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Nr. 2 April 2002

„Diskussionen über unsere Zukunft brauchen wird herausgegeben von der Bundeszentrale
wir wie die Luft zum Atmen: Was können und für politische Bildung (bpb).
was müssen wir besser machen, was müssen
wir anders machen? Diese Fragen haben mit Politik zu
tun, mit der Chance, die uns in einer Demokratie gege- gibt es als Internet-Portal: www.fluter.de
ben ist, selbst zu bestimmen, wie es weitergehen soll. und vierteljährlich neu als gedrucktes Magazin.
Demokratie ist kein Erbgut, sie muss täglich neu ver-
dient, definiert und gestaltet werden. Nur wer sich in-
richtet sich an jüngere Leser. Ihnen und ihren
formiert, hat die Chance mitzureden.“
Thomas Krüger politischen Interessen, ihren Fragen, Sichtweisen, ihren
Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Stimmen und Argumenten will das Magazin ein Forum
geben.

verdankt seinen Titel der Beleuchtungstech-


nik. Dort schafft der Fluter eine gleichmäßige Lichtvertei-
lung und sorgt dafür, dass es großflächig hell wird.
Schicken Sie bitte ein kostenloses Probeheft
Ich möchte Ihr Heft weiterempfehlen.

beleuchtet die Hintergründe zu wichtigen


Themen dieser Zeit, liefert Argumente, Meinungen und
Provokationen - und präsentiert Menschen, die etwas zu
TAT-ORT
an die folgende Adresse:

sagen haben. Nur eines gibt es bei fluter nicht: Patentre-


zepte. Wie Polizeischüler trainieren
Straße / Hausnummer
Vorname / Name

wird von Journalisten gemacht, deren Hand- FAN-FRACHT


werk es ist, komplizierte Themen anschaulich zu über-
PLZ

Wie Fußballfans geschützt werden


Ort

setzen..

ANTI-TERROR
Zeitschrift „fluter“ kostenlos an meine Adresse
(s. Rückseite) frei Haus zugestellt bekommen.

Student/in
ich will die nächsten 4 Ausgaben der

entsteht in enger Kooperation mit den Ju-


gendseiten und –beilagen von Tageszeitungen. Was in den Sicherheitspaketen steckt

ist kostenlos zu abonnieren. Wenn Sie noch


Schüler/in

nicht Bezieher sind, nutzen Sie die nebenstehende Post-


Datum,Unterschrift:
Azubi

karte, Sie haben damit den Anspruch auf die nächsten vier
Geburtsdatum:

Ausgaben. Wenn danach das Magazin weiterhin Ihr Inte-


resse findet, können Sie das (kostenlose) Abonnement er-
Ich bin:

neuern.
Ja,
I N H A LT THEMA

Liebe Leserin, lieber Leser,


Nichts wird mehr so sein, wie es war. Ein Satz, in den Ta-
gen nach dem 11. September 2001 bis zum Überdruss oft
wiederholt. Im Blick auf das in Schutt und Asche gelegte
World Trade Center herrschte kein Mangel an großen Worten.

Wichtiger aber waren Taten. Die Politik hatte Vorsorge zu


treffen, Schutz vor Terrorakten und Terroristen zu garantie-
FAN-FRACHT ANTI-TERROR HACKER-HATZ ren – vor allem im eigenen Land. Attentäter, die den eigenen
Woche für Woche begleiten Bundesgrenzschützer Fußballfans auf Wieviel Sicherheit bringen die neuen Gesetze? Was lässt sich gegen Wie sicher ist das Internet? Wer hat Zugriff auf welche Daten? Kann Tod in Kauf nehmen, sind wandelnde Zeitbomben: als so ge-
dem Weg zum Auswärtsspiel und zurück. Fluter-Reporter waren bei die Bedrohung durch Attentäter und Extremisten tun? Wieviel Risi- man sich überhaupt schützen? Ein Bericht über Hacker, User und
nannte Schläfer leben sie offensichtlich mitten unter uns. Si-
einem Einsatz dabei. ko bleibt? Eine Analyse. Sicherheitsbehörden.
cherheitspakete wurden geschnürt, die Gesetzgebungsma-
Reportage Seiten 12 - 17 Hintergrund Seiten 20 - 26 Hintergrund Seiten 46 - 51 schinerie lief auf vollen Touren, an Geld fehlte es nicht, drei
Milliarden DM wurden bereit gestellt für das Haushaltsjahr
2002.

Die neuen Gesetze sind seit Jahresbeginn in Kraft, das


HINTERGRUND ARGUMENTE PROJEKTE Geld wird ausgegeben, neue Arbeitsplätze werden geschaf-
fen. Die Debatten sind verstummt, andere Themen beherr-
ANTI TERROR Was in den Sicherheitspaketen steckt 20 SCHAM FRIST Gewaltfilme: Hollywood hielt nur kurz inne 30 GEGEN GEWALT Wie ein 16-Jähriger Streit schlichtet 42
schen die Schlagzeilen. Wir zeichnen die Diskussionen
> Christoph Gusy: „Vollständige ÄLTESTEN RAT Peter Frisch, Ralf Dahrendorf 54 > Wie wehre ich mich gegen Angriffe 43 nach, die es um die Gesetze gab, es waren wichtige Debat-
Sicherheit darf es nicht geben“ 25 > Wie in Schwerin Überwachungskameras helfen sollen 44 ten für eine Demokratie. Der Spannungsbogen: Der An-
> Hans-Jürgen Lange: „Die Politik RASTER FAHNDUNG Wie das Thema Emotionen auslöst 56 > Wie in Bochum Schüler gegen Busrandale einschreiten 45 spruch auf innere Sicherheit darf nicht dazu führen, dass
steht unter dem Druck der Öffentlichkeit“ 26
Bürgerrechte auf Dauer und nachhaltig beschädigt werden.
SCHAU PLATZ Wie Leipziger mit ihren
Überwachungskameras leben 52 Bürgerrechte können sich nur sehr bedingt entfalten, wenn
EURO SCHIMANSKI „Wir von Europol vernetzen MENSCHEN der Staat nicht die Sicherheit seiner Bürger garantieren
Informationen“ 32 Lesermeinung / Impressum 58 / 59 kann. Die viel beschworene offene Gesellschaft kann perfek-
PLATZ ANGST „Wovor ich mich fürchte“ 4
te Sicherheit nicht bieten, Freiheit hat ihren Preis. Aber
SPUREN SUCHE Wie das Bundeskriminalamt
Fingerabdrücke erkennt? 34 > Umfrage: Hast du Angst, fühlst du dich sicher? 19, 27 wehe dem Staat, wehe den Verantwortlichen, die nicht alles
in ihrer Macht Stehende tun, um terroristischen Verbrechen
HACKER HATZ Wie sicher ist das Internet? 46 SCHUTZ SCHILD Wie sich Lars und Lena unter Dauer-
Polizeischutz fühlen 8 www. .de im April vorzubeugen. Trotzdem: Die Staatsmacht soll nicht über-
mächtig werden. „Wo alles geregelt, alles überwacht und
> Hansjürgen Garstka: „...nicht ins unter anderem mit folgenden Themen:
Blaue hinein ermitteln“ 51 BODY GUARD Juliane Schäuble: „Ich hatte eine
alles gespeichert wird, ist die Freiheit am Ende“ warnt der
angstfreie Kindheit“ 10 Videoüberwachung in Berlin: Bielefelder Rechtswissenschaftler Christoph Gusy.
Ein Spaziergang unter den Linden – von Kamera zu Kamera
> Personenschutz 11 Nicht nur Terroristen bedrohen unsere Sicherheit. Ge-
R E P O R TA G E Jugendclubs:
waltverbrechen, organisierte Kriminalität, die Brutalität ran-
GAST FEINDE Wo Neonazis Furcht verbreiten 18 Brutstätten von Gewalt oder soziale Begegnungsstätten?
FAN FRACHT Bundesgrenzschützer beim Fußball-Einsatz 12 dalierender Fans, Gewalt auf dem Schulhof, wir bräuchten
KLAR SICHT Was beim Sicherheitscheck passiert 28 Selbstversuch: viele Sicherheitspakete, wir brauchen den Schutz, den uns
TAT ORT Schießen, Sport, Paragraphen – Besuch Was alles passieren kann, wenn man eine Lebensversicherung die Organe des Staates gewähren. Die Polizei braucht unse-
einer Polizeischule 36 abschließen will ren Respekt für ihr schwieriges Handeln. Und wir brauchen
> Wie junge Polizisten Großeinsätze erleben 41 Titelbild: Eine junge Polizistin während einer Übung. Dieses Bild entstand in ... außerdem Buch- und Filmtipps zum Thema „Sicherheit“ uns selbst – Zivilcourage, Menschen, die sich dazwischen
der Leipziger Polizeifachschule von Vergil („Aeneis“) bis Bret Easton Ellis („Glamorama“) werfen, Streitschlichter: Beispiele hält dieses Heft bereit.
und von „Der Dialog“ (USA 1974) bis „Lebenszeichen“ (USA 2000) Dieter Golombek

2 Nr.02 Nr.02 3
MENSCHEN

Ängste, vor denen kein Sicherheitspaket schützen kann: Im


Alltag gibt es Orte und Situationen, die uns das Fürchten
lehren. Annette Lehmann, Nina Grontzki, Katja Korf, Jan
Schwarzkamp und Martin Spletter haben fünf Jugendliche
begleitet, die den gefährlichsten Ort ihrer Stadt zeigen.

Die Bushaltestelle
Sebastian heißt in Wirklichkeit anders. Aber schwieg, wich den Blicken der beiden aus und
seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung speicherte vorsichtshalber die Nummer der
lesen, jedenfalls nicht in dieser Geschichte. Er Polizei in seinem Handy. Heimlich.
hat Angst. Das sagt seine Mutter. Sebastian sel-
ber wird dabei rot und fragt nur: „Erkennt man Zum Glück hörten andere Fahrgäste die
mich auf dem Foto?” Drohungen der Skins. Ein paar stiegen sogar
mit Sebastian aus, begleiteten ihn bis nach
Er hatte auf den Bus gewartet, nachmittags Hause. Doch auch die Glatzen marschierten
um vier, an einer Haltestelle im Dortmunder mit. Kurz vor der Haustür kam dann die Poli-
Stadtteil Brünninghausen. Im Süden übrigens, zei, die irgendjemand alarmiert hatte. „Hip
nicht im verrufenen Norden. Der Realschüler Hop-Schlampe", pöbelte da gerade einer der
saß im Wartehäuschen. Ein Bus hielt, zwei Skins Sebastians Schwester an. Die Polizei,
Skinheads stiegen aus. Kahle Köpfe, Bomber- offenbar auf der Suche nach den Männern,
jacken, Springerstiefel, eine Wodkaflasche in nahm den einen mit, ließ den anderen aber
44.737 Übergriffe auf offener Straße registrierte der Hosentasche. „Aus welcher Richtung laufen.
die Polizei im Jahr 2000, jedes fünfte Opfer war kommst du? HipHop?” wollte einer wissen. Se-
ein Kind oder ein Jugendlicher. Meist werden die bastian antwortete nicht. Endlich kam sein Bus. Sebastian fährt immer noch Bus: „Ich ver-
Opfer ausgeraubt und zum Teil schwer verletzt. Er stieg ein, die Skins auch. Sie kamen zu suche einfach, nicht daran zu denken. Und ich
Tödlich enden die Auseinandersetzungen zum seinem Sitz. „Der gehört mir”, meinte einer der hoffe, ich begegne den beiden nie
Glück nur sehr selten. Typen. So ging das die ganze Fahrt. Sebastian wieder.”

4 Nr.02 Nr.02 5
MENSCHEN

Die Unterführung
Im Städtchen Voerde am Niederrhein le-
ben fast 39 000 Menschen. Zu denen gehört
Ines Tenter. Die 17-jährige Schülerin hält ihren
Heimatort für harmlos – gäbe es da nicht die-
se fiese Strecke zwischen Ines' Stammdisco
und ihrem Bett: „Am Wochenende gehe ich
gerne ins ,Stone' und erst früh morgens wie-
der nach Hause. Doch auf meinem Weg liegt
die Unterführung am Bahnhof, und wenn ich
Der Hauptbahnhof bloß daran denke, dass ich dort durchlaufen
muss, wird mir ganz mulmig. Schließlich bin
Gelsenkirchen hat gut 280 000 Einwohner und mit fast sechzehn Prozent die höchste Ar- ich meistens alleine unterwegs. Was die Si-
beitslosenquote in Nordrhein-Westfalen. Man sieht es am Hauptbahnhof, in dem fast alle Geschäfte tuation nicht gerade erleichtert, ist die Tatsa-
verschwunden sind. „Das ist der ekligste Ort in der Stadt”, sagt Kathrin Jeub (17). „Am Wochen- che, dass dort fast immer zwielichtige Leute
ende steh ich nachts oft da und warte auf ein Taxi. Oder auf jemanden, der mich abholt.” Kathrin rumhängen. Es passiert nicht selten, dass mir
macht eine Ausbildung als Erzieherin, und samstags geht sie gern ins berühmte Essener ,Mudia- irgendwer nachruft, und es ist sogar schon
Art'. „Ich versuche dann immer, nicht alleine da zu stehen. Und wenn ich irgendwo lang geh: Nie vorgekommen, dass mir so'n Typ nachgelau-
am Rand! Immer in der Mitte!” Ihr sind schon Typen nachgelaufen bis nach Hause, da musste die fen ist. Das war echt unangenehm, aber pas-
Polizei kommen. „Einmal hab ich eine Prügelei direkt miterlebt, mein Cousin hat eine Bierflasche siert ist dann doch nichts. Denn eigentlich ist
auf den Kopf gekriegt.” Dafür bekommt sie blöde Anmach-Sprüche ab – regelmäßig. „Ein bisschen Voerde ja ein friedliches Örtchen.”
mehr Polizei wär nicht schlecht”, findet Kathrin.

Die Treppe
Der Maiplatz Eigentlich ist es schön hier am Rheinufer, ganz in der
Nähe von Düsseldorfs Altstadt. Im Sommer füllen schicke
Das heißeste Pflaster seiner Heimatstadt? „Der Mai- Sonntags-Spaziergänger und flotte Inlineskater die Prome-
platz”, meint Matthias Greth (17). Mitten in Plettenberg, nade, Ausflugsschiffe legen an. Und doch gehört die breite
nahe dem einzigen Jugendzentrum in der alten Feuer- Rheintreppe für Karina Rosenfeld zu den gefährlichsten Or-
wache. Die Fußgänger sehen eher gelangweilt als ge- ten in ihrer Stadt. Gerade jetzt im Winter – und auch sonst
fährlich aus, aber hier hängen auch Cliquen herum, den immer dann, wenn es dunkel wird.
ganzen Tag, die halbe Nacht. „Viele Ausländer und so”,
sagt Matthias. „Gesindel”, sagen manche der 29 000 „Einmal war hier so ein ausgeflippter Mann. Der wollte
Bürger. „Aber für einige ältere Leute sind alle Jugendli- türkischen Frauen ihr Kopftuch mit der Schere zerschnei-
chen kriminell.” Matthias bemerkt oft misstrauische den”, erzählt die Schülerin. Da hat sie ihn angesprochen,
Blicke, wenn er Lederklamotten anhat oder seinen lan- ziemlich frech sogar. „Du siehst aus wie ein Penner, nicht wie
gen schwarzen Mantel. ein Friseur”, hat Karina zu ihm gesagt. Und er ist mit seiner
Schere fluchend und drohend ein ganzes Stück hinter ihr her
Er und seine Freunde treffen sich meist zu Hause, gerannt. Seitdem ist die Düsseldorferin vorsichtiger.
selten in der Stadt. Aber Matthias hat, wie er versichert,
auch im Dunkeln keine Angst, über den Maiplatz zu ge- Typen, die ihr unheimlich sind, treffen sich abends oft an
hen: „Ich halte mich raus, lass mich nicht anmachen. der Treppe. „Meine Freundin und ich sind schon angespro-
Und wenn andere Jugendliche Streit suchen, gebe ich chen worden, ob wir Drogen kaufen wollen”, sagt Karina. Ein
ihnen keinen Grund.” anderes Mal habe eine Gruppe Betrunkener eine Fahne am
Ufer verbrannt. Prügeleien seien keine Seltenheit. Ganz fern
Abends patrouilliert Polizei – „mit Hunden und fünf hält sich Karina von der Treppe nicht – dazu ist der große
Leuten. Da wird man schon mal angesprochen und nach Platz am Rhein ein viel zu beliebter Treffpunkt, auch für Ju-
dem Ausweis gefragt.” Das hat Matthias selbst erlebt, gendliche. Im Sommer ist ihre Clique jedes Wochenende hier.
aber von Prügeleien auf dem Platz weiß er nur vom „Aber abends würde ich nie alleine hierherkommen”, versi-
Hörensagen. chert Karina.

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MENSCHEN

SCHUTZ SCHILD
Wie sich Lars und Lena unter Dauer-Polizeischutz fühlen
„Nachfühlen kann das ohnehin niemand“, sagt Lena. Sie wie nackt vor den Augen einer völlig fremden tane Verabredungen zum Shoppen mit der Bodyguards treffen? Wie organisiere ich den
Person“, beschreibt Lena das Gefühl, das besten Freundin gibt es nicht mehr. Auch der „Ausflug“ am besten?
und Lars1 leben unter Polizeischutz. Was das für die beiden beim Lesen in ihr aufstieg. schnelle Gang über die Straße zum nächsten
Zigarettenautomaten ist tabu, es sei denn, Le- Discobesuche fallen flach: „Die Jungs
bedeutet, beschreibt Ute Schröder Die Polizei untersuchte den Brief, stellte na fordert circa zwei Stunden vorher die Si- würden zwar mitgehen, uns aber vorher sa- info
Verbindungen zu den bisherigen Ermittlungs- cherheitskräfte an. gen, dass das eine ziemlich dumme Idee ist.

D
er Samstag, an dem alles begann, schade, wenn Lena zum Beispiel plötzlich mit ergebnissen her, und dann ging alles sehr Also spare ich mir solche Aktionen“. Die jun- www.weisser-ring.de
schien ein normaler Sommertag zu ihrem nagelneuen Wagen von der Fahrbahn schnell: Noch am selben Abend wurden Lars Nichts, was sie und ihr Freund außerhalb ge Frau vertraut ihren Begleitern vollkommen. • ist die einzige bundesweite Hilfsorganisa-
werden. Neben der Tageszeitung und abkommen würde. Zum und Lena zu einem Si- ihres Hauses unternehmen, machen sie ohne Gleichzeitig weiß sie, dass es keine hundert- tion für Kriminalitätsopfer und ihre
einer Werbesendung steckte ein unscheinba- Schluss gratulierte der cherheitsgespräch ins „die Jungs“, wie Lena die Personenschützer prozentige Sicherheit gibt. Familien;
rer Umschlag im Briefkasten. Ohne Absender. Unbekannte Lena noch Polizeipräsidium gela- mit einer Mischung aus • wurde 1976 in Mainz ins Leben gerufen;
zu ihrer neuen Frisur. „Wenn ich mich un- den. Sofortiger und zeit- Gewohnheit und Bewun- Über manche Situa- • ist eine überparteiliche und unabhängige
Der Schreiber des Briefes war jemand, der lich zunächst unbegrenz- derung nennt. Zusätzlich tionen kann sie sogar la- Bürgerinitiative, die ihre Arbeit aus den
es angeblich „gut meinte“ mit Lena und ihrem „Diese Leute haben unterbrochen auflehne, ter Polizeischutz lautete observieren Polizisten „Man merkt, was man chen. Einmal wurde ihr Beiträgen ihrer 70.000 Mitglieder, aus
Freund, jemand, der sie warnen wollte: Wenn uns so genau ausgekund- die „Empfehlung“ des lei- aus einer benachbarten Freund von einem Teena- Spenden, Stiftungen, Nachlässen sowie
Lars, der Polizist, in dem bevorstehenden Rot- schaftet, dass sie nicht gehe ich kaputt“ tenden Kommissars. Mietwohnung mit Kame- alles als selbstver- ger für einen Bodyguard Zuweisungen von Geldbußen finanziert;
lichtmilieu-Prozess bei seiner Aussage bleibe, nur meine neue Haarfar- ras das Grundstück und gehalten und gefragt, wen • hat inzwischen rund 92 Millionen Euro für
müsse er mit Rache rechnen. Es sei doch be kannten, sondern auch den Weg zu mei- Lena und Lars sind umgezogen. Lena hat die Straße in der kleinen ständlich betrachtet“ er denn da begleite. Das Opferhilfe und mehr als 18 Millionen zur
1 Namen von der Redaktion geändert ner besten Freundin. Ich fühlte mich plötzlich sich von ihrer Firma beurlauben lassen. Spon- Reihenhaussiedlung. habe Lars sichtlich gefal- Vorbeugung bereitgestellt;
Schusssicheres Glas schützt die Fenster. len, schmunzelt Lena. Und als eine ältere Frau • unterhält ein flächendeckendes Hilfsnetz
Rund um die Uhr wird De Francesco geschützt – und kann sich dennoch nie sicher fühlen: Im italienischen Polizeifilm „Die Eskorte“ leitet er als Staatsanwalt die Er- lautstark über die ungehobelten Kerle von etwa 400 Anlaufstellen mit 2.500
mittlungen in einem sizilianischen Mafia-Prozess: sein Vorgänger ist den Mafiosi – trotz strengster Bewachung - bereits zum Opfer gefallen Erst nach und nach wurde Lena die neue schimpfte, die der jungen Frau nicht die Ein- ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern;
Situation bewusst: „Am Anfang fühlte ich mich kaufstüten tragen würden, hätte Lena ihre • mit der Einrichtung eines zentralen
nicht von einem möglichen Attentäter, son- „Jungs“ am liebsten selbst in Schutz genom- Infotelefons hat der Verein sein Hilfsan-
dern von meinen Begleitern beobachtet. Nach men. Denn: Einkaufstüten tragen und die Waf- gebot weiter verstärkt. Der Telefon-
dem erstem Einkauf im Drogeriemarkt habe fe ziehen, das funktioniert nicht. Wenige Se- anschluss 01803-34 34 34 kann aus je
ich gedacht: Toll, die wissen jetzt, welchen Lip- kunden können entscheidend sein. dem Ort Deutschlands und zu jeder Tages-
penstift und welche Binden ich kaufe. Inzwi- und Nachtzeit angewählt werden.
schen weiß ich: Sie halten viel Abstand und Freiheit hat für Lena jetzt eine völlig neue
schauen gerade bei diesen Sachen nicht hin. Bedeutung. Früher hieß das zum Beispiel, viel
Das sind Profis, die wissen, wie wichtig ein Geld zu haben, sooft wie möglich in Urlaub zu www.anwaltsverein.de
Rest von Intimsphäre für mich ist.“ fahren und das zu machen, worauf sie spon- Wie sich der (Spezial-)Anwalt finden lässt,
tan Lust hatte. Heute sind die so genannten was eine Erstberatung kostet und wer An-
Ein Auto hat Lena seit Monaten nicht mehr kleinen Dinge des Alltags wichtig: ein Stadt- spruch auf staatliche Beratungs- oder Pro-
selbst gesteuert. Zum Supermarkt wird sie von bummel bei Sonnenschein oder der spontane zesskostenhilfe hat, fasst die Broschüre „Oh-
den „Jungs“ im dunkelblauen Mercedes kut- Spaziergang im frisch gefallenen Schnee. ne Moos nix los?“ zusammen. Herausgeber ist
schiert, im Schlepptau immer eine weitere Li- „Dass ich überhaupt noch Freiheiten habe, der Deutsche Anwaltsverein (DAV). Weitere In-
mousine. Wenn sie dann in ihren zerschlisse- verdanke ich den Polizisten.“ formationen auf der Homepage und unter Tel.
nen Jeans, umrahmt von drei muskulösen 030 / 72 61 52-0.
Männern, auf den Eingang zusteuert, sind alle Gerade, weil der Drohbrief so ungenau for-
Blicke auf sie gerichtet: „Überall, wo ich auf- muliert ist, kann im Grunde jeder ein Attentä- www.bmj.bund.de
tauche, werde ich begafft, überall wird getu- ter sein. „Mir fehlt ein konkreter Feind, auf den Die „Opferfibel“ des Bundesministeriums der
schelt. Das Gefühl, sich vor diesen Blicken ich achten kann und auf den ich manchmal Justiz erklärt, wie eine Strafanzeige gestellt
nicht schützen zu können, ist am Anfang un- meine Aggressionen richten kann. Mein allge- wird oder welche Rechte und Pflichten Zeu-
erträglich, später nervig“, berichtet Lena. meines Misstrauen wird wohl auch dann noch gen haben. Außerdem gibt es hilfreiche Mus-
andauern, wenn die Gefahr vorbei sein sollte“, terschreiben und zahlreiche Adressen von
Bei jeder Entscheidung, ob und wohin sie befürchtet Lena. Die Hoffnung, dass nach Kontaktstellen für Hilfesuchende.
ausgehen will, startet in ihrem Kopf ein Fra- dem Ende des Prozesses irgendwann alles Die Opferfibel kann als PDF-Datei direkt von
geraster: Wie sicher bin ich da? Was könnte wieder wie früher sein wird, ist trotzdem der der Homepage des Bundesjustizministeriums
passieren? Welche Vorkehrungen müssen die wichtigste Gedanke in ihrem Leben. heruntergeladen werden.

8 Nr.02 Nr.02 9
MENSCHEN

Juliane Schäuble: „Ich hatte eine angstfreie Kindheit“


BODY GUARD
Wie lebt es sich, wenn die Familie rund um die Uhr bewacht eher selten gelang. Irgendwie haben sie un-
sere Spur doch meistens wieder gefunden.
wird? Juliane Schäuble (26), Tochter des Politikers Wolfgang Das lag wahrscheinlich an den etwas be-
grenzten Auswahlmöglichkeiten bei uns auf
Schäuble, erzählt, wie sicher sie sich dabei gefühlt hat dem Land. Genauso konnte es vorkommen,
dass unsere Freunde auf einmal mitten im

F
ür mich ist Sicherheit ein Zustand, in eher Angst vor möglichen Einbrechern. Angst Haus standen, ohne dass irgendjemand etwas
dem ich mich nicht fürchten muss, auf ist etwas Irrationales. Mein Elternhaus ist – bemerkt hatte beziehungsweise sie ihre An-
die Straße zu gehen oder allein zu Hau- seit ich mich erinnern kann – ein extrem gut kunft durch Klingeln ankündigen mussten:
se zu sein. Wovor ich keine Angst haben muss- bewachtes und gesichertes Haus. Alarmanla- Hoftor und Haustür standen ja jedem mögli-
te und auch nie gehabt habe, sind politische ge, gepanzerte Türen und kugelsicheres Glas chen Besucher einladend offen.
Attentate und Entführungen. Nicht einmal als wurden nach und nach eingebaut. Eine Zeit-
Kind war das eine reale und greifbare Gefahr lang stand sogar Tag und Nacht ein „ziviles“ Für mich sind das schöne Erinnerungen,
für mich. Bis Anfang der Neunziger Jahre war Polizeifahrzeug vor unserem Haus. Kein halb- denn sie belegen eines: Wir hatten, trotz der
zum Beispiel die „Rote Armee Fraktion“ gera- wegs vernünftiger Einbrecher sollte eigentlich Prominenz und der daraus resultierenden Ge-
de auch für Politiker eine wirkliche Bedro- auf die Idee kommen, sich gerade ein solches fährdung meines Vaters, eine normale und
hung. Es gab sogar so genannte „Schwarze Gebäude auszusuchen. Dennoch war ich mir weitestgehend sorglose und angstfreie Kind-
Listen“, auf denen auch dessen nie ganz „sicher“, heit. Ich hoffe, dass sich an dieser Situation in
der Name meines Vaters vor allem nicht, wenn ich Deutschland auch in Zukunft nichts ändert.
auftauchte. Die Morde alleine im Haus war. Alles andere wäre in meinen Augen gerade für
am Vorstandssprecher „Wir fuhren mit Kinder unzumutbar.
der Deutschen Bank, Al- Vielleicht liegt es ge-
fred Herrhausen 1989, Bus oder Fahrrad rade an den ganzen Si-
und an Treuhandchef cherheitsvorkehrungen,
Detlev Karsten Rohwed- zur Schule“ dass ich mir eher gefähr-
der 1991, machten mir det vorkam. Denn warum
das damals erst richtig deutlich. wird etwas beschützt, das nicht bedroht ist? Wolfgang Schäuble, ehemaliger Vorsitzender der CDU, wird auch heute noch auf Schritt und Tritt bewacht. Im Jahr 1990 fiel er einem Attentat zum Opfer, als ein psy-
Das würde dann aber bedeuten, dass ver- chisch kranker Mann nach einer Wahlveranstaltung die Pistole auf ihn richtete. Seitdem ist er querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl
Aber es gab anscheinend eine Art „Eh- stärkte und im besonderen Maße sichtbare
renkodex“, der besagte, dass die Familien der Schutzvorkehrungen nicht unbedingt zu
Politiker niemals getroffen werden sollten. Das einem größeren Sicherheitsgefühl des Ein- info
wussten wir, wahrscheinlich weil unsere Eltern zelnen beitragen. Im Gegenteil: Mehr Poli-
uns das immer wieder versicherten und weil zeipräsenz, zu viele Terror-Warnungen und - Personenschutz
auch tatsächlich so etwas meines Wissens nie Vorkehrungen machen den Menschen viel-
vorgekommen ist. leicht erst bewusst, dass sie nie ganz sicher Nur ranghohe Politiker und Staatsgäste ha- Anbieter über einen Waffenschein verfügt. Den bekommen auch unter den Politikern nur
sind. Viel lieber würde man diese Erkenntnis ben Anspruch auf kostenlose Bodyguards. Den bekommt man in Deutschland nur nach „Mitglieder der Verfassungsorgane“ wie Bun-
Wie es gewesen wäre, wenn mich und aber wahrscheinlich verdrängen. Das erklärt Für den Rest der Bevölkerung gilt: Wer sich gründlicher und regelmäßiger Kontrolle durch despräsident, Bundeskanzler, Ministerpräsi-
meine Geschwister Polizisten zur Schule hät- meines Erachtens die Abneigung vieler ge- bedroht fühlt, muss sich selbst um einen star- den Staat. Ein schlechtes Zeichen ist es, wenn denten und hohe Staatsgäste. Ein einfacher
ten begleiten müssen, mag ich mir gar nicht genüber intensiver Bewachung, sei es in ken Begleiter kümmern und dafür viel Geld sich ein Anbieter weigert, mit der Polizei zu- Abgeordneter erhält Personenschutz nur
vorstellen. Ich hoffe und glaube im Übrigen Form von Polizeipatrouillen oder eben Alar- hinlegen. Der übliche Tarif liegt zwischen 25 sammen zu arbeiten. Das spricht für unsau- dann, wenn er als besonders gefährdet ein-
auch, dass mein Vater dann vielleicht einen manlagen und Kameras. und 75 Euro pro Stunde. Pro Bodyguard. bere Geschäfte und ist äußerst problema- gestuft wird.
anderen Beruf ergriffen hätte. Wir wären si- tisch, wenn es ernst wird. Denn die Befug-
cherlich anders und weniger unbefangen be- In unserem Fall konnte dies manchmal – Mehrere hundert Security-Firmen bieten in nisse der Personenschützer sind begrenzt: Für den Schutz gefährdeter Politiker ist das
ziehungsweise „normal“ aufgewachsen und vermutlich zur Verzweiflung der Menschen, Juliane Schäuble, Jahrgang 1976, lebte bis Deutschland Personenschutz an – nicht alle Bei einem Angriff auf die „Schutzperson“ dür- Bundeskriminalamt (BKA) zuständig. Etwa
viel mehr aufgefallen – zumindest für mich die mit unserer persönlichen Sicherheit be- zum Abitur mit ihren Eltern in Gengenbach in sind vertrauenswürdig. Die Bezeichnung fen sie nur defensiv agieren, Nothilfe leisten 400 staatliche Personenschützer stehen dort
kein wirklich schöner Gedanke. So aber fuh- traut waren – regelrecht komische Züge an- Baden-Württemberg. Sie hat drei Geschwis- „Personenschützer“ ist nicht geschützt. und den Angreifer festhalten. Alles Weitere zur Verfügung. Im Gegensatz zu den privaten
ren wir wie alle anderen auch mit Bus oder nehmen. Ich erinnere mich an so manche ter: Christine (30), Hans-Jörg (27) und Anna Theoretisch darf sich jeder so nennen und ein müssen sie der Polizei überlassen. Bodyguards müssen sie alle eine langjährige
Fahrrad zur Schule, manchmal sogar per An- Familienabende, an denen wir versuchten, (20). Zurzeit studiert sie Politikwissenschaft Gewerbe anmelden. Trotzdem lassen sich se- Polizeiausbildung absolviert haben. Im Ernst-
halter – was wir unseren Eltern natürlich ver- uns, von unseren „Bewachern“ unbemerkt, in an der Universität Potsdam und arbeitet als riöse Firmen von schwarzen Schafen unter- Einen dauerhaften Rund-um-die-Uhr-Schutz fall dürfen sie auch alle polizeilichen Hoheits-
schwiegen. Auf der anderen Seite hatte ich viel ein Restaurant davonzustehlen – was leider freie Journalistin in Berlin. scheiden. Als wichtiges Kriterium gilt, ob ein können sich aber nur die wenigsten leisten. rechte wahrnehmen. Lukas Wallraff

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R E P O R TA G E

FAN FRACHT
Bundesgrenzschutz heißt
nicht nur Flughafen und Gren-
ze. Sondern auch Fußball.
Woche für Woche begleiten
Bundesgrenzschützer Fußball-
fans auf dem Weg zum Aus-
FC-Fans im Anmarsch: Mehr als 600 Fanclubs
wärtsspiel und zurück. Jan
hat der 1. FC. Köln mittlerweile. Das Fan-Projekt
zählt über 2.000 Mitglieder, unter ihnen der
Keith und Melanie Werlemann
bekannte Schlagersänger Guildo Horn (Fotos) waren dabei.
12 Nr.02 Nr.02 13
R E P O R TA G E

21.30 Uhr
4:0 für Mönchengladbach. Das ist nicht nur für den 1.FC Köln ein
schlechtes Ergebnis – sondern auch für die Beamten des Bundes-
grenzschutzes. Es ist Dienstagabend: Zehn Bundesgrenzschutz (BGS)-
Beamte haben sich in der Wache am Mönchengladbacher Hauptbahn-
hof versammelt. Ein alter, karger Besprechungsraum, eingerichtet im Stil
der 70er-Jahre. „Das Ergebnis könnte die Emotionen der FC-Fans hoch
kochen lassen“, sagt BGS-Mann Norbert Junge, der den Einsatz in Mön-
chengladbach leitet. Alle Beamten sind angespannter als noch vor ein
paar Minuten, ihre Gesichter konzentriert.

Bald werden FC- und Gladbach-Fans vom Stadion zum Bahnhof


zurückkehren. „Unsere Aufgabe ist es, diese beiden Fangruppen zu
trennen und die FC-Fans im
Sonderzug bis nach Köln zu
begleiten“, erklärt Bernd
Pleitgen, der im Zug das „Ich mache mich
Kommando haben wird. Die
Beamten stecken die Köpfe auf das Schlimmste
Vor dem Einsatz: Die Bundesgrenzschützer bei ihrer Lagebesprechung. Im Stadion übernehmen Ordnungskräfte und Polizei das Kommando – und können dabei hin zusammen, vor ihnen der
und wieder auch einen Blick auf das Spiel werfen. An diesem Abend ist die Stimmung im Stadion angeheizt. Beide Mannschaften kämpfen gegen den Abstieg Lageplan des Bahnhofs. An gefasst“
zwei Stellen soll abgesperrt Eine gute Position und einen klaren Kopf braucht der Bundesgrenzschützer,
werden: Kurz vor Gleis 7, wo der FC-Sonderzug abfahren wird, und an um alles im Blick zu behalten. Die Fans verfolgen eine gänzlich andere Strate-
Gleis 2, wo noch eine S-Bahn geht. Dazwischen ist Niemandsland: da- gie: Da im Stadion striktes Alkoholverbot herrscht, versorgen sie sich schon im
mit bloß keine verfeindeten Fans aufeinander treffen. Zug palettenweise mit bewusstseinstrübenden Substanzen

21.40 Uhr
Ein Beamter unterbricht die Einsatzbesprechung. Das Funkgerät
meldet irgendetwas, Handys klingeln. „Wir erfahren gerade, dass es im
Stadion zu ersten Ausschreitungen gekommen ist“, sagt einer der BGS-
Leute. In diesem Moment randalieren einige Fans auf dem Bökelberg,
reißen Zäune ab und werfen Mülleimer auf Beamte der Landespolizei,
die für die Sicherheit im Stadion und im Stadtgebiet zuständig sind. „Es
soll schon Verletzte gegeben haben“, zitiert der BGS-Mann den Funk-
spruch. Vor dem Spiel hatte man sich bereits auf das Schlimmste vor-
bereitet: Beide Mannschaften stehen im Abstiegskampf, und die FC- und
Gladbach-Fans sind traditionell stark verfeindet. „Wenn hier alkoholi-
sierte, gewaltbereite Fans aufeinander treffen, kann alles passieren“, so
Pleitgen. Mehrere Fans hatten schon vor der Abfahrt in Köln angekün-
digt, „dass heute die Post abgehen wird.“ Der BGS will dies verhindern:
Knapp 50 Beamte werden den Sonderzug nach Köln begleiten, zusätz-
lich sind 20 bis 30 Kräfte im Gladbacher Bahnhof präsent. Unterstützt
werden die Kölner und Gladbacher BGS-Beamten von der Beweissiche-
rungs- und Festnahmeeinheit, einer Spezialtruppe für solche Einsätze.

21.50 Uhr
Die Beamten patrouillieren bereits im Bahnhof. Unter ihrer Uniform
tragen sie eine Schutzweste, eine Taschenlampe und einen Knüppel. Je-
der hat eine Dienstwaffe und einen Helm, den sie aber nur aufsetzen,
wenn´s brenzlig wird, und im Ohr steckt ein Kopfhörer für das Funkgerät.
„Nein, Angst habe ich nicht“, erzählt der BGS-Beamte Christoph

14 Nr.02 Nr.02 15
R E P O R TA G E

Nitschke, 25, während er genau die Szenerie beobachtet. „Aber ich bin walttätigen C-Fans gerichtet: „Sie tragen manchmal teure Markenkla- ihn zu Boden und halten seine Hände auf den Rücken. Eine Beamtin se ruhiger Einsatz.“ Er wird noch 30 bis 60 Minuten auf dem Bahnhof
sehr konzentriert und mache mich auf das Schlimmste gefasst.“ Nitsch- motten und sind nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen.“ C- verriegelt die Absperrung, niemand kommt mehr durch. Oben auf dem patrouillieren. Dann darf er endlich nach Hause ins Bett. „Es war ein lan-
ke hat schon einige harte Einsätze erlebt. „Den schlimmsten hatte ich auf Fans kommen aus allen Bevölkerungsschichten. „Darunter gibt´s Gleis ist die Lage angespannt. Die BGS-Beamten beeilen sich, die FC- ger Tag.“
Schalke“, erzählt er. Nach einem Spiel gegen einen holländischen Verein Rechtsanwälte, Banker oder sogar Polizeibeamte, die sich einmal in der Fans in den Zug zu bekommen. Die enttäuschten und frustrierten FC-
kam es zu schweren Ausschreitungen. „Ein holländischer Fan ist dabei Woche so richtig prügeln wollen.“ Anhänger hauen mit Gegenständen gegen den Zug, einige steigen auf info
ums Leben gekommen.“ Nitschke hatte die Aufga- der anderen Seite des Zuges wieder aus. Chaos. Die Beamten rennen
be, zusammen mit seinen Kollegen eine Rettungs- Frank, 33, Banker aus Köln, ist einer dieser Hoo- den „flüchtenden“ FC-Fans hinterher, irgendwo auf den Schienen. Fanprojekte
gasse zu organisieren. „Aber da war mit normalen ligans. Bereits auf der Hinfahrt hatte er angekündigt:
Mitteln nichts zu machen. Die Schalke-Fans hatten „Einige C-Fans „Uns geht es nicht um das Spiel, wir fahren nur hin, Das erste Fan-Projekt in Deutschland entstand 1981 in Bremen, mitt-
mitgekriegt, dass es ein holländischer Fan war, der um uns zu kloppen“. Lässig stand er in einem der 22.45 Uhr lerweile gibt es sie in 30 Städten von A wie Aue bis Z wie Zwickau. Sie
im Sterben lag, und machten einfach keinen Platz für sind im Anmarsch Großraumabteile, mit seiner teuren Chevignon- Endlich. Der Zug setzt sich in Bewegung. Aber nur einige Meter. Ir- wollen in erster Linie ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, um Fußball-
die Rettungskräfte. Ich verstehe nicht, was in diesem Jacke, immer darauf achtend, dass er nicht in Hör- gendwer zieht die Notbremse. Fünf Beamte machen sich im Zug auf die Fans davon abzuhalten zu randalieren. Neben dem Besuch der Fuß-
Moment in den Köpfen der Chaoten vorgeht“. auf den Bahnhof“ weite eines BGS-Beamten ist. „Ich und meine Kum- Suche nach dem Bremsenzieher – ohne Erfolg. Nach ein paar Minuten ballspiele steht der Austausch im Vordergrund: Fans können sich mit
pels treffen uns mit einer Gladbach-Hooligan-Grup- der nächste Versuch. Diesmal klappt´s. Der Zug verlässt den Bahnhof, Spielern, Trainern und anderen Vereinsmitgliedern treffen, außerdem
pe an einem geheimen Ort – und dann geht´s los.“ Wo dieser geheime nach einigen Minuten hat der Sonderzug das „feindliche Territorium“ ver- werden Gesprächsrunden mit Polizisten veranstaltet. Viele Projekte
22.00 Uhr Ort ist, das ist für die BGS-Beamten schwer herauszubekommen. lassen: Und plötzlich ist die Anspannung der Fans verschwunden. Die wären ohne private Geldmittel gar nicht denkbar: In Düsseldorf zum Bei-
Die zwei Absperrungen sind eingerichtet, die ersten Fans werden FC-Anhänger werden ruhig. „Sie sind müde und alkoholisiert, und zum spiel war es die Punkband „Die Toten Hosen“, die 40.000 Euro für ein
schon kontrolliert. Flaschen und Waffen sind nicht erlaubt. Die meisten Feiern gibt´s ja auch nichts“, erklärt BGS-Beamter Nitschke. „Es ist oft Fanprojekt bereitstellte. Wer mehr über die Fanprojekte wissen möchte,
machen keinen Ärger, murren nur ein bisschen. Über Funk kommt ei- 22.15 Uhr so: Sobald man die ´feindliche` Stadt verlassen hat, wird´s ganz still.“ kann sich bei der Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen
ne neue Meldung: „Einige C-Fans sind im Anmarsch auf den Bahnhof.“ Der Sonderzug steht bereits an Gleis 7. Die Lage spitzt sich zu. Etwa Sportjugend informieren. Unter www.bsj.org/dsj-fan-projekt.html kann
C-Fans: Das sind die Hooligans, die auf Randale aus sind. „Unsere Pro- 600 FC-Fans sind im Bahnhof, darunter rund 100 der Kategorie C. Plötz- man ein Word-Dokument mit allen wichtigen Fakten zu allen Fan-Pro-
blemgruppe“, so BGS-Beamter Krieger, der sich in der Fußballszene in lich wird es hektisch. Man hört Glas zerbrechen, jemand hat eine Fens- 23.35 Uhr jekten herunterladen.
Nordrhein-Westfalen gut auskennt . „A-Fans sind ganz harmlos, B-Fans terscheibe des Sonderzuges eingeschlagen. Mehrere Beamte setzen ih- Nach 50 Minuten kommt der Zug in Köln an. Ruhig steigen die Fans Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend, Otto-
sind die, die gewaltbereit sind und sich mitreißen lassen können“, er- re Helme auf und rennen los. Gleichzeitig kommt es zu einer Rangelei aus, Schlachtgesänge sind kaum zu hören. Innerhalb weniger Minuten Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt, Telefon 069-6700276, Fax: 069-
klärt er weiter. Das Augenmerk der BGS-Beamten ist aber auf die ge- an der Absperrung: Zwei Beamte stürzen sich auf einen Mann, reißen haben alle den Bahnhof verlassen. Nitschke: „Es war ein vergleichswei- 67730000, E-Mail: kos.fanprojekte@dsj.de

Gedränge im Bahnhof von Mönchengladbach: Mit lautstarken Schlachtgesängen machen die Fans auf sich aufmerksam Waffen und Flaschen sind nicht erlaubt. Die meisten Fans lassen die Kontrollen über sich ergehen und vermeiden es, sich mit BGS-Beamten anzulegen

16 Nr.02 Nr.02 17
MENSCHEN

GAST FEINDE
Hast du Angst, fühlst du dich sicher? Diana Fallen-
stein von der Jugendseite „quergestreift“ der
„Südthüringer Zeitung“ fragte 17-und 18-Jährige

Wo Neonazis Furcht verbreiten Klar, man kann sich nicht total sicher sein. Am An-
fang habe ich mich schon gefragt, ob in Deutsch-
Immer wieder kommt es in den neuen Bundesländern zu info land etwas Ähnliches wie in New York passieren
kann. Aber jetzt fühle ich mich sicher.
Pöbeleien und Gewalt gegen Austauschschüler. Es gibt auch Schulpartnerschaften Anne (17), Leimbach

Zivilcourage. Momentaufnahmen von Sandra Daßler. "Gemeinsam Handeln – Voneinander Lernen


– Zusammenwachsen": Unter diesem Motto

B
londe Haare, blaue Augen: Frank Ce- Jahren an allen staatlichen Schulämtern so ge- fördert die Deutsche Kinder- und Jugendstif-
dolin sieht aus wie ein Deutscher. Trotz- nannte Schulräte angeregt, die vor Ort auf Ras- tung (DKJS) Projekte zwischen ost- und west-
dem hat sich der französische Schüler, sismus und Gewalt reagieren sollen. Im Fall deutschen Schulen. In den Schulen arbeiten
der im Rahmen des deutsch-französischen Ju- von Frank Cedolin ist allerdings nicht viel ge- die Schülerinnen und Schüler an einem ge-
gendwerks das Alexander-Puschkin-Gymnasi- schehen. Sein Freund Alexander berichtet, meinsamen Projekt, in ihren Gastfamilien ler-
um in Hennigsdorf bei Berlin besuchte, am An- dass viele in Hennigsdorf Angst vor den nen sie das Leben vor Ort kennen. Schirmherr
fang seines Aufenthalts einiges anhören müs- Rechtsextremen haben. Vater Tietze ergänzt: ist Bundespräsident Johannes Rau, unter- Randgemeinschaften wie Skinheads oder das
sen. „Die haben ihn Froschfresser genannt „Von den Lehrern wird fast alles geduldet. Und stützt wird die Aktion durch die Bundeszen- Satanisten-Ehepaar, das jetzt vor Gericht
oder Baguette“, erzählt sein deutscher Freund die Eltern haben andere Probleme.“ Der Di- trale für politische Bildung (bpb). Mehr Infor- stand – solche Gruppen machen mich unsi-
Alexander Tietze: „Im Grunde genommen wa- plomingenieur ist nach der Wende fast jedes mationen gibt es unter cher. Da kann man sich nur unauffällig ver-
ren es nur drei Schüler. Die sehen aus wie Jahr mit seiner Familie nach Frankreich ge- www.schulpartnerschaften.de oder halten. Martin (17), Bad Salzungen
Rechte und denken auch so.“ fahren: „Als DDR-Bürger durften wir das nicht. www.dkjs.de. Ansprechpartner bei der bpb ist
Ich bin so froh, dass unsere Kinder jetzt diese Ronald Hirschfeld (hirschfeld@bpb.de.)
Immer wieder hört Arnaud Sete, verant- Möglichkeit haben.“ Auch er möchte, dass das
wortlich für den Schüleraustausch beim Voltaire-Programm weitergeht – auch in jenen
deutsch-französischen Jugendwerk, von sol- Bundesländern, in denen es immer wieder
chen Vorfällen in den neuen Bundesländern. Probleme gibt. Manchmal, wenn ich abends unter-
1999 wurde eine französi- wegs bin, habe ich Angst. Vor Aus-
sche Schülerin in Bran- In Sachsen - Anhalt ländern. Manche sind sehr aggres-
denburg geschlagen. Ein wurde beispielsweise die siv, andere können ganz in Ordnung
Jahr später weigerten sich Nur ein kleiner 16-jährige Französin An- info sein. Ich wohne im Neubaugebiet,
Eltern aus Oranienburg, drea Victol beim Osterfeu- dort ist die Angst vor den „Russen“
ihre Kinder zu farbigen Teil der Übergriffe er von einem angetrunke- Gegen rechtsextreme Gewalt Ich fühle mich nicht so sicher. Ich stamme aus Polen, lebe seit schon ein Thema. Anschläge wie in
Gastfamilien in Frank- nen Nachbarjungen ihrer zwölf Jahren hier und fühle mich eigentlich nicht mehr als Aus- den USA können hier auch passie-
reich zu schicken. Ar- wird bekannt Gastfamilie angespuckt. www.gesicht-zeigen.de länderin. Ich bin ja hier aufgewachsen. Trotzdem habe ich Angst ren. Ich hoffe nicht, aber man kann
naud Sete will trotzdem Die Gasteltern zeigten den Die Seite bietet Informationen für alle diejeni- vor rechtsradikalen Übergriffen. Weil man mir ansieht, dass ich aus nie wissen.
weiterhin französische Schüler in den Osten Jungen an – nachdem sie drei Tage vergeblich gen, die sich mit eigenen Aktionen gegen Aus- Polen stamme, weil man es am Namen hört. Andrea (16), Bad Salzungen
einladen: „Sonst hätten die Rechten doch ge- auf eine Entschuldigung gewartet hatten. Dafür länderfeindlichkeit und Rechtsextremismus Iwona (19), Bad Salzungen
nau das erreicht, was sie wollen“, sagt er: „Wir entschuldigten sich viele andere Dorfbewoh- engagieren wollen. Außerdem findet man hier
müssen offensiv mit solchen Vorfällen umge- ner bei Andrea. Das farbige Mädchen war in regionale Initiativen gegen Ausländerfeind-
hen, die ja nur die Spitze des Eisbergs sind.“ den Ort völlig integriert. lichkeit und bundesweite Veranstaltungster-
mine. Schirmherr des Vereins ist Bundesprä-
Sete meint, dass nur ein kleiner Teil der Pö- Sie tanzte in der Frauengruppe der Frei- sident Johannes Rau.
beleien und Übergriffe bekannt wird. Die Fol- willigen Feuerwehr, spielte in der Volleyball-
gen seien verheerend: „Jeder Schüler, der mannschaft mit. Andreas Gastmutter, Eva Mar- www.sos-rassismus-nrw.de
nach Frankreich zurückkommt und erzählt, quardt, hat sich an den Gemeinderat gewandt Die Homepage von SOS-Rassismus präsen-
dass in Ostdeutschland Nazis rumlaufen, sorgt und einen Artikel in der Zeitung veröffentlicht. tiert Projekte und Aktionen, mit denen sich Ju- Ich fühle mich sicher in Deutschland. Anschläge kann
dafür, dass die Angst wächst. Als ich früher mit Trotzdem ist sie sauer, dass „alle nur über die- gendliche in Nordrhein-Westfalen gegen Ras- ich mir hier nicht richtig vorstellen. Vor der rechten Sze-
meinen Klassen Deutschland besuchte, bin sen Vorfall berichten“. Über das Positive, über sismus und für eine Verständigung zwischen ne muss man allerdings Angst haben, das spielt hier
ich auch lieber in Berlin geblieben, als bei- die vielen Begegnungen, die das Austausch- den Kulturen einsetzen. Neben praktischen schon eine Rolle. Schützen kann man sich davor, wenn
spielsweise nach Brandenburg zu fahren.“ programm ermöglicht, werde nicht informiert. Informationen über ein Anti-Gewalt-Training man nicht allein unterwegs ist und Konfrontationen mit
„Und es kann doch nicht sein“, meint Eva gibt es ein Lexikon für Antirassismusarbeit, denen aus dem Weg geht.
Das brandenburgische Ministerium für Bil- Marquardt, „dass ein betrunkener Dummkopf das Fachbegriffe von A wie Abschiebung bis Hannes (17), Immelborn
dung, Jugend und Sport hat vor zweieinhalb alle unsere Bemühungen zunichte macht.“ Z wie Zivilcourage erklärt.

18 Nr.02 Nr.02 19
HINTERGRUND

Was in den Sicherheitspaketen steckt


Was lässt sich gegen die Bedrohung durch Attentäter und Ex- fallen.“ Es müsse aber klar sein: „Es darf für
Terroristen keinen Platz in Deutschland ge-
tremisten tun? Wieviel Risiko bleibt? Volker Thomas beleuchtet ben. Wer sich extremistisch betätigt, muss
ausgewiesen werden. Wer eine Gefahr für die
die Gesetze, die mehr Sicherheit garantieren sollen. innere Sicherheit in Deutschland darstellt, wer
schwere Straftaten begeht, darf durch das
Terroranschlag im Frankfurter Banken- solcher Aktionen notwendig ist.“ (Bundesin- deutsche Asylrecht nicht geschützt sein“, so
viertel. Selbstmordattentat wahrscheinlich. nenminister Otto Schily). Erwin Marschewki, innenpolitischer Sprecher
Viele Tote, Verletzte, eine Stadt in Panik. – Die der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Meldung ist erfunden. Doch wie es soweit Was an direkten Eingriffen kommen wird,
kommen kann, lässt sich in Szenarios durch- steht im Gesetz: Verschärfte Kontrollen bei der Das Terrorismusbekämpfungsgesetz ist
spielen: Ein Attentäter muss einreisen, er Einreise, Rasterfahndung nach auffälligen ein so genanntes Artikelgesetz. Das heißt, es
braucht Geld, Verbindungsleute, eine Unter- Merkmalen, Telefonüberwachung, Kontrolle greift in bestehende Gesetze ein, verändert
kunft. Er braucht jede Menge Daten, die rich- von Geldtransfers, Ver- einzelne Paragraphen, er-
tige Logistik, Know-how, eine günstige Gele- stärkung der Sicherheit- setzt dort eine Bestim-
genheit. Alles Anknüpfungspunkte für Beob- schecks an potenziell mung durch eine andere,
achtungen von Polizei und Geheimdiensten. gefährdeten Gebäuden. Verboten wird, was definiert Tatbestände neu,
Aber ob und wie das ge- erweitert Zuständigkeiten
Eine terroristische Bedrohung schon im gen Terroristen hilft, die gegen „das friedliche oder die Möglichkeiten
Ansatz zu stoppen – das ist das Ziel der bei- sich als „Schläfer“ tar- der Zusammenarbeit. Die
den so genannten Sicherheitspakete, die der nen, ist fraglich: Volker Zusammenleben der entsprechende Bundes-
Bundestag Ende des vergangenen Jahres mit Beck, innenpolitischer tagsdrucksache umfasst
breiter Mehrheit verabschiedet hat. Doch we- Sprecher von Bündnis Völker gerichtet“ ist (mit Begründung) 72 Sei-
der Polizei noch Geheimdienste sprechen von 90/Die Grünen: „Die mei- ten und enthält Bestim-
absoluter Sicherheit: „Es ist jedem klar, dass sten Attentäter von New York und Washington mungen, die vom „Asylverfahrens-“ bis „Ver-
es in unserer offenen Gesellschaft niemals verbrachten die letzten Jahre und Jahrzehnte einsgesetz“ reichen. Im Zusammenhang mit
lückenlose Sicherheit geben kann. Es geht ihres Lebens im Ausland. Sie verhielten sich den Aktivitäten ausländischer Terrororganisa-
darum einzusehen, dass die Früherkennung angepasst und gesetzestreu, um nicht aufzu- tionen auf deutschem Boden wird vom

Ich weiß, dass gerade bei den Nachrichtendiensten wo der Staat sein Handeln teilweise nach außen verbergen
muss, die exakteste Beachtung des Grundgesetzes unverzichtbar ist und der Staat alles, aber auch alles, nur
in den Grenzen dieser Verfassung tun darf. Nur dann ist er ein Rechtsstaat. Dieser Rechtsstaat muss sich
immer bewähren – auch dann, wenn er unbequem wird.
Peter Frisch, ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV)

20 Nr.02 Nr.02 21
HINTERGRUND

Die wirkungsvollste Maß-


nahme zur Erhöhung der
inneren Sicherheit ist die bessere
personelle, finanzielle und techni-
sche Ausstattung der Sicherheits-
behörden, insbesondere der Poli-
zei und der Dienste.
ANTI TERROR Gesetzgeber darauf verwiesen, dass „die und Kartennummern von Mobiltelefonen und
Max Stadler, innenpolitischer
Sprechen der FDP-Bundes-
gesetzliche Grundlage zur Beobachtung von damit auch die Standorte des Gerätes zu er-
tagsfraktion
Zusammenschlüssen und Einrichtungen mitteln. Der Verfassungsschutz darf laut Ge-
afghanischer Taliban in Deutschland nicht setz jetzt das Gerät verwenden, wenn eine Er-
eindeutig“ gewesen sei. Das gleiche gelte für mittlung anders „aussichtslos oder wesentlich
info andere ausländische Organisationen in erschwert wäre“. Denn: „Angehörige terroris-
Deutschland. Das Terrorismusbekämpfungs- tischer Gruppen nutzen zunehmend Mobilte-
Wie viel Polizei es gibt gesetz führt einen neuen Straftatbestand ein: lefone, deren Herkunft den Sicherheitsbehör-
Danach sind „Bestrebun- den nicht bekannt ist. Die
Der so genannte Personalschlüssel wurde im gen“ verboten, die gegen Telefonnummer solcher
Jahr 1972 auf einen Polizisten für 420 Bür- den „Gedanken der Völ- Geräte kann deshalb
ger festgelegt. Das hieße: Auf 82 Millionen kerverständigung, insbe- Informationen über auch über einen Provider
Bürger kämen 195 238 Polizisten. Laut Bun- sondere gegen das fried- nicht festgestellt werden.“
desinnenministerium gibt es nach der letzten liche Zusammenleben Geldflüsse und
Erhebung 262 967 Polizeivollzugsbeamte. der Völker gerichtet sind“. Mit der Änderung des
Davon entfallen 33 261 auf den Bundes- Kontobewegungen Vereinsgesetzes soll ge-
grenzschutz und cirka 2 300 auf das Bun- Der Verfassungs- gen den internationalen
deskriminalamt. Der Verfassungsschutz hat schutz kann jetzt auch Geld- und Kontenbe- Terrorismus und seine deutschen Verbindun-
2 136 Beschäftigte bei einem Gesamtetat von wegungen verdächtiger Gruppen oder Perso- gen vorgegangen werden: Bisher gab es kei-
114,5 Millionen Euro. Beim MAD arbeiten nen kontrollieren. Ohne Informationen über ne Möglichkeit, gegen einen Ausländerverein Neben der Technik ist bei der Kon-
1250 Beamte (Etat 120 Millionen). Insgesamt Geldflüsse und Kontobewegungen sei es nicht vorzugehen, der in Deutschland Spenden für trolle vor allem gutes Personal wich-
2300 Stellen zusätzlich sieht das Anti-Terror- möglich, „die Gefährlichkeit solcher Gruppie- seine ausländische terroristische „Heimator- tig: Eine private Sicherheitsfirma,
Paket im Bereich des Bundes vor. rungen frühestmöglich einschätzen zu kön- ganisation“ sammelt, Kämpfer rekrutiert oder die für die Gepäcküberwachung am
nen“, sagt der Gesetzgeber. die Organisation auf eine andere Weise unter- Dulles Airport in Washington zu-
stützt (wie das die Taliban oder die kurdische ständig ist, musste 1,2 Millionen
Auch auf den geheimnisvollen IMSI-Cat- PKK in Deutschland getan haben). Das ändert Dollar Strafe zahlen, weil sie untrai-
cher geht die Bundestagsdrucksache ein. IM- sich durch die Neufassung der Verbotsgrün- nierte Sicherheitskräfte mit krimi-
SI-Catcher werden eingesetzt, um die Geräte- de. Ein Verein kann verboten werden, neller Vergangenheit beschäftigte

info
Die wichtigsten Änderungen in Stichworten „schweren Formen von Datennetzkriminalität“. le Aktionen informiert werden. Der Betroffene „bei deren Ausfall oder Zerstörung eine er- sie die freiheitlich-demokratische Grundord-
Das heißt: die Bundesbehörde greift dann ein, erfährt zunächst nichts: Er oder sie wird erst hebliche Gefährdung für die Gesundheit oder nung Deutschlands gefährden oder Gewalt-
Am 19. September 2001 beschließt die Bun- Biometrische Daten im Ausweis wenn „kritische Infrastrukturen“ des Staates dann informiert, wenn dadurch die Ermittlun- das Leben von großen Teilen zu befürchten tätigkeiten mit politischen Zielen begehen. Es
desregierung, im Haushalt 2002 zusätzlich Biometrische Daten wie Fingerabdrücke, oder großer Datennetzanbieter wie der Telekom gen nicht mehr gefährdet werden können. oder die für das Funktionieren des Gemein- müssen allerdings konkrete Belege vorliegen,
drei Milliarden Mark zur Terrorismusbekämp- Handform oder die Struktur der Augeniris dür- kriminellen Attacken zum Opfer fallen. wesens unverzichtbar ist.“ Dazu gehören alle ein so genannter Anfangsverdacht reicht nicht
fung zur Verfügung zu stellen. Außerdem wird fen in Ausweise aufgenommen werden. Ins- Sicherheitsprüfungen Bundeswehreinrichtungen („verteidigungs- aus.
das Vereinsrecht geändert (Streichung des gesamt können drei zusätzliche Merkmale in Geheimdienste Angestellte von sicherheitsrelevanten Einrich- wichtig“), aber eben auch andere für die Ver-
Religionsprivilegs) und ein neuer Tatbestand verschlüsselter Form gespeichert werden. Die Verfassungsschutz, Bundesnachrichten- tungen wie etwa Krankenhäusern, Rundfunk- sorgung der Bevölkerung wichtige und nicht Geheimdienste, Polizeibehörden und alle deut-
im Strafgesetzbuch eingeführt, der die Verfol- Merkmale müssen computerlesbar sein, dür- dienst (BND) und Militärischer Abschirm- anstalten oder Energieerzeugern sollen künf- nur staatliche Betriebe. schen Auslandsvertretungen haben Zugriff auf
gung terroristischer Aktivitäten im Ausland be- fen aber für den Passinhaber nicht erkennbar dienst (MAD) dürfen künftig bei allen Banken tig genau geprüft werden. Das Gesetz ist eben- alle Daten des Ausländerzentralregisters. Da-
trifft. Der Bundestag stimmt dem „ersten Si- sein. Derzeit laufen Gespräche auf europäi- Informationen über Konten, Geldbewegungen falls zunächst auf fünf Jahre befristet. Das „Si- Sky Marshalls mit sollen schon im Vorfeld über einreisende
cherheitspaket“ am 11. Oktober, der Bundes- scher Ebene, welche Merkmale europaein- und Geldanlagen anfordern – wenn der Präsi- cherheitsüberprüfungsgesetz“ (SÜG), das Der Einsatz von so genannten Sky-Marshalls Ausländer Daten verfügbar gemacht werden.
rat am 30. November zu. Das „Terrorismus- heitlich in die Ausweispapiere aufgenommen dent des jeweiligen Geheimdienstes die Akti- entsprechend geändert werden soll, betraf an Bord von Flugzeugen erhält mit dem Si- Wer Asyl beantragt, muss künftig damit rech-
bekämpfungsgesetz“ (auch zweites Anti-Ter- werden könnten. on genehmigt. Der Verfassungsschutz kann bislang nur Menschen, die mit vertraulichen cherheitspaket eine rechtliche Grundlage. Al- nen, dass seine Fingerabdrücke automatisch
ror-Paket oder „zweites Sicherheitspaket“) bei den Daten der Fluggesellschaften ebenso oder gar geheimen „Verschlusssachen“ zu tun lerdings dürfen keine privaten Sicherheits- mit dem polizeilichen Tatortspurenbestand
wird nach einer Beratung im Innenausschuss Bundeskriminalamt verfahren. Wenn Verfassungsschutz, BND hatten, also vor allem in Behörden. Das Atom- dienste eingesetzt werden, sondern nur Bun- des Bundeskriminalamtes abgeglichen wer-
am 14. Dezember 2001 vom Bundestag ver- Das Bundeskriminalamt (BKA) darf unter be- oder MAD Daten von Post- und Telekommu- gesetz regelt außerdem, wer in den Sicher- desgrenzschutzbeamte und Polizisten. den können.
abschiedet, der Bundesrat stimmt am 20.De- stimmten Voraussetzungen selbst Daten ermit- nikationsdiensten abfragen wollen, brauchen heitsbereichen der Kernkraftwerke, das Luft-
zember 2001 zu. Die Neuregelungen betref- teln – und muss nicht mehr wie bisher die je- sie eine Genehmigung des zuständigen Minis- verkehrsgesetz, wer in Bereichen der Luftfahrt Ausländerrecht Mehr Informationen zum Downloaden bei:
fen rund 100 Gesetzesänderungen die zum 1. weilige Landespolizei damit beauftragen. teriums. Außerdem müssen die parlamentari- arbeiten darf. In Zukunft ist aber jeder betrof- Ausländern, die in Deutschland leben, kann http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/1105
Januar 2002 in Kraft traten. Außerdem führt das BKA die Ermittlungen bei schen Kontrollausschüsse regelmäßig über al- fen, der in einer Einrichtung beschäftigt ist, das Aufenthaltsrecht entzogen werden, wenn 6/1.html

22 Nr.02 Nr.02 23
HINTERGRUND

ANTI TERROR wenn er „Bestrebungen außerhalb des Bun- Versagungsgrund“ für Visa, Einreise- und
desgebiets fördert, deren Ziele oder Mittel mit Aufenthaltsgenehmigungen geschaffen. Er-
den Grundwerten einer die Würde des Men- fasst wird die Mitgliedschaft oder Unterstüt-
schen achtenden staatlichen Ordnung“ nicht zung von Vereinigungen, die Anschläge gegen
vereinbar sind und wenn er „Gewaltanwen- Personen oder Sachen veranlassen, befür-
dung“ befürwortet. worten oder androhen, unabhängig davon, wo
Mit der Änderung des Vereins- die Anschläge verübt werden.
rechts ist eine Grenze über- Wesentlich erweitert wurden die Zustän-
schritten. Mich stört der zu dif- digkeiten des Bundeskriminalamtes, etwa bei Berlin, Potsdamer Platz. Die Kamera links von
fuse Begriff der „terroristischen der internationalen Computersabotage. Die dem großen Durchgang zum Sony-Center hat
Vereinigung“. Der „Kalifat-Staat“ in Köln ist Begründung für die Terrorismusbekämp- übernommen. Sie dreht sich langsam mit dem
zum Beispiel mit Recht verboten worden. Der fungsgesetze hält ausdrücklich fest: „Daten- Fußgänger bis zum äußersten Anschlagpunkt,
Chef des Kalifat-Staats, Kaplan, sitzt wegen netze werden internatio- dann gibt sie weiter an die
eines Mordauftrags im Gefängnis; es gibt eine nal zunehmend miss- nächste. – Auf dem Pots-
Reihe von Erkenntnissen, die belegen: Dieser braucht, um Straftaten zu DIE ZEIT: damer Platz sind Hunder-
Verein ist gefährlich. begehen. Hier bietet sich „Es gibt nur einen te von Video-Überwa-
Was aber ist mit Gruppen, die in Opposition gerade für Terroristen ein chungskameras ständig
zu einer oft autoritären Regierung in ihrem neues Betätigungsfeld. Ausweg: im Einsatz. Jede Bewe-
Land stehen? Es gibt einen alten Spruch: Den Tätern steht global gung kann in einer un-
Des einen Freiheitskämpfer ist des anderen eine leistungsfähige Infra- Gesetze auf Zeit“ sichtbaren Zentrale regis-
Terrorist. Da geht es um Leute, die vor politi- struktur, insbesondere triert werden. Ein Funk-
scher Verfolgung fliehen mussten, weil sie zum Angriff auf die Informations- und Kom- signal an den nächsten Sicherheitsmann, der
Vereinigungen mit sehr unterschiedlichen munikationssysteme zur Verfügung.“ in der Nähe eines Verdächtigen patrouilliert,
Schattierungen angehören. Es gibt Wider- genügt. Fühlt man sich sicherer?
standsbewegungen, die keine Gewalt ausü- Die meisten Regelungen im Terrorismus-
ben, es gibt ihnen nahestehende Organisa- bekämpfungsgesetz betreffen nicht deutsche, „Überzeugende Antworten sind schwierig,
tionen. Die türkische Regierung hat dem In- sondern ausländische Bürger. Es geht um vielleicht bleiben Ungewissheiten auch unver-
nenminister eine Liste von rund 100 Organi- Ausländer, die nach Deutschland kommen meidbar. Es gibt nur einen Ausweg: Gesetze
sationen vorgelegt, die sie in Deutschland oder sich hierzulande aufhalten. Sie sollen auf Zeit“, so die Wochenzeitung DIE ZEIT.
gerne verboten sähe. besser überprüft und leichter abgeschoben Tatsächlich sind die Regelungen im Terroris-
Reinhard Marx, Frankfurter werden können, wenn Beweise vorliegen, mus-Bekämpfungsgesetz, die eine Auswei-
Rechtsanwalt und Spezialist für dass sie terroristische Gruppen unterstützen. tung der geheimdienstlichen Befugnisse be-
Ausländerrecht Im Ausländergesetz wird ein „besonderer treffen, auf fünf Jahre begrenzt. Kontrollinstrument der Zukunft? Eine deutsche Firma, die sich mit organischer Bildtechnik beschäftigt, hat diese Zugangskontrolle mit Gesichtserkennung entwickelt

Christoph Gusy: „Vollständige Sicherheit darf es nicht geben“


info Der Bielefelder Rechtswissenschaftler über den Preis der Freiheit
Zuständigkeiten minalamt wird – in Abstimmung mit den Lan- setz anders: Mittel, die Geheimdienste an-
deskriminalämtern – erst dann aktiv, „wenn wenden dürfen, weil es um die Gefährdung Ist Sicherheit eine Illusion? Funktionieren denn die Kontrollen?
Militärischer Abschirmdienst (MAD), Bundes- sich ein Straftäter über das Gebiet eines Lan- der freiheitlich-demokratischen Grundord- Vollständige Sicherheit kann und darf es nicht geben. Ein gewisses Die Rechtsordnung hat zahlreiche Instrumente zur Verfügung ge-
amt für Verfassungsschutz (Inland) und Bun- des hinaus betätigt oder betätigen wird.“ Die nung, geht, dürfen jetzt auch bei der Krimina- Maß an Unsicherheit ist der Preis der Freiheit. Wo alles geregelt, alles stellt: Behördeninterne Kontrollen, politisch Verantwortliche, Rech-
desnachrichtendienst (Ausland) haben die Polizei wird von Richtern und Staatsanwalt- litätsbekämpfung eingesetzt werden. überwacht und alles gespeichert wird, ist die Freiheit am Ende. Das En- nungshöfe, Gerichte, parlamentarische Kontrollgremien. Sie alle sollen
Aufgabe „die Untergrund- und staatsgefähr- schaften kontrolliert und muss sich dort die de der Freiheit ist allerdings keineswegs vollständige Sicherheit, sondern Rechtmäßigkeit, Zweckmäßigkeit und Effizienz des Handelns der Si-
dende Arbeit staatsfeindlicher Gruppen und Genehmigung für bestimmte Sonderermitt- Seit 1994 („Verbrechensbekämpfungsge- vollständige Unsicherheit. cherheitsbehörden überprüfen. Diese Kontrollen haben sich bewährt.
Einzelpersonen“ zu beobachten und zu über- lungen holen (Hausdurchsuchen, Abhörak- setz“) darf der BND – auch im Inland – Infor-
wachen. Für ihre Kontrolle sind parlamentari- tionen etc.) Das kennt jeder aus den „Tatort“- mationen sammeln und an die Polizei weiter- Neue gesetzliche Maßnahmen für mehr Sicherheit? Und bei den Geheimdiensten?
sche Gremien verantwortlich. Krimis. geben, wenn es um Drogenkriminalität, Geld- Die Vergangenheit hat gezeigt, dass in Sicherheitsdingen der Teu- Schwierigkeiten treten immer dort auf, wo staatliche Behörden ge-
fälschung oder Geldwäsche geht. Diese Rech- fel oft im Detail steckt. Was helfen neue Zentralstellen, die Möglich- heim ermitteln. Diese Heimlichkeit bezieht sich nicht nur auf die Betrof-
Die Polizei ist für die Kriminalitätsbekämp- Bisher galt: Polizei und Geheimdienste arbei- te sind erweitert worden, so dass der Nach- keit von Online-Abfragen und geheime Ermittlungsmethoden, wenn fenen: Auch Dritte sollen nicht merken, dass gerade eine staatliche Stel-
fung zuständig. Polizei ist Ländersache, eine ten strikt getrennt voneinander. Das wird richtendienst auch auf Bank-, Post- und Luft- es immer noch Polizeistellen gibt, die nicht einmal über einen PC ver- le handelt. Ein transparenter Geheimdienst wäre ein Widerspruch in sich
Bundespolizei existiert nicht. Das Bundeskri- durch das neue Terrorismusbekämpfungsge- verkehrsdaten Zugriff hat. fügen? selbst. Mit Christoph Gusy sprach Volker Thomas

24 Nr.02 Nr.02 25
HINTERGRUND

Fühlst Du Dich sicher? Alexandra Ringendahl von der Jugendseite


des Kölner Stadt-Anzeigers im Erftkreis fragte ihre Autoren

ANTI TERROR Hans-Jürgen Lange: „Die Politik steht Zum Thema „Innere Sicherheit“ nur so
viel: Ich habe Angst, abends im Dunkeln

unter dem Druck der Öffentlichkeit...“ alleine – zu Fuß oder auf dem Fahrrad –
irgendwohin zu gehen. Da ist meiner Mei-
nung nach die Gefahr zu groß, ausge-
„... sie muss reagieren und Erfolge vorweisen“, sagt der Spre- raubt oder, noch viel schlimmer miss-
handelt, zu werden. Schützen kann mich
cher des Arbeitskreises Innere Sicherheit, in dem sich Poli- der Staat hier nicht, das kann ich nur sel-
ber. Meine Eltern haben mir schon früh Ängste im Alltag sind normal. Jeder hat zum Beispiel ge-
tikwissenschaftler, Soziologen, Historiker, Rechtswissenschaft- klar gemacht, dass ich mich abends nur lernt, herumpöbelnden anderen Jugendlichen irgendwie
info in Begleitung oder, wenn alleine, dann im aus dem Weg zu gehen. Es bringt auch nichts, sich über
ler und Kriminologen zusammengeschlossen haben. Auto fortbewegen soll. die Gründe und Motivationen solcher Leute Gedanken zu
Geld für mehr Sicherheit Teresa (19), Bedburg machen. Große Reden darüber schwingen schon andere,
Das Sicherheitspaket hat fährdet, hieß es. Heute wissen wir: Es sind 30 und ändern tut sich ja doch nichts. Mit dieser "natürlichen
1,5 Milliarden Euro zusätzlich werden für die rund 100 Gesetze verändert. Die Fälle im Jahr. Warum so wenig? Was bringt es? Gewalt" umzugehen gehört eben zum Alltag dazu, man hat
Terrorismusbekämpfung im Haushaltsjahr Gesetzgebung verspricht mit Darüber wird nicht diskutiert. es irgendwann gelernt, und das hat sich seit dem 11.Sep-
2002 bereitgestellt: harten Eingriffen in Freiheits- tember nicht verändert. Oliver (19), Pulheim
und Bürgerrechte die Sicherheit der Gesell- Dann kam das nächste Problem: der Oliver (19), Pulheim
• 750 Millionen Euro erhält die Bundeswehr, schaft. Wir fragen: Kann damit dieser An- Rechtsextremismus. Alle konzentrierten sich
um für künftige Einsätze in neuen Konfliktge- spruch überhaupt eingelöst werden? Sind die- auf Rechtsextremismus. Ermittlungsgruppen Angst habe ich, wenn ich
bieten gewappnet zu sein. se Gesetze geeignet, die Probleme zu lösen, wurden eingerichtet, alles Mögliche wurde abends alleine durch die
die sie lösen wollen? gemacht. Dann kam der 11. September, und Straßen laufe und nicht
• 250 Millionen Euro gehen an das Bun- niemand spricht mehr weiß, wer mir begegnet. So-
desinnenministerium: Die Einsatzfähigkeit Bei vielen Maßnah- vom Rechtsextremismus. bald ich merke, dass ande-
des Bundesgrenzschutzes soll gestärkt, der men haben wir Zweifel. Jetzt kann man sagen – re in der Nähe sind, versu-
Zivil- und Katastrophenschutz modernisiert Hier wurden teilweise „Die Techniken stammen das sind Themenkonjunk- che ich zu erkennen, ob mir
werden. Weitere Mittel gehen an das Bundes- Techniken und Erfahrun- turen der Medien. Aber die Leute merkwürdig vor-
kriminalamt und das Bundesamt für Verfas- gen übertragen, die aus aus dem Kampf das alleine ist es nicht. Die kommen oder nicht. Wenn
sungsschutz. den 70er Jahren, aus Politik steht unter dem ich mich dann unwohl fühle,
dem Kampf gegen den gegen den Terrorismus Druck der Öffentlichkeit. gehe ich schneller weiter.
• Das Auswärtige Amt und das Bundesmi- RAF-Terrorismus stam- Sie setzt wiederum die Po- Tagsüber fühle ich mich auf
nisterium für wirtschaftliche Zusammenarbeit men. Dieser Terrorismus der 70er Jahre“ lizei unter Druck. Diese Ich habe eigentlich weniger Angst vor Schlä- der Straße sicherer.
verfügen über je 100 Millionen Euro für Auf- war rational und bere- muss reagieren und Erfol- gereien oder anderen Auseinandersetzungen Annika (18), Kerpen
bau- und Hilfsprogramme in den betroffenen chenbar. Das waren Straftäter, die bei allem ge vorweisen. mit Jugendlichen. Ich wurde noch nie ange-
Krisenregionen, für die Versorgung von Fanatismus doch am eigenen Leben hingen. griffen oder bedroht. Ich denke, wenn man ein
Flüchtlingen und die Stärkung des interkultu- Ein Großteil aller kriminalpolitischen Instru- Ich will die Politiker nicht zu Buhmännern gewisses Selbstbewusstsein ausstrahlt, wird
rellen Dialogs. Außerdem soll die Sicherheit mente basiert auf Abschreckung. Der jetzige machen. Was sollte ein Innenminister in der man auch nicht angegriffen. Außerdem kann
deutscher Auslandsvertretungen verbessert Terrorismus verzichtet auf die 50 Prozent des Mediendemokratie machen? Er steht unter ho- man dem meisten Ärger aus dem Weg gehen.
werden. Vorbereitungsaufwandes, die man braucht, hem Druck und kann schlecht sagen: Wir sind Große Angst habe ich vor einem übermächti-
um vom Tatort wieder wegzukommen. Diese hilflos, wir wissen es auch nicht so genau. Die gen Staat, der zusammen mit einer autoritären
• Das Bundesministerium der Justiz und neue Qualität, das ist ein wichtiger Aspekt un- Opposition würde ihn sofort zum Rücktritt auf- Polizei und den Geheimdiensten immer mehr
das Bundesministerium der Finanzen erhal- serer Kritik, berücksichtigen die Sicherheits- fordern. Aus diesem Dilemma Freiheiten einschränkt und deshalb für mich
ten zusammen 25 Millionen Euro, um die Er- gesetze nicht. herauszukommen ist schwierig; eine größere Bedrohung ist. Freiheit stirbt mit Ich bin eigentlich nicht so der ängstliche Mensch, aber auf
mittlungstätigkeit des Generalbundesanwalts die Spielregeln der Politik lassen Sicherheit – ich denke dieser Satz trifft es am Grund von schlechten Erfahrungen fühle ich mich im Dunkeln
zu unterstützen und den Kampf gegen die In den vergangenen Jahrzehnten gab es sich nicht ohne Weiteres ändern. ehesten. Jörn (18), Brühl nicht so sicher. Da ich schon mehrfach von Männern angemacht
Geldwäsche effektiver führen zu können. Der immer neue Problemstellungen. Gegen die Mit Hans-Jürgen Lange sprach Michael Bechtel Jörn (18), Brühl und verfolgt wurde, habe ich mir Tränengas zugelegt und an ei-
Bundesnachrichtendienst soll ebenfalls 25 Organisierte Kriminalität, hieß es, muss unbe- nem Anti-Gewalt-Training teilgenommen. Hier habe ich gelernt,
Millionen Euro für eine verstärkte Auslands- dingt etwas geschehen. Maßnahmen wurden auf solche Situationen selbstsicher und ruhig zu reagieren, die
aufklärung bekommen. ergriffen, Gesetze verändert, sogar die Verfas- Gefahr frühzeitig zu erkennen und dementsprechend zu han-
sung. Plötzlich ist die Diskussion beendet. Kei- deln. Das Tränengas habe ich inzwischen wieder abgeschafft –
• Die restlichen 250 Millionen Euro bilden ner fragt mehr, ob es etwas geholfen hat. Der dieses Training kann ich nur empfehlen, denn ein selbstbewuss-
eine Reserve, die je nach Entwicklung der Si- große Lauschangriff: Wenn wir den nicht be- tes Auftreten kann einen vor vielem schützen.
cherheitslage vergeben wird. kommen, ist die Innere Sicherheit massiv ge- Kerstin (19), Kerpen

26 Nr.02 Nr.02 27
MENSCHEN

Was beim Sicherheitscheck passiert


KLAR SICHT Schon vor dem 11. September sam-
melten die Sicherheitsleute am Flug-
hafen jährlich etwa 200.000 „nicht
Brigitte Silvia Malsy ist Luftsicherheitsassistentin am Frankfur- erlaubte“ Gegenstände ein. Im ver-
gangenen Jahr stieg die Zahl auf
ter Flughafen. Sie fürchtet sich vor plötzlichen Zwischenfällen 375.000, denn durch die verschärf-
ten Sicherheitsbestimmungen geraten
und hat Angst, eine Waffe zu übersehen. jetzt nicht nur Schusswaffen und Mu-
nition ins Visier der Kontrolleure, son-

D
er Mann mittleren Alters sah gepflegt cherheit.“ Immer wieder findet sie verbotene dern auch Scheren, Messer, Nagelfei-
aus. Schicke Klamotten, gut frisiert, se- Gegenstände: Messer aller Art, Tränengas, len und Einwegrasierer – allein am
riös – wie ein ganz normaler Ge- Nagelfeilen, sogar Pistolen. „Meistens führen Frankfurter Flughafen lassen sich da-
schäftsmann. „Das Einzige, was mir auffiel, die Passagiere diese Dinge aber nicht mit bö- mit am Tag zwei Möbelkisten füllen.
war, dass er es anscheinend sehr eilig hatte“, ser Absicht mit sich“, erzählt sie. Fluggäste,
erinnert sich Brigitte Sylvia Malsy. Wie immer die Pistolen dabei haben, sind meist Besitzer
hatte sie damals Dienst an der „Front“: Dort, eines Waffenscheins. „Wir haben viele Jäger,
wo die Passagiere durch den Sicherheits- die zum Beispiel nach Südafrika fliegen – zum
check des Frankfurter Flughafens müssen. Schießen.“ Und Frauen mit Tränengas in der
Taschen werden durchleuchtet, Körper abge- Handtasche wissen nicht, dass dies verboten
tastet. Als der Geschäftsmann an der Reihe ist. Seit dem 11. September sind die Sicher-
war, bat sie ihn höflich, seinen Laptop zu zei- heitsmaßnahmen noch verschärft worden. So
gen. „Plötzlich schäumte er vor Wut“, erzählt waren vorher Messer mit einer Klingenlänge
die 29-jährige Frau. Dann ging alles ganz von bis zu acht Zentimetern an Bord zugelas-
schnell: Der Mann nahm seinen Laptop und sen – jetzt nicht mehr.
warf ihn mit voller Wucht quer durch die Hal-
le auf den Boden. Das Gerät zersplitterte in „Der Reiz an meinem Job ist, dass wir viel
hunderte Einzelteile. Malsy: „Ich war wie mit Menschen zu tun haben“, sagt sie. „Und
gelähmt. Ich dachte nur, oh je, jetzt wird´s es ist eine Herausforderung, so viel Verant-
brenzlig.“ Aber innerhalb von Sekunden wa- wortung zu tragen.“ Die ersten Wochen an der
ren die Beamten des Bundesgrenzschutzes „Front“, so erinnert sie sich, waren hart. „Als
zur Stelle. ich anfing, hatte ich das Gefühl, dass jeder
Fluggast ein potenzieller Terrorist ist. Ich hat-
„So etwas passiert aber eher selten“, er- te Angst, dass ein Flugzeug entführt wird, nur
zählt Malsy, die seit sieben Jahren als Luftsi- weil ich etwas übersehen habe.“
cherheitsassistentin im Frankfurter Flughafen Jan Keith
arbeitet. Normalerweise ist es ruhig: Die Pas-
sagiere werden mit einer Sonde abgetastet,
mit Händen wird noch einmal nachkontrol-
liert. Gleichzeitig checken die Luftsicherheits-
assistenten das Ge-
päck. Falls ein Ge-
genstand bei der
Durchleuchtung ver-
dächtig erscheint,
wird das Gepäck
noch einmal unter-
sucht. „Die meis-
ten Passagiere sind
freundlich und las-
sen diese Prozedur
über sich ergehen“,
meint Malsy. „Es ist
ja für ihre eigene Si-

28 Nr.02 Nr.02 29
eind im Anflug: In Roland Emmerichs Damage“ war am 5. Oktober 2001 verscho-

F Schocker „Independence Day“ zer-


stören Außerirdische New York. Nach
dem 11. September 2001 war das für Holly-
ben worden und geriet dafür beim USA- und
Europa-Start am 21. Februar 2002 zum abso-
luten Publikumsrenner. Hauptdarsteller Ar-
wood tabu: Der deutsche Regisseur Wolfgang nold Schwarzenegger: „Bei Gewaltfilmen gibt
Petersen zeigte sich überzeugt: „Im Film wird es in Hollywood keinen moralischen Code.
in nächster Zeit kein Hochhaus mehr explo- Wenn sich die Filme verkaufen, werden sie
dieren, es werden keine Flugzeuge mehr ent- auch gemacht. Basta!“ Auch Actionspezialist
führt und es werden auch keine abstürzen“. Wolfgang Petersen hat inzwischen eine neue
Irrtum. Es dauerte nur vier Monate, bis „Inde- Einsicht gewonnen. Er zitiert seine Hollywood-
pendence Day“ wieder im Fernsehen lief (bei Kollegen: „Das passiert uns nicht noch ein-
PRO 7 am 13. Januar) und – Rekordquote – mal, dass Terroristen im Umgang mit Gewalt
8,1 Millionen Zuschauer schaudern ließ. Der einfallsreicher sind als wir.“ Dieter Gaarz
Start des Terroristen-Actionthriller „Collateral

30 Nr.02 Nr.02 31
HINTERGRUND

Jürgen Storbeck: „Wir von Europol vernetzen Informationen“


EURO SCHIMANSKI
Früher galten sie als „kompetenzlos“, jetzt sollen sie eine in- Bisher standen Sie mit Ihrem Europol-Team ihren Ermittlungen beschäftigt. Bis die auf ei- den Vorteil, dass wir die jeweiligen Sprachen in einem anderen Staat womöglich ganz nah
eher am Rand des Spielfelds. Jetzt sollen Sie nem langen Dienstweg Infos aus Spanien an- beherrschen. Wir können uns die spanischen am Terrorismus. Deshalb war man in der EU
ternationale Anti-Terroreinheit aufbauen: Mit Europol-Chef die Hauptmannschaft gegen den Terrorismus fordern, stellen die das erst mal zurück. Unterlagen ansehen und das schnell mit dem lange sehr vorsichtig mit der Weitergabe von
bilden. Sind die Erwartungen zu hoch? Material aus den Niederlanden oder Belgien Informationen.
Jürgen Storbeck sprachen Martin Scholz und Martin Winter. Auch wenn Europol neue Aufgaben be- Ablage Papierkorb? vergleichen. Inzwischen werden überall in Eu-
kommen hat, darf man dabei nicht unser Kon- So ungefähr. Aber wenn wir bei Europol die ropa Verdächtige verhaftet, Verbindungen auf- Gibt es V-Männer, die im islamischen Terroris-

V
on außen sieht der mit Efeu zugewach- seille, um einen internationalen Drogenring zept vergessen. Europol ist weder das Bun- Zusammenhänge kennen, die Spuren abglei- gedeckt. mus eingesetzt werden?
sene Bau im Raamweg 47 nicht unbe- auszuheben. Weil er aber kaum Französisch deskriminalamt, noch das FBI und auch nicht chen, können wir wichtige Hinweise geben. Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen
dingt so aus wie die Kommandozentra- spricht, lassen ihn die Kollegen vor Ort lange der „Special Branch“ von Scotland Yard. Das Nur ein Beispiel: Angenommen eine Person, Die Polizei muss doch vorher schon eine Menge nicht sagen. Vielleicht weiß ich es. Aber es ist
le im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus im Dunkeln tappen. sind alles Behörden, die im Gegensatz zu uns nennen wir sie Abdul, wäre ein Verdächtiger gewusst haben? Ist man in Europa jetzt eher natürlich schwierig, V-Männer mit westlicher
– eher wie ein alternatives Kulturzentrum. Die vor Ort ermitteln. Wir vernehmen nicht, wir in Spanien. Jetzt erfahren bereit, Informationen zu Herkunft in solche Gruppen einzuschleusen.
heimelige Öko-Fassade passt zu dem zahmen Sieht so der Alltag der internationalen Polizei- durchsuchen nicht, wir nehmen auch nie- wir: Er hält sich zeitweise teilen?
Image, das Europol lange anhaftete. Seit ihrer arbeit aus? manden fest. Ob sich daran etwas ändern auch in Deutschland auf Der 11. September Gibt es Instrumente, um „Schläfer“ in einer of-
Gründung im Juli 1999 wurde der europäi- Leider ja. Die Verständigungsprobleme wird, muss man sehen. und heißt dort Abdulla. „Liberal heißt eben: Es hat schon einen Lernpro- fenen, freien Gesellschaft wie unserer zu iden-
schen Polizeibehörde in Den Haag, die nicht sind unser größtes Handicap. Hinzu kommen Wir führen die Puzzle- zess ausgelöst. Dennoch: tifizieren?
ermittelt, sondern ausschließlich Daten sam- unterschiedliche Polizeikulturen, oft sogar Würden Sie sich denn ein Euro-FBI mit der stücke zusammen. Ha- soll nicht alles Im Terrorismus-Bereich Ich glaube schon, dass Sicherheits- und
melt und Recherchen koordiniert, oft Kompe- noch innerhalb eines Staates. Ein Gendarm Lizenz zum Ermitteln wünschen? ben wir Bilder von ihm? ist die Zusammenarbeit Geheimdienste da einiges tun können. Aber
tenzlosigkeit vorgeworfen. oder ein Carabiniere ist anders ausgebildet als Ich bin kein Befürworter eines Euro-FBIs, Wir könnten die belgische überwacht werden“ generell sehr schwierig, die Frage ist: Wie weit will man gehen? Wie weit
sein Kollege von der Kriminalpolizei. Aber die das verhaften und durchsuchen kann. Jeden- Polizei nach Fotos fragen, weil der Terrorismus-Be- will eine Gesellschaft, der Staat, der Bürger
Sogar Jürgen Storbeck, der Chef von Eu- Sprachbarriere ist das größte Problem. Ohne falls nicht, solange wir kein gemeinsames weil wir erfahren haben, dass er mal in Belgi- griff verschieden ausgelegt wird. Was in einem kontrolliert werden? Wir leben in einem libera-
ropol, hat vom zahnlosen Tiger gesprochen. gemeinsame Sprache fehlt das instinktive Ver- Straf- und Polizeirecht in Europa haben. Der- en studiert hat, vielleicht gibt es da einen Stu- Staat möglicherweise noch als Kampf für eine len Rechtsstaat und liberal heißt eben: Es soll
Das ist noch nicht so lange her. Doch seit dem trauen. Wenn beispiels- zeit wäre es für uns fast dentenausweis. Wir haben hier bei Europol mehr oder weniger berechtigte Sache gilt, ist nicht alles überwacht werden.
11. September hat sich die Wahrnehmung von weise ein Deutscher In- unmöglich, solche Aufga-
Europol stark verändert. Der ehemalige BKA- formationen in fehlerhaf- ben zu bewältigen. Wenn
Mann Storbeck soll jetzt unter Hochdruck ei- tem Englisch weitergibt, „Wir vernehmen ich jetzt einen Beamten
ne Anti-Terror-Einheit aufbauen, die Koopera- ist es fraglich, was ein nach Finnland schickte,
tion mit dem FBI vorantreiben und möglichst Niederländer oder ein Ita- nicht, wir nehmen um dort zu ermitteln, stell-
schnell Ergebnisse vorlegen. liener davon versteht. So te sich doch die Frage,
kann man zu falschen auch niemanden fest“ nach welchem Recht er
Kennen Sie den Thriller French Connection? Schlüssen kommen. Am vorgehen könnte – nach
Sicher, den habe ich in meiner Studienzeit Ende sagen sich die Beamten: „Mir ist das finnischem, nach niederländischem oder nach
gesehen. Gene Hackman als Drogenfahnder, Ganze zu komplex.“ deutschem Recht? Eine europäische Behörde
ziemlich beeindruckend. Den zweiten Teil ha- mit umfassenden Befugnissen wie das FBI ist
be ich mir natürlich auch angesehen. Im zwei- Sind internationale Akteure in Ihrer Zunft noch gegenwärtig nicht denkbar. Man muss das rea-
ten Teil reist Hackman aus den USA nach Mar- in der Minderheit? listisch sehen. Die EU-Minister haben ja nicht
Es gibt schon ein paar. Nur hat der interna- gesagt: Europol übernimmt die Ermittlungen,
tionale Austausch in der Vergangenheit immer sondern Europol unterstützt und koordiniert.
nur mit Hilfe des „Old Boys Network“ funktio- Und das können wir auch leisten.
niert. Das läuft dann so: Ein deutscher Krimi-
nalbeamter lernt bei einem Fußballspiel unter Was genau leisten Sie denn?
Kollegen einen Polizisten aus Bordeaux ken- Wir haben jetzt beispielweise unsere Leu-
nen. Abends sitzen sie in der Kneipe. Und wenn te nach Frankreich geschickt. Die sollen dort
der Deutsche irgendeine Information aus aktuelle Ermittlungen beobachten. Ähnliches
Frankreich benötigen sollte, ruft er einfach sei- passiert in England oder anderen Ländern.
nen Kumpel in Bordeaux an. Der wird ihm we- Dann sehen wir: „Okay, in Frankreich wird der-
der den Erfolg noch den Fall wegnehmen, wie zeit dieser Verdächtigenkreis verfolgt, einige
das eine internationale Behörde tun könnte. Spuren führen nach Spanien.“ Und diese In-
Auf dieser Ebene gibt es eher Vertrauen. Wenn formationen vernetzen wir, gleichen sie mit
man dieses „Old Boys-Network“ nicht nutzt, ist Spanien ab. Das können die französischen Im Gegensatz zu Europol übernimmt das amerikanische FBI handfeste Polizeiaufgaben – wie hier vor dem Haus von Ex-FBI-Agent Robert Philip Hansen. Hansen
es schwieriger, Vertrauen aufzubauen. Kollegen vor Ort oft nicht leisten. Die sind mit hatte Informationen an den russischen Geheimdienst KGB verkauft, eine FBI-Agentin beschlagnahmt vor laufenden Fernsehkameras seine Post

32 Nr.02 Nr.02 33
HINTERGRUND

SPUREN SUCHE
Wie das Bundeskriminalamt Fingerabdrücke erkennt Was die Biometrie
Drei Millionen Fingerabdruckblätter sind in Wiesbaden ge- 10 bis 15 Abdrücke mit bestimmten Überein- den Experten verrät
stimmungen herausgefiltert.
speichert. Der Computer hilft bei der Identifizierung. Aber die
S
eit jeher werden Personalausweise ge-
Für die Daktyloskopen beginnt jetzt die fälscht, Pässe gestohlen, Passwörter
eigentliche Arbeit leisten so genannte Daktyloskopen. Feinarbeit. Am PC markieren sie besondere weitergesagt, Codes verraten und
Merkmale des eingesandten Fingerabdrucks Schlüssel nachgemacht. Jetzt scheint das ein-

A
n der dänischen Grenze nimmt die Po- perten, der Daktyloskopen. Circa 100 anato- und vergleichen sie mit den herausgefilterten zige Mittel, die Identität einer Person unwi-
lizei einen Geschäftsmann fest – mit mische Merkmale verbergen sich in einem Bilddateien. Genau zwölf Merkmale müssen derlegbar festzustellen, gefunden: Der Körper
falschem Pass. Ob er wirklich, wie ver- einzigen Finger, in der ge- zwischen zwei Fingerab- ist der Ausweis. Messbare biometrische Ei-
mutet, ein gesuchter Hehler ist, kann nur samten Handfläche so- drücken übereinstimmen, genschaften einer Person, die sie ihr Leben
das Automatisierte Fingerabdruck-Identifizie- gar bis zu 2000. Jeder um eine Person zu identi- lang unverwechselbar machen, sollen zur
rungssystem (AFIS) des Bundeskriminalam- Fingerabdruck ist einzig- Drei Millionen fizieren. Grundlage des neuen Personalausweises wer-
tes (BKA) klären. Für die ermittelnden Flens- artig – auch bei eineiigen den, dessen Einführung europaweit ins Auge
burger Beamten läuft jetzt die Uhr: Der Ver- Zwillingen – und bleibt Fingerabdruckblätter Der Vergleich der aus gefasst wird.
dächtige kann nur begrenzte Zeit festgehalten von der Geburt bis zum Flensburg eingesandten
werden. Tod gleich. Wer versucht, sind gespeichert Fingerabdrücke mit dem Einige biometrische Daten finden sich jetzt
seine Wiedererkennung Datenbestand des BKA ist schon in unseren Ausweisen: Größe, Augen-
Auf einem Formblatt nehmen die Beam- durch das Abschneiden von Haut und Gewe- erfolgreich: Die Fingerabdrücke sind bereits farbe, besondere körperliche Merkmale. Nicht
ten alle Fingerabdrücke des Verdächtigen. be seiner Fingerkuppen zu verhindern, ist gespeichert. Eine Kollegin überprüft den ein- fälschungssicher genug für die Experten. Sie
Bislang geht das noch herkömmlich mit zum Scheitern verurteilt: Die Linien wachsen gesandten und die per AFIS ermittelten Ab- experimentieren mit der Regenbogenhaut des
schwarzer Farbe. In einigen Jahren werden mit genau dem selben Muster nach. drücke noch einmal mit einer Lupe. Dann wer- Auges – der Iris –, mit Fingerabdrücken, mit
die Finger nur noch auf eine Glasplatte gelegt den mit der AFIS-Referenznummer die zum Gesichts- oder mit Handvermessung. Sogar
und die Abdrücke gehen automatisch per Li- Drei Millionen Fingerabdruckblätter von Fingerabdruck gespeicherten Personalien er- die DNA-Analyse ist im Gespräch.
ve-Scan-System zum BKA. Nach der Ab- Straftätern, aber auch von Asylantragstellern, mittelt. Zwei bis drei Stunden nach der Fest-
drucknahme überträgt das polizeiinterne Sys- sind in Wiesbaden gespeichert. Der Computer nahme wissen die Polizisten in Flensburg: Der Bei der Iris-Analyse machen Datenschüt-
tem Telebild 2000 die Fingerabdrücke in drei vergleicht die aus Flensburg übermittelten angebliche Geschäftsmann ist die gesuchte zer nicht mit: Aus dem Bild der Regenbogen-
bis vier Minuten nach Wiesbaden. Im Erken- Fingerabdrücke binnen einer Sekunde mit Person. Frisur, Haar- und Augenfarbe konnte haut lassen sich auch Krankheiten ablesen,
nungsdienst des Bundeskriminalamtes be- 6000 Fingerabdruckbildern des gleichen er verändern. Den Verlauf der feinen Linien auf die Kontrollinstanzen nichts angehen. Die
ginnt jetzt die Arbeit der Fingerabdrucks-Ex- Grundmusters. Nach wenigen Minuten hat er seiner Fingerkuppe nicht. Ute Schröder gentechnische Variante wird als extrem sicher,
aber zu zeitaufwendig verworfen: Ein DNA-
Test dauert Stunden.

Fingerabdrücke gelten als sicher, auch


Gesichts- oder Handbiometrie. Aber genau da
fangen die Bedenken an: Was ist, wenn alle
Europäer in einer Zentraldatei erfasst sind?
Wer verhindert die Vernetzung der Daten? Was
ist mit denen, die von außen kommen, die als
Touristen einreisen oder einfach nur durchrei-
sen? Lassen sich in einer Zeit, in der jeder über
Scanner-, Laser- und Computertechnologie
verfügt, Fälschungen ausschließen? Immer-
hin ist ein gestohlener Fingerprintcode nicht
so leicht ersetzbar wie eine verlorene Scheck-
karte. V.Th.

Die Mutter aller biometrischen Merkmale: Seit fast 100 Jahren werden in Deutschland Fingerabdrücke erfasst, um Menschen zu identifizieren Für Laien wirkt ein Fingerabdruck wie der andere – Daktyloskopen erkennen die Unterschiede in Sekunden

34 Nr.02 Nr.02 35
I NEHPAOLT
R R TA G E

TAT ORT
Schießen, Sport und Paragraphen
pauken – die Ausbildung bei der
Polizei ist hart: Vorbereitung für den
Ernstfall am Tatort. Dana Toschner,
Valentin Nann und Erol Gurian
(Fotos) haben sich unter die
Azubis der Polizeifachschule in
Leipzig gemischt.
30 Monate dauert die Ausbildung für den mittleren Poli-
zeidienst in Sachsen. Direkt nach der Ausbildung geht es
zu den Einsatzhundertschaften der Bereitschaftspolizei

36 Nr.02 Nr.02 37
R E P O R TA G E

Dass die Wirklichkeit unangenehmer werden wird, als es die Rollen-


spiele in der Ausbildung zeigen, ist der 24-Jährigen klar. Nach der Aus-
bildung wird jeder Schüler zwei bis drei Jahre in den Einsatzhundert-
schaften der Bereitschaftspolizei eingesetzt.

„Heute machen wir eine Belastungsübung“, weist Schießtrainer


Frank Richter die Schüler ein. Zuerst geht es – mit der etwa sieben Kilo
schweren Sicherungsweste am Körper und einer drei Kilo schweren Ma-
schinenpistole in der Hand – im Schweinsgalopp zwei Runden durch das
Parkhaus. Falk Müller und René Beinecke kommen keuchend und
schwitzend zurück in den Übungsraum.

Sie streifen sich die kopfhörerartigen Ohrenschützer über und bezie-


hen Stellung hinter der ersten Holzwand. Die Wand verschafft ihnen
Deckung, solange sie das Magazin einführen und die Waffe durchladen.
Plötzlich taucht in 25 Meter Entfernung vor ihnen eine spärlich bekleide-
te junge Dame auf. Sexy Figur, pinkfarbener Slip, enges Top. James Bond
hätte sicher seine Freude an ihr. Aber Falk und René eröffnen sofort das
Feuer, denn die zauberhafte Erscheinung – eine an die Wand geworfene
Diaprojektion – hat die Waf- Aller Anfang ist schwer: die Polizeischüler gehen zwar gekonnt in Stellung und
fe auf sie gerichtet. reagieren schnell – doch wie man sieht: Nicht jeder Schuss ist ein Treffer
Proben für den Polizei-Alltag: Bei der Ausweiskontrolle ist Höflichkeit gefragt, bei der Festnahme schnelles Zupacken. Beide Situationen werden in Rollenspielen geübt
Die Einschüsse hinter- Im Schweins-

B
ring mir sofort mein Radio zurück, du alter Penner, sonst komm’ Seit eineinhalb Jahren sind sie in der Ausbildung, die erste Hürde, die lassen gelb leuchtende
ich mit dem Messer!“ Karin Rothe ist wütend, brüllt ihren Ex- so genannte Laufbahnzwischenprüfung, haben alle gemeistert. Unter den Punkte in den Körpern der galopp durch das
Freund an, tritt ihn vor das Schienbein und schlägt ihm ins Ge- 21 Schülern der Lehrgruppe sind sieben junge Frauen. Die derbe Uni- jungen Dame und ihres ab-
sicht. Er dreht sich um, geht fluchend weg und demoliert wütend die form will zu ihren langen Haaren nicht so recht passen. Aber sie selbst wechselnd auftauchenden Parkhaus
Scheinwerfer parkender Autos. Ein paar Leute stehen herum, sehen zu, sehen das anders. Sie wollen keine Extra-Wurst. männlichen Komplizen. Pa-
einer filmt das Ganze sogar mit einer Videokamera. Aber keiner greift ein, tronenhülsen fliegen kreuz und quer durch den Raum. In der Luft hängt
niemand holt die Polizei. „Ich kann mich durchsetzen und mache die Klappe auf, wenn mir et- ein strenger Geruch, irgendwo zwischen Dampflok und Wunderkerzen.
was nicht passt“, sagt Mandy Reichenberger. Sie hat ihre blonden Haa-
Ausnahmsweise macht das nichts, denn Karin Rothe heißt in Wirk- re zum Zopf gebunden, die langen Fingernägel sind lackiert. Und trotz- Nach 16 Schuss ist das erste Magazin leer. Ein kurzes Kommando
lichkeit Jana Reichhardt, und der Streit war nur gespielt. Beim Kommu- dem: Die Hände können zupacken. „Wer zur Polizei will, muss sich trau- von René an Falk, die beiden rücken näher heran und postieren sich hin-
nikations- und Verhaltenstraining spielen die Poli- en, einen Menschen auch mal hart anzupacken, ter der nächsten Holzwand. Diesmal sollen sie das Ziel aus knieender Po-
zeischüler Situationen durch, die ihnen später im man muss sich wehren können. Und das kann ich.“ sition treffen. Wieder peitschen die Schüsse aus der MG. „Höher, höher“,
echten Polizistenleben begegnen können. Und der kommt scharf das Kommando von Polizeihauptmeister Richter. Am En-
gespielte Streit war auch nur Nebensache: Lehrer „Ich mache die Um auf die Polizeifachschule zu gehen, nimmt de des Trainings hat die Gruppe mehr als 2000 Patronen verschossen.
Gert Wolkwitz will mit der Übung zeigen, dass Zeu- sie eine ganze Menge auf sich. Jeden Tag fährt die
genaussagen immer subjektiv sind und wenig Klappe auf, wenn mir 24-Jährige von ihrem Wohnort Güsten in Sachsen- Mit seiner Leistung beim Schießtraining ist Falk nicht zufrieden. Dass
verlässlich. Einige Schüler haben den Streit aus un- Anhalt eine Dreiviertelstunde mit dem Auto nach er zu niedrig gezielt hat, ärgert ihn. Der 21-Jährige ist ehrgeizig. Nach dem
terschiedlichen Entfernungen beobachtet, später was nicht passt“ Leipzig in Sachsen. Und abends, nach neun Stun- Ende seiner Ausbildung möchte Falk in die so genannte Beweis- und Fest-
werden sie von Klassenkameraden als Zeugen ver- den Unterricht, geht’s zurück. nahmeeinheit (BFE) der Bereitschaftspolizei. Das sind die Beamten, die
nommen, und jeder erzählt eine andere Version. Der Streit auf dem Park- auf Demonstrationen an vorderster Front stehen und „die Rädelsführer
platz habe zehn Minuten gedauert, vielleicht eine Viertelstunde, meinen Hätte Mandy Reichenberger nach dem Realschulabschluss nicht auf herauslösen“, wie es im Polizeijargon heißt. „Dort wird körperlich noch
die meisten. Doch das Video zeigt: Es war nur eine einzige Minute. Nicht ihre Eltern gehört, die eine Lehre als Verwaltungsfachangestellte für zu- mehr verlangt.“
allein auf Beschreibungen von Zeugen sollen sich die künftigen Polizei- kunftssicherer und weniger gefährlich hielten, wäre sie wohl heute schon
meister verlassen, sondern auf objektive Spuren. „Zu jedem Blutstropfen eine Polizistin: „Ich habe eine Lehre gemacht, ein Jahr gearbeitet und war Wie fit er ist, kann Falk auch am nächsten Vormittag zeigen. Nach
gehört jemand, der sich geschnitten hat“, gibt der Oberkommissar-Leh- danach arbeitslos“, erzählt sie. „Jetzt mache ich endlich, was ich schon zwei Stunden Informations- und Kommunikationstechnik im Computer-
rer eine seiner Polizei-Lebensweisheiten weiter. immer wollte.“ raum steht Selbstverteidigung auf dem Stundenplan. Liegestütze, Kopf-
stand und Dehnungsübungen zum Aufwärmen sind für Falk Müller und
Die Polizeimeisteranwärter und –anwärterinnen der Lehrgruppe 9/00- Nach dem Ende der Ausbildung, wenn Mandy Polizeimeisterin ist und Mandy Reichenberger kein Problem. Dann geht’s richtig zur Sache. Man-
21 sitzen vor Gert Wolkwitz im Kreis, in grünen Einsatzanzügen und mit zwei grüne Sterne auf ihren Uniform-Schulterstücken tragen darf, will sie dy und Falk schnüren die Gürtel ihrer Judo-Jacken fester. Gemeinsam
schweren schwarzen Boots an den Füßen. zurück nach Sachsen-Anhalt gehen. sollen sie versuchen, den Gegner, einen ihrer Mitschüler, von der

38 Nr.02 Nr.02 39
R E P O R TA G E

Oliver Meyer: „Man weiß nie, was auf einen zukommt“


Was junge Polizisten bei Großeinsätzen erleben, wenn sie schon die Routinearbeit an den Nerven.
„Wenn ich fünfzig oder hundert Mal sagen
ihren demonstrierenden Altersgenossen gegenüberstehen. muss: ‚Verlassen Sie bitte das Gelände!’ und
das nichts bringt, ändert sich irgendwann der

D
emonstranten von den Gleisen zu tra- „Wer private Gedanken mit in den Job nimmt, Umgangston. Gerate ich dann an einen ein-
gen, „das ist nicht ganz leicht“, sagt kommt auf Dauer in diesem Beruf nicht klar“, sichtigen Demonstranten, bei dem der nor-
Oliver Meyer, weil sie sich schwer ma- weiß sie nach elf Jahren Polizeiarbeit. male Tonfall genügen würde, sehe ich das
chen. Inzwischen hat er schon mehrere Cas- nicht mehr“, berichtet sie selbstkritisch. Ir-
tor-Atommülltransporte begleitet. Da ent- Für Polizeiobermeisterin Deitmer kommt gendwann setze eine Art Schubladendenken
wickele man eine gewisse Technik: Es braucht es darauf an, die Spielregeln einzuhalten. Bei ein – bei Polizisten und bei Demonstranten.
zwei Polizisten für einen Demonstranten. „Je- einem Großeinsatz wie in Gorleben zehrt Mathias Begalke / Ute Schröder
der nimmt einen Arm und ein Bein.“ Nur wenn
sie sich wehren, dann benutzen die Beamten
den „Fesselgriff“.

„Normale Sitzblockaden sind legitim“, fin-


det Oliver Meyer. Und wenn die Demonstran-
ten „Haut ab!“ rufen, dann „nehmen wir das
nicht persönlich und machen unsere Arbeit“.
Aber die Proteste laufen nicht immer gewalt-
frei ab. Eigentlich müssten Polizisten auch in
diesen Situationen wie Maschinen funktionie-
ren, sagt er, doch wenn sie angegriffen wür-
Durch Kampfsport lernen die Schüler, die im Alltag nötige Spannung aufrechtzuerhalten – auch wenn das am Ende eines langen Tages manchmal schwerfällt den, dann komme auch bei ihnen ein „gewis-
ser Ärger“ hoch. Deshalb fährt der Polizist mit
„gemischten Gefühlen“ zu solchen Einsätzen.
Bauchlage in die Rückenlage zu drehen. Doch der wehrt sich, macht sich gen von Lehrer und Schuldirektor Horst Riedel. Hier und da ein unter- „Man weiß nie, was auf einen zukommt“, sagt
schwer, presst die Ellenbogen eng an den Körper. Falk keucht, auf sei- drücktes Gähnen. Der Direktor hat Verständnis: „Die Schüler sind er. „Wir stehen in der Mitte“ zwischen dem
nem solariumgebräunten Gesicht bilden sich Schweißperlen. Gemeinsam hochmotiviert, aber manchmal können sie einfach nicht mehr.“ Er gibt Atommüll und den Demonstranten. „Es ist
mit Mandy versucht er, den Gegner hochzuheben, doch der lässt sich ihnen die letzte Stunde frei. „Aber nur ausnahmsweise.“ egal, ob wir das gut finden, dafür oder dage-
nichts gefallen. Er kämpft, strampelt und plumpst schließlich zurück auf gen sind“.
die Matte. Immer noch in Bauchlage.

Falk und Mandy lassen nicht locker. Später, im richtigen Einsatz, wer-
*
Ihren ersten Einsatz bei einem Castor-
den sie statt des Mitschülers vielleicht einen Hooligan vor sich haben. Transport hatte Sylvia Deitmer 1995. Mit da-
Beim Training schaffen sie es: auf den Rücken drehen, Arme zusammen, info bei im Portemonnaie der damals 21-Jährigen
Handschellen um die Gelenke schließen und abführen. Noch einmal und ein kleiner Zettel von ihrer Familie: „Wir sind
noch einmal wiederholen sie die Übung. So lange, bis Trainer Reiner Ausbildung bei der Polizei erst wieder glücklich, wenn du zu Hause bist.“
Hartmann zufrieden ist. „Das muss sitzen“, sagt er, „wer auf dem Bauch Sylvia Deitmer stammt aus dem Münsterland.
liegt, kann sich hochdrücken und weglaufen. Aus der Rückenlage geht www.polizei.de 30 Kilometer vor der Haustür der Eltern, in
das nicht, da habt ihr ihn unter Kontrolle.“ Offizielle Seite der deutschen Polizei, mit Links zu den Internetseiten der Ahaus, befindet sich ein Zwischenlager für ra-
Polizei in den einzelnen Bundesländern. Dort gibt es dann jeweils nähe- dioaktive Brennelemente. Als Privatperson
Damit die künftigen Polizisten wissen, wie weit sie im Ernstfall gehen re Informationen und Ansprechpartner zur Ausbildung. kann sie die Ängste der Anwohner und die Wut
dürfen und welche Rechte im Gesetz verankert sind, pauken sie am Nach- mancher Demonstranten gut verstehen.
mittag Paragraphen. In der zweieinhalbjährigen Ausbildung entfallen auf www.unicum.de/abi/a-05-00/as2-0500.htm
die Rechtsfächer immerhin fast 20 Prozent der Unterrichtseinheiten. Artikel aus dem Magazin „Unicum“ über die Ausbildung bei der Polizei Aber all das ist vergessen, wenn sie Um-
weltschützer und protestierende Anwohner
In der vorletzten Stunde kriecht die Müdigkeit durch die Reihen des Weitere Infos gibt es auf den Internetseiten des Arbeitsamtes: von den Bahndämmen drängt oder Demons-
Klassenzimmers. Gesellschaftslehre. Heute geht’s um den Islam. Die Köp- www.arbeitsamt.de/hst/services/bsw/information/index.html tranten von den Gleisen trägt. Dann ist sie Po- Mit allen Mitteln versuchen die Demonstranten, die Castor-Transporte zu stoppen. Einer hat sich an die
fe auf die Hände gestützt, folgen die Schüler mühevoll den Ausführun- lizeibeamtin und nicht die „normale“ Sylvia. Schienen gekettet, der Polizist greift zum „Leatherman“, um ihn zu „befreien“

40 Nr.02 Nr.02 41
PROJEKTE

Wie ein 16-Jähriger Streit schlichtet


GEGEN GEWALT nige Jungen aus den mittleren Klassen hätten
„Mädchen begrapscht“: „Dieser Fall war so
Grundschule zu schlichten. Er lacht. „Die den-
ken oft, wir wären ganz mächtige Richter und
schwierig, da standen wir als Schlichter von bekommen vor Ehrfurcht am Anfang den
„Ruck, zuck ist die Fresse dick.“ José Cantinha hat als Streit- Anfang an unter der Aufsicht unserer Betreu- Mund gar nicht auf.“ Er findet es gut, dass
ungslehrerin.“ auch die Grundschüler mit den Schlichtem zu
schlichter mit seinen Mitschülern zu tun. Lästereien und Be- tun haben. Umso früher lernten sie, mit Kon-
Außer einem hätten alle nach der Schlich- flikten sachlich und bedacht umzugehen.
schimpfungen stehen auf der Tagesordnung. tung mit der Belästigung aufgehört. Dieser
Schüler machte weiter – und musste sich der Ablehnen würde er es, einen Fall zu

W
enn Mädchen sich schlagen, ist das trennt sind. „Jetzt können die beiden Strei- Schulkonferenz stellen. José erklärt: „Da schlichten, in den einer seiner Freunde ver-
richtig krass. Da wird gekratzt, da tenden ihren Standpunkt nacheinander vor- konnten wir auch nichts mehr machen.“ Man wickelt ist: „Ich will immer unparteiisch sein.“
wird gebissen, da werden Kleidungs- tragen“, erklärt José. „In der Ich-Form und oh- müsse wissen, wann nichts mehr zu retten sei. Nur wird das immer schwieriger: „Seit ich
stücke zerrissen. Da fließt Blut.“ Bei Jungen ne sich gegenseitig zu unterbrechen.“ Oft sei Der Streitschlichter schaut ein wenig verlegen Streitschlichter bin, lerne ich ständig neue
seien die Schlägereien fast immer harmloser, viel Durchsetzungsvermögen zur Einhaltung zu Boden. Dann fängt José sich wieder, wech- Leute kennen.“ Er habe inzwischen viel mehr
könnten aber gefährlich ausarten: „Schläge“, dieser Regeln nötig. Ihren Job als Streit- selt schlagartig das Thema. Großen Spaß ma- Freunde an der Schule als früher.
„Tritte“, „rohe Gewalt“. schlichter haben José und Christian deshalb che es ihm, Streitereien an der benachbarten Tobias Peter
ein Jahr lang zwei Stun-
Der 16-jährige José den pro Woche im Wahl-
Cantinha ist Schüler- pflichtunterricht gelernt - info
Streitschlichter an einer dafür mussten sie auf
Katholischen Hauptschu- Zur Ausrüstung Sport verzichten. José:
Wie wehre ich mich gegen Angriffe?
le in Köln. Ganz gelassen „Da haben wir die mögli-
– fast ohne eine Miene zu gehört eine Packung chen Situationen durch-
N
och schaut keiner der Fahrgäste auf ersten unguten Gefühl und der eigentlichen
verziehen - sagt er: „Wenn gespielt und gelernt, wie den Eintretenden, der sich offenbar Tat geht es dem Gewaltexperten Kautz vor-
zwei auf dem Pausenhof Taschentücher wir reagieren müssen.“ unbeteiligt umblickt. Blitzschnell holt rangig. In diesen Minuten oder auch nur Se-
einen Kampf anfangen, springe ich schon mal Zur Ausrüstung der Streitschlichter gehört er ein Butterfly-Messer aus der Hosentasche: kunden werden die „Regeln“ festgelegt.:
dazwischen.“ Meist seien die Streitenden so seitdem auch eine Packung Taschentücher, „Knete her!“ - „Lassen sie den Mann in Frie- Übernimmt der Täter die Kontrolle oder hat
überrascht, dass sofort Schluss mit ihrer Aus- erzählt er mit einem kleinen Grinsen: „falls es den!“ ruft eine Frau. Gemurmel kocht hoch. das Opfer eine Chance, dem Angreifer das
einandersetzung sei: „Hallo, ich bin José und wieder einmal Tränen gibt“. Das Opfer versucht erfolglos dem Räuber die Heft aus der Hand zu nehmen?
gehe in die Klasse 10b. Ich und mein Kollege Waffe aus der Hand zu schlagen. Jemand
sind hier, um euch zu helfen, eine Lösung für Lästereien und Beschimpfungen seien kreischt „Notbremse!“... Ende der Szene. Der Kriminalist hat Ratschläge parat, aber
euer Problem zu finden. Also: Was ist pas- am häufigsten Thema der Schlichtungsge- keine Patentrezepte: „Der Täter sucht Opfer,
siert?“ Gemeinsam mit seinem Klassenkame- spräche. Gelästert werde meistens über Klei- Alles nur Spiel - aber keiner hat Spaß da- keine Gegner. Nutzen Sie die Augenblicke , in
raden Christian Kuban (15) hat er schon mehr dung, Frisuren und Aussehen – „hinter dem ran. Die Akteure steigen aus der gedachten S- denen er noch überlegt, ob Sie als Opfer taug-
als fünfzig Schlichtungsgespräche so begon- Rücken des anderen“. Doch José sagt: „Du Bahn: der „Täter“ Reinhard Kautz, Kriminal- lich sind. Machen Sie die Bedrohung öffent-
nen. kannst auf dem Schulhof nichts Fieses über hauptkommissar, und sein „Opfer“ Theo Bau- lich. Sagen Sie so laut wie möglich: ‘Ich will das
jemanden sagen, ohne dass er davon erfährt.“ er, - und beide atmen auf. Das Rollenspiel ist nicht’. Schreien und kreischen Sie, wo nötig.“
José: „Wenn zwei Schüler Streit haben, In diesen Fällen gebe es fast immer Zeugen, Teil des Seminars zum Umgang mit Gewalt, zu
können sie ein Gespräch beantragen. Auch die helfen könnten, den Fall zu rekonstru- dem die Emmaus-Ölberg-Gemeinde in Berlin Doch nahezu alle in dieser Runde sind
die Lehrer können eine Schlichtung vorschla- ieren. Zuerst fordern Christian und er die Strei- Kreuzberg eingeladen hat. So wie die rund 50 sich einig: Es braucht viel Courage, laut zu
gen.“ Dann werde ein Termin ausgemacht: tenden auf, gemeinsam nach einer Lösung zu an diesem Abend haben sich schon über werden, sein „ungutes Gefühl“ entgegen aller
Die Streitschlichter an der Hauptschule haben suchen. Wenn das nicht funktioniert, machen 27.000 in der ganzen Bundesrepublik an- Peinlichkeit publik zu machen. Es könnte ja
am Montag und Freitag je eine Sprechstunde sie einen Vorschlag: zum Beispiel eine kleine gehört, was der Berliner Kriminalist aus all sei- sein, es wäre gar nichts passiert. Und wie steht
zur Unterrichtszeit. Zunächst einmal wird Strafe für den „Schuldigen“. Beide Parteien nen Begegnungen mit Tätern und Opfern, aus man dann da? Warum hat die denn so hyste-
ganz offiziell ein so genanntes „Schlichtungs- müssen die Lösung akzeptieren und auf dem Statistiken und psychologischen Forschungen risch gebrüllt? Warum hat der denn gleich die
formular“ ausgefüllt: „Konfliktpartei A“, „Kon- Schlichtungsformular unterschreiben - sonst zu einem Konzept zusammengefügt hat. Notbremse gezogen?
fliktpartei B“, Name der Schlichter und das gilt sie nicht. José zuckt ratlos mit den Schul- Vereint gegen die Gewalt: José
Datum. Danach geht es ab ins Schlichtungs- tern: „Wenn die Schlichtung einmal scheitert, Cantinha (16) und Christian Was hat Theo, das „Opfer“, gefühlt? „Ich Auch der Anti-Gewalt-Experte warnt vor
zimmer - eigentlich der Musikraum. bitten wir die Betroffenen, sich künftig erst Kuban (15) bilden das Streit- habe so verbissen wie möglich versucht, die Überreaktion: Courage dürfe keine Tapferkeit
einmal aus dem Weg zu gehen.“ Sein schlichter-Team an der Kölner drohende Gefahr zu ignorieren. Aber ich habe sein, die den Tapferen selbst zu zerstören
Die Streitparteien sitzen sich am selben schlimmster Fall verschlägt dem 16-Jährigen Hauptschule sie auf mich zukommen sehen, schon lange droht. Courage, wo sie nützen soll, heißt, die
Tisch schräg gegenüber, so dass Blickkontakt ein wenig die Stimme. Vor einem Jahr sei es vor dem Messer, schon lange vor dem ersten eigene Angst zuzulassen, zu fühlen und sie
möglich ist, sie aber gleichzeitig räumlich ge- einmal um sexuelle Belästigung gegangen. Ei- Wort.“ Um diesen Zeitraum zwischen dem herauszuschreien. Marlies Heinz

42 Nr.02 Nr.02 43
PROJEKTE

GEGEN GEWALT

Wie in Schwerin Überwachungskameras


gegen Schüler-Vandalen helfen sollen
Mecklenburg-Vorpommern: Um Freizeit-Vandalen und Graffi-
ti-Sprayern das Handwerk zu legen, werden zwei Schulen in
Schwerin per Video überwacht. Nicht ohne Kritik.

Z
um Kotzen! Ich habe echt überlegt, ob Aktion mit ins Leben gerufen hat. Für ein end-
ich nicht die Schule wechseln soll!“ Der gültiges Fazit sei es jedoch zu früh. Statt des-
15-Jährige, der seinen Namen nicht sen wird seit Februar eine zweite Schule in
nennen will, ist sauer. Sauer auf die Videoka- Schwerin per Videotechnik überwacht: die
meras, die seit einigen Wochen nachts den Erich-Weinert-Oberschule.
Schulhof der Erich-Kästner-Schule in Schwe-
rin überwachen. Werner Kessel, Datenschutzbeauftragter
des Landes, ist darüber alles andere als glück-
Das so ge- lich: Er kann den Frust des Schmierereien und aufgeschlitzte Sitze: In jedem Fall kosten die Spuren, die Randalierer in Bussen und
nannte erste Die Initiatoren: Schülers verstehen. „Jede Kame- Bahnen hinterlassen, eine Stange Geld. In Bochum gibt es dazu ein neues Projekt
Schulsicher- ra ist ein Schritt hin zur flächen-
heitskonzept in „Seit die Kamera läuft, deckenden Überwachung. Und
Mecklenburg- damit zum Überwachungsstaat“, Wie in Bochum Schüler gegen Bus-
Vorpommern will gibt es keine neuen meint er. „Es ist wichtig, den Sinn
Freizeit-Vanda- solcher Maßnahmen zu hinterfra- Randale ihrer Mitschüler einschreiten
len und Graffiti- Beschädigungen“ gen. Ich habe erhebliche Zweifel,
Sprayern das ob es keine anderen Möglichkeiten „Cool bleiben“, heißt die Devise der Jugendlichen, die das Bo-
Handwerk legen. Denn die Sachbeschädi- gibt, eine Schule vor Vandalismus zu bewah-
gung nimmt zu, an manchen Schulen entsteht ren.“ Aber: Das Hausrecht lässt derartige Me- chumer Verkehrsunternehmen als Fahrzeugbegleiter einsetzt.
im Jahr ein Schaden von über 10 000 Euro. thoden zu. „Ich habe keine rechtlichen Mög-
lichkeiten, dagegen einzuschreiten“, beklagt

F
ensterscheiben zerkratzt, Sitzpolster te, die die Schülerinnen und Schüler um den
Mit einer Alarmanlage konnte man zwar Kessel. aufgeschlitzt: Auch in Gelsenkirchen Hals tragen können. „Es bringt einfach mehr,
etwas gegen Einbrüche in die Erich-Kästner- und Bochum wurden Busse und Bah- wenn Gleichaltrige sich einschalten“, meint
Schule tun, aber gegen Vandalis- Das gilt auch nen alles andere als liebevoll behandelt. Hin- Ernst Nieland vom Verkehrsunternehmen.
mus war man bisher machtlos, für den kritischen zu kamen Klagen von Eltern und Lehrern:
wie der stellvertretende Schullei- Der Kritiker: und namenlosen Schüler machten sich einen Spaß daraus, jün- Die ehrenamtlichen Helfer sollen allerdings
ter Ronald Grimm erklärt. Des- Schüler. Auch er gere oder schwächere Mitschüler am Ausstei- kein Sicherheitspersonal ersetzen. Sie können,
halb: Big Brother auf dem Schul- „Jede Kamera ist ein hat sich schließ- gen zu hindern. So entstand die Idee, Schüler müssen aber nicht aktiv werden, wenn andere
hof. Abends und nachts, immer lich mit den Kame- auszubilden als Fahrzeugbegleiter: Wie randalieren. „Wenn sie das Gefühl haben, dass
wenn die Schule abgeschlossen Schritt hin zum ras arrangiert: „Es schlichtet man erfolgreich einen Streit? Wie sie in Gefahr kommen könnten, sollen sie nicht
ist und die Bewegungsmelder wird ja nur nachts kann man Mitschüler stoppen, die sich im Bus einschreiten“, sagt Nieland.
anschlagen, wird aufgezeichnet. Überwachungsstaat“ gefilmt“, meint er eine Zigarette anzünden wollen oder den Na-
Fünf Kameras sind in Bereitschaft. Tut sich achselzuckend. „Und so gibt es zumindest men ihrer Angebeteten in die Fensterscheibe Nach drei Jahren steht für die Erfinder
was, gehen die Scheinwerfer an. Stellt sich am keine Beweise dafür, dass wir am Tage heim- ritzen? Trainer des Verkehrsunternehmens fest: Das System hat sich bewährt. Elf Schu-
Morgen heraus, dass nur eine Katze die Müll- lich rauchen.“ vermitteln seit drei Jahren Hintergrund und len aus dem Einzugsbereich machen bereits
tonne geplündert hat, wird das Band gelöscht. Thomas Luczak praktisches Handwerkszeug zum Streit- regelmäßig mit. Immer der achte Jahrgang be-
schlichten. „Cool bleiben“ heißt die Devise. kommt die Chance: 20 Schüler können den
Ein anderer Fall ist bislang nicht eingetre- Kurs besuchen, erhalten den Ausweis – und
ten: „Seit die Videoanlage installiert ist, gibt es Big Brother in Schwerin? Selbst Zum Abschluss des Kurses erhalten die können bis zum Ende ihrer Schulzeit aktiv
keine neuen Beschädigungen“, freut sich wenn die Kameras nur nachts an- Teilnehmer einen Ausweis, der sie als offiziel- bleiben. Mehr als 300 Schüler sind mit dem
Britta Raabe, Sprecherin beim Landeskrimi- geschaltet werden, sind sie auch le Fahrzeugbegleiter erkennbar macht: Ein Kärtchen unterwegs.
nalamt Mecklenburg-Vorpommern, das die tagsüber immer präsent eingeschweißtes Plastikkärtchen an einer Ket- Mechthild vom Büchel

44 Nr.02 Nr.02 45
HINTERGRUND

Wie sicher ist das Internet?


Wer hat Zugriff auf welche Daten? Kann man sich überhaupt Menschen bekommen leicht Zugriff: Die Tools
gibt es fertig im Internet.
schützen? Michael Bechtel und Geert Meyenburg haben sich
Wer seinen PC ans Internet hängt, kann
bei Hackern, Usern und Sicherheitsbehörden umgehört. Schaden erleiden. Sich technisch zu schüt-
zen, verringert das Risiko – ausschalten lässt
Die 16-jährige Lisa hat sich vor ihren PC und zu. Das sind die harmloseren Dinge. es sich nicht. Heerscharen von Spezialisten
gesetzt und das Schild „Off Limits – Kein Zu- Schlimmer: Die Telefonrechnung schnellt auf arbeiten an besseren Firewalls, Virenschutz-
tritt für Eltern“ an die Tür mehrere tausend Euro Programmen und raffinierterer Kryptographie-
gehängt. Sie startet den hoch. Jemand hat die Software. Ihre Arbeit gleicht dem Wettlauf des
Rechner, ein paar Maus- Einwahlnummer gegen Hasen mit dem Igel: Wenn die Sicherheits-
klicks, ein paar Eingaben Die Wahrscheinlich- eine 0190er-Nummer ge- techniker am Ziel sind, ist der Hacker schon
in die Tastatur – schon ist tauscht. Oder auf dem da.
sie mitten im virtuellen keit wächst, Hacker- Kontoauszug der Bank
Geschehen: Sie chattet. erscheinen nie getätigte Zum Datenaustausch über Internet wer-
Eine aufregende Sache, Opfer zu werden Überweisungen. Pro- den die Informationen in kleine Daten-
denn Lisa schlüpft dabei gramme werden un- päckchen verpackt und mit der Adresse des
in eine neue Haut. Jetzt ist sie „Xenia“, ein 20- brauchbar, die Installation ist hinüber. Denn: Zielcomputers auf die Reise geschickt. Die Viele Hacker der ersten Stunde arbeiten mittlerweile auf der
jähriger Vamp mit langen Haaren und noch Die weltweite Vernetzung nimmt zu, auf fast Datenpakete können verschiedenste Wege anderen Seite: Firmen, die ausspioniert wurden, beschäftigen
längeren Beinen, der den Jungs mit lässigen allen Rechnern läuft die gleiche Standard- um den Erdball nehmen bis ans Ziel. Wer ei- die Angreifer oft in ihrer Sicherheitsabteilung
Sprüchen den Kopf verdreht... Software. Da wächst die Wahrscheinlichkeit, nen Internet-Server betreibt, kann mit so ge-
irgendwann Opfer zu werden. Muss es unter nannten Paket-Sniffern mitlesen, aber nie-

A
nonym im Internet agieren – eine reiz- Millionen Surfern gerade mich treffen? Muss manden gezielt ausspähen. Was er mitbe-
volle Vorstellung. Um so schlimmer, es nicht, aber der Fortschritt lässt die Gefahr kommt, ist rein zufällig.
wenn diese Illusion schlagartig zerstört näher rücken. Java, ActiveX, Flash und Co.
wird. „Ich sehe, was auf deinem Rechner ist“, machen das Internet bunter und spannender. Um Mitlesen zu verhindern, lässt sich die
heißt es plötzlich im Chat. Oder das CD-ROM- Damit werden aber immer mehr Prozesse auf Verbindung zwischen den Rechnern ver-
Laufwerk geht ohne erkennbaren Grund auf dem PC vom Internet aus gesteuert. Fremde schlüsseln, zum Beispiel mit der von

46 Nr.02 Nr.02 47
HINTERGRUND

HACKER HATZ Netscape entwickelten Secure Socket Layer saten, sondern auch beim Online-Werber lan-
(SSL). Der Nutzer erkennt eine SSL-Verbin- den. So etwas ist in Deutschland verboten, in
dung an der Adresse (https://). Zertifikat und anderen Ländern nicht. Deshalb: Auf auslän-
Schloss-Symbol am unteren Bildschirmrand dischen Sites besonders vorsichtig mit per-
weisen auf die sichere Verbindung hin. sönlichen Daten umgehen.

Elektronische Spuren hinterlässt der Sur- Informationen sammeln ist eine Sache –
fer mit seiner IP-Adresse. Die bekommt der PC einen fremden Rechner manipulieren eine
automatisch, sobald er sich beim Provider ganz andere. „Um Zugang zum Rechner ei-
info einwählt. Sie ist jedes Mal anders, bleibt aber nes anderen zu bekommen, muss man dort info
während der Internetsitzung gleich. Die be- ein entsprechendes Programm installieren“
Wie schütze ich mich im suchten Websites spei- erklärt Stefan Wolf, Si- Hacker-Ethik
chern IP-Adresse, Uhr- cherheitsexperte beim
Internet? zeit, aufgerufene Websi- Bundesamt für Sicherheit „Hacken ist kein Verbrechen“ sagt der Chaos
1. Die Software sollte sicher sein: Regelmäßig tes, von wo der Besucher Vorsicht bei in der Informationstech- Computer Club (CCC). Die Gesetzgebung
im Netz bei Herstellern und auf den Seiten von kam, welchen Browser nik (BSI) in Bonn. sieht das anders: Die Cybercrime-Konvention
Computerzeitschriften nach Patches suchen, und welches Betriebs- ausländischen Sites mit des Europarats, der sich Deutschland ange-
die erkannte Sicherheitslücken schließen. system er nutzt. So lässt Es gibt viele Mög- schlossen hat, verbietet nicht nur Hacker-
sich die Attraktivität ver- persönlichen Daten lichkeiten für Angriffe. werkzeuge, sondern auch die Verbreitung von
2. Manche Programme nehmen von sich aus schiedener Inhalte fest- Schlampig programmier- Das Internet wird immer schneller und damit auch gefährlicher: Denn viele User verzichten auf Sicher- Informationen darüber. Seit 2001 ist Hacken
Kontakt mit Internet-Seiten auf. Das sollte man stellen und das Nutzerprofil eines anonymen te Software kann Angreifern die Tür öffnen. heitsvorkehrungen, um die Geschwindigkeit ihrer Datenleitung nicht zu bremsen auch in den USA strafbar. Wer sich an Behör-
unterbinden. Surfers erstellen. Durchbrochen wird die Ano- Der Eindringling provoziert zum Beispiel einen den vergreift, gilt sogar als Terrorist.
nymität, sobald der Besucher E-Mail-Adresse Pufferüberlauf: Wo ein bestimmter Platz für ei-
3. Browser und E-Mail-Programm auf Si- oder Kreditkartennummer preisgibt. ne Variable reserviert ist, wird diese mit einem Nach einer Studie des amerikanischen Si-
cherheit testen. Die Computerzeitschrift c’t längeren Wert überschrieben. Das bringt den cherheitsunternehmens Riptech wollen die
bietet einen kostenlosen Test: Um Besucher beim nächsten Anklopfen Rechner zum Absturz. Eine andere Möglich- meisten Hacker ihren Opfern nicht schaden.
www.heise.de/ct/antivirus/browsercheck und wiederzuerkennen, gibt es Cookies (engl. Kek- keit: Mit bewusst fehlerhaften Daten kann der Sie haben den Ehrgeiz, das Sicherheitssystem
www.heise.de/ct/antivirus/emailcheck. se). Sie werden auf der Festplatte des Besu- Parser lahmgelegt werden, der die eingehen- von Unternehmen oder Behörden zu
chers (cookies.txt) abgelegt. Darin steht die den Signale interpretiert. Solchen Angriffen knacken. Sind sie drin, weisen sie meist nur
4. Ein Antiviren-Programm, das speicher- ausgebende Website, ein beliebiger Inhalt und sind überwiegend Server ausgesetzt, weniger auf die Sicherheitslücke hin. So dienen sie als
resistent im Hintergrund wacht, ist ein Muss. ein Datum, nach dessen Ablauf der Browser private PCs. Der private Anwender schlägt kostenlose Sicherheitsinspektoren.
Es prüft alle Daten, die hereinkommen. Cookies löscht. Mit Cookies können zum Bei- sich mehr mit anderem „Ungeziefer“ herum:
spiel Shop-Systeme ausgewählte Artikel bis Aber nicht jeder, der sich Hacker nennt, ist
5. Das Virenprogramm sollte mit dem E-Mail- zur Bestellung speichern. Die Festplatte lässt Viren heißen die kleinen Programme, die auch einer. Der „Chaos Computer Club“ hat
Programm verknüpft sein – die gefährlichsten sich damit nicht ausspionieren oder manipu- alles Mögliche anstellen – vom Schabernack eine „Hacker-Ethik“ aufgestellt: „Alle Infor-
Viren wurden über E-Mail-Anhänge verbreitet. lieren. über Spionage bis hin zu Schäden an Pro- mationen sind frei“, „Misstraue Autoritäten,
gramm und Hardware. Die ältesten Viren ko- fördere Dezentralisierung“, „Mülle nicht in
6. Wer wichtige Dinge per Mail austauscht, Mehr Informationen über Surfer-Gewohn- pierten sich in *.COM oder *.EXE-Dateien. Ei- den Daten eines anderen“ und „Öffentliche
sollte sich ein Verschlüsselungsprogramm an- heiten liefern Web-Wanzen („Web Bugs“). ne andere Art, die „Boot-Viren“, befällt nicht Daten nutzen, private Daten schützen“.
schaffen. Das sind in Websites versteckte winzige Grafi- einzelne Dateien, sondern den Startbereich.
ken, die nur dem Ausspionieren der Besucher So werden sie bei jedem Start automatisch ge- „Cracker“ nennt man diejenigen, die nur
7. Das Ausfüllen von Formularen auf Websi- dienen. Bei jedem Seitenabruf sendet der Web laden. Um nicht in der Auflistung der Prozes- hacken, um zu schnüffeln, zu schmarotzen
tes vermeiden – man gibt E-Mail-Adresse und Bug die IP-Adresse und die Adresse der be- se oder Dienste eines Systems aufzutauchen, und zu zerstören. Richtige Hacker vergleichen
oft weitere Informationen preis. suchten Seite an einem fremden Server. Onli- tarnen sich manche Viren durch unauffällige sie mit Leuten, die sich KFZ-Mechaniker nen-
ne-Werbe-Firmen setzen Web Bugs systema- Namen. Andere manipulieren das Betriebs- nen, weil sie ein Auto kurzschließen können.
8. Eine Firewall ist empfehlenswert, die ver- tisch ein, um die Wege von Internetnutzern system so, dass sie nicht angezeigt werden
dächtige Daten von außen abwehrt. Es muss über mehrere Websites hinweg zu ermitteln. („Stealth-Viren“). Das schlimmste Schimpfwort für einen
aber genau eingestellt werden, was hineindarf Hacker ist „Script-Kiddie“. Der Name unter-
und was nicht. Eine andere Möglichkeit: Data Spills („Da- Eine andere Tarn-Methode: Der Virus ver- stellt, dass der Hacker gar nicht programmie-
ten-Überlauf“) sind in Online-Formulare ein- ändert ständig seine Gestalt („polymorphe Vi- ren kann und sich lediglich fertige Hackuten-
Ausführliche Infos gibt es unter www.bsi.de gefügte Miniprogramme. Sie bewirken, dass ren“). Virenscanner haben es mit ihnen silien als Script aus dem Internet herunter-
und www.sicherheit-im-internet.de die eingegebenen Daten wie z.B. E-Mail- schwerer. „Retroviren“ gehen noch weiter: Sie lädt.
Adressen nicht nur beim eigentlichen Adres- greifen das Virenschutzprogramm an,

48 Nr.02 Nr.02 49
HINTERGRUND

HACKER HATZ um es zu manipulieren. Relativ neu sind „Ma-


kro-Viren“. Moderne Software lässt das Ab-
speichern von in einer Hochsprache definier-
ten Befehlen in der Datei zu, zum Beispiel ei-
ne Feldfunktion in einem Word-Dokument, die
automatisch das aktuelle Datum einfügt. Ein
„Wir leben in einem Zeitalter, in Virus, der in einer Makrosprache geschrieben
dem ein Cyberterrorist mit ei- ist, kann in einem Bild oder einem Text ver-
nem Keyboard und einem Mo- steckt werden. Öffnet der Benutzer das Doku-
dem genau so viel anstellen ment, werden die Befehle meist ohne Rück-
kann wie mit einer Bombe.“ frage ausgeführt. Am häufigsten sind Micro-
John Edwards, soft Office-Dokumente befallen. Es gibt aber
US-Senator auch PDF-Viren, Corel Draw-Makroviren,
PostSkript-Viren – sogar in einem JPEG-Bild
lässt sich ein Virus oder Wurm platzieren.

Würmer machen dasselbe, verbreiten sich


aber anders. Sie suchen oder öffnen Daten-
verbindungen zu fremden Systemen. Dann
kopieren sie sich über diese auf andere Rech-
ner. Der berühmte Wurm „l Love You“ wurde
als E-Mail-Anhang verschickt. Es nistete sich
im Windows-System ein und verschickte sich
anschließend per E-Mail an alle Adressen im
Outlook Express-Adressbuch des Benutzers.
info
Trojanische Pferde holt sich der ahnungs- Bis 2005 werden 70 Prozent aller Deutschen das Internet nutzen. 61.000 Computer-Viren sind den Experten heute bekannt, jeden Monat kommen 500 neue dazu
Firewall-Experte lose Surfer mit Bildschirmschonern, Sex-
Bildchen oder Spielen auf die Platte. Auch
Langweilig sei sein Job noch nie gewesen, bösartige Sites schaufeln mit Hilfe von Ja-
len und Militärstützpunkten, auf das Telefon-
system und so auf den Online-Datenverkehr Hansjürgen Garstka: „... nicht ins Blaue hinein ermitteln“
meint Björn Dehms. Der 26-Jährige arbeitet vaScript-oder ActiveX-Programmen neben selbst seien denkbar.
als Firewall-Experte. Er berät die Sicherheits- der gewünschten Seite solche Programme auf Der Staat darf zu viele Daten erheben, kritisiert der Berliner Der Staat ist machtlos?
experten der Bundesbehörden, die mit Hilfe den PC. Trojanische Pferde können Schäden Auch in Deutschland machen sich Regie- Das will ich nicht sagen. Man hat im Aus-
der „Firewall“-Abwehrmauer den Datenver- anrichten wie Viren oder Würmer. Oft wollen rungsexperten Sorgen. In einer vertraulichen Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit. länderbereich eine Menge geregelt, was man
kehr an der Schnittstelle zwischen Intranet sie aber eine Hintertür auf dem PC einrichten Studie warnten sie laut „Spiegel“: Mit geziel- bisher nicht hatte, wie z.B. die Erfassung aller
und Internet überwachen. Dieser Punkt ist die (Programme wie Back Orifice 2000, NetBus ten Attacken lasse sich das öffentliche Leben Datenschutz – was heißt das? gaben darüber machen, wer welche Dienste Visumanträge, die abgelehnt worden sind, die
empfindlichste Stelle eines Computernetz- Pro oder SubSeven). Über die kann der An- lahm legen. Versorgungs- und Kommunikati- Der Staat darf Daten von Bürgern nur dann benutzt hat. Erfassung von Daten aus ausländischen Bot-
werks, weil sich hier Hacker gerne Einlass ver- greifer auf das System zugreifen, sobald es on- onsanlagen, Strom-, Gas- und Ölversorgung erheben, wenn er begründen kann, warum er schaften. So kann man verhindern, dass Visa
schaffen. „Erfolgreiche Angriffe kommen line ist. Der Trojaner läuft ständig im Hinter- seien gefährdet. Mehr Geld für Schutztechno- das tut. Der Bürger soll selbst entscheiden, Aber wie soll man heutzutage Terroristen bei- mehrfach beantragt werden.
aber so gut wie nie vor“, erzählt Dehms, weil grund. Er kann Tastaturfolgen aufzeichnen, logie müsse her. Eine neue Behörde soll wem welche Daten weitergegeben werden. kommen?
die Behörden wissen, dass sie ein beliebtes Bildschirmfotos anfertigen, Kennwörter ausle- Frühwarn-Systeme aufbauen und Notfallplä- Das ist das große Dilemma nach dem 11. Warum Ihre Kritik?
Ziel sind und sich besonders schützen. „Stän- sen und Dateien manipulieren oder austau- ne erarbeiten. Und das sehen Sie bedroht? September. Wir gehen von dem rechtsstaatli- Es gibt ein Prinzip, das vom Bundesver-
dig passiert etwas Unvorhergesehenes“, schen. Die Grenzen werden aufgeweicht. So darf chen Prinzip aus, dass die Behörden dann fassungsgericht in seinem Volkszählungsurteil
bringt Dehms den Einfallsreichtum der das Bundeskriminalamt künftig Daten erhe- tätig werden, wenn sie einen konkreten Ver- unterstrichen wurde: Die Behörden dürfen
Hacker auf den Punkt. Ein großer Teil seiner Im Kampf gegen die Computerkriminalität ben, ohne dass ein konkreter Verdacht be- dacht haben. Also eine Information, die be- Daten nicht auf eine Weise sammeln, die die
Arbeit sind so genannte White-Box-Tests und gehen die Meinungen auseinander. Die Ame- steht, dass eine Straftat begangen worden ist. sagt, von bestimmten Personen könnten be- Betroffenen daran hindert, von ihren Frei-
Black-Box-Tests. Beim White-Box-Test unter- rikaner wollen Spezialeinheiten unter dem Die Nachrichtendienste erhalten zusätzliche stimmte Gefahren ausgehen. Das Problem: heitsrechten Gebrauch zu machen. Die Ame-
sucht er vor Ort, wie die Computer vernetzt Projektnamen CHIP (Computer Hacking and Befugnisse: Künftig werden Banken, Versi- Was tut ein Dienst, der solche Informationen rikaner nennen das „Freezing of rights“, also
sind, welche Systeme eingesetzt werden und Intellectual Property) aufbieten. Sicherheits- cherungen, Post, Luftverkehrsunternehmen nicht hat? Er kann nicht ins Blaue hinein er- Einfrieren von Grundrechten. Das bedeutet:
wie die Firewall eingestellt ist. So kann er experten wie Richard A. Clarke warnen: Koor- verpflichtet, gegenüber den Diensten Anga- mitteln. Dass einer Moslem ist und in eine Mo- Der Staat darf mit seinen Maßnahmen nicht
Schwachstellen finden. Der Black-Box-Test dinierte Angriffe auf das Finanzsystem durch ben zu machen. Das gab es bisher nicht, das schee geht, wo ab und zu radikale Reden ge- bewirken, dass Leute einfach keinen Mut
ist der Härtefalltest: er simuliert den Angriff ei- Manipulation von Börsen-Rechnern, auf die geschah auf freiwilliger Basis. Auch Internet- schwungen werden, genügt doch nicht als Er- mehr haben zum Beispiel zu demonstrieren.
nes Hackers. Computer von Stromversorgern, Notfallzentra- anbieter müssen dem Verfassungsschutz An- mittlungsgrund. Das Gespräch führte Volker Thomas

50 Nr.02 Nr.02 51
PROJEKTE

Wie die Leipziger mit ihren Überwachungskameras leben


SCHAU PLATZ Polizeihauptkommissar Bernd Turowski, Ein-
satzsachbearbeiter des Reviers. „Sie kommen
noch immer die Warnung: „Big Brother is wat-
ching you!“. Und die Web-Site der „Kampagne
dann und verlangen unsere Videos, um bei- zur Rückgewinnung öffentlicher Räume“
Die „bestüberwachte Stadt Deutschlands“: Videoüberwa- Kameras dürfen durchgängig mitschneiden, spielsweise ihre Unschuld an einem Verkehrs- (www.nadir.org/camera) wird ständig aktuali-
die Videos archivieren und auswerten. Die Po- unfall oder ihre Anwesenheit an einem von uns siert.
chung auf öffentlichen Plätzen gehört in Leipzig seit 1996 lizei kann auf das Material im Zuge von Ermitt- beobachteten Ort zu beweisen – da können wir
lungen zurückgreifen und es sogar beschlag- nicht helfen.“ „Wir sind nicht damit zufrieden, dass die „Wenn
zum Alltag. Marlis Heinz hat einen Blick hinter die Kulissen nahmen. Durch die Menge der „Spione“ an al- Anlage vor unserer Tür wieder verschwunden man vielleicht
len Fassaden ist es allerdings schwer einzu- Besonders geheim ist der Überwachungs- ist“, sagt sie. „Es geht nicht um einen einzel- nur die Masse
geworfen, mit Befürwortern und Gegnern gesprochen. schätzen, ob Leipzig nun wirklich, wie es da- mechanismus übrigens nicht. Wer sich auf nen Beobachtungspunkt. Es geht ums Prinzip. abbildet, um die Er-
mals durch die Medien ging, die am bes- dem Fußweg von dem Revier etwas auf die Ze- Wohin soll das – immer weiter perfektioniert – eignisse festzuhalten, aber nicht Einzelleute
Die Augen der jungen Beamtin sind auf 1996 drehte sich in ten überwachte Stadt in henspitzen stellt, kann mal führen? Zur absolut herausfiltert?“ versucht Christoph Rostig (17)
den Bildschirm gerichtet. Ihre Hand umfasst Leipzig die erste Überwa- Deutschland ist. Fest steht durch die großen Fenster flächendeckenden Über- Grenzziehungen.
den Joystick. Sie lässt das Sichtfeld der Ka- chungskamera der Poli- nur: Leipzig war Vorreiter, die Beobachter beim Be- wachung? Bis hin zur Be- „Wie sicher kann man eigentlich sein, dass
mera, die sie von hier aus bedient, über den zei. Anlass, zu dieser Es ist geregelt, viele andere Großstädte obachten beobachten. „Wer zieht die Grenzen spitzelung am Arbeits- nur die Polizei eventuelle Mitschnitte benutzt
Leip-ziger Bahnhofsvorplatz schweifen. Sie Technik zu greifen, sei die zogen nach. Und wer noch mehr wis- platz? Und wer zieht die und nicht gleich noch die Geheimdienste?“
zoomt, bis sie jenen Mann erkennen kann, Konzentration des Dro- was die Polizei darf sen will, müsste sich zu ei- zwischen angeblich scharfen Gren- fragt sich Christoph weiter. Und Singun Kim
der über den Parkplatz schlendert und die genhandels einschließ- Es ist ziemlich klar ge- nem Besuch anmelden zen zwischen öffentlich (15) beschäftigt der technisch mögliche Big-
Pkw umkreist. Sucht er in den Fahrzeugen lich der Beschaffungskri- und was nicht regelt, was die Polizei darf oder am Tag der Offenen öffentlich und privat?“ und privat? Wer verhindert Brother-Blick in die Privatsphäre. „Die Polizei
nach Brauchbarem, Verkaufbarem? Versucht minalität am Innenstadt- und was nicht: Der Beam- Tür hereinspazieren. hundertprozentig jegli- muss ja eigentlich der Hüter des Gesetzes
er, die Autotüren aufzubrechen? Nein, er trifft ring gewesen, sagen die Befürworter. Zuerst te im Revier beobachtet, schneidet im Falle ei- chen Missbrauch? Das ist doch Horror.“ sein“, überlegt David Lochner (16). „Wenn
eine Frau und geht mit ihr forschen Schrittes
davon. Ein anderer spaziert vor der Unter-
führung hin und her. Wartet er auf Kunden
war das Gerät nur während einer Testphase
installiert. Danach wurde das sächsische Poli-
zeigesetz novelliert und darin definiert, was ein
nes Verdachtes mit und dirigiert notfalls den Zu-
griff der Streifenpolizisten draußen. Ein Mit-
schnitt wird in jedem Falle registriert. Zerschlägt
*
Juliane Nagel, 23 Jahre, gehört zu den ent-
schlossensten Gegnerinnen des „Überwa-
Dass die Mehrzahl der Leipziger und auch
die Mehrzahl der jungen Leute in der Stadt die
man ihr den Missbrauch der Videos unterstellt
– wem sollte man dann noch vertrauen?“

für kleine Paketchen? Vielleicht? Vielleicht „verrufener Ort“ ist. Verrufen heißt, dass sich der Verdacht, muss die Aufzeichnung chungswahns“. Ihr Schreibtisch steht im Büro Kameras gut findet oder schulterzuckend hin-
auch nicht? Er verschwindet in Richtung Straftaten dort in verstärktem Maße vorbereitet gelöscht und diese Löschung ebenfalls in den LinXXnet. Die Kamera von Connewitz, nur ein nimmt, entmutigt Juliane Nagel und ihre Mit-
Bahnhof. Allein. und ausgeführt werden. Und an solchen Orten Akten vermerkt werden. „Manche Leute glau- paar Schritte vom Büro entfernt, ist längst de- streiterinnen nicht.
ist die Installation von Kameras seitdem ben, wir schneiden rund um die Uhr mit“, sagt montiert. Doch auf den Fassaden leuchtet info
Fast gleichzeitig be-
obachtet die Beamtin
noch einen zweiten Bild-
erlaubt.

Nach der neuen Ge-


*
Vier junge Gemeindemitglieder und Pfarrer
Christian Führer sitzen über Papiere gebeugt.
Überwachungskameras auf Leipziger Dächern
– das erinnert an die Jahre 1988/89. Dass näm-
schirm, lenkt eine ande- setzgebung wurde die Ka- Eine Unterschriftenaktion gegen nationalisti- lich die „Zusammenrottungen“ auf dem Niko-
re Kamera. Entlang den mera zur festen Einrich- sche Gewalt, gegen legale braune Aufmärsche laikirchhof und später auch die so genannten
Grünanlagen am Ditt- tung. Eine weitere folgte wird vorbereitet. Es geht um Angst, Gewalt, Si- Montagsdemonstrationen von der DDR-Staats-
richring, Meter für Meter 1999 in Connewitz, dem cherheit. sicherheit (Stasi) gefilmt wurden, ist bewiesen.
einige Querstraßen wei- links-alternativen Szene- Jeden Montag wurde gegen Mittag die teure
ter. Nach links. Nach viertel Leipzigs. Während Wäre eine Kamera, die das Geschehene Technik namens „Zentrales operatives Fernse-
rechts. Ein paar Autos der Silvesterfeiern 1998/ auf der Straße dokumentiert, nicht eine be- hen des Ministeriums des Inneren“ (ZOF) ins-
rollen. Ein paar Passan- 99 und noch einmal im grüßenswerte Sache? Die Jungen überlegen. talliert und in der Nacht wieder demontiert.
ten hasten. Zwei Rad- Herbst war es dort zu Ge- Christian Führer, ein Mann der DDR-Bürger- Aufnahmen von den Kamerapositionen wurden
fahrer bremsen und waltexplosionen aus der rechtsbewegung, überbrückt die Pause: „Poli- in einem Ü-Wagen von einem „Regisseur“ ge-
schwatzen. Nichts Auf- Menge heraus gekom- tische Demos – gleich welcher Richtung – von sichtet und als „Sendung“ in die Befehlszent-
fälliges. men. Scheiben klirrten. vornherein zu filmen, halte ich für problema- ralen von Leipzig und ab dem 9. Oktober 1989
Sachschaden. Landfrie- tisch. Ich kenne sie noch, die Stasi-Kameras, auch von Berlin übertragen. Dort fielen unter
Der große weiße densbruch. die hier auf unserem Kirchhof alle ‚Zusam- anderem Entscheidungen über Polizeieinsatz
Schalter im Büro der menrottungen’ registrierten. Wir fühlten uns und sofortige Verhaftungen. Entdeckten die
Polizistin bleibt unange- Zur Zeit gibt es drei von wie unter dem erhobenen Zeigefinger dessen, Mitarbeiter in der Menschenmenge jemanden
tastet – keine Mitschnit- der Polizei genutzte Kame- der immer Recht hat. Mehr noch – wir fühlten von denen, die Ausreiseanträge gestellt hatten,
te. Und auch die Streifenpolizisten ras. Alle anderen – in Tiefgaragen, Straßen- uns bedroht, so, als seien schwenkbare Ma- wurde der besonders scharf ins Auge gefasst
draußen ruft sie nicht, schickt sie nicht, bahnen, Banken, Tankstellen, Kaufhäusern, schinengewehre schussbereit auf uns gerich- oder – gegen Ende der DDR – seinem Antrag in
zweifelhafte Personen aus der Nähe zu be- Passagen und wo auch immer – gehören den tet. Und diese Erinnerung lässt sich nicht so der Regel schleunigst stattgegeben.
trachten. Heute nicht. Unternehmen, auf deren Betriebsgelände sich einfach verdrängen, selbst wenn man weiß, Mehr Infos unter www.runde-ecke-leipzig.de
der Beobachtete bewegt. Diese Betreiber der dass heutzutage andere Regeln gelten.“

52 Nr.02 Nr.02 53
ARGUMENTE

ÄLTESTEN RAT
Peter Frisch: „Die meisten Moslems – und darauf kann Ralf Dahrendorf: „Ich glaube, wir sind eher
man nicht genug hinweisen – lehnen Gewalt ab“ zu großzügig gewesen“
Der 66-Jährige Jurist war von 1996 Der 72-jährige Professor der Soziologie
bis 2000 Präsident des Bundesamtes für und ehemalige FDP-Politiker gehört seit
Verfassungsschutz (BVS) in Köln. seiner Ernennung zum Lord 1993 dem
Arabische Terroristen halten deutsche Sicherheits- britischen Oberhaus an.
behörden – so hört und liest man – für naive Weichlin-
ge, weshalb man hierzulande angeblich relativ unbe-
helligt Anschläge vorbereiten kann. Tut Ihnen eine sol-
che Einschätzung weh?
Nein – weil ich sie nicht teile. Erst recht nicht nach
den neuen Sicherheitsmaßnahmen und der allge-
meinen Aufmerksamkeit für das Thema seit dem
11.September 2001. Weh getan hat mir allerdings, Lord Ralf Dahrendorf beschreibt
dass das Bundesamt für Verfassungsschutz seit Mit- seine Eindrücke von der Bedrohung
te der 90er Jahre intensiv auf die Gefahren durch den nach den Terroranschlägen und
Islamismus hingewiesen hat – aber man hat das nicht wehrt sich entschieden gegen die
so ernst genommen. These, dass die westliche Welt die
Anschläge provoziert hat.
Warum nicht?
Das hatte verschiedene Gründe. Die einen argwöhnten, uns sei nach dem
Zusammenbruch des Ostblocks der Gegner abhanden gekommen und wir Ich persönlich fühle mich nicht mehr oder weniger be-
würden nur schwarz malen. Andere befürchteten – nicht ganz unbegründet droht als vor den Anschlägen. Aber dass die Welt nicht
– eine Zunahme der ausländerfeindlichen Gewalttaten, die sich ja auch ge- ganz dieselbe ist, glaube ich schon. Man kann sich
gen Türken und andere Moslems richteten – wie in Mölln und Solingen. darüber streiten, wie stark die Veränderung ist. Mein
Freund und Nachfolger an der London School of Economists, An-
Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig? thony Giddens, vergleicht es manchmal mit der Erfahrung, die wir
Wichtig sind mehr Informationen über den Islam und den Islamismus. Das haben, wenn wir stundenlang ein bisschen zu schnell Auto gefah-
beginnt schon bei den Begriffen. So werden Fundamentalismus und Islamis- ren sind und plötzlich ist auf der anderen Fahrbahn ein schwerer
mus oft gleichgesetzt. Das ist falsch. Die Fundamentalisten wollen den Islam Unfall zu sehen. Und wir fahren die nächste Stunde etwas langsa-
zum Koran und zur Scharia der islamischen Rechtsprechung, zurückführen. mer, etwas vorsichtiger und etwas nachdenklicher. Aber dann setzt
Die Islamisten möchten die Weltherrschaft des Islam errichten – die einen auf doch wieder Normalität ein. Ich bin nicht seiner Meinung, dass das
politischem Weg, die anderen mit Gewalt. Die einen bereiten allerdings den in dem Maße wieder verschwinden wird aus unserem Bewusstsein.
anderen Islamisten den Weg, die ihr Ziel durch die Beseitigung von Personen Ich glaube, es bleibt das Element einer diffusen Bedrohung, bei der
und durch die Verbreitung von Furcht und Schrecken erreichen wollen. man den Feind eigentlich nicht sehen kann und auch nicht so klar
Die meisten Moslems – und darauf kann man nicht genug hinweisen – lehnen identifizieren kann, wie in historischen Auseinandersetzungen.
das ab.
Ich glaube, wir sind eher zu großzügig gewesen im Nachgeben ge-
Kann der ,,Dialog zwischen den Kulturen" das Verständnis füreinander ver- genüber voraufklärerischen Haltungen! Und was mich betrifft, so
bessern? werde ich jetzt noch entschiedener diejenigen attackieren, die in
Wenn er zustande kommt – natürlich. Ich vermisse aber bei manchen einer Weise reden, die einfach völlig unvereinbar ist mit den Grund-
Veranstaltungen mit türkischen Bürgern die Dialogbereitschaft. Da wird bei- werten einer offenen Gesellschaft. Wenn ein Moslem sagt, unser
spielsweise gefordert, dass deutsche Kinder und Jugendliche auch einmal Das Bundeskriminalamt erhält in diesem Gott hat alles vorentschieden, und wenn das unsere Gesellschaft
einen Gottesdienst in der Moschee besuchen. Wenn ich dann aber sage: Jahr zusätzlich 43 Millionen Euro für 244 nicht sehen will, dann habe er nichts mit dieser Ge-
,,Einverstanden. Aber schickt dann Eure Kinder bitte auch einmal in die Kir- neue Planstellen unter anderem im Perso- sellschaft im Sinn, dann sage ich zu ihm: Warum bist
che", herrscht plötzlich Schweigen. nenschutz Du dann hier? Dann gehe gefälligst dahin, wo Deine
Das Gespräch führte Sandra Daßler Werte vorherrschen.

54 Nr.02 Nr.02 55
ARGUMENTE

RASTER
Streitthema Rasterfahndung: „Es gibt einen Zwiespalt zwischen Verstand und Gefühl“, sagt ei-
ner der drei Bonner ausländischen Studenten, deren Stimmen stellvertretend für viele stehen.
„Sie soll ja auch nicht gegen Ladendiebe eingesetzt werden“, entgegnet der Polizist.

Haluk: „Die Art und Weise ist für Muslime verunsichernd“


Ich bin nicht total gegen die Rasterfahndung, aber auch Art und Weise ist für Muslime allerdings verunsichernd. Viele muslimi-
nicht hundertprozentig dafür. Ich denke, es ist viel wichti- sche Studenten fühlen sich in die Ecke gedrängt und zogen sich nach
ger, bei der Polizei und anderen Behörden Beamte einzu- dem 11. September teilweise aus Aktivitäten wie denen der islamischen
setzen, die intensive Kontakte zu Muslimen haben und Hochschulvereinigung zurück. Ich denke, das gilt auch für mögliche Fa-
erkennen, wenn irgendwo extremistische oder terroristische Gruppie- natiker oder „Schläfer“. Deshalb bezweifle ich, dass man ihnen mit der
rungen entstehen. Dafür müssen sie die arabisch-muslimische Kultur Rasterfahndung auf die Spur kommt.
sehr gut kennen. Haluk (35), ist Vorsitzender der islamischen
Marwan (24), ist Palästinenser und Christ. In seiner Heimat Hochschulvereinigung an der Universität Bonn
besuchte er eine deutsche Schule, jetzt studiert er
Lebensmitteltechnologie in Bonn Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, in die Moschee gehe oder zu
Hause bin, kommt mir manchmal der Gedanke: Werde ich als Muslim
Es gibt einen Zwiespalt zwischen Verstand und Gefühl: Ich weiß, dass abgehört? Hört ein Dritter mir die ganze Zeit über mein
ich nichts zu verbergen habe. Dadurch, dass ich eventuell überprüft wer- Handy zu?
de, empfinde ich das als Kriminalisierung. Ich verstehe, dass der Staat Kareem (22), studiert Jura in Bonn und lebt seit 17
versucht, seine Bürger vor terroristischen Anschlägen zu schützen. Die Jahren in Deutschland

Das Essen ist so la-la, aber von der Sicherheit her – fantastisch!

FAHNDUNG
Konrad Freiberg: „Was passiert, wenn jemand eine
Autobahnbrücke auf der A3 in die Luft sprengt?“
Die Rasterfahndung ist unerlässlich für die Polizeiarbeit – ten Ermittler in eine ethnisch geschlossene Gruppe – wie es die Islamis-
und das übrigens schon sehr lange Zeit. Wer an einem Tat- ten sind – einzuschleusen. Wenn dann eine Katastrophe passiert, steht
ort zum Beispiel Reifenspuren von einem VW Golf findet, die Polizei in der Kritik, weil sie die Informationen nicht vorher hatte. Die
und dann alle Golf-Fahrer in der Umgebung befragt, macht Rasterfahndung dient dazu, möglichen Terroranschlägen vorzubeugen.
ja auch eine Rasterfahndung. Die elektronische Rasterfahndung, über Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn jemand eine Autobahnbrücke
die wir heute sprechen, unterscheidet sich nur dadurch, dass sie die Da- auf der A3 von Köln nach Frankfurt in die Luft sprengt? Solche Szena-
ten schneller verarbeiten kann. Natürlich muss die Polizei darauf ach- rien sind seit dem 11. September keine abstrusen Phantasien mehr. Die
ten, dass die Verhältnismäßigkeit gewahrt wird. Aber die Rasterfahndung Terroristen haben gezeigt, dass sie in der Lage sind, solche
soll ja auch nicht gegen Ladendiebe eingesetzt werden, sondern gegen Anschläge zu verüben.
Terroristen und organisierte Kriminelle. Oft hat die Polizei auch keine an- Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender
Wir werden Ihrer Katze die Krallen ziehen müssen! deren Mittel – es ist zum Beispiel unheimlich schwierig, einen verdeck- der Gewerkschaft der Polizei (GdP)

56 Nr.02 Nr.02 57
LESERMEINUNG IMPRESSUM
Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung • Ausgabe 02 • April 2002

Herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Berliner Freiheit 7, 53111 Bonn,
Telefon: 01888-515-0
Lesermeinung – diesmal nicht als E-Mails oder Leserbriefe. Das Frankfurter Psydata-Institut Redaktion:
Dieter Golombek (verantwortlich) Bundeszentrale für politische Bildung (dieter.golombek@bpb.de);
Dieter Gaarz (Koordination) media.team.gaarz (gaarz@media-team-gaarz.de)
befragte Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren. Stimmen1 zu Fluter Nr. 1 Redaktionsanschrift / Leserbriefe: fluter – Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung
media.team.gaarz Friedrich-Ebert-Straße 51429 Bergisch Gladbach
Telefon: 02204-84 32 40 Fax: 02204-84 32 45 E-Mail: info@media-team-gaarz.de
Auf den ersten Blick würde ich es nicht nur die RTL- und Pro7-Infor- sind Profis, die das machen. Die Also ich denke schon, man muss Redaktionelle Mitarbeit und Texte:
nicht für eine politische Zeitung hal- mationen kriegen, sondern auch Überschriften sprechen an, es ist zwar nicht hoch intelligent sein, aber Dr. Enno Bartels, Michael Bechtel, Mathias Begalke, Mechthild vom Büchel, Ralf Dahrendorf, Sandra Daßler,
Diana Fallenstein, Konrad Freiberg, Dr. Peter Frisch, Dr. Yvonne Fritsche, Nina Grontzki, Marlis Heinz, Jan
ten. Würde etwas für politisch halten, richtige Hintergründe und so. Damit keine Unterhaltungszeitung ... man doch mehr als Hauptschule. Keith, Katja Korf, Annette Lehmann, Thomas Luczak, Geert Meyenburg, Valentin Nann, Tobias Peter (Köl-
wenn da Politiker sind. Das würde ich sie sich auch damit auseinanderset- erkennt auch, dass es keine so nor- Boris, 16, Schüler ner Stadt-Anzeiger), Alexandra Ringendahl, Juliane Schäuble, Martin Scholz (Frankfurter Rundschau), Ute
für ein Stadtmagazin halten. zen. Es gibt ja ziemlich viele Moslems male kommerzielle Zeitung ist. Schröder, Jan Schwarzkamp, Martin Spletter, Volker Thomas, Dana Toschner, Lukas Wallraff, Martin Winter
(Frankfurter Rundschau)
Marlis, 17, Azubi (Hotelfachfrau) in Deutschland, eigentlich an jeder Leo, 19, zur Zeit arbeitslos Die Gestaltung ist ganz okay. Ich wür-
Schule. Und dass da nicht Situatio- de es auf jeden Fall lesen. Es ging si- Titel: Erol Gurian
Ziel ist, dass sich die Jugendlichen nen entstehen, dass die ausgegrenzt Mich nervt das. Man ist sowieso im- cherlich noch irgendwo besser, ich Fotos & Illustrationen:
mehr für die Politik interessieren. Die werden jetzt nach dem Anschlag, merzu mit dem Thema bepflastert finde das Hellblau nicht so schön. Es AP S.33,41,49 (4); argum S.28-29 (1); Udo Beißel S.27 (5); Cartoonbank S.56-57 (2); cinetext (S.8), ddp
S.11,45 (2); dgf S.51 (1); dpa S.30-31,54,55 (3); Cornelia Fischer S.4-5 (1); Das Fotoarchiv S.25,34 (2);
Zeitung ist neutral. deshalb glaube ich, hat man das ge- worden: seit September die ganze beißt sich ein bisschen mit dem Gelb. GAFF S. 52-53 (2); Erol Gurian S.36-40,54(8); Volkmar Heinz S.52; Keystone S.21; Heiko Matz S. 19 (5);
Ines, 17, Schülerin macht. Zeit. Es ist schon ziemlich viel. Über Ansonsten übersichtlich scheint es Guido Raith S.6; Pascal Rest S.6; Konstantin Sachariew S.44; Raphael Schwiertz S.7; Stock 4B S.23,47 (2);
Gerald, 17, Schüler 50 Seiten zum Terrorismus-Thema. mir schon. Ich mag das nicht, wenn Alexandra Umbach S.7; vario-press S.32 (1); Melanie Werlemann S.12-17 (7); Stefan Worring S.42-43 (1)
Die Zeitschrift würde ins Wartezim- Zusätzlich zu Fernsehen, Zeitungen, die Überschriften so groß und so her- Kooperation mit Jugend-Redaktionen:
mer passen, weil mich dieses ganze Die Zeitschrift ist informativ. Ich glau- auch in der Schule haben wir darü- ausstechend sind. Wenn die Über- Cocktail/WAZ-Verlagsgruppe (S.4-7), Jups/Peiner Allgemeine Zeitung (S.41), Kölner Stadt-Anzeiger/Ju-
gendbeilage Erftkreis (S.27), Ozelot/Ostsee-Zeitung (S.52), Quergestreift/Südthüringer Allgemeine (S.19)
Promigetue der Zeitungen wie „Gala“ be, mein Informationsbedarf würde ber geredet. ... Ich bin jetzt nicht so schriften so groß sind, da habe ich
nicht interessiert. Hier könnte man gedeckt. Es ist viel auf einmal, aber begeistert davon. Es kann schon für immer das Gefühl, dass der Text Gestaltung und Layout: Marc Tulke (mail@tulke-grafik.de)
sich weiterbilden, ich bin mir sicher, wenn man sich heineingelesen hat, Leute, die nicht so viel wissen, wenn nicht wichtig ist. Satz + Repro: Reprotechnik Mirgel+Schneider GmbH, Bonn
dass es da Informationen gibt, die ich ist es wie ein Buch. Es ist für Ju- sie sich dafür interessieren, vielleicht Wibke, 16, Schülerin Druck: Tiefdruck Schwann-Bagel GmbH, Mönchengladbach
noch nicht kenne. Das Thema Terro- gendliche, weil viele Bilder enthalten hilfreich sein. Für die Schule, wenn
Vertrieb, Bestellungen und Abbestellungen: Universum Verlagsanstalt, Taunusstraße 54, 65183 Wiesbaden,
rismus ist ja schon interessant und es sind und die Texte leicht leserlich man da mal was machen muss. Das finde ich ganz gut gemacht, dass Telefon: 0611-90 30-267 Fax: 0611-90 30-277 oder 0611-90 30-281
gibt ja auch immer wieder was Neu- sind. Bernd, 17, Schüler das so gegliedert ist mit Reportage,
Redaktionsschluss: 6.3.2002
es drüber ... aber kaufen würde ich´s Carmen, 20, Studentin (VWL) Menschen, Hintergrund, Argumen-
mir nicht ... Die Zeitschrift ist für Jugendliche ge- te, auch die verschiedenen Farben. Papier: Dieses Magazin wurde auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt
Saskia, 19, Schülerin „Ich kenne keine ähnlichen Zeit- macht, 14 – 20 Jahre. Auch für Er- Findet man gut, wo was ist. ISDN 1433-2906
schriften. Hier sind ziemlich viele wachsene, aber eher für Jugendli- Doreen, 17, Schülerin Bundeszentrale für politische Bildung info@bpb.de www.bpb.de
Die versuchen verzweifelt, die Ju- große Bilder und eher wenig Text. Es che. Es sind viele Jugendliche (S. 15-
gend für Politik zu interessieren. Die wirkt nicht so geballt. Im „Spiegel“ 19) abgebildet. Die Zeitschrift passt Wenn ich es richtig verstanden habe, Online-Bestelladresse: www.fluter.de/abo.htm
müssen versuchen, die Jugend po- sind nicht so große Bilder. Hier hat zu jungen Leuten, weil das Thema al- sind das Berichte aus verschiedenen
litisch zu interessieren, schon des- man auch mal eine Seite, auf der nur le interessiert und viele wissen nichts Städten, wie Muslime hier in
halb, damit die Wahlbeteiligung Bilder sind. ... Es dreht sich mehr über die Hintergründe, zum Beispiel Deutschland leben, wie sieht ihr Alll-

E-Mail

Ort

PLZ

Straße / Hausnummer

Vorname / Name

Kundennummer (falls vorhanden)

Absender:
nicht noch mehr fällt. Hinter der oder weniger alles um ein Thema. Es Taliban. tag seit dem 11.9. aus. Das ist schon
Bundeszentrale stecken ältliche, werden verschiedene Aspekte be- Tom, 18, Schüler sehr interessant, weil es eine andere
weise Beamte, die die Jugendlichen leuchtet, man bekommt auch Hin- Sicht ist. ... auch die Frage, ob es Un-
sachte auf den ‚richtigen‘ Weg tergrundinformationen, z.B. über Übersichtlich, große Bilder, kurze Ar- terschiede dann gibt in den Gemein-
führen wollen – zur Demokratie hin. den Islam. Es wird nicht die vorherr- tikel, große Überschriften, auch mal den. Es sind ja nicht alle Moslems
Peter, 21, zur Zeit schende Meinung dargestellt, son- eine Doppelseite nur Bild, Inhaltsver- gleich.
arbeitslos dern man zeigt auch, dass Moslime zeichnis ist groß. So Infosachen sind Rico, 17, Schüler
gegen Hass demonstrieren, das fin- auch ganz nett. Wirklich neumodisch
Noch mehr fluter gibt es online:
Die Zeitschrift passt gut für Leute de ich gut.“ ist sie nicht, soll sie wahrscheinlich Das mit der RAF, das war ein bis-
meines Alters. Das Design ist nicht Sabine, 18, Studentin auch nicht sein. Es wurde nicht ver- schen interessant, weil man über die fluter.de – das neue Jugendmagazin im Netz.
altmodisch und nicht zu verspielt. (Medientechnik) sucht, was reinzumischen, was sie Geschichte nicht soviel hört. Das ist Wöchentlich Kino-News, monatlich aktuelle
Das seriöse Thema ist aufgelockert glauben, was für junge Leute interes- noch zu jung, um in Geschichts- Ereignisse aus Politik, Gesellschaft und Literatur –
aber auch nicht zu sehr aufgelockert. Typisches Medienschockbild am An- sant ist. Das ist besser. Wahrschein- büchern zu stehen. Und das wird von
Britt, 18, Schülerin fang, aber trotzdem, es ist für politik- lich haben sie gemerkt, dass es nicht den Medien nicht so oft vorgeholt. Ich
in Texten, Bildern und Videos.
interessierte Leute. Auch wenn hier gut ankommt, wenn das doof ver- glaube, ich würde da sogar das In-
Die wird ausgegeben von der BpB, nicht Bundeszentrale für politische mischt ist und beides nicht richtig terview lesen. Gerade mit den ehe- Wir wollen wissen was unsere User denken, des-
damit die Jugend auch weiß, was ge- Bildung stehen würde, wäre es sofort rüberkommt. maligen Mitgliedern. Das würde mich halb neu auf fluter.de: Foren und Polls.
rade so passiert, damit die eben jetzt klar, dass es hier um Politik geht. Das Anne, 20, Azubi (Köchin) schon interessieren, was die dazu sa-
gen.
Ralf, 20, Bundeswehrsoldat
Ab Mai noch mehr Interaktivität mit Terminplaner,
Newslettern und Chat-Events.

Wählen gehen ... Ich habe von der Zeitung noch nie
etwas gehört, man sollte Werbung

65175 Wiesbaden

Postfach 300
fluter-Leserservice
Universum Verlagsanstalt
machen. Die Internetadresse ist
Unter www.fluter.de/mitreden/ gibt es ein Forum
nicht schwer zu merken, aber wo ich zum Thema „Sicher Leben“, in dem Leser mit
„Ich kann doch nichts verändern“ – „Die Politiker machen doch, was sie wollen“ – „Jugendliche ha-
die Zeitung bekomme, weiß ich im- anderen Lesern und der Redaktion diskutieren
ben keine Lobby“ – typische Aussagen von jungen Leuten, die am 22. September zum ersten Mal die mer noch nicht, außer dass ich sie können.
Möglichkeit haben, bei einer Bundestagswahl ihre Stimme abzugeben? Haben sie Recht? Macht es bestellen kann. Vielleicht Fernseh-
werbung? Dort gucken die meisten
Sinn, die Politik links liegen zu lassen? Ist es sinnlos, wählen zu gehen? Wie ist Ihre Meinung? Leute.
Die Online-Ausgabe steht ab 1. April im Netz, die
Sigrid, 18, Schülerin Mai-Ausgabe von fluter-online widmet sich dem
Die nächste Ausgabe von widmet sich dem Thema Wahlen
. Erscheinungstermin
Ist nicht krampfhaft auf Jugendliche
Thema „Gentechnik“.
ist der 1. Juni 2002. Sagen Sie uns, was Sie zum Thema Wahlen/Politik zu sagen zu haben. gemacht, aber es spricht Jugendli- Die Online-Redaktion
che an.
Redaktion fluter Yasemin, 19, Schülerin

freimachen
media.team.gaarz, Friedrich-Ebert-Straße, 51429 Bergisch Gladbach

Bitte
1 Vornamen verändert
info@media-team-gaarz.de