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MAINZER ROMANISTISCHE ARBEITEN VORFORMEN DES ESSAYS IN ANTIKE

Herausgegeben vom Romanischen Seminar der Johanne« G utoiihcrg- Universität


UND HUMANISMUS

BAND I EIN BEITRAG ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE


DER ESSAIS VON MONTAIGNE
VORFORMEN DES ESSAYS IN ANTIKE
UND HUMANISMUS
VON
E I N BEITRAG
ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE D E R ESSAIS

VON MONTAIGNE PETER M. SCHON

VON

PETER M. SCHON

FRANZ STEINER VERLAG GMBH · WIESBADEN FRANZ STEINER VERLAG GMBH · WIESBADEN
1954 1954

,ÎïMiimuiîsaiiii=«
VI Inhalt
Exkurs: Exemplum und Geschichtsauffassung 78
Sentenz und Florilegien 80
Bedeutung der Florilegien. Johannes von Stoboi. Florilegien der
Renaissance. Einleitung
Die „ A d a g i a " des E r a s m u s 83 „Die große Gefahr, wenn m a n Dichtungsformen betrachtet, ist, daß m a n
DER MONTAIGNESCHE ESSAY 90 formalistisch wird. Die metrischen Gerüste werden einem d a n n zu halbleben-
digen Gespenstern, die durch die J a h r h u n d e r t e hin eine Art dynastisches
NACHWORT 98 Familienleben führen, sich fortpflanzen, vermehren und zur Herrschaft ge-
VERZEICHNIS DER BENUTZTEN W E R K E 99 langen, d a n n verfallen u n d aussterben, so d a ß m a n sich verpflichtet fühlt,
ihre S t a m m b ä u m e aufzuzeichnen 1 ." Eindringlicher läßt sich auch die Gefahr
NAMENREGISTER 104 der vorliegenden Arbeit nicht kennzeichnen, die den essayartigen Formen vor
der Veröffentlichung der ersten Essays durch Montaigne nachspüren will. Es
wird sich dabei herausstellen, daß diese Formen durchaus nicht zufällig sind,
daß sie vielmehr Ausdruck einer bestimmten Haltung, eines bestimmten
Geistes sind, d a ß sie charakteristisch sind für die betreffende Epoche, die
solche F o r m e n für die Darstellung ihrer philosophischen oder literarischen
Ideen wählte. Das Aufsuchen u n d die Erforschung dieser literarischen Formen
wird außerdem Licht werfen auf die K u l t u r jener Epochen oder auf einzelne
ihrer hervorragenden Vertreter.
Als im März des J a h r e s 1580 in Bordeaux Messire Michel Seigneur de Mon-
taigne zwei kleine Bände unter dem bescheidenen Titel Essais veröffentlichte,
war damit nicht nur ein Werk (oder genauer, der Anfang eines Werkes) er-
schienen, das neben wenigen Prosawerken des französischen 16. J a h r h u n d e r t s
auch heute noch nicht nur von Literarhistorikern u n d Linguisten gelesen wird,
es war vielmehr eine neue literarische G a t t u n g geboren. — Es wäre unmöglich,
alle die Schriften zu zählen, die seither diesen N a m e n trugen. In Frankreich,
in England und Deutschland schreibt m a n seither „Essais" bzw. „Essays",
Italien h a t seine „Saggi", Spanien seine „ E n s a y o s " : ein Genre also, das in
die Weltliteratur Eingang fand.
Alle literarischen Gattungen haben ihre Geschichte, sie entwickelten sieh
langsam, u n d ihre Anfänge liegen für uns oft im Dunkeln. Sollte d i e s e G a t t u n g
mit einem vollendeten Werk ihren Anfang genommen haben, oder gab es nicht
doch vor dem Schöpfer des Essays schon Essayisten, vor den Essais schon
literarische Erzeugnisse, die zu der neuen Sippe nur deswegen nicht gezählt
werden, weil den Vätern der „Familienname" noch u n b e k a n n t war ? Oder gab es
wenigstens literarische Formen, die unmittelbar die neue Gattung vorbereiteten ?
Zum Teil h a t V I L L E Y diese Fragen bereits beantwortet 3 . Jedoch liegt der
H a u p t a k z e n t des Villeyschen Werkes — was die Q u e l l e n Montaignes be-
1
K. VOSSLEB, Südliche Romania. München u. Berlin 1940, in dem Aufsatz : Der Geist der
italienischen Dichtungsformen und ihre Bedeutung für die europäischen Literaturen, S. 38.
2
P. VILLEY, Les Sources et l'Evolution des Essais de Montaigne. 2 Bde. Paris 21933; im
folgenden als VILLEY zitiert.
2 Einleitung

trifft nicht auf dem Suchen nach Vorformen der Essais als vielmehr auf
demi Festellen der unmittelbaren Quellen für Montaignes Gedanken und
Satze, und im Laufe unserer Untersuchungen werden oft die Ergebnisse
seiner grundlegenden Arbeit zitiert werden müssen. Die von V I L L E Y auf-
gewiesenen Vorformen, z. B. die Kompilationsliteratur 1 , soll genauer unter-
sucht und weiter nach rückwärts verfolgt werden; aber auch andere, von
Voruntersuchungen
V I L L E Y nicht behandelte oder nur angedeutete Formen sind in diesen Kreis W e n n wir Vorformen des Essays betrachten wollen, drängt sich uns die
mit einzubeziehen. Dabei werden öfters die verstreut in anderen Arbeiten Frage auf, was überhaupt ein Essay ist. Es ist nicht leicht, eine Definition zu
geäußerten Meinungen zitiert werden, die unserer Ansicht wertvolle Stütze finden für eine literarische Gattung, die sich in gewissem Sinn durch ihre
sein können. Formlosigkeit auszeichnet; es ist aber unmöglich, eine Definition zu geben, die
Die Arbeit will nicht den Anspruch erheben, a l l e essayartigen Formen vor allen Schriften gerecht wird, denen jemals der Titel „ E s s a y " mit auf den Weg
Montaigne zu erforschen. Viele Ströme fließen in Montaignes Werk zusammen. gegeben wurde; denn bald werden philosophische oder moralische Abhand-
Wir wollen nur einigen in ihrem Laufe durch die J a h r h u n d e r t e folgen; manch- lungen, bald wissenschaftliche Untersuchungen, bald belletristische oder jour-
mal werden sie sichtbar miteinander in Verbindung stehen, oft auch verborgen nalistische P r o d u k t e Essays genannt; bald umfaßt der Essay einige Seiten
weiterfließen u n d erst später wieder den Weg an die Oberfläche finden. oder weniger, bald wird ein dickbändiges Werk „bescheiden" E s s a y betitelt.
Ob Montaigne alle in dieser Arbeit untersuchten Werke kannte, wird nicht Bescheidenheit — oder Koketterie — ist dabei in vielen Fällen für den Autor
immer zu entscheiden sein. Auch Villeys Katalog der Bibliothek Montaignes der Grund, sein Werk nur einen „Versuch" zu nennen. (In dieser Bedeutung
k a n n und will ja keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen. Ganz wird sich von Essay = Versuch liegt es ζ. Τ. begründet, d a ß so mannigfaltige Erzeug-
die Lektüre des großen Lesers Montaigne niemals rekonstruieren lassen. U n d nisse diesen N a m e n tragen!) Oft wird auch eine gewisse Unsicherheit des
wenn er v o n einigen in unserer Arbeit auftauchenden Büchern tatsächlich Autors u n d die Absicht, von vornherein der etwaigen Kritik die Spitze ab-
keine direkte Kenntnis hatte, wollen wir an das denken, was E D U A R D N O R D E N 2 zubrechen, ausschlaggebend sein, das Geschriebene „ n u r " als Essay, als Ver-
vom Stil Petrarcas schrieb: „Keinen seiner Vorgänger h a t er gekannt . . ., such, zu bezeichnen.
aber über dem Einzelwesen steht die Welt der Ideen, und in wem sie ihre sinn- Trotz dieser Vielzahl der F o r m e n verbinden wir mit dem W o r t Essay eine
lichste Form annimmt, der ist der Große, an dessen N a m e n die Nachwelt eine bestimmte Vorstellung. Hören wir zunächst, was einige deutsche Autoren
neue Epoche anknüpft, u n d insofern gilt auch von Petrarcas Auftreten das über den Essay sagen: Das Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte1 defi-
tiefe Wort, daß auf der lebendigen Flur der Welt alles F r u c h t und alles niert den Essay als „eine kürzere, in loser Form des Stils u n d der Anlage
Samen ist." gehaltene Abhandlung, die sich mit irgendeinem allgemein interessierenden
1
VILLEY II, S. 4ff.
Thema aus dem geistigen Leben der Zeit beschäftigt. . . Der Sache nach findet
s
E. N O R D E N , Die antike Kunstprosa. Leipzig u. Berlin 3 1909, Bd. I I , S. 735. sich der Essay in jeder Literatur, sobald sie über eine kunstmäßig ausgebildete
Prosa verfügt." Alexander v. G L E I C H E N - R U S S W U R M 2 nennt den Essay eine
„litterarische Arbeit, die aus den Quellenstudien der Fachgelehrten empor-
gewachsen, ihren Vorwurf nicht ergründen soll, nur von verschiedenen Seiten
beleuchten". Er betont, daß der Essay immer Ausdruck einer Persönlichkeit
ist, d a ß der Autor im Essay nicht lehren u n d überzeugen will, „er will erzählen
wie im Salon unter gebildeten Menschen". Er weist auf Plutarch als das Urbild
für den Essay hin u n d sagt, d a ß der Geist der Griechen, dem wir alle Formen
der K u n s t verdanken, uns auch den Essay schenkte: „Denn was ist Piatos
Gastmahl anderes als einer der geistvollsten u n d anmutigsten Essais aller
Zeiten?" (Sp. 753). O. S T Ö S S L 3 charakterisiert ihn als einen „Versuch zwischen

1
MERKER-STAMMLER, Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. I (Berlin
1925/26), Sp. 329f. F ü r d e n Artikel „ E s s a y " zeichnet H. Beyer.
2
A. v. G L E I C H E S - R U S S W U R M , Der Essai. I n : Das Litterarische Echo, VI (1904),
Sp. 747—753.
3
0. STÖSSL, Lebensformen und Dichtungsformen, München 1914.
4 Voruntersuchungen
Voruntersuchungen 5
der fraglosen erfüllenden Gestaltung des Dichters u n d der forschenden Aus- 1
weiter . Wie bereits bemerkt, h a t Montaigne es zum erstenmal als Buchtitel
einandersetzung des gelehrten Denkers", u n d ein anderer 1 bezeichnet die 2
v e r w a n d t . Es ist übrigens zu beachten, daß bei Montaigne nur die Gesamtheit
K u n s t des Essays sibyllinisch als „Gestaltung v o n Gestaltetem". Registrieren der einzelnen K a p i t e l „Essais" genannt wird, er aber noch nicht vom einzelnen
wir schließlich noch die Ansichten zweier Schriftsteller, wenn auch der eine 2 Kapitel als einem Essai spricht. (Es ist zumindest zweifelhaft, ob der Satz :
unbeschwert behauptet, d a ß die Essais von Montaigne „von keiner K u n s t - Qui connoistra combien je suis peu laborieux, combien je suie faict à ma mode,
form zeugen" u n d daß sie „in ihrer letzten F o r m nicht einmal von Montaigne croira facilement que je redicterois plus volontiers encore autant d'essais que de
selbst" sind, u n d der a n d e r e 8 don vier J a h r e nach Montaignes Tod geborenen m'assujettir à resuivre ceux-cy3 so zu interpretieren ist, als spräche Montaigne
Descartes zu dessen Zeitgenossen macht, um eine Beziehung zwischen dem von den einzelnen Kapiteln als Essays.) Der Titel Essais will nicht anders
„'peindre moi" u n d dem „Ich bin, also ist G o t t " konstruieren zu können u n d verstanden werden als andere, ähnliche Buchtitel der Zeit, e t w a Diverses
von einer „merkwürdigen Gleichzeitigkeit" der Baeonschen Essays mit denen Leçons oder Bigarrures. E r s t die Eigenart Montaignes u n d damit dor Erfolg,
Montaignes spricht 4 . M Ü T H sieht im Essay eine „künstlerisch-schriftstellerische den seine Bücher h a t t e n , sicherten den Namen Essay {natürlich auch die neue
Leistung, . . . keine Domäne des Dilettantismus", u n d läßt ihn die Abhandlung Bedeutung des Wortes essai, die für den Schriftsteller eine gewisse Bequem-
„als Formgebilde" überragen. Die Übersetzung „Versuch" lehnt er a b , da sie lichkeit bietet). Es h ä t t e also genau so gut eine Gattung Bigarrures entstellen
„ a n der damit vorknüpften Vorstellung des Unvollendeten, des nicht mit können! Wir wissen nicht, ob Montaigne schon, als er zu schreiben begann,
vollem E r n s t der Durchführung in Angriff Genommenen leidet". DODEREK, den Titel seines Buches bereit hielt. Aus der Chronologie der Essais ist es
sagt : „ I n der herkömmlichen Auffassung ist ein Essay jeder stilistisch elegante jedenfalls nicht m i t Sicherheit festzustellen 4 . Zweifellos ist das Wort essai von
Aufsatz, der dem Wortsinn gemäß ein Versuch, nur andeutend, nicht wissen- Montaigne mehrfach verwendet worden, indem er auf den Buchtitel anspielte :
schaftlich ausdeutend, anregend, nicht pedantisch erschöpfend ist." Le jugement est un outil à tous subjects, et se mesle par tout. A cette cause, aux
Genug dieser Definitionen, die sich zum Teil widersprechen, z. T. sich er- essais que j'en fay icy, j'y employe toute sorte d'occasion" (I, L, 386) oder: En
gänzen u n d nur einen Aspekt wiedergeben. Sie zeigen jedenfalls die Schwierig- fin, toute cette fricassée que je barbouille icy n'est qu'un registre des essais de ma
keit einer Definition des Essays. U n t e r allen oben zitierten Aufsätzen scheint vie . . ." (III, x n i , 379). Über die Bedeutung des Wortes essai in diesem Zu-
der von A. v. G L E I C H E N - R U S S W U R M lesenswert zu sein u n d der Sache am sammenhang wird noch im letzten Kapitel zu sprechen sein.
nächsten zu kommen.
Die weitere Entwicklung der Wortbedeutung spiegelt sich deutlich in den
Vielleicht k a n n die Geschichte des Wortes essai u n d vor allem der Ausdruck, Definitionen wider, die uns Wörterbücher u n d Enzyklopädien zur Verfügung
den sie in den französischen Wörterbüchern u n d Enzyklopädien gefunden h a t , stellen. D a s Dictionnaire de l'Académie françoise von 1694 notiert noch nicht
Auskunft geben. Eine Wortgeschichte unter dem Gesichtspunkt der hier inter- die neue Bedeutung von Essai, wenn es auch einen literarischen Sinn angibt :
essierenden Bedeutung des Wortes ist nach rückwärts zeitlich begrenzt durch Essai se dit aussi des premieres productions d'esprit qui se font sur quelque matière
d a s J a h r 1580, in dem d a s W o r t ein literarischer Begriff geworden ist. D a s pour voir s'y l'on y réussira5. Gemeint sind also literarische oder wissenschaft-
lateinische E t y m o n exagium h a t die Bedeutung ponderatio, examen trutinae liche Versuche jeder Art, ohne daß etwas über die F o r m oder die Art u n d Weise
u n d von hieraus examen quodvis diligens et aecuratum5. In der folgenden An-
1
wendung mag die Bedeutung „Versuch" bereits mitschwingen: vos retînetis Vgl. GODEEROY, Dictionnaire de l'ancienne langue française, Bd. I X , θ. ν. Essai: Pre­
mière application d'une chose à sa destination pour juger si elle y est propre, action d'aborder
pondus antiquum: habetis aginam, exagium facite, quemadmodum vultis . . .6 une chose pour la première fois. F ü r das Fortleben in anderen romanischen Sprachen siehe
Exagium, in einer Teilbedeutung zum Synonym von examen geworden, ist R E W 2932. 2
F E W , s. ν. exagium „. . . seit Montaigne".
3
d a n n im Spät- u n d Mittellatein in der Bedeutung von „Versuch", „ P r o b e " I I I , i x , 230. Die Seitenzahlen beziehen sich auf die kritische Ausgabe von F . STROWSKI:
geläufig 7 u n d lebt als „essai" im Altfranzösischen unter dieser Bedeutung Les Essais de Michel de Montaigne, publiés d'après l'exemplaire de Bordeaux, 5 vol. Bor-
1
deaux, Pech, 1906—1933. Bei den in dieser Arbeit zitierten Stellen wurden die Sigel
R. K A I S E R , Wege des Essays. I n : Neue Bundschau, 1925/11, 1313—1318. aufgelöst und die Schreibung von ΐ und j, ν u n d u, s und f dem heutigen Gebrauch angepaßt.
2
K. M U T H , Über die Kunst dee Essais. In : Hochland Ä X I V {1926/27), Bd. I, S. 345—347. 4
Vgl. V I L L E Y I I , S. 85. V I L L E Y hält es für durchaus wahrscheinlich, daß der Titel
3
0. D O D E R E E , Der dichterische Essay. Ein Abriß. I n : Die Literatur, X X I X (1926/27), Essais erst aus der Periode 1577/78 stammt. Das A r g u m e n t : Son œuvre n'avait pas encore
S. 8—10. de caractère propre, elle ne demandait pas un titre particulier ist in diesem Zusammenhang
1
Bacon gebrauchte den Titel Essayes 17 Jahre nach Veröffentlichung der 1. Ausgabe nicht einleuchtend. H a t t e nicht gerade d iese Art von Kompilationsliteratur die verschie-
der Montaignes chen Essais. denartigsten Titel? Unseres Wissens wurde nur der Titel Diverses Leçons zweimal ver-
5
Thesaurus linguae latinae, Leipzig 1900ff., s. v. exagium. wendet. Die vielen verschiedenen Titel in der Kompilationsliteratur waren sogar ein Ein-
β
Zit. nach dem Thesaurus. Es handelt sich um eine Stelle aus Zeno (Bischof von Verona, leitungstopos geworden, ausgehend wohl von der Vorrede zu den Attischen Nächten des
t etwa 380), Tractatus Hb. 2, tract. 44. Aulus Gellius. — F ü r die Zeit 1577/78 spricht die innere Entwicklung Montaignes u n d
7
Vgl. D u CAUGE, Glossarium mediae et infimae latinitatis, Niort 1883ff., Bd. I I I , unter der Essais.
Exagium, Essayum und Essaium. 5
Dictionnaire de VAcadémie françoise. 2 vol., Paris 1694, s. v. Essai.
6 Voruntersuchungen Voruntersuchungen 7
dor Arbeit ausgesagt wird 1 . Nun, es handelt sich hier um ein offizielles Wörter- F a b r i k a n t e n 1 . " Hieraus k a n n man ableiten, d a ß jede differenzierte Definition,
buch, das vorsichtig hinter der Entwicklung nachhinkt, denn schon ein J a h r die alle Essayformen einschließen wollte, scheitern müßte. „ E s s a y " wurde zu
vorher h a t t e P I E R R E R I C H E L E T folgendes registriert: Divers Auteurs ont donné einer Sammelbezeichnung für Aufsätze etc., für deren Titel das 16. J a h r h u n -
par modestie, ce titre à leurs ouvrages . . . (Essais de Pkisique . . . Essais de dert die verschiedensten Möglichkeiten h a t t e . Es würde hier zu weit führen,
Morale, Les Essais de Montaigne)2. Wie es bei Wörterbüchern alter Brauch die Anwendung von discours, traité, dissertation, considération, réflexion etc.
ist, schrieb F U R E T I È R E diesen Satz a b 3 , und das „par modestie1', das wohl von zu untersuchen. Eine kurze Andeutung möge deshalb genügen. Eine eindeutige
LA CROIX DÎT M A I N E 4 ausgegangen war, ist seither eiserner Bestandteil einer Abgrenzung dieser Begriffe, als Titel angewandt, gab es im 16. J a h r h u n d e r t
Essay-Definition. Noch das Dictionnaire de Trévoux5 faßt den Begriff sehr nicht. Noch das Wörterbuch der Académie von 1694 definiert traité als discours
weit: Essay ou essai, se dit figurément en Morale des Ouvrages d'esprit. Um eine sur quelque matière, was also eine Gleichsetzung v o n traité u n d discours be-
genauere Definition bemüht sich die Encyclopédie von D I D E R O T - D ' A L E M B E R T 6 : deutet. Vergleichsweise sei eine moderne Definition v o n traité angeführt:
. . . ce mot employé dans le titre de plusieurs ouvrages, a différentes acceptions; Ouvrage où Von traite d'une science, d'un art ou d'une matière quelconque2.
il se dit ou des ouvrages dans lesquels l'auteur traite ou effleure dîfférens sujets, Discours seinerseits wird in der obengenannten Ausgabe des Dictionnaire de
tels que les essais de Montaigne, ou des Ouvrages dans lesquels l'auteur traite l'Académie so erklärt : Il se prend pour ce . . . que l'on escrit sur différents sujets,
un sujet particulier, mais sans prétendre l'approfondir, ni l'épuiser . . . Aile eine Definition, in deren Unbestimmtheit die Sprachdiktatoren der Académie
späteren Definitionen bringen nichts wesentlich Neues mehr, es sei denn, daß nicht zu übertreffen sind. Als Gegenstück eine moderne Erklärung für Discours:
m a n literarkritischc Abhandlungen, die den N a m e n Essay tragen, gesondert Traité oratoire et concis sur un sujet quelconque . . . 3 . Diese wenigen Proben von
e r w ä h n t : ouvrage où Fauteur touche un sujet sans vouloir le traiter à fond . . . Beispielen zeigen uns bereits deutlich, wie mannigfaltig die Anwendungsmög-
morceau publié dans une revue sur un sujet de littérature etc.7. Bei der Zusammen- lichkeiten dieser Wörter waren, u n d daß das Abstecken der Gebiete erst ziem-
fassung dieser Definitionen läßt sich feststellen: Auf literarischem Gebiet be- lich spät erfolgte. E r w ä h n t sei an dieser Stelle noch, daß die Essais v o n Mon-
deutet Essay 1. literarischer Versuch im ursprünglichen Sinn des Wortes (vgl. taigne (und zwar die Ausgabe von 1580) ins Italienische übersetzt den Titel
Voltaire: Une première édition n'est jamais qu'un essai8); 2. ein Werk, m i t dem discorsi trugen 4 .
der Autor nicht den Anspruch erhebt, die Materie erschöpfend zu behandeln; Alle diese notwendigen Voruntersuchungen, auch die wortgeschichtliche
3. literar kritisch er Aufsatz. Betrachtung, konnten über das Wesen des Montaigneschen Essays nicht be-
Das Wort Essay ist als Aushängeschild für formal u n d inhaltlich ganz ver- friedigend Auskunft geben.
schiedene Erzeugnisse gebraucht oder, was in vielen Fällen zweifellos treffender Die Schwierigkeiten dieser Frage werden noch vergrößert durch die Tat-
ist, mißbraucht worden: „ E s h a t sich bei jenen Schriftstellern, die nie aliquid, sache, d a ß zwar Montaigne als erster diesen Titel gebrauchte, daß aber seine
sondern immer de aliqua re schreiben, ein Stil herausgebildet, den zu unter- Essais, vor allem in den späten Kapiteln, etwas Einmaliges sind. Der Begriff
suchen lohnt. So wie es nach Goethe Gedichte gibt, in denen die Sprache allein der „freien literarischen F o r m " p a ß t zwar auf die Essais von Montaigne, aber
dichtet, so gibt es Essays, die ohne D a z u t u n des Autors aus der Schreib- niemand nach Montaigne h a t Essays im Montaigneschen Sinne geschrieben
maschine trudeln. Jenes alte gute W o r t darf auch hier angewandt werden: (vgl. letztes Kapitel). In dieser Arbeit wird versucht, Vorformen für die
der Essaystil ist der Mißbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen Termino- ,,Essays" von Montaigne zu finden, womit gleichzeitig ein Beitrag zur Ge-
logie. Es ist eine ganze Industrie, die sich da aufgetan h a t , u n d sie h a t viele schichte der ganzen Gattung geliefert werden soll.
Um feste Ausgangspositionen für die Betrachtung von Vorformen der
1
Ähnlich A. F U R E T I È R E , Dictionnaire universel... La Haye 1725: Essai se dît encore Montaigneschen Essais zu sichern, soll ein anderer Weg eingeschlagen
des écrite qu'on ne donne au public que pour sonder son gout. werden.
3
P. R I C H E L E T , Dictionnaire françois. Genève 1693. Ebenso die Ausgabe Lyon 1759. Die Bedeutungsgeschichte des Wortes Essay ist charakterisiert durch die
3
F U R E T I È R E , 1. c. Uneinheitlichkeit, ja Widersprüchlichkeit der einzelnen Definitionen ; sie weist
* In der Bibliothèque française: en premier lieu, ce titre ou inscription est fort modeste . . .
nicht einmal die Tendenz zu einer Vereinfachung oder Vereinheitlichung im
Zitiert nach V I L L E Y I I , 8. 85.
5
Dictionnaire universel François et Latin, vulgairement apellé Dictionnaire de Trévoux. späteren Lauf der Entwicklung auf, sondern die Fülle der Wortdeutungen und
Wouv. E d . Nancy 1734.
6 1
( D I D E R O T , D ' A L E M B E E T : ) Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné, dee Sciences, des COLLOFINO, Non ölet oder die heiteren Tischgespräche. Privatdruck Köln 1939, S- 398f.
2
Arts et des métiers, par une société de gens de lettres. Nouv. Ed., Genèvo 1777 fF., s. v. essai. Larousse du XX« siècle. 6 vol., Paris (1938).
7 3
F E W . — Ähnlich auch die 8. Auflage des Dictionnaire de l'Académie française. Paris Nouveau Larousse Illustré, 7 vol., Paris s. d.
4
1932. Discorsi morali, politici e militari del . . . sig. Michiel di Montagna, . . . tradotti dal
8
Zitiert nach P. C. V. BOISTE, Dictionnaire universel de la langue française. Paris 13 1855. sig. Girolamo Naselli. Ferrara 1590.
8 Voruntersuchungen Voruntersuchungen 9
Begriffsbestimmungen erscheint immer vielfältiger und verwirrender. Ebenso
stellen sich auch die Essais von Montaigne in der Vielfalt ihrer Elemente als
ein zunächst bunt zusammengewürfeltes Gebilde von lauter heterogenen Form-
und Stileinheiten dar, die aber doch durch einen übergeordneten Faktor zu-
sammengefaßt und gegliedert werden.
Schon die kurze Analyse eines beliebigen Montaigneschen Kapitels läßt dies
deutlich werden:
Voruntersuchungen Voruntersuchungen 11
10
1
ältesten und ehrwürdigsten philosophischen und sakralen Stilgebilden. Doch und einem bestimmten Zweck dienstbar gemacht . Die souveräne Stellung der
stehen diese einzelnen Formen nicht wie an einer Kette als Perlen aufgereiht einzelnen Form, wie sie sich in den Florilegien besonders klar zeigt in einem
nebeneinander, gegenseitig konkurrierend und rivalisierend ; sie gleiten viel- losen Nacheinander, vollkommen gleichgeordnet und unverbunden — oft ge-
mehr aus ihrem ursprünglich scharf abgegrenzten Wesen in eine weniger trennt durch Striche oder Sternchen ohne jeden Kommentar —, ist gefallen;
strenge Form hinein; ein besonders gutes Beispiel hierfür bietet die als dialo- die Stilformen müssen hier in einer Art organischen Zusammenwirkens sich
gisches Element bezeichnete Stelle, an der Montaigne die verschiedenen Auf- gegenseitig tragen und ergänzen. Am besten ließe sich im Hinblick hierauf der
fassungen von Hesiod und Plato kennzeichnet: „Ist doch der Essay auch viel- Essay Montaignes einem Mosaik vergleichen, in dem aus der Nähe jedes ein-
fach nichts anderes als ein verkümmertes Gespräch, und in manchem Essay zelne Steinchen deutlich zu erkennen ist, das aber, sobald man sich weiter
Montaignes würden die miteinander ringenden, auf und ab wogenden Gedanken entfernt, nur noch als Ganzes wirkt. Und wie das Mosaik in besonderem Maße
sich deutlicher gegeneinander abheben, wenn der Verfasser sie in die Form die Möglichkeit hat, Gegensätze schroff zu betonen und Farben in gewolltem
eines Dialogs gebracht hätte 1 ." Die betreffende Stelle hätte — etwa in einem Kontrast aufeinanderprallen zu lassen, so hat der Essay die Möglichkeit, die
Lukianschen Totendialog — vielleicht folgendes Aussehen : einzelnen Stilformen auszuspielen und ein reizvolles Gegeneinander zu in-
szenieren, ebenso wie er die Möglichkeit hat, sie ineinander übergleiten zu
PLATON : La peine suit de bien près le peché. lassen.
H B S I O D : (Ce n'est pas juste), elle naist en l'instant et quant et quant le peché.
Der übergeordnete Faktor aber, unter dem diese heterogenen Elemente zu-
Diese Strenge der Form, die das Gegeneinander zweier Meinungen schroff sammengefaßt werden können, ist jeweils ein anderer. In unserem Beispiel war
ausdrückt, ist jedoch nicht mehr geeignet, in der verbindlicheren Atmosphäre es die Beweisführung für das gesetzmäßige Auftreten einer psychologischen
des Essays aufzutreten, und so muß sie gemildert werden, indem derjenige Reaktion. Damit ist jedoch keine Beweisführung im scholastisch-magistralen
Gesprächspartner, dessen Meinungen Montaigne selbst vertritt, der eigentlich Sinne zu verstehen, sondern eine Beweisführung, wie sie innerhalb eines an-
Redende ist, während die Anschauung des Gegners fast nur als Belief dient: geregten Gespräches unter gleichgesinnten Freunden üblich ist. Die Essais
sollen ja auch kein Lehrbuch sein: Montaigne sagt selbst, daß er die Künste
Hésiode corrige le dire de Platon, que la peine suit de bien près le peché: car il dit nur pflegt aus Liebhaberei, und wenn dabei auch ein bißchen kokette Non-
qu'elle naist en l'instant et quant et quant le peché. chalance des Grandseigneurs mitschwingt, so ist die Atmosphäre der liebens-
würdigen Leichtigkeit doch ein wesentliches Merkmal seines Essays. Am besten
Aber selbst diese bereits gemilderte Form wird noch mehr verschliffen, indem
hat er selbst das ausgedrückt, wenn er sagt: Là, je feuillette à cette heure un
Montaigne seinerseits aus der objektiven Haltung des nur Feststellenden her-
livre, à cette heure un autre, sans ordre et sans dessein, à pièces descousues; tantost
austritt und die Hesiodsche Meinung mit eigenen Worten wiederholt und
je resve, tantost j'enregistre et dicte, en me promenant, mes songes que voicy . . .
analysiert; dadurch wird die scharfe Prägnanz des Dialogs, die im ersten Satz
Si quelqu'un me diet que c'est avillir les muses de s'en servir seulement de jouet
noch durchschimmerte, vollends verdrängt :
et de passetemps, il ne sçait pas, comme moy, combien vaut le plaisir, le jeu et
Quiconque a t t e n t la peine, il la souffre, et quiconque l'a méritée, l'attend. le passetemps. A peine que je ne die toute autre fin estre ridicule. Je vis du
jour à la journée; et, parlant en reverence, ne vis que pour moy; mes desseins se
Dieses Beispiel, dem sich viele andere anreihen ließen, zeigt schon, daß der terminent là. J'estudiay, jeune, pour l'ostentation; depuis, un peu, pour m'assagir;
Begriff der alten überkommenen Stilformen bei Montaigne oft schon sehr weit à cette heure, pour m'esbatre; jamais pour le quest (III, πι, 53f.).
gefaßt werden muß: Um die zugrunde liegende Form zu erkennen, ist die Diese Wertschätzung der Liebhaberei, der die angestrengte Arbeit des Stu-
Analyse notwendig. Das gilt — mutatis mutandis — von sämtlichen Stilformen diums ebenso fremd ist wie jede dogmatisch-doktrinäre Haltung, ist aber auch
mit Ausnahme der zitierten Sentenzen, Proverbien usw., deren Form gleich- 1
E. W I T T K O W E B h a t in ihrer Dissertation Die Form der Essais von Montaigne (Basel
zeitig mit der sprachlichen Gestaltung erstarrt ist und somit für alle Zeiten so 1934, ersch. Berlin 1935} die Form der Essais auf ein Schematisches Abwechseln zwischen
und nicht anders feststeht. Beispiel, philosophischer Betrachtung usw. reduziert. Diese Methode ist richtig vor allem
Die Analyse eines Montaigneschen Essays zeigt aber auch, daß die einzelnen für die ersten Essays Montaignes, wenn auch dieses Schema die Funktion der einzelnen
Teile (Exemplum etc.) innerhalb des ganzen Essays zu wenig zur Geltung kommen läßt.
Formen nicht unmittelbar nebeneinander stehen, sondern daß sie in geschickten F ü r die späteren Essays, vor allem für die des 3. Buches, ist diese Methode nicht mehr das
Überleitungen ineinander übergeführt werden. Die charakteristische Eigenart Charakteristikum, sondern die Gedankenreihen, die durch den Faden der Assoziation mit
jeder einzelnen bleibt erhalten — der Gedanke, dem sie Ausdruck verleiht, dem Thema verbunden sind. Bei genauerem Zusehen finden sich oft noch mehr Verbin-
erhält dadurch seine besondere Nuance —, gleichwohl ist sie untergeordnet dungen zwischen Digressionen und Thema, als das erste Lesen aufzudecken vermag.
(Vgl. hierzu J. THOMAS über den Essay De la Vanité in: Humanisme et Renaissance V
1
It. H I E Z E L , Der Dialog. Ein literarhistorischer Versuch. 2 Bde., Leipzig 1895,1, S.244f. (1938), S. 279—306).

Schon, Vorfoimen 2
12 Voruntersuchungen Voruntersuchungen 13
dafür verantwortlich zu machen, daß im Essay gelegentlich — so auch in partner aus verschiedenen Lebens- und Wissensbereichen kommen, hat auch
unserem Beispiel — Dinge behandelt werden, die, in die religiöse und philo- jeder von ihnen seine eigenen Sprach- und Stilformen, und aus dieser Per-
sophische Sphäre hineinreichend, mit einer spielerischen Leichtigkeit behandelt spektive kann man die Vielfalt der von uns festgestellten Formelemente be-
werden, die zwar anmutig und liebenswürdig wirkt, aber manchmal der Grenze trachten. Daß aber der Essay als Ganzes doch nur das Werk eines Einzelnen
des Frivolen bedenklich nahe kommt. Und damit ist ein Faktor festgestellt, ist, obwohl er in seiner Vielfalt der Formen eine ganze Reihe von Menschen in
der den Essay der Causerie der guten Gesellschaft nähert, in der man über ihren verschiedenen Interessen widerspiegelt, ist zu erklären aus dem Bildungs-
alles und jedes sprechen kann, vorausgesetzt, daß man den Gesetzen der ideal des Humanismus (bzw. der Aufklärung), das alle Lebens- und Wissens-
Gentillesse entsprechend einen gewissen Relativismus pflegt, der alle und jeden bezirke umfassen wollte, aus dem Ideal der Universalität.
zu Wort kommen läßt, und der keine Meinung als die einzig wahre von vorn- Aus dieser Charakterisierung des Essays als einer erstarrten Konversation
herein über alle andern möglichen stellt. Und so ist es denn auch kein Zufall, erklären sich dann auch die gelegentlichen Gedankensprünge, die als Ideen-
daß die Jahrhunderte, in denen der Essay entsteht bzw. am meisten gepflegt assoziationen des einen oder anderen Partners begriffen werden können, und
wird, zugleich die Jahrhunderte sind, in denen, soziologisch gesehen, die Ge- daraus erklärt sich auch, warum ein gegebenes Thema mitunter sehr neben-
sellschaft in der höchsten Blüte jener Kultur steht, die sich als reinsten Ausdruck sächlich werden kann: es hat durch ein neu auftauchendes Objekt — wie in
ihres Wesens die Salons geschaffen hat, in denen sich alle Größen der Wissen- der Konversation — an Interesse verloren und wird schließlich nur noch be-
schaft und Kunst ein Stelldichein geben, wo der Theologe neben dem Juristen, handelt, weil der ganze Gesprächskreis ein etwas schlechtes Gewissen hat, so
Philosophen, Naturwissenschaftler ebenso zu Wort kommt wie die femme du weit vom ursprünglich eingeschlagenen Weg abgekommen zu sein.
monde und der honnête homme. Damit aber all diese heterogenen Elemente
Daraus erhellt ferner, daß der Essay eine Form ist, die alle Vorzüge und
miteinander harmonierten, durfte das Gespräch nie in eine Fachsimpelei
Schwächen der Konversation in sich bergen kann : Seine liebenswürdig leichte
ausarten, sondern mußte sich auf einer allgemein-verständlichen Ebene
Eleganz besitzt als Möglichkeiten die Schaffung von Anregungen aller Art,
halten, die aber immer noch ein sehr hohes Bildungsniveau, vor allem eine sehr
die Auffindung verborgener Schätze an Gedanken und Gefühlen, aber auch
große Belesenheit, voraussetzte. Betrachtet man diese Gesellschaftskultur und
das Versinken in Schwätzerei und Verflachung.
die Conversation, die ihr vollendetster Ausdruck war, so erscheint von hier aus
der Essay dieser Jahrhunderte als ein schriftlich fixiertes und damit erstarrtes All das hängt aber ab von der Persönlichkeit des Essayisten, der in sich eine
Gespräch eines ganzen Salons. Die Verwandtschaft des Essays mit dem Ge- ganze Reihe anderer Mentalitäten aufnehmen muß. Und diese individuelle
spräch wurde auch schon gelegentlich erkannt ; dabei muß aber im Fall Mon- und vielleicht manchmal sogar individualistische Note des Essays ist schuld
taignes der Schwerpunkt auf der Feststellung liegen, daß man seine Essays, daran, daß man in den poetiksüchtigen Jahrhunderten von 1600—1800 sich
analytisch betrachtet, als das literarische Ergebnis einer Konversation mehrerer davon ferngehalten hat, so etwas wie eine Poetik des Essays zu schreiben.
Partner auffassen und damit besonders plastisch beleuchten kann 1 . Auch dafür Und sie erklärt ferner, daß es keine endgültige, sondern nur eine annähernde
bietet der eingangs analysierte Essay wieder ein gutes Beispiel. Gesprächs- Definition für den Essay gibt.
thema ist die Conscience. Der honnête homme beginnt das Gespräch mit der
Erzählung eines persönlichen Erlebnisses. Der Theologe quittiert diese Anek-
dote mit dem Ausruf: Tant est merveilleux l'effort de la conscience*, und gibt
gleichzeitig eine Art theoretischer Analyse dieser psychologischen Erscheinung :
Elle nous faict trahir, accuser et combattre nous mesme . . . Der homme de lettres
trägt aus dem Schatz Seiner Lesefrüchte eine antike Anekdote bei, und der
Philosoph erinnert an die Lehrmeinungen von Hesiod und Plato, die er analy-
siert und kommentiert. Da aber diese verschiedenen imaginären Gesprächs-

1
Vgl. H I R Z B L , I , S. 244f. Wenn Hirzel sagt, daß bei Montaigne „die miteinander
ringenden und auf- und abwogenden Gedanken sich, deutlicher gegeneinander abheben
würden, wenn der Verfasser sie in die Form eines Dialogs gebracht h ä t t e " , so liegt dieser
Feststellung die richtige Beobachtung des dialogischen Elementes in den Essais zugrunde.
Aber wir dürfen nicht vergessen, daß das Reizvolle der Essais gerade darin liegt, daß
Montaigne den Schritt vom Dialog zum Essay bereits getan hat, und wir dürfen nicht
die Möglichkeit einer Dialogfassung der Essais als eine ihre Klarheit fördernde Form.
positiv bewerten.

2*
Der Dialog 15
wir können vielmehr den Dialog als solchen bzw. viele Dialoge der antiken und
neueren Literatur als Vorformen des Essays ansehen.
Doch zunächst stellt sich uns die Frage : Was ist ein Dialog und was bedeutet
das Wort Dialog? Das griechische Verbum διάλέγειν „ist soviel wie ausein­
ander lesen, sondern, zergliedern, das Medium, eigentlich etwas für sich reden,
Dialogische Formen sodann aber und vorzüglich etwas in der Rede erörtern. Auch die erste Be-
deutung von διάλογος würde daher die einer Erörterung sein 1 ". Auf Grund
Der Dialog von Stellen bei Plato hat HIRZEL gezeigt, daß mit dem Wort διάλογος die
„Vorstellung eines Gespräches nicht nothwendig verbunden war 2 ", daß viel-
„Piaton me semble avoir aimé cette forme de philosofer par
mehr das Denken selbst als διάλογος gefaßt wird, „den die Seele mit sich selber
dialogues à esciant, pour loger plus décemment en diverses
bouches la diversité et variation de ses 'propres fantasies. Diverse- anstellt 3 ", als ein rein innerer Vorgang, und daß jede Erörterung, also ζ. Β.
ment traicter les matières est aussi bien les traicter que conformé- auch ein Vortrag, diese Bezeichnung erhalten konnte. Diese ursprüngliche
ment, et mieus, à sçavoir plus copieusement et utillement." Bedeutung des Wortes Dialog weist Verwandtschaft mit dem Begriff des
MONTAIGNE, Essais (II, x n , 237). Montaigneschen Essays auf. Der Dialog jedoch, als literarische Erscheinung
Die Analyse eines beliebigen Montaigneschen Essays hat bereits gezeigt, genommen, ist „eine Erörterung in Gesprächsform. Er ist daher allerdings
welche hervorragende Rolle das dialogische Element in der Schreibweise un- nur eine Art des Gesprächs, unterscheidet sich aber von allen anderen Ge-
seres Autors spielt. Dem Beispiel setzt er ein Gegenbeispiel gegenüber, ein sprächen in der Literatur dadurch, daß in ihm mehr als anders das Gespräch
historisches Ereignis findet seine Analogie in ähnlichen Ereignissen, aber auch eine selbständige Bedeutung erlangt hat 4 ". Wie nahe verwandt Dialog und
sein Pendant im anders gerichteten Abrollen einer anderen Handlung, und Essay sind, zeigen einige Sätze, die D'ALEMEERT über das Gespräch geschrieben
eine philosophische Meinung wird kontrastiert durch das „επέχω" der Ansicht hat : Les lois de la conversation sont en général de ne s'y appesantir sur aucun
des anderen Lagerg. Sein Denken vollzieht sich in Gegenwart von Dingen, objet, mais de passer légèrement, sans effort et sans affectation, d'un sujet à un
Ereignissen und Meinungen, die der Widerspruch oder irgendeine Apperzep­ autre, de savoir y parler de choses frivoles comme de choses sérieuses; de se souvenir
tionsstütze auf die Bühne ruft. Man könnte sein Denken einen Dialog mit den que la conversation est un délassement. . . en un mot de laisser, pour ainsi dire,
Dingen nennen, das genau wie der echte Dialog den Gegenstand von verschie- aller son esprit en liberté, et comme il veut et comme il peut; . . . de n'y point avoir
denen Seiten zu beleuchten sucht oder den Gedanken abwandelt oder umkehrt. le ton dogmatique et magistral5. Diese Worte sind nicht nur eine schöne Definition
des Gesprächs, sondern können auch — abgesehen von dem Wort conversation
Woher kommt es, daß Montaigne diese Methode so vertraut ist ? PORTEATJ hat — gleichzeitig als eine ausgezeichnete Charakterisierung der Montaigneschen
bereits darauf hingewiesen1, daß diese Art einer beliebten Übung in den da- Essays angenommen werden! Glauben wir nicht Montaigne selbst sprechen
maligen Schulen entspricht, den disputationes in utramque partem, die auch zu hören in den Worten sans effort et sans affectation . . . L· conversation est un
Montaigne von seiner Schulzeit her zur Genüge gekannt haben dürfte. Diese délassement . . . de faisser aller son esprit et comme il veut et comme il peut"1.
disputationes bestanden darin, daß ein Teil der Schüler eine bestimmte Meinung Das sind Gedanken, die Montaigne selbst mehr als einmal ausdrückte, wenn
vertreten mußte, während der andere Teil die Anwaltschaft für die entgegen- er sich über seine Essais und seinen Stil Rechenschaft gab.
gesetzte These übernahm. Montaigne bringt es auch in seinen Essais fertig,
eine Theorie nur zum Schein zu vertreten, sie pour exercice oder par essay Seit PLATO blieb der Dialog eine beliebte Form der philosophischen Unter-
aufrechtzuhalten, eine Methode, die ihre Krönung in Descartes' 1. Meditation suchung, ja er wurde sogar zum Gattungsnamen für philosophische Schriften
fand. Diese Methode kannten auch schon die Rhetorenschulen der Antike, und überhaupt 6 , und es würde eine endlose Namenreihe werden, wollte man die
Tertullians De pallio legt hierfür genau so gut Zeugnis ab wie zu Anfang der philosophischen Dialoge von den Griechen her bis ins 18. Jahrhundert hinein
Renaissance noch manche Adagia des Erasmus (palinodiam canere) und wie aufführen. Ihnen allen aber ist eines gemeinsam: sie versuchen, ein Thema
sein Encomium moriae. Vorwegnehmend soll auch die Methode der Loci-com- nicht in der Form einer streng wissenschaftlichen und vielleicht etwas trockenen
TOMites-Hefte erwähnt werden, in denen nicht nur unter bestimmten Schlag- Abhandlung zu erörtern, sondern wollen die Materie in gefälligerem Gewände
wörtern analoge Exempel und Sentenzen eingetragen wurden, sondern auch
Beispiel und Gegenbeispiel. 1
IIKZK, 1. c. I, S. 2f. 2
ibid. S. 3, A n m .
3
ibid. 8. 4, Anm. Rufen diese Worte nicht die Erinnerung an die Soliloquia animât
Aber wir haben den Dialog nicht nur unter dem eben angedeuteten Gesichts- des Augustinus wach?
punkt der direkten Einwirkung auf die Schreibweise Montaignes zu betrachten ; 4
HmzEL, 1. c., I, S. 7. 5
Encyclopédie, Art. conversation von d'Alembert.
β
Ε. BiCKEL, Lehrbuch der Geschichte der römischen Literatur. Heidelberg 1937, S. 411.
P . PORTEAU, Montaigne et la vie pédagogique de son temps. Paris 1935, S. 20ff.
1β Dialogisehe Formen Der Dialog 17
und in gelockerter und freierer Gedankenführung darbieten. Hier liegt der dieser späteren Zeit betriebene Popularisierung der Philosophie stellte selbst
Grund, warum viele dieser Dialoge etwas Essayartiges an sich haben, und dies diese Art des Dialogs noch zu hohe Ansprüche, und weder die im Lande umher-
war auch der Grund, weshalb man schon öfter die Dialoge Piatons als Essays ziehenden Sophisten noch die kynischen Wanderredner konnten ihn für die
bezeichnete. Selbstverständlich handelt es sieh bei dieser Aussage nur um Verbreitung ihrer Meinungen gebrauchen. Dieses Zurücktreten des Dialoges
einen Vergleich der Formen post festum, und es bedarf wohl kaum der aus- findet seine große Parallele in der Zeit nach der römischen Spätantike. Und
drücklichen Feststellung, daß daraus nicht die Berechtigung abgeleitet werden wie das Mittelalter im wesentlichen nur noch Schuldialoge und Katechismen-
soll, diesen Vergleich in ein genetisches Denken umzusetzen. Es ist ja damit literatur hervorgebracht hatte, so entstand in der nachplatonischen Zeit auch
nicht mehr gesagt, als daß Formen, die zumindest eine innere Verwandtschaft ein neues, aber mächtigeres Genre, von dem später noch zu sprechen sein wird:
mit dem Essay haben, lange vor Montaigne existierten und daß zu diesen auch die Diatribe.
Platonische Dialoge gehören. Es wäre an dieser Stelle müßig, diese Behauptung Für die Dialoge der römischen Antike gab es ein großes Vorbild, das bis in
durch Analysen einzelner Platonischer Dialoge erhärten zu wollen, aber eine die Benaissance hinein wirksam blieb: CICERO. Fast allen seinen philosophi-
Einschränkung zu machen ist nötig: wir denken bei diesen Essay-Dialogen schen Schriften hat er die Dialogform gegeben. Zweifellos hat er sich an
weniger an die Dialoge der rein sokratisch-mäeutischen Methode als vielmehr Plato geschult, dessen Timaeus und Protagoras er übersetzt hat. Auch die
an den Typus des Protagoras und vor allem des Symposion1. Der Gleichsetzung sokratische Methode der Dialogführung finden wir bei ihm wieder, doch nur
von platonischem Dialog und Essay hat am eindeutigsten HTEÄEL Ausdruck als aufgesetztes Licht zur Belebung der Szenerie. Sein De Oratore ist nicht
gegeben: ,,. . . die Platonischen Dialoge sind großentheils Essays, und zwar in der Form einer schnellen Wechselrede gegeben, sondern es wird von der
in einem doppelten Sinn. Sie sind es einmal, insofern die sokratischen Ge- aristotelischen Form des Dialogs Gebrauch gemacht, und die Gesprächspartner
spräche, die sie nachahmen, etwas vom Charakter des Essays an sich tragen halten mehr oder minder große Vorträge, die zusammengesetzt eine erschöp-
und, wie dieser von unbedeutenden Anlässen ausgehend, sich mehr und mehr fende Behandlung des Themas ergeben. Es handelt sich also hier nicht darum,
vertiefen. .. .auch die Absicht der platonischen Dialoge gleicht derjenigen von den Gegenstand nur zu beleuchten, dem Geist innerhalb eines gestellten
Essays. ,Anzuregen, nicht zu erschöpfen bleibt ja die bescheidene Aufgabe des Themas freien Lauf zu lassen „et comme il veut et comme il peut", sondern Cicero
Essays 2 ' hat ein neuerer Schriftsteller gesagt, und seit Schleiermacher kann will eine systematische Untersuchung vorlegen. Die Dialogform ist lediglich
kaum noch bestritten werden, daß auch Piaton mit einem großen Theil seiner ein Mittel, das eine gewisse Auflockerung der Materie bewirken soll.
Schriftstellerei nichts anderes bezweckte 3 ." Übrigens nimmt HIBZEL den
Das gleiche gilt auch von den Tusculanischen Gesprächen, die, dem Titel
„Staat" ausdrücklich aus der Reihe der essayistischen Dialoge heraus, denn
nach zu urteilen, vielleicht eine freiere und pointierte Unterhaltung erwarten
er will „seinen Gegenstand erschöpfen und seine Darstellung in systematischer
lassen könnten. Zwar folgt zu Anfang der Untersuchungen Rede und Gegen-
Weise abschließen 4 ". Auch die Sprache Piatos ist nach HIRZEL die Sprache
rede rasch aufeinander, jedoch in der für eine Unterhaltung das Ziel zu stark
des Essayisten, und der von ihm S. 246 zitierten Theaitet-Stelle ließen sich
anvisierenden Art des sokratischen Erfragens, um dann der aristotelischen
ähnlich klingende Montaigne-Zitate, die die Forderung des parier simple er-
Dialogform und damit längeren Einzelvorträgen Baum zu geben. Auch hier
heben, an die Seite stellen : „Seine Sprache sollte die des täglichen Lebens sein,
herrscht wieder die Systematik — man lese im 4. Buch, das von den Leiden-
und sie ist es auch mit der Fülle ihrer Worte und Wendungen . . . " sagt HIRZEL
schaften handelt, die Kapitel 5—9, um die ermüdende Aufzählung und syste-
S. 247 von Plato, was genau so von Montaigne gesagt werden könnte.
matische Einteilung der perturbationes animi kennenzulernen. Die gleiche
Nach Plato verlor der literarische Dialog, der neben dem darzulegenden Systematik gliedert seine Bücher De finibus bonorum et malorum, indem gleich-
Inhalt großen Wert auf die Form legt, immer mehr an Bedeutung. Für die in mäßig abgewechselt wird zwischen Darlegung und Kritik der einzelnen philo-
sophischen Theorien über das höchste Gut. Die Dialoge Ciceros lassen das
1
Es ist unseres Erachtens überhaupt ein Unterschied zu machen zwischen den Dialogen, vorgefaßte Ziel nicht aus den Augen, und jede Digression — ζ. Β. in De Ora­
in welchen jeder Gesprächspartner in gleicher Weise Gedanken zur Entwicklung des tore — ist nur scheinbar eine Abschweifung und bleibt eng mit dem Thema
Themas beiträgt (hierhin gehören alle „Gastmahl·'-Dialoge) und solchen, in denen der
verknüpft. Hier gibt es kein Sich-treiben-lassen wie in den assoziativen Ge-
eine Gesprächspartner die Erörterung führt und der andere nur „ J a " und „ N e i n " sagt
oder Zwischenfragen stellt. Letztere sind im Grunde nur dialogisierte Abhandlungen dankenreihen Montaignes.
(wie ζ. Β. viele der Erasmischen Gespräche) u n d s i n d vom Essay weiter entfernt als der De legibus ist vielleicht der reinste und echteste Dialog Ciceros. E s
erste Typus. — Die Bezeichnungen sokratische oder aristotelische Dialogmethode wird
obiger Unterscheidung nicht gerecht. Über die Entwicklung der Dialogform bei P l a t o
werden nicht nur Zwischenfragen gestellt, die lediglich ein dialogisches Element
vgl. W. J A E G E R , Aristoteles. Berlin 1923, S. 24ff. darstellen und weiter nichts sind als fragende Interjektionen, sondern di e
a
T R E I T S C H K E , im Vorwort zur 1. Aufl. seiner historischen und politischen Aufsätze. Partner tragen, vor allem in dem 1. Teil des Dialogs, durch den Ausdruck
3 4
HrazEL I, S. 245 u. S. 246. B J R Z E L I, S. 246. ihrer eigenen Meinung und neuer Gedanken zum Fortgang der Entwicklung
18 Dialogisehe Formen Der Dialog 19
hei. Damit ist dieser Dialog wirklich eine Abhandlung, der durch die F o r m Nach der einleitenden Bitte der beiden Freunde Scipio und Laelius, Cato
vollendeter Konversation Schwere u n d trockenes Dozieren genommen wird. möge sie belehren, mit welchen Mitteln sie die Beschaffenheit des von ihm er-
U n d damit haben wir ein wichtiges Element, das wir als ein Kennzeichen des reichten Zieles erkennen könnten, u n d dem Hinweis, daß Calos Altor deshalb
Essays festgestellt haben, gefunden. So wie jedoch H I E Z B L Piatos , , S t a a t " aus vielleicht so erträglich sei, weil politischer Einfluß, Reichtum und Ansehen es
der Reihe der essayistischen Schriften ausnimmt, weil diese Schrift ihr Thema verschöne, antwortet der Greis mit einem schönen Apophthegma (ut The-
völlig erschöpfen will, so müssen wir vielleicht auch aus dem gleichen Grunde mistocles fertur Seripkio cuidam in iurgio respondiese, quum Ule dixisset non
Ciceros De legibus genau so einsehätzen, vor allem, wenn man annehmen eum sita, sed patriae gloria splendorem assecutum: Nee hercule, inquit, si ego
muß, daß mit den 3 Büchern über dio Gesetze nur ein Teil der ciccronianischen Seriphius essem, nee tu si Atheniensis esses, clarus unquam fuisses 111, S), das
Schrift auf un3 gekommen ist und d a ß somit das Thema von Cicero vielleicht er als Gleichnis für das Alter nimmt, das bei größter A r m u t nicht einmal für
ebenso erschöpfend behandelt werden sollte wie in Platos ..Staat". Aber es einen Weisen leicht sein kann, wie es andererseits für den Unweison selbst bei
interessieren uns in diesem Rahmen nicht nur literarische Produkte, die in höchstem Überfluß eine Last bedeuten kann. Wissenschaft und praktische
allen P u n k t e n Ähnlichkeit mit den Montaigneschen Essays aufweisen, sondern Tugend seien die besten Waffen gegen die Beschwerden des Greisenalters. Als
auch einzelne stilistische Mittel, die denen des Essays ähneln oder die gleiche Beleg für diese Behauptung führt er als selbsterlebtes Exempel die Taten und
Absicht verfolgen. die Geisteshaltung von Quintus Fabius Maximus an, die den gesamten IV. Ab-
Dem Geiste u n d der Form eines Montaigneschen Essays wesentlich näher schnitt ausmachen — u n d Cicero gibt V, 13 sogar selbst die Erklärung, warum
ist eine Altersschrift Ciceros, De senectute, in welcher der Dialog nicht kon- er so ausführlich davon gesprochen h a b e : Quorsus igitur haec tarn multa de
sequent durchgeführt ist, sondern nur die Einleitung bildet zu einer in Ichform Maximo? Quia profecto videtis nefas esse dictu miseront fuisse talem senectu-
geschriebenen Abhandlung über Wesen und P u n k t i o n des Greisenalters. D a ß tem , . . Um dem Einwand vorzubeugen, daß nicht alle Menschen auf ein an
Cicero als Hauptsprecher den älteren Cato wählt, ist aus dessen Ruf als ehren- äußeren Erfolgen so reiches Leben zurückblicken können, schließt er eine
wertester Greis Altroms zu verstehen, der in einem Alter von 84 J a h r e n ohne Exempelreihe an, die Plato, Isokrates und Gorgias umfaßt, als Beleg für die
wesentliche Einbuße an körperlichen oder geistigen Kräften hohes Vorbild B e h a u p t u n g Est etiam quiete et pure atque eleganter aetae aetatis placida ac lerne
römischer Tugenden war. D a ß er ihn jedoch in seiner Grundhaltung umstilisiert senectus (V, 14). U n d den Beschluß dieser Beweisführung machen zwei Verse
von dem strengen, ja starren Zensor der Sitten zu einem liebenswürdigen, ver- von Ennius :
ständnisvollen und durch eingehende Studien feingebildeten Greis, ist bereits
eines jener Elemente, durch die diese Schrift den dogmatischen Charakter Sicut fortis equus, spatio qui saepe supremo
vieil Olympia, nunc senio confectu' quiesdt (V, 14).
einer philosophischen Abhandlung verliert u n d einer zwar noch straff geglie-
derten, aber in Ton und Gesprächsführung konzilianten Plauderei annähert.
Zusammenfassend stellt er d a n n alle die Gründe fest, aus denen das Alter für
SoMMERimODT charakterisiert die Schrift als „flüchtig hingeworfen, aber aus
traurig gilt : unarm quod avocet a rebus gerendis, alterum quod corpus facial in-
einem Guß als das Werk einer gehobenen und heiteren S t i m m u n g 1 " , eine
firmius, tertiam quod privet omnibus fere voluptatibus, quartam quod hand
Wertung, die sieh ohne weiteres auf einen Essay Montaignescher Prägung
procul absit a morte (V, 15) u n d die er im folgenden zu widerlegen sucht, indem
beziehen könnte. Und J A K O B GRIMM schreibt in der Einleitung zu seiner Rede
er Dichterzitate (VI, 16; V I , 20; V I I I , 25 . . .), Exempelreihen (VI, 15; V I I ,
,,Über das Alter 2 " : , , . . . es sind lauter ernste männliche Gedanken, in gefügter
2 1 ; V I I , 2 3 ; X X , 75 . . .), Apophthegmen (XIV, 47; X X , 72 . . .), Epitaphien
Gliederung fortschreitend u n d sich entfaltend, v o n triftigen Beispielen u n d
( X V I I , 61 ; X X , 73) zur Stützung seiner Behauptungen anführt. Noch charak-
Bildern belebt, mit einer freien, niemand aufgenöthigten Aussicht auf die
teristischer aber für die essayartige H a l t u n g dieser Schrift ist eine ausführliche
Fortdauer der Seele nach dem Leben ruhig geschlossen. Gleich die an die
Digression über das Landleben, dessen Schönheit er enthusiastisch preist
Spitze gestellten Ennianischen Verse . . . spreiten einen wohlthuenden, an-
(XV, 51—54) u n d die eine der Freuden behandelt, die m a n im Alter ganz
haltenden Schimmer über die ganze Schrift. . .", eine Charakterisierung, aus
besonders genieße. Dabei aber entfernt er sich so weit von seinem Ausgangs-
der manche Elemente ohne weiteres auf Montaignesche Essays zutreffen
punkt, daß er sich in einer begeisterten Schilderung der Wunder pflanzlichen
( „ . . . von triftigen Beispielen u n d Bildern belebt, mit einer freien, niemand
Lebens verliert, so daß er ob dieser Abschweifung selbst ein schlechtes Ge-
aufgenöthigten Aussicht. . . " ) .
wissen b e k o m m t : Possum persequi permulta oblectamenta rerum rusücarum;
1
sed ea ipsa, quae dixi, sentio fuisse longiora (XVI, 55).
M. Tullii Ciceronis Cato Maior De Senectute. Erklärt von J. SOMMERBEODT. Berlin
1877, S. 9. Aus dieser flüchtigen Skizzierung von Ciceros Altersschrift ergibt sich schon,
2
Drei Reden Jakob Grimms. Friedrich Schiller. Über das Alter. Wilhelm Griram, Ein- daß hier Formelemente verwendet sind, die für die Montaigneschen Essais
geleitet und herausgegeben von Dr. Max Mendheim. Leipzig s. a., S. 45. charakteristisch sind, und d a ß auch, was beinahe noch wesentlicher sein dürfte,
•20 Dialogisehe Formen Der Dialog 21
jener Ton der eleganten, liebenswürdigen Plauderei getroffen ist, der die sind nicht nur durch ihren Stil, sondern auch noch durch ihre Absicht dem
eigenen Ansichten des Autors treffend entwickelt, ohne aber durch Sprödigkeit Essay unähnlich, sie sind vielmehr einer anderen Kunstform verwandt. Lukian
oder Strenge zu verstimmen, ein Ton, der wie bei Montaigne gelegentlich den selbst h a t es als das Neuartige seines Werkes bezeichnet, Dialog und Komödie
Anstrich einer Konfession h a t ( X I I I , 4 5 : Sed quid ego alios2, ad me ipsum iam zusammengeführt zu h a b e n 1 , und so steht neben der verfolgten Tendenz stets
revertar . . . ; X V I , 55). das Ziel der Erheiterung u n d Belustigung des Lesers. Man kann sicherlich
Einige dieser Beispiele haben uns gezeigt, d a ß nicht immer der Dialog eine nicht von Lukians Dialogen behaupten, d a ß ihnen etwas Systematisches oder
Abhandlung zum Essay macht, nämlich dann nicht, wenn die Abhandlung Schulmäßiges anhaftet, u n d gerade durch das neue Element, das er dein Dialog
systematisch durchgeführt und eine lockere Gesprächsführung unmöglich ge- gab, h a t er ihm Auftrieb gegeben — oder genauer gesagt, ihm ein anderes
macht wird; denn in ihrem Wesen schließen Systematik und Dialog sich aus. Betätigungsfeld zugewiesen: er h a t den Dialog zu einer literarischen Waffe
SEÍTECAS philosophische Dialoge werden in diesem Zusammenhang bewußt gemacht und jeder Polemik seine Dienste angeboten. N u r so h a t die Renais-
übergangen. Das dialogische Element ist in ihnen so stark zurückgedrängt, sance Lukian gesehen u n d ihn in diesem Sinne nachgeahmt. Satiriker wie
d a ß der Gesprächspartner nur gelegentlich durch fingierte Einwürfe in unser Despériers, Rabelais oder die Verfasser der Ménippèe fanden bei ihm ihn-
Blickfeld geschoben wird. Auf diese Schriften Sénecas werden wir in dem Waffen 2 . Auch E R A S M U S h a t seine gegen Scholastik und Mönchswescn ge-
Kapitel über die Diatribe zurückkommen. richtete Ironie an ihm geschult 3 . — Aber der Essay ist wesentlich unpolemiseh,
Es soll noch von einem Frühwerk des T A C I T U S gesprochen werden, seinem u n d es ist sehr einleuchtend, was V I L L E Y über das Verhältnis Montaignes zu
Dialogue de oratoribus: „ E s ist ein literarischer Essay, wie in der ganzen An- Lukian sagt: „Il est remarquable que Montaigne semble l'étudier si peu. C'est que.
lage, so auch im S t i l 1 . " H I B Z B L h a t teilweise mit diesem Urteil zweifellos recht, Lucien convient surtout aux tempéraments satiriques et frondeurs, Montaigne eut
u n d wir m ü ß t e n zur Bestätigung das wiederholen, was bereits über die Wirkung avant tout un pondéré . . .V So können wir von unserem Urteil über die
des Dialogs als Mittel zur Auflockerung gesagt worden ist 2 . Auch erinnert Lukianischen Dialoge auch nur die wenigen ausnehmen, die nicht der Satire
uns beispielsweise das Lob der Eloquentia in den K a p . 5—7 an die Methode dienen, etwa seinen Dialog über die Gymnastik (Anacharsis) oder den über
des Essayisten, den Gegenstand von verschiedenen Seiten zu sehen u n d zu die Pantomimik. Dies sind tatsächlich a m ü s a n t e Plaudereien, die ihren Gegen-
beleuchten. Eigentümlich p a ß t auch die Epigonenstimmung, „seine pessi- stand frei von allem Schulstaub zu behandeln wissen. Außer den Dialogen ist
mistisch angehauchte Sehnsucht nach den unwiederbringlichen Tagen der in diesem Zusammenhang die Abhandlung „Wie m a n Geschichte schreiben
Vergangenheit 3 " und die Abwendung von der Gegenwart zu der H a l t u n g des soll" zu erwähnen, für die er die Briefform wählte (gerichtet an seinen F r e u n d
Essayisten, die wir später noch erläutern werden. Aber der Dialog würde h e u t e Philo). Schon der Charakter seiner Dialoge läßt vermuten, d a ß Lukian über
noch viel stärker als Essay empfunden werden, wäre er nicht in dem rhetori- dieses Thema keinen trockenen T r a k t a t geschrieben h a t ; und so ist auch dieser
schen P a t h o s der Frühwerke des Tacitus geschrieben. Ein Satz wie der folgende Brief im Plauderton gehalten, aufgelockert durch viele Beispiele u n d gewürzt
entspricht nicht der Forderung des parier simple : nostra quoque civitas, donec mit dem attischen Salz seiner Kritik. Eher als seine Dialoge ist vielleicht dieser
erravü, donec se partibus et dissensionibus et discordiis confecit, donee nulla fuit Brief zu den Vorformen des Essays zu zählen. Doch diese Abhandlung wie auch
in foro paz, nulla swperiorum reverentia, nullus magistratuum modus, tulit sine die oben erwähnten wenigen Dialoge sind bedeutungslos für das Bild, das die
dubio valentiorem eloquentiam sicut indomitus ager habet quasdam herbas laeti- Nachwelt von Lukian zeichnete: Lukian ist der geistvolle, brillierende u n d
ores (Kap. 11). Derart aufgeputzte Perioden, deren m a n viele aus dem Dialogus giftspritzende Satiriker.
anführen könnte, reizen dazu, diese Schrift des Tacitus eher m i t einer rheto-
rischen Ü b u n g als mit einem Essay zu vergleichen — und so könnte m a n viel- Es ist kein Wunder, d a ß der Dialog im Mittelalter mehr u n d mehr seine alte
leicht auch H I R Z E L S Bezeichnung „literarischer E s s a y " verstehen. Bedeutung einbüßte. Trotz der mittelalterlichen Streitgespräche und trotz der
Tendenz zu Allegorie u n d Personifikation h a t das Mittelalter keinen großen
Bei Tacitus liegt es also am Stil, d a ß m a n seinen Dialog nicht ohne Ein- Dialog hervorgebracht 5 . Eine gewisse Rolle spielen übrigens Rede und Gegen-
schränkung als Essayvorform bezeichnen kann. Die Dialoge L U K I A N S dagegen
1
1 In: Προς τον εϊπόντα' Προμηϋεύς ει εν λόγοι,ς, 5—7: καϊ όμως ετολμήσαμεν ημείς
HIKZEL, 1. c, Bd. I, S. 326. Vgl. auch II, S. 60. Übrigens bezeichnet HIEZEL auch τα οϋτως έχοντα τιρος άλληλα ξνναγαγεΐν και ξνναρμόααι ού ττάνν πετάμενα ονΟέ εύμα-
die Germania als Essay. ρώς άνεχόμενα την κοινωνίαν.
a
Vgl. auch die kritische Ausgabe mit Kommentar des Dialogus von A. GUDEHANTÍ 2
Vgl. L. SCHENK, Lukian und die franz. Literatur im Zeitalter der Aufklärung. Diss.
(Leipzig 1914) S. 81: „Und in der Tat hätte Tacitus keine literarische Gattung wählen München 1931.
können, die sich vortrefflicher dazu geeignet hätte, ein Thema wie das des Dialogus all- 3
Vgl. M. HEEP, Die Colloquia familiaria des Erasmus und Ludan (Hermaea XVIII).
seitig, objektiv und in gefälliger stilistischer Form zu erörtern, ohne in ex-cathedra- Halle 1927. * VILLEY I, S. 186 f.
Äußerungen oder einen dogmatischen Lehrton zu verfallen." 5
Zum Streitgespräch im Mittelalter vgl. KONBAD BUKDACH, Der Dichter des Ackermann
3
GuDEMANN, 1. C, S. 16. aus Böhmen und seine Zeit. Berlin 1926—1932, S. 440ff. und die dort auf S. 515ff. ab-
Der Dialog 23
22 Dialogische Tormén
rede in der Geschichtsschreibung. Froissart gibt Verhandlungen und Gespräche des bisherigen Weltbildes entstehen. Der Dialog erwies sich als eine literarische
in direkter Bede wieder. Selbst die Darstellung politischer Situationen wird Gattung, die besonders geeignet war, diese neuen Fragen zu stellen u n d zu unter-
in ein oft ermüdendes Frage- u n d Antwortspiel aufgelöst. — Im übrigen war suchen. Er bot ja außerdem die Möglichkeit, gefahrliche Ansichten durch irgend-
das weite Feld der Literatur zum größten Teil eine kirchliche Domäne ge- welche N a m e n der Gesprächspartner zu decken u n d sich selbst hinter diesen
worden, und die kirchliche Literatur befasste sich m i t dem Dogma, b a u t e Sy- Interlocutores vor dem drohenden Scheiterhaufen zu verstecken. So treten ganz
steme aus, ordnete, registrierte und katalogisierte. Man schrieb Sentenzensamm- natürlich an die Stelle der scholastischen T r a k t a t e dialogische Untersuchungen.
lungen, und über diese wiederum endlose K o m m e n t a r e . In diesem Betrieb war So verstehen wir auchHrRZEL, wenn er schreibt: „Man darf nicht s a g e n , d a ß
für den Dialog kein Platz ; er flüchtete sich in einen Winkel der mittelalterlichen er eine bloß dem Altertum entlehnte literarische F o r m war, die einem neuen
Schule, wo er ein kümmerliches Leben fristete. Dort, in der Schule, verfaßte Inhalt ganz anderen Ursprungs n u r äußerlich angehängt wurde . . . Petrarcas
m a n Dialoge, Schulgespräche, mit deren Hilfe der Schüler lateinische Rede- Dialoge de contemptu mundi sind der Ausdruck von Seelenkämpfen, also einer
wendungen — und gleichzeitig einige Regeln fürs praktische Leben, z. B. Stimmung, die, wenn nicht zum Dialog führen m u ß t e , so doch leicht diese
anständiges Benehmen bei Tisch etc. — sich einpauken sollte. Auch des Eras- F o r m wählen k o n n t e 1 . " Vor allem aber die Reformation ließ eine Unzahl
mus Colloquia familiaria waren ursprünglich in dieser Absicht verfaßt, und v o n religiösen Dialogen entstehen, sowohl untersuchende wie auch pole-
ihre erste Fassung war — abgesehen v o n der vollendeten Beherrschung der mische, bei deren Abfassung oft Lukian P a t e gestanden h a t t e .
Sprache — genau so mager wie andere P r o d u k t e dieser Art. Man verfaßte auch Der Dialog war eine der beliebtesten F o r m e n geworden, die antike Weisheit
Lehrkompendien in Frage u n d Antwort, z. B. schrieb Aleuin ein Kompendium zu vermitteln. Teils h a t t e m a n dabei auf Cicero zurückgegriffen, teils war
der Dialektik, in dem der Schüler (Karl der Große) die Fragen stellte und direkt P l a t o das Muster, wie z. B. in den neuen Platonischen Akademien in
Aleuin ihm antwortet. Er stellte einen Katechismus der Kirchenlehre zusam- Italien, die naturgemäß einen großen Einfluß auf die dialogische Gestaltung
m e n : Disputatio puerorum per interrogations et responsiones1. Diese Katechis- philosophischer Stoffe ausübten. Zur Blüte des Dialogs in Italien t r u g gleichfalls
menliteratur war so lebenskräftig geworden, daß sie sich noch in der Renais- die hohe gesellschaftliche Kultur, die literarischen u n d philosophischen Zirkel
sance behauptete u n d die neue Philosophie nicht von ihr verschont blieb. an den einzelnen Fürstenhöfen, bei (Castiglione!). U n d der Dialog entsprach
Gabriel Meurier zeichnet verantwortlich für ein Bouquet de Philosophie morale, wohl auch einem Lebensideal, das der Renaissance vorschwebte, dem Wunsch
réduit par Demandes et Responses2: D o r t heißt es ζ. Β. (ρ. 242): „ D . Qu'est-ce „nach einer stillen, frohen u n d doch ernsten Unterhaltung guter und weiser
vertu? — R. C'est une armonie de nature, avec laquelle toutes choses bonnes Freunde, in der Kühle des Hauses, unter B ä u m e n : Serenität und H a r m o n i e 2 " .
s'accordent, et une vraye escheïïe pour monter au souverain bien." Oder die Fragen In einem stillen Seitental der Rhône, in der Vaucluse, h a t t e P E T R A R C A sein
arten zu einer Art Gesellschaftsspiel aus (p. 285): „ D . Qu'est-ce la chose plus Tusculum, wo er in der Einsamkeit der Natur, allein mit seinen Büchern u n d
delectable? — R. Ce que l'homme desire"; (p. 295): „ D . Au quoy se doibt accom- seinem Ich, fern vom Getriebe der Welt meditieren und arbeiten konnte.
parer une femme bien vestue, et richement laide et orde% — R. A un fumier couvert Immer wieder schildert er in Briefen und Sonetten das glückliche Leben in
de verdure." Aber verlassen wir diesen Rest eines wenig erfreulichen mittel- diesem Zufluchtsort seiner geliebten Vaucluse. Sonette u n d Briefe, d. h. die
alterlichen Genres, das m a n hier u n d da in der Renaissance künstlich am kleinen literarischen Formen, schätzte er besonders. Größere Werke, wie De
Leben zu erhalten versuchte. Wie der Dialog sich im Mittelalter nicht h a t t e viris illustribus oder De rebus memorandis, blieben unvollendet u n d sind außer-
behaupten können, so m u ß t e diese Katechismenliteratur sich in die Religions- dem wiederum Sammelwerke, d. h. Aneinanderreihungen kleiner Formen. So
stunden der Schule zurückziehen. Hebt er auch besonders den Dialog ; denn der Dialog zwingt nicht zur Systema-
tik, u n d im Dialog k a n n er den Stoff zerstückeln, ihn auflösen in Rede u n d
Weitaus die meisten der antiken Dialoge waren philosophischer N a t u r ge-
Gegenrede. Die drei Gespräche Petrarcas mit Augustinus De contemptu mundi
wesen und h a t t e n dem Finden der Wahrheit gedient. Die meisten mittelalter-
sind Zeugnis für das Wiedererstarken des Dialogs im Humanismus, denn sie
lichen Autoren glaubten die Wahrheit zu besitzen, u n d darum brauchte m a n
überraschen durch die dramatische Kraft ihrer antithetischen Behauptungen.
keinen Dialog im antiken Sinn. E r s t in der Renaissance erwachte er zu neuem
W e n n a u c h Augustinus als der Leiter des Gesprächs durchaus erkennbar bleibt,
Leben. Mit dem Aufsteigen der a n t i k e n Welt, m i t dem Beginn eines n e u e n
so fällt Petrarca doch keineswegs die Rolle des Schülers oder Zuhörers zu, der
Rationalismus m u ß t e n auch Zweifel an der Zulängliehkeit und der A u t o r i t ä t
allenfalls durch Fragen oder zustimmende Zwischenbemerkungen den Monolog
gedruckten Proben lateinischer Dialogliteratur, die wegen ihrer Starrheit und Formel-
des Hauptredners unterbrechen würde. Hier messen zwei gleichstarke Kämpfer
haftigkeit nicht als Vorläufer des Essays angesprochen werden können.
1 ihre Kräfte :
Vgl. F. OVERBECK, Vorgeschichte, und Jugend der mittelalterlichen Scholastik. Basel
1917, S. 87 f. 1
HmzEL, 1. c, I I , S. 385f.
a
G. M E U R I E R , Thrésor de Sentences dorées . . . Avec le Bouquet de philosophie morale, 2
J. HUIZINGA, Erasmus. Deutsch von Werner Kaegi. Basel, 3. Aufl. s. a., S. 125.
réduit par Demandes et Responses. Rouen 1579 (1. Ausg. 1577).
24 Dialogische Formen Der Dialog 25
1
AUGUSTINUS : Wie ? Du willst wie ein Wahnsinniger unter Scherzen und Lachen sterben Î omnium nugacissimus gewesen ist. Auf die Frage nach der Ursache dieser
Wütet du nicht lieber fur deine so jammervoll kranke Seele ein Heilmittel anwenden ? Wandlung antwortet SOPHRONIUS: Ego cum -probo viro prof edits sum,
FKANOISCUS: Ich werde em Heilmittel so lange zurückweisen, bis du mir beweisest,
daß ich semer bedarf. Einem gesunden Menschen können häufige Mittel schädlich werden 1 .
cuius hortatu pro lagena libellum mecum attuli, Novum TcMamentum ab
Erasmo versum. LUCRETIA: Ab Erasmo? Aiunt, illum esse sesqidhaereticum.
So.: Num et hue pervenit illius viri nomen? Lu.: Nullum edebrius apud nos.
Diese Dialoge Petrarcas sind der Ausdruck der Auseinandersetzung mit sich
So.: Vidistin' kominem? Lu.: Nunquam; sed optarim vidissct de quo tarn multa
selbst. Es sind Selbstbetrachtungen über den eigenen Wert und über die
audivi mala. So. : Fortassis a malis. Lu. : Imo a viris reverendis. So. : „*i qaibus?
eigenen Schwächen, die im verborgensten Winkel der Seele versteckt liegen.
Lu.: Non expedit dicere. So.: Quam ob rem. Lu.: Quia si tu cffutiren, et res
Denn „des Himmels und der Erde Maße freilich, den Raum des Meeres und
permanaret ad illos, meo quae&tui non minima portio decederet (S. 334 f.). Dieser
den Lauf der Sterne, die Eigenschaften von Krautern und Steinen und alle
mit meisterhafter Geschicklichkeit gegen seine Anfeinder geführte Hieb .sitzt,
Geheimnisse der Natur kennt ihr, euch selbst aber seid ihr unbekannt 2 ".
und es ist nicht erstaunlich, daß sie ihn um so heftiger wegen Unchristlidikeit
Wie bereits angedeutet wurde, sind die öoüoquia des ERASMUS aus der Ab- angreifen werden. Außerdem aber entspringt dieses Einfugen der eigenen Per-
sieht entstanden, seinen Schulern einen Vorrat an Gesprachsformeln in die son einer nicht zu übersehenden individualistischen Haltung, die in schroffem
Hand zu geben, um ihnen zu ermöglichen, sich in gutem Latein über die auf- Gegensatz zu der im Mittelalter geübten unpersönlichen Schriftstellerei steht.
tauchenden Fragen des Alltags unterhalten zu können. So stellten die ersten Der Wunsch nach Ungebundenheit, individueller Freiheit läßt sich sein gauzes
Formen dieser Dialoge auch nichts weiter als Formulae dar. Erst spater, als Leben lang in seinen Werken verfolgen. Dieser Drang ließ ihn die Ordens*
die Colloquia zu einem großen literarischen Erfolg wurden — Zufügungen von kleider ablegen und ließ ihn die dauernde Protektion reicher Gönner ver-
fremder Hand hatten sich außerdem eingeschlichen und wurden mitgedruckt •—, schmähen. Nur einer solchen Persönlichkeit war es möglich, aus alten über-
entschloß sich Erasmus, dieses Material, das oft trocken und langweilig wirken nommenen Formen Neues zu schaffen und einem unpersönlich gewordenen
mußte, zu erweitern (locupletare ist ein Lieblingswort des Erasmus). 1522 er- Genre den Stempel der Originalität aufzudrucken. Die in dem kurzen an-
schienen diese neuen Colloquia familiaria bei Frohen und waren dem Meinen geführten Teil eines Dialoges sichtbar werdende Lebendigkeit (die schnell
Proben gewidmet. Aber sie waren jetzt kein Schulbuch mehr; neues Leben war aufeinander folgenden Fragen und Antworten) herrscht allenthalben in den
in eine alte Form gegossen worden und hatte etwas ganz Neues geschaffen — Colloquia. M. HEER charakterisierte die Colloquia als „ldeine satirische Essays
genau so, wie wir es noch einmal bei den Adagia sehen werden, und genau so, voll bunten Lebens 2 ", was wir aber nur z. T. anerkennen können; denn dort,
wie Montaigne aus den Diverses Leçons später seine Essais machen wird. Eras- wo Erasmus in greifbarer Nahe Lukians steht, ist er gleichzeitig am weitesten
mus behandelte jetzt Themen, die ihm besonders am Herzen lagen und die in von Montaigne entfernt. Dort halt er sich in der Nahe Montaignes auf, wo der
seinem ganzen Werk immer wieder auftauchen : die Mißstände in der Kirche, die Gegenstand des Themas von verschiedenen Seiten her zu fassen versucht
mangelhafte Bildung der Priester, die Geldsucht der Bettelorden, die Mahnung wird, wo der eine der Gesprächspartner seine Ansicht formuliert und der an-
an die Fürsten zum Frieden usw. Auch er benutzte die in den Colloquia auf- dere einen Einwand macht, der das Gesprachsobjekt in neuem Licht zeigt,
tretenden Peisonen, um die Pfeile seiner Kritik aus der Deckung verschießen oder Fragen stellt, die die Untersuchung notwendig weitertreiben. Hier sind
zu können. Die innere Form, der Stil der Dialoge, ist ungezwungen, frei von des Erasmus Dialoge gleichsam nur plastischere Ergebnisse desselben Vor-
schulmaßiger Pedanterie und setzt die vollendete Beherrschung der latei- gangs, der sich auch in den dialogischen Monologen Montaignes vollzieht.
nischen Sprache voraus. „Völlig wohl war es Erasmus jedenfalls nur dann,
wenn er sein geliebtes Latein sprechen konnte. Er handhabt es denn auch wie Man könnte erwarten, daß PERO MEXÍA (Pierre Messíe) auch in seinen Dia-
eine lebendige Sprache 3 ." Ironie, Witz, Zweideutigkeit, Andeutungen, deren logen Montaigne vorbereitete, da er als Inaugurator der Diverses Leçons einen
Interpretation vorsichtig dem Leser überlassen wird, Spiel mit Worten Literaturzweig schuf, an den Montaigne sich in semen ersten Essays unmittel-
(„Echo") begegnen uns, ja sogar die eigene Person wird mit einem feinen bar anschloß. La silva de varia lección (1540) des Pero Mesía ist ein Buch, das
Lächeln in den Dialog eingeschmuggelt: Sophronius4, der von einer langeron in Spanien, Frankreich und Italien einen außerordentlichen Erfolg hatte. In
Reise zuruckkehit, trifft Lucretia (eine Dame von zweifelhaftem. Lebenswan- ihm wird das gesamte Wissen volkstumlicher „Gelehrsamkeit" in Ideinen Ka-
del), die eine nova sanctimonía an ihm feststellt, wahrend er früher ein nugator piteln, mit Exempeln und Anekdoten gewürzt, dargeboten. Es wollte belehren
und unterhalten. Viele seiner Themen kehren bei Montaigne wieder, doch
gehört dieses Werk in einen anderen Zusammenhang (vgl. S. 75 ff ). Aber seine
1
Aus dem 3. Dialog. Zitiert nach der Ausgabe von H. H E F E L E , J e n a 1925, S. 79.
3
Aus dem 2. Dialog, S. 43.
3 1
D E S . E E A S M U S , Gespräche. Ausgewählt, ubers. und eingeleitet von Hans Trog. Basel D E S . ERASMUS, Colloquia familiaria. Lipsiae 1713, S. 334.
J 2
1936, S. 18. In dem Colloquium adolescenüs et scorti. M. R E E P , 1. c. S. 3.
26 Dialogische Formen
Die D i a t r i b e 27
Sept Dialogues1 {Du, Soleil, De la Terre, Des Météores etc.) sind im Grunde eine
naturwidrig usw.) und diese Gedanken dann durch Zitate und Beispiele
ziemlich seichte Konversation, die nicht immer sehr tief schürft und über
illustriert. Diese Methode wird an jedem der 18 Tage angewandt, an denen die
belanglose Dinge viele Worte macht; dazwischen wird das physikalische
4 jungen Leute über die verschiedensten Themen der Moral, der Politik und
Wissen der Zeit vor uns ausgebreitet, das man sich bei Seneca, Plinius und in
der Natur diskutieren. Gleichzeitig sehen wir aber auch ein, daß die oben
astrologischen Handbüchern erworben hatte. Auch seine beiden Dialoge Du
geschilderte Methode schwer durchführbar ist in einem Dialog, in dem das
Banquet, die über die Art des Gastmahls in der Antike, über Speisen u. a. m.
Frage- und Antwortspiel in rascher Eolge wechselt und daß sich dor Dialog
unheimlich viel zu sagen wissen, sind in ihrem breiten Gerede für unsere
der Abhandlung nähern muß, in der ein Einzelner die Untersuchung führt
Zwecke wenig ergiebig. Aber Mesías Dialoge lehren uns dies : Waren Ciceros
und sie mit Beispielen und Sentenzen belegt und ausschmückt. Hier läuft der
Dialoge für uns eine Abgrenzung des essayistischen Dialogs nach der Seite
Dialog Gefahr, langsam in ein Selbstgespräch überzugehen, sich langsam dem
der Systematik hin, so sind uns diese Dialoge Beispiel für die Grenze auf der
,,διαλέγειν" als dem Gespräch der Seele mit sieh selbst zu nähern. „ J e in sich
anderen Seite: nicht jede niedergeschriebene Konversation ist dem Essay ver-
gekehrter ein einzelnes Individuum ist, sei es in Folge seines ständigen Cha-
wandt, sondern erst jenes Gespräch, dem wirklich Themen zugrunde liegen,
rakters oder unter dem Druck vorübergehender äußerer Umstände, desto
die Gefühl und Gedanken der Gesprächspartner und des Lesers fesseln.
stärker wird in ihm die Neigung zum Selbstgespräch sein 1 ." Als Beispiele für
Ganz anders TAIIUBEAU. Seine Dialoge, die wahrscheinlich 15G5 zum ersten- solche Naturen könnte man manche Vertreter der Diatribe anführen, kann
mal erschienen2, bereiten auch schon im Inhalt das Werk Montaignes vor. man ferner Mark Aurel mit seinen „An sich selbst" 2 gerichteten Büchern
Sie sind une œuvre inórale dont le but est d'examiner les divers aspects de la vie nennen und ebensogut die Soliloquia animae des Augustinus wie die Hissais
et les conditions sociales, pour les juger3. Sie sind bereits durchsetzt mit den Montaignes.
Ideen der antiken Philosophie und schöpfen aus dem reichen Vorrat an Sen-
tenzen, den die Antike der Renaissance schenkte und können somit als eine Damit sind wir wieder an unserem Ausgangspunkte angelangt. Wir konnten
Vorform der Essais gelten, die diesen nicht nur in der Methode, sondern auch feststellen, daß es mehrere Momente sind, die die Verwandtschaft zwischen
im Ziel, das Tahureau sieh gesteckt hatte, sehr nahe kommt. Dialog und Essay bedingen. So wie der Essay der gründlichen und trockenen
Abhandlung feindlich gegenübersteht, so versucht auch der Dialog dem Thema
Eine Synthese von Dialog und dem Genre, das noch zu besprechen sein
alle Schwere und Langeweile zu nehmen. Wie im Essay wird auch im Dialog
wird, den Diverses Leçons, stellt die Académie françoise von LA PBBIATTDAYE
der Gegenstand von verschiedenen Seiten beleuchtet (car chaque chose a
dar. Dio erste Ausgabe erschien nach VILLEY 1577, also zu einer Zeit, als
plusieurs biais et plusieurs lustres3), bedingt durch die verschiedenen Ansichten
Montaigne bereits an seinen Mssais schrieb. Diese Dialoge, die von La Primau-
oder Charaktere der Gesprächspartner. Und endlich konnten wir sehen, daß
daye selbst als ein entre-mets de fruits par moy cueillis* charakterisiert werden,
dort, wo der Dialog satirisch wird oder seiner kämpferischen Absicht Mittel
zeigen ara deutlichsten, wie um diese Zeit auch der Dialog die Methode sich
der Komödie dienstbar macht, er sich am weitesten vom Essay entfernt, daß
zu eigen macht, die Montaigne — wenigstens in den meisten Essays — an-
aber das ruhige und harmonisch geführte Gespräch (dem das Soliloquium ver-
wendet. Es ist die Methode der Kompilation von Exempeln und Beispielen,
wandt ist), am ehesten als Vorform des Essays bezeichnet werden kann.
verbunden durch eigene Gedanken und Urteile. So wird z. B. im Kap. 35
(S. 177f.) folgendermaßen verfahren: Aram, der erste Gesprächspartner, gibt
dio Einleitung, zeigt die Ursache des Müßiggangs und ihre Verwerflichkeit, da
daraus weitere Laster entstehen. Achitob ermahnt zur Beharrlichkeit mit Die Diatribe
einem Ausspruch des Erasmus. — Äser bringt ein Cicerozitat und leitet über
Mit Diatriben wurden ursprünglich die Aufzeichnungen eines Schülers be-
zu Amana, der das Referat hält. Amana geht nun so vor, daß er jeweils einen
zeichnet, während man den Vortrag des Lehrers διάλογος oder διαλέξις nannte 4 .
Gedanken voranstellt (z. B. Trägheit als Mutter des Lasters, Trägheit ist
1
H I K Z E L 1. c., I I , S. 34.
1
PlEEiiE M E S S I E , Les diverses Leçons . .. Avec sept Dialogues de VAuíheur. Tournon " Μάοκον Άντοίνίνον Άντοχράτορος των είς εαυτόν βιβλία, (ed. SCHENKL) Leipzig,
3
Teubner 1913. MONTAIGNE, Essais Ι , χ χ χ ν τ π , 30S.
1604. Die crate franz. Ausgabe, die der OBN angibt, ist von 1579, Paris, Morel. Wir zitieren 4
die französische Übersetzung, da sie zur Zeit Montaignes in Frankreich sehr verbreitet war. F ü r die Begriffsbestimmung der Diatribe vgl. das 1. K a p . der Dissertation von OTTO
2
Les Dialogues, non moins profitables que jacitieus, oil les vices d'un chacun sont repris HALBAÜER, De dialribis Epicteti (Leipzig 1911) und die Rezension dieser Arbeit durch
3 H. ScnENKL in: Berl. PMIol. Wochenschrift 35 (1915), Sp. 41ff., ferner A. OLTKAMARE,
fort aprement.. . Vgl. V I L L E Y I, S. 34 u. 35. V I L L E Y I, S. 39.
4 Les origines de la diatribe romaine, Genève 1926, p. 9. — Aueh Hypomnema ist
P. mi LA PitiMAUDAYE, Académie Françoise, en laquelle il est traité de l'institution des
ursprünglich ein W o r t für solche „Kollegheft"-Aufzeichnungen, also für Schriften, die
Moeurs, et de ce qui concerne le bien et heureusement vivre en tous Estais et conditions; Par
von Anfang an nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Doch schrieb man dann aueh
les Préceptes de la doctrine, et les exemples de la vie des anciens sages, et hommes lUustres.
Hypomnemata zur Publikation; „das sollte eigentlich nur einen Verzieht auf die Peile
3 e éd. Basle 1587. — Obiges Zitat s t a m m t aus der Episire au Roy.
bedeuten, führte aber leicht zu einem Verzieht auf innere Durcharbeitung und Anoin-

S e h o a , Vorformen 3
28 Dialogisehe F o r m e n Die Diatribe 29
Eine Diatribe — im engeren Wortsinn — k a n n daher n u r von einem Schuler sich versammelten u n d Rede u n d Antwort standen auf jede Frage, ähnlich
verfaßt sein bzw. m u ß die Fiktion der Schüleraufzeichnung als literarischen wie heute noch diskussionsfreudige Leute sich um die redelustigen Hyde-Park-
R a h m e n aufrechterhalten. Im weiteren Sinn wird das W o r t Diatribe auch „Philosophen" scharen. P u r diese antiken Wanderlehrer eignete sich der pla-
gebraucht für die populares orationes eorum, qui apud volgus, per oppida fortasse tonische Dialog nicht mehr, denn bei der Zahl ihrer Hörer u n d vor allem bei
vagantes praedicant1. Diese orationes, die sich durch häufige Verwendung rhe- deren geistiger Qualität war eine ernstzunehmende, sachlich fundierte Dis-
torischer Stilmittel wie Metapher, Exempel u n d Zitat auszeichnen sowie durch kussion nicht mehr zu erwarten; denn „die mitforschende teilnähme des
die Herübernahme des dialogischen Elements v o n Rede u n d Gegenrede, sind Schülers war n u n nicht mehr möglich" . . . „einen einfach dogmatisierenden
vor allem die moralphilosophischen Vorträge der kynischen Wanderprediger; Vortrag h ä t t e m a n teils nicht verstanden teils als Schwindel angesehen, so
m a n spricht daher besonders von der ,kynischen D i a t r i b e ' 2 . besorgte der philosoph sich in halb dialogischer darstellungsweise seinen wider-
In diesem Sinne ist also eine Diatribe ein volkstümlicher moralphilosophi- p a r t selber . . . der Wanderlehrer war weder zur production eigener gedanken
scher Sermon, so d a ß die christliche Predigt v o n heute der A r t der antiken im stände, noch verlangte das publicum, den herrén Teles oder Klcinias zu
Diatribe am nächsten k o m m t . Wie stark in diesem populärphilosophischen hören : sie w o l l t e n d i e g r o ß e n m e i s t e r a u f d i e s e m w e g e z u l e h r e r n e r h a l t e n , s o
Sermon das dialogische Element von Rede u n d Gegenrede sich auswirkt, haben n a h m e n die vortrage fast den eharakter einer auslegung heiliger worto, einer
H I B Z E L und N O R D E N nachgewiesen. „Daß die Diatribe nur eine Nebenform des predigt über fremde t e x t e a n 1 . " In der Diatribe sind also nur noch Elemento
Dialogs ist, läßt sich schon aus einigen Stellen der platonischen Dialoge zeigen, des Dialogs vorhanden; sie ist ein Beweis für das E r m a t t e n des dialogischen
wo Sokrates die gewöhnliche Art der Dialektik verläßt und, ganz wie es in Geistes 2 , sie ist ein Dialog, der zur Deklamation geworden ist, in der d a s
der Diatribe geschieht, einen fingierten Gegner einführt u n d m i t ihm dispu- dialogische Element nur noch durch formale Reste vertreten ist. Die Einwürfe
tiert. Cf. Protag. 352 ff.3." So k a n n also die Diatribe direkt aus dem Dialog u n d werden nicht mehr durch einen bestimmten persönlich anwesenden Gegner
sogar während des Dialogs entstehen, wenn der Sprecher die Anwesenheit gemacht, der Redner selbst läßt sie durch irgendeinen Ιδιώτης vorbringen, der
seines P a r t n e r s vergißt u n d gleichsam in einem lebhaften Monolog, in dem die meistens mit der stereotypen Formel ψησί (inquit) eingeführt w i r d 3 . Dieser
Einwürfe aus den eigenen Gedanken k o m m e n u n d von ihm selbst formuliert fingierte Gegner sichert genau so wie die vielen rhetorischen Fragen, die der
werden, weiterspricht. In der Diatribe sind demnach Grundzüge dialogischen Redner oder Prediger stellt, die Aufmerksamkeit der Zuhörer, die damit
Denkens zu finden, u n d m a n könnte sie in einer systematischen Darstellung scheinbar zu mitforschenden P a r t n e r n gemacht werden. D a m i t ergibt sich
literarischer Gattungen (die also Anachronismen in Kauf nähme) zwischen von selbst die Tendenz zu rhetorischen Perioden u n d oft auch zu einem über-
Dialog u n d Essay einordnen. triebenen moralischen P a t h o s , das die Hörer — genau wie in der Predigt —
zu besserem Lebenswandel aufruft. Der rhetorisch-deklamatorische Charakter
Vergegenwärtigen wir uns zunächst einmal die Situation, aus der die Dia-
führt uns zu einem anderen in der Diatribe häufigen E l e m e n t : nicht nur ein
tribe entstanden ist. In der Zeit nach P l a t o war das Interesse für die Philo-
fingierter Gegner redet mit, auch Dinge werden personifiziert u n d ergreifen
sophie — u n d Philosophie umfaßte damals alle Wissensgebiete — in stetigem
d a s Wort u n d treten so meist als Bundesgenossen des Redners auf. E i n Beispiel
Steigen begriffen; Kosmologie, Theologie, Moral u n d Physik waren nur Teil-
werden wir in Tertullians Schrift De pallio kennen lernen. (Schon die Νόμοι
disziplinen der Philosophie. Dieses immer allgemeiner werdende Interesse für
Platos zielen in dieser R i c h t u n g ! 4 ) Der protreptische Charakter der Diatribe
die Philosophie verlangte dringend nach einer Popularisierung philosophischen
begünstigt die Einstreuung von Beispielen, Apophthegmen 5 u n d Sentenzen,
Gedankengutes, u n d schon Sokrates war in der S t a d t umhergegangen u n d
die teils Schmuck der R e d e waren, teils an die Autorität der Geschichte oder
h a t t e sich Politiker so gut wie Handwerker zu P a r t n e r n seines Philosophierens
anerkannter Autoren appellierten. Das Gleiche gilt von der häufigen Verwen-
genommen. Die Zahl der wandernden Philosophen n a h m immer mehr zu; m a n
dung von Sprichwörtern u n d — m u t a t i s mutandis — von den Vergleichen.
tTaf sie auf den Landstraßen, auf den Märkten u n d in Festversammlungen, —
Auch finden sich größere Abschweifungen vom eigentlichen Thema, indem bei
u n d das Bezeichnende für diese Entwicklung war nicht mehr die hervor-
irgendeinem nebensächlichen Gedanken oder bei einer allgemeinen Wahrheit
ragende Qualität des einzelnen Lehrers, sondern das massenweise Auftreten
dieser Wanderphilosophen, die ein b u n t zusammengewürfeltes P u b l i k u m um
1
anderreilmng von Notizenkram" ( W I L H . K R O L L , Studien zum Verständnis der röm. Litera- TT. v. WILAMOWITZ-MOELLENOOREF, Der hynische Prediger Teles. I n : Philologische
tur, Stuttgart 1924, 8. 308 Anm.). Diese Hypomnemata- wie auch die Scholienliteratur Untersuchungen, hrsg. von Kießling und W.-M., 4. Heft, Berlin 1881, S. 312.
2
ist zum größten Teil philologischen Inhalts. (Vgl. Bealenz. I I , 3 (1921) Sp. 625.) H I R Z E L , 1. c., I, S. 369f.
3
1
HALBAUER, 1. c, S. 10. R. BULTMANÎT, Der Stil der Paulinischen Predigt und die kynisch-stoische Diatribe.
a
Fälschlieherweise, nach SCHEHKL, da es sieh ja hierbei nicht mehr um Schülerauf- Göttingen 1910, S. lOff. * Vgl. NORDEN, 1. c.f I , S. 129 A n m .
5
zeichmmgen handelt; die richtige Bezeichnung für einen solchen Vortrag wäre „popularía W. GEMOLL, Das Apophthegma. Wien—Leipzig 1924, S. 105. GEMOLL will sogar die
3
philosopha dialexis". E. N O R D E N , 1. c, I, S. 129 Anm. Diatribe aus dem Apophthegma entstanden sein lassen.

3*
30 Dialogische Formen Die Diatribe 31
1
langer verweilt wird . Wie später in der Kompilationsliteratur (in den Exempel- ihnen vorzüglich zu eignen: die Kürze nach Art eines Aufsatzes, die lose Dispo-
sammlungen u n d den Diverses Leçons der Renaissance) begegnen auch in der nierung und Ungebundenheit in der Fortführung der Materie, der Gesprächs-
Diatribenliteratur Reihen v o n Themen, die von den einzelnen Vertretern der t o n oder sermo im Stil."
Gattung immer wieder behandelt wurden 2 . Zwischen den Diatribenschreibern im 3. J a h r h u n d e r t vor Christus und dem
Diese Aufzählung der Kennzeichen der Diatribe zeigt deutlich, d a ß vieler- Wiederauftauchen der Diatribe in der römischen Kaiserzeit haben wir k a u m
lei Elemente in der Diatribe vereinigt sind, d a ß sie, genau wie der Essay, ihre K u n d e von Diatribenstoffen. Wie sah diese neue Diatribe aus? Wenden wir
Bestandteile aus den verschiedensten Teilen der Literatur zusammensucht u n d zunächst unseren Blick auf die Horazische Satire.
zu etwas Neuem vereinigt. Dialog, Exempel, Zitat, Sprichwort u n d abschwei- Auch zur Zeit des H O R A Z zogen wieder Wanderprediger — Kynikcr und
fende Betrachtungen h a t sie mit den Essays gemeinsam, u n d wie der Essay Stoiker — im Lande umher u n d bedienten sich in ihren Vorträgen der bewähr-
verbindet sie die ernst zu nehmende Behandlung eines Themas m i t der durch t e n Methode, m i t der schon ihre längst verstorbenen Kollegen bei den Griechen
oben angeführte Stilmittel aufgelockerten Darstellung. I h r Ton ist heiter ; be- glänzende Erfolge erzielt h a t t e n . „Horaz erkannte, d a ß diese Vortragsart nur
weglich sind ihre Gedankenreihen, u n d schnell wechselt ihre Stimmung von der künstlerischen Veredlung bedürfe, um ein unvergleichlich kleidsames Ge-
der ergötzenden Anekdote zu ernsterer Betrachtung. U n d wie beim Essay sind wand abzugeben für das, was er zu sagen h a t t e 1 . " In der Satire fand er ein
ihre Grenzen nicht genau abzustecken: dem Dialog verwandt k a n n sie plötz- Genre, das noch geschmeidig genug war, sich diesen Stil aufprägen zu lassen.
lich seine Gestalt annehmen ; die Satiren des Horaz u n d die moralischen Briefe Satire h a t t e ja von Anfang an gar nicht die Bedeutung, die wir heute mit
Sénecas sind nichts anderes als Diatriben. Sie nähert sich dem Moraltraktat 3 , diesem W o r t zu verknüpfen gewohnt sind. H E I N Z E hat die Bedeutung des
u n d ihr Einfluß auf die christliche Predigt ist unverkennbar 4 . Hier, in der Wortes k n a p p u n d anschaulich wie folgt geschildert: „Satura hieß im alten
Predigt, fand die Diatribe ihre eigentliche Fortsetzung, die bis in unsere Tage Latein ein Pudding aus Gerstenschrot, Rosinen und Pinienkernen, mit Wein-
lebendig geblieben ist. met angemacht; satura auch eine mit mannigfachen Erstlingsfrüchten be-
Aus ihrer ersten Periode sind vor allem Bion v o n Borysthenes u n d Teles zu ladene Schüssel, die den Göttern als Opfergabe dargebracht wurde; u n d im
nennen; sie fand in der römischen Kaiserzeit ihre Portsetzer in Horaz, Seneca, politischen Leben h a t t e sich die von irgendeinem Witzbold einmal aufgebrachte
Musonius, Epiktet, — bis hinein in die christliche Literatur. Bezeichnung per saturam für Antrag oder Beschluß einer verschiedenartige
T E L E S ist nur in dem Florilegium des Stobaeus erhalten geblieben, u n d von Materie umfassenden lex eingebürgert. Saturae taufte nach diesen Analogien
ihm u n d von anderen Nachahmern können wir nur auf die Art der Bionischen E n n i u s mit keckem Scherz seine vier Bücher umfassende Sammlung vermisch-
Diatriben schließen. Von Bion sagt W E N D L Ä N D : , , A 1 S geistreicher, in allen ter Gedichte, die einzeln nicht umfänglich genug waren, um unter einem Son-
F a r b e n schillernder Feuilletonist h a t er den philosophierenden Essay ge- dertitel ein Buch zu füllen . . A" Das Gleiche läßt sich von seinem Neffen
schaffen 5 ." In diesen Diatriben ,,wird kein irgend wirksames Mittel — sowohl Pacuvius sagen, der ebenfalls den neuen Titel gebrauchte für ein K u n t e r b u n t
der kunstmäßigen Rhetorik, als auch der populären Ausdrucksweise — ver- v o n Gedichten, so d a ß „ d a s Fehlen eines bestimmten inhaltlichen oder for-
sehmäht: theatralisches P a t h o s wechselt mit salopper R e d e ; der moralische malen Merkmals selbst wieder bereits gewissermaßen zum Merkmal einer
E r n s t wird durch Witze gemildert u n d dem Publikum mundgerecht gemacht 6 ." literarischen G a t t u n g " geworden war (S. X) 3 .
Die Diatribe war also von Anfang an die Mischgattung, wie wir sie oben ge- Die Parallelen zum Essay brauchen k a u m noch angedeutet zu werden. H a t t e
kennzeichnet haben. I n diesen Zusammenhang gehört auch, was T H . B I E T 7 nicht auch Montaigne einen Titel gewählt, u n t e r dem alles mögliche unterzu-
von den kynischen Philosophen aus den ersten J a h r h u n d e r t e n des Hellenismus bringen war u n d sind nicht auch seine „Essais" eine „satura", ein „Allerlei"?
sagt: „Diese, so scheint es, sind es gewesen, welche zuerst die freie F o r m des Es wurde schon erwähnt, d a ß La P r i m a u d a y e zur Zeit Montaignes ein ähnliches
Essay aufbrachten oder der räsonnierenden Traktate, die meist in Prosa u n d P r o d u k t als satura bezeichnete, indem er es ein entre-mets de fruits par moy
nur gelegentlich dialogisch abgefaßt wurden .. . Drei Eigenschaften scheinen cueillis nannte. U n d wie Montaigne eine neue literarische Gattung schuf, ohne
1
!•
es zu wissen (oder vielleicht ihr nur den rechten N a m e n gab), so h a t bei den
Vgl. BüLTMANN, 1. C, S. 48.
3
Römern Lucilius mit seinen Satiren, die den Lebenswandel u n d die Verkom-
3. G E F F C K E N , Kynika und Verwandtes. Heidelberg 1909, S. 1 2 1
3 menheit seiner Zeitgenossen geißelten, der Satire das Gepräge gegeben, das
Vgl. P. W E N D L A N D , PMlo und die kynisch-stoische Diatribe. I n : Beiträge zur Ge-
schichte der griechischen Phil, u. Relig. Berlin 1895. F e m e r N O R D E N , 1. c, I I , S. 543.
4 1
Vgl. NORDEN, 1. c , I I , S. 556f. H E I N Z B im Vorwort zur Ausgabe der Satiren, S. X I X (Berlin 1921). Wir folgen
5 bei dem kurzen Überblick über die Satire bis Horaz seiner Darstellung.
P. W E N D L A N D , Die hellenistisch-römische Kultur in ihren Beziehungen zu Judentum
ä
und Christentum. Tübingen, 2. u. 3. Auflage 1912, S. 78. R. ΗΕΓΝΖΕ, 1. c , Seite I X .
3
6
Artikel „Teles" in P A Ü L Y - W I S S O W A , Beal-Encyclopädie {Reihe 2, Bd. 5, Sp. 378). Von der Buntheit des Inhalts her sind auch Titel wie die Silvae des Statius oder die
7
Zwei politische Satiren des alten Mom. Marburg 1888, S. 13. Prata Suetons zu verstehen.
32 Dialogische Formen Die Diatribe 33

weiterhin diese Gattung charakterisiert, eine Gattung, die der „Subjektivität nicht angebracht, einer solchen Bemerkung besondere Bedeutung beizu-
de8 Dichters weitesten Spielraum l ä ß t " 1 . messen; denn es handelt sich um die gleiche angebliche Bescheidenheit, die
Noch Varros Satiren zeigen eine b u n t e Zusammenstellung v o n Formen u n d viele andere in Einleitungen zu zeigen b e m ü h t sind (vgl. S. 74f. Aulus Gellius).
Themen. Prosa mit Versen gemischt, Dialoge (wahrscheinlich auch Symposion- — Es folgt ein Einwand (v. 48—52), genau wie in der Diatribe, den er
dialoge), „die nicht viel über den Umfang von Abhandlungen oder Essays aber sofort widerlegt ohne den Sprecher näher zu charakterisieren (v. 53—62).
hinausgingen" 2 , Autobiographisches u n d philosophische Untersuchungen Es gibt ja schlimmere Ankläger als ihn, nämlich die öffentlichen Ankläger, die
stehen nebeneinander. mit den Anklageschriften u n t e r m Arm durch die Straßen eilen, — u n d jene
U n d auch die lebhafte Gedankenführung in H o r a z ' Satiren läßt nicht zu, Dichter, die ihre Erzeugnisse auf dem Markt u n d im Bade unter die Menge
daß sein sermo in gleichmäßigem, ruhigem Stil dahinfließt. Sein Stil ist der des bringen. U n d wieder ein Einwand, nach Art der Diatribe mit einem einfachen
gesellschaftlichen Verkehrs, der Unterhaltung u n d Plauderei, jede Systematik inquit vorgebracht (v. 79), dem er entgegenhält: m a n c h anderer, der in unver-
verschmähend u n d von einem Gegenstand zum anderen überspringend. Er schämter u n d gemeiner A r t spottet, wird für comis et urbanus liberque (v. 00)
vermeidet „in der Erörterung eine feste Disposition, wie in Rede oder Lehr- angesehen. Außerdem soll m a n es ihm nachsehen, wenn er sich einmal zu frei
schrift", er läßt sich vielmehr „hei aller Planmäßigkeit der Anlage scheinbar äußerte, denn sein Vater h a t ihn dazu erzogen, die Fehler der anderen als
in der zwanglosen Weise mündlicher improvisierter Mitteilung durch die zu- Warnung u n d abschreckendes Beispiel zu betrachten. (Die Ermahnungen scincB
strömenden Gedanken bald hierhin, bald dorthin tragen, bald länger bei Vaters werden als Halbdialog, in direkter Rede, gebracht.) Seinem Vater h a t
einem P u n k t e verweilend, bald rasch u n d in Sprüngen vorwärtseilend, ab- er es zu danken, d a ß er frei ist von Fehlern, abgesehen von einigen Schwächen,
brechend weniger, weil der Gegenstand, als weil das Interesse daran erschöpft die das Alter, ein offenherziger F r e u n d u n d die Selbstermahnung (consilium
ist" 3 . Diese W o r t e sind uns nicht mehr n e u : sie ähneln wiederum denen, die proprium, V. 133) noch mildern werden.
d'Alembert über das Gespräch schrieb u n d die auch auf den Essay angewen- Haec ego raeeum
det werden konnten. conpressis agito Iabris; ubi qui datur oti,
illudo chartis. (v. 137—139.)
Vergegenwärtigen wir uns seine Methode an H a n d einiger Satiren: Zu-
nächst Sat. 1, 4, denn sie handelt v o n den Satiren selbst. Horaz will sich recht- Im Stillen denkt er also über sich nach, u n d wenn er Zeit u n d Muße h a t ,
fertigen, daß er so oft seinen Mitbürgern bittere Wahrheiten sagte u n d beginnt bringt er seine Gedanken zu Papier. — Die Satire schließt m i t der launigen
m i t einem Beispiel: H a b e n nicht andere vor ihm dasselbe g e t a n : Eupolis, Drohung, die ganze Zunft der Dichter gegen seine Kritiker zu mobilisieren :
Kratinos u n d Aristophanes; u n d noch ein Beispiel: Lucilius! Aber hier schwei- (nam multo pluies sumus), ae veluti te
fen seine Gedanken schon ein wenig ab ; er k a n n sichs nicht versagen, Lucilius' ludaei eogemus in hanc concederé turbam.
Stil zu kritisieren ; es ist ja auch kein Wunder, daß seine Verse nicht besonders Der leichte, plaudernde Gesprächston ist das erste, bestimmende Element
gut ausfielen : auf einem Bein stehend diktierte er in der Stunde 200 Verse ! für den Gesamteindruck der Satire. Horaz denkt gar nicht daran, seine K r i -
„Mir", so bringt Horaz seine eigene Meinung über das Dichten zum Ausdruck, tiker tragisch zu nehmen u n d sie mit hieb- u n d stichfesten Argumenten zurück-
„Mir k o m m t es nicht auf die Q u a n t i t ä t a n " — nam ut multum, nil moror zuschlagen. Seine Argumente wirken mehr durch Konversationspointen als
(ν. 13). Nochmals geißelt er diese Versefabrikation: Crispinus fordert ihn zum durch Logik. Unterstrichen wird dieser Plauderton durch ein weiteres Mittel
W e t t k a m p f im Schnelldichten. Aber das will er gerne Crispinus allein über- zur Auflockerung, die Einführung der direkten Bede, durch das Einschieben
lassen. J e t z t erst k o m m t er wieder zurück auf sein Thema, u n d es folgt gleich v o n Einwürfen des Gegners X.
eine ganze Exempelreihe von Leuten, die der Dichter verspottet u n d die den Da die Diatribe für philosophische Zwecke geschaffen wurde, t r i t t der Dia-
Dichter deswegen hassen. Darauf h a t er zu a n t w o r t e n : tribencharakter am deutlichsten in jenen Satiren hervor, die ein populär-philo-
Primum ego me illorum, dederim quitras esse poetis, sophisches Thema behandeln. Um den Gegner zu widerlegen oder die eigene
excerpam numero: ñeque enim concludere versum Ansicht zu stützen, werden Beispiele aus der N a t u r , der Geschichte u n d dem
dixeris esse satis; ñeque siqui scríbat uti nos täglichen Leben angeführt. Es werden Fragen gestellt, die der Gegner (oder
sermoni propiora, putes hune esse poetam. (v. 39—42.) Leser) n u r im Sinne H o r a z ' beantworten kann. Einwände werden vorweg-
Wie Montaigne leugnet er zunächst einmal ab, daß er ein komme de métier genommen u n d widerlegt oder ad absurdum geführt. Lange Exempelreihen
sei. D e n n er schreibt in der A l l t a g s s p r a c h e , u n d wenn er auch einen Vers stehen in Sat. I I , 3 im Dienst der diatribischen Rhetorik des Stertinius ; Chrien
zu machen versteht, so ist er deswegen noch kein Dichter ! Es wäre allerdings schmücken seine Rede, u n d poetische Digressionen über Orest, Ajax u n d Aga-
1
memnon sind eingestreut 1 .
Vgl. F. A. BECK: Über das Wesen der Horazischen Satire, Gießen 1859. 1
3
HIRZEL, 1. c, I, S. 454. 3
HEINZE, 1. c, S. XV. Vgl. hierzu OLTKAMARE, 1. c, S. 132.
34 Dialogisehe Formen Die Diatribe 35

Alle diese Stilmittel der Diatribe finden sich in der Satire, die er an die Spitze Empfehlungsbrief (9), aber viele könnten, wenn wir uns die Briefformeln weg-
seiner Sammlung stellte, „la plus diatribique de toutes"1: W a r u m nur sind alle denken, in den Büchern der Satiren Aufnahme finden. Der Unterschied zwi-
Menschen mit ihrem Lose unzufrieden? Der Soldat möchte Kaufmann und schen den Satiren u n d den Briefen liegt darin, daß in den einen das Publikum,
der Kaufmann Soldat sein. Alle rackern sich ab, um wie die Ameisen Vorräte in den andern der Adressat angesprochen wird; es ist also im Grunde nur ein
zusammenzutragen. U n d schließlich liegst du auf deinen eingesackten Gold- Nuancenunterschied in zwei Gattungen, die ohnehin viele verwandte Züge
sehätzen, schlaflos aus Angst vor Dieben. Macht das dir Freude? haben, und „wer die Wurzeln der horazischen Epistel finden will, muß die
horum
der Satire suchen" 1 .
semper ego optarim pauperrimus ease bonorum ! Selbst in der Epistel an die Pisonen, in dem berühmten de arte poética liber,
(T, ],79.) 2 geht die Systematik nicht über „Ansätze methodischer Ordnung" 2 hinaus.
Um von einem Thema, das zu einer trockenen Abhandlung h ä t t o werden
Nicht zu verkennen ist aber vor allem die Tatsache, daß er, Horaz, der
können, alles Systematische fernzuhalten, kleidet er es in das Gewand einer
Mittelpunkt der Satiren ist. So handelt es sich z. B. in I, 4 um die Verteidigung
„ungezwungenen Plauderei" 3 ; so läßt sich also nicht einmal seine Poetik in das
s e i n e r Schriften und s e i n e r Person. Die Gedanken, die er sich in stillen
„Schema eines technischen K o m p e n d i u m s " 4 pressen.
Stunden über sein T u n und seinen Charakter macht, hält er für wertvoll genug,
niedergeschrieben und der Öffentlichkeit übergeben zu werden (I, 4, 137—139). Es ist selbstverständlich, d a ß wir nach Aufzeigung all dieser Stilmittel nicht
Er berichtet von seinem Vater und von seiner Erziehung. Stets spricht er behaupten wollen, diese Schriften Horaz' seien Essays im Montaigneschen
dabei im Ton der Unterhaltung, und diese Plauderei „verlangt die Mitteilung Sinne. Die Satiren und Episteln sind vor allem Dichtungen, und das dichterische
von persönlichen Empfindungen, Ansichten, Erlebnissen'' 3 . An anderer Stelle, Genie eines Horaz steht auf einer ganz anderen Ebene — das Betonen der
in der Bpistel I, 20, dem Geleitwort, das er dem 1. Buch seiner Briefe mit auf „Musa pedestris" wollen wir nicht überschätzen — als das „parier simple et
den Weg gibt, zeichnet er ein Selbstporträt: naïf' (I, xxvj) v o n Montaigne. (Daß dieser in Prosa u n d jener in Versen
schrieb, wäre k a u m ein Einwand gegen die Ähnlichkeit beider Schöpfungen ;
corporis exigui, praecanum, solibus a p t u m ,
denn „nach antiker Auffassung sind Poesie und Prosa nicht zwei wesensmäßig
irasei celerem, tarnen ut placabilis essem.
Torte meum si quis te percontabitur aevum : und von Grund aus geschiedene Ausdrucksformen" 5 .)
me quater undenos sciât implevisse Décembres D a s Wesentliche in unserem Zusammenhang ist vielmehr, d a ß H o r a z ' Dich-
collegam Lepidum quo duxit Lullius anno. (v. 24—28.) tungen in der A r t der Darstellung viele Parallelen mit Montaignes Schaffen
Horaz hat u n s in seinen Werken „das Abbild des ganzen Menschen hinter- aufweisen, und d a ß sein ganzes Werk nur aus der Eigenart des Dichters er-
lassen. Er h a t nämlich eigentlich immer nur von sich selbst gesprochen" 4 . klärt werden kann, „die die Schalen der vorgefundenen literarischen Formen
L B B È G U E macht darauf aufmerksam, daß Horaz von Montaigne sehr oft zitiert sprengt und ein Buch schafft, wie es weder vorher noch nachher dagewesen
wird und weist in diesem Zusammenhang auf die Ich-Darstellung bei Horaz ist" 6 .
h i n : aussi bien est-il lepoète ancien qui a parlé le plus sincèrement de soi-même...
sous l'influence d'Horace et de Plutarque, il (Montaigne) change sa manière et Es ist ein merkwürdiges Paradox der Geschichte, d a ß das P r i m a t unter
remplace les compilations impersonnelles . . . par les libres propos dans lesquels den Moralisten der römischen Antike dem Erzieher des skrupellosesten der
Ü nous découvre jusqu'à ses verrues et d'où il bannit toute composition régulière römischen Imperatoren gebührt : L u e m s A N N A E U S S E N E C A . Aber dieser päda-
et démonstrative^. E r w ä h n t sei auch, d a ß schon H I K Z E L Horaz' Sermones als gogische Mißerfolg, den er von seinem Schüler und Henker Nero erntete, wurde
Essays bezeichnete, „deren jeder für sich ein Fragment darstellt u n d erst im hundertfach ausgeglichen durch den Einfluß, den er in den folgenden J a h r -
Hinblick auf das gesamte Geistesleben des Autors seinen Abschluß findet" 6 . hunderten auf die Menschen a u s ü b t e : seine moralischen Schriften sind heute
noch so modern wie vor nunmehr fast 2000 J a h r e n . Im Mittelalter war Seneca,
Das über die Satiren Gesagte läßt sich — cum grano salis — auch auf das
der als der eigentliche literarische Vertreter der ersten Kaiserzeit galt, bekann-
Buch der Episteln anwenden. Manche dieser Briefe heben zwar den Brief-
t e r als Cicero 7 u n d seine „Christlichkeit" sicherte ihm eine ununterbrochene
charakter besonders hervor, wie z. B. der Auftrag an den Boten (13) oder der
1
F. L E O , Rezension von: P E T E R , Der Brief in der röm. Literatur. I n : Göttingische ge-
2
1
OLTRAMAEE, 1. c, S. 149, A. 3. lehrte Anzeigen,' 163 (1901), I, S. 325. B I C K E L , 1. c. S. 500.
2 3 i
Über den Diatribenstil bei Horaz vgl. auch B I C K E L , 1. c, S. 501. P E T E R , 1. c. S- 242. B I C K E L , 1. c, S. 500.
3 5
H. P E T E R , Der Brief in der römischen Literatur. Leipzig 1901, S. 179. E. R. C U R T I U S , Dichtung und Rhetorik im Mittelalter. I n : D. Vj., X V I (1938), S. 439.
4
R. H E I N Z E , Die augusteische Kultur. Leipzig u. Berlin 1930, S. 125. Vgl. dazu auch J . HUIZINGA, Homo ludern, Amsterdam 1939, S. 204f. und Horaz' eigene
5 Worte Sat. I, 4, 54—62.
R. L B B È G U E , Horace en France 'pendant la Renaissance. In : Humanisme et Renaissance
6 6 7
I I I (1936), S. 394 u. 395. H I R Z E L , 1. c, I I , S. 14. W. K R O L L , 1. c. S. 219. Vgl. N O R D E N , 1. e. S. 306.
36 Dialogisehe Formen
Die Diatribe 37
Tradition, wie sie neben Virgil k a u m ein anderer römischer Schriftsteller auf-
cher Weise auf den Dialog wie auf den literarischen Brief. Klare Abgrenzungen
weisen kann. Die Verwandtschaft seiner Gedanken mit christlichen Vor-
sind nicht mehr möglich ; Formelemente des Dialogs, der Diatribe und des Briefs
stellungen h a t t e dazu geführt, einen Briefwechsel zwischen ihm u n d Paulus zu
fließen zusammen, u n d wir gewinnen d e n Eindruck der „mühelosen Gelegen-
erfinden, und Hieronymus h a t t e ihm einen Platz unter den christlichen Schrift-
heitsschöpfung einer geistreichen und einschmeichelnden Plauderei" 1 , so d a ß
stellern eingeräumt. Sogar heute noch wird das Tertullianwort „Seneca saepe
wir mit Recht von einem „essayistischen Stil" 2 sprechen können. Zu diesen
nosier", das ihn sozusagen kanonisiert hat, angerufen, um das Heidentum des
Mitteln, die den Abhandlungen ihre Schwere und Trockenheit nehmen, gehören
Heiden Seneca zu mildern 1 . Auch für das IG. J a h r h u n d e r t war diese Ähnlich-
auch viele eingestreute Sentenzen, Beispiele u n d Digressionen, die mit. dem
keit mit dem Christentum ein (¡rund mehr, Seneca zu bewundern, — jedoch
Montaigneschen retombons à nos coches (III, vi, 167) eingestanden werden (•/,. B.
Montaigne erwähnt nirgends die alte Vermutung christlicher Einflüsse auf
de brevitate vitae, X I I I , 8: sed ut illo revertar, unde decessi . . .). Wir wissen, d a ß
Seneca. Es ist anzunehmen, daß Montaigne in Seneca den Moralisten schätzte,
Montaigne Seneca wiederholt gelesen h a t und d a ß er ihn weit über (üeero
der nicht auf Grund göttlicher Offenbarung, sondern allein mit Hilfe der Philo-
stellte: Que Cicero, père d'éloquence, traite du mespris de la mort; que ,S¡ inqur,
sophie zu Ergebnissen gekommen ist, die auch für ihn, Montaigne, noch Gültig-
en traite aussi: celuy la traîne languissant, et vous sentez qu'il vous veut rrsnudrr
keit hatten.
de chose dequoy il n'est pas résolu; il ne vous donne point de cœur, car lui/-
Den Titel Dialogi \\ii%l ein Teil der philosophischen Schriften Sénecas, ohne mesmes n'en a point; Vautre vous anime et enflamme (II, s x x i , 519).
daß sich diese Werke in ihrem Stil von anderen, die diesen Titel nicht tragen,
Inhalt und F o r m der Schriften Sénecas (von dem in dem Kapitel über den
von De dementia z. P . , unterscheiden. Es sind bestenfalls Halbdialoge, d. h.
Brief nochmals zu sprechen sein wird) weisen also auf die Diatribe. Er h a l t e
Seneca spricht allein zu einem seiner Freunde (Ad Lucilium de Providentia,
vor allem die Stilmittel der Diatribe literarisch ausgewertet u n d ihnen ein
Ad Serenum de constantia sapientis etc.) u n d führt allein die Unterhaltung,
stark persönliches Gepräge gegeben. Die römische Diatribe erreicht mit Seneca
während der Gesprächspartner nur in fingierten Einwürfen zu Wort k o m m t .
ihren Höhepunkt.
Wird durch ein derartiges Stilmittel der Titel „Dialoge" gerechtfertigt? Der
In diesem Zusammenhang soll noch kurz auf einen anderen Vertreter dieser
Grund für diese Bezeichnung ist in Wirklichkeit nicht in der äußeren Gestalt,
Gattung im 1. nachchristlichen J a h r h u n d e r t , auf E P I K T E T eingegangen werden.
sondern im I n h a l t zu suchen: E i n Grammatiker des ausgehenden Altertums
Er war ein phrygischer Sklave, der in der zweiten Hälfte des 1. J a h r h u n d e r t s
wollte Sénecas philosophische Schriften r o n den rhetorischen (die in Wirklich-
nach P o m k a m u n d dort später freigelassen wurde; sein Lehrer war Musonius
keit von Sénecas Vater stammen) sowie auch von den Tragödien scheiden, u n d
Rufas, dem er zweifellos nicht nur seine moralphilosophische Bildung, sondern
so faßte er die ihm bekannten philosophischen Werke unter dem Titel Dialogi
auch die A r t seines Lehrvortrags, die Anwendung der Diatribe, verdankt. Er
zusammen 2 . Dialog wird zum Gattungsnamen für philosophische Schriften
seihst h a t wahrscheinlich nie etwas geschrieben, seine Diatriben sind uns viel-
überhaupt. Sidonrus (f 488) h a t t e in seinen Carmina? den Dichter Seneca als
mehr durch einen seiner Schüler erhalten, der sie aufzeichnete nach den Vor-
Nachfolger des Euripides, den Prosaiker aber als Nachfolger Piatos bezeichnet
trägen, die E p i k t e t nach seiner Verbannung aus R o m im J a h r e 94 n. Chr. zu
u n d somit auch seine philosophischen Schriften in den Schatten von Piatos
Nikopolis hielt. „ I c h habe versucht", so sagt Arrian in seinem Vorwort, „das,
Dialogen gestellt, die als berühmteste Beispiele dieser literarischen Form ihren
was ich von seinen Reden hörte, möglichst mit seinen eigenen Worten für mich
N a m e n für Werke anderer Porm, doch gleichen Inhalts, hergeben m u ß t e n .
niederzuschreiben, um später eine Erinnerung an diesen klaren Geist zu haben.
Diese „Dialoge" sind Abhandlungen über Themen, die der St-oa besonders am
Es sind also Unterredungen, wie sich j e m a n d natürlich u n d ohne große Vor-
Herzen lagen. Sie verraten z. T. einen sorgfältigen Aufbau, ohne d a ß sie je-
bereitung mit einem andern unterhält. 3 " Wir haben also nur Berichte von den
doch zu langweiligen Moraltraktaten würden. I h r e literarische F o r m ist die
Diatriben, so etwa, wie auch Aulus Gellius öfters den Bericht über eine Unter-
der Diatribe 4 . Dialogische Elemente sind die Anrede der Widmungsperson,
haltung, an der er teilgenommen hat, in seinen Nodes Atticae wiedergibt. Da-
deren Einwürfe und Sénecas Entgegnungen. Dialogisch ist das Einstreuen des
durch wird ein episches Element hinzugefügt, das die in der Diatribe vorhan-
inquit, das in der Diatribe häufig angewandt den fingierten Gegner zu W o r t
denen dialogischen Elemente noch mehr verblassen läßt und das Ergebnis
kommen läßt. Doch gleichzeitig schillert das Formelement der Briefgattung
noch mehr der dialogisierenden Betrachtung nähert. Jedoch m u ß eine Schwie-
durch, denn die Widmung, das Anreden der Widmungsperson, weisen in glei-
rigkeit, die die F o r m der Aufzeichnungen beeinträchtigte, eingerechnet wer-
d e n : N u r selten können wir dem Fluß der Gedanken eine längere Strecke
1
A. BAÜMGAETWER, Die griechische und lateinische Literatur des klassischen Altertums. folgen. „ I n m i t t e n derselben Erörterung springt E p i k t e t ohne weiteres von
Freiburg H902, S. 515.
z 3
Vgl. BICKEL, 1. c, S. 411. 9, 232, zit. nach Bickel S. 411. 1
BICKEL, 1. c, S. 186. * ibid.
4
Vgl. BICKEL, 1. c , S. 412; s. vor allem OLTRAMAEE, 1. c , p. 252ff., dort pp. 263—292 3
Zitiert nach der Übersetzung von J. GRABISCK, Unterredungen mit Epiktet. Jena u.
eine Liste dor Themen aus Sénecas Schriften, die charakteristisch sind für diu Diatribe. Leipzig 1905.
38 Dialogische Formen Die Diatribe 39
einem "Dialog zum andern über" 1 , u n d dieser sprunghafte, vielleicht auch, frag- annähernd die Begeisterung zu verstehen, mit der man sich dem Studium eines
mentarische Charakter der Aufzeichnungen ist der Grund dafür, daß wir griechischen Werkes hingab, das bisher in seiner Gesamtheit nur den H u m a -
keine langen, gleichmäßig dahinfließenden Abhandlungen finden, die zweifel- nisten zugänglich gewesen war. Im moralphilosophischen Schrifttum des
los etwas Essayartiges an sich haben würden 3 . 16. J a h r h u n d e r t s h a t t e sich neben dem v o n der Kirche vorgeschriebenen Bild
"Die F o r m der Aufzeichnungen zeigt oft die Methode des sokratischen Dialogs, des Menschen u n d der Welt ein immer stärker werdender Rivale breit gemacht,
in dem Rede u n d Gegenrede bis zur Aporia des Befragten durchgeführt werden. der anfing, dem Dogma gefahrlich zu werden: der Geist der Antike. Man
(Hier handelt es sich um die Aufzeichnung wirklicher Gespräche, vgl. ζ. Β. schielte nach den Moralgrundsätzen der römischen u n d griechischen Autoren,
I, 11.) Die uns mehr interessierende Art ist die Untersuchung in F o r m der Be­ m a n zollte ihnen offen Bewunderung, schließlich wurden sie Maßstab und Vor-
trachtung, die ein Einzelner anstellt (Aufzeichnung der Lehr vortrage), die d a n n bild. Man suchte nach praktischen Beispielen, wie m a n sich in der Anlike in
durch die selbstgemachten Einwürfe aufgelockert u n d durch Beispiele erläu- diesem u n d jenem Fall verhalten h a t t e , was der Stoiker über diese Tugend und
tert wird. Das große Beispiel, auf das immer wieder zurückgegriffen wird, ist über die Beherrschung jener Leidenschaft gesagt h a t t e . Nur so ist die Zitier-
das Leben u n d die Worte Sokrates'. Eine interessante Bemerkung über das wut der Renaissanceautoren u n d das Einschalten von ganzen Exempelreihcn
Exemplum, die auch die ihm zugedachte F u n k t i o n beleuchtet, macht E p i k t e t zu verstehen, denn mit einem klassischen Zitat schmückte m a n nicht nur die
I, 29, 56f.: „Denn es sind nicht künstliehe Schlüsse, woran es uns jetzt fehlt; eigene Abhandlung durch einen in formvollendeter Sprache wiedergegebenen
die Bücher sind voll von den künstlichen Schlüssen der Stoiker. Was fehlt uns Gedanken, m a n berief sich vielmehr auf eine wirkliche Autorität. Und nun
denn noch? Einer, der sie anwende, der durch die T a t ihr Gewicht bezeuge. t a u c h t e a u s dem Schoß der Antike ein Werk auf, in dem die Themen bereit H
Nimm diese Holle über dich, damit wir nicht mehr nötig haben, uns in der behandelt waren, die die Kompilationsautoren mühsam mit antiken Beispielen
Schule alter Beispiele zu bedienen, sondern auch unter uns ein Beispiel haben 3 .'' u n d Zitaten ausgestattet h a t t e n , ein Werk, das wie ein. Kompendium, eine
(Für die oben angedeutete Art des Lehrvortrags vgl. die Diatribe I, 12, in der Summa, die gestellten Fragen beantwortete u n d bei dem sich das im 16. Jahr-
die verschiedenen Haltungen, die der Mensch zu den Göttern einnehmen k a n n , h u n d e r t so beliebte Schlußregister lohnte 1 . Aufrichtige Bewunderung u n d Be-
nacheinander aufgezählt u n d nacheinander widerlegt werden, — unterbrochen geisterung drücken die W o r t e Montaignes aus, die er im 2. Buch seiner Essais
durch dialogische Einwürfe, die Epiktet in den Vortrag einstreut.) E p i k t e t zu Beginn des 4. Kapitels der Arbeit Amyots u n d dem Werk Plutarchs wid-
k e n n t auch die Unterredung mit sich selbst, die wie ein monologisch geführter m e t : Nous autres ignorans estions perdus, si ce livre ne nous eust relevez du
Dialog Untersuchungen anstellt u n d das F ü r u n d Wider abwägt, so ζ. Β. in der bourbier: sa mercy, nous osons à cett'heure et parler et escrire; les dames en
Diatribe I, 27, 7ff. die Überlegung, ob der Tod ein Ü b e l sei u n d ob m a n diesem régentent les maistres d'escole: c'est nostre bréviaire (II, rv, 41).
Übel entfliehen kann. Bei solchen Stellen ist die Neigung E p i k t e t s festzu-
Im Zusammenhang mit Seneca haben wir bereits Worte Montaignes gehört,
stellen, länger bei einem Gedanken zu verweilen, ihn von allen Seiten zu fassen
die uns nicht nur seine Bewunderung für den I n h a l t der Schriften Plutarchs
u n d die Untersuchung immer wieder an einer anderen Stelle anzusetzen u n d
zeigten, sondern auch seiner Vorliebe für deren F o r m unverhüllt Ausdruck
neu zu beginnen. Hier n ä h e r t sich E p i k t e t am meisten dem Essay.
geben. Wie sieht n u n die Abhandlung eines Themas bei Plutarch aus ?
Diese Tendenz, die äußere Erscheinung des dialogischen Elementes noch Nehmen wir ein Kapitel (Amyot sagt traité), das auch bei den Kompilatoren
weiter zu verdrängen u n d nur noch die verschiedenen Meinungen in Gedanken zum eisernen Bestand der abzuhandelnden Themen gehörte: De la curiosité?.
gegeneinander auszuspielen, h a t sich in der Antike am stärksten in den Mo- Plutarch beginnt mit einer wohl überlegten Einleitung: E i n längerer Ver-
ralia des P L U T A R C H durchgesetzt. Zweifellos h a t t e auch Plutarch die Diatribe gleich, in den Exempel eingeschaltet sind: Man soll sich nicht in einem un-
während seines Studiums in den Rhetorenschulen kennen gelernt, und wir dür- gesunden Hause aufhalten, m a n sollte es lieber umbauen, so wie m a n es mit
fen auch die F o r m der Moralia als von der Diatribe beeinflußt ansehen 4 . ganzen S t ä d t e n gemacht h a t (Cheronea) u n d wie Empedokles ein Tal zu-
E i n ganz großer literarischer Erfolg im 16. J a h r h u n d e r t war die Übersetzung schütten ließ, durch das giftige Winde in die S t a d t eindrangen. So radikal
der Moralia durch A M Y O T . Man m u ß sich vergegenwärtigen, wie sehr dieses sollte man auch mit den Leidenschaften der Seele verfahren, zum Beispiel mit
Werk Plutarchs dem Geschmack u n d den Wünschen der Leser entsprach, um der curiosité; denn (Definition) : La curiosité est un désir de savoir les tares et
1
HIKZEL II, S. 249.
2 1
Arrian war sich dieser Zusammenhanglosigkeit bewußt und hat aus diesem Grunde Der Indice tres-arnple des noms, sentences et dits notables, similitudes, proverbes, et
das Encheiridion, das „Handbüchlein der Moral" aus den Diatriben zusammengestellt, autres choses mémorables (t. I) und der Indice des principales matières et choses plus remar-
das übrigens auch Montaigne besaß. quables (t. II) der Amyot-Ausgabe von 1621 umfassen zusammen nicht weniger als 98 Seiten,
3 2
Zitiert nach der Übersetzung von J. M. SCHULTZ, Arrians Unterredungen Epiktets mit Les Œuvres Morales de Plutarque, translatées de grec en françois, reveues et corrigées en
seinen Schülern. 2 Bde. Altona 1801, 1803. plusieurs passages par le Translateur [laques Amyot]. 2 vol, Geneve 1621. (Die 1. Auag.
4
Vgl. NORDEN, 1. c, I, S. 393 und EULTMASN, 1. c, S. 9. der Übersetzung Amyots erschien 1572.)
40 Dialogische Formen Die Diatribe 41
imperfections d'autrui, qui est un vice ordinairement conioint avec envie et ma- genügenden Vorrat an Beispielen u n d Lesefrüchten verfügte, um endlose Asso-
lignité . . A Der Mensch sollte besser seine Neugier nach innen richten, dort ziationsreihen bilden zu können.
findet er zur Genüge Schlechtigkeiten, wenn er n u n einmal seine Neugier mit Trotz dieser Planmäßigkeit der Anlage ist die Verwandtschaft mit dem
solchen Dingen befriedigen m u ß . Es folgt zur Ausschmückung ein Vers, d a n n Essay unverkennbar. Sie besteht — äußerlich gesehen — schon in der W a h l
ein Exempel (Xenophon), ein Zitat, ein Vergleich, wieder ein Exempel usw. der Themen, die auch den Essais d a s Gepräge g e b e n : Es ist das Fragen nach
Diese Analyse, durchgeführt für das ganze Kapitel, ergibt eine lange Reihe der N a t u r des Menschen, nach seinen Tugenden u n d Lastern, seine Siedlung
von Vergleichen, Zitaten und Exempeln, eine K e t t e , in der die verschiedenen zu den F r e u n d e n u n d seine Rolle innerhalb der menschlichen Gesellschaft;
Glieder mehr oder weniger regelmäßig abwechseln, miteinander verbunden Aberglaube, religiöse Einrichtungen, E h e , alle Bezirke des menschlichen Lebens
durch die Zwischentexte Plutnrchs, die die Richtung geben, die Untersuchung werden in die Untersuchung einbezogen. Zweifellos ist Plutarch zum Teil mit-
planmäßig weiterlenken u n d die angeführten Stilformen, also das vorliegende verantwortlich für die in den Essais immer stärker werdende Neigung, nur
objektive Material, der subjektiven Gedahkcnführung dienstbar machen. U n d noch den Menschen zu analysieren, was dann bei Montaigne schließlich zur
es scheint uns, daß diese Gedankenführung einem vorher überlegten u n d da- Selbstanalyse führte.
d u r c h feststehenden P l a n folgt: der erste Teil zeigt die Schädlichkeit u n d
Ähnlichkeit mit dem Essay besteht auch in der geschilderten Methode, mit
Abscheulichkeit, der Neugierde, der zweite Teil gibt die Mittel an, mit deren
Beispielen, Sentenzen u n d Vergleichen die Untersuchung aufzulockern und
Hilfe m a n dieses Laster bekämpfen kann. E i n anderes Kapitel möge uns die
gleichzeitig zu stützen. Vor allem scheinen die Vergleiche Plutarchs großen
Planmäßigkeit der Anlage bestätigen: Aus der Abhandlung De Vamour et
Einfluß auf die Essais von Montaigne ausgeübt zu haben 1 . Plutarch k a n n t e
charité naturelle des peres et meres envers leurs enfans2 lassen sich folgende
diese Art der Darstellung aus der Diatribe, die sich auch mit diesen Stilmitteln
H a u p t g e d a n k e n herausschälen, die das Gerüst für den gesamten Fachwerkbau
schmückte. Auf die Diatribe weisen ferner die öfters gestellten rhetorischen
an Beispielen, Vergleichen u n d Sentenzen abgeben: Die Einleitung bildet ein
Fragen, die immer einen imaginären Gegner oder Mitforscher zur Voraus-
Vergleich, der in den Gedanken ausläuft: Der Mensch n i m m t sich das Tier in
setzung haben. Die Neigung zum Dialog zeigt sich vor allem auch in den
vielen Dingen zum Vorbild, denn es ist der N a t u r näher et moins corrompu.
9 Büchern Des propos de table (t. II), in denen Gespräche über die verschie-
Durch fliese Feststellung ist die Einteilung des Kapitels b e s t i m m t ;
densten Materien wiedergegeben werden. Hier, in der Behandlung kleinerer,
1. Beschreibung der Elternliebe der Tiere. zufällig auftauchender Gesprächsthemen zeigt sich stärker die Neigung des
2. Unterschied zwischen Mensch u n d Tier; Größe u n d Elend des Menschen. Essayisten, den Einfällen der Phantasie zu folgen u n d sie nicht durch irgendein
3. Der Mensch wurde so erschaffen, d a ß er die Elternliebe zum Leben nötig Schema einzuengen.
hat. Der Reiz der größeren Abhandlungen aber scheint uns vor allem in der
4. (Schluß) Lob der Elternliebe, die nicht durch Unglück oder Leidenschaften Spannung zu liegen, die zwischen der relativ strengen Gesamtanlage der K a -
getrübt wird. pitel u n d der Ausführung der einzelnen Gedanken besteht. D e n n hier werden die
Mittel verwendet, die der Abhandlung ihre Schwere u n d Trockenheit nehmen:
Demnach liegt einem Traité bei Plutarch ein ausgearbeiteter P l a n zugrunde.
Ansätze zu dialogischer Gestaltung, Exempel, Sentenzen u n d Vergleiche.
Gestützt wird diese Feststellung durch die Tatsache, daß k a u m Abschwei-
Wir wollen dieses Kapitel, das der Betrachtung der Diatribe bzw. von
fungen vom Thema zu finden sind, die den symmetrischen Aufbau der Kapitel
Schriften, die Einflüsse der Diatribe aufzuweisen h a t t e n , gewidmet war, mit einer
sprengen könnten. Dieser Gliederung des Ganzen entspricht die Ausgewogen-
merkwürdigen Schrift Tertullian s beschließen, seinem Über de pallio"2. Die Veran-
heit in der Verwendung u n d Verteilung der Stilformen: historisches Beispiel,
lassung zu diesem Werk „ist eine persönliche, die aber im weitern Verlauf
Vergleich, Zitat oder Sentenz wechseln fast regelmäßig ab, Häufungen der
hinter der sophistischen Schaustellung prunkhaften Wissens von allerlei mehr
einen oder a n d e r n F o r m sind vermieden. J e d e Dokumentation durch Exempel
oder weniger tändelndem u n d amüsantem R a r i t ä t e n k r a m zurücktritt oder fast
tendiert an u n d für sich nach der Exempel reihe hin, nach einem „Niclit-mehr-
ganz verschwindet" 3 . De pallio wurde TAX der Zeit gesehrieben, als Tertullian
auf h oren-können" ; Montaigne so gut wie die Kompilationsautoren bieten uns
eines Tages das Kleid des Römers, die Toga, auszog, um von n u n an nur noch
hierfür genügend Beispiele. Die fast pedantische Verteilung bei Plutarch zeigt
das Gewand der Philosophen, das Pallium, zu tragen. (Wahrscheinlich i. J. 208
immer wieder die kontrollierende F u n k t i o n des Geistes, der die Phantasie zü-
gelt u n d ihrem Drang zum Weiterspinnen der Gedanken Einhalt gebietet. N u r 1
Vgl. VILLEY, II, S. 312.
so ist das Fehlen von Digressionen zu erklären bei einem Autor, der über einen 2
Die Ausgabe von OEHLER war mir nicht zugänglich. Die Zitate sind einem wenig zu-
1 verlässigen Text {Opera, t. II, p. 222—233, Paris 1566) entnommen. Man vgl. ferner die
PIATTARQUE-ÄMYOT, 1. c, S. 195. Bei Zitaten wurden die Sigel aufgelöst und für u
2 Übersetzung bei J. GEBTCKEN, Kynika und Vejrwavdtes. Heidelberg 1909.
und ν die moderne Schreibung angewandt. 1.1, S. 312ff. 3
NoiiDEN, 1. e., II, S. 615.
42 Dialogische Formen Die Diatribe 43

oder 209 1 .) Vermutlich wollte er durch diesen Kleidungsweehsel dokumen- (S. 231). Auch eingestreute Sprichwörter bestätigen den Einfluß der Diatribe,
tieren, daß er ein strengeres, asketisches Leben führen wollte, denn das Ge- ebenso gut wie die in der Diatribe üblich gewordene Personifikation des be-
wand des Philosophen sollte Ausdruck der inneren H a l t u n g sein. Als Antwort handelten Objektes gegen E n d e der Schrift. Personifikationen unterstreichen
auf die hiernach entstandenen Spötteleien und Anfeindungen in Carthago das dialogische E l e m e n t ; denn der Pseudodialog zwischen dem eigentlichen
schrieb er dieses Büchlein De pallio. Er wollte also seine Handlung vor der Sprecher u n d dem unsichtbaren Gegner wird plötzlich als zu schwach empfun-
Welt, d. h. vor den mitleidig lächelnden oder ihn öffentlich anfeindenden Ge- den, um der eigenen Ansicht das nötige Gewicht zu geben. Darum wird ver-
bildeten Carthagos verteidigen, indem er das Pallium in Schutz n a h m und ihm sucht, den Dialogkreis zu erweitern, damit m a n sich einen Bundesgenossen an
ein Loblied sang. Derartige Schriften, in denen m a n die Vorzüge eines Men- die Seite stellen k a n n . So entstehen die Personifikationen in der Diatribe, und
schen oder einer Sache herausstrich, waren auch den Literaten von Carthago so spielt auch Tertullian gegen E n d e seinen letzten Trumpf a u s : das Pallium
nichts Ungewöhnliches, denn sie h a t t e n dieses Handwerk in den Rhetoren- selbst, das bisher Hauptgegenstand der Abhandlung war, wird zur Haupt-
schulen gelernt, und die Epideixis war ja ein wichtiger Teil der antiken u n d person und verteidigt sich selbst: „Das ist meine Verteidigung für den Begriff
auch noch der mittelalterlichen Rhetorik 2 . U n d so beginnt er auch gleich, in- des Palliums, den du angegriffen; es hat aber auch für seinen Beruf Fürsprache
dem er die ciceronianische Topik zu Hilfe ruft: W a r u m soll ich nicht mein einzulegen. Es r e d e t selbst also: ich h a b e nichts m i t dem F o r u m , dem (Mars-)
Kleid wechseln dürfen, da doch auch die N a t u r sich ewig ä n d e r t ! Damit h a t Felde, der Kurie zu t u n , ich wache über kein Amt, erstürme nicht die Redner-
er einen Gedanken aufgegriffen, der sich beliebig weit fortspinnen läßt, zu dem buhne, kümmere mich nicht um prätorische Verfügungen . . ," 1 . — So beginnt
immer neue Beispiele angeführt werden können; Sonne, Mond und Sterne, die hochmütige, aber witzige Verteidigungsrede, die das Pallium selbst hält.
das Meer, der Wind, die Jahreszeiten, die Flüsse u n d das Weltall werden zum Das Büchlein De pallio soll hier weder zu einem vollendeten Essay noch zu
Beweis herangezogen. Es folgen Beispiele für Veränderungen von Städten u n d einer reinen Diatribe gemacht werden. Es stellt eine jener Mischformen dar,
Völkern, von Tieren u n d Menschen. Bei einer solchen Unmenge von Beispielen für die eklektisch hier und dort etwas zusammengetragen wurde, — dialogische
m u ß jeder Angreifer erröten, das alles übersehen u n d sich über den Wechsel Elemente, Sprichwörter, rhetorisches Material, originell gestaltet durch eine
eines Kleides aufgehalten zu haben! — Eine Inhaltsangabe würde in diesem starke Persönlichkeit — u n d die so in ihrer schwer zu definierenden Form in
R ü h m e n zu weit führen, zumal die paraphrasierende Übersetzung von G E F F - die Reihe hineingehören, die später im Essay endet oder doch wenigstens enge
CKEN einen Überblick über Inhalt u n d Methode der schwer zu lesenden Schrift Beziehungen zu ihm h a t . Dieses Büchlein, an dem viel herumgerätselt worden
bequem ermöglicht. ist, bedeutet im Grunde nichts anderes als eine literarische Spielerei Ter-
Die Einflüsse der Diatribe auf De pallio wurden von Geffcken in der oben tullians. Il est sûr que Tertullien n'a rien prouvé du tout; mais il ríen a pas moins
zitierten Abhandlung nachgewiesen. Es k o m m t Geffcken darauf an zu zeigen, atteint son but, car il ne voulait rien prouver . . . Ce traité n'est donc en lui-même
daß dieses Werk Tertullians kein ganz selbständiges P r o d u k t ist, sondern daß qu'un jeu d'esprit2. Tertullian h a t hier aus einem einmal gegebenen Anlaß heraus
es zu viele Anklänge an die Diatribe aufweist, um nicht auf einen Vorläufer seine ganze literarische Begabtheit, seine Belesenheit, seine antike Bildung,
schließen zu lassen. Er spricht die Vermutung aus, daß für De pallio eine Satire seine rhetorische K u n s t zusammengenommen, um diese geistreiche Plauderei
Varros als Grundlage gedient haben könnte (dessen kleine Schriften vermut- über Pallium u n d Toga zu schreiben. Zweifellos spielte dabei die Freude am
lich auch in die Reihe der Werke gehören, deren Eorm mit der des Essays Schreiben, am Diskutieren u n d Beweisen-können, die Freude an der souverä-
Ähnlichkeiten aufwies). Wir wollen hier nur an einige in der Diatribe oft ver- nen Beherrschung der Sprache eine große Rolle, so wie wir es später in wirk-
wendete Stilmittel erinnern. Tertullian behält die an die Carthager gerichtete lichen Essays vor Montaigne, in den Adagia des Erasmus, wiederfinden werden.
Anrede nicht gleichmäßig bei, sondern richtet sich auch an einen einzelnen W e n n auch ein unmittelbarer Einfluß dieser Schrift auf das 16. J a h r h u n d e r t
imaginären Gegner (bzw. an den Leser), wie wir es in der Diatribe als Rest nicht nachgewiesen werden k a n n (Montaigne k a n n t e Tertullian vermutlieh
des Dialogs festgestellt h a b e n : Laudans igitur orbem mutantem, quid denotas nur aus zweiter H a n d ) , so wurde sie hier doch behandelt, weil sie für u n s ein
hominem (S. 225) . . . Hyaenam si observes sexus annalis est, marem et foeminam Ausdruck jener H a l t u n g ist, die die Literatur nicht betrachtet als eine nach
alternat (S. 226). Völlig auf dem Boden der Diatribe u n d ihrer dialogischen Be- Schweiß riechende Arbeit — dequoy je suis incapable, sagt Montaigne (II, x, 108)
weisführung befinden wir uns mit folgenden Worten : Gonsdentiam denique tuam — sondern sie als ein délassement ansieht.
perrogabo, quid te prius in toga sentios, indutum an ne onustum? habere vestem,
an baiulare % SÍ negabis, domum consequar, videbo quid statim a limine properes . .
1
S. 232: Haec pro pallio interim, quantum nomine œncitasti. Iam vero et de negocio
provocat. Ego, inquit, nihil foro, nihil campo, nihil curiae debeo: nihil offício advigilo, nulla
1
Vgl. G. BOISSIER, Le traité du Manteau de Tertullien. In: RDM, Bd. 94 (1889), S. 50 rostra praeocewpo, nulla praetoria observo. — Zit. nach GEFFCKEN, 1. c, S. 77.
a 2
bis 78. Vgl. CtTBTitrs, Dichtung u. Rhetorik im Mittelalter. BOISSIER 1. c, S. 70 u. 76.

S c h o n , Vorformen 4
44 Dialogische Formen Der Brief 45
gewiesen: „Man hielt es in der älteren Zeit für unschicklich, die eigenen Schick-
Der Brief sale u n d Empfindungen dem Publikum vorzutragen: konnte man daher den
„Sur ce subject de lettres, je veux dire ce mot, que c'est un ouvrage Ausdruck derselben nicht hemmen, so adressierte m a n ihn doch nur an ein-
auquel mes amys tiennent que je puis quelque chose. Et eusse zelne Wenige. Daher nähert sich von dem Augenblick an, wo das subjektive
prine plus volontiers cette forme a publier mes verves, si j'eusse Element in der griechischen Dichtung hervortritt, dieselbe der Form des Brie-
eu a qui parler.'1 fes 1 ." So ist es zu erklären, d a ß das Zeitalter der Sophisten zugleich den Brief
( M O N T A I G N E , Essais, I, X L , 327.)
besonders schätzt 2 . So h a t auch die römische Kaiserzeit ihre berühmten Brief-
Bevor der Brief hier unter die dialogischen Formen eingereiht wird, soll er saramlungen, und in der Renaissance gewinnt der Brief wieder eine über-
zunächst seine Berechtigung nachweisen, sich mit Dialog u n d Diatribe im ragende Bedeutung.
gleichen R a u m aufhalten zu dürfen. Er könnte dazu zunächst an H I R Z E L Zwei Elemente verschiedener N a t u r lassen sich in der Briefliteratur heraus-
appellieren, der ihm bereits eine Legitimationskarte ausgestellt h a t : „Der Brief kristallisieren : einmal t r i t t uns der Brief als Ersatz für den mündlichen Verkehr
ist die Täuschung eines Gesprächs. Beide gewähren die gleichen Vorteile: sie entgegen; zum anderen ist er eine Form der philosophischen und wissenschaft-
gestatten eine ungezwungene Darstellungsweise u n d bieten eine Form zur Po- lichen Literatur geworden, eben weil m a n schon früh erkannte, wie sehr dieses
pularisierung wissenschaftlicher Gedanken und zur Erörterung solcher Gegen- Genre geeignet ist, „in kleinem R a h m e n irgendein Thema essayartig zu be-
stände, die eine systematische Behandlung nicht vertragen 1 .'' Mit diesem Zeug- handeln 3 ". Gerade diese Erscheinungsform des Briefes, die philosophische und
nis, {das sich vor allem auf den literarischen Brief, auf die Epistel, bezieht) ist wissenschaftliche Fragen in zwangloser A r t darstellt, gewann — von den Epi-
zugleich schon die Verwandtschaft mit dem Essay festgestellt. kureern ausgehend 4 — eine überragende Bedeutung. Wie die Griechen den
Der Brief ist nichts anderes als das Gespräch mit einem abwesenden Men- Dialog als die Form der gefälligen Darstellung philosophisch-wissenschaftlicher
schen, der nur durch die räumliche Entfernung an der unmittelbaren Antwort Fragen entwickelt hatten, so wurde von den Römern der literarische Brief
gehindert ist. Er ist gleichsam das Bruchstück eines größeren Gesprächs, je- in der F u n k t i o n des Dialogs zur Vollendung geführt: „Ohne den Zwang, den
doch nicht die Gedanken schnell ausdrückend wie bei unmittelbarer Rede und Gegenstand theoretisch zu erschöpfen, dagegen genötigt, der Persönlichkeit
Gegenrede, sondern der Gesprächspartner (d. h. der Briefschreiber) h a t Zeit, des Adressaten jede E r m ü d u n g fernzuhalten, sind zumal die philosophischen
seine Gedanken ruhig u n d anschaulich zu entwickeln. Dies nähert den Brief Briefe des Seneca als Kunstwerk ein Erzeugnis echt römischer Schreibweise 5 ."
der Meditation oder, je nach Veranlagung und Absicht des Schreibers, der D a ß jedoch in dieser Entwicklung die Bedeutung des Adressaten immer
ruhig dahinfließenden Abhandlung. Der Briefschreiber k a n n aber auch während mehr zurücktritt, ist ganz natürlich. Die Wahl des Adressaten war anfänglich
des Schreibens sieh die Person des Adressaten lebhaft vorstellen, er k a n n dessen noch durch die A r t des behandelten Themas bestimmt worden. Doch langsam
etwaige Einwürfe vorwegnehmen, indem er sie selbst stellt u n d beantwortet, wird die Anrede gleichbedeutend mit einer W i d m u n g ; der Schreiber will den
d. h. indem er von derselben Methode Gebrauch macht, die in der Diatribe Adressaten ehren oder dessen Aufmerksamkeit und Gunst auf sich lenken.
häufig angewandt wird. So h a t Seneca, der uns bereits Zeuge für die Verwandt- Eine Parallele zu dieser Entwicklung ist das Zurückdrängen der persönlichen
schaft zwischen Brief u n d Dialog war, dieses Mittel oft benutzt und h a t da- Note, des Individuellen, durch die Rhetorik. Der Brief wird zu einer Übung
durch das Bild seiner Briefe belebt und die Dialektik des Denkens unter- in den Rhetorenschulen. —
strichen. „Der erste, der nach unserer Kenntnis in Rom wissenschaftliche Essays in
Naturgemäß wird das subjektive Element sich im Brief mehr als in Dialog die F o r m von Briefen einkleidete, war M. T E E E N T I U S V A E B O 6 . " Wie weit in
u n d Diatribe in den Vordergrund schieben. Denn der Brief ist doch zunächst Wirklichkeit der Ausdruck „ E s s a y s " die a d ä q u a t e Bezeichnung für Varros
da, um von sich selbst einem anderen K u n d e zu geben. Es ist daher natürlich, Briefe ist, dürfte bei dem Wenigen, das uns von Varros Schriften erhalten ist,
d a ß m a n auch für Schriften, in denen von persönlichen Dingen die Rede sein schwer nachzuweisen sein. W e n n P E T E B , weiter sagt, daß die „Disposition der
sollte, die Form des Briefes wählte. Auch hierfür mögen Sénecas Briefe an- Essays" „streng systematisch" war, daß sie nicht den Ton der Unterhaltung
geführt werden, denn Gegenstand dieser Briefe sind nicht nur die E r m a h - nachahmten, so passen diese Merkmale wenig zu dem, was wir uns unter einem
nungen an Lucilius, sondern auch die eigenen Empfindungen u n d die eigenen Essay vorzustellen gewohnt sind. — Vielleicht waren Varros Logistorici (wo
Erfahrungen, auf die sich seine Ermahnungen gründen. Hirzel hat bereits auf logos „Besinnlichkeit" bzw. „Gespräch" und historia „Geschichtliches" be-
den Zusammenhang zwischen dem Brief und der Literatur, in die das persön-
1 2
liche Erlebnis und die persönliche Ansicht Eingang gefunden haben, hin- H I R Z E L , 1. c, I, S. 304. Vgl. H I B Z E L , 1. c, I, S. 302.
3
H. P E T E I I , Der Brief in der römischen Literatur, S. 16. — Vgl. auch N O R D E N , 1. c,
i 5
S. 492. Vgl. P E T E R , 1. c, S. 16. B I C K E L , 1. c, S. 80f.
1 6
HIRZEL, 1. c, I, S. 305. P E T E E , 1. c, S. 216.

4*

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46 Dialogische Formen Der Brief 47
deutet 1 ) wirkliche Essays, denn Abhandlungen über die Geschichte, Kinder- HIII· diese F o r m e n wie Brief, Dialog u n d Diatribe miteinander in Beziehung
erziehung, über Gesundheit oder Götterdienst lassen schon eher an Essays Htohen, indem sie gemeinsame Züge tragen, die Wesensmerkmale späterer
denken, zumal in ihnen „philosophische, namentlich ethische, jedoch mit wirklicher Essays sind, vor allem die gefällige u n d unsystematische Darstellung
einem reichen Beiwerk historischer Belege durchwirkte u n d mehr populär als «ICH Gegenstandes. Es sind jene literarischen Formen, die den inneren assoziativ
systematisch gehaltene Discurse 2 " vermutet werden. psychologischen Zusammenhang über den logischen einer Disposition stellen.
Wie in Ciceros Dialogen, so ist auch in seinen Briefen eine gewisse Systematik Die Mittel, die Seneca hierbei anwendet, sind die gleichen, wie sie unsere
in der Behandlung des Themas nicht zu verkennen. Zum Beispiel ist der an Analyse eines Montaigneschen Essays herausgestellt h a t : Ansätze zu dialo-
seinen Bruder gerichtete Brief über die provinzielle Selbstverwaltung eine Kincher Gestaltung, Verwendung von Sentenzen u n d Illustrierung des eigenen
systematisch angelegte Darstellung, eine von vornherein für die Veröffent- Gedankens durch Beispiele.
lichung bestimmte Abhandlung. Ciceros Briefe blieben bis über die Renaissance Dialogische Stilelemente finden sich v o r allem in den Einwänden der Dia-
hinaus berühmte Vorbilder, doch weniger ihres Inhalts oder der A r t wegen, Iribe, die mit inquis (im Brief k a n n m a n natürlich nicht inquit erwarten) ein-
in der ein Thema behandelt wird, sondern als Muster für elegante Ausdrucks- erlei! et sind. E i n Beispiel möge für viele stehen: mors ad te venu: timenda erat,
weise, als F u n d g r u b e für phrases et formulae. .it tecum esse posset; sed necesse est aut non perveniat aut transeat. ,difficileesti
So h a t ihn auch Montaigne gesehen u n d seine kalte P r a c h t im Grunde ver- inquis ,animum perducere ad contemptionem animae'. Non vides, quam ex frivolis
abscheut. F ü r ihn war S E N E C A geliebtes u n d bewundertes Vorbild, vor allem MUSÍS contemnatur? . . . (Ep. IV, 3f.). Man braucht n u r d a s inquis zu streichen
dessen Briefe an Lucilius, nicht nur, weil der I n h a l t der Briefe, die dargelegten unit vor die einzelnen Sätze die Namen der Gesprächspartner zu setzen, um
moralphilosopliischen Grundsätze, ihn anzogen, sondern weil er auch in der riñen lebhaften Dialog vor sich zu haben. (Unterstrichen wird die dialogische
F o r m der Darntelhmg etwas Verwandtes sah, weil er.zu Sénecas Briefen, zu Wirkung durch die im Brief angewandte 2. Person, hier das non vides in der
diesen pièces décousues aufblickte wie zu Ahnen seiner eigenen pièces décousues: Kntgegnung Sénecas.) Ähnliche Formeln sind Quid . . . quaeris (Ep. V I I , i)
Ils (Plutarch und Seneca} ont tous deux cette notable commodité pour mon oder quid me existimas dicere? ÍVII, 3) — oder das inquis fehlt ganz, u n d es
humeur, que la science que j'y cherche, y est traictée à pieces décousues, qui ne wird lediglich eine rhetorische Frage gestellt (Ep. V I I , 9; V, 5). Zwar wurde
demandent pas l'obligation d'un long travail, dequoy je suis incapable, comme üben gesagt, daß die Briefform ein inquit nicht erwarten läßt. D a ß es trotzdem
sont les Opuscules de Plutarque et les Epistres de Seneque, qui est la plus belle, begegnet (z. B. Ep. 78, 11 ; 92, 11 ; 92, 14), beweist nur um so stärker, wie groß
partie de ses escrits, et la plus profitable (Essais I I , x, 108). der Einfluß der Diatribe ist, in der das inquit zur bloßen Formel erstarrt war
Soneeas Briefe an Lucilius gelten als das berühmteste Beispiel für den litera- und das so als formelhafte Einleitung für einen dialogischen Einwurf übernommen
rischen Brief in der römischen Literatur 3 . Sie h a l t e n an der F o r m persönlicher werden konnte. Noch eine Stelle möge zitiert werden, die ein schönes Beispiel
Briefe fest, sie geben persönliche Ermahnungen an den Freund, doch in Wirk- für die dialektische Art des Denkens bei Seneca darstellt. Wie in der Montaigne-
Hchkcit apostrophieren sie die Öffentlichkeit, die für diese moralphilosophischen nielle, die uns als Ausgangspunkt diente, ist m a n auch hier versucht, die Ge-
Fragen interessiert werden soll. Die Briefform gestattete es Seneca, System u n d dankenfolge in einen Dialog zu transponieren: quid ad te itaque, quam potens
streng logische Entwicklung außer acht zu lassen, denn für seinen Zweck wäre nit quem times, cum id, propter quod times, nemo non possit? at si forte in manus
beides nicht sinnvoll gewesen u n d h ä t t e das breite Publikum abgeschreckt. In hostium incideris, victor te duci iubebit: eo nempe, quo duceris (Ερ.ϊ,τν, 8 1 ) .
der gleichen Absicht sind auch Themen, die zusammengehören, auseinander- Das h e i ß t :
gerisseu, um auch durch diese Variatio (die später Plinius in erhöhtem Maße S E N . : „Was k ü m m e r t es dich, wie mächtig der sei, den du fürchtest, da
anwendet) seine Leser zu ergötzen. So gehören z. B. Nr. 24 u n d 26 wie a u c h 74 doch jeder dir das, weswegen du ihn fürchtest, zufügen k a n n ? "
u n d 7ö offensichtlich im Thema zusammen 4 .
L U C I L I U S : „Doch sollte ich in die H a n d der Feinde fallen, d a n n wird mich
Dio innere S t r u k t u r der Briefe, die Methode der Darstellung, ist stark von
fier Sieger zum Tode führen lassen."
der Diatribe beeinflußt. Die Formelemente der Diatribe t r e t e n zum großen
Teil, wie bereits festgestellt wurde, auch in den sogenannten Dialogen Sénecas S K N . : „Also doch nur dorthin, wohin du ja doch einmal geführt werden
auf, u n d diese Stilmittel der Diatribe, die B I C K E L anführt 5 , gelten in gleicher wirst! 1 "
Weise für die Briefe wie für die Dialoge, deren Ähnlichkeit schon an anderer
1
Stelle betont wurde. So zeigen uns diese Briefe in hervorragender Weise, daß Vyl- hierzu BICKEL, 1. c , S. 411 : ,,Im übrigen zeigt Sénecas eigenes Wort berief. V. 19,
H ut dialogorum altercatione sefosita... resjiondeam ,um zu antworten unter Fortlassen
1
BICKEL, 1. c, S. 425. ΙΙΓΗ Wortstreites der Gespräche', daß ihm selber der dialogische Formgehalt seiner Schrift-
2
EITSCUL, Op. III, 482 A, zitiert nach Realenzyklop. Artikel „Varro", Sp. 1263. wtellcrri auch in solchen Werken gegenwärtig war, denen in der Überlieferung der Titel
3
Vgl. KROLL, 1. c, S. 216. 4
Vgl. PETER, 1. c, S. 230. 5
1. c, S. 412. hitthuji fehlt."
48 Dialogische Formen Der Brief 49

Ein solcher Pseudodialog ist kennzeichnend für den, der es gewohnt ist, Auch das Exempel fehlt nicht in den moralischen Briefen. Es hat, ähnlieh
auftauchende Probleme im Gespräch zu erörtern und die Technik der Kon- wie die Sentenz, eine doppelte Funktion: die Mahnung stärker einzuprägen
versation auch auf die Form der monologischen Abhandlung zu übertragen. und die Form der Mahnung aufzulockern (vgl. VI, 6; VII, 0; IX, 18; X, 1 usf.).
Zeichnet nicht eine hohe gesellschaftliche Kultur, die für solche Naturen Vor- Die Ähnlichkeit mit Montaigne in der geschilderten Anwendung der Stil-
aussetzung ist, in gleicher Weise die römische Kaiserzeit wie die französische mittel findet ihr Pendant in der Gedankenführung, oder beesor: in dem Sich-
Renaissance aus? treibenlassen durch Analogie und Stichworte. Die Ep, 115 beginnt mit der
Die Sentenz nimmt in den Briefen an Lucilius eine dominierende Stellung Ermahnung, dem Stil nicht zu großen Wert beizumessen, sondern don Akzent
ein. Deutlich kommt dies zum Ausdruck durch den besonders markanten auf den Inhalt zu legen. Aber der Stil ist Ausdruck des CharakterH und der
Platz, den er oft einer Sentenz zuweist; nicht wenige Briefe schließen, indem Seele. Diese Beobachtung führt Seneca nun dazu, die Seele des tugendhaften
er den Inhalt des Briefes durch eine Sentenz, die als Zitat gebracht und als Mannes zu schildern und ihr ein großes Loblied zu singen. Jedoch ist (lioae
Lesefrucht des Tages getarnt wird, akzentuiert : sed ut huius quoque diei lucellum tugendhafte Seele oft unter Niedrigkeit und Armut verborgen, die Bosheit
tecum communicem, apud Hecatonem nostrum inverti cupiditatium finem etiam hingegen unter Reichtum versteckt. So achten und schätzen wir oft das Min-
ad timoris remedia proficere. /lésines1, inquit ,timere, si sperare desieris' (Ep. V, 7; derwertige und denken nicht an das „Dahinter". Wir lassen uns tauschen
vgl. auch Ep. VII, 10 u. a. m.). Er betont auch selbst die Wichtigkeit und den durch Marmorwände und Goldtäfelung. Denn das Geld und das Gold haben
Vorteil der Sentenzen: praeterea ipsa, quae praeeipiuntur, per se aut carmini uns den wahren Wert der Dinge verkennen gelehrt. Schon unsere Eltern
intexta sunt aut prosa oratione in sententiam coartata, sicut. . , (es folgen Bei- machten uns zu Bewunderern des Goldes . . . usw. Man ist geradezu versucht,
spiele) . . . advocatum ista non quaerunt (Ep. 94, 27; vgl. auch Ep. 108, 8f.). •— die Stichworte herauszulesen, die das Sprungbrett zum nächsten Gedanken
Aber nicht nur die Sentenz, die ein anderer erdacht hat, wird von ihm ge- und zum nächsten Stichwort abgeben: Stil, Seele, Tugend, Verkennung des
schätzt; sein Stil ist überhaupt ein Sentenzenstil, d. h. die Ergebnisse seines wahren Wertes, Gold usw. Übrigens führt uns der Schluß der Epistel wieder
Denkens werden in allgemeingültigen, treffenden, kurzen Sätzen zusammen- an den Ausgangspunkt zurück: Der Reichtum bringt nur Sorgen — Glück
gefaßt. Ein schönes Beispiel bildet die Reihe von Sentenzen in Ep. II, 2f.; wo (felicitatem) bringt nur die Philosophie ; ad hanc tarn solidam felicitatem, quam
ein Gedanke, nämlich die Mahnung, sich einige wenige Schriftsteller als Führer tempestas nulla coneuiiat, non perducent te apte verba contexta et oratio
zu suchen und nicht überall und nirgends gründlich zu lesen, in verschiedenen fluens leniter . . . (Ep. 115, 8). Damit ist der Ring geschlossen, mit einer
Sentenzen abgewandelt wird: nusquam est, qui ubique est. viiam in peregri- eleganten Wendung ist er wieder bei dem Gedanken, mit dem er den Brief be-
natione exigentibus hoc evenit, ut multa hospitia habeant, nullas amicitias. . . gonnen hat. Diese summarische Inhaltsangabe wollte nur andeuten, daß das
nihil aeque sanitatem impedit quam remediorum crebra mutatio usw. — Häufig Sich-treiben-lassen durch Assoziationen das gleiche ist wie bei Montaigne, der
führt diese Methode zu einer fast unerträglichen Häufung von Sentenzen. sich seiner Methode (wenn man hier überhaupt von Methode sprechen darf!)
Dieses Nebeneinandersetzen von Sentenzen oder Aphorismen bedingt eine wohl bewußt war: Je n'ay point d'autre sergent de bande à ranger mes pieces
gewisse Zusammenhanglosigkeit, so daß man in dem „moralisierenden Essayis- que la fortune. A mesme que mes resveries se présentent, je les entasse; tantost
mus" Sénecas „mit der Lektüre anfangen kann, wo man will und doch in dem elles se pressent en foule, tantost elles se traînent à la file. Je veux qu'on voye mon
Zusammenhang ist 1 ". Dann lesen wir nicht mehr den meditierenden und pas naturel et ordinaire, ainsi détraqué qu'il est. Je me laisse aller comme je
philosophierenden Seneca, sondern wir sehen ihn in großer Gesellschaft, wie me trouve . . ." (II, x, 102).
er allzu selbstgefällig durch Pointen glänzen will und zufrieden die Wirkung Bei Montaigne steht neben dem Sich-treiben-lassen die Einsicht in die
auf die staunenden Zuhörer beobachtet. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Wandelbarkeit der eigenen Ansichten und Meinungen, die Überzeugung von
er in den Rhetorenschulen groß geworden ist — und durch sein rhetorisches der Relativität jeder menschlichen Erkenntnis. Auch bei Seneca findet sich —
Pathos erreicht er oft, „daß wir nur zu häufig das Gefühl haben, als wenn er wenn auch nicht so ausgeprägt — eine ganz ähnliche Haltung. Auch Seneca
zufriedener ist, wenn wir ein geistreiches Aperçu beklatschen, als dem der revidiert seine Meinungen oder plädiert für beide Parteien, ob unbewußt oder
umgebundenen Phrase entkleideten Gedanken wegen seines inneren Gehaltes „par essai", bleibe dahingestellt; und die Einsicht in die Veränderlichkeit
folgen 2 ". Wir müssen dieses Brillierenwollen seiner Erziehung und seiner nicht menschlichen Urteils ist auch ihm gegeben: Fluctuamur inter varia consilia
zu verkennenden persönlichen Eitelkeit zugute halten. Daß auch Montaigne (Ep. 52, 1). Er war wie Montaigne ein großer Leser, der von seiner Lektüre
eine gewisse Koketterie nicht fremd ist, wurde schon angedeutet, und bei ihm beeindruckt wird und sich mit ihr auseinandersetzt 1 .
wie bei Seneca dürfte das Element der Konversation in der Gesellschaft hierfür
Noch ein kurzes Wort über die Sprache. Auch hier wieder eine frappierende
mitverantwortlich sein.
Analogie in der Forderung nach Einfachheit und Natürlichkeit, die gleieher-
1 2 1
BICKBL, 1. c, S. 187. NORDEN, i. c, S. 307. Vgl. OLTKAMARE, 1. c, p. 253.
50 Dialogische Formen Der Brief 51
maßen von Seneca u n d Montaigne erhoben wird. Wir sind uns dabei bewußt, fern, einen Gegenstand erschöpfend zu behandeln (und er wählte wohl deshalb
d a ß diese Forderung Sénecas nicht allzu ernst genommen werden darf, da sie die Briefform), oder er verwendet häufig, um Abwechslung zu bieten, alle
zuviel Ähnlichkeit m i t d e m in den Rhetorenschulen gelehrten Topos von der Möglichkeiten der E x k u r s e {egressus, die v o n Quintilian I X , 3, 12 in vier
Bescheidenheit h a t und der Widerspruch zu seinem brillierenden Sentenzenstil Klassen eingeteilt werden: laus hominum locorumque, descriptio regionum,
zu offensichtlich ist. Seneca sagt: adice nunc, quod quae veriiati operam dat expositio quarundarum rerum gestarum, laetitia fabularum1 und für die m a n
oratio, incomposita esse debet et simplex (Ep. 40, 4; von Montaigne zitiert in bei Plinius reichlich Beispiele finden k a n n ) . Man könnte vielleicht I, 20 als
I, xxvi) . . . haec sit -propositi nostri summa: quod sentimus loquamur, quod einen Essay „über die Vorzüge einer langen gegenüber einer kurzen R e d e "
loquifmir sentiamus: coneordet scrmo cum vita {Ep. 75, 4). U n d die entsprechen- bezeichnen oder V, 5 als einen biographischen Essay über C. Fannius. Doch
den W o r t e Montaignes: Le parler que fayme, c'est un parler simple et naif, tel immer h a t man beim Lesen d a s Gefühl des Gekünstelten und Gewollten. Sehr
sur le papier qu'à la bouche, un parler . . . esloingné d'affectation, desreglé, des- viel spricht er von sich selbst, so viel, daß m a n den Eindruck gewinnt, er habe
cousu et hardy (I, x x v i , 222). die Briefform nur gewählt, um von sich sprechen zu können. Soviel Eigenlob.
Montaigne h a t t e sich aus dem politischen Leben in sein Bibliothekszimmer Ruhmsucht u n d fishing for compliments ist k a u m zu überbieten. Die Be-
zurückgezogen, als er seine Gedanken niederzuschreiben begann, als er seine sehreibung seines laurentinischen Landhauses (Brief an Gallus, I I , 17) ist eine
Selbstbeobachtungen aufzeichnete, um sich selbst und durch sich den Menschen Art Muster-Beschreibung; er will zeigen, wie glänzend er auch dieses Genre
überhaupt kennenzulernen. beherrscht! Es sind keine wirklichen Briefe mehr, sondern „Stilübungen in
Auch ein Teil der philosophischen Schriften Sénecas ist in der Einsamkeit einer gehobenen Prosa, die nicht einzeln, sondern in ihrer geschickten Zusam-
entstanden, nachdem er im J a h r e 62 den kaiserlichen Hof verlassen h a t t e . menstellung zu Büchern auf das Publikum wirken sollten 2 ". Diese Zusammen-
Hier schrieb er „Von der Muße", „Vom glückseligen Leben", und auch die stellung, die Anordnung der Briefe ist geleitet von dem Erfordernis der Delec-
moralischen Briefe an Lucilius entstanden in der Muße dieser stillen Tage. tatio — der Leser soll nicht durch zu lange Ausdehnung eines Themas ermüdet
„ I c h h a b e mich verborgen u n d meine T ü r verschlossen, d a m i t ich Vielen werden, sein Geist soll wie ein Schmetterling v o n einer B l ü t e zur andern
nützlich sein k a n n . . . Nicht n u r von den Menschen habe ich mich zurück- flattern. So ist z. B. eine Themenreihe mit fast regelmäßigen Einschiebseln
gezogen, sondern auch von den Dingen, besonders von meinen eigenen. N u n im V. Buch festzustellen: mit Werken der Literatur bzw. mit Schriftstellern
arbeite ich für die Nachwelt. F ü r sie schreibe ich einiges nieder, was ihr viel- beschäftigen sich V, 3, 5, 8, 10, 12, 15, 17 usw.
leicht von Nutzen sein kann. Heilsame Ermahnungen, ähnlich den Mixturen W e n n Bickel die Briefe des Plinius und des F r o n t o als „schöngeistige Essays
nützlicher Medikamente, vertraue ich dem Papier an. An meinen eigenen in Briefform 3 " bezeichnet, d a n n k a n n „ E s s a y " n u r in seiner weitesten Be-
Krankheiten habe ich erfahren, d a ß sie wirksam sind; wenn meine K r a n k - deutung (die sich dann auf sehr viele literarische Erzeugnisse anwenden läßt)
heiten auch nicht ganz geheilt wurden, so greifen sie doch nicht weiter um gemeint sein ; denn aueh die Briefe Frontos (der nächste nach Plinius erhaltene
sich. Müde vom Umherirren habe ich spät den rechten Weg erkannt; ihn zeige Briefwechsel) liegen in der gleichen Entwicklungslinie, die den Übergang zur
ich anderen . . ." {Ep. 8, 1). bloßen rhetorischen Schulübung kennzeichnet.
Eine neue Blütezeit des Briefes bricht mit der Renaissance an. Briefe, die
W e n n wir im Anschluß an Seneca noch die b e r ü h m t e Briefsammlung des ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit b e s t i m m t waren u n d die n u r dem
jüngeren Plinius erwähnen, so t u n wir dies nicht, weil etwa die Briefe des Gedankenaustausch zweier gedient h a t t e n , wurden veröffentlicht; m a n sam-
Plinius eine Steigerung in der Reihe der essay-ähnlichen Formen innerhalb melte die Briefe berühmter Männer, m a n fing ihre Briefe ab, um sie zu lesen
der Briefgattung darstellen. Sie sind uns vielmehr ein Zeugnis für die weiter u n d sich an ihnen zu begeistern, noch ehe der Empfänger sie in die H ä n d e
oben angedeutete Entwicklung des Briefes in Richtung auf eine bloße rheto- bekam. „ E i n hübscher lateinischer Brief war ein Kleinod, um das m a n sich
rische Übung. Der Adressat wird n u n völlig gleichgültig für die Themenwahl. beneidete 4 ." Denn nicht n u r der glänzende Stil dieser Humanistenbriefe, auch
Plinius h a t nicht mehr ihn, sondern sein ganzes Lesepublikum vor Augen, vor ihr I n h a l t interessierten nicht bloß Schreiber und Empfänger. Der Brief war
dem er sein Wissen und sein Können ausbreitet. ,,Du schreibst, d a ß Du b a u s t " die geläufige philosophische u n d wissenschaftliche Mitteilungsform geworden
— diese Anknüpfung ist ihm Rechtfertigung genug, dem Leser Beschreibungen und k a n n unter diesem Gesichtspunkt den Vergleich mit modernen Zeitschrif-
seiner Landhäuser vorzusetzen (IX, 7). tenveröffentlichungen aushalten 5 . Welchen W e r t m a n auf die F o r m und den
Sicherlich, es gibt einzelne Elemente, die auch Stilmittel des Essays sind Stil der Briefe legte, geht vor allem aus den T r a k t a t e n hervor, die m a n über
und die Plinius — vielleicht allzu bewußt u n d berechnend — anwendet. P E T B B die K u n s t des Briefsehreibens verfaßte; so schrieb E r a s m u s seine Broschüre
h a t auch die Briefe des Plinius mit Essays verglichen 1 . So z. B. liegt es ihm 1
Zitiert nach PETER, 1. c , S. 113. 2
ΚΒΟΙΛ, 1. c , S. 238. 3
S. 380.
1 4 5
S. 117. HTJIZINGA, Erasmus, S. 117. Vgl. HÜIZINGA, Erasmus, S. 117.
52 Dialogische Formen Der Brief 53
De conscribendis epistolis (erschienen 1522), und in einem Florilegium und et, o Deus immortalis, o immutabilis Sapientia, quot et quantas morum tuorum
Stilhandbuch des Albertus de Eyb x finden wir neben einigen Seiten klassischer mutationes hoc medium tempus vidit1 Y Das Erlebnis des äußerlichen Geschehens
Briefschlüsse nicht weniger als 114 Anreden aller Schattierungen für alle Ge- wird nur noch ein Medium für die Gedanken und das Selbstgespräch Petrarcas ;
legenheiten. es tritt ganz in den Hintergrund und wird nur noch im Unterbewußtsein erlebt :
Uns interessieren an dieser Stelle nicht die Briefe, in denen dieses formale Bos inter undosi pectoris motus, sine sensu scrupulosi tramitis, ad ülud
Element die Hauptsache ist, wo etwa mit ciceronianischen Floskeln dem hospitiolum rusticum . . . remeavi2.
Fürsten und Geldgeber Schmeicheleien gesagt werden, für die doch jeder warme Sei es, daß er de Tkile insula famosissima sed incerta die verschiedenen
und aufrichtige Ton fehlt, sondern die Briefe der Männer, denen das Latein Meinungen sorgsam gegeneinander abwägt, sei es, daß er an Laelius de perti-
eine lebendige Sprache geworden war ; denn dort erst, wo die Sprache von aller nacia spei humanae schreibt und eine lange Kette von Vergleichen und Bei-
Pedanterie befreit ist, können wir eine persönliche Gestaltung der Materie und spielen aus der Natur und der Geschichte anführt oder de Cicerone atque eius
den Ausdruck eigener Gedanken und Empfindungen suchen. operibus plaudert, immer haben wir den Eindruck, daß hier nicht bloß totes
PETRARCAS Haltung hat mit der eines Erasmus und eines Montaigne große Material zusammengetragen und aneinandergereiht ist, sondern daß dieses
Ähnlichkeit. (Vgl. S. 89.) Das Ablehnen objektiver Bindungen, die Scheu Material von einer starken Persönlichkeit frei und überlegen gestaltet wird 3 .
vor einem entschiedenen Ja oder Nein mit dem Ziel, die Freiheit der eigenen Dies ist es auch, was Montaigne von den Kompilatoren unterscheidet: der
Persönlichkeit zu wahren, sind Charaktereigentümlichkeiten Petrarcas, Eras- Stoff, den Geschichte und Erfahrung lieferten, steht nicht mehr um seiner
mus' und Montaignes. Auch das abgeschlossene Leben in der Vaucluse hat selbst willen, sondern ist den Gedanken Montaignes dienstbar gemacht. Von
hier seine Begründung und nicht etwa in einem mittelalterlichen Weltflucht- der ganzen Briefsammlung der Familiari aber, die genau wie Montaignes
ideal 2 . Essais die verschiedensten Formen und Inhalte aufweist, schreibt Petrarca
Ein großes Beispiel für das subjektive Erlebnis, das den Mitmenschen und Worte, die mit der gleichen Berechtigung am Schluß der Essais stehen könnten :
der Nachwelt mitgeteilt wird, sind uns Petrarcas Briefe ; sicherlich, auch die „Ein Buch aus meinen Tändeleien zusammengewoben, sehr ungleich an Inhalt
meisten seiner Briefe waren ursprünglich nur für den Adressaten bestimmt, aber und Stil. Nicht mit Unrecht werden verwöhnte Ohren sich beleidigt fühlen.
Petrarca selbst hat die Briefe sorgfältig gesammelt, in einzelne Gruppen ge- Allerdings wird ja vielleicht manch einem, dem der Inhalt als solcher nicht
ordnet und damit auch der Mit- und Nachwelt überantwortet. — Und wenn gefällt, gerade die Vielfältigkeit Wohlgefallen. Denn der Geist der Sterblichen
er in diese Sammlung Briefe an verstorbene große Männer aufnimmt, ζ. Β. ist ja unstet und unbeständig" {ondoyant et divers, sagt Montaigne) „und jedem
an Seneca 3 oder an Titus Livius 4 , dann gibt er schon durch die gewählte Brief- steht es frei, zu wollen, was ihm beliebt 4 ."
form zu erkennen, daß er hier nicht irgendwelche Forschungen und objektive
Erkenntnisse veröffentlichen will, sondern seine persönlichen Gedanken, sein Ein Teil von dem, was wir von Petrarca gesagt haben, gilt in gleichem Maße
eigenes Verhältnis zu Seneca und Livius wird zürn. Thema der Briefe gemacht. für die andere überragende Gestalt des Humanismus, für ERASMUS. Auch hier
Sehr oft sind seine Briefe Selbstgespräche; er spricht von seinen frohen und die absolute Beherrschung der Sprache, die das amüsante Plaudern wie die
düsteren Stimmungen, von seinem Talent, von seinen Arbeiten und Sorgen, Prägnanz des Ausdrucks erst ermöglicht. Auch hier die Einflechtung der eigenen
ohne sich viel um den Adressaten und dessen Persönlichkeit zu kümmern. Person — man denke nur an die vielen Briefe, in denen er frische Reiseberichte
Sein geliebtes Ich ist immer wieder das Thema, in seinen Dialogen über die bringt oder von seinen wirtschaftlichen Sorgen, von seinen Arbeiten und
Weltverachtung, in seinem „Brief an die Nachwelt" wie in seinen Briefen an Plänen schreibt. Deshalb hat auch die große Ausgabe seiner Briefe von ALLEN 5
die Freunde. das Bild des Erasmus um viele Züge und Nuancen bereichert. Wir können es
Beispielhaft ist der berühmte Brief über die Besteigung des Mont Ventoux 5 . uns nicht versagen, ein längeres Beispiel für seinen Stil, für seine geistvolle
Der Brief ist zunächst ein Reisebericht, der sich mit den Schwierigkeiten und Plauderei und die immer wieder neue Beleuchtung desselben Themas zu geben:
den Reizen des Unternehmens befaßt. Aber dieses Tagebuch der äußerlichen Puer meus tuo iussu tuisque verbis formidolosum me appellauit, quod ob nescio
Begebenheiten wird dann zum Tagebuch der eigenen Gedanken und Empfin- cuius pestilentiolae metum solum verterim. Non ferendum conuicium, siquidem
dungen, zur Aufzeichnung eines Selbstgesprächs : Occupavit inde animum nova 1
Zitiert nach der Ausgabe von Vittorio Rossi: Francesco Petrarea, Le Familiari.
cogitatio atqtte a locis traduxit ad témpora. Dicebam enim ad me ipsum: ,Hodie Firenze 1933 ff. (Bd. I, S. 157). 2
PETRARCA, Farn. I, S. 160.
decimus annus completur, ex quo, puerilibus studiis dimissis, Bononia excessisti; 3
Vgl. auch die Analyse eines Briefes von Petrarca bei RXTEGG, 1. c , S. 56ff.
4
1
Zitiert nach der Auswahl der Briefe von NACHOD U. STERN, Berlin 1931, S. 237. Es
ALBEBTTTS DE E Y B , Margarita poética. Argentinae 1503 (1. Ausg. 1472). handelt sich um den letzten Brief des 24. Buches der Familiari.
3
Vgl. W. R Ü B G G , Cicero und der Humanismus. Zürich 1946, S. 37. 5
Opus Epistolarum Des. Erasmi Boterodami. Denuo recognitum et auctum per P. S.
3 l 5
Farn. X X I V , 5. Farn. X X I V , 8. Farn. IV, 1. A L L E N . Oxonii 1906ff.
54 Dialogische Formen
Der Brief 55
in militent Eluetium dicatur; at in hominem poeMcum ocii vmbraeque amantem
Solehe Worte setzen eine erstaunliche Selbständigkeit gegenüber Bibel und
neutiquam haeret. Quanquam huiusm,odi in rebus nihil formidare equidem non
Dogma voraus. Es ist eine Erzählung, die die Gesellschaft und angeregte Kon-
strennui hominis, sed slipitis esse dum. Vbi eo cum hoste res est qui propulsari,
versation hervorgebracht h a t : Hohes fabulant, Sixtinc, inter pocula dietam
qui referiri, qui vinci contra pugnando potest¡ ibi qui fortis videri cupit, per m.e
atque inibi inter pocula natam, atque adeo ex ipsis, si übet, poculis, quam volui
Ucebit, Lemea ilia Hydra, extremus durissimusque laborum IJerculis, ferro qut-
ad te perscribere1.
dem domari non potuit, at Graeco tarnen igni confiai potuit. Huic malo quid tan-
Ein Beispiel, das für viele dieser Art angeführt wurde, h a t schon oben auf
dem factes, quod nee cerní queat nee vinci? Quaedam melius fugiuntur quam
eine cssayartige Form seiner Briefe aufmerksam gemacht: es war die auf-
superantur. Vir fortis Aeneas non congressus est cum Syrenibus sed longe a
gelockerte Behandlung eines Themas, das durch Exempel u n d Zitat nuanciert
periculoso littore proram deflexü. At nihil est, inguies, periculi. At ego interim
und abgewandelt wurde. E r w ä h n t sei an dieser Stelle noch der Brief 1800
cura periculum mullos interire vídeo. Vulpem imitor Horatianam,
(Bd. VI, S. 483ff.), dessen Mittelstück schon von A L L E S als Essay bezeichnet
Quia me vestigia terrent worden ist 2 .
Pier a que. te aduersum spectantia, pauea retrorsum.
Bei Erasmus ist es, wie wir sahen, der ungezwungene Stil der Konversation,
In hac ego rert/m facie non Aureliam modo, sed etiam ad Gades illas hercú-
die von jeder aufdringlichen Erudition freie Betrachtung des Gegenstandes,
leas, vel ad Arcliadtim extremarum extremam vsque non dubitarim auolare . . A
die uns in seinen Briefen essayistische Formen erkennen läßt, bei GUISVARA,
In dieser Krwkierung an Faustus Andrelinus, die in ihrem lustigen Witz
von dem noch kurz gesprochen werden soll, die Art der Kompilation, die uns
geradezu kennzeichnend ist für den geistvollen Plauderer Erasmus, haben wir
an die Methode der Essais von Montaigne, wenigstens an die der ersten Periode,
gleich eine Musi crkarte von verschiedenen literarischen Elementen auf kleinem
erinnert. Guevara, ,,der Meister der höfischen Rhetorik'', wie ihn P F A N D ] ,
R a u m beisammen: geschickt eingewobene Beispiele, den Einwand des Gegners
nennt 3 , war Bischof von Guadix und von Mondoñedo, in erster Linie aber Hof-
{At nihil est, inquias, periculi) u n d das klassische Zitat. Trotzdem wird niemand
prediger und Hofhistoriograph Karls V., u n d so ist auch die Eitelkeit des Höf-
sagen können, es sei eine Zurschaustellung seiner klassischen Bildung, ein
lings in stärkerem Maße Kennzeichen seiner Schriften als Aufrichtigkeit und
Prahlen mit seiner großen Belesenheit, — bei Tertullian wurden wir diesen
historische Zuverlässigkeit. Wenn wir dem Bischof Guevara Glauben schenken
Verdacht nicht ios u n d bei Guevara ist er sicherlich begründet — das über-
sollen, so wurden seine Briefe ihm gestohlen und veröffentlicht, aber der Höf-
nommene Material ist vielmehr so fest in den Gedankengang eingebettet u n d
ling Guevara k a n n es sich nicht versagen, darauf hinzuweisen, in welch guter
mit ihm verwachsen, daß es nicht mehr aufdringlich und unabhängig hervor-
Gesellschaft er sich mit diesem Ereignis befinde ; denn ebenso sei es dem Divin
treten kann. Voraussetzung hierfür ist die vollendete Kenntnis der Antike,
Piaton, Phalaris le Tyran, Seneque Espagnol et Cicerón le Romain ergangen u n d
um jeweils das treffendste Beispiel einsetzen zu können, — u n d mit dieser
der pathetische Schwur et si confesse à Dieu qu'oneques n'escrivy lettre en inten-
souveränen Kenntnis der Antike auch die Unabhängigkeit u n d Selbständig-
tion qu'elle deusse estre imprimée11 verliert an Wert, wenn m a n an den Schwin-
keit des eigenen Geistes. Dieser Individualismus spricht auch aus dem Brief
del denkt, den er 10 J a h r e vorher mit Mark-Aurel getrieben h a t t e 5 . Die erste
116 (lîd. I, S. 268): E r a s m u s schreibt an J o h a n n Sixtin von einem Gastmahl,
Ausgabe seiner Epístolas familiares erschien 1539, die französische Übersetzung,
bei dem sich ein theologischer Disput entspinnt, der schließlich bedrohliche
die wir hier zitieren 8 und die auch Montaigne gelesen hat, erstmalig 1556.
Formen annimmt, so daß Erasmus die Gemüter durch eine reizende Fabel, die
er angeblich in einem Kodex, dessen Autorcnnamc u n d Titel das Alter u n d die N u r ein Teil der Briefe, die in der Sammlung enthalten sind, war tatsächlich
Motten vertilgt hatten, gelesen h a t . Es ist eine launige Nacherzählung der an Freunde und Bekannte geschrieben, der andere und größere Teil jedoch ist
Geschichte von Kain u n d Abel, — zweifellos die freieste, ja frivolste Para- fingiert. Die durchschnittliche Länge der Briefe beträgt etwa 3 Seiten; einige
phrase der Bibel, die Erasmus je geschrieben hat. Als Beispiel sei hier nur an Themen, die auch in anderen Kompilationen des 16. J a h r h u n d e r t s immer
eine Steile erinnert: K a i n will guten Samen aus dem Paradies (genannt viri- wiederkehren, z. B. seine Abhandlungen Über die Medizin und über die Pflich-
darium) stehlen und versucht den Wachengel am Eingangstor zu bereden u n d 1
Bd. 1, S. 270f.
aufzuhetzen : Gott messe dieser Angelegenheit keine große Bedeutung mehr 2
Vorbemerkung von ALLEN, S. 483: ,,. . . the central portion, which is in the nature of
bei; u n d ob er, der Engel sich in seiner Holle denn gefalle, die Gott ihm zu- an essay on Chrysostom . . ."
3
gedacht hat? Ex angelo carnificem te fecit, ut miseros nos et perditos crudelis L. PFÄNDE, Spanische lÀteratur geschickte, Berlin und Leipzig 1923, Bd. I, S. 90.
4
arceres a patria. Zu derartigen Diensten h ä t t e n sic, die Menschen, sieh längst Vorrede Guevaras an den Leser.
0
H u n d e herangebildet! Libro áureo de Marc Aurelio (1528 u. 1529); es enthält eine Biographie und Briefe
Marc Aurcls, die aber Guevara selbst verfaßt hat; jedoch gab er vor, sie nach einem alten
1 Text herauszugeben, was man auch einige Zeit lang glaubte.
ERASMUS (ALLEN), Epistolae, Bd. I, S. 311f. (Brief vom 20. Nov. 1500 an Faustus 6
ANTOINE DE GCEVARE, Epistres Dorées Moralles et Familières. Trad. d'Espagnol en
Andrelinus). Françoys par le Seigneur de Guterry. Lyon ]558.
58 Dialogische Formen
Noch ein Wort über Montaignes Stellung zum Brief. Er selbst hat sich mit
dem Gedanken getragen, seinen Schriften die Briefform zu geben. Sur ce sub-
ject de lettres, je veux dire ce mot, que c'est un ouvrage auquel mes amys tiennent
que je puis quelque chose. Et eusse prins flus volontiers cette forme a publier mes
verves, si j'eusse eu a qui parler. Il me fàloit, comme je l'ai eu autrefois, un certein
Biographie und Autobiographie
commerce qui m'attirast, qui me soustint et souslevat. Gar de negotier au vent, „Or ceux qui escriventlesvies, d'autant qu'ils s'amusent plus aux
corne d'autres, je ne saurois que de songes, ny forger des vains noms à entretenir conseils qu'aux evenemens, plus à ce qui part du dedans qu'à
ce qui arrive, au dehors, ceux là me sont plus propres."
en chose sérieuse, ennemi juré de toute falsification (I, XL, 327). (Vielleicht kann
(MONTAIGNE, Essaie, II, x, 113.)
man aus den letzten Zeilen- wiederum seine Polemik gegen Guevara heraus-
lesen.) Einzelne seiner Kapitel tragen auch in der Tat eine "Widmung, das Eins der auffallendsten Merkmale, das sich schon beim flüchtigen Überlesen
Kapitel II, vm {De l'affection des peres aux enfans) beginnt sogar mit der eines Montaigneschen Essays förmlich aufdrängt, ist das der Selbstanalyse
Anrede „Madame . . .". Aber daß er den Gedanken, Briefe zu sehreiben, fallen und gelegentlich auch das der Selbstbespiegelung. Doch so stark dieses Element
ließ, brauchen wir wohl kaum zu bedauern. Denn die Briefform hätte seinen auch ist, es wirkt nie systematisch oder methodisch : Montaigne schreibt trotz
hierhin und dorthin abschweifenden Gedanken Schranken auferlegt; schon aller persönlichen Bekenntnisse keine Autobiographie. Wollte man alle Stellen,
allein die Person des Adressaten würde seinem Geiste Grenzen vorgezeichnet in denen Montaigne über sich selbst spricht, sammeln und zusammenstellen,
haben, denn an irgendwen zu schreiben, widerstrebte ihm, vor allem, nachdem so erhielte man immer noch keine Biographie, sondern bestenfalls Montaneana.
sein Freund La Boétie gestorben war, auf den die oben zitierten Worte zweifel- Und wenn Montaigne auch gelegentlich wenig Schmeichelhaftes von sich be-
los hindeuten (Il me falloit, comme je Vay eu autrefois, un certain commerce qui richtet, so ist diese Art Beichte bei ihm doch nicht aufzufassen im Sinne der
m'attirant.. .). Augustinischen Gonfessiones (die er kaum gekannt haben dürfte), sondern in
Das Kennzeichen der späten Essays, das Parler indifféremment de tout ce manchen Fällen sogar nur als ein Kokettieren mit den eigenen Fehlern, das
dem Leser durch das „ich bin auch nicht besser als du" schmeichelt. (In dieser
qui se presente à ma fantasie (I, xxvi, 188) wäre kaum an seinen Epistres fest-
Richtung zielt beispielsweise die Bemerkung über sein schlechtes Gedächtnis,
zustellen. Ein Essay wie Du repentir ist als Brief kaum vorstellbar.
die sich durch die ungeheure Zahl von Reminiszenzen in seinen Essais wider-
legen läßt.)
Trotzdem ist dieses autobiographische Element bei Montaigne nicht zu unter-
schätzen, wenn es hier auch weniger leicht ist als anderswo, die genauen Ein-
flüsse etwaiger Vorgänger festzustellen. Auf diese Schwierigkeit hat bereits
VILLEY hingewiesen: A vrai dire, je n'ai pas rencontré dans les Essais la trace
matérielle de cette ample littérature biographique moderne1.
Welche Bedeutung auf diesem Gebiet vor allem PLTJTAJJCH durch die Ver-
mittlung Amyots auf Montaigne hatte, wurde von Villey bereits nachgewie-
sen: Les essais 38, 41, 44, 45 et 47 du premier livre sont inspirés directement par
les Vies; le quarante-sixième et le quarante-huitième portent les marques d'une
lecture toute fraîche*. Dabei grenzt Villey die Einflußsphäre der Viten gegen
die der Moralia scharf ab: Et ici, si Von veut établir une distinction, il semble
bien que les Vies ont plus contribué à lui donner le sens de la complexité psycho-
logique et l'intelligence souple du coeur humain, tandis que les Opuscules auraient
eu pour leur part surtout de détacher son imagination des grands principes
stoïciens et de Vorienter vers une morale plus familière et plus pratique. De concert,
Vies et Opuscules vont modifier profondément la forme de l'essai3.
Ein kurzer Vergleich zwischen der Methode Plutarchs in den Viten und der
in entsprechenden Montaigneschen Essays zeigt diesen Einfluß unverkennbar.
Plutarch gibt uns in Nicias selbst einen Einblick in seine Methode: Parquoi
1 a 3
VILLEY II, S. 129. ibid., S. 103. ibid., S. 102.
S c h o n , Vorformen 5
62 Biographie und Autobiographie

schiedenen Haltung bei der Absicht wirken doch die beiden Porträts in ihrer
liebevollen Kleinmalerei sehr ähnlich.
Bei dem Überblick über die autobiographischen Werke fallt besonders noch
1
Die Kompilationsliteratur
CABDANO auf (1501—1576), der ähnlich wie Montaigne sich selbst betrachtet :
er sieht wie Montaigne seine Fehler ein, konstatiert sie ruhig, aber ohne eine Exempel und Exempelsammlungen
moralische Empfindung oder gar Reue zu verspüren. Während aber Montaigne „Mais venons aux exemples, qui sont proprement du gibier des
gelegentlich über sich selbst lächelt, registriert Cardano nur ; es ist eben nicht gens foibles de, reins, comme moy . . . "
umsonst das Werk eines Naturforschers. Auch bei Cardano findet sich ein {MONTAIGNE, Eesaia, I, xiv, 69.)
Selbstporträt wie bei Montaigne (Caput Π Ι ) . Diese Porträts stimmen bis auf
Der auf den ersten Blick überraschende Reichtum an Fabeln, Anekdoten,
kleine Einzelheiten überein, nur hat Cardano mehr Wert auf die anatomischen
Gleichnissen und Histörchen aller Art, die sich aus den Montaigneschen Esaais
Eigentümlichkeiten gelegt. So hat also Montaigne mit Cardano die leiden-
herauskristallisieren lassen, ist ein Formelement, das schon in der Antike sehr
schaftslose Beobachtung gemeinsam, unterscheidet sich aber von ihm durch
gepflegt wurde. Dies geht allein schon daraus hervor, daß z. B. das Griechische
die weniger streng wissenschaftliche Art.
eine stattliche Anzahl von Spezialfonnen des Exemplums entwickelt und mit
1
HlBRONVMüa CARDANÜS MEDIOLANENSIS, De 'propria vita. %>· ed. Ametelaedami 1654. verschiedenen Namen belegt hat, wie Apophthegma, Apomnemoneuma, Chreia
Ob Montaigne das Werk gekannt h a t , ist nicht mit Sicherheit festzustellen. u. a. So verschieden diese Sonderformen auch erscheinen mögen, (das Apo-
phthegma z, B. ist eine kurze ernste oder witzige Streitrede, die von einer
entsprechenden Tat begleitet sein kann 1 , die Chrie dagegen berichtet einen
von einer bestimmten Persönlichkeit im Anschluß an eine kurz angedeutete
Situation getanen, durch eine frappante Wahrheit wirkungsvollen Ausspruch
oder eine im Anschluß an die Situation nicht mißzuverstehende Handlung 2 ),
gemeinsam ist ihnen allen der Exempelcharakter. Der Strom dieser eigenartigen
Literatur fließt weiter in den großen Sammlungen der römischen Kaberzeit,
in den kirchlichen Beispielsammhmgen für Predigtzwecke im Mittelalter und
schwillt von neuem an mit der Flut der Kompilationsliteratur während der
Renaissance. Apophthegmen, Chrien, res memoria dignae, Facetien, histo-
rische Anekdoten, Witzworte, sensationelle Ereignisse, merkwürdige Begeben-
heiten, Sitten und Gebräuche fremder Länder, Wahres und Erdichtetes, —- in
Form und Inhalt disparate Elemente sind hier zusammengetragen: für den
Fakten- und Raritätenhunger der Renaissance eine unausschopfliche Fund-
grube. Man begann, die einzelnen Exempla zu kommentieren (Ansätze waren
schon in antiken Exempelsammlungen vorhanden); es war verhältnismäßig
leicht, durch Kommentar und verbindende Worte interessante kleine Abhand-
lungen zu schreiben ; denn die meisten Sammlungen waren ohnehin nach Sach-
gebieten geordnet : Hier liegen die Anfänge der Montaigneschen Essais.
Aber nicht nur dieser handwerkliche Gesichtspunkt, nicht nur diese äußere
Entwicklung ist es, die die Exempelsammlungen für unser Thema bedeutungs-
voll werden läßt. Der Geist, den diese Exempelsammlungen atmen, ist dem der
Essais verwandt. Das Anfügen von Beispiel an Beispiel, das die Tendenz zum
Nicht-mehr-aufhören-können in sich schließt, das Gegenüberstellen verschie-
1
Vgl. W. GEMOLL, Das Apophthegma, Wien—Leipzig 1924, S. 5.
a
Vgl. G. VON WAKTESSLEBEN, Begriff der griechischen Chreia und Beiträge zur Ge-
schichte ihrer Form, Heidelberg 1901, S. 5.
56 Dialogische Formen Der Brief 57

ten der Eheleute, sind ausführlicher behandelt. Eingestreut sind auch Homilien Schreiber des unleserlichen Briefes verwendet werden können. Amüsant zu
über ein Wort der Bibel, — angeblich haben Freunde ihn gebeten, diese vor lesen ist z. B. folgende Stelle: J'ay donné à lire vostre lettre à Pierre Cotronel,
Karl V. gehaltenen Predigten ihnen mitzuteilen. pour savoir si elle estoit en Hebrieu: le Vay monstrée à Mahumet Abducarin,
Der Gesamteindruck der Briefe ist wenig ansprechend. Zu sehr ist immer pour savoir si elle estoit en Arabie . . . finablement la monstray aux Alemans,
der Autor im Vordergrund, u n d man k a n n sich des Gefühls nicht erwehren, Flammans, Italiens, Anglois, Escossois, et François: lesqueL· m'ont dit que
daß er gerne seine Briefe, seinen rhetorischen Stil, sein Wissen über die Antike cestoit lettre de moquerie, ou lettre d'enchanterie . . , 1 , worauf er ihn einem negro-
bewundert sehen möchte. Bei allen Gelegenheiten, die sich bieten, werden mantien vorlegt u n d dem Schreiber schließlich wünscht, er wäre der Sekretär
Beispiele, Apophthegmen, Zitate aus der Antike gebracht. Manchmal sind aller Irrlehrer gewesen iamais homme ne les eut peu lire2. — Zu diesen Briefen,
diese Beispiele sehr ausführlich erzählt u n d bilden den Hauptgegenstand eines in denen Exempel u n d Zitate mehr in den Hintergrund t r e t e n u n d nur noch
Briefes (vgl. S. 251 die Geschichte der drei Kurtisanen), manchmal tauchen Nuancen des ganzen Briefes darstellen, zählt auch das Schreiben an den Arzt
zur Bestätigung seiner Ansicht lange, nicht-enden-wollende Exempelreihen Melgar 3 , wo Guevara im ersten Teil launig seine Erfahrungen, die er mit den
auf. Oft h a t m a n den Verdacht, daß eine bestimmte Redewendung, ein be- Ärzten gemacht hat, erzählt.
stimmter Gedanke nur gesagt wird, um ein Zitat oder einige Beispiele aus der Die Methode, die Guevara in seinen Briefen anwendet, d. h. die Kompilation
Antike anbringen zu können. Er k a n n das Zitieren k a u m erwarten, wenn er von Exempeln u n d Sentenzen, die er in seinen Gedankengang einbettet, ist die
einen Brief begonnen h a t . Einige Beispiele für seine Exempelsucht u n d seinen gleiche Methode, die auch in den sogenannten Diverses Leçons geübt wird,
rhetorischen Stil mögen hier Platz finden : einem Genre, von dem später noch die Rede sein wird. Wie die Diverses Leçons
Er schreibt an den vor Toledo im Felde stehenden Don Anthoine de Cunigne : sind auch die Briefe Guevaras kleine Abhandlungen, verbrämt mit dem Ma-
Par ainsi le bon Chevalier doit changer maintenant les gantz perfumez en gante- terial, das die Antike u n d — für einen Bischof u n d Hofprediger obligatorisch —
letz, les mules en chevaux, les brodequins en grèves, les bonnetz ferrez en morions, die Bibel lieferte. Mit gutem Gewissen können wir seine Briefe nicht als Essays
les pourpoints en harnois, la soye en maille, For au fer, et la chasse à la guerre: bezeichnen. Aber sie haben das Genre eingeleitet 4 , das auf die F o r m der Mon-
de sorte que le bon Chevalier ne se doit priser d'avoir bonne librairie, mais bonne taigneschen Essais anfänglich großen Einfluß h a t t e . Der direkte Einfluß
armoirie. Car pour le bien de la République autant est nécessaire que le chevalier in bezug auf Ideen u n d Stoff mag vielleicht nicht so groß gewesen sein, wie m a n
s'arme, que le Prestre se reveste . . , 1 u n d so weiter in diesem Pathos. Es folgen gelegentlich angenommen hat 5 , aber der direkte oder indirekte Einfluß der
aneinandergereiht 7 Beispiele tapferer Feldherren, u n d den Schluß bildet eine F o r m ist unbestreitbar.
Figur, die Guevaras Schmeichelei zugleich mit der Hochachtung, die er vor Nach dem, was wir über Guevaras rhetorischen Stil, über die selbstgefällige
sich selbst hat, zeigt: . . . que pourrez tenir pour assuré, que si vostre lance Ausbreitung seines Wissens u n d sein arrogantes Wesen gesagt haben, ist es
ressemble à celle à"Achilles, ma plume sera semblable à celle d'Homère2. U n d d a ß leicht begreiflich, d a ß Montaigne den Epistres dorées —• diesen Beinamen h a t t e n
er über einen unerschöpflichen Schatz an Beispielen verfügt, deutet er so a n : sie in Frankreich bekommen 6 — das Epitheton dorées absprechen m ö c h t e :
Et si en un homme seul se trouvoit la beauté d'Absalon, la force de Samson, la . . . ceux qui les ont appellees dorées, faisaient jugement bien autre que celuy que
sagesse de Salomon, Vagilité d'Azael, les richesses de Cresus, la libéralité d'Alexan- fen fay (I, XLVin, 375). Auch Montaigne versteht es manchmal, sein Wissen
dre, la vigueur et dextérité de Hector, Veloquence d'Homère, la fortune d'Auguste, von der Antike zu zeigen, aber er weiß es dann wenigstens geschickt zu t a r n e n
la iustice de Traían, et le zèle de Cicerón, qu'il se tienne pour certain qu'il ne sera u n d es in seine fantaisies einzuspinnen u n d ihnen unterzuordnen. Aber seinem
orné de tant de graces, comme de nombre d'envieux poursuivy . . , A la poison de parier simple k a n n m a n als diametralen Gegensatz fast nur die Briefe des
Socrates, au bannissement d'Eschines, à la mesfiance de Cresus, à la destruction „Meisters der höfischen Rhetorik" entgegenstellen.
de Darie, à la desfortune de Pyrrhus, à la fin de Cirrhus, à l'infamie de Catilina, 1
ibid., S. 38. 2
ibid., S. 39.
au grand infortune de Sophonisba, personne porta envie, ains pitié .. A 3
Lettre an Seigneur Melgar Médecin, en laquelle est gracieusement recité le dommage et
Nur ganz wenige Briefe Guevaras bilden von dieser allgemeinen Charakte- proufit, que font les medicines. S. 188ff.
1
Vgl. P. VILLEY, Les Sources d'Idées. Paris 1912, S. 210.
ristik eine Ausnahme. Einer seiner schönsten Briefe ist der à Don Pierre Giron, 5
Vgl. L. CLÉMBXT, Antoine de Guevara. Ses lecteurs et ses imitateurs français au XVI"
en laquelle ΓAutheur touche la maniere antique d'escrir*. Der Brief ist eine Ant­ siècle. In: Rev. d'Hist. litt, de la France VII u. VIII (1900/1901). Dazu vgl. VILLEY 1,
wort auf einen in völlig unleserlichem Zustand angekommenen Brief, u n d S.155 A.
β
Guevara gibt uns hier eine gelehrte Plauderei über das Schreibwesen in der Wohl in Analogie zu dem schon genannten Livre doré de Marc Aurele, in dessen Vor-
Antike. Die Beispiele sind so eingefügt, daß sie immer wieder gegen den rede es heißt: J'ay voulu intituler ce livre, le livre doré qui veult dire d'or. Pource que en tant
d'estime le doyvent tenir les vertueux et descouvrir en leur temps avec ses sentences, comme,
tiennent les princes les mines d'or en leurs Indes. (Fol. Β i der Ausg. Paria 1542, übers, von
1 2 3 4
GUEVABE, Lettres 1. c , S. 29. S. 31. GUEVARE, Lettres I. c , S. 73. ibid., S. 36ff. R. B. de la Grise.)
64 Die Kompilationsliteratur Exempel und Exempelsammlungen 65

dener Meinungen u n d sich widersprechender F a k t e n , das Spielen mit Gegen- immer mehr zu abgerundeten, anekdotenhaften Geschichten, die eine Persön-
sätzen, das sind Merkmale derExempelsammlungen u n d devEssais, u n d zwar lichkeit oder eine Situation manchmal treffender charakterisieren konnten als
nicht nur der ersten Kapitel, die schon rein stofflich gesehen ihre Ahnen nicht eine noch so ausführliche Abhandlung.
verleugnen können, sondern auch noch der späten großen Kapitel, die in Ma- Die Ordnung des Materials in solchen Exempelsammlungen war keineswegs
terial u n d F o r m sich von den ersten tastenden Versuchen Montaigncs unter- einheitlich ; sie k o n n t e nach sachlichen Gesichtspunkten vorgehen, konnte aber
scheiden. auch eine chronologische Aneinanderreihung bringen u n d schließlich auch eine
Aus diesen Gründen dürfte es angebracht sein, der Exempelliteratur als durch keinen äußeren oder inneren F a k t o r gebundene „ F o r m " annehmen.
einer der wichtigsten Ahnenreihen der Essais breiteren R a u m zu widmen. Dabei schrieb ein Sammler vom andern ab, ließ aus, was ihm nicht gefiel, fügte
Die in den antiken Exempelsammlungen festgehaltenen F a k t e n , Berichte, nach Hörensagen oder sogar aus eigener Phantasie Momente hinzu, so daß der
Aussprüche usw. haben jeweils den Zweck, eine bestimmte Tatsache zu ver- Ursprung eines solchen Exemplums sich n u r selten feststellen l ä ß t : „Tausen-
anschaulichen und hervorzuheben oder eine Behauptung zu stützen und zu derlei Klatsch geht um, willkürliche Altersangaben, die irgendeiner einmal
beweisen. Damit fällt ihnen in der antiken Literatur, vor allem in der Rhetorik, errechnete, wilde Diadochai, die erfundenen Todesarten hermippisch-ncan-
eine große Rolle zu : Das Exemplum h a t für alle Gebiete des Lebens bei den thischer Phantasie, die Erzeugnisse römischer Familieneitelkeit, die von der
antiken Schriftstellern eine ähnliche Bedeutung gehabt wie heute noch die Priesterschaft propagierten göttlichen Wunder, Volkssagen, Anekdoten, du-
Zusammenstellung von wirklich geschehenen oder erdachten Fällen bei ju- neben gute historische Nachrichten . . A" Aus dem Gesagten geht schon her-
ristischen Plädoyers 1 . Diese Beispiele, mit denen ein Redner seine Ausfüh- vor, daß die Exempelliteratur der Biographie u n d Autobiographie einen großen
rungen schmückte u n d belebte, konnten allen Lebens- u n d Wissenschafts- Auftrieb verdankt, u n d es ist kein Zufall, daß Schriftsteller wie HYOUNÜS und
gebieten entnommen sein: naturwissenschaftliche u n d medizinische Beobach- N E P O S gleichzeitig De vins illustribus u n d Exempelsammlungen verfaßten.
tungen standen neben psychologischen Erfahrungstatsachen, einmalige Er- Andere Wurzeln dieser Exempelsammlungen liegen in den wissenschaftlichen
eignisse neben einer Vielfalt von Fällen, in denen ein bestimmtes Gesetz immer Zusammenstellungen der Ees memoria dignae, die von A R I S T O T E L E S begründet
wieder zur Anwendung gelangte. Doch war die F u n k t i o n des Exempcls nicht und von den Peripathetikern sehr gepflegt worden waren. Diese Sammlungen
nur material bedeutsam, sondern sie diente auch dazu, eine Rede aufzu- dienten als Belegmaterial für wissenschaftliche Werke, in denen aus ihnen
lockern, ihr Sehlaglichter aufzusetzen u n d den Zuhörer durch interessante physikalische Gesetze abgeleitet wurden, wie z. B. in der Naturalis historia
D a t e n u n d F a k t e n zu fesseln. Zu diesem Zweck eigneten sich neben Gleich- des PLINITJS oder in den Herum memoria dignarum libri des V B E E I Ü S E L A C C F S .
nissen u n d Legenden profanen oder sakralen Ursprungs besonders g u t Er- D a m i t fließen also in den Exempelsammlungen zwei Bestrebungen zusam-
zählungen aus fernen u n d barbarischen Ländern, die durch ihren abenteuer- m e n : einerseits wollte man wissenschaftliches Belegmaterial zusammenstellen,
lichen oder merkwürdigen I n h a l t das Interesse wachriefen u n d erhielten, wobei das den Rhetorikern, Historikern, Philosophen, Naturwissenschaftlern zur
die Redner natürlich auch gelegentlich auf die Sensationslust der Menge spe- Stützung ihrer Theorien wertvollste Dienste leisten konnte, andererseits aber
kulierten. Daraus ergibt sieh schon das Bedürfnis nach Schaffung von Exempel- sollte es auch ganz allgemein den Gebildeten helfen, ihre Kenntnisse zu er-
sammlungen, in denen die Redner die für ihren Vorwurf geeigneten Exempla weitern. Am beliebtesten u n d verbreitetsten waren vor allem die Sammlungen,
zusammengestellt fanden. Andrerseits aber w^ar es ζ. Β. auch für die Philo- die historisch-moralisierendcn Charakter trugen u n d in denen die ethische Ziel-
sophen das Gegebene, Exempla aller A r t zur Stützung ihrer Theorien anein- setzung besonders stark hervortrat, die also dem Schüler der Rhetorensehulen,
anderzureihen. U n d tatsächlich sind die Verfasser mancher griechischer Exem- dem Redner u n d dem Schriftsteller in bequemer Anordnung Material lieferten.
pelsammlungen kynische Philosophen, die besonders das Apophthegms pfleg- Erinnert sei in diesem Zusammenhang an Seneca, der den belehrenden Wert
ten. Ihre Lchrteclmik stützte sich auf die Streitrede, die kynische Diatribe, der Beispiele außerordentlich hoch eingeschätzt h a t : Longum iter est per
deren formaler Charakter Verwandtschaft mit dem Apophthegma aufweist 2 . praeeepta; breve et efficax per exempla (Ep. 6,0). Diese moralpsychologische Er-
Aber auch die Historiker fanden in den Exempla u n d vor allem in den Apo- kenntnis des verba docent, exempla trahunt führt dann in der christlichen Li-
phthegmen eine wertvolle Quelle zur Bereicherung ihrer Kenntnisse, die sie t e r a t u r u n d Homiletik zu einer wahren Blüte der Beispielsammlung. Das Bei-
vor allem aus StadtChroniken, Priesterlisten u n d Siegerverzeiehnissen der na- spiel war schon bei den alten orientalischen Völkern in der F o r m von Gleich-
tionalen Spiele zusammengetragen h a t t e n . Durch ausführliche Motivierung nissen, Legenden, Fabeln usw. bekannt, u n d die Gewohnheit der römischen
u n d Schilderung der gegebenen Situation entwickelten sich die Apophthegmen Kaiserzeit, dem E x e m p l u m ein moralisierendes Nachwort anzufügen, das
1
sogenannte Epimythion, gelangt in der christlichen Homiletik zu höchster
Über die Bedeutung der Exempla in der römischen Rechtsprechung, vgl. H. KORN-
IIAEDT, Exemplwn. Dias. Göttingen 1936, S. 65ff. 1
C. BOSCH, Die Quellen des Valerius Maximus. Ein Beitrag zur Erforschung der Litera-
2
Vgl. GEMOLL, 1. c, S. 105. tur der historischen Exempla. Stuttgart 1929, S. 111.
66 Die Kompilationsliteratur Exempel und Exempelsammlungen 67
Blüte. Bei Montaigne wird es einen subjektiven, persönlichen Charakter er- C. Julius Hyginus gewesen, dessen Sammlung mehrere Jahrhunderte hindurch
halten. Fundgrube für Schriftsteller blieb1. „Die einzelnen Kapitel waren sehr reich
Das starke Bedürfnis der römischen Spätzeit nach dem typischen Beispiel und enthielten viel mehr Exempla als die des Valerius Maximus. Vor allem
hat sogar dazu geführt, gewisse Kaisergestalten als Idealtypen bestimmter arbeitete der Auetor exemplorum gründlich . . . dem guten Brauche der grie-
Tugenden herauszustellen, eine Gewohnheit, die ihre Vollendung in der Aus- chischen Paradigmensammlungen folgend, versah er seine Angaben reichlich
prägung der christlichen Heiligengestalten erfahren hat. Welch große KoIIe die mit Autorenzitaten. Sein Werk war ein angesehenes Handbuch ; denn es wurde
FJxempelliteratur für die Kirchenväter und die mittelalterlichen Schriftsteller sehr viel benutzt, nachweisbar von Velleius Paterculus, Valerius Maximus,
gespielt hat, weist besonders Porteau nach : Ces recueils ont servi dans la suite Verrius Flaccus, Plinras, Seneca, Apulems, Frontin, Lactantius, Macrobius;
de modèles et de sources d'inspiration aux Pères et aux écrivains ecclésiastiques es existierte also im 4. Jahrundert p. C. noch 2 ."
et .. . plus spécialement ceux de Valere Maxime et de Fronton ont été fortement Der Redner Domitius Marsus flocht nach dem Zeugnis Quintilians (InMüu-
exploités à partir de la seconde moitié du XIIe siècle par les moralistes, les pré- tio oratoria VI, m, 42) in seine Rede gern witzige Erzählungen ein und gab
dicateurs et surtout par les comploteurs de recueils d'exempta1. Dabei erhielt sich ebenfalls urbane dictorum libri heraus. Auch der berühmte Jurist Masurius
die einmal festgelegte Form eines Exemplums und seine Einordnung in eine Sabinus erörterte in seinen Memorabilium libri nicht bloß staatsrechtliche Be-
bestimmte Rubrik mit großer Konstanz: „Dieselben Exempla werden immer griffe, sondern erzählte auch lustige Geschichten. Beide sind Zeitgenossen von
wieder so zu dem rhetorischen Zweck und unter derselben Rubrik angeführt, Valerius Maximus, doch ist seine Beispielsammlung die berühmteste von allen.
daß man unbedingt annehmen muß, jeder Verfasser von Exempla oder Facta Er wurde sogar unter die klassischen Autoren gezählt mit Rücksicht auf den
et dicta memorabilia habe den Hauptbestand seiner Vorgänger mit großen historischen und moralischen Inhalt des Werkes, vielleicht auch mit Rücksicht
wörtlichen Übereinstimmungen übernommen, d. h. : die Quellen seiner Exem- auf seinen Namen; Villon schreibt in der 20. Strophe des Gr. Test.; Valere pour
pelsammlung sind vornehmlich ältere Exempelsammlungen 2 ." vray le nous dit, Qui fut nommé le Grant à Bomme.
Nahe verwandt mit den Apophthegmensammlungen sind die Sammlungen Das Werk war als Handbuch für die Rhetorenschulen gedacht, wie Valerius
der Witzworte bei den Römern, die sich zu einer eigenen Literaturgruppe aus- Maximus schon in seiner Einleitung erkennen läßt : Urbis Romae exterarumque
wuchsen; formal standen sie den Apophthegmen nahe, inhaltlich den Epi- gentium facta simul ac dicta memoratu digna, quae apud alios latins diffusa sunt
grammen. Die erste maßgebliche Sammlung dieser Art verdanken wir zur quam ut breviter cognosci possint ab Ulustribus electa auctoribus digerere con-
Augusteischen Zeit Domitiue Marsus mit De urbanitate, dem C. Melissus, ein stituí, ut documenta sumere volentibus longae inquisitiones labor absit. nee mihi
Freigelassener des Maecenas, 150 Bücher Ineptiae, bzw. Joci, folgen ließ, und cuneta conplectendi cupido incessií. . .
in denen sowohl Ciceros Freude am geistreichen Witz zur Geltung kommt, die Die Sammlung ist nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet. Die Kapitel-
soweit ging, daß er lieber sein Leben als einen Witz opfern wollte, wie auch der überschriften, unter denen die Beispiele zusammengefaßt sind, sind z. T. eiser-
frivole Esprit Julias, der Tochter des Augustus. Ein später Nachfahre dieser ner Bestand für die Sammlungen der Exempel und Diverses Leçons bis in die
Sammlungen von Witzworten und Anekdoten um einen berühmten Mann Renaissance hinein geblieben, z. B. de religione, de omimbus, de prodigns, de
dürften die ,,-ana" sein, die bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein in Frank- somniis, de indole, de fortitudine, und manche kehren sogar als Überschriften
reich sehr beliebt waren (Molériana, Bolaeana u. a. m.). von Montaigneschen Essays wieder: de amicitia (Essais I, 28), de parentum
Die in antiken Schriften immer wieder erwähnten, berühmtesten Beispiel- amore et indulgentia in liberos (Essais Π, 8), de otio (Essais Ï, 8), de crudelitate
sammlungen des Altertums dürften die von Hyginus und Nepos gewesen sein, (Essais II, 11). Die Kapitel beginnen meist mit einer Einleitung, die entweder
die jedoch nicht auf uns gekommen sind. Dadurch ist die Quellenkritik der eine Überleitung vom vorhergehenden Kapitel versucht oder die betreffende
Exempla außerordentlich erschwert. Die umfassendste römische Exempel- Eigenschaft lobt oder tadelt. Die Überleitungen sind meist gezwungen und an
sammlung, die wir besitzen, ist die des VALERIUS MAXTMUS, der aber in der den Haaren herbeigezogen und weisen keine originellen Ideen auf. Am Anfang
Angabe der von ihm benutzten Vorlagen ziemlich unzuverlässig ist, erwähnt jedes Kapitels stehen Beispiele aus der römischen Geschichte, denen Belege
er doch seine Hauptquellen Cicero und Livius nur ein einziges Mal und erklärt, aus anderen Ländern folgen.
sein Werk sei eine vollkommen originale Sammlung — ein Ausdruck verlogener Ein gutes Beispiel für Aufbau und Überleitung eines Kapitels bietet de
Autoreneitelkeit, der sich bis in die Vorwörter der ,,-ana" gerettet hat 8 . Das crudelitate (IX, 2): Einleitung: Haec societas vitiorum laseivi vultus et novae
Vorbild, dem Valerius Maximus augenscheinlich gefolgt ist, ist vermutlich cupiditati inhaerentium oculorum ac delicato cuUu affluentis perqué varios in-
1 a 1
1 . c, S. 10f.f Anm. 2. BOSCH, I. c, S. 10. Vgl. A. KLOTZ, Studien zu Valerius Maximus und den Exempla. München 1942. (Sitzunge-
8 ber, d. Bayr. Ak. d. W., phil.-hist. Abt., Jg. 1942, Heft 5.)
Vgl. Vorwort zu den Bolaeana ou Entretiene de M. de Monchesnay avec l'auteur. Amster-
2
dam 1742. BOSCH, I. c, S. 110.
70 Die Kompilationsliteratur
Exempel und Exempelsammlungen 71
T r a k t a t aufzulockern oder zu illustrieren, sondern daß m a n es um seiner selbst
willen schätzte u n d pflegte. So sind die Exempelsammlungen des Mittelalters entstand. Amerika scheint auch im 16. J a h r h u n d e r t das Land der unbegrenzten
zwar auch noch wie diejenigen des Altertums ein Nachschlagewerk für Pre- Möglichkeiten gewesen zu sein. Mit welchem Genuß diese Merkwürdigkeiten
diger, Magister, Rhetoren, J u r i s t e n usw., aber sie werden auch schon um wiedergegeben werden, zeigt ein K a p i t e l beiMontaigne ( Ι , χ χ π ι ) : Er erzählt v o n
ihrer selbst willen vom Publikum gelesen. U n d sie werden bald ¡zu einer Art Völkern, bei denen Ringe in den Nasenlöchern u n d Wangen getragen werden —
Konversationslexikon für die gebildeten Schichten jener Zeit, zumal sie in wo m a n die Pinger an den Fußsohlen abwischt — wo die Männer sich ohne
steigendem Maße nicht n u r historische P a k t e n enthielten, sondern auch aus jeden Grund scheiden lassen können — wo die F r a u e n militärische Ränge be-
dem Bereich der Medizin, Völkerkunde, u n d N a t u r k u n d e Wissenswertes zu- kleiden können — wo ein Soldat in den Adelsstand erhoben wird, wenn er
sammentrugen. Besonders reich ist die Exempelliteratur des 13. u n d 14. J a h r - dem König sieben feindliche Köpfe präsentiert — wo m a n die Läuse mit den
hunderts, die zumal von den Wanderpredigern der Bettelorden sehr gepflegt Zähnen tötet, weil man es für grausam hält, sie mit den Pingernägeln zu knik-
wurde. Die meisten Kompilatoren lassen ihren Sammlungen ein Vorwort vor- ken usw. Dieser Raritätenhunger gibt den Exempelsammlungen der Re-
angehen, das über den Plan des Werkes Aufschluß gibt, u n d versuchen, den naissance zumindest nach außen hin den Charakter eines gemütvollen, heiteren
gegebenen Stoff in Kapitel u n d R u b r i k e n ein- u n d unterzuteilen. Dabei scheuen Spiels, doch darf m a n nicht vergessen, d a ß in ihrer leichten F o r m neben den
sie sich nicht, in ihre Sammlungen auch solche F a c t a aufzunehmen, deren Sonderbarkeiten fremder Völker auch die tiefe Lebensweisheit u n d Sittenlehre
Augen- und Ohrenzeugen sie angeblich selbst gewesen sind, — wodurch der der Antike zu Wort kommt, deren Autorität unbestritten ist : Neben dem Werk
Aktualitätswert dieser Schriften wesentlich gesteigert wird. De Rebus von D I N O T H 1 , das schon in den Titeln seiner Bücher
Wie groß die Bolle des E x e m p l u m s auch in der mittelalterlichen Rhetorik 1. De mirabilibus arboribus
noch war, dafür bietet ein gutes Beispiel die Verteidigungsrede für den Herzog 2. De gemmis
von Burgund, die J e a n Petit 1408 in Paris hielt u n d in der er seinen Mandanten 3. De mirabilibus lacubus, fluviis et fontibus
wegen der E r m o r d u n g Ludwigs von Orleans zu rechtfertigen suchte. Tenor 4. De montibus eruetantibus ignem
seiner Rede ist : Radix omnium malorum cupiditas. Die Begierde erzeugt Verrat 5. De monstrosis animalibus
u n d Abtrünnigkeit, die an drei Beispielen demonstriert werden : Luzifer, Absa- die Freude am Merkwürdigen verrät, neben den Facetiensammlungen, die
lom u n d Athalia. D a n n erfolgt eine Zusammenstellung von 8 Wahrheiten, die namentlich in Italien blühten u n d unter deren Verfassern sich gelehrte H u m a -
den Verrätermord rechtfertigen : Jeder, der sich gegen den König empört, ver- nisten, Staatsmänner, P ä p s t e u n d Personen fürstlichen Geblüts befanden,
dient Tod u n d Verdammnis — um so mehr, je höher er steht. Diese Wahrheit stehen Werke, wie Lycosthenes' Apophthegmensammlung, über deren I n h a l t
wird durch 12 Gründe zu E h r e n der 12 Apostel bewiesen: 3 davon sind Aus- u n d Zweck am besten d a s kurze Vorwort an den Leser auf dem Titelblatt Aus-
sprüche von Theologen, 3 von Philosophen, 3 von Juristen u n d 3 aus der Hei- kunft g i b t : En hohes in hoc volumine, amice lector, clarissimorum Philosopho-
ligen Schrift. Auf diese Weise wird mit jeder der 8 Wahrheiten verfahren. Aus rum, Oratorum, Imperatorum, Regum, Principum, Ducum, sanctorum Patrum,
dieser Rede geht hervor, wie sehr m a n im Mittelalter bei allen Ereignissen nach Pontificum, privatorumque hominum, selectissima, non tanttim ex utriusque
der ,,Moralität' c , d. h. nach der sittlichen Bedeutung aller Dinge fragte. Will linguae scriptoribus veteribus, sed neotericis etiam GXXX numero autoribus,
m a n jemand von einem Sehritt abhalten, so zählt m a n ihm sämtliche Miß- Apophthegmata, sive insignia de rebus diversis quae in communi hominum vita
erfolge auf, die sich jemals in Vergangenheit oder Gegenwart daraus ergehen agitantur, Responsa: tarn apte atque concinne in Locorum communium ordines
haben. J e d e m Ereignis wird sofort ein verwandtes an die Seite gestellt, wo- (odditis ubique autorum testimoniis) disposita, ut sive publice, sive privatim
durch es gleichzeitig Beweiskraft erhält. Der Mensch des Mittelalters lebte auf dictiones, insiruetissimum Promptuarium habeos, ex quo exornandae atque am-
festem Boden: En religion, en politique, en morale, la tradition lui fixait une plificandae orationis materiam, atque ipsos quasi nervös depromas. Opus sane
ligne de conduite •— et une ligne de pensée aussi — parfaitement définies1. non tantum in Ecclesia concionatoribus, atque declamatoribus in scholis, sed ómni-
In diese festgefügte Welt brach für die Menschen der Renaissance sehr viel bus etiam bonorum atque honestissimarum artium amatoribus, propter civilis
Neues ein, das sowohl aus der wiederentdeckten Antike, wie aus der geogra- etiam vitae usum, non minus utile quam necessarium, iam primum in lucem
phischen Erschließung bis dahin unentdeckter Erdteile s t a m m t e . D a m i t w u r d e editum2.
das Bedürfnis, das Wissen der Zeit zu etikettieren u n d zu katalogisieren, immer Natürlich sind diese Sammlungen auch in der Renaissance nicht n u r Selbst-
noch stärker. Mit besonderer Freude wandte m a n sich den merkwürdigen Sitten zweck, sondern dienen dem Bedürfnis der Schule u n d darüber hinaus der Ge-
u n d Gebräuchen der Neuen Welt zu, woraus geradezu ein Raritätenhunger
1
R. DiNOTin, Xormanni Constantinatis, De rebus et ¡actis memorabüibus loci communes
1
historici. Basileae 1580.
VlLLEY, 1. C, S. 60. 2
COSRADI LYCOSTHEMTS . . . Apophthegmatum sive responsorum memombilmm . ., Loci
communes . . . Basileae 1555.
68 Die KompilatïonsKteratur Exempel und Exempelsammhmgen 69
lecebrarum motus volitantis animï: crudélitatis vero horridus habitus, truculenta einer beliebten Suasorie riet man dem Cicero, den Antonius nicht um sein
species, viólenti spiritus, vox terribilis, omnia minis et cruentis imperils referta, Leben zu bitten, sondern tapfer zu sterben; zu diesem Zwecke zählte man auf
cui silentium donare crementum est adicere: etenim quern modum sibi ipsa statuet, exempta hominum qui ultra mortem adprehenderunt (Sen. suas. 6, 8), von denen
si ne suggillationis quidem frenis fuerit revocata? ad summam, cum penes illam einer natürlich Cato war {ibid. 2.). Nun zählt Seneca der Sohn ep. 24,4ff. eben-
sit timeri, penes nos sit odisse. — 1. römisches Beispiel: L, Sulla . . . quattuor falls Beispiele für harteria auf: zunächst Rutilius und Metellus, die das Exil
legiones obtruncare iussit. . .; 2. römisches Beispiel: Cuius ta/iwn crudélitatis standhaft ertrugen, dann Mucius Scaevola; dann läßt er sieh unterbrechen
G. Marius invidiam levât. , .; 3. römisches Beispiel: Damasippus nihil laudis decantatae, inquis, in omnibus scholis fabuiae istae sunt: iam mihi, cum ad
habuit, quod corrumperet, itaque memoria eius licentiore accusatione perstringi- contemnendam mortem ventum fuerit, Catonem narrabis, was er dann auch wirk-
tur . . . ; 4. römisches Beispiel : Numatius etiam Flaccus . , . efferatam crudeli- lich tut, indem er hinzufügt: non in hoc exempta nun congero, ut ingenium
tatem suam . . . exercuit; 1. fremdländisches Beispiel: Transgrediemur nunc ad exerceam sed ut te adversus id quod maxime terribile videtur, exhorter; es folgt
illa, quibus ut par dolor, ita nullus nostrae civitatis rubor inest...;... 7. aus- endlich noch zum Beweis, daß auch Feiglinge tapfer gestorben seien, Scipio,
ländisches Beispiel: Apertior et taetrior alterius ochi . . . crudélitatis . . .; 8. aus- der Schwiegervater des Pompeius. Bei Valerius Maximus lesen wir alle diese
ländisches Beispiel Sicut Uli barbari, quos ferunt mactatarum pecudum intestinis Beispiele zu ebendemselben Zweck1." Das ergibt sich auch aus der Forderung
et visceribus egesüs homines inserere, ita ut capitibus tantummodo emineant, Quintilians an die Redner (XII, 2, 29) : quae sunt tradita antiquitas dicta et
quoque diutius poenae sufficiant, cibo et potione infelicem spiritum prorogare, facta praeclare, et nosse et animo semper agitare conveniat.
donec intus putrefaeti laniatui sint animalibus, quae tabidis in corporibus nasci Das Exemplum spielte aber nicht nur in der profanen Literatur des Alter-
soient. Queramur nunc cum rerum natura, quod nos multis et asperis adversae tums eine große Rolle, sondern es war auch in den kirchlichen Schriften sehr
valetudinis incommodis obnoxios esse voluerit hatitumque caelestis roboris huma- beliebt. Diese Tradition reicht bis zu den Evangelien zurück, deren Reichtum
nae conditioni denegatum moleste feramus, cum tot cruciatus sibimet ipsa mor- vor allem an Gleichnissen außerordentlich groß ist, — waren doch die Wander-
talitas inpulsu crudélitatis excogitaverit. predigten Christi gespickt mit Exempla, die sowohl dem Alltagsleben der
Der Ehrgeiz des Valerius Maximus, sein Werk als eine zusammenhängende Mensehen, wie dem Leben der Natur entnommen waren. In dieser Tradition
Einheit zu präsentieren, ist für diese Gewaltsamkeit der Komposition der folgten dem Meister seine unmittelbaren und mittelbaren Jünger ; die Predigten
Kapitelübergänge, die sich manchmal bis zur Unerträglichkeit steigert, ver- und Lehrschriften der Kirchenväter sind eine reiche Fundgrube für Exempla.
antwortlich: „So kommt eine Spitzenleistung erzwungener Übergänge zuwege; Zur Zeit der karolüigischen Renaissance sind vor allem biblische und hagio-
jene künstlerische Komposition ohne Fuge, wie sie bei den Römern Ovids graphische Exempel beliebt, zu denen sich, wie im Altertum, historische und
Metamorphosen zeigen, wird in der Aufsatzkunst des Rhetors Valerius Maxi- naturgeschichtliche Beispiele gesellen.
mus ins Bizarre versetzt 1 ." Auch die didaktische Literatur läßt sich die reichen Möglichkeiten des
Um das rein phänomenale Bild des Grausamen zu zeichnen, stellt er ihn in Exempels nicht entgehen, und vom 12. Jahrhundert ab macht sich in der
Gegensatz zu dem Leichtsinnigen, den er im vorhergegangenen Kapitel be- Auslegung der christlichen Doktrin und Moral eine regelrechte Vorliebe für
handelt hat. Hat jener weichliche Züge, so ist dieser das vollkommene Bild des das Anekdotenhafte breit: Prédicateurs, professeurs et moralistes s'y adaptent
Menschenfressers, wie ihn sich ein Schuljunge vorstellt : mit rollenden Augen, sans peine et font désormais une plus large part à Vexemplum, soit dans le ser-
donnernder Stimme und keuchendem Atem. — Valerius Maximus erfaßt die mon, soit dans le traité d'édification, d'instruction et de morale pour attirer,
Grausamkeit nur als Handlung nach außen, ohne eine psychologische Ver- captiver, instruire et moraliser leurs auditeurs2. Natürlich lassen sich auch die
tiefung zu geben, ohne sie als Charaktereigenschaft in das Gesamtbild eines Geschichtsschreiber derselben Zeit die Möglichkeit nicht entgehen, ihre Schrif-
Menschen einzuordnen, in dem sie sowohl krankhafter Sinnlichkeit wie titanen- ten durch reiches Einflechten von Beispielen aller Art interessanter und leben-
haftem Größenwahn, Selbstbeweisung eigener Machtvollkommenheit wie in- diger zu gestalten. Es handelt sich dabei nicht nur um Anekdoten, die sich auf
quisitorischer Rechtswahrung entspringen kann. Er hat nur Freude am reinen historische oder fiktive Personen beziehen, sondern vor allem auch um
Faktum, wie es der Zweck seiner Sammlung auch verlangt, doch hätte die Wunderberichte, teratologische Erscheinungen, Naturereignisse und ähnliches,
Einleitung seine Kapitel jeweils zu einer Abhandlung erheben können. So fehlt wobei die Sensationslust ebenso auf ihre Kosten kommt wie die ernste histo-
also der souverän ordnende Geist — und übrig bleibt der Abklatsch von rische Forschung. Diese Freude am Exemplum ging so weit, daß man es bald
Historie und Histörchen. nicht mehr als Mittel zum Zweck benutzte, nämlich, um eine Predigt oder einen
Wie sehr aber Valerius Maximus bei aller Mittelmäßigkeit mit seinem Buch 1
NOKDEN, 1. c , S. 303f.
einem bestehenden Bedürfnis entgegenkam, zeigen folgende Umstände: „In 3
J . - T H . WELTER, L'exemplwm dans la littérature religieuse et didactique du Moyen Age,
1
BICKEL, 1. c, S. 374. Thèse. Paris—Toulouse 1927, S. 34.
72 Die Kompilationsliteratur Exempel u n d Exempeleammlungen 73

lehrtenwelt. Selbst die Dichtung wird mit antiken Worten, Bildern u n d Anek- lung erarbeitete, zeigen die Aufzeichnungen von Verrepaeus, Dickius und
doten durchsetzt, die ihr geradezu einen Florilegiencharakter verleihen 1 . Doch Tabourot des Accords, die über Methode u n d Zweck dieser Sammlungen han-
dient das Kleid der Antike nicht dazu, eigene Schwäche zu verhüllen, sondern deln 1 . Verrepaeus weist vor allem auf ihre Nützlichkeit für das spätere Leben
es wird benützt, um dem eigenen Gedanken größere Weihe u n d Würde zu hin. Man soll den Schüler auffordern, diesen kostbaren u n d unermeßlichen
verleihen. Huizinga 2 h a t sehr schön nachgewiesen, wie die F r e u d e am Stoff Sehatz sein ganzes Leben lang zu bewahren, damit er diese reichhaltige Ma-
und am geschmeidigen, biegsamen Wort die Renaissance zu einer Überfülle terialsammlung immer zur H a n d habe, um über irgendein Thema abhandeln
von Bildern u n d Ausdrücken führt. Zwei solch verschiedene Geister wie Eras- zu können, für das er Belege braucht. Wie hoch der H u m a n i s t es veranschlagte,
mus v o n R o t t e r d a m u n d Rabelais ergötzen sich an einer immer wieder vari- eine solche Sammlung sein eigen zu nennen, verrät u n s Verrepaeus mit den
ierten Aufzählung von Namen u n d Dingen: Bei Rabelais herrseht ein ver- W o r t e n : (Non) dives avarus tantam capit voluptatem ex auri expectu et diligenti
wirrendes Übermaß von Bildern u n d von Wörtern, die er ζ. Τ. selber erfindet, contemplatione, quantam vir eruditus ex Locis communibus a se in adolescentia
zusammen m i t der verschmitzten F r e u d e eines Erzählers, der den Bourgeois copióse Ínstructis%. F ü r den Humanisten war ein solches Werk ein H a n d b u c h ,
erschrecken will. Bei Erasmus ist der ästhetische Impuls der eines musika- in dem seine ganze Philosophie, seine ganze Welt wohlgeordnet, klassifiziert
lischen Themas mit Variationen, geordnet u n d sinnvoll. Wenn er 50 Wen- u n d etikettiert, enthalten war. Um sich eine Vorstellung von den vielseitigen
dungen anhäuft, um zu sagen: „Dein Brief h a t mir viel Vergnügen g e m a c h t " Anwendungsmöglichkeiten eines Exemplums oder einer Sentenz zu machen,
oder „Ich denke, daß es Regen gibt", so drückt sich darin nur sein Bedürfnis genügt es, einen Blick in die mit immensem Fleiß nach verschiedenen Gesichts-
aus, den ganzen Reichtum u n d die Variabilität seiner Ausdrucksformen zur p u n k t e n angelegten Indices eines der großen Kompilationsbücher der Renais-
Schau zu stellen. Eine besonders schöne F r u c h t dieser Neigung sind die Adagia sance zu werfen u n d herauszusuchen, wie das Exemplum oder die Sentenz
des Erasmus, in der die ganze Lebensweisheit u n d Sittenlehre der Antike in „ v e r z e t t e l t " wurde.
jener Eleganz der F o r m erscheint, in der Erasmus Meister war. D a m i t aber E i n e einzelne R u b r i k des Liber Locorum, etwa der Abschnitt „Standhaftig-
wird die Kompilationsliteratur nicht mehr nur Nachschlagewerk für bestimmte k e i t " mußte am E n d e der Schulzeit eine beträchtliche Anzahl von Geschichten,
Zwecke — es entstehen jetzt Bücher, deren Zweck es ist, den Leser zu ergötzen, Apophthegmen u n d Sentenzen aufweisen, de sorte qu'à la fin, au lieu de simples
wie z. B. Domenichis Facetiensammlung 3 . lieux communs, ce leur serait autant de matière préparée pour bâtir des discours,
In der Renaissance begnügte man sich aber nicht nur damit, Exempelsamm- voire des livres entiers, sur tous sujets qu'ils entreprendraient de traiter3.
lungen als Nachschlagewerke herauszubringen, sondern m a n hielt in den Schu- Montaigne h a t in seinen ersten Kapiteln nichts anderes getan, als diese Mög-
len die Lernenden dazu an, sich sogenannte Loci-communes-Hefte anzulegen 4 : lichkeit verwirklieht ; denn diese ersten K a p i t e l sind a u s Exempeln, Sentenzen
Diese Hefte waren so angeordnet, d a ß unter einem bestehenden Stichwort in u n d verbindenden Worten, die den Mörtel abgeben, gebaut. Voylà mes trois
alphabetischer Reihenfolge: Abbitte, Abenteuer, Abstinenz, Absturz, Abzah- contes tres-véritables, sehreibt er im K a p . De Trois Bonnes Femmes (II, x x x v ,
lung, Anklage . . . alle möglichen Ausdrücke u n d Beispiele notiert wurden. Um 563f.) u n d weist hin auf die unzähligen très-belles histoires qui se rencontrent
den Geist weiter zu schulen, stellte m a n diesem Stichwort dann gelegentlich das dans les livres, um fortzufahren: Et qui en voudroit bastir un corps entier et
Gegenteil gegenüber, z. B. Tugend-Laster, Alter-Jugend, Geiz-Freigebigkeit. s'entretenant, il ne faudroit qu'il fournit du sien que la liaison, comme la soudure
Die Schüler wurden dazu angehalten, in den Texten, die sie lasen, Stellen an- d'un autre metal. Oder an anderer Stelle schreibt er: Si festoi faisur de livres,
zustreichen, die sich zum Eintragen in die Loci-communes-Heîte eigneten, d. h. je fairoi un registre commanté des mors diverses (I, x x , 111). Montaigne h a t zu-
Fabeln, Sprichwörter, Geschichtchen u. ä., die zu einer Tugend, einem Laster, erst nichts anderes getan, als eine in der Schule g e ü b t e Methode angewandt,
zu einer der gebräuchlichen Kapitelüberschriften in Beziehung gebracht wer- um sich zu üben, seine facultés naturelles, sein jugement zu erproben. W e n n sich
den konnten. So wurden als Material antike u n d moderne Sprichwörter, Maxi- auch später die F o r m der Kapitel ändert u n d die letzten Kapitel sieh von der
men, Sentenzen, Apophthegmen u n d Vergleiche u n t e r die Rubriken verteilt, A r t der ersten wesentlich unterscheiden, so ist er doch bis zuletzt in gewisser
u n d ein fleißiger Schüler konnte sein Liber Locorum Berum zu einer ansehn- Hinsicht der Methode des Sammeins u n d Einheimsens treu geblieben; wenn
lichen Sammlung anschwellen lassen. Welch großen pädagogischen W e r t m a n ihm beim Lesen einfiel, daß dieses oder jenes W o r t in seiner Ausgabe von 1588
dieser Methode beimaß, durch die der Schüler sich selbst eine Exempelsamm- noch zu einem Gedankengang, zu einem anderen Z i t a t passen würde, d a n n
notierte er es in s e i n e m Liber Locorum, in seinem Exemplar der Essais. Im
1
Vgl. K. B O R I N S K I , Die Antike in Poetik und Kunsttheorie. Leipzig 1914, Bd. I, S. 114. Kapitel Du pédantisme wirft er den pédants vor, d a ß sie ihre Weisheit n u r a u s
2
Vgl. H U I Z I N G A , Erasmus, S. 138. Büchern zusammenklauben u n d sie wieder ausspeien. U n d als er diese Stelle
3
LoDOVico D O M E N I C H I , Facétie, motti, e burle di diversi signori e 'persone private
1 2
raccolte per L, D. Vinetia 1565. Vgl. die Zitate bei PORTEATT, 1. c , S. 180ff. Zit. nach PORTEAU, S. 184.
4 3
P, P O R T E A U , Montaigne et la vie pédagogique de son temps. Paria 1935. TABOUROT DES ACCORDS, Bigarrures I, IV, chap. 1 (zit. nach P O R T E A U ) .
74 Die Kompilationsliteratur Die „Diverses Leçons" 75

in seinem Exemplar nach 1588 einmal las, stellte er erstaunt fest, d a ß er ja von den Geschäften ermüdet Ablenkung suchten. So habe er beim Lesen eines
selbst im Glashaus sitzt : C'est merveille combien proprement la sottise se loge sur griechischen oder römischen Buches, oder auch, wenn er etwas Merkwürdiges
mon exemple. Est ce pas faire de mesmes, ce que je fois en la plus part de cette berichten hörte, in zufälliger Reihenfolge sich Notizen gemacht u n d sich zur
composition? Je m'en vois, escorniflant par cy par la, des livres de sentances qui Gedächtnisstütze eine Art literarischen Mundvorrats, literarum penus, auf-
me plaisent, non pour les garder, car je n'ay point de gardoires, mais pour les gespeichert,'um auf diesen Schatz nötigenfalls leicht u n d schnell zurückgreifen
transporter en cetuicy, ou, a vrai dire, elles ne sont non plus mienes qu'en leur zu können (Praef. 1—3).
premiere place (I, x x v , 176). Dieses Sammeln, Zusammentragen u n d Ergänzen will er immer weiter in
Wie weit Montaigne bewußt diese Schulmethode der Loci-communes-$a,mm- seinen Mußestunden fortsetzen: . . . ea omnia subsieiva et subseeundaria tém-
lungen angewandt hat, ist nicht mehr festzustellen. Aber sie ist im Grunde pora ad coüigendas huiuscemodi memoriarum delectatiunculas conférant. Progre-
nichts anderes als die Möglichkeit, die jeder nach Sachgebieten geordneten dietur ergo numéros librorum . . . cum ipsius vitae . . . (Praef. 23f.). So entstan-
Exempelsammlung innewohnt: die Sachgebiete durch verbindende W o r t e zu den seine 20 Bücher, die er, wie in der Vorrede berichtet wird, während der
kleinen Abhandlungen zu machen. Ansätze sahen wir schon in der Antike. Nächte seines Aufenthalts in Griechenland zusammenschrieb u n d für die er
Aber von dieser Möglichkeit h a t erst die Renaissance reichen Gebrauch gemacht deswegen einfach u n d mit ländlicher Bescheidenheit, ut captus est noster, den
in ihrem Bestreben, altes u n d neues Bildungsgut zu vulgarisieren. So ist Mon- Titel Noctes Atticae wählte (Praef. 10). Ausdrücklich weist er d a r a u f h i n , d a ß
taigne nicht der einzige, der in jener Zeit aus dem vorhandenen u n d klassifi- er mit Absicht keinen jener prätentiösen Titel wählte, wie sie andere Schrift-
zierten Material kleine „discours''1' zusammenbaut. Die übrigen, in ähnlicher steller Büchern dieser Art zu geben pflegten: namque alii Musarum inscrip-
Weise verfaßten Werke dürfen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt serunt, alii silvarum, Ule τιέπλον, hic Άμαλ&είας κέρας, alius κηρία, partim
bleiben. λειμώνας, quidam lectionis meae . . . usw. (es folgen noch über 20 Beispiele von
Buchtiteln).
Die einzelnen Kapitel seiner Bücher sind fast alle kurz und behandeln meist
nur einen Gedanken, eine historische Begebenheit (gesehen unter dem Aspekt
Die „Diverses L e ç o n s " des Exemplums, z. B. X I I , v n i ; Reditiones in gratiam nobilium virorum memo-
„Si j'estoi faiswr de livres, je fairoi un registre commanté des ratu dignae), philologische Probleme, naturwissenschaftliche Fragen etc. Aulus
mora diverses." Gellius h a t dabei nicht die Absicht, ein Thema erschöpfend darzustellen; oft
(MONTAIGNE, Essais, I, xx, 111.) will er n u r a n d e u t e n u n d anregen (Praef. 17). Die Noctes Atticae „plaudern sich
Es ist nicht so, als sei das Sammeln von Legefrüchten mit dem Ziel, a u s zu einer Einheit zusammen, ohne daß an eine Einheit gedacht ist", so charak-
ihnen kleine Aufsätze zu bauen, erstmalig in den Schulmethoden der Renais- terisiert B I C K E L 1 den Geist dieser Schriftstellerei u n d fährt dann fort: ,,Dies
sance geübt worden. Das Zusammentragen von merkwürdigen oder wissens- römische Streben nach Auflockerung der literarischen Formen, wie es an ihren
werten Stellen aus fremden Autoren braucht ja nicht nur als pädagogische eigensten Dichtungsgattungen erwiesen, in der Prosa wiederkehrt, h a t sie zu
Maßnahme in Erscheinung zu treten ; es k a n n auch dem Bestreben entspringen, Meistern im Essay jeder A r t gemacht."
sich praktisches Wissen zu erwerben u n d sich einen Überblick über das vor- Dieses Bedürfnis nach unterhaltsamer Belehrung h a t auch in späteren J a h r -
handene Bildungsgut zu verschaffen — oder die Absicht, das gesamte Wissen hunderten, vor allem in der Renaissance, viele Bearbeiter dazu veranlaßt, ihren
zusammengedrängt u n d doch zugleich in gefälliger F o r m darzubieten, k a n n Stoff in verwandte F o r m zu gießen. So faßte der Italiener CAELITJS R H O D I G I N U S
bei einem solchen Unternehmen P a t e stehen. Diese Tendenz der Vulgarisierung in seinen Lectiones antiquae (1516) die eigenen Lesefrüchte u n d Gedächtnis-
t r i t t in der Renaissance stark in den Vordergrund ; sie war durch die Erfindung sehätze zu kleinen Abhandlungen zusammen. Besonders gepflegt wurde dieses
des Buchdrucks wesentlich erleichtert. — Doch bevor v o n dieser E l u t der Genre in Spanien, dessen berühmteste Sammlungen von A N T O N I O DE GUEVARA
Renaissance-Vulgarisationsliteratur gesprochen werden soll, wollen wir auf ein und P E R O M E X Í A (Silva de varia lección) stammen. Obwohl letzteres Werk
Werk der römischen Antoninenzeit zurückblicken, das in der A r t seiner bereits 1542 erschienen war, beeinflußt es einen großen Teil der Literatur
E n t s t e h u n g der vorhin betrachteten Methode ähnelt u n d in seiner Anlage auf sogar noch des späten 17. J a h r h u n d e r t s entscheidend. Es wird Vorbild für un-
das Genre der Diverses Leçons hinweist. zählige Nachahmer in Spanien, Italien u n d Frankreich, von denen insbeson-
dere in Frankreich P I E B R E BOUAYSTUAU mit seinen Histoires prodigieuses be-
Aus dem zweiten nachchristlichen J a h r h u n d e r t sind uns die 20 Bücher der
k a n n t wurde ; dieses Werk h a t t e solchen Anklang gefunden, d a ß Tesserand und
Noctes Atticae des ATJLUS G E L L I U S erhalten. In der Vorrede spricht Aulus
Belieferest es weitergeführt haben. Du V E R D I E R schrieb eine Fortsetzung zu
Gellius über die E n t s t e h u n g des Buches : sein Ziel sei gewesen, mit diesem Werk
seinen Kindern eine Art von literarischer Erholung zu verschaffen, wenn sie M. c„ S. 81.
S cil u n , Vorformen 6
76 Die Kompilationsliteratur Die „Diverses Leçons" 77

der Silva de varia lección von Mexía, die 1572 von Gmget ins Französische über- beaucoup. Der hl. Augustinus behauptet, einen Manu gekannt zu haben, der
setzt wurde, und J E A N D E S C A U R R E S betont in dem Titel seiner Kompila- auf Grund seiner Einbildungskraft schwitzen konnte, wann er wollte. Und er
tionen ausdrücklich den Zweck der unterhaltsamen Belehrung : Oeuvres morales, erzählt von einem anderen, der bei einem traurigen Lied ohnmiiehtig wurde
et diversifiées en histoires, pleines de beaux exemples, enrichies d'enseignemens u n d nichts mehr s p ü r t e u n d erst wieder zu sich kam, wenn man einen fröh-
vertueux, et embellies de plusieurs sentences et discours . . . (1575). lichen Gesang a n s t i m m t e . Plinius erzählt etwas Ähnliches von einem gewinnen
Obwohl H E X Í A S Werk ausdrücklich in der Absicht geschrieben worden ist, H e r m o t i m . Guillaume de Paris berichtet von einem Mann, der nur vmn An-
Belehrung zu bieten, u n d obwohl einzelne Kapitel streng wissenschaftlich ge- blick einer Medizin s'en purgeoü. Ähnlich verhält es sich mit denen, die 1 tan men,
halten sind (Von der Größe u n d dem Untergang des römischen Reiches, Über d a ß sie sich verbrennen u n d den Schmerz auch spüren, ohne daß ein Feuer da
die Kalenderreform u n d die sieben Weltwunder, "Über die Kugelgestalt der ist. Die Einbildung k a n n so stark sein, d a ß sie selbst anderen ein Merkmal
E r d e u. a.J u n d Wissenschaftlern bei ihrer Forschung dienen sollen, finden sich aufdrückt, so wie das K i n d die Zeichen der Dinge an sich trägt, welehe die
doch ebenfalls eine ganze Reihe anderer Kapitel, deren Themensetzung u n d Mutter während der Schwangerschaft zu essen verlangte. König Cyrtin, In/w-f
Durchführung weniger dem ernsten Studium als der spielerischen Freude am ayant par grande attention, ven combattre deux taureaux, il se mit vu, jour
Wunderbaren u n d Sensationellen gewidmet sind (Vom Alter der Menschen à dormir, ayant ceste imagination au devant, mais au resveil, il se trouva dru
im Alten Testament, Von Frauen, die oft verheiratet waren u. a.) bis zu cornes de taureau, gui lui estoyent venues en la teste. Wenn das stimmt, dann hat.
solchen Fragen, die keinerlei historische Bildung voraussetzen u n d deshalb die vertu vegetative, angestachelt von der imagination, die Säfte zum Kopf
auch von einem größeren Kreis ebenso gern gelesen wurden wie von einem geführt, die Hörner wachsen lassen. Marc Damascene erzählt von einer Frau
Gelehrten, zumal sie Daseinsformen u n d Phänomene betreffen, deren Betrach- in einem Ort bei Pisa, die ein Mädchen mit einem Fell gebar, weil sie seit der
t u n g u n d Erklärung um so frappanter wirkte, je alltäglicher sie im Grunde Empfängnis immer das Bild Johannes des Täufers betrachtet h a t t e . Folgt
waren (Warum der Lorbeer das Zeichen des Sieges ist, W a r u m Betrunkene noch eine Ansicht Avicennas u n d ein Zitat aus Thomas von Aquin. Beispiel
alles doppelt sehen usw.). von einem Mann, der in einer Nacht alt geworden ist. Encore void-on bien sou-
vent, que Vimagination faict devenir les hommes fous, et telle fois si fort malades
Wie bei Pero Mexía in einem Kapitel historische, philosophische u n d natur-
que c'est grande merveille de ses effets.
wissenschaftliche Probleme bei Behandlung einer einzigen Frage angeschnitten
werden können, zeigt sehr schon I I , 7: Que l'imagination est une des principales Trotz all dieser Anhäufung von Gelehrsamkeit versteht es aber Pero Mexía
puissances intérieures, prouvée par vrais exemples et notables histoires. An den im Gegensatz zu seinen Vorläufern, seinen Stoff in liebenswürdiger Weise auf-
Anfang des Kapitels wird eine philosophisch-psychologische Erkenntnis ge- zulockern u n d ihm eine anspruchslose volkstümliche F o r m zu geben. Darin
stellt, die als Gesetz u n a n t a s t b a r ist: So wie es 5 äußere Sinne gibt, h a t der besteht der Reiz des Buches u n d das Geheimnis seines Erfolges, der sich am
Mensch auch 5 innere: le sens commun, l'imagination, le jugement, la fantaisie, besten in der Zahl der Auflagen u n d Übersetzungen spiegelt ; P F A N D L 1 sehätzt
et la memoire. Nur von der Imagination soll hier gesprochen werden, deren ihre Zahl auf 29.
Eigenschaft und Aufgabe es ist, retenir les images et figures que le sens commun Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich mit einem Montaigne-
reçoit premièrement des sens extérieurs, et puis elle les envoyé au jugement, d'où schen Essay, der ebenfalls die Imagination zum Thema h a t : Ι , χ χ ι : De la
elles vont après à la fantasie, et de là en la caisse et coffre, qui est la mémoire. Force de l'Imagination. Montaigne stellt kein psychologisches Gesetz an die
Nach dieser Umgrenzung der allgemeinen F u n k t i o n der Phantasie folgt die Spitze seines Essays, aus dem er zunächst doktrinär das Wesen u n d die Funk-
Analyse ihrer besonderen Funktionsweisen, die von normalen Reaktionen all- tion der Phantasie ableitet. Er geht von sich aus, erweitert seine E r k e n n t n i s
täglicher N a t u r bis zu psychopathischen Krankheitsbildern führen; letztere auf die menschliche Psyche im allgemeinen u n d reiht dann in sehr lockerer,
überwiegen, und wieder bricht die Freude der Renaissance am Seltsamen, gefälliger Form, immer wieder durchsetzt mit Selbstanalysen, eine Reihe von
Merkwürdigen, Sensationellen durch, wenn er mit besonderer Liebe auf gro- Exempla aneinander, die z. T. die gleichen sind wie bei Pero Mexía. Psycho-
teske Ausgeburten der Phantasie hinweist : Die Imagination r u h t nicht, wenn logische Erwägungen wie ζ. Β., daß die Kraft der Phantasie besonders stark
der Mensch schläft. Sie k a n n die Leidenschaften erwecken u n d das U n t e r s t e auf die Seele des Volkes wirke, weil in ihr weniger Widerstandskräfte lebten,
zu oberst kehren: L'imagination peut faire un homme malade, ou le guérir. Sie fehlen bei Pero Mexía vollkommen. Doch ist beiden Betrachtungen gemeinsam
erzeugt Freude u n d Furcht, d a ß das Herz zittert u n d die Stimme bebt. Sie be- die Freude am enzyklopädischen Wissen, das in loser Form gefällig dargeboten
wirkt, d a ß Leute in Ohnmacht fallen, wenn sie andere bluten sehen. W e n n wir wird. (Das Kapitel von Montaigne s t a m m t aus der ersten Zeit seines Schreibens.)
andere bittere u n d saure Sachen essen sehen, spüren wir irgendeinen scharfen
Geschmack im Mund u n d entsprechend das Gegenteil bei süßen Speisen. SÍ 1
nous voulons des exemples d'estranges imaginations, nous en pourrons ouyr L. PFANDL, Geschichte der spanischen Nationalliteratur in ihrer Blütezeit. Freiburg 1929,
8.91.
6*
78 Die Kompilationsliteratur Exkurs: Exemplum und Geschichtsauffassung 79
Die französischen Nachfahren von Alexia, wie ζ. Β. Du VERDIER , sind jτη 1
tigt und daher auf bereits niedergeschriebenes Material angewiesen ist (im
allgemeinen trockener und steifer. Schon die ersten Kapitelüberschriften ver- Gegensatz zu der pragmatischen Geschichtsschreibung, die das Warum der
raten die engere Stoffbegrenzung: De Dieu, Des oeuvres que Dieu créa en six augenblicklichen Zustände ergründen will und die Dinge noch aus eigenem
jours, en quel jour furent créés les Anges, Des bons Anges du -paradis terrestre Miterleben kennt), ein gewisses Odium der Kritiklosigkeit an, von dem sogar
usw. Diese theologisch-philosophische Hierarchie fehlt bei Mexia vollkommen. Livius nicht auszunehmen ist. In bezug auf seine Forschertätigkeit sagt Bickel
Auch die Durchführung ist wesentlich steifer. Das Raisonnement tritt fast von ihm: „Wertvolle Unterrichtung bietet er dort, wo er wertvolle Quellen
vollkommen in den Hintergrund, und die Einleitung und Verbindung der ein- ausschreibt... Im allgemeinen zeigt sich, daß Livius seine Quellen nicht unter
zelnen Kapitel ist genau so dürftig wie bei Valerius Maximus. Die Suite der Abwägung und Kritik zur Auffindung des Richtigen benutzt hat, sondern um
Diverses Leçons ist lediglich ein weiteres Zusammentragen anderer Beispiele. Stoff zur gefälligen Gestaltung eines patriotischen Lesewerkes zu erhalten . . .
In der Tat bedeutet sie in unserer Entwicklungsreihe einen Schritt nach rück- Der Instinkt, der Livius immer wieder zu den Geschichtenerzählern statt zu
wärts. Oft sind Einleitungen ganz weggelassen, und ein Kapitel ist nichts den Forschern und ernsten Berichterstattern geführt hat, war eben dadurch
anderes als eine Aneinanderreihung von Exempla, deren Anordnung keinerlei bedingt, daß er selber nichts als den Stoff rhetorisch zurechtzurücken, z. T.
Originalität verrät. Tritt eigenes Raisonnement auf, dann handelt es sich meist in naiv-unbewußter Weise, zum Vorsatz hatte. So hielt er sich unwillkürlich
um eine Moralpredigt, die derart von Gemeinplätzen strotzt, daß auch sie am liebsten an solche Geschichtsliteratur, die jenes Geschäft der rhetorischen
kaum als eigenes Raisonnement bezeichnet werden darf. Zuspitzung und Zurechtrückung der Ereignisse bereits vollzogen hatte. Dabei
Auf derselben Linie bewegt sich JEAN DES CATXRRES, von dessen Œuvres war es sein gläubiges Glück, kein Falsch hinter den Zeugen zu wittern, die statt
morales et diversifiées Villey zu verstehen gibt, sie seien eine pesante compiL·- der Geschichte die spannendsten Fabeln zu berichten gewußt hatten 1 ."
tion eines pédant2. Die pragmatische Geschichtsschreibung eines Sallust und Tacitus war we-
Es steht jedenfalls fest, daß Montaigne dieser Gattung der Kompilations- sentlich kritischer, da sie durch den antiken Respekt vor dem geschriebenen
literatur für die Form seiner ersten Essays zu Dank verpflichtet ist und daß Wort nicht so gehemmt war wie Livius und die Dinge aus eigener Anschauung
in einer Ahnenreihe essayistischer Formen die Diverses Leçons unmittelbar vor kannte. Trotzdem darf festgestellt werden, daß das Geschichtsbild des gebil-
seinen eigenen ersten Kapiteln stehen müssen. Seine ersten Kapitel stellten deten Römers stark vom Exemplum, vom typischen Fall beeinflußt war. Die
kaum mehr als Diverses Leçons dar. Sein Werk war zu Beginn kaum etwas historische Einordnung und Begründung stand weniger im Vordergrund als
anderes als die Werke eines Pierre Messie, Du Verdier, Bouaystuau oder Des überragende Einzelgestalten und ihre Qualitäten. Die beispielhafte Persönlich-
Caurres, die gerade in jenen Jahren, als er zu schreiben begann, Modeliteratur keit wurde zum Prototyp einer durch sie symbolisierten Eigenschaft.
waren. Wie er sich von jenen Kompilatoren unterschied, worin seine zuneh- Mit dem Untergang der antiken Welt versinkt auch die Geschichtsschrei-
mende Originalität bestand, soll im letzten Kapitel gezeigt werden. bung, die erst durch Chronisten wie Froissart und Commynes wieder belebt
wird; obwohl diese Werke für die Gesamtentwicklung sehr bedeutsam sind,
interessieren sie in unserem Zusammenhang insofern nicht, als das Exempel
des antiken Bildungsgutes bei ihnen kaum eine Rolle spielt. Als aber die
Exkurs: Exemplum und Geschichtsauffassung
Renaissance mit ihrem Kult der Antike sich erneut auf deren Bildungsformen
Dem Exemplum fiel bereits in der antiken Geschichtswissenschaft eine füh- besann, gelangt auch das Exempel wieder zu höchstem Ansehen. Schon im
rende Rolle zu, gleichgültig ob es sich um Annalistik oder pragmatische Ge- frühen 15. Jahrhundert wies SPEEONI DEGLI ALVAROTTI in seinen Discorsi auf
schichtsschreibung handelte. Bei der ersten Richtung diente es vor allem der die erzieherische Rolle der Geschichte hin, die im Exempel ihre verdichtete
Charakterisierung einzelner Begebenheiten oder Personen und trug wesentlich Wirkung erfahrt. Und BODINUS entwickelt in dem Prooemium seines Methodus2,
zur Auflockerung des Stoffes bei. Im zweiten Falle dagegen hatte es vor allem das bezeichnenderweise schon den Titel führt De facilitate, oblectaiione et utili-
die Funktion des Beweisführens von einem ganz bestimmten Blickwinkel aus. tate historiarum, die These, daß die geschichtlichen Studien keinerlei Vorberei-
Da die Exempelliteratur sehr weit verbreitet war, hatten es die Historiker tung bedürfen und großen Reiz für den Lernenden bieten, ihm also sozusagen
verhältnismäßig leicht, aus dieser Quelle zu schöpfen, die jedoch wegen ihrer im Spiel die Vorbilder geben, nach denen er sein Leben ausrichten soll. Um
Unzuverlässigkeit einer kritischen Überprüfung vielfach nicht standhält. Des- aber wirkliche Frucht aus diesen Studien zu ernten, muß die verwirrende Viel-
halb haftet vor allem der Annalistik, die sich mit vergangenen Zeiten beschäf- falt der Geschichte entsprechend klassifiziert werden, da sie sonst dem Ge-
1
dächtnis entgleitet und man ihren Sinn nicht begreift, id est, ut hei communes
ANTOINE DU VERDIEE, Les Diverses Leçons suivant edles de Pierre Messie, ConUnans
plusieurs histoires, discours et faicts memorables. 5e éd. Tournon 160á (I. Aun. 1577). 1
BICKEL, 1. c, S. 163 u. 164.
2
P. VILLEY, Le.s Essais de Michel de Montaigne, Paris 1932, S. 150. 2
Methodus ad facilem historiarum cogniiiontm. Benutzte Ausgabe : Basileae 1576.
80 Die Kompilationsliteratur S e n t e n z u n d Florilegien 81

rerum memorabilium certo quodam ordine, componantur, ut ex iis, velut ex thesau- u n d herauskristallisierte, sondern m a n hielt sieh dabei an bei'ühmt.e Vorbilder,
ris, ad actiones dirigencias exemplorum vartetatem proferamus (S. 30f.), u n d zu deren Lehren über jeden Zweifel erhaben waren. Zunächst war dieses Bedürf-
diesem Zweck stellt er selbst ein Verzeichnis der in Frage kommenden loci nis im beginnenden Mittelalter deshalb nicht so stark gewesen, weil die Heilige
communes auf, das serait pour effarer l'historien d'aujourd'hui1 :,Priore libro Schrift jedem Bildungsbeflissenen, jedem nach Moraltheologie Strebenden,
singulares hominum actiones et casus humanos eo quo diximus ordine consti- einen Schatz von Zitaten zur Verfügung stellte, aus dem er nach Belieben
tuemus. Primus locus erit de generis obscuritate ac nobilitate; alter de vita et schöpfen konnte. Mit der beginnenden Renaissance aber traten die antiken
morte; tertius de vitae commodis; tum de opibus et inopia; deinceps de vitae Sentenzen neben die biblischen. Dieser Entwicklung kam es sein· zustatten,
splendore ac parsimonia, da ludis et speclaculis, de voluptate ac dolore,, de gloria daß schon frühe kirchliche Autoren, wie ζ. Β. Martin von Bracara vor allem
et infamia, de corporis foedítate ac forma, de robore ac imbecillitate, de barbarie Séneca als einem Heiden, der würdig gewesen wäre, ein Christ zu sein, zum
et humanitate, de ignorâtione ac scientia . . .' : (p. 41). Hier ist das Exempel wie- Fortleben verhalf, indem er aus seinen Werken Auszüge machte, die sonsl
der auf derselben Stufe wie bei der Geschichtsschreibung eines Livius, u n d auf nirgends erhalten sind; u n d die Brüder vom gemeinsamen Leben bevorzugen
dieser Stufe steht es auch, noch bei Montaigne, der, wie Porteau glaubt 2 , sich ihrerseits aus demselben Grunde in ihren Rapiarien Seneca u n d Virgil. Λυf
sein Liber Locorum auf diesen R a t Bodins angelegt h a t . diese Weise sind Bruchstücke aus alten verloren gegangenen Originaltexten
doch noch auf uns gekommen 1 . Andererseits aber erborgten sieh Spruchsamm-
lungen den. b e r ü h m t e n Autornamen erst im Mittelalter, so daß m a n oft die
Autorschaft nicht mit Sicherheit festlegen kann. Biekel weist in diesem Zu-
sammenhang d a r a u f h i n , daß die Sententiae Varronis ebensogut spätantiken
Sentenz und Florilegien
wie mittelalterlichen Ursprungs sein können 2 .
„Aille devant υν apres, un'utile, .sentaría1, un beau traic-t est D a ß diese Florilegien nicht nur Bildungsgut des Geistes sein wollten, sondern
toujours de saison. S'il n'est pas bien a ce qui va devant, ny a gleichzeitig eine erzieherische Tendenz h a t t e n , zeigt sieh sehr schön in einer
ce qui vient après, il est bien en soi."
der ältesten Sammlungen dieser Art, der Margarita poética (1472) des A L B E K T U S
(ΜοΝΤaigne Essais, Τ, χ χ ν τ , 220.
DE E Y E , deren Titel die Zielsetzung sehr deutlich erkennen l ä ß t : Preciosa haec
Ebenfalls dem Bedürfnis der Rhetore η schulen nach Klassifizierung des vor­ grammatica in se continet: praecepta, clausulas, auctoritates atque sentencias
handenen liildungsmaterials dienten die antiken u n d mittelalterlichen Flori­ memoratu dignas ex diversorum philosophorum, hisloricorum, oratorum, poeta-
legien, die Sentenzen, Homoiomata, Gnomen und andere Kleinformen ent­ rum multorumque aliorum clarorum virorum libris in unum collectas: quaegue
hielten. Charakteristisch für diese Formen ist, — im Gegensatz zu den Exem- ad artem bene dicendi recteque vivendi formam plurimum condueunt. . A
peln, bei denen mehr die Fabel an sich interessierte als ihre Herkunft, — d a ß U n t e r diesen Sammlungen zeichnet sich G E U T E R U S 4 durch eine besondere
sehr oft, angegeben ist, von welchem Schriftsteller der betreffende Ausspruch Anordnung nach Autoren a u s : Nach dem Alphabet werden Gnomae ethico-
s t a m m t . Auf diese Weise h a t sieh antikes Gedankengut nicht nur anonym wie politicae gebracht, dann P. Syri Mirai et Senecae, sententiae, Gnomae Paroe-
beim Kxempel, sondern tatsächlich mit dem Nachweis der Urheberschaft bis miaeque. Darauf folgen „Gruteri Notae" welche die Gnomae wiederholen u n d
in unsere Zeit hinübergerettet. Die F u n k t i o n solcher Sammlungen war der- Quellen angeben.
jenigen der- Exempelsanvmlungen naturgemäß sehr ähnlich: Hier wie dort Die äußere Ordnung dieser Sammlungen ist derjenigen der Exempelsamm-
sollten sie Material für die moralische Unterweisung bieten, Gedächtnisstützen lungen sehr ähnlich ; sie richtet sich nach sachlichen Gesichtspunkten, nach
schaffen durch besonders prägnante Sätze —• u n d überdies sollten sie dem Be- denen unter einem Oberbegriff {Abstinentia, Dolor) Definitionen, Äußerungen
dürfnis all derjenigen entgegenkommen, die für Plädoyers, Predigten, B e d e n etc., kurz möglichst viele Zitate zusammengefaßt werden. Auch dafür ist der
aller Art Material zu bestimmten Themen suchten. Neben dieser praktischen Titel einer dieser Sammlungen bezeichnend (Bartholomaeus Amantius):
Bedeutung, welche die Florilegien mit den Exempelsammlungen gemeinsam
hatten, steht aber ein sehr wichtiger, nach innen gerichteter Faktor, der, wie ,,Flores celebriorum sentontiarum graecarum ac latinarum, définitionum, item virtu-
tum et vitiorum, omnium exemplorum, proverbiorum, apophthegmatum, apologorum,
Huizinga nachgewiesen h a t , charakteristisch ist für „das Bedürfnis, jeden similium et dissimilium, simulque graviter dictorum ac factorum, tam ex veteri, quam
Lebensfall zu einem moralischen Vorbild auszugestalten, alle Urteile in Sen- novo Testamento, eorumque interpretibus : nempe sacratissimis Eccelesiasticis Doctoribus,
tenzen zu sondern, wodurch sie etwas Substantielles u n d U n a n t a s t b a r e s be- porro et Philosophis, Poetis. Oratoribus ac Historicis . . . plus quam viginti quatuor annis,
kamen 3 . Dafür genügte es aber nicht, -wenn man selbst Sentenzen ableitete
1 2
Vgl. BICKEL, 1. e, S. 28. Vgl. BiCKeL, 1. c, 8. 407.
3
1
PORTEAU, 1. c. S. 188. a
PORTKAU, 1. c, S. 207. Zit. nach der Ausgabe Argentina© 1503.
4
3 J A K U S GKÜTERLTS. Florilegium Ethieo-Politicum. . . . Francoforti 16J0.
J. HUIZINGA. Herbst des Mittelalters. München Ί924, S. 318,
82 Die Kompilationsliteratur Die „ A d a g i a " des E r a s m u s 83
summa fide, studio, sechilitate, ad communem studiosae iuventutis utilitatem passim Anlaß, um eine eigene Stellung dazu zu nehmen; es durch Exempel zu erläu-
selecti, simulatque demum in ordinem alphab. quam exactissime redacti 1 ."
tern, die z. Τ. nicht aus anderen Quellen stammen, sondern selbsterlebt sind,
Von hier aus führten dann philologische Bedürfnisse zu einer Zusammen- Exempel, bei deren Erzählung er sich nicht auf die nackten Tatsachen be-
stellung von Redewendungen, so daß DOLET, Phrases et formulae ein regel- schränkt, sondern persönliche Wertungen und Gefühlsmomente einfließen läßt.
rechtes Wörterbuch geworden ist, das klassische Zitate vor allem aus Cicero
bringt, um dem Benutzer das Schreiben eines möglichst klassischen Lateins
zu erleichtern. Es weist Ähnlichkeit mit modernen Wörterbüchern auf, wie Die „Adagia" des Erasmus
sich leicht aus folgendem Beispiel ersehen läßt :
Eine Sentenzen- und Sprichwörtersammlung hat mit einem Essay nicht
„ D e n s generaliter id omne dieitur, a quo aliquid teneri, vel extrahi potest. Dentés vero m e h r gemein als eine Kompilation von Exempla. Doch sie tragt genau so wie
peculiariter sunt, qui cibum conterunt. eine Exempelsammlung die Entwicklung zum Essay als Möglichkeit in sich ;
Dentea in ore constructi (folgt klass. Beleg) denn dort, wo ein schöpferischer Geist sie zum Anlaß nimmt, nachzudenken
„ candiduli ,, ,, „ und seine Gedanken in kleinen Abhandlungen niederzulegen, dort beginnt
etc. 2 .
diese Möglichkeit sich zu realisieren, — genau so wie Montaigne Exempla,
Aus all den Florilegien der Antike und des Mittelalters hebt sich eines be- Sentenzen und Lesefrüchte als Material, als Objekte für die essais de jugement
sonders hervor (das in der Renaissance oft bearbeitet und ediert wurde), weil wählte. Die Adagia des Erasmus sind ein solcher Fall, in dem aus der Betrach-
es durch Materialreichtum und Formenfülle fast Vorläufer Montaignescher tung anläßlich einer Sentenz, eines Sprichworts oder nur einer Redensart
Essays wurde und aus dem viele andere Sentenzen- und Exempelsammler ab- Essays entstanden sind. Die Voraussetzungen dafür waren in der Persönlich-
geschrieben hatten: Das spätantike Anthologion des Johannes von Stoboi, keit Erasmus' gegeben, denn die Haltung des Erasmus weist manche Parallele
das sowohl Sentenzen wie Exempel, Gnomen und Apophthegmen enthält, — zum Geist Montaignes auf.
und zwar derart angeordnet3, daß zuerst die Dichter zu Wort kommen, wonach Die Begeisterung des Humanisten Erasmus für die Welt der Antike spricht
erst die Prosaschriftsteller angeführt werden. Unter die bekannten Loci com- aus allen seinen Schriften, selbst aus den religiösen, denn sein ganzes Leben
munes wie etwa de prudentia, de timiditate, de fortitudine, de iustitia werden lang versuchte er, eine Synthese zu finden zwischen dem Geist der Antike und
Philosophen- und Dichterworte, Sentenzen, Gnomen, Exempel und eine Reihe dem Christentum. Das tertium comparationis, die Brücke zwischen beiden
der bereits angeführten Kleinformen eingeordnet, ohne daß der Verfasser je- Welten war für ihn die Erkenntnis des Gesunden, Heilsamen, Natürlichen, das
doch (und hier liegt der bedeutsame Unterschied zum Werke Montaignes) er a u c h in der antiken Literatur fand (ausgedrückt in einer Sprache, die für
eigene Gedanken zum Thema äußert, Stellung nimmt oder sich gar Abschwei- den Humanisten Ideal, unerreichbares Vorbild war)* Diese Erkenntnis war eine
fungen erlaubt. Immerhin umfassen seine Themen aber fast das gesamte an- der wesentlichsten Voraussetzungen für den Humanismus ; sie trennt das Mittel-
tike Bildungsgut: Buch I und II des Anthologion, die Eclogae physicae et alter von der Renaissance, indem sie für den Christen das Odium des Heid-
ethicae behandeln philosophische und erkenntnistheoretische Grundsätze, rhe- nischen, Sündhaften von der antiken Literatur nahm und die „bonae literae"
torische und dialektische Begriffe sowie Poetik und Moraltheorie. Buch I I I und in neuem Licht erscheinen ließ. Das Wort des Erasmus, nichts sei unglücklich,
IV, das eigentliche Florilegium, die Sermones, behandeln im Gegensatz dazu wenn es seiner Natur nach lebe1, ist ein Gedanke, der genau so aus der neuen
das praktische Leben, Tugenden und Laster, Politik, Familie, Hauswirtschaft Bewertung der Antike entspringt wie das Montaignesche heureusement, puisque
und die Künste. c'est naturellement (III, π, 37). „An Stelle einer von der Kirche umspannten
Wie weit dieses hochberühmte antike Werk noch vom Geiste der Renaissance Welt, wie sie Thomas von Aquino und Dante geschaut und beschrieben hatten,
entfernt ist, zeigt schon ein sehr flüchtiger Vergleich mit manchen Erasmischen sah Erasmus eine andere Welt voll Zauber und Erhabenheit, in die er seine
Adagia, von denen es nur noch ein kleiner Schritt bis zu den Montaigneschen Zeitgenossen hineinführen wollte 2 ." Diese Welt der Antike tritt in seinen Wer-
Essays ist. Waren für den spätantiken Schriftsteller die Dichterworte noch das ken stets neben dem christlichen Gedankengut auf, fast möchte man sagen,
einzig Aufschreibenswerte, so nimmt Erasmus das Adagium der Alten oft zum gleichberechtigt ; denn um eine Behauptung zu stützen und zu beweisen, ist ihm
ein antikes Zitat ebenso willkommen wie Worte der Kirchenväter. Es ergibt
1
Zit. nach der Ausgabe Dilingae 1556. sich daraus aber eine Geisteshaltung, die auch die andere Seite der Dinge sieht,
a
Phrases et formulae linguae latinae elegantiores, Stephano Doleto autore. Nunc denuo die auch die Meinung des Gegners achtet, die schroffe Stellungnahme vermei-
recognitae . . . Argentorati 1576, S. 70.
a
JOHAIÍNTS STOBAEI sententiae ex thesauris Graecorum delectas . . . in' sermones sive 1
ERASMUS, Encomium moriae, Baseler Ausg. v. 1515. Faksimile Basel 1931, S. G 4 v.
locos communes digestae, nunc primum a Conrado Gesnero . . . traductae . . . Tiguri 1543. 2
HUTZINGA, Erasmus, S. 123.
84 Die Kompilationsliteratur Die „Adagia" dea Erasmus 85
det. Zeit seines Lebens hat Erasmus es vermieden, in manchen Fragen klare labra lactucas, Risus Sardonicus, Sanctum dare canïbus, Manus manum fricot
Positionen zu beziehen; Rom u n d Reformation betrachteten ihn als einen der etc. Die Erläuterungen zu den einzelnen Wendungen, die ihren Sinn und ihre
Ihrigen. Montaignes Wort chaque chose a plusieurs biais et 'plusieurs lustres Verwendungsmöglichkeiten erklären und gegebenenfalls weitere klassische Be-
könnte ebensogut von Erasmus stammen, wie sich Huizingas Worte : „In allen legstellen geben, umfassen nur wenige, bis zu 20 Zeilen. Zunächst bedeutet
Fragen des menschlichen Geistes erkannte er die ewige Ambiguität" 1 auf diese Sammlung nicht mehr als seine Sammlung der Apophthegmata, als seine
Montaigne beziehen könnten. Diese Haltung, die alle engen Fesseln starrer Parabolae oder das ebenfalls einen großen Vorrat an Ausdrücken bietende sti-
Doktrinen ablehnt, ist überhaupt Voraussetzung für das Schreiben von Essays listische Lehrbuch De copia verborum ac rerum. Er weist in der Vorrede auf die
im Montaigneschen Sinne. Nützlichkeit hin, wenn ein Autor einen großen Sehatz an alten Sentenzen be-
Eine andere Erscheinung in Erasmus' Werk ist dieser Einstellung des Geistes sitze ad persuadendum, ad decus et gratiam orationis, ad intelUgendos óptimos
verwandt : es ist die Stimmung des Spiels2, die uns aus seinen Colloquia ebenso quosque autores. Aber das war nur der Anfang eines Werkes, dem er sich in den
entgegenleuchtet wie aus dem Laus stultitiae und aus den Adagia. Es ist die folgenden Jahren immer wieder zuwandte, in das er immer mehr Adagia, auch
Lust am Variieren des Ausdrucks, die Freude daran, daß man auf 50 verschie- aus griechischen Autoren, aufnahm, so daß ihre Zahl von 800 auf mehrere
dene Arten sagen kann: „Ich denke, daß es Regen gibt" (De copia verborum Tausend anwuchs. Mit dieser quantitativen Erweiterung (auch der Erläuterung
ac rerum), das Entzücken über die Menge der Argumente und Beispiele, die einzelner Adagia: der Kommentar zu Risus Sardonicus z. B. wuchs von 16 Zei-
sich für eine Behauptung finden lassen, und die deshalb alle angeführt werden, len auf 3% Folioseiten) gewann das Werk auch eine neue Bedeutung: Die
weil man auf keins verzichten kann. Die gleiche Freude gab den Impuls zum Adagia wurden ein Instrument, das den Geist des Altertums einem großen
Sammeln der Apophthegmata und der Adagia, verbunden mit der Absicht, die Kreis übermittelte, und bedeuteten für Erasmus die Möglichkeit, die Überein-
Weisheit der Antike allen zugänglich zu machen ; dieser Gedanke der Vulgari- stimmungen zwischen antiker Philosophie und christlicher Lehre zu beweisen.
sierung trug ihm von anderen Humanisten den Vorwurf ein: „Erasmus, du Die Erläuterungen vieler Wendungen blieben nicht mehr auf das Philologisch-
schwatzest unsere Mysterien aus 3 ." Aber im Grunde ist es die gleiche Vulgari- Stilistische beschränkt, sondern wurden Anlaß, seine Ideen über Krieg und
sierungstendenz, die uns auch aus der Literatur der Diverses Leçons be- Frieden, über Mißstände in Staat und Kirche zu propagieren. Mit jeder quan-
kannt ist. titativen Erweiterung gab er dem Werk ein Stück mehr von seinem eigenen Ich
Eine andere Voraussetzung bei Erasmus für das Schreiben von Essays wurde mit, und aus der trockenen Sammlung stilistischer Wendungen wurde ein per-
bereits angedeutet : die Handhabung des Lateins wie einer Muttersprache. Der sönliches Werk, das den Stempel Erasmischen Geistes trug: Chaque Adage de
Humanismus entkleidete das Latein des Charakters einer toten Sprache und plus était comme une note nouvelle, inscrite par la vie au coeur d'Erasme1.
ersetzte die streng syllogistische Form der scholastischen Ausdrucksweise durch Die großen Adagia, d. h. die, deren Kommentar sich über viele Seiten er-
eine lockere Form; er näherte das Latein der natürlichen Ausdrucksweise des streckt, lassen zweifellos das ursprüngliche Ziel der Sammlung außer Acht.
täglichen Lebens4. Wenn vielleicht die Behauptung, manche von Erasmus' Sie werden Selbstzweck. Scarabaeus Aquilam quaerit (Ad. 3600) vergleicht den
Schriften seien Essays, trotz aller oben geschilderten Voraussetzungen einem schlechten Herrscher mit dem stolzen und raubgierigen Adler und wird zu
gewissen Vorbehalt begegnen mag, — liegt das nicht daran, daß über diesen einem regelrechten Fürstenspiegel. Dulce bellum inexpertis (Ad. 4000) zeigt die
„Essays" der Schleier des Lateins eines Humanisten liegt, der die Sprache ein Naturwidrigkeit und die Schrecken des Krieges. Es ist ein Thema, das ihm be-
wenig zu virtuos beherrscht und der auf eine schöne Redefigur ciceronianischer sonders am Herzen liegt, das er ebenfalls in der anonymen Dialog-Satire gegen
Prägung nicht verzichten kann ? den Papst Julius exclusus e Coelis, in der Querela pacis, in der Oratio de pace
In der Sammlung der Adagia gibt es mehrere Sentenzen oder sprichwört- et discordia und in einem Brief vom März 1514 an den Abt von St. Bertin be-
liche Redensarten, bei deren Kommentierung Erasmus über das sonst geübte handelt. Dieser Brief an Antonius von Bergen2 liegt dem Adagium Dulce bellum
Maß hinausgeht. Es sind antike Zitate, die ihn besonders anregten, von denen inexpertis zugrunde. Sileni Alcibiadis (Ad. 3200) beklagt die weltliche Haltung
Themen berührt werden, die ihm besonders angelegen waren und die in seinen der Bischöfe usw.
Briefen und Colloquia immer wiederkehren. Hier sind wirkliche Essays von Wieweit ein solcher Aufsatz von Erasmus wirklich ein Essay ist, kann nicht
Erasmus geschrieben worden. besser gezeigt werden als durch eine Wiedergabe eines dieser Adagia, die hier
Die erste Ausgabe der Adagia erschien im Jahre 1500 in Paris und enthielt nur auszugsweise erfolgen kann. Das Einfügen von Zitaten, Beispielen, per-
etwa 800 sprichwörtliche Redensarten, die Erasmus aus antiken lateinischen sönlichen Erlebnissen und Betrachtungen geht aus der Wiedergabe so klar
Autoren zusammengetragen hatte : Es sind Redewendungen wie Similes habent hervor, daß eine eingehendere Analyse überflüssig erscheint.
1 2
Erasmus, S. 155. Vgl. HUIZINGA, Homo luäms, S. 292. 1
T. QTTOHIAM, Erasmus, Paris, 1935, S. 34.
3
H U I Z I N G A , Erasmus, S. 50. * Vgl. HUIZINGA, Erasmus, S. 52. 2
A L L E N , I. c, S. 288.
86 Die Kompilationsliteratur Die „ A d a g i a " des Erasmus 87
1 viele Städte zurück u n d viele für Kaiser Maximilian und für sich. Er kehrte heim,
Spartam nactus es, hanc orna .
nachdem anscheinend alles glücklich verlaufen war. Doch welcher Strom von Leid ergoß
Die Erläuterungen beginnen mit einer Sinnerklärung: Das Sprichwort sei sich d a n n über die Gallier? Die mit ihrem Blut so viele Triumphe für Julius erkauft
eine Mahnung, uns dem Amt, das wir nun einmal bekommen haben, anzu- h a t t e n , wurden durch seine Machenschaften unter noch größerem Blutverlust aus Italiens
Gebiet hinausgeworfen . . . Was soll ich von dem erlauchten König der Schotten, J a k o b ,
passen und uns seiner würdig zu zeigen. Es folgen dann Belege für das Sprich- erzählen ? Jener Mann h ä t t e größtes Glück mit höchstem R u h m verbunden, wäre er immer
wort aus Schriftstellern der Antike und eine Aufzählung von Anwendungs- mit seinen Grenzen zufrieden gewesen. Er war von einer Gestalt, die schon von weitem
möglichkeiten (z. B. „wenn wir jemand ermahnen wollen, die Rolle, die er den König erkennen Heß, von herrlichem Geiste und verfügte über eine unglaubliche
übernommen hat, geziemend auszufüllen: Du bist ein Bischof, dann handle Kenntnis aller Dinge ; er besaß eine unübertroffene Seelengröße, echt königliche Würde,
höchste Güte u n d größte Freigebigkeit. Es gibt keine gute Eigenschaft, die einem großen
nicht wie ein Satrap, sondern wie ein Bischof; du bist verheiratet, dann erfülle Fürsten geziemt, in der er sich nicht so auszeichnete, d a ß selbst die Stimmen der Feinde
auch die Pflichten eines Ehemannes" usw. Erasmus fährt dann fort (S. 486) : ihn lobten. Die Schwester des erlauchten Königs Heinrich V I I I . von England, Margareta,
war seine Gemahlin. I h r e Gestalt, Klugheit und Gattenliebe waren derart, daß er sich
Den Spruch müßte m a n allenthalben an den Höfen der Fürsten in Stein einmeißeln: von den Überirdischen keine Bessere h ä t t e wünschen können. Das Königreich Schottland,
Σπάρταν έλαχες, ταύταν κόσμει, denn k a u m wirst du einen finden, der wohl erwägt, was das schon durch seinen Reichtum, seine Bevölkerung u n d sein Ansehen berühmt war,
es heißt, die Bolle eines Fürsten zu spielen u n d der, mit seinem Gebiet zufrieden, nicht machte er durch seine guten Eigenschaften so angesehen und förderte u n d verwaltete
versucht, seinen Grenzen noch etwas einzuverleiben. Des Fürsten Amt ist es, mit allen es so, daß er den Titel eines wahrhaft ausgezeichneten Fürsten verdient h ä t t e , wenn er
Mitteln für das Wohl des Staates zu sorgen u n d die öffentliche Freiheit zu h ü t e n ; den in diesen Grenzen seines Ruhmes geblieben wäre. Aber nie ist es für das Reich und selten
Frieden zu fördern, Verbrechen unter möglichst geringem Verlust der Seinen zu verhüten; für den Fürsten glückbringend, wenn er sein Land verläßt. Doch da er dem König der
zu sorgen, daß er gewissenhafte und untadelige Beamte habe. Doch wenn er sich um diese Gallier sehr freundschaftlich verbunden war, überschritt er die Grenzen seines Landes u n d
Dinge nicht kümmert, wenn er würfelt, t a n z t , h u r t , musiziert, jagt und Geschäfte macht, begann Krieg mit den Engländern, um den König Britanniens, der mit seinem Angriff den
kurz anderweitig ganz in Anspruch genommen ist, dann muß man ihm warnend dies W o r t Staat der Gallier bedrohte, zur Verteidigung seiner Insel zurückzurufen. U n d wozu ? Er
entgegenrufen: Σπάοταν έλαχες, τανταν κόσμει. U n d wo das eigene L a n d vernachlässigt fand einen zwar tapferen, aber unglücklichen Tod, unglücklich mehr für sein Reich denn
wird, wo der F ü r s t nach draußen schaut, nach anderen Reichen giert, die Seinen in tiefste für ihn. In der Blüte seiner Jahre starb er. Lange h ä t t e Schottland einen solchen Fürsten,
Not führt u n d völlig aussaugt, sich u n d das Glück aller dem Zufallsspiel des Krieges lange Margareta einen solchen Gatten u n d lange sein Sohn {denn sie hatte ihm einen
überantwortet, auf daß er das eine oder andere Städtchen seinen Grenzen einverleibe, Sohn geschenkt) einen solchen Vater haben können, und er andererseits h ä t t e all dies und
da m u ß man ihm entgegenhalten: Sparta hast du bekommen! Es gibt für einen Fürsten seinen R u h m genießen können, wenn er sich dies Leben gegönnt hätte. Zusammen mit
nichts Schöneres, als sein Land, das n u n einmal das Schicksal ihm gab, durch ¡seine Weis- diesem tapferen Vater wurde auch sein Sohn, der dieses Vaters wirklich würdig war,
heit, Tugend, Umsicht herrlicher zu machen. Wenn es nur ein Städtchen ist, dann ahme getötet, der Erzbischof Alexander, zwar erst ein Jüngling von etwa zwanzig Jahren,
Epaminondas n a c h : sorge, daß dieses unscheinbare Städtchen durch deine Taten viel doch keine gute Eigenschaft des reifen Mannes vermißte man bei ihm. Von wunderbarer
berühmter u n d viel reicher werde. Wenn du ein ungezähmtes u n d schwer zu behandelndes Gestalt, edler Würde u n d herrlicher Vornehmheit war er; er besaß einen sanftmütigen
Volk hast, mühe dich a b , auf daß es bald gesittet lebt u n d den Gesetzen gehorcht. Wenn Geist, der jedoch hartnäckig war im Erlernen aller Wissenschaften. Ich verkehrte nämlich
du ein wenig glänzendes Königreich beherrschst, quäle nicht die Nachbarn, sondern ver- mit ihm im gleichen Hause. Damals wurde sein Geist von mir in den Vorschriften der
schönere deinen Besitz, ohne Fremden Schaden zuzufügen. Selten h a t ein Angriff auf frem- Rhetorik u n d im Griechischen geschult. Mein Gott, wie schnell, wie glücklieh, wie auf-
des Gebiet glücklich g e e n d e t . . . Auch Xerxes, Cyrus und Alexander der Große h ä t t e n fassungsfreudig war sein Geist in allem, wieviel konnte er zu gleicher Zeit betreiben! Er
länger gelebt u n d hätten sich wahrhafteren R u h m verdient, wenn sie ihre Staaten recht studierte damals auch Jurisprudenz; doch liebte er sie nicht besonders wegen der Bei-
verwaltet hätten, s t a t t fremde mit Waffengewalt anzugreifen. Wenn K a r l von Burgund, mischung der Unkultur und des häßlichen Wortschwalls der Kommentatoren. Er hörte
des jetzigen Herzogs Großvater, seine reichen Geistesgaben und seine Seelengröße dazu die Worte des Vortragenden, sprach über ein gegebenes Thema u n d übte in gleicher Weise
verwandt h ä t t e , das Seine zu bereichern, s t a t t Fremdes zu erobern, wäre er nicht eines Wort und Feder. Er lernte Griechisch, und täglich trug er das, was gelehrt worden war,
unglücklichen Soldatentodes gestorben, u n d m a n h ä t t e ihn zu den glorreichsten Fürsten zur festgesetzten Zeit wieder vor. In den Nachmittagsstunden widmete er sich der Musik,
rechnen können . . . Karl, König von Frankreich, seines Namens der V I I I . , durchzog ganz spielte Monochord, Flöte und L a u t e ; oft übte er sich im Singen. Nicht einmal die Essens-
Italien und kehrte dann zu den Seinen zurück, doch mit solchem Unglück u n d unter solchen zeiten waren für das Studium verloren . . . So war jeder Teil des Lebenslaufs dem Studium
Gefahren für sich und die Seinen, daß sein Erfolg verdroß. Im übrigen behaupten manche, gewidmet, ausgenommen nur der Gottesdienst u n d die Schlafenszeit. Denn wenn auch
er h ä t t e das Greisenalter erlangen können, wenn er Italien den Italienern gelassen h ä t t e . irgendwann einmal etwas Zeit übrigblieb (was bei einem so abwechslungsreichen Studium
Was soll ich von Philipp, dem Vater des jetzigen Karl, erzählen ? Er zog nach Spanien, kaum vorkam), so widmete er sich sogleich dem Studium der Historiker; denn mit deren
nioht um das Kriegsglück zu versuchen, sondern herbeigerufen, um seinen Teil des König- Kenntnis beschäftigte er sich vorzüglich. So kam es, daß dieser Jüngling von k a u m 18 Jahren
reichs in Besitz zu nehmen. Überall herrschte Frieden — und doch, wie beweinte das in allen Wissenschaften so weit vorgeschritten war, wie man es sonst mit Recht bei einem
Vaterland diesen zu glücklichen Zug; wurde es nicht durch Abgaben ausgeplündert? Er Mann bewundern würde. U n d dabei w a r es auch nicht so, wie es sonst oft zu sein pflegt,
selbst schwebte oft in großer Lebensgefahr . . . U n d was soll ich v o n dem allerehristlichsten daß er zwar für die Wissenschaft, doch weniger für die guten Sitten gut veranlagt gewesen
König der Franzosen, Ludwig X I L , sagen? Er griff die Venetier an, die zu jener Zeit un- wäre. Seine Sitten waren sehr zurückhaltend, doch so, daß m a n eine wunderbare Klugheit
bezwingbar schienen, und in einem einzigartigen Kampf gewann er für den Papst Julius bei ihm feststellen konnte. Sein Herz war zart und weit entfernt von allen schmutzigen
Leidenschaften, doch ohne Starrheit u n d Hochmut. Alles fühlte, vieles verbarg er, und
1
Ad. 2400. Inhaltsangabe u n d Übersetzung nach der Ausgabe von 1559 : Adagiorum, nie konnte m a n ihn zum Zorn reizen. So stark war die Sanftmut seines Charaktere und
Chiliades Des. Erasmi Boterodami IV cum eesquicenturia ex postremo autoris recognitione. die Mäßigung seines Herzens. An Witzen hatte er sehr viel Freude, doch nur an geistvollen
Basel, Froben. S. 485—489.

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8
Die „Adagia" des Erasmus ®
88 Die Kompilationsliteratur

u n d nicht an groben, d. h. nicht an solchen, die mit dem schwarzen Salz des Momus, Kapitel der Adagia ohne Vorbehalt als Essay bezeichnen können. Erasmus'
sondern an denen, die mit dem glanzenden Salz Merkurs gewürzt waren. Und wenn einmal Sprache ist, mit der Montaignes verglichen, etwas zu geschmeidig, zu glatt;
vielleicht im H a u s Zank unter den Dienern ausgebrochen war, so war es wunderbar, mit wenn Montaigne oft auf ein Exempel nicht verzichten kann, so kann der Hu-
welcher Geschicklichkeit und Natürlichkeit er ihn beilegte. Schließlich war er sehr religiös
u n d fromm, und nichts Abergläubisches war in ihm. Kurz, niemand war würdiger, der manist nicht auf eine elegante Formel verzichten.
Sohn eines Königs, eines solchen Königs zu sein. Wäre doch nur seine Ehrfurcht vor dem Aber die Welt beider, Montaignes und Erasmus', ist die gleiche. Aus beider
"Vater auch so glückbringend gewesen, wie sie bewundernswert war. Er zog mit in den Werk spricht die Haltung dessen, der nicht mit beiden Füßen in der rauhen
Krieg, um den Vater nicht im Stich zu lassen. Ich frage, was hattest du mit Mars, dem und wirren Welt des 16. Jahrhunderts steht. Petrarca im Tal der „Vaucluse ,
stupidesten aller Dichtergötter, zu t u n , der du den Musen, der du Christus geweiht warst ?
W a s h a t diese Gestalt, dieses Alter, eine so sanftmütige N a t u r , ein solch glänzender Geist Erasmus in der Offizin des Froben und Montaigne im Turmzimmer seines
m i t Kriegsgetümmel, Kanonen und Schwert gemeinsam ? Was h a t schließlieh ein Gelehrter Schlosses bei Bordeaux : alle drei lieben die Zurückgezogenheit und hassen das
m i t einer Schlacht zu t u n ? Was ein Bischof mit WaffenÎ Deine unbändige Liebe zum laute Getümmel von draußen, das gedämpft bis zu ihnen dringt. Trotz aller
Vater war zweifellos der Grund; da du ihn so sehr liebtest, starbst du unglücklieh mit
ihm zusammen. Solche Talente, soviel Tugend und soviel Hoffnungen vernichtete der
Lebendigkeit des Geistes von Montaigne und Erasmus ist ihr Kontakt mit dem
S t u r m einer einzigen Schlacht. Auch mir ging dabei viel verloren. Denn die Mühe, die Leben nie ganz vollständig. Von Erasmus sagt Huizinga (und man konnte es
ich bei deiner Erziehung aufwandte, und das, was durch meinen Fleiß in dir geboren auch von Montaigne sagen) : „Durch sein ganzes Werk hört man keinen Vogel
wurde, beanspruche ich für mich. Welch unermeßliches Glück wäre es gewesen, wenn singen und keinen Wind rauschen 1 ."
nicht ein schlechter Geist den König veranlaßt hätte, die Grenzen seines Reiches zu ver-
lassen und auf fremden Feldern mit wildem Kriegsvolk die Geschicke des Mars auf sich 1
Erasmus, S. 140.
zu nehmen? H&tte er doch das, was er so wunderbar begonnen, auch vollendet! Das un-
vergängliche und schönste Ruhmesfeld für Könige liegt n u r innerhalb der Grenzen ihrer
Reiche. Im Bienenvolk können alle hierhin und dorthin fliegen. Nur die Königin, die
keinen Stachel h a t , besitzt im Verhältnis zu ihrem Körper viel zu kleine Flügel, so daß
sie nioht zum Fluge t a u g t . Die Alten stellten die Venus dar, wie sie m i t einem F u ß auf
einer Schildkröte stand. Damit wollten sie andeuten, daß die Mutter der Familie nie das
H a u s verlassen soll, da ja ihr ganzer Pflichtenkreis von den häuslichen Wänden umschlossen
werde. Noch viel zweckmäßiger wäre es, den König durch dieses Symbol zu mahnen.
Denn wenn er einen Fehler begeht, dann schadet er nicht einer Familie, sondern dem
ganzen Erdkreis. Gibt es denn zu Hause so wenig Aufgaben, daß draußen solche gesucht
werden müssen? So groß ist überall die schmutzige F l u t der Verbrechen; überall gibt es
eoviel Frevel, R a u b , Unterdrückung, Unrecht, Schimpf, korrupte Behörden, Gesetze, die
entweder von Tyrannen erlassen oder zu Tyrannendienst verdreht sind — um von jenen
weniger wichtigen Dingen gar nicht zu sprechen, von den vernachlässigten Straßen der
S t ä d t e , den verfallenden Kirchen und nicht regulierten Flußläufen. Hier gebiete Einhalt,
denn dies Heilmittel kostet nicht das Blut deiner Bürger; die Gemeinschaft fühlt dieses
Geschenk und keine Lasten. Ist dies nicht die erhabene Pflicht des Fürsten und unsterb-
lichen Ruhmes würdig ? Wenn du überhaupt den Kreis deines R u h m s über deine Landes-
grenzen hinaus erweitern willst, dann handle so, daß deine Nachbarn deine Größe durch
deine Wohltaten und nicht durch deine Übeltaten erfahren. Dörfer brennst du nieder,
zertrittst Saatfelder, zerstörst Städte, treibst Vieh weg, metzelst Menschen nieder, und
so erkläret du dich schließlich für groß. E i n schöner Kampf, wenn du ihn gegen die Böse-
wichte unternommen h ä t t e s t ! Hesiod schreibt: ein schlechter Nachbar sei ein großer
Schaden, hingegen ein guter ein riesiger Vorteil. Danach beurteilen dich deine Nachbarn.
Handle so, daß sie dich als groß ansehen, weil sie deine Güte bewundern. — Doch genügend
R a u m habe ich jetzt meinem Schmerz und genug dem Gedächtnis meines Schülers ge-
geben. Wir müssen zur Betrachtung der Sprichwörter zurückkehren.

Dieses „Revenons à nos moutons", mit dem Erasmus seine Digression ein-
gesteht, besehließt den Aufsatz. Wenn wir einen Montaigneschen Essay neben
dieses Adagium stellen, dann ist es im wesentlichen die Sprache, die den Unter-
schied ausmacht. Man muß erst von dem kraftvollen Stil, dem „parier simple
et naïf, succulent et nerveux" des Gascogners absehen, — oder aber sich
Erasmus' Worte von Montaigne wiedergegeben denken, dann wird man dieses
Der Montaignesehe Essay 91
schreibt er nach 1580 ( Ι , χ χ ν ι , 223), „in der die heutige J u g e n d ihre Kleider
t r ä g t : den Mantel quer, den U m h a n g über eine Schulter, den Strumpf schlecht
hochgezogen, — all das zeigt einen Stolz, der den ausländischen P u t z verachtet
u n d allem Gekünstelten gleichgültig gegenübersteht". Diese fierté desdeigneuse
spricht aus ihm, wenn er sich am liebsten nur jener Wörter bedienen möchte,
Der Montaignesche Essay die m a n in den Markthallen von Paris gebraucht ! Hier liegt im wesentlichen
die Originalität jener ersten Abschnitte, in dem parler succulent et nerveux eines
„Les abeilles pillotent deçà delà les fleurs, mais elles en font
souveränen Geistes, der sich zwar alter Formen bedient, der aber in den wenigen
après le miel, qui est tout leur; ce n'est plus thin ny mariolaine:
ainsi les pieces empruntées â"autruy, il les transformera et con- Worten, die sein geistiges Eigentum sind, eine starke Individualität verrät u n d
fondera, pour en faire un ouvrage tout sien: à sçavoir son juge- selbständiges Schaffen a n k ü n d e t . Aber noch ist der Prozentsatz des Fremden
ment." {MONTAIGNE, Essais Ι,χχνι, 196.) in seinem Werk zu groß. Sentenzen u n d Exempla, d. h. die Ergebnisse seiner
Literarische Gebilde, die in ihrer F o r m u n d in dem Geist, aus dem sie geboren Lektüre, geben das Material a b , das er verarbeitet, das er in der Art eines „Auf-
wurden, m i t dem Werk Montaignes Ähnlichkeit haben, h a t es schon vor satzes" nach der in Schulen seiner Zeit üblichen Methode um ein „ T h e m a "
Montaigne gegeben. Aber alle sind n u r Vorformen, u n d nirgends k o n n t e ein gruppiert. Oft sind nur Einleitung, verbindende W o r t e u n d eine „Conclusion"
Werk gefunden werden, das mehr als n u r Vorläufer wäre, das in seiner ganzen alles, was er selbst hinzufügt. „Que sont ce ici aussi", so charakterisiert er
Erscheinung mit Montaignes Essays auf gleiche Stufe gestellt werden könnte, seine Arbeit vor 1576, „. . . que Grotesques et corps monstrueux, rappiecez de
genau so, wie auch wohl k a u m ein Buch der folgenden J a h r h u n d e r t e in F o r m divers membres . . ." (Ι, χ χ ν ι ι ι , 238). Wäre er auf der Stufe dieser unpersön-
u n d Absicht dem Montaignes entspräche. Er h a t zwar als erster den Titel lichen F o r m stehen geblieben, so wäre sein Werk wahrscheinlich in der großen
Essais gebraucht, aber alle, die nach ihm sich dieser Bezeichnung bedienten, Flut der Kompilationsliteratur untergegangen, u n d der Name Montaigne würde
schrieben keine Essays im Montaigneschen Sinne 1 . Sein Werk steht als etwas uns heute nicht mehr bedeuten als der eines Du Verdier oder Des Caurres.
Einmaliges vor uns, zu dem viele Fäden hinführen u n d von dem viele wieder Was ihn über jene Kompilatoren für immer erhob, ist jene F o r m der späteren
ausgehen, u n d solche kompositorischen Ähnlichkeiten wie in anderen litera- Kapitel, die er nach u n d nach als seine eigene u n d ihm gemäße erreichte, u n d
rischen Gattungen, wie etwa zwischen Werken der dramatischen Dichtung, mit der die Ichdarstellung engstens verknüpft ist. Anlaß u n d Ausgangspunkt
gibt es zum Werk Montaignes nicht. U n d wenn wir nach dem Wesen, nach einer der Montaigneschen Gedankengänge ist in den frühen Kapiteln meist das
Definition des Montaigneschen Essays fragen, um dieses Einmalige zu charak- Exempel (vgl. die Analyse von De la Conscience S. 8ff. ; dort, wo das Exempel
terisieren, müssen wir bekennen, daß es einen P r o t o t y p des Essays auch bei aufhört, die tragende Rolle zu spielen, wo es mehr u n d mehr zurücktritt u n d
Montaigne gar nicht gibt. Wir können nur feststellen, daß die verschiedenen schließlich nur noch dazu dient, innerhalb der assoziativen Gedankenreihen
Formen seiner Kapitel Stufen einer Entwicklung darstellen, die parallel ver- u n d Raisonnements gelegentlich Auflockerung, Illustration oder Beweis zu sein,
läuft mit der inneren Entwicklung Montaignes. Aber vielleicht läßt sich doch dort beginnt die endgültige F o r m der Montaigneschen Essays.
etwas herauskristallisieren, das allen Stufen gemeinsam ist u n d ihre F o r m er-
In dem 1588 erschienenen I I I . Buch der Essais greift Montaigne ein ähnliches
klärt, einen Begriff, der die Verschiedenheit dieser Formen geradezu als Not-
Thema wieder auf, wie er es um 1572 in De la Conscience behandelt h a t t e : Du
wendigkeit erscheinen läßt.
Repentir (III, π ) . Um die Komposition dieses Kapitels untersuchen zu können,
Die ersten Kapitel, die Montaigne schrieb, sind noch sehr den Formen der u n d um dadurch einen Begriff vom Wesen dieses späten u n d endgültigen Typus
Kompilationsliteratur verhaftet, die kurze Zeit vor ihm u n d noch zu seinen zu gewinnen, soll zunächst der Gedankengang dieses Essays in großen Zügen
Lebzeiten Erzeugnisse etwa vom Typus der Diverses Leçons hervorbrachte. paraphrasierend wiedergegeben werden:
Es ist noch wenig in diesen ersten Kapiteln zu finden, das a u s Montaignes Ausgangspunkt ist nicht wie in dem zu Anfang der Arbeit analysierten
eigener Eingebung entsprungen ist. V A L E E I U S M A X I M Ü S u n d P E R O M E X Í A Kapitel ein Exempel, sondern eine psychologische Betrachtung, die anschei-
haben im Grunde dasselbe Verfahren angewandt. Die Originalität Montaignes nend nicht direkt zum Thema Du repentir gehört ; aber sie erscheint wichtig
liegt in dem Wenigen, das in diesen frühen Kapiteln a u s seiner Feder s t a m m t , genug, um als Motto über dem gesamten Werk Montaignes stehen zu können :
begründet in seinem Stil aspre et desrleigneus, ayant ses dispositions libres et
desreglées (II, x v n , 417)! „Ich habe bewußt jene lässige Art nachgeahmt", so Es gibt Autoren, die den Menschen bilden, aber er (Montaigne) will ihn erzählend dar-
1 stellen. Doch da die ganze Welt und mit ihr das menschliche Sein in ständiger Bewegung
In Torrn und Absicht kommt ihm vielleicht manches Erzeugnis der Tagebuchliteratur, ist, kann seine Darstellung immer nur einen bestimmten Moment erfassen, so daß er nie
vor allem des 19. Jahrhunderts, am nächsten, in dem die Selbstanalyse mit dem Ver- das Wesen der Dinge selbst treffen kann, sondern immer nur einzelne Punkte des Über-
arbeiten von Lesefrüchten, äußeren Eindrücken und Erlebnissen verquickt ist, wie etwa gangs herausgreifen muß; sie ist also ein Register tie divers et muables aeeidens et d'imagina -
in Tagebüchern Hebbelscher Prägung.
S c h o n , Vorformen 7
92 Der Moiitaignesche Essay Der Montaignesche Essay 93
tione irrésolues {p. 20). Die Widerspräche, die in einer solchen Darstellung auftreten Ausfallserscheinungen beruht. Wenn das Alter die Begierden schwächt, so kann man nicht
können, sind nur scheinbar Widersprüche, denn seine Aussagen über die Dinge sind jeweils von Tugend reden. Der alternde Montaigne fügt hier nach 1588 ein: Miserable sorte de
nur Funktionen veränderlicher Faktoren. Diese Veränderlichkeit ist der Grund, weshalb er remede, devoir à la maladie sa santé (p. 36). In der Blüte seiner J a h r e habe er an seiner
für seine Untersuchungen keinen festen Ausgangspunkt finden kann, und weshalb er sich Vervollkommnung gearbeitet, und es sei schändlich, wenn er seine Altersschwäche höher
darum dem Gegenstand zuwendet, den er am besten in seinem ständigen Wandel beob- einschätzen müsse als seine gesunden, heiteren und kraftvollen J a h r e . Das Wesentliche
achten kann, dem Menschen, und zwar dem Sonderfall Michel de Montaigne. Vielleicht sei nicht le mourir heureusement, sondern le vivre heureusement. Es ist zweifellos der pathe-
ließen sich von hier aus auch allgemein gültige Ergebnisse finden, denn chaque homme tische Höhepunkt dieses Kapitels von der Reue, wenn Montaigne, vielleicht kurz vor
porte la forme entière de l'humaine condition {p. 21). seinem Tode, die Worte schreibt, die trotz ihres renaissance-heidnischcn Stolzes an das
Die einleitenden Betrachtungen sind damit zu Ende, und Montaigne wendet sich ohne paulinische bonum certamen certavi gemahnen : Si j'avois à revivre, je revivrois comme j'ay
direkte Anknüpfung dem in der Überschrift genannten Thema zu und stellt fest: Je me vescu: ny je ne pleins le passé, ny je ne crains l'advenir . . . (p. 37). Und er dankt seinem
repens rarement (p. 22), um sich dann nochmals in einem Satz auf die Gedanken der Ein- Schicksal, daß er jedes Ding zu seiner Zeit gekannt h a b e : das Grün und die Blüten, die
leitung zurückzuwenden und damit den Hauptteil wenigstens lose mit ihnen zu ver- F r u c h t , und jetzt die Dürre: heureusement, puisque c'est naturellement.
knüpfen ; . . . que je -parle enquerant et ignoranta, me rapportant de la resolution, purement Eine moralische Besserung ist nur möglich, wenn das Gewissen besser wird durch
et simplement, aux créances communes et legitimes. Je n'enseigne poind, je raconte. Stärkung des Verstandes und nicht durch einen Kräfteverfall. Die „sagesse" des Alters
Nach einer moralpsychologischen Klärung der Begriffe vice-ignorance und repentance· ist oft nichts anderes als Appetitlosigkeit, und wir geben im Alter weniger unsere Fehler
raison ergibt sich die Frage nach dem Maßstab für Laster bzw. Tugend und damit für die auf, wir wechseln vielmehr, und zwar zum Schlimmeren: Stolz, Schwatzhaftigkeit, Launen,
innere Ruhe und Heiterkeit der Seele. Dieser Maßstab ist nicht gegeben in der öffentlichen Aberglaube, Geiz, Neid, Ungerechtigkeit und Boshaftigkeit, das sind die Kennzeichen
Meinung eines verderbten Jahrhunderts, ja nicht einmal im Urteil wohlmeinender edler des Alters, das unseren Geist noch mehr durch Runzeln zeichnet als unser Gesicht.
Freunde, sondern nous.. . devons avoir estably un patron au dedans, auquel toucher nos Altern sei eine Krankheit, sagt er abschließend, gegen die man sich wappnen müsse,
actions . . . J'ay mes loix et ma court pour juger de moy . . . (p. 25). Dieser inneren Recht- um wenigstens ihren Fortschritt zu verlangsamen. ,Doch wie sehr ich mich auch ver-
sprechung entziehen sich vielleicht die Gewohnheitslaster, denn da die Reue nichts anderes schanze, ich fühle, daß sie langsam mehr und mehr Macht über mich gewinnt. Ich leiste
ist als eine desditte de nostre volonté, muß bei ihnen der Wille auf seiten der Laster stehen. Widerstand, so gut ich kann, aber ich weiß nicht, wohin sie mich schließlich führen wird.
Diese sind um so schwerer zu erkennen, je mehr sie sieh vom öffentlichen Leben in die Jedenfalls bin ich zufrieden, wenn man weiß, woher ich kam.'
Bezirke des Privaten zurückgezogen haben, da man von der brave apparence auf die con-
stitution interne schließt (p. 28), und da die Menschen sich im öffentlichen Leben meist Dies ist i m wesentlichen der I n h a l t d e s K a p i t e l s ü b e r die R e u e . I n d e n Ge-
mehr von ihrer guten Seite zeigen als daheim in der Familie, wo sie sich gehen lassen: d a n k e n g a n g sind Beispiele eingefügt : Beispiele a u s der A n t i k e , die a u s seiner
Peu d'hommes ont esté admirez par leurs domestiques (p. 26). Aber gerade deshalb ist das
Plutarchlektüre s t a m m e n ; z. T. sind sie zur Beweisführung nur angedeutet
private Leben für das Studium dieser Bezirke so ergiebig, weil die Seele dort keine Maske
trägt : Il les faut doncq juger par leur estât rassis, quand elles sont chez elles ...; ou au moins (S. 21 : Demades) oder sind zur Illustration als kleine Geschichten eingefügt
quand elles sont plus voisines du repos et de leur naifve assiette . . . (p. 28). Die natürlichen (S. 2 6 : Bias, J u l i u s Drusus, Agesilaus; S. 3 5 : P h o e i o n ) ; Beispiele a u s seiner
Neigungen können nicht ausgetilgt werden, man kann sie nur zudecken und verbergen, eigenen Erfahrung, die bezeichnenderweise einen verhältnismäßig breiten
und die Sittenlehrer können nur die vices de l'apparence, aber nicht die vices de l'essence R a u m einnehmen (S. 26: En mon climat de Gascogne . . .; S. 2 9 : Le langage
reformieren, was ja obendrein auch billiger ist und größeren R u h m einträgt. Dafür aber
gibt es in jedem Menschen une forme maistresse, qui luicte contre l'institution et contre la latin m'est comme naturel. . . u n d vor allem die Geschichte von dem Dieb
tempeste des passions (p. 29), ein ruhendes ewiges Prinzip, das Maßstab und inneres Forum (S. 30f.). Auch andere Lesefrüchte, die als F o r t s e t z u n g des eigenen Gedanken-
für alle Neigungen und Handlungen des Menschen ist. Selbst hartgesottene Gewohnheits- ganges b r a u c h b a r sind, werden benutzt. Manchmal sind sie als fremdes Ge-
sünder zahlen diesem Forum ihren Tribut, indem sie durch gelegentliches Wiedergut- dankengut ohne weiteres gar nicht erkennbar {Le vice laisse . . . a u s Plutarch :
machen sich von seinem Urteilsspruch freizukaufen beabsichtigen. Mit diesem zwar ge-
ringen Aufflackern immerhin echter Reue hat natürlich eine termingebundene (von oben De la tranquillité de l'âme). Aber alles F r e m d e ist gegenüber der frühen F o r m
vorgeschriebene) Reue nichts zu t u n , da sie durch keine Kompensation das Laster aufhebt. der K a p i t e l in d e n H i n t e r g r u n d getreten, u n d wo es b e n u t z t wird, ist es ein-
gefügt, ohne daß die F u g e n u n d Risse im Gebäude des Kapitels störend in
Von dieser allgemeinen Erörterung leitet Montaigne mit seinem beliebten Quant à moy
(32) zum 3. Teil über, in dem er seine eigene Veranlagung zur Reue analysiert und sein Erscheinung t r e t e n . Er zählt sich nicht mehr u n t e r die gens foibles de reins, —
Verhalten und Handeln vor sein inneres Forum bringt. ,Ich bin so, wie ich bin; ich kann so h a t t e er 1572 geschrieben, um den reichen Gebrauch von Exempeln ent-
mich zwar besser wünschen, kann mein Handeln mit den Taten edlerer Menschen ver- schuldigend zu begründen {I, xrv, 69) — er fügt jetzt fremde Sätze, wenn sie
gleichen, doch h a t dies alles nichts mit Reue zu t u n ; es ist höchstens ein Gefühl des Be- seine Ideen g u t wiedergeben, ein u n d verschweigt mit Vorbedacht die N a m e n
dauerns. Auch wenn ich an fehlgeschlagene Unternehmungen zurückdenke, kann ich
der zitierten Autoren 1 . Je n'ayme point de tissure où les liaisons et les coutures
keine Reue empfinden. Meine Entschlüsse waren damals die gleichen, die ich heute unter
den genau gleichen Umständen wieder fassen würde, und wenn ich Freunden einen R a t •paroissent, so sagt er 1579/80 (Ι, χ χ ν τ , 223), u n d diesen Stil h a t er in der späten
erteilte, der sich später als falsch erwies, so war ja dieser R a t ebenfalls zeitgebunden und Stufe seiner Essays auch erreicht.
von den Umständen abhängig. Bei Fehlschlägen gebe ich mir allein die Schuld, handle
nach eigenem Ermessen und möchte im übrigen meine Ruhe haben' (letzter Gedanke Deutlich lassen sich im Kapitel über die R e u e drei Gedankenkreise unter-
Zufügung nach 1588). scheiden :
Die Veränderungen der Natur, die das Alter mit sich bringt, haben eine Art Reue im 1
. . . j'ai à esciant ommis par fois d'en marquer l'autheur . . . (II, χ, 101, 1579 und nach
Gefolge, die gar nichts mit dem Gewissen zu t u n hat, sondern auf körperlichen und geistigen 1588).
7*
94 Der Montaignesche Essay
Der Montaignesche Essay 95
1. Zu Anfang versucht Montaigne, die in den Essais verfolgte Methode zu
Der Gedanke von der ewigen Wandelbarkeit aller Dinge hat Montaigne im
erklären und zu begründen: Die Welt, d. h. die Außenwelt, die Erkenntnis-
Laufe seiner Untersuchungen oft und in zunehmendem Maße beschäftigt. So
objekte, sind in immerwährendem Wechsel begriffen, und auch das Ich, das
hat er vermutlich das Kapitel „Par divers moyens on arrive à pareille fin" an
erkennende Subjekt, ändert sich ununterbrochen, so daß keine allgemeingül-
die Spitze seiner Bücher gestellt (obgleich es wohl kaum als erstes nieder-
tigen Aussagen gemacht werden können. Als einzige Möglichkeit bleibt die
geschrieben wurde) wegen des dort geäußerten Gedankens von der Unbestän-
Beobachtung des eigenen Ichs, der Funktionen der eigenen facultés naturelles,
digkeit und Wankelmütigkeit des Menschen1 : Certes c'est un subject merveilleuse-
die fortlaufend in den Essais zu Protokoll genommen werden.
ment vain, divers, et ondoyant, que l'homme. Il est malaisé d'y fonder jugement
2. Es folgt eine theoretische Untersuchung über die Begriffe Laster, Tugend, constant et uniforme (I, i, 6). Hier, in der Einleitung zu Kapitel III, ii, äußert
Reue, Gewissen. Als wichtigstes Ergebnis wird festgestellt, daß es im Menschen er sich am ausführlichsten über die Dinge der Außenwelt in ihrem Sein als
einen ruhenden Pol gibt, etwas Unveränderliches, un patron, . . . une forme Erkenntnisobjekte: Die Welt ist in ewiger Bewegung, in der die Dinge nicht
sienne, . . . une forme maistresse, die unabhängig ist vom äußeren Wandel der nur durch die Schwingungen des Universums, sondern außerdem noch durch
Dinge. Eigenschwingungen hin- und hergeworfen werden; selbst die Ruhe ist nichts
anderes als eine langsame, mattere Bewegung (un branle plus languissant). Ein
3. Im letzten Teil unterwirft Montaigne sein eigenes Handeln dem Richt-
Objekt, das ich untersuchen will, kann ich nicht fixieren, sondern ich kann es
spruch seines inneren Forums. Es ist ein Rechenschaftsbericht über sein Leben,
nur erfassen, wie es gerade in diesem Augenblick ist, und was ich von ihm aus-
ein Rückblick von der Warte des Alters aus (und er stellt fest, daß er den
sagen kann, ist nicht sein Wesen, sondern immer nur ein Punkt des Übergangs
gegebenen Umständen entsprechend richtig handelte, daß es für ihn nichts zu
von einem Zustand zum nächsten.
bereuen gibt).
Und zu diesen für eine Untersuchung ungünstigen objektiven Bedingungen
Die k o m p o s i t o r i s c h e V e r k n ü p f u n g dieser drei Gedankenkreise ist nun- muß noch der Zustand des betrachtenden Subjekts, des Ichs, in Betracht
mehr leicht zu erkennen : gezogen werden, denn auch der Mensch ändert sich oder sieht das Objekt vom
1 mit 2: Dem ewigen Wandel der Außenwelt (1) steht gegenüber der ruhende, veränderten Standpunkt aus in anderer Perspektive.
beständige Teil im eigenen Ich (2). Diese Unsicherheit der Erkenntnis ist von Montaigne oft mit ähnlichen
2 mit 3 : Mit dem inneren Forum (2) wird das eigene Leben konfrontiert Worten an anderen Stellen seiner Essais ausgesprochen worden, indem er die
und damit ein Rechenschaftsbericht (3) gegeben. Unsicherheitsfaktoren des Objekts, des Subjekts oder beider betont:
1 mit 3: Die Darlegung der in den Essais verfolgten Methode (1) und der II n'est rien si soupple et erratique que nostre e n t e n d e m e n t . . . et il est double et
Rechenschaftsbericht über sein Leben gehören zusammen : Einheit divers, et les matières doubles et diverses ( I I I , χ ι , 320).
von Ich und Werk („les essais de ma vie"). Ma raison a des impulsions et agitations journallieres et casuelles ( I I I , viii, 191).
. . . je me remue et trouble moy mesme par l'instabilité de ma posture; et qui y regarde
So sehe ich die „Komposition" dieses Kapitels. Es soll dadurch, daß mit Du primement, ne se trouve guère deux fois en mesme estât (II, i, 6).
Repentir zur Analyse einer der Essays der Spätstufe ausgewählt wurde, nicht La raison a t a n t de formes, que nous ne sçavons pas à laquelle noue p r e n d r e . . . il
behauptet werden, es lasse sich jedes Kapitel dieser Epoche ähnlich aufgliedern n'est aucune qualité si universelle en cette image des choses que la diversité et variété
und dabei eine ähnliche „Komposition" aufweisen. Oft genug beschränkt sich (III,xiii,360).
die ganze „Komposition" auf das assoziative Auftreten eines neuen Gedankens,
der ausgeführt wird und eine neue Assoziation gebiert. In solchen Fällen wäre In Gedankengang und Vokabular hat die folgende Stelle aus Kap. II, xii,
es jedoch ungerecht, von einer Unordnung oder einem Mangel an ausgegliche- 366 eine auffallende Ähnlichkeit mit dem hier untersuchten Text:
ner Komposition zu sprechen, denn der Titel eines Kapitels (denn nur im Hin- Finalement, il n ' y a aucune constante existence, ny de nostre estre, ny de celuy des
blick auf die Überschrift stellen wir ja diese „Unordnung" fest) ist oft nach objects. Et nous, et nostre jugement, et toutes les choses mortelles, vont coulant et roulant
Montaignes eigener Absicht mehr oder weniger zufällig: Les noms de mes sans cesse. Ainsin il ne se peut establir rien de certain de l'un à l'autre, et le jugeant et
le jugé estans en continuelle mutation et branle.
chapitres n'en embrassent pas toujours la matière; souvent ils la dénotent seule-
ment par quelque marque . . . (II, ix, 270). Alle Aussagen, die wir machen können, haben also nur einen relativen Wert :
Der Begriff einer „Ordnung" oder „Komposition" würde dem Wesen der sie gelten nur für einen bestimmten Augenblick unter bestimmten Bedingungen.
Essais auch widersprechen. Um zu versuchen, dieses Wesen der Essais zu er- So sind auch gelegentliche Widersprüche nur scheinbar : Si je parle diversement
läutern, muß nochmals auf den Anfang des Kapitels „Du repentir" zurück- de moy, c'est que je me regarde diversement (II, ι, 6).
gegriffen werden. 1
Vgl. die Chronologie der Essais im IV. Band der großen Ausgabe.
96 Der Montaignesche Essay Der Montaignesche Essay 97
Das Ergebnis dieser Erkenntnis von der Relativität des Subjekts wie des will ja nicht nur Des coches schreiben, sondern auch das registrieren, wohin ihn
Objekts (Gedankengänge, die uns sehr modern anmuten) ist zunächst das Ein- seine Gedanken geführt haben; auch das gehört zum estre universel des Michel
geständnis des Nicht-Wissens : Il n'y a que les fols certains-et résolus (I, xxvi, de Montaigne. A mesme que mes resveries se présentent, je les entasse . . . Je
196), aber eines Nicht-Wissens, in dem der Beginn eines neuen Wissens liegt: veux qu'on voye mon pas naturel et ordinaire, ainsin détraqué qu'il est (II, x, 102).
Qui veut guérir de l'ignorance, il faut la confesser. . . ignorance pour laquelle Die innere Einheit eines solchen Kapitels ist eine rein subjektive, sie liegt im
concevoir il n'y a pas moins de science que pour concevoir la science {III, xi, 314). Menschen Montaigne.
Es gilt also, die Fehlerquelle möglichst gering zu halten, ein Objekt zu stu- Auch die späteren Hinzufügungen, die oft den ursprünglichen Gedanken-
dieren, bei dem ich den Vorteil habe, die genauesten und gültigsten Aussagen gang unterbrechen, gewinnen ihre Rechtfertigung, ihre Notwendigkeit aus dem
zu machen, das eigene Ich : Jamais homme ne traicta subject qu'il eniendist ne Entschluß, gewissenhaft das Tagebuch der Gedanken weiterzuführen.
cogneust mieux que je fay celui que j'ay entrepris . . . Und die Essays der ersten Stufe? Sie erhalten unter diesem Gesichtspunkt
Um dieses Werk zu schaffen: Je n'ay besoin d'y apporter que la fidélité. betrachtet vielleicht den Aspekt der ersten tastenden Versuche, oder, mit an-
So "wird also die Form seines Buches zwangsläufig durch diese Überlegungen deren Worten ausgedrückt, sie sind gleichsam die Materialsammlung für die
bestimmt. Denn das, was man überhaupt aussagen kann, c'est un contrerolle später auszuführende Arbeit.
de divers et muables accidens, es sind nur „Versuchsprotokolle", laufend fort- Die Essais sind somit die literarische Form, die allein für Montaignes Absicht
geführte Aufzeichnungen, wie er, wie sein Geist, seine Urteilskraft auf die gerechter Ausdruck sein kann. Diese Form entspricht dem Wahlspruch, den er
Dinge reagieren, und si mon ame pouvoit prendre pied, je ne m'essaierois pas, 1576 auf ein Medaillon schlagen ließ, dem „Que sais-je ?", das weniger Ausdruck
je me reaoudrois, d. h., könnte ich für meine Untersuchungen von einer festen eines Skeptizismus, als vielmehr die Ausgangsfragestellung jedes experimen-
und gesicherten Basis ausgehen, dann brauchte ich keine „Versuchsprotokolle" tellen Forschens sein muß, und sie entspricht dem „j'examine", das er um die
zu schreiben, sondern könnte fertige wissenschaftliche Abhandlungen vorlegen1. gleiche Zeit auf einen Deckenbalken seines Arbeitszimmers schreiben ließ. Das
Ziel der Erkenntnis, für ihn das einzig mögliche Ziel, ist also das eigene Ich : eben erwähnte Medaillon trug als Wappen eine Waage, deren Schalen auf
gleicher Höhe standen — Symbol für das Abwägen von Für und Wider, wie
Je m'eetudie plus qu'autre subject. C'est ma metaphisique, c'est ma phisique (III, x n i ,
371). er es in den „essais de jugement" übte; dieses Bild der Waage erinnert uns an
Je ne vise icy qu'à découvrir moy mesmes, qui seray par adventure autre demain, si den Ausgangspunkt dieser Untersuchungen, an die wortgeschichtliche Betrach-
nouveau apprentissage me change (I, x x v i , 191). tung: habetis aginam, exagium facile . . .
Es ist ein Vorhaben, das dauern wird, solange er lebt : Die Essais sind also wirkliche Versuche, oder Versuchsprotokolle, Versuche
nicht im Sinn eines bescheidenen oder bescheiden sein wollenden Literaten,
Et quand seray-je à bout de représenter une continuelle agitation et mutation de mes sondern eines ernsten experimentellen Forschers.
p e n s é e s . . . ? ( I l l , i s , 204).

Die Arbeitsmethode ist das beständige Aufzeichnen, das Führen des con-
trerolle, das registre der Funktionen seiner facultés naturelles, seines jugement :
Il y a plusieurs années que je n'ay que moy pour visée à mes pensées, que je ne con-
trerolle et estudie que moy, et si j'estudie autre chose, c'est pour soudain le coucher
sur moy, ou en moy, pour mieux dire (II, v i , 59).
Le jugement est un util à tous subjects, et se mesle par tout. A cette cause, aux essais
que j'en fay ici, j ' y employe toute sorte d'occasion (I, L, 386).
Quant aux facultez naturelles . . . dequoy c'est icy l'essay — (I, x x v i , 188).
. . . n ' e s t qu'un r e g i s t r e d e s e s s a i s (Versuchsprotokolle) d e m a vie . . . ( Π Ι , χ η χ , 379).
C'est icy purement l'essay de mes facultez naturelles ( I I , x, 100).

Der Gedanke des „contrerolle", des „registre des essais" löst auch die Frage
nach der „Unordnung" und den Abschweifungen in den Essais. Denn das
Protokoll seiner gedanklichen Untersuchungen notiert auch gewissenhaft alle
Assoziationen, alle Fäden, die von einem Thema zum andern führen; denn er
Vgl. III, i x , 267 : et faict des essais qui ne sauroit faire des effaicts.
Nachwort Verzeichnis der benutzten Werke
Diese Arbeit ist im wesentlichen vor dem Kriege entstanden und 1940 von der 1. T e x t e
Philosophischen Fakultät der Universität Köln als Dissertation angenommen AMANTIÜS, BARTHOLOMAETJS : Flores celebriarum sententiarum graecarum ao latinarum . ..
worden. Die Anregung zu der Bearbeitung des Themas und wertvolle Hinweise Dilingae 1556.
im einzelnen verdanke ich Herrn Professor SCHALK. Zum Zwecke einer früheren AMYOT, J A C Q U E S , S. PLUTARCH.
Drucklegung, die durch die Ungunst der Verhältnisse verhindert wurde, habe A R R I A N , s. u n t e r E P I K T E T .
AUGUSTINUS, A U R E L I U S : Soliloquia animae. I n : Op. omn., Migne, Χ Χ Χ Π — X L V I I .
ich das Manuskript in den Jahren 1946—47 umgearbeitet. Das Material mußte Paris 1845—£9.
damals neu beschafft werden, da alle meine Auszüge und Notizen im Krieg BODINUS, J O A N N E S : Methodus ad facilem historiarum eognitionem; ab ipso recognita, et
vernichtet worden waren. multo q u a m a n t e a locupletior. Parieiis 1576.
Inzwischen erschien die umfassende Darstellung Montaignes von HTJGO BOUCHET, GUILLAUME S I E U R D E BEONCOUET : Les Serées. Divisées en trois livres, Lyon
1614.
FRIEDRICH (Montaigne, Bern 1949). Dieses Buch enthält ein wichtiges Kapitel
CARDANUS, H I E R O N Y M U S M E D I O L A N E N S I S : Be propria vita liber . . . Amstelaedami 1654.
über die Form der Essais, in dem der Verfasser auch auf die literarischen Vor- CAURRES, J E A N DES : Oeuvres morales, et diversifiées en histoires, pleines de beaux exem-
formen eingeht. Auf die ausführlichere wortgeschichtliche Betrachtung bei ples, enrichies d'enseignemens vertueux, et embellies de plusieurs sentences et dis-
FRIEDRICH möchte ich besonders aufmerksam machen. cours . . . Paris 1575.
CICERO, MARCUS T U L L Ï U S : De oratore libri tres (Opera oratoria, vol. I I ) . Leipzig 1912.
ERICH AUERBACH hat einen Teil des Kapitels „Du repentir" (Essais I I , n),
— Tusculanae disputationes. Leipzig 1918.
das ich S. 91 ff. analysiere, in seinem Buch Mimesis (Bern 1946) interpretiert. — De re publica librorum sex quae mansuerunt. Leipzig 1915.
Wenn auch AT/ERBACH der Intention seines Buches entsprechend ein anderes — De legibus. I n : Scripta quae mansuerunt omnia recognovit Reinholdus Klotz. Lipsiae
Ziel verfolgt, so soll doch an dieser Stelle auf seine ergebnisreiche Interpretation 1855.
hingewiesen werden. — Epistularum ad Qu. fratrem libri tres recognovit H. Sjörgren (Scripta vol. X I ) . Leipzig
1914.
Ich hielt es für richtig, die vorliegende Arbeit in der Fassung von 1946—47 — Cato maior — De senectute. E r k l ä r t von Julius Sommerbrodt. Berlin 1877.
zu veröffentlichen und die Publikationen, die nach dem Kriege auf dem Gebiet CORROZET, G I L L E S : Hécatomgraphie (1550). Préface et Notes critiques de Ch. Oulmont.
der klassischen Philologie und der Romanistik erschienen sind, nicht mehr zu Paris 1905.
berücksichtigen. Ich glaube nicht, daß auf Grund dieser Neuerscheinungen we- D I N O T H , RICHARD : De rebus et factis memorabilibus loci communes historiei. Basileae 1580.
sentliche Punkte der vorgelegten Ergebnisse zu korrigieren wären. — Sententiae Historicorum. Basileae 1580.
D O L E T , E T I E N N E : Phrases et formulae linguae latinae elegantioree Stephano Doleto autore.
Zum Schluß möchte ich Herrn Professor SCHRAMM meinen besonderen Dank Argentorati 1576.
dafür aussprechen, daß er mit dieser Arbeit die Reihe „Mainzer Romanistische DOMENICHT, LODOVECO : Facétie, motti, e burle di diversi signori e persone private. "Vinetia
Arbeiten" eröffnet. 1565.
Du V E R D I E R , A N T O I N E : Les Diverses Leçons suivans celles de Pierre Messie, Contenans
plusieurs histoires, discours, et faicts memorables . . . 5 e éd. Tournon 1604.
( E P I K T E T ) : A m a n s Unterredungen Epiktets mit seinen Schülern. Übersetzt u n d mit
historisch-philosophischen A n m e r k u n g e n . . . begleitet von J. M. Schultz. 2 Bde.
Altona 1801,1803.
( E P I K T E T ) : Unterredungen mit Epiktet. Ausgewählt u n d ins Deutsche übertragen von
Joseph Grabisch. J e n a u n d Leipzig 1905.
( E P I K T E T ) : Handbüchlein der M o r a l . . . Ausgewählte Fragmente verlorener Diatriben.
Eingeleitet und hrsg. von Wilhelm Capelle. J e n a 1906.
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recognitione. Argentorati 1509.
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100 Verzeichnis der benutzten Werke Verzeichnis der benutzten Werke 101
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Namenregister 105
Overbeck 22 Schalk 98 Tertulüan 14, 29, 36, 41ff.
Ovid68 Schenk 31, Thalee 60
Schenkl 27, 28 Thomas v. Aquin 83
Paulus 36 Thomas, J. 11
Schüler 18
Pauly (-Wissowa) 30
Namenregister Peter, H. 34, 35, 45, 46, 51 Schramm 98 Valerius Maximue 65, 66ff.,
Petit, J. 70 Schultz, J. M. 38 78,90
Accords, Tabourot des 73 Dinoth 71 Huizinga 23, 35, 51, 72, 80, Seneca 20, 26, 30, 35ff., 44, Varro 32, 42, 45, 46, 81
Petrarca 2, 23f., 52f„ 89
Döderer 4 83, 84 46ff„ 52, 67, 81 Velleius Paterculus 67
Aleuin 22 Pfandl'öÖ, 77
Allen 53, 54, 55, 85 Dolet 82 Hyginus 65, 66, 67 Sidonius 36 Verrepaeus 73
Plato 3, 10,12,15f., 1 7 , 1 8 ,
Amantius 81 Domenichi 72 Sokrates 28, 38 Verrius Flaccus 65, 67
Jaeger 16 23, 28, 29, 36
Domitius Marsus 66, 67 Solon 60 Villey 1 , 2 , 5 , 2 1 , 2 6 , 4 1 , 5 7 ,
Amyot 38f., 59f. Plinius 26, 46, 50f., 65, 67
Du Gange 4 Sommerbrodt 18
Apuleius 67 Kaegi, W. 23 Plutarch 3, 38ff-, 46, 59ff. 59,78
Du Verdier 75, 78 Speroni degli Alvarotti 79
Aristoteles 65 Kaiser, B. 4 Porteau 14, 66, 72, 73, 80 Villon 67
Stammler (Merker-St.) 3
Arrian 38 Karl d. Gr. 22 Virgil 81
Quintilian 51, 67 Statius 31
Auerbach 98 Ennius 19 Karl V. 55, 56 Voltaire 6
Quoniam 85 Stern 53
Augustinus 23, 27, 59 Epiktet 30, 37, 38 Kießling 29 Vossler 1
Rabelais 72 Stobaeus 82
Augustus 66 Erasmus 14, 2 1 , 22, 24f., Kleiniae 29 Stössl 3
Rhodiginus 75 Warteneleben 63
43, 5 1 , 52, 53f., 72, 82, Klotz 67 Stroweki 5 Welter 69
Bacon 4 Kornhardt 64 Richelet 6
83 ff. Suetou 31, 60 Wendland 30
Baumgartner 36 Kroll, W. 28, 35, 46, 51 Ritschi 46
Euripides 36 Wilamowitz-Moellendorff29
Beck, F. A. 32 Rossi 53
E y b , Albertus de 52, 81 Wissowa (Pauly-W.) 30
Bergen, Antonius von 85 La Boétie 58 Rüegg 52, 53 Tacitus 20, 79
La Croix du Maine 6 Sabinus, Masurius 67 Tahureau 26 Wittkower 11, 60
Beyer 3 Zeno von Verona 4
Friedrich, H. 98 Lactantius 67 Sallust 79 Teles 29, 30
Bickel 15, 34, 35, 36, 37, 45,
Froben 24, 89 La Primaudaye 26, 31
46, 47, 48, 51, 68, 75, 79,
Proissart 22, 79 Larousse 7
81 Frontin 67
Bion 30 Lebègue 34
Fronto 51 Leo, F . 60
Birt30 Furetière 6
Bodin 79 f. Livius 52, 66, 79, 80
Boissier 42, 43 Lucüius 46, 47, 48, 50
Boiste 6 Geffcken 30, 4 1 , 42, 43 Ludwig v. Orléans 70
Borinski72 Gellius 5, 33, 74f. Lukian 10, 20f., 23
Bosch, C. 65, 66, 67 Gemoll 29, 63, 64 Lycosthenes 71
Bouaystuau 75, 78 Gleichen-Biusswurm 3, 4
Bultmann 29, 30, 38 Godefroy 5 Macrobius 67
Burdach 21 Goethe 6 Maecenas 66
Grabisch 37 Mark Aurel 27, 55, 61
Grimm, J. 18 Martin v. Bracara 81
Cardano 62 Melissus 66
Castiglione 23 Grimm, W. 18
Gruterus 81 Mendheim 18
Cato 18 f. Merker (-Stammler) 3
Caurres, J. dea 76, 78, 91 Gudemann 20
Guevara 54, 55ff., 75 Meurier 22
a c e r o 17ff., 35, 37, 42, 46, Mexia 25f., 75ff., 90
Guterry 55
66, 69 Montaigne passim
Clément 57 Musonius 30, 37
Collofino 7 Haibauer 27, 28 Muthé
Commynes 79 Hebbel 90
Curtius 35, 42 Heep 25 Nachod 53
Heinze 31, 32 Naselli 7
D'Alembert 6, 15, 32 Hesiod 10, 12 Nepos 65, 66
Dante 83 Hieronymus 36 Norden 2, 28, 29, 30, 35, 38,
Descartes 4, 14 Hirzel 10, 12,15,16, 18, 20, 4 1 , 45, 48, 69
Despériers 21 23, 27, 28, 29, 32, 34, 38,
Dickius 73 44,45 Oehler 41
Diderot 6 Horaz 30 ff. Oltramare 27, 33, 34, 36, 49