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W+W-Disk.-Beitr.

3/08

Die EKD und die Abschaffung der Schöpfung


Eine Stellungnahme zur aktuellen Kreationismusdebatte aus theologischer Sicht

von Bernhard Kaiser, Institut für Reformatorische Theologie1

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich menschlichen Religiosität. Menschen hätten in der
in zwei Publikationen zum Thema Kreationismus Bibel ihre Erfahrungen in Form von Mythen wei-
geäußert. In 2007 veröffentlichte der Beauftragte tergegeben und so seien auch die Berichte von
für Weltanschauungsfragen der Ev. Landeskirche Schöpfung und Sündenfall Mythen, also Ge-
in Württemberg, Hansjörg Hemminger, die von schichten, die nicht den Anspruch erhöben, ein
der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen wirkliches Geschehen wiederzugeben. Damit ist
herausgegebene Schrift Mit der Bibel gegen die Evo- dem Schöpfungsbericht die faktische Autorität
lution. Kreationismus und ‚intelligentes Design’ – genommen und es liegt auf der Hand, dass er als
kritisch betrachtet (EZW-Text 195).2 Vor kurzem zeitloser Mythos viel leichter mit der modernen
erschien mit einem Geleitwort von Bischof Huber naturwissenschaftlichen Weltsicht zu harmoni-
die von den Theologen Michael Beintker und sieren ist. Das gilt offenbar auch für die oben ge-
Friedrich Schweitzer erarbeitete 24-seitige Schrift nannten Autoren, auch wenn diese die hier ge-
Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungs- machten Bemerkungen nicht ausdrücklich vor-
glaube in der Schule (EKD-Texte 94).3 Beide Schrif- ausschicken.
ten machen eine Stellungnahme aus der Sicht Aus diesem Ansatz ergibt sich, dass der bibli-
konservativ-protestantischer Theologie notwen- sche Schöpfungsbericht eine religiöse Wirklich-
dig. Um die Position der EKD in der Diskussion keitsdeutung liefert im Unterschied zu einem
um Kreationismus/Intelligent Design zu verste- naturwissenschaftlichen Zugang zur Welt. Reli-
hen, erörtere ich zunächst ihr Verständnis des bi- giöse Wirklichkeitsdeutung habe es mit einer
blischen Schöpfungsberichtes. Danach gehe ich Dimension tun, die nicht durch Zählen, Messen
auf einzelne Sachfragen ein. Ich klammere dabei und Wiegen erfasst werden könne, sondern die
die Auseinandersetzung mit den naturwissen- intuitiv erfasst werde. Wenn behauptet wird, die
schaftlichen Aspekten weitestgehend aus, da die- Bibel wolle kein naturwissenschaftliches Lehr-
se an anderer Stelle stattfindet. buch sein, dann mag das für sich genommen stim-
men, aber hinter der Behauptung steht die An-
sicht, die religiöse Wahrnehmung der Schöpfung
1. Das den Äußerungen der EKD unterliegende sei eine ganz andere Kategorie der Wahrnehmung
Verständnis von 1. Mose 1-3 als die naturwissenschaftliche. Während letztere
sich an objektiven Daten festmache, die man mit
Charakteristisch für das Verständnis von 1Mose den entsprechenden Methoden erheben könne,
1-3 in der modernen Theologie ist die Ansicht, dass bedeute die erste, dass der Mensch ohne einen
wir es in der Bibel mit Glaubenszeugnissen zu tun objektiven, äußeren Anlass der Wirklichkeit eine
haben, in denen kollektive religiöse Erfahrungen Art Etikett aufklebt mit der Aufschrift „Schöp-
in Worte gefasst werden. Die Bibel sei Menschen- fung“. Der biblische Schöpfungsglaube wird da-
wort und als solches Niederschlag lebendiger mit als Produkt religiöser Weltbetrachtung ange-
menschlicher Religiosität. Die Bibel sei nicht von sehen, als Resultat des Nachsinnens über die Welt.
Gott und nicht von Gottes Geist eingegeben, es sei Er sei motiviert durch den Lobpreis Gottes im
denn, man identifiziere den Geist Gottes mit der Gottesdienst.
Dies ist eine für die moderne Theologie typi-
sche Vorstellung. Religiöses Bewusstsein fasse
1 seine Einsichten in eine Geschichte, die sich so
http://www.irt-ggmbh.de. Der Beitrag wird auch dort
veröffentlicht. Der Autor ist Mitglied des Leitungs- nicht zugetragen habe und nicht sagen wolle, was
kreises der SG Wort und Wissen. etwa geschehen wäre, sondern die einen „Glau-
2
Zu diesem Text veröffentlichte die SG Wort und ben“, eine bestimmte religiöse Sichtweise, zum
Wissen eine ausführliche Stellungnahme: http:// Ausdruck bringen wolle.
www.wort-und-wissen.de/disk/d08/2/d08-2.html Man wird dann zwangsläufig zu der Frage
3
http://www.ekd.de/download/ekd_texte_94.pdf; eine
geführt, was für ein Gott das ist, der in den so
kurze Stellungnahme der SG Wort und Wissen wurde
bereits unter http://www.wort-und-wissen.de/presse/ verstandenen biblischen Texten gelobt wird. Was
main.php?n=Presse.P08-1 veröffentlicht. tut er denn? Was hat er getan? Hat er wirklich die

DISKUSSIONSBEITRÄGE, BERICHTE,
INFORMATIONEN 3/08
Welt erschaffen? Das Lob Gottes als Schöpfer ist Ohne Zweifel muss man zugestehen, dass die
dann, wenn er die Welt nicht wirklich erschaffen Bibel kein naturwissenschaftliches Lehrbuch sein
hat, ein hohles Lob, ein Lob für etwas, das man will und sein kann. Sie redet nicht in wissenschaft-
nicht aussagen kann. Die religiöse Redeweise licher Exaktheit und beansprucht eine solche auch
verdeckt die Unwirklichkeit des tatsächlich han- nicht. Sie verneint aber den Atheismus, der für
delnden Gottes. Sie wirkt vordergründig fromm die naturwissenschaftlichen Methoden gefordert
und will der Autarkie des Menschen widerspre- und zum Aushängeschild der Wissenschaftlich-
chen, aber leistet mit der Verneinung der Schöp- keit gemacht wird. Wenn die Bibel sagt, dass Gott
fung als Tatsache der Emanzipation vom Schöp- am Anfang die Welt erschaffen habe, dann wi-
fer Vorschub. derspricht sie einer atheistischen Welterklärung
Mit der Behauptung, dass das Bekenntnis zu unabhängig davon, ob diese im Gewand der
Gott, dem Schöpfer nicht zum ältesten Traditi- modernen Naturwissenschaft oder im Gewand
onsbestand des AT gehöre, wird die Bedeutung spekulativer Philosophie daherkommt.
der biblischen Schöpfungsaussage weiter verrin- Ferner sagt die Schrift, dass Gott die Welt wirk-
gert. Hier zeigt die Aufnahme der Quellenschei- lich gemacht hat. Dies ist vom Standpunkt der
dungstheorien Wirkung, mit denen die Bibelkri- Bibel aus keine religiöse Wirklichkeitsdeutung,
tik seit etwa 150 Jahren die Autorität der Mosebü- sondern Tatsache. Auch andere Autoren der Bi-
cher untergräbt, obwohl es kein einziges Doku- bel einschließlich Jesus Christus teilen diese Sicht
ment gibt, das diese These bestätigt. Man hat viel- (vgl. z.B. Ps 102,26; Spr 3,19; Jes 48,13; Hebr 1,10;
mehr gemeint, man könne die vorliegenden Text- Mt 19,4-5). Die Bibel spricht gleich am Anfang
dokumente künstlich in postulierte und keines- und sachlich am richtigen Ort von der Erschaf-
wegs evidente Quellen (Jahwist, Elohist, Priester- fung der Welt. Sie macht eine kosmologische
schrift, Deuteronomium) aufspalten. Mit der Aussage und tritt damit in Konkurrenz zu anders-
Quellenscheidung versinkt die in den Mosebü- lautenden kosmologischen Vorstellungen.
chern berichtete Geschichte im Dunkel. 1Mose 1 Es ist daher ein Ausweichmanöver, wenn
wird – gegen die von der Bibel bezeugte mosai- Beintker/Friedrich die Betonung so sehr auf das
sche Autorschaft – von der historisch-kritischen aktuelle schöpferische Handeln Gottes, die crea-
Schriftauslegung jener ominösen Priesterschrift tio continua, legen. Dass auch dieses stattfindet,
aus der Zeit des babylonischen Exils zugeschrie- wird gewiss auch aus der Schrift deutlich (vgl. Ps
ben und als rückwärtige Projektion der Weltent- 104). Doch ist es die durchgängige Aussage der
stehung im Kontext spätjüdischer Religiosität Bibel, dass Gott „am Anfang“ Himmel und Erde
verstanden. geschaffen hat. Diese Aussage lässt sich nicht mit
Die Reduktion der biblischen Botschaft auf gei- einer dunklen, jahrmilliardenlangen Selbstorga-
stig-religiöse Einsichten und Erlebnisse ist Aus- nisation des Kosmos in Einklang bringen, ganz
druck dessen, dass die Kirche und ihre Theologie abgesehen davon, dass die biblische Chronologie
generell den Bezug zur Schöpfung verloren ha- in größtem Kontrast zu den von der Evolutions-
ben. Es ist das zweifelhafte Verdienst des Berli- theorie postulierten Zeiträumen steht.
ner Theologen D.F.E. Schleiermacher (1768-1834), Es steht nicht in der Kompetenz des Menschen,
die „Religion“ vollständig von dem von der Re- zu entscheiden, welche Kosmologie die richtige
formation betonten Bezug zum äußeren Wort der ist. Kein Mensch hat Gott bei der Schöpfung zu-
heiligen Schrift abgekoppelt und auf selbständi- geschaut und niemand hat einen Urknall gehört.
ge innerpsychische Vorgänge beschränkt zu ha- In der Diskussion geht es vielmehr um die viel
ben. grundsätzlichere Frage, wem die Kirche in der
Sache mehr glaubt: dem Wort Gottes oder einer
vom Atheismus dominierten Naturwissenschaft.
2. Naturwissenschaft und Bibel – zwei Ebenen? Zieht man in Betracht, dass menschliche Wissen-
schaften schon oft geirrt haben und ihre Irrtümer
Die eingangs genannten Schriften sind – neben mit und ohne kirchlichen Segen vertreten haben,
zahllosen anderen Äußerungen zeitgenössischer so ist es allemal berechtigt, wissenschaftliche Er-
Theologen zum Thema – getragen von dem An- gebnisse, die der Bibel widersprechen, als solche
satz, dass der christliche Schöpfungsglaube und zur Kenntnis zu nehmen, sie jedoch als vorläufig
die Evolutionstheorie die Welt von zwei ganz zu betrachten und sie zum gegebenen Zeitpunkt
unterschiedlichen Ebenen aus sehen und daher zu überprüfen. Auch sei daran erinnert, dass
einander nicht wirklich widersprechen können. menschliche Erkenntnis niemals als Maßgabe für
Diese Behauptung muss näher beleuchtet werden. das Ganze genommen werden darf. Menschliche
Erkenntnis nimmt immer nur einen Ausschnitt lichkeit, die wohl dem Auge verborgen ist, aber
der Wirklichkeit empirisch wahr. Wenn eine un- nichtsdestoweniger so ist, wie es Gottes Wort sagt.
mittelbare empirische Wahrnehmung nicht mög- Er vertraut auf die Wahrheit dieser Aussagen,
lich ist, wie das bezüglich des „Urknalls“ und der obwohl man sie nicht mit den Mitteln der empiri-
postulierten Jahrmilliarden der Fall ist, dann muss schen Wissenschaften beweisen kann, sondern
generell davor gewarnt werden, dass die „Er- gibt ihnen um der Treue des wirklich da seienden
kenntnisse“ genannten geistigen Konstrukte des Gottes willen Kredit, wie aus Römer 4,18-21 her-
Menschen als Tatsachen kolportiert werden. Da- vorgeht. Das jedenfalls haben die Reformatoren
mit möchte ich sagen, dass zum Beispiel die auf im Einklang mit der Schrift unter Glauben ver-
radiometrischem Wege abgeleiteten hohen Alters- standen und gerade das ist am Glaubensbegriff
daten fossiler Organismen, die bekanntermaßen der modernen Theologie nicht mehr erkennbar.
der biblischen (Kurzzeit-) Chronologie drastisch Mit anderen Worten, die EKD redet vom Glau-
entgegenstehen, noch nicht als Beweis für einen ben, aber meint nicht das, was die Bibel darunter
Irrtum der biblischen Autoren angesehen werden versteht.
können. Diese Rekonstruktionen enthalten nicht Damit wird deutlich: Schon der Glaubensbe-
überprüfbare Denkvoraussetzungen, die eine griff dieser Theologie entbehrt dessen, was Lu-
über jeden Zweifel erhabene Absolutsetzung ver- ther das „äußerlich Ding“ nannte: des äußeren,
bieten. Um es überspitzt zu sagen: Die Naturwis- objektiven Wortes Gottes und damit einer Größe,
senschaften können und sollen uns erklären, wie die nicht im menschlichen Bewusstsein, sondern
die Welt funktioniert, aber bei der Erklärung, wie in der Schöpfung steht: als menschliches, diessei-
die Welt geworden ist, werden sie mit ihren me- tiges, geschriebenes oder gepredigtes Wort. So
thodischen und inhaltlichen Grenzen konfrontiert. zeigt schon das Verständnis von Glauben und
Überschreiten sie diese unreflektiert, geraten sie Christsein das Ausfallen der geschöpflichen Di-
in das Schlepptau von Spekulationen und Ideolo- mension. Mit dem Ausfallen der geschöpflichen
gien. Die Kirche täte indes der Wissenschaft ei- Dimension verkommt der Glaube zu einer gno-
nen besseren Dienst, wenn sie deren Ergebnisse stischen und unwirklichen Größe. Er wird zu ei-
anhand der Bibel ideologiekritisch bewerten und ner hohlen Gläubigkeit, die mit den unterschied-
sich nicht mit der Rede von verschiedenen Ebe- lichsten religiösen Anschauungen gefüllt werden
nen aus ihrer Verantwortung stehlen würde. kann.
Damit hängt zusammen, dass die neuere Theo-
logie auch die Bezüge der Offenbarung Gottes zur
3. Die Bedeutung des ersten Glaubensartikels geschöpflichen Dimension problematisiert, sei
dies die Fleischwerdung des Sohnes Gottes oder
Indem die EKD-Autoren den Kreationismus ab- das Eingehen des Heiligen Geistes ins biblische
lehnen, wenden sie sich offen gegen das, was die Wort. Für die neuere Theologie ist Jesus in der
Bibel dem Wortlaut nach sagt und was die Kirche Regel nur ein Mensch und das Göttliche an ihm
durch die Jahrhunderte hindurch geglaubt hat, ist sein religiöses Bewusstsein. Aber wesenhaft
nämlich dass Gott am Anfang die Welt wirklich Gott ist er für sie nicht. Auf der anderen Seite ste-
geschaffen hat. Indem sie die Bibel auf die ge- hen Christologien „von oben“, in denen Christus
schilderte Weise umdeuten, annullieren sie die etwa der „eschatologische Himmelsmensch“ (Kä-
Aussagen des ersten Glaubensartikels. Damit semann) ist, dessen Beziehung zum irdischen Je-
werden zwei wesentliche Grundlagen der Kirche sus im Sinne der neueren Theologie nur „ge-
gleichzeitig preisgegeben: die heilige Schrift als glaubt“ werden kann. Ähnlich verhält es sich mit
autoritative Grundlage der Kirche und die Er- Gottes Wort: Die neuere Theologie lehnt es ab, es
kenntnis Gottes als Schöpfer, Offenbarer und mit der Bibel zu identifizieren, mithin also im Sin-
Vollender. Sie werden diesen Vorwurf vehement ne der Lehre von der Theopneustie (Inspiration)
zurückweisen, indem sie darauf verweisen, dass der heiligen Schrift das äußere, menschliche Wort
sie gerade für diesen Glauben werben und eine als Gotteswort anzusehen. Gottes Wort ist für sie
atheistische Weltdeutung verneinen. Aber was ist ein Ereignis im Horizont der menschlichen Exi-
das für ein „Glaube“, wenn er nur subjektiv-reli- stenz, was aber nichts anderes heißt, als dass es in
giöse Weltdeutung oder ein inneres religiöses einer inneren religiösen Erfahrung oder in einem
Erlebnis ist? Christlicher Glaube ist getragen von Bewusstseinsakt besteht.
den objektiven, im biblischen Wort gegebenen Das Ausfallen der Schöpfung wird besonders
Zusagen des in der Welt- und Menschheitsge- in der Leugnung der leibhaftigen Auferstehung
schichte handelnden Gottes. Er erfasst eine Wirk- erkennbar. Wenn die biblischen Auferstehungs-
berichte als Zeugnisse religiöser Erfahrungen ge- 4. Die Herausforderung
deutet oder als Chiffren für die Überwindung le-
bensfeindlicher Mächte und nicht als Berichte von Aus der Sicht der Rechts- und Gesellschaftswis-
Begegnungen mit dem leibhaftig Auferstandenen senschaften geht es bei der Kreationismusdebat-
verstanden werden, und wenn Christen heute te um die Frage, welche Rolle christliche Positio-
unabhängig davon, ob das Grab leer war oder nen in der Öffentlichkeit und insbesondere in
nicht, ähnliche Erfahrungen des Aufatmens und staatlichen Schulen spielen dürfen. Hemminger
der Hoffnung für die Zukunft machen sollen, dann schreibt: „Der Umgang mit dem Kurzzeit-Krea-
bedeutet dieser Ausfall der geschöpflichen Di- tionismus ist ein Problem der Pädagogik und
mension der Auferstehung, dass es im Grunde Politik, auch der Gemeindearbeit und der Kirchen-
keine wirkliche Auferstehungshoffnung gibt und politik“ (Hemminger, 14). Diese Formulierung
dass damit auch die neue Schöpfung ausfällt. darf nicht unwidersprochen bleiben. Eine bibel-
Wenn die Kirche nicht mehr an die anfängliche treue Position in Fragen der Schöpfung wird durch
Schöpfung glaubt, dann hat sie auch keinen An- den Autor u.a. unbegründet zum „Problem“ der
lass, an die endliche Neuschöpfung zu glauben. Politik erklärt. Wann immer aber der Staat eine
Indem sie die leibhaftige Auferstehung der Toten besondere Richtung des christlichen Schöpfungs-
nicht bekennt, verliert sie ein zentrales Element glaubens bekämpft, verletzt er seine vom Grund-
der christlichen Hoffnung. gesetz gebotene weltanschauliche Neutralität.
Dass auch die Reformatoren als angebliche Es ist darüber hinaus ein Skandal, dass die neu-
Kronzeugen dieses neuerlichen „Schöpfungsglau- erlichen kirchlichen Publikationen die jahrzehn-
bens“ angeführt werden (Beintker/Friedrich 10- telange Tradition fortsetzen, anstelle der bibli-
11), entspricht nicht deren Ansichten. Es stand schen Botschaft widerbiblische und dem jeweili-
für Luther wie für Calvin außer Frage, dass Gott gen Zeitgeist angepasste Positionen vorzutragen.
am Anfang die Welt geschaffen hat, wie man un- Die Kirche sollte doch, um in rechter Weise Kir-
schwer aus Luthers Genesisvorlesung und aus che zu sein, dem Wort Gottes mehr glauben als
Calvins Kommentar zur Genesis entnehmen kann. einer sich mit dem Schein der gesicherten Erkennt-
Ganz ohne Frage haben sie betont, dass der Schöp- nis zierenden naturalistisch überhöhten Wissen-
fungsglaube auch auf das Leben und die Lebens- schaft. Wenn sie darüber hinaus die recht ver-
umstände des einzelnen Menschen zu beziehen standene biblische Schöpfungsaussage diffamiert
ist. Doch damit haben sie mit keiner Silbe den als „Verkehrung des Glaubens an den Schöpfer
biblischen Schöpfungsbericht und das darin be- in eine Form einer Welterklärung, die letztlich
schriebene Handeln Gottes als Tatsache geleug- dazu führt, dass das Bündnis von Glaube und
net, sondern ihn gegen anderslautende Ansich- Vernunft aufgekündigt wird“ (Beintker/Friedrich
ten verteidigt. Den Schöpfungsglauben auf das 7), dann tut sie genau das, was sie kritisiert: sie
aktuelle Handeln Gottes, sprich: auf die religiöse hat mit der Rede von den verschiedenen Ebenen
Wahrnehmung der Welt und der christlichen die biblische Schöpfungsaussage als eine vernünf-
Existenz zu beschränken, ist wohl das besondere tige und sachlich richtige Auskunft über die Her-
Interesse der modernen Theologie, dem die Re- kunft der Welt aus der Hand eines weisen Schöp-
formatoren energisch das Recht der Bibel entge- fers von der Wissenschaft abgekoppelt. Sie hat
genstellen würden: von Dingen zu reden, die ge- ohne zwingenden Grund das Wort, das die Kir-
schöpfliches Format haben. Wenn es darüber hin- che trägt, seines Sachgehalts entleert und den
aus als Kennzeichen evangelischen Glaubens Glauben dem Diktat einer mit atheistischen Me-
angesehen wird, bestimmten Auslegungsformen thoden arbeitenden Vernunft unterworfen. – Um
des christlichen Schöpfungsglaubens wie auch der der Selbstzerstörung der Kirche zu widerstehen
Evolutionstheorie „kritisch“ zu betrachten und zu tun wir, was die Kirche tun sollte: wir protestie-
überwinden, dann muss man wohl parierend sa- ren für den Sachgehalt des ersten Glaubensarti-
gen: Die EKD sollte bei dieser Kritik die Schrift kels und für das Recht Gottes, uns sagen zu kön-
zum Maßstab machen und nicht ihre schriftwid- nen, wie er die Welt geschaffen hat.
rige Auslegung.

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