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YOGA UND AYURVEDA / BUCH 1: KLASSISCHE TEXTE UND TRADITIONELLE LEHRE

BUCH 1. LEKTION 1

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AYURVEDA- UND YOGA-THERAPIE: EIN ÜBERBLICK

In dieser Lektion werden wir untersuchen, in welchem zeitgenössischen Kontext Ayurveda- und Yoga-Therapie im Westen und Osten stehen. Diese Informationen erleichtern Ihnen einerseits den Zugang zum Kurs- material und dessen Umsetzung in die Praxis, andererseits ermöglichen sie Ihnen die Entscheidung, welche Modelle der yogisch-ayurvedischen Therapie für Sie von besonderem Interesse sind.

TRADITIONELLES UND MODERNES AYURVEDA IN INDIEN

Ayurveda wird heute in Indien auf zwei verschiedene Weisen gelehrt: auf eine traditionelle und eine moderne. Diese unterschiedlichen Zugänge prägen nicht nur die Sichtweise auf Ayurveda, sondern insbesondere die Praxis. Zwar lassen sich diese Herangehensweisen unter Umständen ver- einen, die Unterschiede bleiben jedoch so groß, dass es für eine einzelne Person schwierig wird, beiden gerecht zu werden. Die offiziellere, sichtbare und auch rechtlich abgesicherte Ayurveda-Praxis ist die moderne Ausprägung: Diese wird in den entsprechenden Ein- richtungen und Schulen gelehrt und ist in ganz Indien eine rechtlich verankerte medizinische Verfahrensweise. Ayurveda wird größten- teils zusammen mit allopathischer Medizin unterrichtet. In der Praxis führt dies zu einer Art Zwitterwesen aus traditionellem Ayurveda und neuzeitlicher Allopathie: Die Schüler und Studenten werden in westli- cher Wissenschaft unterwiesen, erlernen entsprechende Diagnose- und Behandlungsverfahren und gehen mit ayurvedischen Inhalten auf die

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gleiche Weise um. Eine ayurvedische Ausbildung dauert etwa fünfein- halb Jahre; mehr als die Hälfte dieser Zeit ist der westlich-allopathi- schen Medizin gewidmet! Im heutigen Indien ist Ayurveda den allopathischen Richtlinien unter- worfen und auf rein physische Aspekte reduziert: So werden zum Bei- spiel ayurvedische Heilmittel einfach an Stelle allopathischer Medizin verabreicht oder mit dieser zusammen. Es ist ayurvedischen Ärzten sogar erlaubt, allopathische Medizin zu praktizieren, so groß ist ihr Wissen darüber. Ein indischer ayurvedischer Arzt hat einen Abschluss als Bachelor of Ayurveda and Modern Science (BAMS). Viele auf diese Weise ausgebildete ayurvedische Ärzte ziehen es aus finanziellen Gründen vor, Allopathie statt Ayurveda zu praktizieren. Dieses moderne Ayurveda spiegelt die Bedürfnisse einer säkularisierten Gesellschaft wider: Spiritualität, Religion, Yoga oder Psychologie spielen nur noch eine marginale Rolle, von der tiefgreifenden Thematik ganz- heitlicher Heilung ganz zu schweigen. Es kommen also genau diejenigen Aspekte zu kurz, die im Westen mit Ayurveda verknüpft werden und die dort auf so großes Interesse stoßen. Daher scheint uns oftmals das moderne Ayurveda Indiens der westlichen modernen Medizin näher zu stehen als dem traditionellen Ayurveda. Eine Parallele dazu ist die heu- tige chinesische Medizin, deren taoistisch-spirituelle Wurzeln durch die Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft gekappt wurden. Das traditionelle Ayurveda hingegen trifft die westlichen Erwartungen:

Dieser Zugang lehrt Ayurveda als spirituelle Disziplin und Heilkunde im Kontext des vedischen Systems. Dieses System umfasst neben Sanskrit- studien auch Yoga, vedische Astrologie, Vedanta und vedische Rituale. Es ist stark darauf ausgerichtet, den Geist und das Bewusstsein des Ler- nenden zu entwickeln und zu erweitern. Gleichzeitig repräsentiert es jene ältere Ausprägung des Ayurveda, die dem Aufstieg der westlichen Medizin vorausgeht. Es mag überraschend klingen, aber dieses traditi- onelle Ayurveda ist in Indien weder staatlich anerkannt, noch haben seine Lehrpläne und Ausbildungen rechtliche Gültigkeit. Traditionelles Ayurveda wird auch nur noch in einigen wenigen, handverlesenen Ins- titutionen gelehrt. Dort dauert die Ausbildung dann auch bis zu sieben- einhalb Jahren. Dies hat folgende Gründe: Das Ausbildungsprogramm des modernen Ayur- veda wurde nach der Unabhängigkeit Indiens auf Regierungsebene ent- worfen und standardisiert. Zwar gab es einige Jahre der Diskussion zwi- schen den Anhängern der traditionellen und der modernen Ausrich- tung. Daraus gingen jedoch schließlich die Verfechter eines modernen

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(also an den Maßstäben der westlichen Medizin ausgerichteten) Ayur- veda als Sieger hervor. Traditionelles Ayurveda verschwand daraufhin nicht völlig, geriet aber in den Hintergrund. Mein wichtigster Ayurveda-Lehrer in Indien, Dr. B.L. Vashta, hat mir von dieser Debatte berichtet. Er gehörte dem ersten Jahrgang an, der 1941 die neue Ayurveda-Ausbildung des indischen Bundesstaates Maha- rashtra abgeschlossen hatte. Obwohl man ihn die moderne Variante gelehrt hatte, hegte er große Sympathie für das traditionelle Ayurveda. Er blieb daher in Verbindung mit diesem Wissen und begann, es zu lehren und weiter zu geben. Zahlreiche moderne Ayurveda-Ärzte sind zugleich in ayurvedischer Tra- dition bewandert. Dies ist aber in den meisten Fällen dem persönli- chen Studium bei entsprechenden Ayurveda-Meistern geschuldet und nicht der normalen Ausbildung. Es gibt jedoch auch Schulen, die sich bemühen, dem traditionellen Wissen einen möglichst großen Raum innerhalb eines ansonsten allopathisch orientierten Stundenplans ein- zuräumen. Und natürlich existieren darüberhinaus auch Ärzte, die sowohl das traditionelle als auch das moderne Ayurveda sowie die Schulmedizin beherrschen. Diese Disziplinen schließen sich ja in der Praxis nicht unbedingt aus, sie können nur zu unterschiedlichen Auf- fassungen des Ayurveda führen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass so mancher indische allopathische Arzt, ob nun in Indien oder im Ausland tätig, aufgrund familiärer Tradition auch auf traditionelles ayurvedisches Wissen zurückgreifen kann. Eine ganze Reihe ayurvedischer Ärzte und Zentren betonen die Bedeutung traditionellen Ayurvedas. Insbesondere im Süden Indiens und vor allem in Kerala ist dies der Fall, denn dort sind die Traditionen vedischer Kultur noch stärker verwurzelt. Zudem kann man beobachten, dass tra- ditionelles Ayurveda (bzw. das Bild davon) wieder an Ansehen gewinnt. Pancha Karma erfährt einen Aufschwung und die ganzheitlich-spiri- tuell ausgerichteten Ayurveda-Zentren innerhalb der Hotels folgen eher dem traditionellen als dem modernen Verständnis von Ayurveda. Dies sind Anzeichen für ein weltweit (und nicht etwa nur im Westen) wie- dererwachtes Interesse an traditionellem Ayurveda. Das mystische Ele- ment, durch welches das Interesse geweckt wird, gehört dem traditio- nellen und nicht dem modernen Ayurveda an.

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AYURVEDA IM WESTEN

Zur Überraschung der Verfechter des modernen Ayurveda in Indien wird dem traditionellen und spirituellen Ayurveda im Westen größere Glaub- würdigkeit attestiert. Gerade die spirituelle Seite des Ayurveda, die Ein- bettung von Yoga, Mantra und Meditation sowie die Verbindung mit den anderen vedischen Wissenschaften ziehen die Menschen an. Sie ist es auch, welche die Einzigartigkeit und den Wert der ayurvedischen Sys- tematik ausmacht. Viele Angehörige der westlichen Welt sind sogar enttäuscht vom weltlich- profanen Gesundheitsverständnis der indischen Ayurveda-Schulen, obwohl dieses der klinischen Praxis sehr zuträglich sein kann. Die Ausbildung von Ayurveda-Schulen im Westen hingegen betont die Bedeutung der spirituell-traditionellen Seite des Ayurveda. Ayurveda trifft dort auf den Kontext und die Begrifflichkeiten westlicher Alterna- tivmedizin. Dieser sind spirituelle und energetische Heilung, psycholo- gische und astrologische Beratung, Yoga, Gebet und Meditation keines- wegs fremd. Dazu kommt noch, dass Ayurveda über spirituelle Bewe- gungen (zum Beispiel die transzendentale Meditation) oder Yoga-Grup- pierungen in den Westen kam. Auch die ersten Ayurveda-Lehrer, die wie Dr. Vasant Lad in den Westen kamen, haben die spirituellen Aspekte stets betont. Daher haben eine Vielzahl von Menschen den Eindruck gewonnen, dies sei auch in Indien der Normalfall. Ayurveda im Westen hat also mehr mit der traditionellen als der modernen, „allo- pathischen“ Variante zu tun, welche in Indien vorherrscht. Wenn westliche Patienten ayurvedische Behandlung wünschen, dann handelt es sich meist um die traditionelle Verfahrensweise. Deshalb benötigen Ayur- veda-Praktizierende im Westen auch größere Einsicht in die Tradition und die Spiritualität ihrer Disziplin als ihre indischen Kollegen. Sogar die Absolventen des oben erwähnten Bachelor Studiengangs sind häufig gezwungen, sich nachträglich mit den spirituellen Aspekten ausein- anderzusetzen, um dem westlichen Publikum entsprechen zu können. Aus diesem Grunde lesen viele indische Studenten meine Bücher oder schreiben sich in das Kursprogramm selbst dann ein, wenn sie schon fertig ausgebildete Ärzte sind. Gleichzeitig gibt es aufgrund des weltweiten Interesses auch eine Renais- sance des traditionellen Ayurveda in Indien. Die aufstrebende Mittel- klasse wird von spirituellen Praktiken und traditionellem Wissen ange- zogen und hat ein ähnliches Interesse an Alternativmedizin gewonnen wie ihr westliches Pendant. Das Resultat dieser Entwicklung ist eine

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Allianz des westlichen mit dem traditionellen Ayurveda. Diese Allianz stellt einen qualitativ neuen Schritt in der Geschichte des Ayurveda dar, zu welchem auch der vorliegende Kurs beitragen möchte. Dieser Kurs folgt hauptsächlich der Zielsetzung und dem Hintergrund von traditionellem Ayurveda. Daraus ergibt sich auch die Auswahl der Kur- sinhalte. Es soll jedoch nicht gegen das „allopathische“ Ayurveda oppo- niert werden, dieses steht hier schlicht und einfach nicht im Zentrum des Interesses.

TRADITIONELLE UND MODERNE YOGA-THERAPIE

Im Bereich das Yoga zeigt sich ein ähnliches Bild. Die traditionelle Yogathe- rapie folgt vedisch-ayurvedischen Vorstellungen und Begrifflichkeiten. Sie gründet auf dem ayurvedischen Verständnis von Körper, Konstitu- tion und Krankheit und vereinigt im therapeutischen Verfahren spezi- fisch yogische Praktiken (Mantra und Pranayama) mit ayurvedischen Methoden (Ernährung und Kräuteranwendung). Moderne Yogatherapie hingegen wird – vor allem in Indien selbst – zum Großteil von Ärzten angewendet, die nicht viel über Ayurveda wissen und auch nicht unbedingt viel davon halten. Auf diese „allopathische“ Variante des Yoga stößt man mit großer Wahrscheinlichkeit in den indi- schen Yoga-Therapie-Zentren, insbesondere wenn sie von Schulmedizi- nern geleitet werden. Verschiedene Yoga-Praktiken (darunter Asana und Pranayama) werden genutzt, um punktuell Beschwerden wie Asthma oder Herzprobleme zu behandeln. Dabei wird stets die herkömmliche Diagnostik zugrunde gelegt, nicht aber die ayurvedische Herangehens- weise. Zwar bemüht man sich häufig um eine ganzheitlichere Herange- hensweise, meist jedoch ohne das ayurvedische Verständnis von Energie und Konstitution hinzuzuziehen. Einerseits ist es durchaus positiv einzuschätzen, dass Yoga in modernem, wissenschaftlichem Kontext Verwendung findet. Andererseits kann man aber auch zu dem Schluss kommen, dass Yoga dadurch den Prinzipien der Schulmedizin untergeordnet wird: Yoga wird im Rahmen eines eng definierten Gesundheits- und Heilungsbegriffs verwendet, in welchem sein Wert, seine Wirksamkeit und seine Anwendungsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft werden können. Viele Yoga-Schüler aus der westli- chen Hemisphäre suchen aber eine ganzheitlich-spirituell orientierte Yoga-Therapie und werden daher vom allopathischen Yoga Indiens schnell enttäuscht.

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Ebenso wie traditionelles Ayurveda ist auch traditionelles Yoga in Indien erhalten geblieben. Beide Disziplinen treten stets im Zusammenhang auf, da traditionelle Yoga-Therapie Teil des traditionellen Ayurveda ist. Auch sind einige Aspekte der traditionellen Yoga-Therapie in dessen moderne Variante übernommen worden. Einige allopathisch orientierte Yoga-Therapie-Zentren in Indien stehen dem traditionellen Zugang durchaus aufgeschlossen gegenüber und versuchen, mehr Anteile tra- ditionellen Yoga und Ayurveda zu integrieren. Auch mancher moderne Yoga-Therapeut versteht sich zusätzlich auf die traditionellen Verfah- rensweisen. Im Großen und Ganzen muss man jedoch konstatieren, dass es um die Integration von traditionellem Ayurveda und Yoga in Indien nicht besser steht als im Westen. In der westlichen Hemisphäre folgte Yoga stets den von der westlichen Medizin vorgegebenen Mustern, seien es nun jene der allopathischen oder jene der Alternativmedizin. Auch dort, wo Yoga eine Allianz mit alternativen Heilmethoden (z.B. Körper-, Energie- und Atemarbeit) ein- ging, geschah dies nicht gemäß seiner Natur als indisches Heilsystem, sondern im Kontext westlicher Vorstellungen. Gewöhnlich haben Yoga-Therapeuten auch keine ayurvedische Ausbildung genossen und manche halten davon auch nicht viel. Stattdessen ziehen sie es vor, Yoga im Kontext ihrer gewohnten medizinischen Herangehensweise zu verwenden. Andere wiederum versuchen, Yoga mit dem dominierenden System (also der allopathischen Medizin) zu kombinieren, um auf diese Weise das Ansehen des Yoga zu steigern und ihn massentauglich zu machen. Dafür wird Ayurveda natürlich zum Hindernis und muss igno- riert werden. Ein weiterer Grund für die mangelnde Verbindung zwischen Yoga und Ayur- veda im Westen ist, dass Yoga bereits vor der Entstehung der Alternativ- medizin Verbreitung erfuhr und schon lange bekannt war, bevor man überhaupt etwas von Ayurveda gehört hatte. Weil Yoga nicht zusammen mit seinem traditionellen Heilsystem in den Westen kam, wurde er statt- dessen an die westliche Schul- und Alternativmedizin angepasst. Erst vor etwa zwanzig Jahren wurde die Verwandtschaft von Yoga und Ayur- veda wirklich zum Thema, obschon die meisten wichtigen indischen Yoga-Gurus darum wussten und auch darauf hinwiesen. Die Geschichte des Yoga im Westen beginnt im späten 19. Jahrhundert, zu einer Zeit, als Indien noch britische Kolonie war und es keine einzige größere Ayurveda-Schule mehr gab. Yoga begann also im Westen zu einem Begriff zu werden, als es kaum Möglichkeiten gab, Ayurveda zu studieren oder zu erfahren. Als Ayurveda in Indien schließlich Mitte des

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letzten Jahrhunderts offiziell als medizinisches Verfahren anerkannt wurde, da waren ihm die yogischen Komponenten bereits ausgetrieben worden. Dies geschah, um Ayurveda von jeder spirituellen oder religi- ösen Orientierung zu säubern und so den Ansprüchen moderner Wis- senschaft zu genügen. Die Metaphysik wurde auf diese Weise zugunsten reiner Wissenschaftlichkeit verbannt und Yoga damit noch weiter vom Ayurveda abgetrennt. Als Ayurveda schließlich gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts den Westen erreichte, herrschten dort bereits zahlreiche gut abgeschottete, nicht-ayurvedische Spielarten des Yoga vor. Dies ist heute noch der Fall: inmitten der vorherrschenden Reihe moderner, westlicher Ausprä- gungen des Yoga erscheint die Vorstellung einer ayurvedischen Yoga- Therapie nicht nur ungewöhnlich und neuartig, sondern sogar gegen- sätzlich zu dem, was viele westliche Yoga-Lehrer von ihren Gurus gelernt haben. Selbst jene westlichen Lehrer, die jahrelang in Indien unterwiesen wurden, kamen oft gar nicht in Kontakt mit der ayurvedi- schen Sichtweise. Aus all dem ergibt sich eine Situation, welche es nicht erlaubt, den Westen einfach mit ayurvedischer bzw. traditioneller Yoga-Therapie bekannt zu machen. Vielmehr gilt es, sich mit den bereits vorherrschenden Yoga- Therapien auseinander zu setzen, zumal wenn diese behaupten, authen- tisches Yoga zu vertreten, und sich auf die Autorität ihrer indischen Tra- ditionslinie berufen. Es gilt also – neben einer allgemeinen Öffentlich- keit – insbesondere bereits ausgebildete Yoga-Lehrer über die therapeu- tische Relevanz des Ayurveda aufzuklären. Natürlich gibt es auch indi- sche Yoga-Lehrer, die wie B.K.S. Iyengar eine große Gefolgschaft im Westen aufweisen, Ayurveda schätzen und vermehrt in ihren indischen Zentren lehren. Der Großteil westlicher Yoga-Lehrer hat jedoch immer noch wenig bis gar keine Kenntnis des Ayurveda.

AYURVEDA UND YOGA-THERAPIE

Alle Praktiken des Yoga – Asana, Mantra, Ritual, Götterverehrung – sind gleichzeitig integraler Teil des traditionellen Ayurveda. Mehr noch: Yoga- Therapie ist der Kern aller ayurvedischer Behandlung, geht es dieser doch um weit mehr als nur Freiheit von Leid. Immer steht die Entwick- lung des höheren Potentials, der höheren Lebensziele im Mittelpunkt, wie man den drei Aspekten des traditionellen Ayurveda unschwer ent- nehmen kann. Diese drei Aspekte zu verstehen hilft, die Verbundenheit von Yoga und Ayurveda zu begreifen.

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1. Reduktion der Doshas (Yukti Vyapashraya). Dies ist die Domäne des

gängigen Ayurveda und dessen klassischer Verfahrensweisen (Ernäh- rung, Kräuteranwendung, Körperarbeit, Pancha Karma usw.). Diese zielen stets auf die Verringerung der Doshas – entweder in Bezug auf die Konstitution oder eine Erkrankung. Hauptsächliche Behandlungs- weise sind Kräuteranwendungen (aushadha), hauptsächliches Behand- lungsziel ist die Balancierung der Doshas im physischen Körper.

2. Vermehrung von Sattva (Sattvavajaya). Hierunter fallen Yoga-Prak-

tiken die Sattva steigern – besonders der achtgliedrige Pfad des Raja- Yoga sowie ein Großteil der ayurvedischen Psychologie. Diese Tech- niken reduzieren vorrangig mittels Mantra-Therapie Tamas und Rajas. Sie steigern Sattva und behandeln auf diese Weise Unausgewogen- heiten der Gunas.

3. Anwendung spiritueller Methoden (Divya Chikitsa) Dies betrifft

Mantras, Yantras, Yajnas, Pilgertum und weitere tantrische oder astro- logische Verfahrensweisen. Die Edelsteintherapie (mani) ist die haupt- sächliche Behandlungsweise, welche wiederum mit der vedischen Astrologie (Jyotish) in Verbindung steht. Behandlungsziel ist meist die Reduzierung negativen Karmas, das für Unglück oder Krankheit ver- antwortlich sein kann.

In diesen drei verschiedenen Zugängen sind auch die drei Hauptursachen der Erkrankung enthalten. Der eine ist die Unausgewogenheit der drei Doshas Vata, Pitta und Kapha – als Auslöser physischer Krankheiten. Der nächste besteht aus dem Übermaß der Gunas Rajas und Tamas, bzw. aus dem daraus resultierenden Mangel an Sattva – als Aus- löser psychischer Krankheiten. Der dritte Krankheitsfaktor ist widriges Karma, welches sich störend oder hemmend auf die physische und psy- chische Behandlung auswirken kann. Der erste Zugang bildet die Grundlage des heute verbreiteten Ayurveda. Der zweite und dritte beinhalten sämtliche Aspekte des Yoga und fallen schon in dessen Bereich. Deshalb stehen diese beiden auch im Mittel- punkt dieses Kurses. Gleichzeitig werden wir aber auch deren Relevanz für den ersten, gängigen Zugang zum Ayurveda untersuchen. Der Großteil des vorliegenden Kurses befasst sich mit dem zweiten Aspekt, dem Sattvavajaya, und damit dem Ziel des achtgliedrigen Yoga-Pfades (Ashtanga Yoga). Darüberhinaus sind mehrere Lektionen dem Zugang des Divya Chikitsa gewidmet, z.B. jene über Tantra. Beide Aspekte werden (von wenigen Ausnahmen abgesehen) in Indien kaum noch gelehrt – vielleicht aber außerhalb des Stundenplans studiert.

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YOGA-THERAPIE (YOGA CHIKITSA)

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Was ist gemeint, wenn heutzutage auf „Yoga-Therapie“ Bezug genommen wird? Meist geht es um die Asanas und die gesundheitliche Wirkung dieser Yoga-Haltungen. Manchmal werden in zweiter Linie noch andere Praktiken des Yoga hinzugezogen wie Meditation und Pranayama. Der Yoga-Lehrer wird hauptsächlich als Körpertherapeut, als ein Fit- ness-Lehrer gesehen, der eben hauptsächlich mit Asanas arbeitet. Diese Lehrer helfen einem einerseits beim Abnehmen, bzw. dabei, Form, Hal- tung und Flexibilität gewinnen. Andererseits arbeiten sie damit auf indirekte Weise an den Auswirkungen etwa von Herzerkrankungen, von Asthma oder Arthritis und diversen Haltungsschäden. Auch der entspannende Aspekt des Yoga hilft, Stress, Angstzustände und Überar- beitung zu lindern. In diesem Zusammenhang stellt sich aber sofort die Frage, auf welcher medizinischen Basis die Diagnose und die Behandlung vorgenommen werden? Schließlich muss es, um überhaupt arbeiten zu können, irgend- welche medizinischen Grundannahmen geben. Das zugrundeliegende medizinische System ist nicht weniger von Bedeutung als die Maß- nahmen selbst. Manchmal operieren Yoga-Lehrer jedoch ohne bestimmtes medizinisches System oder eine bestimmte Ausbildung. Sie geben schlicht weiter, was ihnen als „Yoga-Instruktor“ beigebracht wurde und helfen so gut als möglich. Dem liegt die Hoffnung zugrunde, Yoga möge auch ohne wei- tere medizinische Systematik heilsam wirken, seine Heilkraft sei intrin- sisch und würde nicht auf einer bestimmten medizinischen Sichtweise beruhen. Dies ist zwar nicht ganz unwahr, aber Yoga entfaltet weit mehr Wirkkraft, wenn es im Rahmen eines ganzheitlichen medizini- schen Kontextes effektiv angewendet wird. Häufig arbeiten Yoga-Therapeuten den Ärzten, den Chiropraktikern oder den anderen Heil-Professionen nur zu: Die Diagnose und die Gesamtbe- handlung wird dem Arzt überlassen, welcher dann Yoga als unterstüt- zende Therapie empfiehlt. Der Yoga-Lehrer arbeitet also im Rahmen der Empfehlungen des Arztes und häufig unter dessen Anleitung. In diesem Fall bedarf er zwar keines zusätzlichen medizinischen Wissens, die ent- sprechende Therapie wird aber in den Grenzen des zugrundeliegenden medizinischen Systems bleiben. Es kommt auch vor, dass Yoga-Lehrer sich einer Zusatzausbildung (als Phy- siotherapeut o.ä.) unterziehen und in der Folge versuchen, Yoga mit anderen Formen der Körperarbeit oder Massage zu verbinden. Viele Yoga-Lehrer arbeiten in der Tat gleichzeitig als Massage-Therapeuten.

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Die direkte Folge davon ist, dass die Yoga-Lehrer im Rahmen der modernen Medizin und deren Sichtweise auf Haltungsschäden oder -probleme operieren, nur um dem manchmal ein Quäntchen „New- Age-Energie“ hinzuzufügen. Den Großteil des heutigen Angebots an Yoga-Therapie würde ich gerne auf den Namen „Yoga-Chiropraktik“ taufen. Denn der Yoga-Lehrer versucht gleich dem Chiropraktiker, der Gesundheit seiner Patienten zuliebe deren Wirbelsäule mittels zahlreicher Manipulationen auszurichten. Der ein- zige Unterschied besteht im Einsatz von Asanas. In diesem Zusammen- hang wird auch gern nach dem entsprechenden Yogastil gesucht, also nach dem Stil, der eine bestmögliche und nachhaltige Ausrichtung der Wirbelsäule ermöglicht. Yoga ist nach dieser Sichtweise wirklich nicht viel mehr als die korrekte Ausführung von Körperhaltungen. Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass Yoga-Therapie heutzu- tage nur eine Ergänzung anderer medizinischer Herangehensweisen darstellt und im Normalfall nicht-yogischen Medizinsystemen unter- geordnet ist. Yoga-Lehrer verfügen über kein unabhängiges, yogisches Heilungssystem mit eigenständiger Diagnose, Prognose und eigenen Behandlungsverfahren. Ihre Funktion innerhalb des Gesundheitssys- tems ist vielmehr die von Spezialisten, von Technologen. Auf deren Asa- na-Expertise wird dann von besser und breiter ausgebildeten Medizi- nern zurückgegriffen, welche Asanas auf Basis ihres Medizinverständ- nisses einsetzen. Innerhalb des heutigen Angebots finden sich auch zahlreiche neuartige Zwitterwesen aus Yoga und moderner Medizin. Dies betrifft z.B. die Ver- bindung von Yoga mit verschiedensten Massageformen, Physiotherapie auf Yoga-Basis, Yoga in Krankenhäusern usw. Dies alles sind sicher- lich hochinteressante Entwicklungen, die zahlreiche neue Einsichten ermöglichen. Es geht auch gar nicht darum, solche Bemühungen als unwichtig oder unnötig zu deklarieren. Dennoch muss klargestellt werden, dass ausschließlich diejenige Yoga-Therapie, die in einem umfassenden yogi- schen Medizinsystem verwurzelt ist, die Wirkung und den Nutzen von Yoga in vollem Umfang hervorbringen kann. Sobald aber Yoga den Maßstäben nicht-yogischer Medizin wie der Allopa- thie gerecht werden muss, dann unterbleibt automatisch eine ganze Reihe yogischer Behandlungsmöglichkeiten. Zudem rückt der Yoga-The- rapeut auf diese Weise nicht etwa in die vorderste Linie der Gesundheits- versorgung auf, sondern bleibt der Assistent bzw. Technologe im Hin- tergrund. Yoga wird auf ein nur ergänzendes Mittel im Heilungsprozess beschränkt.

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Insbesondere das traditionelle Ayurveda aber stellt ein yogisches Medizinsystem dar. Mittels diesem kann Yoga in vollständiger Weise und in Harmonie mit seinem spirituellen und philosophischen Fundament angewandt werden. Um effektive Yoga-Therapie einzuführen bedarf es dieses Vorteils. Aus diesem Grunde zielt dieser Kurs auf beide Disziplinen ab: Durch eine ayurve- dische Grundlagen-Ausbildung vermag der Yoga-Therapeut nicht nur, die Heilungskapazitäten des Yoga vollständig auszuschöpfen, sondern er wird zum unabhängigen Ansprechpartner in Fragen der Gesundheit.

3. Es gibt jedoch einige Bemühungen um die Stan- dardisierung der Yoga-Leh- rerausbildung. Insbesondere die Arbeit der Yoga Alliance, der auch ich angehöre, gilt es in diesem Zusammen- hang zu erwähnen. Diese Vereinbarungen betreffen aber mehr die Arbeit eines Yoga-Übungsleiters als die eines Therapeuten. Dessen Ausbildungsinhalte wären auch ungleich schwieriger zu definieren.

DIE ZUKUNFT VON YOGA UND AYURVEDA

Ayurveda gewinnt als medizinisches System sowohl unter den Menschen als auch in rechtlicher Hinsicht an Rückhalt und Glaubwürdigkeit. Dies ist nicht nur in Amerika und Europa der Fall, sondern auch in Austra- lien und anderen Teilen der Welt – bis hin zu Indien selbst. Ayurvedi- sche Ausbildungen gewinnen in Deutschland sogar noch mehr Aner- kennung als bereits in den USA. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Ayurveda mit der chinesischen Medizin (TCM) gleichzieht und in der westlichen Hemisphäre zum einem rechtlich anerkannten, eigenstän- digen Medizinsystem wird. In Indien ist dies ja bereits seit langem der Fall. Ganz gewiss wird ein rechtlich verankertes Ayurveda auch Yoga zu seinen Behandlungspraktiken zählen. Ist dies erst einmal geschehen, dann wird es Ayurveda-Praktizierenden auch rechtlich gestattet sein, Yoga- Therapie anzuwenden – zumindest dessen ayurvedische Ausprägung. Auch ohne vollständige rechtliche Absicherung geschieht dies ja inner- halb eines breiteren Behandlungsspektrums heute schon. In der Zwischenzeit wird es fast unmöglich sein, Yoga-Therapie im Westen auf legale Füße zu stellen – weder als Therapieform und noch viel weniger als vollgültiges Heilsystem. Dies hat verschiedene Gründe: Zum Einen liegt das an der großen Bandbreite der Yoga-Stile und den ver- schiedenen neuartigen Zugängen, die auf eine nur sehr kurze Geschichte zurückblicken. Einen gemeinsamen Wissensstandard und ein gemein- sames Praxissystem zu entwickeln, welche für die Yoga-Therapie kon- stitutiv wären, fällt sehr schwer. Ein solcher gemeinsamer Kanon wäre aber die Grundlage für verbindliche Prüfungs- und Behandlungsver- fahren. Ayurveda-Lehrern fällt es leicht, ihre gemeinsamen Voraus- setzungen und Grundannahmen zu formulieren. Ein solcher Konsens unter modernen Yoga-Lehrern ist jedoch eher unwahrscheinlich. 3

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Die Zukunft des Yoga ist demnach an Ayurveda gebunden. Sobald Ayur- veda rechtlich vollständig anerkannt ist, wird Yoga-Therapie auf legale Weise nur noch in diesem Rahmen angewendet werden können. Viel- leicht kommt es dazu nicht in den nächsten fünf, vielleicht auch nicht in den kommenden zehn Jahren, aber es wird dazu kommen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Yoga-Therapie sich aus zwei Gründen in Richtung ayurvedischer Yoga-Therapie weiterentwickelt: zum Einen aufgrund der Entwicklung, die Ayurveda derzeit durchläuft, und zum Anderen auf- grund des wiedererwachenden Interesses am yogischen Heilungssystem. Die ayurvedische Perspektive auf Gesundheit und Heilung ist so umfas- send, dass die Einbindung der Einsichten westlicher Yoga-Therapie sehr leicht fällt. Schließlich stehen die modernen Therapieverfahren nicht unbedingt außerhalb des ayurvedischen Feldes. Es ist nur so, dass sich die Yoga-Therapie automatisch verändert, sobald sie in ayurvedischem Rahmen vollzogen wird. Sie wird von tiefgreifenderen diagnostischen Mitteln, von weiteren Verfahren und hilfreichen Behandlungsweisen wie z.B. jener der Ernährung sowie der Kräuteranwendung ergänzt. Wer authentische Yoga-Therapie anwenden will, der sollte das vollstän- dige ayurvedische System erlernen. Dies beinhaltet neben der Diagnose die gesamte Bandbreite ayurvedischer Behandlung, von der Ernäh- rung über Heilkräuter und Körperarbeit bis hin zu Pancha Karma. Auch wenn man sich auf Yoga-Therapie spezialisiert, sollte man über ein aus- reichendes ayurvedisches Wissensfundament verfügen, um in ayurve- disch korrekter Weise zu verfahren. Ein ayurvedischer Yoga-Therapeut ist kein spezialisierter Yoga-Lehrer, sondern in erster Linie Ayurveda- Praktizierender.

AYURVEDISCHE YOGA-THERAPIE

Was in dieser Situation als ayurvedische Yoga-Therapie zu Tage tritt, ist gleichzeitig etwas sehr Altes und Neues: Ayurveda legt wieder Wert auf die bislang marginalisierten yogischen Aspekte seiner Behandlungs- weisen. Auf diese Weise entzieht sich Ayurveda dem Einfluss seiner indisch-allopathischen Spielart. Indem Yoga im Westen in Kontakt mit den ayurvedischen Grundannahmen seiner Tradition kommt, bezieht er sich von Neuem auf den Wissensschatz des Ayurveda. Ein ayurvedischer Yoga-Therapeut sollte Folgendes beherrschen:

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–› Grundzüge der ayurvedischen Behandlung: Bestimmung von Konsti- tution (Prakriti) und Erkrankung (Vikriti), Behandlungsmethoden durch Ernährung, Heilkräuter und Lebensweise. Dieses Fundament wird vor allem durch den Kurs der ayurvedischen Heilkunde gelegt. –› Yoga allgemein und Yoga aus ayurvedischer Sicht: therapeutische Aspekte der Yoga-Praktiken wie Asana, Pranayama, Pratyahara, Mantra und Meditation. Dies sind die hauptsächlichen Gegenstände des vorliegenden Kurses.

Ein ayurvedischer Yoga-Therapeut sollte in der Lage sein, Yoga-Praktizie- renden die tiefgründigeren Aspekte des Yoga aus ayurvedischer Perspek- tive zu erläutern. Dies beinhaltet das grundsätzliche Ziel des Ayurveda, ein höheres Bewusstsein und größere Vitalität zu erzielen – auch wenn man bereits im Vollbesitz seiner Gesundheit ist. Es ist daher durchaus denkbar, dass ein ayurvedischer Yoga-Lehrer z.B. Ashrams oder spiritu- elle Zentren dahingehend berät, wie ayurvedische Aspekte in der Yoga- Praxis berücksichtigt werden können. Wir werden später noch darauf zurückkommen.

AYURVEDISCHER YOGA

Ayurveda ist ein Weg des Yoga, also ein System der inneren Balance und der Entwicklung höheren Bewusstseins. Wir können den Terminus ayur- vedisches Yoga auf zwei verschiedene Weisen verwenden:

1. Yoga-Praxis nach ayurvedischen Prinzipien: z.B. die Anwendung von Asana oder Pranayama in Bezug auf den Konstitutionstyp oder um die Doshas auszugleichen. 2. Ayurveda als eine Yoga-Praxis: So verstanden geht Ayurveda weit über die gängige Praxis der Dosha-Balancierung hinaus und beschreitet spirituelles Gebiet. Die Doshas werden immer weiter verfeinert und als spirituelle Prinzipien begriffen. Zu diesem Zweck wird das Ziel der Gesundheit verfolgt und das Bewusstsein von den Doshas geschärft. Dieses ayurvedische Yoga ist Teil sowohl der vedischen als auch der tantrischen Tradition. Beider Ziel ist die Entfaltung der inneren Prinzi- pien von Feuer, Luft und Wasser (Prana, Tejas, Ojas bzw. Agni, Soma und Vayu).

Meist führt das erste zum zweiten Begriffsverständnis. Sie sind aber mitein- ander verwoben, so dass dieser Kurs beide gleichermaßen entwickelt.

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SPEZIALISIERUNGSMÖGLICHKEITEN INNERHALB

DES AYURVEDISCHEN YOGA

Einem ayurvedischen Yoga-Lehrer in meinem Sinne kommen verschiedene Aufgabengebiete zu, die ich wie folgt einteilen würde:

1. Ayurveda-Yoga-Physiotherapeut

2. Ayurveda-Yoga-Psychotherapeut

3. Ayurveda-Meditations-Lehrer

4. Ayurveda-Yoga-Tantra-Lehrer

Ein ayurvedisch-yogischer Physiotherapeut verschreibt vor allem Asanas bzw. yogische Körpertherapie nach ayurvedischen Richtlinien. Dazu bedarf es einer profunden Ausbildung hinsichtlich Ausführung und Verschreibung von Asanas sowie ayurvedischer Diagnose und Behand- lung. Zusätzlich wird einige Erfahrung mit ayurvedischer Massage, Kör- perarbeit oder anderen physischen Therapien benötigt. Die meisten Yoga-Therapeuten heutzutage sind vor allem Asana-Thera- peuten bzw. Physiotherapeuten, müssen also Ayurveda ihrer normalen Praxis nur hinzufügen. Ayurveda liefert ihm das Diagnosesystem, dem Yoga zuträgliche, pranische Medikamente und weitere Instrumente wie Ernährung, Kräuter, Öle, Massage, Pancha Karma. Damit verfügt der Therapeut über die volle Bandbreite heilerischer Möglichkeiten.

Der Psychotherapeut ayurvedisch-yogischer Prägung praktiziert vor allem ayurvedische Psychologie. Diese wird von der yogischen Vorstellung geleitet, das Sattva-Guna stets zu erhöhen. Zwischen Yoga-Psychologie und Ayurveda-Psychologie sowie den entsprechenden Therapien gibt es nur geringfügige Unterschiede. Die heilerische Voraussetzung des Raja- bzw. Ashtanga-Yoga ist seinem Wesen nach Psychologie; es gilt, den Geist (Chitta) von Trübungen (Kleshas) zu befreien. Innerhalb der yogischen Psychotherapie würden jedoch ausschließlich Hilfsmittel zur Steigerung von Sattva verabreicht. Die ayurvedische Psychotherapie hingegen ist zusätzlich in der Lage, Dosha-Störungen auf psychologischer Ebene zu begegnen – was enorm zur Wirksamkeit einer Therapie beiträgt. Um ayurvedische Psychologie auszuüben ist außerdem das Studium der vedischen Astrologie hilfreich. Diese stellt auf Basis einer Analyse der Geburtskonstellation zahlreiche psychologische Heilmittel zur Verfü- gung. Häufig gewährt diese Analyse auch dann Einsicht in schwere, degenerative Erkrankungen und psychische Störungen, wenn die nor- male Diagnose auf keine physischen Ursachen schließen lässt. 4

4. Vgl. Frawley: Die

Astrologie der Seher, a.a.O.

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Auch ein ayurvedischer Meditationslehrer bezieht sich auf das ayurvedisch- yogische Psychologie-Modell. Er ist spezialisiert darin, Meditationen aufgrund der Dosha- und der Guna-Analyse zu verschreiben. Dafür braucht es über das ayurvedisch-yogische Hintergrundwissen hinaus auch ein Fundament im Vedanta und dem Yoga des Wissens (Jnana- Yoga). Eine zusätzliche praktische Ayurveda-Ausbildung ist jedoch nicht erforderlich.

Der ayurvedisch-yogische Energie- bzw. Tantra-Lehrer ist eine Variante des ayurvedischen Yoga-Therapeuten. Sein Spezialgebiet sind die energeti- schen Methoden des Yoga hinsichtlich der Chakras und der Kundalini:

Pranayama, Mantra und Meditation. Aufgabe dieses Energie-Lehrers ist es, seinen Schülern zu helfen, mit den Chakra-Energien, der Kundalini bzw. eventuellen Nebeneffekten der Yoga-Praxis zurecht zu kommen. Das Verständnis der Doshas ist dabei ebenso vorausgesetzt wie das von Prana, Tejas und Ojas, sowie das der subtilen Pranas und der Heilung des feinstofflichen Körpers. Dafür bedarf es des zusätzlichen Studiums der tantrischen Tradition. Diesem entspricht die energetisch-feinstoff- liche Sichtweise auf die Yoga-Praxis.

Eine Spezialisierung ergibt sich erst mit der Zeit. Zunächst ist ein fundierter Überblick über das gesamte Feld von Yoga und Ayurveda notwendig. Daher und dem Wunsch vieler Studierenden entsprechend, sind alle vier oben bezeichneten Anwendungsgebiete Gegenstand des vorliegenden Kurses.

GANZHEITLICHE YOGA-AYURVEDA-THERAPIE

Den Spezialisierungsmöglichkeiten zum Trotz soll hier noch einmal auf die Bedeutung eines ganzheitlichen Yoga-Ayurveda-Systems hinge- wiesen werden. Um diesem System zu entsprechen bedarf es der Fähig- keit, sämtliche Yoga-Praktiken anzuwenden. Dies beginnt mit den Yamas sowie Niyamas und geht über Meditation bis zu Samadhi. Dies ist das Modell, welches dieser Kurs verfolgt und gleichzeitig dasjenige, welches allein wirkliche Integration von Yoga und Ayurveda gestattet. Um solch ein Vorhaben in die Tat umzusetzen bedarf es eines breit angelegten Wissens – anschließende Spezialisierungen unterschiedlicher Ausprä- gungen jedoch nicht ausgeschlossen.

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KONTROLLFRAGEN

01. Was ist traditionelles Ayurveda?

02. Was wird heute in Indien unter modernem Ayurveda verstanden

und gelehrt?

03. Warum kam Yoga zunächst ohne Ayurveda in den Westen?

04. Was ist Yukti Vyapashraya?

05. Was ist Sattvavajaya?

06. Was bedeutet Divya Chikitsa im Rahmen ayurvedischer

Behandlung?

07. Was zeichnet die heute gängige Yoga-Therapie aus?

08. Welche Methoden würde ein Yoga-Ayurveda-Therapeut

hauptsächlich heranziehen?

09. Warum wird Yoga als Beruf im Westen höchstwahrscheinlich

dem Ayurveda zugeordnet werden?

10. In welcher Beziehung steht Yoga zur ayurvedischen Psychologie?

11. Was ist ein Ayurveda-Yoga-Energie-Lehrer?

12. Wo verorten Sie sich und Ihre ayurvedisch-yogische Tätigkeit?