Sie sind auf Seite 1von 7

Codex monasterii Sancti Willibrordi Epternacensis

Anmerkungen zum neuen Katalog der Echternacher Handschriften


bis zum Jahr 1628 in den Beständen der Luxemburger Bibliothekeni.

Als Professor Michele C. Ferrari (Erlangen) 1994 seine Monographie über


das Echternacher Skriptorium, Sancti Willibrordi venerantes memoriam,
veröffentlichteii, bemängelte er das Fehlen eines Kataloges der Echternacher
Handschriften: “Ich möchte ausdrücklich betonen, dass meine Arbeit weder eine
Geschichte der Echternacher Schrift sein will noch jenen Katalog der
Echternacher Handschriften ersetzen kann, den die Lücken und Fragen, auf
die ich im Laufe der Arbeit hinweise, notwendiger denn je erscheinen
lasseniii.”
Der soeben erschienene Katalog der
Echternacher Handschriften bis zum Jahr
1628 in den Beständen der Bibliothèque
nationale sowie der Archives diocésaines, der
Archives nationales, der Section historique de
l'Institut grand-ducal und des Grand
Séminaire wird dieses Desiderat, wenigstens
für die Luxemburger Sammlungen, erfüllen.
Die Publikation erfolgt im Rahmen eines
wissenschaftlichen Großprojektes, initiiert im
Jahre 2001 von Professor Luc Deitz, Leiter
der Handschriftenabteilung (Réserve

1
Codex monasterii Sancti Willibrordi Epternacensis

précieuse) der Bibliothèque nationale in Luxembourg und außerplanmäßiger


Professor für Latein des Mittelalters und der Renaissance am Institut für
Klassische Philologie der Universität Trier, das als Ziel hat, eine vollständige
Beschreibung aller mittelalterlichen Handschriften und Handschriftenfragmente
des Großherzogtums Luxembourg vorzulegen. In der Deutschen Bank
Luxembourg fand Professor Deitz einen verständnisvollen Mäzen, der nicht nur
das Projekt durch seine Stiftung zur Förderung der deutsch-luxemburgischen
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wissenschaften finanziell unterstützte,
sondern auch einen großzügigen Druckkostenzuschuss für den ersten Band
bereitstellteiv.
Die Reihe soll 3 Bände umfassen: Band 2 wird die Hss. des
Zisterzienserklosters Orval behandeln, Band 3 die Hss. kleinerer und
unbestimmter Provenienzen. Bislang nicht vorgesehen, aber dennoch sehr
wünschenswert wäre ein 4. Band, enthaltend die Beschreibung der Luxemburger
Mss. im Ausland. Der jetzt vorliegende Eröffnungsband, in zwei Teile gegliedert –
1. Einleitung … 2. Katalog der Hss. -, ist den Hss. der berühmten
Benediktinerabtei Echternach gewidmet, die unter anderem in der Bibliothèque
nationale aufbewahrt werden. Er wurde von Dr. Thomas Falmagne im
Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
in Frankfurt am Mainv verfasst und ist 2009 bei dem renommierten Verlagshaus
Harrassowitz (Wiesbaden) erschienen. In dem sehr sorgfältig gedruckten Katalog
beschreibt Dr. Falmagne gemäß den international gültigen Richtlinien der
Handschriftenkatalogisierung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 5.,
erweiterte Auflage (Bonn-Bad Godesberg) 1992vi, 89 vollständige Hss., 18
Beiwerke zu gedruckten Werken und 154 Fragmente, die 103 kodikologischen
Einheiten entsprechen (Falmagne 2009: I 164-169). Das Äußere der Hss. -
Format, Schriftart, Buchkunst, Einband … -, ihre Geschichte und ihr Inhalt
wurden hier mit großer Akribie untersucht und beschrieben.
Der zeitliche Rahmen des Corpus erstreckt sich vom 7. Jh. bis zum Jahre
1628 (Falmagne 2009: I 169-170), der geografische ist nicht minder
ausgedehnt: Vieles kommt erwartungsgemäß aus Echternach (Schriftheimat),

2
Codex monasterii Sancti Willibrordi Epternacensis

einiges aber auch aus Deutschland, den Spanischen Niederlanden und aus
Frankreich (Bibliotheksheimat; Falmagne 2009: I 170-171); thematisch
dominieren natürlich religiöse Texte: Die Liturgie ist mit 35 Hss./ Beiwerken und
56 Fragmenten vertreten, 6 Hss. und 5 Fragmente enthalten biblische Texte, die
Gebiete Theologie und Hagiographie zählen 31 Hss./ Beiwerke und 16
Fragmente. (Falmagne 2009: I 172-173).

Der neue Katalog der Echternacher Handschriften in den Beständen


Luxemburger Bibliotheken stellt ohne Zweifel eine bemerkenswerte
wissenschaftliche Leistung dar, die gleich mehrere Domänen der Forschung
bereichert:
1. Die größten Fortschritte sind natürlich auf den Gebieten der
Handschriftenkunde und der Paläographie, insbesondere der der
Luxemburgensia, zu verzeichnen: Eine Reihe von Hss., wie die des Grand
Séminaire de Luxembourg, wurden hier zum ersten Mal kodikologisch und
paläographisch erfasst und beschrieben (Falmagne 2009: I 85), zahlreiche
Fragmente wurden wiedergefunden oder sogar neu entdeckt und konnten so,
ebenfalls zum ersten Mal, katalogisiert und beschrieben werden (Falmagne 2009:
I 82-83)vii.
Durch die ausführlichen Beschreibungen und Analysen
von wichtigen Fragmenten und Handschriften - ich
denke hier z.B. an das Ms 89 der Hisperica Faminaviii
(Falmagne 2009: II 620-640) oder an das Ms 264, eine
Biblia latina (Riesenbibel), in Echternach im 11. Jh zum
Teil vom Frater Ruotpertus geschrieben (Falmagne 2009:
II 326-375) - werden diese Kulturgüter der
internationalen historischen und philologischen
Forschung erst zugänglich gemacht. Besonders bei
letzterer Hs. wurden neue Wege geebnet, die sicher zu
interessanten Forschungsresultaten führen werdenix.
Abbildung 1: BnL. Ms 264,
Bl.231ra Schließlich ist diese Publikation ein erster, wichtiger

3
Codex monasterii Sancti Willibrordi Epternacensis

Schritt zur Erstellung eines Gesamtkatalogs der über ganz Europa verstreuten
Hss. des Klosters Echternachx Sehr interessant sind in diesem Zusammenhang
Anhang 5 und 4, Konkordanzen zwischen den Signaturen und
Ordnungsnummern aus dem 16. (1506-1508), bzw. 18 Jh. (1756 Katalog A;
1798/1799 Katalog C) und den modernen Signaturen: Da hier, zum ersten Mal,
alle Echternacher Handschriften berücksichtigt werden, auch die in
ausländischen Bibliotheken, kann der Leser förmlich durch die Bücherregale, die
loculumenta, des monasterium Sancti Willibrordi stöbernxi.
2. Auch die Bibliothekswissenschaften werden von jetzt an auf diesen Katalog
zurückgreifen können. Der Handschriftenbestand der Bibliothèque nationale
wurde zuletzt vollständig von Gymnasialprofessor N. van Werveke in seinem
Catalogue descriptif des manuscrits de la bibliothèque de Luxembourg,
Luxembourg 1894xii, aufgearbeitet; 1968 erschien der Katalog von Frau
Weicherding-Goergen zu den Manuscrits à peintures der Nationalbibliothekxiii; im
Jahre 1989 schließlich veröffentlichte Gymnasialprofessor J. Christophory,
damals Direktor der Nationalbibliothek, einen Bildband mit 150 kostbaren
Handschriften der Bibliothèque nationalexiv. Da der neue Katalog von Dr.
Falmagne einen wichtigen Bestandteil des Handschriftenfundus der Bibliothèque
nationale ausführlich verzeichnet, bildet er auch die Grundlage zu einem
modernen wissenschaftlichen Handschriftenkatalog der BNL, der den veralteten
Katalog von van Werveke ersetzen sollte. Dass ein solcher Katalog notwendig ist,
erhellt nicht zuletzt aus der Tatsache, dass die heutige Sammlung ca. 860
Positionen enthält entgegen 262 bei van Werveke!
3. Für die kulturgeschichtlichen Bereiche, wie die Geschichte oder die
Philologien, eröffnen sich ebenfalls neue Perspektiven. Der aufmerksame Leser
merkt sofort, dass sowohl der Katalog als auch die gehaltvolle Einleitung in nuce
eine Geschichte der Bibliothek und des Skriptoriums der Abtei Echternach
enthalten. Unter den vielen Wegen, die hier aufgezeigt werden, seien nur einige
kurz hervorgehoben. So zeigen Einleitung und Katalog ganz deutlich, dass die
Bibliothek in ihren Anfängen eine Missionsbibliothek war (Falmagne 2009: I 188-
194), die ab dem X. Jh. ebenfalls zur Schulbibliothek wurde (Falmagne 2009: I

4
Codex monasterii Sancti Willibrordi Epternacensis

194-202)xv. Überaus interessant ist die räumlich-kulturelle Ausrichtung der


Bibliothek. Geografisch gesehen ist Echternach nach Osten hin ausgerichtet, und
die Verbindungen mit dem deutschen Raum, mit Trier im Besonderen, sind
immer eng gewesen. Zwischen dem 13. und dem 15. Jh. jedoch wenden sich die
Mönche verstärkt dem Westen zu und erwerben französische Handschriften
(Falmagne 2009: I 210-211, 216). Im 16. Jh. wiederum dominiert der Einfluss der
Spanischen Niederlande: Johann Bertels (1544-1607), der berühmteste
Echternacher Abt, kam aus den Spanischen Niederlanden nach Luxembourg und
hatte in Löwen studiert (Falmagne 2009: I 220-225). Am Anfang des 17. Jh. wird
der romanische Einfluss mit Abt Pierre Richardot (1607-1628), aus dem heutigen
Nordfrankreich stammend, wieder stärker (Falmagne 2009: I 225-226).
Echternach ist so eine genuin luxemburgische Abtei, die kulturell zwischen der
Germania und der Romania gewachsen ist.

Einiges bleibt natürlich noch zu tun. Die beiden anderen geplanten Kataloge
müssen fertiggestellt werden und eine Informatisierung des Gesamtwerkes sollte
auf jeden Fall ins Auge gefasst werden. Aber schon mit dem ersten Katalog zu
den Handschriften der Abtei Echternach haben Dr. Falmagne, als kompetenter
Bearbeiter, und Professor Deitz, als weitblickender Initiator, nicht nur einen
gewichtigen Beitrag zur luxemburgischen und europäischen Kulturgeschichte
geliefert, sondern auch unschätzbare Grundlagenforschung geleistet, die den
historischen und philologischen Wissenschaften neue und ungeahnte
Perspektiven eröffnet: “Im Gegensatz zu Ms 9 ist die sogenannte ‘Riesenbibel’ (Ms
264) noch verhältnismäßig wenig erforscht. Sie bietet alles, was das Herz eines
Handschriftenbearbeiters höher schlagen lässt: 200 Rankeninitialen; eine Alkuin-
Bibel mit einigen seltenen Besonderheiten; den ersten vollständigen Zeugen von
IV Esdras; die unbekannten Kapitelverzeichnisse; schließlich ein bis auf das Jahr
1100 vervollständigtes Lektionar. …” (Falmagne 2009: I 204-205).
Joseph Reisdoerfer

Falmagne, Thomas. 2009. Die Echternacher Handschriften bis zum Jahr 1628 in den Beständen
der Bibliothèque nationale de Luxembourg sowie der Archives diocésaines de Luxembourg, der

5
Codex monasterii Sancti Willibrordi Epternacensis

Archives nationales, der Section historique de l'Institut grand-ducal und des Grand Séminaire de
Luxembourg. Beschrieben von Thomas Falmagne unter Mitwirkung von Luc Deitz. 1. Teil:
Quellen- und Literaturverzeichnis, Einleitung, Abbildungen. 2. Teil: Beschreibungen und Register.
Wiesbaden: Harrassowitzxvi. Vorstellung beim Harrassowitz Verlag : http://www.harrassowitz-
verlag.de/title_3723.ahtml

6
i Abbildung BnL. Ms 105, Bl. 220r. - Besitzvermerk des 16. Jh. (Falmagne 2009: I Abb. 149).
ii Michele C. Ferrari 1994. Sancti Willibrordi venerantes memoriam. Echternacher Schreiber und
Schriftsteller von den Angelsachsen bis Johann Bertels. CLUDEM 6. Luxembourg.
iii (Ferrari 1994: 8); wir haben hervorgehoben; cf. ibid. 19.
iv Fondation pour le développement de la coopération Allemagne-Luxembourg dans le domaine
des sciences.
v Zum Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in
Frankfurt am Main, cf. http://www.ub.uni-frankfurt.de/hsn/hsnzentr.html.
vi Die Richtlinien kann man auf der Site Manuscripta Mediaevalia einsehen:
http://www.manuscripta-mediaevalia.de/hs/katalogseiten/HSKRICH_a01_jpg.htm.
vii Cf. ebenfalls (Falmagne 2009: I 82): “… (es) sei an dieser Stelle hervorgehoben, daß während
der vorbereitenden Arbeiten für diesen Katalog zwei bisher völlig unbekannte Sammlungen von
44 und 12 Fragmenten zutage gefördert wurden, die die Signaturen Ms 840 und Ms 841
erhalten haben … .” Zu den Mss. 840 und 841, cf. (Falmagne 2009: II).
viii Zu dieser Hs. cf. (Ferrari 1994: 13). Die Hisperica Famina sind eine Art Schulbuch, “in dem
von mannigfachen Gegenständen gehandelt wird: über die Schule, über den Verlauf eines
Tages, über das Meer … . Diese Aufsätze, …, bestehen aus lauter kurzen Sätzen in Reimprosa;
… Die Sprache dieser Gebilde, …, ist ein wunderliches Gemisch aus Latein, …, sowie
griechischen und hebräischen Brocken, die mit lateinischen Endungen versehen sind.”
Brunhölzl, Franz 1975. Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters I. 2. Auflage 1996,
München, 163.
ix Zum Ms 264, cf. (Falmagne 2009: I 204-205; II 326-375) und (Ferrari 1994: 40, 42-43); zu der
Wichtigkeit des Ms 264 für die Germanistik (Gothaer Fiebersegen), cf. (Falmagne 2009: II 360)
und Marburger Repertorium: http://www.mr1314.de/1995; zu einer anderen, wenig
beachteten Hs., das Ms 104, ein Epistolarium aus Echternach 9./10. Jh., cf. (Falmagne 2009:
I 190, II 236-239) und (Ferrari 1994: 22).
x Zu dieser Problematik, cf. (Ferrari 1994: 19) und hier besonders Anmerkung 76.
xi (Falmagne 2009: I 257-269; 270-286).
xii Der Catalogue ist online konsultierbar:
http://www.luxemburgensia.bnl.lu/cgi/luxonline1_2.pl?action=pv&sid=bnl_manu&vol=01
xiiiWeicherding-Goergen, Blanche 1968. Les manuscrits à peintures de la Bibliothèque nationale de
Luxembourg. PSH 83, Luxembourg.
xiv Christophory Jul 1989. 150 manuscrits précieux du 9e au 16e siècle conservés à la Bibliothèque
nationale de Luxembourg. Luxembourg.
xv Zur Echternacher Klosterschule, cf. die Freiburger Dissertation von Jean Schroeder 1977.
Bibliothek und Schule der Abtei Echternach um die Jahrtausendwende. PSH 91, 201-378,
Michele C. Ferrari 1999. “Schulfragmente. Texte und Glosse im mittelalterlichen Echternach.”
Die Abtei Echternach 698-1998. Herausgegeben von Michele Camillo Ferrari, Jean Schroeder
und Henri Traufler in Zusammenarbeit mit Jean Krier. CLUDEM 15, Luxembourg, 123-164
und (Ferrari 1994: 24-29).
xvi http://www.worldcat.org/oclc/492094353