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Denn Gott hat der Welt seine Liebe dadurch gezeigt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat und nicht verloren geht. Joh 3,16 (Neue Genfer Übers.)

Was muss das für Nikodemus für ein Aufat- men gewesen sein—ein Geschenk aus reiner Gnade! Und gleichzeitig ein Schock:

Wieviel Energie hatte er nicht auf seine pharisäische Frömmigkeit verwendet!

Interessanterweise finden sich zwei der

wichtigsten Bekenntnistexte in Gesprächen Jesu mit unwahrscheinlichenGesprächs- partnern: Hier und bei der Frau am Jakobs- brunnen (schauen wir uns nächste Woche an, Joh 4).

Den Menschen, die mit dem Herzen er- reichbar waren, hat Jesus die kostbarsten Wahrheiten anvertraut—und spannender- weise konnten sie in beiden Fällen nicht

selbst formulieren, was ihre Frage ei-

gentlich war!

Welche Frage hast DU an Jesus?

Ist es nur: Herr, wie finde ich den Weg zum Gottesdienst? Kein Problem, das steht im Internet.

Oder ist es: Herr, wie findest Du den Weg zu mir, in mein Leben? Verstehst

Du meine Frage, die ich selbst nicht in Worte kleiden kann? Tust Du mir den

Dienst, dass Du meine oberflächlichen

Fragen überhörst und vordringst zu dem, was ich wirklich brauche und wo- nach ich mich wirklich sehne?

Nikodemus, das sind wir. Wir sind diejeni- gen, die im Dunstkreis der christlichen Ge- meinde leben und in Hörweite der Kircheng- locken. Und es geht nicht darum, wie oft wir zum Gottesdienst kommen – sondern wie oft der Gottesdienst zu uns kommt. Haben wir den Mut, Jesus zu fragen wie Ni-

kodemus?

Rabbi, bitte sages mir - ich bin einer von den Herrschenden. Ich bin ein gebildeter Mann. Ich bin ein religiöser Mensch. Aber Rabbi, ich habe diese Leere in meinem Herzen und ich bin ein gebrochener Mann. Ich brauche etwas in meinem Leben, das mein Böses in Gutes verwandelt, Finsternis in Licht, Hass in Liebe, Hässlichkeit in Schönheit, Geis in Grosszügigkeit, Sünde in Erlösung. Rabbi, bitte sagmir, was ist es, das ich brauche?

Und Jesus könnte sinngemäss antworten:

Nikodemus - egal, ob Du gebildet oder ungebildet bist, Jude oder Heide, schwarz oder weiss, reich oder arm, mächtig oder machtlos, religiös oder ungläubig - Du musst von Neuem geboren werden.

Amen.

Werden wie ein Kind

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Was für Parallelen sehe ich zu Ni- kodemus heute?

Könnte es Leute geben, die sich für sehr religiös halten, aber in ihrem Inneren sind sie unerfüllt?

Wenn ja, was fehlt ihnen, was

könnten sie tun?

Gibt es heute Menschen, für die es ein Risiko bedeutet, auf Je- sus zuzugehen? Sei es auf- grund ihrer hohen gesellschaft- lichen Stellung oder aus ande- ren Gründen.

Wenn ja, wer wäre das, für wen könnte man beten?

Wie zufrieden bin ich mit meinem eigenen religiösen/

Glaubensleben?

bin ich mit meinem eigenen religiösen/ Glaubensleben? Reformierte Kirche Umiken Joh 3,1 - 16, Predigt vom

Reformierte Kirche Umiken

religiösen/ Glaubensleben? Reformierte Kirche Umiken Joh 3,1 - 16, Predigt vom 15. Oktober 2015 Wolfgang v.
religiösen/ Glaubensleben? Reformierte Kirche Umiken Joh 3,1 - 16, Predigt vom 15. Oktober 2015 Wolfgang v.

Joh 3,1-16, Predigt vom 15. Oktober 2015

Wolfgang v. Ungern-Sternberg

Als der letzte Bauer vom äussersten Feld

zuhause bei seiner Familie eintraf und die Tempelpolizei ihre Patrouille um die Mauern Jerusalems machte und das letzte Mitglied des Sanhedrins seine Akten zur Seite legte und die sieben Kerzen am Eingang zu den Räumen des Sanhedrins ausblies, verliess Nikodemus sein Quartier. Er schaute rasch nach links, dann nach rechts und mar- schierte hinaus in die Nacht. Er war nicht der Mann, der Kontroversen scheute als

Mitglied der religiösen Elite des Landes -

aber besser, man war vorsichtig. Die religiö-

se Geheimpolizei konnte ihre Augen überall haben und wer weiss, in welch schiefes Licht es ihn rücken würde, wenn jemand ihn bei dem Unruhestifter aus Nazareth sehen würde. Schwer zu sagen, wem dann mehr Gefahr drohte: Ihm, Nikodemus, dem er- lauchten Mitglied des Sanhedrin, Lehrer Israelsgenannt, durch und durch Mitglied des Establishment - oder vielleicht diesem

Jesus selbst? Denn ihn im Schutz der

Nacht zu treffen, bedeutete, ihn seines menschlich gesehen wichtigsten Schutzes zu berauben: Während er tagsüber im Tem- pel oder in der Stadt lehrte, umlagerten ihn begeisterte Menschentrauben, effektiv die beste Versicherung gegen eine plötzliche Festnahme, denn nicht einmal die Machtha- ber trauten sich, eine offene Konfrontation mit der Volksmasse zu riskieren.

In den Herzen von zwei Männern schlug hier Vertrauen: Auf der einen Seite der rei- che, angesehene Nikodemus, sicher einer der besten Bibelkenner seiner Zeit - Ver- trauen, dass dieser Mann aus Galiläa ihm den Weg zu einem erneuerten, lebendigen Glauben weisen könnte - gerade ihm, zu dem doch andere als Lehrer aufblickten!

Und Vertrauen auch bei Jesus, von dem es

ja hiess, dass er wusste, was im Menschen

war“: Sicherheit, zu wissen, dass Ni-

kodemus eben kein Lockvogel war mit der Tempelpolizei als Greifkommando im Schlepptau, sondern ein aufrichtiger Su- chender.

Warum kam Nikodemus? Seinem restlichen Auftreten im Johannesevangelium nach muss er ein mutiger Mann gewesen sein - oder er wurde es durch die Begegnung mit Jesus noch mehr. Mutig genug, den Spott

seiner Zeit- und Amtsgenossen zu riskieren

oder Schlimmeres.

Mutig genug, Aufzubrechen und Neues zu wagen. Unzufrieden genug in seinem Inne- ren, um sich nicht mit dem äusseren Schein zufriedenzugeben, sondern das Echte, Wahre, das Herz befriedigende zu suchen.

Sehen wir den Tatsachen ins Auge:

Menschlich gesprochen konnte man fast

nicht frömmer sein als Nikodemus. Als ei- nes der leitenden Mitglieder der obersten Religionsbehörde des Landes und damit auch der religiösen Gerichtsbarkeit war er es, von dem Leute Anleitung im Glauben erwarteten.

Aber er spürte, dass in seinem Inneren eine Flamme mit der Zeit kleiner geworden war. Einst war er angefacht von der Begeiste- rung dafür, es ganz genau mit den 613 Ge- boten des alttestamentlichen Gesetzes und den zahllosen tausenden von Ausführungen

von Generationen späterer Gesetzeslehrer

zu nehmen und Buchstabe für Buchstabe das Wort Gottes zu memorisieren. Aber im Lauf der Zeit merkte er, dass ihm etwas fehlte - das Leben, der Geist in den Buch- staben. Er, der Lehrer, brauchte selbst ei- nen Lehrer.

Wie hat er Jesus eigentlich so schnell in der Nacht gefunden? Jesus war oft genug öf- fentlich in Jerusalem aufgetreten - wahr-

scheinlich hatte sich der gelehrte Pharisäer

schon dort getraut, einmal über seinen Schatten zu springen und um Privataudienz bei dem von seinen Amtskollegen verachte- ten Unruhestifter zu ersuchen. Den Groll der Tempelpolizei noch im Hintergrund über die umgestossenen Tische der Geldwechs- ler, als dieser Jesus verkündet hatte:

Macht meines Vaters Haus nicht zu einer Räuberhöhle!Aber trotzdem spürte der Gesetzeslehrer, dass hier mehr war als nur religiöses Rowdytum.

Jesus hatte Vollmacht - eine schier unheim- liche Autorität, untermauert von vielen Wun- dern, Gottes Wort zu verkündigen und an- zuwenden, ohne sich dabei auf andere be- rufen zu müssen! Autorität ohne Fussnoten! (Wie das bei den anderen Pharisäern näm- lich üblich gewesen wäre)

Der Wind verfing sich in seinem Gewand und er marschierte schneller durch die

Nacht, eifrig den neugierigen Blicken ande- rer ausweichend. Da, dort vorn, der Treff- punkt mit Jesus. Nur nicht mit der Tür ins Haus fallen, nur nicht von der Einsamkeit seiner Seele berichten und von dem leeren Brennen in seiner Brust, von dem Unerfüllt- sein in seiner Karriere als religiöser Top- shot.

Lieber gemütlich nehmen und eine schmei-

chelnde Einleitung, getragen von einer zö- gernden, unausgesprochenen Frage: Wird er wohl spüren, was ich eigentlich wissen

will?

Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Joh 3, 2 (Luther)

Auf der einen Seite ist das schon sehr mu-

tig von Nikodemus—denn mit dieser Aner- kennung Jesu stellt er sich voll gegen seine Pharisäerkollegen, die Jesus eben gerne genau das Gegenteil unterstellt hätten. Sie

hatten Jesus nämlich noch zornig verleum-

det:

Aber als die Pharisäer das hörten, spra- chen sie: Er treibt die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebul, ihren Obersten. Mat 12,24 (Luther)

Mit anderen Worten: Sie unterstellen Jesus das glatte Gegenteil, nämlich mit dem Teu- fel im Bunde zu sein (egal wie unlogisch es dann klingt, dass der Teufel selbst böse Geister austreibt).

Nikodemus ist also vom Ansatz her völlig richtig, und das ist toll. Aber etwas fehlt: Er hat sein eigenes Sehnen, seine persönliche Sehnsucht, was mit seinem Leben anders werden soll, nicht zum Ausdruck gebracht. Und vielleicht freut er sich richtiggehend, dass der Gottessohn sich nicht auf Spielchenmit theologischen Richtigkeiten einlässt, sondern direkt zum Herz der Sa- che kommt: Was Nikodemus persönlich

fehlt in seinem Leben!

Kennen Sie das auch? Menschen, die um den heissen Brei herumreden. Die Aus- flüchte suchen. Scheinfragen stellen. Z.B.:

Könnte Gott einen Stein schaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht hochheben kann?Verstehen Sie den Witz dabei? Sagt man Ja“, ist Gott nicht allmächtig, weil er ihn nicht hochheben kann, sagt man Nein“, ist er auch nicht allmächtig, weil er ihn nicht erschaffen kann.

Was lehrt uns das? Ganz einfach, dass

unsere Sprache ein unzureichendes Ge- fährt ist, um Gottes ganze Wahrheit und

Grösse zu transportieren. Früher hatte man ja echte Zelluloidrollen in den Fotoappara- ten, erinnern Sie sich noch? Das war, bevor man 300, 600 oder mehr Bilder mit der Digi- cam schiessen konnte. Stattdessen höchs- tens 36 oder so. Und von diesen Filmen sagte man, dass sie eine gewisse Körnigkeitbesassen, d.h. manche Filme

konnten ganz scharf auch kleinste Details

abbilden, andere eben nicht. Aber wissen Sie, was? Dass der Film zu grob war, um die Details abzubilden, hiess noch lange nicht, dass es sie nicht gab! Und dass un- sere Worte sich irgendwann ineinander verheddern, wenn sie versuchen, ein Kon- zept wie AllmachtGottes darzustellen, zeigt einfach, dass sie nicht scharfgenug sind—allmächtig ist Gott trotzdem.

Jesus will Nikodemus eine ganz neue Spra- che beibringen, einen neuen Horizont eröff- nen:

5 Jesus erwiderte: »Ganz sicher, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand ge- boren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kom-

men. 6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist,

das ist Geist.

Joh 3,5.6

Die Wahrheit ist eine Person,

nicht ein Lehrsatz

Damit will er Nikodemus sagen: Alle Deine eigenen Anstrengungen bringen Dich Gott nicht wirklich näher. Dafür brauchst Du sein Geschenk, seinen Geist.

Zu beachten ist dabei, dass der Text sich

selbst erklärt: aus Geist geborenin V. 5 ist offensichtlich parallel zu vom Geist gebo- renin V. 6—und aus Wasser geboren(V.

5) ist demzufolge parallel zu vom Fleisch

geboren(V. 6), d.h. die normale menschli- che Geburt. Für unsere Ohren klingt es leicht, als ob hier die Taufe gemeint wäre, der Parallelismus im Text widerspricht dem aber. Der Text sagt nichts anderes als Es reicht nicht, nur normal auf die Welt zu

kommen, die Neugeburt durch den Geist Gottes ist zusätzlich nötig.Jesus hat nie behauptet, die Taufe wäre heilsnotwendig (vgl. Röm 10,9: Notwendig sind nur Glaube

und Bekenntnis). Der für unsere Ohren

eigentümliche Ausdruck geboren aus Was- serfür die natürliche Geburt klingt an die

Formulierung aus Joh 1,13 an, dass die Geburt aus dem Willen eines Manneserfolgt. Oder wie es im Talmud heisst („Die Sprüche der Väter“, babylon. Talmud, 3,1):

Akabja, Mahalaleels Sohn, sagte: Auf drei Dinge achte, dann verfällst du nicht der Sünde: Halte fest im Sinn, woher du kommst, wohin du gehst, und vor wem du dereinst Rechenschaft geben musst. - Wo- her du kommst: Aus einem stinkenden Tropfen. - Wohin du gehst: An den Ort des Staubs und des Moders und der Würmer. - Vor wem du dereinst Rechenschaft geben musst: Vor dem König der Könige, dem Heiligen, gepriesen sei er.

Und darauf folgt die schönste und kürzeste Zusammenfassung des Evangeliums, die die Bibel zu bieten hat: