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BUNDESLIGA

Laufen, kämpfen, treffen – Oli#

Der Kroate Ivica Oli# ist mit 34 Jahren so fit wie kaum ein anderer Spieler – nun muss sich Wolfsburg entscheiden: Vertraut der Verein dem Wunder noch ein weiteres Jahr?

VON Hanns-Bruno Kammertöns | 19. Dezember 2013 - 07:00 Uhr

© Ronny Hartmann

| 19. Dezember 2013 - 07:00 Uhr © Ronny Hartmann Der dauerlaufende Fußballer Ivica Oli# Auch

Der dauerlaufende Fußballer Ivica Oli#

Auch in den Logen der Wolfsburger Fußballarena wird die Liebe zum Auto sichtbar gepflegt. Filigrane Siebdrucke der VW-Flotte zieren die Wände, Testberichte liegen aus zum Schmökern in der Halbzeitpause. Besonders eindrücklich signalisieren zwei grüne, hochglanzpolierte Ölfässer vorne an der Scheibe die Nähe zu Getriebe und Motor. Von hier aus hat man einen einmaligen Blick auf den Rasen der Arena. Auch für Ivica Oli# ist es eine interessante Perspektive, gut geeignet zum Studium der langen Strecken, die er in einem Spiel zurücklegt. Denn Oli# rennt wie kaum einer sonst in der Bundesliga, seit Jahren schon. Er ist vorne, er ist hinten, kein Ball ist verloren, er grätscht und kämpft, ein Mann, der sich in die Herzen der Fans hineingerackert hat.

Seine linke Hand ruht auf einem der Ölfässer, mit der rechten zeigt er in Richtung der sogenannten "Wölfi-Kurve". Hier schießt Oli# besonders gerne Tore. Wenn der Ball drin ist, "das Spiel gegen Bremen fällt mir ein", schaut er hoch zu seiner Frau und den Kindern, Luca und Toni heißen die Söhne, die ganz nah am Anfang der Wölfi-Kurve sitzen. "Oli#, Oli#, Oli#!" In den Jubel hinein denkt sich der Schütze: Ich kann es noch! Ein besonderes Gefühl. Denn Ivica Oli# ist bereits 34 Jahre alt.

Von sich aus erwähnt er die Statistik, die er führt, Laufdaten, Ausdauer, Schnelligkeit, steht alles drin. "Was die Fitness angeht, gehöre ich zu den Top drei von 30 Spielern. Also bin ich noch nicht alt!" 86 Kilo wiegt er, wenn es mehr sind, merkt er das auch ohne Waage,

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dann geht er ein paar Abende hintereinander hungrig ins Bett, "nur ein Glas Wasser, einen Apfel". Im Sommer gelegentlich ein Bier, an die zwei Cola im Jahr – seit er die dreißig überschritten hat, achtet er darauf, was er auf seinem Dauerlauf über den Platz jeden Samstag so alles mitschleppt. "Bloß nicht breiter werden zum Karriereende!" Das hat er sich geschworen. Breiter heißt auch langsamer.

Es gibt Talente und es gibt solche wie Oli#

Oli# schenkt sich nichts, hat er noch nie gemacht. Er ist 16, als in seinem kroatischen Heimatdorf Davor, 2.500 Einwohner, zum ersten Mal der Manager eines Profivereins auftaucht. Dinamo Zagreb, ZSKA Moskau – er wechselt sich nach oben, er lernt Russisch, sein Gehalt steigt von 1.000 auf 30.000 Euro im Monat. Aber es ist auch die Zeit, in der er sich dieses Kämpferherz zulegt, das heute bei jedem neuen Medizin-Check die Ärzte verwundert. "Auch meine Lunge hat eine besondere Kapazität", hat Oli# gehört.

Es gibt die großen Talente, und es gibt solche wie Ivica, die Fußball arbeiten. Oder, schlimmer noch, jene, die wie Oli# früher nur mit dem linken Fuß gegen den Ball treten können. "Stolpermeister" nannten sie ihn. Also hat Oli# trainiert, mit dem rechten Fuß Flanken geschlagen und aufs Tor geschossen. "Es war so viel Luft nach oben", erinnert er sich, 2001 engagiert er einen eigenen Coach.

Mehrarbeit, weniger Freizeit, Nachsitzen, noch mehr Training! Oli#s Betreuer ist Sportwissenschaftler und Dekan an einer Universität in Zagreb. Für ein paar Tage kommt er jeden Monat zu Besuch, egal, ob in Hamburg, München oder jetzt in Wolfsburg.

Oli# blickt für einige Augenblicke hinunter auf das Grün der Wolfsburger Arena. Zwei Männer mit schwerem Vertikutiergerät haben soeben damit begonnen, den Rasen bis an seine Wurzeln zu beatmen. Zwölf Kilometer legt Oli# in jedem Match zurück, die meisten im Renntempo. Oft ist er nicht allein unterwegs. Ein Gegenspieler verfolgt ihn meist auf Schritt und Tritt. "Kommst du mit mir gleich auch in die Kabine?", hat er einmal einen Verteidiger angefahren. Dabei tat der Mann nur seine Pflicht. Und das Schlimmste stand ihm noch bevor.

100 Meter in 11,5 Sekunden

Oli# mag die letzten Minuten eines Matches, besonders gerne die 87. Minute, die Nachspielzeit, meinetwegen auch eine Verlängerung. Alle sind dann am Ende, unkonzentriert. Oli# aber ist noch da, ackert, aktiviert die zweite Luft.

Das ist auch früher seine Art gewesen, als er die 100 Meter in 11,5 Sekunden lief. Beim Start ließ er den Konkurrenten rechts und links den Vortritt, erst zum Schluss hin legte er richtig los und schob sich nach vorne. Unwiderstehlich. Und es geht immer noch. Mit sichtlichem Behagen erinnert sich Oli# an den 30. März 2010, Champions-League- Viertelfinale, FC Bayern gegen Manchester United, Spielstand 1 : 1.

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Genau 91 Minuten und 55 Sekunden ist Oli# für München gerannt, als gäbe es nach diesem Tag kein Morgen. Dann ist es so weit. Er nimmt Verteidiger Patrice Evra den Ball vom Fuß und dreht mit schnellen Trippelschritten und rudernden Armen in den Strafraum. Vor sich hat er jetzt nur noch Edwin van der Sar, einen der besten Torhüter der Welt, der mit seiner Mannschaft in den Jahren zuvor alles gewonnen hat, was zu gewinnen war. Oli# trifft, der FC Bayern ist im Halbfinale.

Wenn sich der Fußballspieler an diesen vielleicht größten Moment seiner Karriere erinnert, dann scheint ihm vor lauter Freude noch immer das Herz aufzugehen. Er lacht, dass seine Augen hinter den Schlitzen der Lider fast verschwinden.

Hat sich also gelohnt, die ganze Plackerei! An die fünf Millionen Euro hat er allein während seiner Zeit in München in jedem Jahr verdient, in Wolfsburg ist es wohl noch eine Million mehr. Einen Teil der Gage reicht er weiter in seine kroatische Heimat. In seinem Dorf, "wo ich von den Erwachsenen immer noch jeden kenne", ist ein Fußballstadion mit Kunstrasen entstanden. Die neue Arena soll den Namen des Gönners tragen, auch eine Oli#-Straße soll es geben. Aber der große Sohn sagt: "Muss nicht sein, keine gute Idee ist das, solange ich lebe."

Seine Frau kritisiert sein schlechtes Deutsch

Und wie er lebt. Im Sommer wird er mit der kroatischen Nationalmannschaft das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft gegen Gastgeber Brasilien bestreiten. Auch nach der großen WM-Party will er weitermachen. Dafür schindet er sich. Ob sie seinen Vertrag in Wolfsburg verlängern? Oli# drängt auf eine Entscheidung der Vereinsführung. Wie es weitergehe, sagt er, das solle schon lange vor der WM feststehen. Er sei ja schließlich Vater von Schulkindern und brauche Planungssicherheit. Er ist loyal, und Gleiches erwartet er auch von seinem Verein. Der aber pokert noch, wie das so üblich ist.

Seine Frau Natali, die er in seiner Zeit bei Hertha BSC in Berlin kennengelernt hat, kritisiert gelegentlich sein schlechtes Deutsch. Wenn sie ihn im Fernsehen reden hört, wenn er nach einem Sieg wieder all die fröhlichen Fehler macht, dann sagt sie schon mal:

"Warum geht das nicht besser, du bist schon so lange hier!" Aber Oli# findet, dass er sich genug Mühe gibt. Russisch hat er sich in Moskau beigebracht, und später dann Deutsch. Jetzt lernt er Englisch, wer weiß, vielleicht kommt ja nach Wolfsburg noch Amerika.

Er blickt durchs Fenster, ein Gedanke, gibt er zu, schieße ihm gelegentlich durch den Kopf:

Wie wird das Gefühl sein, den Rest des Lebens nichts mehr so gut zu können wie damals das Fußballspielen? "Ist noch Zeit", sagt Oli# dann. Unten, auf dem Rasen der Wolfsburger Fußballarena, sind die Männer mit ihren Maschinen verschwunden. Das Gras wirkt wie gekämmt, es duftet die Ränge hoch. Irgendwo schießt ein Rollgitter krachend zu Boden. Dann ist es still im Stadion. Wenn es so weit ist, werde er in Kroatien einen Trainerschein machen, sagt Oli# plötzlich. Was man halt so macht. Und sonst?

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Seine Söhne heißen Luca und Toni

Damals, zu Hause in seinem Dorf, hat er nach der Realschule eine Ausbildung als Elektrotechniker begonnen. Wirklich interessiert hat ihn das aber nie. Fußball! Er ist lieber zum Training gegangen. Wenn er irgendwann tatsächlich mehr Zeit hat, könnte er Luca und Toni zusehen, wie sie größer werden. Der eine ist neun, der andere elf. "Sie können heute schon Sachen mit dem Fußball machen, die mir als Kind zu Hause niemand zeigen konnte."

In einer Stunde beginnt das Training. Wolfsburg im Regen. Man möchte alles, nur nicht raus. Auf dem Weg zur Tür der Wolfsburger Fußball-Loge dreht er sich noch einmal um. Sein ganzer Körper scheint plötzlich wieder unter Spannung zu stehen.

"War gut?" – "Ja!" Er lacht, seine Arme rudern, dann ist Oli# aus der Tür.