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„Mehr Spaß am Wir“

„Mehr Spaß am Wir“ Ernte einer dreistündigen Denkwerkstatt zum Thema Demokratie am Wahlsonntag, 27.09.2009

Ernte einer dreistündigen Denkwerkstatt zum Thema Demokratie am Wahlsonntag, 27.09.2009

Wie wir der Demokratie mehr bewusst wurden

Sieben Menschen folgen der Einladung, drei Stunden miteinander über grundle- gende Apekte von Politik und Demokratie zu sprechen. Ein Experiment, am Wahl- sonntag. Die Leitfrage ist: Welche Ideen und Wünsche haben wir zu unserer De- mokratie?

Mehr Spaß am Wir „Es geht um mehr Spaß am Wir”, dieser Satz, kurz vor Ende des Nachmittags ge- äußert, findet spontane Zustimmung als Essenz der Denkwerkstatt. Wir haben eine Sehnsucht danach, dass sich in un- serer Gesellschaft und in Politik und De- mokratie ein neues Bewusstsein für Wer- te, für das Ganze und das Wir verbreitet.

für Wer- te, für das Ganze und das Wir verbreitet. Drei Fragen haben wir an diesem

Drei Fragen haben wir an diesem Nachmittag in

Zweier- und Dreierrunden untersucht:

• Heutige Demokratie & zukünftige He- rausforderungen – Wo passt das? Wo passt es nicht?

• Welche Instrumente haben / wollen wir als mündige Bürger, um einzuwirken?

• Welche großen / tiefen Wünsche haben

wir an unsere – lokale, nationale, globale – Gesellschaft?

Die Ernte* Die Gesprächsergebnisse lassen sich vier verschiedenen Facetten zuordnen:

1. Meist am Anfang stehen konkrete For-

derungen und Ideen wie „Zu jedem Ge- setz ein Bürgerrat”.

2. Dann Gedanken zur Art und Weise des

Miteinanders wie „Vielleicht ist gar nicht die Form (Demokratie) das Problem, son- dern die Gesprächsform”.

3. Dann rückte der Zusammenhang zu

uns selbst und dem Eigenen in den Blick:

„Die Demokratie kann sich nicht verän- dern ohne dass wir uns verändern”.

* Details auf den Folgeseiten

und dies auch noch Spaß gemacht hat

4. Und schließlich ging es um das Wir, wie in diesem Zitat: „Sich als eins zu erle- ben, ist ein Kernelement von Demokratie”.

eins zu erle- ben, ist ein Kernelement von Demokratie”. Ein neues Bild von Politik In der

Ein neues Bild von Politik In der Zusammenschau aller Ergebnisse scheint ein neues Bild von Politik und De- mokratie auf: Statt des permanenten Kampfes „wir gegen sie” wünschen wir uns ein ehrliches Miteinander und neue Formen gemeinsamen Problemlösens. Statt Strategie und Machtkalkül wünschen wir eine von Werten geleitete Politikpra- xis. Statt Wahlversprechen wünschen wir uns eine Politik, die der Erkenntnis unse- rer eigenen Verantwortung gerecht wird.

das „Wir” ein Schlüsselthema unserer Ge- danken. Ein schwieriges Thema für uns Deutsche, mit dem mörderischen Wir der Nazis in unserem kollektiven Gedächtnis. Dennoch suchen wir ein Wir: Nicht ein al- tes, wie es auch in den Parteien gepflegt wird, in denen man sich hinter eine Fahne zu scharen hat. Wir sind auf der Suche nach einem neuen, noch nicht erforschten Wir, einem Wir der starken Individuen.

Politische Arbeit? Draußen der strahlende Sonnenschein des Wahlsonntags, vor der Türe einer von Kölns besten
Politische Arbeit?
Draußen der strahlende Sonnenschein
des Wahlsonntags, vor der Türe einer von
Kölns besten Flohmärkten. Dennoch hat
es uns Spaß gemacht, drei Stunden mitei-
nander „politisch zu arbeiten”. Wir waren
sehr produktiv, es ist ein gemeinsames
Bild entstanden, dass die Sichtweise aller
Beteiligten bereichert hat. Kurz, die drei
Stunden waren ein kleines Beispiel für
das, was wir uns von Demokratie wün-
schen: Mehr Spaß in der gemein-
samen Arbeit, mehr Spaß
am Wir.

Starke Individuen und ein neues Wir Obwohl (oder weil) alle Teilnehmer/innen ausgesprochene Individualisten sind, war

Heutige Demokratie & zukünftige Herausforderungen:

wo passt das, wo passt

Politik erscheint für die Heraus-

forderungen nicht gut gerüstet:

„Die Politik fokussiert Ihre Partei- ziele mehr als die Ziele der Ge- samtheit” „Politik hat die Macht – aber die Lobby ist zu mächtig” „Politik findet in einem Kosmos statt, der weit von der Wirklichkeit entfernt ist” „Demokratie ist heute Klientelpoli- tik für Einzelinteressen - großes Ganzes nicht im Blick”

Gesprächsform & fehlende Werte:

„Vielleicht ist gar nicht die Form (Demokratie) das Problem,

es nicht?

sondern die Gesprächsform” „Fehlende Werthaltung – aber Po- litik funktioniert nicht ohne Werte”

Der Zusammenhang

zwischen

Politik und uns selbst

„Unser Besitzstandsdenken steht mit den zukünftigen Herausforde- rungen (Ökologie, Armut) in Kon- flikt” „Wir müssen die menschliche Gier besiegen – Frage des Maßes an Reichtum, Freiheit” „Die Demokratie kann sich nicht verändern ohne dass wir uns ver- ändern”

Nur was tun?

„Gefühl von Dringlichkeit (Armut,

) ver-
) ver-

Kindersterblichkeit, Klima

sus Gefühl von Beliebigkeit (egal was

ich tue, es bringt doch nichts)”

Der Ruf nach Differenzierung

„Was verändern? – Was erhalten?”

Der Ruf nach mehr Experimenten

„Was brauchen wir, um mehr Ex- perimente zu wagen? - mehr Ra- dikalität!”

Welche Instrumente haben und wollen wir als mündige Bürger, um einzuwirken?

An der ersten Arbeitsrunde war die ein-

zige Poltikerin unter den Anwesenden be-

teiligt. Durch ihr Wissen kam eine lange

Liste existierender Aktions- und Beteili-

gungsmöglichkeiten zusammen (links). Der

Effekt war jedoch zwiespältig: Einerseits

war die Liste beeindruckend („wie wenig

wir wissen”), andererseits nicht wirklich

überzeugend („bringt auch nichts”).

Rechts folgten dann konkrete Ideen zu

„Je weniger wir in s/w denken, desto mün- diger sind wir als Bürger”

Das machte den Zusammenhang von Wir

und Demokratie und globalem Überleben

sichtbar:

„Ein 'Wir' entstehen lassen, ist das Instru- ment, was zur Demokratie notwendig ist” „Sich als eins zu erleben, ist ein Kernele- ment von Demokratie” „Auf diesem kleinen Planeten können wir nur zusammen überleben”

Daraus entspann sich gegen Ende der zweiten Runde ein Gespräch über das „Wir”: „Altes Wir
Daraus entspann sich gegen Ende der
zweiten Runde ein Gespräch über das
„Wir”:
„Altes Wir = Parteien, Nationalismen
Neues Wir = ?”
Der Gesprächstenor: Das alte „Wir” ist
keine Alternative mehr, das neue „Wir”
ist aber noch unbekanntes Terrain.

gewünschten Instrumenten:

„Zu jedem Gesetz ein Bürgerrat (Quer- schnitt der Bevölkerung als wichtige Stimme)” „Wechsel von teilnehmenden Bürgern in lokalen Beiräten” „Kündigungsmöglichkeiten für Politiker” „Transparenz der Interessen, der Geld- flüsse” „Wir wählen Werte und keine Parteien”

Darauf wurde die Art und Weise unseres

Denkens und Kommunizierens zum Thema:

„Dialog statt Debatte”

Welche großen, tiefen Wünsche haben wir an unsere – lokale, nationale, globale – Gesellschaft?

Das erste Zweierteam hat das

Papier zunächst in konzentrische

Kreise aufgeteilt. Im Zentrum das

Ich, umgeben von Familie und

Gruppe, dann lokale, nationale

und globale Gesellschaft.

Zu den allgemeinen Wünschen

und Forderungen zählen:

„Recht auf freie Meinungs- äußerung” „Stärkung von Kinderrechten” „Ächtung von Gewalt” „Aufhebung von Verfilzung” „transparente Information über Material + Ideen + Ströme”

„Interkulturelle Bildung von Politi- kern” „Breiter gefächerte Bildung”

Dazu kamen Wünsche an die

menschliche Haltung:

„Menschen, die Verantwortung für den gesamten Globus überneh- men (Beispiel Nelson Mandela)” „Ehrgeiz – ja, Gier – nein” „Ehrlichkeit” „das jeder Mensch die Gelegen- heit erhält, die eigene Lage reflek- tieren und verändern zu können”

Der letzte Punkt wurde später

ergänzt um „und jeweils den Ge-

sichtspunkt des anderen einneh-

men zu können”. (Ohne Einfüh-

men zu können”. ( O h n e E i n f ü h - lung

lung in andere ist ein Wir nicht

möglich.)

Noch weiter reicht der Wunsch nach

„Spirituelle Auseinandersetzung”

Gemeint sind die grundsätzlichen

Fragen des Lebens, ausgehend

vom Individuum mit Blick auf un-

sere Gesellschaft: Was umfasst

denn Politik, was hält unsere Ge-

sellschaft zusammen, was ist da-

rin mein Ziel, warum bin ich

hier?

Der Prozess

Der Nachmittag wurde in einer leicht ab- gewandelten Form eines World Cafes ab- gehalten. Da wir als Gruppe zu klein wa- ren, haben wir auf die Rolle der Gastge- ber für jeden einzelnen Tisch verzichtet. Das hat gut funktioniert und uns ermög- licht, mit nur sieben Menschen drei Fragen zu bearbeiten.

Sechs Fragen waren vorbereitet worden. Zu Beginn der Arbeitsphase haben wir sie reflektiert und um eine siebte Frage er- gänzt. Danach wurden drei der sieben Fragen durch Punktevergabe auf Zuruf ausgewählt.

Die vier nicht bearbeiteten Fragen sind:

• Politik und Menschsein – Wie gut geht

das zusammen? Wie ginge es besser?

• Sind alle und alles repräsentiert? Wie

könnten Nicht-Repräsentierte hörbar ge-

macht werden? (ergänzt um:) Was reprä- sentiert der Repräsentant?

• Was ist die Kompetenz der Politiker/in- nen? Was unsere?

• Wie wünschen wir uns Politik?

Ablauf

Zeit, ca.

in Min.

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Begrüßung, Einstimmung Um was geht es heute?

5

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Vorstellungsrunde mit der Frage: Was war das mich persönlich am tiefsten berührende politische Erlebnis?

10

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Gemeinsame Auswahl der drei zu bearbeitenden Fragen (siehe rechts)

5

 

Kurze Pause

 

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5

 

Erste Cafe-Runde

 

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30

 

Kurze Pause

 

_

5

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Zweite Cafe-Runde (Einige Teilnehmer/innen hätten gerne noch eine dritte Caferunde gemacht, doch die vereinbarte Zeit reichte dafür nicht. Stattdessen lief die zweite, sehr angeregte Rund etwas länger)

40

 

Pause

 

_

10

_

Gemeinsame Reflektion zu den Ergebnissen der drei Fragen

30

_

Schlussrunde mit der Frage: Wie war es für Mich?

10

Insgesamt hat das World Cafe etwa zweieinhalb Stunden gedauert.

 

Host* der Werkstatt war Rolf Schneidereit von aktionsberatung.de

*Gastgeber, der den Rahmen vorbereitet und hält

Liesse sich weiter denken?

Gedanken der Teilnehmer/innen einige Tage nach der Werkstatt

„Es war eine tolle Erfahrung, dass Gespräche auch anders laufen können und unterschiedliche Meinun- gen nicht zwangsläufig Konfrontation bedeuten. Solche Workshops sollten einmal im Monat für alle Poltiker Pflicht sein.”

„Mir ist deutlich geworden, dass nicht die Instru- mente fehlen, sondern die Werte. Das beginnt schon damit wie in der Politik miteinander umge- gangen wird.”

„Wieviel ein paar Menschen in wenigen Stunden schaffen können! Mir ist kein so fruchtbares Ge- spräch in meinen drei Jahren aktiver politischer Arbeit in Erinnerung.”

„Auf der anschließenden Wahlparty habe ich einer Ratsfrau gleich von unserem Treffen erzählt. Wir bräuchten solche Dialoge als Partei: Was macht un- sere Werte und unseren Kern aus?”

„Fand es sehr fruchtbar, war nett mal in dieser Wei- se mit teils unbekannten Leuten über Politik nach- zudenken. Sehe den Begriff des Wir kritisch, den müsste man klarer fassen.”

„Erst bei so einem Treffen wird einem bewusst, dass die Antworten auf die Fragen nicht so einfach zu finden sind. Das muss auch nicht unser An- spruch sein. Aber Gespräche darüber, wie man verändern und in Bewegung setzen könnte, sind wichtig.”

„Für mich war das absolut sinnvoll verbrachte Zeit. Solche Methoden sollten unsere Kinder lernen können. Ich habe dabei gelernt: So verschieden wir sind, wir alle haben einen großen, gemeinsamen Nenner.”

Nicht repräsentativ Natürlich sind die Ergebnisse in keiner Weise repräsentativ. Wir waren nur sie- ben. Wir entstammen alle der Mittel- schicht. Doch ganz homogen war die Gruppe nicht: Zum Teil kannten wir uns vorher, zum Teil nicht. Wir üben verschie- dene Berufe aus und leben in verschiede- nen sozialen Umfeldern. Politisch aktiv ist nur eine Teilnehmerin, einzelne waren es einmal.

aktiv ist nur eine Teilnehmerin, einzelne waren es einmal. Weiter denken? Am Ende tauchte die Frage

Weiter denken? Am Ende tauchte die Frage auf, wie die Ergebnisse wohl bei einer anderen Grup-

penzusammensetzung aussehen würden. Eine spannende Frage! Wie wären die Er- gebnisse in einer Gruppe

von Unter- bis Oberschicht?

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quer durch alle Generationen?

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aus allen europäischen Ländern?

aus reichen und armen Ländern?

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mit Politiker/innen aller Parteien?

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Und dann gibt es ja noch andere, span- nende Fragen! Eine wurde in dieser Werkstatt bewusst: „Was sind die Ele- mente eines neues Wir?”

Diese Denkwerkstatt zum Thema Demokratie ist Teil der sozialen Plastik „die weißen” von Fritz Ros.

Teil der sozialen Plastik „die weißen” von Fritz Ros. Die Ergebnisse und diese Schrift können frei

Die Ergebnisse und diese Schrift können frei verbreitet werden. Weitere Informationen zu „die weißen” auf dieweissen.ning.com