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Grundeinheiten der

Wortbildung
Basisliteratur
• 1. Lohde M. Wortbildung des modernen Deutschen. Ein Lehr-und Übungsbuch.
Narr Francke Attempto Verlag Gmbh. 2006.
• 2. Donalies E. Basiswissen. Deutsche Wortbildung. Tübingen; Basel: A. Franke
Verlag, 2007.
• 3. Fleischer W., Barz I. Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Berlin;
Boston: de Gruyter, 2012.
• 4. Schippan Th. Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen: Max
Niemeyer, 1992. 247 S.
• 5. Siehr K. H., Berner E. Sprachwandel und Entwicklungstendenzen als
Themen im Deutschunterricht: Fachliche Grundlagen – Unterrichtsanregungen
– Unterrichtsmaterialien. Potsdam: Universitätsverlag Potsdam, 2009.
Zusätzliche Literatur
• 1. Altmann H., Kemmerling S. Wortbildung fürs Examen / H. Altmann, S. Kemmerling. Göttingen:
Vandenhoeck und Ruprecht, 2005. 167 S.
• 2. Barz I. Englisches in der deutschen Wortbildung. In: L. M. Eichinger, M. Meliss, M. J. D. Vázquez
(Hrsg.). Wortbildung heute. Tendenzen und Kontraste in der deutschen Gegenwartssprache. Studien
zur Deutschen Sprache. Forschungen des Instituts für Deutsche Sprache. Bd. 44. Tübingen : Gunter
Narr Verlag, 2008. S. 39–60.
• 3. Lawrenz B. Moderne deutsche Wortbildung. Phrasale Wortbildung im Deutschen: Linguistische
Untersuchung und sprachliche Behandlung. Hamburg : Dr. Kovac Verlag, 2006. 300 S.
• 4. Paul H. Von den Aufgaben der Wortbildungslehre. In: Sitzungsberichte des Philosophisch-
philologischen und der historischen Klasse der k. b. Akademie der Wissenschaften zu München, 1896.
Wiederabgedruckt in : Wortbildung. Hsgb. von Lipka L., Günther H. Darmstadt, 1981. S.17–35.
• 5. Polzin C. Kreativität in der Wortbildung – kontrastiv gesehen. In: P. Reisewitz (Hrsg.). Kreativität.
Beiträge zum 12. Nachwuchskolloquium der Romanistik (Eichstätt, 30.5.-2.6.1996). Bonn :
Romanistischer Verlag, 1997. S. 269–279.
Gliederung
1. Zum Begriff des Morphems
1.2. Grundmorpheme und Affixe
1.3. Konfixe (Kombineme) und unikale Morpheme
1.4. Allomorphie
1.5. Interfigierung (Kompositions- und Derivationsfugen)
2. Die Fuge nach substantivischem Erstglied
3. Die Fuge nach verbalem Erstglied
4.  Fremdsprachige Fugenelemente
5. Motiviertheit und Idiomatisierung
6. Der Affixbestand im Deutschen
Grundmorpheme und Affixe
• Wortbildung befasst sich mit der Schaffung neuer
Wörter, die auf der Grundlage bereits vorhandenen
Wortmaterials auf verschiedene Art und Weise
entstehen können. Dabei erfolgt die Bildung in
Abhängigkeit vom Aufbau, von der Struktur des
jeweiligen Wortes. Um diese Struktur adäquat
beschreiben zu können, erlangt der Morphembegriff
eine zentrale Bedeutung.
das Morphem
das Morphem (griech. morphe ̄ = Gestalt, Form) aus einem
oder – viel häufiger – mehreren Phonemen, den kleinsten
linearen bedeutungsdifferenzierenden Segmenten;
im semantischen Sinne ist das Morphem die kleinste
bedeutungstragende Einheit der Sprache, ein „signifikantes
Minimalzeichen“ (Erben 2000), das komplexe Wörter – also
Morphemgefüge – aufbauen kann (lern-en, er-lern-t, er-lern-
bar, Er-lern-bar-keit).
Freie Morpheme
die sog. Grundmorpheme (Basis- oder Kernmorpheme);
Frei bedeutet, dass die Grundmorpheme „wortfähig“ sind, sie begegnen in
Form von selbstständig vorkommenden Wörtern und haben eine
„lexikalisch-begriffliche Bedeutung“ (Schippan 1984).
Der Bestand der Grundmorpheme ist praktisch unbegrenzt: so, jetzt,
schwarz, Boot, schweigen;
mehrgliedrige Zusammensetzungen: Sahne-torte, Feuer-lösch-auto,
Groß-stadt-lärm.
Basis- oder Kernmorphem für Ableitungen: z.B. in Feind-lich-keit, un-
schuld-ig, Ver-misch-ung, ein-bau-en.
gebundene Morpheme
• Affixe (lat. affixum = Angefügtes, Angeheftetes), auch „Formantien“
(Erben 2000) können weder als Wort noch als Ableitungsbasis
auftreten. Sie besitzen eine lexikalisch-begriffliche Bedeutung; die
durch sie bezeichneten Begriffe haben jedoch einen erheblich höheren
Grad der Verallgemeinerung (Fleischer/Barz 1995).
• Affixe lassen sich unter funktionalem Aspekt in zwei Subgruppen
aufgliedern:
1. Wortbildungsmorpheme (Derivateme oder Derivative)
2. Flexionsmorpheme (Grammeme oder Grammateme).
Wortbildungsmorpheme
dienen ausschließlich der Bildung von Wörtern; hinsichtlich ihrer Stellung zur
Derivationsbasis ergeben sich zwei Möglichkeiten:
• – Präfixe stehen vor der Basis (ent-fliehen, Ge-stein),
• – Suffixe stehen nach der Basis (Neu-heit, wind-ig).
• das Suffix –nis: Ereignis, Bedürfnis, das Präfixes be-: bestrafen, befühlen.
• Ernte → Missernte, gönnen → missgönnen, vergnügt → miss-vergnügt.
• Homonymie –  werk (Suffix): Regelwerk;
Werk (Grundmorphem): Möbelwerk.
• –  ist (Suffix): Gitarrist
ist (Grundmorphem): Form von sein
• –  haupt- (Präfix): Hauptaufgabe
Haupt (Grundmorphem): Kopf, wichtigste Person.
Flexionsmorpheme
Flexionsmorpheme kennzeichnen „grammatische Inhalte und
Beziehungen“; sie dienen somit der Charakterisierung der Wortarten.
• Verb: -e, -e(st), -(e)t, -(e)n, -end, -te, ge-; Umlaut (fangen – fängt),
Ablaut (binden – band) [Tempus, Modus, Genus Verbi, Person,
Numerus].
• Nomen: (Substantiv, Adjektiv, Pronomen, Numerale): -(e)s, -(e)n, -e,
-er, -em, -ens, -st; Umlaut (Zug – Züge) [Genus, Kasus, Numerus,
Komparation].
Keine Flexionsmorpheme weisen Adverbien, Präpositionen und
Konjunktionen auf.
Konfixe (Kombineme) und unikale Morpheme
Grundmorpheme verfügen über das Merkmal Wortfähigkeit. Sie sind
nur in Verbindung mit anderen Morphemen vorzufinden. Derartige
Morpheme nennt man Konfixe (Kombineme).
• Das Kompositum besteht aus der Struktur Konfix + Substantiv:
Biomasse, Stiefsohn;
• das Konfix steht an zweiter Stelle, wobei das Erstglied ein frei
vorkommendes Grundmorphem bzw. dessen kombinatorische Variante
darstellt: Fotograf, Psychopath;
• bei Erst- und Zweitglied handelt es sich um Konfixe: Aquanaut,
polyglott.
unikale Morpheme
Die Rede ist von herausgliederbaren Bestandteilen
mancher Wörter, die im Unterschied zu den
Konfixen nicht reihenhaft in Kombination mit
anderen Morphemen vorkommen, sondern nur
eine einmalige Verbindung eingehen wie in
Samstag, Brombeere oder Nachtigall (Singvogel).
Allomorphie
• „phonemische Variante“ (Th. Schippan)
• Grundmorpheme verfügen im Allgemeinen über einen größeren
Variantenreichtum als Affixe. Typisch ist der Wegfall des unbetonten -e
im Auslaut. Vgl.: Ruhe → ruhig, Hölle → höllisch, Rose → Röschen,
Ekel → eklig, Schweden → schwedisch, Isländer → isländisch.
• Häufig begegnet der Wechsel des Stammvokals als Folge der Verbin-
dung mit einem Wortbildungs- oder Flexionsmorphem (Stunde →
stündlich, rot → rötlich, Baum → Bäume, Glas → Gläser) oder der
Ablautentwicklung (finden → Fund, zwingen → Zwang, geben → gibst,
biegen → bog).
Konsonantenwechsels
Aus fremdsprachigen Verben abgeleitete Substantive
auf -ier(en), wo der letzte Basiskonsonant wechselt wie
z.B. in Transkription ← transkribieren oder Funktion
← fungieren.
Beispiele für konsonantische Basisvariation im
heimischen Wortgut u.a. hier → hiesig und heiß →
Hitze.
Kombinatorische Allomorphie
Merkmal der kombinatorischen Varianten der Grundmorpheme ist der
Umlaut, die Stammvokale a, o, u und au: z.B. die Suffixe -isch, -lich, -ig,
-chen, -lein, -in an das Basiswort anschließt: Stadt → städtisch, dumm →
dümmlich, Korn → körnig, Maus → Mäuschen, Buch → Büchlein, Gott →
Göttin.
• Getilgt werden in erster Linie die Suffixe -en, -ien und -ei: Hessen →
Hesse, hessisch; Argentinien → Argentinier, argentinisch; Türkei →
Türke, türkisch.
• Verbalsuffix -ier werden im Zuge der Adjektivbildung u.a. die
substantivischen Fremdsuffixe -ie und -ion getilgt: Ökonomie →
ökonomisch, Ironie → ironisch, Aggression → aggressiv.
Interfigierung (Kompositions- und Derivationsfugen)

• Die Hauptaufgabe der Interfixe ist das Schließen


der Nahtstelle zwischen den einzelnen Gliedern
einer Komposition – daher rührt auch der
Terminus Kompositionsfuge bzw.
Fugenelement:
Tag-es-licht, Bauer-n-brot, erfolg-s-hungrig,
Kleid-er-stoff, Präsident-en-sitz.
Die Fuge nach substantivischem Erstglied
• die Genitivmarkierung (Königskrone, Bärenjagd).
• nach Substantiven mit eindeutiger Pluralbedeutung (Freundeskreis =
Kreis von Freunden, Bischofskonferenz = Konferenz von Bischöfen).
• nach femininen Substantiven (Liebespaar, Untersuchungsergebnis)
• der Einschub von Lauten zur Erleichterung der Aussprache bzw.
Erreichung eines Wohlklangs – scheinen eine Rolle gespielt zu
haben: Geburtstag, Blutstropfen. Bildungen ohne Fugenelement wie
Blutdruck, Nachttisch oder Giftpflanze. Generell sind Schwankungen:
Meeresspiegel – Meerenge, Feindesland – Feindbild.
Fugenelement -(e)s-
• -s- erscheint gewöhnlich nach Maskulina und Neutra mit den heimischen Suffixen
-ling, -tum und -sal: Zwilling-s-bruder, Altertum-s-kunde, Schicksal-s-schlag;
• nach Feminina, die die heimischen Suffixe -heit (-keit, -igkeit), -schaft, -ung sowie
die Fremdsuffixe -ion und -ität: Gelegenheit-s-arbeit, Tapferkeit-s-medaille, Gerech-
tigkeit-s-sinn, Nachbarschaft-s-streit, Rettung-s-wagen;
• -s- steht nach substantiviertem Infinitiv wie in Essen-s-zeit, Überle-ben-s-kampf.
• ist das Erstglied ein auf -t (seltener -d) auslautendes komplexes feminines
Bestimmungswort wie z.B. -macht, -sucht, -fahrt, -sicht, -flucht, -nacht oder -schuld,
wird -s- eingeschoben: Ohnmacht-s-anfall, Zufahrt-s-straße, Ansicht-s-karte,
Unschuld-s-beweis.
• nach Bestimmungswörtern mit dem Präfix Ge-: Gewicht-s-zunahme, Gespräch-s-
runde.
• -s- dient dann, wenn das Erstglied eine Zusammensetzung oder ein Präfixwort ist:
Hof-mauer – Friedhof-s-mauer, Triebkraft – Antrieb-s-kraft.
Fugenelement -(e)n-
• -(e)n-kann bei Maskulina mit der Endung -(e)n sowie substantivierten
Adjektiven: Affe-n-käfig, Bote-n-junge, Alte-n-heim, Fremde-n-führer.
• bei einigen anders auslautenden Maskulina: Mastspitze (Spitze des
Mastes) – Mastenwald (viele Masten), Staatsgrenze – Staatenbund.
• nach einigen Maskulina mit Fremdsuffixen: Held-en-tat, Fabrikant-
en-sohn, Student-en-vertretung, Komponist-en-verzeichnis, Autor-en-
lesung.
• Neutra mit den Fremdsuffixen -ment, -at, -on, deren Plural auf -e bzw.
(bei -on) -en endet: Argument-en-wahl, Zitat-en-sammlung, Neutron-
en-bombe.
Fugenelement -(e)n-
 die Mehrheit der zahllosen Feminina, die den Plural mit -en: Moden-schau,
Schwalben-nest, Scheiben-wischer, Karten-spiel, Waren-haus. Daran lassen
sich deadjektivische Ableitungen anschließen: Größe-n-angabe, Höhe-n-
messer, Breite-n-grad.
• -(e)n- findet sich auch nach bestimmten Maskulina, die in ihren
Flexionsparadigmen -en überhaupt nicht aufweisen: Greis-en-alter, Star-en-
kasten, Hahn-en-schrei. Variable Fugengestaltung ist relativ häufig: Ehr-en-
wort – Ehrgefühl, Niet-en-hose – Niethose, Dorn-en-hecke – Dornhecke.
• Bedeutungsunterschiede lassen sich nur anhand weniger Beispiele
nachweisen: Geschicht-en-buch, Geschicht-s-buch
• Komposita anderer Stilebenen sind hingegen u.a. Mond-en-schein (gehoben)
– Mondschein (neutral).
Fugenelement -er-
• Tier-, Personen- und Sachbenennung: Hühn-er-stall, Rind-er- zucht,
Männ-er-chor, Brett-er-zaun.
• mit dem Umlaut: Hühn-er-bein (Bein eines Huhnes), Rind-er-haut,
Männ-er-stimme.
• Schwankungen ohne Differenzierung: Bild-er-buch, Bildband, der
Pluralbezug des Bestimmungswortes ist wiederum zu unterstreichen:
Lied-er-abend (Plural) – Liedtext (Singular), Kräut-er-bad –
Krautblatt.
• Bedeutungsunterschiede treten nur vereinzelt auf: Geist-er-stunde –
Geist-es-gegenwart
Fugenelement -e-
• nach den maskulinen, neutralen und femininen Substantiven,
die den Plural mit -e bilden: Hund-e-leine, Pferd-e-markt,
Getränk-e-kiste.
• es gibt im Plural einen Umlaut: Gäns-e-leber, Gäst-e-liste,
Frücht-e-tee, Kräft-e-vergleich.
• Beispiele für Bedeutungsdifferenzierung sind
Konkurrenzformen ohne semantischen Unterschied
(Schwein-e-fleisch – Schwein-s-leder).
Fugenelement -ens-
• hat geringste Verbreitung, entspricht der Flexionsendung
des Genitivs Singular von Herz (Herz-ens-lust).
• bei solchen Substantiven wie Schmerz (Schmerz-ens-
schrei) oder Frau (Frau-ens-person).
• die genannten Bestimmungswörter zeigen variable
Fugengestaltung, d.h., in bestimmten
Zusammensetzungen fehlt die Fuge (Herzschlag,
Schmerzmittel, Frauenberuf).
Die Fuge nach verbalem Erstglied
• zur Schließung der Fuge verwendet man ausnahmslos -e-, wobei das
Infinitivsuffix -(e)n getilgt wird. So steht -e- meist nach den stimmhaften
Konsonanten -d, -g sowie -ng, -s, b und -t; die Reihenfolge entspricht zugleich
ihrer Häufigkeit: Bad-e-salz, Wieg-e-braten, Häng-e-brücke, Lös-e-geld,
Sterb-e-urkunde, Wart-e-zimmer.
• Zusammensetzungen mit gleichem Verbstamm: Bind-e-glied – Bindfaden, Reib-e-
kuchen – Reibfläche; Schlagzeile, Sprengmeister.
• die Verben zeichnen, rechnen und trocknen; in der Komposition entfällt nämlich
das nasale -n des Stammauslauts: Zeichenblock, Rechenheft, Trockenobst.
• Pressluft ← pressen (verbales Erstglied) – Press-e-konferenz ← Presse
(substantivisches Erstglied), ebenso Blaskapelle – Blas-en-bildung.
Fremdsprachige Fugenelemente
• in Zusammensetzungen, deren Erst- und/oder Zweitglied ein Konfix
ist: Elektr-o-gerät, Aer-o-klub, Techn-o-logie, slaw-o-phil.
• eine Reihe von Erstgliedern -o- den Stammauslaut bildet, es sich also
n i c h t um Fugen handelt: Mono-pol, Hydro-technik, Pseudo-
wissenschaft.
• Doppelung des Suffixes -isch durch -o- vermieden: germanisch-
romanisch → german-o-romanisch, mechan-o-chemisch, magnet-o-
optisch.
• aus dem Lateinischen stammende Fugenelement -i-: Strat-i-grafie,
englische Entlehnung Hand-i-kap.
Motiviertheit und Idiomatisierung

• Reitpferd,Flusspferd, Schaukelpferd,
Steckenpferd
• Ohrring, Ohrmuschel, Ohrenschmaus, Ohrfeige
• Steinchen, Frühchen, Veilchen, Flittchen.
Ich danke
für ihre Aufmerksamkeit