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320 zur politischen Bildung / izpb

4/2013

Informationen 320 zur politischen Bildung / izpb 4/2013 Politisches System der USA

Politisches System der USA

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Politisches System der USA

Inhalt

Die USA – eine europäische Idee mit welthistorischer Bedeutung

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Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber:

checks and balances

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Horizontale Gewaltenteilung

8

Vertikale Gewaltenteilung: Föderalismus

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Temporale Kontrolle: Macht auf Zeit durch Wahlen

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Mittler zwischen Zivilgesellschaft und Politik:

Themennetzwerker

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Schwache Parteien

44

Starke Interessengruppen

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Think Tanks als Ideen- und Personalagenturen

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Medien als vierte Gewalt?

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Aktuelle Probleme: Politikblockade

54

Der Schuldenberg

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Blockierte Wirtschaftspolitik

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Freie Hand für freien Handel?

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Volle Kraft zurück: Energie- und Umweltpolitik

58

Abwälzen außenpolitischer Lasten

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Literaturhinweise und Internetadressen

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Schlagwörterverzeichnis

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Der Autor

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Impressum

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Schlagwörterverzeichnis 66 Der Autor 67 Impressum 67 Informationen zur politischen Bildung Nr. 320/2013
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Editorial

„E in Land im Würgegriff“, „Unvereinigte Staaten“, „Eines langen Tages Reise in die Unregierbar -

Staaten“, „Eines langen Tages Reise in die Unregierbar - keit“ – so lauteten Schlagzeilen der deutschen

keit“ – so lauteten Schlagzeilen der deutschen Pres - se im Oktober 2013. Anlass für diese Zuschreibungen waren die haushaltspolitischen Auseinanderset - zungen zwischen der Republikanischen Mehrheit im Kongress und dem Demokratischen Präsidenten Obama. Es drohte – wieder einmal – die Zahlungs - unfähigkeit der USA, 16 Tage lang waren Bundesbehörden geschlossen und wurden Regierungsangestellte in Zwangsurlaub geschickt. Erst Ende Dezember konnten sich Demokraten und Republikaner mühsam auf einen Minimalkompromiss einigen. Aufmerksame Beobachter sprechen von einer Tendenz zur Polarisierung der US- Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahren verschärft hat – und das sowohl auf politischem, sozialem, wirtschaftlichem wie auf kulturellem Gebiet. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass eine Schließung von Bundesbehörden erfolgt ist oder dass um die Schuldengrenze gestritten wird, aber die Bereitschaft, tragfähige Kompro - misse herbeizuführen, scheint in den vergangenen Jahren zunehmend verloren ge - gangen zu sein. Was spricht für die Richtigkeit dieser Beobachtungen, und welche Entwicklungen liegen der konstatierten Polarisierung zugrunde? Wie ist das politische System der USA angelegt, das aufgrund seiner Prinzipien und seiner elastischen Konstruktion zum Vorbild für viele Demokratien weltweit wurde, und wie kann es unter den ak - tuellen Voraussetzungen seine Funktionsfähigkeit bewahren? Der Autor dieses Heftes, der Politikwissenschaftler Josef Braml, erklärt die Grund - prinzipien, nach denen das politische System der USA aufgebaut ist, stellt seine wichtigsten zentralen Akteure vor, beschreibt ihr Zusammenwirken auf den ver - schiedenen Politikfeldern und erläutert die Spielregeln und den Rahmen, in dem die politischen Auseinandersetzungen stattfinden. Dabei geht er auch auf die his - torischen Hintergründe und die Ideengeschichte ein, weil ohne sie die politischen Strukturen der USA, ihre aktuellen Probleme und die künftige Entwicklung nicht zu verstehen sind.

Jutta Klaeren

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Politisches System der USA

Josef Braml

Josef Braml

Die USA – eine europä - ische Idee mit welthisto - rischer Bedeutung

Die Verfassung von 1787 ist bis heute Grundlage politischen Handelns in den USA. Sie genießt nicht nur bei der eigenen Bevölkerung Anerkennung, auch international haben ihre Prinzipien und ihr freiheitliches Gesellschaftsmodell Vorbildcharakter. Seit 2001 ist es schwieriger geworden, diesen hohen Anspruch zu erfüllen.

D ie Architekten der US-amerikanischen Verfassung, die sogenannten Gründerväter, darunter Benjamin Franklin,

Alexander Hamilton, Thomas Jefferson und George Washing - ton, genießen bis heute in den USA für ihr Werk große Wert - schätzung. Dass die älteste bis heute gültige republikanische Staatsverfassung auch im 21. Jahrhundert mehr oder weniger unverändert besteht, liegt an ihrer elastischen Konstruktion. Die miteinander verbundenen Prinzipien der Volkssouveräni - tät, der individuellen Menschenrechte und der Repräsentation gewährleisten immer noch die Statik des Verfassungsgerüsts von 1787. Die antike Vorstellung vom Volk als Quelle von Regierungs - macht wurde mit dem neuzeitlichen Konzept individueller Menschenrechte verschränkt: In einer liberalen Demokratie stößt der Mehrheitswille des Volkes dort an Grenzen, wo er die Rechte von Minderheiten beschneidet – eine „Tyrannei der Mehrheit“ soll verhindert werden. Das Misstrauen gegenüber der breiten Masse wird in einem weiteren Konstruktionsele - ment deutlich, der repräsentativen Demokratie: Insbesondere auf der Ebene des Bundesstaates sollte nicht das Volk selbst im Sinne einer direkten Demokratie entscheiden, sondern seine Repräsentanten. Dahinter steht die Erwartung, dass vom Volk gewählte Vertreterinnen und Vertreter in ihrem Handeln we - niger durch Leidenschaften und Affekte geleitet sind, sondern eher rationale und weitsichtige Entscheidungen treffen als eine direkte Volksregierung.

Die „Erfindung“ der amerikanischen Nation, so der US- amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson in seinem 1988 auf Deutsch erschienenen gleichnamigen Buch, gründet denn auch wesentlich auf der Emanzipation vom

Agostini Pict./gak Lib.De
Agostini Pict./gak
Lib.De

Am 17. September 1787 unterzeichnen die Abgesandten der Einzelstaaten in Philadelphia unter Vorsitz des späteren Präsidenten George Washing - ton die Verfassungsurkunde für ihr neues Staatswesen. (Bildausschnitt)

„Alten Kontinent“ Europa mit seinen Staatskirchen und Herr - schern von Gottes Gnaden. Gleichzeitig waren die Siedler in der „Neuen Welt“ von Beginn an von dem Bewusstsein erfüllt, eine von Gott auserwählte Nation zu sein: „God’s own coun - try“. Diese Abkehr vom Staatskirchentum, verbunden mit dem Bewusstsein des Auserwähltseins, kommt auch im ersten Ver - fassungszusatz zum Ausdruck: Die Einrichtung einer staats - tragenden Amtskirche wird untersagt und Religions- und Meinungsfreiheit gewährleistet. Diese verfassungsrechtlich gewährte Freiheit schafft bis heute Raum für Pluralismus und ein ständiges Ringen um die legitime Position von Religion im Spannungsfeld zwischen privater und öffentlich-politischer Sphäre. So steht etwa das Schulgebet bis heute im Zentrum politischer Auseinandersetzungen, insbesondere seit das Oberste Gericht, der Supreme Court, 1985 im Fall Wallace v. (v. = versus, lat. für gegen) Jaffree entschied, dass in staatlichen Schulen sogar eine Minute der Stille zum freiwilligen Beten oder Meditieren gegen die „establishment clause“ verstoße, die vor der Etablierung einer Staatsreligion schützen soll. Geprägt von den Erfahrungen absolutistischer Herrschaft, insbesondere von den Praktiken der damaligen Kolonial - macht Großbritannien, und inspiriert durch aufklärerische Ideen der Philosophen John Locke und Montesquieu, wollten die Exilanten fernab ihrer Heimat eine „Neue Welt“ schaffen. In ihr sollte Herrschaft nicht wie auf dem „Alten Kontinent“ von oben, von Gottes Gnaden, legitimiert sein, sondern jegli - che Macht von unten, vom Volke, auf Zeit verliehen werden. Der Einzelne – wobei damals indes nur an den wohlhabenden Mann mit weißer Hautfarbe gedacht war – galt als Quelle der Volkssouveränität. Darüber hinaus sollte im Sinne einer

Die USA – eine europäische Idee mit welthistorischer Bedeutung

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CainWilliam Thom Im/as agesGetty
CainWilliam
Thom
Im/as
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Pledge of Allegiance:

I pledge allegiance to the flag of the United States of America and to the republic for which it stands, one nation under God, indivis - ible, with liberty and justice for all.

Treueschwur:

Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.

http://usa.usembassy.de/regierung-treueschwur.htm

Ausdruck der Verehrung gegenüber der Republik und der Fahne, die sie symbolisiert, ist der Fahneneid, den hier 2004 eine Schulklasse in Pennsylvania leistet. Die Formulierung „under God“ verweist auf das nationale Selbstverständnis, ist in einem Land mit Religionsfreiheit aber auch immer wieder umstritten.

liberalen Verfassung durch Prinzipien der Gewaltenkontrolle Missbrauch verhindert werden, um individuelle Grundrechte vor staatlicher Willkür zu schützen. Die wichtigsten, im Weiteren als individuelle oder per - sönliche Freiheitsrechte bezeichneten civil liberties werden durch die ersten zehn Verfassungszusätze (amendments) garantiert. Diese auch unter dem Begriff der Bill of Rights zusammengefassten Grundsätze wurden am 15. Dezember 1791 als Ganzes in die US-Verfassung aufgenommen. Nach dem Bürgerkrieg (1861-1865) kamen weitere Verfassungs - zusätze dazu, wobei der 14. besonders bedeutsam für den Schutz der individuellen Freiheitsrechte jeder Person – un - geachtet der Staatsbürgerschaft – ist. Allerdings hat die ver - fassungsrechtliche Auslegung des Supreme Court gezeigt, dass einige der individuellen Freiheitsrechte ausschließlich US-Amerikanerinnen und -Amerikanern vorbehalten sind. Die Verfassungsväter haben der Gewaltenkontrolle beson - dere Aufmerksamkeit gewidmet, denn das Grundprinzip der konkurrierenden, sich gegenseitig kontrollierenden Staatsge - walten (checks and balances) hat eine grundlegende Bedeu - tung für die Sicherung individueller Freiheitsrechte. Neben der horizontalen Gewaltenteilung in die gesetzgebende (Le - gislative), die ausführende (Exekutive) und die richterliche Gewalt (Judikative) wurde in der amerikanischen Verfassung auch eine vertikale Gewaltenkontrolle angelegt: Die Befugnis - se zwischen den Einzelstaaten und dem Bundesstaat wurden aufgeteilt. Mit horizontaler und vertikaler Gewaltenteilung sollte verhindert werden, dass die Rechte und Freiheiten des Einzelnen und jene der Einzelstaaten über Gebühr einge - schränkt werden.

Gleichwohl wurden die Rechte der Einzelstaaten, die states‘ rights, mit Billigung des Supreme Court auch dazu missbraucht, um bis ins 20. Jahrhundert in den Südstaaten der USA die Ras - sendiskriminierung aufrechtzuerhalten. Erst in den 1950er - und 1960er-Jahren gelang es der Bürgerrechtsbewegung, dem civil rights movement, die Rassentrennung und -diskriminie - rung mehr oder weniger zu überwinden. So erklärte der Su - preme Court 1954 im Fall Brown v. Board of Education die Ras - sentrennung an staatlich finanzierten Schulen für unzulässig. Der Voting Rights Act von 1965 ermöglichte schließlich auch der afroamerikanischen Bevölkerung verbesserte Rechte zur politischen Teilhabe. Rassendiskriminierung ist jedoch bis heute ein politisch brisantes Thema geblieben. Ungeachtet solcher Unzulänglichkeiten sollte schon nach dem Ansinnen der frühen Siedler der Neuen Welt das „ame - rikanische Experiment“ die Welt verbessern. Das Leitbild US-amerikanischer Außenpolitik bewegte sich im Laufe ih - rer Geschichte kontinuierlich zwischen Absonderung von der Welt und missionarischem Drang zur Weltverbesserung. Der selbstverstandene Ausnahmecharakter der USA, der sogenannte Exzeptionalismus, manifestierte sich dement - sprechend in unterschiedlicher Weise: zum einen, indem die „beinahe auserwählte“ Nation („almost chosen“, so Abraham Lincoln), die „city upon a hill“ (so der puritanische Pionier John Winthrop 1630 in Anspielung auf das biblische Jerusa - lem, das einen engen Bund mit Gott hatte) selbstgenügsam der Welt als leuchtendes Vorbild diente, oder zum anderen, indem sie die Welt aktiv verändern wollte, sei es mit diplo - matischen oder militärischen Mitteln, sei es durch Vorgehen im Alleingang oder mit Unterstützung anderer Staaten.

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Politisches System der USA

„All men are created equal“ – ein Verfassungsgebot und seine Auslegung

Am 17. Mai 1954 entschied das Oberste Gericht im Fall Brown v. Board of Edu - cation, dass nach Hautfarbe getrennte Schulen „von Natur aus ungleich“ sind und dem Gleichheitsgrundsatz des 14. Zusatzartikels der Verfassung wider - sprechen. Mit diesem wegweisenden Urteil revidierten die Obersten Richter auch die bislang vorherrschende Rechtsauslegung gemäß der „separate but equal“-Doktrin. Sie war 1896 im Fall Plessy v. Ferguson etabliert worden, um Rassentrennung zu rechtfertigen, solange es „getrennte, aber gleichwer - tige“ Einrichtungen für afroamerikani - sche und weiße Schüler gab. Landesweit, vor allem in den Südstaaten, waren jedoch bis in die Mitte des 20. Jahrhun - derts die nach Hautfarbe getrennten Schulen alles andere als gleichwertig eingerichtet. Die ursprüngliche Klägerin, Esther Brown, kritisierte die schlimmen Zustände, mit denen afroamerikani - sche Kinder in ihrer Heimatstadt South Park im Bundesstaat Kansas alltäglich zu kämpfen hatten. Ihre auf die Städte Wichita und Topeka ausgeweitete Klage wurde unterstützt von der bereits 1909 gegründeten National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Mit der erfolgreichen Sam - melklage, der sich weitere Familien an - schlossen (unter anderem Oliver Brown, nach dem der Fall benannt wurde), konnte schließlich die Rassentrennung

an US-amerikanischen Schulen aufge - hoben werden. Am 2. Juli 1964 unterzeichnete Präsi - dent Lyndon B. Johnson in Anwesen - heit des Bürgerrechtlers Martin Luther King den Civil Rights Act, mit dem die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung bei Wahlen und in öffent - lichen Einrichtungen wie Restaurants, Hotels oder Bussen abgeschafft werden sollte. Bereits sein Vorgänger John F. Kennedy hatte auf die immer heftiger werdenden öffentlichen Proteste der Afroamerikaner reagiert. In seiner Ansprache vom 11. Juni 1963 hatte er seine Landsleute und die Gesetzgeber aufgefordert, der Diskriminierung ein Ende zu bereiten. Es war dann aber die Regierungsmannschaft seines Nach - folgers Johnson, der es gelang, das heftig umstrittene Gesetz durch den Kongress zu manövrieren. Gleich in seiner ersten Ansprache an die versammelten Abge - ordneten und Senatoren am 27. November 1963 äußerte Präsident Johnson, dass kein noch so eloquenter Nachruf den we - nige Tage zuvor, am 22. November 1963, ermordeten Präsidenten gleichermaßen ehren könne wie die schnellstmögliche Verabschiedung des Bürgerrechtsgeset - zes, für das Kennedy so lange gekämpft habe. Mit dem Civil Rights Act konnte zwar die Zweiklassengesellschaft in öf - fentlichen Räumen mehr oder weniger beseitigt werden, aber nicht die Diskrimi -

nierung der Afroamerikaner bei den Wahlen. Mit dem von Präsident Johnson am 6. August 1965 unterzeichneten Voting Rights Act sollte einmal mehr sichergestellt werden, dass der afro - amerikanischen Minderheit gleiche Vo - raussetzungen gegeben werden, um sich an den Wahlen zu beteiligen. Dazu wurden diskriminierende Praktiken wie Analphabetismus-Tests als Voraus - setzung zur Wählerregistrierung verboten und die verantwortlichen Ein - zelstaaten unter Aufsicht des Bundes - justizministeriums gestellt. Am 25. Juni 2013 urteilte das Oberste Gericht im Fall Shelby County v. Holder mit einer denkbar knappen Mehrheit von fünf gegen vier Stimmen, dass im „Lichte gegenwärtiger Bedingungen“, insbesondere aufgrund der verbesserten politischen Beteiligung von Minder - heiten, eine elementare Bestimmung (Sektion 4) des Voting Rights Act überholt und damit verfassungswidrig sei. Bisher unterstanden die bei Wahlen mit Diskriminierungspraktiken his - torisch vorbelasteten Südstaaten der Bundesaufsicht. Die Gesetzgeber sind nun aufgefordert, neue, an die heutige Zeit angepasste Kriterien zu finden, die weiterhin eine bundesstaatliche Auf - sicht der von den Einzelstaaten organisierten Wahlen rechtfertigen würden.

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Der Civil Rights Act von 1964 ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung der afroame - rikanischen Bevölkerung. Nach der Unterzeichnung wendet sich Präsident Johnson (sitzend) dem hinter ihm stehenden Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King zu.

Die USA – eine europäische Idee mit welthistorischer Bedeutung

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toonsCareBaask/hrModarBurkh
toonsCareBaask/hrModarBurkh

Nach den für die USA traumatischen islamistischen Terror - anschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Cen - ter in New York und das Pentagon bei Washington haben die Bemühungen von US-Präsident George W. Bush (2001-2009), mehr Sicherheit auf Kosten der Freiheit zu erlangen und die

Welt mit militärischen Mitteln zu demokratisieren, jedoch zu einem merklichen Qualitätsverlust der eigenen, US-amerika - nischen Demokratie geführt. Barack Obamas Wahl zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gab Anlass zur Hoffnung auf einen Kurswechsel. „Change we can believe in“ hatte sein Wahlkampfmotto gelautet, und in seiner Amts - antrittsrede verurteilte er die Politik seines Vorgängers: „Wir verweigern uns gegen die irreführende Wahlmöglichkeit zwischen unserer Sicherheit und unseren Idealen.“ Er be - kundete dagegen die Absicht, unter seiner Führung der von den Gründervätern verfassten Charta zur Gewährleistung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten wieder neuen Glanz zu verleihen. „Diese Ideale erleuchten immer noch die Welt, und wir geben sie nicht preis, nur weil es zweckdienlich erscheint“, so Obama in seiner Ansprache. (www.whitehouse. gov/blog/inaugural-address/) Ob es Präsident Obama gelingen wird, die inneren Kollate - ralschäden des „Globalen Krieges gegen den Terror“ (Global War on Terror) und den internationalen Ansehensverlust der einstigen liberalen Vorbilddemokratie zu reparieren, bleibt abzuwarten. Dies wäre nicht ohne Belang, denn der Quali - tätszustand der freiheitlich verfassten offenen US-Gesell - schaft beeinflusst aufgrund ihres Vorbildcharakters die welt - weite Wahrnehmung demokratischer Rechtsstaatlichkeit und internationaler Rechts- und Ordnungsvorstellungen.

Ohne Religion geht es nicht

Frau Professor Bungert, Präsident Obama wird in diesem Jahr [2013] zweimal vereidigt. Was hat es damit auf sich? Es wäre in den USA undenkbar, dass der offizielle Festakt zur Inauguration an einem Sonntag stattfindet. Damit nun das Land nicht ohne vereidigten Präsiden - ten ist, wenn der verfassungsmäßig festgesetzte Termin des Amtswechsels am 20. Januar auf einen Sonntag fällt, gibt es seit dem 20. Jahrhundert an diesem Tag eine Vereidigung im Weißen Haus im kleinen Kreis, am Montag wiederholt der Präsident seinen Schwur in aller Öf - fentlichkeit. Im 19. Jahrhundert hatte man den Amtseid auf Samstag vorverlegt – mit der seltsamen Folge, dass es einen Tag lang zwei vereidigte Präsidenten gab.

So viel Umstand mit Rücksicht auf den christlichen Ruhetag? Offiziell sind Religion und Staat in den USA strikt getrennt. Aber die puritanische Tradition ist bis heute lebendig. Der Sonntag gehört dem Gottesdienst. Festi - vitäten sind verpönt, ebenso wie Alko - holgenuss. […] Das sind natürlich Ana - chronismen, deren Logik auch nicht durchgehalten ist. Der Superbowl, eines der größten Sportereignisse in den USA, darf zum Beispiel sehr wohl sonn - tags stattfinden.

Sind die USA also doch eine Art Gottes - staat? Mit dem Begriff wäre ich vorsichtig, aber klar, es gibt eine Vermischung von Reli - gion und Politik, was in der Wissenschaft

oft „Zivilreligion“ genannt wird. Sie wird nirgends deutlicher als in der Inaugu - rationsfeier mit Gebeten zu Beginn und einem Schluss-Segen – Ritualen, die nicht zu einer säkularen staatlichen Zeremonie zu passen scheinen. Offiziell wird dann gern gesagt, es werde nicht der Gott einer

bestimmten Religion adressiert. [

]

Welchen Sinn hat die religiöse Aufla - dung der ganzen Feier? Sie drückt das Selbstverständnis der US- Amerikaner als „Gottes auserwähltes Volk“ aus. Auch das ist puritanisches Erbe und Teil der Zivilreligion. Europäern ist dieser Erwählungsgedanke oft fremd. Für US-Amerikaner hingegen verbindet sich damit die Selbstverpflichtung, sich der göttlichen Erwählung und des Erbes der Vorväter würdig zu erweisen. Jede Gene - ration von Amerikanern wird daraufhin neu geprüft. […]

Ohne Bibel geht es nicht? Fast alle Präsidenten haben auf die Bibel geschworen. George Washingtons Ver - eidigung hätte zwar beinahe ohne Bibel stattgefunden. Doch im letzten Augen - blick wurde ein Exemplar herbeigeschafft,

ausgerechnet aus einem Freimaurertem - pel. Seitdem hat nur John Quincy Adams, Präsident von 1825 bis 1829, stattdessen auf ein Gesetzesbuch geschworen. Nach Kennedys Ermordung 1963 wurde sein Vize Lyndon B. Johnson an Bord der Air Force One vereidigt. Dort fand sich zwar keine Bibel, wohl aber ein katholisches Messbuch. Das musste als Ersatz herhal - ten. Also: Bibel muss sein. Neuerdings eben sogar zwei [Am Montag, 21. Januar 2013, dem Tag der öffentlichen Vereidigung Prä - sident Obamas, wurde auch offiziell der Gedenktag für den schwarzen Bürgerrecht - ler Martin Luther King begangen. Des - halb leistete der Präsident an diesem Tag seinen Amtseid nicht nur auf die Bibel des ehemaligen Präsidenten Abraham Lincoln, sondern auch auf eine Bibel Martin Luther Kings. – Anm. d. Red.]. Bei seiner „kleinen Vereidigung“ am Sonntag wird Obama noch eine dritte benutzen, eine Bibel aus Familienbesitz.

Wie funktioniert denn der Schwur auf zwei Bibeln gleichzeitig? Indem man sie übereinanderlegt. Jedes Exemplar ist an einer bestimmten Text - stelle geöffnet. […]

Heike Bungert, geb. 1967, ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

„Religiös getränkt“. Joachim Frank im Gespräch mit der His - torikerin Heike Bungert über das Zeremoniell zur Vereidigung Barack Obamas, in: Frankfurter Rundschau vom 16. Januar

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Politisches System der USA

Josef Braml

Josef Braml

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

Legislative, Exekutive und die Bundesstaaten haben jeweils eigene Interessen und Befugnisse. Sie kontrollieren sich gegen - seitig und werden von der Wählerschaft, von Interessengrup - pen und ggf. vom Supreme Court kontrolliert. Eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung erschwert Kompromisse.

U m Machtmissbrauch zu verhindern, haben die Architekten der US-amerikanischen Verfassung mehrere Kontroll -

dimensionen verankert: Erstens verleiht der Souverän, das heißt der wahlberechtigte Bürger, die Macht an seine Reprä - sentanten nur auf Zeit (temporale Machtkontrolle), damit die - se ihm Rechenschaft schuldig bleiben. Zweitens verlangt die föderale Struktur, die Machtbefugnisse der den Bürgern näher stehenden Einzelstaaten mit jenen des Gesamtstaates in Ein - klang zu bringen (vertikale Machtkontrolle). Dies musste nicht zuletzt auf den Schlachtfeldern des Bürgerkrieges und in bis heute andauernden höchstrichterlichen Auseinandersetzun - gen ausgefochten werden. Drittens gibt es sowohl auf einzel - staatlicher Ebene als auch auf der Ebene des Gesamtstaates eine Teilung der Gewalten in Legislative, Exekutive und Judi - kative (horizontale Machtkontrolle).

Horizontale Gewaltenteilung

Der zentrale Unterschied zwischen dem US-amerikanischen (präsidentiellen) checks and balances-System und parlamen - tarischen Regierungssystemen wie dem der Bundesrepublik Deutschland liegt in der unterschiedlichen Beziehung zwischen der Legislative und der Exekutive begründet. Anders als der US- Präsident, der durch einen landesweiten Wahlakt persönlich ge - wählt wird und damit eigene Legitimation beanspruchen kann, wird die deutsche Kanzlerin mittelbar von der Mehrheit im Par - lament gewählt. Auch in der politischen Auseinandersetzung muss die Spitze der deutschen Exekutive darauf vertrauen kön - nen, dass ihre politischen Initiativen von ihrer Fraktion bzw. Ko - alition im Bundestag mitgetragen werden. Die Stabilität sowohl

wThewnaSh/pad/alliancepicture
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Strikte Trennung: Nur für besondere Anlässe, etwa für seine Rede zur Lage der Nation – hier 2012 –, darf der Präsident den Kongress betreten.

Strukturmerkmale parlamentarischer und präsidentieller Regierungssysteme

Merkmal

parlamentarisch (z.B. BRD)

präsidentiell (z.B. USA)

Legitimation

nur Parlament direkt gewählt

Präsident und Parlament mit jeweils eigener Legitimation

Organisation der Gewalten - kontrolle

Gewaltenverschränkung

Trennung von Regierung und Parlament

politische Abberufbarkeit der Regierung

ja

nein (nur verfassungsrecht - lich, impeachment)

Parlamentsauflösungsrecht

ja

nein

der Exekutive

Regierungsamt und Parla - mentsmandat

vereinbar

unvereinbar

Partei- und Fraktionsdisziplin

stark

schwach

Walter Bagehot, The English Constitution, Ithaca (1867) 1966; Ernst Fraenkel, Das amerikanische Regierungssystem, Köln/Opladen 1960; Winfried Steffani, Parlamentarische und präsidentielle Demokratie: Strukturelle Aspekte westlicher Demokratien, Opladen 1979, S. 39-104

Strukturelle Aspekte westlicher Demokratien, Opladen 1979, S. 39-104 Informationen zur politischen Bildung Nr. 320/2013

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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der Regierung/der Exekutive als auch jene der Parlamentsmehr - heit hängt von einer engen und vertrauensvollen Kommunika - tionsbeziehung zwischen beiden ab. Diese „Gewaltenverschrän - kung“ charakterisiert parlamentarische Regierungssysteme. Legislative und Exekutive sind im politischen System der USA nicht nur durch verschiedene Wahlakte stärker voneinander „getrennt“. Das System der checks and balances ist darüber hi - naus dadurch gekennzeichnet, dass die politischen Gewalten miteinander konkurrieren und sich gegenseitig kontrollieren. Der US-amerikanische Kongress übernimmt somit nicht auto - matisch die politische Agenda der Exekutive/des Präsidenten, selbst wenn im Fall des unified government das Weiße Haus (Sitz des Präsidenten) und Capitol Hill (Sitz des Kongresses) von der gleichen Partei „regiert“ werden. Noch weniger ist dies der Fall, wenn bei einem divided government Präsident und Kon - gress von unterschiedlichen Parteien „kontrolliert“ werden, was mit dem Wahlergebnis 2012 erneut eintrat. Während im US-System die Legislative als Ganzes mit der Exekutive um Machtbefugnisse konkurriert, ist „Opposition“ im parlamentarischen System auf die Minderheit im Parla - ment beschränkt, die nicht die Regierung trägt. Insbesondere für die Regierungspartei/-koalition sind Partei- bzw. Frakti - onsdisziplin grundlegend erforderlich, um die Funktionsfä - higkeit der eigenen Regierung, ja des parlamentarischen Re - gierungssystems insgesamt zu gewährleisten. Da Exekutive und Parlamentsmehrheit in einer politischen Schicksalsge - meinschaft verbunden sind, haben einzelne Abgeordnete ein

Eigeninteresse, bei wichtigen Abstimmungen nicht von der Parteilinie abzuweichen und sich der Fraktionsdisziplin zu fügen. Wahlverfahren, Parteienfinanzierung, Kandidatenre - krutierung und die hohe Arbeitsteilung im Parlament geben weitere Anreize für parteidiszipliniertes Verhalten. Dagegen ist in den USA die politische Zukunft einzelner Abgeordneter und Senatoren weitgehend unabhängig von der des Präsidenten; ihre (Wieder-)Wahlchancen hängen vor - rangig vom Rückhalt im eigenen Wahlkreis bzw. Einzelstaat ab. Aufgrund des Wahlsystems und der Politikfinanzierung sind sie als „politische Einzelunternehmer“ (political entrepre - neurs) in den USA primär selbst für ihre Wiederwahl verant - wortlich und haften gegebenenfalls auch persönlich für ihr Abstimmungsverhalten im Kongress, weil sie sich gegenüber Interessengruppen und Wählerschaft nicht hinter einer Par - teidisziplin verstecken können. Den US-Parteien fehlen in der legislativen Auseinandersetzung Ressourcen und Sanktions - mechanismen, um den Gesetzgebungsprozess im Sinne einer Parteidisziplin zu gestalten (siehe S. 44 f.).

Power of the purse: die Legislative

Die Legislative und ihre Befugnisse sind in der US-Verfassung – noch vor dem Präsidenten und dessen Aufgaben – an erster Stel - le angeführt. Artikel I, Absatz 1 bestimmt: „Die gesetzgebende Gewalt ruht im Kongress der Vereinigten Staaten, der aus einem

ruht im Kongress der Vereinigten Staaten, der aus einem © Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild

© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 854 511

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Politisches System der USA

agesImGetty/andArmDoug
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Die US-Legislative, der Kongress, residiert mit beiden Kammern im Kapi - tol. Senat und Repräsentantenhaus sind aber räumlich getrennt, und es besteht zudem ein machthemmendes Konkurrenzverhältnis.

laif/TimesorkYwNeThe/eylwCroStephen
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Am 13. Januar 2013 leisten die Mitglieder des neu formierten 113. Kongres - ses den Treueeid im Plenarsaal des Repräsentantenhauses.

wikimedia.org
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Vollversammlung des Senats, des kleinen, aber einflussreichen „Ober - hauses“

Senat und einem Abgeordnetenhaus besteht.“ Im Sinne der Ver - fassungsväter, dargelegt von James Madison in den Federalist Papers, Nr. 63, galt die Senatskammer seinerzeit schon als „ge - mäßigte und angesehene Körperschaft von Bürgern“ (temperate and respectable body of citizens), die nötig war, um die „regelwid - rigen Leidenschaften“ (irregular passions) der Abgeordneten der zweiten Kammer zu zügeln. Ihre unterschiedlichen konstitutionellen Eigenschaften be - günstigen die Konkurrenz zwischen den beiden Kammern und bedingen damit eine weitere Form der Gewaltenkontrolle. Ein langjähriger Insider bringt die Rivalität zwischen House of Repre - sentatives und Senate auf den Punkt: Für Christopher Matthews, den ehemaligen Stabschef des legendären Sprechers des Abge - ordnetenhauses, Tip O’Neill, existiert eine Art unsichtbare Trenn - wand zwischen beiden Kammern. Senatoren könnten Jahre auf dem Kapitol-Hügel zubringen, ohne je die andere Seite des Kapi - tols betreten zu haben – wenn es nicht die Reden des Präsidenten zur Lage der Nation (State of the Union) gäbe, zu der sich Senatoren und Abgeordnete im Plenum des größeren Abgeordnetenhauses versammeln. Es gäbe keinen anderen wirklich wichtigen Grund, um in Ungnade zu fallen, als als Senator hinüber zum Abgeord - netenhaus zu gehen. Andererseits würde es ein Abgeordneter aus Angst vor einer Demütigung nie wagen, die ehrwürdigen Hallen des Senats zu betreten (zitiert in: Ross Baker, House and Senate, New York / London 1995, S. 14 f.). Der Statusunterschied zwischen beiden ist enorm: Ein Senator vertritt einen ganzen Bundesstaat, sein Bekanntheitsgrad ist dem - entsprechend viel größer. Seine längere Amtszeit von sechs Jahren und Exklusivrechte in der Gesetzgebung (zum Beispiel die Blocka - demöglichkeit des filibuster (siehe S. 13), mithilfe derer er den gan - zen Gesetzgebungsprozess aufhalten kann, verleihen ihm mehr Machtpotenzial. Dagegen repräsentiert ein Abgeordneter nur eine sehr viel kleinere Teileinheit eines Bundesstaates; er muss sich alle zwei Jahre zur Wahl stellen und ist über seinen Wahlkreis hinaus nur wenigen bekannt, es sei denn, er hat eine Führungsposition inne. Mehr noch als im Abgeordnetenhaus in der Hierarchie auf - zusteigen, träumen die meisten Abgeordneten insgeheim davon, irgendwann auch einmal Senator zu werden. Hingegen gab es in der Parlamentsgeschichte der USA noch keinen Senator, der nach seinem Ausscheiden aus dem „Oberhaus“ (Senat) für das „Unter - haus“ (Repräsentanten-/Abgeordnetenhaus) kandidierte. Doch die Verfassung zwingt beide zur Zusammenarbeit. Damit eine Gesetzesvorlage (bill) dem Präsidenten zur Unterzeichnung vorgelegt werden kann, muss sie in beiden Kammern in identi - scher Form verabschiedet werden. Der dafür notwendige intensive Austausch findet häufig über den Mitarbeiterstab (congressional staff) der Senatoren und Abgeordneten statt; in vielen Fällen auch erst später, in einem ad hoc für eine bestimmte Gesetzesvorlage einberufenen Gremium: Im Vermittlungsausschuss (conference committee) verhandeln dann die von den Parteiführungen beider Kammern bestimmten Vertreterinnen und Vertreter in kleinerer Runde, um einen Kompromiss zu finden. Der Kongress ist das zentrale Verfassungsorgan bei der Gesetz - gebung – auch wenn die beiden anderen politischen Gewalten mitwirken: der Supreme Court durch die Überprüfung der Ver - fassungsmäßigkeit von Gesetzen und der Präsident durch sein Vetorecht. Der Präsident hat zwar selbst kein Initiativrecht und kann nur mittelbar über gleichgesinnte Abgeordnete und Se - natoren Gesetzesvorlagen auf den Weg bringen. Er hat jedoch das „letzte“ Wort: Damit eine Vorlage (bill) zum Gesetz (law) wird, ist diese von ihm zu unterzeichnen. Er kann auch auf den laufenden Gesetzgebungsprozess Einfluss nehmen, indem er sein suspensives (aufschiebendes) Veto ausspricht oder damit

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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Die permanenten Hauptausschüsse im Kongress, 113. Legislaturperiode 2013-2014

Ausschüsse und ihre Vorsitzenden (chairmen) spielen eine wichtige Rolle in der Gesetzgebung der USA. Aus - schüsse (committees) und deren Unter - ausschüsse (subcommittees) ent - lasten die Plenararbeit: Die meisten Gesetzesinitiativen bleiben bereits in einem der zahlreichen committees oder subcommittees hängen. Nur wenige Vorlagen schaffen es – meist nachdem sie durch Änderungsanträge (amendments) maßgeblich verändert wurden – ins Plenum der jeweiligen Kammer, das heißt auf den House Floor oder den Senate Floor zur Abstim - mung.

Senate

Agriculture, Nutrition, and Forestry (http://www.agriculture.senate.gov/) Appropriations (http://www.appropriations.senate.gov/) Armed Services (http://www.armed-services.senate.gov/) Banking, Housing, and Urban Affairs (http://www.banking.senate.gov/public/) Budget (http://www.budget.senate.gov/) Commerce, Science, and Transportation (http://commerce.senate.gov/public/) Energy and Natural Resources (http://www.energy.senate.gov/public/) Environment and Public Works (http://epw.senate.gov/public/) Finance (http://www.finance.senate.gov/) Foreign Relations (http://www.foreign.senate.gov/) Health, Education, Labor, and Pensions (http://www.help.senate.gov/) Homeland Security and Governmental Affairs (http://www.hsgac.senate.gov/) Judiciary (http://www.judiciary.senate.gov/) Rules and Administration (http://www.rules.senate.gov/public/) Small Business and Entrepreneurship (http://www.sbc.senate.gov/public/) Veterans’ Affairs (http://www.veterans.senate.gov/)

DoulieryvierOli//abacapicture-alliance
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House of Representatives

Agriculture (http://agriculture.house.gov/) Appropriations (http://appropriations.house.gov/) Armed Services (http://armedservices.house.gov/) Budget (http://budget.house.gov/) Education and the Workforce (http://edworkforce.house.gov/) Energy and Commerce (http://energycommerce.house.gov/) Ethics (http://ethics.house.gov/) Financial Services (http://financialservices.house.gov/) Foreign Affairs (http://foreignaffairs.house.gov/) Homeland Security (http://homeland.house.gov/) House Administration (http://cha.house.gov/) Judiciary (http://judiciary.house.gov/) Natural Resources (http://naturalresources.house.gov/) Oversight and Government Reform (http://oversight.house.gov/) Rules (http://www.rules.house.gov/) Science, Space, and Technology (http://science.house.gov/) Small Business (http://smallbusiness.house.gov/) Transportation and Infrastructure (http://transportation.house.gov/) Veterans’ Affairs (http://veterans.house.gov/) Ways and Means (http://waysandmeans.house.gov/)

United States Congress, Website: http://beta.congress.gov/ committees

Parlamentsausschüsse sind ein gefürchtetes Kontrollinstrument. Im September 2013 versuchen Außenminister John Kerry (Mi.), Verteidigungsminister Chuck Hagel (re.) und General Martin Dempsey den Senatsausschuss für auswärtige Beziehungen vergeblich für einen US-Militäreinsatz im Bürgerkriegsland Syrien zu gewinnen.

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Politisches System der USA

12 Politisches System der USA * OMB = Office of Management and Budget ** Gesetzesentwürfe werden

* OMB = Office of Management and Budget

** Gesetzesentwürfe werden entweder in beiden Kammern gleichzeitig eingebracht oder nach Verabschiedung im Plenum der einen Kammer in die andere verwiesen.

Christoph M. Haas, Winfried Steffani und Wolfgang Welz, Der Gesetzgebungsprozess, in: Wolf- gang Jäger, Christoph M. Haas und Wolfgang Welz (Hg.), Regierungssystem der USA, 3. Aufl., München/Wien: Oldenbourg-Verlag 2007, S. 185-204, hier S. 188

Oldenbourg-Verlag 2007, S. 185-204, hier S. 188 © Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 854 525

© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 854 525

Kongressmitarbeiter und externe Expertise

Die Arbeit der Abgeordneten und Se - natoren wäre ohne das Zutun ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (con - gressional staff) nicht denkbar. Für einen Abgeordneten arbeiten im Schnitt 15 bis 20 Mitarbeiter; manche Senatoren haben gar einen Stab von über 100 Fachkräften. Insbesondere die staffer im Senat ver - fügen über enorme informelle Machtbe - fugnisse. Sie wurden von dem Politik - wissenschaftler Michael J. Malbin 1980 deshalb auch schon als „Volksvertreter ohne Mandat“ (unelected representatives) bezeichnet. Abgeordnete und Senatoren beschäftigen Personal in ihrem Wahlkreis und in Washington. Doch selbst in ihren Parlamentsbüros sind neben der legislati - ven Arbeit viele Helferinnen und Helfer in der Wahlkreisarbeit (case work) tätig.

Case Worker: Die Bürgerinnen und Bür - ger erwarten von ihrem Senator oder Abgeordneten, dass er sich auch um ihre persönlichen Anliegen kümmert. Die für die case work eingeteilten Mitarbeiter helfen etwa bei Problemen mit Renten - bescheiden, Krankenversicherungen, Stu - dienplätzen oder Steuerangelegenheiten.

Legislative Staff: Die legislativen Mitar - beiter bereiten ihren Abgeordneten oder Senator inhaltlich auf Ausschuss - oder Plenumssitzungen vor, schreiben Reden und Pressemitteilungen, verfassen Vorlagen und Änderungsanträge im Gesetzgebungsprozess, bereiten Statements und Fragen für öffentliche Anhörungen vor. Um die Interessenlage vor wichtigen Abstimmungen einschätzen zu können, treffen sie sich mit Regierungsvertre - tern, Unternehmern, Lobbyisten und Re - präsentanten zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Professional Staff: Die Vorsitzenden der Ausschüsse und Unterausschüsse, die von der Regierungspartei bestimmt werden, sowie deren Stellvertreter (ranking mem - bers) von der Minderheitspartei verfügen darüber hinaus über erfahrene, meist ältere Fachleute, die sogenannten profes - sional staffer, die die inhaltliche Arbeit in den Ausschüssen koordinieren sowie ex - terne Sachverständige, Interessengruppen und Regierungsvertreter zu den öffentli - chen Anhörungen (hearings) einladen.

Wissenschaftliche Dienste: Um sich ge - gen die umfangreiche Expertise des Weißen Hauses und der Regierungsbü -

rokratie zu rüsten, können Senatoren, Abgeordnete und deren Mitarbeiterstab auf sehr professionelle wissenschaftli - che Hilfsdienste wie den Congressional Research Service (CRS), das Government Accountability Office (GAO), eine Art Rechnungshof des Kongresses, oder in Haushaltsfragen auf das Congressional Budget Office (CBO) zugreifen.

Externe Ideen- und Personalagenturen:

Schließlich leisten auch Expertinnen und Experten politikorientierter For - schungsinstitute, sogenannter Think Tanks, und Professoren an Universitäten Politikberatung. Insbesondere die vom amerikanischen Politikwissenschaftler Kent Weaver so genannten advokatischen Think Tanks (advocacy tanks), die Partei für bestimmte Partikularinteressen oder ein politisches Lager ergreifen, kultivieren seit den 1980er-Jahren intensive Per - sonalkontakte mit Kongressmitgliedern, pflegen gar eine Personaldatenbank und leisten tatkräftige Unterstützung bei der Rekrutierung. Viele Think Tanker haben praktische Erfahrung im Kongress gesammelt; umgekehrt arbeiten auf dem Capitol Hill zahlreiche Mitarbeite - rinnen und Mitarbeiter, die zuvor in einem Think Tank beschäftigt waren.

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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droht. Denn sein Einspruch kann nur von jeweils einer Zwei - drittelmehrheit in beiden Kammern des Kongresses überstimmt werden – was sehr selten möglich ist. Hingegen hat auch die Legislative Möglichkeiten, die ausfüh - rende Gewalt zu kontrollieren, sprich oversight auszuüben: Bei schweren Verfehlungen, sogenannten high crimes and misde - meanors, kann der Senat (nach Aufnahme eines Verfahrens durch das Abgeordnetenhaus) sogar den Präsidenten seines Amtes ent - heben (impeachment). Völkerrechtlich bindende Vertragsunter - zeichnungen des Präsidenten gelten erst, wenn sie vom Senat ratifiziert worden sind. Der Senat muss ferner präsidentiellen Personalernennungen für höhere Ämter wie Richter, Botschafter, Minister und weitere Spitzenbeamte zustimmen. Zwar kann der Präsident den Rat und die Zustimmung (advice and consent) des Senats umgehen, indem er Kandidaten außerhalb der Sitzungs - periode, das heißt über ein recess appointment, ernennt. Doch de - ren Amtszeiten enden dann mit der jeweiligen Legislaturperiode, und sie bekommen bei ihrer Amtsausübung den Unmut der Se - natoren zu spüren. Denn das wirksamste politische Kontrollmit - tel ist die Macht der Geldbörse (power of the purse), das heißt, der Kongress muss bzw. darf die Haushaltsmittel insbesondere auch jene für Exekutivorgane bewilligen. Die unterschiedlichen Wahlzyklen des Präsidenten und des Kongresses ermöglichen eine weitere Facette der Machtkon - trolle, nämlich eine „geteilte Regierung“. Mit den Wahlen 2012 wurde einmal mehr eine Regierungskonstellation des divided government etabliert, das heißt, dass die Partei, die den Amts - inhaber im Weißen Haus stellt, nicht über Mehrheiten im Kon - gress verfügt. Während der Präsident im Falle eines unified government im Sprecher des Abgeordnetenhauses (speaker of the house) einen Verbündeten hat, der ihm hilft, Mehrheiten für seine politischen Initiativen zu organisieren, ist dieser im Falle des divided govern - ment sein schärfster Widersacher. Zwar verfügt der Sprecher des Abgeordnetenhauses wegen der fehlenden Partei- und Fraktions - disziplin nicht über die enormen Sanktionsmittel, die ein Frakti - onschef in einem parlamentarischen Regierungssystem wie in Deutschland hat. Der US-Präsident kann sich mit entsprechenden Hilfen für die Wahlkreise oder Einzelstaaten der umworbenen Ab - geordneten und Senatoren sogar Kongressmitglieder der anderen Partei „kaufen“. Doch hat auch der speaker Mittel zur Verfügung, um die Mehrheit seiner Parteifreunde auf Linie zu halten: Er kann die für Interessengruppen und deren Zuwendungen besonders at - traktiven Vorsitzenden von Ausschüssen und Unterausschüssen

KasterlynCaro/PhotoAP
KasterlynCaro/PhotoAP

Der Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner (li.), ist als Vertre - ter der Republikanischen Mehrheit im Abgeordnetenhaus politischer Geg - ner des Demokratischen Präsidenten Obama.

bestimmen, über einen Verfahrensausschuss, das rules committee, regeln, ob und in welchen Ausschüssen bzw. Unterausschüssen ein Gesetz behandelt wird, und festlegen, inwieweit Änderungs - anträge (amendments) zulässig sind und welche Prozeduren zu erfolgen haben. Die Geschäftsordnung des Abgeordnetenhauses gibt dem Sprecher also wirksame Machtinstrumente an die Hand. Erheblich schwieriger ist es, den Senat zu führen. In dieser Kammer kann ein einziger Senator mit Dauerreden, einem soge - nannten filibuster, den Geschäftsbetrieb aufhalten – solange ihm nicht eine qualifizierte Dreifünftelmehrheit von 60 Senatoren den Mund verbietet. „To invoke cloture“ lautet das Manöver, um ein fi - libuster abzuwenden. Seitdem die Demokraten im November 2013 mit ihrer einfachen Mehrheit kurzerhand die Geschäftsordnung des Senats veränder - ten – sich für die von den Republikanern so genannte „nukleare Option“ entschieden –, können Blockademanöver bei Personalbe - nennungen nunmehr mit einer einfachen Mehrheit aufgehoben werden. Ausgenommen bleiben jedoch Nominierungen für das Oberste Gericht sowie das normale Gesetzgebungsverfahren. Hier sind weiterhin 60 Stimmen nötig, um eine Blockade aufzuheben.

Filibuster light

[…] In einem historischen Schritt hat der demokratisch beherrschte Senat im US-Kongress ein seit 1806 praktiziertes Instrument teilweise aus dem Verkehr gezogen, mit dem die zahlenmäßig kleinere Fraktion Ent - scheidungen der tonangebenden Partei nach eigenem Gusto blockieren kann – den sogenannten Filibuster, eine potenziell endlose Ermüdungs - rede. […] Bisher konnte jedes Mitglied im Senat ohne zeitliche Begren - zung reden und Personalentscheidungen so auf Eis legen. Das amerika - nische Parlamentssystem wollte so Minderheitenschutz gewährleisten. Um die Debatte abzukürzen und eine Abstimmung zu erzwingen, war bisher das Ja von 60 der insgesamt 100 Senatoren nötig.

Weil die Demokraten nur über 55 Sitze verfügen, konnten die Repu - blikaner im Prinzip jede Personalie blockieren. Sie machen davon seit Amtsantritt von Obama überproportional Gebrauch. Vor Kur - zem sprach der konservative Senator Ted Cruz aus Texas, Wortführer der Fundamental-Opposition, 21 Stunden am Stück gegen Obamas umstrittene Gesundheitsreform. Dabei trug er unter anderem aus Kinderbüchern vor. Den Filibuster-Rekord hält mit 24 Stunden und 18 Minuten nach wie vor Strom Thurmond. Der als Demokrat gestartete Senator, der später die Seiten wechselte, wollte so 1957 das Ende der Rassentrennung verhindern.

Unter Zuhilfenahme der sogenannten „nuklearen Option“ brachte der demokratische Mehrheitsführer in Washington, Harry Reid, das seit über 200 Jahren praktizierte Modell jetzt [November 2013] zu Fall. Die entscheidende Abstimmung verlief mit 52:48 Stimmen. […]

Dirk Hautkapp, „Ende der Ermüdungsrede mit Filibuster light?“, in: General-Anzeiger Bonn vom 23. November 2013

Deshalb gilt es im Senat, Anreize zu geben, um möglichst alle 100 Senatorinnen und Senatoren zufriedenzustellen. Mit Druck würde man hingegen wenig bewirken. Nach der „Macht“ des Mehrheitsführers im Senat gefragt, erwiderte der ehemalige Demokratische Senator und majority leader George J. Mitchell:

„Man hat die Macht, 99 Hintern zu küssen.“ (zitiert nach Ross Baker, House and Senate, New York / London 1995, S. 91). Noch weniger Macht kann der Präsident auf die Senatoren ausüben, von denen nicht wenige eine Kandidatur für das Prä - sidentenamt erwägen. Der amtierende Präsident Barack Oba - ma war selbst Senator, bevor er erfolgreich für die Präsident -

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Politisches System der USA

schaft kandidierte. Der Kongress hat im politischen System der Vereinigten Staaten, anders als die Legislative in parla - mentarischen Regierungssystemen, allgemein eine sehr star - ke, institutionell fundierte Machtstellung gegenüber der Exe - kutive – insbesondere auch durch seine Aufsicht (oversight) und Organisationsgewalt gegenüber der Administration, dem Verwaltungsapparat des Präsidenten.

Zwischen Legislative und Exekutive: die Verwaltung

Im Kontrast zur überschaubaren und hierarchisch organi - sierten deutschen Ministerialbürokratie erscheint die US- Behördenstruktur als unübersichtlicher Wildwuchs von Or - ganisationseinheiten. Während die deutsche Kanzlerin an der Spitze des Kabinetts steht, ihr damit auch die Ministe - rien und deren Bürokratie untergeordnet sind, hat der US- Präsident viel größere Schwierigkeiten, seine Exekutive zu leiten. Enorme Anstrengungen, um die eigene Linie in einem Interessengeflecht rivalisierender Ministerien und Regie - rungsstellen durchzusetzen, gehören zum mühsamen Tages - geschäft des sogenannten Chefs der Bundesverwaltung. Die einzelnen Behörden wurden oftmals ad hoc, aus politischen Anlässen oder wegen Krisen gegründet und nicht etwa in das bestehende Organigramm eingegliedert, sondern hin - zugefügt. Die daraus entstandene fragmentierte Struktur ist gewollt, denn sie bietet Außenstehenden vielfältige Mög - lichkeiten der Einflussnahme. Die US-Verwaltung ist geprägt durch intensives Kompe - tenzgerangel zwischen Exekutive und Legislative, wenn es darum geht, wichtige Positionen zu besetzen, die Behörden finanziell auszustatten sowie deren Aufgaben vorzugeben bzw. zu kontrollieren. Zwar liegt die exekutive Gewalt beim Präsidenten. Laut Verfassung (Artikel III, Absatz 1) muss er dafür sorgen, dass die Gesetze „gewissenhaft“ vollzogen wer - den. Er kann dazu unter anderem auch die Führungsspitzen der Ministerien (departments) und Bundesbehörden (federal agencies) nominieren. Doch müssen diese von der Legislative, namentlich vom Senat, gebilligt werden. Dem Kongress ob - liegt auch die Organisationsgewalt, sprich die Befugnis, die Bundesbehörden zu errichten und zu finanzieren. Die pow - er of the purse führt seit jeher zu (informellen) Absprachen zwischen den Geldgebern im Kongress und den Empfängern in der Verwaltung. Insbesondere die für die Finanzierung verantwortlich zeichnenden Abgeordneten und Senatoren zuständiger Kongressausschüsse bewachen mit Argusau - gen ihre Pfründen, die auch ihre Wiederwahl sichern helfen. Denn ihr politisches Schicksal hängt letztlich davon ab, wie sehr sie die Partikularinteressen in ihren Wahlkreisen bzw. Einzelstaaten bedienen können, und insbesondere jene von ihnen nahestehenden Interessengruppen, die ihre immer teurer werdenden Wahlkämpfe finanzieren. Meistens sind denn auch Vorhaben misslungen, den Ver - waltungsapparat wieder zu verkleinern. So scheiterte An - fang der 1970er-Jahre Präsident Richard Nixon (1969-1974) mit seinem Versuch, durch einen radikalen Umbau „anti-prä - sidiale Nischen“ in der Exekutive zu eliminieren. Mit seinem Dezentralisierungsprogramm des „New Federalism“ wollte eine Dekade später Präsident Ronald Reagan (1981-1989) das „big government“ in Washington verkleinern – ohne nach - haltigen Erfolg. Der amtierende Präsident Barack Obama ist ebenso bemüht, den Regierungsapparat schlanker und effi - zienter zu machen. Bereits im Januar 2012 hat der Präsident

den Kongress um die Kompetenz ersucht, die handelspoliti - schen Aufgaben von sechs Regierungseinheiten, darunter das Handelsministerium und das Büro des Handelsbeauf - tragten, in einer neuen Behörde zusammenzufassen. Wer die symbiotischen Dreiecksbeziehungen, das „eiserne Dreieck“ (iron triangle) zwischen den betroffenen Einheiten der Exe - kutive, der Wirtschafts- und Handelslobby und den federfüh - renden Ausschüssen im Kongress kennt, muss aber skeptisch sein, ob dem Präsidenten die ehrgeizige Neuorganisation der Handelsbehörden gelingen wird. Mittlerweile haben sich zu den Vertretern von Partikular - interessen, Kongressausschüssen und der Exekutive auch noch Experten von Think Tanks, Universitäten und Journa - listen gesellt. Ihre etwas lockeren themenspezifischen Ver - bindungen wurden 1978 vom US-amerikanischen Politikwis - senschaftler Hugh Heclo „issue networks“ genannt: Mittels dieser „Themennetzwerke“ versuchen sie mit vereinten Kräften bestimmte Interessen und politische Ideen durch - zusetzen, weshalb sie vom US-Politikwissenschaftler Paul Sabatier 1993 als „Tendenzkoalitionen“ (advocacy coalitions) bezeichnet wurden. Jeder Präsident ist deshalb gut beraten, einen eigenen, nur ihm gegenüber loyalen Beraterstab um sich zu scharen, um in diesem Interessengeflecht seine politische Linie durch - zusetzen – nicht zuletzt auch gegenüber der Verwaltung „seiner“ Exekutive. Denn die Auseinandersetzungen in den Reihen der Exekutive sind nicht minder heftig. Auf der einen Seite versuchen die „Männer und Frauen des Präsidenten“, das presidential government, die Politikinitiativen des Wei - ßen Hauses voranzutreiben. Auf der anderen Seite bremst

- ßen Hauses voranzutreiben. Auf der anderen Seite bremst Simon Koschut Informationen zur politischen Bildung Nr.

Simon Koschut

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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KasterlynCaro/PhotoAP
KasterlynCaro/PhotoAP

Konsultationen gehören zum Regierungsalltag. Präsident Obama in einer Kabinettssitzung (September 2013),

Whi/AP Photo House,The Pete Souzate
Whi/AP
Photo
House,The
Pete Souzate

in einer Besprechung mit seinen Beratern (Oktober 2009)

aisvMonsi/tinezMaroPabl/PhotoAP
aisvMonsi/tinezMaroPabl/PhotoAP

… und in einer Haushaltsdiskussion mit führenden Mitgliedern der Demo - kratischen Partei (Oktober 2013)

sie das permanent government immer wieder aus. Die rela - tiv autonomen Ministerien und Behörden versuchen unab - hängig vom jeweiligen Präsidenten und von der jeweiligen parteipolitischen Konstellation ihre eigenen institutionel - len Besitzstände zu wahren. Dabei berücksichtigen sie die Absichten der ihnen nahestehenden Kongressausschüsse und die Anliegen der von ihnen repräsentierten Interessen - gruppen. Hinzu kommen noch jene unabhängigen Behörden (independent agencies), deren Leiter bzw. Leiterinnen der Prä - sident zwar nominieren kann, wofür er aber wiederum die Zustimmung des Senats benötigt. Die independent regulato - ry agencies, die häufig auch als independent regulatory com - missions bezeichnet werden, sind überdies ausschließlich dem Kongress verantwortlich. Die meisten von ihnen wer - den massiv von Interessengruppen beeinflusst. Die von Re - gulierungen Betroffenen regulieren sich mehr oder weniger selbst. Regulation by the regulated lautet das Prinzip, das dem Präsidenten kaum Einwirkungsmöglichkeiten lässt. Die persönlichen Mitarbeiter des Präsidenten – die er ohne Zustimmung des Senats frei auswählen kann – sind seine engsten Vertrauten in den Machtkämpfen, die mit dem Be - griff bureaucratic politics verharmlosend umschrieben wer - den. Die Getreuen und einflussreichsten Berater des Präsiden - ten sind im White House Office zu finden. Sie genießen auch ein „exekutives Privileg“ (executive privilege), das heißt, sie sind der Legislative nicht Rechenschaft schuldig und dürfen vor Kongressausschüssen nicht verhört werden. Die anderen, dem Präsidenten ebenso nahestehenden Leiterinnen und Lei - ter der Einheiten (federal agencies) des Executive Office of the President müssen jedoch vom Senat abgesegnet werden und auch nach ihrer Bestätigung der Legislative laufend Rede und Antwort stehen.

The President’s Team:

11 federal agencies des Executive Office of the President (Stand: Juli 2013):

White House Office (Persönlicher Stab des Präsidenten)

Office of the Vice President (Beraterstab des Vizepräsidenten)

Executive Residence (Wohnung/Personal des Präsidenten und seiner Familie)

Council of Economic Advisers (Wirtschaftspolitik)

Council on Environmental Quality (Umweltschutzmaßnahmen)

National Security Council (Außen- und Sicherheitspolitik)

Office of Administration (Verwaltungsfragen)

Office of Management and Budget (Haushaltsaufstellung und Kontrolle)

Office of National Drug Control Policy (Drogenkontrollpolitik)

Office of Science and Technology Policy (Wissenschafts- und Technolo - giepolitik)

Office of the United States Trade Representative (Handelspolitik)

www.whitehouse.gov/administration/eop

Ebenso wie bei diesen Personalentscheidungen muss der Prä - sident auch bei der Besetzung der Ministerämter die Macht - kalküle der „anderen politischen Gewalt“, sprich die Interes - sen des Kongresses, berücksichtigen.

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Politisches System der USA

15 Ministerien

(executive departments; Stand: Juli 2013)

Im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland spielt im politischen Sys - tem der USA das Kabinett keine wichtige Rolle. Die Minister heißen in den USA bezeichnenderweise „Sekretäre“ (Secretaries) des Präsiden - ten, etwa der Außenminister Secretary of State. So gilt auch bei diesem prominenten Amt als grundlegendes Prinzip: Der Präsident ist der „Koch“, der Außenminister der „Kellner“. Die engsten persönlichen Bera - ter des Präsidenten sind einflussreicher als seine Minister, die er oftmals auch aus wahltaktischen und politischen Erwägungen ernennen muss. In der Regel vertreten Minister auch die Interessen ihrer Häuser (departments), die wiederum von einflussreichen Senatoren oder Abge - ordneten finanziell abhängig sind.

Department of Agriculture (Landwirtschaftsministerium):

www.usda.gov

Department of Commerce (Handelsministerium):

www.commerce.gov

Department of Defense (Verteidigungsministerium):

www.defense.gov

Department of Education (Bildungsministerium): www.ed.gov

Department of Energy (Energieministerium): www.energy.gov

Department of Health and Human Services (Gesundheitsministerium):

www.hhs.gov

Department of Homeland Security (Heimatschutzministerium):

www.dhs.gov

Department of Housing and Urban Development (Bauministerium):

www.hud.gov

Department of Justice (Justizministerium): www.usdoj.gov

Department of Labor (Arbeitsministerium): www.dol.gov

Department of State (Außenministerium): www.state.gov

Department of the Interior (Innenministerium): www.doi.gov

Department of the Treasury (Finanzministerium):

www.treasury.gov

Department of Transportation (Verkehrsministerium):

www.dot.gov

Department of Veterans Affairs (Kriegsveteranenministerium):

www.va.gov

www.whitehouse.gov/administration/cabinet/

Die große Fülle politischer Berufungen in die Ministerien und Behörden geht nicht nur auf Kosten des öffentlichen Dienstes (civil service); sie ist zeitraubend und erschwert nach Wahlen den Übergang von einer Regierungsmannschaft zur nächsten. Mit jedem neuen Präsidenten wechseln in den USA etwa 7000 Fachleute ihre Position: entweder von außen nach innen oder, im Falle der ausscheidenden Administration, von innen nach außen. In diesem Drehtürsystem der revolving doors, des ständigen in - and-out, spielen neben Interessengruppen auch Think Tanks, das heißt politikorientierte Forschungsinstitute, eine wichtige Rolle als „Ideenagenturen“, so der Politologe Winand Gellner 1995. Dementsprechend politisch ist das Selbstverständnis im Ver - waltungsapparat. Während die meisten auf Lebenszeit dienen - den deutschen Beamten sich für ihr Fortkommen nicht politisch engagieren müssen und sich auf ihre Aufgabenbereiche und nächste „Verwendung“ konzentrieren können, arbeitet die US- amerikanische Bürokratie im Zentrum der Auseinandersetzung

um den politischen Machterhalt. Das Gros der oft nur für eine Amtszeit beschäftigten Verwaltungseliten beteiligt sich mehr oder weniger sichtbar an der politischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. Diese policy maker sind indes keine in - kompetenten Parteigänger, sondern ausgewiesene Experten mit politischer Orientierung. Ihre Fachkenntnisse haben sie zumeist über mehrere Jahre in verschiedenen Arbeitsbereichen erworben, sei es in der Exekutive, der Legislative, einem Think Tank, einer Universität oder einem Privatunternehmen. Sie wechseln häufig ihre Arbeitgeber, bleiben aber ihrem Themenschwerpunkt (issue) treu. Damit sind sie auch in ihrem issue network gut vernetzt, was wiederum ihren nächsten Arbeitsplatz sichern hilft. Diese „Wanderarbeiter“ haben mittlerweile die auf Lebenszeit Beschäftigten des civil service verdrängt. Zwar genießen auch ei - nige US-amerikanische Staatsbedienstete noch Privilegien wie eine mehr oder weniger sichere Anstellung. Schlechte Bezahlung und mangelnde Aufstiegschancen haben aber zur Demoralisie - rung und permanenten Krise des civil service geführt. Nicht zu - letzt spiegelt das geringe Ansehen des Staatsdienstes auch die historisch begründete, institutionell begünstigte und politisch verstärkte Skepsis großer Teile der US-Bevölkerung gegenüber dem Staat wider. Obschon der Begriff „government“ über Jahrzehnte in den Köpfen der meisten US-Amerikaner negative Vorstellungen her - vorgerufen hatte, wurde die Regierung von ihren Bürgern zwi - schenzeitlich merklich positiver wahrgenommen. Eine seit den 1960er-Jahren nicht mehr registrierte Vertrauensmarke von knapp 60 Prozent brach mit dem bis dahin vorherrschenden Mus - ter einer „Vertrauenslücke“ (confidence gap), so das Ergebnis einer Gallup-Umfrage, die von den AEI Studies in Public Opinion 2003 zitiert wurde. Ein genauer Blick der Politikwissenschaftler Calvin Mackenzie und Judith Labiner von der renommierten Brookings Institution zeigte jedoch, dass dieses überschwängliche Vertrauen in die eigene Regierung in erster Linie als unmittelbare emotio - nale Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 zu interpretieren ist: Ausgehend von 29 Prozent im Juli 2001 schlug das Vertrauensbarometer kurz nach den Terrorangriffen auf eine Höhe von 57 Prozent aus und pendelte sich im Mai 2002 wieder auf 40 Prozent ein. Gemessen an den Umfrageergebnissen vor den Terrorangriffen wurde der Regierung in Washington jedoch im - mer noch ein deutlich höheres Vertrauen entgegengebracht. Das Gefühl von Verwundbarkeit und nationaler Bedrohung bewirkte ein gesteigertes Bedürfnis nach Schutz, dessen Gewährleistung die meisten US-Amerikaner ihrer Regierung, vor allem ihrem Präsidenten als Oberstem Befehlshaber zutrauten. Neben ihm konnte nur seine unmittelbare Umgebung von Amtsträgern der Exekutive auch nach einem zeitlichen Abstand zu den Anschlägen diesen immensen Vertrauensbonus noch auf sich konzentrieren, während die übrigen Volksvertreterinnen und -vertreter sowie Staatsangestellten in der Gunst der Bevölkerung nach einem kur - zen Ausschlag wieder auf ihr vormaliges Niveau absanken.

Macht und Ohnmacht der Exekutive

Geprägt durch die historische Erfahrung mit den Monarchien der „Alten Welt“ wollten die Verfassungsväter die Machtbefug - nisse des Präsidenten beschneiden. Doch die Bedrohung durch das Königreich Großbritannien und die Persönlichkeit des ers - ten amerikanischen Präsidenten George Washington (1789-1797) sorgten dafür, dass das Amt mit mehr Handlungsspielraum, also zusätzlichen Machtbefugnissen gegenüber dem Kongress und gegenüber den Einzelstaaten, ausgestattet wurde. Washington,

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 854 545
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US-Präsidenten der vergangenen 80 Jahre

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Franklin D. Roosevelt

Harry S. Truman

Dwight D. Eisenhower

John F. Kennedy

Lyndon B. Johnson

1933-1945

1945-1953

1953-1961

1961-1963

1963-1969

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Richard Nixon

Gerald Ford

Jimmy Carter

Ronald Reagan

George Bush

1969-1974

1974-1977

1977-1981

1981-1989

1989-1993

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Bill Clinton

George W. Bush

Barack Obama

1993-2001

2001-2009

seit 2009

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Politisches System der USA

ehemaliger Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee der 13 nord - amerikanischen Kolonien im Amerikanischen Unabhängigkeits - krieg (1775-1783) gegen die britische Kolonialmacht, beanspruch - te als Präsident und Hüter der neu gewonnenen „independence“ vom Mutterland ebenso im Inneren größere Gestaltungsmacht. Auch im Laufe der weiteren Geschichte wurden als Reaktion auf nationale Krisen, etwa auf die Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren, den Zweiten Weltkrieg und die Anschläge vom 11. September 2001, die Bundeskompetenzen, vor allem jene des Präsidenten, erheblich erweitert. Als Staatsoberhaupt, Regie - rungschef, Chef der Bundesverwaltung, höchster Diplomat, mili - tärischer Oberbefehlshaber und Parteiführer kann der Präsident heute umfangreiche, in der Verfassung garantierte Aufgaben und Funktionen beanspruchen. Dennoch ist im politischen System der checks and balances seine Macht beschränkt. Je nach Politikbereich verfügt der Prä - sident über unterschiedliche Machtbefugnisse: Während in der Sicherheitspolitik selbst das Oberste Gericht die mangelnde Ge - waltenkontrolle seitens der Legislative beklagt, sind dem Präsi - denten in allen anderen Politikfeldern, etwa in der Wirtschafts-, Handels-, Umwelt- und Energiepolitik, durch den Kongress oft - mals die Hände gebunden. Der US-Präsident, der selbst keine Gesetzesvorlagen einbrin - gen kann und bei Initiativen gleichgesinnte Abgeordnete und Senatoren benötigt, ist im Gesetzgebungsprozess laufend ge - fordert (und gelegentlich überfordert), im Kongress für die Zu - stimmung zu seiner Politik zu werben, das heißt je nach Politik - initiative unterschiedliche und zumeist parteiübergreifende Ad - hoc-Koalitionen zu schmieden. Das ist für den seit Januar 2009 amtierenden Präsidenten sehr mühsam geworden. Präsident Obama konnte nur in den ersten zwei Jahren seiner ersten Amtszeit auf die Mehrheit seiner Par - teifreunde im Kongress (sprich im Abgeordnetenhaus und Se - nat) zählen und diese Zeit für umfangreiche Maßnahmen wie die Gesundheitsreform oder die Reform der Finanzmärkte nut - zen. Seit Februar 2010, als die Demokraten mit der Nachwahl des durch den Tod von Edward Kennedy freigewordenen Sitzes ihre Dreifünftelmehrheit (60 Stimmen) im Senat verloren, und insbe - sondere seit die Republikaner bei den Zwischenwahlen vom No - vember 2010 die Mehrheit im Abgeordnetenhaus zurückerlang - ten, ist es für ihn noch viel schwieriger geworden, Kompromisse mit der Legislative zu finden. Daran änderte auch seine Wiederwahl 2012 nichts. Mit der Be - stätigung der Mehrheit der Republikaner im Abgeordnetenhaus kann bis zu den nächsten Zwischenwahlen im November 2014 mindestens eine Kammer der Legislative, entweder der Senat oder insbesondere das von den Republikanern kontrollierte Ab - geordnetenhaus, die Initiativen des Demokratischen Amtsinha - bers im Oval Office blockieren. Das ist umso problematischer, als der Amtsinhaber ja gewählt und wiedergewählt wurde, um den enormen wirtschaftlichen und sozialen Problemen des Landes abzuhelfen. Für Kompromisse bleibt ohnehin wenig Zeit, weil schon 2014 wieder Kongresswahlen anstehen und der Präsident spätestens dann als „lahme Ente“ (lame duck) gilt. Denn er kann nach sei - ner zweiten Amtszeit nicht mehr wiedergewählt werden und verfügt deshalb in der legislativen Auseinandersetzung über weniger „politisches Kapital“ (political capital): Beim politischen Kuhhandel – im Englischen als „Pferdehandel“ (horse trading) be - zeichnet – sichert sich der Präsident die Unterstützung des einen oder anderen Gesetzgebers, indem er im Gegenzug versichert, künftig die eine oder andere wählerwirksame finanzielle Unter - stützung in den Wahlkreis bzw. Einzelstaat des umworbenen Ab -

geordneten oder Senatoren fließen zu lassen. Diese Versprechun - gen verlieren jedoch gegen Ende der Präsidentschaft an Zugkraft. Der Präsident muss nunmehr politische Führung (leadership) demonstrieren. Wenn er nicht mehr mit Angeboten locken kann, dann muss er umso mehr öffentlichen Druck ausüben. Präsident Theodore Roosevelt (1901-1909) prägte den Begriff der „bully pul - pit“, das Bild der „hervorragenden“ (bully) Redeplattform einer Kanzel (pulpit), welche die Präsidentschaft seiner Ansicht nach bot, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Seine expo - nierte Stellung als einziger landesweit gewählter Politiker kann der Präsident dazu nutzen, um über die Massenmedien auch die Wählerbasis der Kongressmitglieder für seine Agenda zu mobili - sieren, damit die (qualifizierte) Mehrheit der Abgeordneten und Senatoren seiner Politik folgen. Das ist dennoch nicht einfach, da diese eine institutionelle Identität als Mitglieder des Kongres - ses haben, sich der „anderen Staatsgewalt“ (the other branch of government) zugehörig fühlen und mit der Exekutive um Macht konkurrieren. Die Sorge der Legislative um die institutionelle Machtbalance tritt jedoch in den Hintergrund, wenn Gefahr in Verzug ist. In Krisen- und Kriegszeiten steht der Präsident als Oberster Befehls - haber im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihm kommt die Rol - le des Schutzpatrons zu. Der patriotische Sammlungseffekt des rally around the flag bedeutet einen immensen Machtgewinn und Vertrauensvorsprung für den Präsidenten und die Exekuti - ve. Nicht zuletzt symbolisiert das Präsidentenamt die nationale Einheit, gilt das Weiße Haus als Ort der Orientierung, an dem in Krisenzeiten die Standarte hochgehalten wird. Präsidenten konnten immer wieder nationale Krisen dazu nutzen, die Struk - tur des Regierungsapparats und der Verwaltung grundlegend zu verändern, indem sie exekutive Kompetenzbereiche auf nationa - ler Ebene gebündelt und oftmals auch erweitert haben. So mündete die „Große Depression“ der 1930er-Jahre in den Sozialstaat, der von Präsident Franklin D. Roosevelt (1933-1945) geprägt wurde. Im Zuge der militärischen und sicherheitsdienst - lichen Aufrüstung im Zweiten Weltkrieg erhielt die Bundesregie - rung umfangreiche Sicherheitsaufgaben. Im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion etablierte sich eine Interessenverbindung zwi - schen Militär, Rüstungsindustrie und politischen Eliten. In seiner Abschiedsrede warnte Präsident Dwight D. Eisenhower (1953- 1961), der einst selbst Generalstabschef der Armee war, im Januar 1961 vor diesem „militärisch-industriellen Komplex“. Der Kalte Krieg und seine Nebenkriegsschauplätze, etwa in Vi - etnam, gingen auch im Inneren einher mit einer „imperialen Prä - sidentschaft“, so der Buchtitel des US-Historikers und Beraters zweier US-Präsidenten, Arthur Schlesinger Jr., 1973: Das Regie - rungshandeln der Kriegspräsidenten Lyndon B. Johnson (1963- 1969) und Richard Nixon (1969-1974) war wenig transparent und im Falle Nixons höchst kriminell. Ihm drohte ein Amtsenthe - bungsverfahren (impeachment) wegen „schwerster Verbrechen und Amtsvergehen“ (high crimes and misdemeanors). Denn seine Machenschaften hatten das System der checks and balances aus dem Gleichgewicht gebracht. Um in der Watergate-Affäre einer formalen Amtsenthebung zu entgehen, trat Nixon schließlich am 9. August 1974 zurück. Danach schlug das Pendel wieder in die andere Richtung: In Reaktion auf die Grenzüberschreitungen der Exekutive beanspruchte der Kongress wieder mehr Machtbe - fugnisse. Die Verunsicherung nach den Terroranschlägen vom 11. Sep - tember 2001 und der von der Regierung George W. Bush so ge - nannte Globale Krieg gegen den Terror eröffneten einmal mehr Möglichkeiten, die Gestaltungsmacht des Präsidenten und der unter seiner Führung handelnden Exekutive auszuweiten. Schon

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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und Kontrolle der Machthaber: checks and balances 19 © Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 854

© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 854 529

unmittelbar nach Amtsantritt hatten Präsident George W. Bush, Vizepräsident Richard (Dick) Cheney und ihre Gefolgsleute kei - nen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass sie die Position der Exekutive auf Kosten der Machtbefugnisse der Legislative zu stärken beabsichtigten. Diese offensive Strategie des Weißen Hauses, den vor allem in der Amtszeit des Vorgängers Bill Clinton (1993-2001) erstarkten Kongress wieder in eine untergeordnete Rolle zu drängen, erhielt mit den Terroranschlägen von New York und Washington ihre Legitimation – und zwar durch die in der US-amerikanischen Bevölkerung gemeinhin gehegte Überzeu - gung, dass dies angesichts der nationalen Bedrohung rechtens, ja notwendig sei. Im Globalen Krieg gegen den Terror konnte der Präsident nunmehr die dominante Rolle des Oberbefehlshabers der Streitkräfte spielen. Aber auch in der nationalen Diskussion gelang es George W. Bush, seine Diskurshoheit zu etablieren und sich als Schutzpatron zu geben, der die traumatisierte Nation vor weiteren Angriffen bewahrt. Unter dem Primat der Sicherheit konnte Präsident Bush auch innerhalb der Exekutive Organisationsstrukturen aufbrechen und Kompetenzen neu verteilen. Zahlreichen Ministerien wurden Res - sourcen und Aufgabenbereiche entzogen und dem 2002 neu ge - schaffenen Heimatschutzministerium, dem Department of Home - land Security (DHS), zugewiesen. Eine Vielzahl von Einheiten aus anderen Ministerien wurde in dieses neue Heimatschutzministe - rium integriert, zwei Dutzend Bundesbehörden mit etwa 180000 Bediensteten und einem jährlichen Budget von 40 Milliarden Dollar darin zusammengefasst. In Fragen der inneren Sicherheit ist das Department of Homeland Security auf horizontaler Regie - rungsebene federführend bei der Zusammenarbeit mit anderen Ministerien. Es ist zudem bei der vertikalen Koordination die zen -

Die Watergate-Affäre

Am frühen Morgen des 17. Juni 1972 ver - haftete die Polizei fünf Männer, die of - fenkundig versucht hatten, in die Büros der nationalen Parteizentrale der De - mokraten im Washingtoner Watergate Hotel einzubrechen. Was der Presse - sprecher des republikanischen Präsiden - ten Nixon auf Anfrage als „drittklassigen Einbruch“ bezeichnete, führte zwei Jahre später – und erstmals in der ame - rikanischen Geschichte – zum Rücktritt eines amerikanischen Präsidenten. Dass die politischen Hintergründe des Watergate-Einbruchs ans Tageslicht ka - men, ist in erster Linie zwei Journalisten der Washington Post, Bob Woodward und Carl Bernstein, zu verdanken. Sie enthüllten – mit Hilfe eines Informan - ten namens „Deep Throat“, der sich erst 2005 zu erkennen gab (es handelte sich um den Stellvertretenden Direktor des FBI, W. Mark Felt) – nach und nach, dass der Präsident selbst von dem Ein - bruch wusste und dessen Vertuschung befohlen hatte. Angesichts der Kritik seiner politischen Gegner hatte Nixon, der von Natur

aus ein unsicherer und misstrauischer Mensch war, einen geheimniskrämeri - schen Führungsstil entwickelt und einen autoritären Apparat aufgebaut, der die Macht des vermeintlich von der Pres - se und den Demokraten „belagerten“ Weißen Hauses konsequent ausbaute. Die Paranoia des Präsidenten reichte so weit, dass er eine geheime Spezialeinheit aufbaute, die sogenannten „Klempner“, die Feindlisten erstellten, subversive Gerüchte in die Welt setzten und politische Gegner – wie die Demokraten im Watergate Hotel – ausspionierten und abhörten. Als die illegalen Aktivitäten im Prozess gegen die Watergate-Einbrecher an die Öffentlichkeit drangen, profilierte sich der Präsident zunächst als Saubermann, während er einen seiner Vasallen nach dem anderen „opferte“. Die Situati - on spitzte sich zu, als Nixons ehrgei - ziger Mitarbeiter John Dean, der anfangs loyal hinter dem Präsidenten gestanden hatte, öffentlich erklärte, Nixon habe die Vertuschung selbst initiiert. Anfangs dementierte der Präsident die Behaup - tung Deans. Zum wahren Unglückstag für den Präsidenten wurde dann freilich jener Freitag, der 13. Juli 1973, an dem

öffentlich bekannt wurde, dass es Ton - bandaufzeichnungen aller Gespräche gab, die im Weißen Haus geführt wurden. Zwar konnte Nixon die von einem Sonderermittler geforderte Freigabe der Tonbänder über ein Jahr lang hinaus - zögern. Seine Glaubwürdigkeit hatte der Präsident jedoch bereits verloren, als er im sogenannten Samstagabend-Mas - saker vom Oktober 1973 den Justizmi - nister und dessen Stellvertreter entließ, weil diese sich geweigert hatten, den für Nixon so unbequemen Sonderermitt - ler seines Amtes zu entheben. Selbst als im Sommer 1974 mit der Herausgabe der Tonbänder der endgültige Beweis für seine Verwicklung in die Watergate - Affäre vorlag, zog Nixon die politischen Konsequenzen nur zögerlich. Um einer formalen Amtsenthebung zu entge - hen, trat der Präsident am 9. August 1974 schließlich zurück. Damit hatte das Watergate-Spektakel, das für viele Ame - rikaner zur Unterhaltungsserie mit Shakespeare’scher Dramatik geworden war, ein Ende gefunden.

Christof Mauch, Die 101 wichtigsten Fragen – Amerikanische Geschichte, München: C.H.Beck Verlag 2008, S. 116 f.

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Politisches System der USA

trale Ansprechstelle für Behörden auf einzelstaatlicher und lokaler Ebene. Seine Schaffung ist Teil des umfangreichsten Umbaus, dem die Regierungsorganisation der Vereinigten Staaten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterzogen worden ist. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 führten den USA auch vor Augen, dass ihre Geheimdienste versagt hatten. Dieser nationale Schock erleichterte es dem Kriegspräsidenten Bush, die Struktur der Nachrichtendienste zu verändern, um den Informationsfluss innerhalb der sogenannten intelligence community zu bündeln. Vor den Anschlägen waren die diver - sen Einheiten für ihre Geheimniskrämerei bekannt: Sie taten sich schwer damit, Informationen auszutauschen, auch weil sie miteinander um die knappen finanziellen Ressourcen konkur - rierten. Doch auch die Geldknappheit veränderte sich mit einem Schlag: Nach den Terroranschlägen wurden die Mittelzuweisun - gen für die neu aufgestellten Teileinheiten massiv aufgestockt. Den über die Medien verbreiteten Informationen des ehe - maligen technischen Mitarbeiters der US-amerikanischen Ge - heimdienste Edward Snowden ist es zu verdanken, dass auch die Öffentlichkeit einen Einblick in die neue Struktur, die Aufgaben - und Finanzzuweisungen der einzelnen Einheiten bekam. Von den 52,6 Milliarden Dollar, die im Haushaltsjahr 2013 für die in - telligence community veranschlagt wurden, erhalten die Central Intelligence Agency (CIA), die National Security Agency (NSA) und das National Reconnaissance Office (NRO) mit mehr als zwei Drit - teln des Gesamtbudgets den Löwenanteil. Von den über 107000 Mitarbeitern des insgesamt 16 Bundesbehörden (agencies) um - fassenden Gesamtapparats sind etwa 20 Prozent in militäri - schen Funktionen tätig (etwa zwei Drittel davon bei der NSA), der Großteil ist jedoch mit „zivilen“ Aufgaben betraut.

der Großteil ist jedoch mit „zivilen“ Aufgaben betraut. Washington Post, Website:

Washington Post, Website: http://www.washingtonpost.com/wp-srv/special/national/ black-budget/?wpisrc=nl_pmpol

Der Patriot Act – Lizenz zum Kampf gegen das Böse

Das Gesetzespaket „Patriot Act“ zur Bekämpfung des globalen Terrorismus, das kaum sechs Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vom Kongress mit großer, überparteilicher Mehrheit angenommen wurde, hat die Tore zum Aufbau eines Überwachungs - staates weit aufgestoßen. Bis heute ist der „Patriot Act“ die gesetzliche Grund - lage für die umfangreichen Überwa - chungsmaßnahmen der 16 staatlichen Geheim- und Abwehrdienste sowie der vielen privaten Sicherheitsunternehmen, die im Auftrag der Dienste Informatio - nen sammeln und auswerten. Der „Patri - ot Act“, verabschiedet am 25. Oktober 2001, ist gleichsam das zivile Pendant zur gemeinsamen Resolution beider Kam - mern des Kongresses vom 14. September 2001, mit welcher das Parlament den Präsidenten zur Anwendung von militä - rischer Gewalt ermächtigte: Beide Bestimmungen sind faktisch unbefristet und greifen äußerst weit. Am meisten Ausrüstung und Personal haben seit 2001 der Auslandsgeheim-

dienst „Central Intelligence Agency“ (CIA) und der militärische Geheimdienst „National Security Agency“ (NSA) erhal - ten. So verfügt die CIA – wie das Penta - gon – über eine umfangreiche und stetig wachsende Flotte von Kampfdrohnen; auch die Zahl der Analytiker im Haupt - quartier in Langley nahe Washington, der Auslandsstationen und der Agenten wurde deutlich erhöht. Aufgabe der NSA im Konzert der Dienste ist die Über - wachung des globalen Telefon- und Datenverkehrs. Der Sitz der NSA, die dem Pentagon untersteht, befindet sich im Heeres-Stützpunkt Fort Meade in Mary - land nahe Washington. Derzeit wird in Bluffdale in Utah für geschätzte zwei Milliarden Dollar das neue Daten - zentrum der NSA errichtet; es soll bis Sep - tember [2013] fertiggestellt und dann das größte Computerzentrum der Welt sein. Nach umfangreichen Recherchen der Tageszeitung „Washington Post“ sind mehr als 850 000 Personen für die staat - lichen Dienste und für die vom Staat beauftragten Sicherheitsunternehmen tätig. Die Zahl der Angestellten der NSA wird auf 55 000 geschätzt. Die meisten von ihnen sind Programmierer, Techni -

ker oder Computerfachleute, deren Ge - hälter mit den gängigen Vergütungen im Silicon Valley Schritt halten müssen. Maßgebliche technologische Neuerun - gen bei der Erfassung und Bearbeitung von riesigen Datenmengen werden bei der NSA sofort angewendet. […] Zu den größten Privatunternehmen [„Contractors“], die nicht nur in der Datenbearbeitung, sondern auch in der aktiven Informationsbeschaffung für die staatlichen Dienste und verschiede - ne Ministerien tätig sind, gehört Booz Allen Hamilton. Das Unternehmen mit Sitz in Virginia nahe Washington hat weltweit mehr als 25 000 Angestellte; Edward Snowden war in den letzten drei Monaten bis zu seiner Flucht nach Hongkong Ende Mai einer von ihnen. […] Den allergrößten Teil seines Jahres - umsatzes von zuletzt 5,76 Milliarden Dol - lar erwirtschaftet das Unternehmen Booz Allen Hamilton, das zu den zehn größten in der Landesverteidigung und in der na - tionalen Sicherheit tätigen Privatfirmen gehört, durch Regierungsaufträge. […]

rüb (Matthias Rüb), „Amerikas Geheimdienste und ihre Helfer:

Eine Truppe von mehr als 850 000 Mann“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Juni 2013

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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Die Nachrichtendienste wurden von der Regierung George W. Bush nicht nur finanziell aufgerüstet, sondern auch ermutigt, ihre Arbeit mit mehr Nachdruck zu verrichten. Nach Medien - berichten haben in der Amtszeit George W. Bushs Mitarbeiter der CIA im Globalen Krieg gegen den Terror unter anderem die Foltermethode des simulierten Ertränkens, das sogenannte wa - terboarding, praktiziert oder mutmaßliche Terroristen festge - nommen bzw. entführt und in befreundete autoritäre Staaten geflogen, wo noch weit robustere Verhörmethoden angewen - det werden. Damit verstießen die USA unter anderem gegen die Folterkonvention der Vereinten Nationen. Im Rahmen des Globalen Krieges gegen den Terror wurde Recht neu interpretiert – im nationalen wie internationalen Rahmen. Mit dem Angriffskrieg gegen den Irak und den auch von der nachfolgenden Obama-Regierung als Folter eingestuf - ten Praktiken bei Verhören wurde Völkerrecht gebrochen. Um den inneren politischen Frieden zu wahren, scheute Präsident Obama jedoch davor zurück, die federführenden Mitarbeiter der Bush-Administration juristisch zur Verantwortung zu zie -

hen. In Obamas bisheriger Amtszeit sind auch viele von der Vorgängerregierung eingeleitete Strategieänderungen weiter - geführt, ja forciert worden. Die Obama-Regierung hat letztlich den Globalen Krieg gegen den Terror rhetorisch geschickter vermittelt und mit weniger militärischem Aufwand und ge - ringeren politischen wie ökonomischen Kosten, dafür aber mit größerem geheimdienstlichem Einsatz weitergeführt. In diesem Zusammenhang wirkt es stimmig, dass der von Präsi - dent Obama Anfang Januar 2009 als Direktor der CIA nominierte Leon Panetta von Juli 2011 bis Februar 2013 das Amt des Verteidi - gungsministers innehatte. Sein Nachfolger bei der CIA wurde Ge - neral David Petraeus, den bereits Präsident Bush zum Befehlshaber des den amerikanischen Streitkräften im Irak und Afghanistan übergeordneten regionalen Kommandobereichs (US Central Com - mand) berufen hatte. Als Chef der Internationalen Sicherheitsun - terstützungstruppe (ISAF) war er für die von der NATO geführte Sicherheits- und Aufbaumission in Afghanistan verantwortlich. Bereits George W. Bush hatte im Grenzgebiet zwischen Af - ghanistan und Pakistan den Einsatz von Drohnen befohlen. Das

Drohnen – die neuen Waffen

Herr Mazzetti, […] Sie nennen die US- Kriegsführung einen Schattenkrieg, in dem mit unbemannten Drohnen gezielt Jagd auf Terrorverdächtige ge - macht wird. Wie kam es dazu? In den USA hat sich nach den katastro - phalen Anschlägen vom 11. September 2001 nach und nach ein neues militäri - sches Denken durchgesetzt. Die gezielte Tötung von Terrorverdächtigen wurde wieder als möglich erachtet. Bis kurz vor den Anschlägen war das unvorstellbar. [ ]

Im Jahr 2001 hieß der US-Präsident George W. Bush. Warum hat sein Nach - folger Barack Obama, der vielen als das komplette Gegenmodell zu Bush schien, den Drohnenkrieg fortgesetzt? […] Obama hat nie versprochen, den Drohnenkrieg zu beenden. Es ist nach seinem Amtsantritt sogar das Gegen - teil geschehen: Der Präsident hat den Drohnenkrieg erheblich ausgeweitet. […]

Hat es Sie überrascht, dass der Präsident

einmal sinngemäß gesagt hat:

„Was immer die CIA haben will, das

bekommt sie.“? [

Das hat mich nicht überrascht. Der Satz zeigt nur, dass Obama diese Art der

geheimen Kriegsführung als sehr effektiv

wahrnimmt. [

Er hat [

] [

]

]

]

nie gesagt,

dass er als Präsident überhaupt keinen Krieg führen wird.

Ist der Schattenkrieg ein sauberer Krieg? Nein. Krieg ist Krieg. Was den Einsatz von Drohnen in Obamas Augen offenbar

so attraktiv macht, ist die Tatsache, dass es sich dabei nicht um einen teuren Be - satzungskrieg wie in Afghanistan oder im Irak handelt. Kein einziger US-Soldat läuft Gefahr, sein Leben zu verlieren. Drohnen kann man – im Gegensatz zu Bodentruppen – tatsächlich begrenzt und sehr gezielt einsetzen.

Das klingt so, als wären Drohnen die erste Waffe, die nicht außer Kontrolle geraten kann. Das ist falsch. Ein Krieg ist in letzter Konsequenz nicht kontrollierbar, ob man ihn nun konventionell führt oder per Fernsteuerung.

Die USA führen seit mehr als zehn Jah - ren diesen Drohnenkrieg. Inzwischen

sind die Grenzen zwischen den Geheim - diensten und dem Militär praktisch ver -

schwunden. [

lange gedauert, bis darüber eine öffent - liche Debatte begonnen hat?

Niemand in der US-Politik hat prinzipiell etwas gegen diese Art der Kriegsfüh - rung. Über alle Parteigrenzen hinweg wird der Einsatz von Drohnen als richtig angesehen. Die Kongressabgeordneten haben sich erst in diesem Jahr [2013] etwas kritisch geäußert, weil sie mehr

eingebunden sein wollten. [

]

Warum hat es so

]

[W]arum wird über die Rechtmäßigkeit solcher Drohneneinsätze nicht mehr gestritten? Das ist ganz einfach: Die Rechtsanwälte von zwei aufeinander folgenden Re - gierungen, einer republikanischen und einer demokratischen, haben immer

wieder deutlich gemacht: Wir dürfen das machen. Das ist alles in den Kompe - tenzen enthalten, die der Kongress der Regierung nach den Anschlägen vom

11. September 2001 gegeben hat. [

]

Niemand in den USA spricht von den zivilen Opfern des Drohnenkriegs. Seit die Drohnen-Operateure nicht ein - mal mehr die Identität ihrer Zielper - sonen kennen müssen, muss doch auch logischerweise die Zahl der Opfer unter den Zivilisten gestiegen sein. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass Drohnen die ultimativen Waffen in einem geheimen Krieg sind. Es herrscht ein Informationsvakuum. Alles wird geheim gehalten, und die Einsätze geschehen in unzugänglichen Gegenden der Welt, in denen nicht so ohne Weiteres Jour - nalisten ihrer Arbeit nachgehen können.

Ist der Drohnenkrieg der Krieg der Zu - kunft? Es gibt Leute, die sagen: So etwas wie Afghanistan oder Irak machen wir nie wieder. Mit Vorhersagen dieser Art wäre ich vorsichtig. Ich glaube eher, dass der Krieg per Fernsteuerung die Art der Kriegsführung verändern wird – so wie es Panzer getan haben oder Flugzeuge. Auf Bodentruppen wurde trotzdem nicht verzichtet.

Mark Mazzetti, 39, arbeitet im Washingtoner Büro der „New York Times“. Der Journalist ist Träger des Pulitzer-Preises.

„Neues militärisches Denken“. Interview von Damir Fras mit Mark Mazzetti, in: Frankfurter Rundschau vom 21./22. September 2013

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Politisches System der USA

sind unbemannte Luftfahrzeuge (unmanned aerial vehicles, UAV) zur Aufklärung und Überwachung. Mit Raketen bestückt können diese – dann als unmanned combat air vehicles (UCAV) bezeichneten – Luftfahrzeuge bei Bedarf auch in Kampfeinsät - zen Verwendung finden. Nach der Amtsübernahme Obamas wurden diese Einsätze, die sowohl von der CIA als auch vom Pentagon gesteuert werden können – insbesondere auch über dem Staatsgebiet Pakistans –, forciert. Darüber hinaus wurden die Überwachungs- und Kampfeinsätze im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus auf andere Gebiete ausgeweitet, etwa auf den Jemen und Somalia. Es vergeht kein Monat, in dem nicht mindestens ein Anführer der Taliban oder Al-Qaidas auf diese Weise getötet wird. Doch Washington riskiert damit, die Bevölkerungen dieser Län - der gegen sich aufzubringen, Terrorgruppen die Rekrutierung zu erleichtern und diplomatische Verstimmungen zu verursachen. Am Ende könnte es mit diesem Vorgehen gerade jene Alliierten verprellen, mit denen es die Last der globalen Verantwortung tei - len möchte, so die eindringliche Warnung eines langjährigen Si -

cherheitsberaters des amerikanischen Außenministeriums: John B. Bellinger III stellte in einem Meinungsbeitrag in der Washington Post vom 3. Oktober 2011 die rhetorische Frage: „Will Drone Strikes Become Obama’s Guantánamo?“ Umso mehr wurde die Zusam - menarbeit mit den Alliierten belastet, als durch die Enthüllungen Snowdens bekannt wurde, dass die amerikanischen Nachrichten - dienste im großen Umfang auch Verbündete der Europäischen Union abhören. Der Globale Krieg gegen den Terror verursachte vor allem in - nenpolitische „Kollateralschäden“. Aus Sicht der Bush-Regierung hatte die Präventionsfunktion Vorrang vor der Rechtsfindungs - und Rechtsstaatsfunktion. Diese Umgewichtung blieb nicht ohne Wirkung auf das Verhältnis zwischen persönlichen Freiheitsrech - ten und Sicherheit: Die Prävention künftiger Terroranschläge ging oft auf Kosten individueller Freiheit. Mehr noch: Die sogenannte Ashcroft-Doktrin der Prävention (benannt nach dem federführen - den Justizminister John Ashcroft) drohte die grundlegende Siche - rung persönlicher Freiheitsrechte durch das System sich gegensei - tig kontrollierender Gewalten auszuhebeln.

Der Preis der Kriege

Viele Veteranen der jüngsten Feldzüge

Amerikas leiden [

traumatischen Belastungsstörungen, die ihnen ihr Leben in der Heimat zur Hölle machen. Einschlägigen Studien zufolge haben bis zu 20 Prozent aller Kriegs - heimkehrer PTBS-Symptome – was eine eher vorsichtige Schätzung sein dürfte. Man könnte auch einfach sagen: Alle die - se meist jungen Menschen stehen unter dem Schock dessen, was sie erlebt oder gar selbst angerichtet haben. Niemand von ihnen wird diesen Krieg je wieder los. Fast eine Volkskrankheit dürfte es werden, an - gesichts der weit mehr als zwei Millionen Soldaten, welche die USA inzwischen in den Irak und nach Afghanistan geschickt haben: eine neue Generation der Gezeich - neten in Amerika, die Generation 9/11. Die Zahl der Selbstmorde in ihren Reihen ist alarmierend hoch: Nicht weniger als achtzehn Kriegsheimkehrer nehmen sich Tag für Tag in den USA das Leben, so die offiziellen Statistiken. Das sind innerhalb

eines Jahres mehr als alle bisherigen US-Kriegstoten in Afghanistan und Irak zusammen. Einer von fünf Selbstmör - dern in Amerika ist ein Veteran. Dabei ist die nach oben geschnellte Suizidrate

tatsächlich nur einer von vielen bedrücken - den Indikatoren, die dokumentieren, wie sehr die Kriege an den Vereinigten Staaten zehren – menschlich, sozial, finanziell. Sie zerreißen das Gewebe der Gesellschaft. Die Kosten sind exorbitant und drohen die Ressourcen selbst dieses so reichen

]

unter PTBS, post -

Landes zu erschöpfen. [

] Seit mehr als

einem Jahrzehnt, seit dem 11. September

2001, befinden sich die USA in permanen -

tem Kriegszustand. [

nicht präsent, und doch bedrücken sie die Nation ungemein. […] Mehr als 6300 tote Soldaten hat Amerika in den vergangenen zehn Jahren zu beklagen, fast 4500 von ihnen im Irak. [ ] Die Bürde ist ungleich verteilt. Gemessen an der Bevölkerungszahl, wird ein über - großer Teil der Kondolenzbriefe aus dem Weißen Haus an Adressen in ländlichen Regionen Amerikas gegangen sein. Das hat das Online-Magazin The Daily Yonder ermittelt, das sich als Sprachrohr des länd - lichen Amerikas jenseits der großen Bal - lungszentren im Osten und Westen der USA sieht. Die Redaktion hatte im Jahr 2007 die Toten der Kriege in Afghanistan und Irak gezählt und festgestellt, dass, bezogen auf die Zahl der Männer im wehrfähigen Alter, doppelt so viele Gefallene aus ländlichen Gemeinden oder Kleinstädten stammten wie aus den Metropolen. […] Das war 2007, aber das Verhältnis dürfte sich seither nicht wesentlich verschoben haben. […] Auch bei den Versehrten der Kriege ist dieses Un - gleichgewicht zu beobachten. Mehr als 47 000 Soldaten wurden in dem Jahrzehnt seit 9/11 verwundet. Dank eines ausgeklü - gelten Rettungssystems können inzwischen viele Schwerstverletzte gerettet werden, die früher auf dem Schlachtfeld verblutet wären. Doch beinahe die Hälfte der Ver - wundeten wird für den Rest ihres Lebens medizinische Betreuung benötigen. [ ] In jedem Fall ist die VA, die Veteranen - verwaltung, heillos überfordert mit der Betreuung Zehntausender körperlich und Hunderttausender seelisch Versehrter.

]

Die Kriege sind

Gründe für dieses Versagen gibt es viele:

Gleichgültigkeit, bürokratische Desorga - nisation oder schlicht die Tatsache, dass zu Beginn von Amerikas „Global War on Terror“ niemand ahnte, wie viele Schwerst - verwundete von den Fronten der Welt nach Hause zurückkehren würden. [

Diese menschlichen „Kosten“, so bitter sie auch sind, machen tatsächlich jedoch nur einen Teil der Bürde aus, die Amerika seit dem 11. September zu schultern hat. Auch finanziell sind die Kriege für das Land ein Desaster. Der Congressional Research Service, der unabhängige wissen - schaftliche Dienst des US-Parlaments, bezifferte die direkten Ausgaben für das Militär im ersten Jahrzehnt nach 9/11 auf nicht weniger als 1,3 Billionen Dollar. 800 Milliarden davon wurden in den Irakkrieg gesteckt, gut 440 Milliarden in Operationen in Afghanistan, der Rest in den Ausbau von Stützpunkten rund um den Globus und in Hilfsprogramme in Af - ghanistan und Irak. Das war im Frühjahr 2011. [ ] Die wahren Kosten des militärischen En - gagements seit dem 11. September dürften indes noch weitaus höher liegen. Der linke Ökonom und Wirtschaftsnobelpreis - träger Joseph Stiglitz taxiert sie auf mittlerweile über drei Billionen Dollar. Und laut Forschern von der Brown University, einer der US-Elitehochschulen, werden die Kriegskosten sich am Ende auf 3,7 Billio - nen Dollar belaufen – Zinszahlungen noch nicht miteinbezogen. [ ]

]

Mit freundlicher Genehmigung des Berlin Verlages in der Piper Verlag GmbH. Reymer Klüver / Christian Wernicke, Amerikas letzte Chance, © 2012 Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, S. 159 ff.

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Die Bush/Ashcroft-Doktrin …

Justizminister John Ashcroft brachte das Rechtsverständnis der Bush-Regie - rung im Dezember 2001 vor dem Justizausschuss des Senats deutlich zum Ausdruck: „Herr Vorsitzender, Mitglieder des Ausschusses, wir befinden uns im Krieg gegen einen Feind, der individuelle Rechte ebenso missbraucht wie Passagierflugzeuge: als Waffen zum Töten von Amerikanern. Wir haben darauf reagiert, indem wir den Auftrag des Justizministeriums neu definiert haben. Unsere Nation und ihre Bürger gegen terroristische An - griffe zu verteidigen, ist nunmehr unsere erste und vorrangige Aufgabe.“

… und ihre Probleme

An den einzelnen Bereichen, in denen die Problematik der Einschränkung persönlicher Freiheitsrechte vor allem auch internationale Aufmerksam - keit erregte, lässt sich erkennen, dass die Verantwortlichen zwischen zwei Klassen von Rechtsträgern unterschieden: zwischen amerikanischen - Bürgern und „Nicht-Amerikanern“. Ungeachtet der verfassungsrechtlichen „due process“– bzw. „equal protection“-Bestimmungen, in denen vom Schutz der individuellen Freiheitsrechte „jeder Person“ (any person) die Rede ist, genossen die sich in den USA aufhaltenden Ausländerinnen und Ausländer nach Auffassung der Bush-Administration grundsätzlich nicht den gleichen Rechtsschutz wie die Staatsbürgerinnen und Staatsbürger der Vereinigten Staaten. Wenn sie als mutmaßliche Terroristen eingestuft wurden, hatten sie zudem auch noch diesen „minderen Anspruch“ verwirkt. Sie wurden gar als Outlaws (Gesetzlose) behandelt, wenn sie sich nicht auf dem souveränen Staatsgebiet der Vereinigten Staaten befanden – wie die gefangenen Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer auf dem US-Marine - stützpunkt in Guantánamo Bay, Kuba. Unter den jahrelang Inhaftierten befanden sich auch viele, die irrtümlich festgenommen wurden. Die Entscheidung, wer welche Rechte „verdiente“, wurde a priori von der Exe - kutive getroffen. Die Bush-Administration versuchte dabei auch, sich der Kontrolle juristischer und parlamentarischer Instanzen zu entziehen.

Befürworter dieses Vorgehens sehen die außerordentlichen Machtbefugnisse der Exekutive durch die alles überragende Schutzrolle des Obersten Befehlshabers legitimiert. Aus die - ser Sicht erscheint es vertretbar, dass in Kriegszeiten das zivile Recht, das stärker den Anspruch auf individuelle Freiheits - rechte betont, zum Kriegsrecht mutiert, in dem der kollektive Sicherheitsaspekt alle anderen überragt. In den verschiedenen Problembereichen lässt sich entsprechend ein gemeinsamer Nenner ausmachen: Es geht weniger um die strafrechtliche Verantwortung einzelner Täter und deren Verfolgung wegen begangener Taten, sondern vielmehr um die allgemeine Ver - hinderung künftiger Attentate. Denn wie Justizminister Ash - croft in seiner Ansprache bei der U.S. Attorneys Conference in New York am 1. Oktober 2002 erklärte, war die „Kultur der Hemmung“ (culture of inhibition) vor dem 11. September „so stark auf die Strafverfolgung begangener Straftaten fokus - siert, dass sie die Prävention künftiger Terroranschläge ein - schränkte.“ (Auszüge in Siobhan Gorman, There Are No Second Chances, in: National Journal vom 21.12.2002) Nicht wenige Beobachter sahen in dieser Praxis aus verfas - sungsrechtlicher Warte hingegen ein gefährliches Wagnis, bei dem die im politischen System der USA fest verankerten Prin - zipien der checks and balances ausgehebelt zu werden droh - ten. Kenntnisse der amerikanischen Geschichte begründen diese Befürchtungen: In einer eingehenden Analyse mit dem Titel „All the Laws but One: Civil Liberties in Wartime“ warn - te William Rehnquist, bis zu seinem Tode Anfang September

2005

Chief Justice (Oberster Richter) des Supreme Court, bereits

1998

vor der Gefahr, dass der Oberste Befehlshaber in Kriegs -

zeiten durch zusätzliche Machtbefugnisse dazu verleitet wird, den konstitutionellen Rahmen zu überdehnen.

Lauschen erlaubt

[…] Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 meint die Mehrheit der Amerikaner, dass bei Terrorgefahr die Privatsphäre zu - rückstehen müsse. 56 Prozent geben laut einer Langzeitstudie des renommier - ten Pew Research Center der Sicherheit den Vorrang und finden es „akzeptabel“, dass Telefon- und Internetdaten gespei - chert werden. [ ] Das heißt nicht, dass die Überwachung in den USA keine Regeln und Grenzen hätte. Bevor die National Security Agency (NSA) massenhaft Daten sammeln darf und die Geheimdienste abhören dürfen, müssen sie nicht nur den Justizminister um Erlaubnis bitten, sondern auch ein Geheimgericht, den Foreign Intelligence Surveillance Court (FISA-Gericht). Jedenfalls, wenn im Laufe der Überwachung Amerikaner betroffen sein könnten. Die bloße Kontrolle der Nachrich - tendienste durch einen parlamentarischen Ausschuss, wie in Deutschland, reicht nicht. Das letzte Wort hat die dritte Gewalt – auch wenn das FISA-Gericht ein seltsames Tribunal ist, weil es nicht öffentlich operiert und die möglichen Opfer nicht anhört.

Im Keller eines klotzigen Justizgebäudes, auf halber Wegstrecke zwischen Wei - ßem Haus und Kapitol, entscheiden elf Bundesrichter in einem fensterlosen, abhörsicheren Raum über die Anträge der Nachrichtendienste. Kein Wort dringt aus den Sitzungen, die Urteile bleiben unter Verschluss. [ ] Die Richter genehmigen nicht nur das Ausspähen im konkreten Einzelfall. Seit den Anschlägen vom 11. September sind sie überdies eine Art verfassungs - rechtliches Gutachtergremium und prü - fen, ob auch die im Rahmen des Anti - terrorkampfs beantragten unspezifischen flächendeckenden Überwachungsmaß - nahmen rechtmäßig sind. Dazu zählt die massenhafte Speicherung von Verbin - dungs- und Inhaltsdaten mithilfe von Google, Yahoo oder Facebook sowie der Telefonfirma Verizon. 1978 wurde das FISA-Gericht ins Leben gerufen. Es war die Antwort auf den Wa - tergate-Skandal und das hemmungslose Aushorchen angeblicher Staatsfeinde. Unter dem Vorwand des Spionageverdachts und der Gefährdung der nationalen Sicherheit hatten Amerikas Präsidenten

reihenweise Vietnamkriegsgegner, Bürger - rechtler und politische Konkurrenten ausleuchten lassen. Der Kongress stoppte diese Willkür. Seither liegt der Schutz der Privatsphäre maßgeblich in den Händen dieser elf Richter. Ihre Rechtsphilosophie kennt man nicht, sie lässt sich allerdings erahnen: Zehntausende von Überwa - chungsanträgen wurden in 35 Jahren ge - nehmigt und nur fünf oder sechs abge - lehnt. Auch die massenhafte Speicherung von Vorratsdaten ließen die Richter jedes Mal anstandslos passieren. […] Allerdings ist dies […] weder Pflichtver - gessenheit noch Zufall. „Verfassungen“, sagt Jeffrey Rosen, Datenschutzexperte, Juraprofessor an der George-Washington - Universität und einer der besten Kenner der transatlantischen rechtspolitischen Mentalitätsdifferenzen, „sind immer auch ein Spiegel der nationalen Geschich - te, der Kultur und Psychologie.“ Wenn Amerikaner an die Terrorgefahr denken, erinnern sich Deutsche an die Überwa - chungsapparate der Gestapo und der Stasi. [ ]

Martin Klingst, „Lauschen? Wir sind so frei“, in: DIE ZEIT Nr. 30 vom 18. Juli 2013

24

Politisches System der USA

Zwar hat Bushs Nachfolger, der seit dem 20. Januar 2009 am - tierende Präsident Barack Obama, sich gleich in seiner Anspra - che zur Amtseinführung von der Politik seines Vorgängers distanziert. Doch sind seinen Worten bislang wenige Taten ge - folgt. Mittlerweile ist über die Medien ans Tageslicht gekom - men, dass viele Sicherheits- und Geheimdienstpraktiken der Bush-Administration von der Obama-Regierung im Dunkeln weitergeführt bzw. in vielen Bereichen sogar noch forciert wurden.

Sicherungsinstanz Judikative

Auch die Frage, ob die Rechtsprechung der Exekutive ihre Gren - zen aufzeigen könnte, beurteilte der Oberste Richter skeptisch:

„Wenn die (höchstrichterliche) Entscheidung getroffen wird, nachdem die Kriegshandlungen beendet sind, ist es wahr - scheinlicher, dass die persönlichen Freiheitsrechte favorisiert werden, als wenn sie getroffen wird, während der Krieg noch andauert“, so William Rehnquist 1998 im oben erwähnten Buch. Obschon zivilgesellschaftliche Interessengruppen vereinzelt ei - nige Teilerfolge vor Gericht erzielen und einschlägige Urteile er - wirken konnten, wurden diese in der Regel nach Gegenhalten der Exekutive von höheren Instanzen wieder zurückgewiesen oder für nicht rechtskräftig erklärt. Letztendlich sind solche Fälle dann von der höchsten richter - lichen Instanz, dem Supreme Court, zu entscheiden. Die Urteile der neun Richterinnen und Richter beeinflussen unter ande - rem auch die Kräfteverhältnisse der politischen Gewalten im US-System der checks and balances. So wurden die Versuche der Regierung George W. Bushs, die eigenen Machtbefugnisse auf Kosten der Legislative und Judikative auszuweiten, vom Supreme Court verurteilt – unter anderem mit der Rechtspre - chung vom Juni 2008 (Boumediene et al v. Bush et al). Die Rich - ter entschieden, dass die „Habeas Corpus“-Bestimmung auch für Guantánamo Geltung habe, woraufhin fünf der sechs kla - genden Guantánamo-Häftlinge im November 2008 entlassen wurden. Dieses Urteil erging allerdings mit einer knappen Mehrheit von fünf gegen vier Stimmen. Dabei haben die bei - den von Präsident Bush ernannten Richter Samuel A. Alito und Chief Justice John G. Roberts, Jr. in ihrer Minderheitsmeinung den Machtanspruch und die Vorgehensweise des Präsidenten im Globalen Krieg gegen den Terror gebilligt. Mit jeder Neubesetzung von Richterämtern am Supreme Court stehen mit einer möglichen Veränderung der Mehr - heitsverhältnisse auch grundlegende, für die Qualität der amerikanischen Demokratie ausschlaggebende Entscheidun - gen auf dem Spiel. So konnten die Obersten Richter auch eine der größten Verfassungskrisen der jüngsten US-amerikani - schen Geschichte entschärfen, indem sie im Fall Bush v. Gore am 12. Dezember 2000 den Ausgang der heftig umstrittenen Präsidentschaftswahl zugunsten des Republikaners George W. Bush entschieden. Trotz dieser fundamentalen Kontroversen genießt der Su - preme Court in der US-Bevölkerung höchste Autorität. Seine Zustimmungsraten übertreffen bei Weitem die Werte der an - deren politischen Gewalten, namentlich des Kongresses und des Präsidenten. Doch sind auch die Rechtsprechungen des Obersten Ge - richts nicht in Stein gemeißelt. Im Laufe der Entwicklung der USA von einer Agrar- über eine Industrie- hin zu einer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft mussten die Richter immer wieder neue Realitäten mit den (interpre -

ackBrDennis/vlando/alliancepicture
ackBrDennis/vlando/alliancepicture

Sitz des Supreme Court, der höchsten richterlichen Instanz, in Washing - ton, D.C. …

vlando/alliancepicture
vlando/alliancepicture

und seine neun derzeitigen Mitglieder: (v.li.n.re.) Clarence Thomas, So - nia Sotomayor, Antonin Scalia, Stephen Breyer, Chief Justice John Roberts, Samuel Alito, Anthony Kennedy, Elena Kagan und Ruth Bader Ginsburg

Alito, Anthony Kennedy, Elena Kagan und Ruth Bader Ginsburg Das Gerichtssystem der USA In der Justiz

Das Gerichtssystem der USA

Kagan und Ruth Bader Ginsburg Das Gerichtssystem der USA In der Justiz der USA herrscht ebenso
Kagan und Ruth Bader Ginsburg Das Gerichtssystem der USA In der Justiz der USA herrscht ebenso

In der Justiz der USA herrscht ebenso das Prinzip der Gewaltenteilung – zwischen der Bundesgerichtsbarkeit und der Jurisdiktion der Einzelstaaten, die parallel existieren. Daneben gibt es auch noch die außerhalb der Judikative urteilenden Militärgerichte (Military Courts).

Die Bundesgerichtsbarkeit besteht aus drei Instanzen: Auf der untersten Ebene richten 94 District (Trial) Courts, darüber stehen 13 Berufungsgerichte (Appellate Courts), deren Urteile wiederum vom Obersten Gericht (Supreme Court) revi - diert werden können. Der Supreme Court besteht aus neun Richterinnen und Richtern, die auf Lebenszeit berufen werden. Sie werden vom Präsidenten ernannt und müssen von der Legislative, namentlich vom Senat, gebilligt werden.

Die Gerichte der Einzelstaaten sind hauptsächlich für Zivil- und Strafsachen zuständig. Jeder Einzelstaat hat sein eigenes, mehr - stufig aufgebautes Gerichtssystem und seine eigenen Strafzumessungen. So gilt in einigen Staaten noch die Todes - strafe, während sie in anderen bereits ab - geschafft wurde. Auch die Berufung der Richter ist unterschiedlich: Je nach Bundesstaat werden Richter entweder direkt vom Volk gewählt oder politisch, das heißt von der jeweiligen Exekutive und Legislative ernannt.

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

25

tierbaren) Verfassungsgrundsätzen in Einklang bringen. Doch die Interpretationsfähigkeit des Verfassungstextes ist bis heute umstritten. Während die einen den Text der Ver - fassung nur gemäß der „ursprünglichen Absicht“ (original intent) ihrer Väter auslegen wollen, sehen die anderen im Verfassungstext ein „lebendes Dokument“ (living document). Dementsprechend fordern erstere juristische Zurückhaltung (judicial restraint) und verurteilen den Standpunkt der ande - ren Gruppe, die weite rechtliche Auslegung, als Aktionismus (judicial activism).

Bei einigen Urteilen geht es im wahrsten Sinne um Leben und Tod. Mit der Entscheidung des Obersten Gerichts zur Abtrei - bung (Roe v. Wade, 1973) wurden viele Gläubige politisiert. Die Liberalisierung des Abtreibungsrechts bedeutete die Geburts - stunde der politischen Bewegung der Christlich Rechten, kon - servativer evangelikaler und katholischer Interessengruppen und ihrer Wählerschaft, die sich seither im Sinne einer „mora - lischen Mehrheit“ verstärkt für die Republikaner engagieren. Sogenannte moralische Themen (moral issues) wie Abtreibung spalten nicht nur die Bevölkerung in Befürworter und Gegner,

Die amerikanischen Rechtsquellen

Häufig werden nur das geschriebene Recht und das Richterrecht als Quellen des amerikanischen Rechts unterschieden. […] Das sog. „constitutional law“ umfasst […] nach amerikanischem Verständnis nicht nur die in der Verfassung niederge - legten Normen, sondern auch deren jeweilige Interpretation durch den Su - preme Court. Unterhalb des „constitutional law“ ist das sog. „statutory law“ anzusiedeln, das die durch die gesetzgebenden Körper - schaften beschlossenen Normen inkl. ihrer Auslegung durch die Gerichte umfasst.

Nochmals eine Stufe niedriger steht das sog. „administrative law“, das weder dem „constitutional“ noch dem „statutory law“ entgegenlaufen darf und das als Aus - füllung der Lücken des „statutory law“ durch administrative Organe umschrieben werden kann. Letztlich ist das aus England importierte „common law“ zu nennen. Das „common law“ ist durch Gerichte gesetztes Recht, das in Streitfällen bei einem Fehlen gesetzlicher Normen entwickelt wird und das die späte - re Rechtsprechung bei gleichgelagerten Fäl - len präjudiziert. Da das „common law“ in seinem Rang hinter das geschriebene Recht zurücktritt, ist es leicht einsichtig, dass die -

ses Recht durch die vermehrten Aktivitäten der Legislativorgane im modernen Staate allmählich seine frühere Bedeutung verliert. Hierüber darf allerdings nicht vergessen werden, dass entscheidende Grundsätze des amerikanischen Rechts auf das englische „common law“ zurückgehen, […] z.B. die be - rühmte „due process of law“-Klausel, die die wichtigsten Verfahrensgrundsätze fest - schreibt und die – abgesichert im V. und XIV. Amendment der US-Verfassung – u.a. Eingriffe in Leben, Freiheit und Eigentum „without due process of law“ verbietet.

Emil Hübner / Ursula Münch, Das politische System der USA. Eine Einführung, 7., überarbeitete und aktualisierte Auflage, © Verlag C.H. Beck, München 2013, S. 158

Nominierungen für den Supreme Court

Für Nominierungen an den Supreme Court kann der Justizausschuss im Senat die schriftliche Stellungnahme der beiden Sena - toren aus dem Staat einholen, aus dem auch der Kandidat stammt. Wegen der blauen Briefbögen, auf denen die Gut - achten geschrieben werden, ist dieses Ver - fahren auch unter der Bezeichnung blue slip bekannt. Faktisch liegt damit das Schicksal eines Kandidaten in der Hand zweier Senatoren, die eine Anhörung von vornherein verhindern können. In diesem Netzwerk von politischen Abhängigkeiten offenbart sich das Potenzial für politisch motivierte Ernennungen. Kein Präsident kann es sich leisten, politisches Personal ohne eine Abstimmung mit Kongressabge - ordneten zu bestimmen, das gilt umso mehr, wenn der Abgeordnete oder Senator eine für den Präsidenten wichtige Rolle im Kongress einnimmt. Die Personalaus - wahl für die Bundesgerichte trägt deshalb durchaus Züge einer Patronagepolitik. Die typische Strategie für die Personal - auswahl, insbesondere für ein Amt am Su - preme Court, zielt nicht darauf ab, einzelne Entscheidungen zu beeinflussen, sondern

den Grundstein für eine langfristig ange - legte Doktrin zu legen. Die Auswahl von Richtern wird häufig als die am stärksten politisierte Dimension innerhalb der Judi - kative wahrgenommen. […] Über 90 % der Nominierungen stammen in der Tat aus dem Umfeld der Partei des Präsidenten. Zum Verdruss der Präsidenten […][ist d]ie Geschichte des Supreme Court […] [jedoch] reich an Beispielen, die eine Kluft zwischen den Erwartungen der Präsidenten und den Urteilen der Richter belegen. Präsident Eisenhower nominierte beispielsweise den Richter Earl Warren zum Chief Justice, der in der Folge mit seiner unerwartet liberalen Rechtsprechung maßgeblich an der amerikanischen Sozialpolitik der 1950/60er- Jahre beteiligt war, sehr zum Missfallen Eisenhowers. Ähnlich frustriert [waren zu Beginn der 2000er-Jahre] die Republikaner, deren Präsident George H.W. Bush in den 80er-Jahren Richter Souter im Glauben nominiert hatte, dass er ein zuverlässiger Konservativer sei. Judge Souter [vertrat] seit seiner Ernennung indes mit hoher Zu - verlässigkeit Demokratische Positionen. Laut Verfassung muss der Senat jedem Kandidaten zustimmen, bevor dessen Berufung rechtskräftig wird. Dafür befasst sich zunächst der Justizausschuss mit

Anhörungen der Kandidaten. […] Nach den Anhörungen im Ausschuss findet eine Abstimmung im Plenum statt. Eine einfache Mehrheit reicht aus, um einen Kandidaten zu bestätigen. Eine seit dem Ende des Zweiten Weltkrie - ges fest verankerte Praxis im Ernennungs - prozess ist die Empfehlung der American Bar Association […]. Sie gibt Empfehlungen als „very qualified“, „qualified“ und „not qua - lified“ heraus. In der Regel ist es für einen Kandidaten mit der Bewertung „not quali - fied“ aussichtslos, für ein hohes Richteramt ernannt zu werden. Die Qualifikation eines Richters wird vor allem dann zum ent - scheidenden Kriterium, wenn der Kandidat politisch vergleichsweise gemäßigt ist. In diesem Fall wird es für die opponierende Partei sehr schwierig, gegen einen mode - raten, hoch qualifizierten Richter anzugehen, weil sie sich damit selbst dem Vorwurf par - teipolitischer Stellungnahme aussetzt. Der Präsident kann natürlich auch, im Gegen - zug für die Unterstützung eines wichtigen Gesetzesvorhabens, einen Kandidaten der anderen Partei vorschlagen, wenn er glaubt, er oder sie teile im Allgemeinen seine po - litischen Ansichten.

Winand Gellner / Martin Kleiber, Das Regierungssystem der USA, Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2007, S. 120 ff.

26

Politisches System der USA

sondern beschäftigen seit Jahrzehnten die Politik und die diver - sen Instanzen im US-amerikanischen Justizsystem. Auch in der Jurisprudenz herrscht das Prinzip der vertikalen Gewaltenteilung – zwischen der Gerichtsbarkeit des Bundes und der Einzelstaaten, die parallel existieren. Ohnehin konkur-

rieren die Staaten mit dem Bund um Kompetenzen – das sind historisch angelegte, permanente Auseinandersetzungen, die im Laufe der US-amerikanischen Verfassungsgeschichte auch den Supreme Court immer wieder zu Grundsatzentscheidun - gen genötigt haben.

Gespalten wie die Gesellschaft – der Supreme Court

[…] Vorige Woche veröffentlichte der Obers - te Gerichtshof der Vereinigten Staaten binnen zwei Tagen vier Urteile, die enorme Folgen für Millionen Amerikaner haben werden. […] Zwei der […] Urteile waren besonders spektakulär. Im Fall Shelby County v. Holder verwarf das Verfassungsgericht mit fünf zu vier Stimmen einen der wichtigsten Paragrafen des Voting Rights Act, ein hart erkämpftes Gesetz von 1965, das den Schwarzen im amerikanischen Süden das volle Wahlrecht garantiert. Die Folge ist, dass die US-Regierung künftig nicht mehr darüber wachen darf, dass Minderheiten bei Wahlen in einzelnen Bundesstaaten nicht diskriminiert werden. Im Fall United States v. Windsor erklärte das Gericht, ebenfalls mit fünf zu vier Stimmen, den Defense of Marriage Act für nichtig. Dieses Gesetz von 1996 definierte „Ehe“ für verwaltungsrechtliche Zwecke als Gemeinschaft von Mann und Frau. Es verwehrte damit gleichgeschlechtlichen Paaren Steuerprivilegien, die heterosexuel - len Ehepaaren zustehen. Nach dem Urteil müssen alle US-Bundesbehörden nun homosexuelle Paare, die rechtmäßig ver - heiratet sind – derzeit ist das in etwa einem Dutzend Bundesstaaten möglich –, künf - tig wie heterosexuelle Paare behandeln. Auf den ersten Blick passen die bei - den Urteile nicht zusammen. An einem Tag kastrierte der Supreme Court eines der wichtigsten Bürgerrechtsgesetze der Ver - einigten Staaten – ein historischer Sieg für Amerikas Konservative. Doch nur 24 Stunden später jubelte das linksliberale Amerika über die Gleichstellung von homo - und heterosexuellen Ehepaaren. Dasselbe Gericht, das per Federstrich die Rechte der schwarzen Minderheit massiv beschnitten hatte, erweiterte im Gegenzug die Rechte der homosexuellen Minderheit erheblich. So jedenfalls erschien es. Auf den zweiten Blick ist das Hin und Her weniger erstaunlich. Der Unterschied zwi - schen den Urteilen besteht im Votum eines einzelnen Mannes: des Richters Anthony Kennedy. Er schlug sich im Wahlrechtsfall auf die Seite der vier konservativen Richter

am Supreme Court (John Roberts, Clarence Thomas, Antonin Scalia sowie Samuel Alito). Im Fall der Homo-Ehe stimmte der 77-Jährige dann mit den vier liberalen Rich - tern (Ruth Bader Ginsburg, Stephen Breyer, Sonia Sotomayor und Elena Kagan). […] Es war insofern nicht „das Gericht“, das die Urteile fällte. Sondern es standen sich bei beiden Urteilen wieder einmal die beiden altbekannten Vierergruppen gegen - über: Die vier liberalen Richter wollten den Minderheiten helfen. Sie stimmten für den Erhalt des Voting Rights Act und gegen das Ehegesetz. Die vier Konservativen […] dagegen […] stimmten gegen das Wahlgesetz und für die traditionelle Ehe. Es war Kennedy, der als Mehrheitsbeschaffer hin- und herpen - delte. […] Amerikas Oberstes Gericht tut gern so, als stünde es, allein der Verfassung verpflichtet, hoch über dem politischen All - tagsgezänk. Aber das ist ein Trugbild. Die neun Richter sind Juristen. Doch sie ma - chen mit ihren Urteilen pure Politik. [Chief Justice John] Roberts’ Urteilsbegründung im Wahlrechtsfall war in dieser Hinsicht eindeutig: Sein Argument gegen den Voting Rights Act – immerhin ein Gesetz, das der Kongress erst 2006 für weitere 25 Jahre bestätigt hatte – war, dass es keinen staatlich organisierten Rassismus im Süden mehr gebe. „Die Dinge haben sich drama - tisch verändert“, so sein Kernsatz – eine po - litische Feststellung, wohl kaum eine juristische Analyse. Im Fall der Homo-Ehe zogen sich Roberts und seine konserva-

tiven Kollegen, die tags zuvor dem Parla - ment noch so beherzt ins Steuer gegriffen hatten, dann wieder auf ihr Lieblingsargu - ment zurück: Das Gericht solle nicht Ge - setzgeber spielen und dem Kongress nicht dreinpfuschen. […] Wie politisch das Gericht inzwischen ist, zeigen einige Zahlen: Während es im Jahr 2005 nur elf Fünf-zu-vier-Entscheidungen gab, waren es in der abgelaufenen Sit - zungszeit 24. Das waren knapp 30 Prozent aller Urteile. Bei 70 Prozent dieser Urteile standen sich jeweils die beiden ideologisch geprägten Vierergruppen gegenüber. Und in 63 Prozent dieser Fälle gewann die kon - servative Seite. Daran ändert auch nichts, dass es just Roberts war, der voriges Jahr mit seinem Votum die bei den Republika - nern so verhasste Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama rettete: Der Wutschrei der Rechten damals war ein Wutschrei über einen Abtrünnigen, auf den man sich bis dahin verlassen konnte. Der Rechtsdrall des Gerichts wäre ver - kraftbar, wenn es sich nicht zunehmend – und zunehmend parteiisch – genau in die politischen Fragen einmischen würde, die das Land so tief spalten. Die Klage gegen den Voting Rights Act zum Beispiel hätte der Supreme Court nicht annehmen müssen. Chief Justice Roberts tat es trotz - dem. Und zwar, wie die Gerichtskorrespon - dentin der New York Times fast ungläubig feststellte, aus dem „blanken Willen, festgefügtes Recht zu verändern“. […]

Hubert Wetzel, „Die zerfallenden Staaten von Amerika“, in:

Süddeutsche Zeitung vom 6. Juli 2013

amahGrDouglas/agesImGetty/CallllRo
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Die 9. Stimme zählt: Im Juni 2013 erfreut eine Entscheidung des Supreme Court Demonstran - ten für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen. Kurz zuvor hatte er mit ebenso knappem Mehrheitsvotum den Voting Rights Act, ein wichtiges Antidiskriminierungsgesetz, beschnitten.

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

27

Vertikale Gewaltenteilung: Föderalismus

Wie ein roter Faden durchziehen die Konflikte zwischen den Einzelstaaten und der Bundesregierung die oftmals bluti - ge Geschichte der USA. Als sich 1776 die dreizehn britischen Kolonien für unabhängig von ihrem Mutterland erklärten, schlossen sie sich zunächst 1781 mit den Articles of Confede - ration zu einem Bund souveräner Staaten zusammen. Die massiven innen- und außenpolitischen Probleme infolge des Unabhängigkeitskrieges (1775-1783) nötigten sie jedoch, eine handlungsfähigere Einheit zu bilden. Sie gaben sich 1787 eine neue bundesstaatliche Verfassung. Dabei gab es heftige Aus - einandersetzungen zwischen den Wegbereitern einer starken Zentralregierung, den sogenannten Federalists, und den auf Ei - genständigkeit der Einzelstaaten pochenden Anti-Federalists. Während die einen den Bundesstaat befürworteten, wollten die anderen nur einen losen Staatenbund, eine Konföderation, die die Souveränität und Befugnisse bei den Einzelstaaten be - lassen hätte. Die Föderalisten behielten in der Verfassungsdebatte die Oberhand, und die Federalist Papers, die von Alexander Ha - milton, James Madison und John Jay unter dem Pseudonym „Publius“ verfassten Artikel, wurden aufgrund ihrer großen publizistischen Wirkung identitätsstiftend für die junge Na - tion. Es galt aber auch vorzubeugen, dass die neu geschaffene Regierung nicht in eine Tyrannei abglitt. Neben der horizon - talen Aufteilung in gesetzgebende, ausführende und richter - liche Gewalten sollte auch eine vertikale Gewaltenkontrolle ausgeübt werden, indem die Befugnisse zwischen der Bun - desregierung und den Einzelstaaten aufgeteilt wurden. Ge - mäß dem Konzept des dual federalism verfügten Bund und Einzelstaaten jeweils über eigene, voneinander abgegrenzte Aufgabenbereiche. Die Verfassung regelt, so der Kompromiss von 1787, dass die Bundesregierung nur die in Artikel I aufgeführten Vorrechte, die enumerated powers, ausüben darf, um die Rechte der Ein - zelstaaten zu wahren. Der 1791 hinzugefügte zehnte Verfas - sungszusatz spezifiziert denn auch, dass alle Kompetenzen, die nicht explizit dem Zentralstaat zugesprochen bzw. den

photosproject/EiseledarReinh
photosproject/EiseledarReinh

Symbol für die föderale Staatsordnung ist das „Star-Spangled Banner“, die Flagge der USA. 13 Streifen stehen für die 13 Gründerstaaten, 50 Sterne für die heutigen 50 Bundesstaaten.

Daten zu den Einzelstaaten der USA

Bundesstaat

Aufnahme in

Größe in

Einwohner (in 1000)

Pro-Kopf-Einkommen in

die Union*

km²

(2010)***

 

US-Dollar*** (2010)

Alabama

14.12.1819

135

293

4780

(23)

33

945

(42)

Alaska

03.01.1959

1 593 444

 

710

(47)

44

174

(8)

Arizona

14.02.1912

295

276

6392

(16)

34

999

(40)

Arkansas

15.06.1836

137

742

2916

(32)

33

150

(46)

California

09.09.1850

411

470

37

254

(1)

43

104

(12)

Colorado

01.08.1876

269

618

5029

(22)

42

802

(14)

Connecticut*

09.01.1788

14

358

 

3574

(29)

56

001

(1)

Delaware*

07.12.1787

 

6208

 

898

(45)

39

962

(20)

District of

 

177

 

602

(–)

71

044

(–)

Columbia****

     

Florida

03.03.1845

155

214

18

801

(4)

39

272

(24)

Georgia*

02.01.1788

152

750

9688

(9)

35

490

(37)

Hawaii

21.08.1959

16

729

1360

(40)

41

021

(17)

Idaho

03.07.1890

216

456

 

1568

(39)

32

257

(49)

Illinois

03.12.1818

150

007

12

831

(5)

43

159

(11)

Indiana

11.12.1816

94

328

6484

(15)

34

943

(41)

Iowa

28.12.1846

145

754

3046

(30)

38 281

(28)

Kansas

29.01.1861

213

110

2853

(33)

39 737

(21)

Kentucky

01.06.1792

104

665

4339

(26)

33

348

(44)

Louisiana

30.04.1812

134

275

4533

(25)

38

446

(26)

Maine

15.03.1820

87

388

 

1328

(41)

37

300

(29)

Maryland*

28.04.1788

31

849

 

5774

(19)

49

025

(4)

Massachu -

06.02.1788

23

934

6548

(14)

51

552

(2)

setts*

   

Michigan

26.01.1837

250

465

9884

(8)

35

597

(36)

Minnesota

11.05.1858

225

182

5304

(21)

42

843

(13)

Mississippi

10.12.1817

125

060

2967

(31)

31

186

(50)

Missouri

10.08.1821

180

546

5989

(18)

36

979

(32)

Montana

08.11.1889

380

849

 

989

(44)

35

317

(38)

Nebraska

01.03.1867

200

358

1826

(38)

39

557

(22)

Nevada

31.10.1864

286

367

 

2701

(35)

36

997

(31)

New

21.06.1788

24

044

 

1316

(42)

44

084

(9)

Hampshire*

     

New Jersey*

18.12.1787

21

277

8792

(11)

50

781

(3)

New Mexico

06.01.1912

314

939

2059

(36)

33

837

(43)

New York*

26.07.1788

139

833

19

378

(3)

48

821

(5)

North Caro - lina*

21.11.1789

136

421

9535

(10)

35

638

(35)

North Dakota

02.11.1889

183

123

 

673

(48)

40

596

(18)

Ohio

01.03.1803

116

103

11

537

(7)

36

395

(34)

Oklahoma

16.11.1907

181

048

 

3751

(28)

36

421

(33)

Oregon

14.02.1859

251

571

3831

(27)

37

095

(30)

Pennsylva -

12.12.1787

119

291

12

702

(6)

41

152

(16)

nia*

     

Rhode Island*

29.05.1790

 

3189

1053

(43)

42

579

(15)

South Caro - lina*

23.05.1788

80

779

4625

(24)

33

163

(45)

South Dakota

02.11.1889

199

744

 

814

(46)

38

865

(25)

Tennessee

01.06.1796

109

158

6346

(17)

35

307

(39)

Texas

29.12.1845

692

248

25

146

(2)

39

493

(23)

Utah

04.01.1896

219

902

2764

(34)

32

595

(48)

Vermont

04.03.1791

24

903

 

626

(49)

40

283

(19)

Virginia*

25.06.1788

109

625

8001

(12)

44

762

(7)

Washington

11.11.1889

182

949

6725

(13)

43

564

(10)

West Virginia

19.06.1863

62

759

1853

(37)

32

641

(47)

Wisconsin

29.05.1848

169

643

5687

(20)

38

432

(27)

Wyoming

10.07.1890

253

349

 

564

(50)

47

851

(6)

USA

 

9 629 091

310 955

 

40 584

 

insgesamt**

*

**

***

Bei den dreizehn Gründerstaaten ist das jeweilige Datum der Ratifizierung der Verfassung angegeben. Die Differenzen zwischen Einzelsummen und Gesamtsumme ergeben sich aus den nicht aufgeführten Außengebieten (z.B. Puerto Rico). Die Ziffern in den Klammern geben die Reihenfolge der Bundesstaaten an.

**** (Bundesdistrikt mit der Hauptstadt Washington, der als neutrales Territorium zu keinem Bundesstaat gehört und dem Kongress der USA unmittelbar untersteht – Anm. d. Red.)

Quellen: Angaben für die Eintrittsdaten: Udo Sautter, Die Vereinigten Staaten. Daten, Fakten, Do - kumente, Tübingen 2000, S. 619 (Florida und West Virginia wurden geringfügig korrigiert); für die Einwohnerzahlen 2010: US Census Bureau: Census 2010 resident people of states and D.C.; für Einkommen 2010: Statistical abstract of the United States of America. Hg. vom US-Department of Commerce, Washington 2012, S. 269

Emil Hübner / Ursula Münch, Das politische System der USA. Eine Einführung, 7., überarbeitete und aktualisierte Auflage, © Verlag C.H. Beck, München 2013, S. 20 f. (Quellennachweis auf S. 176 unter 4)

28

Politisches System der USA

Kompetenzverteilung im föderalen System der USA

Bundeskompetenzen

Konkurrierende

Kompetenzen der

Kompetenzen

Einzelstaaten

¬ Währungsangelegen -

¬ Steuererhebung

¬ Organisation von

heiten

Wahlen

¬ Enteignung zum

¬ Regulierung des Handels mit anderen Nationen und zwischen den Einzelstaaten (interstate commerce)

öffentlichen Nutzen

¬ Regulierung des Handels innerhalb des Ein - zelstaates (intrastate

gegen entsprechende

Entschädigung

commerce)

¬ Recht zur Kreditauf - nahme

¬ Schutz der öffentlichen

¬ Erhebung von Import - zöllen

Wohlfahrt, Sicherheit

¬ Gründung von Banken und Unternehmen

und Sitten

¬ Pflege der auswärtigen Beziehungen und Ab - schluss von Verträgen

¬ Etablierung einer repu -

¬ Verabschiedung und

Durchsetzung von

blikanischen Regie - rungsform auf einzel - staatlicher und lokaler

Gesetzen

¬ Verabschiedung von

¬ Finanzierung der allge - meinen Wohlfahrt

Ebene

„notwendigen und

geeigneten“ Gesetzen

¬ alle Kompetenzen, die

¬ Einrichtung von Ge -

richtshöfen

nicht explizit dem Bund

¬ Erklärung und Führung von Kriegen

zugewiesen bzw. den Einzelstaaten vorent - halten sind

¬ Regulierung des Post - wesens

 

Quelle: Lee Epstein / Thomas G. Walker, Constitutional Law for a Changing America. A Short Course, 3. Aufl., Washington D.C. 2005, S. 176; zitiert nach Wolfgang Welz, „Die bundeseinheitliche Struktur“, in: Wolfgang Jäger u.a. (Hg.), Regierungssystem der USA, 3. Aufl., München / Wien:

Oldenbourg-Verlag 2007, S. 69-98, hier S. 73

Einzelstaaten entzogen werden, bei den Einzelstaaten liegen. Weniger eindeutig sind jedoch jene Befugnisse, die aus den enumerated powers abgeleitet werden können: namentlich die impliziten, implied powers. Das sind insbesondere Kom - petenzen, die Washington entsprechend der necessary and proper clause in Form von „notwendigen und angemessenen“ Gesetzen für sich beansprucht, um seine verfassungsmäßi - gen Rechte und Pflichten zu erfüllen. Auch die general welfare clause, gemäß der die Zentralregierung für das Gemeinwohl zu sorgen hat, ist vielfältig interpretierbar. Bei Streitigkeiten zwischen Bundesstaat und Einzelstaaten entscheidet der Supreme Court. Historische Grundsatzent - scheidungen der Obersten Richter haben die Ausgestaltung des Föderalismus maßgeblich bestimmt. Insbesondere nutzte der Oberste Richter und überzeugte Federalist John Marshall seine Amtszeit (1801-1835) dazu, die Generalklauseln (neces - sary and proper clause, general welfare clause, commerce clause) zugunsten erweiterter Bundesvollmachten auszulegen. In ihrer Urteilsfindung waren die Richter jedoch meistens von sozioökonomischen Entwicklungen und politischen Entschei - dungen beeinflusst oder haben diese sogar nachvollzogen bzw. legitimiert (so Michael Bothe 1982, S. 144). Als Reaktion auf nationale Krisen, etwa auf die Weltwirt - schaftskrise in den 1930er-Jahren, wurden die Bundeskompe - tenzen erweitert. So bereitete die „Große Depression“ den Weg für den Sozialstaat. Um dem Marktversagen zu begegnen, regulierte die Bundesregierung unter der Führung von Präsi - dent Franklin D. Roosevelt in einem „New Deal“ neue Bereiche (etwa die Finanzmärkte), kümmerte sich auch um die Fürsor - ge für arme, kranke und alte Menschen und übernahm Kom - petenzen, die vorher den Einzelstaaten oblagen, zum Beispiel Straßenbau, Ausbau der Energie- und Kommunikationsnetze und andere Infrastrukturleistungen. Der Bund unterstützt seitdem die zunehmend überforder - ten Einzelstaaten in ihren Aufgaben mit üppigen Geldzuwei - sungen (federal grants-in-aid). In den knapp vier Jahrzehnten

( federal grants-in-aid ). In den knapp vier Jahrzehnten Office of Management and Budget, Budget of

Office of Management and Budget, Budget of the United States Government, Fiscal Year 2013, Historical Tables, Washington 2013, S. 251-252, http://www.whitehouse.gov/sites/default/files/

omb/budget/fy2013/assets/hist.pdf

von 1930 bis 1968 stiegen die Bundeszuweisungen von 120 Millionen auf 19 Milliarden Dollar, wie Stephen J. Wayne u. a. in „Conflict and Consensus in American Politics“, Belmont 2007, S. 75 f. nachweisen. Im Zuge dieser Zusammenarbeit, des soge - nannten cooperative federalism, wurde der von den Gründer - vätern angelegte Dualismus (dual federalism) überlagert. Spätestens in den 1980er-Jahren fühlten sich jedoch viele Einzelstaaten durch die „goldenen Zügel“ Washingtons ge - gängelt. Denn mit Hilfe des sogenannten Regulierungsfödera - lismus konnte der Bund in die Einzelstaaten „hineinregieren“, etwa indem er die Sozial- und Infrastrukturhilfen nicht nur mit Regulierungsauflagen verband, sondern die Mittel auch nach parteipolitischen und wahltaktischen Erwägungen ver - gab. Da außer Vermont alle Einzelstaaten zu ausgeglichenen Haushalten verpflichtet sind, das heißt keine Schulden ma - chen dürfen, sind sie umso mehr vom Bund abhängig. Mit seinem Dezentralisierungsprogramm des „New Federa - lism“ wollte Präsident Ronald Reagan dem „big government“, das mit dem „New Deal“ Roosevelts geschaffen und von den Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson ausgebaut worden war, zu Leibe rücken. Die sogenannte devolution, das heißt die Übertragung administrativer Verantwortung an die Einzelstaaten, hat indes nicht viel bewirkt – im Gegenteil: Die Bundeszuweisungen sind im Laufe der folgenden Jahrzehnte weiter gestiegen, und sie sind restriktiver geworden: Ende der 1970er-Jahre machten die für spezifische Zwecke gebundenen categorial grants drei Viertel und die allgemeinen, mit weitem Verwendungsspielraum versehenen block grants ein Viertel aus. In den 1990er-Jahren ist deren Anteil nach Berechnungen von Wolfang Welz (2007) gar auf ein Zehntel geschmolzen. Der Bund hat offensichtlich die „goldenen Zügel“ weiter gestrafft. Denn zweckgebundene Zuwendungen helfen auch den Re - gierungsvertretern in Washington bei ihrer Wiederwahl: Die Wohltaten für die Einzelstaaten bzw. Wahlkreise können damit von den Wählern besser den federführenden Senatoren und Abgeordneten zugerechnet werden.

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

29

Schulden und Lasten – Herausforderungen für die Bundesstaaten

[…] Zu den Schulden, die Amerika zu überrollen drohen, gehören die Lasten der social security. Die staatliche Ren - tenpflichtversicherung für Angestellte bildet die Grundabsicherung für viele Amerikaner – für neun von zehn Rentnern ist es die Haupteinnahme - quelle. Derzeit erhalten 58 Millionen

Bundesstaaten klafft laut der jüngsten Untersuchung des Washingtoner Forschungsinstituts Pew Center on the States zwischen Leistungszusagen und dem Fondsvermögen eine Lücke von knapp 1,4 Billionen Dollar. Städte und Gemeinden haben zusätzlich eine Deckungslücke von 217 Milliarden

eine social security-Rente. Diese Zahl

Dollar. Noch alarmierender: Bei 34 der

wird sich deutlich erhöhen, weil sich die

50

Staatsfonds ist die Deckung unter

geburtenstarken Jahrgänge aufs Al -

80

Prozent gerutscht, ein Wert, der als

tenteil zurückziehen. Doch die Beiträge der Versicherten reichen bereits heute nicht mehr zur Finanzierung aus. Seit Kurzem hat die Rentenversicherung damit begonnen, die Rentenauszahlungen aus ihrem Treuhandfonds zu bezuschussen, der als Sicherheit hinterlegt worden war. Wenn es keine Reform gibt, wird nach den Prognosen der social security-Be - hörde der Fonds bis 2033 ausgeschöpft sein und eine Deckungslücke von 633 Milliarden Dollar klaffen. Bis 2045 wird diese Lücke auf über eine Billion Dollar angestiegen sein. Doch social security gilt in der ameri - kanischen Politik als third rail – das ist die Strom führende Schiene der Washingtoner U-Bahn: Wer sie anfasst, ist sofort tot. Denn social security ist eines der beliebtesten staatlichen Pro - gramme – selbst die junge Genera - tion plädiert bei Umfragen für eine Bei - behaltung des Systems. Obwohl die unumgängliche Reform der Altersvor - sorgesysteme sowohl von den Demo - kraten als auch von den Republikanern immer wieder beschworen wird, liegen bisher keine konkreten Vorschläge auf dem Tisch. […] Das Problem einfach wegzudrücken können sich die Bundesstaaten nicht

kritisch für die langfristige Finanzier - barkeit gilt. […] Wie sind die Fonds in diese Schieflage geraten? Es war die Finanzkrise und die anschließende Rezession. Doch die Katastrophe hat sich lange angebahnt. Attraktive öffentliche Altersbezüge halfen öffentlichen Verwaltungen, im Wettbewerb mit privaten Arbeitgebern mitzuhalten, die mit höheren Gehäl - tern und besseren Aufstiegschancen lockten. Bald erkannten auch Kom - munalpolitiker, dass sich Pensionsver - sprechen im Wahlkampf einsetzen ließen. Vor allem Demokraten, die den öffentlichen Gewerkschaften nahe - stehen, erwiesen sich als großzügig. […] „Das System ist voller Interessen - konflikte“, sagt Kritiker Joe Nation. „Der Steuerzahler kommt dabei regelmäßig unter die Räder.“ Es half, dass die Erhö - hungen scheinbar kostenlos zu haben waren. Die zusätzlichen Ausgaben wür - den einfach durch höhere Anlagege - winne finanziert werden, erklärten die Pensionsverwalter. Die Pensionsfonds verabschiedeten sich von der konser - vativen Anlagestrategie ihrer Anfangs - zeiten, als sie fast ausschließlich auf US-Staatsanleihen setzten. Tatsächlich sind die Fonds heute mit die einfluss - reichsten Investoren der Wall Street, sie

mehr leisten. Je nach Hochrechnungen liegen die Pensionszusagen von Bun - desstaaten und Kommunen bei drei Billionen Dollar, manche Experten hal - ten eher vier Billionen für realistisch. […] Es gibt über 3000 Fonds in den USA, aus denen Pensionen und Gesundheits - vorsorge für öffentlich Bedienstete – vom Polizisten bis zum Universitätspro - fessor – bezahlt werden. Doch was die Altersversorgung der 27 Millionen Amerikaner im öffentli - chen Dienst sichern sollte, hat sich als Zeitbombe herausgestellt, die die öffentlichen Kassen sprengt. Denn wenn die Fonds schlecht wirtschaften, muss der Steuerzahler die Lücken schließen. Bei den Pensionsfonds der

kaufen Aktien, Immobilien und stecken Milliarden in Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften. Doch die Renditekalkulationen stellten sich als übertrieben optimistisch heraus. Immer wieder erlitten die Fonds schwere Verluste. Die verheerende Finanzkrise von 2008 riss Deckungslü - cken von historischen Ausmaßen auf, die nun die Tragfähigkeit der Fonds selbst infrage stellen. Um die Verluste einigermaßen wettzumachen, müssen die öffentlichen Kassen weit mehr als zuvor in die Pensionsfonds abführen – während die Kommunen und Bundes - staaten selbst noch immer unter den Folgen der Wirtschaftskrise leiden. […] „Je höher die Beiträge, desto weniger

bleibt für Schulen, Hospitäler, Straßen, Bibliotheken“, sagt Steven Malanga vom konservativen New Yorker Think - tank Manhattan Institute. Seit sich die Folgen des Pensionsfias - kos bei den Wählern so direkt be - merkbar machen, reagieren auch die Politiker. Es ist mächtig Bewegung in die Reformen gekommen. Fast alle Fonds haben begonnen, Leistungen zu reduzieren. Einige […] haben ihr System grundlegend geändert und zahlen künftig Altersvorsorgezuschüsse, statt eine feste Pension zuzusichern. Noch ist unsicher, ob der große Pensions - schock so verhindert werden kann. […]

Heike Buchter, „Amerika auf der Klippe“, in: DIE ZEIT Nr. 10 vom 28. Februar 2013

Amerikanische Altlasten

Regierung, Bundesstaaten, Städte und Firmen in den USA ächzen unter hohen Verpflichtungen:

¬

633

Milliarden Dollar werden der

staatlichen Pflichtversicherung Social

Security bis 2033 fehlen.

¬

327

Milliarden Dollar groß ist die Lücke

bei den 100 US-Unternehmen mit Betriebspensionskassen.

¬

1,4 Billionen Dollar beträgt die Un - terdeckung bei den Pensionsfonds der Bundesstaaten.

¬

217

Milliarden Dollar fehlen den

61 US-Metropolen, um ihre Pensionen zu finanzieren.

¬

630

Milliarden Dollar weitere Rück -

stellungen sind für die Pensionen von

Bundesbeamten erforderlich.

Quellen: CBO-Rechnungshof, FERS, Pew Center on the States, Milliman

30

Politisches System der USA

Temporale Kontrolle: Macht auf Zeit durch Wahlen

Alle Macht geht vom Volke aus. Indem Macht nur für eine be - stimmte Zeit gewährt wird, soll sie vom Volkssouverän unmit - telbar kontrolliert werden können. So wird der US-Präsident für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt; seit dem 22. Ver - fassungszusatz von 1951 ist die maximale Amtszeit auf zwei Perioden – also acht Jahre – begrenzt. Die Amtszeit der 435 Repräsentanten des Abgeordnetenhauses beträgt zwei Jahre, jene der 100 Senatoren sechs Jahre. Alle zwei Jahre steht ein Drittel der Senatssitze zur Wiederwahl an. Während bei den Kongresswahlen in den jeweiligen Wahlkreisen und Einzel - staaten wenig Wettbewerb zwischen den Parteien herrscht und die Amtsinhaber hohe Wiederwahlchancen haben, ist die Nation bei Präsidentschaftswahlen mittlerweile in zwei etwa gleich große Lager gespalten.

Wettbewerbsverzerrungen bei Kongresswahlen

Kritische Beobachter fordern seit längerem ein sogenanntes term limit, sprich eine maximale Amtsdauer von Mitgliedern des Kongresses, um mehr Wettbewerb bei den Wahlen zu er - möglichen. Denn nur Sitze, die frei werden (open seats) – wenn ein Abgeordneter oder Senator etwa aus Altersgründen nicht mehr zur Wiederwahl antritt –, sind wirklich umstritten. Die Amtsinhaber (incumbents) genießen einen Amtsbonus auf - grund ihres Bekanntheitsgrades, ihrer Erfahrung sowie ihrer Wohltaten in ihren Wahlkreisen bzw. Einzelstaaten während ihrer bisherigen Mandatstätigkeit. Zudem gehen die üppigen Wahlkampfzuwendungen von Interessengruppen ungeachtet der Parteizugehörigkeit fast ausschließlich an die incumbents, Herausforderer haben somit nur Außenseiterchancen. Die Wie - derwahlquote von Amtsinhabern im Abgeordnetenhaus liegt seit vier Jahrzehnten über 90 Prozent (mit einer Ausnahme, 2010: 85 Prozent); sie lag in vielen Wahlzyklen sogar bei 98 Pro - zent. Auch im Senat ist seit Anfang der 1980er-Jahre die Tendenz steigend; 2012 konnten nach Angaben des Center for Responsive Politics (2013) 91 Prozent der Amtsinhaber ihre Herausforderer abwehren (www.opensecrets.org/bigpicture/reelect.php). Der Wettbewerb bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus wird zudem durch das Zuschneiden der Wahlkreise einge-

Aktives und passives Wahlrecht

Aktives Wahlrecht: Das Mindestalter für das aktive Wahlrecht wurde mit dem 1971 erlassenen 26. Verfassungszu - satz von 21 auf 18 Jahre gesenkt. Wahl - berechtigt sind alle Männer und, seit dem 19. Verfassungszusatz von 1920, auch Frauen. Wahlberechtigte müssen sich in Wahlregister ihres Bundesstaates bzw. Wahlkreises eintragen lassen. Dabei muss man sich als potenzieller Wähler/ potenzielle Wählerin der Demokraten, Republikaner oder als Unabhängiger iden - tifizieren. Die Registrierung und An - gabe der Parteipräferenz ist nötig, um sich an den Vorwahlen beteiligen zu können, in denen die Kandidaten der Parteien gekürt werden. Bei geschlos - senen Vorwahlen (closed primaries) dür - fen nur Wählerinnen und Wähler teilnehmen, die sich als Anhängerinnen bzw. Anhänger der jeweiligen Partei registriert haben. Bei offenen Vorwahlen (open primaries) hingegen darf jeder registrierte Wähler teilnehmen. Da die Organisation der Wahlen – auch von de - nen der nationalen Ebene – im Kompe - tenzbereich der Einzelstaaten liegt (siehe S. 27 f.), gibt es kein einheitliches, bun - desweites Wahlverfahren. In der heutigen Praxis gelten vielfältige Einzelbestim - mungen, etwa bei der Registrierung und technischen Durchführung von Wahlen.

Die mancherorts für US-amerikanische Verhältnisse hohen Auflagen (etwa die Pflicht, einen gültigen Ausweis oder Urkunden vorzulegen) hemmen die Wahlbeteiligung, insbesondere jene sozial schwacher Schichten. Mit dem Urteil des Supreme Court im Juni 2013 im Fall Shelby County v. Holder (siehe S. 6 u. 26) ist diese Problematik erneut zum Gegenstand heftiger politischer Ausei - nandersetzungen geworden, nicht zu - letzt zwischen dem Bund und den Einzel - staaten.

Passives Wahlrecht: Die Auflagen für das Recht, gewählt zu werden, sind je nach Amt verschieden: Das Mindest - alter, um Präsident zu werden, beträgt 35 Jahre, Senatoren müssen 30, Ab - geordnete mindestens 25 Jahre alt sein. Um sich für das höchste Amt im Staate, die Präsidentschaft, zu bewerben, muss der Kandidat oder die Kandidatin die US-amerikanische Staatsange - hörigkeit von Geburt an besitzen und in den zurückliegenden 14 Jahren in den USA gelebt haben.

Her/AP Photo Camum,ald-PalladiThe pbellDon
Her/AP
Photo
Camum,ald-PalladiThe
pbellDon

In einem College im US-Bundesstaat Michigan helfen Freiwillige im September 2012 beim Eintrag in das Wahlregister. Die Registrierung (zum Teil zuzüglich der Angabe von Parteipräferenzen) berech - tigt zur Teilnahme an den Vorwahlen, deren Organisation in die Kompetenz der Einzelstaaten fällt.

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

31

schränkt. Nach jeder alle zehn Jahre stattfindenden Volks - zählung sind die Parlamente und/oder Regierungen der Ein - zelstaaten angehalten, die Wahlkreisgrenzen für die Wahl ihrer Repräsentanten in Washington den demografischen Entwicklungen anzupassen. Dabei versuchen diese seit jeher, Vorteile für die eigene Partei herauszuschlagen. Seitdem der Gouverneur von Massachusetts, Elbridge Gerry, Anfang des 19. Jahrhunderts einen Wahlkreis derart zuschnitt, dass er – wie ein zeitgenössischer Zeitungskarikaturist ironisch be - merkte – wie ein Salamander aussah, wird diese Manipulation als „gerrymandering“ bezeichnet (eine Kombination aus „Ger - ry“ und dem Wortende von „Salamander“). Mittlerweile ist die Technik des Zuschneidens derart verfeinert worden, dass in vielen Wahlkreisen der eigentliche Wettbewerb nicht mehr zwischen den Parteien, sondern innerhalb des jeweiligen La - gers ausgetragen wird. Zudem grenzen sich die Lebensräume der beiden politi - schen Lager immer stärker voneinander ab. Viele US-Amerika - ner wählen ihren Wohnort nach sozialen, ethnischen, religiö -

Elkan ah Tisdale, publizier am 26. März 1812t in der GazetteBoston (Quell e: wikimedia)
Elkan ah Tisdale, publizier
am 26. März 1812t
in der
GazetteBoston
(Quell e: wikimedia)

Getrennte Welten

In Chelsea, wo der Hilfspolizist Robert Burnett lebt, wählt fast jeder die Re -

publikaner. [

Michael Gonzalez lebt, wählen fast

alle die Demokraten. [

Die Nation sortiert sich. Amerikaner sind beweglich, und wann immer sie um - ziehen, streben sie wenn möglich dort - hin, wo Menschen denken und fühlen wie sie. Republikaner, so haben Sozialforscher ermittelt, wünschen große Vorgärten, Steakhäuser, Golfplätze und einen evange - likalen Pastor. Demokraten bevorzugen städtische Biotope, Supermärkte mit Ökokost, Yoga-Kurse und sozial engagier - te Kirchengemeinden – oder auch gar keine Kirchengemeinden. Das Land hat die Rassentrennung über - wunden, stattdessen grassiert nun die politische Segregation von Roten (Repu - blikanern) und Blauen (Demokraten). Die Gesellschaft verklumpt zu Haufen von Gleichgesinnten. 1976 lebte nur ein gutes Viertel aller Amerikaner in sogenannten Landslide Countys, also in Landkreisen, in denen stets dieselbe Partei mit mindestens 20 Prozentpunkten Vorsprung gewinnt. Inzwischen wohnt fast die Hälfte aller Ame - rikaner in solchen Gegenden. Wer anders denkt, lebt woanders. Es ist dies der Nährboden, auf dem die Großparteien gedeihen; sie ähneln mehr und mehr reinrassigen Stämmen. Wer von der politischen Lehre abweicht, wer zum Kompromiss mit dem Gegner mahnt, gilt als unzuverlässig. Wer zum anderen Lager gehört, der lebt in Feindes - land, im anderen Amerika.

[

]

]

Im Süden der Bronx, wo

]

Hilfspolizist Robert Burnett stammt aus Birmingham, Alabama, der verkomme - nen Stahlstadt mit der landesweit siebt - höchsten Mordrate. „Als wir dann die Häuser hier draußen in Chelsea gesehen haben, haben wir uns in die Gegend verliebt“, erinnert er sich, „hier können die Kinder unbeschwert auf der Straße spie - len. Wie früher.“ Vor 15 Jahren war Chelsea noch ein Wei - ler mit 900 Einwohnern. An die alte Zeit erinnert heute eine weiß getünchte Holzbaracke, deren windschiefe Front „Gottes Segen für Amerika“ erbittet. Einst war dies der einzige Laden weit und breit. Inzwischen hat sich die Anzahl der Ein - wohner verzwanzigfacht. Die Menschen finden hier: ein preiswertes Haus, einen gepflegten Rasen, kaum Kriminalität, den Walmart am Highway 280. Eine klein - bürgerliche Idylle, erschaffen am Reißbrett. „Dies ist das rote Amerika“, sagt Bur - nett. Republikanisches Gebiet. Konservativ zu fühlen ist hier draußen so selbstver - ständlich wie Fan der „Crimson Tide“ zu sein, des Football-Teams der Universität von Alabama. Die Weißen hier haben die Stahlstadt Birmingham hinter sich gelas - sen, auch die Schwarzen, die dort leben mit ihren Problemen und die, natürlich in ihrem eigenen Wahlkreis, stramm demo - kratisch wählen. „White Flight“, heißt das. Die weiße Flucht. In der Bronx ist es Mitte des vergange - nen Jahrhunderts geschehen. Die Weißen zogen weg, es blieben fast nur Schwarze und Latinos. Die Familie von Michael Gonzalez stammt aus Puerto Rico, er ist im Sozialbauviertel Hunts Point aufgewach - sen, im Süden der Bronx. „Die schlimmste

aller schlimmen Gegenden Amerikas“, sagt er. Vor allem in den 1980er-Jahren. Nutten, Drogen, Gewalt. Wer hier groß wird, „lernt die Straße“, wie er sagt. Als er 15 war, ging Gonzalez in einen Blumenladen und bat um eine Putz - stelle. Er blieb sechs Jahre, und am Ende

verstand er das Geschäft besser als die Inhaber. Dann führte er einen Laden im Süden Manhattans, und als er auch dort nichts mehr lernen konnte, machte er sich selbstständig. Er belieferte die Premieren - feiern des Bezahlsenders HBO. „Sex and the City“, „The Sopranos“. [ ] Es ist eine kleine Erfolgsgeschichte aus der South Bronx, in der noch immer 40 Prozent der Menschen in Armut leben, wo fast jeder Zweite es nicht auf die High School geschafft hat, wo fast jeder Zweite Angst hat davor, die Miete nicht mehr bezahlen zu können und auf der Straße zu landen.

] [

[S]eit der Wirtschaftskrise leben die

Gebeutelten nicht mehr nur in den blauen Wahlkreisen, sondern auch in den roten. [ ] „Wer in der Bronx aufwächst“, sagt Gonzalez, „der lernt schon in der Schule, dass die Demokraten für die Armen

kämpfen und die Republikaner für die Reichen.“ Es ist ein Naturgesetz, es wird weitergegeben von einer Generation an die nächste, und Gonzalez wird es auch an seinen Sohn weitergeben. Demokrat oder Republikaner, das ist mehr als Parteizugehörigkeit, es ist Identität und Lebensgefühl. […]

Nicolas Richter / Christian Wernicke „Du bist hier in meinem Land“, in: Süddeutsche Zeitung vom 5. November 2012

32

Politisches System der USA

sen und politischen Kriterien, sie lassen sich dort nieder, wo sie Gleichgesinnte vermuten. Damit werden die Wahlkreise homogener. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Demo - kratischen oder Republikanischen „Inseln“ haben so noch we - niger Möglichkeiten, sich im Alltag mit der Meinung anders Denkender auseinanderzusetzen, zumal viele auch aufgrund ihrer Berufswahl und ihres Medienkonsums in verschiedenen Welten leben. Diese beiden Entwicklungen, das politische gerrymandering und die gesellschaftliche Abgrenzung, haben dazu beigetra - gen, dass sich in den Vorwahlen immer mehr Kandidaten mit extremen Positionen durchgesetzt haben, weil sie nunmehr alles daran setzen mussten, den harten Kern der homogeneren eigenen Wählerschaft, die sogenannte Basis (base), anzuspre - chen und sich weniger um heterogenere und gemäßigtere Wählerschaften der Mitte bemühen müssen. Die so gewähl - ten Repräsentanten sind bei ihrer Tätigkeit im Parlament dann auch gut beraten, extreme Positionen zu vertreten. Sie haben keine Anreize, in der Gesetzgebung die nötigen Kom - promisse mit dem anderen Lager einzugehen, weil sie damit Gefahr laufen, bei der nächsten Vorwahl von einem parteiin - ternen Herausforderer angegriffen zu werden, der vorgibt, die Interessen des Wahlkreises kompromissloser zu vertreten. Die sogenannte Polarisierung, das Auseinanderdriften der Positio - nen in der politischen Auseinandersetzung im Abgeordneten - haus, hat demnach auch strukturelle, im Wahlsystem und in der Gesellschaft angelegte Gründe.

Präsidentschaftswahlen: die 50-50-Nation

Hingegen ist bei den Präsidentschaftswahlen der Wettbewerb zwischen den beiden Parteilagern sehr viel härter. Die USA schei - nen sich zu einer „50-50-Nation“ entwickelt zu haben. Seit den Wahlen von 1984, bei denen der Republikaner Ronald Reagan seinen Demokratischen Herausforderer Walter Mondale deklas - sierte, gab es keinen Sieger mehr, der viel mehr als 53 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Einige haben sogar mit weniger als der Hälfte der abgegebenen Stimmen (popular vote) gewonnen, so zwei Mal Bill Clinton (1992 und 1996) sowie George W. Bush (2000). Wenn man bedenkt, dass die Wahlbeteiligung in

toonsCareBaask/MesterdarGerh
toonsCareBaask/MesterdarGerh

Kongress: Konfrontation statt Kooperation

Viele Europäer glauben an den Nieder - gang der Vereinigten Staaten – sie denken dabei an verrottete Infrastruk - tur, sozialen Zerfall und den am Ende unvermeidlichen Kollaps einer überan - strengten Militärmacht. Das ist eine irreführende Fantasie. Amerika kann immer noch viele Ressourcen für seine Zukunft mobilisieren – eine Spitzenfor - schung ohnegleichen, seine Attraktivität für Einwanderer aus aller Welt, eine dynamische Wirtschaft mit den führen - den Konzernen der digitalen Ökono - mie. Als Land sind die USA ziemlich stark. Aber auch als Staat? Die wirklichen amerikanischen Schwächen sind die zer - rüttete politische Kultur und das funk - tionsschwache politische System, bis hin zur Gefahr der Regierungsunfähigkeit. Das Washingtoner Drama dieser Tage [im Januar 2013] um die „Fiskalklippe“ hat die Risiken gezeigt. […] Die Unversöhnlichkeit, die das Regie - ren in den USA inzwischen so schwer macht, ein Klima, in dem der Kompromiss als Verrat und die Halsstarrigkeit als prinzipienfeste Tugend gilt – von außen wirkt das wie der Gipfel der Irrationa - lität. Die Feindseligkeit folgt aber ihrer eigenen zerstörerischen Logik.

Diese Logik hat eine ideologische Seite:

die immer stärkere Polarisierung der amerikanischen Politik. Vor allem die Re - publikaner sind nicht mehr die breit aufgestellte Mitte-rechts-Partei, die sie lange waren. Die Republikaner von heute sind eine überzeugungsstarke, hoch - disziplinierte Kampftruppe, die mit ech - ter Inbrunst an ihren Doktrinen (von der Schrumpfung des Wohlfahrtsstaats bis zum Verbot der Schwulenehe) festhält. Bei den Demokraten ist die Ideologisie - rung weniger schrill, die parteiliche Stur - heit aber ebenfalls beträchtlich; Zweifel am Segen des öffentlichen Dienstes oder an großzügigen Konjunkturprogram - men sind unter Linksliberalen weithin unerwünscht. Ihre eigentliche Brisanz bekommt die Polarisierung jedoch erst dadurch, dass sie sich auch machtpolitisch auszahlt. Mehr und mehr Abgeordnete stammen aus gleichsam einfarbigen Wahlkrei - sen, überwältigend republikanisch oder vorherrschend demokratisch; sie haben weniger den hoffnungslos unterlegenen Gegenkandidaten der anderen Partei zu fürchten als mögliche Herausforderer im eigenen Lager. Sie müssen nicht durch Kompromissfähigkeit um die po -

litische Mitte werben, sondern durch Linientreue die Rechtgläubigen bei der Stange halten – eine Prämie auf Dog - matismus und Extremismus. […] Gehässige Polarisierung ist immer un - schön. In den Vereinigten Staaten aber ist sie gefährlich. Denn stärker als die meisten politischen Systeme ist das amerikanische auf Kooperation und Überparteilichkeit ausgerichtet. Hier lässt sich nicht „durchregieren“: Der di - rekt gewählte Präsident und die eben - so direkt gewählten Abgeordneten bilden fast automatisch unabhängige, selbst - ständige Machtzentren; eine clubartig verfasste Parlamentskammer wie der Senat kann überhaupt nur funktionie - ren, wenn ihre Mitglieder miteinander auskommen und geschäftsfähig sind. Dass der Kongress im Angesicht der „Fis - kalklippe“ immerhin einen Minimal - kompromiss zustande gebracht hat, zeigt hoffentlich, dass die Vorräte an Staats - bürgersinn noch nicht ganz aufgebraucht sind. Aber die USA werden mehr, viel mehr davon brauchen. Und das selbst krisenbedrohte Europa muss zuschauen und die Daumen drücken.

Jan Ross, „Unter Feinden“, in: DIE ZEIT Nr. 2 vom 3. Januar 2013

Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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und Kontrolle der Machthaber: checks and balances 33 © picture-alliance / dpa-infografik, Globus 1904 * U.S.

© picture-alliance / dpa-infografik, Globus 1904

* U.S. Electoral College, http://www.archives.gov/federal-register/electoral-college/historical.html

den USA seit den 1970er-Jahren meistens unter 60 Prozent lag, häufig sogar nur etwa 50 Prozent betrug, kann sich jeder neu ge - wählte Präsident jeweils nur auf ein begrenztes Wählermandat von etwa einem Drittel der wahlberechtigten Bevölkerung beru - fen. Es war also doch etwas befremdlich, als nach der knappen Wiederwahl Obamas, die aufgrund von Feinheiten des Wahl - systems deutlicher ausfiel als erwartet, in den Medien ein „erd - rutschartiger Sieg“ (landslide victory) gefeiert wurde. Auf den Amtsinhaber Barack Obama fielen bei seiner Wie - derwahl 2012 gut 51 Prozent der abgegebenen Stimmen, sein Herausforderer Mitt Romney erhielt etwas mehr als 47 Pro - zent. Die popular vote ist jedoch nicht wahlentscheidend. Denn sonst hätte bei der Wahl 2000 Al Gore gewonnen, als er insgesamt etwa 544 000 Stimmen mehr für sich verbuchen konnte als George W. Bush. Ausschlaggebend ist die Mehrheit im Wahlmänner- und Wahlfrauenkollegium (electoral college). Mit zwei Ausnahmen – Maine und Nebraska, die ihre Stim - men entsprechend den Mehrheiten in kleineren Einheiten (Wahlkreisen) auf beide Kandidaten verteilen – erhält der Ge - winner eines Einzelstaates alle Wahlmännerstimmen, die die - ser zu vergeben hat: „The winner takes it all“ lautet das Prinzip. Gewählt ist schließlich derjenige, der mindestens 270 Stim - men, also mehr als die Hälfte der zu vergebenden 538 Wahl - männerstimmen, erzielt. Bevölkerungsreiche Staaten zählen mehr als spärlich besie - delte: So entsendet Kalifornien 55, Montana dagegen nur drei Wahlmänner ins Kollegium. Letzten Endes ist jedoch weniger die Größe der Einzelstaaten als vielmehr ein anderes Kriteri - um von Bedeutung: Da aufgrund des bisherigen Wählerver - haltens viele Staaten ohnehin als vergeben anzusehen sind (zum Beispiel gehen die Wahlmännerstimmen Kaliforniens

und New Yorks regelmäßig an die Demokraten, die Stimmen von Texas an die Republikaner), sind nur einige hart um - kämpfte Einzelstaaten (battleground states) wirklich wahlent - scheidend. Das sind vor allem solche, die in der Vergangenheit zwischen den beiden Parteien hin- und hergependelt sind und deshalb auch als swing states bezeichnet werden. Während die meisten Bürgerinnen und Bürger der Vereinig - ten Staaten von Amerika von den Wahlkampagnen mehr oder weniger unbehelligt bleiben, konzentriert sich die Aufmerk - samkeit und geballte Finanzkraft der Präsidentschaftskan - didaten und der sie unterstützenden sogenannten externen Organisationen auf ein Dutzend hart umkämpfter Staaten:

Florida (mit 29 Wahlmännerstimmen), Pennsylvania (20), Ohio (18), Michigan (16), North Carolina (15), Virginia (13), Wisconsin (10), Iowa (6), Colorado (9) Nevada (6), New Mexico (5) und New Hampshire (4). Um aussagekräftige Prognosen zu gewinnen, sollte man sich daher weniger – wie in Deutschland üblich – auf nationale Umfragen stützen, sondern auf jene Einzelstaa - ten konzentrieren, die letzten Endes ausschlaggebend sind.

Geteilte Regierung

Was viele auch nicht auf dem (Fernseh-)Schirm haben, die nur alle vier Jahre das Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Präsident - schaftskandidaten verfolgen: Mindestens genauso wichtig wie der Wettkampf um das Weiße Haus sind die Kongress - wahlen. 435 Sitze im Abgeordnetenhaus und ein Drittel des 100-köpfigen Senats stehen alle zwei Jahre zur Wiederwahl. Mit den Zwischenwahlen, das heißt den Wahlen zum Abge - ordnetenhaus und Senat, die nicht mit den Präsidentschafts -

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Politisches System der USA

wahlen zusammenfallen und somit zwei Jahre nach Beginn der Amtszeit des Präsidenten stattfinden, können die Wähle - rinnen und Wähler den Spielraum der Exekutive einmal mehr in ihrem Sinne beeinflussen: indem sie dem Präsidenten zu Mehrheiten seiner Partei in beiden Kammern des Kongresses, also zu einem unified government, verhelfen, oder aber ihn durch ein divided government hemmen. Bei dieser Konstella - tion wird mindestens eine Kammer des Kongresses von der anderen Partei kontrolliert. Ob die Wählerinnen und Wähler bei ihrer Entscheidung wirklich die Gewaltenkontrolle im Sinn haben, ist jedoch frag - lich. Vielmehr dürften sie ihre Abgeordneten und Senatoren nach ihren Fähigkeiten und Leistungen beurteilen, um so die wirtschaftliche und soziale Lage in ihrem Wahlkreis bzw. Ein - zelstaat zu verbessern – nach Kriterien also, die die Wähler - schaft unmittelbar persönlich betreffen.

Die Wahlen 2008, 2010, 2012:

It’s the Economy, Stupid!

Barack Obama wurde 2008 nicht zum Präsidenten gewählt, weil er als der stärkere Oberbefehlshaber galt, sondern weil man ihm eher als seinem Herausforderer (und Irakkiegsbefür - worter) Senator John McCain zutraute, das Land aus der größ - ten Wirtschafts- und Finanzkrise seit den 1930er-Jahren zu führen. Mit der kritischen Wirtschaftslage rückten die Kriegs - schauplätze im Globalen Krieg gegen den Terror, insbesondere im Irak und in Afghanistan, in der Wahrnehmung der meisten US-Amerikaner in weite Ferne. Anders als noch bei der vom Sicherheitsthema dominierten Wiederwahl George W. Bushs trieben im Wahlkampf 2008 nunmehr die Sorgen um die hohen Energiepreise und die prekäre wirtschaftliche Situation die US- Wählerinnen und -Wähler um. Weitaus häufiger als außenpoli - tische Themen wie Irak oder Terrorismus wurden in Meinungs - umfragen innenpolitische Belange wie Wirtschaft, Ausbildung, Arbeitsplätze, Gesundheitsfürsorge, Energie und soziale Siche - rung als ausschlaggebend für das Abstimmungsverhalten im November 2008 genannt, wie eine Umfrage des Pew Research Center, zitiert in: CQ Weekly vom 9. Juni 2008 (S. 1512), ergab. Dif - ferenzierte Analysen im Vorfeld der Wahlen zeigten, dass jene Wähler, denen Wirtschaftsthemen am wichtigsten waren, den

designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Se - nator Barack Obama, klar dem Bewerber der Republikaner, Se - nator John McCain, vorzogen (Friedl und Gilbert 2008). Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage und der akuten oder drohenden Arbeitslosigkeit fühlten sich Ange - hörige der amerikanischen Mittelschicht besonders verun - sichert. Wie 1992 Bill Clinton konnte 2008 Barack Obama die prekäre soziale und wirtschaftliche Lage bei den Präsident - schaftswahlen in einen politischen Vorteil ummünzen. Oba - ma sensibilisierte die mittleren und unteren Einkommens - schichten für wirtschaftspolitische Themen und mobilisierte nicht zuletzt auch Minderheiten, sprich afroamerikanische und hispanische Wähler, für seine wirtschafts- und sozialpo - litischen Ziele. Aus gutem Grund: Laut den offiziellen Statis - tiken des U.S. Department of Commerce (zitiert in: U.S. Census Bureau 2011, S. 14 f.) lebt ein Drittel der Afroamerikaner und Latinos unterhalb der Armutsgrenze. Sie sind von „Nahrungs - mittelunsicherheit“ betroffen, wie es im sozialstatistischen Sprachgebrauch beschönigend heißt. Mit anderen Worten:

Sie leiden Hunger, ja sie können sogar ihre Kinder nicht mehr richtig ernähren. Vonseiten der afroamerikanischen Bevöl - kerung hat Obama laut der Zeitschrift The Economist vom 6. November 2008 denn auch 95 Prozent der Stimmen erhal - ten. Ebenso konnte er bei der mittlerweile größten Minder - heit, den Latinos, den Wähleranteil der Demokraten merklich erhöhen. Obama gewann über zwei Drittel der Stimmen his - panischer Wähler, die in vielen battleground states wie Flori - da, New Mexico und Colorado den Ausschlag gaben. Das Erfolgsrezept war einfach: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“, könnte man es mit Bertolt Brechts Worten auf den Punkt bringen. Die Demokraten verstanden, dass in prekären Zeiten moralische Themen zweitrangig sind und es zunächst um das nackte wirtschaftliche Überleben, um Arbeitsplätze oder soziale Leistungen geht. Dabei gelang es Obamas Wahlkämpfern, den auf sexualmoralische Themen wie Abtreibung und Homoehe fixierten Christlich Rechten und Republikanern eine alternative Deutung von „moral is - sues“ entgegenzuhalten: Neue Graswurzelorganisationen der religiösen Linken haben im Sinne der katholischen Soziallehre auch Armutsbekämpfung, Bildung, Krankenversicherung und Alterssicherung als moralische Themen definiert. Seit seiner Amtsübernahme im Januar 2009 steht Präsi - dent Obama nunmehr in der Pflicht, zu handeln und seine

toonsCareBaask/annPlaßmasThom
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Konkurrenz und Kontrolle der Machthaber: checks and balances

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© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 855 214
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wirtschafts- und sozialpolitischen Versprechen einzulösen. Teilweise bereits mit Erfolg: Anders als sein Demokratischer Vorgänger Bill Clinton (1993-2001) und die damals in diesem Politikfeld federführende First Lady Hillary Clinton, die an ei - ner umfassenden Gesundheitsreform scheiterten, gelang es Präsident Obama, dem Kongress eine Jahrhundertreform ab - zuringen. Unter anderem konnte er durchsetzen, dass den 45 Millionen bis dato nicht bzw. den 16 Millionen unterversicher - ten (Klein 2007) US-Amerikanern eine Krankengrundversiche - rung gewährt wird. Seit den Kongresswahlen 2010 ist jedoch seine Handlungsfähigkeit enorm eingeschränkt. Auch bei den Zwischenwahlen im November 2010 – bei de - nen nicht der Präsident, sondern der Kongress, sprich alle 435 Repräsentanten des Abgeordnetenhauses und ein „Drittel“ (37) der Senatoren zur Wahl standen – gab die prekäre wirt - schaftliche Lage den Ausschlag. Sechs von zehn Wählern (62 Prozent) erklärten in den Umfragen unmittelbar nach dem Wahlgang laut den exit polls des Nachrichtensenders CNN vom 3. November 2010, dass wirtschaftliche Probleme ihre Hauptmotivation waren, gefolgt von der umstrittenen Ge - sundheitsreform (18 Prozent) und der illegalen Einwanderung (8 Prozent). Außenpolitik blieb außen vor: Nur acht Prozent der US-Bevölkerung hat der Krieg in Afghanistan umgetrie - ben. Da eine schnelle Besserung der US-Wirtschaft in den ver - gangenen Jahren ausgeblieben war, verloren die Demokraten das Abgeordnetenhaus an die Republikaner und sechs Sitze im Senat. Damit hatten sie zwar noch die einfache Mehrheit in dieser zweiten Kammer des Kongresses verteidigt, aber die qualifizierte Mehrheit (von 60 Stimmen) verfehlt, die nötig ist, um Blockademanöver (filibuster) abzuwenden. Im Präsidentschaftswahlkampf 2012 waren wirtschaftliche und soziale Themen einmal mehr wahlentscheidend. Selbst in der für außenpolitische Themen angesetzten dritten Fernsehde - batte kamen Amtsinhaber Obama und sein Herausforderer Mitt Romney sehr schnell auf die inneren, sozialen und wirtschaftli - chen Grundlagen der Weltmacht zu sprechen. Beide wollten sich dafür einsetzen, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Doch während Obama in Aussicht stellte, mehr Geld für Bildung und

Sozialausgaben in die Hand zu nehmen und dafür den Verteidi - gungsetat zu kürzen, versprach Romney, die Gesundheitsreform Obamas rückgängig zu machen, Sozialleistungen zu kürzen und die enormen Militärausgaben beizubehalten. Als Amtsinhaber, dem in den zurückliegenden vier Jahren keine Verbesserung der nach wie vor prekären wirtschaft - lichen Entwicklung gelungen war, war Präsident Obama bestrebt zu verhindern, dass sein Gegner aus der Wahl ein Referendum über die wirtschaftliche Situation machte. Denn kein Präsident seit Franklin D. Roosevelt war (bisher) wieder - gewählt worden, wenn er eine derartig schlechte wirtschaft - liche Lage zu verantworten hatte. Deshalb schärfte Obama sein Profil als ehemaliger Sozialarbeiter, der sich auch als Politiker um jene kümmert, die durch die anhaltende Wirt - schafts- und Finanzkrise sozial umso mehr beeinträchtigt wurden. Mit einer heftigen Negativkampagne, die mit gro - ßem Risiko und hohen Kosten verbunden war, wurde der Herausforderer Romney sehr früh attackiert, als er, vom Vorwahlkampf noch geschwächt und finanziell fast ausge - brannt, versuchte, zu Beginn des Hauptwahlkampfes gegen Obama inhaltlich wieder in die politische Mitte zu rücken. Romney wurde als eiskalter Wirtschaftsmanager stigmati - siert, der, abgehoben von den Sorgen und Bedürfnissen der einfachen Wählerinnen und Wähler, nur das große Geld im Sinn habe. Die Obama-Strategen widerstanden dabei der Versuchung, Romney – so wie zuvor seine parteiinternen Widersacher im Vorwahlkampf – als Wendehals (flip flop - per), der häufig seine politischen Überzeugungen wechselt, zu brandmarken. Schließlich hatte Romney als Gouverneur des liberalen Einzelstaates Massachusetts durchaus sozial - verträglich regiert und hätte das auch als Präsident weiter - führen können. Das Stigma des abgehobenen Finanzhais blieb an Romney haften, zumal dieser den Demokraten auch noch den Gefallen tat, in einer heimlich vom Obama-Team mitgeschnittenen Rede für Finanziers seines Wahlkampfes „47 Prozent“ der Wählerinnen und Wähler als Sozialschma - rotzer abzuschreiben, um die er sich als Kandidat ohnehin nicht zu bemühen brauche.

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Politisches System der USA

Wahlentscheidende Faktoren bei den Präsidentschaftswahlen 2012

 

Anteil (in %) der Wähler

Obama-

Romney-

Wähler

Wähler

Anteil der Gesamtstimmen

 

50

48

Geschlecht

       

Männer

47

 

45

 

52

Frauen

53

55

44

Ethnische Zugehörigkeit