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RotFuchs / Juni 2014

Seite 13

Wie die EU den bäuerlichen Familienbetrieb ein zweites Mal erfindet

Aus alt mach neu

B äuerlicher Familienbetrieb – kurz BFB – hört sich zunächst einmal gefällig

an. Den hat die EU wieder neu erfunden und ihm sogar das Jahr 2014 gewidmet. Man solle den kleinen Klitschen

mehr Aufmerksamkeit widmen, erklärte EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos. Doch was hat es denn eigentlich damit auf sich? Natürlich klingt diese Bezeich- nung besser und vor allem um- weltfreundlicher als industrielle Massentierhaltung oder Hühner- legebatterien – Begriffe, die bei- nahe schon zu Schimpfworten geworden sind. Aber was nun eigentlich unter BFB konkret zu verstehen ist, hat der Brüsseler Agrarbevoll- mächtigte nicht verlauten las- sen. Daß solche Betriebe in Island beispielsweise völlig anders strukturiert sind als in Portu-

gal oder Irland, liegt doch wohl auf der Hand. Welche Hektar- fläche ist für sie vorgesehen? Für wel- chen Markt produzieren sie, und wie hoch ist überhaupt ihr Marktanteil? Wie werden sie bewirtschaftet? Die Angabe, daß sie privat und vermutlich von nur einer Familie betrieben werden, reicht doch als Erklärung kaum aus – jedenfalls nicht für eine exakte Beurtei- lung ihrer ökonomischen und sozialen Rolle. Bäuerliche Familienbetriebe sind auch auf den verschiedenen Erdteilen sehr dif- ferenziert zu betrachten. Was passiert beispielsweise in Moçambique, wenn die Fluten des Sambesi unzählige kleinbäu- erliche Anwesen hinwegspülen? Verfügt

Maputo denn über genügend Mittel, um die betroffenen Wirtschaften wieder in Gang zu setzen? Doch ich will nicht abschweifen, son-

kamen deshalb viele Höfe, bei denen er fehlte, unter den Hammer des Versteige- rers, was zur Vergrößerung der bestehen- den Betriebe führte. Demgegenüber wurden in der

DDR alle Aussteiger von den Genossenschaften, die man als LPG bezeichnete, aufgefangen. Niemand ging pleite, wenn ein Erbe fehlte. Alle Mitglieder und deren Kinder hatten in der LPG ihr gesichertes Auskommen. Nach der „Wende“, wie die Ein- verleibung der DDR durch die BRD oftmals irreführender- weise bezeichnet wird, ver- wandelten sich viele LPG in Genossenschaften bürgerlichen Rechts. Heute sind das meist große spezialisierte Betriebe mit einer hohen Arbeitspro- duktivität und entsprechen- den Marktleistungen. Eigentlich

handelt es sich um Mehrfach- familienbetriebe. Man könnte auch sagen, die Genossenschaft verbindet die Beteiligten und ermöglicht ihnen, gemeinsam wirtschaftliche wie ideelle Ziele zu verfolgen. Ich betrachte es als reine Augenwischerei, wenn die EU plötzlich die Trommel für die Rückkehr zum BFB rührt. Bei ihr handelt es sich doch um eine Allianz zur Durch- setzung der Interessen des europäischen Finanzkapitals. Einerseits möchten es die EU-Fürsten nicht mit der bäuerlichen Agrarproduktion verderben, andererseits tragen sie dem Gesetz der Konzentration und Zentralisation der Produktion Rech- nung. In den Kommandozentralen der Agrarkonzerne wird man sich bei soviel Naivität, wie sie Brüssel zur Schau stellt, sicher ins Fäustchen lachen. Ohne Zweifel gibt es beim Prozeß der Her- ausbildung riesiger Landwirtschaftsun- ternehmen auch mannigfache negative Begleiterscheinungen. Es müßte daher feste staatliche und veterinärmedizinisch vertretbare Regeln für Größenordnungen und deren Einhaltung geben, die streng

zu kontrollieren wären. In der DDR bestanden drei Jahrzehnte lang erfolgreich wirtschaftende Land- wirtschaftliche Produktionsgenos- senschaften. Und nun gibt es schon über 20 Jahre in gewisser Weise an sie anknüpfende Betriebe in bürgerlicher Rechtsform. Das genossenschaftliche Pro- duzieren ist – wie die Erfahrung beweist – der erfolgversprechende Ausweg aus der Misere einzelbäuerlicher Bewirtschaf- tung unter kapitalistischen Bedingungen. Er ist langfristig die einzig vernünftige Alternative für die Bauern, natürlich vor allem bei Bestehen sozialistischer Pro- duktionsverhältnisse, deren Lehren trotz der Niederlage weiterwirken.

deren Lehren trotz der Niederlage weiterwirken. Karikatur: Klaus Stuttmann dern im Lande bleiben. Ich stehe

Karikatur: Klaus Stuttmann

dern im Lande bleiben. Ich stehe im 86. Jahr meines Lebens und war immer Landwirt. Gelernt habe ich von 1944 bis 1946 auf einem Großbauernhof. Nach- weislich war dieser seit 1642 in Famili- enbesitz. In meiner Lehrzeit herrschte Krieg. Der Bauer mit seiner Frau, einem erwachsenen Sohn und einer halbwüchsi- gen Tochter waren die Eigner. Die Bewirt- schaftung des Hofes erfolgte durch zwei deutsche Lehrlinge, zwei „Fremdarbei- ter“ – einen Polen und einen Ukrainer. Eine Polin versah überdies den Haushalt. Bei der großen Wäsche halfen auch noch zwei Frauen aus dem Dorf. Auf dem Acker wurden verschiedene Kulturen ange- baut, und in den Ställen standen Pferde, Kühe, Jungvieh, Schweine, Schafe, Hüh- ner, Enten und Gänse, von einem Hof- hund und Katzen ganz abgesehen. So sah damals ein deutscher großbäuerlicher Familienbetrieb aus. Seine Marktleistung war allerdings eher gering. Bis zu meiner langjährigen Tätigkeit in der LPG Vippa- chedelhausen im Landkreis Weimar – die Leser werden sich an meine diesbezüg- liche Artikelserie im RF erinnern – habe ich noch in drei ähnlichen bäuerlichen Wirtschaften gearbeitet. Sie waren aller- dings kleiner und ihre Produktion für den Markt dementsprechend bescheidener. Nach dem Anschluß der DDR an die BRD im Oktober 1990 lernte ich in Hessen auch dortige Großbauernwirtschaften kennen. Diese hatten sich alle schon irgendwie spezialisiert – die einen auf Schweine- mast, andere auf Milchproduktion, wie- der andere auf Schafzucht. In solchen Betrieben ist es immer wich- tig, daß es einen männlichen Erben gibt, der die Wirtschaft weiterführen kann. Unter den Bedingungen der alten BRD

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Am 14. Juni um 10 Uhr spricht Walter Schmidt, stellvertretender Vorsitzender des RF-Fördervereins, auf einer Veranstal- tung der RF-Regionalgruppe Cottbus in der Gaststätte „Brandenburger Hof“, Friedrich-Ebert-Straße 33, über das Thema

„Brandenburger Hof“, Friedrich-Ebert-Straße 33, über das Thema Die Bilderberger – das geheime Zentrum der Macht

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Am 19. Juni um 15 Uhr spricht der Kulturwissenschaftler Siegfried R. Krebs auf einer Veranstaltung der RF-Regionalgruppe Erfurt-Weimar in der Gaststätte „Dahlie“, Erfurt, Roßlauer Straße 1, über das Thema

„Dahlie“, Erfurt, Roßlauer Straße 1, über das Thema Der Welthumanistentag und die kurze Geschichte der DDR-

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Eberhard Herr