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Museen & Digitalisierung

Pädagogische Hochschule Karlsruhe


Fakultät für Natur-, Kulturwissenschaften und Sport
Master Kulturvermittlung WS 2019/20
Seminar: Lernort Kunstmuseum
Seminarleiterin: Dr. Katrin Schwarz
Referentin: Adamantia Goulandris
Datum: 08.01.2020
Das erweiterte Museum // Museen & Digitalisierung
Dennis Niewerth: Dinge – Nutzer – Netze: Von
der Virtualisierung des Musealen zur
Musealisierung des Virtuellen, Bielefeld 2018.
Niewerths Studie besitzt zwei Prämissen

1. klassisches Museum stirbt nach 25 Jahren


Ausstellungstätigkeit im Internet nicht aus und löst
sich auch nicht in digitalen Angeboten auf
2. Museumsbegriff & Geltungsbereich bildet keine
unveränderliche Struktur, sondern entsteht immer
im Wandlungsprozess der Betreiber, Öffentlichkeit,
des sozialen Auftrags und der Ausstellungsexponate
Zur Begrifflichkeit der »Virtualität«
• Ursprung im antiken Begriff »virtus« (=Tugend/kultische & göttliche
Teilhabe), später »virtualis«,»virtualitas (= etwas, das in der Wirklichkeit
angelegt aber noch nicht verwirklicht ist)
• Virtualität weder im »Realen« oder »Irrealen« verortet, sondern im
Dazwischen
• Bsp. »It was virtually night« beschreibt Zustand mit Merkmalen der Nacht,
ohne seine notwendige Bedingung (Uhrzeit)
• Gegensatz von Virtualität = »Aktualität«/»Aktualisiertem«
• Virtualität ≠ Digitalität  rein technischer Prozess, dient als Mittel
• Virtualität hat philosophisch-ontologische & technische Bedeutungsebene
Feststellung: Museen waren schon immer virtuell
• Museen zeigen nie Realität sondern Scheinwelt, das Produkt einer
Inszenierung
• Allgemeiner Eindruck: virtuelles Museum = mediale Abkehr & Danach
des klassisch-physischen Museums
• Funktionalität musealer Vermittlung hat zutiefst virtuellen Charakter:
Ausstellungen = Netzwerke von Sinnträgern mit wechselseitigen
Bezüglichkeiten & verschiedenste Deutungsmöglichkeiten
• Rezipient = wichtiger Faktor, belegt musealen Raum & Objekte mit
Bedeutungen
Quelle der
Technikgeschichte

Quelle der
Kunstgeschichte

Quelle der
Handelsgeschichte

Antike Terrakotta-Amphore aus dem attischen


Griechenland, Exekias zugeschrieben, ca. 540 v. Chr.
Die Aura des Originals
• Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit (1935)  Reproduktion zerstört Verweisqualität &
Aura des Originals
• Niewerths Argument: Authentizität & Aura entsteht nicht einzig im
physikalischen Objekt, sondern ist Produkt einer Inszenierung des
Exponats in der Ausstellungskonzeption & Rezeptionssituation
• Erlebnisqualität auch in medialer Erfahrung: technisches Gerät mit
reproduziertem Kunstwerk verfügt selbst über Aura & Gefühlserlebnis
Was sind virtuelle Museen?
»Basic to the Virtual Museum is the term connectedness. Connectedness enriches
information sources and publications as educational learning resources.
Connectedness is a basic manner of referring to the interrelated or interdisciplinary
as well as the integrated media nature of information.« (Glen Hoptman, 1955)

Connectedness-Konzept: Virtuelles Museum bietet Wissenszugang aus vielfältigen


Perspektiven & nutzt diese Mehrdeutigkeiten als Stärke

Museums-Webseite ≠ virtuelles Museem, wenn Informationen rein kategorisch


organisiert werden

virtuelles Museum = ermöglicht Besucher verschiedene Informationseinheiten


assoziativ zu vernetzen
Virtuelle Museen als Verlängerung physischer Ausstellungen
Fallbeispiel // Homepage Getty Museum www.getty.edu
Virtuelle Museen als Verlängerung
physischer Ausstellungen
Fallbeispiel // Homepage Getty Museum
(www.getty.edu)

Online Werkübersicht zu »Eingang zum Jardin Turc«


von Louis-Léopold Boilly, 1812
• Digitale Abbildung
• Objekt Details + erklärender Text
• Weiterführende Informationen (Provenienz,
Ausstellungen, Bibliografie, Artikel & ähnliche
Medien)
Virtuelle Museen als Verlängerung physischer Ausstellungen
Fallbeispiel // Homepage Getty Museum (www.getty.edu)
Detailansicht zu
»Eingang zum
Jardin Turc« von
Louis-Léopold
Boilly, 1812
Virtuelle Museen als Verlängerung physischer Ausstellungen
Fallbeispiel // Homepage Getty Museum (www.getty.edu)

• Fallbeispiel Getty Museum zeigt Paradigma den »Nähe« – Detailansicht


bietet explorative Auseinandersetzung mit Kunstwerk & Entdeckung
verschiedener neuer Deutungsebenen
 ermöglicht Zugang zur Virtualität von Objekten

• Webpräsenz des Getty Museums = Minimalform virtueller Museen


 Inhalte durch Präsentationspraktiken wenig musealisiert &
abstrahiert
 Plattform eher funktionale Erweiterung des physischen Museums
Virtuelle
Ausstellungen,
Distribuierte
Sammlungen
Fallbeispiel // Google
Arts & Culture
»Virtual Gallery Tour« im Rijksmuseum,
Amsterdam

Eigene Benutzergalerie »Impressionen


Rijksmuseum«
Virtuelle Ausstellungen, Distribuierte Sammlungen
Fallbeispiel // Google Arts & Culture

• Verknüpfung zwischen individuellem, physischen Museum &


virtuellem Meta-Museum
• Zeigt Besucher den Auswahlprozess hinter Ausstellungen & multiple
Zusammenhänge bei Exponatpositionen
• Erstellung & Veröffentlichung individueller Benutzergalerien machen
User zum Kurator eines eigenen kleinen Museums
• Allerdings fehlt methodische Anleitung und Kommunikations-
Plattform
Weitere Fallbeispiele

Museum of Fred (www.museumoffred.com)

Digital Museum of Art (www.dam.org)


Aufgaben für Museen & Virtualisierung
• Momentan: Virtualisierung von Musealem (digitale Erfassung der
Institutionsstruktur, Informationsarchitektur an physisches Museums
gekoppelt, daher eher mediale Erweitung)
• Ergänzung: Musealisierung des Virtuellen (mediale Beschaffenheit &
Produktionsmöglichkeit von virtuellen Museen thematisieren)
• Webbereich mit virtuell-musealen Angeboten (Heterogenität,
Experimentierfreude, vielfältige Akteure & ohne Standardisierung)
• Vernetzung ausweitenzu bislang fremden Dienstleistern und Plattformen
• Expansion fördert Entdeckung neuer Technologien & Aneignung medialer
Kanäle von kulturell interessierten Menschen
• virtuelles Museum kein Gegenpol zum physikalischen, Dimension wird
neu verhandelt, technisiert & inszeniert

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