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Liebe ... Friede sei mit Ihnen!

Ich dachte, Sie wollten mir überhaupt nicht schreiben, und freute
mich daher, als ich trotzdem einen Brief von Ihnen erhielt. Sie
haben aus meinem Brief spüren können, daß ich Sie nicht
verurteile, sondern Sie aufrichtig bemitleide und großes Mitgefühl
mit Ihrer Not habe. In Krankenhäusern verurteilt man einander
nicht wegen dieser oder jener Krankheit; so auch wir, die wir an
seelischen Krankheiten, den Sünden, leiden. Wir müssen indes fest
wissen und nie vergessen, daß man in keiner Lage verzweifeln soll.
Die Verzweiflung - sie führt nicht selten zum Selbstmord - ist der
Tod der Seele. Man kann die allerschwersten Sünden bereuen und
dafür Vergebung erhalten. Manchem schlimmen Räuber und Mörder
wurde auf seine echte Reue und Besserung hin nicht nur verziehen,
sondern gar die Heiligkeit zugesprochen, so Moses dem Äthiopier
10 , Barbarus dem Räuber 11 , Daniel 12 u. a. Damit zeigt uns der
Herr, daß wir nicht verzweifeln sollen wie Judas, sondern Buße tun
und so das Heil erlangen ...
Die Rührung ist eine Gottesgabe. Sind wir ihrer würdig? Keinesfalls
soll man während des Gebets irgendwelche gnadenvolle Zustände
erstreben. Gemäß der entschiedenen Forderung des Bischofs
Ignatij Brjantschaninow 13 hat das Gebet ausschließlich ein
Reuegebet zu sein. Das hat der Herr selbst in seinem Gleichnis vom
Zöllner und vom Phärisäer gelehrt. Für uns Sünder genügt das
Gebet des Zöllners. Lernen Sie bei ihm beten; denken Sie nur nicht,
das sei so einfach, nein: es ist etwas, was sehr in die Tiefe unseres
Wesens geht. Im Gebet nämlich tut sich der Abgrund des Herzens
auf, der voller Garstigkeiten steckt: "Dies ist ein großes und weites
Meer, dort sind Ungeheuer ohne Zahl." ... Ich rate Ihnen vorläufig
ab, vor dem Sonntag der Kreuzesanbetung 14 die heilige
Kommunion zu empfangen. Dann sehen Sie selber weiter. Man muß
Leid ertragen, den Menschen Gutes tun, sich mit Fasten und
Verbeugungen kasteien u. a., soweit die Kräfte ausreichen.
Sprechen Sie weniger mit allen Leuten, und gehen Sie ihnen aus
dem Weg.
Im Chor betet man nie. Man suche sich lieber ein stilles Plätzchen
in der Kirche aus, wo man sich verstecken und es dem Zöllner
gleichtun kann. Hoffen Sie nicht auf die Gewaltigen dieser Welt und
auf die Söhne der Menschen. Hoffen Sie auf Gott, und strengen Sie
sich an. Wenn Sie sich Ihrerseits nicht anstrengen, wird Ihnen auch
Gott nicht helfen, wie das Beispiel des Judas zeigt. Viel vermag
das "begünstigte" Gebet, d. h., wenn derjenige, der um ein Gebet
bittet, selbst mit seinem Leben das Gebet seiner Mitmenschen
unterstützt.
Der Herr stehe Ihnen auf dem Weg des Heils bei. Zwingen Sie sich
dazu, öfter des Herrn zu gedenken, denn wer geliebt wird, ist
immerdar im Gedächtnis des Liebenden. Fühlen Sie sich jetzt und
in Zukunft stets als der Zöllner, und beten Sie wie er, zu Hause und
in der Kirche und überall, sooft Sie können.
Es behüte Sie der
Herr!

10 Heiliger, ca. 320-395 (von räuberischen Beduinen ermordet); war


Anführer einer Räuberbande, bekehrte sich und wurde Mönch in der
Sektischen Wüste im Nildelta.
11 Heiliger aus Nordgriechenland, auch er zunächst Räuber. Nach Bekehrung
und Buße asketisches Leben im Walde. Gewaltsamer Tod durch
vorbeiziehende Kaufleute.
12 Gemeint ist wohl Daniel von Sketis, Mönch der Sketischen Wüste (6. Jh.).
Er entkam einer Räuberbande dadurch, daß er seinen Wächter erschlug. Zur
Buße pflegte er Kranke.
13 Ignatij Brjantschaninow, in der Welt Dimitrij Alexandrowitsch B. (1807-
1867), erhielt in Petersburg zunächst eine Ingenieursausbildung, bis er ins
Kloster eintrat und 1831 Priester wurde. 1857 zum Bischof geweiht, zog er
sich 1861 in ein Kloster zurück, wo er bis zu seinem Tod als Starez seine
geistlichen Kinder lenkte. Autor von asketischen und theologischen Schriften.
14 Dritter Fastensonntag.

http://www.scribd.com/doc/27159986/Briefe-Eines-Russischen-Starzen-an-
Seine-Geistlichen-Kinder