In meinem Kleiderschrank war in den letzten
zwei Jahren nicht mehr viel Vorzeigbares übrig geblieben.
Dann zahlte ich nach und nach meine Schulden zurück.
Daniela schenkte ich Kleider von Donna Karan und
Unterwäsche von Calvin Klein. Ich genoss diese Einkäufe
mit Daniela, sie freute sich wie ein kleines Mädchen über
jedes meiner Geschenke. Als sie in ihre eigene, kleine
Wohnung zog, lieh ich ihr die Summe, die sie für Reno-
vierung und Einrichtung brauchte. Mit jedem Hunderter,
den ich für Kleidung, Möbel, Restaurantbesuche oder
kleine Wochenendtrips ausgab, kaufte ich mir auch ein
Stück Normalität zurück. Trotzdem sammelte sich, da ich
kein Geld mehr für Drogen ausgab, auf meinem Sparkonto
erstmalig in meinem Leben ein fünfstelliger Betrag an. Der
Neustart meines Lebens war gelungen. Nur hin und wieder
begegnete ich meiner Vergangenheit.
Im Frühling 1998 zum Beispiel, als ich die jährliche
ADC-Preisverleihung besuchte. Eine Veranstaltung der
Werbeindustrie, auf der herausragende Arbeiten aus den
Bereichen Werbung und Layout prämiert werden. Dort
war die Exorzismus-Reportage ausgestellt, die ich im
Vorjahr unter großen Entzugsqualen für »Die Woche«
gefertigt hatte, inklusive meiner heimlich geschossenen
Polaroidfotos.

231
Im Sommer dann recherchierte ich für eine Reportage
über die deutsche Sexfilm-Szene, anlässlich des Kinostarts
von »Boogie Nights«, einem von der Kritik hoch gelobten
Film über die amerikanische Porno-Industrie der siebziger
Jahre. Bei einem Drehbesuch in Berlin traf ich eben jenen
Regisseur, der vor mehr als einem Jahrzehnt in dem
Sexclub in Köln meinen stümperhaften Porno-Versuch mit
Zanne dirigiert hatte. Zu meiner großen Erleichterung
erkannte er mich nicht wieder.
Daniela, die ausgebildete Krankenpflegerin war und in
diesem Beruf nicht mehr arbeiten wollte, besuchte ein
Abendgymnasium. Beinahe jeden Abend holte ich sie
nach Unterrichtsschluss von der Schule ab. Wir gingen
zum Essen, ins Kino, trafen uns mit Freunden auf ein Bier
oder saßen einfach nur aneinander geschmiegt auf meiner
Couch, sahen fern oder hörten CDs. Meine CD-Sammlung
hatte ich sofort nach meiner Rückkehr aus der Pfandleihe
geholt. Die wunderbar melancholischen CDs des
britischen Musikers Stephen Duffy und seiner Band The
Lilac Time spielte Daniela ein ums andere Mal. Beinahe
täglich schliefen wir miteinander. In ihrer Wohnung war
sie nur selten. Meist übernachtete sie bei mir, morgens
frühstückten wir gemeinsam.
An den Weihnachtsfeiertagen reisten wir zunächst ins
Allgäu, zu Danielas Familie, und anschließend ins
Rheinland. Danielas Familie nahm mich freundlich auf,
und Daniela verstand sich großartig mit meinen Eltern und
mit Klara. Noch nie war ich einem geregelten Leben so
nahe gekommen, einem Leben mit klaren Umrissen und
einer Zukunft. Und noch nie hatte ich mich mit diesem
Zustand so wohl gefühlt. Ich war 32 Jahre alt. Endlich war
ich zur Ruhe gekommen. Erwachsen geworden. Beinahe
unvorstellbar, dass es noch kein Jahr her war, dass mich
mein Elend in die Therapie getrieben hatte.

232
Im November 1998 endete meine Zusammenarbeit mit
»Max«. Der Chefredakteur bemängelte, dass auf meinen
Medienseiten zu wenig Klatsch und Tratsch – er nannte es
»Insiderinformationen« – aus der Medienszene zu finden
sei, und bat mich, doch in meiner Freizeit Partys der
Fernseh- und Werbebranche zu besuchen, um dort
persönliche Kontakte zu knüpfen. Allein die Vorstellung
gruselte mich, also beendeten wir die Zusammenarbeit.
Im Monat darauf schrieb ich eine Reportage für »Spiegel
Special«, das Monatsmagazin des »Spiegel«, das nach
einem Wechsel der Redaktionsleitung einen Neuanfang
versuchte. Ich besuchte Walter Zabel, einen Mann, der mit
dem Down Syndrom auf die Welt gekommen und vor 25
Jahren Titelheld der ZDF-Serie »Unser Walter« gewesen
war. Der Chefredakteur war von meiner Reportage
beeindruckt und bot mir eine Redakteursstelle an. Doch
die Vorstellung, Tag für Tag in einer Redaktion sitzen zu
müssen, schreckte mich. Wir einigten uns auf einen
Autorenvertrag. Für vier Tage Arbeit pro Woche bekam
ich ein großzügiges Honorar. Nebenher schrieb ich, wann
immer mir dazu Zeit blieb, als freier Autor für »Die Zeit«
und »jetzt«. Vor einem Jahr erst hatte ich die Therapie
beendet und war schon dort angekommen, wo sich beinahe
jeder junge Journalist hin wünscht. Und all meinen Erfolg
hatte ich mir mit eigener Kraft erarbeitet. Darauf war ich
sehr stolz.
Im Frühling zog ich in eine geräumige Altbauwohnung
in Alsternähe. Am ersten Abend nach dem Einzug
spazierte ich mit Daniela Hand in Hand am Alsterufer
entlang, umgeben vom Grün der Bäume und Sträucher, die
Silhouette der Stadt auf der anderen Flussseite ein
Scherenschnitt vor dem mauvefarbenen Himmel. An
diesem Tag konnte ich mein Glück kaum fassen.

233
Lust for Life

Kurz darauf schlich sich die Sucht langsam wieder in


unser Leben, schon Monate, bevor einer von uns beiden
rückfällig wurde, war sie da. Daniela schmiss nach
wenigen Monaten die Abendschule, es gelang ihr einfach
nicht, einen geregelten Tagesablauf einzuhalten. Sie lebte
sich nur sehr langsam in Hamburg ein. Nach einem Jahr
kannte sie kaum jemanden in der Stadt, sie wusste nichts
mit ihrer Zeit anzufangen und klammerte sich immer
stärker an mich. Unsere Beziehung wurde enger,
hermetischer, abhängiger. Jede freie Minute hingen wir
zusammen, meine Freunde sah ich kaum noch. War ich in
der Redaktion, brachte Daniela ihre Zeit immer häufiger
damit zu, zu essen, sich den Finger in den Hals zu stecken
und zu kotzen. Um dann wieder von vorne zu beginnen.
Immer häufiger stritten wir uns wegen ihrer Fressanfälle.
Dann verschwand sie manchmal für mehrere Tage. Dass
sie mit Bergen von Lebensmitteln in ihrer Wohnung
hockte, den ganzen Tag aß und kotzte und das Telefon und
die Türklingel ignorierte, erfuhr ich erst später.
Nach und nach begriff ich, mit welcher Kraft ihre
Brechsucht sie gefangen hielt. Daniela unterschlug mir
Geld, um ihre Fressgelage zu finanzieren, und wenn wir
gemeinsam einkaufen gingen, warf sie riesige Mengen von
Fertiggerichten in unseren Wagen, von denen ich wusste,
dass sie am nächsten Tag allesamt in der Kloschüssel
enden würden. Irgendwann war ich soweit, dass ich keinen
Supermarkt mehr betreten konnte, ohne dass sich mein
Magen zusammenkrampfte. Wenn wir essen gingen,
verschwand Daniela alle zehn Minuten auf die Toilette. In
mir gärte Wut, meine Hilflosigkeit schnürte mir die Kehle

234
zu. Nach und nach verlor ich selbst die Freude am Essen.
Eines Abends im Frühjahr 1999, ich hatte erst vor
kurzem begonnen, an vier Tagen die Woche für »Spiegel
Special« zu arbeiten, kam ich gegen 19 Uhr aus der
Redaktion nach Hause und fand den Notarzt in meiner
Wohnung vor. Daniela war kollabiert und wand sich unter
Krämpfen auf dem Boden. Der Arzt injizierte ihr Valium,
sie lag auf meinem Bett und dämmerte weg. Ich saß
daneben und fand keine Ruhe, aufgewühlt, verängstigt und
gelähmt.
Im Laufe der folgenden Wochen häuften sich die
Zusammenbrüche. Danielas Anfälle, erklärte mir der Arzt,
seien wahrscheinlich psychosomatisch und würden durch
Hyperventilation ausgelöst, möglicherweise begünstigt
durch ihren akuten Kaliummangel, eine
Begleiterscheinung der Bulimie. Ich war bald am Ende
meiner Kräfte, mein neuer Job war schon schwierig genug.
Schließlich musste ich erst einmal beweisen, dass ich
mein Geld wert war und beständig Texte abzuliefern
vermochte, die dem Anspruch des »Spiegel« genügten.
Und dessen war ich mir oft selbst nicht sicher.
Ich hatte das Gefühl, als würde ich langsam ausbluten.
Meine Arbeit, meine Beziehung, alles zehrte stetig an
meiner Kraft. Und es gelang mir nicht, irgendwo eine
Grenze zu ziehen. Ich nahm jeden Auftrag an, den ich
bekommen konnte. Außerdem versuchte ich, Daniela zu
helfen, ihr Halt und Zuversicht zu geben. Mir ging es
schließlich besser als ihr, ich war in dieser Stadt zu Hause,
hatte einen guten Job und Freunde, also musste ich dafür
sorgen, dass unsere Beziehung am Leben blieb. Dass
Daniela am Leben blieb. Sie war meinetwegen nach
Hamburg gezogen, ich war dafür verantwortlich, dass sie
hier Fuß fasste. Doch vor allem träumte ich immer noch
von unserer gemeinsamen Zukunft. Ich klammerte mich

235
an diesen Traum, ihn aufzugeben erschien mir
unerträglich, hier durfte ich nicht schon wieder versagen.
Sonst würde ich mit 40 immer noch von einer Beziehung
in die nächste hetzen, ohne Halt und Heimat.
Gemeinsam mit Daniela besuchte ich eine ambulante
Paartherapie, nichts änderte sich. Dass ich von alldem
völlig überfordert war und mich mit großen Schritten auf
den Burnout zubewegte, wollte ich nicht sehen, trotz der
Warnung des Therapeuten. Bis der Heroinrausch
irgendwann das Einzige war, das mir Linderung verhieß.

Mein Rückfall begann mit Schlaftabletten. Nach


Danielas drittem oder viertem Krampfanfall nahm ich
selbst zwei der Valium, die der Arzt ihr für den Notfall
verordnet hatte. Danach trank ich zwei Bier, und mit einem
Mal löste sich all der Druck, der meinen Kopf in den
letzten Wochen wie eine Schraubzwinge umschlossen
hatte. Lange hatte ich mich nicht mehr so entspannt
gefühlt.
Daniela und ich schluckten immer häufiger
Schlaftabletten, zuerst nur am Abend. Dann räumten wir
leicht weggetreten die Wohnung auf, gingen essen, nicht
einmal Danielas regelmäßiges Kotzen regte mich noch
auf, oder betranken uns in der Kneipe um die Ecke.
Anschließend schliefen wir dann wie in Zeitlupe
miteinander. Aber auch diese Abende fraßen meine
Energie stetig auf, mir fiel es immer schwerer, meine
Arbeit gewissenhaft zu erledigen. Nach kurzer Zeit nahm
Daniela ihre Pillen schon tagsüber und lag zugedröhnt auf
dem Bett, wenn ich nach meiner Arbeit in der Redaktion
nach Hause kam. Irgendwann erkannte ich an ihren nur
stecknadelkopfgroßen Pupillen, dass sie wieder Heroin
genommen hatte.
Wütend schrie ich sie an, ob sie den Verstand
verloren
236
habe und dass ich sie aus meiner Wohnung werfen würde,
wenn ich sie noch einmal mit Heroin erwischte. Am
nächsten Tag lag sie wieder von Krämpfen geschüttelt auf
dem Fußboden, als ich von der Arbeit nach Hause kam.
Ein paar Abende später fuhr ich selbst zum
Hauptbahnhof und kaufte mir Heroin. Die Schlaftabletten
genügten einfach nicht mehr, die Angst und den Aufruhr
in meinem Kopf zu besänftigen. Kurz darauf rauchten
Daniela und ich unser Heroin gemeinsam, bald wieder
täglich. Nicht lange, und wir begannen zu drücken. Wir
verfielen beide zusehends. Schon nach einigen Wochen
wog Daniela nicht einmal mehr 40 Kilo, ihre Gesichtshaut
sah aus wie zu eng auf ihren Schädel gespannt. Ich wurde
immer bleicher, die Anspannung und die Droge gruben
tiefe Furchen in mein Gesicht, meine Augen waren von
dunklen Ringen umschattet. Da wir kaum noch vor die Tür
gingen und ich immer häufiger zu Hause arbeitete,
bemerkte keiner meiner Kollegen etwas davon. Auch
meinen Freunden verschwieg ich meinen Rückfall, so
lange es eben ging.
Anfang Mai versuchte ich, die Notbremse zu ziehen. Am
zweiten Maiwochenende waren Daniela und ich zur Taufe
von Ankes Sohn in Keitum auf Sylt eingeladen. Da auch
ihr Mann beim »Spiegel« arbeitete, waren Ankes Gäste
zumeist Kollegen aus der »Spiegel«-Redaktion oder von
der »Süddeutschen Zeitung«. Bei der Taufe würde es von
Journalisten nur so wimmeln. Kollegen, die nicht erfahren
durften, dass ich Drogen nahm. Absagen kam trotzdem
nicht in Frage. Nicht nur, weil ich wusste, wie wichtig
Anke dieses Fest war und dass sie sich sehr freuen würde,
mich dort zu sehen. Meine Freunde und meine Arbeit
waren der Anker, der mich noch mit der Normalität
verband. Ich durfte der Sucht mein Leben nicht wieder
völlig ausliefern. Wenn ich das tat, würde ich nicht mehr

237
lange durchhalten. Welchen Sinn hätte mein Leben noch,
wenn ich all das verlor, was ich mir in den letzten Jahren
aufgebaut hatte? Also musste ich dafür sorgen, dass
Daniela und ich bis zur Taufe wieder halbwegs auf die
Beine kamen.
Am 1. Mai traf ich eine Vereinbarung mit Daniela. Wir
wollten die nächste Woche zur Entgiftung nutzen, jeder
für sich, jeder in seiner Wohnung, und uns erst am Tag vor
der Taufe wieder treffen, beide clean. Ich kaufte
Kodeintabletten für uns und fuhr Daniela am 2. Mai in
ihre Wohnung.
Fünf Tage später holte ich sie dort wieder ab. Sie sah
schlimmer aus als vorher. Ich war selbst weit davon
entfernt, mich fit zu fühlen, aber ich kam mittlerweile
immerhin halbwegs schmerzfrei über den Tag. Daniela
hatte erst am Abend zuvor mit ihrer Entgiftung begonnen,
ihr ging es hundeelend. Trotzdem drängte sie darauf, mich
zu begleiten. Noch ein Wochenende alleine, sagte sie,
würde sie nicht aushalten. Zumal sie kein Geld mehr besaß
und ihr Kühlschrank völlig leer war.
Mittags trafen wir uns mit Christoph und seiner Freundin
in Niebühl, von dort fuhren wir gemeinsam mit dem
Autozug auf die Insel. Die beiden hatten im gleichen Hotel
Zimmer gemietet. Christoph war ziemlich geschockt, als
er uns beide sah. Wir hatten uns in den vergangenen
Wochen kaum getroffen.
»Seid ihr sicher, dass ihr mitfahren wollt?«, fragte er
mich, als wir einen Moment alleine waren. »Daniela wirkt,
als würde sie jeden Moment umfallen. Und viel besser
siehst du auch nicht aus.«
»Ich fahre auf jeden Fall mit«, sagte ich. »Ich kann Anke
jetzt nicht mehr absagen. So schlecht geht es mir gar nicht,
ich komme schon klar. Und Daniela kann ich in dem

238
Zustand nicht alleine lassen.«
Auf Sylt checkten wir in unserem Hotel ein. Daniela
holte eine Streichholzschachtel voller Pillen, darunter
Kodein, Schlaftabletten und Psychopharmaka, aus ihrer
Hosentasche und warf eine Handvoll davon ein.
»Bist du irre?«, schrie ich sie an. »Das ist viel zu viel,
das wird dich total umhauen.«
»Lass mich in Ruhe. Ich brauche die Pillen, mir geht es
total beschissen. Und du hast mir schließlich verboten,
Heroin mitzunehmen.«
Kurz darauf trafen wir uns mit Christoph und seiner
Freundin im Restaurant von Jörg Müller, einem der besten
Köche Deutschlands. Christophs Freundin hatte den
Vorschlag gemacht, dort zu essen. Sie liebt gute
Restaurants. Ich fühlte mich unbehaglich dort, das
gediegene Ambiente schüchterte mich ein und die Preise
konnte ich mir kaum leisten. Trotzdem, ich wollte den
Abend mit meinen Freunden verbringen, zumindest für
Stunden so tun, als würde mir gutes Essen noch etwas
bedeuten. So tun, als würde ich ein normales Leben
führen.
Daniela gelang es kaum, die Augen offen zu halten oder
einem Gespräch zu folgen, immer wieder sah es so aus, als
würde sie vom Stuhl fallen. Alle zehn Minuten
verschwand sie auf der Toilette, der teure Fisch endete in
der Kloschüssel. Nach dem Essen tranken wir einen
Cocktail an der Hotelbar. Daniela rutschte nach nur
wenigen Schlucken besinnungslos vom Barhocker. Ich
trug sie in unser Zimmer.
Am nächsten Morgen wurde Ankes Sohn in der
Keitumer Kirche getauft. Daniela und ich kamen spät, die
anderen Taufgäste warteten schon vor der Kirchentür. Wir
sahen fürchterlich aus. Mein Gesicht aschfahl, dunkle

239
Ränder um meine Augen. Daniela hatte sich stark
geschminkt, was die Blässe ihres Gesichtes aber eher
betonte als überdeckte. Sie schwankte so stark, dass ich sie
fest an mich drücken musste. Schnell rettete ich mich mit
Daniela in die Kirche.
Der Pfarrer predigte von Glaube, Hoffnung und Liebe.
Für mich nur noch schemenhafte Erinnerung. Sogar die
Momente, in denen ich Zärtlichkeit für Daniela empfand,
wurden immer seltener. Daniela fielen immer wieder die
Augen zu, und ihr Kopf sank auf die Brust. Wenn wir
während des Gottesdienstes stehen mussten, sackten ihre
Beine weg. Mir gelang es nur mit Mühe, sie aufrecht zu
halten. Nach der Kirche fuhren wir sofort in unser
Hotelzimmer. Daniela sank wie tot auf das Bett. Wie gern
hätte ich mich zu ihr gelegt.
»So kann ich dich unmöglich mit zum Essen nehmen«,
sagte ich.
»Dann lass mich doch hier, wenn du dich vor deinen
tollen Kollegen für mich schämst. Mir doch egal«, sagte
sie. »Besorg mir noch eine Flasche Schnaps, bevor du
gehst.«
Kurz darauf war sie eingeschlafen. Es sah so aus, als
müsste ich Daniela vor allem vor sich selbst schützen. Ich
suchte die Streichholzschachtel mit ihren Schlaftabletten
und steckte sie in meine Tasche, ließ nur eine kleine
Ration auf ihrem Nachttisch liegen, so viel, dass sie sich
damit unmöglich umbringen konnte. Dann zog ich mein
Jackett über, verließ das Hotelzimmer und schloss die Tür
hinter mir ab. Ich musste verhindern, dass Daniela in
ihrem Zustand auf die Straße ging. Oder sich tatsächlich
eine Flasche Schnaps besorgte. Anschließend fuhr ich mit
Christoph und seiner Freundin zum Landhaus Stricker, wo
das Abendessen serviert wurde.

240
Insgeheim beneidete ich Daniela. Über Sylt hing ein
schmutzgrauer Himmel, von Osten wehten kräftige Böen
über die Insel, die Nässe und Kälte drangen bis auf die
Haut. Bei diesem Wetter schien mir unser Hotelbett ein
verlockender Ort zu sein. Es kostete mich enorme
Anstrengung, den neugierigen Blicken der Taufgäste zu
begegnen, gefälligen Smalltalk zu halten und ein ums
andere Mal zu erklären, dass Daniela im Hotel geblieben
war, weil sie sich nicht wohl fühlte. Das Essen zog sich
endlos, jede weitere Rede folterte mich. Bei der ersten
Gelegenheit flüchtete ich mich in unser Hotelzimmer, wo
Daniela noch immer völlig weggetreten auf dem Bett lag.
Am nächsten Morgen verließen wir fluchtartig die Insel.
Wieder in Hamburg angekommen, fuhr ich sofort zum
Hauptbahnhof und kaufte mir ein Gramm Heroin. Bald
drückte ich wieder täglich, zusammen mit Daniela. In den
folgenden Monaten versuchte ich immer wieder, mich mit
Kodein selbst zu entgiften. Ohne Erfolg.
An einem Nachmittag im August saß ich in einer Suite
des Hamburger Hotels Atlantic. Ich fror. Die Klimaanlage
des Hotels lief auf vollen Touren, keine Chance für die
Hitze, auch wenn draußen die Sonne brannte. Das Wasser
der Alster vor dem Fenster reflektierte das Licht, es stach
in meinen Augen. Trotz der Kühle des Zimmers brach mir
immer wieder der Schweiß aus. Seit meinen ersten
Interviews vor ungefähr acht Jahren war ich nicht mehr so
unsicher gewesen. Vielleicht hätte ich etwas mehr Heroin
nehmen sollen. Oder doch eher weniger?
Auf dem Sofa gegenüber saß Iggy Pop. Einer der Helden
meiner Jugend. Einer von denen, die mich beinahe 20
Jahre zuvor hatten spüren lassen, dass irgendwo jenseits
des Neubaugebietes meiner Eltern eine wilde, aufregende
Welt auf mich wartete. Einer, der meinen Hunger auf diese
Welt der Drogen und Exzesse noch angefacht hatte.

241
Dessen Musik für Jahre der Soundtrack zu meinem Leben
gewesen war. Aber in diesem Sommer des Jahres 1999
war alles anders. Iggy Pop war clean, seit vielen Jahren
schon. Dieser Mann, der mir gegenübersaß, wirkte wach,
freundlich und so lebendig, dass ich es kaum ertrug. Die
Drogen hatten im Laufe der Jahre ihre Spuren tief in sein
Gesicht gegraben, aber über all dem Schmerz lag eine
große Gelassenheit. Jedes Mal, wenn ich ihn ansah, war
mir hundeelend. Ich fühlte mich wie ausgesaugt, spürte mit
brutaler Deutlichkeit, wie Heroin und Kokain mein Leben
auffraßen. Iggy Pop war beinahe zwanzig Jahre älter als
ich, aber ich fühlte mich in seiner Gegenwart entsetzlich
müde und verbraucht. Gegen ihn war ich ein Greis.
Vor dem Interview hatte ich meine Nervosität mit einer
kleinen Menge Heroin eingedämmt, wie immer in den
vergangenen Monaten. Dieses Mal war ich mit der
Dosierung noch vorsichtiger als sonst. Was würde Iggy
Pop tun, wenn er meine geschrumpften Pupillen
bemerkte? Die Gefahr war groß, schließlich hatte der
Mann viele Jahre selbst Heroin und Kokain gedrückt.
Wenn meine Sucht jemandem auffallen würde, dann ihm.
Möglich, dass er mich aus dem Zimmer jagen würde. Ich
an seiner Stelle hätte so gehandelt. Hätte die Droge, die ich
so mühsam aus meinem Leben verbannt hatte, nicht in
meiner Nähe geduldet. Viele Ex-Junkies hassen Junkies.
Ich sah ihm so selten in die Augen wie möglich. Wenn er
in eine andere Richtung sah, wischte ich mit dem Ärmel
meines Sweatshirts den Schweiß von der Stirn. In einem
T-Shirt hätte ich mich nicht zu diesem Termin gewagt.
Iggy hätte die kleinen roten Einstichpunkte an meinen
Armen sicher sofort bemerkt.
Im Auftrag der »Zeit« fragte ich Iggy Pop nach seinen
Träumen. Keine Ahnung, ob ihm mein Zustand auffiel. Er

242
blieb freundlich, lachte häufig. Erzählte vom Älterwerden,
von seinem Wunsch, zu wachsen. Davon, wie viel Mut es
braucht, erwachsen zu werden. Erzählte mir von seinem
Traum, gemeinsam mit einer Frau, die er liebt, Kinder
aufzuziehen. Von seinen Tagträumen, in denen eine Horde
kleiner, braunhäutiger Bastarde durch sein Haus in
Mexiko tobt. Jetzt, mit 52, fühlte er sich langsam bereit
dafür.
Ich fühlte mich für nichts anderes bereit als den Druck,
den ich mir nach dem Interview setzen würde.
Dann stellte ich ihm die Frage, die mich mehr
interessierte als alles andere.
»Einige Ihrer Freunde sind im Laufe der Jahre an Heroin
zugrunde gegangen, sie selbst waren häufig kurz davor.
Bedauern Sie heute, Drogen genommen zu haben?«
Er dachte nicht lange nach.
»Eigentlich nicht«, sagte er. »Sicher, ich bin wahnsinnig
froh, noch am Leben und clean zu sein. Aber alles, was
passiert ist, alles, was ich getan habe, all die Exzesse und
Überdosen, haben mich dahin geführt, wo ich heute bin.
Und da fühle ich mich sehr wohl. Wer weiß, wo ich sonst
gelandet wäre? Für irgendetwas werden all der Irrsinn und
all das Leid wohl gut gewesen sein.«
Seine Sätze hätten mich trösten können. Hätten mir die
Hoffnung geben können, dass die Sucht auch für mich
nicht die Endstation war. Aber sie deprimierten mich.
Wofür bitte sollte es gut sein, dass ich mir das Leben selbst
so zur Hölle machen musste? War ich tatsächlich so
verkorkst?

243
Im »Spiegel«

Kurz bevor im Herbst die Zeitschrift »Spiegel Reporter«


das ehemalige »Spiegel Special« mit neuem Konzept und
neuer Leitung an den Start ging, entschied ich mich zu
einer ambulanten Entgiftung. In ein Krankenhaus wollte
ich nicht gehen, nicht solange meine Stellung beim
»Spiegel« und bei der neuen Redaktionsleitung nicht
wirklich gesichert war. Sechs Wochen lang fuhr ich jeden
Morgen zu einer Drogenberatungsstelle in Rahlstedt,
ungefähr eine halbe Stunde mit dem Auto von meiner
Wohnung entfernt, nahm dort mein Methadon ein, jeden
Tag etwas weniger, und raste anschließend in die
Redaktion. Nach Feierabend war ich so erschöpft, dass ich
nur noch lethargisch auf der Couch liegen konnte.
Daniela lebte seit kurzem ständig in meiner Wohnung,
sie hatte ihre Miete nicht mehr zahlen können. Einige
Tage, nachdem ich meinen ambulanten Entzug begonnen
hatte, brach sie an einer Kreuzung, wenige Straßen von
meiner Wohnung entfernt, zusammen und wurde auf die
Intensivstation eingeliefert. Dort stellten die Ärzte fest,
dass der Kaliumwert in ihrem Blut lebensbedrohlich
niedrig war. Sie willigte ein, direkt im Anschluss eine
stationäre Entgiftung in einem Krankenhaus zu beginnen.
Nach drei Wochen wurde sie dort entlassen, kurz darauf
schloss ich meine ambulante Entgiftung ab. Aber auch
dieses Mal dauerte es nur Wochen, bis wir beide wieder
täglich drückten. Meine ständigen Entzüge wurden mehr
und mehr zu einem scheinbar sinnlosen Ritual.
Im Winter gab ich schließlich jeden Tag 500 Mark für
Heroin und Kokain aus. Glücklicherweise arbeitete ich die
meiste Zeit zu Hause. Wenn Konferenzen mich in das

244
»Spiegel«-Gebäude zwangen, hielt ich auf dem Weg in die
Redaktion an der U-Bahn-Haltestelle Jungfernstieg in der
Hamburger Innenstadt, nur wenige Minuten vom
»Spiegel« entfernt. Dort warteten junge Schwarze an der
Rolltreppe oder an den Gleisen auf ihre Kunden. In den
Gängen oder in den Bahnen wickelten sie dann ihre
Geschäfte ab. Die Schwarzen hatten ihr Heroin und
Kokain in winzig kleine Plastikkügelchen gepackt, jeweils
ein Zehntel Gramm. Die Kügelchen bewahrten sie in
ihrem Mund auf, und wenn sie sich unbeobachtet fühlten,
spuckten sie sie in ihre Handfläche. Die Käufer steckten
die Kügelchen ihrerseits sofort nach dem Deal in den
Mund. Sobald die Polizei auftauchte, schluckten Dealer
und Kunden ihre Kügelchen kurzerhand hinunter. War die
Gefahr vorüber, würgten sie sie wieder hervor.
Die Drogenszene in Hamburg hatte eine funktionierende
Infrastruktur entwickelt. Neben dem Hauptbahnhof und
der U-Bahn wurde auch in dunklen Seitenstraßen des
Szene-Stadtteils Schanzenviertel beinahe rund um die Uhr
Kokain und Heroin verkauft. Nachts erinnerte das Ganze
an ein Drive-In-Restaurant – wenn ich einen Dealer sah,
fuhr ich mit meinem Wagen langsam neben ihn, kurbelte
das Fenster runter und nickte ihm zu. Nickte er zurück,
bremste ich, der Dealer stieg ein, und wir wickelten das
Geschäft ab, während ich langsam die Straße
entlangtuckerte. An der nächsten Ecke ließ ich den Dealer
wieder aussteigen.
An einem Abend Anfang Dezember rief Lothar, einer der
beiden Redakteure, die »Spiegel Reporter« leiteten, und
gleichzeitig Redaktionsleiter des »kulturSpiegel«, mich
nach der Konferenz in sein Büro. Am Nachmittag hatten
wir die Themen für die nächsten Hefte besprochen, ich
würde in den kommenden Monaten Interviews mit den
Regisseuren Wim Wenders und Roman Polanski, dem

245
Musiker Moses Pelham und der Schauspielerin Lucy Liu
führen. Anschließend hatte ich auf der Toilette noch ein
halbes Gramm Heroin geraucht, die Konferenz hatte so
lange gedauert, dass ich nicht mehr warten konnte, bis ich
nach Hause kam.
Nachdem ich eingetreten war, bat Lothar mich, die Tür
zu schließen. Das tat er nur sehr selten.
»Irgendetwas stimmt nicht«, sagte er, als ich ihm an
seinem Schreibtisch gegenübersaß. »Nimmst du Drogen?«
Lothar und ich kannten uns schon seit vielen Jahren.
Lange bevor er mein Chef bei »kulturSpiegel« und
»Spiegel Reporter« geworden war, hatten wir gemeinsam
bei »Tempo« gearbeitet. Nach dem Ende von »Tempo«
war er zu »Die Woche« gewechselt und hatte auch dort als
Redakteur meine Texte betreut. Dann waren wir uns im
»Spiegel« wieder begegnet. Es war wohl nur eine Frage
der Zeit gewesen, bis ihm mein desolater körperlicher
Zustand auffiel, mein Bemühen, jedem direkten Kontakt
aus dem Weg zu gehen. Vor allem, da er bei der Taufe auf
Sylt vor einem halben Jahr in der Kirche nur wenige Meter
von mir entfernt gesessen hatte.
Leugnen war also sinnlos. Ich schluckte schwer und
rutschte unbehaglich auf meinem Stuhl hin und her.
»Wie kommst du darauf?«, fragte ich.
»Sieh dich doch an«, antwortete Lothar. »So mies hast
du in all den Jahren, in denen wir uns kennen, nie
ausgesehen. Und dass mit deiner Freundin was nicht
stimmt, war schon bei der Taufe kaum zu übersehen.
Außerdem ist mir in der letzten Zeit aufgefallen, dass
deine Texte oft keine Struktur mehr haben. Keine große
Sache, in der Regel genügt es, einige Passagen
umzustellen, und der Text ist in Ordnung. Aber es fällt
auf.«

246
Beinahe hätte ich lachen müssen. Wie hätten meine
Texte auch klar strukturiert sein können, wenn mein
Leben das reinste Chaos war.
»Du hast Recht«, antwortete ich. »Ich bin seit einigen
Monaten wieder drauf. Aber ich bekomme das unter
Kontrolle, versprochen.«
Lothar sah mich lange an.
»Das hoffe ich«, sagte er. »Kann ich dir irgendwie
helfen?«
Ich nickte. »Gib mir einfach weiter die Möglichkeit, für
dich zu schreiben«, sagte ich. »Das reicht völlig.«
»In Ordnung«, antwortete er. »Versuch deine Termine
einzuhalten, und sag mir bitte, wenn du merkst, dass es
nicht mehr geht.«
»Danke«, antwortete ich, beinahe wäre ich ihm um den
Hals gefallen. Für einen kurzen Augenblick war mir, als
hätte der Henker auf dem Weg zum Richtblock im letzten
Moment meine Fesseln gelöst und mich in die Freiheit
entlassen.

247
White Christmas

Am Nachmittag des 22. Dezember 1999 saß ich in einer


exklusiven Hotelsuite in München und interviewte den
Regisseur Wim Wenders. Ich bemühte mich krampfhaft,
meine Hände zu verbergen. Da ich seit Monaten in die
kleinen Adern auf meinem Handrücken und den Fingern
injizierte, die Venen an meinen Armen waren völlig
zerstört, sahen meine Hände mittlerweile aus wie Klauen
aus einem Horrorfilm – geschwollen, entzündet,
zerstochen. Ich trug nur noch Pullover mit sehr langen
Ärmeln, unter denen nur die Fingerkuppen hervorsahen.
Glücklicherweise war es Winter. Wenders hatte schöne
schlanke Hände. Hände, die ständig in Bewegung waren.
Die mit meinem Aufnahmegerät oder seiner Nike-Uhr
spielten, wenn er nachdachte, und seinen Worten Form
gaben, wenn er redete. Hände, mit denen er seine Welt zu
gestalten schien.
Er erzählte mir von den Dreharbeiten zu seinem
aktuellen Film »The Million Dollar Hotel«, von seinen
Erfahrungen als Werbefilmer, den Hochs und Tiefs seines
Lebens und seiner Begeisterung für The Lilac Time und
The House of Love, zwei britische Bands, die ich sehr
gemocht hatte, damals, als Popmusik mir noch etwas
bedeutete. Wenders erzählte davon, wie wichtig es war, die
Kraft und den Mut aufzubringen, weiterzumachen, wenn
man am Boden war, und wie die Musik ihm dabei
geholfen hatte.
Mir fiel es irrsinnig schwer, mich auf unser Gespräch zu
konzentrieren. Ich hatte mit dem Flugzeug anreisen
müssen, war seit dem frühen Morgen unterwegs. Meinen
letzten Druck hatte ich mir vor vielen Stunden gesetzt, vor

248
dem Abflug. Heroin an Bord zu schmuggeln war mir zu
riskant erschienen. Außerdem gelang es mir so gut wie
nie, einen ausreichenden Drogenvorrat mit auf eine Reise
zu nehmen. Je mehr Heroin ich besaß, desto häufiger
nahm ich es, in immer größeren Mengen. Also versuchte
ich, meinen Konsum wenigstens ansatzweise zu kontrol-
lieren, indem ich jeden Tag nur eine bestimmte Menge
kaufte. Am Ende des Tages wurde es daher oft eng.
Langsam spürte ich, wie die Wirkung der Droge
nachließ. Ich wurde unruhig, litt unter
Schweißausbrüchen. Ich wollte nach Hause. Jetzt gleich.
Es bereitete mir beinahe körperliche Anstrengung, meine
Aufmerksamkeit auf irgendetwas anderes zu richten.
Dennoch gelang es mir, das Interview durchzustehen. Mir
blieb schließlich keine Wahl. Denn wenn es etwas gab, das
ich noch mehr fürchtete als die Entzugsqualen, dann war
es die Vorstellung, meinen Job zu verlieren.
Also saß ich in diesem Hotelzimmer und redete,
zerfressen von Versagensangst, Scham, Selbsthass und
Drogengier. Reiß dich zusammen, dachte ich immer
wieder. Halte durch. Nur diese verdammten 45 Minuten.
Dann hast du es überstanden.
Wenn es mir tatsächlich gelang, alles an den Rand zu
schieben und mich nur auf das Interview zu konzentrieren,
ging es mir besser.
Die Rückreise nach dem Interview war eine Tortur.
Schon im Taxi dämmerte ich weg, ein flacher, fiebriger
Erschöpfungsschlaf, aus dem ich ständig hochschreckte.
Ein Film von kaltem Schweiß bedeckte meine Haut. Jeder
Pulsschlag dröhnte in meinem Körper und bereitete mir
Übelkeit. Die Fahrt vom Hotel zum Münchner Flughafen
dauerte beinahe eine Stunde, ich war spät dran. Es sah
danach aus, dass ich meinen Flug verpassen und eine
spätere Maschine würde nehmen müssen. Allein die
249
Vorstellung machte mich schier wahnsinnig. Noch eine
Stunde länger auf meinen nächsten Druck warten zu
müssen schien mir unerträglich. Ich sah alle 90 Sekunden
auf die Uhr, die Minuten zogen sich endlos. Ich war nur
einige hundert Kilometer von zu Hause entfernt, aber es
schien mir wie das Ende der Welt. Zu Hause, das war da,
wo die Drogen auf mich warteten.
Die Drogensucht hatte mir die Zeit zum Feind gemacht.
Ich wartete. Ständig, in endloser Wiederholungsschleife,
immer wieder aufs Neue. Auf das Ende der Schmerzen,
die Droge, das nächste Geld, einen Platz in der Entgiftung
oder einfach nur darauf, dass der Tag endlich zu Ende
ging. Dass alles endlich zu Ende ging. Und dieses Warten
machte mich krank. Zerrte an meinem Verstand, zerrüttete
meine Nerven, trieb mich um wie ein Tier im Käfig. Nur
die wenigen Momente, in denen die Droge meinem
Bewusstsein mit Macht kurz die Augen zudrückte,
verschafften mir Linderung. Aber nur für einen flüchtigen
Augenblick. Nach jedem Druck lief die Uhr wieder
unaufhaltsam gegen mich. Und mit jeder Stunde wuchs der
Berg an Unerledigtem, Beiseitegeschobenem, der sich
drohend an den Rändern meiner Wahrnehmung auftürmte
und Schatten warf, die irgendwann sogar der Rausch nicht
mehr zu vertreiben vermochte. Nichts strukturiert das
Leben mit solcher Eindeutigkeit wie die Sucht. Sie lässt
keinen Raum für Zweifel, nicht mal für Entscheidungen.
Jeder Tag hat ein klar umrissenes Ziel, alle Energie und
Aktivität richtet sich darauf. Zufriedenheit misst sich an
der vorhandenen Drogenmenge. Sucht ordnet die Welt.
Vielleicht ist das das Hinterhältigste an der Sucht – sie
macht dir alles und jeden zum Feind. Die Zeit, deinen
Körper, der nur durch lästige Bedürfnisse und
Entzugsschmerzen auf sich aufmerksam macht; Freunde
und Familie, deren Fragen du nicht beantworten, deren

250
Sorgen du nicht zerstreuen kannst; eine Welt, die nur
Forderungen stellt, denen du dich nicht gewachsen fühlst.
Bis irgendwann nur noch die Droge bleibt.
Dass ich den Flieger noch erreichte, konnte meine
Unruhe nur kurzfristig zügeln. Der Start verzögerte sich,
ich dämmerte wieder vor mich hin, wäre gern fest
eingeschlafen, aber den Gefallen tat mir mein Körper
natürlich nicht. Jedes Mal, wenn ich die Augen öffnete
und sah, dass die Maschine immer noch auf dem Rollfeld
stand, hätte ich heulen können. Der Entzug kroch langsam
in meine Glieder und biss sich in den Knochen fest. Ein
inwendiges Reißen in Armen und Beinen, als seien
Muskeln und Sehnen zu kurz.
In meiner Wohnung wartete Daniela mit den Drogen auf
mich. Sie war nachmittags bei unserem Dealer gewesen,
einem jungen Schwarzen, und hatte Heroin und Kokain
gekauft. Das nötige Geld hatte ich ihr vor meinem Abflug
gegeben. Das war mittlerweile unser ganz persönlicher
Deal – ich verdiente das Geld, und sie ging los, Drogen
besorgen. Ich hasste alle Junkies, wollte mit der Szene so
wenig wie möglich zu tun haben. Wohl, weil ich viel mehr
mit ihnen gemein hatte, als mir lieb war.
Wie so häufig in den vergangenen Wochen saß ich
stundenlang im Bad und versuchte, eine Ader zu finden,
die noch nicht völlig zerstört war. Vor allem das Kokain
hatte meine Venen zerfressen, die zahllosen Einstiche mit
nicht sterilen Spritzen taten das Übrige. Jeder
Injektionsversuch war zu einer Art operativem Eingriff
geworden. In meinem Badezimmer sah es mittlerweile aus
wie in einer Schlachterei – Blutschlieren im Waschbecken
und auf dem Boden, Wände und Decke bespritzt.
Die Entzugserscheinungen war ich halbwegs
losgeworden, indem ich zunächst ungefähr ein Gramm
Heroin geraucht hatte. Mittlerweile empfand ich das als
251
gleichermaßen unangenehm wie unbefriedigend: Da die
Droge den Umweg über die Lunge nehmen muss, lässt die
Wirkung einige Minuten auf sich warten, eine Ewigkeit
also. Der Rausch steigt, anders als beim intravenösen
Konsum, nur langsam und bedächtig in den Kopf, der
erlösende Kick bleibt aus. Ein wenig wie Sex ohne
Orgasmus. Außerdem war das Inhalieren eine Tortur für
mich. Da ich Asthmatiker bin, rasselte meine Lunge schon
nach kurzer Zeit, jeder Zug schmerzte wie ein Messerstich
und löste Übelkeit und Brechreiz aus.
Mit jedem vergeblichen Injektionsversuch wuchs meine
Unruhe. Ich verzehrte mich nach der erlösenden Wirkung
des Heroins, danach, dass die Droge in einer warmen
Woge meinen Körper überschwemmte und mir einen
Moment der Ruhe verschaffte. Aber wenn ich ehrlich war,
hechelte ich diesem Gefühl seit Jahren vergeblich
hinterher. Einem Gefühl, das sich schon lange nicht mehr
einstellte, egal, wie viele Gramm ich in meinen Körper
pumpte. Das nur noch in meiner Erinnerung existierte.
Und trotzdem in meinem Hirn festgebrannt war. So
deutlich, dass es wehtat. Die Erinnerung daran, dass
Drogen vor anderthalb Jahrzehnten all die vollmundigen
Versprechen der Zigarettenwerbung einzulösen schienen –
wir gingen meilenweit für den nächsten Druck, und Junk
schmeckte nach Freiheit und Abenteuer.

Jetzt hielt ich die erlösende Spritze in den Händen und


fand noch nicht einmal einen Weg in meine Blutbahn.
Irgendwann spät in der Nacht kapitulierte ich. Einfach
unmöglich, eine intakte Vene zu finden. Ich hatte schon
zwei oder drei volle Spritzen wegwerfen müssen, da durch
die vergeblichen Injektionsversuche Blut in die Kanüle
gelangt war, das irgendwann verklumpte. Mein linker Arm
war taub geworden, nachdem ich die Suche nach einer
252
Vene aufgegeben und das Heroin-Kokain-Gemisch völlig
entnervt in das Gewebe meines Unterarms injiziert hatte.
Einmal hatte ich versehentlich eine Arterie erwischt, ein
fataler Irrtum. Statt der ersehnten Betäubung nur ein
Gefühl wie flüssige Lava in den Adern, man möchte
schreien vor Schmerz, zum Verrücktwerden. Hände und
Füße waren verklebt von geronnenem Blut, einige
Einstichstellen würden am nächsten Morgen entzündet
sein. Einige Wochen zuvor hatte ich mir so eine
Blutvergiftung eingehandelt. Ich hatte sogar schon
versucht, in die Venen auf meinem Penis zu injizieren.
Was sich verhältnismäßig schwierig gestaltete, da die Haut
und die Adern nur im erigierten Zustand über die nötige
Spannung verfügen. Der Versuch, diesen Zustand
aufrechtzuerhalten und gleichzeitig eine Spritze
hineinzustechen, ging meist daneben.
Daniela lag im Schlafzimmer auf dem Bett. Lag da wie
eine Marionette, der man die Schnüre zerschnitten hatte,
weltentrückt, rauschverloren. Es machte mich schier irre,
sie so zu sehen. Zum einen fraß der Neid mich beinahe
auf, nach diesem Zustand hatte ich mich seit Stunden
gesehnt. Zum anderen ekelte mich ihr Anblick an. Das war
vielleicht das Schrecklichste an einer Junkie-Beziehung –
die fast symbiotische Verstrickung erzeugt immer sehr
schnell sehr viel Hass. Der andere wird zum Spiegel, in
dem du all das erkennst, was du an dir selbst verabscheust.
Du verachtest ihn dafür. Weil es einfacher ist, als sich
selbst zu hassen. Dein Partner ist gleichzeitig dein
wichtigster Verbündeter und dein schlimmster Feind. Die
Sucht kettet aneinander, aus den falschen Gründen, sicher,
aber mit unglaublicher Macht. Manchmal ist Hass und
Wut das Einzige, das dir Raum verschafft. Luft zum
Atmen. Den anderen verletzen, zumindest mit Worten,
weil du in diesem Moment eine Ahnung davon bekommst,

253
wo du aufhörst und der andere anfängt.

Daniela und ich hatten uns mit diesem Leben abgefunden.


Jeder brauchte den anderen, damit sein Alltag halbwegs
funktionierte. Sie brauchte mein Geld, meine Wohnung.
Ich brauchte sie, damit ich mich von der Szene fernhalten
konnte und nicht Gefahr lief, verhaftet zu werden.
Brauchte sie, weil sie mir immer wieder eine Art
Galgenfrist verschaffte. Wie hätte ich noch Zeit und
Energie für meine Arbeit finden sollen, wenn ich mich
auch noch jeden Tag um die Drogenkäufe hätte kümmern
müssen? Außerdem konnte ich mich an ihr aufrichten. In
manchen Momenten schien sie mir viel kaputter und
süchtiger, als ich selbst es war. Das half mir, mich ein
wenig besser zu fühlen.
Wir hatten uns einander ausgeliefert. Oft schrien wir uns
an, vor allem, wenn es darum ging, die letzten
Drogenreserven aufzuteilen. Als ich herausfand, dass sie
ein paar Dutzend meiner CDs verkauft hatte, weil ihr die
Kokainmenge, die ich bezahlte, nicht ausreichte, warf ich
sie aus meiner Wohnung. Am nächsten Abend stand sie
wieder vor meiner Tür. Ich ließ sie herein. Wir hatten
beide von Anfang an gewusst, dass es so ausgehen würde.
Nachts im Bett klammerten wir uns wie Ertrinkende
aneinander, so wie ich mich als kleiner Junge an meinen
Teddy geklammert hatte. Sex oder gar Zärtlichkeit spielte
keine Rolle mehr.

Die Hände waren das Erste, was ich sah, als die Nebel in
meinem Kopf durchlässiger wurden. Hände an ihrem Hals.
Sie schrie. Ich konnte sie nicht hören, aber ich sah, wie
sich ihre Lippen bewegten. Sie wand sich, trat, schlug um
sich. Zerrte an den Händen, die sie würgten und am Boden

254
festhielten. Nur langsam sickerte in mein Bewusstsein,
dass diese Hände meine waren. Wie durch Treibsand
arbeitete sich mein Verstand an die Oberfläche, es dauerte
Minuten, bis ich realisierte, was gerade geschah. Was ich
gerade tat. Ich ließ sie los, abrupt, erschrocken, verstört.
Mein Herz pumpte im Stakkato gegen meine Rippen, mein
Kopf war wie wund, jeder Gedanke schmerzte. Ich hatte
keine Ahnung, was passiert war.
Daniela hatte mir einen Druck gesetzt, das war das
Letzte, an das ich mich erinnerte. Mehr als ein halbes
Gramm Kokain, in meine Halsvene. Etwas, was ich nur
sehr selten tat. Weil Einstichstellen am Hals schwer zu
verbergen sind, vor allem, wenn der Druck daneben geht
und einen Bluterguss im umgebenden Gewebe
zurücklässt. Daniela hatte mir die Spritze setzen müssen,
weil ich mit den seitenverkehrten Bewegungen vor dem
Spiegel nicht zurechtkam.
Dann, erzählte sie mir, war ich umgefallen.
Hintenübergefallen, mit dem Kopf hart auf dem Boden
aufgeschlagen und bewegungslos liegen geblieben. Mein
Körper wurde steif und meine Lippen färbten sich blau.
Ich hatte eine Überdosis Kokain erwischt. Irgendwann
öffnete ich die Augen und sah, dass sich jemand über mich
beugte. Dass es Daniela war, die panisch vor Angst an mir
rüttelte, kapierte ich nicht. Ich lag am Boden, mir ging es
elend, und da war jemand über mir. In meinem Gehirn
flogen alle Sicherungen raus. Alles entlud sich, und
Daniela war das Ziel.
Ich erinnerte mich daran, sie durch die Wohnung gejagt
zu haben. Möbel warf ich um, Türen riss ich aus den
Angeln, bis ihr Hals in meinen Händen war. Und ich
erinnerte mich an Wut. Kalte, zerstörerische Wut, ein
unbändiger Hass und der unbedingte Wille, ihr wehzutun.
Völliger Kontroll Verlust, animalisch und bösartig.

255
Nach und nach klärte sich mein Verstand. Die Bilder in
meinem Kopf sortierten sich zu Erinnerung. Der Schock
ließ mich am ganzen Körper zittern, ich würgte, der
Geschmack von Galle in meinem Mund. Daniela wand
sich unter Heulkrämpfen und schrie immer wieder, warum
ich sie so sehr hassen würde. Es klingelte an der Tür.
Zunächst begriff ich kaum, was dieses Geräusch zu
bedeuten hatte. Ich war einfach zu weit weg. Dann sah ich
den Widerschein von Blaulicht, der durch mein Fenster
fiel. Auf der Straße vor meinem Haus ein Krankenwagen
und ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Daniela sagte, sie
hätte den Notarzt gerufen, als ich regungslos mit blauen
Lippen auf dem Boden gelegen hatte. Sie hatte sich nicht
anders zu helfen gewusst. Ich geriet in Panik. In meiner
Wohnung lagen umgestürzte Möbel, auf dem Dielenboden
benutzte Spritzen und auf dem Küchentisch einige Gramm
Heroin und Kokain.
Es klingelte wieder, diesmal direkt an meiner Woh-
nungstür. Ich fragte, wer da sei. Der Polizist antwortete, er
hätte einen Notruf erhalten, und wenn ich nicht öffnen
würde, wäre er berechtigt, die Tür aufzubrechen. Ich
öffnete. Wie es mir gelang, die Beamten zu beruhigen,
weiß ich nicht mehr. Irgendwann gingen sie, nachdem sie
sich davon überzeugt hatten, dass auch Daniela wohlauf
war. Gingen, ohne meine Wohnung betreten zu haben. Als
sie weg waren, schluckte ich meinen gesamten Vorrat an
Valium, trank vier Flaschen Bier und rauchte so viel
Heroin, wie ich in meine Lunge zwingen konnte, ohne zu
erbrechen. Sog den Rauch in meine Lungen, als sei ich
gerade dem Ersticken entronnen. Danach brach ich heu-
lend zusammen. Ich klammerte mich an Daniela, heulte,
wimmerte und stammelte »Bitte hilf mir«, immer wieder
diesen einen Satz. Es war kurz vor Mitternacht. Am

256
nächsten Morgen musste ich um 8.30 Uhr am Hauptbahn-
hof einen Zug erreichen, mittags sollte ich in der Nähe von
Stuttgart ein wichtiges Interview führen. In meinem Kopf
war nur noch ein einziger Gedanke. Obwohl ich seit
Jahrzehnten an keine Religion mehr glaubte, klang es wie
ein Gebet: »Lieber Gott, lass mich diese Nacht überleben.«
Am nächsten Morgen um sieben klingelte mein Wecker,
ich fühlte mich völlig zerschlagen. Ich rauchte ein Gramm
Heroin gegen die Schmerzen, die meinen Körper und
meinen Verstand marterten. Sobald ich im ICE nach Stutt-
gart saß, fiel ich in einen komaähnlichen Schlaf. Am
Nachmittag besuchte ich eine Fabrik, in der Geisterbahnen
entworfen und gebaut wurden. Ein Geisterbahn-Designer
erklärte mir, wie aufregend es sei, der Angst und dem
Schrecken eine Gestalt zu verleihen. Ich fühlte mich selbst
wie eine der Schreckgestalten in seinem Gruselkabinett.
Und doch stand ich auch diese Reise, dieses Interview
durch.
Als ich am Abend wieder nach Hause kam, war unser
Drogenvorrat ziemlich zusammengeschrumpft. Ich suchte
nach den beiden Spritzen mit dem Heroin-Kokain-
Gemisch, die ich am Tag zuvor in eine Ecke des
Badezimmers geworfen hatte, nachdem mein Blut darin
verklumpt war. Mit ein wenig Mühe ließ sich der Inhalt
wieder verflüssigen und dann erneut injizieren. Die beiden
Spritzen waren nirgendwo zu finden. Daniela hatte sie sich
schon am Nachmittag in ihre Adern gejagt, mitsamt
meinem Blut darin. Obwohl ihr klar war, dass sie sich so
mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls mit dem
Hepatitis-C-Virus infizieren würde. Ich konnte es nicht
fassen. Ihre Drogengier hatte ihren Verstand scheinbar
komplett ausgeschaltet. Sie hatte für einen Druck ihr
Leben riskiert. Monatelang hatte ich mich panisch bemüht,
jedes Infektionsrisiko zu vermeiden. Völlig umsonst.

257
Till It’s Gone

Der Mann in der blauen Uniform winkte mich zur Seite.


»Stellen Sie sich bitte breitbeinig hin und heben Sie die
Arme«, sagte er. Dann fuhr er mit einem Metalldetektor an
meinem Körper auf und ab. Flughafen Hamburg-
Fuhlsbüttel, ein Freitag im März 2001, morgens um kurz
vor sieben. Ich war spät dran. In 20 Minuten ging mein
Flieger nach Paris. Dort sollte ich gemeinsam mit
Christoph, meinem Freund aus »Tempo«-Tagen, für den
»Spiegel« Janet Jackson interviewen, das
einzige
Einzelinterview, das die erfolgreiche amerikanische
Sängerin und Schwester von Michael Jackson einem
deutschen Magazin gewährt hatte. Christoph wartete am
Gate auf mich.
Der Sicherheitsbeamte legte den Metalldetektor beiseite.
Dann begann er, meinen Körper mit den Händen
abzuklopfen. Das Blut schoss mir in den Kopf, und mein
Puls begann zu rasen. Da wir in Paris übernachten mussten
– das Interview war für den Abend angesetzt, wir würden
den letzten Flieger zurück nach Hamburg nicht bekommen
–, war ich gezwungen gewesen, meine Heroinration für
die Nacht und den folgenden Tag mit auf die Reise zu
nehmen. Mit Tabletten allein würde ich kein Interview und
keine Übernachtung mehr durchstehen. Kurz bevor ich
zum Flughafen gefahren war, hatte ich mein
Papierbriefchen mit zwei Gramm Heroin in den linken
Strumpf gesteckt. Ich hatte völlig vergessen, dass die
Sicherheitsbeamten am Flughafen bei ihrer Suche nach
Waffen häufig die Beine der Passagiere abtasten.
Die Hand des Beamten strich über meine Oberschenkel.
Die Angst schnürte mir die Luft ab. Sollte er das Heroin
258
finden, würde ich in einer Zelle landen und meine Zeit als
»Spiegel«-Autor wäre wohl endgültig vorüber. Einen
Interviewtermin mit einem der erfolgreichsten Popstars der
USA verstreichen zu lassen, weil ich am Hamburger
Flughafen mit Heroin verhaftet worden war, würde meiner
Laufbahn als Journalist aller Wahrscheinlichkeit nach den
Todesstoß versetzen.
Der Beamte war bei meinen Unterschenkeln angelangt.
Er strich flüchtig an der Außenseite der Wade entlang,
kam dem Heroin immer näher, das innen an meinem
Fußgelenk steckte. Tastete sich bis zu den Fesseln vor. Ich
stand völlig verkrampft da, zwang mich, meinen Atem
ruhig zu halten, und versuchte, meine Beine unmerklich zu
drehen, so dass die Innenseite meiner Fußgelenke den
suchenden Händen entzogen war.
Der Beamte richtete sich auf und wies mich an,
weiterzugehen. »Guten Flug«, wünschte er mir zum
Abschied.
Ich verschwand, so schnell ich konnte, mit großen
Schritten hastete ich zu meinem Gate.
»Mann, siehst du fertig aus«, sagte Christoph.
Später am Abend saßen wir in einem Restaurant im
Pariser Stadtteil Montparnasse und warteten auf unser
Abendessen. Vor zwei Stunden, nach unserem Interview,
war ich sofort mit dem Taxi in unser Hotel gefahren,
Christoph hatte noch in einigen Plattenläden gestöbert. Ich
konnte es nicht erwarten, auf mein Zimmer zu kommen.
Dort hatte ich ungefähr ein Gramm Heroin geraucht.
Trotzdem war ich am Ende meiner Kräfte. Die Reise, die
Aufregung am Zoll und das 45-minütige Interview hatten
mir alles abverlangt, was ich noch an Selbstbeherrschung
und Konzentration aufzubringen vermochte. Ich hing in
meinem Stuhl, als seien all meine Knochen aus Gummi.

259
Christoph hob sein Bierglas und prostete mir zu.
»Trotzdem«, sagte er, »Glückwunsch, super Interview.
Ich wüsste gerne, wie du es in deinem Zustand immer
wieder schaffst, wenn es darauf ankommt, tatsächlich in
Form zu sein.«
Ich stieß mit ihm an und rang mir ein Lächeln ab.
»Das wüsste ich auch gerne«, antwortete ich.
Das Interview war tatsächlich gut gelaufen. Janet
Jackson hatte uns von ihrer problematischen Kindheit
erzählt, der Bürde ihres Nachnamens und ihrer Freude am
Sex. Der »Spiegel« würde dieses Interview später an
zahlreiche ausländische Zeitungen verkaufen. Wir hatten
gute Arbeit geleistet.
Lange, das wusste ich, würden mir solche Interviews
nicht mehr gelingen. Zu knapp war ich in den vergangenen
Monaten immer wieder an der Katastrophe
vorbeigeschlittert. Der Tag, an dem ich beinahe Daniela
erwürgt hatte, lag ungefähr ein Jahr zurück. Allein die
Erinnerung daran bereitete mir immer noch Übelkeit.
Schon einige Monate zuvor, bei den Filmfestspielen in
Venedig im September 1999, wäre mein Interview mit
Brad Pitt beinahe geplatzt, da ich nicht genügend Pillen
eingepackt hatte. Der Entzug erwischte mich kurz vor
meinem Gesprächstermin. Nur mit Mühe hatte ich das
Interview durchgestanden, während des Rückfluges
übergab ich mich. Als ich in Hamburg aus dem Flieger
stieg, konnte ich kaum auf meinen Beinen stehen. Und im
vergangenen Jahr hatte ich so häufig im Allgemeinen
Krankenhaus Ochsenzoll entgiftet, dass ich einen großen
Teil meiner Texte im Krankenbett hatte schreiben und in
die Redaktion faxen müssen. Häufig war es mir nur mit
allerletzter Kraft gelungen, meine Abgabetermine
einzuhalten.

260
Noch hielt Lothar mir den Rücken frei, aber sobald ich
einen Auftrag vermasseln würde, wäre das auch vorüber.
Ich erzählte Christoph von meinem Erlebnis mit dem
Zöllner am Hamburger Flughafen.
»Oh Mann«, sagte Christoph. »Ich möchte nicht dabei
sein, wenn dein Schutzengel in Rente geht.« Das wollte
ich auch nicht. Deshalb hatte ich mich wieder für eine
Therapie entschieden.

261
Am Ende

Am 15. Mai 2001 riss mich der Reisewecker um 5.30 Uhr


mit enervierendem Fiepen aus dem Schlaf. Obwohl ich
erst vor drei Stunden zu Bett gegangen war, schlug ich
sofort die Augen auf. Mein Herz hämmerte und Schweiß
stand auf meiner Stirn. So ging es mir jedes Mal, wenn ich
nachts mit dem Gedanken eingeschlafen war, auf gar
keinen Fall verschlafen zu dürfen. Selten war dieser
Gedanke so drängend gewesen wie in der vergangenen
Nacht. Ich ging in die Küche und rauchte ungefähr ein
Gramm Heroin, bis die Schmerzen in meiner Lunge mich
zwangen, aufzuhören. Dann legte ich mir vier
Subutextabletten unter die Zunge, meine tägliche Ration,
setzte mich an meinen Schreibtisch und schaltete meinen
Computer an.
Seit einigen Wochen wurde ich wieder substituiert. Im
vergangenen Jahr hatte die Drogenambulanz in Hamburg
begonnen, neben Methadon und Polamydon auch einen
Ersatzstoff namens Subutex zu verabreichen. Für mich ein
Geschenk des Himmels, meine Erfahrungen vor drei
Jahren hatten mir Methadon und Polamydon mehr als
verleidet. Subutex ist ein opiatähnliches Schmerzmittel,
das zum Beispiel in Frankreich schon seit einem Jahrzehnt
erfolgreich in der Substitution eingesetzt wird. Die
Tabletten werden unter die Zunge gelegt und lösen sich
dort auf. Subutex nimmt die Entzugserscheinungen, macht
aber in wesentlich geringerem Maße abhängig als
Methadon und lässt den Kopf deutlich klarer. Vor allem
für meine Arbeit ein großer Vorteil. Trotzdem nahm ich
zusätzlich noch wie zwanghaft mein Heroin, obwohl das
Subutex dessen Wirkung drastisch verringert.

262
Der Text, den ich am gestrigen Sonntag zu schreiben
begonnen hatte, war erst gut zur Hälfte fertig. Ich schrieb
über die Gorillaz, ein Bandprojekt aus England, das
komplett aus Cartoonfiguren bestand. Ausgedacht hatten
sich das Ganze Dämon Albarn, Sänger der britischen
Erfolgsband Blur, und Jamie Hewlett, ein Zeichner, der
vor Jahren mit Comics um die gleichermaßen
apokalyptische wie anarchische Heldin Tankgirl für
Aufsehen gesorgt hatte. Hewlett zeichnete die Musiker,
Albarn schrieb die Musik. Beide wollten im Hintergrund
bleiben. Die Stars sollten die Zeichentrickfiguren sein.
Einige Wochen zuvor hatte ich Albarn und Hewlett in
London zu einem Interview für den »kulturSpiegel«
getroffen, für den Vormittag hatte ich Lothar den fertigen
Text zugesagt. Ich begann erst Sonntagmittag zu
schreiben. Bis zum Sonntagabend hatte ich 6000 der
geforderten 10.000 Zeichen fertig. Den Rest musste ich
wohl oder übel am anderen Morgen schreiben, mein Hirn
war ausgebrannt, die letzte halbe Stunde hatte ich nur
komatös auf den Bildschirm gestarrt. Außerdem hatte ich
noch eine Menge zu erledigen in dieser Nacht.
Zum einen war mein Drogenvorrat aufgebraucht, ich
musste einen Termin mit meinem Dealer vereinbaren.
Anfang des Jahres hatte ich mich endgültig von Daniela
getrennt, kurz nachdem ich mich zu meiner dritten
Therapie entschieden hatte. Ich hatte endlich begriffen,
dass wir zusammen nicht die geringste Chance hatten,
zumal Daniela ihre Entgiftungsversuche mittlerweile
völlig aufgegeben hatte und in ihrem Drogenkonsum
immer gnadenloser geworden war. Einmal war sie für zwei
volle Tage verschwunden, ich fuhr stundenlang durch die
Stadt, fand sie nirgends. Am dritten Morgen rief sie mich
aus dem Krankenhaus an. Sie war auf der

263
Intensivstation zu sich gekommen und hatte kaum noch
eine Erinnerung an die vergangenen Tage. Ich erkannte,
dass ich der Letzte war, der ihr noch helfen konnte, mit
ihrer Sucht fertig zu werden.
Seit einigen Monaten kaufte ich mein Heroin bei einem
jungen Schwulen, den ich am Hauptbahnhof kennen
gelernt hatte. Er war einigermaßen zuverlässig, sein
Heroin günstig und von guter Qualität. Für ein Tütchen
mit fünf Gramm, ein Beutel hieß das auf der Szene, zahlte
ich 150 Mark. Mit dieser Menge, zusätzlich zu meinen
acht Milligramm Subutex täglich, kam ich ungefähr drei
Tage aus. Wir verabredeten uns an einer U-Bahn-
Haltestelle, ich kaufte meinen Beutel und fuhr wieder nach
Hause. Dort wartete noch eine Menge Arbeit auf mich.
Am nächsten Morgen wurde ich um 9 Uhr in einem
Krankenhaus bei Bargteheide, 20 Kilometer vor Hamburg,
erwartet. Zu einer stationären Entgiftung, der, wie ich
hoffte, letzten meines Lebens.
In den vergangenen Monaten hatte ich immer wieder
darüber nachgedacht, mich meiner Sucht endgültig zu
ergeben. Seit über einem Jahr fühlte ich mich, als würde
ich mit aufgeschnittenen Pulsadern durch die Welt
wanken, alle Kraft, alle Hoffnung, alle Träume schienen
aus mir herausgeflossen zu sein. Ungefähr ein halbes
Dutzend stationärer und eine ambulante Entgiftung hatte
ich in dieser Zeit durchgestanden, jedes Mal war ich nach
wenigen Tagen wieder rückfällig geworden.
Warum also nicht einfach so weitermachen, die rund 400
Mark in der Woche für Heroin konnte ich mir durchaus
leisten, schließlich verdiente ich gut.
Vielleicht sollte ich endlich akzeptieren, dass ich ein
Junkie war und bleiben würde. Aufhören zu kämpfen und
mich mit diesem Leben arrangieren, das nur aus
Geldverdienen, apathisch auf der Couch liegen und
264
Drogen nehmen bestand. Aber so wollte und konnte ich
nicht weitermachen. Immer wieder war ich in den
vergangenen Monaten nach dem Aufwachen in Tränen
ausgebrochen und hatte mit meinen Fäusten gegen die
Wand meines Schlafzimmers geschlagen. Hatte mir,
sobald der Schlaf verflogen war und die Erkenntnis in
mein Hirn sickerte, dass mir ein Tag bevorstand, der exakt
so ablaufen würde wie die vorherigen, nichts mehr
gewünscht, als tot zu sein. Aber sterben wollte ich noch
nicht. Also hatte ich mich entschieden, es wieder mit einer
Therapie zu versuchen. Denn wenn ich eines gelernt hatte
in den vergangenen zwei Drogentherapien, dann, dass ich
es schaffen konnte. Zwei Mal hatte ich die Droge schon
aus meinem Leben verbannt, zumindest vorübergehend.
Warum sollte es mir nicht ein drittes Mal gelingen? Wenn
alles gut ging, sogar für immer. Und wenn nicht, erkaufte
ich mir so zumindest einige suchtfreie Jahre.
Trotzdem fiel mir die Entscheidung für eine dritte
Therapie sehr schwer. Die beiden vorherigen Versuche
hatten mit meinem Rückfall geendet. War es die Mühe
wirklich wert, wenn ich am Ende doch immer wieder bei
der Droge landete? Überhaupt, was sollte ich denn in einer
dritten Therapie noch lernen, was sie mir in den ersten
beiden nicht beigebracht hatten? War ich denn wirklich so
schwer von Begriff, dass ich das alles noch einmal
wiederkäuen musste? Und was, wenn ich am Ende wieder
rückfällig würde? Ein weiteres Versagen würde ich mir
nicht verzeihen können.
Außerdem hatte ich große Angst davor, meine berufliche
Existenz aufs Spiel zu setzen. Arbeiten konnte ich trotz
meiner Sucht relativ zufriedenstellend, das zumindest
hatte ich mir im vergangenen Jahr bewiesen. Doch wie
würde meine berufliche Situation nach fünf Monaten
Pause aussehen? Würden meine Auftraggeber nicht längst

265
mit anderen arbeiten, wäre meine Pauschalistenstelle beim
»kulturSpiegel« dann nicht anderweitig besetzt? Aber ohne
Therapie, wie hoch die Risiken und wie gering die
Erfolgsaussichten auch sein mochten, würde ich über kurz
oder lang alles verlieren.
Ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich nicht einmal die
vergangenen Monate durchgestanden. Oft fragte ich mich,
warum sie alle überhaupt noch zu mir hielten, so wertlos
wie ich mich fühlte. Meine Freundschaft nutzte
niemandem mehr etwas. Ich fürchtete den Tag, an dem
meine Freunde das auch so sahen und aller Kredit, den ich
noch bei ihnen zu haben schien, verspielt sein würde. Also
bewarb ich mich. Denn eines wusste ich ganz sicher – die
Therapie würde mir zumindest die Möglichkeit bieten,
fernab der Droge Ruhe und Erholung für meinen
gequälten Körper und Verstand zu finden und wieder zu
Kräften zu kommen. Wie auch immer es am Ende
ausgehen würde.
Vorher musste ich meine Wohnung herrichten. Da ich
die Therapie direkt im Anschluss an die Entgiftung
antreten würde, hatte ich meine Wohnung über die
Mitwohnzentrale für drei Monate untervermietet. Ich
musste Ordnung und etwas Platz in Schränken und
Regalen schaffen. Da ich mich darum sorgte, ob der
Untermieter meine Comics angemessen pfleglich
behandeln würde, hatte ich beschlossen, sie auszulagern.
Meine CDs befanden sich eh allesamt in der Pfandleihe.
Ich warf meine Spritzen und die blutbefleckten
Handtücher in den Müllcontainer hinter dem Haus, die
Wäsche, die ich nicht mit in die Therapie nehmen wollte,
stopfte ich zusammen mit den Papieren auf meinem
Schreibtisch in Plastiksäcke und trug sie auf den
Dachboden. Dann packte ich meine Comics in acht
Umzugskartons, lud sie in meinen Wagen und schleppte

266
sie gegen Mitternacht mit Hilfe einer Freundin in die
Büroräume eines befreundeten Kollegen, der sie bis zu
meiner Rückkehr aufheben würde.

Am Dienstag, den 31. Mai 2001, sollte ich vormittags in


der Bernhard-Salzmann-Klinik in Gütersloh aufgenommen
werden. Bis dahin musste ich entgiftet sein. Am Montag,
den 15. Mai, kurz nach 6 Uhr morgens, setzte ich mich an
meinen Computer und schrieb weiter an meinem Gorillaz-
Text. Gegen acht hatte ich meinen Artikel beendet, ich
mailte ihn in die »Spiegel«-Redaktion und schaltete
meinen Computer aus. In der Nacht zuvor hatte ich alles,
was ich für die Therapie benötigen würde, in den Seesack
gepackt, den ich mir vor Jahren für meine Wüstenreise
gekauft hatte. Den Seesack lud ich in meinen Jetta. Dann
stopfte ich ein wenig Wäsche, Toilettenartikel, Bücher,
Comics und die Gorillaz-CD in eine Sporttasche. Meinen
Laptop nahm ich ebenfalls mit, bis zum Ende der Woche
hatte ich Lothar noch einen Text zugesagt, den ich im
Krankenhaus schreiben und von dort in die Redaktion
faxen wollte. Als ich alles Gepäck in meinem Wagen
verstaut hatte, rauchte ich noch ein Gramm Heroin und
suchte auf der Straßenkarte den Weg nach Bargteheide.
Dann schloss ich meine Wohnungstür hinter mir ab und
fuhr los. Ein bewölkter Frühlingstag, leichter Nieselregen
nässte die Fahrbahn. Kurz nachdem ich die Stadtgrenze
von Hamburg hinter mir gelassen hatte, kurbelte ich das
Seitenfenster meines Wagens herunter und warf das
Papierbriefchen mit meinen letzten zwei Gramm Heroin
aus dem Fenster.

267
Epilog

Februar 2004. Ich bin 38 Jahre alt, mein erster Druck liegt
20 Jahre zurück. Vor drei Jahren habe ich zum letzten Mal
entgiftet, im September 2001 habe ich meine letzte
Therapie beendet. Seitdem habe ich kein Heroin, kein
Kokain und keine Schlaftabletten mehr genommen. Nicht
mehr gesnifft, nicht mehr geraucht, nicht mehr gespritzt,
nichts mehr. Ob es diesmal so bleibt, wird sich zeigen.
Ich arbeite wieder als Journalist, immer noch mein
Traumberuf. Ich lebe in Hamburg, der schönsten Stadt
Deutschlands. Vor zwei Jahren habe ich mich verliebt.
Meine Freundin nimmt keine Drogen, seit einem Jahr
wohnen wir zusammen. Ich liebe sie sehr. In den
vergangenen drei Jahren habe ich schwere Krisen und
Alltagstristesse überstanden, ohne rückfällig zu werden.
Ich bin angekommen, denke ich.
Sucht kommt von Suchen, hieß es in meiner ersten
Therapie. Und tatsächlich habe ich im Drogenrausch
vieles gesucht – Spaß, Aufregung, Identität, Heimat. Und
ich habe es auch gefunden, zumindest anfangs. Drogen
funktionieren, sie sind sogar sehr gut in dem, was sie tun.
Sonst würde sie niemand nehmen. Irgendwann aber ist der
Spaß vorbei und der Preis für den Rausch zu hoch. Ich
kenne niemanden, dem es gelungen ist, rechtzeitig
aufzuhören.
Meine Sucht hat einen hohen Preis gefordert.
Ich habe weit mehr als eine halbe Million Mark für
Drogen ausgegeben und ungefähr 50.000 Euro Schulden
angesammelt, bei der Bank und dem Finanzamt. Meine
Eltern haben für mich eine Hypothek auf ihr Haus
aufgenommen, die ich in monatlichen Raten abbezahle. Es
268
wird viele Jahre dauern, bis ich wieder schuldenfrei bin.
Ich wurde mehrfach verhaftet und zu zwei
Bewährungsstrafen verurteilt. Ein Verfahren gegen mich
wurde eingestellt.
Ich bin mit Hepatitis C infiziert.
Ich habe vier Mädchen, vielleicht sogar fünf, ihren
ersten Druck gesetzt.
Ich habe Menschen, die mir viel bedeuten, belogen und
bestohlen.
Und ungefähr ein halbes Dutzend meiner Freunde und
Freundinnen sind heute tot.
Detlef, mein ältester Freund, mit dem ich vor 24 Jahren
meinen ersten Joint geraucht habe, hat überlebt. Wenn
auch nur knapp – vor zwölf Jahren wäre er beinahe in
einer Gefängniszelle in Lübeck gestorben. Zu dieser Zeit
hat er mehr Drogen genommen als je zuvor in seinem
Leben, Methadon, Heroin, Kokain, Schlaftabletten, jeden
Tag in großen Mengen. Er wurde verhaftet und ins
Gefängnis gesteckt. Dort bekam er keine Medikamente.
Der Entzug brachte ihn beinahe um, an seinem zweiten
Tag in der Zelle sah er seinen eigenen Körper auf der
Pritsche liegen, während sein Geist sich immer weiter
entfernte.
Seit damals hat er keine Drogen mehr angerührt. In
diesem Sommer werden es zwölf Jahre. Vor sechs Jahren
hat er geheiratet, seit drei Jahren lebt er mit seiner Frau
wieder im Rheinland, nur wenige Kilometer von dem
Jugendzentrum entfernt, in dem wir uns kennen gelernt
haben. Vor zweieinhalb Jahren wurde sein Sohn geboren.
Auch Detlef hat sich mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert.
Im vergangenen Jahr hat er sich einer Interferon-Therapie
unterzogen. Sechs Monate lang litt er täglich unter
Depressionen, Fieber, Übelkeit, Schweißausbrüchen und
269
Mattigkeit, fühlte sich völlig fremd in seinem Körper. Er
hat durchgehalten. Wenn er ein wenig Glück hat, bleibt
das Virus jetzt für immer aus seinem Körper
verschwunden.
Zanne, das Mädchen, mit dem ich den Pornofilm gedreht
habe, ist heute ebenfalls clean. Sie lebt mit ihrem Freund
in der Nähe von Köln und arbeitet als Floristin.
Karina und Klara leben heute in dem Dorf, in dem ich
aufgewachsen bin. Karina hat vor Jahren geheiratet und
eine zweite Tochter bekommen. Klara feiert demnächst
ihren 15. Geburtstag. Als ich in ihrem Alter war, lag mein
erster Joint schon mehr als ein halbes Jahr zurück. Wie
ihre Mutter liebt Klara Pferde. Drogen nimmt sie keine,
soweit ich weiß. Ich hoffe sehr, dass es so bleibt. Klara
und ich sehen uns immer noch regelmäßig, im Frühling
wird sie mich zusammen mit ihrem Freund in Hamburg
besuchen. Ich freue mich sehr darauf.
Auch Daniela, das Mädchen, das ich beinahe erwürgt
hätte, lebt. Noch. Im Herbst vorigen Jahres ist sie zurück
ins Allgäu gezogen, da wog sie keine 40 Kilo mehr, war
substituiert, nahm Drogen und trank exzessiv Alkohol. Im
Januar wurde sie mit 5,4 Promille auf der Intensivstation
eingeliefert. Zur Zeit wartet sie auf einen Therapieplatz.
Möglicherweise ihre allerletzte Chance.
Artur, mein Freund aus dem Rheinland, der mir meinen
ersten Druck gesetzt hat, starb im vergangenen Sommer.
Von seinem Tod erfuhr ich durch Gaby, meine Exfreundin,
die mich vor mehr als 15 Jahren durch die Kneipe in
Erkelenz getreten hatte. Sie hat mir schon lange verziehen.
Arturs Todesanzeige hatte sie in einer Lokalzeitung
gelesen. Artur und ich hatten uns seit Jahren nicht mehr
gesehen. Wenige Monate vor seinem Tod hatte er mich
angerufen. Hatte mir von seinem Leben in der Schweiz
erzählt, wo er seit einiger Zeit wohnte. Vom

270
Bergsteigen und Snowboard fahren. Von einer geplanten
Reise nach Indien. Und von seinem letzten Kokainrückfall
einige Wochen zuvor, der ihn in tiefe Depressionen
gestürzt hatte. Deshalb war mein erster Gedanke auch
»Überdosis«.
Artur, erfuhr ich von seinem Vater, war abgestürzt. Aber
nicht so, wie ich vermutet hatte. Er war bei einer
Klettertour aus der Wand gefallen. Sie fanden ihn erst
einige Tage später leblos in einer Schlucht. Auf eine
seltsame Weise war ich erleichtert. An einer Felswand zu
scheitern erschien mir weniger tragisch, als an der Sucht
zu scheitern.
Ich rief Erik an, damals der dritte in unserer Freundes-
Familie, und erzählte ihm von Arturs Tod. Erik lebt heute
in Berlin. Er ist seit vielen Jahren clean, trägt den
schwarzen Gürtel in einer koreanischen Kampfkunst-
Disziplin und arbeitet als Sozialpädagoge. Arturs Tod,
sagte er, erinnere ihn an all die verpassten Chancen seines
Lebens. Daran, wie ihm die Sucht vor Jahrzehnten die
Unbeschwertheit geraubt hat und wie oft er selbst schon
hat nicht mehr leben wollen, weil ihm alles absolut
hoffnungslos erschien. Auch Erik ist mit Hepatitis C
infiziert, bei ihm ist die Krankheit chronisch und zerfrisst
langsam seine Leber. »Damals habe ich viele Fehler
gemacht, die ich heute bereue«, sagt er. »Ich habe viele
falsche Entscheidungen getroffen, die mein Leben heute
noch beeinträchtigen.«
Eriks Sätze gingen mir lange nicht aus dem Kopf. Viele
dieser Fehler hatten wir schließlich gemeinsam begangen.
Sicher, es gab in der Vergangenheit viele Momente, in
denen ich mich für meine Sucht verflucht hatte und
beinahe alles dafür gegeben hätte, meinen ersten Druck
rückgängig zu machen. In denen ich das Elend kaum mehr
ertragen konnte. Vor allem in den letzten Jahren, in denen

271
meine Drogensucht beinahe alles aufgefressen hatte,
wofür ich so lange gearbeitet hatte, meine berufliche
Existenz als Journalist, meine Gesundheit, meine
Freundschaften, eben alles, was mein Leben ausmachte.
Und dennoch. Die Vorstellung, für einen großen Teil
meines Lebens nur Reue zu empfinden, gefällt mir nicht.
Jetzt, drei Jahre nach meinem letzten Druck, begreife ich,
was Iggy Pop mir fünf Jahre zuvor klar machen wollte –
dass er nichts bereut, weil ihn all seine Exzesse und
Überdosen zu dem Menschen gemacht haben, der er heute
ist.
Ich habe in den vergangenen 20 Jahren Unmengen von
Drogen genommen und dutzende Entzüge durchgestanden.
Manchmal war ich mir nicht einmal sicher, ob ich den
nächsten Monat, den nächsten Tag überleben würde. Ob
ich ihn überleben wollte. Aber ich habe überlebt. Und
dieses Leben ist großartig. Möglich, dass ich all das erst
jetzt wirklich schätzen gelernt habe. Vielleicht war es für
mich tatsächlich nötig, ein paar Lektionen unter
Schmerzen zu lernen. Ich werde mein Leben so schnell
nicht wieder aufs Spiel setzen.

272
Dank

Ich danke all denen, die mir in den vergangenen


Jahrzehnten geholfen haben, am Leben zu bleiben. Und all
denen, die mir in den vergangenen Monaten geholfen
haben, mich zu erinnern.

Einige Namen habe ich geändert.

Für die Unterstützung bei diesem Buch danke ich


besonders Lothar Gorris, Anke Dürr, Otmar Jenner, Cordt
Schnibben, Andreas Banaski und vor allem Linda Arckel.

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