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REALISTISCHE INGENIEURKONSTRUKTION

KONSTRUKTIONEN AUS STAHL UND GLAS


Pritchard / Darby, Brücke bei Coalbrookdale, 1777 – 1779, erste eiserne Brücke, Gewicht: 378 Tonnen,
Die Anfänge des Bauens mit Eisen und Glas stehen in engem
Zusammenhang mit den typischen Bauaufgaben des 19. Jahrhunderts:
Brücken, Bahnhöfe und Ausstellungsgebäude, Passagen,
Pflanzenhäuser und Markthallen. An ihnen treten die neuen Materialien
klar und unverhüllt in Erscheinung. Die Architekten führten das Eisen
zunächst allerdings nur zögernd, aber doch als willkommenes Hilfsmittel
in die Baukunst ein. Sie überließen es jedoch den von traditionellen
Über­lieferungen weniger vorbelasteten Ingenieuren, in Verbindung mit
den Eisenkonstruktionen neue Bauformen und Raumvorstellungen zu
entwickeln.
Eine Pionierleistung für die Konstruktionen mit Gusseisen ist die 1777­
1779 errichtete Bogen­brücke über den Severn bei Coalbrookdale
(England). Ihre Konstruktion besteht aus fünf halb­kreisförmigen
gusseisernen Bogen, die Reifen in den Zwickeln versteifen das Gerüst.
Die Brücke mit einer Spannweite von 100 Fuß (30,6 m) wurde 1775 von
T. F. Pritchard entworfen und von dem Eisenhüttenbesitzer Abraham
Darby ausgeführt.
Voraussetzung für eine umfangreiche Verwendung von Eisen für
Bauzwecke waren verbesserte Herstellungsmethoden. Schon durch das
1784 patentierte Puddelverfahren gelang es, Eisen in größeren Mengen
herzustellen, aber erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte
sich neben der Stilarchitektur der reine Ingenieurbau aus Eisen und
Glas. „Man wird im gleichen Augenblick eine eigene Architektur
schaffen, in dem man sich der neuen Mittel bedient, die die neue
Industrie liefert. Die Anwendung des Gusseisens gestattet und erzwingt
viele Neuformen, wie man sie an Bahnhöfen, Hängebrücken und in den
Gewölben der Wintergärten beobachten kann." (Theophile Gautier,
1850). In diese Zeit fällt auch eine wichtige technische Erfindung für die
Stahlerzeugung: das Bessemer-Verfahren von 1855. Es bildete die
Grundlage für die billige Herstellung von hochwerti­gem Stahl in großen
Mengen
Die Weltausstellungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in London
(1851,1862), Paris (1855,1867,1878,1889,1900), Wien (1873), Philadelphia (1876)
und Chicago (1893), „geplant aus wirtschaftlichem Interesse und nationalem
Geltungsbedürfnis, waren Selbstdarstellungen im großen Format des viel
umstrittenen 19. Jahrhunderts, dessen Erbe wir angetreten haben. Für die Epoche
bedeuteten sie ein Novum: eine Bilanz des Bestehenden und Vorhandenen, des
Gewollten und Erwünschten in einem den engen Rahmen des einzelnen Landes
und der einzelnen Nation sprengenden Ausmaß." (C. Beutler: Weltausstellungen im
19. Jahrhundert, Ausstellungskatalog, München 1973, S. IV).
Joseph Paxton
Kristallpalast, 1851
London, Hyde Park
DER KRISTALLPALAST (1851)
Am 1. Mai 1851 eröffneten die englische Königin Viktoria und der Erzbischof von Canterbury im Crystal
Palace in London mit einer Staatszeremonie und einem Gottesdienst die erste große Weltausstellung,
deren Zweck es war, die Werke von Industrie und Technik aus allen Ländern der Erde zu zeigen. Sir
Joseph Paxton (1801 ­1865), Sohn eines Bauern, war Landschaftsgärtner und als solcher mit dem Bau
großer Gewächshäuser vertraut. Er hatte ein besonderes Interesse an Eisenbahnangelegenheiten, war auf
diesem Gebiet ein erfolgreicher Spekulant, brachte es bis 1845 zu einem Kapital von 35000 Rund Sterling
und hatte ein Jahr später ein Vermögen von über 100000 Pfund. 1850 beteiligte er sich außer Konkurrenz
mit einem Vorschlag an dem bereits abge­schlossenen Wettbewerb für eine Ausstellungshalle, die auf
dem Hyde­Park entstehen sollte. Paxtons Entwurf war konsequent auf genormten Standardteilen
aufgebaut, deren Modul von 1,22 m sich am Maß der größten Glasscheiben orientierte, die damals
erhältlich waren. Der Entwurf umfasste außerdem eine genaue Beschreibung der Produktionsmethoden
und einen genauen Zeitplan; er war damit allen anderen eingereichten Entwürfen in jeder Hinsicht
überlegen und gewann den Wettbewerb. Den Auftrag zur Ausführung übernahm das Bauunternehmen
Fox, Henderson & Co., eine Firma, die heute noch besteht.
Längsschnitt

Querschnitt
Die Errichtung der riesigen Halle mit einer Länge von 564,18 m (= 1851 Fuß; vgl. dazu das Jahr der
Weltausstellung!) und einer Breite von 137,16 m (450 Fuß) war ein reiner Montagevorgang fertiger,
standardisierter, vorfabrizierter Bauteile aus Eisen, Glas und Holz: 3300 gusseiserne Säulen, 2224
Träger, 1128 Konsolen für die Seitengalerien, 24000 Rohre für 34 Meilen Abflussleitung, 900000
Quadratfuß (= nahezu 84 000 m2) Glas (mit einem Gewicht von 400 Tonnen) in einzelnen Scheiben
(etwa 270000 an der Zahl), 205000 Rahmenhölzer. „In jahrelanger Vorarbeit, durch dauernde Ver­
suche und Verbesserungen der Methoden und Details, die schon bei den Glashäusern zehn Jahre
vorher angewendet worden waren, wurde schließlich ein Zustand der Perfektion erreicht, der
erlaubte, das Gebäude in weniger als 4 Monaten zu errichten." (Wachsmann, K.: Wendepunkt im
Bauen, Hamburg 1962).
Ein zeitgenössischer Kritiker schrieb 1851 in einer Architekturzeitschrift über den Crystal Palace,
den „Kristallpalast": „Die Forderungen, die an das Bauwerk gestellt wurden, konnten zweifellos in
keiner anderen Weise so gut erfüllt werden als in der, welche Paxton in seinem
bewunderungswürdigen Entwurf anwandte. Und wir gestehen gern, dass die beispiellosen inneren
Wirkungen einer derartigen Struktur uns zu Bewunderung hinreißen: eine Wirkung des Raumes, wie
sie bisher noch nicht erreicht worden ist... und darüber hinaus ­ nach unserer Meinung eine der
befriedigendsten Eigenschaften ­ eine offene Wahrhaftigkeit der Konstruktion, die über alles Lob
erhaben ist... es ist Ingenieurswerk ­ von höchstem Wert und Rang ­ aber nicht Architektur [= Kunst].
Dem Werk fehlt völlig die Form, und es fehlt ihm die Idee der Stabili­tät und Solidität."
Länge: 564 m (entspricht 1851 Fuß) , Breite: 137 m, Höhe: 33 m, 73 000 qm,
vorfabrizierte gusseiserne, gläserne und hölzerne Elemente
Etwa lOO Jahre später schreibt Konrad Wachsmann: „Der .Kristallpalast' kann
in der Tat als der nun sichtbar gewordene Wendepunkt angesehen werden,
durch den die Entwicklung der Baugeschichte in eine andere Richtung gelenkt
wurde. Faszinierend dabei ist, dass das Ganze nur aus einfachen, kleinen
Teilen be­steht; es gibt keine gewaltigen, kolossalen Baukörper. Nichts ist da,
was nicht bis in das kleinste Detail sofort verstanden werden kann ... Aus
Vernunft und Logik, den Gedanken des neuen technischen Zeitalters intuitiv
erfassend, entstand eine neue Schönheit, wie sie nie vorher erkannt, gewertet
und empfunden wurde. ­ Der Kristallpalast war ein Kunstwerk."

Nach der Weltausstellung wurde das Gebäude demontiert und zwischen 1852
und 1854 in Sydenham, einem Vorort Londons, in etwas veränderter Form
wieder aufgebaut und zu einem luxuriösen Vergnügungszentrum, einem
„Volkspalast", umfunktioniert.
Wichtige Veränderungen waren: Durch neue, größere Dimensionen ergaben sich
50% mehr Rauminhalt;
das Längsschiff, ursprünglich flach gedeckt, wurde jetzt eingewölbt
(Scheitelpunkt 36,5 m); das mittlere Querschiff erreichte eine Höhe von 51 m;
das Gebäude erhielt eine Heizung; statt ursprünglich 900000 Quadratfuß
Glasfläche waren es jetzt 1650000 Quadratfuß (= 153285 m2). „Das eigentliche
Gebäude lie­ferte die großzügige Raumhülle (490m lang), den Bewegungsraum
... Das mittlere Querschiff beherberg­te eine riesige Orgel und Raum für
Orchester und 4000 Zuhörer, außerdem ein Opern­ und Variete­Theater für 2
000 Besucher und eine Konzerthalle für weitere 4 000 Gäste. Ausstellungs­ und
Erfrischungs­räume schlössen sich an, Statuen (vorwiegend als Gipsabgüsse),
Pflanzengruppen und Springbrunnen belebten das Hauptschiff... Ein ganzes
Spektrum von Möglichkeiten und Attraktionen, von jedem etwas, aus aller Herren
Länder etwas ­ eine Welt im Kleinen war nach bildungsbürgerlichen
Gesichtspunkten zu­sammengestellt und verfügbar gemacht." (Henning­
Schefold/Schmidt­Thomsen).
Bereits 1866 brannte das nördliche Querschiff ab und 1936 wurde der gesamte
Bau durch einen Groß­brand zerstört. Viele andere Städte, wie Dublin, New York,
Kopenhagen, Amsterdam, Breslau erhielten ähnliche Anlagen. Der Münchener
Glaspalast im Alten Botanischen Garten, 1853­1854 von August von Voit (1801­
1870) errichtet, fiel 1931 den Flammen zum Opfer.
Die »Maßlosigkeit« des Raumeindrucks. Erst allmählich wurde
die Ästhetik der neuen Raumhülle ihr aus wenigen Elementen
zusammengesetzt Grundmuster, ihre radikale Abkehr von
bekannt« Stiltraditionen erkannt und bewundert. Überwältigend
allerdings empfand man von Anfang an die Lichtfülle, die
scheinbare Schwerelosigkeit der Kon­struktion, die
»Unendlichkeit« des räumlichen Ein­drucks. »Wir sehen ein feines
Netzwerk symme­trischer Linien, aber ohne irgendeinen Anhalt,
um ein Urteil über die Entfernung desselben von dem Auge und
über die wirkliche Größe seiner Maschen zu gewinnen. Die
Seitenwände stehen zu weit ab, um sie mit demselben Blick
erfassen zu können, und , anstatt über eine gegenüberstehende
Wand streift das Auge an einer unendlichen Perspektive hinauf,
deren Ende in einem blauen Duft verschwindet. Wir wissen nicht,
ob das Gewebe hundert oder tausend Fuß über uns schwebt, ob
die Decke flach oder durch eine Menge kleiner paralleler Dächer
gebildet ist; denn es fehlt ganz an dem Schattenwurf, der sonst die
Seele den Eindruck des Sehnervs verstehen hilft. Lassen wir den
Blick langsam wieder herabgleiten, so begegnet er den
durchbrochenen blaugemalten Trägern, anfangs in weiten
Zwischenräu­men, dann immer näherrückend, dann sich deckend,
dann unterbrochen durch einen glänzen­den Lichtstreif, endlich in
einem fernen Hinter­grund verfließend, in dem alles Körperhafte,
selbst die Linie verschwindet und nur noch die Farbe übrig bleibt ...
Es ist nüchterne Ökonomie der Sprache, wenn ich den Anblick des
gewölbten Querschiffes unvergleichlich, märchenhaft nenne. Es ist
ein Stück Sommernachtstraum in heller Mittagssonne. Gleich­zeitig
aber erfassten die Beschauer, die zum ersten Mal einen Bau von
solcher Größe sahen, der nicht aus Masse, aus massivem
Mauerwerk bestand, dass hier Begriffe, mit denen Architektur bis
dahin beurteilt wurde, plötzlich zu versagen begannen« (L. Bucher,
S. 174).
Die Konstruktion des Kristallpalastes
Der ganze Bau war auf einem einheitlichen Raster von Achsenmaßen der Stützen geplant.
Das Rahmenwerk bestand aus standardisierten, gusseisernen, hohlen Säulen von immer
gleichem Außendurchmesser, die aber, entsprechend auftretenden Belastungsvariationen,
mit verschiedenen innere Wandstärken ausgeführt wurden. Auf diese Weise war es möglich,
die dazugehörigen Binder1 und Balken in einheitlichen Standardmaßen ebenso wie die
Säulen in Massen­produktion herzustellen. Die Binder wurden in drei Ausführungen
verwendet: in Gusseisen, genietetem Schmiedeeisen und Holz. Diese Binder hatten die
ungewöhnliche Höhe von etwa einem Meter. Die Anschlüsse an die schlanken gusseisernen
Säulen erfolgten in Form standardisierter Auflagepunkte, die immer die gleichen waren, und
.. dem Zweck dienten, dem Gebäude, das keinerlei massive Wandflächen aufwies, die
genügende Quersteifigkeit zu geben. Die Art der Entwicklung der Unterzüge2, ihre Quer­
schnitte, ihr Schlankerwerden an den Auflagepunkten, ihre geometrische Ordnung zeigten
den Verlauf der Kräfte des Konstruktionssystems und bestimm­ten ausschließlich den
ganzen Charakter des Baues. Die Dachdeckung beruhte auf einem Standardmaß von
Glasplatten. Auch das gehörte zu den wesentli­chen Entscheidungen Paxtons. Diese
Glasplatten wurden über die ganze Dachfläche in Form eines gefalteten Sägedaches verlegt.
K. Wachsmann, 1959
Modul: 1,22 m

Ein abstraktes Bezugssystem anstelle des menschlichen Maßes.


Ist der im traditionellen Sinn unverwechselbar gestaltete Baukörper nun abgelöst durch die Reihung
vorfabrizierter Teile, so zerbricht auch der räumliche Bezug zum Menschen. Aufgrund des Fehlens eines
proportionalen Bezugs kann de zerteilte Raum nur noch in Zahlen vorstellbar gemacht werden. Die Länge von
1851 Fuß, die der Jahreszahl der Entstehung entspricht, oder die Grundfläche von 73000 qm bleiben jedoch
abstrakte Zahlen, deren Größe sich nicht mehr anschaulich auf das Raumerlebnis übertragen lässt. Die
Zeitgenossen genossen haben sich damit beholfen, die Raun große durch den Vergleich mit einem bekannte
Bauwerk zu charakterisieren; so hatte der Kristallpalast mehr als die vierfache Grundfläche von S Peter in
Rom.
Die Gestaltung des Raumes durch Rasterelemente ignorierte nicht nur den jeweils besonderen
Verwendungszweck und die proportionale Ordnung traditioneller Räume, sondern auch die Ausrichtung auf
Standpunkte. Im Kristallpalast ist das abstrakte Maßsystem vorfabrizierter Formen »maßgebend« nicht mehr
der Mensch. Die Vorteile gegenüber herkömmlichen Bauten waren die kostengünstige Fertigung und Montage
sowie die Schnelligkeit des Aufbaus und die Möglichkeit, das Gebäude abzutragen und an anderer Stelle
wiederzuerrichten.
Galéries des Machines, 1889
Ferdinand Dutert / Contamin
DIE MASCHINENHALLE (1889)
Als Höhepunkte der von Ingenieuren errichteten Stahlkonstruktionen des
vorigen Jahrhunderts gelten die auf dem Marsfeld, dem Gelände der
Pariser Weltausstellung von 1889 (Hundertjahrfeier des Sturmes auf die
Bastille) entstandene Galerie des Machines, die 1910 abgebrochen
wurde, und der Eiffelturm.
Ch. L Ferdinand Dutert (1845­1906) war Architekt und hat in Zusam­
menarbeit mit mehreren Ingenieuren, insbesondere mit Contamin, den
Plan für die Galerie des Machines entwickelt. Neu an der Halle waren die
gewaltigen Dimensionen (Länge: 422,49 m; Höhe: 46,67 m; Spannweite:
117 m; Gesamtfläche: 48324,9 m2) und die Proportionen. Das Verhältnis
von Spannweite zur Höhe betrug 10:4 (beim Kristallpalast 9:8). Vier Fünf­
tel der überspannten Fläche waren mit 2 m langen, etwa 50 mm dicken
Glasplatten überdeckt, was einer Gesamtfläche von ca. 34700 m2
entspricht.
Im Gegensatz zum Mauerwerkbau, zu dessen typischen Kennzeichen u.
a. die Zunahme der Wandstärke nach unten gehört, ist es beim Stahl­bau
möglich, daß sich die Tragwerkkonstruktion nach unten nicht ver­breitert,
sondern verjüngt. Contamin verwandte bei der Maschinenhalle den
Dreigelenkbogen, bei dem alle wirksam werdenden Kräfte am Scheitel
und an den beiden Fußpunkten durch Gelenke übertragen werden. Die
Konstruktion war damit auch unempfindlich gegen Verformungen infolge
äußerer Einwirkungen, wie Sonnenwärme oder Frost. Eine Trennung in
Stütze und Balken fiel weg, der Gitterträger führte in einem Bogen vom
Fußpunkt zum Scheitel.
Beschauern einen genauen Begriff von der Höhe
des Gebäudes; nach und nach wird das Auge
sich an diese riesigen Perspektiven gewöhnen;
anfangs überrascht, wird es schließlich alles
bewundern. Eine Vision der Größe."
Fast 80 Jahre später äußert der Architekt Erich
Schild, dass in der Pariser Maschinenhalle der
Einraumbau seine konstruktiv und ästhetisch
vollendete Form gefunden habe. Er meint:
„Konstruktion und Form waren an diesem Bau
vollständig eins. Der gewaltige Binder, der die
Wirkung des Innenraums bestimmte, war auch
das beherrschende Motiv der Fassade, die hier
nicht mehr als dekorative Schaufront ausgebildet
wurde, sondern nur durch ihr tragendes Gerüst
zu wirken hatte. Aus den emaillierten Friesen,
den Füllun­gen aus Glas und keramischen
Die Bedeutung dieses Bauwerks beruht einmal in der Platten und dem Netz der Binderverstrebungen
konsequenten Durchbildung eines neuartigen konstruktiven ergab sich eine völlige Ein­heit. Ornamentik und
Prinzips, zum ändern entfaltet es aber auch einen völlig neuen Schmuck wiesen dabei kaum Anleihen an
Sinn für die „formschöne" Gestalt. Der Journalist H. de Parville vergangene Stilepochen auf, so dass das Ganze
schrieb 1889: „Es ist gelungen, Metall allen künstlerischen
Zwecken dienstbar zu machen. Bis jetzt hielt man es nicht für
dem heutigen Beschauer als eine glückliche
möglich, dem Eisen wirkliche künstlerische Effekte ab­zugewinnen. Manifestierung neuer Ausdrucksmöglichkeiten
Das unscheinbare Aussehen dieses Metalls, die Schwierigkeit, erscheinen mag. In den Kritiken der
seine Formen geschmeidig zu machen, hatten die meisten Erbauungszeit wurden jedoch stets nur die
Architekten davor zurückschrecken lassen, es zu verwenden. Der Zweckmäßigkeit der Anlage, ihre Größe und die
Versuch war zufrieden stellend.. .Trotz der Gliederung durch die Kühnheit ihrer Konstruktion hervorgehoben.
schönen Seitengalerien fällt es dem Blick schwer, sich an solche
bisher unerhörte Dimensionen zu gewöhnen, und er weiß mit einer
Einen ästhetischen Reiz schien man diesem
solchen Maßlosigkeit nichts anzufangen. Auch der gedrückte Gebilde damals noch nicht abgewinnen zu
Spitzbogen der Arkaden täuscht das Auge und vermittelt nicht allen können."
DER EIFFELTURM (1889)
Die Hauptattraktion der Pariser Weltausstellung von 1889 war jedoch der 300 m hohe Eiffelturm, benannt
nach seinem Erbauer Gustave Eiffel (1832­1923). Eiffel war Ingenieur und selbständiger Unternehmer,
baute Brücken, betrieb Studien über den Luftwiderstand und den Flug und richtete sich zu diesem Zweck
ein aerodynamisches Laboratorium ein. Als in New York die 46 m hohe Frei­heitsstatue errichtet wurde
(1875­1886), war Eiffel für die stabile Innenkonstruktion verantwortlich.
Gustave Eiffel, ein vielseitig beschäftigter Mann, übertrug 1884 zwei Ingenieuren seines Betriebes die
Ausarbeitung der technischen Seite des Projektes „Eiffelturm", während der Architekt Sauvestre den
architektonischen Teil bearbeitete. 1887 wurden die Fundamente für die vier Eckpfeiler gelegt. Darauf
folgte die Montage der sämtlich in der Fabrik vorgefertigten Einzelteile: 15 000 Eisenelemente und
2500000 Niete mit einem Gesamtgewicht von rund 7000 Tonnen. Den statischen Berechnun­gen legte
Eiffel den Winddruck eines Orkans von 400 kg/m2 zugrunde. Die Planungen und Berech­nungen (Zahl der
technischen Zeichnungen: für das Turmskelett 1700, für die Ausführung 3629, für Einzelteile 18038) waren
so genau, dass bis zu einer Niveauhöhe von 57,60 m kein einziges Nietloch geändert werden musste.
Nach 21 1/2 Monaten war die Gesamtmontage abgeschlossen. Als der Turm am 31. März 1889 eingeweiht
wurde, war der Aufzug noch nicht fertig, und Gustave Eiffel erstieg als erster die 1710 Stufen des Turmes.
Eiffel fand bei seinen Zeitgenossen für den Turm nicht ungeteilte
Bewunderung. Zahlreiche namhafte Schriftsteller, unter ihnen auch Emile Zola,
sparten nicht mit beißender Kritik; im „Journal" der Brüder Goncourt steht 1889
zu lesen: „Der Eiffelturm bringt mich auf den Gedanken, dass eiserne Bauten
keine menschlichen Bauten sind, das heißt Bauten der alten Menschheit, die
nur Holz und Stein kannte, um ihre Behausungen zu bauen. Außerdem sind
die glatten Flächen der Eisenbauten schrecklich; man sehe sich nur die erste
Plattform des Eiffelturmes mit ihrer Reihe von Doppelkäfigen an; gibt es etwas
Hässlicheres für das Auge eines Menschen alter Kultur?"
Heute urteilen wir anders. Le Corbusier äußerte zum Eiffelturm: „Es ist nicht zu
leugnen, dass man, um vom „La tour Eiffel" zu sprechen, auf Vokabeln der
Gefühlswelt zurückgreifen muss, auf Begriffe des Mutes und der
Unerschrockenheit..." Und weiter von Eiffel, den er selber kannte: „... seine
Äußerungen waren Inspirationen und geführt von einem bewundernswerten
Gefühl für Proportionen."

Das Profil des Eiffelturms ist so berechnet, dass es dem


Winddruck standhält, gleich­zeitig jedoch sollten die aufgrund
der Berechnungen festgelegten Formen den Rippen ein
gefälliges Profil geben. „Der erste Grundsatz der Bauästhetik
schreibt vor, dass die Hauptlinien eines Baus vollkommen
des­sen Bestimmung entsprechen müssen. Und welche
Gesetze hatte ich bei dem Turm zu berücksichtigen? Die
Gesetze vom Wind­druck. Nun wohl, ich behaupte, dass die
Krümmungen der vier Rippen, so wie die Be­rechnung sie
vorsieht,... einen starken Eindruck von Kraft und Schönheit
vermitteln werden, weil sie die Kühnheit der Gesamt­
konzeption sichtbar machen werden, auf die gleiche Weise
wie die zahlreichen in die Bauteile eingefügten Leerräume
energisch das ständige Bemühen, der Gewalt der Stürme
keine die Stabilität des Baus gefähr­dende Oberflächen
entgegenzusetzen, zum Ausdruck bringen sollen." (Gustave
Eiffel).