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Die Begleitung der

Jugendlichen auf der


Suche nach dem
eigenen Lebensweg
P. Dr. Michal Kaplánek, SDB - Budweis
Die Berufung – ein missverstandener
Begriff
 In der katholischen Kirche Europas wird dieser Begriff oft nur mit sog.
„geistlichen Berufungen“ in den Zusammenhang gestellt
 Diese Verengung hat eine „Abneigung“ Jugendlicher oder auch mancher
Theologen zur Folge
 In meinem Beitrag möchte ich drei Wege anbieten, die uns helfen können,
diese und ähnliche Vorurteile beiseite zu stellen und den Begriff „Berufung“
für die Theologie aber auch für das Alltagsleben der Christen zurück zu
gewinnen
 Mit dem Blick auf Jesus, der seine Apostel ansprach und griff, die Berufung als
wertvolle Gabe wieder entdecken
 Theologische Deutung – mehrdimensional: von der Berufung aller Menschen zum
Leben über die Berufung zum Christusglauben bis hin zu den konkreten Berufungen
sowie konkreten Spiritualitäten des gelebten Christentums
 „Übersetzung“ des Berufungsbegriffs in die Sprache der Pädagogik: „progetto di
vita“
Die Berufung der
Apostel
 Wir beobachten den Herrn, wie er die
Fischer Jakobus und Johannes sowie
Simon und Andreas ansah. Sie packten
alles zusammen und folgten ihm nach.
 Wahrscheinlich sagen uns die Exegeten,
diese Schilderungen seien literarisch
verkürzt worden, somit nicht alles so
schnell ablief wie es uns nach der
Evangeliumslektüre scheint zu sein.
 Bei der Berufung der Apostel ging es um
eine Grundentscheidung, die jene
Männer taten, die bereits von Jesus
angesprochen und gegriffen waren.
Jesus rührte ihre Herzen
Begleitung

 Die Begleiter sind Gefragt: Wir


brauchen „kompetente und
menschliche Begleiter“
(Jugendliche auf der „Vorsynode“)
 Während ein Führer weiß selber,
besser als der Geführte, den
richtigen Weg, der Begleiter steht
eher im Hintergrund
 Bei der Begleitung wird die
Richtung des Wegs sowie die
Geschwindigkeit des Gehens vom
Begleiteten und nicht vom
Begleiter bestimmt
Aufgabe eines Begleiters

 Bei einer geistlichen oder pädagogischen Begleitung entscheidet über seine Zukunft der
Begleitete selber, während der Begleiter ihm die Informationen über verschiedene Vor-
und Nachteile der jeweiligen Varianten liefert, unter denen sich der Begleitete
entscheidet
 Die Ersetzung des Begriffs „geistliche Führung“ durch „geistliche Begleitung“ signalisiert
eine Änderung der Mentalität: von einer Kirche, die sich auf „lehrende“ Kleriker und
„hörende Gläubigen“ teilte, zur Kirche des Gottesvolks, wo jeder Christ eine
Mitverantwortung für die Kirche und volle Verantwortung für das eigene Leben trägt
 Der geistliche Begleiter hilft dem Begleiteten zur Orientierung in jeweiligen
Situationen, er teilt ihm seine Erfahrungen mit und hilft ihm Kriterien für eigene
Handlungen und Haltungen zu finden
 Bei den Jugendlichen geht es nie um eine „rein geistliche“ Begleitung, im Sinne des
Suchens der konkreten Lebensweise des christlichen Lebens. Es ist immer auch mit der
Begleitung durch die Schwierigkeiten des persönlichen Lebens
Pädagogische Begleitung
 Im Allgemeinen bedeutet dieser Begriff die Begleitung eines Prozesses durch einen
Pädagogen. Die pädagogische Begleitung geschieht manchmal auch beim
informellen Lernen oder bei einer Erziehung durch die Animation.
 Das informelle Lernen ist die Bezeichnung für die Aktivitäten, die nicht als
Ausbildung oder Erziehung organisiert werden und trotzdem die Teilnehmer dabei
etwas Wesentliches lernen, entweder absichtlich oder ohne die eigene Absicht,
beiläufig.
 Mit dem Wort Animation (mit Leben oder Geist erfüllen) wird unter anderem auch
jede Tätigkeit eines Pädagogen oder Sozialarbeiter bezeichnet, der bei seinem
Tun die verborgenen Schätze von Fähigkeiten und Begabungen einzelnen
Menschen zu entdecken und zu entwickeln hilft.
 Der Pädagoge oder Animator ist in einer anderen Rolle als Lehrer in einer Schule
oder Erzieher in einem Heim. Er wird für die Jugendlichen eher zu einer
Vertrauensperson, die ihm beisteht.
Begleitung in der Pädagogik
 englische Informal Education
 auf der Grundlage der Pragmatischen Pädagogik von John Dewey aufgebaut
 der Erziehungsplan (das Kurrikulum) wird nicht auf Ergebnise sondern auf Prozesse gezielt
 der Erzieher erlebt mit Jugendlichen ihre Versuche die richtigen Entscheidungen zu
treffen und hilft ihnen die Folgen der verschiedenen Entscheidungen gut abzuschätzen
 deutsche Identitätsarbeit
 dieses Konzept basiert auf der Entwicklungspsychologie von Erik Erikson: die
Identitätsbildung ist aber eine lebenslange Aufgabe (nicht nur die Aufgabe für die
Adoleszenz wie bei Erikson)
 die Initiatoren und Gestalter der eigenen Identitätsbildung sind die Jugendlichen selber;
die Erzieher aber stehen ihnen bei Seite
 italienische l´animazione culturale
 Animator ist kein passiver Begleiter, der auf die Impulse von Jugendlichen wartet, sondern
selber sie aktiv zu einer Beteiligung einlädt und für sie begeistert
 Animator arbeitet auf der Basis der gegenseitigen Beziehungen in der Jugendgruppe sowie
der eigenen persönlichen Beziehungen zu einzelnen Gruppenmitgliedern
 er ist fähig, mit Jugendlichen ihre Leiden mitzutragen und christliche Antworten auf ihre
Lebensfragen anzubieten
Der Begriff „discernimento“
(differenzieren – unterscheiden)
 In der Bibel: Unterscheidung als Verpflichtung der kirchlichen Ältesten
δοκιμαζετε τα πνευματα ει εκ του θεου εστιν (1 Jan 4,1)
 Der jesuitische Weg (mit drei Schritten):
 Erkennen: „Erkennung“ bedeutet eigentlich Selbsterkenntnis, d.h. die wahre
Unterscheidung der eigenen Emotionen
 Interpretieren: man hinterfragt eigene Wünsche und Sehnsüchte und somit kommt
es zur Interpretation; jeder muss seine eigene Seele forschen, um seine inneren
Motivationen aufrichtig zu entdecken
 Entscheiden: die Entscheidung muss nämlich ganz frei sein ohne einen sozialen
Druck
Ziel der Unterscheidung:
die richtige Erkenntnis des eigenen Lebenswegs

 In den Vorbereitungstexten der Synode:


 traditionell wird es mit der „Berufung“ zuerst die Wahl des „Standes“
(des Geistlichen oder der Eheleute) gemeint
 im Alltag handelt es sich um die Entscheidung für den eigenen Beruf
sowie für das Engagement in der Politik und Gesellschaft
 im Zusammenhang mit der Berufung spricht man auch über die Suche
eines passenden Lebensstils, im Sinne des Umgangs mit Zeit und Geld
usw.
 das Leben ist nämlich wie ein Weg mit vielen Abzweigungen zu
verstehen. Auf jeder Abzweigung muss der Wanderer eine neue
Entscheidung treffen, seine weitere Lebensrichtung wählen
Lebensentscheidungen in der Zeit
der Individualisierung
 Den Begriff „Individualisierung“ führte in den europäischen Diskurs der
deutsche Soziologe Ulrich Beck ein
 Während noch vor 60-70 Jahren den Lebensweg vieler Jugendlichen durch
seine Herkunftsfamilie, Kirche, Nationalität und die gesellschaftliche Klasse
vorgezeichnet wurde, ist der heutige junge Mensch gezwungen, zum Regisseur
des eigenen Lebens zu werden.
 Die Besitzer von Informationen, Geld oder des kritischen Denkens werden so
zu Modernisierungsgewinner, während die anderen, denen diese Ressourcen
fehlen, werden zu Modernisierungsverlierer.
 Darum gehört zu den Aufgaben der heutigen Jugendpastoral, Kinder und
Jugendliche auf die selbständigen und verantwortlichen Entscheidungen
vorzubereiten.
„Discernimento vocazionale“
als ein Prozess
 Nach dem Vorbereitungsdokument der Synode ist die Unterscheidung der
Berufung ein Prozess, in dem der Mensch im Dialog mit dem Herrn auf die
Stimme des Geistes hinhört und dadurch wird er fähig die
Grundentscheidungen zu treffen.
 Dieser Begriff kann aber auch für Nichtchristen verständlich werden: Jeder
Mensch ist auf der Suche nach seiner Selbstverwirklichung, niemand möchte
die Gelegenheit dazu verlieren.
 Doch der gläubige Mensch stellt sich die Frage nach seinem (richtigen)
Lebensweg mit einer tieferen Intensität. Er sucht die Antwort auf die Frage:
Wie soll ich auf die Frohbotschaft des Evangeliums in meinem Leben
antworten? Wie soll ich meinen Glauben realisieren?
Praktische Schlussfolgerungen
zur Belebung der Berufungen
 Jugendliche denken über ihre Zukunft nach. Sie
überlegen, welcher Beruf sei für sie interessant und
anziehend. Sie hoffen, dass in der Beziehung zu einer
bestimmten Person glücklich werden, sie wollen ihr Leben
gut erfüllen. Sie machen das aber nur selten im Angesicht
Gottes.
 Wenn sich jeder junge Christ die Frage nach dem für ihn
passenden Lebensweg vor Gott stellt dann werden viele
auch darauf kommen, dass Gott sie zum Priestertum oder
zum Ordensleben einlädt
Danke für Ihre Aufmerksamkeit
Auf diesem Bild aus dem Jahre 1991 ist das Gebäude zu sehen in dem ich mit meinen Mitbrüdern 1990 ein Jugendzentrum angefangen habe
aufzubauen

P. Dr. Michal Kaplánek


Theologische Fakultät der Südböhmischen Universität
Kněžská 8 – 250 88 České Budějovice
Česká republika

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