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Der heimliche Hubble

Georges Lemaîtres Verdienste um die Astronomie sind enorm. Der belgische Priester
begründete die Urknall-Theorie und entdeckte die Expansion des Universums – zwei Jahre
vor seinem amerikanischen Kollegen Edwin Hubble, dem dieser Ruhm irrtümlich zuteil
wurde.

1894 erblickt Lemaître das Licht der Welt, das ihn fortan zu Höchstleistungen inspiriert. Der
Sprössling aus gutbürgerlichem Hause genießt eine klassische Jesuitenbildung in Charleroi
und Brüssel und schult dort seine analytischen und spirituellen Fähigkeiten. Mit 17 beginnt er
sein Ingenieursstudium an der Katholischen Universität Löwen in Flandern mit dem Ziel,
Priestertum und Wissenschaft in sich zu vereinen.

Der Krieg macht Lemaître einen Strich durch die Rechnung, die er prompt begleicht. Mit dem
Ingenieurs-Bakkalaureat in der Tasche meldet er sich als Freiwilliger bei der belgischen
Artillerie. Nach vier Kriegsjahren kehrt er als hochdekorierter Soldat nach Löwen zurück, um
das Studium der Mathematik und Philosophie aufzunehmen. 1920 promoviert Lemaître mit
einer mathematischen Arbeit über die Näherung von Funktionen mehrerer reeller Variablen.

Im selben Jahr beginnt der Belgier seine Priesterausbildung in Malines und wird 1922 zum
Priester geweiht. Sein Denken verknüpft die katholische Schöpfungslehre mit Experiment und
Beobachtung. Nach einem Stipendium in Cambridge und weiteren Studien in Harvard kehrt
Lemaître mit einer Professur für Physik in der Tasche 1925 nach Löwen zurück. Er beherrscht
Astronomie und numerische Analyse und beginnt eigene Berechnungen zur Rotverschiebung
von Galaxien.

Die Ergebnisse seiner Arbeiten sind erstaunlich. Der geweihte Physiker schließt, dass die
gedehnte Wellenlänge des Lichts einer sich entfernenden Galaxie auch ohne Doppler-Effekt
eintritt. Der Doppler-Effekt erklärt die Dehnung der Wellenlänge mit der relativen Distanz
zwischen Objekt und Beobachter (wie die tiefer klingende Sirene eines Fahrzeugs, wenn es
sich entfernt). Treten die verlängerten Lichtwellen ohne diesen Effekt auf, muss es eine
andere Ursache geben – eine göttliche.

Die Veränderung des Lichts ist nicht das Resultat einer Bewegung im Raum. Vielmehr ist sie
das Ergebnis einer Bewegung des Raumes selbst. Das Universum bewegt sich. Es dehnt sich
aus – seit seiner Entstehung. Seiner Schöpfung. Am Anfang war das Licht. Es war das
gewaltige Feuer einer Ur-Explosion, eines Urknalls, der seitdem die Raumzeit in Bewegung
hält und das Universum dehnt. Es war Gottes Werk.

Lemaître notiert seine Theorie 1927, zwei Jahre vor Hubble. Auf einem Kongress in London
zum Ursprung der Welt erläutert er seine Arbeit. Die spirituelle Ausrichtung der Veranstaltung
zieht die Kritik der Wissenschaft auf sich. Der Priester wird für seine Vorstellung von einem
explodierenden kosmischen Ei belächelt, Einstein bezweifelt die Hypothese wegen ihrer
Singularitäten und christlichen Ausrichtung. Ignorieren lässt sich die Urknall-Theorie jedoch
nicht.

Bald begreift die Wissenschaft die Tragweite der Entdeckung und Lemaître erfährt die
verdiente Würdigung. König Leopold III. verleiht ihm 1934 den Francqui-Preis, die höchste
wissenschaftliche Auszeichnung in Belgien. Er erhält Ehrendoktorwürden von der Universität
von Montreal und der Nationaluniversität Irlands. Die Royal Astronomical Society und die
American Philosophical Society of Philadelphia nehmen ihn in ihre Reihen auf.
Die Aufnahme in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften ist die bedeutendste
Auszeichnung für den 46-jährigen Priester. 1951 akzeptiert die Akademie seine Lehre vom
Urknall. Papst Pius XII. ehrt ihn persönlich und verkündet, der Urknall sei der zeitliche
Beginn der Welt und dem Schöpfungsakt entsprungen.

Lemaître war am Ziel. Die analytischen Fähigkeiten eines Astrophysikers und die Spiritualität
eines Priesters schufen ein Erklärungsmodell des Universums, das die Erkenntnissen seiner
Zeit mit einer Vision ausstattete, die noch heute die Grundlage zahlreicher Weltraum-
Missionen bildet. Auch wenn kein Teleskop seinen illustren Namen trägt, ist das Wirken des
Meisters allgegenwärtig.