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William MacDonald

Kommentar
zum
Neuen Testament

Christliche
Literatur-Verbreitung e.V.
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
1. Auflage (Band 1) 1992
1. Auflage (Band 2) 1994
2. Auflage (Gesamtausgabe – Band 1 und 2) 1997

Originaltitel: BBC – Believer’s Bible Commentary – New Testament


© 1989 by William MacDonald
© der deutschen Ausgabe 1992 und 1994
by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld

Übersetzung: Christiane Eichler


Umschlaggestaltung: Dieter Otten, Bergneustadt
Satz: CLV
Druck und Bindung: Graphischer Großbetrieb Pössneck

ISBN 3-89397-378-8
Inhaltsverzeichnis
Über den Autor 7
Über den Herausgeber 7
Vorwort des Autors 8
Einführung des Herausgebers 9
Abkürzungen 11
Einführung in das Neue Testament 12
Einführung in die Evangelien 15
Das Evangelium nach Matthäus 19
Exkurs zum Reich der Himmel 29
Exkurs zum Evangelium 36
Exkurs zum Verhältnis des Gläubigen zum Gesetz 40
Exkurs über Scheidung und Wiederheirat 44
Exkurs über das Fasten 49
Exkurs zum Sabbat 77
Das Evangelium nach Markus 161
Das Evangelium nach Lukas 223
Das Evangelium nach Johannes 339
Die Apostelgeschichte 475
Exkurs über das Gebet in der Apostelgeschichte 483
Exkurs über die Hausgemeinde und gemeindeähnliche Organisationen 493
Exkurs über das Verhältnis des Christen zur Obrigkeit 506
Exkurs über die Gläubigentaufe 516
Exkurs über den Dienst der sogenannten »Laien« 518
Exkurs über Missionsstrategie 539
Exkurs über die Selbständigkeit der Ortsgemeinde 544
Exkurs über göttliche Führung 547
Exkurs über Wunder 549
Exkurs über ungewöhnliche Kanzeln 555
Exkurs über die Botschaft der Apostelgeschichte 587
Der Brief an die Römer 597
Exkurs über die unerreichten Heiden 606
Exkurs über die Sünde 616
Exkurs über die göttliche Souveränität und
die menschliche Verantwortlichkeit 650
Der erste Brief des Paulus an die Korinther 689
Der zweite Brief des Paulus an die Korinther 777
Der Brief des Paulus an die Galater 845
Exkurs über Gesetzlichkeit 877
Inhaltsverzeichnis

Der Brief an die Epheser 883


Exkurs zur göttlichen Erwählung 889
Der Brief an die Philipper 949
Der Brief an die Kolosser 983
Exkurs zum Thema Versöhnung 995
Exkurs zum Thema christliche Familie 1017
Der erste Thessalonicherbrief 1027
Exkurs über das Kommen des Herrn 1037
Exkurs zu den Anzeichen der letzten Tage 1049
Exkurs zum Thema Heiligung 1055
Der zweite Thessalonicherbrief 1061
Exkurs zu Entrückung und Offenbarung 1064
Exkurs über die Entrückung der Gemeinde 1076
Die Pastoralbriefe 1087
Der erste Timotheusbrief 1091
Der zweite Timotheusbrief 1131
Der Titusbrief 1159
Exkurs zum Thema Älteste 1162
Exkurs über den Christen und diese Welt 1173
Der Philemonbrief 1179
Der Brief an die Hebräer 1189
Exkurs zum Thema Abfall 1213
Exkurs zur Bedeutung des Hebräerbriefes heute 1257
Der Brief des Jakobus 1261
Exkurs zu den Zehn Geboten 1275
Exkurs über göttliche Heilung 1295
Der erste Petrusbrief 1303
Exkurs zum Thema christliche Kleidung 1328
Exkurs zum Thema Taufe 1335
Der zweite Petrusbrief 1349
Der erste Brief des Johannes 1375
Exkurs zur Sünde zum Tod 1396
Der zweite Brief des Johannes 1399
Der dritte Brief des Johannes 1403
Der Judasbrief 1407
Die Offenbarung 1421
Anhang 1465
Über den Autor
William MacDonald ist ein geschätzter nald in die Fakultät der Emmaus Bibel-
Bibellehrer und Autor von über 60 in den schule (jetzt College) ein. Dort diente er
USA und Kanada veröffentlichten von 1947 – 1965. Ab 1959 war er Leiter
Büchern, von denen einige schon in viele dieser Bibelschule.
Sprachen übersetzt wurden. Diese rei- Von 1965 – 1972 arbeitete er als rei-
chen von gebundenen über Taschen- sender Bibellehrer und Prediger. Sein
bücher und Bibelfernkursen bis hin zu Dienst führte ihn nicht nur durch ganz
Traktaten. Nordamerika, sondern auch nach Euro-
Es waren nicht die verschiedenen pa und Asien.
Abschlüsse des Tufts College (jetzt Uni- Seit 1973 gehört er zum Mitarbeiter-
versität) und der Harvard Business stab des Discipleship Intern Training
School, die W. MacDonald erworben hat, Program in San Leonardo, Kalifornien.
sondern der außerordentlich ausführli- Der Kommentar zum Neuen Testament
che biblische Unterricht, den er in ver- ist der Höhepunkt des Gelöbnisses, das
schiedenen Versammlungen erhielt, und der Autor im Alter von 30 Jahren Gott
sein Leben voll eifrigem persönlichen gegenüber ablegte, einen Kommentar zu
Bibelstudium, die ihn für diese Aufgabe schreiben, der Vers für Vers das ganze
vorbereitet haben. Neue Testament verständlich macht. Er
Nachdem er als Vermögensberater ist die Frucht von mehr als vier Jahr-
der First National Bank of Boston gear- zehnten des Bibelstudiums, der Predigt
beitet und von 1942 – 1949 aktiv bei der und der Auslegungsarbeit.
US-Marine gedient hatte, trat MacDo-

Über den Herausgeber


Arthur Farstads Weg kreuzte den des King James Bible ist, die in den angelsäch-
Autors, als er Schüler an der Emmaus sischen Ländern auch heute noch von
Bibelschule wurde und dort nicht nur die vielen Christen bevorzugt wird. Diese
Bibel, sondern auch christlichen Journa- Arbeit führte ihn auf natürliche Weise
lismus unter MacDonald studierte. dazu, den Kommentar von MacDonald
Farstad hat die National Art Aca- nach der New King James Bible zu bear-
demy in Washington, D. C. besucht, die beiten, damit er sich auf diese verständli-
Emmaus Bibelschule, das Washington chere Bibelausgabe bezieht.
Bible College und das Dallas Theological Dr. Farstad hat auch die Einleitungen
Seminary. In Dallas wurde ihm der Magi- zu den verschiedenen Büchern der Bibel
ster der alttestamentlichen Theologie geschrieben, außerdem für die Anmer-
und die Doktorenwürde der neutesta- kungen, insbesondere die zum neutesta-
mentlichen Theologie verliehen. An die- mentlichen Text.
sem Seminar lehrte er fünfeinhalb Jahre Er hat zusammen mit Zane Hodges
Griechisch. das »Greek New Testament according to
Sieben Jahre lang war er der Heraus- the Majority Text« herausgegeben.
geber der New King James Bible, erst für Neben seiner Tätigkeit als Schriftstel-
das Neue Testament und dann für die ler und Herausgeber steht Farstad im
gesamte Bibel, die eine konservative aktiven Predigtdienst hauptsächlich in
Revision der traditionellen englischen Dallas.

7
Vorwort des Autors
Dieser Kommentar zum Neuen Testa- nicht erst durch lange Erklärungen arbei-
ment soll dem normalen Christen hel- ten. Das Tempo unseres modernen
fen, das Wort Gottes intensiv zu studie- Lebens macht es notwendig, daß die
ren. Allerdings darf ein Bibelkommen- Wahrheit in kurzen Abschnitten angebo-
tar nie die Bibel selbst ersetzen. Das ten wird.
Beste, was ein Kommentar zu leisten in Die Kommentare umgehen keine
der Lage ist, ist die allgemeine Bedeu- schwierigen Schriftstellen. In vielen Fäl-
tung der Texte in verständlicher Weise len werden mehrere Erklärungsansätze
darzulegen und dann den Leser zum angeführt, damit der Leser selbst ent-
weiteren Studium an die Bibel zurück- scheiden kann, welcher von ihnen am
zuverweisen. besten dem Zusammenhang und der
Der Kommentar ist in einfacher Spra- übrigen Bibel entspricht.
che gehalten, die Fachausdrücke vermei- Reines Bibelwissen reicht nicht aus.
det. Er behauptet nicht von sich, Gelehr- Das Wort muß praktische Anwendung
samkeit oder tiefgründige Theologie zu im Leben finden. Deshalb versucht die-
enthalten. Die meisten Gläubigen verste- ser Kommentar zum Neuen Testament
hen die Originalsprachen des Alten und zu zeigen, wie die Schrift im Leben des
Neuen Testaments nicht, aber das hin- Volkes Gottes Gestalt annehmen kann.
dert sie nicht daran, größtmöglichen Wenn dieser Kommentar um seiner
praktischen Nutzen aus dem Wort zu selbst willen gelesen wird, dann wird er
ziehen. Ich bin überzeugt, daß durch eher ein Fallstrick als eine Hilfe werden,
systematisches Bibelstudium jeder wenn er jedoch dazu benutzt wird, das
Christ sich »Gott bewährt zur Verfügung persönliche Studium der Heiligen Schrift
stellen kann als einen Arbeiter, der sich anzuregen und zum Gehorsam gegen die
nicht zu schämen hat, der das Wort der Grundsätze unseres Herrn führt, dann
Wahrheit in gerader Richtung schneidet« hat er seine Aufgabe erfüllt.
(2. Tim 2,15). Möge der Heilige Geist, der die
Die Anmerkungen sind kurz gehal- Schreiber der Bibel inspirierte, den Ver-
ten, umfassend und themenorientiert. stand des Lesers erleuchten, um dieses
Um bezüglich einer bestimmten Stelle wundervolle Ziel zu erreichen: Gott
Hilfe zu erhalten, muß sich der Leser durch sein Wort zu erkennen.

8
Einführung des Herausgebers
»Verachten Sie nie die Kommentare.« Unglücklicherweise sind viele so lang, so
Dies war gegen Ende der fünfziger Jahre veraltet und so schwer zu lesen, daß der
der Rat eines Lehrers der Emmaus Bibel- normale Christ sie entmutigt, wenn nicht
schule an seine Klasse. Mindestens ein durch ihre Fülle erschlagen, weglegt.
Schüler hat diese Worte mehr als dreißig Daher geben wir diesen Kommentar
Jahre behalten. Der Lehrer war William zum Neuen Testament heraus.
MacDonald, der Autor dieses Buches.
Der Schüler war der Herausgeber Arthur Die verschiedenen Arten von
Farstad, der zu dieser Zeit seine Ausbil- Kommentaren
dung an der Schule gerade erst begonnen Theoretisch könnte jeder, der an der
hatte. Er hatte in seinem Leben nur einen Bibel interessiert ist, einen Kommentar
einzigen Kommentar gelesen – In der schreiben. Aus diesem Grunde gibt es ein
Himmelswelt über den Epheserbrief von so großes Spektrum von extrem liberal
Harry A. Ironside. Art Farstad hat in dem bis zu äußerst konservativ zwischen
Sommer, in dem er diesen Kommentar denen jede Schattierung existiert. Dieser
jeden Abend las, herausgefunden, was Kommentar zum Neuen Testament ist
ein Kommentar ist. ein sehr konservativer Kommentar, der
die Bibel als inspiriertes und irrtumslo-
Was ein Kommentar ist ses Wort Gottes annimmt, das für alle
Was genau ist nun ein Kommentar und Fragen des Glaubens und Lebens ausrei-
warum sollten wir Kommentare nicht chende Antworten bietet.
verachten? Kürzlich listete ein bekannter Ein Kommentar kann sich aber auch
christlicher Verleger fünfzehn verschie- zwischen den Extremen hochspeziali-
den Sorten von Büchern auf, die alle mit siert (Einzelheiten der griechischen und
der Bibel zu tun haben. Wenn einige Leu- hebräischen Grammatik werden aufge-
te nicht genau wissen, wie sich ein Kom- zeigt) und oberflächlicher Skizze bewe-
mentar z. B. von einer Studienbibel oder gen. Dieser Kommentar zum Neuen
sogar von einer Konkordanz, einem Atlas Testament liegt irgendwo dazwischen.
oder einem biblischen Wörterbuch unter- Was an speziellen Bemerkungen ge-
scheidet – um nur vier aufzuführen, dann braucht wird, ist meist in den Anmer-
sollte das niemanden wundern. kungen am Schluß untergebracht, aber er
Ein Kommentar erläutert oder macht setzt sich intensiv mit den Einzelheiten
(hoffentlich) hilfreiche Bemerkungen des Textes auseinander, ohne schwierige
zum Text. Dabei geht er entweder Vers Stellen oder unbequeme Anwendungen
für Vers oder Abschnitt für Abschnitt auf das tägliche Leben zu umschiffen.
vor. Einige Christen verachten Kommen- W. MacDonald bietet eine reichhaltige
tare und sagen: »Ich will nur das gepre- Auslegung. Sein Ziel ist es nicht, nur ge-
digte Wort hören und die Bibel selbst wöhnliche Christen, die sich auf einem
lesen.« Das hört sich fromm an, ist es größten Nenner wiederfinden, zu produ-
aber nicht. Ein Kommentar ist nur die zieren, sondern Jünger zu schulen.
gedruckte Form der besten (und schwie- Kommentare unterscheiden sich
rigsten) Form der Bibelauslegung – der auch darin, zu welchem theologischen
Auslegung, die Vers für Vers vorgeht, Lager sie gehören – konservativ oder
wenn das Wort Gottes gepredigt wird. liberal, protestantisch oder katholisch,
Einige Kommentare, wie die von Ironsi- prämillenialistisch oder postmilleniali-
de, sind ziemlich wörtlich gedruckte Pre- stisch. Dieser Kommentar zum Neuen
digten. Außerdem sind die großartigsten Testament ist ein konservativer, prote-
Bibelauslegungen aller Zeiten und Spra- stantischer prämillenialistischer Kom-
chen in englischer Sprache zugänglich. mentar.
9
Einführung des Herausgebers

Wie man dieses Buch benutzen kann Ein Buch der Bibel – Vielleicht wird in
Man kann an dieses Buch verschieden Ihrem Hauskreis oder in der Gemeinde-
herangehen. Wir schlagen folgendes in bibelstunde ein bestimmtes Buch des
etwa der angegebenen Reihenfolge vor: Neuen Testamentes durchgenommen.
Querlesen – Wenn Sie die Bibel mögen Sie werden viel Gewinn davon haben
oder lieben, dann werden sie gerne die- oder auch zum Thema beitragen können,
ses Buch durchblättern und hier etwas wenn Sie den Kommentar zu dem Ab-
und dort etwas lesen, um einen ersten schnitt, der das nächste Mal behandelt
Eindruck des Gesamtwerkes zu erhal- wird, vorher gelesen haben.
ten. Das ganze Buch – Eigentlich sollte
Bestimmte Abschnitte nachschlagen – jeder Christ die gesamte Bibel gelesen
Vielleicht haben Sie eine Frage zu einem haben. Es gibt in der ganzen Bibel ver-
Vers oder einem Abschnitt, zu der Sie streut schwierige Texte, deshalb wird ein
Hilfe benötigen. Schauen Sie an der Stel- sorgfältiges konservatives Buch wie die-
le des Kommentars nach, denn Sie wer- ses Ihr Bibelstudium sehr bereichern.
den dort sicherlich gutes Material fin- Es mag sein, daß sie beim Bibelstu-
den. dium mit trockenem Brot anfangen müs-
Eine Lehre – Wenn Sie ein Thema sen – »nahrhaft, aber trocken« – aber
untersuchen, etwa Sabbat, Taufe, Erwäh- wenn sie weiterkommen, wird es sicher-
lung oder Dreieinigkeit, dann können Sie lich zu »Schokoladenkuchen!«
unter den Abschnitten nachsehen, die es W. MacDonalds Rat an mich vor
zu diesem Thema in der Bibel gibt. Das dreißig Jahren lautete: »Verachten Sie nie
Inhaltsverzeichnis listet Aufsätze oder die Kommentare.« Nachdem ich seinen
»Exkurse« zu vielen dieser Themen auf. Kommentar zum Neuen Testament sorg-
Benutzen Sie eine Konkordanz, um an- fältig gelesen habe, als ich ihn für die
hand von Schlüsselwörtern wichtige Bi- Benutzung der New King James Bibel
belabschnitte zu einem Thema zu finden, überarbeitete, kann ich noch einen
wenn es nicht in den 37 Exkursen behan- Schritt weiter gehen. Mein Rat: »Ge-
delt wird. nießen Sie ihn!«

10
Abkürzungen
Abkürzungen der Bücher des Alten Testaments
1. Mose 1. Mose Prediger Pred
2. Mose 2. Mose Hoheslied Hohesl
3. Mose 3. Mose Jesaja Jes
4. Mose 4. Mose Jeremia Jer
5. Mose 5. Mose Klagelieder Klgl
Josua Josua Hesekiel Hes
Richter Ri Daniel Dan
Ruth Ruth Hosea Hos
1. Samuel 1. Sam Joel Joel
2. Samuel 2. Sam Amos Amos
1. Könige 1. Kön Obadja Ob
2. Könige 2. Kön Jona Jona
1. Chronika 1. Chron Micha Micha
2. Chronika 2. Chron Nahum Nah
Esra Esra Habakuk Hab
Nehemia Neh Zephania Zeph
Esther Est Haggai Hag
Hiob Hiob Sacharja Sach
Psalm Ps Maleachi Mal
Sprüche Spr

Abkürzungen der Bücher des Neuen Testaments


Matthäus Matth 2. Thessalonicher 2. Thess
Markus Mk 1. Timotheus 1. Tim
Lukas Lk 2. Timotheus 2. Tim
Johannes Joh Titus Titus
Apostelgeschichte Apg Philemon Philem
Römer Röm Hebräer Hebr
1. Korinther 1. Kor Jakobus Jak
2. Korinther 2. Kor 1. Petrus 1. Petr
Galater Gal 2. Petrus 2. Petr
Epheser Eph 1. Johannes 1. Joh
Philipper Phil 2. Johannes 2. Joh
Kolosser Kol Judas Judas
1. Thessalonicher 1. Thess Offenbarung Offb

Abkürzungen der Bibelausgaben


a) Textausgaben des gr. Urtextes ER Elberfelder revidiert
M Majority Text GN Die Gute Nachricht
NA Nestlé-Ahland Hfa Hoffnung für alle
TR Textus Receptus LU + Jahreszahl
Lutherbibel in Revision des
b) deutsche Bibelausgaben Jahres . . .
Ei Einheitsübersetzung Schl Schlachter
Elb Elberfelder nicht revidiert Zü Zürcher Bibel

11
Einführung in das Neue Testament
»Der Wert dieser Schriften übersteigt historisch wie geistlich gesehen
das Verhältnis zu ihrer Zahl und Länge.
Ihr Einfluß auf das Leben und die Geschichte ist nicht zu berechnen.
Hier haben wir den Zenit dessen, was in Eden nur dämmerte.
Der Christus der Prophetie im Alten Testament wird zum Christus der Geschichte
in den Evangelien, zum Christus der Erfahrung in den Briefen
und zum Christus der Herrlichkeit in der Offenbarung.«
W. Graham Scroggie

I. Die Bezeichnung II. Der Kanon des Neuen Testaments


»Neues Testament« Das Wort Kanon (gr. kanon) bezieht sich
Ehe wir uns in die Tiefen der neutesta- auf eine »Regel« oder einen »Maßstab«,
mentlichen Studien begeben, oder auch nach dem etwas bemessen oder bewertet
in das vergleichsweise kleine Gebiet des wird. Der Kanon des NT ist eine Samm-
Studiums eines ganzen Buches begeben, lung inspirierter Bücher. Woher wissen
wird es sich als hilfreich erweisen, wenn wir, daß dies die einzigen Bücher sind, die
wir kurz einige allgemeine Fakten über zum Kanon gehören, bzw. daß alle 27
das Buch aufschreiben, das wir »Das wirklich dazuzuzählen sind? Da es ande-
Neue Testament« nennen. re christliche Briefe und Schriften von
»Testament« oder »Bund« sind beides Anfang an gegeben hat (darunter auch
Übersetzungen desselben griechischen solche, die Irrlehren enthalten), wie kön-
Wortes (diatheke), und an ein oder zwei nen wir dann sicher sein, daß diese die
Stellen im Hebräerbrief kann man darü- richtigen sind?
ber diskutieren, welche von beiden Über- Es wird oft gesagt, daß gegen Ende
setzungsmöglichkeiten die bessere ist. des 3. Jahrhunderts ein Konzil eine kano-
Im Titel der Heiligen Schrift der Christen nische Liste erstellte. In Wahrheit waren
ist es wohl vorzuziehen, die Bedeutung diese Bücher kanonisch, sobald sie ge-
»Bund« anzunehmen, weil dieses Buch schrieben worden waren. Gottesfürchti-
einen Pakt, eine Allianz oder eben einen ge und mit der Unterscheidungsgabe be-
»Bund« zwischen Gott und seinem Volk traute Jünger erkannten von Anfang an
darstellt. die inspirierten Schriften, wie es Petrus
Es wird »Neues Testament« im Un- mit den Schriften von Paulus tat
terschied zum Alten (oder älteren) ge- (2. Petr 3,15.16). Dennoch wurde die Ka-
nannt. nonizität einiger Bücher, (z. B. Judas,
Beide Testamente sind von Gott 2. und 3. Johannes) in einigen Gemein-
inspirierte Schriften und deshalb für alle den lange diskutiert.
Christen nützlich. Aber natürlicherweise Im allgemeinen war es so, daß es kei-
wird sich der Christ öfter dem Teil der ne Zweifel darüber gab, ob ein Buch zum
Bibel zuwenden, der sich mit unserem Kanon gehörte, wenn ein Buch von
Herrn und seiner Gemeinde beschäftigt, einem Apostel wie Matthäus, Petrus,
und der ihm sagt, wie der Herr will, daß Johannes oder Paulus, oder von jeman-
sich seine Jünger verhalten. dem, der zum Kreis der Apostel gehörte,
Die Beziehung zwischen AT und NT wie Markus oder Lukas, geschrieben
wird von Augustinus einmal sehr schön worden war.
ausgedrückt: »Das Neue ist im Alten ver- Das Konzil, das unseren Kanon offi-
borgen; das Alte ist im Neuen offenbart.« ziell anerkannte, bestätigte nur, was schon
12
Einführung in das Neue Testament

lange von den meisten akzeptiert wor- Die ersten Bücher, die geschrieben
den war. Das Konzil verabschiedete kei- wurden, sind »Briefe an junge Gemein-
ne inspirierte Liste von Büchern, sondern den«, wie Phillips sie genannt hat. Jako-
eine Liste inspirierter Bücher. bus, Galater und die Thessalonicherbrie-
fe wurden wahrscheinlich zuerst ge-
III. Verfasserschaft schrieben, und zwar um die Mitte des
ersten Jahrhunderts.
Der göttliche Verfasser des NT ist der
Danach kamen die Evangelien, zuerst
Heilige Geist. Er inspirierte Matthäus,
Matthäus und Markus, dann Lukas und
Markus, Lukas, Johannes, Paulus, Jako-
als letztes Johannes. Schließlich wurde
bus, Petrus und den unbekannten Schrei-
auch noch die Offenbarung geschrieben,
ber des Hebräerbriefes (siehe Einleitung
wahrscheinlich gegen Ende des 1. Jahr-
zum Hebräerbrief). Das beste und kor-
hunderts.
rekteste Verständnis dieses Vorganges,
wie die Bücher des NT geschrieben wur-
den, heißt: »Zweifache Verfasserschaft.« V. Inhalt
Das NT ist nicht teilweise menschlich Der Inhalt des NT kann man in etwa so
und teilweise göttlich, sondern gleichzei- zusammenfassen:
tig ganz menschlich und ganz göttlich. Geschichtsschreibung: Evangelien
Das göttliche Element verhinderte, daß und Apostelgeschichte
die Menschen Fehler machten. Das Er- Briefe: Die Briefe des Paulus, die all-
gebnis ist ein in den ursprünglichen gemeinen Briefe
Handschriften unfehlbares oder fehler- Prophetie: Offenbarung
loses Buch. Ein Christ, der diese Bücher gut
Eine hilfreiche Analogie zur Bibel ist kennt, wird »zu jedem guten Werk völlig
die Doppelnatur des lebendigen Wortes, zugerüstet«.
unseres Herrn Jesus Christus. Er ist nicht Es ist unser Gebet, daß diese Kom-
teilweise menschlich und teilweise gött- mentar zum Neuen Testament vielen
lich, (wie einige Heroen der griechischen Gläubigen gerade dazu verhelfen wird.
Mythen) sondern gleichzeitig völlig
menschlich und völlig göttlich. Die gött- VI. Sprache
liche Natur machte es für den Menschen
Das NT wurde in der Alltagssprache
unmöglich, zu irren oder zu sündigen.
geschrieben (genannt koine, oder allge-
meines Griechisch). Dies war im ersten
IV. Datierung Jahrhundert eine fast universelle Zweit-
Anders als das AT, welches etwa ein sprache, die so weit verbreitet war wie
Jahrtausend bis zu seiner Vollendung heute etwa Englisch.
brauchte (ca. 1400 – 400 v. Chr.), brauchte Ebenso, wie die hebräische Sprache
das Neue Testament nur ein halbes Jahr- mit ihrem warmen und farbenreichen
hundert, um vollständig zu werden Stil der Prophetie, Dichtung und histori-
(ca. 50 – 100 n. Chr.). schen Erzählung des AT entspricht, so
Die gegenwärtige Anordnung der wurde Griechisch durch die Vorsehung
Bücher ist am besten für die Gemeinde Gottes als wunderbares Medium für das
aller Zeiten geeignet. Das NT beginnt mit NT vorbereitet. Die griechische Sprache
dem Leben Christi, dann erzählt es von hatte sich durch die Eroberungen Alex-
der Gemeinde, danach gibt es dieser anders des Großen weit über ihr Ur-
Gemeinde Anweisungen und schließlich sprungsland hinaus verbreitet. Seine Sol-
offenbart es die Zukunft der Gemeinde daten hatten die Sprache vereinfacht und
und der Welt. Dennoch sind die Bücher als Sprache für die Massen populär ge-
nicht nach dem Zeitpunkt ihrer Abfas- macht.
sung geordnet. Sie wurden geschrieben, Die Präzision der griechischen Zeit-
sobald der Bedarf für sie bestand. formen, der Deklinationen, des Vokabu-

13
Einführung in das Neue Testament

lars und andere Eigenschaften machen die Schlachterübersetzung und die Re-
sie zu einem idealen Medium, die wichti- vidierte Elberfelder Übersetzung. Gera-
gen lehrmäßigen Wahrheiten der Briefe de für Anfänger des Bibelstudiums
auszudrücken – insbesondere in einem sind diese Übersetzungen wegen der
solchen Brief wie dem an die Römer. besseren Verständlichkeit zu empfeh-
Einerseits ist die griechische koine kei- len. Die 1985 erschienene Revidierte
ne literarische Elitesprache, andererseits Elberfelder Übersetzung mit ihren
ist es aber auch keine »Gossensprache« Kapitelüberschriften und guten Par-
oder schlechtes Griechisch. Einige Ab- allelstellen hat in sehr kurzer Zeit
schnitte des NT, wie etwa Hebräer, Jako- eine weite Verbreitung im deutschen
bus und 2. Petrus – nähern sich in ihrem Sprachraum gefunden, wenn auch an
Stil einem literarischen Niveau an. Auch einigen wenigen Stellen Spuren bibel-
Lukas wird zuweilen fast klassisch in sei- kritischer Einflüsse sichtbar werden.
ner Ausdrucksweise und sogar Paulus
schreibt manches schön gestaltete Kapi- 3. Paraphrasierung
tel (z. B. 1. Kor 13 und 15). Eine Paraphrasierung versucht, den
Text nicht Wort für Wort, sondern
VII. Übersetzungen Gedankengang für Gedankengang
Wie die englischsprechende so ist auch wiederzugeben. Oftmals wird sich
die deutschsprechende Welt mit einer stark der Freiheit bedient, zusätzli-
Fülle von Bibelübersetzungen gesegnet, ches, erklärendes Material in den Text
vielleicht sogar mit zu vielen. Diese einzubringen. Weil sie vom Wortlaut
Übersetzungen kann man in drei Haupt- des Originaltextes oft sehr stark
gruppen einteilen: abweicht, besteht immer die Gefahr,
zu viel zu interpretieren. Die Hoff-
1. Sehr wörtliche Übersetzungen nung für alle z. B. ist zwar von evan-
Hier ist die Elberfelder Übersetzung zu gelikaler Seite übersetzt, übernimmt
nennen, die seit über hundert Jahren jedoch an einigen Stellen Interpreta-
ihren Ruf als wortgetreueste deutsche tionen, die man bestenfalls als um-
Bibelübersetzung zu Recht bewahrt stritten bezeichnen würde.
hat. Für den Anfänger ist sie gele- Von durch liberale Bibelkritik und
gentlich etwas schwierig zu verste- katholischen Sakramentalismus ge-
hen, weil sie sich in Sprachduktus prägten Bibelversionen wie Einheitsü-
und Satzbau eng an den hebräischen bersetzung, Jerusalemer Bibel, Zink-
und griechischen Grundtext anlehnt. Übertragung, Gute Nachricht usw. ist
Die Absicht ihrer Übersetzer war es, abzuraten. Wer sich ausführlicher mit
den Grundtext »gleichsam wie in dem Thema Bibelübersetzungen be-
einem Spiegel wieder hervorzubrin- schäftigen möchte, sei auf den ausge-
gen«. zeichneten Leitfaden »Bibelüberset-
zungen unter der Lupe« (Kurt Weber,
2. Vollständige Entsprechung Aßlar, 1984) verwiesen.
Dies sind Übersetzungen, die ziem- Es ist gut, je eine Bibel aus diesen
lich wörtlich sind und dem griechi- Gruppen zu besitzen, um Vergleiche
schen und hebräischen Text eng fol- anstellen zu können. Wir denken je-
gen, soweit dies im Deutschen mög- doch, daß die Übersetzungen in ge-
lich ist. Sobald jedoch ein guter Stil nauer Entsprechung die besten für
und eine geläufigerere Ausdrucks- ein eingehendes Bibelstudium wie
weise es erfordern, erlauben sie eine das des vorliegenden Kommentars
freiere Übersetzung. Dazu gehören sind.

14
Einführung in die Evangelien
»Die Evangelien sind die Erstlinge aller Schrift.«
Origines

I. Unser wunderbares Evangelium sieren oder alle vier zusammenzufassen,


Jeder, der Literatur studiert hat, kennt gehen bis ins zweite Jahrhundert zurück.
die Gattungen Erzählung, Roman, Thea- Damals gab Tatian sein Diatessaron her-
terstück, Gedicht, Biographie und andere aus, dessen Name sich vom griechischen
literarische Formen. Aber als unser Herr ableitet und soviel wie »durch vier hin-
Jesus Christus auf diese Erde kam, muß- durch« bedeutet.
te eine neue Literaturgattung entwickelt Irenäus stellte die Theorie auf, daß
werden – das Evangelium. Die Evangelien die vier Evangelien den vier Windrich-
sind keine Biographien, obwohl sie bio- tungen oder den vier Enden der Erde
graphisches Material enthalten. Sie sind entsprechen würden, wobei die Zahl vier
keine Erzählungen, obwohl sie solche die Universalität symbolisiert.
Gleichnisse wie das vom verlorenen
Sohn und vom barmherzigen Samariter II. Die vier Symbole
enthalten, die sich mit anderen Erzählun- Viele haben eine Parallele zwischen den
gen der Literatur durchaus messen kön- vier Evangelien und den vier Symbolen
nen. Einige Gleichnisse sind in Romanen bei Hesekiel und in der Offenbarung ge-
oder Kurzgeschichten verarbeitet wor- sehen: Der Löwe, der Ochse (bzw. das
den. Die Evangelien sind keine Doku- Kalb), der Mensch und der Adler. Diese
mentationen, doch enthalten sie genaue, Symbole sind in der christlichen Kunst
wahrscheinlich gekürzte und verdichtete immer wieder verwendet worden. Sie
Berichte von vielen Gesprächen und An- sind allerdings von verschiedenen Chri-
sprachen unseres Herrn. sten unterschiedlich auf die verschiede-
Das »Evangelium« ist nicht nur eine nen Evangelien bezogen worden. Wenn
einzigartige literarische Gattung, sondern diese Zuordnung der Attribute (wie sie
nachdem die vier Evangelisten ihre Evan- in der Kunst genannt werden) richtig ist,
gelien geschrieben hatten, konnte nie- dann paßt der Löwe am besten zu Mat-
mand mehr ein kanonisches Buch über thäus, dem königlichen Evangelium vom
das Leben Jesu Christi schreiben. Vier Löwen aus Juda. Der Ochse, ein dienst-
Evangelien, und zwar nur diese vier, sind bares Tier, entspricht am besten Markus,
von den Christen seit zweitausend Jahren dem Evangelium des Dieners. Der
anerkannt. Es gab verschiedene Irrlehrer, Mensch ist die Schlüsselfigur für Lukas,
die ihre Bücher ebenfalls Evangelien dem Evangelium des Menschensohnes.
nannten, aber es waren meist schreckliche Sogar ein englisches Standardhandbuch
Machwerke, die irgendeine Irrlehre, wie sagt, daß »der Adler das Attribut für Jo-
etwa die Gnosis, unterstützen wollten. hannes als Emblem für seine hohe geist-
1)
Aber warum gibt es ausgerechnet liche Darstellung ist«.
vier Evangelien? Warum nicht fünf, ähn-
lich wie die fünf Bücher Mose, damit wir III. Die vier Leserkreise
einen christlichen Pentateuch hätten? Die wahrscheinlich beste Erklärung für
Oder warum nicht nur ein einziges, lan- die Tatsache, daß es vier Evangelien gibt
ges Evangelium, in dem man nicht so ist, daß der Heilige Geist vier verschiede-
viel wiederholen brauchte, und in dem ne Arten von Menschen ansprechen will,
mehr Raum für weitere Wunder und vier Menschentypen der Antike, die aber
Gleichnisse gewesen wäre? Die Versu- auch heute noch ihre modernen Entspre-
che, unsere vier Evangelien zu harmoni- chungen haben.

15
Einführung in die Evangelien

Alle Ausleger sind sich einig, daß »Der Sproß« erscheint als Titel unse-
Matthäus das »jüdischste« der vier Evan- res Herrn in den folgenden Zusammen-
gelien ist. Die Zitate aus dem AT, die aus- hängen:
führlichen Erörterungen, der Stamm- ». . . dem David einen gerechten
baum unseres Herr und der allgemein jü- Sproß . . . als König« (Jer 23,5)
dische Ton können sogar von dem er- ». . . meinen Knecht, den Sproß«
kannt werden, der das Evangelium zum (Sach 3,8; L84)
ersten Mal liest. ». . . ein Mann, Sproß ist sein Name«
Markus ist wahrscheinlich das Evan- (Sach 6,12)
gelium, das in der Hauptstadt des römi- »der Sproß des Herrn« (Jes 4,2)
schen Imperiums geschrieben wurde. Es Dann gibt es viermal »Siehe« im AT,
richtet sich an die Römer und auch an die welche genau den vier Themen der
Millionen ähnlicher Menschen, die wie Evangelien entsprechen:
diese das Handeln mehr schätzen als das »Siehe, dein König« (Sach 9,9)
tiefsinnige Denken. Dieses Evangelium »Siehe, mein Knecht« (Jes 42,1)
erzählt deshalb viele Wunder und nur »Siehe, ein Mann« (Sach 6,12; oder
wenige Gleichnisse. Dieses Evangelium »Mensch« NKJ)
kommt ohne Stammbaum aus, denn »Siehe, . . . euer Gott« (Jes 40,9)
warum sollte sich ein Römer für den Eine letzte Parallele können wir
jüdischen Stammbaum eines Knechtes finden, die zwar weniger offensichtlich
Gottes interessieren? ist, aber sich als Segen für viele Men-
Lukas ist eindeutig das Evangelium schen erwiesen hat. Die vier Farben der
für die Griechen und die vielen Römer, Materialien des Heiligtums mit ihrer
die die griechische Literatur und Kunst symbolischen Bedeutung scheinen auch
liebten und sie nachahmten. Diese Men- zur vierfachen Beschreibung unseres
schen lieben Schönheit, Menschlichkeit, Herrn durch die Evangelisten zu passen:
Stil und literarische Qualität. Dr. Lukas Purpur ist sicherlich die angemessene
kann das alles bieten. Zusammen mit Farbe für Matthäus, das Evangelium des
den modernen Griechen entsprechen Königs. Richter 8,26 zeigt den Zusam-
wahrscheinlich die Franzosen am mei- menhang zwischen dieser Farbe und
sten diesem Menschentyp. Es ist keine dem Königtum.
Überraschung, daß ein Franzose dieses Karmesin ist eine Farbe, die im Alter-
Evangelium »das schönste Buch der tum durch das Zerdrücken des Kosche-
Welt« genannt hat (siehe Einführung nille-Wurmes gewonnen wurde. Das
zum Lukasevangelium). weist auf Markus hin, das Evangelium
Welche Menschen bleiben für Johan- des Knechtes, »ein Wurm und kein
nes übrig? Johannes ist das universelle Mensch« (Ps 22,7).
Evangelium, d. h., es hat jedem Menschen Weiß spricht von den gerechten Taten
etwas zu bieten. Es ist evangelistisch der Heiligen (Offb 19,8). Lukas betont,
(Kap. 20,30.31), doch wird es ebenso von daß Christus vollkommener Mensch war.
großen christlichen Denkern geschätzt. Blau (Elb) symbolisiert den Saphir-
Wahrscheinlich ist das die Lösung: Johan- dom, den wir den Himmel nennen
nes ist der »dritten Rasse« gegeben, ein (2. Mose 24,10), ein ansprechendes Zei-
Name, den die Heiden den ersten Chri- chen für die Gottheit Christi, dem
sten beilegten, weil sie weder zu den Schlüsselthema bei Johannes.
Juden noch zu den Heiden gehörten.
V. Reihenfolge und Betonung
IV. Andere vierfache Leitgedanken In den Evangelien sehen wir, daß die
Es gibt noch einige wenige andere vier- Ereignisse oft nicht in der Reihenfolge
fache Leitgedanken im AT, die mit den dargestellt werden, in der sie geschehen
Hauptthemen der vier Evangelien schön sind. Es ist gut, wenn man sich von An-
übereinstimmen. fang an daran erinnert, daß der Heilige

16
Einführung in die Evangelien

Geist oft verschiedene Geschehnisse Gemeinde des ersten Jahrhunderts soge-


nach ihrer moralischen Lehre zusam- nannte »Mythen« über Christus zusam-
menfaßt. Kelly sagt dazu: mengetragen hätte. Abgesehen von dem
Es wird sich beweisen, wenn wir weiter- Unglauben gegenüber allen christlichen
gehen, daß wir bei Lukas im wesentlichen ein und kirchengeschichtlichen Quellen, den
moralische Anordnung haben, und daß er die diese sogenannten »formalkritischen«
Tatsachen, Unterhaltungen, Fragen, Antwor- Theorien vertreten, sollte man festhalten,
ten und Erörterungen unseres Herrn nach daß es keinen dokumentarischen Beweis
ihren inneren Zusammenhängen geordnet für diese Theorien gibt. Auch stimmen
hat, und nicht nach der äußeren Folge der keine zwei Vertreter dieser Schule darin
Geschehnisse, welche in Wahrheit die primi- überein, wie sie die synoptischen Evange-
tivste und kindischste Form der Aufzeich- lien aufteilen und kategorisieren sollen.
nung ist. Aber wenn man Ereignisse nach Eine bessere Lösung dieser Frage fin-
ihren Ursachen und Folgen in eine moralische den wir in den Worten unseres Herrn in
Ordnung bringt, dann ist das eine schwierige Johannes 14,26: »Der Beistand aber, der
Aufgabe für einen Historiker, der sich da- Heilige Geist, den der Vater senden wird
durch vom reinen Chronisten unterscheidet. in meinem Namen, der wird euch alles
Gott konnte Lukas gebrauchen, diese Metho- lehren und euch an alles erinnern, was
2)
de in Vollkommenheit anzuwenden. ich euch gesagt habe.«
Die verschiedenen Betonungen und Diese Erklärung beachtet die Augen-
Ansätze helfen uns die Unterschiede der zeugenberichte von Matthäus und Jo-
Evangelien zu erklären. Während die hannes, was wahrscheinlich auch für
ersten drei Evangelien, die sogenannten Markus gilt, da er nach kirchengeschicht-
Synoptiker, (d. h., daß sie eine »Zusam- lichen Quellen die Erinnerungen von
menschau« bieten) in ihrem Ansatz das Petrus festgehalten hat. Wenn wir nun zu
Leben Christi in ähnlicher Weise betrach- dieser direkten Hilfe des Heiligen Gei-
ten, folgt Johannes einem anderen An- stes die schriftlichen Dokumente, die in
satz. Er schrieb später und will nicht wie- Lukas 1,1 erwähnt sind, und die außeror-
derholen, was von den anderen bereits dentlich wörtlich genaue mündliche Tra-
ausführlich beschrieben worden war. Er dition der semitischen Völker hinzurech-
schreibt tiefgründiger und theologischer nen, dann ist die synoptische Frage
vom Leben und Reden unseres Herrn. gelöst. Jede notwendige Wahrheit, Ein-
zelheit oder Interpretation, die über die-
VI. Die synoptische Frage se Quellen hinausgeht, kann »in Worten,
Die Frage, warum es so viele gleiche Pas- gelehrt durch den Heiligen Geist« offen-
sagen – Passagen, die teilweise über bart worden sein (1. Kor 2,13).
große Strecken einander wörtlich entspre- Deshalb sollten wir uns fragen, wenn
chen – und doch so viele Unterschiede zwi- wir einen scheinbaren Widerspruch oder
schen den ersten drei Evangelien gibt, Unterschiede in Einzelheiten finden:
wird normalerweise »die synoptische »Warum läßt gerade dieses Evangelium
Frage« genannt. Sie ist jedoch eher für sol- etwas aus, oder fügt es hinzu, oder betont
che Menschen wichtig, die die Inspiration gerade diese Rede oder Handlung?« zum
bestreiten, als für konservative Christen. Beispiel erzählt Matthäus zweimal von
Man hat viele komplexe Theorien aufge- zwei Leuten, die geheilt wurden (von
stellt, die oftmals theoretische verlorene Blindheit und von Dämonen), während
Quellen annehmen, die nicht in Schrift- Markus und Lukas jeweils nur einen
form überliefert worden sind. Einige die- erwähnen. Manche sehen darin einen
ser Ideen lassen sich mit Lukas 1,1 verein- Widerspruch. Doch ist es besser, wenn
baren und sind vom konservativen man sieht, daß Matthäus, der für die
Standpunkt aus zumindest möglich. Im- Juden schreibt, beide Männer erwähnt,
merhin sind diese Theorien heute so weit weil das Gesetz »zwei oder drei Zeugen«
gediehen, daß sie behaupten, daß die fordert, während die anderen zum Bei-

17
Einführung in die Evangelien

spiel den Herausragenden von beiden VII. Autorschaft der einzelnen Bücher
erwähnen, denjenigen, der mit Namen Man unterscheidet normalerweise, wenn
genannt ist (der blinde Bartimäus). man über die Verfasserschaft der Evan-
Die folgende Auswahl zeigt einige gelien diskutiert – und eigentlich immer,
scheinbare Dubletten in den Evangelien, wenn es in der Bibel um Verfasserschaft
die in Wirklichkeit besondere Unter- geht – zwischen äußeren und inneren Be-
schiede betonen: weisen. Das werden wir bei allen 27
Lukas 6,20-23 scheint der Bergpre- Büchern des NT so handhaben. Unter
digt zu entsprechen, doch bei Lukas fin- äußeren Beweisen versteht man meist
det die Predigt auf einem »ebenen Platz« Schriftsteller, die zeitlich näher an der
statt (Lk 6,17). Die Seligpreisungen be- Abfassung der Bücher gelebt haben,
schreiben den Charakter des idealen Bür- meist die Kirchenväter des 2. und 3. Jahr-
gers des Königreiches, während bei hunderts und einige wenige Häretiker
Lukas der Lebensstil derer beschrieben oder Irrlehrer. Diese zitieren oder spielen
wird, die Christi Jünger sind. auf bestimmte Bücher an und sagen uns
Lukas 6,40 scheint der gleiche Aus- manchmal direkt etwas über die Autoren
spruch wie Matthäus 10,24 zu sein. Aber und die Bücher, die uns interessieren.
in Matthäus ist Jesus der Meister und wir Wenn zum Beispiel Clemens von Rom
sind seine Jünger, während bei Lukas der am Ende des ersten Jahrhunderts den
Jünger der Lehrende ist, und der, den er 1. Korintherbrief zitiert, dann kann er
lehrt, ist der Schüler oder Jünger. In Mat- sicherlich keine Fälschung des 2. Jahr-
thäus 7,22 wird der Dienst für den König hunderts sein, die unter dem Namen des
betont, während Lukas 13,25-27 die Ge- Paulus veröffentlicht worden ist. Unter
meinschaft mit dem Meister beschreibt. inneren Beweisen verstehen wir den Stil,
Während Lukas 15,4-7 eine harsche die Wortwahl, die Geschichte und den
Abrechnung mit den Pharisäern ist, be- Inhalt eines Buches, um zu sehen, ob sie
schäftigt sich Matthäus in Kapitel 18,12. dem widersprechen, was äußere Doku-
13 mit den Kindern und Gottes Liebe zu mente und Autoren behaupten. Zum
ihnen. Beispiel unterstützt der Stil des Lukas-
Als nur Gläubige anwesend sind, evangeliums und der Apostelgeschichte
sagt Johannes: »Er wird euch mit Heili- die Annahme, daß der Autor ein kulti-
gem Geist taufen« (Mk 1,8; Joh 1,33). Als vierter heidnischer Arzt war.
bei ihm viele verschiedene Menschen In vielen Büchern wird der »Kanon«
sind, sagt er: »Er wird euch mit Heiligem oder die Liste der anerkannten Bücher zi-
Geist und mit Feuer taufen« (eine Taufe tiert, die der Häretiker Marcion im 2. Jahr-
des Gerichtes) (Matth 3,11; Lk 3,16). hundert aufgelistet hat. Er akzeptiert nur
Der Ausdruck »mit welchem Maß ihr eine gekürzte Version von Lukas und 10
meßt« bezieht sich in Matthäus 7,2 auf der Briefe von Paulus, doch ist er dennoch
unsere richtende Haltung gegenüber an- ein recht hilfreicher Zeuge, um festzustel-
deren, in Markus 4,24 auf unser Aneig- len, welche Bücher zu seiner Zeit schon
nung des Wortes und in Lukas 6,38 auf zum Allgemeingut gehörten. Der Murato-
unsere Großzügigkeit. rische Kanon (benannt nach dem italieni-
Diese Unterschiede sind also keine schen Kardinal Muratori, der das Doku-
Widersprüche, sondern gewollte, lehrrei- ment fand) ist eine orthodoxe, obwohl an
che, geistige Nahrung für den Verstand manchen Stellen unvollständige Liste der
des nachdenklichen Gläubigen. kanonischen christlichen Bücher.

Anmerkungen Handbook of Synonyms, Anonyms, and


Prepositions, S. 175.
1) James C. Fernald, Hrsg, Eintrag »Em- 2) William Kelly, An Exposition of the
blem« in: Funk & Wagnalls Standard Gospel of Luke, S. 16.

18
Das Evangelium nach Matthäus
»In der Breite der Konzeption und in der Kraft,
mit der umfangreiches Material einer großartigen Idee untergeordnet ist,
kann man keinen Schreiber des Alten oder Neuen Testamentes,
der ein historisches Thema behandelt, mit Matthäus vergleichen.«
Theodor Zahn

Einführung II. Verfasserschaft


Die äußerlichen Beweise sind sehr alt und
sagen aus, daß Matthäus, der Steuerein-
I. Die einzigartige Stellung im Kanon nehmer, der auch Levi genannt wurde,
Das Evangelium des Matthäus ist die das erste Evangelium geschrieben hat.
vollkommene Brücke zwischen dem Da er kein herausragendes Mitglied der
Alten und dem Neuen Testament. Schon Apostel war, würde es sehr seltsam an-
die ersten Worte führen uns zurück zum muten, hätte man ihm das erste Evange-
Vater des alttestamentlichen Volkes Got- lium zugeschrieben, wenn er in Wirklich-
tes, Abraham, und zum ersten großen keit nichts damit zu tun gehabt hätte.
König Israels, David. Mit seiner Empha- Neben einem alten Buch, das mit dem
se, der eindeutig jüdischen Prägung, den Namen »Didache« bezeichnet wird (Leh-
vielen Zitaten aus den hebräischen ren der zwölf Apostel), zitieren Justin der
Schriften bestens geeignet den Anfang Märtyrer, Dionysius von Korinth, Theo-
des Neuen Testaments zu bilden und mit philus von Antiochia und Athenagoras,
der Verbreitung der christlichen Bot- der Athener, das Evangelium als authen-
schaft in der Welt zu beginnen. tisch. Eusebius, der Kirchenhistoriker,
Matthäus hat seinen Platz schon lan- zitiert Papias, der gesagt hat: »Matthäus
ge an erster Stelle der Evangelien. Das stellte die logia in hebräischer Sprache
hat seine Ursache darin, daß man bis in zusammen, und jeder übersetzte sie so
unsere moderne Zeit hinein geglaubt gut er konnte.« Damit stimmen Irenäus,
hat, daß es als erstes geschrieben worden Tantäus und Origines grundlegend über-
sei. Auch machte der geordnete, klare ein. Mit »hebräisch« ist hier nach allge-
Stil des Matthäus es geeignet, im Gottes- meiner Auffassung der aramäische Dia-
dienst vorgelesen zu werden. Deshalb lekt gemeint, der von den Juden zur Zeit
war es immer das bekannteste Evange- Jesu benutzt wurde, da das Wort auch im
lium, das sich diesen Platz nur zeitwei- NT erscheint. Aber was sind die logia?
lig mit Johannes teilen mußte. Normalerweise bedeutet dieses Wort
Es ist nicht notwendig zu glauben, »Sprüche, Aussprüche«, wie etwa das
daß das Matthäusevangelium das erste AT die Aussprüche Gottes enthält. Das
war, welches geschrieben worden ist, um kann es aber in dem Zitat von Papias
noch immer »konservativ« zu denken. nicht bedeuten. Es gibt zu diesem Zitat
Dennoch waren die ersten Christen fast drei Hauptauffassungen:
alle jüdischer Abstammung, und Juden- 1. Es bezieht sich auf das Matthäus-
christen gab es zu Tausenden. Es scheint evangelium an sich. Das heißt, Mat-
also ganz logisch zu sein, daß ihre thäus schrieb eine aramäische Fas-
Bedürfnisse nach einem Evangelium sung, um die Juden für Christus zu
auch zuerst erfüllt wurden. gewinnen und die Judenchristen zu

19
Matthäus

erbauen. Später erschien dann eine Trotz dieser vielen, allgemeinen


griechische Fassung, die allein über- äußeren und den entsprechenden inne-
liefert worden ist. ren Beweisen lehnen die meisten libe-
2. Das Zitat bezieht sich nur auf Sprüche ralen Kommentatoren die traditionelle
von Jesus, die Matthäus später in sei- Ansicht ab, daß Matthäus, der Steuerein-
nem Evangelium verarbeitet hat. nehmer dieses Buch geschrieben hat. Sie
3. Es bezieht sich auf testimonia, d. h. auf verneinen seine Autorenschaft aus zwei
Zitate aus dem AT, die zeigen, daß Hauptgründen:
Jesus der Messias ist. Die Auffassun- Erstens, wenn man annimmt, daß
gen 1 und 2 sind wahrscheinlicher als Markus das erste Evangelium ist (in vie-
die Auffassung 3. len Kreisen heute unwidersprochenes
Das Griechisch, das Matthäus »Evangelium«), wie könnte ein Apostel
schreibt, liest sich nicht wie eine bloße und Augenzeuge so viel Material von
Übersetzung, doch muß eine so weitver- Markus verwenden (93 % von Markus
breitete Tradition (der in der Frühzeit findet sich auch in anderen Evangelien)?
niemand widersprochen hat) auf Tatsa- Darauf ist zu antworten, daß es nicht
chen basieren. Die Überlieferung berich- bewiesen ist, daß Markus das erste Evan-
tet, daß Matthäus fünfzehn Jahre lang in gelium ist. Alte Zeugnisse sagen, daß
Palästina gepredigt hat und dann weg- Matthäus als erster geschrieben hat, und
ging, um in fremden Ländern zu evange- da die ersten Christen fast ausschließ-
lisieren. Es ist möglich, daß er etwa um lich Juden waren, ist diese Aussage auch
45 n. Chr. den Juden, die Jesus als ihren sehr plausibel. Aber selbst wenn wir
Messias angenommen hatten, eine erste akzeptieren, daß Markus zuerst entstan-
Fassung seines Evangeliums (oder ein- den ist (und das nehmen auch viele kon-
fach der Aussprüche Jesu) in aramäischer servative Theologen an), könnte Mat-
Sprache hinterlassen hat, und später eine thäus anerkannt haben, daß Markus
griechische Fassung für den allgemeinen größtenteils die Erinnerungen seines
Gebrauch herausgegeben hat. Etwas Mitapostels, des dynamischen Simon
ähnliches kennen wir von Josephus, der Petrus wiedergegeben hat, wie die frühe
zur selben Zeit wie Matthäus lebte. Die- Kirchentradition meint (s. Einführung
ser jüdische Geschichtsschreiber schrieb zu Markus).
eine erste Fassung seines Jüdischen Krie- Das zweite Argument gegen die Ver-
ges auf aramäisch, die Endfassung jedoch fasserschaft des Matthäus (oder eines
auf Griechisch. Augenzeugen) ist, daß hier lebhafte
Die inneren Beweise des ersten Evan- Details fehlen. Markus, von dem nie-
geliums passen gut zu dem frommen mand annimmt, daß er den Dienst Jesu
Juden, der das AT liebt und als sorgfäl- persönlich miterlebt hat, erzählt in so far-
tiger Schriftsteller und Herausgeber be- bigen Einzelheiten, daß man den Ein-
gabt war. Als Beamter Roms mußte Mat- druck bekommt, er sei dabeigewesen.
thäus nicht nur die Sprache seines Volkes Wie konnte dann ein wirklicher Augen-
(Aramäisch), sondern auch die der Ver- zeuge so sachlich trocken schreiben? Das
waltungsbehörden (im oströmischen erklärt sich recht gut aus der Persönlich-
Reich sprach man Griechisch, nicht La- keit des Steuereinnehmers. Um mehr
tein) gut beherrschen. Die vielen Einzel- Platz für die Erörterungen des Herrn zu
heiten bei Zahlen, die Gleichnisse und haben, könnte Levi jedes nutzlose Detail
Ausdrücke, die sich auf das Geld bezie- einfach weggelassen haben. Das wäre
hen, passen gut zu einem Steuereinneh- insbesondere dann der Fall, wenn Mar-
mer. Ebenso paßt der ordentliche, deut- kus als erster geschrieben hätte und Mat-
liche Stil zu ihm. Goodspeed, ein libera- thäus gesehen hätte, daß die Erinnerun-
ler Kommentator, akzeptiert die Autor- gen des Petrus, die aus erster Hand
schaft des Matthäus teilweise wegen stammten, dort schon gut wiederge-
dieser bestätigenden inneren Beweise. geben waren.

20
Matthäus

III. Datierung In seinem Evangelium will Matthäus


Wenn die weitverbreitete Auffassung zeigen, daß Jesus der langerwartete Mes-
zutrifft, daß Matthäus zuerst eine sias Israels ist, der einzige rechtmäßige
aramäische Fassung seines Evangeliums Thronfolger Davids.
geschrieben hat (oder doch zumindest Das Buch behauptet nicht von sich,
der Aussprüche Jesu), dann würde ein eine vollständige Wiedergabe des Lebens
Datum um 45, fünfzehn Jahre nach der Jesu zu sein. Es beginnt mit dem Stamm-
Auferstehung, gut mit der Tradition baum und den frühen Jahren, und
übereinstimmen. Es könnte dann sein, springt dann zum Beginn seines öffent-
daß die reichhaltigere, kanonische Fas- lichen Dienstes, als er etwa dreißig Jahre
sung seines Evangeliums 50 oder 55 oder alt ist. Durch den Heiligen Geist geleitet
auch später fertiggestellt war. wählt Matthäus die Aspekte des Lebens
Die Auffassung, daß das Evangelium und Dienstes des Retters aus, die ihn als
notwendigerweise nach der Zerstörung Gottes Gesalbten (das ist die Bedeutung
Jerusalems geschrieben sein muß der Wörter »Christus« und »Messias«)
(70 n. Chr.) basiert größtenteils auf der ausweisen. Das Buch bewegt sich auf
Annahme, daß Jesus nicht in der Lage einen Höhepunkt zu: Die Verhandlung,
war, dieses zukünftige Ereignis im Detail der Tod, das Begräbnis, die Aufer-
vorauszusagen, und auf anderen ratio- stehung und die Himmelfahrt des Herrn
nalistischen Theorien, die die göttliche Jesus. Und in diesem Höhepunkt liegt
Inspiration mißachten oder bestreiten. natürlich die Grundlage für die Rettung
der Menschen. Deshalb ist das Buch ein
Evangelium – nicht so sehr, weil es zeigt,
IV. Hintergrund und Thema wie sündige Menschen errettet werden
Matthäus war ein junger Mann, als Jesus können, sondern weil es den Opfertod
ihn berief. Er war als Jude geboren und Christi beschreibt, durch den die Rettung
als Steuereinnehmer ausgebildet wor- erst ermöglicht wurde.
den und gab seinen Beruf auf, um Chri- Dieses Buch geht nicht auf alle
stus zu folgen. Ein Teil seines Lohnes Details ein und kann auch nicht alle theo-
dafür war, daß er einer der zwölf Apo- logischen Spitzfindigkeiten behandeln,
stel wurde. Ein anderer Teil war, daß er sondern es will versuchen, das eigen-
zum Schreiber des Evangeliums berufen ständige Bibelstudium und eigenes
wurde, daß wir als das erste kennen. Nachdenken zu fördern. Und sein wich-
Man ist allgemein der Auffassung, daß tigstes Ziel ist, im Herzen des Lesers die
Matthäus identisch mit Levi ist (Mk 2,14; Sehnsucht nach der Wiederkunft des
Lk 5,27). Königs zu wecken.

21
Matthäus 1

Einteilung VIII. Der König verkündigt eine neue


Zwischenzeit des Königreiches,
weil Israel ihn abgelehnt hat
I. Stammbaum und Geburt des (Kap. 13)
Messias-Königs (Kap. 1)
IX. Die unermüdliche Gnade des
II. Jugend des Messias-Königs
Messias wird mit wachsender
(Kap. 2)
Feindseligkeit beantwortet
III. Vorbereitung für den
(14,1 – 16,12)
messianischen Dienst und seine
Einsetzung (Kap. 3 und 4) X. Der König bereitet seine Jünger
IV. Die Verfassung des Königreiches vor (16,13 – 17,27)
(Kap. 5 – 7) XI. Der König unterrichtet seine
V. Die wunderbaren und mächtigen Jünger (Kap. 18 – 20)
Wunder des Messias. XII. Vorstellung und Ablehnung des
Die verschiedenen Reaktionen Königs (Kap. 21 – 23)
darauf (8,1 – 9,34)
XIII. Die Königsrede auf dem Ölberg
VI. Die Apostel des Messias-König
(Kap. 24 und 25)
werden nach Israel gesandt
(9,35 – 10,42) XIV. Das Leiden des Königs und sein
VII. Wachsender Widerstand und Tod (Kap. 26 und 27)
Ablehnung (Kap. 11 und 12) XV. Der Sieg des Königs (Kap. 28)

Kommentar vater Joseph das Recht auf den Thron


Davids geerbt hat.
Dieser Stammbaum zeichnet die
I. Der Stammbaum Jesu und die rechtmäßige Abstammung Jesu als König
Geburt des Messias-König (Kap. 1) von Israel auf; der Stammbaum im
Lukasevangelium zeigt die direkte Ab-
A. Der Stammbaum Jesu Christi stammung als Sohn Davids. Das Mat-
(1,1-17) thäus-Evangelium verfolgt die könig-
Wenn man das NT oberflächlich liest, liche Linie von David über seinen Sohn
dann kann das dazu führen, daß man und Thronfolger Salomo; Lukas verfolgt
sich wundert, warum es mit etwas die Blutsverwandschaft von David über
scheinbar so langweiligem wie mit einen anderen Sohn, Nathan. Dieser
einem Geschlechtsregister beginnt. Man Stammbaum schließt mit Joseph, dessen
könnte zu dem Schluß kommen, daß Adoptivsohn Jesus war; der Stammbaum
man es übergehen sollte, um zu in- in Lukas 3 listet wahrscheinlich die Vor-
teressanteren Abschnitten zu kommen, fahren Marias auf, deren leiblicher Sohn
weil man meint, daß diese Aufzählung er war.
von Namen nur eine geringe Bedeutung Ein Jahrtausend früher hatte Gott mit
hat. David eine Vereinbarung getroffen, die
Dennoch ist dieser Stammbaum von David aus an keine Bedingung
unverzichtbar. Er legt den Grundstein gebunden war. In ihr versprach Gott ihm
für alles Folgende. Wenn man nicht zei- ein Königreich, das für immer Bestand
gen kann, daß Jesus der rechtmäßige haben würde und außerdem eine unun-
Nachfahre der Königslinie Davids ist, ist terbrochene Abstammungslinie der
es unmöglich zu beweisen, daß er der Herrscher (Ps 89,4.36.37). Dieser Bund ist
Messias-König Israels ist. Matthäus nun in Christus erfüllt: Er ist der recht-
beginnt seinen Bericht genau an der rich- mäßige Thronerbe durch Joseph und der
tigen Stelle – mit dokumentarischen wirkliche Same durch Maria. Weil er für
Beweisen, daß Jesus durch seinen Stief- immer lebt, wird auch sein Reich für

22
Matthäus 1

immer bestehen und er wird für immer waren heidnischer Abstammung (Rahab
als Sohn Davids leben, der größer ist als und Ruth). Daß sie hier aufgeführt wer-
sein Vorbild. Jesus vereinigte in seiner den, ist eine Andeutung, daß das Kom-
Person die beiden einzigen Möglichkei- men Christi den Sündern die Errettung,
ten, auf den Thron Israels Anspruch zu den Heiden die Gnade bringen würde,
erheben (die rechtmäßige und die und daß in Christus alle Rassen- und
abstammungsmäßige); weil er noch Geschlechterschranken niedergerissen
immer lebt, kann es keinen geben, der werden.
ihm dieses Recht streitig machen kann. Interessant ist auch die Erwähnung
1,1-16 Die Eingangsformel »Buch des des Königsnamens Jojachin. In Jeremia
Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes 22,30 spricht Gott einen Fluch über die-
Abrahams« ist ähnlich dem Ausdruck in sen Mann aus:
1. Mose 5,1: »Das ist das Buch der »So spricht der HERR: Schreibt diesen
Geschlechterfolge Adams.« Genesis Mann auf als kinderlos, als einen Mann,
führt den ersten Adam ein, Matthäus den dem nichts gelingt in seinen Tagen! Denn
zweiten Adam. Der erste Adam war das von seinen Nachkommen wird es nicht
Haupt der ersten oder materiellen einem gelingen, auf dem Thron Davids
Schöpfung. Christus, der zweite Adam, zu sitzen und weiterhin über Juda zu
ist das Haupt der neuen oder geistlichen herrschen.«
Schöpfung. Wenn Jesus wirklich der leibliche
Das Thema dieses Evangeliums ist Sohn Josephs gewesen wäre, dann wäre
»Jesus Christus«. Der Name Jesus zeigt er unter diesen Fluch gekommen. Doch
1)
ihn als Jahwe-Retter , sein Titel »Chri- mußte er der rechtmäßige Sohn Josephs
stus« (»Der Gesalbte«) weist ihn als den werden, damit der das Anrecht auf den
lang erwarteten Messias Israels aus. Der Thron Davids erben konnte. Das Pro-
Titel »Sohn Davids« ist mit der Rolle des blem wurde durch das Wunder der Jung-
Messias und des Königs im AT eng ver- frauengeburt gelöst: Jesus war durch
bunden. Der Titel »Sohn Abrahams« Joseph der rechtmäßige Thronerbe. Er war
zeigt unseren Herrn als den Einen, der leiblicher Sohn Davids durch Maria. Der
die endgültige Erfüllung des Verspre- Fluch über Jojachin traf nicht Maria oder
chens an den Stammvater des hebräi- ihre Kinder, da sie nicht von ihm
schen Volkes ist. abstammte.
Der Stammbaum ist in drei histori- 1,17 Matthäus lenkt die Aufmerk-
sche Abschnitte gegliedert, von Abra- samkeit auf die Tatsache, daß es in den
ham bis Jesse, von David bis Josia und drei Teilen des Stammbaumes jeweils
von Jojachin bis Joseph. Der erste Teil vierzehn Generationen gibt. Dennoch
führt bis zu David, der zweite behandelt wissen wir aus dem AT, daß hier einige
die Königszeit und der dritte hält die Namen in der Liste fehlen. Zum Beispiel
königliche Abstammungslinie vom Be- regierten zwischen Joram und Usia (V. 8)
ginn des Exils (nach 586 v. Chr.) bis Jesus Ahasja, Joas und Amazja als Könige
fest. (s. 2. Kön 8-14, 2. Chron 21-25).
Es gibt viele interessante Einzelheiten Die Stammbäume von Matthäus und
in dieser Liste. Zum Beispiel werden in Lukas scheinen sich in zwei Namen zu
diesem Abschnitt vier Frauen erwähnt: überschneiden: Schealtiel und Serubbabel
Thamar, Rahab, Ruth und Bathsesba, (die (Matth 1,12; Lk 3,27). Es ist seltsam, daß
Frau des Uria). Weil Frauen nur selten in Josephs und Marias Linien sich in diesen
den Stammbäumen im Osten erwähnt Männern vermischen und sich dann wie-
werden, ist es umso erstaunlicher, daß der trennen sollten. Es wird noch schwie-
diese Frauen hier erwähnt sind, ins- riger, wenn wir sehen, daß in beiden
besondere, weil zwei von ihnen Huren Evangelien Serubbabel ein Sohn Scheal-
waren (Thamar und Rahab), eine war tiels ist, während er in 1. Chronika 3,19 als
eine Ehebrecherin (Bathseba) und zwei Sohn des Pedajas aufgelistet wird.

23
Matthäus 1

Eine dritte Schwierigkeit ist, daß stattgefunden. In der Zeit des NT war
Matthäus 27 Generationen von David bis das Ehegelöbnis eine Art der Verlobung
Jesus aufzählt, während es bei Lukas 42 (die aber verpflichtender als eine heutige
sind. Auch wenn die Evangelisten ver- Verlobung war) und konnte nur durch
schiedene Stammbäume auflisten, eine Scheidung rückgängig gemacht
scheint es dennoch seltsam, daß wir werden. Obwohl ein verlobtes Paar bis
einen solchen Unterschied in der Genera- zur Eheschließung nicht zusammenleb-
tionenzahl haben. te, wurde Untreue eines Partners wie
Welche Haltung sollte jemand, der Ehebruch behandelt und mit dem Tode
die Bibel studiert, solchen Schwierigkei- bestraft.
ten und Diskrepanzen gegenüber ein- Während ihrer Verlobungszeit wurde
nehmen? Erstens ist unsere Grundan- die Jungfrau Maria durch ein Wunder
nahme, daß die Bibel das inspirierte Wort »von dem heiligen Geist« schwanger. Ein
Gottes ist. Deshalb kann es keine Fehler Engel hatte dieses wunderbare Ereignis
enthalten. Zweitens ist es unendlich, da Maria angekündigt: »Der Heilige Geist
es die Unendlichkeit Gottes widerspie- wird über dich kommen, und die Kraft
gelt. Wir können die fundamentalen des Höchsten wird dich überschatten«
Wahrheiten des Wortes Gottes verstehen, (Lk 1,35). Eine Atmosphäre von Verdäch-
aber wir können niemals alles begreifen, tigungen und Skandalsucht umgab
was es enthält. So führt uns unser Ansatz Maria. In der ganzen menschlichen
zu dem Schluß, daß das Problem mit die- Geschichte hatte es nie eine Jungfrauen-
sen Schwierigkeiten eher mit unserem geburt gegeben. Als die Leute deshalb
mangelnden Wissen als mit einer Fehl- eine unverheiratete Frau sahen, die
barkeit der Bibel zu tun hat. Biblische schwanger war, gab es für sie nur eine
Probleme sollten uns herausfordern, logische Erklärung.
nach Antworten zu forschen. »Gottes 1,19 Sogar Joseph kannte die wahre
Ehre ist es, eine Sache zu verbergen, die Erklärung für Marias Zustand noch
Ehre der Könige aber, eine Sache zu nicht. Er hätte aus zweierlei Gründen
erforschen« (Spr 25,2). über seine Verlobte entrüstet sein kön-
Sorgfältige Studien von Historikern nen: Erstens war es offensichtlich, daß sie
und Ausgrabungen von Archäologen ha- ihm untreu gewesen war, und zweitens
ben nicht zeigen können, daß die Be- würde er, der doch unschuldig war, der
hauptungen der Bibel falsch sind. Was Mittäterschaft angeklagt werden. Seine
uns schwierig und widersprüchlich er- Liebe zu Maria und sein Gerechtigkeits-
scheinen mag, hat alles eine Erklärung, sinn führten ihn zu der Entscheidung,
und diese Erklärungen sind voll von das Verlöbnis durch eine stille Scheidung
geistlicher Bedeutung und geistlichem zu lösen. Er wollte die öffentliche Schan-
Lohn. de meiden, die normalerweise mit einer
solchen Handlung verbunden war.
B. Die Geburt Jesu durch Maria 1,20 Während dieser freundliche und
(1,18-25) besonnene Mann seinen Plan faßte, um
1,18 »Die Geburt Jesu Christi« war Maria zu schützen, »da erschien ihm ein
anders als alle anderen Geburten, die in Engel des Herrn im Traum«. Der Gruß:
dem Stammbaum erwähnt sind. Hier fin- »Joseph, Sohn Davids« beabsichtigte
den wir die wiederholte Formulierung: zweifellos, das Bewußtsein seines könig-
»A zeugte B.« Aber hier haben wir die lichen Stammbaumes wieder wachzuru-
Aufzeichnung einer Geburt ohne fen, um ihn auf die ungewöhnliche An-
menschlichen Vater. Die Tatsachen dieser kunft des Messias-Königs vorzubereiten.
wunderbaren Empfängnis werden ein- Er sollte keine Bedenken haben, Maria zu
fach und würdig dargestellt. Maria war heiraten, sie war rein. Alle Verdächtigun-
dem Joseph zur Ehe versprochen wor- gen waren haltlos. Ihre Schwangerschaft
den, aber die Hochzeit hatte noch nicht war »von dem Heiligen Geist«.

24
Matthäus 1 und 2

1,21 Der Engel offenbarte dann das 1,25 Die Lehre, daß Maria ihr ganzes
Geschlecht des ungeborenen Kindes, sei- Leben Jungfrau geblieben ist, wird
nen Namen und seine Aufgabe. Maria widerlegt durch den Vollzug ihrer Hei-
sollte einen Sohn gebären. Er sollte den rat, die dieser Vers erwähnt. Andere Stel-
Namen »Jesus« tragen (das bedeutet len, die darauf hinweisen, daß Maria
»Der Herr ist Rettung« oder »der Herr, dem Joseph noch andere Kinder geboren
der Retter). Gemäß seinem Namen, wür- hat sind (Matth 12,46; 13,55.56; Mk 6,3;
de er »sein Volk erretten von seinen Sün- Joh 7,3.5; Apg 1,14; 1. Kor 9,5 und
den«. Dieses Kind war Jahwe selbst, der Gal 1,19).
die Erde besuchte, um Menschen von der Als Joseph Maria zur Frau nahm,
Strafe der Sünde, der Macht der Sünde nahm er auch ihr Kind als Adoptivsohn
und schließlich auch von der Anwesen- an. So wurde Jesus der rechtmäßige Erbe
heit der Sünde zu erretten. des Thrones Davids. Im Gehorsam gegen
1,22 Als Matthäus diese Ereignisse den Engel nannte er den Namen des Kin-
aufzeichnete, erkannte er, daß ein neues des Jesus.
Zeitalter in der Geschichte des Handelns So wurde der Messias-König gebo-
Gottes mit den Menschen heraufkam. ren. Der Ewige kam in die Zeit. Der All-
Die Worte einer messianischen Prophe- mächtige wurde zu einem kleinen Kind.
zeiung, die lange verborgen gewesen Der Herr der Herrlichkeit verhüllte diese
waren, hatten nun Leben gewonnen. Herrlichkeit in einem menschlichen Kör-
Jesajas rätselhafte Prophezeiung wurde per, und »in ihm wohnt die ganze Fülle
nun in dem Kind Marias erfüllt: »Dies der Gottheit leibhaftig« (Kol 2,9).
alles geschah aber, damit erfüllt würde,
was von dem Herrn geredet ist durch II. Die Jugend des Messias-Königs
den Propheten.« Matthäus bekräftigt die (Kap. 2)
göttliche Inspiration der Worte Jesajas,
die der Herr mindestens 700 Jahre v. Chr. A. Weise Männer kommen, um den
gesprochen hat. König anzubeten (2,1-12)
1,23 Die Prophezeiung in Jesaja 7,14 2,1.2 Man läßt sich leicht von den Zeitan-
beinhaltete die Voraussage einer einzig- gaben zu den Ereignissen rund um die
artigen Geburt (»Siehe, die Jungfrau wird Geburt Christi verwirren. Während Vers
schwanger werden«), das Geschlecht des 1 scheinbar anzeigt, daß Herodes ver-
Kindes (»und einen Sohn gebären«) und suchte, Jesus zu töten, als Maria und
den Namen des Kindes (»und wird sei- Joseph im Stall zu Bethlehem waren, wei-
nen Namen Emmanuel nennen«). Mat- sen uns die gesamten anderen Angaben
thäus fügt als Erklärung hinzu, daß auf die Zeit zwei Jahre später hin. Mat-
»Emmanuel« bedeutet: »Gott mit uns« thäus sagt in V. 11, daß Weise Jesus in
(s. a. Anmerkung Elberfelder Bibel). Es einem Haus besucht haben. Der Befehl
gibt keinen Hinweis darauf, daß Jesus des Herodes, alle Kinder unter zwei Jah-
auf Erden jemals »Emmanuel« genannt ren zu töten (V. 16) ist auch ein Hinweis
worden ist. Er wurde immer »Jesus« ge- auf eine nicht näher bezeichnete Zeit-
nannt. Dennoch enthält der Name Jesus spanne zwischen der Geburt und den
(s. o., zu V. 21) die Bedeutung »Gott mit hier berichteten Ereignissen.
uns«. Emmanuel kann auch eine Be- Herodes der Große war ein Nach-
zeichnung für Christus sein, die erst bei komme Esaus und deshalb ein alter
seiner zweiten Wiederkunft gebraucht Feind der Juden. Er hatte sich zum
werden wird. Judentum bekehrt, doch erfolgte diese
1,24 Durch das Eingreifen des Engels Bekehrung wahrscheinlich aus poli-
ließ Joseph seinen Plan fallen, sich von tischen Gründen. Gegen Ende seiner
Maria scheiden zu lassen. Er hielt an Regierungszeit kamen weise Männer aus
ihrem Verlöbnis bis zur Geburt Jesu fest dem Morgenland, um »den König der
und heiratete sie dann. Juden« zu suchen. Diese Männer könn-

25
Matthäus 2

ten heidnische Priester gewesen sein, glieder seiner Familie). Die Schriftgelehr-
deren Religion sich um die Verehrung ten waren Laien, die das Gesetz des Mose
der Natur drehte. Wegen ihres Wissens besonders gut kannten. Sie bewahrten
und ihrer seherischen Fähigkeiten wur- und lehrten das Gesetz und dienten im
den sie oft als Berater von Königen Sanhedrin als Richter. Diese Priester und
beschäftigt. Wir wissen nicht, wo sie im Schriftgelehrten zitierten sofort Micha
Osten wohnten, wie viele es waren und 5,1.2, der Bethlehem im Land Juda als
wie lang ihre Reise dauerte. Geburtsort des Königs angibt. Der Text
Es war »der Stern im Morgenland«, des Propheten Micha nennt die Stadt
der sie irgendwie auf die Geburt eines »Bethlehem Ephrata«. Weil es in Palä-
Königs aufmerksam machte, den sie stina mehr als eine Stadt gab, die Beth-
anbeten wollten. Möglicherweise kann- lehem hieß, bezeichnet das eine Stadt im
ten sie die Prophezeiungen des AT über Gebiet von Ephrata in den Stammesgren-
die Ankunft des Messias. Vielleicht zen Judas.
kannten sie auch die Prophezeiung Bile- 2,7.8 König Herodes berief die Weisen
ams, daß ein Stern aus Jakob hervortre- heimlich um »die Zeit der Erscheinung
ten würde (4. Mose 24,17) und verban- des Sternes« herauszufinden. Diese
den diese mit der Prophezeiung der 70 Heimlichtuerei verrät seinen sadisti-
Wochen, die die Zeit des ersten Kom- schen Plan: Er brauchte diese Informa-
mens Christi voraussagte (Dan 9,24.25). tion, wenn er das richtige Kind finden
Doch ist es wahrscheinlicher, daß ihnen wollte. Um sein wirkliches Vorhaben zu
dieses Wissen auf übernatürliche Weise vertuschen, sendet er die Magier, um
offenbart wurde. nach dem Kind zu forschen und ihm
Verschiedene Erklärungen wurden davon zu berichten, wenn sie ihn finden
zu dem Stern gegeben. Einige sagen zum würden.
Beispiel, daß der Stern eine Planetenkon- 2,9 Als die Weisen sich auf den Weg
junktion war. Aber der Weg dieses Ster- machten, erschien »der Stern wieder, den
nes am Himmel war äußerst unregel- sie im Morgenland gesehen hatten«. Das
mäßig, denn er ging vor den Weisen her bedeutet, daß er sie nicht den Ganzen
und führte sie von Jerusalem zu dem weg vom Morgenland geführt hatte.
Haus, in dem Jesus lebte (V. 9). Dann Aber nun leitete er sie zu dem Haus, »wo
hielt er. Das ist so unnatürlich, daß man das Kindlein war«.
dies nur für ein Wunder halten kann. 2,10 Es wird hier besonders erwähnt,
2,3 »Als aber der König Herodes es daß sich die Weisen »mit sehr großer
hörte«, daß ein Kind geboren sei, das der Freude freuten, als sie den Stern sahen«.
König der Juden sein sollte, »wurde er Diese Heiden hatten eifrig nach Christus
bestürzt«. Wenn es solch ein Kind gäbe, gesucht, Herodes wollte ihn töten, die
dann würde es seinen Thron gefährden. Priester und die Schriftgelehrten waren
Ganz Jerusalem mit ihm war bestürzt. (noch) gleichgültig und die Bevölkerung
Die Stadt, die diese Nachricht voller Jerusalems war bestürzt. Diese Haltun-
Freude hätte aufnehmen sollen, ließ sich gen Christus gegenüber waren Vorzei-
durch alles in Aufregung versetzen, was chen darauf, wie der Messias empfangen
ihren derzeitigen Zustand verändern werden würde.
oder das Mißfallen der gehaßten römi- 2,11 Als sie das Haus betreten hatten,
schen Herrscher heraufbeschwören »sahen sie das Kindlein mit Maria, seiner
konnte. Mutter. Sie fielen nieder und huldigten
2,4-6 Herodes versammelte sich ihm« und boten ihm kostbare Schätze an:
gemeinsam mit den religiösen Führern, »Gold, Weihrauch und Myrrhe.« Man
um herauszufinden, »wo der Christus beachte, daß sie Jesus mit seiner Mutter
geboren werden solle«. Die Hohenprie- sahen. Normalerweise würde man
ster waren der Hohepriester und seine zuerst die Mutter und dann das Kind
Söhne (und vielleicht noch andere Mit- erwähnen, doch dieses Kind ist einzig-

26
Matthäus 2

artig und muß den ersten Platz haben setzten Stunde. Jeder, der in Gottes Wil-
(s. a. V. 13.14.20.21). Die Weisen beteten len wandelt, ist unsterblich, bis er seine
Jesus an, nicht Maria oder Joseph (Joseph Aufgabe erfüllt hat. Ein Engel des Herrn
wird hier nicht einmal erwähnt. Er wird forderte Joseph im Traum auf, mit seiner
sehr bald nicht mehr in diesem Evan- Familie nach Ägypten zu fliehen. Hero-
gelium erscheinen). Es ist Jesus, dem des war bereit, seine Such- und Zer-
unser Lob und unsere Anbetung ge- störungsaktion durchzuführen. Wegen
bührt, nicht Maria oder Joseph. des Zornes des Herodes wurde die Fami-
Die Schätze, die sie brachten, spre- lie zu Flüchtlingen. Wir wissen nicht, wie
chen Bände. Gold ist das Symbol der lange sie in Ägypten blieben, aber nach
Gottheit und Herrlichkeit, es spricht von dem Tode des Herodes war der Weg frei
der glänzenden Vollkommenheit der für die Rückkehr in ihre Heimat.
göttlichen Person Jesu. Weihrauch ist eine 2,15 So bekam eine andere Prophezei-
Salbe oder ein Parfum, es bedeutet den ung des AT eine ganz neue Bedeutung.
Wohlgeruch des Lebens der sündlosen Gott hatte »durch den Propheten« Hosea
Vollkommenheit. Myrrhe ist ein Bitter- gesagt: »Aus Ägypten habe ich meinen
kraut; es sagt seine Leiden voraus, die er Sohn gerufen« (Hos 11,1). In ihrem
zu ertragen hat, wenn er die Sünden der ursprünglichen Zusammenhang bezieht
Welt tragen wird. Daß hier Heiden sich diese Aussage auf den Auszug Is-
Geschenke bringen, erinnert an Jesaja raels aus Ägypten zur Zeit des 2. Buches
60,6. Jesaja sagte voraus, daß die Heiden Mose. Aber diese Aussage kann zwei
mit Geschenken kommen würden, doch Bedeutungen haben – die Geschichte des
erwähnte er nur Gold und Weihrauch: Messias würde der des Volkes Israels
»Gold und Weihrauch tragen sie, und sie sehr ähneln. Die Prophetie erfüllte sich
werden das Lob des HERRN [fröhlich] im Leben Christi, als er von Ägypten
verkündigen.« Warum wurde die Myr- nach Israel zurückkehrte.
rhe hier ausgelassen? Weil Jesaja von der Wenn der Herr wiederkommen
Wiederkunft Christi in Kraft und Herr- wird, um in Gerechtigkeit zu regieren,
lichkeit sprach. Dann wird es keine Myr- dann wird Ägypten unter den Ländern
rhe mehr für ihn geben, denn dann wird sein, die an den Segnungen des Tau-
er nicht leiden. Aber in Matthäus wird sendjährigen Reiches teihaben werden
die Myrrhe erwähnt, weil hier sein erstes (Jes 19,21-25; Zeph 3,9.10; Ps 68,31). War-
Kommen im Blickpunkt steht. In Mat- um sollte diese Nation, die seit alters her
thäus haben wir die Leiden des Christus; ein Feind Israels war, so bevorzugt wer-
in der Stelle bei Jesaja haben wir die fol- den? Könnte das ein Zeichen der gött-
genden Herrlichkeiten. lichen Dankbarkeit sein, daß Ägypten
2,12 Die Weisen »empfingen im dem Herrn Jesus Zufluchtsort gewesen
Traum göttliche Weisung, nicht wieder ist?
zu Herodes zurückzukehren«, und so
reisten sie gehorsam einen anderen Weg C. Der Kindermord des Herodes in
nach Hause. Niemand, der Christus mit Bethlehem (2,16-18)
einem ehrlichen Herzen begegnet, kehrt 2,16 Als die Weisen nicht zurückkamen,
je den gleichen Weg zurück. Die Begeg- erkannte Herodes, daß er in seinem Vor-
nung mit Jesus verändert das ganze haben, den jungen König zu finden, hin-
Leben. tergangen worden war. In einem sinn-
losen Wutausbruch ordnet er an, »alle
B. Joseph, Maria und Jesus fliehen Knaben zu töten, die in Bethlehem und in
nach Ägypten (2,13-15) seinem ganzen Gebiet waren, von zwei
2,13.14 Schon von Geburt an schwebte Jahren und darunter«. Die Schätzungen,
immer die Todesdrohung über unserem wie viele Kinder getötet wurden, gehen
Herrn. Es ist klar, daß er geboren wurde, auseinander. Ein Kommentator schlägt
um zu sterben, doch nur zu der festge- eine Zahl von ca. 26 vor. Es ist nicht

27
Matthäus 2 und 3

wahrscheinlich, daß Hunderte getötet hebräische Wort, das mit »Sproß« über-
wurden. setzt wird, lautet nezer.
2,17.18 Das Weinen, das auf die Eine wahrscheinlichere Deutung
Ermordung der Kinder folgte, war eine wäre, daß mit Nazoräer jemand gemeint
Erfüllung der Worte des Propheten Jere- ist, der aus Nazareth stammt, eine Stadt,
mia: die vom Rest der Bevölkerung verachtet
»So spricht der HERR: Horch! In Rama wurde. Nathanael drückt das durch die
hört man Totenklage, bitteres Weinen. damals sprichwörtliche Frage aus:
Rahel beweint ihre Kinder. Sie will sich »Kann aus Nazareth etwas Gutes kom-
nicht trösten lassen über ihre Kinder, men?« (Joh 1,46). Der Spott, mit dem die-
weil sie nicht mehr [da] sind« (Jer 31,15). se Stadt betrachtet wurde, traf auch ihre
In der Prophezeiung steht Rahel für Einwohner. Wenn es deshalb in Vers 23
das Volk Israel. Die Trauer der Nation heißt: »Er wird Nazoräer genannt wer-
wird Rahel zugeschrieben, die in Rama den«, heißt das, daß er verachtet werden
(in der Gegend von Bethlehem, wo das würde. Auch wenn wir keine Prophezei-
Massaker stattfand), begraben liegt. Weil ung finden können, daß Jesus Nazoräer
die ihrer Kinder beraubten Eltern an genannt wird, so gibt es doch eine, die
ihrem Grab vorbeigingen, wird sie dar- von ihm sagt er würde »verachtet und
gestellt, als weine sie mit ihnen. Mit sei- von den Menschen verlassen« werden
nem Bemühen, diesen neuen Rivalen (Jes 53,3). Eine andere sagt, er sei ein
auszuschalten, erreichte Herodes nichts Wurm und kein Mensch, ein Spott der
anderes, als daß er seinen Platz in der Leute und verachtet vom Volk (Ps 22,7).
Geschichte der Schändlichkeit bekam. Die Propheten benutzten also nicht die
genauen Worte, wie sie hier stehen, doch
D. Joseph, Maria und Jesus lassen sich dem Sinn nach entspricht V. 23 diesen
in Nazareth nieder (2,19-23) Prophezeiungen.
2,19-23 Joseph wurde nach dem Tod des Es ist erstaunlich, daß der allmäch-
Herodes durch einen Engel versichert, tige Gott, als er zur Erde kam, einen
daß es nun ungefährlich sei zurückzu- schmählichen »Spitznamen« erhielt. Wer
kehren. Als er das Land Israel erreichte, ihm folgt, hat das Vorrecht, seine
hörte er jedoch, daß Archelaus der Sohn Schmach zu tragen (Hebr 13,13).
des Herodes, die Nachfolge seines Vaters
als König von Judäa angetreten hatte. III. Vorbereitung für den
Joseph zögerte, in dieses Gebiet zu zie- messianischen Dienst und seine
hen, und reiste, nachdem »er im Traum Einsetzung (Kap. 3 und 4)
eine göttliche Weisung empfangen hat-
te«, die seine Befürchtungen bestätigte, A. Johannes der Täufer bereitet den
nach Norden »in die Gegenden von Weg (3,1-12)
Galiläa« und siedelte in Nazareth. Zwischen den Kapiteln 2 und 3 haben
Matthäus macht uns nun zum vierten wir eine Zeitspanne von 28 oder 29 Jah-
Male in diesem Kapitel darauf aufmerk- ren, über die Matthäus nichts berichtet.
sam, daß sich eine Prophezeiung erfüllte. Während dieser Zeit lebte Jesus in Naza-
Er erwähnt keinen der Propheten na- reth und bereitete sich auf sein Wirken,
mentlich, doch sagt er, daß der Prophet das vor ihm lag, vor. In diesen Jahren
vorhergesagt habe, daß der Messias vollbrachte er keine Wunder, doch gefiel
»Nazoräer genannt werden wird«. Kein sein Wandel Gott völlig (Matth 3,17).
Vers des AT sagt das direkt. Viele For- Unser Kapitel führt uns an die Schwelle
scher schlagen vor, daß Matthäus sich seines öffentlichen Dienstes.
hierbei auf Jesaja 11,1 bezieht: »Und ein 3,1.2 Johannes der Täufer war sechs
Sproß wird hervorgehen aus dem Monate älter als sein Vetter Jesus
Stumpf Isais, und ein Schößling aus sei- (s. Lk 1,26.36). Er betrat die Bühne der
nen Wurzeln wird Frucht bringen.« Das Geschichte als Vorläufer für den König

28
Matthäus 3

Israels. Sein ungewöhnliches Wirkungs- stus wiedergeboren sind. Das Reich der
feld lag »in der Wüste von Judäa« – eine Himmel in seinem inneren Bereich kann
Steppenregion, die sich von Jerusalem nur von Bekehrten erreicht werden
bis zum Jordan erstreckt. Die Botschaft (Matth 18,3).
des Johannes lautete: »Tut Buße, denn
das Reich der Himmel ist nahe gekom-
men!« Der König würde bald erscheinen, Bereich
er könnte und würde keine Menschen
regieren wollen, die an ihren Sünden
festhalten. Sie mußten die Richtung ihres
Lebens ändern, ihre Sünden bekennen Bereich
und von ihnen lassen. Gott rief sie aus der
dem Reich der Finsternis in das Reich der Bekehrten
Himmel.

Exkurs zum Reich der Himmel


In Vers 2 finden wir das erste Mal den der Bekenner
Ausdruck Reich der Himmel, der in die-
sem Evangelium 32mal verwendet wird.
Weil man Matthäus nicht richtig ver- Wenn wir alle Erwähnungen des Rei-
steht, wenn man diesen Begriff nicht ver- ches der Himmel in der Bibel zusammen
standen hat, sollten wir hier eine Be- sehen, können wir seine historische Ent-
griffsdefinition und -erklärung geben. wicklung in fünf Phasen darstellen:
Das Reich der Himmel ist ein Gebiet, Erstens wurde es im AT vorausgesagt.
in dem die Herrschaft Gottes anerkannt Daniel sagte voraus, daß Gott ein König-
wird. Das Wort »Himmel« bezieht sich reich errichten würde, das niemals zer-
auf Gott. Das sieht man in Daniel 4,22, stört oder von einer anderen Herrschaft
wo Daniel sagt, »daß der Höchste über abhängig werden würde (Dan 2,44). Er
das Königtum der Menschen herrscht«. sah auch die Ankunft Christi voraus, um
Im nächsten Vers betont er, daß »die dieses universelle und ewige Reich zu
Himmel« herrschen. Wo immer sich regieren (Dan 7,13.14; Jer 23,5.6).
Menschen der Herrschaft Gottes unter- Zweitens wurde das Reich von
stellen, besteht das Reich der Himmel. Johannes dem Täufer und auch von Jesus
Es gibt zwei Bereiche des Reiches der und den zwölf Jüngern als nahe oder
Himmel. Im weiteren Bereich beinhaltet gegenwärtig beschrieben (Matth 3,2; 4,17;
es jeden, der von sich sagt, daß er Gott als 10,7). In Matthäus 12,28 sagt Jesus:
den höchsten Herrscher anerkennt. Im »Wenn ich aber durch den Geist Gottes
engeren Bereich umfaßt es nur diejeni- die Dämonen austreibe, so ist also das
gen, die wirklich bekehrt sind. Wir kön- Reich Gottes zu euch gekommen.« In
nen das durch zwei konzentrische Kreise Lukas 17,21 sagt er: »Denn siehe, das
darstellen. Der große Kreis ist der Be- Reich Gottes ist inwendig in euch«
reich des Bekenntnisses. Er enthält alle, (LU 1912(Fn)) oder »mitten unter euch«
die wirkliche Untertanen des Königs (Elberfelder Bibel). Das Königreich war
sind, und auch die, die nur behaupten, in der Person des Königs anwesend. Wie
daß sie mit ihm verbunden sind. Das wir später zeigen werden, sind die Aus-
kann man in den Gleichnissen vom drücke »Reich der Himmel« und »Reich
Sämann (Matth 13,3-9), vom Senfkorn Gottes« oft untereinander austauschbar.
(Matth 13,31.32) und vom Sauerteig Drittens wird das Reich in einer Zwi-
(Matth 13,33) sehen. Der kleine Kreis in schenform beschrieben. Nachdem Jesus
der Mitte umfaßt diejenigen, die durch vom Volk Israel abgelehnt worden war,
den Glauben an den Herrn Jesus Chri- kehrte er in den Himmel zurück. Das

29
Matthäus 3

Reich existiert heute, während der König innerer Bereich kann nur von denen er-
abwesend ist, in den Herzen aller, die reicht werden, die wiedergeboren sind
sein Königtum anerkennen. Die ethi- (Joh 3,3.5).
schen und moralischen Prinzipien dieses Zum Schluß noch einen Punkt: Das
Reiches, einschließlich der Bergpredigt, Reich ist nicht mit der Kirche oder
sind auf uns heute anwendbar. Diese Gemeinde Gottes identisch. Das Reich
Zwischenzeit des Reiches wird in den begann, als Christus seinen öffentlichen
Gleichnissen in Matthäus 13 beschrieben. Dienst begann, die Gemeinde entstand
Die vierte Phase des Reiches können erst an Pfingsten (Apg 2). Das Reich wird
wir mit dem Wort Verwirklichung be- fortbestehen, bis die Erde zerstört wer-
schreiben. Die verwirklichte Form des den wird, die Gemeinde wird nur bis zur
Reiches ist die tausendjährige Herrschaft Entrückung (die Aufnahme oder Weg-
Christi auf Erden, die durch die Ver- nahme der Gemeinde von der Erde,
klärung Jesu dargestellt wurde, als er in wenn Christus vom Himmel herabsteigt
der Herrlichkeit seiner zukünftigen und alle Gläubigen mit sich nach Hause
Herrschaft erschien (Matth 17,1-8). Jesus nimmt – 1. Thess 4,13-18) auf der Erde
bezog sich auf diese Phase in Matthäus bleiben. Die Gemeinde wird mit Christus
8,11, als er sagte: »Ich sage euch aber, daß bei seiner zweiten Wiederkunft wieder-
viele von Osten und Westen kommen kehren und mit ihm als seine Braut regie-
und mit Abraham und Isaak und Jakob ren. Gegenwärtig sind diejenigen, die im
zu Tisch liegen werden in dem Reich der inneren Bereich des Königreiches sind,
Himmel.« gleichzeitig Glieder der Gemeinde.
Die endgültige Form wird das ewige
Reich sein. Es wird in 2. Petrus 1,11 als 3,3 Wenn wir nun zur Auslegung von
»das ewige Reich unseres Herrn und Matthäus 3 zurückkehren, wollen wir
Heilandes Jesus Christus« beschrieben. festhalten, daß der vorbereitende Dienst
Der Ausdruck »Reich der Himmel« des Johannes schon über 700 Jahre vor
findet sich nur im Matthäusevangelium, seiner Zeit von Jesaja vorausgesagt wor-
»Reich Gottes« dagegen wird in allen den war:
vier Evangelien benutzt. Praktisch gese- Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt
hen besteht zwischen beiden kein Unter- den Weg des Herrn! Ebnet in der Steppe
schied, denn über beide werden die glei- eine Straße für unseren Gott! (Jes 40,3)
chen Aussagen gemacht. In Matth 19,23 Johannes war die Stimme. Das Volk
sagt Jesus z. B., daß es für einen Reichen Israel war geistlich gesehen die Wüste –
schwer sei, in das Reich der Himmel zu leblos und unfruchtbar. Johannes rief das
gelangen. Markus (10,23) und Lukas Volk auf, »den Weg des Herrn« zu berei-
(18,24) schreiben, daß Jesus dasselbe ten, indem sie Buße wegen ihrer Sünde
über das »Reich Gottes« sagte (s. a. Matth taten, ihnen abschwörten und »seine
19,24, wo der Ausdruck »Reich Gottes« Pfade gerade machten«, indem sie alles
im gleichen Zusammenhang verwendet aus ihrem Leben verbannten, was seine
wird.) völlige Herrschaft verhindern könnte.
Wir haben bereits oben erwähnt, daß 3,4 Das Gewand des Täufers bestand
das Reich der Himmel einen äußeren aus Kamelhaaren – nicht die weichen,
und einen inneren Bereich hat. Da das luxoriösen Kamelhaarstoffe unserer Zeit,
gleiche für das Reich Gottes gilt, ist das sondern das rauhe Gewand eines Man-
ein weiterer Hinweis, daß die beiden nes, der ständig draußen lebt. Auch trug
Ausdrücke dasselbe bedeuten. Das Reich er einen ledernen Gürtel. Das war die
Gottes enthält ebenfalls die Echten und gleiche Kleidung, wie sie auch Elia trug
die Falschen. Das kann man in den (2. Kön 1,8), und diente vielleicht dazu,
Gleichnissen vom Sämann (Lk 8,4-10), die Israeliten in dem Glauben zu bestär-
vom Senfkorn (Lk 13,18.19) und vom ken, daß die Aufgabe von Elia und
Sauerteig (Lk 13,20,21) sehen. Auch sein Johannes die gleiche war (Mal 3,23;

30
Matthäus 3

Lk 1,17; Matth 11,14; 17,10-12). Johannes und ein wenig Furcht erzeugt. Wir müs-
aß »Heuschrecken und wilden Honig«, sen die Sünden lassen, von denen wir
die magere Speise eines Menschen, der umkehren, und in neuen, reinen Wegen
von seiner Aufgabe so in Anspruch der Heiligung wandeln«.
genommen wird, daß die normalen 3,9 Die Juden sollten aufhören, ihre
Annehmlichkeiten und Vergnügungen Abstammung von Abraham als Eintritts-
des Lebens für ihne keine Bedeutung karte für den Himmel zu betrachten. Die
mehr hatten. Gnade der Errettung wird nicht durch
Es muß ein überzeugendes, ein- eine natürliche Geburt vermittelt. Gott
drückliches Ereignis gewesen sein, konnte durch einen sehr viel einfacheren
Johannes zu begegnen – einem Men- Prozeß als den der Bekehrung der Pha-
schen, der nichts um die Dinge gab, für risäer und Sadduzäer aus den Steinen
die die Menschen üblicherweise leben. des Jordans »dem Abraham Kinder er-
Sein Aufgehen in geistlichen Realitäten wecken«.
muß andere dazu geführt haben zu 3,10 Indem er feststellte, daß »die Axt
erkennen, wie arm ihr Leben war. Seine an die Wurzel der Bäume gelegt« war,
Selbstverleugnung war eine betroffen sagt er, daß das göttliche Gericht bald
machende Anklage gegen die Verwelt- beginnen würde. Die Ankunft und Ge-
lichung seiner Zeitgenossen. genwart Christi würde alle Menschen
3,5.6 Menschen aus Jerusalem, ganz prüfen. Die als fruchtlos erkannten Bäu-
Judäa und aus dem Gebiet jenseits des me würden »abgehauen und ins Feuer
Jordan versammelten sich, um ihn zu hö- geworfen«.
ren. Einige dieser Menschen reagierten 3,11.12 In den Versen 7-10 hatte
auf seine Botschaft und »wurden von Johannes ausschließlich die Pharisäer
ihm im Jordan getauft« und sagten und Sadduzäer angesprochen (s. V. 7),
damit, daß sie bereit waren, dem kom- aber jetzt richtet er sich offensichtlich an
menden König treu und gehorsam zu sein ganzes Publikum, welches die Wah-
sein. ren und die Falschen umfaßt. Er erklärte,
3,7 Mit den Pharisäern und Saddu- es würde zwischen seinem und dem
zäern war es eine ganz andere Sache. Dienst des Messias, der bald kommen
Als sie kamen, um ihn zu hören, wußte sollte, wichtige Unterschiede geben.
Johannes, daß sie es nicht ehrlich mein- Johannes taufte »mit Wasser zur Buße«:
ten. Er erkannte ihre wahre Natur: die Das Wasser war ein zeremonielles Zei-
Pharisäer bekannten sich zum Gesetz, chen und konnte selbst nicht reinigen,
aber sie waren innerlich verdorben, sek- die Buße, auch wenn sie echt war, brach-
tiererisch, heuchlerisch und selbstge- te einem Menschen nicht die völlige
recht. Die Sadduzäer waren soziale Ari- Errettung. Johannes sah seinen Dienst als
stokraten und religiöse Skeptiker, die Vorbereitung und Stückwerk. Der Mes-
solche grundlegenden Lehren wie die sias würde Johannes vollkommen über-
der Auferstehung des Leibes, die Exi- treffen. Er würde stärker sein, er würde
stenz der Engel, die Unsterblichkeit der würdiger sein, und sein Werk würde
Seele und das ewige Gericht ablehnten. weiter reichen, denn er würde »mit Hei-
Deshalb bezeichnete er beide Sekten als ligem Geist und mit Feuer taufen«.
»Otternbrut«, die vorgaben, von dem Die Taufe mit dem Heiligen Geist
kommenden Zorn entfliehen zu wollen, unterscheidet sich von der Taufe mit
aber keine Zeichen wahrer Buße zeig- Feuer. Die erste ist eine Segenstaufe,
ten. während die andere eine Gerichtstaufe
3,8 Er forderte sie heraus ihre Ehrlich- ist. Die erste fand zu Pfingsten statt, die
keit zu zeigen, indem sie »der Buße wür- andere liegt noch in der Zukunft. Alle
dige Frucht« brächten. Wahre Buße führt wahren Christusgläubigen erfahren die
zu nichts, wie J. R. Miller schrieb, »wenn erste Taufe, die andere wird das Schick-
sie nur ein paar Tränen, ein bißchen Reue sal aller Ungläubigen sein. Die erste soll-

31
Matthäus 3 und 4

te für jene Israeliten bestimmt sein, deren Aber es gibt noch eine tiefere Bedeu-
Taufe ein äußeres Zeichen innerer Buße tung. Die Taufe war für ihn eine Hand-
war, die andere für die Pharisäer und lung, die symbolisieren sollte, wie er
Sadduzäer, die alle keine Anzeichen Gottes gerechte Ansprüche gegen den
einer echten Buße zeigten. sündigen Menschen erfüllen wollte. Das
Einige lehren, daß die Taufe mit dem Untertauchen schattete seine Taufe in
heiligen Geist und die Taufe mit Feuer den Wassern des Gerichtes Gottes vor-
dasselbe sind, d. h. könnte nicht die aus, die er auf Golgatha erleiden würde;
Feuertaufe auf die Feuerzungen hinwei- sein Herauskommen aus dem Wasser
sen, die erschienen, als der Geist zu Pfing- wies auf seine Auferstehung hin. Durch
sten auf die Erde kam? Im Licht von Vers Tod, Begräbnis und Auferstehung würde
12, der Feuer mit dem Gericht gleichsetzt, er die Ansprüche der Gerechtigkeit Got-
ist das sicherlich nicht der Fall. tes befriedigen und eine gerechte Basis
Sofort nach seiner Erwähnung der dafür schaffen, daß der Sünder gerecht-
Taufe mit dem Feuer spricht Johannes fertigt werden konnte.
vom Gericht. Der Herr wird in einem 3,16.17 Sobald er aus dem Wasser
Bild gezeigt, wie er eine Worfschaufel herauskam, sah Jesus den Geist Gottes
gebraucht, um den gedroschenen Weizen herabfahren »wie eine Taube und auf ihn
in den Wind zu werfen. Der Weizen kommen«. So wie Menschen und Dinge
(echte Gläubige) fällt sofort zu Boden im AT für heilige Zwecke durch das
und wird in die Scheune gebracht. Die »Öl der heiligen Salbung« ausgesondert
Spreu (die Ungläubigen) werden vom wurden, so wurde er durch den heiligen
Wind eine kleine Strecke weggetragen Geist zum Messias gesalbt.
und werden dann gesammelt und »mit Das war ein heiliges Ereignis, bei dem
unauslöschlichem Feuer« verbrannt. Das die Dreieinheit Gottes sichtbar wurde.
Feuer in Vers 12 bedeutet Gericht, und Der »geliebte Sohn« war anwesend, der
weil wir hier eine Erläuterung von Vers Heilige Geist in Form der Taube und die
11 haben, ist es einsichtig zu schließen, Stimme des Vaters wurde »aus den Him-
daß die Taufe mit Feuer eine Taufe des meln« gehört, die den Segen über Jesus
Gerichtes ist. aussprach. Es war ein bemerkenswertes
Ereignis, weil man Gott die Schrift zitie-
B. Johannes tauft Jesus (3,13-17) ren hörte: »Dieser ist mein geliebter
3,13 Jesus ging etwa 130 Kilometer von Sohn« (nach Ps 2,7), »an dem ich Wohl-
Galiläa an den unteren Jordan, um sich gefallen gefunden habe« (aus Jes 42,1).
von Johannes taufen zu lassen. Das zeigt, Das ist eines der drei Ereignisse, bei
wie wichtig er diese Zeremonie nahm denen der Vater vom Himmel in freu-
und es weist auf die Wichtigkeit der diger Anerkennung von seinem einzig-
Taufe für seine Nachfolger heute hin. artigen Sohn spricht (die anderen Stellen
3,14.15 Johannes erkannte, daß Jesus sind Matth 17,5 und Joh 12,28).
keine Sünden getan hatte, von denen er
hätte Buße tun müssen. Deshalb wehrt er C. Jesus wird durch Satan versucht
sich, ihn zu taufen. Es war das rechte (4,1-11)
Empfinden, das ihm sagte, daß die rich- 4,1 Es mag seltsam scheinen, daß »Jesus
tige Rangfolge gewesen wäre, wenn von dem Geist« in die Versuchung gelei-
Jesus ihn getauft hätte. Das stellt Jesus tet wurde. Warum sollte ihn der Heilige
nicht infrage, sondern wiederholt ein- Geist zu solch einer Begegnung führen?
fach seine Bitte als gebührenden Weg, Die Antwort lautet, daß diese Versu-
»alle Gerechtigkeit zu erfüllen«. Er wuß- chung notwendig war, um seine mora-
te, es war angemessen, daß er sich selbst lische Eignung zur Vollbringung des
in der Taufe mit den frommen Israeliten Werkes zu zeigen, um dessentwillen er
identifizierte, die gekommen waren, um auf diese Erde kam. Der erste Adam hat-
sich zur Buße taufen zu lassen. te bewiesen, daß er für das Reich unge-

32
Matthäus 4

eignet war, als er dem Widersacher im Verlockungen der Sünde konfrontiert zu


Garten Eden begegnete. Hier begegnet werden, aber es war ihm moralisch un-
nun der zweite Adam dem Teufel in möglich nachzugeben. Er konnte nur das
einer direkten Konfrontation und geht tun, was er den Vater tun sah (Joh 5,19),
aus dieser Begegnung als Sieger hervor. und es ist unmöglich, daß er den Vater je
Das griechische Wort, das mit »ver- sündigen sah. Er konnte aus eigener
suchen« oder »erproben« übersetzt wird, Macht nichts tun (Joh 5,30), und der Va-
hat zwei Bedeutungen: ter hätte nie zugelassen, daß er der Ver-
1. erproben oder beweisen (Joh 6,6; suchung nachgab.
2. Kor 13,5; Hebr 11,17) und Der Zweck der Versuchung war
2. zum Bösen auffordern. Der Teufel nicht, zu sehen, ob er sündigen würde,
versuchte ihn zu überlisten, etwas sondern zu beweisen, daß er selbst unter
Böses zu tun. außerordentlichem Druck nichts anderes
Mit der Versuchung unseres Herrn ist tun konnte als dem Wort Gottes zu ge-
ein tiefes Geheimnis verbunden. Unaus- horchen. Wenn Jesus als Mensch hätte
weichlich stellt sich die Frage: »Hätte er sündigen können, dann hätten wir das
sündigen können?« Wenn wir mit Problem, daß er auch im Himmel noch
»Nein« antworten, dann müssen wir die Mensch ist. Könnte er dort immer noch
weitere Frage stellen: »Wie konnte es sündigen? Offensichtlich nicht.
eine wirkliche Versuchung sein, wenn er 4,2.3 Nachdem Jesus vierzig Tage und
ihr nicht nachgeben konnte?« Wenn wir vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er
mit »Ja« antworten, stehen wir vor dem Hunger. (Die Zahl vierzig wird in der
Problem, wie der menschgewordene Bibel oft im Zusammenhang der Erpro-
Gott sündigen kann. bung benutzt.) Dieses natürliche Bedürf-
Am wichtigsten ist es, sich vor Augen nis gab dem Versucher eine Gelegenheit,
zu halten, daß Jesus Christus Gott ist und die er bei vielen Menschen ausnutzen
Gott nicht sündigen kann. Es gilt aber, konnte. Er schlug Jesus vor, daß er seine
daß Jesus auch Mensch war; dennoch, Kraft, Wunder zu tun, einsetzte, um die
wenn wir sagen, daß er als Mensch zwar Steine der Wüste in Brotlaibe zu verwan-
sündigen konnte, nicht jedoch als Gott, deln. Mit seinen anfänglichen Worten:
dann entbehrt unsere Argumentation »Wenn du Gottes Sohn bist«, will Satan
jeder biblischen Grundlage. Die Schrei- keinen Zweifel andeuten. In Wirklichkeit
ber des NT betonen an verschiedenen bedeuten sie: »Weil du der Sohn Gottes
Stellen die Sündlosigkeit Christi. Paulus bist.« Satan spielt auf die Worte des Vater
schrieb, daß er »Sünde nicht kannte« bei der Taufe an: »Dieser ist mein gelieb-
(2. Kor 5,21); Petrus sagt, daß er »keine ter Sohn.« Er benutzt die griechische
2)
Sünde getan hat« (1. Petr 2,22); und Form, die nahelegt, daß die Behauptung
Johannes schreibt: »Sünde ist nicht in wahr ist und dadurch fordert er Jesus
ihm« (1. Joh 3,5). auf, seine Macht zu benutzen, um seinen
Jesus konnte, wie wir, von außen ver- Hunger zu stillen.
sucht werden: Satan kam mit Vorschlä- Den natürlichen Hunger zu stillen,
gen zu ihm, die dem Willen Gottes ent- indem man göttliche Kraft als Antwort
gegengesetzt waren. Aber in einem ist er auf die Aufforderung Satans einsetzt, ist
nicht wie wir: Er konnte nicht von innen direkter Ungehorsam gegen Gott. Der
versucht werden – er kannte keine sün- Vorschlag Satans hat seine Entsprechung
digen Lüste oder Bestrebungen, die aus in 1. Mose 3,6: (»gut zur Speise«). Johan-
ihm selbst kamen. Außerdem war in ihm nes klassifiziert diese Versuchungen als
nichts, das auf die Versuchungen des »Lust des Fleisches« (1. Joh 2,16). Die ent-
Teufels antworten würde (Joh 14,30). sprechende Versuchung in unserem
Obwohl Jesus zur Sünde nicht fähig Leben ist ein Leben zur Befriedigung der
war, war die Versuchung dennoch sehr natürlichen Bedürfnisse zu führen, einen
real. Es war für ihn möglich, mit den bequemen Weg zu wählen anstatt das

33
Matthäus 4

Reich Gottes und seine Gerechtigkeit zu zitiert: »Du sollst den Herrn, deinen
suchen. Der Teufel sagt uns: »Du mußt Gott, nicht versuchen« (s. 5. Mose 6,16).
doch leben, oder?« Gott hatte versprochen, den Messias zu
4,4 Jesus antwortete auf die Ver- bewahren, aber diese Garantie setzte
suchung, indem er das Wort Gottes voraus, daß er im Willen Gottes lebte.
zitiert. Das Beispiel unseres Herrn lehrt Diese Verheißung im Ungehorsam in
uns, daß wir nicht leben müssen, aber wir Anspruch zu nehmen würde bedeuten,
müssen unserem Herrn gehorchen! Brot Gott zu versuchen. Die Zeit würde schon
zu bekommen ist nicht das Wichtigste im noch kommen, daß Jesus als Messias
Leben. Der Gehorsam gegen jedes Wort erwiesen werden würde, aber zuerst
Gottes ist das Wichtigste. Da Jesus von mußte das Kreuz kommen. Der Opfer-
Gott nicht die Anweisung erhalten hatte, altar mußte dem Thron vorausgehen. Die
Steine zu Brot zu machen, wollte er nicht Dornenkrone kam vor der Krone der
aus eigenem Antrieb handeln und damit Herrlichkeit. Jesus wollte Gottes Zeit
Satan gehorchen, ganz gleich, wie groß abwarten und Gottes Willen erfüllen.
sein Hunger war. 4,8.9 In der dritten Versuchung nahm
4,5.6 Die zweite Versuchung fand in der Teufel Jesus auf einen sehr hohen
Jerusalem auf der Zinne des Tempels Berg mit und zeigte ihm alle Reiche der
statt. Der Teufel forderte Jesus auf, sich Welt. Er bot sie Jesus gegen seine An-
als spektakulären Beweis seiner Sohn- betung an. Obwohl die Versuchung
schaft hinabzuwerfen. Wieder wird mit etwas mit Anbetung zu tun hatte, einer
dem Wort »wenn« kein Zweifel ausge- Geistesübung, war es ein Versuch, un-
drückt, wie man daran sehen kann, daß seren Herrn zu verführen, die Herrscher-
Satan sich auf den Schutz bezieht, den macht über die Welt zu erlangen, indem
Gott dem Messias in Psalm 91,11.12 ver- er Satan anbetet. Die angebotene Beloh-
spricht. nung, alle Reiche der Welt mit ihrer Herr-
Die Versuchung für Jesus war, zu zei- lichkeit, sprach die Lust der Augen an
gen, daß er der Messias war, indem er (1. Joh 2,16).
eine sensationelle Handlung begeht. Er In gewissem Sinne gehören die Reiche
hätte Herrlichkeit ohne Leiden erreichen dieser Welt gegenwärtig dem Teufel. Von
können – er hätte das Kreuz umgehen ihm wird als dem »Gott dieser Welt«
und doch den Thron erlangen können. (2. Kor 4,4) gesprochen, und Johannes
Aber eine solche Handlung wäre gegen berichtet uns, daß »die ganze Welt in
den Willen Gottes gewesen. Johannes dem Bösen liegt« (1. Joh 5,19). Wenn
beschreibt diesen Reiz als den »Hochmut Jesus bei seiner Wiederkunft als König
des Lebens« (1. Joh 2,16). Er entspricht der Könige erscheint (Offb 19,16); dann
dem Baum, »der begehrenswert war, wird »das Reich dieser Welt« ihm ge-
Einsicht zu geben« (1. Mose 3,6) im Gar- hören (Offb 11,15). Jesus wollte den gött-
ten Eden. Beide waren Mittel, persön- lichen Zeitplan nicht außer Kraft setzen,
liche Verherrlichung ohne Achtung des und ganz bestimmt würde er Satan nie-
Willens Gottes zu erlangen. Diese Ver- mals anbeten!
suchung kommt zu uns in dem Verlan- Für uns besteht diese Versuchung in
gen, religiöse Auszeichnungen zu er- zweifacher Weise: indem wir unser geist-
ringen, ohne an der Gemeinschaft seiner liches Erstgeburtsrecht für die vergäng-
Leiden teilzuhaben. Wir suchen großar- liche Herrlichkeit dieser Welt verkaufen,
tige Dinge für uns selbst, wenn wir aber und indem wir das Geschöpf statt dem
Schwierigkeiten begegnen, dann rennen Schöpfer anbeten und ihm dienen.
wir weg und verstecken uns. Wenn wir 4,10 Zum dritten Mal widersteht
Gottes Willen mißachten und uns selbst Jesus der Versuchung, indem er das AT
erheben, dann versuchen wir Gott. benutzt: »Du sollst den Herrn, deinen
4,7 Wieder konnte Jesus dem Angriff Gott, anbeten und ihm allein dienen.«
widerstehen, indem er die Schriftstelle Anbetung und der Dienst, der sich dar-

34
Matthäus 4

aus ergibt, sind allein für Gott bestimmt. Königs, der gerade erst Johannes ins
Wenn er Satan anbeten würde, würde Gefängnis geworfen hatte. Indem er in
das darauf hinauslaufen, daß er ihn als das Galiläa der Heiden ging, zeigte er,
Gott anerkennen würde. daß seine Ablehnung durch die Juden
Die Reihenfolge der Versuchungen dazu führen würde, daß das Evangelium
wie sie Matthäus aufgeführt hat, unter- den Heiden gepredigt wird.
scheidet sich von der bei Lukas (Lk 4, 4,13 Jesus blieb in Nazareth, bis die
1-13). Einige haben entdeckt, daß die Rei- Bevölkerung ihn zu töten versuchte, weil
henfolge bei Matthäus der der Versu- er die Errettung der Heiden verkündigt
chungen des Volkes Israel in der Wüste hatte (s. Lk 4,16-30). Dann ging er nach
entspricht (2. Mose 16;17;32). Jesus zeig- Kapernaum am See Genezareth, in ein
te, daß er selbst in Schwierigkeiten ganz Gebiet, das ursprünglich von den Stäm-
anders als das Volk Israel reagierte. men Sebulon und Naftali bewohnt wur-
4,11 Als Jesus die Versuchungen de. Von dieser Zeit an wurde Kapernaum
Satans erfolgreich entkräftet hatte, ver- zu seinem Hauptquartier.
ließ ihn der Teufel. Versuchungen kom- 4,14-16 Der Umzug Jesu nach Galiläa
men oft in Wellen und nicht in ständiger war eine Erfüllung von Jesaja 9,1.2. Die
Folge. unwissenden, abergläubigen Heiden, die
Wir erfahren hier, daß Engel kamen in Galiläa wohnten, sahen ein großes
und ihm dienten, doch wird hier keiner- Licht – d. h. Christus, der das Licht der
lei Erklärung für diese übernatürliche Welt ist.
Hilfe gegeben. Das bedeutet vielleicht, 4,17 Von da an griff der Herr Jesus die
daß sie Jesus mit der materiellen Nah- Botschaft auf, die Johannes gepredigt
rung versorgten, die er sich nicht auf die hatte: »Tut Buße, denn das Reich der
Aufforderung Satans beschafft hatte. Himmel ist nahe gekommen!« Es war ein
Aus der Versuchung Jesu können wir weiterer Ruf zu moralischer Erneuerung
lernen, daß Satan zwar die Menschen, als Vorbereitung für sein Königreich. Das
die durch den Geist Gottes regiert wer- Reich war nahe in dem Sinne, daß der
den, versuchen kann, daß er aber gegen- König nun anwesend war.
über denen machtlos ist, die ihm mit dem
Wort Gottes Widerstand leisten. E. Jesus beruft vier Fischer (4,18-22)
4,18.19 In Wirklichkeit werden Petrus
D. Jesus beginnt seinen Dienst in und Andreas hier zum zweiten Mal beru-
Galiläa (4,12-17) fen. In Johannes 1, 35-42 wurden sie zur
Der Dienst Jesu in Juda, der etwa ein Jahr Errettung berufen, hier werden sie zum
dauerte, wird von Matthäus nicht er- Dienst berufen. Petrus und Andreas
wähnt. Dieses eine Jahr wird in Johannes waren Fischer, doch Jesus berief sie zum
1-4 behandelt und liegt zeitlich zwischen Menschenfischen. Ihre Aufgabe war es,
Matthäus 4,11 und 4,12. Matthäus führt Christus zu folgen. Seine Aufgabe war
uns von der Versuchung direkt zum es, sie zu erfolgreichen Fischern zu
Dienst in Galiläa. machen. Ihre Nachfolge bestand nicht
4,12 »Als er aber gehört hatte, daß nur darin, Jesus im physischen Sinne
Johannes der Täufer ins Gefängnis ge- nahe zu sein. Sie sollten dem Herrn im
worfen worden war«, erkannte er, daß Charakter ähnlich werden, einen Dienst
dies ein Vorzeichen seiner eigenen Ab- charakterlicher Stärke tun. Was sie
lehnung war. Wenn das Volk den Vorläu- waren, war wichtiger als das, was sie
fer des Königs ablehnte, dann lehnten sie sagten oder taten. Ebenso wie Petrus und
damit praktisch auch den König ab. Aber Andreas sollen wir der Versuchung
es war nicht Angst, die ihn nach Norden widerstehen, echtes geistliches Leben
nach Galiläa trieb. In Wirklichkeit begab durch Beredsamkeit, Persönlichkeit oder
er sich in die Mitte des herodianischen schlaue Argumente zu ersetzen. Indem
Reiches – in das Reich des gleichen er Christus nachfolgt, lernt der Jünger

35
Matthäus 4

dorthin zu gehen, wo die Fische schwim- Die Grundlage des Evangeliums ist
men, den rechten Köder zu benutzen, das Werk Christi am Kreuz (1. Kor 15,
Unannehmlichkeiten zu ertragen, gedul- 1-4). Unser Retter erfüllte die Forderun-
dig zu sein und sich selbst im Hinter- gen der Gerechtigkeit und machte es so
grund zu halten. für Gott möglich, gläubige Sünder zu
4,20 Petrus und Andreas hörten den rechtfertigen. Die Gläubigen des AT
Ruf und folgten sofort. In echtem Glau- wurden durch das Werk Christi gerettet,
ben verließen sie ihre Netze. In treuer obwohl es noch in der Zukunft lag. Sie
Hingabe folgten sie Jesus nach. wußte wahrscheinlich nicht viel vom
4,21.22 Der nächste Ruf erreichte Messias, aber Gott wußte davon – und er
Jakobus und Johannes. Auch sie wurden rechnete ihnen die Verdienste Christi an.
sofort Jünger. Sie verließen nicht nur ihre In gewissem Sinne wurden sie »auf Ver-
Arbeitsstätte, die ihnen den Lebensun- trauen« errettet. Auch wir sind durch das
terhalt sicherte, sondern auch ihren Werk Christi gerettet, doch in unserem
Vater. Dadurch bekannten sie, daß Jesus Falle ist das Werk bereits vollbracht.
die erste Priorität vor allen irdischen Bin- Das Evangelium wird nur durch den
dungen hatte. Glauben empfangen (Eph 2,8). Im AT
Indem sie dem Ruf Christi folgten, wurden die Menschen gerettet, indem sie
wurden diese Fischer Schlüsselfiguren allem vertrauten, was Gott ihnen auch
in der Evangelisation der Welt. Wären immer anordnen würde. In unserem Zeit-
sie bei ihren Netzen geblieben, hätten alter werden die Menschen gerettet durch
wir nie etwas von ihnen gehört. Es ist in den Glauben an das Zeugnis seines Soh-
dieser Welt ein großer Unterschied, ob nes als den einzigen Erlösungsweg (1. Joh
man die Herrschaft Jesu anerkennt oder 5,11.12). Das Endziel des Evangeliums ist
nicht. der Himmel. Wir haben die Hoffnung auf
die Ewigkeit im Himmel (2. Kor 5,6-10)
F. Jesus heilt eine große Menge genauso, wie sie die Heiligen des AT hat-
(4,23-25) ten (Hebr 11,10.14-16).
Der Dienst des Herrn Jesus war drei- Während es nur ein Evangeliums gibt,
facher Art: Er lehrte Gottes Wort in den gelten zu verschiedenen Zeiten unter-
Synagogen, er predigte das Evangelium schiedliche Aspekte des Evangeliums.
vom Reich und er heilte die Kranken. Ein Zum Beispiel werden im Evangelium des
Grund für seine Wunder war, daß er sich Reiches andere Dinge betont als im Evan-
durch diesen Dienst als Messias auswei- gelium von der Gnade Gottes. Das Evan-
sen mußte (Hebr 2,3.4). Kapitel 5 – 7 sind gelium vom Reich Gottes sagt: »Tut Buße
ein Beispiel für seinen Lehrdienst und und empfangt den Messias, dann werdet
die Kapitel 8 und 9 für seinen Dienst ihr in das Reich Gottes eingehen, wenn es
durch Wunder. auf die Erde kommt.« Das Evangelium
4,23 In Vers 23 wird das erste Mal im der Gnade sagt: »Tut Buße und empfangt
NT das Wort »Evangelium« verwendet. Christus, dann werdet ihr zu ihm hin ent-
Der Ausdruck bedeutet: »gute Nachricht rückt und allezeit beim Herrn sein.«
von der Errettung«. In jedem Zeitalter Grundsätzlich ist es das gleiche Evange-
der Weltgeschichte hat es nur ein Evan- lium – Rettung aus Gnade durch den
gelium und einen Weg zur Rettung ge- Glauben – aber hier zeigt sich, daß es ver-
geben. schiedene Handhabungen des Evange-
liums gibt, die den Zielen Gottes in den
verschiedenen Zeitaltern entsprechen.
Exkurs zum Evangelium Als Jesus das Evangelium vom Reich
Das Evangelium hat seinen Ursprung in Gottes predigte, kündigte er sein Kom-
der Gnade Gottes (Eph 2,8). Das heißt, men als König der Juden an und erklärte
daß Gott ewiges Leben an Sünder ver- die Bedingungen, unter denen man in
schenkt, die es nicht verdient haben. sein Reich aufgenommen wurde. Seine

36
Matthäus 4 und 5

Wunder zeigten das ganzheitliche Wesen spielungen auf den Rat (d. h. den Sanhe-
3)
des Reiches. drin) in 5,22, auf den Altar (5,23.24) und
auf Jerusalem (5,35) sehen kann. Doch
4,24.25 Sein Ruhm verbreitete sich in wäre es falsch zu sagen, daß ihre Lehre
ganz Syrien (das Gebiet nördlich und sich ausschließlich auf die gläubigen
nordöstlich von Israel). Alle Leidenden, Israeliten in der Vergangenheit oder Zu-
Besessenen und Gelähmten erfuhren sei- kunft bezieht. Sie ist für alle bestimmt,
ne heilende Berührung. Die Menschen die Jesus als König anerkennen.
strömten von Galiläa, aus dem Zehnstäd-
tegebiet (ein Zusammenschluß von zehn A. Die Seligpreisungen (5,1-12)
heidnischen Städten in Nordost-Palä- 5,1.2 Die Predigt beginnt mit den Selig-
stina), aus Jerusalem, Judäa und aus dem preisungen. Diese stellen uns den Ideal-
Gebiet von jenseits des Jordans. Es war, bürger des Königreiches Christi vor. Die
wie B. B. Warfield schrieb: »Krankheit Eigenschaften, die hier beschrieben und
und Tod müssen in diesem Gebiet für empfohlen werden, entsprechen dem
kurze Zeit fast nicht mehr vorhanden Gegenteil der weltlich anerkannten Wer-
gewesen sein.« Kein Wunder, daß die te. A. W. Tozer beschreibt sie so: »Eine
Öffentlichkeit sehr verwundert war über einigermaßen genaue Beschreibung der
die Berichte, die man aus Galiläa zu Menschheit für jemanden, der sie nicht
hören bekam! kennt, wäre, wenn man die Seligpreisun-
gen nehmen würde, sie auf den Kopf
IV. Die Verfassung des Reiches stellte und sagen würde: Schau, das ist
(Kap. 5 – 7) die menschliche Rasse.«
Es ist kein Zufall, daß die Bergpredigt am 5,3 Die erste Seligpreisung wird über
Anfang des Neuen Testaments steht. Ihr die »Armen im Geist« ausgesprochen.
Platz zeigt, wie wichtig sie ist. In ihr faßt Das bezieht sich nicht auf eine natürliche
der König den Charakter und das Verhal- Eigenschaft, sondern auf einen Zustand,
ten zusammen, das er von seinen Unter- dem man sich absichtlich unterworfen
tanen erwartet. hat. Die Armen im Geist sind die, welche
Diese Predigt ist keine Darstellung ihre eigene Hilflosigkeit erkannt haben
eines Errettungsplanes. Auch ist ihre und sich auf Gottes Allmacht verlassen.
Lehre nicht für Menschen bestimmt, die Sie wissen um ihre geistliche Bedürftig-
nicht errettet sind. Sie wurde an die Jün- keit und den Herrn, der ihren Mangel
ger gerichtet (5,1.2), und sollte eine Ver- ausfüllt. Diesen Menschen gehört das
fassung darstellen oder, mit anderen Reich der Himmel, in dem Selbstzufrie-
Worten, das Gesetzes- und Prinzipien- denheit eine Untugend und Eigenlob ein
system, das für die Untertanen des Laster ist.
Königs während seiner Herrschaft gelten 5,4 Die Trauernden sind glückselig,
sollte. Die Bergpredigt ist für alle diejeni- denn ein Tag des Trostes erwartet sie. Das
gen bestimmt – ob in der Vergangenheit, bezieht sich jedoch nicht auf Trauer, die
Gegenwart oder Zukunft –, die Christus durch die Wechselfälle des Lebens ver-
als König anerkennen. Als Christus auf ursacht ist. Gemeint ist der Schmerz, den
der Erde war, fand sie auf seine Jünger man wegen seiner Gemeinschaft mit
direkte Anwendung. Jetzt, während dem Herrn Jesus erfährt. Das bedeutet,
unser Herr im Himmel regiert, gilt sie für daß man die Verletzung durch die Sünde
alle, die ihn in ihren Herzen zum König mit Jesus teilt. Deshalb gehört dazu nicht
gekrönt haben. Schließlich wird sie eine nur Schmerz wegen der eigenen Sünde,
Verhaltensanweisung für die Nachfolger sondern auch Schmerz wegen des
Christi in der Trübsalszeit und während schrecklichen Zustandes der Welt, we-
seiner Herrschaft auf der Erde sein. gen ihrer Ablehnung des Retters und
Die Predigt hat eine besonders jüdi- wegen des Schicksals derer, die seine
sche Prägung, wie man in den An- Barmherzigkeit ablehnen. Diese Trauern-

37
Matthäus 5

den werden an dem Tag getröstet wer- herzig sein bedeutet, aktives Mitleid zu
den, wenn Gott »jede Träne von ihren empfinden. In einer Hinsicht bedeutet es,
Augen abwischen« wird (Offb 21,4). dem, der Strafe verdient hat, diese Strafe
Gläubige trauern nur in diesem Leben; zu ersparen. Im weiteren Sinne bedeutet
für die Ungläubigen ist ihr heutiger es, Notleidenden zu helfen, die sich nicht
Kummer nur ein Vorgeschmack auf den selbst helfen können. Gott bewies seine
ewigen Schmerz. Barmherzigkeit, indem er uns die Strafe
5,5 Eine dritte Seligpreisung wird erspart hat, die wir für unsere Sünden
über den Sanftmütigen ausgesprochen: verdient hätten und indem er seine
»Sie werden das Land erben.« Von Natur Zuneigung zu uns durch das errettenden
aus mögen diese Menschen impulsiv, Werk Christi zeigte. Wir ahmen Gott
voller Temperament und schroff sein. nach, wenn wir barmherzig sind.
Doch indem sie willentlich den Geist Den Barmherzigen wird Barmherzig-
Christi annehmen, werden sie demütig keit widerfahren. Hier spricht Jesus nicht
oder sanftmütig (vgl. Matth 11,29). De- von der Gnade der Errettung, die Gott
mut beinhaltet die Annahme der Tat- dem gläubigen Sünder widerfahren läßt.
sache, daß man eine niedrige Stellung Diese Barmherzigkeit hängt nicht davon
hat. Der Demütige ist sanftmütig und ab, ob jemand selbst barmherzig ist – sie
milde, wenn es um ihn selbst geht, ist ein bedingungsloses Geschenk. Unser
obwohl er wie ein Löwe kämpfen mag, Herr spricht von der Gnade, die der
wenn es um Gott oder andere geht. Christ im täglichen Leben braucht und
Die Demütigen werden nicht schon von der Barmherzigkeit in der Zukunft,
jetzt die Erde erben; sie werden eher wenn unsere Werke beurteilt werden
Mißhandlung und Enteignung erleben. (1. Kor 3,12-15). Wenn man nicht barm-
Aber sie werden wörtlich die Erde erben, herzig gewesen ist, dann wird man auch
wenn Christus, der König, tausend Jahre keine Barmherzigkeit empfangen, d. h.
lang in Frieden und Reichtum herrschen daß der Lohn entsprechend niedriger
wird. ausfallen wird.
5,6 Als nächstes werden die selig 5,8 Denen, die reinen Herzens sind,
gepriesen, die nach der Gerechtigkeit wird die Zusage gegeben, daß sie Gott
hungern und dürsten: ihnen wird Sätti- schauen werden. Ein Mensch hat ein rei-
gung versprochen. Diese Menschen seh- nes Herz, wenn er keine falschen Motive
nen sich nach Gerechtigkeit in ihrem hat, wenn seine Gedanken heilig sind
eigenen Leben. Sie wollen Ehrlichkeit, und sein Gewissen rein ist. Der Aus-
Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit in der druck »sie werden Gott schauen« kann in
Gesellschaft verwirklicht sehen und verschiedener Weise verstanden werden.
suchen nach praktischer Heiligung in Erstens schauen die, die reinen Herzens
der Gemeinde. Wie die Menschen, von sind, Gott in der Gemeinschaft des Wor-
denen Gamaliel Bradford schreibt, haben tes und des Geistes. Zweitens wird ihnen
sie »einen Durst, den kein irdischer manchmal eine übernatürliche Erschei-
Strom löschen kann und einen Hunger, nung unseres Herrn zuteil. Drittens wer-
der sich von Christus ernähren oder ster- den sie Gott in der Person Jesu schauen,
ben muß«. Diese Menschen werden in wenn er wiederkommt. Viertens werden
Christi kommendem Königreich über- sie Gott in der Ewigkeit schauen.
reichlich beschenkt werden: Sie werden 5,9 Eine Seligpreisung wird über die
gesättigt werden, denn dann wird Friedensstifter ausgesprochen: »Sie wer-
Gerechtigkeit regieren und und die Kor- den Söhne Gottes heißen.« Man beachte,
ruption wird durch vollkommene Ehr- daß der Herr hier nicht von friedlichen
lichkeit ersetzt werden. Menschen oder denen redet, die den
5,7 Im Reich unseres Herrn sind die Frieden lieben. Er spricht von denen, die
Barmherzigen glückselig, denn ihnen sich aktiv für den Frieden einsetzen. Die
wird Barmherzigkeit widerfahren. Barm- natürliche Haltung ist, sich nicht einzu-

38
Matthäus 5

mischen. Der göttliche Ansatz ist, zu Königreich. Man beachte die Betonung
handeln, um Frieden zu schaffen, auch von Gerechtigkeit (V. 6), Frieden (V. 9) und
wenn das bedeutet, daß man sich damit Freude (V. 12). Paulus hatte sicherlich die-
Beschimpfungen und Verleumdungen se Stelle im Gedächtnis als er schrieb:
einhandelt. »Denn das Reich Gottes ist nicht Essen
Friedensstifter werden Söhne Gottes und Trinken, sondern Gerechtigkeit und
genannt werden. Hier haben wir also Friede und Freude im Heiligen Geist«
nicht die Weise, wie sie zu Söhnen Gottes (Röm 14,17).
wurden – das kann nur durch das
Annehmen Christi als persönlichen Ret- B. Die Gläubigen als Salz und Licht
ter geschehen. Indem sie Frieden stiften, (5,13-16)
zeigen die Gläubigen, daß sie Söhne 5,13 Jesus verglich seine Jünger mit Salz.
Gottes sind, und Gott wird sie eines Sie sollten für die Welt sein, was das Salz
Tages als Menschen anerkennen, die zu im täglichen Leben ist: Salz würzt Spei-
seiner Familie gehören und ihm ähnlich sen, es verhindert Fäulnis, es verursacht
sind. Durst und unterstützt den Geschmack.
5,10 Die nächste Seligpreisung be- So sollen seine Nachfolger der mensch-
schäftigt sich mit den Verfolgten, die lichen Gesellschaft Pikantheit geben, als
nicht wegen ihrer eigenen Vergehen, son- Schutz vor dem Verderben dienen und
dern »um Gerechtigkeit willen« verfolgt andere dazu bringen, sich nach der Ge-
werden. Das Reich Gottes ist den Gläu- rechtigkeit zu sehnen, von der die vor-
bigen versprochen, die wegen ihres rich- hergehenden Verse sprechen. Wenn das
tigen Handelns leiden müssen. Ihr reines Salz kraftlos wird, wie soll es seine Sal-
Leben verdammt die gottlose Welt und zigkeit zurückerhalten? Es gibt keinen
bringt ihre Feindschaft zum Vorschein. Weg, ihm den echten, natürlichen Ge-
Die Menschen hassen ein gerechtes schmack wiederzugeben. Hat es einmal
Leben, weil es ihre eigene Ungerechtig- seinen Geschmack verloren, dann taugt
keit hervortreten läßt. Salz zu nichts mehr. Es wird auf den Weg
5,11 Diese letzte Seligpreisung geworfen. Der Kommentar von Albert
scheint eine Wiederholung der vorherge- Barnes über diesen Vers erleichtert das
henden zu sein. Wie auch immer, es gibt Verständnis:
einen Unterschied. Im vorhergehenden Das Salz, das in unserem Land verwen-
Vers wird jemand verfolgt, weil er det wird, ist eine chemische Zusammenset-
gerecht ist, hier dagegen um Christi wil- zung – und wenn es seine Salzigkeit, oder es
len. Der Herr wußte, daß seine Jünger seinen Geschmack verlöre, dann bliebe nichts
mißhandelt werden würden, weil sie ihm übrig. In östlichen Ländern war das verwen-
verbunden und treu sind. Die Geschichte dete Salz unrein, es war mit Pflanzen und
hat dies bestätigt: Von Anfang an hat die Erde vermischt, so daß es seine ganze Salzig-
Welt die Nachfolger Jesu verfolgt, ins keit verlieren konnte und doch eine beträcht-
Gefängnis geworfen und getötet. liche Menge [Salz ohne Geschmack] übrig-
5,12 Um Christi willen zu leiden ist blieb. Es war zu nichts mehr zu gebrauchen,
ein großes Vorrecht, das uns freuen soll- außer, daß es, wie hier gesagt wird, auf den
te. Ein großer Lohn erwartet diejenigen, Weg gestreut wird, wie wir unsere Wege mit
4)
die wie die Propheten Drangsal leiden Kies bestreuen.
müssen. Diese Sprecher des alttesta- Der Jünger hat eine wichtige Aufgabe
mentlichen Gottes blieben trotz Verfol- – Salz der Erde zu sein, indem er die
gung treu. Alle, die ihren hingebungs- Anweisungen für Jünger auslebt, die in
vollen Mut nachahmen, werden ihre den Seligpreisungen und im Rest der
gegenwärtige Freude und zukünftige Predigt aufgeführt sind. Wenn er diese
Erhöhung teilen. geistliche Realität nicht durch sein Leben
Die Seligpreisungen zeichnen uns ein sichtbar macht, werden die Menschen
Portrait des idealen Bürgers in Christi sein Zeugnis mit Füßen treten. Die Welt

39
Matthäus 5

hat nur Verachtung für einen treulosen der zu unterscheiden, wie sich z. B. das
Gläubigen übrig. große E und das große F nur durch einen
5,14 Jesus ruft Christen auch auf, kleinen Strich unten unterscheiden. Jesus
Licht der Welt zu sein. Er sprach von sich glaubte auch an die wörtliche Inspiration
selbst als dem »Licht der Welt« (Joh 8,12; der Bibel, wenn es um scheinbar kleine
12,35.36.46). Die Beziehung zwischen und unwichtige Einzelheiten geht. Nichts
den beiden Erklärungen ist, daß Jesus die in der Schrift, noch nicht einmal das
Quelle des Lichtes ist und die Christen kleinste Strichlein, ist ohne Bedeutung.
dieses Licht reflektieren. Ihre Aufgabe ist Es ist wichtig zu betonen, daß Jesus
es, seine Strahlen zurückzuwerfen, wie nicht gesagt hat, daß das Gesetz für
der Mond die Herrlichkeit der Sonne immer bestehen bliebe. Er sagte, daß es
widerspiegelt. nicht vergehen würde, bis alles geschehen
Der Christ ist wie eine Stadt, die oben ist. Diese Unterscheidung hat für den
auf einem Berg liegt: Sie ist über ihre Um- Gläubigen heute Konsequenzen, und
gebung erhöht und leuchtet in der Dun- weil das Verhältnis des Gläubigen zum
kelheit. Diejenigen, deren Leben die Cha- Gesetz so wichtig ist, wollen wir uns nun
rakterzüge der Lehre Christi widerspie- Zeit nehmen, die biblische Lehre zu die-
geln, können nicht verborgen bleiben. sem Thema zusammenzufassen.
5,15.16 Man zündet nicht eine Lampe
an und setzt sie unter den Scheffel. Statt-
dessen wird man es auf ein Lampenge- Exkurs zum Verhältnis des Gläubigen
stell setzen, damit es allen leuchtet, die zum Gesetz
im Hause sind. Jesus wollte nicht, daß Das Gesetz ist ein System von Vorschrif-
wir das Licht seiner Lehre für uns selbst ten, die Gott durch Mose dem Volk Israel
sammeln, sondern daß wir sie anderen gegeben hat. Das gesamte Gesetzeswerk
mitteilen. Wir sollten unser Licht so findet sich in 2. Mose 20-31 und im 3. und
leuchten lassen, daß die Menschen unse- 5. Buch Mose, auch wenn die Zusam-
re guten Taten sehen, so daß sie den Vater menfassung in den Zehn Geboten gege-
im Himmel verherrlichen. Die Betonung ben wird.
liegt hier auf dem Dienst eines christlich Das Gesetz ist nicht als ein Mittel zur
geprägten Charakters. Das Gewinnende Errettung gegeben worden (Apg 13,39;
eines Lebens, in dem Christus deutlich Röm 3,20a; Gal 2,16.21; 3,11). Es ist ge-
sichtbar wird, spricht lauter als der Ver- macht, damit es den Menschen ihre
such einer Überzeugung durch Worte. Sündhaftigkeit zeigt (Röm 3,20b; 5,20;
7,7; 1. Kor 15,56; Gal 3,19) und sie dann
C. Christus erfüllt das Gesetz (5,17-20) zu Gott treibt, um bei ihm gnädige Ver-
5,17.18 Die meisten revolutionären Füh- gebung zu suchen. Es wurde dem Volk
rer kappen alle Verbindungen zur Ver- Israel gegeben, auch wenn es moralische
gangenheit und lehnen die traditionelle Prinzipien enthält, die für alle Zeitalter
existierende Ordnung ab. Nicht so der gelten (Röm 2,14.15). Gott erprobte Israel
Herr Jesus. Er hielt das Gesetz des Mose unter dem Gesetz als ein Teil des Men-
hoch und bestand darauf, daß es erfüllt schengeschlechtes, und Israels Schuld-
werden müsse. Jesus ist nicht gekommen, haftigkeit bewies die Schuldhaftigkeit
um das Gesetz oder die Propheten aufzu- der ganzen Welt (Röm 3,19).
heben, sondern um sie zu erfüllen. Er Das Gebot beinhaltete die Todesstrafe
bestand darauf, daß kein Jota oder (Gal 3,10). Wer ein Gesetz brach, war des
Strichlein vom Gesetz vergehen würden, ganzen Gesetzes schuldig (Jak 2,10). Weil
ehe sie nicht vollständig erfüllt wären. die Menschen das Gesetz gebrochen hat-
Das Jota, oder hebr. jod, ist der kleinste ten, standen sie unter dem Fluch des
Buchstabe im hebräischen Alphabet, das Todes. Gottes Gerechtigkeit und Heilig-
Strichlein ist ein kleines Zeichen, das keit erforderten es, daß die Strafe bezahlt
dazu dient, zwei Buchstaben von einan- würde. Genau aus diesem Grund kam

40
Matthäus 5

Jesus in diese Welt: um mit seinem Tod Gottes (2. Tim 3,16b). Das Gebot, das im
die Strafe zu bezahlen. Er starb stellver- NT nicht wiederholt wird, ist das Sabbat-
tretend für die schuldigen Gesetzesbre- gebot: Christen werden niemals aufgefor-
cher, obwohl er selbst sündlos war. Er dert den Sabbat zu halten (d. h. den sieb-
schob das Gesetz nicht einfach zur Seite, ten Tag der Woche, den Samstag).
sondern er erfüllte seine gerechten Der Dienst des Gesetzes an un-
Ansprüche durch sein Leben und seinem geretteten Menschen ist nicht beendet:
Tod. Deshalb wird das Gesetz durch das »Wir wissen aber, daß das Gesetz gut ist,
Evangelium nicht einfach umgestoßen, wenn jemand es gesetzmäßig gebraucht«
sondern das Evangelium hält das Gesetz (1. Tim 1,8). Sein gesetzmäßiger Ge-
aufrecht und zeigt, wie die Ansprüche brauch ist, Sündenerkenntnis zu bringen
des Gesetzes durch das Errettungswerk und so zur Buße zu führen. Aber das
Jesu vollkommen erfüllt worden sind. Gesetz gilt nicht denen, die schon geret-
Deshalb steht derjenige, der auf Jesus tet sind: »Für einen Gerechten ist das
vertraut, nicht länger unter dem Gesetz, Gesetz nicht bestimmt« (1. Tim 1,9).
sondern unter der Gnade (Röm 6,14). Er Die Gerechtigkeit, die durch das
ist für das Gesetz durch das Werk Christi Gesetz gefordert ist, ist in denen erfüllt,
tot. Die Strafe des Gesetzes muß nur ein »die wir nicht nach dem Fleisch, sondern
einziges Mal bezahlt werden, und da nach dem Geist wandeln« (Röm 8,4). Die
Christus sie bezahlt hat, braucht der Lehren unseres Herrn in der Bergpredigt
Gläubige sie nicht noch einmal zu bezah- setzen sogar einen höheren Standard als
len. In diesem Sinne hat das Gesetz für den des Gesetzes an. Zum Beispiel sagte
den Gläubigen seine Gültigkeit verloren das Gesetz: »Du sollst nicht töten«; Jesus
(2. Kor 3,7-11). Das Gesetz war ein Zucht- sagte jedoch: »Du sollst noch nicht ein-
meister, bis Christus kam, aber nach der mal hassen.« So hält die Bergpredigt
Errettung ist dieser Zuchtmeister nicht nicht nur das Gesetz und die Propheten
länger nötig (Gal 3,24.25). aufrecht, sondern führt sie näher aus und
Obwohl jedoch der Christ nicht unter entwickelt ihre tieferen Absichten.
dem Gesetz steht, heißt das nicht, daß er
jetzt gesetzlos wäre. Er ist nun mit einer 5,19 Wir kommen nun zur Bergpre-
stärkeren Kette als das Gesetz gebunden, digt zurück und bemerken, daß Jesus
weil er unter dem Gesetz Christi steht voraussah, daß es eine natürliche Ten-
(1. Kor 9,21). Sein Verhalten wird verän- denz des Menschen gibt, Gottes Gebote
dert, und zwar nicht aus Furcht vor Stra- zu umgehen oder zu entschärfen. Weil
fe, sondern durch ein liebendes Verlan- sie von solch übernatürlicher Art sind,
gen, seinem Retter zu gefallen. Christus versuchen die Menschen, sie wegzuer-
ist seine Lebensregel geworden (Joh 13,15; klären, und ihre Bedeutung rational zu
15,12; Eph 5,1.2; 1. Joh 2,6;3,16). erklären. Aber wer eins dieser geringsten
Eine allgemein diskutierte Frage im Gebote auflöst und andere Menschen
Zusammenhang mit der Bedeutung des lehrt, dasselbe zu tun, wird der Geringste
Gesetzes für den Gläubigen ist: »Soll ich heißen im Reich der Himmel. Es ist ein
mich nach den Zehn Geboten richten?« Wunder, daß solche Menschen über-
Die Antwort ist, daß bestimmte Prinzipi- haupt Einlaß in das Reich der Himmel
en, die im Gesetz enthalten sind, für finden – aber zum Eintritt in das Reich
immer von Bedeutung bleiben. Es ist Gottes reicht der Glaube an Christus. Die
immer falsch zu stehlen, zu morden oder Stellung eines Menschen im Reich wird
zu begehren. Neun der Zehn Gebote von seinem Gehorsam und seiner Treue
werden im NT wiederholt, allerdings mit hier auf Erden bestimmt. Wer dem
einem wichtigen Unterschied: Sie sind Gesetz des Reiches gehorcht, der wird
nicht als Gesetz gegeben (damit wäre groß heißen im Reich der Himmel.
eine Strafe verbunden), sondern als eine 5,20 Um Eingang in das Reich der
Übung in der Gerechtigkeit für das Volk Himmel zu finden, muß unsere Ge-

41
Matthäus 5

rechtigkeit die der Schriftgelehrten und Eine noch ernstzunehmendere Sünde


Pharisäer überragen (welche mit religiö- ist, den Bruder zu beleidigen. In der Zeit
sen Zeremonien zufrieden waren, die Jesu benutzten die Menschen das Wort
ihnen eine äußerliche, rituelle Reinheit »Raka« (ein aramäischer Ausdruck, der
verschafften, die jedoch ihre Herzen »der Hohle« bedeutet), um andere Men-
nicht ändern konnten). Jesus verwendet schen verächtlich zu machen und zu be-
hier das Stilmittel der Übertreibung, um schimpfen. Wer dieses Wort benutzte,
darzustellen, daß äußerliche Gerechtig- sollte dem Hohen Rat verfallen sein, d. h.
keit ohne innere Realität den Eintritt in er mußte sich vor dem Sanhedrin verant-
das Reich der Himmel nicht gewähr- worten, dem höchsten Gerichtshof des
leistet. Die einzige Gerechtigkeit, die Landes.
Gott akzeptiert, ist die, welche er denen Die dritte Form des Zorns, die Jesus
anrechnet, die seinen Sohn als Retter verurteilt, ist, jemanden mit »Narr« zu
annehmen (2. Kor 5,21). Natürlich wird bezeichnen. Hier bedeutet das Wort
da, wo echter Glaube an Christus vor- »Narr« mehr als nur Spaßmacher. Es
handen ist, auch praktische Gerech- bezeichnet den – im moralischen Sinn –
tigkeit mit einhergehen, die Jesus nun im Narren, dem man das Recht zu leben
Rest dieser Predigt beschreibt. abspricht, und drückt damit aus, daß
man ihm den Tod wünscht. Heute hören
D. Jesus warnt vor Ärger (5,21-26) wir oft, wie andere Menschen mit den
5,21 Die Juden zur Zeit Jesu wußten, daß Worten »Gott verdamme dich« ver-
Mord von Gott verboten worden war wünscht werden. Jesus sagt, daß der,
und daß der Mörder seine Strafe emp- der einen solchen Fluch ausspricht, in
fangen sollte. Das galt schon vor dem der Gefahr steht, der Hölle des Feuers
Gesetz (1. Mose 9,6) und wurde später zu verfallen. Die Leichname von Hin-
ins Gesetz aufgenommen (2. Mose 20,13; gerichteten wurden oft auf einem bren-
5. Mose 5,17). Mit den Worten »Ich aber nenden Abfallhaufen vor Jerusalem
sage euch« leitet Jesus einen Zusatz zu geworfen, der als »Tal Hinnom« oder
diesem Gesetz ein. Man kann nun nicht »Gehenna« bekannt war. Das war ein
länger damit prahlen, daß man noch kei- Hinweis auf die Flammen der Hölle,
nen Menschen umgebracht habe. Jesus die niemals ausgelöscht werden kön-
sagt nun: »In meinem Königreich darfst nen.
du noch nicht einmal mörderische Ge- Man kann die Schärfe dieser Worte
danken hegen.« Er verfolgt damit den gar nicht mißverstehen. Er lehrt, daß
Mord bis an seine Quelle und warnt Zorn der Ursprung des Mordes ist, daß
dabei vor drei Formen des ungerechten Beschimpfungen ebenfalls in diese Rich-
Zorns. tung laufen und daß Verfluchungen dem
5,22 Der erste Fall, den Jesus hier Wunsch nach Mord gleichkommen. Die
anspricht, ist der eines Menschen, der sich steigernde Reihenfolge der Ver-
5)
über seinen Bruder grundlos zornig ist. gehen zieht eine Steigerung der Strafe
Jemand, der dieses Verbrechens ange- nach sich: Gericht, Hoher Rat und hölli-
klagt werden könnte, läuft also Gefahr, sches Feuer. In seinem Reich wird Jesus
dem Gericht zu verfallen, das heißt, er jede Sünde nach ihrer Schwere bestrafen.
könnte zur Verantwortung gezogen wer- 5,23.24 Wenn ein Mensch einen ande-
den. Die meisten Menschen meinen, sie ren verletzt, ob durch Zorn oder einen
könnten eigentlich immer einen Grund anderen Grund, dann hat es für ihn kei-
für ihren Zorn angeben, aber Zorn ist nur nen Zweck, ein Opfer darzubringen. Der
dann gerechtfertigt, wenn es um die Ehre Herr wird sich nicht daran freuen. Der-
Gottes geht oder wenn einem anderen jenige, der den anderen verletzt hat, soll-
Unrecht geschieht. Zorn ist immer dann te zuerst hingehen, und sein Unrecht in
falsch, wenn es um die Vergeltung per- Ordnung bringen. Nur dann wird sein
sönlicher Fehler geht. Opfer angenommen werden.

42
Matthäus 5

Auch wenn diese Worte für ein jü- dieses Verses getroffen, als er schrieb:
disches Umfeld geschrieben worden »Ob du an Ehebruch denkst, oder ihn
sind, heißt das nicht, daß sie heute nicht ausführst, du wirst deinen Trieb dadurch
mehr anwendbar seien. Paulus bezieht nicht beruhigen, denn du versuchst, mit
diesen Befehl auf das Mahl des Herrn Öl Flammen zu löschen.« Die Sünde be-
(s. 1. Kor 11). Gott nimmt von einem ginnt in unseren Gedanken, und wenn
Gläubigen keine Anbetung an, wenn die- wir sie nähren, dann wird der Gedanke
ser mit einem anderen Gläubigen nicht schließlich zur Tat.
mehr reden kann. 5,29.30 Die Aufrechterhaltung eines
5,25.26 Jesus warnt hier vor Prozeß- reinen Gedankenlebens fordert eiserne
sucht und vor dem Zögern, eigene Selbstdisziplin. Deshalb lehrte Jesus,
Schuld zuzugeben. Es ist besser, sich daß, sobald eines unserer Glieder uns zur
sofort mit einem Ankläger zu einigen, als Sünde verführt, es besser wäre, dieses
das Risiko einer Gerichtsverhandlung Glied in diesem Leben als die Seele für
einzugehen. Wenn das passiert, wird die Ewigkeit zu verlieren. Sollen wir Jesu
man sicherlich verlieren. Es gibt zwar Worte wirklich wörtlich nehmen? Hat er
einige Uneinigkeit unter den Gelehrten, wirklich Selbstverstümmelung gelehrt?
auf welche Personen sich dieses Gleich- Die Worte sind bis zu diesem Punkt
nis bezieht, doch ist die Absicht eindeu- wörtlich zu nehmen: Wenn es nötig wäre,
tig: Wenn man im Unrecht ist, sollte man eher ein Glied als die Seele zu verlieren,
es schnell zugeben und versuchen, die dann sollten wir uns froh von diesem
Sache wieder in Ordnung zu bringen. Glied trennen. Glücklicherweise ist das nie-
Wenn man hier keine Reue zeigt, dann mals nötig, denn der Heilige Geist
wird einen die eigene Sünde schließlich befähigt den Gläubigen, ein heiligen
einholen, so daß man nicht nur alles wie- Leben zu führen. Dennoch ist es für den
dergutmachen, sondern eventuell auch Gläubigen nötig, mit dem Geist auf die-
noch eine Strafe hinnehmen muß. Und sem Gebiet zusammenzuarbeiten und
man sollte nie zu eilig mit Prozessieren sich einer strengen Selbstdisziplin zu
sein. Wenn wir das tun, dann wird das unterwerfen.
Gesetz uns ertappen und man wird bis
zum letzten Pfennig zu bezahlen haben. F. Jesus tadelt Ehescheidung (5,31-32)
5,31 Unter dem alttestamentlichen Ge-
E. Jesus verurteilt Ehebruch (5,27-30) setz war Scheidung nach 5. Mose 24,1-4
5,27.28 Das mosaische Gesetz verbietet gestattet. Dieser Abschnitt beschäftigt
eindeutig den Ehebruch (2. Mose 20,14; sich nicht mit dem Fall einer ehebreche-
5. Mose 5,18). Vielleicht könnte einer rischen Frau (die Strafe für Ehebruch war
voller Stolz darauf hinweisen, daß er der Tod, s. 5. Mose 22,22). Es beschäftigt
dieses Gebot noch nie gebrochen hat, sich statt dessen mit der Scheidung
doch trotzdem mag er »Augen voll wegen gegenseitiger Abneigung oder
Begier nach einer Ehebrecherin« haben weil man nicht »zusammenpaßt«.
(2. Petr 2,14). Während nach außen hin 5,32 Im Reich Christi gilt jedoch,
alles stimmt, kann es sein, daß seine »Wer seine Frau entlassen wird, außer
Gedanken ständig um Unreines kreisen. aufgrund von Hurerei, macht, daß sie
Damit erinnerte Jesus seine Jünger dar- Ehebruch begeht«. Das bedeutet nicht,
an, daß es nicht reicht, sich äußerlich daß sie durch die Scheidung automatisch
einer Tat zu enthalten – die Reinheit muß zur Ehebrecherin wird, doch wird hier
auch innerlich sein. Das Gesetz verbot von der Annahme ausgegangen, daß sie,
den Ehebruch, Jesus dagegen verbietet da sie keine Mittel zu ihrem Unterhalt
das Verlangen: »Jeder, der eine Frau hat, gezwungen ist, mit einem anderen
ansieht, sie zu begehren, hat schon Ehe- Mann zusammenzuleben. Indem sie das
bruch mit ihr begangen in seinem Her- tut, wird sie zur Ehebrecherin. Und nicht
zen.« E. Stanley Jones hat die Bedeutung nur die ehemalige Ehefrau begeht Ehe-

43
Matthäus 5

bruch, auch »wer eine Entlassene hei- tet« ist, d. h., er oder sie ist frei, eine
ratet, begeht Ehebruch«. Scheidung zu erlangen. Die Meinung des
Das Thema Scheidung und Wieder- Autors dieses Kommentars ist, daß hier
heirat ist eines der kompliziertesten in der gleiche Fall wie in Matthäus 5 und 19
der Bibel. Es ist beinahe unmöglich, alle gemeint ist, daß nämlich der Ungläubige
Fragen zu beantworten, die damit im weggeht, um mit jemandem anderen
Zusammenhang stehen, aber es mag hilf- zusammenzuleben. Deshalb kann dem
reich sein, zu sichten und zusammenzu- Gläubigen eine Scheidung nur dann ge-
fassen, was die Bibel unserer Meinung währt werden, wenn der andere Partner
nach zu dem Thema lehrt. Ehebruch begeht.
Es wird oft behauptet, daß Scheidung
im NT zwar erlaubt sei, aber die Wieder-
Exkurs über Scheidung und heirat nicht erwähnt wird. Dennoch geht
Wiederheirat das Argument an der Fragestellung vor-
Scheidung lag nie in der Absicht Gottes bei. Wiederheirat des unschuldigen Teiles
mit dem Menschen. Sein Ideal ist, daß ein wird im NT nicht verurteilt – nur für den,
Mann und eine Frau verheiratet bleiben, der den Anlaß zur Scheidung gegeben
bis ihre Gemeinschaft durch den Tod aus- hat. Außerdem ist einer der Hauptgrün-
einandergerissen wird (Röm 7,2.3). Jesus de für schriftgemäße Scheidung die Mög-
machte den Pharisäern das deutlich, in- lichkeit zur Wiederheirat, sonst würde ja
dem er auf die göttliche Schöpfungs- eine einfache Trennung ausreichen.
ordnung hinwies (Matth 19, 4-6). In jeder Diskussion dieses Themas
Gott haßt Scheidung (Mal 2,16), d. h. kommt unausweichlich die Frage auf:
nicht schriftgemäße Scheidung. Er haßt »Was ist mit den Menschen, die sich
nicht jegliche Form der Scheidung, weil scheiden ließen, ehe sie gläubig wur-
er selbst von sich sagt, daß er sich von den?« Es sollte keine Frage sein, daß
Israel geschieden habe (Jer 3,8). Das ge- ungesetzliche Scheidungen und Wieder-
schah, weil das Volk ihn vergaß und Göt- verheiratungen vor der Bekehrung Sün-
zendienst trieb. Israel war untreu gewor- den sind, die vollständig vergeben wor-
den. den sind (z. B. 1. Kor 6,11, wo Paulus den
In Matthäus 5,31.32 und 19,9 lehrte Ehebruch unter den Sünden nennt, die
Jesus, daß Scheidung verboten ist, außer die Korinther in ihrem früheren Leben
in dem Fall, daß ein Partner sich des Ehe- begangen haben). Sünden vor der Bekeh-
bruchs schuldig gemacht hat. In Markus rung sollten den Gläubigen nicht von
10,11.12 und Lukas 16,18 ist der Nachsatz einer vollen Teilnahme am Gemeinde-
mit dieser Ausnahme ausgelassen wor- leben ausschließen.
den. Eine schwierigere Frage betrifft
Der Widerspruch läßt sich vielleicht Christen, die sich aus unschriftgemäßen
am besten dadurch erklären, daß weder Gründen scheiden lassen und dann wie-
Markus noch Lukas den Ausspruch voll- der heiraten. Können sie wieder in die
ständig wiedergeben. Deshalb, auch Gemeinschaft der Gemeinde aufgenom-
wenn die Scheidung nie das Ideal sein men werden? Die Antwort basiert dar-
darf, ist sie in dem Fall erlaubt, wenn ein auf, ob Ehebruch oder ein anhaltender
Partner untreu geworden ist. Jesus er- Zustand der ursprüngliche Anlaß zu
laubt Trennung in einem solchen Falle, der neuen Verbindung ist. Wenn dieses
aber er gebietet sie nicht. Paar im Ehebruch lebt, dann müßten sie
Einige Gelehrte sehen 1. Korinther nicht nur ihre Sünde bekennen, sondern
7,12-16 als eine Lehre, die die Scheidung auch ihren gegenwärtigen Partner ver-
erlaubt, wenn ein Gläubiger von einem lassen. Aber Gottes Lösung für ein Pro-
ungläubigen Ehepartner verlassen wird. blem ist nie ein solches, das schwierige-
Paulus sagt, daß der übriggebliebene re Probleme als vorher aufwirft. Wenn,
Partner in diesem Falle »nicht geknech- um einen ehelichen Konflikt zu entwir-

44
Matthäus 5

ren, Menschen in Sünde getrieben wer- 5,37 Für den Christen ist ein Schwur
den, oder Frau und Kinder ohne Geld unnötig. Sein ja soll ja bedeuten, ebenso
und Obdach zurückgelassen würden, wie sein nein auch nein bedeuten soll.
dann wäre die Heilung schlimmer als Wer eine andere Sprache wählt, gibt zu,
die Krankheit. daß jemand anderer – der Böse – ihn
Nach der Meinung des Autors kön- regiert. Es gibt keinerlei Umstände, in
nen Christen, die sich unschriftgemäß denen ein Christ lügen dürfte.
haben scheiden lassen und dann wieder Dieser Abschnitt verbietet jede Täu-
geheiratet haben, echte Buße von ihrer schung oder »Schönung« der Wahrheit.
Sünde tun und wieder in die Gemein- Jedoch wird hier nicht der Eid vor
schaft des Herrn und der Gemeinde auf- Gericht verboten. Jesus selbst sagte vor
genommen werden. In Scheidungsfra- dem Hohenpriester unter Eid aus:
gen liegt fast jeder Fall anders. Deshalb (Matth 26,63ff). Auch Paulus verwendete
müssen die Ältesten einer Gemeinde einen Eid, um Gott als Zeugen an-
jeden Fall einzeln untersuchen und ihn zurufen, daß er die Wahrheit schrieb
gemäß dem Wort Gottes beurteilen. (2. Kor 1,23; Gal 1,20).
Wenn einmal Gemeindezucht geübt wer-
den muß, dann sollten sich alle Beteilig- H. Die zweite Meile gehen (5,38-42)
ten der Entscheidung der Ältesten unter- 5,38 Das Gesetz sagte: »Auge um Auge,
ordnen. Zahn um Zahn« (2. Mose 21,24; 3. Mose
24,20; 5. Mose 19,21). Das war gleichzei-
tig das Gebot zur Strafe und eine Begren-
G. Jesus verurteilt das Schwören zung der Strafe – die Strafe durfte nie das
(5,33-37) Verbrechen übersteigen. Dennoch liegt
5,33-36 Das mosaische Gesetz enthielt nach dem Alten Testament die Aufgabe
mehrere Verbote, beim Namen Gottes der Bestrafung bei der Regierung und
nicht falsch zu schwören (3. Mose 19,12; nicht beim Einzelnen.
4. Mose 30,2; 5. Mose 23,21). Beim Na- 5,39-41 Jesus ging hier über das
men Gottes zu schwören hieß, daß man Gesetz hinaus und zu einer höheren
Gott zum Zeugen aufrief, daß man die Gerechtigkeit, indem er die Vergeltung
Wahrheit sagte. Die Juden versuchten die an sich abschaffte. Er zeigte seinen Jün-
Ungehörigkeit zu umgehen, falsch beim ger, daß Rache zwar einst vom Gesetz
Namen Gottes zu schwören, indem sie erlaubt war, aber jetzt das Erdulden
den Schwur beim Namen Gottes durch durch die Gnade möglich geworden war.
den Schwur beim Himmel, bei der Erde, Jesus lehrte seine Nachfolger, einem
bei Jerusalem oder ihrem Kopf ersetzten. Bösen keinen Widerstand zu leisten.
Jesus verdammt solche Umgehung Wenn jemand sie auf die Wange schlug,
des Gesetzes als pure Heuchelei und ver- dann sollten sie ihm auch die andere dar-
bietet jede Form von Schwören oder Eid bieten. Wenn jemand das Unterkleid ver-
in der normalen Unterhaltung. Es war langen sollte, dann sollte man ihm auch
nicht nur heuchlerisch, sondern auch den Mantel lassen (er wurde auch als
völlig nutzlos, das Schwören beim Zudecke für die Nacht verwendet).
Namen Gottes nur durch ein anderes Wenn eine Person sie zwingen würde, ihr
Hauptwort statt des Gottesnamens zu Gepäck eine Meile weit zu tragen, sollten
ersetzen. Wer beim Himmel schwört, die Jünger es freiwillig zwei Meilen tra-
schwört bei Gottes Thron. Wenn man bei gen.
der Erde schwört, so schwört man beim 5,42 Das letzte Gebot Jesu in diesem
Schemel seiner Füße. Wer bei Jerusalem Abschnitt scheint uns heute das welt-
schwört, schwört bei der königlichen fremdeste zu sein. »Gib dem, der dich
Hauptstadt. Sogar ein Schwur beim ei- bittet, und weise den nicht ab, der von
genen Kopf beinhaltet Gott, den Er ist dir borgen will.« Unser Hang nach Besitz
der Schöpfer. und Eigentum läßt uns vor dem Gedan-

45
Matthäus 5 und 6

ken grauen, wegzugeben, was wir uns nichts mit natürlicher Sympathie zu tun,
erarbeitet haben. Dennoch, wenn wir weil es nicht natürlich ist, diejenigen zu
gewillt wären, uns nur auf die Schätze im lieben, die uns hassen und übles tun. Es
Himmel zu konzentrieren und nur mit handelt sich um eine übernatürliche Gna-
dem Notwendigen an Essen und Klei- de und kann nur bei denen verwirklicht
dung zufrieden wären, dann könnten werden, die göttliches Leben haben.
wir diese Worte viel williger wörtlich Es gibt keinen Lohn dafür, wenn wir
nehmen. Die Aussage Jesu hat die Vor- die lieben, die uns lieben. Jesus sagt, daß
6)
aussetzung, daß derjenige, der bittet, das sogar unbekehrte Zöllner täten. Für
wirklich in Not ist. Da es jedoch unmög- diese Liebe ist keine göttliche Macht
lich ist, in jedem Fall zu wissen, ob die nötig. Auch ist es keine Tugend, nur
7)
Not wirklich besteht, ist es besser, wie unsere Brüder zu grüßen, d. h. unsere
jemand einmal sagte, »einer Menge be- Verwandten und Freunde. Auch die
trügerischer Bettler zu helfen, als es zu Ungeretteten können das, deshalb ist es
riskieren, jemandem, der wirklich in Not nichts spezifisch Christliches. Wenn
ist, den Rücken zu kehren«. unsere Maßstäbe nicht höher als die der
Menschlich gesprochen ist ein Verhal- Welt sind, dann werden wir auf sie nie
ten, wie es der Herr hier verlangt, un- Einfluß haben können.
möglich. Nur wenn ein Mensch vom Jesus sagte, daß seine Nachfolger
Heiligen Geist geleitet wird, kann er ein Böses mit Gutem vergelten sollten, damit
aufopferungsvolles Leben führen. Nur sie Söhne ihres Vaters in den Himmeln
wenn der Erretter sein Leben im Gläubi- sind. Er sagte damit nicht, daß das der
gen ausleben darf, kann er Beleidigung Weg sei, Söhne Gottes zu werden, son-
(V. 39), Ungerechtigkeit (V. 40) und Un- dern zu zeigen, daß wir Gottes Kinder
bequemlichkeit (V. 41) mit Liebe beant- sind. Da Gott weder den Guten noch den
worten. Das ist »das Evangelium der Bösen vorzieht (d. h., daß beide von Son-
zweiten Meile«. ne und Regen Nutzen haben), so sollten
wir mit allen freundlich und fair um-
I. Liebt eure Feinde (5,43-48) gehen.
5,43 Das letzte Beispiel unseres Herrn für 5,48 Jesus beschließt diesen Abschnitt
die höhere Gerechtigkeit, die sein Reich mit der Ermahnung: »Ihr nun sollt voll-
verlangt, betrifft den Umgang mit den kommen sein, wie euer himmlischer
Feinden, ein Thema, das sich auf natür- Vater vollkommen ist.« Das Wort »voll-
liche Weise aus dem vorangegangenen kommen« ist hier nur im Zusammen-
Abschnitt ergibt. Das Gesetz lehrte die hang zu verstehen. Es bedeutet nicht
Israeliten, den Nächsten zu lieben sünd- oder fehlerlos. Die vorhergehen-
(3. Mose 19,18). Obwohl nie ausdrück- den Verse erklären, daß Vollkommenheit
lich gesagt wird, daß sie ihre Feinde has- bedeutet, die zu lieben, die uns hassen,
sen sollen, fand sich dieser Geist doch oft für die zu beten, die uns verfolgen, und
in ihrer Unterweisung. Diese Haltung sowohl Freunden wie Feinden gegen-
war eine Zusammenfassung der Aus- über freundlich zu sein. Vollkommenheit
sicht des AT darauf, daß die Verfolger ist hier die geistliche Reife, die einen
des Volkes Gottes gerichtet werden soll- Christen befähigt, Gott nachzuahmen,
ten (s. Ps 139,21.22). Das war eine ge- der jedem seinen Segen ohne Unter-
rechte Feindschaft gegen die, die erklärte schied zukommen läßt.
Feinde Gottes waren.
5,44-47 Aber nun verkündet Jesus, J. Aufrichtiges Geben (6,1-4)
daß wir unsere Feinde lieben und für die 6,1 In der ersten Hälfte dieses Kapitels
beten sollen, die uns verfolgen. Die Tat- beschäftigt Jesus sich mit drei besonde-
sache, daß Liebe hier befohlen wird, zeigt ren Gebieten der praktischen Gerechtig-
uns, daß es hier um den Willen und nicht keit im Leben eines Menschen: Wohl-
in erster Linie um ein Gefühl geht. Es hat tätigkeit (V. 1-4), Gebet (V. 5-15) und

46
Matthäus 6

Fasten (V. 16-18). Der Name »Vater« wird sich nicht mit Absicht auf öffentliche
in diesen 18 Versen zehnmal verwendet Plätze stellen, so daß andere sie beten
und ist das Schlüsselwort dieses Ab- sehen und von ihrer Frömmigkeit beein-
schnittes. Praktische Werke der Gerech- druckt sind. Wenn die Ruhmsucht das
tigkeit sollten getan werden, um Gottes einzige Motiv des Gebets ist, dann, so
Wohlgefallen zu erlangen, nicht, um von erklärt Jesus, wird der Ruhm die einzige
Menschen geehrt zu werden. Belohnung sein.
Jesus beginnt diesen Teil seiner Pre- 6,6 In den Versen 5 und 7 steht im
digt mit einer Warnung vor der Ver- Griechischen das Personalpronomen in
suchung, unsere Frömmigkeit durch der Mehrzahl (ihr). Aber in Vers 6 steht es
Almosengeben (Anmerkung Elberfelder in der Einzahl, um den privaten Charak-
Bibel) nicht zur Schau zu stellen, indem ter des Umganges mit Gott zu betonen.
wir darauf achten, daß sie von anderen Der Schlüssel zu erhörten Gebeten ist, im
gesehen werden. Hier wird nicht die Tat Verborgenen zu beten (d. h. »geh in deine
an sich verurteilt, sondern die Haltung, Kammer, und nachdem du deine Tür ver-
die dahintersteht. Wenn öffentliche Aner- schlossen hast«). Wenn unser wahres Mo-
kennung die Motivation ist, dann bleibt tiv ist, mit unseren Bitten Gott zu errei-
diese Anerkennung auch der einzige chen, dann will er hören und antworten.
Lohn, denn Gott belohnt Heuchelei nicht. Wir lesen zu viel in diese Stelle hin-
6,2 Es scheint fast unglaublich zu ein, wenn wir sie gebrauchen, um öffent-
sein, daß es Heuchler gab, die lautstark liches Gebet zu verbieten. Die erste
die Aufmerksamkeit auf sich zogen, Gemeinde kam zum gemeinsamen Gebet
wenn sie in der Synagoge ein Opfer oder zusammen (Apg 2,42; 12,12; 13,3; 14,23;
auf der Straße einem Bettler ein Almosen 20,36). Es geht nicht darum, wo wir beten,
gaben. Der Herr lehnt ihr Verhalten mit sondern warum wir beten – um von Men-
dem knappen Kommentar ab: »Sie haben schen gesehen oder von Gott gehört zu
ihren Lohn dahin« (d. h. ihre einziger werden.
Lohn ist der Ruf, den sie sich damit auf 6,7 Gebet sollte nicht aus vergeb-
Erden erwerben). lichen Wiederholungen bestehen, d. h.
6,3.4 Wenn ein Nachfolger Christi ein vorformulierten Sätzen oder leeren Phra-
Almosen gibt, dann sollte das im Verbor- sen. Ungerettete Menschen beten so, aber
genen geschehen. Es sollte so geheim Gott läßt sich nicht dadurch beein-
geschehen, daß Jesus seinen Jüngern sag- drucken, daß wir viel reden. Er möchte
te: »Wenn du aber Almosen gibst, so soll ein von Herzen kommendes Gebet
deine Linke nicht wissen, was deine hören.
Rechte tut.« Jesus benutzt diesen bild- 6,8 Weil unser Vater weiß, was wir
lichen Ausdruck, um zu zeigen, daß benötigen, und das sogar schon, ehe wir
unsere Almosen für den Vater bestimmt ihn bitten, ist es vernünftig zu fragen:
sind, und nicht dazu dienen sollen, den »Warum sollen wir denn dann über-
Geber groß herauszustellen. haupt beten?« Der Grund ist, daß wir im
Dieser Abschnitt sollte nicht dazu Gebet unsere Bedürftigkeit und Abhän-
mißbraucht werden, jede Gabe zu ver- gigkeit von Ihm anerkennen. Gebet ist
hindern, wenn es möglich ist, daß andere die Grundlage des Gespräches mit Gott.
sie sehen, weil es fast unmöglich ist, alle Auch tut Gott gewisse Dinge als Antwort
unsere Gaben anonym zu geben. Es han- auf Gebet, die er andernfalls nicht getan
delt sich hier nur darum, daß verurteilt hätte (Jak 4,2d).
wird, mit Almosengeben eigene Ehre zu
erlangen. L. Jesus gibt uns ein Vorbild für unser
Gebet (6,9-15)
K. Aufrichtiges Beten (6,5-8) 6,9 In den Versen 9-13 haben wir das so-
6,5 Als nächstes warnt Jesus seine Jünger genannte »Gebet des Herrn«. Wenn wir
vor Heuchelei beim Beten. Sie sollten diesen Titel dafür gebrauchen, sollten

47
Matthäus 6

wir im Gedächtnis behalten, daß er selbst vergeben.« Dieser Satz bezieht sich nicht
es nie gesprochen hat. Er gab es seinen auf die Vergebung von Schuld, die wir
Jüngern als ein Vorbild, nach dem sie ihre durch Übertretung des Gesetzes auf uns
Gebete gestalten konnten. Es ist nicht geladen haben (diese Vergebung wird
eine Vorschrift, genau diese Worte zu ge- uns durch den Glauben an den Sohn Got-
brauchen. Vers 7 scheint dieses auszu- tes gewährt), sondern bezieht sich auf
schließen, weil viele Worte leere Phrasen die väterliche Vergebung, die notwendig
werden, wenn man sie auswendig daher- ist, damit die Beziehung mit unserem
sagt. Vater aufrechterhalten wird. Wenn die
»Unser Vater, der du bist in den Him- Gläubigen nicht willens sind, denen zu
meln.« Gebete sollten an Gott den Vater vergeben, die ihnen Unrecht tun, wie
gerichtet sein, indem man seine souve- können sie dann erwarten, mit ihren
räne Herrschaft über das Universum Vater Gemeinschaft zu haben, der ihnen
anerkennt. großzügig ihre eigenen Sünden vergeben
»Geheiligt werde dein Name.« Wir hat?
sollten unsere Gebete mit Anbetung 6,13 »Und führe uns nicht in Versu-
beginnen, indem wir dem Ehre und Lob chung.« Diese Bitte scheint Jakobus 1,13
geben, der es so sehr verdient hat. zu widersprechen, in der es heißt, daß
6,10 »Dein Reich komme.« Nachdem Gott niemanden versucht. Dennoch
wir angebetet haben, sollten wir für den erlaubt es Gott, daß sein Volk erprobt
Fortgang der Sache Gottes beten und so wird. Diese Bitte drückt ein gesundes
seine Anliegen an die erste Stelle setzen. Mißtrauen gegenüber der eigenen Fähig-
Insbesondere sollten wir für den Tag keit aus, den Versuchungen zu wider-
beten, an dem unser Retter-Gott, der stehen oder in der Anfechtung standfest
Herr Jesus Christus, sein Reich auf Erden zu bleiben. Sie drückt die Anerkennung
aufrichten und in Gerechtigkeit regieren der völligen Abhängigkeit vom Herrn in
wird. bezug auf Bewahrung aus.
»Dein Wille geschehe.« Durch diese »Sondern errette uns von dem
Bitte erkennen wir an, daß Gott weiß, Bösen.« Das ist das Gebet aller, die sich
was am besten ist, und unterstellen un- danach sehnen, durch die Kraft Gottes
seren Willen dem seinen. Sie drückt auch von der Sünde abgehalten zu werden. Es
unsere Sehnsucht aus, daß sein Wille in ist der Schrei des Herzens nach täglicher
der ganzen Welt beachtet wird. Heiligung von der Macht der Sünde und
»Wie im Himmel so auch auf Erden.« Satans im persönlichen Leben.
Dieser Teil bezieht sich auf alle drei vor- »Denn dein ist das Reich und die
hergegangenen Bitten. Die Anbetung Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Gottes, seine souveräne Herrschaft und Amen.« Der letzte Satz dieses Gebetes
die Ausführung seines Willens sind im wird in der römisch-katholischen und in
Himmel schon verwirklicht. Dies ist das den meisten evangelischen Bibelüberset-
Gebet darum, daß diese Bedingungen in zungen weggelassen, weil er in vielen
derselben Weise nun auch für die Erde alten Manuskripten fehlt. Dennoch ist
gelten sollen. ein solcher Lobpreis der vollkommene
6,11 »Unser tägliches Brot gib uns Schluß für das Gebet und ist auch im Tex-
8)
heute.« Nachdem wir Gottes Anliegen tus Receptus enthalten. Er sollte, wie
an die erste Stelle gesetzt haben, dürfen Johannes Calvin schreibt, »nicht nur
wir nun auch unsere eigenen Nöte vor unser Herzen wärmen, damit sie in die
ihn bringen. Mit dieser Bitte erkennen Herrlichkeit Gottes geformt werden,
wir unser Abhängigkeit von Gott an, daß sondern uns auch sagen, daß all unsere
er uns unser tägliches Brot gibt, sei es Gebete keine andere Grundlage als Gott
geistlich oder materiell. allein haben«.
6,12 »Und vergib uns unsere Schul- 6,14.15 Diese Verse sind eine erklä-
den, wie auch wir unseren Schuldnern rende Anmerkung zu Vers 12. Sie gehö-

48
Matthäus 6

ren nicht zu dem Gebet, aber sind hier helfen, indem es Lustlosigkeit und
angefügt, um zu betonen, daß die väter- Schläfrigkeit nimmt. Es ist in Krisenzei-
liche Vergebung wie in Vers 12 unbedingt ten sehr wertvoll, wenn man den Willen
notwendig ist. Gottes zu erfahren sucht. Und es ist von
Wert, um sich in der Selbstdisziplin zu
M. Jesus lehrt, wie man fasten soll üben. Fasten ist eine Angelegenheit zwi-
(6,16-18) schen einem einzelnen Gläubigen und
6,16 Die dritte Form von religiöser Heu- Gott und sollte nur aus dem Wunsch her-
chelei, die Jesus hier kritisierte, ist der aus durchgeführt werden, Gott zu gefal-
bewußte Versuch, als Fastender zu er- len. Es verliert seinen Wert, wenn es von
scheinen. Die Heuchler verstellten ihre außen auferlegt wird oder aus einem
Gesichter, wenn sie fasteten, damit sie falschen Motiv heraus »vorgezeigt« wird.
abgezehrt, ausgemergelt und trübselig
aussahen. Doch Jesus sagt, daß es lächer-
lich ist zu versuchen, heilig erscheinen zu N. Sammelt euch Schätze im Himmel
wollen. (6,19-21)
6,17,18 Wahre Gläubige sollten im Dieser Abschnitt enthält einige der revo-
Verborgenen fasten, und nicht nach lutionärsten Lehren unseres Herrn – und
außen hin so scheinen, als ob sie fasten die am meisten mißachteten. Das Thema
würden. Das Haupt salben und das Ge- des zweiten Teils dieses Kapitels ist, wie
sicht waschen waren Mittel, um normal man für die Zukunft vorsorgt.
auszusehen. Es reicht, wenn der Vater 6,19.20 In den Versen 19-21 wider-
davon weiß, sein Lohn wird besser sein spricht Jesus allem menschlichen Rat,
als die Anerkennung durch Menschen. wie man sich eine finanziell gesicherte
Zukunft schafft. Wenn er sagt: »Sammelt
euch nicht Schätze auf Erden«, dann will
Exkurs über das Fasten er damit sagen, daß Materielles niemals
Fasten heißt, daß man sich jedes Versu- Sicherheit geben kann. Jede Art von
ches enthält, den normalen Appetit zu materiellen Schätzen auf der Erde kann
befriedigen. Fasten kann freiwillig sein, entweder von den Naturgewalten zer-
wie in diesem Abschnitt, oder unfreiwil- stört werden (Motte und Rost) oder von
lig (z. B. in Apg 27,33 oder 2. Kor 11,27). Dieben gestohlen werden. Jesus sagt, daß
Im NT wird das Fasten im Zusammen- die einzigen Investitionen, die nie ver-
hang mit Trauer (Matth 9,14,15) und loren gehen können, Schätze im Himmel
Gebet (Lk 2,37; Apg 14,23) gesehen. In sind.
diesen Abschnitten begleitet das Fasten 6,21 Diese radikale Finanzpolitik
das Gebet als Zeichen der eigenen Ernst- basiert auf dem Grundsatz, daß dort,
haftigkeit, den Willen Gottes zu erken- »wo dein Schatz ist, auch dein Herz sein
nen. wird«. Wenn Dein Geld in einem Tresor
Fasten hat keinen Wert für die Erret- liegt, dann ist Dein Herz und Dein Ver-
tung des Menschen, auch gibt es dem langen auch dort. Wenn Deine Schätze
Christen keinen besonderen Status vor jedoch im Himmel sind, dann werden
Gott. Ein Pharisäer rühmte sich einst, daß Deine Interessen sich auch um den Him-
er zweimal die Woche fastete, dennoch mel drehen. Diese Lehre Jesu stellt uns
erlangte er damit nicht die Rechtferti- vor die Entscheidung, ob er wirklich
gung, die er suchte (Lk 18,12.14). Aber meinte, was er sagte. Wenn er es wirklich
wenn ein Christ im Verborgenen als geist- meinte, dann haben wir uns die Frage zu
liche Übung fastet, dann sieht Gott das stellen: »Was sollen wir dann mit un-
und belohnt es. Fasten wird im NT zwar seren irdischen Schätzen tun?« Wenn er
nicht befohlen, doch werden wir durch es nicht so gemeint hat, dann sollten wir
das Versprechen der Belohnung dazu uns fragen: »Was machen wir hier mit
ermutigt. Fasten kann im Gebetsleben der Bibel?«

49
Matthäus 6

O. Die Lampe des Leibes (6,22.23) durch das Verhältnis von Herr und Skla-
6,22.23 Jesus erkannte, daß es für seine ve gesehen. »Niemand kann zwei Herren
Nachfolger schwer sein würde einzuse- dienen.« Einer wird immer der sein, dem
hen, wie seine ungewöhnliche Lehre man mehr Gehorsam entgegenbringt.
über Sicherheit in der Zukunft wahr sein Genauso ist es mit Gott und dem Mam-
könnte. So benutzte er die Analogie des mon. Sie stellen unterschiedliche Anfor-
menschlichen Auges, um ein Lektion derungen und wir haben uns zu ent-
über die geistliche Sicht zu lehren. Er scheiden. Entweder müssen wir Gott an
sagte, daß das Auge die Lampe des Lei- die erste Stelle setzen und die Herrschaft
bes ist. Nur durch das Auge kann der des Materialismus ablehnen oder wir
Leib sehen und Licht aufnehmen. Wenn müssen für Zeitliches leben und Gottes
das Auge klar ist, dann wird der ganze Anspruch auf unser Leben ablehnen.
Leib mit Licht durchflutet. Aber wenn
Q. Sorgt euch nicht (6,25-34)
das Auge böse ist, dann ist die Sehkraft
eingeschränkt. Statt Licht herrscht dann 6,25 In diesem Abschnitt zielt Jesus auf
Finsternis. unsere Neigung, Essen und Kleidung
Die Anwendung ist folgende: Das zum Mittelpunkt unseres Lebens zu
gute Auge gehört dem Menschen, dessen machen und so am wirklichen Sinn des
Motive rein sind, der nur das Verlangen Lebens vorbeizugehen. Das Problem da-
hat, Gottes Absichten zu dienen und der bei ist meist nicht so sehr, was wir heute
gewillt ist, die Lehren Christi wörtlich zu essen und womit wir uns heute kleiden,
nehmen. Sein ganzes Leben wird von sondern was wir in zehn, zwanzig oder
Licht erfüllt sein. Er glaubt den Worten dreißig Jahren essen werden, und womit
Jesu, gibt alle irdischen Reichtümer auf wir uns dann kleiden werden. Solche
und sammelt sich einen Schatz im Him- Zukunftssorgen sind Sünde, weil sie die
mel, und er weiß, daß dies die einzige Liebe, die Weisheit und die Macht Gottes
wirkliche Sicherheit bietet. Auf der ande- verneinen. Man streitet Gottes Liebe ab,
ren Seite gehört das böse Auge einem indem man voraussetzt, daß er nicht für
Menschen, der versucht, für zwei Welten uns sorgt. Wir streiten seine Weisheit ab,
zu leben. Er will seine irdischen Reich- indem wir sagen, daß er nicht weiß, was
tümer nicht loslassen, doch möchte er er tut. Und wir streiten seine Macht ab,
auch Schätze im Himmel haben. Die Leh- indem wir voraussetzen, daß er nicht in
re Jesu scheint ihm unpraktisch und un- der Lage ist, für uns zu sorgen.
möglich. Ihm fehlt deutliche Führung, Diese Art von Sorgen veranlaßt uns,
weil er in der Dunkelheit ist. unsere besten Energien damit zu ver-
Jesus fügt noch die Aussage hinzu: schwenden, daß wir uns so absichern,
»Wenn nun das Licht, das in dir ist, Fin- daß wir genug zum Leben haben. Ehe
sternis ist, wie groß die Finsternis!« Mit wir uns aber darüber bewußt werden, ist
anderen Worten, wenn Sie wissen, daß unser Leben darüber vergangen, und wir
Christus Ihnen verbietet, Ihre Sicherheit haben die Hauptaufgabe verpaßt, für die
auf irdische Reichtümer zu bauen, und es wir geschaffen worden sind. Gott mach-
dennoch tun, dann wird die Lehre, der te uns nicht zu seinem Bilde, ohne mit
Sie nicht gehorcht haben, Finsternis – uns ein höheres Ziel zu haben, als daß
eine sehr starke Form geistlicher Blind- wir bloße Konsumenten würden. Wir
heit. Sie können Reichtum dann nicht sind hier, um ihn zu lieben, ihn anzube-
mehr in seiner wahren Bedeutung erken- ten, ihm zu dienen und seine Interessen
nen. auf dieser Erde zu vertreten. Unsere Lei-
ber sollen unsere Diener sein, nicht un-
P. Man kann nicht Gott dienen und sere Herren.
dem Mammon (6,24) 6,26 Die Vögel des Himmels zeigen
6,24 Die Unmöglichkeit, gleichzeitig für Gottes Sorge für seine Geschöpfe. Sie sol-
Gott und für das Geld zu leben, wird hier len uns predigen, wie unnütz es ist, sich

50
Matthäus 6

Sorgen zu machen. Sie säen nicht noch schließlich im Ofen verbrannt wird, um
ernten sie, und doch ernährt Gott sie. Da Brot zu backen, dann wird er sicherlich
wir in Gottes Schöpfungshierarchie vor- für sein Volk sorgen, das ihn anbetet und
züglicher als die Vögel sind, können wir ihm dient.
sicherlich erwarten, daß Gott sich un- 6,31.32 Die Schlußfolgerung lautet,
serer Bedürfnisse annimmt. daß wir unser Leben nicht in ängstlichem
Aber wir sollten davon nicht ableiten, Sorgen für zukünftiges Essen, Trinken
daß wir nicht arbeiten sollten, um unsere und Kleidung verbringen sollen. Die
gegenwärtigen Bedürfnisse zu befriedi- unbekehrten Heiden leben für die ver-
gen. Paulus erinnert uns: »Wenn jemand rückte Anhäufung von materiellen
nicht arbeiten will, soll er auch nicht Gütern, als ob Essen und Kleidung das
essen« (2. Thess 3,10). Auch sollten wir ganze Leben wären. Aber so sollte es bei
daraus nicht schließen, daß es für einen Christen nicht sein, die einen himm-
Bauern falsch ist, zu säen, zu schneiden lischen Vater haben, der ihre Grund-
und zu ernten. Diese Tätigkeiten sind ein bedürfnisse kennt.
notwendiger Teil der Erfüllung seiner Wenn Christen sich zum Ziel setzen
gegenwärtigen Bedürfnisse. Was Jesus würden, für alle ihre zukünftigen Be-
hier verbietet, ist, viele Scheunen zu bau- dürfnisse im Vorhinein zu sorgen, dann
en, um sich eine sichere Zukunft unab- würde ihre ganze Zeit und Energie der
hängig von Gott aufzubauen (eine Pra- Anhäufung von Finanzreserven dienen
xis, die er in seiner Geschichte vom rei- müssen. Sie könnten nie sicher sein, daß
chen Kornbauern in Lukas 12,16-24 ver- sie genug gespart hätten, weil es immer
urteilt). In den Anmerkungen des die Gefahr einer Wirtschaftskrise, der
Bibellesebundes wird Vers 26 treffend Inflation, einer Katastrophe, einer langen
zusammengefaßt: Krankheit oder eines verstümmelnden
Die Begründung lautet, daß, wenn Gott Unfalles gibt. Das bedeutete, daß Gott
niedere Kreaturen ohne ihre wissentliche des Dienstes seines Volkes beraubt wür-
Beteiligung erhält, er umsomehr diejenigen de. Das wirkliche Ziel, für das sie
durch ihre aktive Mithilfe erhält, um derent- geschaffen und bekehrt wurden, würde
willen er die Schöpfung gemacht hat. verfehlt. Männer und Frauen, die das
6,27 Sorge über die Zukunft verun- göttliche Bild an sich tragen, würden für
ehrt nicht nur Gott – sie ist auch unnötig. eine unsichere Zukunft auf dieser Erde
Der Herr zeigt das durch die Frage: »Wer leben, während sie doch mit den Werten
aber unter euch kann mit Sorgen seiner der Ewigkeit im Gedächtnis leben sollten.
Größe (Anmerkung Elberfelder Bibel) 6,33 Der Herr schließt deshalb mit
eine Elle zusetzen?« Ein kleiner Mensch seinen Nachfolgern einen Bund. Er sagt
kann sich selbst nicht 30 cm größer sor- praktisch: »Wenn du Gottes Interessen
gen. Und, relativ gesprochen, es wäre an die erste Stelle in deinem Leben stellst,
sicherlich einfacher, dies durch Sorgen zu dann werde ich für die Erfüllung deiner
erreichen, als alles, was man für die zukünftigen Bedürfnisse sorgen. Wenn
Zukunft braucht, herbeizusorgen. du zuerst nach dem Reich Gottes und
6,28-30 Als Nächstes beschäftigt sich nach seiner Gerechtigkeit trachtest, dann
der Herr mit der Unvernunft der Sorge, werde ich darauf achten, daß es dir nie
daß wir in Zukunft nicht genug anzuzie- am zum Leben notwendigen fehlt.«
hen haben. Die Lilien des Feldes (wahr- 6,34 Das ist Gottes »Sozialversiche-
scheinlich ist hier eine wilde Anemonen- rung«. Die Verantwortung des Gläubigen
sorte gemeint) »mühen sich nicht, auch besteht darin, für den Herrn zu leben und
spinnen sie nicht«. Dennoch übersteigt in bezug auf seine Zukunft auf Gott mit
ihre Schönheit die der königlichen Klei- dem unerschütterlichen Vertrauen zu le-
der Salomos. Wenn Gott für eine wilde ben, daß er alles nötige geben wird. Unse-
Blume ein solch elegantes Kleid schaffen re Aufgabe ist es, einfach für unsere ge-
kann, die doch nicht lange lebt und genwärtigen Bedürfnisse zu sorgen, alles

51
Matthäus 6 und 7

andere sollte in das Werk des Herrn inve- 1. Wenn sich Streitfragen unter Gläu-
stiert werden. Wir werden aufgerufen, bigen ergeben, dann sollten sie in der
nur für den heutigen Tag zu leben: »Der Gemeinde vor Gliedern geklärt wer-
morgige Tag wird für sich selbst sorgen.« den, die in diesem Falle entscheiden
können (1. Kor 6,1-8).
R. Richtet nicht (7,1-6) 2. Die Ortsgemeinde sollte schwere
Dieser Abschnitt über das Richten folgt Sünden ihrer Glieder richten und ent-
direkt auf Jesu provokative Lehren über sprechende Maßnahmen ergreifen
den Reichtum. Die Verbindung dieser (Matth 18,17; 1. Kor 5,9-13).
beiden Themen ist wichtig. Es ist leicht 3. Gläubige sollen die Lehre von Predi-
für den Christen, der alles aufgegeben gern und Lehrern am Wort Gottes
hat, reiche Christen zu kritisieren. Ande- messen (Matth 7,15-20; 1. Kor 14,29;
rerseits gibt es Christen, die ihre Pflicht, 1. Joh 4,1).
für die zukünftigen Bedürfnisse ihrer 4. Christen haben herauszufinden, ob
Familie vorzusorgen, sehr ernst nehmen, andere wirklich gläubig sind, damit
die dazu neigen, den wörtlichen Gehor- sie dem Gebot von Paulus in 2. Korin-
sam derer herunterspielen, die diese letz- ther 6,14 gehorchen können.
ten Worte Jesu sehr ernst nehmen. Da 5. Die Gemeindeglieder sollen erken-
aber niemand völlig aus dem Glauben nen, welche Männer die notwendigen
lebt, ist solche Kritik nicht angebracht. Eigenschaften haben, um Älteste und
Dieses Gebot, nicht zu richten, be- Diakone zu werden (1. Tim 3,1-13).
inhaltet die folgenden Bereiche: Wir soll- 6. Wir haben zu entscheiden, welche
ten nicht über die Motivation anderer Menschen unordentlich, kleinmütig
richten, denn nur Gott kennt sie; wir soll- oder schwach sind, um mit ihnen ent-
ten nicht nach dem Äußeren richten sprechend den Anweisungen der
(Joh 7,24; Jak 2,1-4); wir sollten die nicht Bibel zu verfahren (1. Thess 5,14).
richten, die sich aus Dingen ein Gewis- 7,2 Jesus warnte, daß ungerechtes
sen machen, die an sich weder gut noch Gericht auf gleiche Weise zurückgezahlt
böse sind (Röm 14,1-5); wir sollten nicht würde: »Denn mit welchem Gericht ihr
den Dienst anderer Christen richten richtet, werdet ihr gerichtet werden.«
(1. Kor 5,1-5) und wir sollten unsere Mit- Dieses Prinzip, daß man erntet, was man
christen nicht richten, indem wir schlecht sät, findet sich in allen menschlichen
über sie sprechen (Jak 4,11.12). Angelegenheiten und im ganzen Leben
7.1 Manchmal werden diese Worte wieder. Markus wendet das Prinzip auf
von Menschen mißverstanden, die aus unsere Aneignung des Wortes Gottes
ihnen herauslesen, daß alle Formen des (Mk 4,24) und Lukas auf unsere Bereit-
Richtens verkehrt seien. Ganz gleich, schaft zum Geben an (Lk 6,38).
was geschieht, sie sagen fromm: »Richtet 7,3-5 Jesus stellte unsere Neigung
nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!« heraus, den kleinsten Fehler bei anderen
Aber Jesus lehrt nicht, daß wir nicht zu entdecken, während wir den gleichen
mehr unterscheiden sollen. Er wollte nie, Fehler bei uns übersehen. Er überspitzte
daß wir unsere Fähigkeit, Dinge kritisch die Situation absichtlich (er benutzte eine
zu durchdenken und zu unterscheiden, sprachliche Ausdrucksweise, die man
aufgeben sollten. Das NT kennt viele Fäl- Übertreibung nennt), um die Sache auf
le von gerechtfertigtem Gericht über den den Punkt zu bringen. Jemand, der selbst
Zustand, das Verhalten oder die Lehre einen Balken im Auge hat, nimmt oft
anderer. Außerdem gibt es verschiedene Anstoß an dem Splitter im Auge eines
Gebiete, auf denen dem Christ sogar anderen, und verkennt dabei seine eige-
befohlen ist, eine Entscheidung zu tref- ne Situation. Es ist Heuchelei zu meinen,
fen, zwischen Gut und Böse zu unter- wir könnten jemandem bei einem Fehler
scheiden oder zwischen dem Guten und helfen, wenn wir selbst einen noch
dem Besten. Dazu gehören: größeren Fehler haben. Wir müssen un-

52
Matthäus 7

sere eigenen Fehler beseitigen, ehe wir menhang und im Licht der ganzen bib-
sie an anderen kritisieren können. lischen Lehre vom Gebet gesehen wer-
7,6 Vers 6 zeigt, daß Jesus nicht jede den. Deshalb wird das, was hier als
Form des Richtens verurteilt. Er warnte unbegrenzte Zusage erscheint, durch
seine Jünger davor, Heiliges nicht den andere Stellen beschränkt. Zum Beispiel
Hunden zu geben und Perlen nicht vor lernen wir in Psalm 66,18 daß im Leben
die Schweine zu werfen. Unter dem des Beters keine Sünde sein darf, die er
mosaischen Gesetz waren Hunde und Gott nicht bekannt hat. Der Christ muß
Schweine unreine Tiere. Diese Aus- im Glauben (Jak 1,6-8) und in Über-
drücke werden hier benutzt, um böse einstimmung mit dem Willen Gottes
Menschen zu bezeichnen. Wenn wir beten (1. Joh 5,14). Gebet muß aus-
schlechten Menschen begegnen, die gött- dauernd (Lk 18,1-8) und aufrichtig sein
liche Wahrheiten ausgesprochen verach- (Hebr 10,22a).
tungsvoll mit Füßen treten und auf unse- 7,9.10 Wenn die Bedingungen für
re Predigt über die Ansprüche Christi Gebet erfüllt sind, dann kann der Christ
mit Schimpfen oder sogar Gewalt reagie- die ausgesprochene Gewißheit haben,
ren, sind wir nicht mehr verpflichtet, daß Gott hört und antwortet. Diese Ver-
ihnen noch weiter das Evangelium zu heißung hat ihren Grund in Gottes
bringen. Wenn wir hier weitermachen, Eigenschaften, der unser Vater ist. Auf
bringen wir nur noch schlimmere Ver- rein menschlicher Ebene wissen wir, daß,
dammnis über diese Menschen. wenn ein Sohn um Brot bittet, sein Vater
Es ist sicher nicht nötig zu betonen, ihm dann keinen Stein gibt. Er würde
daß man geistliche Unterscheidungsgabe ihm auch keine Schlange geben, wenn er
braucht, um diese Menschen herauszu- um einen Fisch gebeten hat. Ein irdischer
finden. Vielleicht deshalb beschäftigen Vater würde seinen hungrigen Sohn
sich die nächsten Verse mit dem Gebet, in weder betrügen noch ihm irgend etwas
dem wir etwa um Weisheit bitten können. geben, das ihm Schmerzen bereitet.
7,11 Der Herr schließt hier vom gerin-
S. Anhaltend bitten, suchen und geren auf das Höhere. Wenn menschliche
anklopfen (7,7-12) Eltern die Bitten ihrer Kinder mit dem
7,7.8 Wenn wir denken, daß wir die Leh- beantworten, was für sie am besten ist,
ren der Bergpredigt durch unsere eigene wie viel mehr wird unser Vater, der in
Kraft ausleben können, dann haben wir den Himmeln ist, so handeln!
das übernatürliche Wesen des Lebens, zu 7,12 Die Verbindung des vorher-
dem uns der Retter aufruft, nicht ver- gehenden Verses mit diesem scheint mir
standen. Die Weisheit oder Kraft für ein folgende zu sein: Weil unser Vater der
solches Leben muß uns von oben ge- Geber guter Gaben an uns ist, sollten wir
geben werden. So haben wir hier die Ein- ihn nachahmen, indem wir auch zu
ladung zu bitten, und immer wieder zu anderen freundlich sind. Die Art heraus-
bitten, zu suchen und immer wieder zu zufinden, ob etwas jemandem anderen
suchen und zu klopfen und immer wie- gut tut, ist, sich die Frage zu stellen, ob
der zu klopfen. Weisheit und Kraft für wir selbst möchten, daß ein anderer es
das christliche Leben wird denen ge- für uns tut. Die »Goldene Regel« wurde
geben, die ernsthaft und anhaltend dafür in negativer Form schon mindestens
beten. hundert Jahre vor Christus durch Rabbi
Wenn wir die Verse 7 und 8 aus ihrem Hillel aufgestellt. Doch indem Jesus die-
Kontext reißen, dann könnte man mei- sen Satz positiv faßte, ging er über ihn
nen, daß wir hier einen Blankoscheck für hinaus, indem er passive Zurückhaltung
Gläubige haben, als ob sie alles bekom- durch aktives Wohlwollen ersetzt. Chri-
men, worum sie bitten. Aber das ist stentum bedeutet nicht, sich nur der
schlicht und einfach falsch. Die Verse Sünde zu enthalten, es bedeutet aktives
müssen in ihrem unmittelbaren Zusam- gutes Handeln.

53
Matthäus 7

Dieser Ausspruch Jesu enthält »das gibt es falsche Propheten, die die weite
Gesetz und die Propheten«, das heißt, er Pforte und den breiten Pfad propagieren.
faßt die moralischen Lehren des Gesetzes Sie verwässern die Wahrheit bis »nicht
Mose und die Schiften der Propheten mehr genug übrigbleibt, um eine Suppe
Israels zusammen. Die Gerechtigkeit, die für einen kranken Grashüpfer zu ma-
vom AT gefordert würde, wird durch chen«, wie Spurgeon sich ausdrückte.
bekehrte Gläubige erfüllt, die auf diese Diese Menschen, die angeblich im Na-
Weise im Geist wandeln (Röm 8,4). Wenn men Gottes reden, kommen in Schafs-
dieser Vers überall befolgt würde, dann kleidern und geben den Anschein, wahre
würde er alle Gebiete internationaler Gläubige zu sein. Aber innerlich sind sie
Beziehungen, der Nationalpolitik, des reißende Wölfe, d. h. sie sind Ungläu-
Familienlebens und des Gemeindelebens bige, die die Unreifen, Ungefestigten und
verändern. die Verführbaren »erbeuten« wollen.
7,16-18 Die Verse 16-18 befassen sich
T. Der schmale Weg (7,13.14) mit der Enttarnung falscher Propheten:
7,13.14 Der Herr warnt uns hier, daß die »An ihren Früchten werdet ihr sie erken-
Pforte der christlichen Jüngerschaft eng nen.« Ihr lasterhaftes Leben und ihre zer-
9)
und der Weg schwer ist. Aber die, die störerischen Lehren verraten sie. Dornen
seiner Lehre treu folgen, werden über- können keine Trauben bringen und
fließendes Leben finden. Andererseits Disteln keine Feigen. Ein guter Baum
gibt es die weite Pforte – ein selbst- und bringt gute Frucht und ein schlechter
vergnügungssüchtiges Leben. Das Ende Baum bringt schlechte Frucht. Dieses
eines solchen Lebens ist das Verderben. Prinzip gilt in der materiellen wie in der
Hier wird nicht davon geredet, daß man geistlichen Welt. Das Leben und die Leh-
seine Seele verlieren könnte, sondern re derer, die von sich behaupten, für Gott
daß man es versäumt, dem Plan Gottes zu sprechen, sollte am Wort Gottes ge-
entsprechend zu leben. messen werden: »Wenn sie nicht nach
Diese Verse haben auch eine Anwen- diesem Wort sprechen, dann gibt es für
dung auf das Evangelium, indem sie die sie keine Morgenröte« (Jes 8,20).
zwei Wege und Schicksale der Mensch- 7,19.20 Das Schicksal dieser falschen
heit bildlich darstellen. Die weite Pforte Propheten wird sein, ins Feuer geworfen
und der breite Weg führen zum Verder- zu werden. Die Zukunft falscher Lehrer
ben (Spr 16, 25). Die enge Pforte und der und Propheten wird »schnelles Verder-
schmale Weg führen zum Leben. Jesus ist ben sein« (2. Petr 2,1). Sie können an
Tür (Joh 10,9) und Weg (Joh 14,6). Aber ihren Früchten erkannt werden.
diese Deutung ist eine zwar möglich
Anwendung des Abschnittes, die eigent- V. Ich habe euch niemals gekannt
liche Interpretation bezieht sich jedoch (7,21-23)
auf Gläubige. Jesus sagt, ihm nachzufol- 7,21 Der Herr Jesus warnt vor Menschen,
gen erfordert Glauben, Disziplin und die fälschlicherweise bekennen, ihn als
Ausdauer. Aber dieses schwierige Leben Retter anzuerkennen, sich jedoch nie
ist als einziges wirklich lebenswert. bekehrt haben. Nicht jeder, der Jesus
Wenn man den einfachen Weg ein- »Herr, Herr« nennt, »wird in das Reich
schlägt, dann wird man in großer Gesell- der Himmel eingehen«. Nur die den Wil-
schaft sein, doch dann wird Gott auch len Gottes tun, werden in das Reich kom-
seine besten Absichten mit uns nicht ver- men. Der erst Schritt, den Willen Gottes
wirklichen können. zu tun, ist, an den Herrn Jesus zu glau-
ben (Joh 6,27).
U. An ihren Früchten werdet ihr sie 7,22.23 Am Tage des Gerichtes, wenn
erkennen (7,15-20) viele Ungläubige vor Jesus stehen wer-
7,15 Wo immer die harten Anforderun- den (Offb 20,11-15), werden viele ihn
gen wahrer Jüngerschaft gelehrt werden, daran erinnern, daß sie geweissagt,

54
Matthäus 7 und 8

Dämonen ausgetrieben oder viele Wun- Evangelium deutlich zu machen. Der


derwerke getan haben – und zwar in sei- Weise setzt all sein Vertrauen auf den Fel-
nem Namen. Aber ihre Einsprüche wer- sen, Jesus Christus, den Herrn und Hei-
den vergeblich sein. Jesus wird ihnen land. Der törichte Mann will sich nicht
erklären müssen, daß er sie nie gekannt bekehren und lehnt Jesus, die einzige
oder als sein Eigentum anerkannt hat. Hoffnung auf Errettung, ab. Aber die
Aus diesen Versen können wir ler- Sinndeutung des Gleichnisses reicht weit
nen, daß nicht alle Wunder göttlicher über die Rettung hinaus und bezieht sich
Natur sein müssen, und daß nicht alle auf die praktische Verwirklichung im
Wundertäter göttliche Vollmacht haben. christlichen Leben.
Ein Wunder bedeutet nur, daß über- 7,28.29 Als unser Herr seine Predigt
natürliche Kräfte am Werk sind. Die vollendet hatte, waren die Menschen
Mächte können göttlichen oder satani- sehr erstaunt. Wenn wir die Bergpredigt
schen Ursprungs sein. Satan kann seine lesen und nicht über ihr revolutionäres
Anhänger dazu ermächtigen, Dämonen Wesen staunen, dann haben wir irgend
zeitweilig auszutreiben, um die Illusion etwas nicht verstanden.
zu schaffen, daß das Wunder göttlich ist. Die Menschen erkannten, daß ein
Er entzweit sich in diesem Falle nicht mit Unterschied zwischen der Lehre Jesu
sich selbst, sondern plant für die Zukunft und der der Schriftgelehrten bestand. Er
eine noch schlimmere Besessenheit sprach mit Vollmacht, ihre Worte waren
durch Dämonen. machtlos. Er hatte eine Stimme, sie
waren nur ein Echo. Jamieson, Fausset
W. Baut auf den Fels (7,24-29) und Brown kommentieren das so:
7,24.25 Jesus schließt seine Predigt mit Das Bewußtsein göttlicher Autorität als
einem Gleichnis, das die Bedeutung des Gesetzgeber, Ausleger und Richter bestimm-
Gehorsams betonen soll. Es ist nicht te seine Predigt so sehr, daß die Lehre der
genug, diese Worte zu hören, wir müssen Pharisäer in diesem Licht nur noch als Ge-
10)
sie in die Praxis umsetzen. Der Jünger, fasel erscheinen mußte.
der hört und Jesu Gebote erfüllt, ist wie
ein weiser Mann, der sein Haus auf Fel- V. Die Wunder des Messias
sen baut. Sein Haus (Leben) hat ein fest- in Macht und Gnade. Verschiedene
es Fundament, das auch, wenn es von Reaktionen darauf (8,1-9,34)
Wind und Regen umtost ist, nicht fallen In den Kapiteln 8 – 12 beweist der Herr
wird. Jesus dem Volk Israel, daß er wirklich der
7,26.27 Derjenige, der Jesu Worte Messias ist, von dem die Propheten ge-
hört, sie aber nicht tut, ist wie ein törich- schrieben haben. Jesaja hatte zum Bei-
ter Mann, der sein Haus auf den Sand spiel vorhergesagt, daß der Messias die
baut. Dieser Mensch wird den Stürmen Augen der Blinden und die Ohren der
des Lebens nicht trotzen können: »Als Tauben öffnen werde und die Stummen
ein Platzregen herniederfiel und die singen lassen werde (Jes 35,5.6). Jesus
Winde wehten, fiel das Haus, denn es bewies, daß er der Messias ist, indem er
hatte keinen festen Grund.« alle diese Prophezeiungen erfüllte. Israel
Wenn ein Mensch gemäß den Prinzi- hätte keinerlei Schwierigkeiten haben
pien der Bergpredigt lebt, dann nennt die sollen, ihn als Christus zu erkennen, weil
Welt ihn einen Narren, aber Jesus nennt sie ihn in den Schriften angekündigt fin-
ihn einen weisen Menschen. Die Welt den konnten. Doch niemand ist so blind
meint, daß ein weiser Mensch jemand ist, wie der, der nicht sehen will.
der für das Sichtbare, für die Gegenwart Die Ereignisse, die in diesen Kapiteln
und für sich selbst lebt, doch Jesus nennt aufgezeichnet sind, sind eher thematisch
einen solchen Menschen einen Narren. als in einer streng chronologischen Rei-
Es ist legitim, den weisen und den törich- henfolgen geordnet. Wir haben es nicht
ten Baumeister zu benutzen, um das mit einem vollständigen Bericht des

55
Matthäus 8

Dienstes des Herrn zu tun, sondern mit weil der Herr sich bewußt war, daß viele
einer Anzahl von Ereignissen, die der Menschen, die nur daran interessiert
Heilige Geist ausgewählt hat, um be- waren, vom Joch der Römerherrschaft
stimmte Motive im Leben unseres Ret- befreit zu werden, ihn zum König
ters wiederzugeben. Wir finden in dieser machen wollten. Aber er wußte, daß Is-
Auswahl folgendes: rael noch immer unbußfertig war, daß
1. Christi absolute Herrschaft über das Volk seine geistliche Führerschaft
Krankheit, Dämonen, Tod und die ablehnen würde, und daß er zuerst ans
Naturgewalten. Kreuz gehen mußte.
2. Sein Anspruch der absoluten Herr- Unter dem Gesetz des Mose war der
schaft im Leben derer, die ihm folgen Priester auch Arzt. Wenn ein Aussätziger
wollen. gereinigt war, dann mußt er ein Opfer
3. Die steigende Ablehnung Jesu durch bringen und vor dem Priester erschei-
das Volk Israel, insbesondere durch nen, um reingesprochen zu werden
seine religiösen Führer. (3. Mose 14,4-6). Jesus befahl dem Aus-
4. Die bereitwillige Annahme des Ret- sätzigen in diesem Fall, dem Gesetz zu
ters durch einzelne Heiden. gehorchen. Es war ohne Zweifel ein sel-
tener Fall, daß ein Aussätziger gereinigt
A. Macht über den Aussatz (8,1-14) wurde, so außerordentlich, daß es den
8,1 Obwohl die Lehre Jesu radikal und Priester dazu hätte bringen müssen zu
extrem war, hatte sie doch eine große untersuchen, ob nicht doch der Messias
Anziehungskraft, so sehr, daß ihm gekommen sei.
»große Volksmengen« folgten. Die Wahr- Die geistliche Deutung dieses Wun-
heit bewahrheitet sich selbst, und auch, ders ist klar: Der Messias war mit der
wenn Menschen sie nicht mögen, können Macht zu heilen nach Israel gekommen,
sie sie nie wieder vergessen. um das Volk zu heilen. Er wies dieses
8,2 Ein Aussätziger kniete vor Jesus Wunder als einen seiner »Ausweise« vor.
nieder und bat ihn verzweifelt um seine Aber das Volk war noch nicht bereit, sei-
Heilung. Dieser Aussätzige hatte den nen Retter zu empfangen.
Glauben, daß der Herr ihn heilen könne,
und wahrer Glaube wird nie enttäuscht. B. Macht über Lähmung (8,5-13)
Aussatz ist ein gutes Bild für die Sünde, 8,5.6 Der Glaube eines heidnischen
denn er ist abstoßend, zerstörerisch, Hauptmannes wird als erschütternder
ansteckend und, in einigen Formen, Kontrast zur mangelnden Bereitschaft
11)
unheilbar. Israels dargestellt, seinen Retter zu emp-
8,3 Aussätzige waren Unberührbare. fangen. Wenn Israel nicht gewillt war,
Direkter Kontakt mit ihnen konnte an- seinen König anzuerkennen, dann wür-
steckend sein. Im Falle der Juden machte den es eben die verachteten Heiden tun.
eine solche Berührung den Betreffenden Der Hauptmann war ein römischer
zeremoniell unrein, das heißt, unfähig Militärbeamter, der über etwa hundert
zum Gottesdienst in der Gemeinde Is- Mann zu befehlen hatte. Seine Einheit
rael. Aber als Jesus den Aussätzigen be- war in oder bei Kapernaum stationiert.
rührte und die heilenden Worte sprach, Er trat zu Jesus, um Heilung für seinen
verschwand der Aussatz sofort. Unser Diener zu erbitten, der unter einer
Herr hat die Macht, von Sünde zu reini- schweren und schmerzhaften Lähmung
gen und den Gereinigten so zum Gottes- litt. Dies war ein seltener Beweis von
dienst und zur Anbetung zu befähigen. Mitleid – die meisten Beamten hätten
8,4 Hier wird zum ersten Mal im niemals soviel Fürsorge für einen Diener
Matthäusevangelium erwähnt, daß Jesus übrig gehabt.
befahl, ein Wunder sollte nicht weiterer- 8,7-9 Als der Herr Jesus anbot, den
zählt werden (s. a. Kap. 9,30; 12,16; 17,9; kranken Diener zu besuchen, zeigte der
Mk 5,43 7,36; 8,26). Das geschah sicher, Hauptmann die Echtheit und Tiefe seines

56
Matthäus 8

Glaubens. Er sagte praktisch: Ich bin C. Macht über das Fieber (8,14.15)
nicht würdig, daß du in mein Haus 8,14.15 Als er in das Haus des Petrus
kommst. Aber es ist sowieso nicht nötig, kommt, findet er die Schwiegermutter
weil du ihn ganz einfach heilen kannst, von Petrus fieberkrank darniederliegen.
indem du ein Wort sprichst. Ich weiß, »Er rührte ihre Hand an, und das Fieber«
was Befehlsgewalt ist. Ich nehme Befehle verschwand. Normalerweise ist ein
von meinen Vorgesetzten an und gebe sie Mensch sehr geschwächt, wenn das Fie-
an meine Untergebenen weiter. Meine ber ihn verläßt, aber diese Heilung war
Befehle werden genau ausgeführt. Wie- so direkt und so vollständig, daß sie in
viel mehr Macht würden deine Worte bei der Lage war, aufzustehen, und ihm zu
der Krankheit meines Knechtes haben!« dienen – ein passender Ausdruck ihrer
8,10-12 Jesus wunderte sich über den Dankbarkeit dem Retter gegenüber. Wir
Glauben dieses Heiden. Es kommt nur sollten sie nachahmen, wann immer wir
zweimal vor, daß Jesus sich über etwas geheilt werden, und ihm mit neuer Hin-
wundert, hier ist das eine Mal, das ande- gabe und neuem Eifer dienen.
re Mal wundert er sich über den Unglau-
ben der Juden (Mk 6,6). Er hatte solchen
großen Glauben selbst in Israel nicht ge- D. Macht über Dämonen und
funden. Deshalb kündigte er nun an, daß verschiedene Krankheiten (8,16.17)
in seinem zukünftigen Reich Heiden aus 8,16.17 Am Abend, als der Sabbat vorbei
der ganzen Welt die Gemeinschaft mit war (s. Mk 1,21-34), brachten die Leute
den jüdischen Patriarchen genießen wür- viele Besessene zu ihm. Diese bedauerns-
den, während die Söhne des Reiches in werten Menschen wurden von bösen
die äußere Finsternis hinausgeworfen Geistern besessen und kontrolliert. Oft
werden würden, wo sie heulen und mit zeigten sie übersinnliches Wissen und
den Zähnen knirschen würden. Die Söh- Kräfte, andere wiederum wurden ge-
ne des Reiches sind die, die durch Geburt quält. Ihr Verhalten ähnelte manchmal
Juden waren, die bekannten, daß sie Gott dem von Geisteskranken, aber die Ur-
als König anerkennen würden, die sich sache war hier dämonisch und nicht kör-
jedoch niemals wirklich bekehrten. Das perlich oder geistig. Jesus »trieb die Gei-
Prinzip gilt auch noch heute. Viele Kin- ster aus mit einem Wort«.
der, die das Privileg haben, in christ- Auch heilte er alle Leidenden und er-
lichen Familien geboren zu werden und füllte damit die Prophezeiung von Jesaja
dort aufzuwachsen, werden trotzdem 53,4: »Er selbst nahm unsere Schwach-
nicht vor der Hölle bewahrt bleiben, weil heiten und trug unsere Krankheiten.«
sie Jesus abgelehnt haben, während Wil- Vers 17 wird oft von sogenannten »Glau-
de aus dem Urwald die ewige Herrlich- bensheilern« benutzt, um zu zeigen, daß
keit des Himmel genießen dürfen, weil Heilung zum Sühnewerk Jesu gehörte,
sie der Botschaft des Evangeliums ge- und daß körperliche Heilung deshalb
glaubt haben. vom Gläubigen durch den Glauben in
8,13 »Und Jesus sprach zu dem Anspruch genommen werden kann.
Hauptmann: Geh hin, und dir geschehe, Aber hier wendet der Geist Gottes die
wie du geglaubt hast.« Glaube wird im Prophezeiung nur auf den Heilungs-
Verhältnis zum Vertrauen in die Eigen- dienst Jesu auf Erden an und nicht auf
schaften Gottes belohnt. Der Diener wur- seinen Kreuzestod.
de sofort geheilt, obwohl Jesus weit ent- In diesem Kapitel haben wir die vier
fernt war. Wir können darin ein Bild für folgenden Wunder gesehen:
den gegenwärtigen Dienst Christi sehen, 1. Heilung des jüdischen Aussätzigen,
der die nicht bevorzugten Heiden von Jesus ist anwesend.
der Lähmung der Sünde heilt, obwohl er 2. Heilung des Dieners des Haupt-
selbst nicht mehr körperlich anwesend manns, Jesus ist nicht am Ort des
ist. Geschehens.

57
Matthäus 8

3. Heilung der Schwiegermutter des und oft übernachtete. Die eigentliche


Petrus, Jesus ist im Haus. Bedeutung seiner Worte scheint jedoch
4. Heilung aller Kranken und Besesse- geistlich zu sein: Diese Welt konnte ihm
nen in der Anwesenheit Jesu. keinen wirklichen, dauernden Ruheort
Gaebelein meint, daß diese vier Wun- bieten. Er hatte sein Werk zu vollbringen
der Stufen im Dienst unseres Herrn und konnte nicht ruhen, bis es vollendet
bedeuten: war. Dasselbe gilt für seine Nachfolger:
1. Christi erstes Kommen, sein Dienst Diese Welt ist kein Ruheort für sie – sie
an seinem Volk Israel. sollte es zumindest nicht sein!
2. Das Zeitalter der Heiden, Jesus ist 8,21 Ein anderer wohlmeinender
abwesend. Nachfolger drückte seinen Willen zur
3. Seine Wiederkunft, wenn er das Nachfolge aus, hatte jedoch noch etwas
»Haus« betreten wird, seine Bezie- wichtigeres zu erledigen: »Herr, erlaube
hung zu Israel wiederherstellt und mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater
die kranke Tochter Zion heilt. zu begraben.« Es ist nicht so entschei-
4. Das Tausendjährige Reich, in dem dend, ob der Vater bereits gestorben ist
alle Besessenen und Kranken geheilt oder nicht. Das Grundproblem wird in
12)
werden. der Widersprüchlichkeit der Worte:
Das ist eine faszinierender Glie- »Herr, . . . mir zuvor« (oder »ich zuerst)«
derung des Fortgangs der Unterwei- deutlich. Er stellte seine eigenen Interes-
sung durch Wunder und sollte uns sen vor die Christi. Es ist zwar völlig in
ermutigen, die verborgenen Tiefen der Ordnung, für seinen Vater ein ordent-
Bedeutung in der Heiligen Schrift zu liches Begräbnis zu organisieren, doch es
erforschen. Wir sollten jedoch vorsichtig wird falsch, wenn solch eine ehrenwerte
sein, diese Methode nicht zu extrem zu Handlung die Priorität über den Ruf des
betreiben, indem wir Bedeutungen in Retters erhält.
irgendetwas hineinlesen, die einfach 8,22 Jesus antwortete ihm praktisch:
lächerlich sind. »Deine erste Pflicht ist es, mir nachzu-
folgen. Laß die geistlich Toten die kör-
E. Das Wunder der menschlichen perlich Toten begraben. Auch ein unge-
Ablehnung (8,18-22) retteter Mensch kann das erledigen. Aber
Wir haben gesehen, wie Christus seine es gibt Aufgaben, die nur du allein aus-
Macht über Krankheit und Dämonen aus- führen kannst. Opfere deine beste Kraft
übte. Nur wenn er Männern und Frauen für Ewiges. Verschwende sie nicht für
begegnet, stößt er auf Widerstand – Nebensächliches.« Uns wird hier nicht
das Wunder der menschlichen Ableh- erzählt, wie diese beiden Jünger reagier-
nung. ten. Aber sehr wahrscheinlich verließen
8,18-20 Als Jesus sich bereitmachte, sie Christus, um sich einen bequemeren
den See Genezareth von Kapernaum Platz in der Welt zu sichern und um ihr
nach Osten zu überqueren, kam ein Leben damit zu verbringen, untergeord-
selbstbewußter Schriftgelehrter auf ihn nete Dinge zu tun. Aber ehe wir sie ver-
zu und versprach ihm zu folgen »wohin urteilen, sollten wir uns selbst prüfen,
du auch gehst«. In seiner Antwort for- wie wir auf die beiden Forderungen an
derte der Herr ihn auf, die Kosten, näm- die Jüngerschaft reagieren, die Jesus in
lich ein Leben in Selbstverleugnung, zu diesem Abschnitt betont hat.
überschlagen. »Die Füchse haben Höh-
len und die Vögel des Himmels Nester, F. Macht über die Naturgewalten
aber der Sohn des Menschen hat nicht, (8,23-27)
wo er das Haupt hinlege.« Während sei- 8,23-27 Der See Genezareth ist für plötz-
nes öffentlichen Dienstes hatte Jesus kein liche, starke Stürme bekannt, die den See
eigenes Haus, doch gab es Häuser, in in eine überschäumende brodelnde Tiefe
denen er ein willkommener Gast war verwandeln. Die Winde kommen von

58
Matthäus 8 und 9

Norden das Jordantal herunter und wer- 8,32 Seltsamerweise erfüllte Jesus
den durch eine enge Passage beschleu- ihren Wunsch. Warum sollte der unum-
nigt. Wenn sie den See erreichen, wird schränkte Herr in eine Bitte von Dä-
dieser für Schiffe äußerst unsicher. monen einwilligen? Um das zu ver-
In diesem Fall fuhr Jesus vom West- stehen, müssen wir uns zweierlei ver-
zum Ostufer. Als der Sturm losbrach, gegenwärtigen: Erstens scheuen Dämo-
schlief er im Boot. Die erschrockenen nen den entkörperlichten Zustand, sie
Jünger weckten ihn mit ihren Hilferufen. wollen entweder in Menschen, oder,
Man sollte ihnen zugute halten, daß sie wenn das nicht möglich ist, in anderen
sich immerhin an den Richtigen wand- Kreaturen wohnen. Zweitens ist es das
ten. Nachdem Jesus ihren Kleinglauben Ziel eines jeden Dämonen, zu zerstören.
getadelt hatte, bedrohte er die Winde Wenn Jesus sie aus den Männern ausge-
und den See. Als eine große Stille ent- trieben hätte, hätten sie sich auf die
stand, wunderten sich die Männer, daß anderen Menschen des Gebietes ge-
ihrem demütigen Mitfahrer sogar die stürzt. Indem er ihnen erlaubt, in die
Elemente gehorchten. Wie wenig hatten Schweine zu gehen, verhinderte er, daß
sie verstanden, daß der Schöpfer und sie Männer und Frauen anfielen und
Erhalter des Universums an diesem Tag beschränkte so ihre zerstörerische Macht
in ihrem Schiff war! auf Tiere. Es war noch nicht der Zeit-
Alle Jünger geraten früher oder spä- punkt gekommen, zu dem der Herr sie
ter in Stürme. Manchmal scheint es, daß endgültig vernichten würde.
wir von den Wellen hinweggespült wer- Dieses Ereignis zeigt, daß Dämonen
den. Welch ein Trost zu wissen, daß Jesus letztlich verderben wollen und unter-
mit uns im Boot ist. »Kein Wasser kann streicht die schreckliche Möglichkeit, daß
das Boot verschlingen, in dem der Herr zwei Männer von so vielen Dämonen be-
des Meeres, der Erde und des Himmel sessen sein können, wie nötig sind, um
liegt.« Niemand kann wie der Herr Jesus 2000 Schweine zu töten (Mk 5,13).
unsere Lebensstürme stillen. 8,33.34 Die Hirten rannten in die
Stadt und berichteten dort, was gesche-
G. Jesus heilt zwei von Dämonen hen war. Das Ergebnis war eine aufge-
besessene Männer (8,28-34) schreckte Bürgerschaft, die zu Jesus hin-
8,28 Am Ostufer des Sees Genezareth ausging und ihn bat, das Gebiet zu ver-
liegt das Land der Gergesener oder lassen. Seitdem ist Jesus immer wieder
13)
Gadarener. Als Jesu ankommt, begeg- vorgeworfen worden, daß er unnötiger-
nen ihm zwei ungwöhnliche Fälle dämo- weise Schweine vernichtet hat und ist
nischer Besessenheit. Diese Besessenen damit gebeten worden, zu gehen, weil er
lebten in höhlenartigen Gräbern und Menschenleben für höher als Tiere ach-
waren so bösartig, daß es gefährlich war, tet. Wenn diese Gergesener Juden gewe-
durch diese Gegend zu reisen. sen wären, dann wäre es sogar ungesetz-
8,29-31 Als Jesus sich näherte, lich gewesen, Schweine zu züchten. Aber
schrieen die Dämonen »und sprachen: ob sie Juden waren oder nicht, sie haben
Was haben wir mit dir zu schaffen, Sohn sich ihr Urteil selbst gesprochen, weil sie
Gottes? Bist du hierher gekommen, uns ein Herde Schweine für wertvoller hiel-
vor der Zeit zu quälen?« Sie wußten, wer ten als zwei arme Besessene.
Jesus war, und daß er sie schließlich ver-
nichten würde. In dieser Hinsicht war H. Macht der Sündenvergebung (9,1-8)
ihre Theologie exakter als die der mei- 9,1 Von den Gergasenern abgelehnt über-
sten heutigen liberalen Theologen. Sie querte der Retter den See Genezareth
merkten, daß Jesus sie austreiben wollte nochmals und kehrte nach Kapernaum
und fragten, ob sie nicht in eine Herde zurück, das »seine eigene Stadt« gewor-
Schweine fahren dürften, die in der Nähe den war, nachdem die Menschen in
weidete. Nazareth versucht hatten, ihm umzu-

59
Matthäus 9

bringen (Lk 4,29-31). Hier vollbrachte er 9,8 Als die Menge sah, wie er mit sei-
einige seiner machtvollsten Wunder. ner Matte davonging, wurde sie von
9,2 Vier Männer kamen zu ihm und zwei verschiedenen Gefühlen bewegt:
brachten einen Gelähmten, der auf einem Furcht und Verwunderung. Sie hatten
primitiven Bett oder einer Matte lag. Der Angst vor der Gegenwart einer so offen-
Bericht des Markus erzählt uns, daß sie sichtlich übernatürlichen Heimsuchung.
wegen der Menge das Dach abdecken Sie »verherrlichten Gott, der solche Voll-
mußten und den Mann vor Jesus hinab- macht den Menschen gegeben hat«.
ließen (Mk 2,1-12). »Als Jesus ihren Glau- Doch wurde ihnen nicht die Bedeutung
ben sah, sprach er zu dem Gelähmten: des Wunders klar. Die sichtbare Heilung
Sei guten Mutes, mein Sohn, deine Sün- des Gelähmten geschah, um zu bestä-
den sind vergeben.« Man beachte, daß er tigen, daß dem Mann die Sünden verge-
ihren Glauben sah. Der Glaube führte ben waren, was ein unsichtbares Wunder
diese Männer dazu, den Gelähmten zu ist. Daraus hätten sie schließen müssen,
Jesus zu bringen, der ihn heilen sollte, daß sie nicht Zeuge davon gewesen
und der Glaube des Gelähmten streckte waren, wie Gott seine Autorität an Men-
sich auch nach Jesus um Heilung aus. schen weitergibt, sondern daß Gott unter
Unser Herr belohnte diesen Glauben ihnen in der Person des Herrn Jesus Chri-
zuerst, indem er dem Mann seine Sün- stus gegenwärtig war. Doch das verstan-
den vergab. Der große Arzt heilte die den sie nicht.
Ursache, ehe er die Symptome behandel- Was die Schriftgelehrten angeht, so
te, er gab zuerst den größeren Segen. Das wissen wir durch spätere Ereignisse, daß
wirft die Frage auf, ob der Herr Jesus sie in ihrem Unglauben und Haß nur ver-
jemals einen Menschen geheilt hat, ohne härtet wurden.
ihm auch die Rettung zu geben.
9,3-5 Als einige Schriftgelehrte hör- I. Jesus beruft Matthäus, den Zöllner
ten, wie Jesus diesem Mann die Sünden (9,9-13)
vergab, klagten sie ihn »bei sich selbst« 9,9 Die gespannte Atmosphäre, die sich
der Gotteslästerung an. Schließlich konn- um unseren Retter aufbaut, wird zeit-
te nur Gott Sünden vergeben – und sie weilig entspannt durch Matthäus' einfa-
würden ihn sicherlich nicht als Gott che und demütige Schilderung seiner
annehmen. Der allwissende Herr Jesus eigenen Berufung. Er war ein Zöllner
las ihre Gedanken, tadelte sie wegen des und samt seinen Berufskollegen bei den
Argen in ihren ungläubigen Herzen und Juden sehr verhaßt, und zwar wegen
fragte sie dann, was leichter zu sagen seiner Unehrlichkeit, seinen ungerech-
wäre: »Deine Sünden sind vergeben, terweise überhöhten Steuern und Zoll-
oder zu sagen: Steh auf und geh umher.« einnahmen und vor allem weil er den
Eigentlich ist es ebenso einfach, das eine Interessen des Römischen Reiches dien-
wie das andere zu sagen, doch was ist te, das Israel beherrschte. Als Jesus am
leichter zu tun? Beides ist menschlich Zollhaus vorbeikam, sagte er zu Mat-
gesehen unmöglich, aber die Ergebnisse thäus: »Folge mir nach!« Die Reaktion
der ersten Aufforderung waren nicht kam sofort, er erhob sich und folgte
sichtbar, während die Auswirkung der Jesus nach. Er verließ damit seinen tra-
zweiten sofort wahrnehmbar war. ditionell unehrlichen Beruf, um sofort
9,6.7 Um den Schriftgelehrten zu zei- ein Jünger Jesu zu werden. Wie einmal
gen, daß er die Autorität hatte, »auf Erden jemand gesagt hat: »Er verlor einen be-
Sünden zu vergeben« (und deshalb als quemen Job, aber er fand seine Bestim-
Gott geehrt werden sollte), ließ sich Jesus mung. Er verlor seine gemütliche
herab, ihnen ein Wunder zu zeigen, das Sicherheit, aber er fand ein Abenteuer,
sie sehen konnten. Er wandte sich dem von dem er sich nie hätte träumen las-
Gelähmten zu und sagte: »Steh auf, nimm sen.« Sein Lohn war nicht zuletzt, daß er
dein Bett auf, und geh in dein Haus!« einer der Zwölf wurde und die Ehre

60
Matthäus 9

erhielt, das Evangelium zu schreiben, forderung weg, die Bedeutung der Worte
das nach ihm benannt ist. Jahwes zu lernen: Ich will Barmherzig-
9,10 Das beschriebene Essen wurde keit und nicht Schlachtopfer« (ein Zitat
von Matthäus zur Ehre Jesu gegeben aus Hosea 6,6). Obwohl Gott den Opfer-
(Lk 5,29). Das war seine Art, Jesus öffent- dienst eingeführt hatte, wollte er nicht,
lich zu bekennen und seine Bekannten daß bloße Rituale zum Ersatz für innere
mit dem Retter bekannt zu machen. Des- Gerechtigkeit würden. Gott gefallen Ri-
halb waren natürlich seine Gäste Zöllner tuale ohne persönliche Frömmigkeit
und andere, die als Sünder bekannt nicht – genau so verhielten sich die Pha-
waren. risäer nämlich. Sie beachteten jeden
9,11 Es war in dieser Zeit üblich, zu Buchstaben des Gesetzes, hatten jedoch
essen, indem man auf einer Art Couch mit denen, die geistliche Hilfe brauchten,
mit dem Gesicht zum Tisch lag. Als die kein Erbarmen. Sie hatten nur mit ande-
Pharisäer sahen, daß Jesus sich in dieser ren ähnlich Selbstgerechten Gemein-
Weise mit dem sozialen Abschaum schaft.
zusammentat, gingen sie zu seinen Jün- Dagegen sagte Jesus ihnen ausdrück-
gern, und klagten ihn an, daß er durch lich: »Ich bin nicht gekommen, Gerechte
seine Gemeinschaft gewissermaßen mit- zu rufen, sondern Sünder.« Er erfüllte
schuldig geworden sei, denn ein echter Gottes Forderung nach Opfern ebenso
Prophet würde niemals zusammen mit vollkommen wie die Forderung nach
Sündern essen! Barmherzigkeit. In einer Hinsicht gibt es
9,12 Das hatte Jesus gehört und ant- keine gerechten Menschen auf der Erde,
wortete: »Nicht die Starken brauchen deshalb kam er, um alle Menschen zur
einen Arzt, sondern die Kranken.« Die Umkehr zu rufen. Aber hier wird der
Pharisäer meinten, daß sie gesund seien, Gedanke zum Ausdruck gebracht, daß
und waren nicht gewillt zu bekennen, sein Ruf nur für diejenigen eine Bedeu-
daß sie Jesus brauchten. (In Wahrheit tung hat, die anerkennen, daß sie selbst
waren sie geistlich sogar sehr krank und Sünder sind. Jesus kann niemanden hei-
hätten Heilung dringend notwendig len, der stolz, selbstgerecht und unbuß-
gehabt.) Die Zöllner und Sünder waren fertig ist – wie die Pharisäer.
dagegen wesentlich eher gewillt, ihren
wahren Zustand zuzugeben und Christi J. Jesus wird zum Fasten befragt
rettende Gnade zu suchen. So war die (9,14-17)
Anklage also wahr! Jesus aß wirklich mit 9,14 Zu dieser Zeit war Johannes der
Sündern. Wenn er mit den Pharisäern Täufer wahrscheinlich schon im Gefäng-
gegessen hätte, wäre diese Behauptung nis. Seine Jünger kamen mit einer Frage
noch immer wahr gewesen, und viel- zu Jesus: Sie selbst fasteten sehr oft, aber
leicht noch mehr! Wenn Jesus nicht mit die Jünger Jesu taten das nicht. Warum
Sündern in unserer Welt zusammen nicht?
gegessen hätte, dann hätte er immer 9,15 Der Herr antwortete mit einem
allein essen müssen. Aber es ist wichtig, Bild. Er ist der Bräutigam und die Jünger
sich zu erinnern, daß er, wenn er mit die Hochzeitsgäste. Solange der Bräuti-
Sündern aß, nie ihre Sünden billigte gam bei ihnen ist, gibt es keinen Grund,
oder sein Zeugnis abschwächte. Er ge- als Zeichen der Trauer zu fasten. Wenn er
brauchte die Situation, um alle Men- von ihnen weggenommen werden wür-
schen zur Wahrheit und zur Heiligung de, dann würden auch seine Jünger
aufzurufen. fasten. Er wurde von ihnen genommen –
9,13 Das Problem der Pharisäer war, in Tod und Begräbnis, und seit seiner
daß ihre Herzen, obwohl sie den Gebräu- Himmelfahrt ist er nicht mehr körperlich
chen des Judentums mit großer Genauig- bei seinen Jüngern. Die Worte Jesu befeh-
keit folgten, kalt, hart und gnadenlos len zwar das Fasten nicht, billigen es aber
waren. So schickte Jesus sie mit der Auf- sicherlich als eine gute Übung für alle,

61
Matthäus 9

die auf die Rückkehr des Bräutigams tung aus Gnade wurde in die alten Schläuche
warten (s. Exkurs Kap. 6,16-18). der Gesetzlichkeit geschüttet, und was ist
9,16 Die Frage, die die Johannesjün- dabei herausgekommen? Nun, die Schläuche
ger stellten, ließ Jesus herausstellen, daß sind geplatzt und wertlos geworden und der
Johannes am Ende eines Zeitalter steht Wein ist verschüttet und das meiste des kost-
und das neue Zeitalter der Gnade ver- baren lebensspendenden Getränkes ist ver-
kündigt hat. Er zeigt, daß ihre Prinzipien loren. Das Gesetz hat seinen Schrecken ver-
nicht vermischt werden dürfen. Wenn loren, weil es mit der Gnade vermischt wor-
wir Gesetz und Gnade mischen wollten, den ist, und die Gnade hat ihre Schönheit und
so wäre das, als ob wir »einen Flicken ihr Wesen als Gnade verloren, weil sie mit
15)
von neuem Tuch auf ein altes Kleid« set- Gesetzeswerken vermischt worden ist.
zen würden. Wenn beides gewaschen
wird, dann läuft das neue Tuch ein und K. Macht zur Heilung Unheilbarer
löst sich von dem alten Tuch ab. Dieses und zur Totenauferweckung
Abreißen macht alles nur noch schlim- (9,18-26)
mer. Gaebelein merkt hierzu richtig an: 9,18.19 Jesu Ausführungen über den
Ein judaistisches Christentum, das zwar Wechsel der Zeitalter wurde von einem
die Gnade und das Evangelium bekennt, aber verzweifelten Vorsteher der Synagoge
auch noch versucht, das Gesetz zu halten und unterbrochen, dessen Tochter soeben
eine gesetzliche Gerechtigkeit fördert, ist in gestorben war. Er kniete vor dem Herrn
den Augen Gottes ein größerer Greuel als das nieder, bat ihn zu kommen und sie wie-
Israel der Vergangenheit, das seinen Gott der zum Leben zu erwecken. Es war
zwar bekannte, aber noch Götzendienst außergewöhnlich, daß dieser Vorsteher
14)
trieb. bei Jesus Hilfe suchte, denn die meisten
9,17 Diese Mischung konnte auch jüdischen Führer würden den Zorn und
damit verglichen werden, neuen Wein in die Verachtung der anderen Vorsteher
alte Weinschläuche zu füllen. Der Druck, über eine solche Handlung gefürchtet
der durch die Gärung des neuen Weins haben. Jesus belohnte diesen Glauben,
entsteht, würde die alten Schläuche zer- indem er sich mit seinen Jüngern zum
stören, weil sie nicht mehr elastisch sind. Hause des Vorstehers aufmachte.
Das Leben und die Freiheit des neuen 9,20 Schon wieder eine Unterbre-
Lebens zerstört die alten Schläuche des chung! Diesmal handelte es sich um eine
Ritualismus. Frau, die zwölf Jahre lang an einer
Die Einführung des christlichen Zeit- hämorrhoidenähnlichen Krankheit ge-
alters würde unausweichlich Spannun- litten hatte. Jesus ärgerte sich niemals
gen zur Folge haben. Die Freude, die über solche Unterbrechungen, er war
Christus brachte, konnte in den alten immer gelassen, verfügbar und zugäng-
Formen und Riten des AT keinen Aus- lich.
druck mehr finden. Alles mußte ganz 9,21.22 Medizinische Hilfe war bei
neu geordnet werden. Pettingill macht dieser Frau unwirksam geblieben, ihr
das deutlich: Zustand hatte sich sogar verschlechtert
So warnt der König seine Jünger vor der (Mk 5,26). Als es am schlimmsten mit ihr
Vermischung von Alt und Neu. Und doch stand, begegnete sie Jesus – zumindest
wurde gerade das in der Christenheit sehr oft sah sie ihn von der Menge umgeben. Da
getan. Das Judentum ist geflickt und überall sie glaubte, daß er in der Lage und wil-
von den den Kirchen aufgenommen worden lens war, sie zu heilen, drängte sie sich
und das alte Kleid wird dann »Christentum« durch die Menge und berührte die Qua-
genannt. Das Ergebnis ist eine verwirrende ste seines Kleides. Wahrer Glaube bleibt
Mischung, die weder Judentum noch Chri- bei Jesus niemals unbemerkt. Er drehte
stentum ist, sondern ein ritualistischer Er- sich um und erklärte, daß sie geheilt war.
satz aus toten Werken statt Vertrauen in den Sofort war sie zum ersten Mal seit zwölf
lebendigen Gott. Der neue Wein der Erret- Jahren wieder gesund.

62
Matthäus 9

9,23.24 Die Erzählung kehrt nun zu 9,29.30 Da rührte der große Arzt ihre
dem Vorsteher zurück, dessen Tochter Augen an und versicherte ihnen, sie wür-
gestorben war. Als Jesus das Haus er- den sehen, weil sie geglaubt hatten.
reichte, heulten unentwegte Klageweiber Sofort wurden ihre Augen vollständig
in Trauer, die jemand einmal »synthe- gesund.
tische Trauer« genannt hat. Jesus befahl, Der Mensch sagt: »Erst sehen, dann
daß alle Besucher den Raum verlassen glauben.« Aber Gott sagt: »Glauben heißt
sollten und erklärte gleichzeitig, daß das sehen.« Jesus sagte zu Martha: »Habe ich
Mädchen nicht gestorben sei, sondern dir nicht gesagt, wenn du glaubtest, so
schlafe. Die meisten Ausleger glauben, würdest du die Herrlichkeit Gottes
daß der Herr hier den Ausdruck »schla- sehen?« (Joh 11,40). Der Schreiber des
fen« im übertragenen Sinne verwendete, Hebräerbriefes sagt »Durch Glauben ver-
um damit den Tod zu bezeichnen. An- stehen wir . . .« (Hebr 11,3). Der Apostel
dere allerdings glauben, das Mädchen lag Johannes schrieb: »Dies habe ich euch
im Koma. Diese Interpretation verneint geschrieben, damit ihr wißt, . . . die ihr an
nicht, daß es Jesus möglich gewesen den Namen des Sohnes Gottes glaubt«
wäre, sie vom Tode zu erwecken, sondern (1. Joh 5,13). Gott ist über Glauben, der
will betonen, daß Jesus zu ehrlich war, erst ein Wunder fordert, nicht erfreut. Er
sich für eine Totenauferweckung loben will, daß wir ihm allein deshalb glauben,
zu lassen, wenn das Mädchen nicht wirk- weil er Gott ist.
lich tot war. Sir Robert Anderson zum Warum bedrohte Jesus die geheilten
Beispiel war dieser Meinung. Er wies dar- Männer so ernsthaft, daß sie niemanden
auf hin, daß der Vater und alle anderen von dem Wunder weitersagen sollten? In
gesagt hatten, sie sei gestorben, daß Jesus den Anmerkungen zu 8,4 deuteten wir
aber sagte, sie sei nicht gestorben. an, daß er eventuell verhindern wollte,
9,25.26 Jedenfalls nahm der Herr das vorzeitig auf den Königsthron erhoben
Mädchen bei der Hand und das Wunder zu werden. Die Leute hatten noch nicht
geschah – sie stand auf. Es dauerte nicht Buße getan; und er konnte nicht über sie
lange, da hatte sich die Nachricht von regieren, ehe sie nicht wiedergeboren
dem Wunder in der ganzen Gegend aus- waren. Auch würde ein Umsturz um
gebreitet. Jesu willen schreckliche Strafaktionen
der Römer gegen die jüdische Bevölke-
L. Macht, das Augenlicht rung nach sich ziehen. Außerdem mußte
wiederzugeben (9,27-31) Jesus zuerst ans Kreuz geschlagen wer-
9,27.28 Als Jesus aus der Nachbarschaft den, ehe er als König regieren konnte.
des Vorstehers »weiterging, folgten ihm Alles, was seinen Weg nach Golgatha
zwei Blinde, und baten ihn, daß er sie verhindern wollte, stand dem vorher-
wieder sehend mache«. Obwohl diese bestimmten Plan Gottes entgegen.
Männer kein natürliches Sehvermögen 9,31 In ihrer großen Freude über ihr
mehr hatten, hatten sie doch eine sehr Augenlicht verbreiteten die Männer die
deutliche geistliche Sicht. Indem sie Jesus Nachricht ihrer wunderbaren Heilung
als »Sohn Davids« anredeten, erkannten überall. Während wir versucht sind, mit
sie ihn als den lange erwarteten Messias ihnen zu fühlen und sie sogar für ihr
und rechtmäßigen König Israels an. Und überschwengliches Zeugnis zu bewun-
sie wußten, wenn der Messias käme, dern, bleibt die nackte Tatsache be-
wäre es ein Prüfstein für ihn, daß er Blin- stehen, daß sie äußerst ungehorsam wa-
de sehend machen würde (Jes 35,5; 42,7). ren und unausweichlich mehr Schlech-
Als Jesus ihren Glauben prüfte indem er tes als Gutes für Jesus taten, indem sie
fragte, ob sie denn glaubten, er sei dazu eher flache Neugier als geistgeleitetes
in der Lage (nämlich ihnen das Augen- Interesse erregten. Nicht einmal Dank-
licht wiederzugeben), da antworteten sie barkeit ist eine gültige Ausrede für Un-
ohne Zögern: »Ja, Herr.« gehorsam.

63
Matthäus 9

M. Macht, die Sprache zurückzugeben Glauben angeboten. Was wäre gesche-


(9,32-34) hen, wenn Israel darauf eingegangen
9,32 Erst gab Jesus einer Toten Leben, wäre? Die Bibel beantwortet uns diese
dann dem Blinden Augenlicht und nun Frage nicht. Wir wissen, daß Christus
einem Stummen die Sprache. Hier noch immer hätte sterben müssen, um
scheint eine geistliche Anordnung der eine gerechte Basis zu schaffen, auf der
Wunder vorzuliegen: erst Leben, dann Gott die Sünder aller Zeitalter rechtfer-
Verständnis und schließlich Zeugnis. tigen kann.
Ein böser Geist hatte diesen Mann mit Während Christus lehrte und predig-
Taubheit geschlagen. Jemand kümmerte te, heilte er auch alle Arten von Krank-
sich um ihn, indem er den Besessenen zu heiten. Geradeso, wie Wunder das erste
Jesus brachte. Gott segne die Menge der Kommen Christi in Niedrigkeit beglei-
Ungenannten, die Er dazu benützen teten, so werden sie das zweite Kommen
konnte, andere zu Jesus zu bringen! in Macht und Herrlichkeit begleiten
9,33 Sobald der Dämon ausgetrieben (man vgl. Hebr 6,5: »die Kräfte des zu-
war, redete der Stumme. Sicherlich kön- künftigen Zeitalters«).
nen wir annehmen, daß er seine wieder- 9,36 Als er die Menge der Israeliten
hergestellte Sprechfähigkeit benutzte, betrachtete, die erschöpft und hilflos
um den anzubeten, der ihn so gnädig war, da sah er sie als Schafe ohne Hirten.
geheilt hatte, um ihn zu bezeugen. Die Er hatte großes Mitleid mit ihnen. Ach,
einfachen Leute bekannten, daß Israel daß wir uns dieses Streben nach dem
Zeuge von nie dagewesenen Wundern geistlichen Wohlergehen der Verlorenen
wurde. und Sterbenden zu eigen machten! Wie
9,34 Aber die Pharisäer mißachteten nötig haben wir es, ständig zu beten:
das, indem sie sagten, Jesus triebe die Laß mich die Menge sehn,
Dämonen durch den Obersten der Dä- wie es der Retter tat,
monen aus. Diese Behauptung bezeich- bis mir ein Tränenschleier
nete Jesus später als die unvergebbare den Blick verschleiert hat.
Sünde (12,32). Wer ein Wunder, das er Laß mich verlorne Schafe
durch den Heiligen Geist vollbrachte, erbarmungsvoll betrachten
der Macht Satans zuschrieb, lästerte den und suchen, lieben, heilen,
Heiligen Geist. Während andere durch die ohne Dich verschmachten.
die heilende Berührung Christi gesegnet 9,37 Eine große geistliche Ernte war
wurden, blieben die Pharisäer geistlich einzubringen, doch der Arbeiter waren
tot, blind und taub. wenige. Dieses Problem besteht auch
heute noch, wie es scheint. Die Not ist
immer größer als die Arbeitskraft.
VI. Die Apostel des Messias-König 9,38 Der Herr Jesus befahl den Jün-
werden nach Israel gesandt gern, den Herrn der Ernte zu bitten, daß
(9,35 – 10,42) er Arbeiter aussende in seine Ernte. Man
beachte hierbei, daß die Not nicht unbe-
A. Der Bedarf an Arbeitern für die dingt einen Ruf bedeutet. Arbeiter soll-
Ernte (9,35-38) ten nicht gehen, ehe sie nicht gesandt
9,35 In diesem Vers beginnt Jesu so- sind.
genannte dritte Galiläische Rundreise. Christus, der Sohn Gottes,
Jesus reiste durch die Städte und Dörfer, hat mich gesandt
predigte die gute Nachricht vom Reich, ins Land der Mitternacht.
nämlich, daß er der König Israels sei, Ich habe die mächtige Berufung
und daß er über sie regieren würde, der Hände, die durchgraben sind.
wenn das Volk umkehren und ihn aner- Frances Bevan
kennen würde. Zu dieser Zeit wurde Jesus sagte nicht, wer der Herr der
dem Volk Israel das Reich auf Treu und Ernte ist. Einige meinen, daß der Heilige

64
Matthäus 9 und 10

Geist gemeint ist. In Kapitel 10,5 sendet 6. »Bartholomäus.« Man nimmt an, daß
Jesus selbst die Jünger aus, so daß es klar er mit Nathanael identisch ist, dem
scheint, daß er selbst derjenige ist, zu Israeliten, in dem Jesus keinen Trug
dem wir in dieser Angelegenheit der fand (Joh 1,47).
Weltmission beten sollen. 7. »Thomas«, auch genannt »Zwilling«.
Er ist allgemein als der »ungläubige
B. Die Berufung der zwölf Jünger Thomas« bekannt, doch wurde sein
(10,1-4) Unglaube durch ein wunderbares
10,1 Im letzten Vers von Kapitel 9 weist Zeugnis für Christus ersetzt
der Herr seine Jünger an, für mehr Arbei- (Joh 20,28).
ter zu bitten. Um diese Bitte ehrlich vor- 8. »Matthäus.« Der frühere Zöllner, der
tragen zu können, müssen die Gläubigen dieses Evangelium geschrieben hat.
gewillt sein, selbst zu gehen. Deshalb 9. »Jakobus, der Sohn des Alphäus.«
sehen wir jetzt, wie der Herr seine zwölf Von ihm ist sonst kaum etwas be-
Jünger beruft. Er hatte sie schon vorher kannt.
ausgewählt, doch nun beruft er sie zu 10. »Lebbäus, mit dem Zunamen Thad-
einem besonderen evangelistischen Ein- däus« (LU 1912). Er ist auch als Judas,
satz im Volk Israel. Mit der Berufung Sohn des Jakobus bekannt (Lk 6,16).
erhielten sie die Vollmacht, Dämonen Sein einziger überlieferter Satz findet
auszutreiben und alle verschiedenen sich in Johannes 14,22.
Arten von Krankheiten zu heilen. Wir 11. »Simon, der Kanaanäer«, den Lukas
können hier die Einzigartigkeit Jesu den »Eiferer« nennt (Lk 6,15).
sehen. Auch vor ihm gab es Männer, die 12. »Judas, der Iskariot«, der den Herrn
Wunder getan hatten, aber niemand hat- verraten hat.
te diese Fähigkeit je auf andere übertra- Die Jünger waren zu dieser Zeit
gen. wahrscheinlich Anfang zwanzig. Aus
10,2-4 Die zwölf Apostel waren: verschiedenen Lebensumständen kom-
1. »Simon, der Petrus genannt wird.« mend und sicherlich nur durchschnitt-
Als impulsiver, großzügiger und lie- lich begabt, lag ihre Größe in ihrer Ver-
bevoller Mann war er der geborene bindung zu Jesus.
Anführer.
2. »Andreas, sein Bruder.« Er wurde C. Die Sendung nach Israel (10,5-33)
Jesus durch Johannes den Täufer vor- 10,5.6 Der Rest des Kapitels enthält Jesu
gestellt (Joh 1,36.40) und brachte Anweisungen für eine besondere Pre-
dann seinen Bruder Petrus zu ihm. Er digtrundreise, die dem Hause Israel galt.
machte es danach zu seiner Aufgabe, Wir dürfen dies nicht mit der Aussen-
auch andere Menschen zu Jesus zu dung der siebzig Jünger verwechseln,
bringen. die später stattfindet (Lk 10,1) oder mit
3. »Jakobus, der Sohn des Zebedäus.« dem Missionsbefehl (Matth 28,19.20).
Er wurde später von Herodes umge- Hier haben wir einen zeitweiligen Auf-
bracht (Apg 12,2) – er war der erste trag mit dem besonderen Ziel der An-
der Zwölf, der als Märtyrer starb. kündigung, der Nähe des Reiches der
4. »Johannes, sein Bruder.« Auch er war Himmel. Während einige der Anwei-
ein Sohn des Zebedäus. Er war der sungen von bleibendem Wert für die Jün-
Jünger, den Jesus liebhatte. Wir ver- ger aller Zeitalter sind, beweist die Tat-
danken ihm das vierte Evangelium, sache, daß einige von ihnen vom Herrn
drei Briefe und die Offenbarung. später wieder aufgehoben worden sind,
5. »Philippus.« Er kam aus Bethsaida daß sie nicht für immer gedacht waren
und brachte Nathanael zu Jesus. Er ist (Lk 22,35.36).
nicht zu verwechseln mit dem Evan- Als erstes wird die Route angegeben.
gelisten Philippus in der Apostel- Sie sollten weder zu den Nationen noch
geschichte. zu den Samaritern gehen, einer Misch-

65
Matthäus 10

rasse, die die Juden verachteten. Diesmal 10,12-14 Wenn ein Haus sie empfing,
war ihr Dienst auf die »verlorenen Scha- sollten sie die Familie segnen und ihnen
fe des Hauses Israel« begrenzt. Freundlichkeit und Dankbarkeit für die-
10,7 Die Botschaft war die Verkün- se Gastfreundschaft erzeigen. Wenn an-
digung, daß das Reich der Himmel nahe dererseits sich ein Haus weigerte, die
gekommen war. Wenn Israel es ablehnte, Botschafter des Herrn aufzunehmen,
dann würden sie keine Entschuldigung waren sie nicht verpflichtet, Gottes Frie-
haben, weil es eigens für sie eine offi- den auf dieses Haus herabzuwünschen,
zielle Ankündigung gegeben hatte. Das das heißt, sie brauchten sie nicht zu seg-
Reich hatte sich in der Person des Königs nen. Nicht nur das, sondern sie sollten
genähert. Israel mußte sich entscheiden, das Mißfallen Gottes verdeutlichen, in-
ob es ihn anerkennen oder ablehnen dem sie den Staub von ihren Füßen
wollte. schütteln sollten. Wenn eine Familie sei-
10,8 Die Jünger erhielten Gaben, die ne Jünger ablehnte, dann lehnte sie Chri-
sie vor den Menschen zur Bestätigung der stus selbst ab.
Botschaft ausweisen sollten: Sie sollten 10,15 Jesus warnte davor, daß eine
16)
»Kranke heilen, Tote auferwecken , Aus- solche Ablehnung am Tag des Gerichts
sätzige reinigen und Dämonen austrei- schwere Bestrafung nach sich ziehen
ben«. Die Juden verlangten Zeichen (1. würde, schlimmer als die Strafe für die
Kor 1,22), deshalb ließ Gott sich großzü- Verderbtheiten in Sodom und Gomorra.
gig herab, ihnen diese Zeichen zu geben. Das beweist, daß es verschiedene Grade
Die Vertreter des Herrn sollten keinen der Bestrafung in der Hölle geben muß,
Lohn für ihren Dienst nehmen. Sie hatten wie sollte es sonst einigen »erträglicher«
ihre Segnungen kostenlos erhalten und als anderen ergehen?
sie sollten sie ebenso weitergeben. 10,16 In diesem Abschnitt berät Jesus
10,9.10 Sie sollten keinerlei Vorsorge die Jünger in bezug auf ihr Verhalten in
für die Reise treffen. Sie waren doch Is- der Verfolgung. Sie würden »wie Schafe
raeliten, die ihrem eigenen Volk predig- mitten unter Wölfen« sein, umgeben von
ten, und es war unter den Juden ein aner- hinterhältigen Menschen, die darauf aus
kanntes Prinzip, daß der Arbeiter seiner sind, sie zu vernichten. Sie sollten so klug
Nahrung wert ist. Deshalb war es für sie wie die Schlangen sein, indem sie unnö-
nicht nötig, Gold, Silber, Kupfer, eine tigen Anstoß vermieden und sich nicht in
Tasche für Essen, zwei Untergewänder, bloßstellende Situationen hineinziehen
Sandalen oder einen Stab mitzunehmen. ließen. Und sie sollten einfältig wie die
Das kann bedeuten, keine zusätzlichen Tauben sein, nur geschützt durch die
Sandalen und keinen zusätzlichen Stab Rüstung eines gerechten Charakters und
mitzunehmen. Wenn sie schon einen hat- ungetrübten Glaubens.
ten, dann durften sie ihn mitnehmen (Mk 10,17 Sie sollten vor ungläubigen
6,8). Der dahinterstehende Gedanke ist, Juden auf der Hut sein, die sie vor
daß Tag für Tag für sie gesorgt werden Gericht ziehen und in ihren Synagogen
würde. geißeln würden. Der Angriff würde mit
10,11 Wie sollten sie für Unterkunft öffentlichen und religiösen Mitteln ge-
sorgen? Wenn sie in eine Stadt kamen, führt werden.
sollten sie sich nach einem würdigen 10,18 Sie würden um Christi willen
Gastgeber umsehen – einer, der sie als vor Könige und Statthalter gezerrt wer-
Jünger des Herrn empfangen würde und den. Aber Gottes Sache würde über das
für ihre Botschaft offen wäre. Wenn sie Böse des Menschen triumphieren. »Der
einmal einen solchen Gastgeber gefun- Mensch geht den Weg der Bosheit, doch
den hatten, dann sollten sie so lange bei der Herr geht seinen Weg.« In der Stunde
ihm bleiben, wie sie in der Stadt blieben, ihrer scheinbaren Niederlage würden die
statt Ausschau nach einer bequemeren Jünger das unvergleichliche Vorrecht
Unterkunft zu halten. haben, vor Herrschern und Nationen

66
Matthäus 10

Zeugnis zu geben. Gott würde alle Dinge ohne Ausnahme, doch in allen Kulturen,
zum Guten verwenden. Das Christen- Nationen, Klassen usw. »Wer aber aus-
tum hat von offiziellen Behörden viel zu harrt bis ans Ende, der wird errettet wer-
leiden gehabt, doch es wurde »ihnen . . . den.« Wenn man diesen Satz isoliert
zum Zeugnis«. betrachtet, könnte man daraus schließen,
10,19.20 Sie brauchten nicht im vor- daß man die Errettung durch bestän-
aus zu üben, was sie in einer Verhand- diges Ausharren verdienen könne. Wir
lung sagen sollten. Wenn die Zeit gekom- wissen, daß dieser Satz nicht so gedeutet
men war, würde der Geist Gottes ihnen werden kann, weil in der Schrift die
göttliche Weisheit geben, so zu antwor- Errettung immer als großzügiges Ge-
ten, daß sie Christus verherrlichen, ihre schenk der Gnade Gottes durch den
Ankläger verwirren und aufhalten konn- Glauben dargestellt wird (Eph 2,8.9).
ten. Man sollte zwei Extreme bei der Auch kann dieser Vers nicht bedeuten,
Auslegung von Vers 19 vermeiden: Das daß diejenigen, die Christus treu sind,
erste Extrem ist zu meinen, daß ein vor dem leiblichen Tod bewahrt werden,
Christ niemals eine Botschaft vorbereiten denn die vorhergehenden Verse sagen
müsse. Das zweite Extrem ist die den Tod einiger treuer Jünger voraus. Die
Ansicht, daß dieser Vers für uns nicht einfachste Erklärung lautet, daß Aushar-
mehr gelte. Es ist für einen Prediger rich- ren ein wichtiges Kennzeichen des wah-
tig und wünschenswert, im Gebet auf ren Gläubigen ist. Wir finden dieselbe
Gott zu harren, daß er ihm das richtige Aussage in Matthäus 24,13, wo es sich
Wort für eine bestimmte Situation im auf den treuen Überrest der Juden
voraus gibt. Aber es ist auch wahr, daß in während der Trübsal bezieht, der sich
Krisen alle Gläubigen die Verheißung weigert, in bezug auf seine Treue zu
Gottes in Anspruch nehmen dürfen, mit Jesus Kompromisse einzugehen. Das
göttlicher Eingebung zu sprechen. Sie Ausharren weist diese Menschen als
werden dabei Sprachrohr des Geistes echte Jünger aus.
ihres Vaters sein. In Bibelabschnitten, die sich mit der
10,21 Jesus warnte seine Jünger, daß Zukunft beschäftigen, wechselt der Hei-
sie mit Verrat zu tun bekommen würden. lige Geist oft von der unmittelbaren zur
Der Bruder würde den Bruder anklagen, fernen Zukunft. Eine Prophezeiung kann
der Vater sein Kind verraten und die Kin- eine teilweise und sofortige Bedeutung
der ihre Eltern anzeigen, so daß diese haben und auch eine vollständige und
schließlich getötet würden. weiter entfernte Erfüllung. Zum Beispiel
J. C. Macaulay drückte das gut aus: können die beiden Kommen Christi ohne
Wir befinden uns in guter Gesellschaft, Erklärung in einem einzigen Atemzug
wenn wir den Haß der Welt ertragen müssen genannt sein (Jes 52,14.15; Mich 5,2-4). In
. . . Der Diener darf nicht erwarten, daß er in den Versen 22 und 23 redet der Herr
der Hand des Feindes besser behandelt wird Jesus auch in einem solch unmittelbaren
als der Herr selbst. Wenn die Welt nichts bes- Übergang. Er warnt die zwölf Jünger
seres als das Kreuz für Jesus hatte, dann wird davor, daß sie um seinetwillen leiden
sie für seine Nachfolger keine königliche Kut- müssen, dann scheint er sie als Vorbild
sche bereitstellen: Wenn es nur Dornen für seiner hingegebenen jüdischen Nachfol-
Ihn gibt, dann werden wir nicht mit Blüten ger während der großen Trübsal zu
bekränzt werden . . . Laßt uns nur darauf sehen. Er springt von der Verfolgung der
achthaben, daß der Haß der Welt wirklich ersten Christen zu den Drangsalen der
»um Jesu willen« auf uns liegt und nicht Gläubigen unmittelbar vor seiner Wie-
wegen etwas Hassenswertem oder etwas, das derkunft.
unwürdig des barmherzigen Herrn ist, den Der erste Teil von Vers 23 könnte sich
17)
wir vertreten. auf die Jünger beziehen: »Wenn sie euch
10,22.23 Die Jünger würden »von aber verfolgen in dieser Stadt . . .« Sie
allen gehaßt werden« – nicht von allen waren nicht verpflichtet, unter der

67
Matthäus 10

Tyrannei ihrer Feinde auszuhalten, wenn und beantwortet sie, indem er sie an ihre
es eine ehrliche Fluchtmöglichkeit gab. Beziehung zu ihm erinnert. Sie waren die
»Es ist falsch, vor der Pflicht, nicht aber Jünger, und er war der Lehrer. Sie waren
vor der Gefahr zu fliehen.« Sklaven, er war ihr Herr. Sie waren Haus-
Der zweite Teil von Vers 23 bringt uns genossen, er war der Herr des Hauses.
in die Tage vor der Herrschaft Christi Wenn die Menschen den ehrwürdigen
über die Erde: ». . . Ihr werdet mit den Hausherrn »Beelzebub« nennen würden
Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der (»Herr der Fliegen«, eine ekronitische
Sohn des Menschen gekommen sein Gottheit, dessen Name von den Juden
wird.« Das kann sich nicht auf die Aus- für Satan verwendet wurde), würden sie
sendung der zwölf Jünger beziehen, weil seine Hausgenossen noch schlimmer
der Sohn des Menschen zu ihrer Zeit beleidigen. Jüngerschaft beinhaltet Teil-
schon gekommen war. Einige Ausleger habe an der Ablehnung, die der Meister
verstehen diesen Satz als einen Hinweis erfahren hat.
auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 10,26.27 Dreimal sagte der Herr sei-
v. Chr. Dennoch ist es schwierig, wie man nen Nachfolgern, sie sollten sich nicht
von diesem Holocaust als dem »Kommen fürchten (V. 26.28.31). Erstens sollen sie
des Menschensohnes« sprechen kann. Es sich nicht vor dem scheinbaren Sieg ihrer
scheint weitaus annehmbarer zu sein, Feinde fürchten. Jesus würde einst in
hier einen Hinweis auf sein zweites Kom- Herrlichkeit gerechtfertigt werden. Bis-
men zu sehen. Während der großen Trüb- her war das Evangelium relativ »ver-
sal werden die treuen jüdischen Brüder deckt« und seine Lehre war vergleichs-
Christi das Evangelium vom Reich weiter weise verborgen. Aber bald sollten die
verbreiten. Sie werden dabei hart verfolgt Jünger die christliche Botschaft mutig
werden. Ehe sie alle Städte Israels errei- verkündigen, die ihnen bis zu diesem
chen können, wird der Herr Jesus wie- Zeitpunkt im verborgenen, das heißt
derkommen, um seine Feinde zu richten nicht öffentlich, gelehrt wurde.
und sein Reich zu errichten. 10,28 Zweitens sollten die Jünger
Hier liegt ein scheinbarer Wider- nicht den mörderischen Zorn der Men-
spruch zu Matthäus 24,14 vor. Hier lesen schen fürchten. Das schlimmste, was
wir, daß nicht alle Städte Israels erreicht Menschen zu tun vermögen, ist, den Leib
werden, ehe der Sohn des Menschen zu töten. Der körperliche Tod ist für
gekommen sein wird. Dort heißt es, daß einen Christen nicht die größte Tragödie.
das Evangelium vom Reich in aller Welt Sterben heißt, bei Christus zu sein, und
gepredigt werden wird, ehe Jesus wie- deshalb etwas besseres erreichen. Ster-
derkommt. Dennoch haben wir hier kei- ben bedeutet Befreiung von Sünde,
nen Widerspruch. Das Evangelium wird Kummer, Krankheit, Leiden und Tod; es
allen Völkern verkündigt werden, wenn ist nur ein Übergang in die ewige Herr-
auch nicht notwendigerweise jedem ein- lichkeit. So ist das schlimmste, was Men-
zelnen Menschen. Aber dieser Botschaft schen tun können, in Wirklichkeit das
wird viel Widerstand begegnen, und die beste, was einem Kind Gottes geschehen
Boten werden in Israel hart verfolgt und kann.
behindert werden. Deshalb werden nicht Die Jünger sollten nicht Menschen
alle Städte Israels erreicht werden. fürchten, sondern Ehrfurcht vor Gott
10,24.25 Die Jünger des Herrn wür- haben, der sowohl Seele als Leib zu ver-
den oft Gelegenheit haben sich zu fragen, derben vermag in der Hölle. Das ist der
warum sie solch schlechte Behandlung größte Verlust – ewige Trennung von
erfahren und ertragen müssen. Wenn Gott, von Christus und von der Hoff-
Jesus doch der Messias war, warum soll- nung. Geistlicher Tod ist ein Verlust, der
ten seine Nachfolger leiden statt mitzure- nicht zu ermessen ist und ein Verhäng-
gieren? In den Versen 24 und 25 nimmt nis, daß man, koste es was es wolle, ver-
der Herr Jesus ihre Verwirrung vorweg meiden muß.

68
Matthäus 10

Die Worte Jesu in Vers 28 erinnern an son unter Druck, wie im Falle des Petrus,
die Worte des Gottesmannes John Knox sondern auf die Art der Verleugnung, die
(1514 – 1572), dessen Grabspruch lautet: sich endgültig in einer Gewohnheit aus-
»Hier liegt einer, der Gott so sehr fürchte- drückt.
te, daß er nie einen Menschen fürchtete.«
10,29 Inmitten der schrecklichsten D. Nicht Frieden, sondern das Schwert
Anfechtungen sollten sich die Jünger der (10,34-39)
Fürsorge Gottes sicher sein. Der Herr 10,34 Die Worte unseres Herrn müssen
Jesus verdeutlicht das an den überall als sprachliches Bild verstanden werden,
vorhandenen Spatzen. Man konnte zwei in dem die sichtbaren Ergebnisse seines
dieser unbedeutenden Vögel für ein Kommens als scheinbares Ziel seiner
Kupferstück erwerben. Doch keiner von Ankunft umschrieben werden. Er sagt,
ihnen stirbt, ohne, daß der Vater es will, daß er nicht gekommen sei, Frieden zu
er es weiß oder dabei ist. Wie jemand ein- bringen, sondern das Schwert. In Wahr-
mal sagte: »Gott ist sogar beim Begräbnis heit kam er jedoch, um Frieden zu
eines Spatzen dabei.« machen (Eph 2,14-17). Er kam, damit die
10,30.31 Derselbe Gott, der sich per- Welt durch ihn gerettet würde (Joh 3,17).
sönlich für den kleinen Spatzen interes- 10,35-37 Hier wird dagegen betont,
siert, zählt genau die Haare auf dem daß, wann immer Menschen seine Nach-
Haupt seiner Kinder. Eine Haarsträhne folger würden, ihre Familien sich gegen
ist sicherlich wesentlich weniger wert als sie wenden würden. Einem bekehrten
ein Spatz. Das zeigt, daß Gottes Kinder Vater würde von seinem Sohn Wider-
ihm noch viel wichtiger sind als viele stand entgegengebracht werden, einer
Sperlinge. Wovor sollten sie sich also frommen Mutter von ihrer ungeretteten
fürchten? Tochter. Eine wiedergeborene Schwie-
10,32 Angesichts der eben geführten germutter würde von ihrer nicht wieder-
Überlegungen: Was kann vernünftiger geborenen Schwiegertochter gehaßt wer-
sein, als daß die Jünger Christi ihn ohne den. So stehen Christen oftmals vor der
Furcht vor den Menschen bekennen soll- Wahl zwischen Christus und der Familie.
ten? Jeder Spott oder jeder Tadel, den sie Keine natürlichen Bande dürfen den Jün-
ertragen müssen, wird ihnen im Himmel ger von der absoluten Treue zum Herrn
reichlich belohnt, wenn Jesus sie vor sei- abhalten. Der Retter muß wichtiger sein
nem Vater bekennt. Das Bekenntnis zu als Vater, Mutter, Sohn oder Tochter. Ein
Christus beinhaltet hier auch Hingabe an Preis der Jüngerschaft ist die Erfahrung
ihn als den Herrn und Retter und die von Spannung, Streit und Entfremdung
daraus resultierende Anerkennung sei- von der eigenen Familie. Diese Feind-
ner Herrschaft durch das Leben und schaft ist oftmals erbitterter als in an-
durch den Mund. Bei fast allen zwölf deren Lebensbereichen.
Jüngern führte das Bekenntnis zum 10,38 Aber es gibt etwas, das noch
Herrn ins Martyrium. eher als die Familie Christus seines recht-
10,33 Verleugnung Christi auf Erden mäßigen Platzes im Leben eines Men-
wird die Verleugnung durch Christus schen berauben kann – das ist die Liebe
vor dem Vater, der in den Himmeln ist, zum eigenen Leben. Deshalb setzt Jesus
nach sich ziehen. Christus in diesem Sin- hier hinzu: »Und wer nicht sein Kreuz
ne zu verleugnen bedeutet, daß man sich aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner
weigert, Jesu Anspruch auf das eigene nicht würdig.« Das Kreuz war natürlich
Leben anzuerkennen. Derjenige, dessen ein Hinrichtungsinstrument. Das Kreuz
Leben praktisch sagt: »Ich habe dich nie auf sich nehmen und Christus nachfol-
gekannt« wird schließlich von ihm zu gen bedeutet, so hingegeben zu leben,
hören bekommen: »Ich habe dich nie daß sogar der Tod selbst kein zu hoher
gekannt.« Der Herr bezieht sich nicht auf Preis dafür ist. Nicht alle Jünger müssen
eine zeitweilige Verleugnung seiner Per- ihr Leben für ihren Herrn opfern, aber

69
Matthäus 10 und 11

alle sind aufgerufen, Ihn so hoch zu an denken, wenn man geneigt ist, einen Pre-
schätzen, daß ihr eigenes Leben für sie diger zu kritisieren. Wenn du ihm hilfst, für
nicht mehr wertvoll ist. Gott zu sprechen, und ihn ermutigst, dann
10,39 Die Liebe zu Christus muß den wirst du einen Teil seines Lohnes erhalten.
Selbsterhaltungstrieb beherrschen kön- Aber wenn du es ihm erschwerst, seinen
nen. »Wer sein Leben findet wird es ver- Dienst zu tun, dann wirst du diesen Lohn
lieren, und wer sein Leben verliert um verlieren. Es ist eine großartige Sache, einem
Christi willen, wird es finden.« Die Ver- Mann zu helfen, der Gutes tun will. Du soll-
suchung besteht darin, das eigene Leben test nicht seine Kleidung, seine Manieren,
zu lieben, indem man die Schmerzen sein Auftreten oder seine Stimme betrachten,
und die Verluste eines völlig hingege- sondern hinter diese Dinge sehen und dich
benen Lebens umgehen will. Aber dies fragen: »Ist das eine Botschaft Gottes für
ist die größte Lebensverschwendung – es mich? Ist dieser Mann für meine Seele ein
in der Selbstsucht zu leben. Die groß- Prophet Gottes?« Und wenn er das ist, dann
artigste Verwendung eines Lebens ist, es nimm ihn auf, bestärke ihn in seinem Wort
im Dienst an Christus aufzuopfern. Wer und Werk und erhalte dann Anteil an seinem
18)
sein Leben in der Hingabe an Ihn ver- Lohn.
liert, wird seine wahre Fülle erfahren. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil
er ein Gerechter ist, der soll eines Gerech-
E. Der Becher kalten Wassers ten Lohn empfangen. Diejenigen, die
(10,40-42) nach äußerlicher Attraktivität oder mate-
10,40 Nicht jeder wird die Botschaft der riellem Reichtum urteilen, erkennen oft
Jünger ablehnen. Einige werden die Jün- nicht, daß wirklicher moralischer Wert
ger als die Repräsentanten des Messias oft sehr bescheiden auftritt. Die Art, wie
anerkennen und sie freundlich aufneh- ein Mann mit einem höchst einfältigen
men. Die Jünger haben sicher nicht die Jünger umgeht, ist die Art, wie er mit
Mittel, solche Freundlichkeit zu beloh- Christus umgeht.
nen, aber sie brauchen darüber nicht 10,42 Keine Handreichung, die einem
traurig zu sein. Alles, was für sie getan Nachfolger Jesu getan wird, wird unbe-
werden wird, wird so belohnt, als ob es achtet bleiben. Sogar ein Becher kalten
für den Herrn getan wäre. Wassers wird großzügig belohnt, wenn
Einen Jünger zu empfangen heißt, er einem Jünger gegeben wird, weil er
Christus zu empfangen, und Ihn zu emp- ein Nachfolger des Herrn ist.
fangen bedeutet, den Vater zu empfan- So beschließt der Herr seine spezielle
gen, der ihn gesandt hat. Wer einen Bot- Rede an die Zwölf, indem er ihnen wirk-
schafter empfängt, der die Regierung liche Würde mitgibt. Wenn es auch
vertritt, die ihn sendet, der genießt diplo- zutraf, daß sie verfolgt, verachtet, einge-
matische Beziehungen mit diesem Land. sperrt, versucht, ins Gefängnis geworfen
10,41 Jeder, der einen Propheten auf- und womöglich getötet würden, so soll-
nimmt, weil er ein Prophet ist, wird den ten sie doch nie vergessen, daß sie Ver-
Lohn eines Propheten empfangen. A. T. treter des Königs waren und daß es ihr
Pierson kommentiert dazu: herrliches Vorrecht war, für ihn zu reden
Die Juden hielten den Lohn eines Prophe- und zu handeln.
ten für den größten, weil der König zwar das
Land im Namen des Herrn regiert und der VII. Wachsender Widerstand und
Priester im Namen des Herrn dient, der Pro- Ablehnung (Kap. 11 und 12)
phet jedoch vom Herrn gesandt ist, um beide
zu belehren. Christus sagt, schon wenn du A. Johannes der Täufer wird ins
nicht mehr tust als einen Propheten in seiner Gefängnis geworfen (11,1-19)
Eigenschaft als Propheten aufzunehmen, 11,1 Nachdem er seine zwölf Jünger zu
wird dir derselbe Lohn wie dem Propheten ihrer besonderen zeitweiligen Aufgabe
gegeben, wenn du ihm hilfst. Man sollte dar- am Hause Israel ausgesandt hatte, »ging

70
Matthäus 11

Jesus von dort weg«, um in den Städten Einsicht Jesus von Nazareth als den ver-
Galiläas zu lehren und zu predigen, wo heißenen Messias erkannten.
die Jünger vormals gelebt hatten. Vers 6 sollte nicht als Tadel für Johan-
11,2.3 Zu dieser Zeit war Johannes nes den Täufer verstanden werden. Der
schon durch Herodes gefangen genom- Glaube eines jeden muß von Zeit zu Zeit
men worden. Entmutigt und einsam gestärkt und bestätigt werden. Eine
begann er sich Gedanken zu machen. Sache ist es, zeitweilig das Vertrauen zu
Wenn Jesus wirklich der Messias war, verlieren, eine andere dagegen, sich dau-
warum erlaubte er es dann, daß sein Vor- ernd der wahren Person des Herrn Jesus
läufer im Gefängnis schmachten mußte? unsicher zu sein. Ein einziges Kapitel
Wie viele große Männer Gottes litt Jo- kann nie die ganze Geschichte eines
hannes zeitweilig an mangelndem Ver- Menschen erzählen. Wenn wir das Leben
trauen. Deshalb sandte er zwei seiner des Johannes als Ganzes nehmen, dann
Jünger um zu fragen, ob Jesus wirklich finden wir viele Aufzeichnungen über
der war, den die Propheten vorhergesagt seine Treue und Standhaftigkeit.
hatten oder ob sie noch immer nach dem 11,7.8 Sobald die Jünger des Johannes
Gesalbten Ausschau halten sollten. mit Jesu aufrichtender Nachricht zurück-
11,4.5 Jesus antwortete, indem er gekehrt waren, wandte sich der Herr an
Johannes daran erinnerte, daß er die die Volksmengen und pries den Täufer.
Wunder tat, die der vorhergesagte Mes- Dieselbe Menge war in die Wüste
sias auch tun sollte: »Blinde werden geströmt, als Johannes dort predigte.
sehend« (Jes 35,5), »Lahme gehen« Warum? Um ein schwaches, schwanken-
(Jes 35,6), »Aussätzige werden gereinigt« des Rohr zu sehen, das vom Wind jeder
(Jes 53,4, vgl. Matth 8,16.17), »Taube hö- menschlichen Meinung hin und her
ren« (Jes 35,5) »und Tote werden aufer- bewegt wird? Sicherlich nicht! Johannes
weckt« (nicht vom Messias prophezeit, war ein furchtloser Prediger, das leben-
das war ein größeres als die vorhergesag- dig gewordene Gewissen, einer, der eher
ten Wunder). Jesus erinnerte Johannes leiden als schweigen, eher sterben als
auch daran, daß das Evangelium den lügen würde. Waren sie gekommen,
Armen gepredigt würde als Erfüllung einen wohlgekleideten Höfling zu sehen,
der messianischen Prophezeiung in der es sich in seinem Luxus gut gehen
Jesaja 61,1. Normale religiöse Führer läßt? Sicherlich nicht! Johannes war ein
konzentrieren ihre Aufmerksamkeit einfacher Mann Gottes, dessen aufrech-
meist auf die Reichen und Adligen. Der tes Leben ein Tadel für die enorme Ver-
Messias dagegen brachte die gute Nach- weltlichung des Volkes war.
richt zu den Armen. 11,9 Waren sie gekommen einen Pro-
11,6 Dann fügte der Retter hinzu: pheten zu sehen? Nun – Johannes war
»Und glückselig ist, wer sich nicht an mir ein Prophet, ja sogar der größte der Pro-
ärgern wird!« Auf den Lippen eines pheten. Der Herr meinte hier nicht, daß
anderen wäre dies die Angeberei eines Johannes in bezug auf seinen Charakter
Egoisten. Auf den Lippen Jesu ist dies ein größer war, in seiner Beredsamkeit oder
berechtigter Ausdruck seiner persön- seiner Überzeugungskraft; er war größer,
lichen Vollkommenheit. Statt als glän- weil er der Vorläufer des Messias-Königs
zender General zu erscheinen, war der war.
Messias als einfacher Schreiner gekom- 11,10 Es wird in Vers 10 deutlich ge-
men. Seine Freundlichkeit, seine Einfach- sagt: Johannes war die Erfüllung der Pro-
heit und Demut entsprachen nicht dem phezeiung Maleachis (Mal 3,1) – der
allgemeinen Bild des streitbaren Messias. Bote, der vor dem Herrn hergehen und
Menschen, die sich vom Fleisch leiten das Volk für sein Kommen vorbereiten
ließen, konnten ruhig sein Königtum sollte. Andere Männer hatten das Kom-
anzweifeln. Aber Gottes Segen würde men Christi vorhergesagt, aber Johannes
auf denen ruhen, die durch geistliche war der Erwählte, der sein tatsächliches

71
Matthäus 11

Kommen ankündigen durfte. Das wurde Welche Bedeutung man auch favori-
sehr schön einmal so formuliert: »Johan- siert, der Gedanke ist, daß die Predigt
nes ebnete den Weg für Christus und dann des Johannes eine gewaltsame Reaktion
trat er für Christus aus dem Weg. hervorgerufen hat, die weitreichende
11,11 Die Aussage Jesu, daß der und tiefgreifende Folgen hatte.
Kleinste im Reich der Himmel größer als 11,13 »Denn alle Propheten und das
Johannes ist, beweist, daß Jesus von den Gesetz haben geweissagt bis auf Johan-
Vorrechten des Johannes, nicht aber von nes.« Die ganze Bibel vom ersten Buch
seinem Charakter spricht. Ein Mensch, Mose bis zu Maleachi sagte das Kommen
der der Kleinste im Reich der Himmel ist, des Messias voraus. Als Johhannes auf
hat nicht unbedingt einen besseren Cha- der Bühne der Geschichte erschien,
rakter als Johannes, aber er hat größere bestand seine einzigartige Rolle nicht
Vorrechte. Ein Bürger des Königreiches einfach darin, neue Prophezeiungen zu
zu sein ist herrlicher, als es nur anzukün- verkündigen, sondern die Erfüllung aller
digen. Das Vorrecht des Johannes, dem Prophezeiungen des ersten Kommens
Herrn den Weg zu bereiten, war groß- Christi anzukündigen.
artig, aber er lebte nicht dazu, in den 11,14 Maleachi hatte vorausgesagt,
Genuß der Segnungen des Reiches zu daß Elia als Vorläufer vor dem Messias
kommen. erscheinen würde (Mal 4,5.6). Wenn die
11,12 Vom Beginn des Dienstes des Menschen willig gewesen wären, Jesus
Johannes an bis zu seiner Gefangennah- als den Messias anzunehmen, dann hätte
me hatte das Reich der Himmel unter der Johannes die Rolle des Elia erfüllen kön-
Gewalt zu leiden. Die Pharisäer und nen. Johannes war kein wiederauferstan-
Schriftgelehrten waren strikt gegen die- dener Elia – er bestritt in Johannes 1,21
ses Reich. Der König Herodes hatte sein sogar, Elia zu sein. Aber er ging vor Chri-
Teil dazugetan, das Reich zu bekämpfen, stus her im Geist und in der Macht Elias
indem er den Herold dieses Reiches (Lk 1,17).
ergriff. 11,15 Nicht alle schätzten Johannes
». . . und Gewalttuende reißen es an den Täufer oder verstanden die tiefe
sich.« Diese Aussage kann man auf zwei Bedeutung seines Dienstes. Deshalb füg-
Arten interpretieren. Erstens haben die te der Herr hinzu: »Wer Ohren hat zu
Feinde des Reiches alles getan, um es an hören, der höre!« Mit anderen Worten:
sich zu reißen und zu zerstören. Daß sie »Paßt auf! Täuscht euch nicht über die
Johannes ablehnten, war nur eine Vor- Bedeutung dessen, was ihr gehört habt.«
ausschattung der Ablehnung des Königs Wenn Johannes die Prophezeiungen über
selbst und damit des Reiches. Aber diese Elia erfüllte, dann war Jesus der ver-
Aussage kann auch bedeuten, daß sol- heißene Messias! Indem er so Johannes
che, die für die Ankunft des Königs den Täufer anerkannte, bestätigte Jesus
bereit waren, voller Leidenschaftlichkeit seinen Anspruch, der Christus Gottes zu
auf die Ankündigung reagierten und sein. Die Annahme des einen würde auch
jeden Muskel anstrengten, um hineinzu- zur Annahme des anderen führen.
kommen. Das ist die Bedeutung von 11,16.17 Aber das Geschlecht, zu dem
Lukas 16,16: »Das Gesetz und die Pro- Jesus hier sprach, war nicht daran inter-
pheten gehen bis auf Johannes; von da an essiert, auch nur einen von ihnen anzu-
wird das Evangelium des Reiches Gottes nehmen. Die Juden, die das Vorrecht hat-
verkündigt, und jeder dringt mit Gewalt ten, die Ankunft ihres Messias-Königs zu
hinein.« Hier wird das Reich als belager- erleben, mochten weder ihn noch seinen
te Stadt dargestellt, um die von allen Sei- Vorläufer. Beide waren für sie wie ein
ten Männer stehen und auf sie einschla- Rätsel. Jesus verglich sie mit mürrischen
gen, um in sie hineinzukommen. Eine Kindern auf den Märkten, die sich wei-
gewisse geistliche Gewaltanwendung ist gerten, irgendwie aufeinander zuzuge-
nötig. hen. Wenn ihre Freunde pfeifen wollten,

72
Matthäus 11

damit sie tanzen könnten, dann wollten 11,21 Er begann mit Chorazin und
sie nicht. Wenn ihre Freunde eine Trauer- Bethsaida. Diese Städte hatten die gnä-
feier in Szene setzten, dann wollten sie digen flehentlichen Bitten ihres Retter-
nicht wehklagen. gottes gehört, hatten ihn jedoch absicht-
11,18.19 Johannes kam als Asket, und lich abgewiesen. Er erinnerte sich der
die Juden klagten ihn an, besessen zu Städte Tyrus und Sidon, die wegen ihres
sein. Der Sohn des Menschen aß und Götzendienstes und ihrer Bosheit unter
trank andererseits ganz normal. Wenn das Gericht Gottes gefallen waren. Wenn
das Asketentum des Johannes sie auf- sie das Vorrecht gehabt hätten, die Wun-
schreckte, dann wären sie vielleicht mit der Jesu zu sehen, hätten sie sich in tief-
Jesu Essensgewohnheiten zufriedener. ster Buße gedemütigt. Am Tage des Ge-
Aber nein! Sie nannten ihn einen Fresser, richtes würden Tyrus und Sidon deshalb
einen Trunkenbold, einen Freund der weit besser dastehen als Chorazin und
Zöllner und Sünder. Natürlich hat sich Bethsaida.
Jesus nie übersättigt oder zuviel getrun- 11,22 Die Worte »es wird ihnen er-
ken. Ihre Anklage war völlig aus der Luft träglicher ergehen am Tag des Gerichts«
gegriffen. Es stimmte, daß er ein Freund zeigen, daß es Unterschiede in der Be-
der Zöllner und Sünder war, aber nicht in strafung in der Hölle geben wird, ebenso,
dem Sinne, wie sie es auffaßten. Er schloß wie es verschiedene Belohnungen im
mit den Sündern Freundschaft, damit er Himmel geben wird (1. Kor 3,12-15). Die
sie von ihren Sünden erretten konnte, eine Sünde, die Menschen in die Hölle
aber er teilte ihre Sünden nie, noch hieß bringt, ist die Weigerung, sich Jesus zu
er sie gut. unterstellen (Joh 3,36b). Das Leidensmaß
»Und die Weisheit ist gerechtfertigt in der Hölle wird durch die Vorrechte,
worden aus ihren Werken.« Der Herr die man zurückgewiesen hat und die
Jesus ist natürlich die Weisheit in Person Sünden, die man begangen hat, be-
(1. Kor 1,30). Obwohl ungläubige Men- stimmt.
schen ihn verleumdeten, ist er in den 11,23.24 Wenige Städte waren so be-
Taten und dem Leben seiner Nachfolger vorzugt gewesen wie Kapernaum. Nach-
gerechtfertigt. Mochte die Masse der dem ihn die Menschen in Nazareth abge-
Juden sich auch weigern, ihn als Messias- lehnt hatten (Kap. 9,1; vgl. Mk 2,1-12)
König anzuerkennen, so wurden seine hatte er sich dort niedergelassen. Einige
Ansprüche vollständig durch seine Wun- seiner erstaunlichsten Wunder – nicht
der und die geistliche Veränderung sei- zurückweisbare Beweise seiner Messias-
ner hingegebenen Jünger bestätigt. schaft – wurden dort gewirkt. Wäre das
verdorbene Sodom, die Hauptstadt der
B. Wehrufe über die unbußfertigen Homosexuellen, so bevorzugt worden,
Städte Galiläas (11,20-24) dann hätte sie Buße getan und wäre ver-
11,20 Große Vorrechte bringen große Ver- schont geblieben. Aber das Vorrecht
antwortung mit sich. Keine Stadt war je Kapernaums war größer. Seine Men-
so begünstigt wie Chorazin, Bethsaida schen hätten Buße tun und sich froh zum
und Kapernaum. Der menschgewordene Herrn bekennen sollen. Aber Kaper-
Sohn Gottes war in ihren staubigen Gas- naum verpaßte den Tag, an dem es dazu
sen umhergegangen, hatte ihre bevor- Gelegenheit gehabt hätte. Die Sünde der
zugte Bevölkerung gelehrt und hatte die Perversion in Sodom war schrecklich.
meisten seiner Wunderwerke innerhalb Aber es gibt keine größere Sünde als die,
ihrer Mauern getan. Angesichts dieser welche Kapernaum mit der Ablehnung
überwältigenden Beweislast hatten sie des heiligen Sohnes Gottes auf sich gela-
sich starrsinnig geweigert, Buße zu tun. den hatte. Deshalb wird Sodom am Tage
Kein Wunder, daß der Herr ihnen dann des Gerichtes nicht so schwer bestraft
ein sehr ernstes Schicksal voraussagen werden wie Kapernaum. Kapernaum
mußte. war durch sein Privileg bis in den Him-

73
Matthäus 11

mel erhöht worden, doch am Tage des begrüßen. Sie hatten sich willentlich
Gerichtes wird sie bis zum Hades hinab- geweigert, sich ihm zu unterstellen. Da
gestoßen werden. Wenn das für Kaper- sie das Licht ablehnten, enthielt Gott es
naum gilt, wieviel mehr wird es für Orte ihnen nun vor. Aber Gottes Pläne können
gelten, an denen es mehr als genug nicht durchkreuzt werden. Wenn die
Bibeln gibt, wo die Botschaft durch die Intelligenz nicht glauben will, dann wird
Medien verbreitet wird und wo nur Gott sich den demütigen Herzen offen-
wenige, wenn überhaupt einige, ohne baren. »Hungrige hat er mit Gütern er-
Entschuldigung sind. füllt und Reiche leer fortgeschickt«
In den Tagen unseres Herrn gab es (Lk 1,53).
vier große Städte in Galiläa: Chorazin, Diejenigen, die sich zu klug und wei-
Bethsaida, Kapernaum und Tiberias. se vorkommen, um Christus nötig zu
Jesus sprach gegen die drei Ersten Weh- haben, werden mit Blindheit in ihrem
rufe aus, aber nicht über Tiberias. Was Beurteilungsvermögen bestraft. Aber
war das Ergebnis? Die Zerstörung von die, die ihren Mangel an Weisheit ein-
Chorazin und Bethsaida war so gründ- gestehen, erhalten eine Offenbarung
lich, daß man heute nicht mehr genau von ihm, »in dem alle Schätze der Weis-
weiß, wo sie gelegen haben. Die Lage heit und Erkenntnis verborgen sind«
von Kapernaum ist auch nicht sicher. (Kol 2,3). Jesus dankte dem Vater, der es
Tiberias gibt es noch heute. Dies ist eine so eingerichtet hatte, daß einige ihn zwar
bemerkenswerte Erfüllung der Prophe- ablehnten, andere ihn dagegen annah-
zeiung, die einmal mehr einen Beweis men. Angesichts großer Widerstände
für die Allwissenheit unseres Retters und fand er Trost in dem allumfassenden
die Inspiration der Bibel gibt. Plan und Ziel Gottes.
11,27 Jesus betonte, daß ihm alle Din-
C. Die Reaktion Jesu auf die ge von seinem Vater übergeben worden
Ablehnung (11,25-30) sind. Das wäre für jeden anderen eine
11,25.26 Die drei Städte Galiläas hatten überhebliche Behauptung gewesen,
weder Augen, den Christus Gottes zu aber für den Herrn Jesus ist es eine ein-
sehen, noch Ohren, ihn zu hören. Jesus fache, wahre Aussage. Zu diesem Zeit-
wußte, daß ihre Haltung nur ein Vorge- punkt hatte der Widerstand seinen
schmack der Ablehnung durch weitere Höhepunkt erreicht, und es war über-
Bevölkerungsteile war. Wie reagierte er haupt nicht erkennbar, daß Jesus alles
auf ihre Unbußfertigkeit? Weder mit Bit- unter seiner Kontrolle hatte. Dennoch
terkeit, Zynismus noch mit Rachsucht. war Jesus jederzeit Herr der Lage. Sein
Statt dessen erhob er seine Stimme, um Lebensprogramm näherte sich unaus-
Gott zu danken, daß nichts seinen sou- weichlich dem endgültigen herrlichen
veränen Willen zunichte machen kann. Sieg. »Niemand erkennt den Sohn als
»Ich preise dich, Vater, Herr des Him- nur der Vater.« Es gibt um die Person
mels und der Erde, daß du dies vor Wei- Christi ein undurchdringbares Geheim-
sen und Verständigen verborgen hast, nis. Die Einheit der Gottheit und
und hast es Unmündigen geoffenbart.« Menschheit in einer Person wirft Proble-
Wir sollten hier zwei möglichen Miß- me auf, die den menschlichen Geist völ-
verständnissen vorbeugen: Erstens hat lig verwirren. Da ist zum Beispiel das
Jesus hier nicht Gefallen an der Zerstö- Problem des Todes: Gott kann nicht ster-
rung galiläischer Städte geäußert. Zwei- ben. Dennoch ist Jesus gestorben und ist
tens meinte er mit seiner Äußerung Gott. Und andererseits sind seine gött-
nicht, daß Gott das Licht den Weisen und liche und menschliche Natur untrenn-
Klugen in hochmütiger Weise vorent- bar. Obwohl wir ihn also kennen und
halte. lieben und ihm vertrauen können, ver-
Die Städte hatten jede nur denkbare steht ihn in gewisser Hinsicht nur der
Chance erhalten, den Herrn Jesus zu Vater wirklich.

74
Matthäus 11

Aber die hohen Geheimnisse deines Obwohl das Volk Israel sich auf das Got-
Namens tesurteil des göttlichen Gerichtes zubewegt,
Übersteigen das Verständnis deiner öffnet der König in seinen abschließenden
Geschöpfe; Worten denen die Tür weit, die persönliche
Nur der Vater (welch herrliches Wort!) Errettung suchen. Und so beweist er, daß er
Kann ganz den Sohn verstehen. ein Gott der Gnade ist, sogar noch auf der
19)
Du allein, Lamm Gottes, bist es wert, Schwelle des Gerichtes.
Daß jedes Knie sich dir beugen soll! 11,28 Kommen heißt glauben
Josiah Conder (Apg 16,31), aufnehmen (Joh 1,12), es-
»Noch erkennt niemand den Vater als sen (Joh 6,35), trinken (Joh 7,37), sehen
nur der Sohn, und wem der Sohn ihn (Jes 45,22), bekennen (1. Joh 4,2), hören
offenbaren will.« Auch der Vater ist letzt- (Joh 5,24.25), durch eine Tür gehen
lich unergründlich. Denn nur Gott allein (Joh 10,9), eine Tür öffnen (Offb 3,20),
ist groß genug, um Gott zu verstehen. den Saum seines Gewandes berühren
Man kann ihn nicht durch eigene (Matth 9,20.21) und die Gabe des ewi-
Anstrengung oder Verstand erkennen. gen Lebens durch Christus, unseren
Aber der Herr Jesus kann und wird den Herrn annehmen (Röm 6,23).
Vater denen offenbaren, die er dazu »Zu mir.« Der Gegenstand des Glau-
erwählt hat. Wer immer den Sohn ken- bens ist nicht die Kirche, ein Glaubensbe-
nenlernt, wird auch den Vater kennenler- kenntnis oder ein Geistlicher, sondern
nen (Joh 14,7). der lebendige Christus. Rettung liegt in
Dennoch müssen wir, nachdem all einer Person. Wer Jesus hat, kann »ge-
das gesagt ist, bekennen, daß wir es bei retteter« nicht sein.
der Erklärung von Vers 27 mit Wahrhei- »Alle ihr Mühseligen und Bela-
ten zu tun haben, die für uns zu hoch denen.« Um wirklich zu Jesus kommen
sind. Denn wir sehen jetzt mittels eines zu können, muß man zugeben, daß man
Spiegels, undeutlich. Nicht einmal in der mit der Last der Sünde beschwert ist.
Ewigkeit wird unser begrenzter Verstand Nur diejenigen, die anerkennen, daß sie
ganz in der Lage sein, die Größe Gottes verloren sind, können gerettet werden.
auszuloten oder das Geheimnis der Ehe man an den Herrn Jesus Christus
Fleischwerdung zu verstehen. Wenn wir glauben kann, muß man vor Gott Buße
lesen, daß der Vater nur denen offenbart tun.
wird, die der Sohn dazu erwählt, könn- »Und ich werde euch Ruhe geben.«
ten wir versucht sein zu denken, dies als Man beachte, daß Ruhe hier ein Ge-
eine zufällige Auswahl einiger bevor- schenk ist, das weder verdient noch er-
zugter Weniger zu deuten. Der nächste worben werden kann. Sie ist die Ruhe der
Vers verbietet eine solche Interpretation. Erlösung, die aus der Erkenntnis ent-
Der Herr Jesus äußert hier eine univer- springt, daß Jesus das Werk der Erlösung
selle Einladung an alle, die müde oder am Kreuz von Golgatha vollendet hat. Sie
schwer beladen zu ihm kommen, um bei ist die Ruhe des Gewissens, die der Er-
ihm Ruhe zu finden. Mit anderen Wor- kenntnis folgt, daß die Strafe für die Sün-
ten, diejenigen, die er erwählt, um ihnen den ein für alle mal gezahlt ist, und daß
den Vater zu offenbaren, sind die, die auf Gott sich nicht zweimal bezahlen läßt.
ihn als ihren Retter vertrauen. Wenn wir 11,29 In den Versen 29 und 30 wech-
diese unendlich zarte Einladung unter- selt Jesus von der Einladung zur Er-
suchen, sollten wir uns daran erinnern, rettung zur Einladung zum Dienst.
daß sie nach der unverhohlenen Ableh- »Nehmt auf euch mein Joch.« Das
nung Jesu durch die bevorzugten Städte bedeutet, sich seinem Willen zu unter-
Galiläas erfolgt. Der Haß und die Wider- werfen und die Herrschaft über das eige-
spenstigkeit des Menschen konnten sei- ne Leben an Jesus abzugeben (Röm 12,1).
ne Liebe und Gnade nicht zerstören. »Und lernt von mir.« Wenn wir seine
A. J. McClain hat gesagt: Herrschaft auf jedem Gebiet unseres

75
Matthäus 11 und 12

Lebens anerkennen, dann wird er uns D. Jesus ist der Herr des Sabbats
seine Wege lehren. (12,1-8)
»Denn ich bin sanftmütig und von 12,1 Dieses Kapitel berichtet den Höhe-
Herzen demütig.« Im Gegensatz zu den punkt der Ablehnung. Die wachsende
Pharisäern, die hart und stolz waren, ist Bosheit und Feindschaft der Pharisäer
der wahre Lehrer sanft und demütig. wird nun zum Überlaufen gebracht. Das
Wer sein Joch auf sich nimmt, wird es ler- Ereignis, das die Schleusen öffnet, ist die
nen, den untersten Weg zu gehen. Sabbatfrage.
»Und ihr werdet Ruhe finden für eure An diesem Sabbat geht Jesus mit sei-
Seelen. »Das ist nicht die Ruhe des Ge- nen Jüngern durch die Saaten. Seine Jün-
wissens, sondern die Ruhe des Herzens, ger fingen an, Ähren zu pflücken und sie
die man findet, wenn man vor Gott und zu essen. Das Gesetz erlaubte es ihnen,
den Menschen den niedrigsten Platz ein- sich im Feld des Nächsten zu bedienen,
nimmt. Es ist auch die Ruhe, die man im solange sie nicht mit einer Sichel mähten
Dienste Christi erfahren kann, wenn man (5. Mose 23,25).
nicht mehr versucht, groß zu sein. 12,2 Aber die Pharisäer, gesetzliche
11,30 »Denn mein Joch ist sanft, und Kleinkrämer, behaupteten, daß dadurch
meine Last ist leicht.« Wieder sehen wir der Sabbat gebrochen worden sei.
den starken Kontrast zu den Pharisäern. Obwohl ihre genaue Anklage nicht auf-
Jesus sagte von ihnen: »Sie binden aber gezeichnet ist, ist es wahrscheinlich, daß
schwere Lasten und legen sie auf die sie die Jünger folgender Verbrechen
Schultern der Menschen, sie selbst aber anklagten:
wollen sie nicht mit ihrem Finger bewe- 1. ernten (Ähren pflücken),
gen« (Matth 23,4). Das Joch Jesu ist leicht, 2. dreschen (die Körner in der Hand
es scheuert uns nicht wund. Jemand hat zerreiben,
einmal gesagt, daß, wenn Jesus vor sei- 3. worfeln (die Körner von der Spreu
ner Werkstatt ein Schild hängen hatte, trennen).
dann würde darauf gestanden haben: 12,3.4 Jesus antwortete auf ihre
»Meine Joche passen.« lächerliche Klage, indem er sie an ein
»Und meine Last ist leicht.« Das heißt Ereignis aus dem Leben Davids erinner-
nicht, daß es keine Probleme, Versuchun- te. Als David einst im Exil leben mußte,
gen, Arbeit oder Kummer im Leben des gingen er und seine Männer in die Wild-
Christen gibt. Aber es bedeutet, daß wir nis und aßen von den Schaubroten, die
sie nicht alleine zu tragen haben. Wir sind zwölf Erinnerungsbrote, die niemand als
mit dem zusammengejocht, der uns in die Priester essen durften. Weder David
jeder Situation die Gnade gibt, die aus- noch seine Leute waren Priester, doch
reicht, um sie durchzustehen. Ihm zu die- Gott hat sich nie über diese Tat beklagt.
nen ist keine Knechtschaft, sondern die Warum nicht?
vollkommene Freiheit. J. H. Jowett sagt: Der Grund ist, daß Gottes Gesetz nie-
Der schlimmste Fehler, den ein Gläubiger mals Not über seine Getreuen bringen
machen kann, ist zu versuchen, die Last des will. Es war nicht Davids Fehler, daß er
Lebens unter einem Einzelgeschirr zu tragen. im Exil leben mußte. Ein sündiges Volk
Gott wollte nie, daß jemand seine Last alleine hatte ihn abgelehnt. Wäre Ihm sein recht-
tragen muß. Deshalb handelt Jesus nur mit mäßiger Platz gewährt worden, hätten er
Jochen! Ein Joch ist ein Geschirr für zwei, und seine Leute nicht von den Schaubro-
und der Herr selbst möchte einer von beiden ten essen müssen. Weil in Israel Sünde
sein. Er möchte die Arbeit jedes schweren war, erlaubte Gott eine Tat, die andern-
Auftrages mit uns teilen. Das Geheimnis für falls verboten gewesen wäre.
Sieg und Frieden im christlichen Leben findet Die Analogie ist deutlich. Der Herr
man, indem man das Einzelgeschirr des Jesus war der rechtmäßige König Israels,
»Selbst« ablegt und das befreiende Joch des aber das Volk wollte ihn nicht als seinen
Herrn annimmt.20) Herrscher anerkennen. Wenn ihm sein

76
Matthäus 12

ihm zustehender Platz gewährt worden tut er, um zu zeigen, wie schrecklich die Sün-
wäre, dann hätten seine Nachfolger es de ist, ihn abzulehnen und ihm seine Rechte
21)
nicht nötig gehabt, auf diese Weise am zu verweigern.
Sabbat oder einem anderen Tag ihr Essen Ehe wir mit dem nächsten Vorfall
zu suchen. Sie taten nichts, wofür der weitermachen – die Heilung der verdorr-
Herr sie hätte ermahnen müssen. ten Hand am Sabbat – wollen wir unter-
12,5 Jesus erinnerte die Pharisäer dar- brechen und kurz die biblische Lehre
an, daß die Priester den Sabbat enthei- vom Sabbat betrachten.
ligen, indem sie Tiere töten und opfern
und viele andere niedrige Arbeiten ver-
richten (4. Mose 28,9.10), aber dennoch Exkurs zum Sabbat
schuldlos blieben, weil sie im Dienst Got- Der Sabbat war der siebte Tag der Woche
tes beschäftigt waren. (Samstag), und wird es auch immer blei-
12,6 Die Pharisäer wußten, daß die ben. Gott ruhte am siebten Tag, nachdem
Priester an jedem Sabbat im Tempel er die Erde in sechs Tagen geschaffen hat-
arbeiteten, ohne ihn zu entheiligen. War- te (1. Mose 2,2). Er befahl das Halten des
um sollten sie dann die Jünger dafür Sabbats zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
tadeln dürfen, die doch in der Anwesen- Vielleicht war es seine Absicht, daß man
heit des König handelten. »Größeres als an einem der sieben Wochentage ruhen
der Tempel ist hier.« Das Wort »Grö- sollte.
ßeres« bedeutet hier das Reich Gottes, Dem Volk Israel war befohlen wor-
das in der Person des Königs anwesend den, den Sabbat zu halten, als ihm die
ist, der selbst natürlich auch weit größer zehn Gebote gegeben wurden (2. Mose
als der Tempel ist. 20,8-11). Das Gesetz des Sabbats war
12,7 Die Pharisäer haben Gottes Herz anders als die anderen neun Gebote, es
nie verstanden. In Hosea 6,6 hatte er war ein Zeremonialgesetz, während die
gesagt: »Ich will Barmherzigkeit und anderen ethische Gesetze waren. Der ein-
nicht Schlachtopfer.« Gott stellt Barmher- zige Grund, warum es falsch war, am
zigkeit vor das Ritual. Er wollte lieber Sabbat zu arbeiten, war, weil Gott es ge-
seine Leute sonntags Ähren pflücken sagt hatte. Die anderen Gebote hatten es
sehen, damit sie ihren Hunger stillen mit Handlungen zu tun, die an sich
konnten, als daß sie den Sabbat so sehr schlecht waren.
halten und dabei körperliche Not ertra- Das Verbot der Sabbatarbeit sollte
gen müssen. Wenn die Pharisäer das nur sich nach Gottes Absicht nie beziehen
erkannt hätten, hätten sie die Jünger auf:
nicht verurteilt. Aber sie werteten äußer- 1. den Dienst für Gott (Matth 12,5),
liche Genauigkeit höher als menschliches 2. notwendiges Handeln (Matth 12,3.4)
Wohlergehen. oder
12,8 Dann fügte der Herr hinzu: 3. barmherzige Taten (Matth 12,11.12).
»Denn der Sohn des Menschen ist Herr Neun der Zehn Gebote werden im
des Sabbats.« Er hatte dieses Gesetz zu NT wiederholt, nicht als Gesetz, sondern
Anfang gegeben, und deshalb war er als Anweisungen für Christen, die unter
derjenige, der am ehesten das Recht hat- der Gnade leben. Das einzige Gebot, das
te, seine wirkliche Bedeutung herauszu- nirgends wiederholt wird, ist das Sabbat-
stellen. E. W. Rogers schreibt dazu: gebot. Statt dessen lehrt Paulus, daß ein
Es scheint, als ob Matthäus, durch den Christ nicht verurteilt werden kann,
Geist geleitet, hier in schneller Folge die wenn er ihn nicht hält (Kol 2,16).
Namen und Dienstämter des Herrn Jesus Der wichtigere Tag für die Christen
durchgeht: Er ist der Sohn des Menschen, der ist der erste Tag der Woche. Der Herr
Herr des Sabbats, mein Diener, mein Gelieb- Jesus stand an diesem Tage von den
ter, der Sohn Davids, größer als der Tempel, Toten (Joh 20,1) auf, ein Beweis dafür,
größer als Jona und größer als Salomo. Das daß sein Errettungswerk vollendet und

77
Matthäus 12

göttlich gebilligt war. An den nächsten E. Jesus heilt am Sabbat (12,9-14)


zwei »Tagen des Herrn« traf er sich mit 12,9 Von den Feldern ging Jesus in eine
den Jüngern (Joh 20,19.26). Auch der Synagoge. Lukas erzählt, daß die Schrift-
Heilige Geist wurde an einem solchen gelehrten und Pharisäer ihn beobach-
ausgegossen (Apg 2,1; vgl. 3. Mose 23,15. teten, damit sie eine Anklage gegen ihn
16). Die ersten Jünger trafen sich an die- finden könnten (Lk 6,6.7).
sem Tag, um das Brot zu brechen, um 12,10 In der Synagoge war ein
den Tod des Herrn zu verkündigen Mensch mit einer verdorrten Hand – ein
(Apg 20,7). Der erste Tag (Sonntag) ist stummes Zeugnis der Machtlosigkeit der
der Tag, den Gott bestimmte, daß Pharisäer, die ihm nicht helfen konnten.
Christen an ihm Geld für das Werk des Bis jetzt hatten sie ihn mit kühler Nicht-
Herrn sammeln sollen (1. Kor 16,1.2). beachtung behandelt. Aber plötzlich war
Der Sabbat oder der siebente Tag war er für sie brauchbar, damit sie Jesus in
das Ende einer arbeitsreichen Woche; der eine Falle führen konnten. Sie wußten,
Tag des Herrn oder der Sonntag beginnt daß der Retter immer dazu geneigt war,
die Woche mit dem ruhespendenen Be- menschliches Leiden zu lindern. Wenn er
wußtsein, daß das Werk der Erlösung am Sabbat heilen würden, dann hätten sie
vollendet ist. Der Sabbat erinnerte an die ihn bei einer strafwürdigen Tat ertappt,
erste Schöpfung, der Tag des Herrn ist so dachten sie. Deshalb begannen sie mit
dagegen mit der Neuen Schöpfung ver- einer Streiterei über das Gesetz: »Ist es
bunden. Der Sabbat war der Tag der Ver- erlaubt, am Sabbat zu heilen?«
antwortung, der Sonntag ist ein Tag des 12,11 Der Retter antwortete mit einer
Vorrechtes. Gegenfrage: Würden sie nicht ein Schaf
Christen »halten« den Tag des Herrn aus einer Grube ziehen, wenn es am Sab-
nicht, um sich die Errettung zu verdie- bat hineinfallen würde? Natürlich wür-
nen oder »heiliger« zu werden, auch den sie das tun! Und warum? Vielleicht
fürchten sie sich nicht vor Bestrafung. Sie war ihr Vorwand, daß dies ein Akt der
sondern diesen Tag aus liebevoller Hin- Barmherzigkeit wäre – aber eine andere
gabe an den Einen aus, der sich selbst für Überlegung sagte ihnen, daß das Schaf ja
sie hingegeben hat. Weil sie von den etwas wert war und sie sich selbst am
routinemäßigen, weltlichen Dingen des Sabbat diesen finanziellen Verlust nicht
Lebens an diesem Tage befreit sind, kön- leisten wollten.
nen sie ihn auf besondere Weise zur 12,12 Unser Herr erinnerte sie, daß
Anbetung und zum Dienst für Christus ein Mensch mehr wert ist als ein Schaf.
nutzen. Wenn es richtig ist, einem Tier Barmher-
Es ist nicht richtig zu behaupten, daß zigkeit zu tun, wieviel mehr ist es ge-
der Sabbat zum Tag des Herrn geworden rechtfertigt, am Sabbat Gutes zu tun!
ist. Der Sabbat ist der Samstag, der Tag 12,13.14 Nachdem Jesus die jüdi-
des Herrn dagegen ist der Sonntag. Der schen Lehrer in ihrer eigenen Hinterhäl-
Sabbat war nur ein Schatten, Christus tigkeit gefangen hatte, heilte er die ver-
dagegen ist der Körper selbst (Kol 2,16. dorrte Hand. Indem er dem Mann sagte,
17). Die Auferstehung Jesu kennzeichne- er solle seine Hand ausstrecken, wurden
te einen Neuanfang, und der Tag des der Glaube und der menschliche Wille
Herrn ist ein Bild für diesen Anfang. angesprochen. Der Gehorsam wurde mit
Als gläubiger Jude, der unter dem der Heilung belohnt. Die Hand wurde
Gesetz lebte, hielt Jesus den Sabbat (trotz durch den wunderbaren Schöpfer wie-
der Anklagen der Pharisäer, die das derhergestellt, so gesund wie die andere.
Gegenteil behaupteten). Als Herr des Man könnte meinen, die Pharisäer hätten
Sabbats befreite er ihn von falschen sich jetzt freuen können, daß der Mann,
Regeln und Vorschriften, die sich immer dem sie weder durch ihre Macht noch
mehr verfestigt hatten. ihren Willen hatten helfen können, jetzt
geheilt war. Statt dessen wurden sie auf

78
Matthäus 12

Jesus wütend und hielten Rat, ihn zu 12,20 Er würde kein geknicktes Rohr
töten. Wenn sie eine verdorrte Hand abbrechen, noch einen glimmenden
gehabt hätten, wären sie froh gewesen, Docht auslöschen. Er würde nicht die
geheilt zu werden, ganz gleich an wel- Entrechteten und Benachteiligten miß-
chem Wochentag. brauchen, um seine Ziele zu erreichen. Er
würde die Unterdrückten, die zerbroche-
F. Heilung für alle (12,15-21) nen Herzens sind, ermutigen und stär-
12,15.16 Als Jesus die Gedanken seiner ken. Er würde jeden noch so kleinen Fun-
Feinde erkannte, entwich er. Doch wo ken des Glaubens zur Flamme anfachen.
immer er hinging, versammelte sich die Sein Dienst würde so lange weitergehen,
Menge, und wo immer sich die Kranken bis er das Gericht zum Sieg hinausführen
versammelten, da heilte er sie alle. Aber würde. Seine demütige, liebevolle Für-
er ermahnte sie, daß sie seine Wunder- sorge für andere würde sich durch den
heilungen nicht bekannt machen sollten, Haß und die Undankbarkeit der Men-
nicht, damit er selbst nicht gefährdet schen nicht auslöschen lassen.
würde, sondern um jede unüberlegte Be- 12,21 »Und auf seinen Namen wer-
wegung zu verhindern, die ihn zu einem den die Nationen vertrauen.« Bei Jesaja
populären Revolutionshelden machen wird diese Stelle so ausgedrückt: »Und
konnte. Der göttliche Zeitplan mußte die Inseln warten auf seine Weisung«,
eingehalten werden. Seine Revolution doch hier wird die gleiche Bedeutung
würde kommen, aber nicht, indem das nur mit anderen Worten ausgedrückt.
Blut der Römer, sondern sein eigenes »Die Inseln« bedeutet die Länder der
Blut vergossen werden würde. heidnischen Völker. Sie werden gezeigt,
12,17.18 Sein gnädiger Dienst war wie sie auf sein Reich warten, damit sie
eine Erfüllung der Prophezeiung aus seine treuen Untertanen werden könn-
Jesaja 41,9 und 42,1-4. Der Prophet hatte ten. Kleist und Lilly preisen dieses Jesaja-
den Messias als den sanften Eroberer zitat als
vorausgesehen. Er stellte Jesus als den . . . einen der Edelsteine des Evange-
Knecht dar, den Gott erwählt hatte, den liums, ein Bild Christi von wunderbarer
Geliebten, an dem Gottes Seele Wohlge- Schönheit . . .
fallen hatte. Gott würde ihm seinen Geist Jesaja zeigt Christi Einheit mit dem
geben – eine Prophezeiung, die sich bei Vater, seine Aufgabe, die Völker zu lehren,
der Taufe Jesu erfüllte. Und sein Dienst seine Zartheit, mit der er mit der leidenden
würde sich über die Grenzen Israels hin- Menschheit umgeht und seinen endgültigen
aus erstrecken, er würde den Nationen Sieg: Es gibt für die Welt keine Hoffnung
das Gericht ankündigen. Die letzte außer seinen Namen. Christus – Retter der
Ankündigung wird immer wichtiger, je Welt – wird hier nicht in trockenen, gelehrten
lauter das »Nein« Israels wird. Worten dargestellt, sondern in der reichhalti-
23)
12,19 Jesaja sagte weiter voraus, daß gen orientalischen Bildersprache.
der Messias weder streiten noch schreien
würde, und daß seine Stimme auf den G. Die Sünde, die nicht vergeben
Straßen nicht gehört werden würde. Mit werden kann (12,22-32)
anderen Worten, er würde kein poli- 12,22-24 Als Jesus einen Besessenen heilt,
tischer Volksverhetzer sein, der das Volk der blind und stumm ist, dachten die ein-
aufwiegelt. McClain schreibt dazu: fachen Leute ernsthaft darüber nach, ob
Dieser König, der Gottes Knecht ist, wird er nicht der Sohn Davids, der Messias
seinen rechtmäßigen hochangesehenen Platz Israels sein könnte. Das brachte die Pha-
nicht durch die normalen Mittel fleischlicher risäer auf. Da sie keinerlei Sympathie-
Gewaltanwendung oder berechneter Volks- bezeugung für Jesus ertragen konnten,
verführung an sich reißen, auch nicht durch brachten sie ihre Anklage vor, daß das
die übernatürlichen Mächte, die ihm zur Ver- Wunder durch die Macht Beelzebubs,
22)
fügung standen, einnehmen. des Obersten der Dämonen, vollbracht

79
Matthäus 12

worden sei. Diese seltsame Anschuldi- geisterfüllte Messias, den Jesaja ange-
gung war die erste offene Anklage, daß kündigt hatte (Jes 11,2; 42,1; 61,1-3). Des-
der Herr Jesus besessen sei. halb sagte er zu den Pharisäern: »Wenn
12,25.26 Als Jesus ihre Gedanken ich aber durch den Geist Gottes die
erkannt hatte, ging er daran, ihre Torheit Dämonen austreibe, so ist also das Reich
herauszustellen. Er zeigte auf, daß kein Gottes zu euch gekommen.« Diese An-
Reich, keine Stadt und kein Haus, das kündigung muß ein schwerer Schlag für
mit sich selbst entzweit ist, Bestand hat. sie gewesen sein. Sie waren stolz auf ihr
Wenn er die Dämonen Satans mit der theologisches Wissen, doch hatten sie
Macht Satans austreiben würde, dann nicht gemerkt, daß das Reich schon
würde Satan gegen sich selbst arbeiten. gekommen war, weil der König unter
Das aber wäre absurd. ihnen lebte.
12,27 Unser Herr hatte noch eine 12,29 Weit davon entfernt, mit Satan
zweite vernichtende Antwort für die im Bund zu sein, war der Herr Jesus der
Pharisäer bereit. Einige ihrer jüdischen Sieger über Satan. Das zeigt er durch die
Genossen, die als Dämonenaustreiber Geschichte vom Starken. Der Starke ist
wirkten, behaupteten, die Macht zu Satan. Sein Haus ist der Bereich, in dem
haben, Dämonen auszutreiben. Jesus er die Herrschaft hat. Sein Hausrat sind
bestritt ihre Behauptung nicht noch die Dämonen. Jesus ist derjenige, der den
bestätigte er sie, sondern benutzte diese Starken bindet, in sein Haus eindringt
Tatsache, um zu zeigen, daß, wenn er die und seinen Hausrat plündert. Es ist nun
Dämonen durch Beelzebub austreibe, die so, daß die Bindung Satans über mehrere
Söhne der Pharisäer (d. h. jene Dämo- Stufen erfolgte. Es begann mit Jesu
nenaustreiber) das gleiche taten. Die öffentlichem Dienst. Durch den Tod und
Pharisäer wollten dies jedoch nicht zuge- die Auferstehung Jesu wurde diese Bin-
ben, aber sie konnten der Logik dieses dung endgültig festgemacht. Während
Argumentes nicht mehr ausweichen. des Tausendjährigen Reiches wird sie
Ihre eigenen Verbündeten würden sie in noch weiterem Ausmaß gelten
sonst anklagen, weil sie den Eindruck (Offb 20,2). Schließlich wird die Gebun-
erwecken würden, daß sie als Handlan- denheit Satans für ewig festgeschrieben,
ger Satans Dämonen austreiben würden. wenn er in den Feuersee geworfen wird
Scofield sagte dazu: (Offb 20,10). Gegenwärtig scheint es so
Soweit sie und ihre Söhne betroffen zu sein, daß Satan noch nicht gebunden
waren, waren die Pharisäer schnell bereit, ist, denn er hat noch bemerkenswerte
jede Andeutung, daß hier satanische Mächte Macht. Aber sein Schicksal ist vorherbe-
im Spiel waren, abzuwehren. Aber mit der stimmt und seine Zeit kurz bemessen.
Einstellung, die sie angenommen hatten, 12,30 Dann sagte Jesus: »Wer nicht
d. h., daß Christus die Dämonen durch Beel- mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht
zebub austreibe, würden ihre Söhne sie zu mit mir sammelt, zerstreut.« Ihre gottes-
Recht als inkonsequent beurteilen. Denn lästerliche Haltung zeigte, daß die Pha-
wenn die Macht zur Dämonenaustreibung risäer nicht für den Herrn waren, deshalb
satanisch wäre, dann wäre jeder, der diese waren sie gegen ihn. Indem sie sich wei-
Macht hat, gleichzeitig mit der Quelle dieser gerten, mit ihm zu ernten, verstreuten sie
24)
Macht verbunden. das Korn. Sie hatten Jesus angeklagt, in
Sie dachten einfach unlogisch, wenn der Macht Satans Dämonen auszutrei-
sie die gleichen Folgen unterschiedlichen ben, während in Wirklichkeit sie selbst
Ursachen zuschreiben wollten. Knechte Satans waren, indem sie Jesus
12,28 Die Wahrheit war natürlich, daß von seinem göttlichen Werk abhalten
Jesus die Dämonen durch den Geist Got- wollten.
tes austrieb. Sein ganzes Leben als In Markus 9,40 sagte Jesus: »Denn
Mensch auf der Erde lebte er in der wer nicht gegen uns ist, ist für uns.« Dies
Macht des Heiligen Geistes. Er war der scheint die genaue Umkehrung seiner

80
Matthäus 12

Worte hier in Matthäus 12,30 zu sein. Das Gläubiger mag sich vom Herrn weit ent-
Problem wird gelöst, wenn wir sehen, fernen, doch kann er in die Gemeinschaft
daß es in Matthäus um die Errettung der Familie Gottes wieder aufgenommen
geht. Ein Mensch kann nur für oder ge- werden.
gen Christus sein, es gibt keine neutrale Viele Menschen fragen sich ängstlich,
Zone. In Markus geht es um den Dienst. ob sie die Sünde begangen haben, die
Es gibt sehr viele Unterschiede zwischen nicht vergeben werden kann. Sogar
den Jüngern Jesu – Unterschiede zwi- wenn diese Sünde heute begangen wer-
schen den Ortsgemeinden, in den Metho- den könnte, wäre die Tatsache, daß
den und in der Auslegung der Lehre. jemand sich darüber Gedanken macht,
Aber hier ist die Regel, daß, wenn jemand ein Zeichen dafür, daß er sie nicht began-
nicht gegen den Herrn ist, er für ihn ist gen hat. Diejenigen, die sich dieser Sün-
und entsprechend zu respektieren ist. de schuldig gemacht hatten, waren in
12,31.32 Hier sehen wir die gestörte ihrem Widerstand gegen Jesus verhärtet
Beziehung zwischen Jesus und den Füh- und uneinsichtig. Sie hatten keine
rern Israels zum Höhepunkt kommen. Gewissensbisse, ob sie etwa seinen Heili-
Jesus klagt sie an, die Sünde, die nicht gen Geist beleidigen könnten und zöger-
vergeben werden kann, begangen zu ten nicht, die Ermordung des Sohnes
haben, indem sie den Heiligen lästerten, Gottes zu planen. Sie zeigten weder Reue
d. h. indem sie behaupteten, daß Jesus noch Buße.
seine Wunder durch die Macht Satans
und nicht durch die Macht des Heiligen H. Man erkennt einen Baum an der
Geistes wirkte. Letztlich nannten sie Frucht (12,33-37)
damit den Heiligen Geist Beelzebub, den 12,33 Sogar die Pharisäer hätten anerken-
Herrn der Dämonen. nen müssen, daß der Herr durch die
Für alle anderen Formen der Sünde Austreibung der Dämonen Gutes getan
und der Gotteslästerung ist Vergebung hatte. Doch klagten sie ihn an, daß er
möglich. Es kann sogar sein, daß einem schlecht sei. Er enthüllt ihre Inkonse-
Menschen vergeben wird, der gegen den quenz und sagt letztlich: »Entscheidet
Sohn des Menschen redet. Aber wer den euch. Wenn ein Baum gut ist, ist auch die
Heiligen Geist lästert, der hat eine Sünde Frucht gut und umgekehrt.« Früchte zei-
begangen, die weder »in diesem Zeitalter gen die Qualität des Baumes, der sie her-
noch in dem zukünftigen« tausendjäh- vorgebracht hat. Die Frucht seines Dien-
rigen Reich vergeben wird. Wenn Jesus stes war gut gewesen. Er hatte die Kran-
von »diesem Zeitalter« sprach, dann ken, die Blinden, die Tauben und die
meinte er damit die Zeit seines öffent- Stummen geheilt, hatte Dämonen ausge-
lichen Dienstes auf Erden. Es ist ernsthaft trieben und Tote auferweckt. Hätte ein
zu bezweifeln, ob es heute überhaupt fauler Baum solch gute Frucht hervor-
noch möglich ist, die Sünde zu begehen, bringen können? Unmöglich! Doch war-
die nicht vergeben werden kann, da um weigerten sie sich dann so starr-
Jesus heute nicht mehr physisch auf sinnig, ihn anzuerkennen?
Erden ist und Wunder tut. 12,34.35 Der Grund dafür war, daß sie
Die Sünde, die nicht vergeben wer- »Otternbrut« waren. Ihre Bosheit gegen-
den kann, ist im wesentlichen dieselbe über dem Sohn Gottes, die sich in ihren
wie die Ablehnung des Evangeliums. Ein gehässigen Worten zeigte, war eine Folge
25)
Mensch kann den Retter jahrelang ableh- ihres verdorbenen Herzens. Ein Herz
nen, dann Buße tun, glauben und geret- voll Güte zeigt sich durch freundliche
tet werden. (Wenn er jedoch im Unglau- und gerechte Worte. Ein böses Herz zeigt
ben stirbt, ist ihm natürlich nicht verge- sich durch Gotteslästerung, Bitterkeit
ben). Auch ist die Sünde, die nicht verge- und Beschimpfungen.
ben werden kann, nicht mit dem 12,36 Jesus warnte sie (und uns)
»Zurückgehen« zu verwechseln. Ein ernsthaft, daß jeder von jedem unnützen

81
Matthäus 12

Wort, das er redet, Rechenschaft ablegen 12,40 Zusammenfassend sagte er


muß. Weil die Worte, die jemand spricht, ihnen, daß sie kein Zeichen erhalten wür-
ein genaues Bild seines Lebens zeigen, den als das des Propheten Jona. Damit
werden sie eine ausreichende Basis für bezog sich Jesus auf seinen Tod, sein Be-
die Verurteilung oder den Freispruch bil- gräbnis und seine Auferstehung. Jonas
den. Wie groß wird die Verdammung der Erlebnis, als er von dem Fisch verschlun-
Pharisäer für die bösen und verachten- gen und wieder ausgespien wurde
den Worte sein, die sie wider den hei- (Jona 1,17;2,10) war ein Hinweis auf das
ligen Sohn Gottes geredet haben! Leiden und die Auferstehung des Herrn.
12,37 »Denn aus deinen Worten wirst Jesu Auferstehung aus den Toten ist
du gerechtfertigt werden, und aus dei- allerdings das endgültige, größte Zei-
nen Worten wirst du verdammt wer- chen seines Dienstes am Volk Israel.
den.« Im Falle der Gläubigen ist die Stra- Genauso, wie Jona drei Tage im
fe für achtloses Reden durch den Tod Bauch des großen Fisches war, so, sagte
Christi bezahlt worden, dennoch wird unser Herr voraus, würde er drei Tage
unser achtloses Reden, das nicht bekannt und drei Nächte im Herzen der Erde
und vergeben worden ist, sich in einem sein. Diese Aussage wirft ein Problem
Verlust an Lohn vor dem Richterstuhl auf. Wenn, wie normalerweise angenom-
Christi auswirken. men wird, Jesus am Freitagnachmittag
begraben worden ist, und am dritten
I. Das Zeichen des Propheten Jona Tage auferstanden ist, wie kann man
(12,38-42) dann sagen, daß er drei Tage und drei
12,38 Trotz aller Wunder, die Jesus ge- Nächte im Grab verbrachte? Die Antwort
wirkt hatte, besaßen die Schriftgelehrten lautet folgendermaßen: Nach der jüdi-
und Pharisäer die Frechheit, ihn nach schen Zeitrechnung zählt jeder Teil eines
einem Zeichen zu fragen. Sie deuteten Tages und einer Nacht als ein vollständi-
damit an, daß sie glauben wollten, wenn ger Zeitraum. »Ein Tag und eine Nacht
er sich als Messias ausweisen könnte! sind ein onah, und ein Teil des onah ist wie
Aber ihre Heuchelei war leicht zu durch- das Ganze« (Jüdisches Sprichwort).
schauen. Wenn sie nach so vielen Wun- 12,41 Jesus stellte die Schuld der jüdi-
dern immer noch nicht glauben wollten, schen Führer durch zwei Gegensätze dar.
wie konnten sie durch weitere Wunder Erstens waren die Heiden in Ninive weit-
überzeugt werden? Die Haltung, die aus weniger bevorzugt, doch als sie die
Wunder und Zeichen als Bedingung für Predigt des ungehorsamen Propheten
den Glauben verlangt, gefällt Gott nicht. Jona hörten, taten sie Buße. Sie werden
Wie Jesus schon zu Thomas sagte: im Gericht aufstehen, um die Menschen
»Glückselig sind, die nicht gesehen und zu verdammen, die in den Tagen Jesu den
doch geglaubt haben« (Joh 20,29). Nach nicht annahmen, der größer war als Jona:
Gottes Plan folgt das Sehen dem Glau- den fleischgewordenen Sohn Gottes.
ben. 12,42 Zweitens führt Jesus die Köni-
12,39 Der Herr sprach sie als »böses gin von Saba an, eine Heidin, die außer-
und ehebrecherisches Geschlecht« an – halb der jüdischen Vorrechte lebte, die
böse, weil sie absichtlich für ihren Mes- »von den Enden der Erde« gereist kam,
sias blind waren und ehebrecherisch, und zwar unter großem Aufwand und
weil sie geistlich ihrem Gott untreu Kosten, um ein Gespräch mit Salomo zu
geworden waren. Ihr Schöpfer-Gott, eine führen. Die Juden in den Tagen Jesu
einzigartige Person, die in sich die abso- mußten noch nicht einmal eine Reise
lute Gottheit und die vollkommene machen, um ihn zu sehen, er war vom
Menschlichkeit verkörperte, stand in Himmel in ihre Nachbarschaft gekom-
ihrer Mitte und sprach zu ihnen, und sie men, um ihr Messias-König zu sein.
wagten es, ihn nach einem Zeichen zu Doch hatten sie in ihrem Leben keinen
fragen! Platz für ihn – der doch unendlich größer

82
Matthäus 12

als Salomo ist. Eine heidnische Königin sten verehren wird. Sich vor dem Men-
wird sie am Tage des Gerichtes für diese schen der Sünde niederzuwerfen und
mutwillige Unachtsamkeit verurteilen. ihn als Gott anzubeten, ist eine schreck-
In diesem Kapitel ist gezeigt worden, lichere Form des Götzendienstes, als die,
daß unser Herr größer als der Tempel der sich das Volk in seiner Vergangenheit
(V. 6), größer als Jona (V. 41) und größer schuldig gemacht hat. Und so wird »das
als Salomo ist. Er ist »größer als das Ende jenes Menschen schlimmer als der
Größte und weit besser als das Beste«. Anfang«. Das ungläubige Israel wird die
schrecklichen Gerichte der Trübsal zu
J. Ein unreiner Geist kehrt zurück erleiden haben und ihr Leiden wird das
(12,43-45) der Zeit der Gefangenschaft weit über-
12,43.44 Nun gibt Jesus uns in symbo- steigen. Der götzendienerische Teil des
lischer Form eine Zusammenfassung der Volkes wird schließlich bei Christi Wie-
Vergangenheit, der Gegenwart und der derkunft vernichtet werden.
Zukunft des ungläubigen Israel. Der »So wird es auch diesem bösen
Mann ist die Jüdische Nation, der un- Geschlecht ergehen.« Dasselbe abtrünni-
reine Geist ist der Götzendienst, der für ge, Christus ablehnende Geschlecht, das
das Volk seit der Knechtschaft in Ägyp- den Sohn Gottes bei seinem ersten Kom-
ten bis zur babylonischen Gefangen- men abgelehnt hat, wird bei seiner Wie-
schaft charakteristisch war. Diese Gefan- derkunft ein hartes Gericht über sich
genschaft hatte Israel zeitweilig von sei- ergehen lassen müssen.
nem Götzendienst geheilt. Es war als ob
ein unreiner Geist aus einem Menschen K. Die Mutter und die Brüder Jesu
ausgefahren wäre. Vom Ende der Gefan- (12,46-50)
genschaft bis heute hatte das jüdische 12,46-50 Diese Verse beschreiben ein
Volk keinen Götzendienst mehr betrie- scheinbar nebensächliches Ereignis, bei
ben. Sie sind wie ein Haus, das leer, dem die Familie Jesu kommt und ihn
gekehrt und geschmückt ist. Vor über sprechen will. Warum waren sie gekom-
neunzehnhundert Jahren versuchte men? Markus gibt uns einen Hinweis.
unser Herr, in dieses leere Haus zu gelan- Einige Freunde Jesu nahmen an, daß er
gen. Er war der rechtmäßige Besitzer des verrückt geworden sei (Mk 3,21.31-35),
Hauses, aber die Menschen weigerten und vielleicht kam seine Familie, um ihn
sich unbeirrbar, ihn einzulassen. Obwohl in aller Stille abzuholen (s. a. Joh 7,5). Als
sie nicht länger Götzen anbeteten, wei- ihm gesagt wurde, daß seine Mutter und
gerten sie sich doch auch, den wahren seine Brüder draußen warteten, um mit
Gott anzubeten. ihm zu sprechen, antwortete der Herr mit
Das leere Haus spricht von einem der Frage: »Wer ist meine Mutter, und
geistlichen Vakuum – ein gefährlicher wer sind meine Brüder?« Dann wies er
Zustand, wie die Folge zeigt. Verbesse- auf seine Jünger und sagte: »Wer den Wil-
rung reicht nicht aus. Der Herr muß len meines Vaters tun wird, der in den
wirklich angenommen werden. Himmeln ist, der ist mein Bruder und
12,45 In der Zukunft wird der Geist meine Schwester und meine Mutter.«
des Götzendienstes sich entschließen, Diese aufregende Ankündigung ist
zum Haus zurückzukehren, und zwar in voller geistlicher Bedeutung und mar-
Gemeinschaft mit sieben anderen Gei- kiert einen Wendepunkt im Handeln
stern, die schlimmer sind als er selbst. Da Jesu an Israel. Maria und ihr Sohn vertra-
die Zahl sieben die Zahl der Vollkom- ten das Volk Israel, die Blutsverwandten
menheit ist, bedeutet das, daß es sich hier Jesu. Bisher hatte er seinen Dienst im
um Götzendienst in seiner ausgereif- großen und ganzen auf die verlorenen
testen Form handelt. Dies ist eine Vor- Schafe des Hauses Israel beschränkt.
ausschau auf die große Trübsal, während Aber es wurde nun immer deutlicher,
der das abtrünnige Volk den Antichri- daß sein eigenes Volk ihn nicht wollte.

83
Matthäus 12 und 13

Statt sich vor ihrem Messias zu beugen, ten, haben sie notwendigerweise auch
hatten die Pharisäer ihn angeklagt, daß das Königreich der Himmel abgelehnt.
er von Satan geleitet werde. Nun gibt uns der Herr durch eine Reihe
Deshalb kündigt Jesus nun eine neue von Gleichnissen einen Ausblick auf die
Ordnung an. Von nun an würden die neue Form, die das Reich in der Zeit
Bande, die ihn mit Israel verbanden, zwischen seiner Ablehnung und Jesu
nicht mehr der ausschlaggebende Faktor endgültiger Einsetzung als König der
für sein Wirken sein. Obwohl sein mitlei- Könige und Herr der Herren annehmen
diges Herz sich noch immer zu seinem wird. Sechs dieser Gleichnisse beginnen
natürlichen Volk bekennen würde, zeigt mit den Worten: »Mit dem Reich der
das 12. Kapitel einen unmißverständ- Himmel ist es wie . . .«
lichen Bruch mit Israel. Das Ergebnis ist Um diese Gleichnisse richtig sehen
nun deutlich geworden. Israel will ihn zu können, sollten wir uns ins Gedächt-
nicht haben, deshalb wendet er sich jetzt nis zurückrufen, was wir in Kapitel 3
denen zu, die ihn wollen. Blutsver- über das Reich gesagt haben. Das Reich
wandtschaft wird nun durch geistliche der Himmel ist ein Gebiet, in dem die
Verbundenheit ersetzt. Gehorsam gegen Herrschaft Gottes akzeptiert wird. Es hat
Gott wird Männer und Frauen, ob sie zwei Bereiche:
Juden oder Heiden waren, in eine leben- 1. das äußerliche Bekenntnis, das alle
dige Beziehung zu ihm bringen. umfaßt, die von sich behaupten, Got-
Ehe wir dieses Ereignis hinter uns las- tes Regierung anzuerkennen und
sen, sollten wir noch zwei wichtige 2. eine innere Realität, die nur die
Punkte festhalten, die die Mutter Jesu umfaßt, die das Reich durch Bekeh-
betreffen. Erstens ist es deutlich, daß rung erlangen.
Maria keinen bevorzugten Platz hat, Das Reich hat 5 verschiedene Phasen:
soweit es die Möglichkeit betrifft, in sei- 1. Die Phase des AT, in der es nur vor-
ne Gegenwart zu treten. hergesagt wurde,
Zweitens wirft die Erwähnung der 2. die Phase, in der es in der Person des
Brüder Jesu die These um, daß Maria Königs »anwesend« oder »nahe« war,
Zeit ihres Lebens Jungfrau geblieben ist. 3. die Zwischenzeit nach der Ableh-
Es ist sehr wahrscheinlich, daß hier wirk- nung des Königs und seiner Rück-
liche Söhne Marias und damit Halbbrü- kehr in den Himmel, in der das Reich
der Jesu gemeint sind. Diese Sicht wird aus denen besteht, die auf Erden
durch andere Schriftstellen gestützt, wie bekennen, seine Untertanen zu sein,
etwa Ps 69,8; Matth 13,55; Mk 3,31.32; 6,3; 4. die Verwirklichung des Königreiches
Joh 7,3.5; Apg 1,14; 1. Kor 9,5; Gal 1,19. im Tausendjährigen Reich und
5. das endgültige, ewige Reich. Jede
VIII. Der König verkündigt eine neue Bibelstelle, die das Reich erwähnt,
Zwischenzeit des Königreiches, bezieht sich auf eine dieser fünf
weil Israel ihn abgelehnt hat Phasen.
(Kap. 13) In Kapitel 13 wird nun die Zwischen-
zeit besprochen. In dieser Phase von
Die Gleichnisse über das Reich der Pfingsten bis zur Entrückung besteht das
Himmel Reich Gottes seiner inneren Realität
Wir sind an einen Wendepunkt im Evan- (echte Gläubige) nach aus denselben
gelium des Matthäus gelangt. Der Herr Menschen wie die Gemeinde. Das ist das
hat angedeutet, daß irdische Beziehun- einzige, worin Königreich und Gemein-
gen nun durch geistliche Bande ersetzt de gleich sind. Sonst sind sie sehr unter-
sind, daß nicht länger die jüdische schiedlich.
Geburt ausschlaggebend ist, sondern der Vor dem Hintergrund dieser Aus-
Gehorsam gegenüber Gott, dem Vater. führungen wollen wir nun die Gleich-
Indem die Pharisäer den König ablehn- nisse auslegen.

84
Matthäus 13

A. Das Gleichnis vom Sämann (13,1-9) hat, der höre!« In dem Gleichnis teilte er
13,1 Jesus verließ das Haus, in dem er der Menge eine wichtige Botschaft mit,
den Besessenen geheilt hatte und »setzte eine andere den Jüngern. Keiner sollte
sich an den See« Genezareth. Viele Aus- die Bedeutung seiner Worte miß-
leger glauben, in dem Haus das Volk verstehen. Da der Herr selbst das Gleich-
Israel und in dem See die Heiden sehen nis in den Versen 18-23 interpretiert,
zu können. So symbolisiert das Weg- werden wir unsere Neugier bis dahin
gehen des Herrn den Bruch mit Israel. zügeln.
Während der Zwischenzeit wird das
B. Der Zweck der Gleichnisse
Reich den Nationen gepredigt.
(13,10-17)
13,2 Als sich eine große Volksmenge
am Strand zusammenfindet, steigt er in 13,10 Die Jünger waren verwirrt, daß der
ein Boot und lehrt die Menge in Gleich- Herr in der verschleierten Sprache der
nissen. Ein Gleichnis ist eine Geschichte Gleichnisse sprach. So baten sie ihn,
mit einer zugrundeliegenden geistlichen seine Rede näher zu erklären.
oder moralischen Lehre, die nicht immer 13,11 In seiner Antwort unterscheidet
sofort sichtbar wird. Die sieben Gleich- Jesus zwischen der ungläubigen Menge
nisse, die nun folgen, sagen uns, wie das und den gläubigen Jüngern. Die Menge,
Reich in der Zeit zwischen Jesu erstem ein Querschnitt durch die Bevölkerung,
und zweitem Kommen aussieht. lehnte ihn offensichtlich ab, obwohl ihre
Die ersten vier Gleichnisse erzählte Ablehnung erst vollendet sein würde,
Jesus vor der Menge, die drei letzten hör- wenn sie seinen Kreuzestod forderten.
ten nur die Jünger. Der Herr erklärte die Ihnen würde nicht gestattet sein, die
ersten beiden und das siebte seinen Jün- »Geheimnisse des Reiches der Himmel«
gern und überließ es ihnen (und uns), die zu kennen, während seine echten Nach-
anderen mit der Hilfe, die er uns bereits folger eine Hilfe zum Verständnis erhal-
gegeben hat, zu interpretieren. ten sollten.
13,3 Das erste Gleichnis beschäftigt Ein Geheimnis ist im NT eine Tat-
sich mit einem Sämann, der seine Saat auf sache, die die Menschen vorher nicht
vier verschiedenen Böden sät. Wie zu er- kannten, die man ohne göttliche Offen-
warten ist, unterscheiden sich die Ergeb- barung nicht erkennen kann, aber die
nisse auf den vier Böden voneinander. nun offenbart worden ist. Die Geheim-
13,4-8 nisse des Reiches sind bis dahin un-
bekannte Wahrheiten über das Reich in
Boden Ergebnisse
seiner Zwischenform. Allein die Tat-
1. Harter, festge- 1. Die Saat wird von
stampfter Weg Vögeln gefressen
sache, daß das Königreich überhaupt
2. Dünne Erdschicht 2. Die Saat geht schnell
eine Zwischenform hat, war bis dahin
über einem auf, hat aber keine ein Geheimnis. Die Gleichnisse beschrei-
Felsgrund Wurzel. Sie wird von ben einige Eigenschaften des Reiches
der Sonne verbrannt
und verdorrt. während der Zeit, in der der König
3. Erde mit Dornen 3. Die Saat geht auf, abwesend ist. Einige Menschen nennen
überwuchert aber wegen der das deshalb »die geheime Form des Rei-
Dornen ist Wachstum ches« – nicht, daß es irgend etwas ge-
unmöglich.
heimnisvolles um dieses Reich gäbe,
4. Gute Erde 4. Die Saat geht auf,
wächst und bringt sondern nur, weil diese Tatsachen vorher
Ernte ein. Einige nie bekannt waren.
Stengel tragen hun- 13,12 Es könnte scheinen, daß diese
dertfach, andere
sechzigfach, wieder Geheimnisse zufällig der Menge vorent-
andere dreißigfach. halten und den Jüngern offenbart wur-
den. Doch Jesus gibt hier den Grund an:
13,9 Jesus schloß das Gleichnis mit »Denn wer da hat, dem wird gegeben
der kurzen Ermahnung ab: »Wer Ohren werden, und er wird Überfluß haben;

85
Matthäus 13

wer aber nicht hat, von dem wird selbst, trotz ihrer Krankheit und Not lehnten sie
was er hat, genommen werden.« Die Jün- jede Hilfe ab. Deshalb war ihre Strafe,
ger glaubten an den Herrn Jesus, deshalb daß sie hörend nicht verstehen und
würde ihnen mehr gegeben werden. Sie sehend nicht sehen konnten.
hatten das Licht angenommen, also wür- 13,16.17 Die Jünger hatten ein großes
den sie mehr Licht erhalten. Das jüdische Vorrecht, denn sie durften sehen, was
Volk dagegen hatte das Licht der Welt sonst keiner vor ihnen sehen durfte. Die
abgelehnt, deshalb wurden sie jetzt nicht Propheten und andere gerechte Männer
nur davon ausgeschlossen, mehr Licht des AT hatten sich danach gesehnt, die
zu erhalten, sondern sie würden das Ankunft des Messias erleben zu dürfen,
wenige Licht, das sie schon hatten, auch aber ihr Wunsch war nicht erfüllt wor-
noch verlieren. Wer das Licht ablehnt, den. Die Jünger hatten das Vorrecht, an
der verleugnet es. diesem Wendepunkt der Geschichte zu
13,13 Matthew Henry vergleicht die leben, den Messias zu sehen, Zeugen sei-
Gleichnisse mit der Feuer- und Wolken- ner Wunder zu werden und die unver-
säule, die Israel erleuchtete, die Ägypter gleichliche Lehre von seinen Lippen zu
dagegen verwirrte. Die Gleichnisse soll- vernehmen.
ten denen offenbart werden, die ehrlich
interessiert waren, würden sich aber »für C. Erklärung des Gleichnisses vom
die, die Jesus feindlich gesinnt waren, als Sämann (13,18-23)
Ärgernis erweisen«. 13,18 Nachdem der Herr erklärt hatte,
So war es nicht eine Frage der Laune warum er in Gleichnissen sprach, fährt
des Herrn, sondern nur das Wirken eines der Herr nun fort und legt das Gleichnis
Prinzips, das im ganzen Leben gültig ist – von den vier verschiedenen Böden aus.
auf absichtliche Blindheit folgt als Ge- Er sagt uns nicht, wer der Sämann ist,
richtshandeln die wirkliche Blindheit. doch wir können uns sicher sein, daß er
Deshalb sprach Jesus zu den Juden in entweder Jesus selbst ist (V. 37) oder aber
Gleichnissen. H. C. Woodring drückte diejenigen, die die Botschaft des Reiches
das so aus: »Weil sie die Wahrheit nicht predigen. Er erklärt, daß die Saat das
liebten, sollten sie das Licht der Wahr- Wort vom Reich ist (V. 19). Die verschie-
26)
heit nicht empfangen.« Sie bekannten, denen Arten des Bodens sind diejenigen,
daß sie sähen, das heißt, mit den gött- die die Botschaft hören.
lichen Wahrheiten vertraut seien, aber 13,19 Der festgetretene Weg spricht
die fleischgewordene Wahrheit stand von Menschen, die sich weigern, die Bot-
vor ihnen und sie lehnten es entschlos- schaft anzunehmen. Sie hören zwar das
sen ab, sie zu sehen. Sie beteuerten, auf Evangelium, verstehen es aber nicht –
Gottes Wort zu hören, aber das leben- und zwar nicht, weil sie nicht dazu in der
dige Wort Gottes war unter ihnen und Lage wären, sondern weil sie nicht wol-
sie wollten ihm nicht gehorchen. Sie len. Die Vögel sind ein Bild Satans, er
wollten die wunderbare Tatsache der reißt die Saat aus den Herzen dieser
Fleischwerdung nicht verstehen, des- Hörer heraus. Er arbeitet mit ihnen ge-
halb wurde ihnen das Verständnis ent- meinsam an ihrer selbstgewählten Un-
zogen. fruchtbarkeit. Die Pharisäer waren sol-
13,14.15 Sie waren eine lebendige che Hörer mit festgetretener Erde.
Erfüllung der Prophezeiung in Jesaja 13,20.21 Als Jesus über den Fels
6,9.10. Das Herz Israels war taub gewor- sprach, dachte er an eine dünne Erd-
den und ihre Ohren waren für Gottes decke über einem Felsgrund. Er ist ein
Stimme nicht mehr empfänglich. Sie wei- Bild für die Menschen, die das Wort
gerten sich hartnäckig, mit ihren Augen hören und mit Freude reagieren. Zu
zu sehen. Sie wußten, daß, wenn sie Anfang mag der Sämann erfreut sein,
sehen, hören, verstehen und Buße tun daß seine Predigt so erfolgreich ist. Aber
würden, Gott sie heilen würde. Aber bald lernt er die tiefgründigere Lektion,

86
Matthäus 13

daß es nicht gut ist, wenn die Botschaft nimmt es auf und versteht es, indem er
mit Lächeln und Hochrufen angenom- dem Gehörten Gehorsam leistet. Obwohl
men wird. Wichtig ist, erst von der Sün- diese Gläubigen nicht alle die gleiche
de überzeugt zu sein, Buße zu tun und Frucht bringen, zeigen sie alle durch ihre
umzukehren. Es ist weitaus vielverspre- Frucht, daß sie göttliches Leben haben.
chender, einen Bittenden seinen Weg Frucht bedeutet hier wahrscheinlich eher
nach Golgatha weinend, als ihn mit die Entwicklung eines christlichen Cha-
leichtem Herzen und voller Über- rakters, als Menschen, die man für Chri-
schwang nach vorne gehen zu sehen. Die stus gewonnen hat. Wenn das Wort
nur oberflächliche Erddecke bringt nur Frucht im Neuen Testament benutzt
oberflächliches Bekenntnis, es fehlen tie- wird, ist damit meist die Frucht des Gei-
fe Wurzeln. Aber wenn das Bekenntnis stes gemeint (Gal 5,22.23).
durch die brennende Sonne der Drangsal Was sollte dieses Gleichnis der Men-
oder Verfolgung erprobt wird, dann ent- ge sagen? Offensichtlich warnte es vor
scheidet sich ein solcher Gläubiger oft, der Gefahr, das Wort zu hören, ohne ihm
daß es den Einsatz nicht wert ist und gibt gehorsam zu sein. Das Gleichnis sollte
jedes Bekenntnis der Herrschaft Christi auch einzelne ermutigen, das Wort ehr-
über sein Leben auf. lich anzunehmen und dann ihre Echtheit
13,22 Die mit Dornen überwucherte zu beweisen, indem sie für Gott Frucht
Erde steht für eine andere Gruppe, die brächten. Die Jünger und spätere Gläu-
das Wort nur oberflächlich hört. Diese bige wurden durch dieses Gleichnis auf
Menschen scheinen nach außen hin echte die andernfalls sehr entmutigende Tat-
Bürger des Reiches zu sein, aber nach sache vorbereitet, daß relativ wenige
einiger Zeit wird ihr Interesse daran Menschen, die die Botschaft hören, auch
durch die »Sorge der Zeit« und durch ihr wirklich gerettet werden. Es bewahrt
Streben nach Reichtum erstickt. Es gibt Christi treue Untertanen vor der Illu-
keine geistliche Frucht in ihrem Leben. sion, daß die ganze Welt durch die Ver-
G. H. Lang zeigt dies an einem Sohn breitung des Evangeliums bekehrt wer-
eines geldliebenden Vaters mit einem den wird. Die Jünger wurden durch die-
großen Geschäft. ses Gleichnis auch vor drei großen
Er mußte bald wählen, ob er seinem Gegenspielern des Evangeliums ge-
Herrn oder seinem Vater gefallen wollte. warnt:
Deshalb war die Erde, auf die der Same gesät 1. Satan (die Vögel – der Böse),
wurde und keimte, schon mit Dornen be- 2. das Fleisch (die brennende Sonne –
wachsen. Die Sorge der Zeit und der Betrug Drangsal oder Verfolgung) und
des Reichtums waren also schon da. Er ent- 3. die Welt (die Dornen – die Sorge der
schied sich für die Wünsche seines Vaters, Zeit und der Betrug des Reichtums).
arbeitete nur noch für das Geschäft, stieg bis Schließlich erhielten die Jünger eine
zur Konzernführung auf, und als es ihm gut Vorstellung von den großen Erträgen,
ging, mußte er erkennen, daß er seine himm- wenn man in Menschen investiert.
lischen Angelegenheiten vernachlässigt hat- Dreißigfach bedeutet 3000 %igen Ge-
te. Er wollte sich bald zur Ruhe setzen und winn, sechzigfach bedeutet 6000 %igen
sagte, er wolle sich nun mehr um geistliche Gewinn und hundertfach bedeutet sogar
Angelegenheiten kümmern. Doch Gott läßt 10 000 %igen Gewinn. Es ist wirklich un-
sich nicht spotten. Der Mann setzte sich zur möglich, die Bedeutung von nur einer
Ruhe und starb nur wenige Monate später. einzigen wirklichen Bekehrung zu er-
Er hinterließ 90 000 £ und ein geistlich ver- messen. Irgendein Sonntagsschullehrer
schwendetes Leben. Die Dornen hatten das hat in D. L. Moody investiert. Moody hat
Wort erstickt, deshalb brachte er keine wieder andere gewonnen, die wieder an-
27)
Frucht. dere gewannen. Der Sonntagsschullehrer
13,23 Die gute Erde steht für den hat eine Kettenreaktion in Gang gesetzt,
wahren Gläubigen. Er hört das Wort, die nie mehr aufhören wird.

87
Matthäus 13

D. Das Gleichnis vom Weizen und halb werden wir es hier nicht weiter
vom Unkraut (13,24-30) kommentieren.
Das vorige Gleichnis war ein lebendiges
E. Das Gleichnis vom Senfkorn
Beispiel für die Tatsache, daß das Reich
(13,31.32)
der Himmel sowohl aus denen besteht,
die nur Lippendienste für den König lei- 13,31.32 Als nächstes vergleicht der Herr
sten, als auch aus denen, die echte Jün- das Reich mit einem Senfkorn, das er das
ger sind. Die ersten drei Bodenarten zei- kleinste aller Samen nennt, das heißt, das
gen das Reich in seinem weitesten kleinste, das seine Zuhörer kennen.
Umkreis – äußeres Bekenntnis. Der vier- Wenn man eines dieser Senfkörner aus-
te Boden zeigt das Reich im engeren sät, dann wird es zu einem Baum, ein
Sinne – diejenigen, die wirklich bekehrt wahrhaft wunderbares Wachstum. Die
sind. normale Senfpflanze ist eher ein Strauch
13,24-26 Das zweite Gleichnis – vom als ein Baum. Der Baum war immerhin
Weizen und vom Unkraut – zeigt das groß genug, daß Vögel in seinen Zwei-
Reich auch in diesen beiden Aspekten. gen nisten konnten.
Der Weizen steht für die wahren Gläubi- Das Samenkorn steht für den beschei-
gen, das Unkraut sind Menschen, die nur denen Anfang des Reiches. Zu Beginn
mit den Lippen bekennen. Jesus ver- wurde das Reich durch die Verfolgung
gleicht das Reich »einem Menschen, der relativ klein und rein erhalten. Aber als
guten Samen auf seinen Acker säte. es durch den Staat geschützt und geför-
Während aber die Menschen schliefen, dert wurde, wuchs es übermäßig. Des-
kam sein Feind und säte Unkraut mitten halb konnten nun Vögel kommen und
unter den Weizen«. Unger schreibt, daß sich dort niederlassen. Hier wird das
es sich bei dem häufigsten Unkraut in gleiche Wort für Vögel verwendet wie in
einem Kornfeld um den Taumellolch Vers 4, wo Jesus sagt, daß die Vögel den
(Lolium temulentum) handelt, »ein gifti- Bösen symbolisieren (V. 19). Das Reich
ges Gras, das sich vom Weizen während wurde zu einem Nistplatz Satans und
des Wachstums fast nicht unterscheidet. seiner Handlanger. Heute finden sich
Wenn sie jedoch Ähren ansetzen und rei- unter dem Dach des Christentum solche
fen, dann können sie ohne Schwierigkeit christusleugnenden Lehren wie Unitaris-
voneinander getrennt werden«.28) mus, Christliche Wissenschaft, Mormo-
13,27.28 Als die Knechte sahen, daß nentum, Zeugen Jehovas und Vereini-
der Weizen mit Unkraut vermischt war, gungskirche (Mun-Sekte).
fragen sie den Hausherrn, wie das Deshalb warnte der Herr hier die Jün-
gekommen sei. Er erkannte das sofort als ger vorab, daß während seiner Abwesen-
Werk eines Feindes. Die Knechte waren heit das Reich gewaltig wachsen würde.
bereit, das Unkraut sofort zu jäten. Sie sollten sich jedoch dadurch nicht täu-
13,29.30 Aber der Bauer gab die schen lassen oder Wachstum mit Erfolg
Anweisung, bis zur Ernte zu warten. gleichsetzen. Obwohl das kleine Senf-
Dann würden die Schnitter beides von- korn zu einem unnormal großen Baum
einander trennen. Das Korn würde in die wüchse, würde es in seiner Größe »eine
Scheunen gesammelt, der Lolch jedoch Behausung von Dämonen geworden
verbrannt werden. und ein Gefängnis jedes unreinen Geistes
Warum ordnete der Bauer hier nun und ein Gefängnis jedes unreinen und
an, daß man mit der Trennung warten gehaßten Vogels« (Offb 18,2).
soll? In der Natur sind die Wurzeln von
Weizen und Lolch so verfilzt, daß es fast F. Das Gleichnis vom Sauerteig
unmöglich ist, nur eines von beiden aus- (13,33)
zurupfen. 13,33 Als nächstes vergleicht der Herr
Dieses Gleichnis wird von unserem Jesus das Reich mit »einem Sauerteig,
Herrn in den Versen 37-43 erklärt, des- den eine Frau nahm und unter drei Maß

88
Matthäus 13

Mehl mengte«. Schließlich war das ganze vergleichen würde, dann ist es eine ausrei-
Mehl »durchsäuert«. Viele interpretieren chende Antwort, wenn wir sagen, daß er das
hier so, daß das Mehl die Welt ist, und Reich mit Weizen und Unkraut und mit gut-
der Sauerteig das Evangelium, das in der en und schlechten Fischen vergleicht, daß es
ganzen Welt gepredigt wird, bis jeder im Reich der Himmel einen bösen Knecht
gerettet ist. Diese Ansicht wird jedoch gibt (Matth 18,23-32), daß es dort einen
von der Schrift, der Geschichte und den Mann gibt, der kein Hochzeitsgewand hatte
29)
gegenwärtigen Ereignissen nicht be- und der verloren war (Matth 22,1-13).
stätigt.
Sauerteig ist in der Bibel immer ein G. Die Verwendung der Gleichnisse
Bild des Bösen. Als Gott seinem Volk erfüllt Prophezeiungen (13,34.35)
befahl, den Sauerteig aus ihren Häusern 13,34.35 Jesus sprach die ersten vier
zu entfernen (2. Mose 12,15), verstanden Gleichnisse zu der Menge. Die Verwen-
sie das. Wenn jemand in der Zeit zwi- dung dieser Lehrmethode war eine
schen dem ersten und dem siebten Tage Erfüllung von Psalm 78,2, daß der Mes-
des Festes der ungesäuerten Brote ir- sias in Gleichnissen reden würde, und
gend etwas Gesäuertes aß, dann wurde aussprechen würde, »was von Grundle-
er aus dem Volk Israel ausgeschlossen. gung der Welt an verborgen war«. Diese
Jesus warnte vor dem Sauerteig der Pha- Eigenschaften des Reiches in seiner
risäer und Sadduzäer (Matth 16,6.12) Zwischenform, die bis zu dieser Zeit ver-
und vor dem Sauerteig des Herodes borgen gewesen waren, wurden nun
(Mk 8,15). In 1. Korinther 5,6-8 wird bekannt gemacht.
Sauerteig als Böses und Schlechtes defi-
niert, und der Zusammenhang in Galater H. Erklärung des Gleichnisses vom
5,9 zeigt uns, daß sich das Wort dort auf Unkraut und Weizen (13,36-43)
Irrlehre bezieht. Im allgemeinen bedeu- 13,36 Der Rest der Ansprache unseres
tet Sauerteig entweder falsche Lehre Herrn wurde nur vor den Jüngern gehal-
oder böses Verhalten. ten – in einem Haus. Hier könnten die
So warnt der Herr in diesem Gleich- Jünger für den gläubigen Überrest des
nis vor der durchdringenden Kraft des Volkes Israels stehen. Die neuerliche
Bösen, das im Reich der Himmel am Erwähnung eines Hauses erinnert uns
Werk ist. Das Gleichnis vom Senfkorn daran, daß Gott sein Volk, das er erkannt
zeigt das Böse im Äußeren des Reiches, hat, nicht für immer verstößt (Röm 11,2).
dieses Gleichnis zeigt den inneren 13,37 In seiner Interpretation des
Bereich des Reiches. Gleichnisses vom Weizen und vom Un-
Wir glauben, daß in diesem Gleichnis kraut zeigt Jesus, daß er selbst der
das Mehl die Speise des Volkes Gottes Sämann ist. Er säte direkt während sei-
bedeutet, wie wir sie in der Bibel finden. nes Dienstes auf Erden, und durch seine
Der Sauerteig ist die Irrlehre. Die Frau ist Knechte hat er in den folgenden Zeiten
die falsche Prophetin, die lehrt und ver- weiter gesät.
führt (Offb 2,20). Ist es nicht bezeich- 13,38 Das Feld ist die Welt. Es ist
nend, daß Frauen oft Gründerinnen von wichtig zu betonen, daß das Feld die
Irrlehren waren? Ihnen wird von der Welt ist, nicht die Gemeinde. Der gute
Bibel verboten, in der Gemeinde zu leh- Same sind die Söhne des Reiches. Es mag
ren (1. Kor 14,34; 1. Tim 2,12), doch haben bizarr und unpassend klingen, wenn
sich einige trotzig lehrmäßige Autorität man von Menschen sagt, daß sie in den
angemaßt und haben die Speise des Boden gesät werden. Aber der Punkt, der
Volkes Gottes mit zerstörerischen Irrleh- hier betont wird ist, daß die Söhne des
ren vermengt. Reiches in die Welt gesät worden sind.
J. H. Brookes schreibt: Während der Jahre seines öffentlichen
Wenn der Einwand erhoben wird, daß Dienstes besäte Jesus die Welt mit Jün-
Christus das Reich nicht mit etwas Bösem gern, die treue Untertanen des Reiches

89
Matthäus 13

waren. Das Unkraut sind die Söhne des die Nachahmung umfaßt, das Original
Bösen. Satan hat ein Gegenbild für jede und die Nachbildung, und daß dieser Zu-
göttliche Realität geschaffen. Er sät sol- stand bis an das Ende des Zeitalter beste-
che in die Welt, die aussehen, sprechen hen bleibt. Dann werden Gottes Boten die
und bis zu einem gewissen Grade leben Falschen aussortieren, die ins Gericht
wie Jünger. Aber sie sind keine echten kommen werden. Die Echten werden
Nachfolger des Königs. dagegen die Herrschaft Christi über diese
13,39 Der Feind ist Satan, der Feind Erde in Herrlichkeit miterleben dürfen.
Gottes und der Feind des Volkes Gottes.
»Die Ernte aber ist die Vollendung des I. Das Gleichnis vom verborgenen
Zeitalters«, das Ende des Zeitalters des Schatz (13,44)
Königreiches in seiner Zwischenform. Es 13,44 Bisher haben alle Gleichnisse
wird kommen, wenn Jesus in Macht und gelehrt, daß es im Reich gute und böse,
Herrlichkeit wiederkommt, um als Kö- gerechte und ungerechte Untertanen
nig zu herrschen. Der Herr bezieht sich geben wird. Die beiden nächsten Gleich-
hier nicht auf das Ende des Zeitalters der nisse zeigen, daß es zwei Arten von
Gemeinde. Es führt nur zu Verwirrun- gerechten Untertanen geben wird:
gen, wenn man hier die Gemeinde mit 1. Die gläubigen Juden in der Zeit vor
ins Spiel bringt. und nach dem Zeitalter der Gemein-
13,40-42 Die Schnitter sind die Engel de,
(s. Offb 14,14-20). Während der gegen- 2. die gläubigen Juden und Heiden des
wärtigen Phase des Reiches wird zwi- gegenwärtigen Zeitalters.
schen Weizen und Lolch nicht getrennt. Im Gleichnis vom Schatz vergleicht
Sie dürfen zusammen aufwachsen. Aber Jesus das Königreich mit einem Schatz,
bei der Wiederkunft Christi werden die der in einem Acker verborgen liegt. Ein
Engel alle Ärgernisse und alle, die Böses Mensch findet ihn, verbirgt ihn, und ver-
getan haben, sammeln und sie in den kauft dann freudig alles, was er besitzt,
Feuerofen werfen, wo sie weinen und um den Acker zu kaufen.
mit ihren Zähnen knirschen werden. Wir sind der Meinung, daß der
13,43 Die rechtmäßigen Untertanen Mensch der Herr Jesus selbst ist (er war
des Reiches, die während der Drangsal auch der Mensch, der im Gleichnis vom
auf der Erde leben, werden das Reich Weizen und Unkraut säte. V. 37). Der
ihres Vater erleben und die tausendjäh- Schatz ist der gottesfürchtige Überrest
rige Herrschaft Christi genießen dürfen. gläubiger Juden, wie er zur Zeit des
Sie werden leuchten wie die Sonne, das Dienstes Jesu auf Erden und auch wieder
heißt, sie werden überaus herrlich sein. nach der Entrückung der Gemeinde exi-
Jesus fügt hier wieder die sprichwört- stieren wird (s. Ps 135,4, wo Israel als
liche Ermahnung an: »Wer Ohren hat, Gottes wertvoller Schatz bezeichnet
der höre!« wird). Sie sind in einem Acker verbor-
Dieses Gleichnis rechtfertigt nicht, gen, indem sie über die Welt verstreut
wie manche irrtümlicherweise an- leben und niemanden außer Gott be-
nehmen, die Tolerierung gottloser Men- kannt sind. Jesus wird dargestellt, wie er
schen in der christlichen Ortsgemeinde. diesen Schatz entdeckt, dann ans Kreuz
Man bedenke dabei, daß das Feld die geht und alles hingibt, was er besitzt, um
Welt ist, nicht die Gemeinde. Die Orts- die Welt zu erkaufen (2. Kor 5,19; 1. Joh
gemeinde wird ausdrücklich aufgefor- 2,2), in der dieser Schatz verborgen liegt.
dert, aus ihrer Gemeinschaft alle auszu- Das erlöste Israel wird aus seinem Ver-
schließen, die sich bestimmter schwerer steck geholt werden, wenn der Erlöser
Formen der Sünde schuldig gemacht aus Zion kommt und das langerwartete
haben (1. Kor 5,9-13). Das Gleichnis lehrt messianische Reich aufrichtet.
einfach, daß das Reich der Himmel in sei- Das Gleichnis wird manchmal auch
ner geheimnisvollen Form das Echte und auf einen Sünder angewendet, der alles

90
Matthäus 13

aufgibt, um Christus, den größten Schatz über die erneuerte Erde herrschen. Die Beto-
zu finden. Aber diese Interpretation ver- nung liegt im zweiten Gleichnis auf dem
letzt die Lehre von der Gnade, die aus- König selbst und dem enormen Preis,
sagt, daß die Errettung ohne Bezahlung den er bezahlte, um um seine Braut zu
erlangt wird (Jes 55,1; Eph 2,8.9). werben und sie zu gewinnen, die seine
Herrlichkeit am Tage seiner Offenbarung
J. Das Gleichnis von der kostbaren mit ihm teilen wird.
Perle (13,45.46) Wie die Perle ihren Ursprung im
13,45.46 Das Reich wird auch mit »einem Meer hat, so stammt auch die Gemeinde,
Kaufmann« verglichen, »der schöne Per- die manchmal die heidnische Braut Chri-
len sucht«. Als er eine Perle von unge- sti genannt wird, hauptsächlich aus den
wöhnlich hohem Wert findet, opfert er Nationen. Das schließt die bekehrten
seinen ganzen Besitz, um sie zu erwer- Juden nicht aus, sondern weist nur auf
ben. In einem Lied, welches heißt »Ich ein Hauptmerkmal der Gemeinde hin,
habe die kostbarste Perle gefunden«, fin- als ein Volk, das aus den Nationen für
det der Sünder den Erlöser, den Herrn seinen Namen berufen ist. In Apostelge-
Jesus. Aber wir müssen hier wieder ein- schichte 15,14 bestätigt Jakobus dies als
wenden, daß ein Sünder nicht alles ver- das große Ziel Gottes im gegenwärtigen
kaufen muß und Christus nicht durch Zeitalter.
irgend etwas zu erwerben braucht.
Wir glauben eher, daß der Kaufmann K. Das Gleichnis vom Fischnetz
für den Herrn Jesus steht. Die kostbare (13,47-50)
Perle ist die Gemeinde. Auf Golgatha 13,47.48 Das letzte dieser Gleichnisse
verkaufte Jesus alles, um diese Perle zu vergleicht das Reich mit »einem Netz,
erwerben. Ebenso, wie eine Perle in einer das ins Meer geworfen wurde und von
Muschel durch Leiden, das durch einen jeder Gattung zusammenbrachte«. Die
Reiz verursacht ist, gebildet wird, so ent- Fischer sortierten die Fische dann aus,
stand die Gemeinde durch die Verwun- indem sie die Guten in Gefäße warfen,
dung und Verletzung des Leibes unseres und die Faulen aussortierten.
Erlösers. 13,49.50 Unser Herr legt das Gleich-
Es ist interessant, daß in dem Gleich- nis selbst aus. Die Zeit, zu der das
nis vom Schatz das Reich mit dem Schatz geschehen wird, ist »die Vollendung des
selbst verglichen wir. Hier wird jedoch Zeitalters«, das heißt, das Ende der
das Reich nicht mit der Perle, sondern Drangsalszeit. Zu dieser Zeit wird Chri-
mit dem Kaufmann verglichen. Warum stus wiederkommen. Die Fischer stehen
dieser Unterschied? für die Engel. Die guten Fische sind die
Im vorhergehenden Gleichnis liegt Gerechten, das heißt, die Erretteten aus
die Betonung auf dem Schatz – dem er- Juden und Heiden. Die faulen Fische
lösten Israel. Das Königreich ist eng mit sind die Ungerechten, nämlich die
dem Volk Israel verbunden. Es wurde Ungläubigen aus allen Völkern. Hier
ursprünglich diesem Volk angeboten, wird nun getrennt, wie wir es schon im
und in seiner zukünftigen Form werden Gleichnis vom Weizen und Unkraut
seine Untertanen in der Hauptsache gesehen haben (V. 30.39-43). Die Gerech-
Juden sein. ten kommen in das Reich ihres Vaters,
Wie wir bereits erwähnten, ist die während die Ungerechten in den Feuer-
Gemeinde nicht dasselbe wie das König- ofen geworfen werden, wo »das Weinen
reich. Alle, die zur Gemeinde gehören, und Zähneknirschen sein« wird. Das ist
gehören zum Reich, aber nicht alle, die nicht das endgültige Gericht, dieses
zum Reich gehören, sind Glieder der Gericht wird zu Anfang des Tausend-
Gemeinde. Die Gemeinde wird nicht zum jährigen Reiches vollzogen. Das endgül-
Königreich in seiner zukünftigen Form ge- tige Gericht wird nach diesen tausend
hören, sondern wird zusammen mit Christus Jahren sein (Offb 20,7-15).

91
Matthäus 13 und 14

Gaebelein kommentiert diese Gleich- die Menschen zwar über seine Weisheit
nis folgendermaßen: und die Wunder erstaunt, von denen
Das Netz wird in die See gelassen, die, andere ihnen berichteten. Aber für sie
wie wir schon gesehen haben, für die Na- war er nur »der Sohn des Zimmer-
tionen steht. Das Gleichnis bezieht sich auf manns«. Sie wußten, daß Maria seine
die Predigt des ewigen Evangeliums, das Mutter war, und seine Brüder Jakobus,
während der großen Drangsal verkündigt Joseph, Simon und Judas hießen und
wird (Offb 14,6.7). Die Trennung zwischen daß er Schwestern hatte, die noch in
Gut und Böse wird von den Engeln voll- Nazareth lebten. Wie konnte nur einer
zogen. All dies kann sich nicht auf die heuti- der ihren solches sagen und das tun, was
ge Zeit noch auf die Gemeinde beziehen, son- ihn überall so bekannt machte? Das er-
dern nur auf die Zeit, zu der das Reich aufge- staunte sie, und es war für sie einfacher,
richtet werden wird. Die Engel werden hier an ihrer Borniertheit festzuhalten, als die
zu dienen haben, wie wir es so deutlich in der Wahrheit anzuerkennen.
Offenbarung dargestellt finden. Die Bösen 13,57.58 Sie ärgerten sich an ihm. Des-
werden in den Feuerofen geworfen, die Ge- halb betonte der Herr, daß ein echter Pro-
rechten dagegen werden für die Zeit des Tau- phet fern von seiner Heimat meist mehr
30)
sendjährigen Reiches auf der Erde bleiben. geschätzt wird als zuhause. Seine eige-
nen Nachbarn und Verwandten ließen es
L. Der Schatz der Wahrheit (13,51.52) zu, daß ihre Bekanntheit mit ihm zur Ver-
13,51 Als der Meister seine Gleichnisse achtung führte. Es war hauptsächlich der
beendet hatte, fragte er seine Jünger, ob Unglaube, der Jesu Wirken in Nazareth
sie ihn verstanden hätten. Sie antworte- verhinderte. Er heilte dort nur einige
ten: »Ja.« Das mag uns erstaunen oder wenige Kranke (vgl. Mk 6,5). Es ging
sogar ein wenig neidisch auf sie machen. nicht darum, daß er hier nicht hätte wir-
Vielleicht können wir nicht so voller ken können, denn die Bosheit des Men-
Selbstvertrauen mit »Ja« antworten. schen kann die Macht Gottes nicht
13,52 Weil sie verstanden, waren sie begrenzen. Aber er segnet keine Men-
verpflichtet, dies anderen mitzuteilen. schen, die seinen Segen nicht wollen. Er
Jünger sollen Kanäle des Segens, nicht erfüllt keine Bedürfnisse, welche die
seine Sammelpunkte sein. Die Zwölf Menschen nicht haben, und er heilt nie-
waren nun Schriftgelehrte, die auf das manden, der sich beschweren würde,
Reich der Himmel vorbereitet waren, wenn man ihn krank nennt.
d. h. Lehrer und Deuter der Wahrheit. Sie
waren »gleich einem Hausherrn, der aus IX. Die unermüdliche Gnade des
seinem Schatz Neues und Altes hervor- Messias wird mit wachsender
bringt«. Im AT hatten sie eine reiche Feindseligkeit beantwortet
Quelle dessen, was man vielleicht »alte (14,1 – 16,12)
Wahrheit« nennen könnte. In den Gleich-
nisreden Jesu hatten sie eben etwas ganz A. Johannes der Täufer wird geköpft
Neues erhalten. Aus dieser reichen Quel- (14,1-12)
le des Wissens sollten sie nun schöpfen, 14,1.2 Die Nachricht von Jesu Dienst kam
um anderen die wunderbaren Wahrhei- nun bald zu Herodes dem Vierfürsten.
ten weiterzugeben. Dieser berüchtigte Sohn Herodes des
Großen war auch unter dem Namen
M. Jesus wird in Nazareth abgelehnt Herodes Antipas bekannt. Er hatte die
(13,53-58) Hinrichtung von Johannes dem Täufer
13,53-56 Nachdem Jesus diese Gleich- befohlen. Als er von den Wundern Chri-
nisse vollendet hatte, verließ er die Ufer sti hörte, begann sein Gewissen ihn zu
des Sees Genezareth und ging zum letz- quälen. Die Erinnerung an den Pro-
ten Mal hin, um Nazareth zu besuchen. pheten, den er hatte köpfen lassen, ließ
Als er hier in der Synagoge lehrte, waren ihn nicht los. Er sagte seinen Dienern:

92
Matthäus 14

»Dieser ist Johannes. Er kommt von den keinem besseren gehen, um ihren Kum-
Toten zu mir zurück. Das erklärt diese mer und ihre Entrüstung loszuwerden.
Wunder.« Auch hätten sie uns kein besseres Bei-
14,3 In den Versen 3-12 haben wir spiel geben können. In Zeiten der Verfol-
eine sogenannte literarische Rückschau. gung, Unterdrückung, des Leidens und
Matthäus unterbricht seine Erzählung, des Kummers sollten auch wir gehen
um die Umstände näher zu belichten, die und es Jesus sagen.
zur Ermordung des Johannes geführt Was Herodes angeht, so war sein Ver-
hatten. brechen abgeschlossen, aber die Erinne-
14,4.5 Herodes war geschieden und rung daran dauerte an. Als er von Jesu
lebte nun in Ehebruch und Blutschande Handeln hörte, verfolgte ihn die ganze
mit Herodias, der Frau seines Bruders Angelegenheit weiter.
Philippus. Als Gottes Prophet konnte
Johannes so etwas nicht ohne Ermah- B. Die Speisung der Fünftausend
nung durchgehen lassen. Entrüstet und (14,13-21)
furchtlos zeigte er auf Herodes und klag- 14,13.14 Als Jesus hörte, daß Herodes
te ihn wegen seines unmoralischen Le- durch die Berichte von seinen Wundern
benswandels an. geängstigt wurde, »zog er sich in einem
Der König war nun zornig genug, ihn Schiff« an einen einsamen Ort zurück.
zu töten, doch war das politisch nicht rat- Wir können sicher sein, daß er nicht floh,
sam. Die Menschen sagten von ihm, daß denn er wußte, ihm konnte nichts ge-
er ein Prophet wäre, und hätten even- schehen, ehe seine Zeit nicht gekommen
tuell mit einem Aufruhr auf seine Hin- war. Den Beweggrund für sein Wegge-
richtung reagiert. So befriedigte der hen wissen wir nicht genau, aber sicher
Tyrann seinen momentanen Zorn, indem war einer der weniger wichtigen Grün-
er Johannes ins Gefängnis werfen ließ. de, daß die Jünger gerade von ihrer Pre-
»Die Gottlosen lieben Religion in der digtreise zurückgekehrt waren (Mk 6,30;
gleichen Weise, wie sie Löwen lieben – Lk 9,10) und eine Zeit der Erholung und
entweder tot oder im Käfig: Sie fürchten Ruhe nötig hatten.
die Religion, wenn sie sich losreißt und Dennoch kam die Volksmenge ihm
31)
ihr Gewissen aufrütteln will.« zu Fuß nach. Als er an Land ging, war-
14,6-11 Zu Herodes' Geburtstag er- teten sie schon auf ihn. Weit davon ent-
freute die Tochter der Herodias den fernt, sich durch diese Unterbrechung
König durch ihr Tanzen so sehr, daß er irritieren zu lassen, machte sich unser
ihr im Überschwang alles anbot, was sie barmherziger Herr sofort ans Werk und
sich wünschen mochte. Von ihrer scham- heilte alle ihre Kranken.
losen Mutter veranlaßt, bat sie unver- 14,15 Als es Abend wurde, das heißt,
schämt um das »Haupt Johannes' des nach 15.00 Uhr, merkten seine Jünger,
Täufers auf einer Schüssel«. Bis dahin daß sich Unheil zusammenbraute. Hier
war des Königs Zorn über Johannes waren so viele Menschen, die nichts zu
etwas abgekühlt, vielleicht bewunderte essen hatten. Sie baten Jesus, die Menge
er den Propheten sogar für seinen Mut in die Dörfer zu schicken, damit sie sich
und seine Standhaftigkeit. Aber obwohl dort etwas zu essen kaufen könnten. Wie
er traurig wurde, begriff er, daß er sein wenig verstanden sie das Herz Christi
Versprechen erfüllen mußte. Der Befehl und wie wenig kannten sie seine Macht.
wurde gegeben. Johannes wurde geköpft 14,16-18 Der Herr versicherte ihnen,
und die grausige Bitte des tanzenden daß es nicht nötig sei, sie wegzuschicken.
Mädchens erfüllt. Warum sollten die Menschen den Einen
14,12 Die Jünger des Johannes beer- verlassen, der seine Hand für sie auftut
digten den Leib ihres Meisters mit allen und alles Lebendige nach seinem Wohl-
Ehren und gingen dann zu Jesus, um ihm gefallen sättigt (Ps 145,16)? Dann brachte
die Neuigkeit zu bringen. Sie konnten zu er seine Jünger in Verlegenheit, indem er

93
Matthäus 14

sie aufforderte: »Gebt ihr ihnen zu Schiff zu steigen, um an das andere Ufer
essen.« Sie waren betreten. Wie sollten zu fahren. Dann stieg er auf einen Berg,
sie den Menschen etwas zu essen geben? um zu beten. Als es Abend wurde, das
Sie hatten doch nichts als fünf Brote und heißt nach Sonnenuntergang, war er dort
zwei Fische! Sie hatten darüber ganz ver- allein. (In der jüdischen Zeitrechnung
gessen, daß sie auch noch Jesus hatten. gab es zwei »Abende«; s. 2. Mose 12,6,
Geduldig sagte der Retter: »Bringt sie Anmerkung Elberfelder Bibel. Der eine,
mir her!« Das war ihre Aufgabe. auf den sich Vers 15 bezieht, begann nach
14,19-21 Wir können uns den Herrn 15.00 Uhr, der andere, auf den hier Bezug
gut vorstellen, wie er der Menge befahl, genommen wird, nach Sonnenunter-
sich im Gras zu lagern. Er »nahm die fünf gang.)
Brote und die zwei Fische, blickte auf 14,24-27 In der Zwischenzeit war das
zum Himmel und dankte«. Dann »brach Schiff schon weit weg und kämpfte
er die Brote und gab sie den Jüngern«, gegen den Wind, »denn der Wind war
damit sie sie verteilen konnten. Es war ihnen entgegen«. Als die Wellen das Boot
genug für alle da. Als alle gesättigt hin und her warfen, sah Jesus, wie die
waren, sammelten die Jünger noch zwölf Jünger in Not waren. »In der vierten
Körbe mit Resten auf. Es war schließlich Nachtwache« (zwischen 3.00 und 6.00
mehr übriggeblieben, als Jesus vorher Uhr morgens) »kam er zu ihnen, indem
zur Verfügung gehabt hatte. Ironischer- er auf dem See einherging. Die Jünger
weise war für jeden der ungläubigen meinten, einen Geist zu sehen und gerie-
Jünger ein Korb da. Eine Menge von ten in Panik. Aber sofort hörten sie die
zehn- bis fünfzehntausend Menschen tröstliche Stimme ihres Meisters und
war versorgt worden (5000 Männer mit Freundes: »Seid guten Mutes! Ich bin's.
ihren Frauen und Kindern). Fürchtet euch nicht!«
Das Wunder ist eine geistliche Lek- Wie oft bewahrheitet sich dies in
tion für die Jünger jeder Generation. Die unserem Leben! Wie oft werden wir vom
hungrige Menge ist immer da. Und auch Sturm hin und her geworfen, sind ver-
sind immer nur wenige Jünger mit wirrt und verzweifelt. Der Herr scheint
scheinbar bemitleidenswerten Vorräten weit weg zu sein. Doch die ganze Zeit
da. Und immer ist der mitfühlende Ret- betet er für uns. Gerade dann, wenn die
ter da. Wenn die Jünger gewillt sind, das Nacht am dunkelsten zu sein scheint, ist
wenige, was sie haben, ganz hinzuge- er nahe. Doch wir sehen ihn dann oft
ben, dann vermehrt er ihr Kapital, so nicht und geraten in Panik. Aber dann
daß alle satt werden. Der Unterschied, hören wir seine tröstliche Stimme und
den wir hier festhalten sollten, besteht erinnern uns daran, daß die Wellen, die
jedoch darin, daß fünftausend Men- uns solche Angst eingejagt hatten, unter
schen in Galiläa nur für eine kurze Zeit seinen Füßen sind.
gesättigt worden sind, die jedoch, die 14,28 Als Petrus die wohlbekannte,
sich heute von dem lebendigen Christus von ihm geliebte Stimme hörte, sprudel-
ernähren, sind für immer gesättigt te seine Zuneigung und sein Über-
(s. Joh 6,35). schwang über. »Herr, wenn du es bist, so
befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu
C. Jesus geht auf dem See (14,22-33) kommen.« Anstatt das »wenn« des
Das vorhergehende Wunder sollte die Petrus zu einem schwachen Glauben
Jünger in der Gewißheit bestärken, daß herunterzuspielen, sollten wir seine
sie dem Einen folgten, der für ihre mutige Forderung als Zeichen großen
Bedürfnisse sorgen würde. Nun lernten Vertrauens werten. Petrus wußte, daß
sie, daß dieser sie auch beschützen und die Befehle Jesu immer die Befähigung
mit Kraft ausstatten kann. zum Gehorsam enthalten, daß er immer
14,22.23 Während Jesus die Menge die Kraft zu seinen Aufträgen gibt, was
entließ, befahl er den Jüngern, in das immer er auch gebieten mag.

94
Matthäus 14 und 15

14,29-33 Sobald Jesus sagte folge berichtet, in der sie auch ge-
»Komm!«, sprang Petrus aus dem Boot schahen.
und begann auf ihn zuzugehen. Solange In Kapitel 15 ergibt sich auch eine
er auf Jesus sah, war er in der Lage, das Ordnung nach den Heilszeiten. Erstens
Unmögliche zu tun. Aber sobald er sich sehen wir die Streiterei und Zankerei der
mit dem Wind beschäftigte, begann er zu Pharisäer und Schriftgelehrten, die für
sinken. Verzweifelt schrie er: »Herr, rette die Ablehnung des Messias durch Israel
mich!« Der Herr nahm ihn bei der Hand steht (V. 1-20). Zweitens weist der Glau-
und tadelte sanft seinen Kleinglauben be der Kanaaniterin auf die Verbreitung
und brachte ihn ins Boot zurück. Sobald des Evangeliums in unserem Zeitalter
Jesus an Bord war, »legte sich der Wind«. hin (V. 21-28). Und die Heilung vieler
In dem Boot wurde nun eine Anbetungs- Menschen (V. 29-31 und die Speisung der
stunde gehalten, als die Jünger zu Jesus Viertausend (V. 32-39) weisen auf das
sagten: »Wahrhaftig, du bist Gottes zukünftige Tausendjährige Reich mit sei-
Sohn!« ner weltweiten Gesundheit und seinem
Das christliche Leben ist menschlich allgemeinen Reichtum.
unmöglich, genauso wie es unmöglich 15,1.2 Die Schriftgelehrten und Pha-
ist, auf dem Wasser zu gehen. Es kann risäer waren in ihrem Versuch, Jesus eine
nur in der Kraft des heiligen Geistes ge- Falle zu stellen, nicht zu bremsen. Eine
führt werden. Solange wir von den ande- Abordnung von ihnen kam von Jeru-
ren Dingen weg nur auf Jesus schauen salem und klagte seine Jünger der Un-
(Hebr 12,2), können wir Übernatürliches reinheit an, weil sie mit ungewaschenen
in unserem Leben erfahren. Doch sobald Händen essen, und deshalb die »Über-
wir uns mit uns selbst oder unseren lieferung der Ältesten« übertreten wür-
Umständen beschäftigen, fangen wir an den.
zu sinken. Dann müssen wir Jesus um Um diesen Vorfall recht zu verstehen,
Wiederherstellung und göttliche Befähi- müssen wir begreifen, was »rein« und
gung anrufen. »unrein« bedeutet, und was die Pha-
risäer mit »waschen« meinten. Die
D. Jesus heilt im Land Genezareth ganzen Bestimmungen um »rein« und
(14,34-36) »unrein« gehen auf das AT zurück. Die
14,34-36 Das Boot legte in Genezareth an, Unreinheit, der sich die Jünger angeblich
an der Nordwestküste des galiläischen schuldig gemacht hatten, war eine rein
Meeres. Als die Menschen Jesus sahen, zeremonielle Unreinheit. Wenn jemand
durchstreiften sie die ganze Gegend nach etwa einen Toten berührte oder bestimm-
Kranken und brachten sie zu ihm, daß te Dinge aß, zog er sich diese zeremoniel-
die Kranken »nur die Quaste seines Klei- le Unreinheit zu, das heißt, er durfte
des anrühren dürften, und alle, die ihn nicht mehr am Gottesdienst teilnehmen.
anrührten, wurden völlig geheilt«. Und Ehe er sich Gott wieder nähern durfte,
so hatten die Ärzte in diesem Gebiet mußte er sich nach dem Gesetz einer Rei-
Ferien. Für einige Zeit gab es dort sicher nigungszeremonie unterziehen.
keine Kranken mehr. Die ganze Gegend Aber die Ältesten hatten ihre Tradi-
wurde durch den Besuch des großen tion zu den Reinigungszeremonien hin-
Arztes geheilt. zugefügt. Sie bestanden zum Beispiel
darauf, daß ein Jude, bevor er essen durf-
E. Verunreinigung kommt von innen te, seine Hände einer ausgedehnten Rei-
(15,1-20) nigungszeremonie zu unterziehen hatte,
Es wird oft darauf hingewiesen, daß bei der er nicht nur die Hände, sondern
Matthäus in seinen ersten Kapiteln nicht auch die Arme bis zu den Ellenbogen zu
chronologisch vorgeht. Aber vom An- waschen hatte. Wenn er auf dem Markt-
fang des 14. Kapitels bis zum Ende sind platz gewesen war, dann sollte er sogar
die Ereignisse größtenteils in der Reihen- ein zeremonielles Bad nehmen. Deshalb

95
Matthäus 15

kritisierten die Pharisäer die Jünger, weil Schuppen oder Gräten hatte. Gott hatte
sie die Feinheiten des Reinheitsgesetzes ganz genaue Anweisungen gegeben,
der jüdischen Tradition nicht beachten welche Speisen rein und welche unrein
würden. waren. Nun bereitete der Gesetzgeber
15,3-6 Der Herr Jesus erinnerte seine den Weg für die Abschaffung des ganzen
Kritiker daran, daß sie das Gesetz Gottes Systems zeremonischer Unreinheit. Er
übertreten würden, nicht nur die Über- sagte, daß die Speise, die seine Jünger
lieferung der Ältesten. Das Gesetz befahl mit ungereinigten Händen aßen, sie
den Menschen, ihre Eltern zu ehren, nicht verunreinigen würde. Aber die
wozu gehörte, daß sie die Eltern mit Geld Pharisäer und Schriftgelehrten waren
versorgen sollten, wenn das nötig wäre. durch ihre Heuchelei wirklich unrein.
Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer 15,12-14 Als seine Jünger Jesus be-
(und viele andere) wollten kein Geld für nachrichtigten, daß die Pharisäer sich an
den Unterhalt ihrer altgewordenen seinem Wort ärgerten, antwortete Jesus
Eltern ausgeben. So erfanden sie eine ihnen, indem er die Pharisäer mit Pflan-
Tradition, durch die sie ihrer Verpflich- zen verglich, die nicht von Gott gepflanzt
tung entgehen konnten. Wenn ihre Eltern worden sind. Sie waren kein Weizen,
sie um Hilfe baten, brauchten sie nur sondern Unkraut. Sie und ihre Lehren
etwa folgende Worte zu äußern: »Alles würden schließlich ausgerissen werden,
Geld, das ich habe und für eure Unter- das heißt, zerstört. Dann fügte er hinzu:
stützung verwenden könnte, habe ich »Laßt sie! Sie sind blinde Leiter der Blin-
Gott geweiht und deshalb kann ich es den.« Obwohl sie von sich behaupteten,
euch nicht geben.« Wenn sie diese For- Autoritäten auf geistlichem Gebiet zu
mel gesprochen hatten, waren sie von sein, waren sie und die Menschen, die sie
der finanziellen Verantwortung ihren führten, für die geistlichen Realitäten
Eltern gegenüber befreit. Indem sie nun blind. Es war unausweichlich, daß Füh-
dieser betrügerischen Tradition folgten, rer und Verführte beide in eine Grube fal-
hatten sie »das Gebot Gottes ungültig len würden.
gemacht«, das ihnen befahl, für ihre 15,15 Die Jünger waren zweifellos
Eltern zu sorgen. durch diese völlige Umkehrung von
15,7-9 Durch ihre geschickte Wortver- allem, was sie über reine und unreine
dreherei hatten sie die Prophezeiung Speisen gelernt hatten, verwirrt. Es war
Jesajas erfüllt (Jes 29,13). Sie behaupte- für sie wie ein Gleichnis, das heißt, eine
ten, Gott mit den Lippen zu ehren, »aber verborgene, verschleierte Erzählung.
ihr Herz ist weit entfernt« von ihm. Ihr Petrus gab ihrer Verwirrung Ausdruck,
Gottesdienst war wertlos, weil sie der als er um eine Erklärung bat.
Überlieferung von Menschen mehr Be- 15,16.17 Der Herr drückte zuerst sei-
deutung zumaßen als dem Wort Gottes. ne Verwunderung aus, daß sie so schwer
15,10.11 Als Jesus sich nun an die begriffen und erklärte dann, daß wirkli-
Volksmenge wandte, gab er eine Er- che Verunreinigung moralisch und nicht
klärung von überragender Bedeutung äußerlich ist. Eßbares kann an sich weder
ab. Er erklärte, daß »nicht was in den rein noch unrein sein. In der Tat ist nichts
Mund eingeht« den Menschen verunrei- Materielles an sich schlecht, nur der
nigt, sondern »was aus dem Mund geht«. Mißbrauch einer Sache ist schlecht. Die
Wir können diese revolutionäre Aussage Nahrung, die ein Mensch zu sich nimmt,
kaum recht schätzen. Unter dem leviti- geht durch den Mund in den Bauch und
schen Gesetz war es so, daß das, was in wird dort verdaut, die unverdaulichen
den Mund einging, den Menschen ver- Überreste aber werden entleert. Sein
unreinigt. Den Juden war es verboten, moralischer Zustand wird dadurch kei-
das Fleisch von Tieren zu essen, die keine nesfalls beeinträchtigt – nur sein Leib.
Wiederkäuer oder Paarhufer sind. Sie Heute wissen wir, daß »jedes Geschöpf
durften keinen Fisch essen, der keine Gottes gut ist und nichts verwerflich,

96
Matthäus 15

wenn es mit Danksagung genommen Mittelmeerküste liegt. So weit wir wis-


wird; denn es wird geheiligt durch Got- sen, war das das einzige Mal während
tes Wort und durch Gebet« (1. Tim 4,4.5). seines öffentlichen Dienstes, daß er sich
Der Abschnitt redet natürlich nicht von außerhalb des jüdischen Gebietes beweg-
Giftpflanzen, sondern von Speisen, die te. Hier in Phönizien bat ihn eine
von Gott zum Verzehr des Menschen kanaanäische Frau, ihre Tochter zu hei-
bestimmt sind. Alle sind gut und sollten len, die besessen war.
mit Dankbarkeit gegessen werden. Wenn Es ist wichtig festzuhalten, daß diese
jemand gegen ein Nahrungsmittel eine Frau keine Jüdin, sondern eine Heidin
Allergie hat oder es nicht verträgt, dann war. Sie stammte von den Kanaanitern
sollte er sich dessen enthalten, doch im ab, dieser unmoralischen Rasse, die Gott
allgemeinen können wir alles mit dem zur Ausrottung bestimmt hatte. Durch
Bewußtsein essen, daß Gott die Nahrung den Ungehorsam Israels hatten einige
gebraucht, um uns materiell zu ernähren. die Einnahme Kanaans unter Josua über-
15,18 Wenn man sich nicht durch lebt, und diese Frau stammte von diesen
Essen verunreinigt, wodurch dann? Überlebenden ab. Als Heiden genoß sie
Jesus antwortete: »Was aber aus dem natürlich nicht die Vorrechte des erwähl-
Mund ausgeht, kommt aus dem Herzen ten irdischen Gottesvolkes. Sie war eine
hervor, und das verunreinigt den Men- Fremde, die keine Hoffnung hatte. Von
schen.« Hier ist mit »Herz« nicht das ihrer Stellung her hatte sie keinen
Organ genannt, das Blut durch unseren Anspruch auf Gott oder den Messias.
Körper pumpt, sondern die verdorbene Als sie zu Jesus redet, spricht sie ihn
Quelle menschlicher Ziele und Wünsche. als »Herr, Sohn Davids« an, ein Titel, den
Dieser Teil der sterblichen Natur des die Juden benutzten, wenn sie vom Mes-
Menschen zeigt sich durch unreine Ge- sias redeten. Obwohl Jesus der Sohn
danken, durch verdorbene Reden und Davids war, hatte eine Heidin kein Recht,
zuletzt durch böse Handlungen. ihn auf dieser Basis anzusprechen, des-
15,19.20 Einige der Dinge, die den halb antwortete er ihr zunächst nicht.
Menschen verunreinigen, sind »böse Ge- 15,23 »Seine Jünger traten hinzu und
danken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Die- baten ihn: Entlaß sie«, weil sie sie störte.
berei, falsche Zeugnisse, Lästerungen« Für Jesus war sie jedoch ein willkom-
(dieses griechische Wort umfaßt auch die menes Beispiel des Glaubens und ein
Verleumdung anderer Menschen). Gefäß, in dem seine Gnade leuchten
Die Pharisäer und Schriftgelehrten konnte. Aber er mußte ihren Glauben
waren besonders sorgsam, wenn es dar- zunächst prüfen und weiterbilden.
um ging, die Waschungszeremonien 15,24.25 Er erinnerte sie, daß er nur
betont auffällig und peinlich genau aus- »zu den verlorenen Schafen des Hauses
zuführen. Aber ihr inneres Leben war Israel« gesandt sei, nicht zu den Heiden
verunreinigt. Sie kamen mit Nebensäch- und erst recht nicht zu den Kanaanitern.
lichem zurecht und übersahen dabei die Aber sie ließ sich von dieser scheinbaren
wirklich wichtigen Anliegen. Sie konn- Absage nicht entmutigen. Sie ließ den
ten die Jünger dafür kritisieren, daß sie Titel Sohn Davids nun aus und verehrte
die uninspirierten Traditionen nicht hiel- ihn, indem sie sagte: »Herr, hilf mir!«
ten, und gleichzeitig planen, den Sohn Wenn sie zu ihm nicht als eine Jüdin zu
Gottes zu töten und sich des ganzen Sün- ihrem Messias kommen könnte, dann
denkataloges schuldig zu machen, der in wollte sie sich als Geschöpf an ihren
Vers 19 aufgeführt ist. Schöpfer wenden.
15,26 Um die Echtheit ihres Glaubens
F. Eine Heidin wird um ihres zu erproben, sagte Jesus, daß es nicht gut
Glaubens willen gesegnet (15,21-28) für ihn wäre, sich von der Ernährung der
15,21.22 »Jesus zog sich in die Gegend jüdischen Kinder wegzuwenden, um das
von Tyrus und Sidon« zurück, die an der Brot den heidnischen »Hunden« zu

97
Matthäus 15 und 16

geben. Wenn uns das sehr hart erscheint, war. Die Menschen, die Jesus und seine
dann sollten wir uns daran erinnern, daß Jünger mit Israel in Verbindung brach-
dies dazu bestimmt war, zu heilen und ten, schlossen richtig, daß der Gott Is-
nicht zu verletzen, wie das Skalpell eines raels in ihrer Mitte am Werk war.
Chirurgen. Sie war eine Heidin. Die
Juden sahen die Heiden als streunende H. Die Speisung der Viertausend
Hunde an, die die Straßen durchstreifen, (15,32-39)
um Essensreste zu finden. Dennoch ver- 15,32 Sorglose (oder kritische) Leser, die
wandte Jesus an dieser Stelle das Wort dieses Ereignis mit der Speisung der
für Schoßhunde. Die Frage war: Würde Fünftausend verwechseln, haben die
sie ihre Unwürdigkeit eingestehen, um Bibel der Wiederholung, des Wider-
auch nur die kleinste seiner Gnaden zu spruchs oder der falschen Zählungen
erhalten? angeklagt. Tatsache ist jedoch, daß die
15,27 Ihre Antwort war wunderbar. beiden Ereignisse sehr unterschiedlich
Sie stimmte seiner Beschreibung voll zu. sind und einander eher ergänzen als
Sie nahm den Platz einer unwürdigen widersprechen.
Heidin ein und warf sich auf seine Gna- Nachdem die Menge drei Tage bei
de, Liebe und Barmherzigkeit. Sie sagte Jesus gewesen war, hatte sie kein Essen
praktisch: »Du hast recht! Ich bin nichts mehr. Er wollte sie nicht hungrig gehen
anderes als ein kleiner Hund unter dem lassen, weil sie auf dem Weg zusammen-
Tisch. Aber ich weiß, daß manchmal Kru- brechen könnten.
men vom Tisch auf den Boden fallen. 15,33.34 Wieder verzweifelten die
Warum darf ich nicht wenigstens einige Jünger bei der Aufgabe, eine solche Men-
Krümel haben? Ich bin es nicht wert, daß schenmasse zu speisen, diesmal hatten
du meine Tochter heilst, aber ich bitte sie nur sieben Brote und »wenige kleine
dich inständig, es für eine deiner unwür- Fische«.
digen Kreaturen zu tun.« 15,35.36 Wie schon bei der Speisung
15,28 Jesus lobte sie für ihren »großen der 5000 forderte Jesus die Menge auf
Glauben«. Während die ungläubigen sich zu lagern, nahm das Brot und die
Kinder das Brot nicht wollen, war hier Fische, dankte und brach das Brot und
ein »Hündchen«, das danach schrie. Der gab sie seinen Jüngern zum Verteilen. Er
Glaube wurde belohnt, denn ihre Tochter erwartet, daß seine Jünger tun, was sie
wurde sofort geheilt. Die Tatsache, daß können, dann greift er ein und tut, was
der Herr diese heidnische Tochter heilte, sie nicht können.
spiegelt seinen gegenwärtigen Dienst 15,37-39 Nachdem die Menschen
zur Rechten Gottes wider, den Heiden im gesättigt waren, gab es noch sieben Kör-
Laufe dieses Zeitalters geistliche Heilung be voll von Essensresten. 4000 Männer
zu gewähren, während sein altes Volk neben Frauen und Kindern waren ver-
zur Seite gesetzt ist. sorgt worden.
Im nächsten Kapitel werden wir
G. Jesus heilt eine große Menge sehen, daß die Statistik der zwei Spei-
(15,29-31) sungen wichtig ist (16,8-12). Jede Einzel-
15,29-31 In Markus 7,31 erfahren wir, daß heit des biblischen Berichtes ist von
der Herr Tyrus verließ, nordwärts nach Bedeutung. Nachdem unser Herr die
Sidon reiste, danach nach Osten über den Menge entlassen hatte, fuhr er mit dem
Jordan, dann nach Süden in das Gebiet Boot nach Magdala an der Westseite des
der Zehn Städte. Dort, in der Nähe des Sees Genezareth.
Sees Genezareth, heilte er die »Lahmen,
die Blinden, die Tauben und die Krüppel I. Der Sauerteig der Pharisäer und
und viele andere«. Die erstaunte Menge Sadduzäer (16,1-12)
verherrlichte den Gott Israels. Man muß 16,1 Die Pharisäer und Sadduzäer, die
annehmen, daß dieses Gebiet heidnisch traditionell theologische Gegner waren,

98
Matthäus 16

repräsentieren zwei lehrmäßige Extreme. Wie in den Anmerkungen zu Kapi-


Aber ihre Feindschaft wurde durch tel 12,39 ausgeführt, war dieses Zeichen
Zusammenarbeit ersetzt, als sie sich mit die Auferstehung Christi am dritten Tag.
dem gemeinsamen Ziel zusammentaten, »Ein böses und ehebrecherisches Ge-
den Retter in eine Falle zu führen. Um schlecht« würde seinen Messias kreuzi-
ihn zu versuchen, baten sie ihn, ein Zei- gen, doch Gott würde ihn von den Toten
chen vom Himmel zu zeigen. Auf eine auferwecken. Das sollte ein Zeichen der
Art, die uns heute nicht mehr unmittel- Verdammnis aller sein, die sich weigern,
bar verständlich ist, versuchten sie, ihn sich vor ihm als dem rechtmäßigen Herr-
in Verlegenheit zu bringen. Indem sie ihn scher zu beugen.
baten, ein Zeichen »aus dem Himmel« zu Der Abschnitt endet mit den ver-
zeigen, wollten sie vielleicht andeuten, hängnisvollen Worten »Und er verließ
daß seine bisherigen Wunder aus der sie und ging weg.« Die geistliche
entgegengesetzten Quelle entsprangen. Anwendung dieser Worte sollte eigent-
Oder sie wollten vielleicht ein übernatür- lich für jeden erkennbar sein.
liches Zeichen am Himmel sehen. Alle 16,5.6 Als seine Jünger wieder mit
Wunder Jesu waren auf der Erde voll- dem Herrn an der Ostseite des Sees zu-
bracht worden. Ob er wohl auch himm- sammentrafen, hatten sie vergessen,
lische Wunder tun konnte? etwas zu essen mitzunehmen. Als Jesus
16,2.3 Er antwortete, indem er das sie deshalb mit der Warnung begrüßte,
Thema des Himmels aufnahm. Wenn sie sich vor dem »Sauerteig der Pharisäer
abends sahen, daß der Himmel feuerrot und Sadduzäer« zu hüten, dachten sie, er
war, dann sagten sie für den nächsten würden damit meinen, daß sie nicht zu
Tag schönes Wetter voraus. Sie wußten diesen jüdischen Führern gehen sollten,
auch, daß ein roter und trüber Himmel um sich dort Essen zu holen. Ihre Be-
32)
am Morgen Stürme bedeutete. Sie wuß- schäftigung mit dem Essen ließ sie nach
ten, wie sie die Himmelserscheinungen einer wörtlichen, natürlichen Erklärung
zu deuten hatten, doch die Zeichen der suchen, wo eine geistliche Lehre gemeint
Zeiten konnten sie nicht beurteilen. war.
Was waren das für Zeichen? Der Pro- 16,7-10 Immer noch machten sie sich
phet, der die Ankunft des Messias an- Sorgen darüber, daß sie nicht genügend
kündigen sollte, war in der Person Johan- zu essen haben könnten, obwohl doch
nes' des Täufers erschienen. Die Wunder, Jesus bei ihnen war, der die 5000 und die
die vom Messias vorhergesagt waren – 4000 gesättigt hatte. So ging Jesus noch
Wunder, die sonst kein Mensch vor ihm einmal die beiden wunderbaren Speisun-
getan hatte – hatte er in ihrer Anwesen- gen durch. Die daraus folgende Lektion
heit getan. Ein weiteres Zeichen der Zeit betraf die göttliche Mathematik und die
war die offensichtliche Ablehnung des göttlichen unbegrenzten Mittel, denn je
Messias durch die Juden und die Gabe weniger Jesus hatte, desto mehr Menschen
des Evangeliums an die Heiden – alles hatte er gespeist und desto mehr war übrig
Erfüllung der Prophezeiungen. Doch geblieben. Als er nur fünf Brote und zwei
trotz dieser zwingenden Beweise hatten Fische hatte, hatte er über 5000 Menschen
sie keinen Sinn für die historische Stun- gespeist und 12 Körbe waren übriggeblie-
de, noch erkannten sie die erfüllten ben. Mit mehr Broten und Fischen hatte
Prophezeiungen. er nur 4000 Menschen gespeist und nur
16,4 Indem sie nach einem Zeichen sieben Körbe voll waren übriggebliegen.
Ausschau hielten, während Er doch in Wenn wir ihm unsere begrenzten Mittel
ihrer Mitte stand, zeigten die Pharisäer hinlegen, kann er sie im umgekehrten
und Sadduzäer, daß sie zu einem »bösen Verhältnis zu ihrer Größe vermehren.
und ehebrecherischen Geschlecht« ge- »Wenig ist viel, wenn Gott dabei ist.«
hörten. Ihnen würde »kein Zeichen gege- Hier wird ein anderes Wort für die
33)
ben werden als nur das Zeichen Jonas«. Körbe gebraucht als im Bericht von der

99
Matthäus 16

Speisung der 5000. Die sieben Körbe , die Für die Menschen war er einer unter vie-
hier verwendet worden waren, sollen len. Gut, aber nicht der Beste. Groß, doch
größer gewesen sein als vorher. Aber die nicht der Größte. Ein Prophet, aber nicht
Lehre dieses Abschnittes bleibt: Warum der Prophet. Diese Sicht kann aber nie-
sollen wir uns sorgen, daß wir hungern mals ausreichen. Damit würde ihm nicht
oder Mangel leiden könnten, wenn wir der gebührende Ruhm zukommen.
mit dem Einen verbunden sind, der un- Wenn er nur ein Mensch wie jeder ande-
endliche Macht und Mittel hat? re war, dann war er ein Betrüger, denn er
16,11.12 Als der Herr vom »Sauerteig behauptete, mit Gott, dem Vater, gleich
der Pharisäer und Sadduzäer« ge- zu sein.
sprochen hatte, meinte der Herr nicht 16,15.16 Deshalb fragte er nun seine
Brot, sondern falsche Lehre und böses Jünger, was sie von ihm dächten. Auf
Betragen. In Lukas 12,1 wird der Sauer- diese Frage gab Petrus seine klassische
teig der Pharisäer genannt: Es handelt Antwort: »Du bist der Christus, der Sohn
sich um die Heuchelei. Sie behaupteten, des lebendigen Gottes.« Mit anderen
dem Wort Gottes bis ins kleinste Detail Worten: Jesus ist der Messias Israels und
zu gehorchen, doch war ihr Gehorsam Gott, der Sohn.
äußerlich und oberflächlich. Innen 16,17.18 Unser Herr sprach nun über
waren sie böse und verdorben. Simon, den Sohn des Jona, seinen Segen
Der Sauerteig der Sadduzäer war der aus. Der Fischer hatte diese Auffassung
Rationalismus. Als Freidenker ihrer Zeit von Jesus nicht durch seinen Intellekt
hatten sie, wie heute die liberalen Theo- oder seine eigene Weisheit erworben,
logen, ein System von Zweifel und Leug- sondern sie war ihm von Gott, dem
nung aufgebaut. Sie bestritten die Exi- Vater, geoffenbart worden. Aber der
stenz der Engel und Geister, die Aufer- Sohn hatte auch Petrus noch etwas Wich-
stehung des Leibes, die Unsterblichkeit tiges zu sagen. So fügte Jesus noch hinzu:
der Seele und das ewige Gericht. Dieser »Aber auch ich sage dir, daß du bist
Sauerteig des Skeptizismus würde sich Petrus, und auf diesem Felsen werde ich
wie Sauerteig im Mehl verbreiten, wenn meine Gemeinde bauen, und des Hades
man ihn duldete. Pforten werden sie nicht überwältigen.«
Wir wissen alle, daß es über diesen Vers
X. Der König bereitet seine Jünger vor wohl den meisten Streit von allen Versen
(16,13-17,27) gegeben hat. Die Frage ist: Wer oder was
ist der Fels? Ein Teil des Problems ent-
A. Das Bekenntnis des Petrus steht durch die Tatsache, daß die griechi-
(16,13-20) schen Worte für Petrus und den Fels ähn-
16,13.14 Cäsarea Philippi lag etwa 65 lich sind, aber verschiedene Bedeutung
Kilometer nördlich vom See Genezareth haben. Das erste Wort, petros, bedeutet
und acht Kilometer östlich des Jordans. »Stein« oder »loser Felsbrocken«. Das
Als Jesus in die Dörfer dieses Gebietes zweite, petra, bedeutet Fels, ein durchge-
kam (Mk 8,27), geschah etwas, das im all- hender Felsgrund. So sagte Jesus eigent-
gemeinen als der Höhepunkt seiner lich: »Du bist Petrus (Stein), und auf die-
Lehrtätigkeit angesehen wird. Er hatte sem Felsen werde ich meine Gemeinde
die Jünger nun zur wahren Erkenntnis bauen.« Er sagte nicht, daß er seine
seiner Person gebracht. Als ihm das ge- Gemeinde auf einen Stein, sondern auf
lungen war, wandte er sich entschlossen einen Felsen bauen wolle.
seiner Aufgabe am Kreuz zu. Er begann, Wenn Petrus nun nicht der Fels ist,
indem er seine Jünger fragte, was die wer ist es dann? Wenn wir uns an den
Menschen von ihm sagten. Die Antwor- Zusammenhang halten, dann ist die
ten gaben das ganze Spektrum wieder: offensichtliche Antwort, daß der Fels das
von Johannes, dem Täufer, über Elia zu Bekenntnis des Petrus ist, eine Wahrheit,
Jeremia und zu »einem der Propheten«. auf der die Gemeinde gegründet ist. In

100
Matthäus 16

seiner Antwort bekennt Petrus, daß Jesus eine Zwischenzeit – das Zeitalter der
der Christus, der Sohn des lebendigen Gemeinde – und wird mit der Ent-
Gottes ist. Epheser 2,20 lehrt uns, daß die rückung abschließen. Danach wird Gott
Gemeinde auf Jesus Christus erbaut ist, sein Handeln mit Israel als Volk wieder
dem Eckstein. Seine Aussage, daß wir aufnehmen. So ist es nur passend, daß
auf dem Grund der Apostel und Prophe- Gott hier die Gemeinde als den nächsten
ten aufgebaut sind, bezieht sich nicht auf Schritt nach der Ablehnung durch Israel
sie, sondern auf die Grundlage, die in seinem Plan der Zeitalter einführt.
durch ihre Lehren über den Herrn Jesus »Des Hades Pforten werden sie nicht
Christus gelegt ist. überwältigen.« Diesen Satz kann man
Christus wird in 1. Korinther 10,4 auf zwei Arten verstehen. Als erstes wer-
»Fels« genannt. In dieser Beziehung erin- den die Pforten der Hölle in einem
nert uns Morgan an eine hilfreiche Tat- erfolglosen Angriff gegen die Gemeinde
sache: dargestellt – die Gemeinde wird alle
Man beachte, daß er zu Juden sprach. Angriffe überstehen. Oder die Gemeinde
Wenn wir die bildliche Bedeutung des Wor- geht in die Offensive und geht aus dem
tes »Fels« durch die hebräischen Schriften Kampf als Sieger hervor. In jedem Falle
hindurch verfolgen, dann sehen wir, daß die- wird die Macht des Todes durch die Ver-
ses Wort niemals ein Symbol für einen Men- wandlung der lebendigen Gläubigen
schen, sondern immer für Gott ist. So wird und durch die Auferstehung der Toten in
hier in Cäsarea Philippi die Kirche nicht auf Christus besiegt werden.
Petrus gebaut. Jesus spielte nicht mit festge- 16,19 »Ich werde dir die Schlüssel des
fügten Sprachbildern. Er nahm das alte Reiches der Himmel geben« bedeutet
hebräische Bild, den Felsen, der immer ein nicht, daß Petrus die Vollmacht gegeben
Zeichen der Gottheit ist – und sagte: »Auf worden wäre, Menschen den Eintritt in
Gott selbst – auf Christus, dem Sohn des den Himmel zu ermöglichen. Es handelt
lebendigen Gottes – werde ich meine Gemein- sich hier um das Reich der Himmel auf
34)
de bauen.« Erden – den Bereich, der alle umfaßt, die
Petrus sprach nie von sich als dem bekennen, eine Beziehung zum König zu
Grundstein der Gemeinde. Zweimal wies haben, alle die, die von sich behaupten,
er auf Christus als Stein hin (Apg 4,11.12; Christen zu sein. Die Schlüssel sprechen
1. Petr 2,4-8), aber dann ist das Bild an- vom Zugang. Die Schlüssel, die die Tür
ders, der Stein ist der Schlußstein eines zum Bekenntnis öffnen, werden im Mis-
Gewölbes, nicht der Grundstein. sionsbefehl genannt (Matth 28,19) – Jün-
»Ich werde meine Gemeinde bauen.« ger machen, taufen und lehren. (Taufe ist
Hier haben wir die erste Erwähnung der für die ewige Errettung nicht notwendig,
Gemeinde in der Bibel. Diese gibt es im ist aber der äußere Akt, wodurch sich der
AT nicht. Die Gemeinde, die zu der Zeit, Mensch vor der Welt zum König be-
als Jesus sprach, noch Zukunft war, wur- kennt.) Petrus benutzte diese Schlüssel
de am Pfingsttag gegründet und setzt zum ersten Mal an Pfingsten. Sie waren
sich aus allen echten Christusgläubigen ihm nicht alleine gegeben, sondern er
zusammen, sowohl aus Juden als auch stand gewissermaßen für die anderen
aus Heiden. Als herausgerufene Gemein- Jünger (s. Matth 18,18, hier sind diese
schaft, die auch unter dem Namen des Verheißungen an alle Jünger gerichtet.)
Leibes oder der Braut Christi bekannt ist, »Was immer du auf der Erde binden
hat sie eine einzigartige himmlische wirst, wird in den Himmeln gebunden
Berufung und Bestimmung. sein, und was immer du auf der Erde
Wir würden kaum erwarten, daß im lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst
Evangelium des Matthäus die Gemeinde sein.« Diese und eine Parallelstelle in
eingeführt wird, wo doch Israel und das Johannes 20,23 werden manchmal zum
Reich die Hauptthemen des Buches sind. Beweis für die Lehre angeführt, daß
Dennoch folgt auf die Ablehnung Christi Petrus und seinen angeblichen Nachfol-

101
Matthäus 16

gern die Autorität der Sündenvergebung Der Tag in Cäsarea Philippi ist die Was-
gegeben sei. Wir wissen, daß dies nicht serscheide der Evangelien. Von diesem Punkt
sein kann, da nur Gott Sünden vergeben an fließen die Bäche in eine andere Richtung.
kann. Die anfängliche Popularität, die in den ersten
Es gibt zwei Arten, diesen Vers zu Tagen des Dienstes Jesu dazu geeignet war,
verstehen: Erstens kann er bedeuten, daß ihn auf den Thron zu setzen, liegt nun hinter
die Apostel eine Macht hatten, zu lösen Jesus. Alles strebt auf das Kreuz zu . . . In
und zu binden, die wir heute nicht mehr Cäsarea stand Jesus an einer Trennungslinie.
haben. Zum Beispiel hat Petrus die Sün- Cäsarea wurde ihm zu einer Bergspitze, von
den von Ananias und Saphira auf sie der er die hinter ihm liegende Straße, die er
gebunden, so daß sie mit sofortigem Tod bisher gegangen war, und den dunklen,
bestraft wurden (Apg 5,1-10), während bedrohlichen Weg, der ihn erwartete, betrach-
Paulus den in die Gemeindezucht ge- ten konnte. Er warf einen Blick zurück, wo
nommenen Mann in Korinth von den das Nachglühen der glücklichen Tage noch
Konsequenzen seiner Sünde löste, weil sichtbar war, dann wandte er sich um und
er bereut hatte (2. Kor 2,10). Andererseits marschierte auf die Schatten zu. Sein Ziel
36)
könnte der Vers bedeuten, daß alles, was war nun Golgatha.
die Apostel auf Erden binden oder lösen,
im Himmel schon gebunden oder gelöst B. Die Vorbereitung der Jünger
worden sein mußte. Deshalb sagt Ryrie: auf Jesu Tod und Auferstehung
»Der Himmel, nicht die Apostel, sind die (16,21-23)
Ursache für Binden oder Lösen. Die Apo- 16,21 Da nun die Jünger erkannt hatten,
stel verkündigen das Binden oder Lösen daß Jesus der Messias, der Sohn des
35)
nur.« lebendigen Gottes, ist, waren sie vorbe-
Dieser Vers hat für uns heute nur reitet, seine erste direkte Voraussage
noch eine erklärende Bedeutung. Wenn über seinen Tod und seine Auferstehung
ein Sünder sich wirklich von seiner Sün- zu hören. Sie wußten nun, daß sein
de bekehrt und Jesus Christus als seinen Anliegen niemals scheitern konnte, daß
Herrn und Retter annimmt, dann kann sie auf der Seite des Siegers standen und
ein Christ die Sünden für vergeben er- daß, ganz gleich, was auch geschehen
klären. Wenn ein Sünder den Retter ab- mochte, der Sieg sicher war. So eröffnete
lehnt, dann kann ein christlicher Arbeiter der Herr seine Nachricht vorbereiteten
seine Sünden für unvergeben erklären. Herzen. Er sagte, daß »er nach Jerusalem
William Kelly schreibt: »Wann immer die hingehen müsse und von den Ältesten
Gemeinde im Namen des Herrn handelt und Hohenpriestern und Schriftgelehr-
und wirklich seinen Willen tut, ist das ten vieles leiden und getötet und am drit-
Siegel Gottes auf ihren Taten.« ten Tag auferweckt werden müsse«. Die-
16,20 Wieder sehen wir, wie der Herr se Neuigkeit genügte, um das Ende jedes
Jesus seinen Jüngern befiehlt, nieman- weiteren Bestrebens anzudeuten – von
dem zu sagen, daß er der Messias ist. allen, außer der letzten Notwendigkeit,
Wegen Israels Unglauben konnte aus daß er am dritten Tag auferweckt werden
einer solchen Verkündigung nichts Gu- müsse. Das änderte die Sache!
tes entstehen. Und es würde sogar aus- 16,22 Petrus fand den Gedanken an
gesprochenen Schaden anrichten, wenn eine solche Behandlung seines Meisters
es eine Volksbewegung geben würde, die schrecklich. Er ergriff ihn, als wollte er
ihn zum König krönen wollte. Eine sol- ihm in den Weg treten und wandte ein:
che zeitlich fehlgeleitete Bewegung wür- »Gott behüte dich, Herr! Dies wird dir
de von den Römern unbarmherzig nie- nicht widerfahren.«
dergeschlagen werden. 16,23 Das erforderte einen Tadel vom
Steward, der diesen Abschnitt den Herrn Jesus. Der Herr Jesus war in diese
Wendepunkt des Dienstes Christi nennt, Welt gekommen, um für die Sünder zu
schreibt: sterben. Alles, was ihn daran hindern

102
Matthäus 16

wollte, stand außerhalb des Willens Got- auf das erste warnte uns Jesus, daß die,
tes. So sagte er zu Petrus: »Geh hinter die aus selbstsüchtigen Gründen an
mich, Satan! Du bist mir ein Ärgernis, ihrem Leben festhalten, niemals Erfül-
denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, lung finden werden. Die jedoch, die ihr
sondern auf das, was der Menschen ist.« Leben rücksichtslos an ihn ausliefern und
Indem er Petrus »Satan« nannte, wollte dabei nicht auf die Kosten achten, wer-
er nicht andeuten, daß er von Dämonen den den Sinn ihrer Existenz erkennen.
besessen oder von Satan gelenkt war. Er 16,26 Die zweite Versuchung, näm-
meinte einfach, daß die Taten und Worte lich reich zu werden, ist völlig irrational.
von Petrus so waren, wie man sie von »Stellt euch einmal vor«, sagte Jesus,
Satan (dieser Name bedeutet Widersa- »daß ein Mann so geschäftstüchtig ist,
cher) erwarten konnte. Indem Petrus sich daß er schließlich die ganze Welt besitzt.
gegen Golgatha auflehnte, wurde Petrus Diese verrückte Jagd nach Reichtum
für den Retter ein Hindernis. würde so viel von seiner Zeit und Ener-
Jeder Christ ist aufgerufen, sein gie kosten, daß er das eigentliche Ziel sei-
Kreuz auf sich zu nehmen und dem nes Lebens verfehlen würde. Was wäre
Herrn Jesus zu folgen, doch wenn wir es nütze, so viel Geld zu verdienen, dann
sehen, daß das Kreuz vor uns wartet, zu sterben und die Ewigkeit mit leeren
dann sagt eine Stimme in uns: »Nur Händen zu verbringen?« Der Mensch ist
nicht! Bring dich lieber in Sicherheit!« auf der Erde, um größeres zu vollbrin-
Oder vielleicht versuchen die Stimmen gen, als ein Vermögen zusammenzuraf-
unserer Lieben, uns vom Pfad des Gehor- fen. Er ist gerufen, die Interessen seines
sams abzubringen. In solchen Zeiten Königs zu vertreten. Wenn er dieses Ziel
müssen auch wir sagen: »Geh hinter verfehlt, ist sein ganzes Leben umsonst.
mich, Satan! Du bist mir ein Ärgernis.« In Vers 24 hatte Jesus den Jüngern das
Schlimmste vorhergesagt. Das ist ein
C. Vorbereitung auf die wahre Kennzeichen des Christentums: Du
Jüngerschaft (16,24-28) weißt am Anfang genau, was im
16,24 Jetzt sagt der Herr Jesus uns offen, schlimmsten Falle auf dich zukommt.
was es bedeutet, sein Jünger zu sein: Aber du wirst nie damit zu Ende kom-
Selbstverleugnung, das Kreuz tragen men, die Schätze und Verheißungen zu
und ihm nachfolgen. Selbstverleugnung entdecken. Barnhouse hat das schön aus-
bedeutet nicht, was wir im allgemeinen gedrückt:
darunter verstehen, sondern daß man Wenn man alles Unerfreuliche der
seine Herrschaft über sich selbst so sehr Schrift gesehen hat, dann ist nichts, was
abgibt, daß man selbst keinerlei Rechte einen noch erstaunen könnte. Alles Neue, das
mehr hat. Das Kreuz auf sich zu nehmen wir in diesem Leben oder im nächsten Leben
bedeutet die Bereitschaft, um Jesu willen entdecken werden, wird für uns eine Freude
37)
Spott und Leiden zu erdulden, vielleicht sein.
sogar den Märtyrertod. Es bedeutet 16,27 Nun erinnert der Herr die Sei-
auch, der Sünde, dem Ich und der Welt nen an die Herrlichkeit, die auf das Lei-
zu sterben. Ihm nachfolgen bedeutet so den folgen wird. Er weist auf seine Wie-
zu leben wie er gelebt hat und zwar in derkunft hin, wenn »er mit seinen
jeder Hinsicht, was auch Demut, Armut, Engeln« in der überirdischen »Herrlich-
Mitleid, Liebe, Barmherzigkeit und jede keit seines Vaters« auf die Erde zurück-
andere Tugend einschließt. kehren wird. Dann wird er die belohnen,
16,25 Der Herr sieht zwei Hindernisse die für ihn leben. Der einzige Weg zu
der Jüngerschaft voraus. Das erste ist die einem erfolgreichen Leben ist, sich in
natürliche Versuchung, sich selbst vor diese wunderbare Zeit zu versetzen, sich
Unbequemlichkeit, Schmerzen, Einsam- zu entscheiden, was dann noch wirklich
keit oder Verlusten zu beschützen. Das wichtig ist, und dann mit aller Kraft
andere Hindernis ist Reichtum. In bezug danach zu handeln.

103
Matthäus 16 und 17

16,28 Als nächstes machte er die ver- sechs Tagen, d. h. nachdem die Arbeit und der
wirrende Aussage, daß einige, die dort Tag des Menschen vollendet ist, wird der Tag
mit ihm standen, »den Tod nicht des Herrn kommen, das Reich der Himmel.«
schmecken« würden, ehe sie ihn und Wenn Lukas sagt, daß die Verklärung
sein Reich kommen sehen würden. Das »etwa acht Tage« später geschah (9,28),
Problem, das sich hier natürlich ergibt, dann zählt er den ersten und den letzten
ist, daß alle diese Jünger gestorben sind Tag und natürlich die dazwischenliegen-
und doch ist Christus noch nicht in den Tage. Weil acht die Zahl der Aufer-
Macht und Herrlichkeit gekommen, um stehung und eines neuen Anfangs ist, ist
sein Reich aufzurichten. Das Problem es passend, daß Lukas das Reich mit
löst sich, wenn wir die Kapiteleinteilung einem Neubeginn gleichsetzt.
einmal übersehen und die ersten acht Petrus, Jakobus und Johannes, die
Verse des nächsten Kapitels als Erklä- anscheinend eine dem Herrn sehr nahe
rung für diese rätselhafte Aussage be- Stellung hatten, hatten das Vorrecht, sei-
trachten. Diese Verse beschreiben die ne Verklärung zu sehen. Bis dahin war
Vorgänge auf dem Berg der Verklärung. seine Herrlichkeit durch einen normalen
Petrus, Jakobus und Johannes sahen dort menschlichen Körper verhüllt gewesen.
den verklärten Christus. Sie hatten wirk- Aber nun leuchtete sein Gesicht »wie die
lich das Privileg, Jesus schon jetzt in der Sonne« und seine Kleider wurden strah-
Herrlichkeit seines Reiches zu sehen. lend hell, ein sichtbarer Beweis seiner
Es ist gerechtfertigt, Jesu Verklärung Gottheit, ebenso wie die Wolke oder
als ein Vorbild seines kommenden Kö- Schechina im AT die Gegenwart Gottes
nigreiches zu sehen. Petrus beschreibt symbolisierte. Die Szene war eine Vor-
das Ereignis als »die Macht und Ankunft ausschau auf die Erscheinung des Herrn,
unseres Herrn Jesus Christus« (2. Petr wenn er wiederkommen wird, um sein
1,16). Die Macht und Ankunft des Herrn Reich zu bauen. Er wird dann nicht län-
Jesus Christus ist seine Wiederkunft. ger als das Opferlamm erscheinen, son-
Und Johannes spricht von dem Erlebnis dern als der Löwe aus Juda. Alle, die ihn
auf dem Berg als die Zeit, als »wir seine sehen, werden ihn sofort als den Sohn
Herrlichkeit angeschaut haben, eine Gottes, den König der Könige und Herrn
Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom der Herren erkennen.
Vater« (Joh 1,14). Das erste Kommen 17,3 Dann erschienen Mose und Elia
Christi fand in Demut statt, sein zweites auf dem Berg und besprachen Jesu be-
Kommen wird in Herrlichkeit erfolgen. vorstehenden Tod in Jerusalem (Lk 9,30.
So wurde die Vorhersage von Vers 28 auf 31). Mose und Elia vertreten eventuell die
dem Berg der Verklärung erfüllt. Petrus, Heiligen des AT. Oder, wenn wir Mose
Jakobus und Johannes sahen den Men- als Vertreter des Gesetzes und Elia als
schensohn, und zwar nicht länger als den Vertreter der Propheten nehmen, dann
demütigen Nazarener, sondern als den weisen beide Teile des AT auf die zukünf-
verherrlichten König. tigen Leiden des Christus und die nach-
folgende Herrlichkeit hin. Eine dritte
D. Die Vorbereitung der Jünger auf Möglichkeit besteht darin, daß Mose, der
die Herrlichkeit: Die Verklärung durch den Tod in den Himmel kam, alle
(17,1-8) die vertritt, die von den Toten auferste-
17,1.2 Sechs Tage nach dem Ereignis in hen werden, um ins Tausendjährige
Cäsarea Philippi führt Jesus Petrus, Jako- Reich zu kommen, während Elia, der
bus und Johannes auf einen hohen Berg durch Verwandlung in den Himmel kam,
irgendwo in Galiläa. Viele Kommentare ein Bild für die ist, die das Reich durch
betonen, daß diese sechs Tage eine Be- die Verwandlung erreichen werden.
deutung haben. Gaebelein sagt z. B.: Die Jünger Petrus, Jakobus und
»Sechs ist die Zahl des Menschen, die Johannes könnten für die neutestament-
Zahl, die die Werktage symbolisiert. Nach lichen Heiligen im allgemeinen stehen.

104
Matthäus 17

Sie könnten auch für den treuen jüdi- befreien, aber sie würden ihn nie als
schen Überrest stehen, der bei der Wie- Befreier von der Sünde wollen. Israel hat-
derkunft Christi noch leben wird und te aus praktischen Gründen seinen Mes-
das Reich mit ihm erlangen wird. sias abgelehnt und es wäre sinnlos gewe-
Die Menge am Fuße des Berges (V. 14, sen, den Juden von diesem Beweis der
vgl. Lk 9,37) ist mit den heidnischen messianischen Herrlichkeit zu berichten.
Nationen verglichen worden, die auch Aber nach der Auferstehung würde die-
an den Segnungen der tausendjährigen se Botschaft auf der ganzen Welt verbrei-
Herrschaft Christi teilhaben werden. tet werden.
17,4.5 Petrus wurde von den Ereignis- 17,10-13 Die Jünger hatten gerade
sen sehr ergriffen, er hatte einen wahren eben eine Vorausschau auf Christi Kom-
Sinn für das Historische des Augen- men in Macht und Herrlichkeit empfan-
blickes. Er wollte diese Herrlichkeit fest- gen. Aber sein Vorläufer war noch nicht
halten und schlug in seinem Über- erschienen. Maleachi hatte vorausgesagt
schwang vor, drei Erinnerungshütten zu »daß Elia zuerst kommen müsse«, ehe
bauen, für Jesus eine »und Mose eine und der Messias käme (Mal 3,23.24). Deshalb
Elia eine«. Sehr richtig setzte er Jesus an fragten Jesu Jünger danach. Der Herr
die erste Stelle, aber er tat Unrecht, daß er wußte, daß Elia vor ihm kommen mußte,
für ihn nicht auch etwas anderes als für doch er erklärte, daß Elia schon gekommen
die beiden Heiligen des AT vorschlug. war. Offensichtlich bezog er sich dabei
Jesus Christus ist nicht einer unter Glei- auf Johannes den Täufer (V. 13). Johan-
chen, sondern der Herr über alle. Um nes war nicht Elia (Joh 1,21), aber er war
ihnen das beizubringen, bedeckte sie »in dem Geist und der Kraft des Elia«
Gott der Vater mit einer »lichten Wolke«, gekommen (Lk 1,17). Hätte Israel Johan-
und verkündigte dann: »Dieser ist mein nes und seine Botschaft angenommen,
geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen hätte er die Rolle erfüllt, die über Elia
gefunden habe. Ihn hört!« Im Reich der vorausgesagt war (Matth 11,14). Aber
Himmel wird Christus derjenige sein, der das Volk hatte die Bedeutung der Sen-
ohne Herrscher ist, der oberste Monarch, dung von Johannes nicht erkannt und
dessen Wort endgültige Autorität haben behandelte ihn, wie es ihnen gefiel. Der
wird. So sollte es auch heute schon im Tod des Johannes war nur ein Hinweis
Herzen seiner Nachfolger sein. auf das, was sie mit dem Menschensohn
17,6-8 Gelähmt von der Wolke der tun würden. Sie lehnten den Vorläufer ab
Herrlichkeit und der Stimme Gottes fie- und sie würden auch den König ableh-
len die Jünger auf ihr Angesicht. Aber nen. Als Jesus das erklärte, »verstanden
Jesus forderte sie auf, aufzustehen und die Jünger, daß er von Johannes dem
sich nicht zu fürchten. Als sie sich erho- Täufer zu ihnen sprach«.
ben, »sahen sie niemand als Jesus allein«. Es gibt allen Grund zu glauben, daß
So wird es auch im Reich sein – der Herr sich vor der Wiederkunft Christi ein Pro-
Jesus wird »all die Herrlichkeit im Reiche phet erheben wird, um Israel auf den
Emmanuels sein«. kommenden König vorzubereiten. Ob er
Elia persönlich oder jemand mit einem
E. Über den Vorläufer (17,9-13) gleichen Dienst sein wird, kann man
17,9 »Als sie von dem Berg herabstiegen« jedoch unmöglich voraussagen.
befahl Jesus den Jüngern, daß sie nie-
mandem etwas von dem sagen sollten, F. Vorbereitung auf den Dienst durch
was sie gesehen hatten, bis er aus den Beten und Fasten (17,14-21)
Toten auferstanden wäre. Die Juden, die Das Leben ist alles andere als ein »Berg-
überängstlich nach jemandem Ausschau erlebnis«. Nach Augenblicken des geist-
hielten, der sie vom römischen Joch lichen Hochgefühls kommen Tage der
befreien würde, würden ihn willkom- Plage und der Verausgabung. Es kommt
men geheißen haben, sie von Rom zu die Zeit, da wir den Berg verlassen müs-

105
Matthäus 17

sen, um im Tal der menschlichen Bedürf- dann kann der Christ das äußerste Ver-
tigkeit zu dienen. trauen haben, daß Schwierigkeiten, die
17,14.15 Am Fuß des Berges wartete wie Berge aussehen, auf wunderbare
ein verzweifelter Vater auf den Retter. Er Weise verschwinden werden. Nichts ist
»fiel vor ihm auf die Knie« und breitete dem unmöglich, der glaubt.
vor ihm seine dringende Bitte aus, daß 17,21 »Diese Art aber fährt nicht aus
sein von Dämonen besessener Sohn ge- außer durch Gebet und Fasten« wird in
heilt werden möge. Der Sohn litt unter einigen moderneren Bibeln ausgelassen,
heftigen epileptischen Anfällen, die ihn weil es in vielen früh datierten Manus-
manchmal ins Feuer oder ins Wasser fal- kripten nicht erscheint. Dennoch findet
len ließen, deshalb wurde sein Leiden man es in der Mehrheit der Manuskripte
durch Verbrennungen und halbes Ertrin- und es paßt in den Kontext eines außer-
ken noch verschlimmert. Er war ein klas- ordentlich schwierigen Problems.
sisches Beispiel für Leiden, das durch
Satan verursacht wird, dem grausamsten G. Vorbereitung der Jünger auf seinen
aller Herren. Verrat (17,22.23)
17,16 Der Vater war zu den Jüngern 17,22.23 Wieder warnt der Herr Jesus sei-
gekommen, um Hilfe zu erhalten, aber er ne Jünger ohne Fanfare oder Dramatik
lernte nur, daß es vergeblich ist, sich auf vor, daß er getötet werden wird. Aber
Menschen zu verlassen. Sie hatten keine wieder war da das Wort der Rechtferti-
Macht zu heilen. gung und des Sieges – er würde »am drit-
17,17 Der Ausruf: »O ungläubiges ten Tag auferweckt« werden. Wenn er
und verkehrtes Geschlecht! Bis wann soll ihnen seinen Tod nicht angekündigt hätte,
ich bei euch sein?« ist an die Jünger wären sie zweifellos völlig desillusioniert
gerichtet. Sie hatten nicht den Glauben, gewesen, sobald es geschehen wäre. Ein
den Epileptiker zu heilen, sondern waren schmachvoller Tod unter Qualen ent-
in dieser Beziehung nicht besser als die sprach nicht ihren Erwartungen vom
anderen Juden ihrer Tage – glaubenslos Messias. Auch diesmal waren sie sehr
und verstockt. verzweifelt, weil er von ihnen gehen und
17,18 Als der Epileptiker zu ihm getötet würde. Sie hörten die Vorhersage
gebracht wurde, bedrohte Jesus den Dä- seines Leidens, aber scheinbar überhörten
mon und sofort war der Junge geheilt. sie das Versprechen seiner Auferstehung.
17,19.20 Verwirrt durch ihre Macht-
losigkeit, baten die Jünger ihn um eine H. Petrus und sein Meister bezahlen
Erklärung, als sie allein mit ihm waren. ihre Steuern (17,24-27)
Jesu Antwort war ebenso kurz wie ehr- 17,24.25 In Kapernaum fragten die Ein-
lich: Kleinglaube. Wenn sie Glauben nehmer der Tempelsteuer Petrus, ob sein
»wie ein Senfkorn« gehabt hätten (das Meister die Doppeldrachme für den
kleinste von allen Samenkörnern), dann kostspieligen Tempeldienst nicht zahle.
könnten sie einem Berg befehlen, sich ins Petrus antwortete: »Doch.« Vielleicht
Meer zu stürzen und es würde gesche- wollte der irregeleitete Jünger Jesus vor
hen. Natürlich ist hier eingeschlossen, einer Verlegenheit bewahren.
daß sich der echte Glaube immer auf Im folgenden sehen wir die Allwis-
einen Auftrag oder eine Verheißung Got- senheit des Herrn. Als Petrus heimkam,
tes gründen muß. Wenn man erwartet, sprach ihn Jesus sofort an – ehe Petrus
einen spektakulären Stunt vollbringen auch nur die Chance gehabt hatte, zu er-
zu können, um damit irgendeine persön- zählen, was passiert war. »Was meinst
liche Grille zu befriedigen, dann hat man du, Simon? Von wem erheben die Könige
es nicht mit Glauben, sondern mit Un- der Erde Zoll oder Steuer, von ihren Söh-
verschämtheit zu tun. Aber wenn Gott nen oder von den Fremden?« Die Frage
einen Gläubigen in eine bestimmte Rich- muß vor dem damaligen geschichtlichen
tung leitet oder einen Befehl ausspricht, Hintergrund gesehen werden. Der Herr-

106
Matthäus 17 und 18

scher legte Steuern auf seine Untertanen, zeigt die Richtlinien des Verhaltens auf,
um sein Reich und seine Familie zu erhal- die für diejenigen passend sind, die von
ten, aber er nahm natürlich von seiner Fa- sich behaupten, Untertanen Christus’,
milie keine Steuern. Bei unserem Steuer- des Königs, zu sein.
system werden alle besteuert, einschließ- 18,1 Die Jünger hatten das Reich der
lich des Herrschers und seiner Familie. Himmel immer als goldenes Zeitalter des
17,26 Petrus antwortete richtig, daß Friedens und des Reichtums angesehen.
die Herrscher nur von Fremden nehmen. Nun begannen sie, bevorzugte Stellun-
Jesus wies dann darauf hin, daß die Söh- gen in diesem Reich zu begehren. Ihr
ne frei sind. Es ging darum, daß der Tem- selbstsüchtiges Wesen drückte sich in der
pel das Haus Gottes war. Wenn also Frage aus: »Wer ist denn der Größte im
Jesus, der Sohn Gottes, Steuer für den Reiche der Himmel?«
Unterhalt dieses Tempels gegeben hätte, 18,2.3 Jesus antwortete mit einem
dann würde er gewissermaßen diese lebendigen Anschauungsobjekt. Er stellte
Steuer an sich selbst zahlen. ein Kind in ihre Mitte und sagte, daß die
17,27 Dennoch willigte der Herr ein, Menschen »umkehren und wie die Kin-
die Steuer zu bezahlen, statt unnötig der werden müssen«, um das Reich der
Anstoß zu erregen. Aber wie sollte er an Himmel zu erlangen. Er meinte dabei das
Geld kommen? Es ist nicht überliefert, Reich in seiner inneren Wirklichkeit. Um
daß Jesus je Geld gehabt hätte. Er sandte ein echter Gläubiger zu sein, muß der
Petrus zum See Genezareth und sagte Mensch die Gedanken an persönliche
ihm, er solle den ersten Fisch bringen, Größe verbannen und die niedrige Positi-
den er fangen würde. Im Maul dieses on eines Kindes annehmen. Das beginnt,
Fisches würde er einen Stater finden, den wenn er seine Sündhaftigkeit erkennt
er dann zum Bezahlen der Steuer ver- und einsieht, daß er von sich aus vor Gott
wenden konnte, die Hälfte für ihn und keinen Verdienst hat und Jesus Christus
die andere für Jesus. als seine einzige Hoffnung annimmt. Die-
Dieses erstaunliche Wunder, das mit se Haltung sollte sich durch das gesamte
äußerster Zurückhaltung erzählt wird, christliche Leben ziehen. Jesus wollte
zeigt ganz offensichtlich Jesu Allwissen- damit nicht sagen, daß seine Jünger nicht
heit. Er wußte, welcher von allen Fischen errettet seien. Alle außer Judas glaubten
im See Genezareth einen Stater im Maul an ihn und waren deshalb gerechtfertigt.
hatte. Er wußte, wo dieser Fisch war und Aber sie hatten noch nicht den Heiligen
er wußte auch, daß er der erste sein wür- Geist empfangen und hatten deshalb
de, den Petrus fangen würde. nicht die Kraft für echte Demut, die uns
Wäre es hier um ein göttliches Prin- heute durch den Geist in uns zur Verfü-
zip gegangen, dann hätte Jesus hier gung steht (von der wir allerdings nicht
sicherlich nicht bezahlt. Aber da es für so Gebrauch machen, wie wir es sollten).
ihn ethisch belanglos war, wollte er eher Aber sie mußten sich auch in dem Sinne
zahlen, als Anstoß zu erregen. Wir sind bekehren, all ihr falsches Denken zu ver-
als Gläubige frei vom Gesetz. Doch in ändern, damit es zum Reich paßte.
Angelegenheiten, die nicht die Ethik 18,4 Der größte Mensch im Reich der
betreffen, sollten wir das Gewissen der Himmel ist der, der sich selbst wie ein
anderen respektieren und nichts tun, das kleines Kind erniedrigt. Offensichtlich
einem anderen Anstoß sein könnte. sind die Maßstäbe und Werte im Reich
der Himmel denen der Welt direkt ent-
XI. Der König unterrichtet seine Jünger gegengesetzt. Unsere ganze Denkweise
(Kap. 18 – 20) muß verändert werden, damit wir den
Gedanken Christi »nach-denken« (s. Phil
A. Über die Demut (18,1-6) 2,5-8).
Kapitel 18 wurde einmal »Rede über 18,5 Hier geht der Herr übergangslos
Größe und Vergebung« genannt. Sie vom Thema eines natürlichen Kindes zu

107
Matthäus 18

dem eines geistliches Kindes über. Wer Auferstehungsleib vollständig und voll-
immer einen seiner demütigen Nachfol- kommen sein wird.
ger in seinem Namen aufnimmt, der 18,10 Als nächstes warnte der Herr
wird belohnt, als ob er den Herrn selbst davor, einen seiner »Kleinen« zu verach-
aufgenommen hätte. Was einem der Jün- ten, ob es ein Kind ist oder sonst jemand,
ger getan wird, ist gleichzeitig seinem der zum Reich gehört. Um die Bedeu-
Herrn getan. tung der »Kleinen« zu betonen, fügte er
18,6 Auf der anderen Seite zieht sich hinzu, daß ihre Engel ständig in der
jeder, der einen Gläubigen zu einer Sün- Gegenwart Gottes sind, wo sie sein
de verführt, ein schreckliches Urteil zu. Angesicht schauen. Mit Engeln sind hier
»Für den wäre es besser, daß ein Mühl- sicherlich die bewahrenden Engel ge-
stein an seinen Hals gehängt und er in meint (s. a. Hebr 1,14).
die Tiefe des Meeres versenkt würde.« 18,11 Während dieser Vers über die
(Ein solcher Mühlstein, wie er hier er- Aufgabe des Retters in vielen Bibelaus-
wähnt wurde, wurde von einem Tier gaben nur in einer Fußnote vorkommt,
bewegt, ein kleiner Mühlstein konnte mit ist er doch ein passender Höhepunkt die-
der Hand bewegt werden.) Es ist ses Abschnittes, und wird durch viele
38)
schlimm genug, gegen sich selbst zu sün- Manuskripte unterstützt.
digen, aber einen Gläubigen zur Sünde 18,12.13 »Diese Kleinen« sind auch
zu veranlassen, bedeutet, seine Un- Gegenstand des zartfühlenden rettenden
schuld zu zerstören, seinen Geist zu ver- Dienstes des Hirten. Sogar, wenn eines
derben und seinen Ruf zu schädigen. von hundert Schafen wegläuft, verläßt
Besser, einen gewaltsamen Tod zu ster- der Hirte die neunundneunzig und sucht
ben, als mit der Reinheit eines anderen nach dem verlorenen bis er es gefunden
zu spielen! hat. Die Freude des Hirten über das Wie-
derfinden eines abgeirrten Schafes sollte
B. Über die Versuchungen (18,7-14) uns lehren, seine »Kleinen« zu würdigen
18,7 Jesus fuhr fort, zu erklären, daß es und zu respektieren.
unvermeidlich ist, Versuchungen zu be- 18,14 Sie sind nicht nur den Engeln
gegnen. Die Welt, das Fleisch und der und dem Hirten wichtig, sondern auch
Teufel arbeiten zusammen, um uns zu Gott, dem Vater. Es ist nicht »der Wille
verführen. Aber wenn ein Mensch für die eures Vaters, daß eines dieser Kleinen ver-
Mächte des Bösen arbeitet, dann ist seine loren gehe«. Wenn sie wichtig genug sind,
Schuld sehr groß. Deshalb ermahnte der um Engel, den Herrn Jesus und Gott, den
Retter die Menschen, eher drastische Vater, auf den Plan zu rufen, dann sollten
Maßnahmen der Selbstdisziplinierung wir sie sicherlich niemals verachten, ganz
zu ergreifen, als ein Kind Gottes zu ver- gleich, wie wenig liebenswürdig oder
führen. niedrig sie uns erscheinen mögen.
18,8.9 Ob das sündige Glied eine
Hand, ein Fuß oder ein Auge ist, es zu C. Über Gemeindezucht (18,15-20)
opfern ist besser, als das Werk Gottes in Der Schluß des Kapitels beschäftigt sich
einem anderen Menschen zu zerstören. mit der Schlichtung von Streit zwischen
Es ist besser, ohne Gliedmaßen oder Gemeindegliedern. Außerdem wird die
Augenlicht »in das Leben einzugehen«, Notwendigkeit unbegrenzter Verge-
als gesund in die Hölle geworfen zu wer- bungsbereitschaft betont.
den. Unser Herr will damit nicht sagen, 18,15 Hier werden ausführliche An-
daß es im Himmel unvollständige Leiber weisungen gegeben, wie sich ein Christ
geben wird, sondern er beschreibt ledig- verantwortlich zu verhalten hat, wenn
lich die körperliche Verfassung des Gläu- ein anderer gegen ihn gesündigt hat. Als
bigen zu dem Zeitpunkt, da er dieses erstes sollte die Angelegenheit privat
Leben mit dem zukünftigen vertauscht. geregelt werden. Wenn der Schuldige
Es kann gar keine Frage sein, daß der seine Schuld eingesteht, dann ist Versöh-

108
Matthäus 18

nung erreicht. Das Problem ist, daß wir wenn er immer noch der allgemeinen
meist nicht in dieser Weise handeln. Wir Gemeinde angehört, sollten ihm die Pri-
sprechen mit allen in der Gemeinde dar- vilegien als Glied der Ortsgemeinde ver-
über, außer mit dem, den die Angelegen- wehrt werden. Solche Zuchtmaßnahmen
heit betrifft. Dann verbreitet sich die sind sehr ernst zu nehmen, sie liefern
Angelegenheit wie ein Steppenbrand nämlich den Schuldigen zeitweilig der
und der Hader wird vervielfältigt. Wir Macht Satans aus »zum Verderben des
sollten uns immer daran erinnern, daß Fleisches, damit der Geist errettet werde
der erste Schritt ist: »Geh hin, überführe am Tage des Herrn« (1. Kor 5,5). Der
ihn zwischen dir und ihm allein.« Zweck besteht darin, ihn zur Besinnung
18,16 Wenn der schuldige Bruder und zum Bekenntnis seiner Schuld zu
nicht hört, dann sollte derjenige, dem Un- bringen. Ehe er diesen Punkt erreicht hat,
recht geschehen ist, einen oder zwei an- sollte er zwar höflich behandelt werden,
dere mit sich nehmen, um zu einer Lö- doch sollten ihm die Gläubigen durch
sung zu finden. Das betont den wachsen- ihre Haltung zeigen, daß sie seine Sünde
den Ernst seiner Unbußfertigkeit. Aber nicht billigen und mit ihm keine Gemein-
noch mehr, hier geht es um kompetente schaft als Bruder haben können. Die Ge-
Zeugenschaft, wie sie von der Schrift meinde sollte ihn allerdings auch sofort
gefordert wird: »Damit aus zweier oder wieder annehmen, wenn er Zeichen gött-
dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt licher Buße zeigt.
werde« (5. Mose 19,15). Niemand kann 18,18 Vers 18 hängt eng mit dem vor-
die Schwierigkeiten ermessen, die der her gesagten zusammen. Wenn eine Ge-
Kirche dadurch entstanden sind, daß meinde unter Gebet und im Gehorsam
man vergessen hat, der einfachen Regel einem Menschen eine Handlung aufer-
zu gehorchen, daß eine Anklage gegen legt (bindet), dann wird diese Tat im
einen Bruder oder eine Schwester durch Himmel anerkannt sein. Wenn der Schul-
das Zeugnis von zwei oder drei anderen dige Buße getan und seine Sünde be-
bestätigt werden soll. In dieser Hinsicht kannt hat, und die Gemeinde ihn wieder
handeln weltliche Gerichte oft gerechter in ihre Gemeinschaft aufnimmt, dann ist
als christliche Gemeinden. diese lösende Handlung durch Gott ge-
18,17 Wenn sich der Angeklagte noch deckt (s. Joh 20,23).
immer weigert, zu bekennen und sich zu 18,19 Dabei erhebt sich die Frage:
entschuldigen, dann sollte die Angele- »Wie groß muß eine Gemeinde sein, ehe
genheit vor die örtliche Gemeinde ge- sie wie oben beschrieben binden oder
bracht werden. Es ist sehr wichtig zu be- lösen kann?« Die Antwort ist, daß bereits
achten, daß die Ortsgemeinde verant- zwei Gläubige eine solche Angelegenheit
wortlich ist, sich mit dem Fall zu be- vor Gott im Gebet mit der Gewißheit vor-
schäftigen, nicht jedoch ein weltliches bringen dürfen, daß sie gehört werden.
Gericht. Dem Christen ist es verboten, Man kann zwar Vers 19 als ganz allge-
das weltliche Gericht gegen einen ande- meine Verheißung für die Erhörung von
ren Gläubigen in Anspruch zu nehmen Gebeten nehmen, in diesem Zusammen-
(1. Kor 6,1-8). hang geht es jedoch um das Gebet bezüg-
Wenn der Beschuldigte sich weigert, lich der Gemeindezucht. Wenn dieser
seine Verfehlung vor der Gemeinde Vers im Zusammenhang mit gemeinsa-
zuzugeben, dann »sei er dir wie der Hei- mem Gebet im allgemeinen zitiert wird,
de und der Zöllner«. Die offensichtlich- dann sollte er im Licht aller anderen Leh-
ste Bedeutung dieses Ausdrucks ist, daß ren über das Gebet gesehen werden. So
er nun nicht mehr als zur Gemeinde muß z. B. für unser Gebet gelten:
gehörig betrachtet werden kann. Ob- 1. In Übereinstimmung mit dem Willen
wohl er ein echter Gläubiger sein mag, Gottes (1. Joh 5,14.15).
lebt er doch nicht als solcher und sollte 2. Im Glauben (Jak 1,6-8).
entsprechend behandelt werden. Auch 3. In Aufrichtigkeit (Hebr 10,22a), etc.

109
Matthäus 18

18,20 Auch Vers 20 sollte im Lichte Die Antwort lautet, daß es folgende
seines Zusammenhanges interpretiert Stufen in der Handhabung der Verge-
werden. Er bezieht sich nicht in erster bung gibt:
Linie auf die Zusammensetzung einer 1. Wenn ein Bruder mir unrecht tut oder
neutestamentlichen Gemeinde in ihrer gegen mich sündigt, dann sollte ich
einfachsten Form, noch auf eine allge- ihm sofort in meinem Herzen vergeben
meine Gebetsversammlung, sondern auf (Eph 4,32). Das befreit mich von
eine Versammlung, in der eine Gemeinde einem bitteren, nicht vergebungsbe-
bestrebt ist, zwei Christen zu versöhnen, reiten Geist und gibt die Verantwor-
die durch eine Sünde getrennt sind. Er tung dem anderen.
kann allerdings ohne Schwierigkeiten 2. Während ich dem anderen in meinem
auf alle Zusammenkünfte von Gläubigen Herzen vergeben habe, sage ich ihm
angewendet werden, in denen Christus dennoch nicht, daß ihm vergeben ist.
im Mittelpunkt steht, aber hier steht eine Es wäre nicht gerecht, ihm öffentlich
bestimmte Art von Zusammenkunft im Vergebung auszusprechen, ehe er
Mittelpunkt. bereut hat. So bin ich verpflichtet, zu
Sich »in seinem Namen« versammeln ihm zu gehen und ihn in Liebe zu
bedeutet, sich unter seiner Leitung und ermahnen, in der Hoffnung, ihn zum
Autorität zu versammeln, in Anerken- Bekennen zu führen (Lk 17,3).
nung all dessen, was er ist, und im 3. Sobald er sich entschuldigt und seine
Gehorsam gegen sein Wort. Keine Grup- Sünde bekennt, kann ich ihm zusa-
pe kann für sich beanspruchen, die einzi- gen, daß ihm vergeben ist (Lk 17,4).
ge zu sein, die sich in seinem Namen ver- 18,23 Jesus erzählt dann ein Gleichnis
sammelt, denn wenn das so wäre, dann vom Reich der Himmel, um vor den Fol-
wäre seine Gegenwart auf einen kleinen gen mangelnder Vergebungsbereitschaft
Bereich seines Leibes auf Erden be- bei solchen Untertanen zu warnen,
schränkt. Wo immer zwei oder drei ver- denen großzügig vergeben wurde.
sammelt sind, die ihn als Herrn und Ret- 18,24-27 In der Geschichte ging es um
ter anerkennen, ist er »in ihrer Mitte«. einen König, der seine Schulden eintrei-
ben wollte. Ein Diener, »der zehntausend
D. Über die unbegrenzte Vergebung Talente schuldete«, war zahlungsun-
(18,21-35) fähig, so daß sein Herr befahl, daß er und
18,21.22 An diesem Punkt bringt Petrus seine Familie als Sklaven verkauft wür-
die Frage auf, wie oft er denn seinem den, um die Schuld zurückzuzahlen. Der
Bruder vergeben solle, der gegen ihn verzweifelte Knecht bat um Zeit und ver-
gesündigt habe. Er dachte wahrschein- sprach, alles zu bezahlen, wenn er noch
lich, daß er schon sehr gnädig sei, wenn eine Chance bekäme.
er siebenmal als Grenze vorschlug. Jesus Wie viele Schuldner war er unglaublich
antwortete aber: »Nicht bis siebenmal, optimistisch bezüglich seiner Möglichkeiten,
sondern bis siebzigmal sieben.« Er mein- wenn er nur mehr Zeit hätte (V. 26). Das
te damit nicht, daß wir darunter wörtlich Steueraufkommen von ganz Galiläa betrug
490mal verstehen sollten, sondern das nur 300 Talente, und dieser Mann schuldete
war eine bildliche Ausdrucksweise für 10 000! Diese Einzelheit über die riesige
»unbegrenzt«. Summe wird uns ganz absichtlich genannt.
Man könnte vielleicht fragen: »War- Sie dient dazu, die Zuhörer zu schockieren
um soll man sich die Mühe machen, und so ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
jedesmal die oben erwähnten Schritte zu Außerdem sollte so die Größe der Schuld vor
tun? Warum erst alleine hingehen, dann Gott dargestellt werden. Martin Luther pfleg-
mit ein oder zwei anderen und ihn dann te zu sagen, daß wir nichts als Bettler vor ihm
vor die Gemeinde bitten? Warum nicht sind. Wir haben keine Hoffnung, jemals unse-
einfach vergeben und damit hat sich die re Schulden bezahlen zu können. (Aus dem
Sache?« englischen Material des Bibellesebundes).

110
Matthäus 18 und 19

Als der Herr die reuige Haltung des wohl die genaue Reiseroute unbekannt
Knechtes sah, erließ er ihm die ganzen ist, scheint es klar zu sein, daß er durch
10 000 Talente. Das war ein Gnadenakt, Peräa am Ostufer des Jordan reiste. Mat-
keine Gerechtigkeit. thäus spricht etwas ungenau vom »Ge-
18,28-30 Nun hatte dieser Knecht biet von Judäa, jenseits des Jordan«. Der
einen Mitknecht, der ihm hundert Dena- Dienst in Peräa erstreckt sich entweder
re schuldete (einige hundert Mark). von Kapitel 19,1 bis Kapitel 20,16 oder
Anstatt sie ihm zu erlassen, »würgte er bis Kapitel 20,28. Es wird uns nicht deut-
ihn« und verlangte sofortige Zahlung. lich gesagt, wann er den Jordan nach
Der unglückliche Schuldner bat um Auf- Judäa überschritt.
schub, aber das nützte ihm nichts. Der 19,3 Es waren wahrscheinlich die
Gläubiger »warf ihn ins Gefängnis, bis er Volksmengen, – die ihm nachfolgten,
die Schuld bezahlt habe« – eine im besten weil sie Heilung suchten –, die den Pha-
Fall schwierige Aufgabe, da er kein Geld risäern sagten, wo sich der Herr aufhielt.
verdienen konnte, solange er im Gefäng- Wie eine Horde wilder Hunde begannen
nis war. sie ihn einzukreisen, in der Hoffnung,
18,31-34 Die anderen Knechte, die ihn mit den eigenen Worten zu fangen.
über dieses ungehörige Verhalten er- Sie fragten, ob Scheidung aus jedem
zürnt waren, »berichteten ihrem Herren Grund gesetzmäßig sei. Ganz gleich, wie
alles«. Er wurde sehr zornig über diesen er antworten würde, er würde auf jeden
gnadenlosen Geldverleiher. Ihm selbst Fall einen Teil der Juden erzürnen. Eine
war eine riesige Schuld erlassen worden, Richtung hatte eine sehr liberale Einstel-
doch er weigerte sich, eine Kleinigkeit zu lung zur Scheidung, die andere war
erlassen. So wurde nun er selbst den Fol- dagegen sehr streng.
terknechten übergeben, »bis er alles 19,4-6 Unser Herr erklärte, es sei Got-
bezahlt habe, was er ihm schuldig war«. tes ursprüngliche Absicht gewesen, daß
18,35 Die Anwendung ist eindeutig. ein Mann nur eine Frau haben solle. Der
Gott ist der König. Alle seine Knechte Gott, der »Mann und Weib« geschaffen
haben riesige Schulden der Sünde hatte, bestimmte, daß die Beziehung in
gehabt, die sie nie bezahlen könnten. In der Ehe wichtiger sei als die Beziehung
wunderbarer Gnade und Barmherzigkeit zu den Eltern. Er sagte auch, die Ehe sei
zahlte der Herr selbst die Schuld und eine Vereinigung von zwei Personen.
gewährte volle und großzügige Verge- Gottes Ideal ist, daß diese göttlich ange-
bung. Nun stelle man sich vor, daß ein ordnete Gemeinschaft nicht durch ir-
Christ einem anderen Unrecht tut. Als er gendeine menschliche Handlung oder
getadelt wird, entschuldigt er sich und Bestimmung gebrochen werden soll.
bittet um Vergebung. Aber der, dem 19,7 Die Pharisäer dachten, sie hätten
Unrecht geschehen ist, weigert sich, ihm den Herrn nun bei einem Widerspruch
zu vergeben. Ihm persönlich sind Millio- zum AT entdeckt. Hatte nicht Mose Ge-
nen von Mark erlassen worden, aber er setze bezüglich der Scheidung erlassen?
selbst will nicht ein paar Hundert erlas- Ein Mann konnte seiner Frau einfach
sen. Wird der König ein solches Verhalten eine schriftliche Bescheinigung über die
unbestraft durchgehen lassen? Natürlich Scheidung ausstellen und sie dann aus
nicht! Der Übeltäter wird in seinem seinem Haus verweisen (5. Mose 24,1-4).
Leben bestraft werden und wird vor dem 19,8 Jesus stimmte zu, daß Mose die
Richterstuhl Christi Schaden erleiden. Scheidung erlaubt habe, allerdings war
das nicht das Beste, was Gott mit der
E. Über Heirat, Scheidung und Menschheit vorhatte, sondern hatte seine
Ehelosigkeit (19,1-12) Ursache in der abtrünnigen Haltung
19,1.2 Nachdem er seinen Dienst in Israels: »Mose hat wegen eurer Herzens-
Galiläa abgeschlossen hatte, wandte sich härtigkeit euch gestattet, eure Frauen zu
der Herr südwärts nach Jerusalem. Ob- entlassen; von Anfang an aber ist es nicht

111
Matthäus 19

so gewesen.« Gottes eigentliche Absicht gegeben sei, könnten sich der Ehe enthal-
war es, daß es keine Scheidung geben ten. Der Ausdruck »Nicht alle fassen die-
sollte. Aber Gott toleriert manchmal ses Wort, sondern denen es gegeben ist«
Bedingungen, die nicht seinem direkten bedeutet nicht, daß nicht alle das folgen-
Willen entsprechen. de verstehen können, sondern daß sie
19,9 Dann stellte der Herr in absolu- kein enthaltsames Leben führen können,
ter Autorität fest, daß die vergangene wenn sie nicht dazu berufen sind.
Nachsicht mit Scheidungen jetzt aufhör- 19,12 Der Herr Jesus erklärte, daß es
te. Von dem Zeitpunkt an, da er sprach, drei Kategorien von »Verschnittenen«
gäbe es nur noch einen wirklichen Grund gibt. Einige Männer sind verschnitten,
zur Scheidung: Unzucht. Wenn jemand weil sie ohne Zeugungsfähigkeit geboren
sich aus irgendeinem anderen Grunde werden. Andere sind verschnitten, weil
scheiden ließe und wieder heiraten wür- sie als Männer kastriert wurden. Aber
de, dann würde er sich des Ehebruches Jesus hatte besonders diejenigen im Sinn,
schuldig machen. »die sich selbst verschnitten haben um
Obwohl es hier nicht direkt gesagt ist, des Reiches der Himmel willen«. Diese
scheint der Herr anzudeuten, daß dann, Männer könnten verheiratet sein und
wenn eine Scheidung aufgrund von Ehe- keinen körperlichen Mangel tragen.
bruch ausgesprochen worden ist, der un- Doch in der Hingabe an den König und
schuldige Teil frei ist, wieder zu heiraten. sein Reich würden sie willentlich die Ehe
Andernfalls würde eine Scheidung kei- aufgeben, um sich ganz und ohne Ablen-
nem anderen Zweck dienen, als sie eben- kung der Sache Christi widmen zu kön-
so durch eine Trennung zu erreichen nen. Wie Paulus später schrieb: »Der
wäre. Unverheiratete ist für die [Sache] des
Normalerweise versteht man unter Herrn besorgt, wie er dem Herrn gefallen
Ehebruch sexuell unmoralisches Ver- möge« (1. Kor 7,32). Ihre Ehelosigkeit ist
halten oder Unzucht. Dennoch sind nicht körperlich bedingt, sondern durch
viele Kommentatoren der Auffassung, freiwillige Enthaltsamkeit.
daß es sich hier nur um Unzucht vor der Nicht alle Menschen können so leben,
Ehe handelt, die nach der Ehe entdeckt sondern nur die, die durch Gott die Kraft
wird (s. 5. Mose 22,13-21). Andere mei- dazu erhalten: »Doch jeder hat seine
nen, der Text beziehe sich nur auf jüdische eigene Gnadengabe von Gott, der eine
Ehegebräuche, weil wir nur bei Matthäus so, der andere so« (1. Kor 7,7).
die »Ausnahmeregelung« finden, dem
einzigen jüdischen Evangelium. Eine F. Über Kinder (19,13-15)
ausführlichere Diskussion über Schei- 19,13-15 Es ist interessant, daß es hier nur
dung findet sich bei den Bemerkungen kurz nach der Rede über die Scheidung
zu Kapitel 5,31.32. um Kinder geht (s. a. Mk 10,1-16). Oft
19,10 Als die Jünger die Lehre des sind sie es, die am meisten unter einer
Herrn über die Scheidung gehört hatten, Scheidung zu leiden haben.
zeigten sie, daß sie selbst nur in Extre- Einige Eltern brachten ihre Kinder zu
men denken konnten, indem sie die Jesus, damit sie von dem Lehrer und Hir-
absurde Meinung vertraten, wenn man ten gesegnet würden. Die Jünger sahen
sich nur aus einem Grunde scheiden las- dies als eine Störung an und fuhren sie
sen könne, wäre es besser, gar nicht zu an. Aber Jesus greift hier mit den Worten
heiraten, als verheiratet zu sündigen. ein, die ihn jedem Kind in jedem Alter
Aber das würde sie nicht davor bewah- sympathisch machen: »Laßt die Kinder,
ren, als Ledige zu sündigen. und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kom-
19,11 So erinnerte sie der Herr daran, men, denn solcher ist das Reich der Him-
daß der Stand der Ehelosigkeit nicht die mel.«
Regel sei. Nur diejenigen, denen in dieser Wir können aus diesen Worten ver-
Hinsicht eine besondere Gnadengabe schiedene wichtige Lehren ziehen.

112
Matthäus 19

Erstens sollten sie jeden Diener des Ein reicher Mann fing Jesus mit einer
Herrn darauf aufmerksam machen, wie scheinbar ernsthaften Anfrage ab. Er
wichtig es ist, auch die Kinder mit dem sprach Jesus mit »Lehrer« an und wollte
Wort Gottes zu erreichen, deren Geist wissen, was er zu tun habe, um das ewi-
noch höchst aufnahmefähig ist. ge Leben zu erlangen. Diese Frage zeigte
Zweitens sollten Kinder, die ihren schon seine Unkenntnis über Jesus und
Glauben an den Herrn Jesus bezeugen den Weg der Errettung. Er nannte Jesus
wollen, immer ermutigt und nicht zu- Lehrer – damit stellte er ihn auf eine Stu-
rückgehalten werden. Keiner kennt das fe mit anderen großen Männern. Und er
Alter des jüngsten Menschen in der Höl- sprach davon, daß er das ewige Leben
le. Wenn ein Kind wirklich will, daß es wie eine Verpflichtung erwerben könne,
errettet werden möge, dann sollte man anstatt es wie ein Geschenk zu empfan-
ihm nicht sagen, es sei zu jung. Gleichzei- gen.
tig sollte man Kinder jedoch nicht dazu 19,17 Unser Herr erprobte ihn genau
bringen, ein falsches Zeugnis abzulegen. an diesen beiden Punkten. Indem er frag-
So sehr sie auf emotionale Appelle rea- te: »Was fragst du mich über das Gute?
gieren, sollten sie vor den »Hochdruck- Einer ist der Gute«, wollte er nicht seine
methoden« mancher Evangelisten be- eigene Göttlichkeit in Abrede stellen,
schützt werden. Kinder müssen nicht erst sondern wollte dem Mann die Gelegen-
erwachsen werden, um gerettet zu wer- heit geben zu sagen: »Gerade deshalb
den, sondern Erwachsene müssen wie nenne ich dich gut – weil du Gott bist.«
Kinder werden (Kap. 18,3.4; Mk 10,15). Um ihn bezüglich der Errettung zu
Drittens geben diese Worte unseres prüfen, sagte Jesus: »Wenn du aber ins
Herrn eine Antwort auf die Frage, was Leben eingehen willst, so halte die Gebo-
mit Kindern geschieht, die sterben, ehe te.« Damit meinte der Retter natürlich
sie für ihre Sünden zur Rechenschaft nicht, daß man errettet werden kann,
gezogen werden können. Jesus sagte: indem man die Gebote hält. Er benutzte
»Solcher ist das Reich der Himmel.« Das vielmehr das Gesetz, um den Mann von
sollte als Verheißung für die Eltern genü- der Sünde in seinem Herzen zu über-
gen, die den Verlust eines ihrer Kleinen führen. Der Mann litt immer noch unter
erleiden mußten. der Illusion, er könne ins Reich aufge-
Manchmal wird dieser Abschnitt nommen werden, wenn er etwas
dazu herangezogen, um die Säuglings- bestimmtes täte. Deshalb forderte Jesus
taufe zu rechtfertigen, die sie angeblich ihn auf, dem Gesetz zu gehorchen, das
zu Gliedern Christi und Erben des Rei- ihm sagte, was er tun solle.
ches mache. Wenn man genauer liest, 19,18-20 Unser Herr zitierte fünf
dann brachten die Eltern ihre Kinder zu Gebote, die sich vor allem mit unseren
Jesus und nicht zur Taufe. Man wird Mitmenschen beschäftigen und als
außerdem feststellen, daß den Kindern Höhepunkt zitierte er: »Du sollst deinen
das Reich Gottes schon gehört. Und man Nächsten lieben wie dich selbst.« Blind
wird sehen, daß im ganzen Abschnitt in seiner Selbstsucht prahlte der Mann
nicht ein einziger Tropfen Wasser fließt. damit, daß er diese Gebote immer gehal-
ten habe.
G. Über den Reichtum: Der reiche 19,21 Dann aber stellte der Herr her-
Jüngling (19,16-26) aus, daß dieser Mann es versäumt hatte,
19,16 Dieser Vorfall bietet uns einen star- seinen Nachbarn wie sich selbst zu lie-
ken Kontrast zum vorhergehenden. ben, indem er ihn aufforderte, all seinen
Nachdem wir soeben gesehen haben, Besitz zu verkaufen und das Geld den
daß das Reich der Himmel den Kindern Armen zu geben. Dann aber solle er ihm
gehört, werden wir nun sehen, wie nachfolgen.
schwer es für Erwachsene ist, hineinzu- Der Herr wollte hier nicht sagen, daß
kommen. der Mann gerettet werden könnte, indem

113
Matthäus 19

er seinen Besitz verkaufte und den Erlös ten sie unter dem mosaischen Gesetz, in
wohltätigen Zwecken zukommen ließe. welchem Gott diejenigen, die ihm ge-
Es gibt nur einen einzigen Weg zur Ret- horchen würden, Reichtum versprach.
tung – Glaube an den Herrn. Deshalb folgerten sie richtig, daß Reich-
Aber um gerettet zu werden, muß tümer ein Zeichen des Segens Gottes
jeder Mensch einsehen, daß er ein Sün- seien. Wenn nun die, die unter dem
der ist und Gottes heiligen Ansprüchen Segen Gottes stehen, nicht gerettet wer-
nicht gerecht werden kann. Die fehlende den können, wer dann überhaupt?
Bereitschaft des reichen Mannes, seinen 19,26 Der Herr antwortete: »Bei Men-
Besitz zu teilen, zeigte, daß er seinen schen ist dies unmöglich, bei Gott aber
Nächsten nicht wie sich selbst liebte. Er sind alle Dinge möglich.« Menschlich
hätte sagen sollen: »Herr, wenn es darum gesprochen ist es für jeden unmöglich,
geht, dann bin ich ein Sünder. Ich kann gerettet zu werden, nur Gott kann einen
mich nicht durch meine eigenen An- Menschen erretten. Aber es ist für einen
strengungen erretten. Deshalb bitte ich reichen Menschen schwerer, seinen Wil-
dich, mich durch deine Gnade zu erret- len Christus zu übergeben, als für einen
ten.« Wenn er so auf die Lehre Jesu ge- Armen, wie es sich durch die Tatsache
antwortet hätte, dann hätte er den Weg zeigt, daß nur wenige reiche Menschen
zur Errettung gefunden. bekehrt sind. Sie finden es fast unmög-
19,22-24 Statt dessen »ging er betrübt lich, ihr Vertrauen auf sichtbare Dinge
weg«. Die Antwort des reichen Jünglings gegen den Glauben an einen unsichtba-
veranlaßte Jesus zu der Äußerung, daß ren Retter einzutauschen. Nur Gott kann
es schwer sei, daß »ein Reicher in das eine solche Veränderung herbeiführen.
Reich der Himmel« komme. Reichtum Immer wieder wenden Kommentato-
wird leicht zum Götzen. Es ist schwer, ren und Prediger hier ein, daß es völlig in
Besitz zu haben, ohne auf ihn zu vertrau- Ordnung ist, wenn ein Christ reich ist. Es
en. Der Herr erklärte, daß es leichter ist, ist merkwürdig, daß sie einen Abschnitt
»daß ein Kamel durch ein Nadelöhr ein- benutzen, in dem der Herr den Reichtum
gehe, als ein Reicher in das Reich Got- als ein Hindernis für das ewige Wohler-
tes«. Er benutzte hier ein sprachliches gehen des Menschen bezeichnet, um
Bild, welches man »Übertreibung« nennt damit die Anhäufung von Reichtümern
– eine Aussage in einer besonders beton- zu rechtfertigen. Und es ist schwierig, zu
ten Form, um einen lebhaften, unvergeß- sehen, wie ein Christ sich an Reichtü-
lichen Eindruck zu erzeugen. mern festklammern kann, obwohl er die
Es ist natürlich unmöglich, daß ein schrecklichen Nöte überall sieht, die
Kamel durch ein Nadelöhr geht! Das Nähe der Wiederkunft Christi und das
»Nadelöhr« ist oft als ein kleines Tor in deutliche Verbot unseres Herrn, sich auf
der Stadtmauer gedeutet worden. Ein der Erde Schätze zu sammeln. Ange-
Kamel konnte nur unter großen Schwie- häufter Reichtum überführt uns der Sün-
rigkeiten hindurchkommen, indem es de, unseren Nächsten nicht wie uns
sich niederkniete. Jedoch bezeichnet das selbst zu lieben.
Wort, das im Parallelbericht von Lukas
für »Nadel« gebraucht wird, im Griechi- H. Über die Belohnung eines auf-
schen die Nadel eines Chirurgen. Es opferungsvollen Lebens (19,27-30)
scheint aus dem Zusammenhang deut- 19,27 Petrus erkannte die Richtung die-
lich zu sein, daß der Herr nicht über eine ser Rede. Er erkannte, daß Jesus sagte:
Schwierigkeit, sondern über eine Un- »Laß alles zurück und folge mir nach.«
möglichkeit sprach. Menschlich gespro- Petrus brüstete sich damit, daß er und
chen ist es einfach unmöglich, daß ein die anderen Jünger genau das getan hät-
reicher Mann gerettet wird. ten und fragte deshalb: »Was wird uns
19,25 Die Jünger waren über diese nun werden?« Das Eigenleben des Petrus
Bemerkung sehr erstaunt. Als Juden leb- feierte fröhliche Auferstehung, die alte

114
Matthäus 19 und 20

Natur machte sich wieder einmal stark. daß diejenigen, die alles verlassen, mit
Das ist genau die Stimmung, vor der einer größeren Fähigkeit ausgestattet
jeder von uns auf der Hut sein muß. Er werden, das ewige Leben im Himmel zu
wollte mit dem Herrn feilschen. genießen. Alle Gläubigen werden dieses
19,28.29 Der Herr konnte Petrus beru- Leben haben, aber nicht alle werden es in
higen, daß alles, was man für ihn tun gleicher Weise genießen.
würde, auch entsprechend belohnt wer- 19,30 Der Herr schloß seine Aus-
den würde. Was die Stellung der Zwölf führungen mit einer Warnung vor einer
anging, so würden sie im Tausendjähri- berechnenden Haltung. Er sagte im Prin-
gen Reich eine Herrschaftsstellung erhal- zip zu Petrus: »Für alles, was du meinet-
ten. Die Wiedergeburt, die Jesus hier wegen aufgibst, wirst du belohnt werden,
erwähnt, bezieht sich auf die zukünftige aber sei vorsichtig, daß du dich nicht
Herrschaft Christi über die Erde. Der durch selbstsüchtige Betrachtungen len-
Ausdruck wird durch den Satz »wenn ken läßt. In diesem Fall werden –viele
der Sohn des Menschen auf seinem Erste Letzte und Letzte Erste sein–.« Das
Thron der Herrlichkeit sitzen wird« wird nun durch ein Gleichnis im näch-
erklärt. Wir haben diese Phase des Rei- sten Kapitel näher beleuchtet. Diese Aus-
ches zuvor die Phase der Verwirklichung sage könnte auch eine Warnung sein, daß
genannt. Zu dieser Zeit werden die es nicht reicht, einen guten Start auf dem
Zwölf »auf zwölf Thronen sitzen und die Weg der Jüngerschaft zu erleben. Es
zwölf Stämme Israels richten«. Lohn ist kommt darauf an, wie wir ankommen.
im neuen Testament eng mit der Stellung Ehe wir diesen Abschnitt verlassen,
in der Regierung im Tausendjährigen sollten wir noch festhalten, daß die Aus-
Reich verbunden (s. Lk 19,17.19). Sie drücke »Reich der Himmel« und »Reich
werden vor dem Richterstuhl Christi Gottes« in den Versen 23 und 24 wie
belohnt – verwirklicht wird diese Beloh- Synonyme verwendet werden, sie be-
nung jedoch erst, wenn der Herr auf die deuten ein und dasselbe.
Erde zurückkehrt, um dort zu regieren.
Bezüglich der Gläubigen allgemein I. Über den Lohn für die Arbeit im
fügte Jesus hinzu, »jeder, der Häuser Weinberg (20,1-16)
oder Brüder oder Schwestern oder Vater 20,1.2 Dieses Gleichnis ist eine Fortset-
oder Mutter oder Frau oder Kinder oder zung der Ausführungen über den Lohn
Äcker um meines Namens willen verlas- am Ende von Kapitel 19 und illustriert
sen hat, wird hundertfach empfangen die Wahrheit, daß zwar alle Jünger be-
und ewiges Leben erben«. In diesem lohnt werden, aber die Reihenfolge der
Leben werden sie die weltweite Gemein- Belohnung vom Geist bestimmt wird, je
schaft der Gläubigen genießen, die sie nachdem der Jünger treu gedient hat.
für die gespannten irdischen Beziehun- Das Gleichnis beschreibt einen
gen mehr als entschädigt. Für das eine »Hausherrn, der frühmorgens ausging,
Haus, das sie verlassen, erhalten sie hun- um Arbeiter in seinen Weinberg einzu-
dert christliche Häuser, in denen sie herz- stellen«. Diese Männer machten einen
lich willkommen sind. Und für Land Vertrag, daß sie für einen Denar am Tag
oder anderen Besitz, den sie aufgeben, für ihn arbeiten würden, was zu dieser
erhalten sie geistliche Reichtümer über Zeit ein vernünftiger Lohn war. Nehmen
jede Erwartung hinaus. wir an, sie fingen um 6 Uhr früh an zu
Der zukünftige Lohn für alle Gläubi- arbeiten.
gen ist das ewige Leben. Das bedeutet 20,3.4 Um 9 Uhr fand der Bauer eini-
nicht, daß wir uns das ewige Leben ver- ge andere noch nicht beschäftigte Arbei-
dienen können, indem wir alles verlas- ter auf dem Marktplatz. In diesem Fall
sen und opfern. Ewiges Leben ist ein Ge- wurde kein Lohn vereinbart. Sie gingen
schenk und kann weder verdient noch nur auf das Wort hin an die Arbeit, daß er
erworben werden. Der Gedanke hier ist, ihnen geben würde, »was recht ist«.

115
Matthäus 20

20,5-7 Zu Mittag und um 3 Uhr nach- hinzu: »Blickt dein Auge neidisch, weil
mittags stellte der Bauer noch mehr Leu- ich gütig bin?« Diese Frage enthüllt die
te an und sagte auch ihnen, daß er ihnen Selbstsucht der menschlichen Natur. Die
einen gerechten Lohn geben würde. Um Männer, die um 6 Uhr morgens angefan-
5 Uhr nachmittags fand er weitere Män- gen hatten, erhielten genau, was sie ver-
ner, die nicht arbeiteten. Sie waren nicht dient hatten, doch waren sie neidisch,
faul, sie wollten gerne arbeiten, aber hat- weil die anderen denselben Lohn für
ten bis dahin keine Arbeit gefunden. So weniger Arbeit erhielten. Viele von uns
sandte er sie einfach in den Weinberg, müssen zugeben, daß das auch auf uns
ohne auch nur Lohn zu erwähnen. ein wenig unfair wirkt. Das beweist aber
Es ist wichtig festzuhalten, daß die nur, daß wir im Reich der Himmel völlig
ersten Männer aufgrund eines Handels anders denken lernen müssen. Wir müs-
eingestellt wurden, bei allen anderen sen unser habsüchtiges, von Konkur-
war es dem Hausherrn überlassen, was renzdenken geprägtes Wesen aufgeben
er ihnen zahlen wollte. und lernen, wie der Herr zu denken.
20,8 Als der Tag vorbei war, gab der Der Hausherr wußte, daß alle diese
Bauer seinem Verwalter den Auftrag, die Männer Geld nötig hatten, und so be-
Männer zu bezahlen, »angefangen von zahlte er sie nach ihren Bedürfnissen und
den letzten bis zu den ersten«. Auf diese nicht nach der Geldgier. Keiner bekam
Weise sahen diejenigen, die zuerst ange- weniger als er verdient hatte, aber alle
stellt waren, was die anderen erhielten. erhielten, was sie für sich und ihre Fami-
20,9-12 Alle erhielten den gleichen lien benötigten. Die Lehre ist nach James
Lohn – einen Denar. Die Männer, die Stewart, »daß derjenige, der denkt, über
schon frühmorgens begonnen hatten, den endgültigen Lohn einen Handel ab-
erwarteten nun, mehr zu erhalten, aber schließen zu können, immer falsch liegt,
nein – auch sie erhielten einen Denar. Sie und daß Gottes liebevolle Fürsorge im-
wurden bitter und verärgert, weil sie mer das letzte, unanfechtbare Wort ha-
39)
doch viel länger gearbeitet und »die Last ben wird«. Je mehr wir das Gleichnis in
des Tages und die Hitze getragen« hatten. diesem Licht betrachten, desto mehr er-
20,13.14 Die Antwort des Hausherrn, kennen wir, daß diese Geschichte nicht
die er einem der Tagelöhner gab, zeigt nur gerecht, sondern außerordentlich
uns die vielen Lehren, die wir aus dem schön ist. Diejenigen, die um 6 Uhr ange-
Gleichnis ziehen können. Als erstes sagte stellt wurden, hätten es als zusätzliches
er: »Freund, ich tue dir nicht unrecht. Bist Vorrecht sehen sollen, daß sie den gan-
du nicht um einen Denar mit mir über- zen Tag einem so wunderbaren Herrn
eingekommen? Nimm das Deine und geh dienen konnten.
hin! Ich will aber diesem letzten geben 20,16 Jesus schloß das Gleichnis mit
wie auch dir.« Die ersten hatten einen den Worten: »So werden die Letzten
Denar ausgehandelt und erhielten den Erste und die Ersten Letzte sein«
Lohn, über den man sich geeinigt hatte. (s. 19,30). Es wird in bezug auf den Lohn
Die anderen hatten sich der Gnade des manche Überraschung geben. Einige, die
Bauern unterstellt und erlangten Gnade. dachten, sie würden die Ersten sein, wer-
Gnade ist besser als Gerechtigkeit. Es ist den die Letzen sein, weil ihr Dienst von
besser, unseren Lohn unserem Herrn zu Stolz und selbstsüchtigem Streben ge-
überlassen, als mit ihm zu handeln. prägt war. Andere, die aus Liebe und
20,15 Dann sagte der Hausherr: »Ist Dankbarkeit dienten, werden hoch be-
es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu lohnt werden.
tun, was ich will?« Die Lehre, die wir Von vielen, wie wir meinten,
daraus ziehen sollen, ist, daß Gott sou- verdienstvollen Taten,
verän ist. Er kann tun, was ihm gefällt. wird Jesus uns zeigen,
Und was ihm gefällt, ist immer richtig, daß sie nichts als Sünde waren.
gerecht und fair. Der Hausherr fügt noch Von kleinen Taten,

116
Matthäus 20

die wir vergessen haben hoffte, spricht für sie. Aber sie hatte die
wird er uns zeigen, Prinzipien nicht verstanden, nach denen
daß sie ihm getan sind. im Reich Ehren verteilt werden würden.
Markus sagt uns, daß ihre Söhne
J. Über Jesu Tod und Auferstehung selbst kamen und fragten (Mk 10,35),
(20,17-19) vielleicht kamen sie auf ihre Aufforde-
20,17-19 Es ist offensichtlich, daß der rung, vielleicht kamen die drei aber auch
Herr Peräa verließ, um sich auf die Reise gemeinsam zum Herrn. Wir haben es
nach Jerusalem über Jericho zu machen hier nicht mit einem Widerspruch zu tun.
(s. V. 29). Und wieder nahm er die Zwölf 20,22 Jesus antwortete offen, daß sie
beiseite, um ihnen zu erklären, was ge- gar nicht wüßten, um was sie bäten. Sie
schehen würde, nachdem sie die Heilige wollten die Krone ohne das Kreuz, einen
Stadt erreichten. Er würde »den Hohen- Thron ohne den Opferaltar, die Herrlich-
priestern und Schriftgelehrten überlie- keit ohne die Leiden, die zu ihr führen.
fert werden« – eine offensichtliche An- So fragte er sie unverblümt: »Könnt ihr
spielung auf den Verrat des Judas. Er den Kelch trinken, den ich trinken wer-
würde von den jüdischen Führern zum de?« Es wird uns nicht überlassen, darü-
Tode verurteilt werden. Weil sie nicht das ber nachzugrübeln, was er mit dem
Recht haben, eine Todesstrafe zu vollzie- »Kelch« meinte, denn er hatte es eben in
hen, würden sie »ihn den Nationen über- den Versen 18 und 19 erst beschrieben. Er
liefern«, d. h. den Römern. Er würde ver- würde leiden und sterben müssen.
spottet, gegeißelt und gekreuzigt wer- Jakobus und Johannes betonten, daß
den. Aber der Tod würde seine Beute sie in der Lage seien, seine Leiden zu tei-
nicht behalten dürfen – »am dritten Tag len, obwohl ihr Selbstvertrauen hier wohl
wird er auferstehen«. mehr auf Eifer als auf Wissen beruhte.
20,23 Jesus versicherte ihnen nun,
K. Über die Stellung im Reich daß sie seinen Kelch wirklich trinken
(20,20-28) würden. Jakobus würde den Märtyrer-
Hier sehen wir, wie die menschliche tod sterben, Johannes würde verfolgt
Natur beschaffen ist. Sofort nach seiner und auf die Insel Patmos verbannt wer-
dritten Leidensankündigung dachten die den. Robert Little sagte: »Jakobus starb
Jünger an ihren eigenen Ruhm, statt an den Tod eines Märtyrers, Johannes lebte
Jesu Leiden. das Leben eines Märtyrers.«
Die erste Leidensankündigung veranlaß- Dann erklärte Jesus, daß er nicht ein-
te Petrus zum Widerspruch (Kap. 16,22). fach jemandem irgendeinen Ehrenplatz
Auf die zweite folgte bald die Frage der Jün- im Reich versprechen konnte, denn der
ger »Wer ist der größte . . .?« Und so finden Vater hatte schon ein besonderes Verfah-
wir hier, die dritte Leidensankündigung, ren bestimmt, nach dem diese Plätze ver-
begleitet von der ehrgeizigen Anfrage von teilt werden. Sie dachten, es ginge hier
Jakobus und Johannes. Sie verschlossen ihre um eine Art politische Beförderung, daß
Augen hartnäckig vor den Warnungen vor sie, weil sie so eng mit Christus lebten,
Schwierigkeiten und wollten nur das Ver- nun auch einen besonderen Anspruch
sprechen der Herrlichkeit sehen – damit auf bevorzugte Positionen hätten. Aber
erhielten sie aber eine falsche, materialisti- es geht hier nicht um eine Frage persönli-
sche Sicht des Reiches. (Aus dem englischen cher Günstlingswirtschaft. In der Vorse-
Material des Bibellesebundes.) hung Gottes werden die Plätze zur Rech-
20,20.21 Die Mutter von Jakobus und ten und Linken Jesus nach den Leiden für
Johannes kam zum Herrn und bat ihn, Jesus vergeben werden. Das bedeutet, die
daß ihre Söhne im Reich an seiner Seite ersten Plätze werden nicht nur an Chri-
sitzen dürften. Ihr Wunsch, daß sie in der sten aus dem ersten Jahrhundert verge-
Nähe Jesu seien, und daß sie selbst noch ben, es mag sein, daß einige der heute
immer auf seine zukünftige Herrschaft Lebenden sie erlangen – durch Leiden.

117
Matthäus 20

20,24 Den anderen Jüngern gefiel es deten Israel stehen, der ihn als Christus
gar nicht, daß die Söhne des Zebedäus anerkennt, wenn er wiederkommt, um
ein solches Ansinnen an Jesus heran- zu regieren (Jes 35,5; 42,7; Röm 11,25.26;
getragen hatten. Sie waren sicher un- 2. Kor 3,16; Offb 1,7).
willig, weil sie selbst die Größten sein 20,31-34 Die Menge versuchte, sie
wollten und lehnten deshalb jeden Erst- zum Schweigen zu bringen, aber sie
anspruch von Jakobus und Johannes »schrieen noch mehr«. Als Jesus fragte,
ab! was sie wollten, verloren sie sich nicht in
20,25-27 Das gab Jesus die Gelegen- »Allgemeinplätzen«, wie wir das oft im
heit, eine geradezu revolutionäre Aussa- Gebet tun. Sie kamen sofort auf ihr An-
ge über »Größe« in seinem Reich zu liegen zu sprechen: »Herr, daß unsere
machen. Die »Nationen« kennen Größe Augen aufgetan werden.« Ihre eindeuti-
nur in bezug auf Herrschaft. Im Reich ge Bitte wurde eindeutig erhört. »Jesus
Christi zeigt sich Größe durch Dienst. aber, innerlich bewegt, rührte ihre Augen
Wer immer groß sein will, muß ein Die- an; und sogleich wurden sie sehend, und
ner werden, und wer der erste sein will, sie folgten ihm nach.«
muß ein Sklave werden. Gaebelein macht in bezug auf die
20,28 Der Menschensohn ist das voll- Berührung durch Jesus eine hilfreiche
kommene Beispiel für den Dienst. Er Beobachtung:
kam in die Welt, nicht »um bedient zu Wir haben schon vorher die vorbildhafte
werden, sondern um zu dienen und sein Bedeutung der Heilung durch Berührung in
Leben zu geben als Lösegeld für viele«. diesem Evangelium gesehen. Wann immer
Den Zweck der Menschwerdung kann der Herr durch Berührung heilt, bezieht sich
man in zwei Worten zusammenfassen: das . . . auf seine persönliche Gegenwart auf
Dienen und Geben. Es ist unbegreiflich, der Erde und seine gnädigen Wege mit Isra-
wenn man bedenkt, wie der erhöhte Herr el. Wenn er durch sein Wort heilt, wenn er
sich selbst so erniedrigte, daß er mit einer selbst nicht anwesend ist, oder wenn er selbst
Krippe und mit einem Kreuz vorlieb im Glauben angerührt wird, so bezieht sich
nahm. Seine Größe zeigte sich in der Tie- das auf die Zeit, in der er nicht auf der Erde
fe seiner Demütigung. Und genauso soll ist, die Nationen sich ihm nähern und von
40)
es bei uns sein. ihm geheilt werden.
Er gab sein Leben als »Lösegeld für Manchen fällt es schwer, den Bericht
viele«. Sein Tod befriedigte alle gerech- von Matthäus mit dem Vorfall in Markus
ten Ansprüche Gottes gegen den Sünder. 10,46-52 und Lukas 18,35-43 und 19,1 zu
Das Lösegeld reichte aus, um alle Sün- vereinbaren. Hier haben wir zwei Blinde,
den der Welt wegzunehmen. Aber es in Markus und Lukas nur einen. Es ist
wirkt sich nur für die aus, die Jesus als vorgeschlagen worden, daß Markus und
Herrn und Retter annehmen. Hast Du Lukas nur den einen erwähnen, der mit
das schon getan? Namen (Bartimäus) bekannt ist, und daß
Matthäus, der sein Evangelium insbe-
L. Heilung zweier Blinder (20,29-34) sondere für Juden geschrieben hat, zwei
20,29.30 Jetzt hatte Jesus den Jordan von als Mindestzahl für ein gültiges Zeugnis
Peräa aus überschritten und Jericho er- nennt (2. Kor 13,1). In Matthäus und
reicht. Als er die Stadt verließ, riefen ihn Markus wird erwähnt, daß das Ereignis
zwei Blinde: »Erbarme dich unser, Herr, stattfand, als Jesus Jericho verließ, bei
Sohn Davids!« Indem sie den Titel »Sohn Lukas heißt es, daß er sich gerade der
Davids« verwendeten, zeigte sich, daß Stadt näherte. Es gab allerdings zwei ver-
sie zwar körperlich nicht sehen konnten, schiedene Städte namens Jericho, das alte
jedoch so eine scharfe geistliche Wahr- und das Neue, und das Wunder fand
nehmung besaßen, daß sie in Jesus den wahrscheinlich statt, als Jesus die eine
Messias erkennen konnten. Sie könnten Stadt verließ und die neue gerade be-
für den gläubigen Überrest des verblen- treten wollte.

118
Matthäus 21

XII. Vorstellung und Ablehnung des schweigen . . . Nach dieser Handlung war es
Königs (Kap 21-23) nicht mehr möglich, ihn zu beschuldigen, daß
er sich nie unmißverständlich ausgedrückt
A. Der Einzug in Jerusalem (21,1-11) hatte. Als Jerusalem später beschuldigt wur-
21,1-3 Auf dem Weg von Jericho herauf de, daß es seinen Messias umgebracht habe,
kam Jesus zur Ostseite des Ölberges, wo sollte es nicht sagen können, der Messias
Bethanien und Bethphage lagen. Von habe es versäumt, ihnen ein Zeichen zu ge-
41)
dort aus ging die Straße zum Südende ben, das für alle verständlich gewesen sei.
des Ölberges, verschwand im Tal Josa- 21,7.8 Der Herr ritt auf einem Teppich
phats, führte über den Bach Kidron und von Kleidern und Zweigen in die Stadt,
stieg nach Jerusalem hinauf. und die Jubelrufe des Volkes schallten in
Er sandte zwei seiner Jünger nach seinen Ohren wider. Für einen Augen-
Bethanien, denn er wußte im voraus, daß blick wenigstens wurde er als König
sie dort eine festgebundene Eselin und anerkannt.
ihr Fohlen finden würden. Sie sollten sie 21,9 Die Menge rief: »Hosanna dem
losbinden und zu Jesus bringen. Wenn Sohn Davids! Gepriesen sei, der da
jemand sie zur Rede stellen sollte, sollten kommt im Namen des Herrn!« Dieses
sie nur sagen, daß der Herr sie brauche. Zitat stammt aus Psalm 118,25.26 und
Dann würde der Eigentümer einwilli- bezieht sich offensichtlich auf die
gen. Vielleicht kannte der Besitzer Jesus Ankunft des Messias. »Hosanna« bedeu-
und hatte ihm schon vorher einmal Hilfe tet ursprünglich »Rette uns jetzt«; viel-
angeboten. Oder dieser Vorfall zeigt die leicht meinten die Leute damit: »Rette
Allwissenheit und die überragende uns von den römischen Unterdrückern.«
Autorität des Herrn. Alles kam so, wie Später wurde dieser Ausruf ein Lobpreis.
Jesus es vorausgesagt hatte. Die Ausdrücke »Sohn Davids« und
21,4.5 Die Beanspruchung des Esels »gepriesen sei, der da kommt im Namen
erfüllte eine der Prophezeiungen Jesajas des Herrn« zeigen beide deutlich, daß
und Sacharjas: »Sagt der Tochter Zion: Jesus als der Messias anerkannt wurde.
Siehe, dein König kommt zu dir, sanft- Er ist der Gepriesene des Herrn, der in
mütig und auf einer Eselin reitend, und der Vollmacht Jahwes kommt, um Gottes
[zwar] auf einem Fohlen, des Lasttiers Willen zu tun.
Jungen.« Markus berichtet, daß das Volk auch
21,6 Nachdem die Jünger ihre Kleider rief: »Gepriesen sei das kommende Reich
auf die Tiere gebreitet hatten, bestieg unseres Vaters David!« (Mk 11,10). Das
Jesus das Eselsfohlen (Mk 11,7) und ritt zeigt die Ansicht der Menge, daß das
auf ihm nach Jerusalem. Das war ein Reich nun errichtet werden und Christus
historischer Augenblick. Die neunund- sich auf den Thron Davids setzen würde.
sechzig Jahrwochen Daniels waren zu Mit dem Ruf »Hosanna in der Höhe« rie-
Ende (nach Sir Robert Anderson, s. seine fen sie den Himmel auf, in das Lob des
Berechnungen im dem Buch The Coming Messias auf Erden einzustimmen, und
Prince.) Als nächstes würde der Messias baten ihn vielleicht, sie vom höchsten
»ausgerottet« werden (Dan 9,26). Himmel aus zu erretten.
Indem Jesus auf diese Weise nach Markus 11,11 berichtet, daß Jesus
Jerusalem ritt, machte er bewußt und sofort in den Tempel ging, sobald er in
unverhüllt seinen Anspruch deutlich, Jerusalem angekommen war - nicht
daß er der Messias ist. Lange schreibt direkt in den Tempel, sondern in den
dazu: Vorhof. Sicherlich war dies das Haus
Er erfüllt absichtlich eine Prophezeiung, Gottes, doch er konnte sich in diesem
die zu seiner Zeit nur auf den Messias gedeu- Tempel nicht heimisch fühlen, weil die
tet wurde. Wenn er vorher die Verkündigung Priester und das Volk sich weigerten,
seiner Würde als gefährlich angesehen hatte, ihm seine rechtmäßige Stellung in die-
war es nun für ihn undenkbar, länger zu sem Tempel zukommen zu lassen. Nach-

119
Matthäus 21

dem er sich kurz umgesehen hatte, zog er Herrn für unseren Körper, der ein Tem-
sich mit den Zwölfen nach Bethanien pel des Heiligen Geistes ist.
zurück. Es war Sonntagabend.
21,10.11 In der Zwischenzeit gab es in C. Die Verärgerung der Hohenpriester
der Stadt Verwirrung, wer er sei. Die Fra- und Schriftgelehrten (21,14-17)
genden erhielten nur die Antwort, er sei 21,14 In der nächsten Szene sehen wir
»Jesus, der Prophet, von Nazareth in unseren Herrn, wie er die Blinden und
Galiläa«. Daraus läßt sich schließen, daß Lahmen im Vorhof heilt. Wo immer Jesus
nur wenige verstanden, daß er der Mes- hinging, zog er die Bedürftigen an, und
sias war. In weniger als einer Woche wür- er sandte sie nie weg, ohne daß er ihre
de die wankelmütige Menge fordern: Not gelindert hätte.
»Kreuzige ihn, kreuzige ihn!« 21,15.16 Aber wieder beobachteten
ihn feindlich gesinnte Augen. Und als
B. Die Tempelreinigung (21,12.13) diese Hohenpriester und Schriftgelehr-
21,12 Zu Beginn seines öffentlichen ten hörten, wie die Kinder Jesus als den
Dienstes hatte Jesus die Geschäftema- Sohn Davids priesen, da wurden sie
cher aus den Tempeleinrichtungen ver- wütend. Sie sagten: »Hörst du, was diese
trieben (Joh 2,13-16). Aber der Drang sagen?« – als wenn sie von Jesus erwarte-
nach einem guten Verdienst hatte sich im ten, daß er den Kindern verbieten würde,
Vorhof des Tempels schon wieder breit- ihn den Messias zu nennen! Wenn Jesus
gemacht. Opfertiere und Vögel wurden nicht der Messias gewesen wäre, dann
mit riesigen Gewinnspannen verkauft. wäre das die rechte Zeit gewesen, das ein
Geldwechsler tauschten fremde Wäh- für allemal auszusprechen. Aber seine
rungen in das halbe Schekel, das die Antwort zeigt, daß die Kinder recht hat-
jüdischen Männer als Tempelsteuer zu ten. Er zitierte Psalm 8,2 nach der Sep-
geben hatte – natürlich gegen Wucher- tuaginta: »Aus dem Mund der Unmün-
gebühren. Als sich nun der Dienst Jesu digen und Säuglinge hast du dir Lob
dem Ende zuneigte, trieb Jesus diejeni- bereitet!« Wenn die wahrscheinlich
gen aus dem Tempel, die an heiligen Ein- gebildeten Priester und Schriftgelehrten
richtungen und Bräuchen Geld ver- ihn nicht als den Gesalbten loben wür-
dienen wollten. den, dann würde der Herr von kleinen
21,13 Indem er zwei Zitate von Jesaja Kindern verehrt. Kinder haben oft geist-
und Jeremia miteinander verband, ver- liche Einsichten, die über ihr Alter hin-
urteilte er die Entheiligung, die Hab- ausgehen, und ihre Worte des Glaubens
sucht und den Luxus. Er zitierte Jesaja und der Liebe verherrlichen den Namen
56,7 und erinnerte die Menschen daran, Gottes auf ungewöhnliche Weise.
daß Gott wollte, daß der Tempel ein »Bet- 21,17 Er überließ es nun den religiö-
haus« sei. Sie aber hatten es zu einer sen Führern, über diese Wahrheit nachzu-
»Räuberhöhle« gemacht (Jer 7,11). denken und kehrte nach Bethanien
Diese Tempelreinigung war seine zurück, um dort die Nacht zu verbringen.
erste offizielle Handlung, nachdem er
nach Jerusalem gekommen war. Aber sie D. Der verdorrende Feigenbaum
bekräftigte unmißverständlich seine (21,18-22)
Herrschaft über den Tempel. 21,18.19 Als Jesus am nächsten Morgen
Der Vorfall hat für heute eine zweifa- nach Jerusalem zurückkehrte, kam er zu
che Botschaft. Wir brauchen in unserem einem Feigenbaum und hoffte, auf ihm
Gemeindeleben seine reinigende Macht, Furcht zu finden, um seinen Hunger zu
um Basare, Bankette und eine ganze Rei- stillen. Aber er »fand nichts an ihm als
he anderer Spielereien, die nur dem nur Blätter«. Deshalb sagte er: »– Nim-
Geldverdienen dienen, auszumerzen. In mermehr komme Frucht von dir in Ewig-
unserem persönlichen Leben brauchen keit! – Und sogleich verdorrte der Fei-
wir den reinigenden Dienst unseres genbaum.«

120
Matthäus 21

Im Bericht des Markus (11,12-14) Wir müssen uns daran erinnern, daß
wird die Anmerkung gemacht, daß es das zwar ungläubige Israel für immer
nicht die Jahreszeit für Feigen war. Des- ohne Frucht bleiben wird, daß aber ein
halb läßt die Verurteilung des Baumes, Überrest des Volkes sich nach der Ent-
weil er keine Frucht brachte, den Retter rückung zu seinem Messias bekehren
als unvernünftig und aufsässig erschei- wird. Sie werden ihm während der
nen. Wir wissen wohl, daß das nicht Drangsal und während seiner tausend-
stimmt. Doch wie können wir diese jährigen Herrschaft Frucht bringen.
Schwierigkeit erklären? Obwohl die wichtigste Deutung die-
Die Feigenbäume in den biblischen ses Abschnittes sich auf das Volk Israel
Ländern bringen eine frühe, eßbare bezieht, kann er doch auf die Menschen
Frucht, ehe sie Blätter ansetzten. Sie war aller Zeitalter bezogen werden, die hoch-
ein Vorbote der eigentlichen Ernte. Wenn fahrend reden und einen schlechten
keine frühen Feigen erschienen, wie es in Lebenswandel führen.
diesem Fall wohl war, dann zeigte das, 21,20-22 Als die Jünger sich darüber
daß es auch später keine normale Ernte wunderten, daß der Baum so schnell ver-
geben würde. dorrte, erklärte ihnen der Herr, daß sie
Dies ist das einzige Wunder, bei dem noch größere Wunder tun könnten, als
Jesus fluchte und nicht segnete – bei dem dieses, wenn sie nur genügend Glauben
er zerstörte, statt Leben wiederherzustel- hätten. Zum Beispiel könnten sie zu
len. Das ist als Schwierigkeit gewertet einem Berg sagen: »Hebe dich empor
worden. Solche Kritik verrät Unkenntnis und wirf dich ins Meer«, und es würde
der Person Christi. Er ist Gott, der souve- geschehen. »Und alles, was immer ihr im
räne Herrscher des Universums. Einige Gebet glaubend begehrt, werdet ihr
seiner Handlungen mögen uns unver- empfangen.«
ständlich erscheinen, aber wir müssen Und wieder müssen wir erklären,
immer davon ausgehen, daß er immer daß dieses scheinbar uneingeschränkte
richtig handelt. In diesem Fall wußte der Versprechen über das Gebet nur im Lich-
Herr, daß dieser Feigenbaum nie Feigen te der ganzen Lehre vom Gebet in der
bringen würde und er handelte wie ein Bibel verstanden werden kann. Vers 22
Bauer es tun würde, wenn er einen un- bedeutet nicht, daß jeder Christ alles bit-
fruchtbaren Baum aus seinem Obstgar- ten kann, was er will und erwarten kann,
ten fällt. es zu erhalten. Er muß in Übereinstim-
Sogar diejenigen, die unseren Herrn mung mit den in der Bibel festgelegten
dafür kritisieren, daß er den Feigenbaum Grundsätzen beten.
verfluchte, geben zu, daß dies eine sym-
bolische Handlung war. Der Vorfall ist E. Die Autorität Jesu wird in Frage
die Deutung des Herrn von dem aufge- gestellt (21,23-27)
regten Empfang, den man ihm erst kürz- 21,23 Als Jesus in den Hof kam, der noch
lich in Jerusalem bereitet hatte. Wie der vor dem eigentlichen Tempelbereich lag,
Weinstock und der Ölbaum ist der Fei- unterbrachen die Hohenpriester und die
genbaum ein Bild für das Volk Israel. Als Ältesten des Volkes sein Lehren, um ihn
Jesus zu diesem Volk kam, fand er Blätter, zu fragen, wer ihm die Vollmacht zu leh-
die von äußerlichem Bekenntnis spre- ren, Wunder zu tun und zur Tempelrei-
chen, aber keine Frucht für Gott. Jesus nigung gegeben habe. Sie hofften, ihm
hungerte nach Frucht aus diesem Volk. eine Falle stellen zu können, ganz gleich,
Weil es keine frühe Frucht gab, würde wie er antworten würde. Wenn er bean-
es auch keine Ernte von diesem ungläu- spruchte, als Sohn Gottes diese Voll-
bigen Volk geben, das wußte er, und des- macht in sich selbst zu haben, dann
halb verfluchte er den Baum. Dies sagte könnten sie ihn der Gotteslästerung an-
das Gericht voraus, unter das das Volk klagen. Würde er behaupten, daß er die
im Jahr 70 n. Chr. fallen würde. Vollmacht von Menschen erhalten ha-

121
Matthäus 21

ben, dann würden sie ihn in Mißkredit Jesus ist der Messias, dessen Vorläufer
bringen. Wenn er behauptete, seine Voll- Johannes war.
macht von Gott zu haben, dann würden 21,27 Aber sie wollten sich nicht den
sie ihn zum Beweis auffordern. Sie sahen Tatsachen stellen, und so schützten sie
sich als Hüter des Glaubens, als Leute, Unwissenheit vor. Sie konnten nicht
die sich berufsmäßig mit Religion be- sagen, aus welcher Quelle die Vollmacht
schäftigen und die durch ihre Ausbil- des Johannes kam. Darauf sagte Jesus:
dung und menschliche Ernennung be- »So sage auch ich euch nicht, in welcher
rechtigt waren, das religiöse Leben der Vollmacht ich diese Dinge tue.« Warum
Menschen zu regeln. Jesus hatte keine sollte er es ihnen sagen, wo sie doch ganz
theologische Ausbildung und sicherlich offensichtlich nicht gewillt waren, es
nicht das Vertrauen der Herrscher in anzunehmen?
Israel. Ihre Herausforderung spiegelt die
uralte Verachtung wider, die berufs- F. Das Gleichnis von den zwei
mäßig mit Religion beschäftigte Men- Söhnen (21,28-32)
schen gegenüber Männern mit der Kraft 21,28-30 Dieses Gleichnis ist eine scharfe
der göttlichen Salbung fühlen. Ermahnung an die Hohenpriester und
21,24.25 Der Herr bot ihnen an, die Ältesten für ihren Ungehorsam gegen-
Quelle seiner Vollmacht zu erklären, über dem Bußruf des Johannes. Es han-
wenn sie ihm die Frage beantworten delt von einem Mann, dessen zwei Söhne
könnten, ob die Taufe des Johannes »vom im Weinberg arbeiten sollen. Einer wei-
Himmel oder von Menschen« sei. Unter gerte sich, entschied sich dann jedoch
der »Taufe des Johannes« ist der Dienst anders und ging hin. Der andere war ein-
des Johannes insgesamt zu verstehen. verstanden, ging aber nie an die Arbeit.
Deshalb lautete die Frage: »Aus welcher 21,31.32 Als sie gefragt wurden, »wer
Vollmacht hat Johannes seinen Dienst von den beiden hat den Willen des Vaters
getan? War seine Einsetzung göttlich getan«, mußten sie wider Willen zu-
oder menschlich. Welche Referenzen hat- geben, daß es der erste gewesen sei.
te er von den Führern Israels erhalten?« Der Herr legte nun das Gleichnis aus.
Die Antwort war offensichtlich: Johan- Zöllner und Huren waren wie der erste
nes war von Gott gesandt. Seine Macht Sohn. Sie behaupteten nicht von sich,
entsprang göttlicher Bevollmächtigung, Johannes dem Täufer zu gehorchen, aber
nicht menschlicher Billigung. schließlich taten viele von ihnen Buße
Die Hohenpriester und Ältesten und glaubten an Jesus. Die religiösen
waren in einer Zwickmühle. Wenn sie zu- Führer waren wie der zweite Sohn. Sie
gaben, daß Johannes von Gott gesandt behaupteten zwar, daß sie mit der Pre-
war, dann saßen sie in der Falle. Johannes digt von Johannes einverstanden waren,
hatte Menschen auf Jesus, den Messias aber sie bekannten nie ihre Sünden noch
hingewiesen. Wenn Johannes göttliche vertrauten sie sich dem Retter an. Des-
Vollmacht hatte, warum hatten sie selbst halb würden die eigentlich ausgestoße-
dann nicht Buße getan und an Christus nen Sünder das Reich Gottes erlangen,
geglaubt? während die selbstzufriedenen religiö-
21,26 Hätten sie andererseits gesagt, sen Führer draußen bleiben würden.
daß Johannes nicht von Gott gesandt sei, Dasselbe gilt auch heute noch. Wirkliche
dann legten sie sich auf eine Position fest, Sünder nehmen das Evangelium viel
die von den meisten Leuten verlacht bereitwilliger an als solche mit einem
werden würde, denn die meisten waren Anstrich falscher Frömmigkeit.
der Meinung, daß Johannes ein Prophet Der Ausdruck »denn Johannes kam
von Gott gewesen sei. Wenn sie richtig zu euch im Weg der Gerechtigkeit«
geantwortet hätten, daß Johannes von bedeutet, er kam, um die Notwendigkeit
Gott gesandt war, dann hätten sie ihre der Gerechtigkeit durch Buße und Glau-
Frage selbst so beantworten müssen: ben zu predigen.

122
Matthäus 21

G. Das Gleichnis von den bösen ständnis. Unter einander waren sie der
Weingärtnern (21,33-46) Meinung, daß Jesus der Sohn Gottes war,
21,33-39 Um weiter auf die Frage nach obwohl sie es öffentlich abstritten und
seiner Vollmacht einzugehen, erzählte beantworteten so ihre eigene Frage nach
Jesus das Gleichnis von einem Haus- seiner Vollmacht. Seine Vollmacht ent-
herrn, »der einen Weinberg pflanzte und sprang seiner Gottessohnschaft.
einen Zaun darum setzte«, und eine Kel- Im Gleichnis sagen sie: »Dieser ist der
ter darin baute, außerdem einen Turm. Erbe. Kommt, laßt uns ihn töten und sein
»Er verpachtete ihn an Weingärtner und Erbe in Besitz nehmen!« (V. 38). Im wirk-
reiste außer Landes.« Als aber die Ernte lichen Leben sagten sie: »Wenn wir ihn
nahte, sandte er seine Knechte, um seinen so lassen, werden alle an ihn glauben,
Anteil an der Ernte zu erhalten, aber die und die Römer werden kommen und
Weingärtner schlagen den einen, »einen unsere Stadt wie auch unseren Staat
anderen töteten sie, einen anderen stei- wegnehmen« (Joh 11,48). Deshalb lehn-
nigten sie«. Als er andere Knechte schick- ten sie ihn ab, warfen ihn hinaus und
te, wurden sie genauso mißhandelt. Dann kreuzigten ihn.
sandte er seinen Sohn, denn er dachte, sie 21,42 Als der Retter fragte, was der
würden wenigstens diesen respektieren. Eigentümer des Weinberges tun würde,
Aber die Weingärtner wußten genau, daß verurteilte sie ihre eigene Antwort, wie er
er der Erbe war und töteten ihn, weil sie in Vers 42 und 43 zeigt. Jesus zitierte die
sein Erbe an sich bringen wollten. Worte aus Psalm 118,22: »Der Stein, den
21,40.41 An diesem Punkt fragte der die Bauleute verworfen haben, dieser ist
Herr die Hohenpriester und Ältesten, zum Eckstein geworden; von dem Herrn
was der Herr mit diesen Weingärtner tun her ist er dies geworden, und er ist wun-
würde. Sie antworteten: »Er wird jene derbar in unseren Augen.« Als Christus,
Übeltäter übel umbringen, und den der Stein, sich den Bauleuten zeigte – den
Weinberg wird er an andere Weingärtner Führern Is84 84raels – hatten sie keinen
verpachten, die ihm die Früchte abgeben Platz für ihn in ihrem Bauplan. Sie warfen
werden zu ihrer Zeit.« ihn als nutzlos beiseite. Aber nach seinem
Das Gleichnis ist einfach zu verste- Tod wurde er von den Toten auferweckt
hen. Gott ist der Hausherr, Israel der und erhielt einen bevorzugten Platz bei
Weinberg (s. Ps 80,8; Jes 5,1-7; Jer 2,21). Gott. Er wurde zum wichtigsten Stein in
Der Zaun ist das Gesetz Moses, das Isra- Gottes Bauwerk: »Darum hat Gott ihn
el von den Heiden trennte und sie als ein auch hoch erhoben und ihm den Namen
besonderes Volk des Herrn bewahrte. verliehen, der über jeden Namen ist . . .«
Die Kelter, als ein bildlich verwandter (Phil 2,9).
Begriff, bedeutet übertragen die Frucht, 21,43 Dann kündigte Jesus offen an,
die Israel für Gott bringen sollte. Der daß das Reich Gottes Israel genommen
Turm zeigt Gottes wachsame Fürsorge und einem anderen Volk gegeben wer-
für sein Volk. Die Weingärtner sind die den würde, das Früchte brächte. Und so
Hohenpriester und Schriftgelehrten. geschah es. Israel ist von Gott als erwähl-
Wiederholt sandte Gott seine Knech- tes Volk beiseite gesetzt worden und ist
te, die Propheten, zum Volk Israel, um bei durch Gerichtsbeschluß für Gottes Wahr-
ihm die Früchte der Gemeinschaft, der heit blind. Das Geschlecht, das den Mes-
Heiligung und der Liebe zu suchen. Aber sias abgelehnt hat, ist verhärtet worden.
das Volk verfolgte die Propheten und Die Prophezeiung, daß das Reich Gottes
tötete sogar einige von ihnen. Schließlich einer Nation gegeben würde, »die seine
sandte Gott seinen eigenen Sohn, weil er Früchte bringen wird«, ist auf zweierlei
sich sagte: »Sie werden sich vor meinem Weise verstanden worden:
Sohn scheuen!« (V. 37). Die Hohenprie- 1. Sie bezieht sich auf die Gemeinde, die
ster und Schriftgelehrten aber sagten: »Er aus gläubigen Juden und Heiden
ist der Erbe« – ein schreckliches Einge- besteht – »eine heilige Nation, ein

123
Matthäus 21 und 22

Volk zum Besitztum« (1. Petr 2,9); meine Einladung an alle, die gerne kom-
oder men wollten. Diesmal gab es keinen ein-
2. Sie bezieht sich auf die gläubigen zigen freien Platz im Hochzeitssaal.
Juden, die zur Zeit der Wiederkunft 22,11-13 Unter den Gästen war jedoch
Jesu leben werden. Das erlöste Israel einer, der kein Hochzeitskleid anhatte.
wird seine Frucht für Gott bringen. Als er wegen seines unpassenden Ge-
21,44 »Und wer auf diesen Stein fällt, wandes zur Rede gestellt wurde, war er
wird zerschmettert werden; aber auf wen sprachlos. Der König befahl, er solle in
er fallen wird, den wird er zermalmen.« die Nacht hinausgeworfen werden, wo
Im ersten Teil des Verses liegt der Stein »das Weinen und das Zähneknirschen«
noch am Boden, im zweiten fällt er von sein werden. Die Diener in Vers 13 sind
oben herunter. Damit sind die beiden nicht dieselben wie die Knechte in Vers 3.
Kommen Christi gemeint. Als er das 22,14 Unser Herr schloß das Gleich-
erste Mal kam, stolperten die jüdischen nis mit den Worten: »Denn viele sind
Führer über ihn und wurden in Stücke Berufene, wenige aber Auserwählte.«
zerschmettert. Wenn er wiederkommen Die Bedeutung des Gleichnisses ist
wird, wird er im Gericht kommen und folgende: Der König ist Gott und sein
seine Feinde wie Staub zerstreuen. Sohn ist der Herr Jesus. Das Hochzeits-
21,45.46 Die Hohenpriester und Pha- mahl ist eine geeignete Beschreibung der
risäer erkannten, daß diese Gleichnisse Festfreude, wie sie für das Reich der
auf sie gemünzt waren, und zwar als Himmel charakteristisch sein wird.
Antwort darauf, daß sie Christi Voll- Wenn man die Gemeinde in diesem
macht in Frage gestellt hatten. Sie hätten Gleichnis als die Braut Christi einführt,
ihn gerne sofort ergriffen, aber sie fürch- kompliziert man das Gleichnis unnötig.
teten die Masse, die noch immer der Mei- Es dreht sich in der Hauptsache darum,
nung war, Jesus sei ein Prophet. daß Israel zur Seite gesetzt wird – nicht
jedoch um den besonderen Ruf und die
H. Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl Vorsehung der Gemeinde.
(22,1-14) Die erste Phase der Einladung zeigt
22,1-6 Jesus war aber mit den Hohenprie- Johannes den Täufer und die zwölf Jün-
stern noch nicht fertig. In dem Gleichnis ger, wie sie freundlich Israel zur Hoch-
vom Hochzeitsmahl zeigte er nochmals, zeitsfeier einluden. Aber das Volk wei-
wie das bevorzugte Israel zur Seite ge- gerte sich, diese Einladung anzunehmen.
setzt wird und die verachteten Heiden Die Worte »sie wollten nicht kommen«
als Gäste am Tisch sitzen. Er verglich das (V. 3) erreichten bei der Kreuzigung
Reich der Himmel »mit einem König, der ihren Höhepunkt.
seinem Sohn« die Hochzeit ausrichtet. Die zweite Stufe der Einladung
Die Einladung erfolgte in zwei Stufen. bedeutet die erneute Verkündigung des
Zuerst erhielten die Gäste eine Voreinla- Evangelium an die Juden in der Apostel-
dung, die durch Knechte persönlich geschichte. Einige behandelten die Bot-
überbracht wird. Sie wurde einfach abge- schaft mit Verachtung. Einige wendeten
lehnt. Dann erhalten sie eine zweite Ein- gegen die Boten Gewalt an, daher wur-
ladung, daß das Fest bereit sei. Einige den die meisten Apostel zu Märtyrern.
lehnten verächtlich ab, weil sie zu sehr Der König, der nun gerechterweise
mit ihren Höfen und Geschäften beschäf- zornig auf Israel ist, sandte nun »seine
tigt waren. Andere wurden sogar ge- Truppen«, d. h. Titus und seine römi-
walttätig, denn sie »mißhandelten und schen Legionen, um im Jahre 70 n. Chr.
töteten die Knechte«. Jerusalem zu zerstören und einen Groß-
22,7-10 Der König wurde so zornig, teil des Volkes umzubringen. Sie waren
daß er »jene Mörder« umbrachte und gewissermaßen »seine Truppen«, weil er
ihre Stadt verbrannte. Er zerriß die erste sie als seine Werkzeuge zur Bestrafung
Gästeliste und äußerte nun eine allge- Israels benutzte. Sie waren seine ernann-

124
Matthäus 22

ten Truppen, auch wenn sie ihn nicht I. Pflichten gegenüber dem Kaiser
persönlich kannten. und gegenüber Gott (22,15-22)
Nun ist Israel als Volk an die Seite Das Kapitel 22 behandelt Fragen, mit
gesetzt, und das Evangelium wird allen denen drei verschiedene Abordnungen
Heiden gepredigt, den schlechten und der Juden versuchen, dem Herrn Jesus
guten, d. h. ganz gleich, wie anständig eine Falle zu stellen.
oder weniger anständig sie leben (Apg 22,15.16 Diesmal haben wir einen
13,45.46; 28,28). Aber die Echtheit des Versuch der Pharisäer und Herodianer
Glaubens eines jeden wird geprüft wer- vor uns. Diese beiden Parteien waren
den. Der Mann ohne Hochzeitskleid ist zeitweilig erbitterte Feinde, die jedoch
einer, der zwar bekennt, für das Reich durch ihren gemeinsamen Haß auf den
Gottes bereit zu sein, aber der nie mit der Retter zu Freunden wurden. Ihr Ziel war
Gerechtigkeit Gottes durch den Herrn es, Christus zu einer gefährlichen politi-
Jesus Christus bekleidet worden ist (2. schen Aussage zu verleiten. Sie benutz-
Kor 5,21). Und es gab (und gibt) keine ten dazu eine Streitfrage unter den
Ausrede für den Mann ohne Hochzeits- Juden, nämlich, wie man sich dem Kaiser
kleid. Ryrie merkt hier an, daß es damals gegenüber zu verhalten habe. Einige
Sitte war, den Gästen ein Hochzeitskleid Juden weigerten sich, sich einem heidni-
zu stellen, wenn sie selbst keines hatten. schen Herrscher zu unterwerfen. Ande-
Der Mann hatte diese Sitte ganz offen- re, wie die Herodianer, waren in dieser
sichtlich nicht in Anspruch genommen. Beziehung etwas toleranter.
Ohne Christus ist er sprachlos, als nach 22,17 Erst schmeichelten sie ihm
seinem Recht gefragt wird, in das Reich wegen seines reinen Charakters, seiner
zu kommen (Röm 3,19). Sein Schicksal ist Ehrlichkeit und seinem Mut. Und dann
die äußere Finsternis, wo Weinen und stellten sie die schwierige Frage: »Ist es
Zähneknirschen sein wird. Das Weinen erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben,
deutet das Leiden der Hölle an. Einige oder nicht?« Wenn Jesus mit »Nein« ant-
meinen, daß das Zähneklappern den worten sollte, dann würde er sich nicht
fortgesetzten Haß auf Gott und die nur gegen die Herodianer stellen, son-
Rebellion gegen ihn bedeutet. Wenn dem dern würde der Rebellion gegen die
so ist, dann wäre hiermit bewiesen, daß römische Regierung angeklagt. Die Pha-
die Vorstellung falsch ist, die Feuer der risäer hätten ihn weggestoßen und ihn
Hölle könnten irgendeine reinigende angeklagt. Würde er »Ja« sagen, dann
Wirkung haben. würde er gegen den eingefleischten
Vers 14 bezieht sich auf das ganze Nationalismus der Juden sprechen. Er
Gleichnis und nicht nur auf den Vorfall würde beim einfachen Volk sehr viel
mit dem Mann ohne Hochzeitskleid. Sympathie verlieren – eine Sympathie,
»Viele sind Berufene«, d. h. die Botschaft die es bisher noch verhinderte, daß die
des Evangeliums erreicht viele Men- Führer ihn beseitigten.
schen. »Wenige aber sind Auserwählte.« 22,18.19 Jesus bezeichnete sie offen
Einige lehnen die Einladung ab, und als Heuchler, die nur versuchen, ihn zu
sogar bei denen, die sie annehmen, sind fangen. Dann bat er sie, ihm einen Denar
einige, die fälschlich bekennen. Alle, die zu geben, das Geldstück, mit dem man
auf das Evangelium wirklich hören, sind die Steuern an die Römer zu zahlen
erwählt. Man kann nur dann etwas über pflegte. Jedesmal, wenn die Juden das
seine Erwählung wissen, wenn man Bild und den Titel des Kaisers auf der
sagen kann, was man mit dem Herrn Münze sahen, wurden sie unangenehm
Jesus angefangen hat. Wie Jennings es daran erinnert, daß sie unter heidnischer
ausgedrückt hat: Alle sind aufgerufen, das Herrschaft und Besteuerung standen.
Festmahl zu feiern, aber nicht alle wollen Der Denar hätte sie daran erinnern sol-
dem Geber hinsichtlich eines passenden len, daß ihre Unfreiheit eine Folge ihrer
Hochzeitskleides vertrauen. Sünde war. Wären sie Jahwe treu ge-

125
Matthäus 22

blieben, dann hätte sich die Frage des Ein paar von ihnen kamen mit einer
Steuerzahlens an den Kaiser nie erhoben. Geschichte zu Jesus, die erfunden wor-
22,20.21 Jesus fragte sie nun: »Wessen den war, um die Idee der Auferstehung
Bild und Aufschrift ist das?« Sie waren lächerlich zu machen. Sie erinnerten ihn
gezwungen zu antworten: »Des Kai- an das Gesetz der Schwagerehe (5. Mose
sers.« Da sagte ihnen der Herr: »Gebt 25,5). Wenn ein Israelit ohne Kinder
denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, starb, so mußte sein Bruder nach dem
und Gott, was Gottes ist.« Gesetz die Witwe heiraten, um den Fami-
Die Frage war wie ein Bumerang auf liennamen in Israel und das Erbe in der
sie selbst zurückgefallen. Sie hatten ge- Familie zu erhalten.
hofft, Jesus durch die Steuerfrage fangen 22,25-28 In ihrer Frage ging es um
zu können. Er aber stellte bloß, daß sie eine Frau, die ihren Ehemann verlor und
Gott nicht das gaben, was ihm zusteht. So dann einen seiner Brüder heiratete. Der
ärgerlich das war, sie zahlten dem Kaiser, zweite Bruder starb, deshalb heiratete sie
was ihm gebührte, aber sie hatten die den dritten – und so weiter bis zum sieb-
Ansprüche Gottes an ihr Leben verges- ten Bruder. Schließlich »starb auch die
sen. Und hier stand nun der Eine vor Frau«. Nun kam die Frage, die gestellt
ihnen, der die »Ausstrahlung seiner wurde, um den zu demütigen, der die
Herrlichkeit und Abdruck des Wesens Auferstehung ist (Joh 11,25): »Wessen
Gottes« ist (Hebr 1,3) und sie verweiger- Frau von den sieben wird sie nun in der
ten ihm seine rechtmäßige Stellung. Auferstehung sein? Denn alle hatten sie.«
Die Antwort Jesu zeigt, daß der Gläu- 22,29 Im Grunde argumentierten sie,
bige eine Doppelbürgerschaft hat. Er ist die Idee der Auferstehung werfe unlös-
verantwortlich, der menschlichen Regie- bare Probleme auf, weshalb sie nicht ver-
rung zu gehorchen und sie finanziell zu nünftig und folglich auch nicht wahr sei.
unterstützen. Es ist nicht seine Aufgabe, Jesus antwortete, daß die Schwierigkeit
abfällig von seinen Obersten zu reden nicht bei der Lehre, sondern bei ihnen
oder sogar die Regierung zu stürzen. Er selbst lag, denn sie kannten weder die
soll für die Machthaber beten. Als Bürger Schriften noch die Kraft Gottes.
des Himmels ist er verantwortlich, Gott Erstens kannten sie die Schriften
zu gehorchen. Wenn es jemals einen nicht. Nirgendwo sagt die Bibel etwas
Widerspruch zwischen beiden gibt, dann darüber, daß die eheliche Beziehung im
muß er zuerst Gott gehorchen (Apg 5,29). Himmel fortgeführt wird. Zwar werden
Wenn wir Vers 21 zitieren, dann beto- Männer noch Männer und Frauen noch
nen viele von uns den Teil über den Kai- Frauen sein, aber sie werden in der Bezie-
ser und übergehen leichtsinnig den Teil hung wie die Engel sein, indem sie
über Gott – das ist genau der Fehler, wes- weder heiraten noch verheiratet werden.
wegen Jesus die Pharisäer tadelte. Zweitens kannten sie die »Kraft Got-
22,22 Als die Pharisäer seine Antwort tes« nicht. Wenn er in der Lage war, Men-
gehört hatten, wußten sie, daß sie gegen schen aus Staub zu machen, konnte er
Jesus nicht bestehen konnten. Alles, was dann nicht ebenso den Staub derer wie-
sie noch tun konnten, war verwundert der zusammenholen und ihn wieder zu
wegzugehen. herrlichen Leibern machen?
22,30-32 Dann argumentiert der Herr
J. Die Sadduzäer und ihre Frage zur Jesus von der Schrift her, um zu zeigen,
Auferstehung (22,23-33) daß die Auferstehung absolut notwendig
22,23.24 Wie schon weiter oben bemerkt, ist. In 2. Mose 3,6 spricht Gott von sich als
waren die Sadduzäer die liberalen Theo- dem »Gott Abrahams, Isaaks und
logen ihrer Zeit, die die Auferstehung des Jakobs«. Doch ist, wie Jesus nun heraus-
Leibes, die Existenz der Engel und Wun- stellte, Gott »nicht ein Gott der Toten,
der ablehnten. Sie leugneten mehr, als sondern der Lebenden«. Gott machte
was sie tatsächlich glaubten. einen Bund mit diesen Männern, aber sie

126
Matthäus 22

starben, ehe dieser Bund wirklich erfüllt weitergeben würden. Und dann sollten
war. Wie kann Gott von sich als dem Gott wir danach handeln. Solches Verhalten
sprechen, der der Gott von drei Männern liegt uns nicht, es ist übernatürlich. Nur
ist, deren Leiber im Grab liegen? Wie diejenigen, die von neuem geboren sind,
kann der, der immer seine Verheißungen können so leben, und das auch nur, weil
erfüllt, sie denen erfüllen, die schon sie Christus gestatten, es durch sie zu tun.
gestorben sind? Es gibt nur eine einzige
Antwort: durch Auferstehung. L. Davids Sohn ist Davids Herr
22,33 Kein Wunder, daß die Volks- (22,41-46)
mengen über seine Lehre erstaunt waren; 22,41.42 Während die Pharisäer Jesus
wir sind es auch! noch wegen seiner Antwort an den Ge-
setzeslehrer anstaunten, stellte er ihnen
K. Das größte Gebot (22,34-40) nun eine provokative Frage: »Was haltet
22,34-36 »Als die Pharisäer hörten«, daß ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist
Jesus seine Feinde, die Sadduzäer »zum er?«
Schweigen gebracht hatte«, kamen sie, Die meisten Pharisäer glaubten nicht,
um ihn nun selbst zu fragen. Ihr Spre- daß Jesus der Christus war, sie warteten
cher, ein Gesetzesgelehrter, bat Jesus, das noch immer auf ihren Messias. Deshalb
größte Gebot des Gesetzes zu nennen. fragt Jesus sie nicht »Was haltet ihr von
22,37.38 In meisterhafter Weise faßte mir?« (obwohl das in seiner Frage ent-
der Herr Jesus die Verpflichtung des halten war). Er fragte allgemeiner, wes-
Menschen gegenüber Gott in dem größ- sen Sohn der Messias sein würde, wenn
ten und ersten Gebot zusammen: »Du er erscheinen würde.
sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit Sie antworteten ganz richtig, daß der
deinem ganzen Herzen und mit deiner Messias ein Nachfahre Davids sein
ganzen Seele und mit deinem ganzen würde.
Verstand.« Im Bericht des Markus steht 22,43.44 Dann zitierte der Herr Jesus
zusätzlich noch der Ausdruck »und aus Psalm 110,1, wo David sagt: »Der Herr
deiner ganzen Kraft«. Das bedeutet, daß sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu
es die erste Verpflichtung des Menschen meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege
ist, Gott mit der Gesamtheit seines We- unter deine Füße.« Die erste Verwen-
sens zu lieben. Wie schon gesagt wurde: dung des Wortes »Herr« bezieht sich auf
Das Herz spricht von der Gefühlswelt, Gott den Vater, die zweite auf den Mes-
die Seele vom Willen, der Geist von der sias. So sprach David vom Messias als
Gedankenwelt und die Kraft vom Kör- seinem Herrn.
per. 22,45 Nun stellte Jesus die Frage:
22,39.40 Dann fügte Jesus die zweite »Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist
Verpflichtung des Menschen hinzu, näm- er sein Sohn?« Die Antwort lautet, daß
lich seinen Nächsten zu lieben wie sich der Messias sowohl der Herr Davids als
selbst. Barnes sagt: »Liebe zu Gott und auch der Sohn Davids ist – sowohl Gott
den Menschen ist der ganze Inhalt der als auch Mensch. Als Gott ist er Davids
Religion: Das zu erreichen war das Ziel Herr, als Mensch ist er Davids Sohn.
von Mose, den Propheten, dem Retter Wären die Pharisäer nur belehrbar
und den Aposteln.« Wir sollten diese gewesen, hätten sie erkannt, daß Jesus
Worte öfter bedenken: »Du sollst deinen der Messias war – der Sohn Davids
Nächsten lieben wie dich selbst.« Wir durch die Erblinie Marias, und Gottes
sollten nachdenken, wieviel wir tun, um Sohn, wie er sich durch seine Worte, Wer-
uns selbst zu lieben, wie viele unserer ke und Taten auszeichnete.
Handlungen sich um die Bequemlichkeit 22,46 Aber sie weigerten sich zu
von uns selbst drehen. Dann sollten wir sehen. Sie waren völlig erstaunt über sei-
versuchen uns vorzustellen, wie es wäre, ne Weisheit, deshalb gaben sie es auf, ihn
wenn wir diese Liebe unseren Nächsten weiter mit Fragen in Verlegenheit zu

127
Matthäus 22 und 23

bringen. Jetzt würden sie eine andere derung von den Nationen halten sollten.
Methode anwenden – Gewalt. Die Pharisäer übersahen die geistliche
Lehre und waren zufrieden damit, die
M. Wenn Worte und Taten nicht Quasten besonders groß und auffällig zu
übereinstimmen – eine Warnung machen.
(23,1-12) 23,6.7 Sie zeigten ihre Selbstsucht,
23,1-4 In den ersten Versen des Kapitels indem sie bei den Gastmählern und in
warnt der Retter die Menge und die Jün- den Synagogen nach den Ehrenplätzen
ger vor den Schriftgelehrten und Pha- strebten. Sie nährten ihr Ego durch
risäern. Diese Führer saßen »auf Moses Begrüßungen auf den Märkten und
Lehrstuhl«, d. h. sie lehrten das Gesetz genossen es besonders, wenn die Men-
des Mose. Im allgemeinen war auf ihre schen sie »Rabbi« nannten (das heißt
Lehre Verlaß, aber auf ihr Verhalten war »mein Großer« oder »Lehrer«).
kein Verlaß. Ihre Auffassungen waren 23,8-10 Hier warnte der Herr seine
besser als ihr Verhalten. Sie redeten groß Jünger davor, besondere Titel zu verwen-
daher, aber ihr Wandel war nichts wert. den, die nur Gott vorbehalten sind. Wir
Jesus sagte »Alles nun, was sie euch sollten nicht jemandem den besonderen
sagen, tut und haltet; aber handelt nicht Titel Rabbi geben, denn wir haben einen
nach ihren Werken, denn sie sagen es Lehrer, nämlich Jesus. Wir sollten nieman-
und tun es nicht.« den »Vater nennen, denn Gott ist unser
Sie stellten hohe Ansprüche (die oft Vater«. Weston schreibt dazu sehr weise:
nur extreme Auslegungen des Buchsta- Wir haben hier eine Erklärung über die
bens des Gesetzes waren) an das Volk, grundlegenden Beziehungen des Menschen
aber sie wollten keinem helfen, diese zu Gott. Dreierlei machen einen Christen aus
unerträgliche Last zu tragen. – was er ist, was er glaubt und was er tut, das
23,5 Sie hielten sich an religiöse Vor- heißt, Lehre, Erfahrung und Praxis. Der
schriften, um von Menschen gesehen zu Mensch braucht zu seinem geistlichen Wohl-
werden, nicht aus innerem Antrieb. Ihr ergehen dreierlei: Leben, Unterweisung und
Gebrauch von Gebetsriemen war ein Bei- Führung, eben das, was der Herr in den neun
spiel dafür. Der Herr hatte gesagt, daß Worten des Evangeliums verkündigt: »Ich
Israel sein Wort als ein Zeichen an ihrer bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« . . .
Hand und an ihrer Stirn zwischen den Man soll keinen Menschen als Vater anerken-
Augen tragen sollten (2. Mose 13,9; 5. nen, denn kein Mensch kann geistliches
Mose 6,8; 11,18). Doch Gott meinte Leben schenken oder erhalten. Kein Mensch
damit, daß sie das Gesetz ständig vor soll als unfehlbarer Lehrer anerkannt werden,
Augen haben sollten, damit es sie in niemandem soll erlaubt werden, das Amt
ihrem Leben leiten konnte. Die Pharisäer eines geistlichen Leiters zu übernehmen,
reduzierten nun dieses geistliche Gebot denn deine Beziehung zu Gott und zu Chri-
42)
auf den wörtlichen, äußerlichen Sinn. Sie stus ist so eng wie die jeder anderen Person.
taten kleine Streifen mit Schriftabschnit- Die offensichtliche Bedeutung der
ten in Lederkapseln und banden sie an Worte des Retters ist, daß im Reich der
ihre Stirn oder an ihren Arm. Sie sorgten Himmel alle Gläubigen eine Bruder-
sich nicht darum, das Gesetz zu halten, schaft von Gleichgestellten bilden, in der
solange sie supergeistlich erschienen, kein Platz für Titel ist, die den einen über
indem sie lächerlich große Gebetsriemen den anderen stellen. Doch denken wir an
trugen. Das Gesetz befahl den Juden die teilweise pompösen Titel, die wir in
auch, Quasten mit blauen Bändern an unserer heutigen Christenheit kennen:
den Zipfeln ihrer Gewänder zu tragen (4. Herr Pastor, Herr Pfarrer, heiliger Vater,
Mose 15,37-41; 5. Mose 22,12). Dieser Hochwürden und viele, viele andere.
besondere Schmuck war dazu gedacht, Sogar der scheinbar harmlose lateinische
sie daran zu erinnern, daß sie ein abge- Titel »Doktor« bedeutet »Lehrer«. (Diese
sondertes Volk waren und sich in Abson- Warnung bezieht sich natürlich auf geist-

128
Matthäus 23

liche und nicht auf natürliche oder akade- manchmal unkritische Gläubige, dazu
mische Bezeichnungen. Zum Beispiel bringen, ihr Eigentum »der Kirche« zu
wird hier nicht verboten, daß ein Kind überschreiben. Solche frommen Heuch-
seinen Vater »Vater« nennt, ebenso nicht, ler werden ein »schwereres Gericht emp-
daß ein Arzt vom Patienten mit »Herr fangen«.
Doktor« angeredet wird.) So weit es um 23,15 Die dritte Anklage richtet sich
irdische Beziehungen geht, gilt die Regel gegen ihren fehlgeleiteten Eifer. Sie
»Furcht, dem die Furcht, die Ehre, dem machten unglaubliche Reisen, um einen
die Ehre gebührt« (Röm 13,7). einzigen Proselyten zu gewinnen, aber
23,11.12 Und wieder wird der revolu- nachdem sie ihn gewonnen hatten,
tionäre Charakter des Reiches der Him- machten sie ihn doppelt so schlimm wie
mel dadurch deutlich, daß wahre Größe sich selbst. Damit vergleichbar ist heute
das genaue Gegenteil von dem ist, was der Eifer falscher Religionen. Eine Grup-
die Menschen erwarten. Jesus sagt: »Der pe ist bereit, an 700 Türen zu klopfen, um
Größte aber unter euch soll euer Diener nur einen für ihr Anliegen zu gewinnen,
sein. Wer sich aber selbst erhöhen wird, aber das letztliche Ergebnis ist schlimm.
wird erniedrigt werden; und wer sich Wie jemand einmal sagte: »Die Bekehrte-
selbst erniedrigen wird, wird erhöht wer- sten sind oft die Verdrehtesten.«
den.« Wahre Größe beugt sich zum 23,16-22 Als viertes prangerte der
Dienst. Die Pharisäer, die sich selbst Herr ihre Spitzfindigkeit an, ihre oftmals
erhöhen, werden erniedrigt werden. absichtlich unehrlichen Argumente. Sie
Echte Jünger, die sich demütigen, wer- hatten ein falsches Argumentationssy-
den zu ihrer Zeit erhöht werden. stem aufgebaut, um die Erfüllung von
Gelübden zu umgehen. Zum Beispiel
N. Wehrufe gegen die Schriftgelehrten lehrten sie, daß jemand, der beim Tempel
und Pharisäer (23,13-36) schwört, seine Schuld nicht zahlen muß,
Als nächstes spricht der Herr Jesus acht wenn aber jemand beim Gold des Tem-
Wehrufe über die stolzen religiösen pels schwört, dann müsse er das Gelüb-
Heuchler seiner Zeit aus. Es sind keine de erfüllen. Sie sagten, daß ein Schwur
»Verfluchungen«, sondern Ausdruck der bei der Gabe auf dem Altar gelte, aber
Sorge über ihr Schicksal, etwa wie der nicht, wenn beim leeren Altar geschwo-
Ausdruck: »Ach, ich bin bekümmert um ren wurde. So war ihnen Gold mehr wert
Dich«. als Gott (der Tempel war das Haus Got-
23,13 Das erste »Wehe« richtet sich tes) und die Gabe auf dem Altar (wieder
gegen ihre Hartherzigkeit und ihr Hin- eine Form des Reichtums) mehr als der
dern anderer Menschen. Sie wollten Altar selbst. Sie waren mehr am Materi-
selbst nicht in das Reich und hinderten ellen als am Geistlichen interessiert. Sie
andere mit Gewalt, hineinzugehen. Be- waren mehr daran interessiert, etwas zu
fremdenderweise sind religiöse Führer erhalten (die Gabe) als selbst zu geben
oft die aktivsten Gegner des Evangeliums (der Altar war der Ort für die Gaben).
der Gnade. Sie können gegenüber allem Indem Jesus sie als »blinde Führer«
außer der guten Nachricht von der Erlö- bezeichnet, stellt er ihren Trugschluß
sung die größte Toleranz üben. Der na- bloß. Das Gold des Tempels hatte nur
türliche Mensch will nicht das Objekt der einen besonderen Wert, weil es mit Got-
Gnade Gottes sein und will auch nicht, tes Wohnung verbunden war. Außerdem
daß Gott anderen seine Gnade erzeigt. gab der Altar der Gabe seinen Wert.
43)
23,14 Das zweite »Wehe« zielt auf Menschen, die denken, daß Gold an sich
die Aneignung von Häusern von Wit- einen Wert besäße, sind blind. Es erhält
wen. Sie versuchen, diese Taten durch seinen Wert nur, wenn es zur Ehre Gottes
lange Gebete zu vertuschen. Einige mo- verwendet wird. Gaben, die aus fleischli-
derne Religionen benutzen ähnliche chen Motiven heraus gegeben werden,
Techniken, indem sie ältere Witwen, sind wertlos. Was aber dem Herrn oder

129
Matthäus 23

im Namen des Herrn gegeben wird, hat durch Buße und Glauben gereinigt
ewigen Wert. waren. Dann, und nur dann, wäre ihr
Es war eine Tatsache, daß, wobei äußerliches Verhalten annehmbar. Es gibt
immer die Pharisäer schwören mochten, einen Unterschied zwischen mir als
Gott im Spiel war und sie verpflichtet Mensch und als Persönlichkeit. Wir sind
waren, ihren Eid zu halten. Der Mensch zu oft dazu geneigt, die Persönlichkeit
kann seinen Verpflichtungen nicht durch mehr zu betonen – das, was andere von
geschicktes Argumentieren ausweichen. uns glauben sollen. Aber Gott betont
Schwüre sind bindend und Versprechen unser Wesen als Mensch – das, was wir
müssen gehalten werden. Es ist nutzlos, wirklich sind. Er will, daß der Mensch
sich auf irgendwelche Details zu berufen, von innen heraus ehrlich ist (Ps 51,6).
um Verpflichtungen auszuweichen. 23,27.28 Das siebte »Wehe« wendet
23,23.24 Das fünfte »Wehe« richtet sich ebenfalls gegen Äußerlichkeiten.
sich gegen die Beachtung von Ritualen Der Unterschied zum sechsten »Wehe«
ohne geistliche Substanz. Die Schriftge- ist, daß es dort um die Verheimlichung
lehrten und Pharisäer waren äußerst der Habsucht geht, während es im sieb-
genau, wenn es darum ging, auch von ten um die Verheimlichung von Heuche-
den unbedeutendsten Küchenkräutern lei und Gesetzlosigkeit geht.
den Zehnten zu geben. Jesus fand es Gräber waren damals weiß getüncht,
nicht verurteilungswürdig, auch in die- so daß Juden sie nicht unabsichtlich
sen kleinen Dingen gehorsam zu sein, berührten und sich damit unrein mach-
aber er griff sie deshalb an, weil sie so ten. Jesus verglich die Schriftgelehrten
außerordentlich skrupellos wurden, und Pharisäer mit solchen »übertünch-
wenn es darum ging, anderen gegenüber ten Gräbern«, die von außen sehr sauber
Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Zu- aussahen, aber voll von Verfall waren.
verlässigkeit zu zeigen. Er verwendete Die Menschen meinten, daß Kontakt mit
ein unübertroffenes ausdrucksstarkes diesen religiösen Führern heiligen wür-
Sprachbild, indem er sie beschrieb, wie de, aber in Wirklichkeit war das eine
sie zwar Mücken aussieben, aber Kamele verunreinigende Erfahrung, weil sie vol-
verschlucken. Die Mücke, ein kleines ler Heuchelei und Gesetzlosigkeit waren.
Insekt, das manchmal in einen Becher 23,29.30 Das letzte »Wehe« könnte
süßen Weins fiel, wurde oft ausgesiebt, man mit »außen Verehrung, innen Mord-
indem man den Wein beim Trinken gedanken« beschreiben. Die Schriftge-
durch die Zähne zog. Wie lächerlich, sol- lehrten und Pharisäer gaben vor, die Pro-
chen Nebensächlichkeiten eine derartige pheten des Alten Testamentes zu ehren,
Aufmerksamkeit zu schenken, und dann indem sie ihnen Grabmäler bauten
das größte in Israel bekannte unreine und/oder diese instand hielten und sie
Tier zu verschlucken! Die Pharisäer wa- dann mit Kränzen schmückten. In Ge-
ren unaufhörlich mit Kleinigkeiten be- denkreden sagten sie, sie würden nie
schäftigt, aber sie waren äußerst blind daran teilgenommen haben, als ihre Vor-
gegenüber wirklich schlimmen Sünden fahren die Propheten umbrachten.
wie Heuchelei, Unehrlichkeit, Grausam- 23,31 Jesus sagte ihnen: »So gebt ihr
keit und Habsucht. Sie hatten ihr Gefühl euch selbst Zeugnis, daß ihr Söhne derer
für Proportionen verloren. seid, welche die Propheten ermordet
23,25.26 Das sechste »Wehe« betrifft haben.« Aber wie bezeugten sie das? Es
die Äußerlichkeit. Die Pharisäer, die sorg- scheint aus dem vorhergehenden Vers
fältig darauf achteten, daß ein äußerer hervorzugehen, daß sie sich von ihren
Schein der Religiosität und Sitte gewahrt Vorfahren lossagen wollten, die die Pro-
blieb, hatten Herzen, die voll Raub und pheten getötet haben. Erstens gaben sie
44)
Unenthaltsamkeit sind. Sie sollten zu, daß ihre Väter, von denen sie leibliche
»zuerst das Inwendige des Bechers« rei- Söhne waren, das Blut der Propheten
nigen, d. h. sichergehen, daß ihre Herzen vergossen hatten. Aber Jesus benutzte

130
Matthäus 23

das Wort so, daß es diejenigen meint, religiösen Führer Israels die angesammel-
deren Charakter genauso ist. Er wußte, te Schuld der Geschichte des Märtyrer-
auch wenn sie die Gräber der Propheten tums auf sich laden. Auf sie würde »alles
schmückten, planten sie bereits seinen gerechte Blut, das auf der Erde vergossen
Tod. Zweitens sagten sie, indem sie den wurde, von dem Blut Abels, des Gerech-
toten Propheten solche Ehre erwiesen: ten, bis zu dem Blut Zacharias« kommen,
»Die einzigen guten Propheten sind tote dessen gewaltsamer Tod in 2. Chronika
Propheten.« In diesem Sinne waren sie 24,20.21 geschildert wird, dem letzten
also echte Söhne ihrer Vorfahren. Buch des hebräischen AT.
23,32 Dann fügte unser Herr hinzu: 23,36 Die Schuld der gesamten Ver-
»Und ihr, macht nur das Maß eurer Väter gangenheit, sollte über das Geschlecht
voll!« Die Väter hatten sich das Maß des oder die Rasse kommen, von der Chri-
Mordes durch ihren Mord an den Pro- stus sprach, als ob alles vorhergehende
pheten gefüllt. Die Schriftgelehrten und Vergießen unschuldigen Blutes irgend-
Pharisäer füllten es bis zum Rand, indem wie im Tod des sündlosen Retters zusam-
sie den Herrn Jesus und seine Nachfolger mengefaßt und zu seinem Höhepunkt
töteten, und so zu einem schrecklichen geführt würde. Eine schreckliche Strafe
Höhepunkt führten, was ihre Väter würde über das Volk kommen, das sei-
begonnen hatten. nen Messias ohne Grund haßte und ihn
23,33 An diesem Punkt spricht der ans Verbrecherkreuz schlug.
Christus Gottes die donnernden Worte:
»Schlangen! Otternbrut! Wie solltet ihr O. Jesus klagt über Jerusalem
dem Gericht der Hölle entfliehen?« Kann (23,37-39)
die menschgewordene Liebe solche ver- 23,37 Es ist von großer Bedeutung, daß
nichtenden Worte äußern? Ja, weil wahre das Kapitel, das sich mehr als jedes ande-
Liebe auch gerecht und heilig sein muß. re mit den Wehrufen des Herrn Jesus
Das populäre Bild von Jesus als harmlo- beschäftigt, mit seinen Tränen endet!
ser Reformer, der keines Gefühls als der Nach seiner bitteren Anklage gegen die
Liebe fähig ist, ist unbiblisch. Liebe kann Pharisäer klagt er über die Stadt, die ihre
hart, aber sie muß immer gerecht sein. Chance vertan hat. Die Wiederholung
Es ist eine wichtige Tatsache, der wir des Namens »Jerusalem, Jerusalem« ist
uns erinnern sollten, daß diese verurtei- sehr gefühlsgeladen. Jerusalem hat seine
lenden Worte religiösen Führern gelten Propheten getötet und Gottes Botschaf-
und nicht etwa Trunkenbolden oder Her- ter gesteinigt, und doch liebte der Herr
untergekommenen. In einem Zeitalter die Stadt und hatte oft beschützend und
der Ökumene, in dem einige evangelika- liebevoll ihre Kinder zu sich versammelt
le Christen sich mit den erklärten Fein- – »wie eine Henne ihre Küken versam-
den des Kreuzes Christi zusammentun, melt« – aber sie wollte nicht.
ist es gut, das Beispiel Jesu zu bedenken 23,38 Der Herr Jesus beendet seine
und sich der Worte Jehus an Josaphat zu Klage mit den Worten: »Siehe, euer Haus
erinnern: »Sollst du so dem Gottlosen wird euch öde gelassen.« Zunächst ist
helfen und die lieben, die den Herrn has- mit dem Haus der Tempel gemeint, aber
sen?« (2. Chron 19,2). auch die Stadt Jerusalem und die Nation
23,34.35 Jesus sah nicht nur seinen selbst könnten darin einbezogen sein. Es
eigenen Tod voraus, er sagte den Schrift- würde eine Zeitphase zwischen seinem
gelehrten und Pharisäern auch offen, daß Tod und seinem zweiten Kommen ge-
sie einige seiner Boten, die er senden wür- ben, in welcher das ungläubige Israel ihn
de, ermorden würden – Propheten und nicht sehen würde (nach seiner Aufer-
Weise und Schriftgelehrte. Einige, die stehung ist der Herr nur noch von Gläu-
dem Märtyrertod entgingen, würden in bigen gesehen worden).
den Synagogen geschlagen und von Stadt 23,39 Dieser Vers weist auf die Wie-
zu Stadt verfolgt werden. So würden die derkunft Christi voraus, wenn ein klei-

131
Matthäus 23 und 24

ner gläubiger Teil Israels ihn als ihren daran, wie bei Hesekiels Schilderung die
Messias-König annehmen wird. Diese Herrlichkeit den Tempel verläßt (Hes 9,3;
Annahme zeigt sich durch die Worte: 10,4; 11,23).
»Gepriesen sei, der da kommt im Namen Die Jünger wollten, daß der Herr mit
des Herrn!« ihnen die architektonische Schönheit des
Es wird hiermit jedoch keinesfalls Tempels bewundere. Sie beschäftigten
angedeutet, daß diejenigen, die Christus sich mit dem Vergänglichen statt mit dem
umgebracht haben, eine zweite Chance Ewigen, mit Schatten statt mit dem Ei-
bekommen. Er sprach hier von Jerusalem gentlichen. Jesus sagte voraus, daß dieses
und damit bildlich von ihren Einwohnern Gebäude so gründlich zerstört werden
und von Israel im allgemeinen. Der näch- würde, daß »nicht ein Stein auf dem ande-
ste Zeitpunkt, an dem die Einwohner ren gelassen« werden würde. Titus ver-
Jerusalem Jesus sehen werden ist die Zeit, suchte vergeblich, den Tempel zu retten,
wenn sie auf ihn schauen, den sie durch- doch seine Soldaten hatten schon eine
bohrt haben und um ihn trauern werden Fackel hineingeworfen und vollführten so
wie um den einzigen Sohn (Sach 12,10). die Prophezeiung Jesu. Als das Feuer die
Nach jüdischer Ansicht ist keine Trauer so Goldverzierungen schmolz, lief das Gold
tief wie die um den einzigen Sohn. zwischen den Steinen entlang. Um dieses
Gold zu erhalten, mußten die Soldaten
XIII. Die Königsrede auf dem Ölberg jeden Stein wegnehmen, wie es unser
(Kap. 24 und 25) Herr vorausgesagt hatte. Dieses Gericht
Die Kapitel 24 und 25 bilden eine Rede, erfüllte sich im Jahr 70 n. Chr., als die
die als Ölbergrede bekannt ist. Sie wurde Römer unter Titus Jerusalem eroberten.
so genannt, weil diese wichtigen Aussa-
gen auf dem Ölberg gemacht wurden. B. Die erste Hälfte der Drangsalszeit
Die Rede ist vollständig prophetisch und (24,3-14)
zeigt uns die Drangsalszeit und die Wie- 24,3 Nachdem Jesus zum Ölberg hin-
derkunft Christi. Sie betrifft in erster übergegangen war, »traten seine Jünger
Linie Israel, aber nicht ausschließlich. Ihr für sich allein zu ihm« und stellten ihm
Ort ist offensichtlich das Land Palästina – drei Fragen:
beispielsweise »dann sollen die in Judäa 1. »Wann wird das sein«, d. h. wann soll
auf die Berge fliehen« (24,16). Sie ist im der Tempel zerstört werden?
jüdischen Umfeld angesiedelt – z. B. 2. »Was ist das Zeichen seiner Wieder-
»Betet aber, daß eure Flucht nicht . . . kunft«, d. h. welche übernatürlichen
geschehe . . . am Sabbat« (24,20). Der Ereignisse würden seiner Wieder-
Hinweis auf die »Auserwählten« (24,22) kunft auf die Erde und der Errich-
bezieht sich auf die jüdischen Auserwähl- tung des Reiches vorausgehen?
ten Gottes, nicht auf die Gemeinde. Die 3. Was ist das Zeichen für die »Vollen-
Gemeinde wird weder in den Prophezei- dung des Zeitalters?«, d. h. was wür-
ungen noch in den Gleichnissen der Rede de das Ende der Welt kurz vor seiner
erwähnt, wie wir zu zeigen versuchen Herrschaft in Herrlichkeit anzeigen?
werden. (Die zweite und die dritte Frage sind
im wesentlichen gleich).
A. Jesus sagt die Zerstörung des Wir müssen uns erinnern, daß das
Tempels voraus (24,1.2) Denken dieser jüdischen Jünger sich mit
24,1.2 Die Rede wird durch die wichtige dem herrlichen Zeitalter des Messias auf
Aussage eingeleitet, daß Jesus hinaustrat Erden beschäftigte. Sie dachten nicht an
und vom Tempel wegging. Dieser Auf- das Kommen Christi für die Gemeinde,
bruch ist in Anbetracht der Worte, die er denn sie wußten wenig, wenn überhaupt
gerade geäußert hatte, besonders be- etwas, über diesen Abschnitt seiner Wie-
deutsam: »Siehe, euer Haus wird euch derkunft. Sie erwarteten sein Kommen in
öde gelassen« (23,38). Sie erinnert uns Macht und Herrlichkeit, wenn er seine

132
Matthäus 24

Feinde vernichten und über die Welt rer werden Juden sein, die behaupten,
herrschen würde. »der Christus« zu sein.
Außerdem sollten wir uns klarma- 24,6.7 Es wird Kriege und Kriegs-
chen, daß sie nicht nach dem Ende der gerüchte geben. »Denn es wird sich Nati-
Welt fragten (wie die Lutherbibel on gegen Nation erheben und Königreich
schreibt), sondern nach dem Ende des gegen Königreich.« Man könnte leicht
»Zeitalters« (gr. aion). meinen, daß wir die Erfüllung dieser Pro-
Ihre erste Frage wurde nicht direkt phetie heute erleben, aber was wir heute
beantwortet. Es scheint, daß der Retter sehen, ist mit der Wiederkunft verglichen
hier die Eroberung Jerusalems im Jahr 70 harmlos. Die nächste Station des Planes
n. Chr. (s. Lk 21,20-24) mit einer ähnli- Gottes ist die Entrückung der Gemeinde
chen Eroberung in den letzten Tagen (Joh 14,1-6; 1. Kor 15,51-57). Keine dieser
zusammen sieht. Wenn wir die Prophetie Prophezeiungen wird sich vorher erfül-
studieren, dann sehen wir oft, wie der len. Wenn die Gemeinde weggenommen
Herr scheinbar ohne Übergang von einer ist, dann wird Gottes prophetische Uhr
frühen, teilweisen Erfüllung zur späte- schlagen und diese Bedingungen werden
ren, endgültigen Erfüllung übergeht. sich schnell einstellen. In verschiedenen
Die zweite und die dritte Frage wer- Teilen der Erde wird es »Hungersnöte,
den in den Versen 4-44 von Kapitel 24 Seuchen und Erdbeben« geben. Schon
beantwortet. Die Verse beschreiben die heute sind die Führer der Welt wegen der
sieben Jahre der Drangsalszeit, die Christi Gefahr von Hungersnöten als Folge der
Wiederkunft in Herrlichkeit vorausgehen Bevölkerungsexplosion besorgt. Aber die
wird. Die ersten dreieinhalb Jahre werden Not wird durch die Auswirkungen von
in den Versen 4-14 beschrieben. Die zwei- Kriegen noch größer werden.
ten dreieinhalb Jahre, die auch unter dem »Erdbeben« ziehen immer mehr Auf-
Namen »die große Trübsal« und als »Zeit merksamkeit auf sich, und zwar nicht
der Bedrängnis Jakobs« bekannt sind, nur die, die schon stattgefunden haben,
werden eine Zeit nie dagewesener Leiden sondern auch die, die erwartet werden.
für die Menschen auf Erden werden. Aber wieder ist es nur Spreu im Wind,
Viele der Bedingungen, die die erste nicht jedoch die wirkliche Erfüllung der
Hälfte der Drangsalszeit bestimmen, hat Worte unseres Retters.
es bis zu einem gewissen Maß in der 24,8 Vers 8 bezeichnet diese Zeit sehr
gesamten menschlichen Geschichte ge- genau als den »Anfang der Wehen« – der
geben, jedoch werden sie in der Drang- Beginn der Schmerzen einer Geburt, die
salszeit in vermehrter Weise erscheinen. eine neue Ordnung unter Israels Mes-
Den Gliedern der Gemeinde ist Drangsal sias-König bringen wird.
vorhergesagt (Joh 16,33), aber sie unter- 24,9.10 Treue Gläubige werden wäh-
scheidet sich sehr von der Drangsal, die rend der Drangsal schwer erprobt wer-
über eine Welt kommen wird, die den den. Die Nationen werden bittere Haß-
Sohn Gottes abgelehnt hat. kampagnen gegen alle führen, die dem
Wir glauben, daß die Gemeinde aus Herrn treu sind. Sie werden nicht nur vor
der Welt genommen wird (1. Thess 4,13- zivile und religiöse Gerichte geführt wer-
18), ehe der Tag des Zornes Gottes be- den (Mk 13,9), sondern viele werden den
ginnt (1. Thess 1,10; 5,9; 2. Thess 2,1-12; Märtyrertod sterben, weil sie sich wei-
Offb 3,10). gern zu widerrufen. Es gab zwar solche
24,4.5 In der ersten Hälfte der Erprobungen schon zu allen Zeiten des
Drangsal werden viele falsche Messiasse Christentums, doch bezieht sich diese
auftreten, denen es gelingen wird, die Erwähnung besonders auf die 144 000
Massen zu verführen. Das gegenwärtige jüdischen Gläubigen, die in dieser Zeit
Entstehen von Sekten und Kulten mag eine besondere Mission haben.
ein Vorspiel dazu sein, aber noch keine Viele werden lieber widerrufen, als
Erfüllung. Diese falschen religiösen Füh- leiden und sterben. Familienangehörige

133
Matthäus 24

werden ihre eigenen Verwandten denun- 4,23 schon erklärt haben, ist »das Evange-
zieren und sie in die Hand ihrer Verfol- lium des Reiches« die gute Nachricht, daß
ger überliefern. Christus kommt, um sein Reich auf Erden
24,11 »Viele falsche Propheten« wer- zu errichten, und daß diejenigen, die ihn
den erscheinen und viele Menschen ver- während der Drangsal im Glauben an-
führen. Man darf sie nicht mit den nehmen, die Segnungen seines Tausend-
falschen Messiassen in Vers 5 verwech- jährigen Reiches genießen werden.
seln. Falsche Propheten behaupten, im Vers 14 wird oft mißbraucht, um zu
Namen Gottes zu reden. Sie können auf beweisen, daß Christus nicht jederzeit
zweierlei Weise geprüft werden: Ihre wiederkommen kann, um seine Gemein-
Prophezeiungen treffen nicht immer zu de zu sich zu nehmen, weil so viele Völ-
und ihre Predigt lenkt die Menschen ker und Stämme das Evangelium noch
immer vom wahren Gott weg. Die Er- nicht gehört haben. Die Schwierigkeit
wähnung falscher Propheten bestätigt entfällt, wenn wir erkennen, daß sich
unsere Behauptung, daß die Drangsal dies auf sein Kommen mit seinen Hei-
sich im wesentlichen auf Juden bezieht. ligen und nicht für seine Heiligen be-
Falsche Propheten gehören zu Israel, in zieht. Außerdem bezieht sich der Vers
der Gemeinde dagegen liegt die Gefahr auf das Evangelium des Reiches, nicht auf
bei falschen Lehrern (2. Petr 2,1). das Evangelium von der Gnade Gottes
24,12 »Weil die Gesetzlosigkeit über- (s. Anmerkungen zu Kap. 4,23).
hand nimmt« werden die menschlichen Es gibt eine erstaunliche Parallele
Gefühle verkümmern und Lieblosigkei- zwischen den Vorgängen in den Versen
ten normal werden. 3-14 und denen in Offenbarung 6,1-11.
24,13 »Wer aber ausharrt bis ans Der Reiter auf dem weißen Pferd –
Ende, der wird errettet werden.« Das »falsche Messiasse«. Der Reiter auf dem
bedeutet offensichtlich nicht, daß die roten Pferd – »Kriege«. Der Reiter auf
Seelen der Menschen dieses Zeitalters dem schwarzen Pferd – »Hungersnot«.
durch ihr Ausharren gerettet werden. Der Reiter auf dem fahlen Pferd – »Seu-
Die Rettung ist in der Bibel immer ein chen« oder Tod. Die Seelen unter dem
Geschenk der Gnade Gottes, das im Altar sind die Märtyrer. Die Vorgänge,
Glauben an den stellvertretenden Tod die in Offenbarung 6,12-17 beschrieben
Jesu Christi und seine Auferstehung werden, sind mit denen in Matthäus
erlangt wird. Auch kann es nicht bedeu- 24,19-31 eng verbunden.
ten, daß alle, die ausharren, körperlich
unversehrt bleiben, denn wir haben C. Die große Trübsal (24,15-28)
schon gehört, daß viele Gläubige den 24,15 Hier haben wir die Mitte der Trüb-
Märtyrertod sterben werden (V. 9). Wir salszeit erreicht. Wir sehen dies, wenn
haben hier die allgemeine Aussage, daß wir Vers 15 mit Daniel 9,27 vergleichen.
die, die standhaft bleiben und die Verfol- Daniel sagte voraus, daß in der Mitte der
gung durchstehen ohne abzufallen, bei siebzigsten Woche, das heißt nach drei-
der Wiederkunft Christi befreit werden. einhalb Jahren, ein Götzenbild im Heilig-
Niemand soll auf die Idee kommen, Ab- tum, d. h. im Tempel von Jerusalem, er-
fall sei ein Mittel, um zu entkommen richtet werden wird. Allen Menschen
oder sogar Sicherheit zu erlangen. Nur wird befohlen werden, dieses abscheuli-
diejenigen, die wirklich glauben, werden che Götzenbild zu verehren. Wer sich
errettet werden. Auch wenn der rettende weigert, wird mit dem Tode bestraft wer-
Glaube manchmal schwach wird, so ist den (Offb 13,15).
er doch immer von dauerhafter Qualität. »Wenn ihr nun den Greuel der Ver-
24,14 In der hier beschriebenen Zeit wüstung, von dem durch Daniel, dem
wird »das Evangelium des Reiches« welt- Propheten, geredet ist, an heiliger Stätte
weit verkündigt, »allen Nationen zu einem stehen seht – wer es liest, der merke auf!«
Zeugnis«. Wie wir in den Bemerkungen zu Die Errichtung des Götzenbildes ist ein

134
Matthäus 24

Signal für diejenigen, die das Wort Got- während der die meisten Morde und
tes kennen, daß die Große Trübsal begon- Kämpfe stattfinden. »Um der Auser-
nen hat. Man beachte, daß der Herr wählten willen« (diejenigen, die Jesus
möchte, daß diejenigen, die die Prophe- angenommen hatten) wird der Herr die
zeiung lesen, sie auch »verstehen« (An- Fluchtmöglichkeit in längerer Dunkel-
merkung Elberfelder Bibel). heit schaffen.
24,16 Wer dann in Judäa ist, soll »auf 24,23-26 Die Verse 23 und 24 enthal-
die Berge fliehen«, weil schnell entdeckt ten eine erneute Warnung vor falschen
würde, daß sie sich vor dem Götzenbild Messiassen und falschen Propheten. In
nicht beugen wollen, würden sie in der einer Zeit der Krise werden viele Gerüch-
Gegend von Jerusalem bleiben. te umgehen, daß der Messias sich an
24,17-19 Das soll in äußerster Eile einem geheimen Ort aufhält. Solche Ge-
geschehen. Wenn jemand auf dem Dach rüchte könnten benutzt werden, um die-
sitzt, so soll er all seinen Besitz zurück- jenigen in die Falle zu führen, die ernst-
lassen. Die Zeit, die er bräuchte, um sei- haft und voller Liebe nach Christus Aus-
ne Habe zusammenzupacken, kann den schau halten. Deshalb warnt der Herr
Unterschied zwischen Tod und Leben alle Jünger, solche Bericht von einer örtli-
entscheiden. Wer auf dem Feld arbeitet, chen, geheimen Wiederkunft nicht zu
»soll nicht zurückkehren, um seinen glauben. Sogar diejenigen, die offensicht-
Mantel zu holen«, wo immer er liegen lich Wunder tun, sind nicht notwendi-
mag. Schwangere und Stillende werden gerweise von Gott gesandt, denn Wun-
sehr benachteiligt sein, da es für sie der können auch satanischen Ursprungs
schwierig ist, schnell zu fliehen. sein. Der Mensch der Sünde wird satani-
24,20 Die Gläubigen sollen Beten, daß sche Macht erhalten, damit er Wunder
diese Krise nicht in den Winter fällt, wo tun kann (2. Thess 2,9.10).
es schwierig ist zu reisen, und auch nicht 24,27 Die Wiederkunft Christi kann
auf einen Sabbat, weil an diesem Tage niemand verpassen – sie wird plötzlich,
ihre Reisedistanz durch das Gesetz be- offen, universell und herrlich sein. Wie
schränkt ist (2. Mose 16,29). Ein Sabbat- der Blitz wird sie gleichzeitig und deut-
weg wäre für sie nicht genug, um aus der lich für alle sichtbar sein.
Gefahrenzone zu kommen. 24,28 Keine moralische Verdorben-
24,21 »Denn dann wird große heit wird seinem Zorn und Gericht ent-
Drangsal sein, wie sie von Anfang der gehen können. »Wo das Aas ist, da wer-
Welt bis jetzt nicht gewesen ist noch je den sich die Adler versammeln.« Die
sein wird.« Diese Beschreibung nimmt Kadaver stehen für das abgefallene
diese Zeit aus von allen Zeiten, die wir Juden- und Christentum und das gesam-
bisher erlebt haben: Inquisition, Progro- te Weltsystem, das sich gegen Gott und
me, Säuberungsaktionen, Massaker und seinen Christus vereinigt hat. Die Adler
Völkermorde. Diese Prophezeiung kann oder Geier sind Bilder der Gerichte Got-
sich nicht durch eine der bisherigen Ver- tes, die im Zusammenhang mit der Wie-
folgungen erfüllt haben, weil klar ausge- derkunft des Messias entfacht werden.
sagt ist, daß diese Zeit mit der Wieder-
kunft Christi endet. D. Die Wiederkunft (24,29-31)
24,22 Die Trübsal wird so schwer 24,29 Am Ende der Großen Trübsal wird
sein, daß, »wenn jene Tage nicht verkürzt es am Himmel beängstigende Erschei-
würden«, kein Mensch überleben würde. nungen geben. Die Sonne wird »verfin-
Das kann nicht bedeuten, daß die Große stert«, und da der Mond sein Licht von
Trübsal, von der so oft gesagt wird, daß der Sonne erhält, wird auch er nicht
sie dreieinhalb Jahre andauert, kürzer mehr scheinen. »Die Sterne werden vom
gemacht wird. Es bedeutet wahrschein- Himmel fallen« und Planeten werden
lich, daß Gott auf wunderbare Weise die ihre Bahnen verlassen. Es ist nicht not-
Zeit des Tageslichtes verkürzen wird – wendig zu erwähnen, daß solch ein Auf-

135
Matthäus 24

ruhr im Weltall das Wetter, die Gezeiten Dann werden sie »den Sohn des Men-
und Jahreszeiten auf der Erde beeinflus- schen kommen sehen auf den Wolken
sen wird. des Himmels mit großer Macht und
Eine schwache Vorstellung dieser Herrlichkeit«. Welch ein wunderbarer
Vorgänge mag uns eine Beschreibung der Augenblick! Der Eine, der angespuckt
Ereignisse geben, die geschehen würden, und gekreuzigt worden ist, wird vor den
wenn ein Himmelskörper die Erde tref- Menschen als Herr des Lebens und der
fen und die Erdachse verschieben würde. Herrlichkeit gerechtfertigt werden. Der
Sofort würde ein Erdbeben die Erde demütige und bescheidene Jesus wird als
erschüttern, Luft und Wasser würden sich Jahwe selbst erscheinen. Das Opferlamm
durch die Trägheit weiterbewegen, Hurrikans kommt als der erobernde Löwe. Der ver-
würden über Land und Meer fegen, das Meer achtete Zimmermann aus Nazareth wird
würde die Kontinente überfluten und dabei als König der Könige und Herr der Her-
Sand, Steine und Meerestiere mit sich führen ren kommen. Er wird in königlicher
und an Land werfen. Überall würde Rei- Macht und Herrlichkeit kommen – der
bungshitze entstehen, Felsen schmelzen, Augenblick, auf den die Schöpfung seit
Vulkane ausbrechen, Lava aus Erdspalten Tausenden von Jahren sehnsüchtig ge-
treten und große Gebiete bedecken. Berge wartet hat.
würden in Ebenen entstehen und sich über 24,31 Wenn er herabkommt, dann
andere Berge schieben, dabei entstehen Ver- wird er »seine Engel aussenden mit star-
werfungen und Erdspalten. Seen würden kem Posaunenschall, und sie werden sei-
erschüttert und geleert, Flüsse neue Betten ne Auserwählten versammeln«, das
suchen, große Landflächen mit allen Bewoh- gläubige Israel in das Land Palästina.
nern würden im Meer versinken. Wälder Von den Enden der Erde werden sie sich
würden brennen, Stürme und Meeresmassen versammeln, um ihren Messias zu emp-
würden sie aus dem Boden reißen, auf dem sie fangen und seine herrliche Herrschaft zu
wachsen und sie mit Ästen und Wurzeln zu genießen.
hohen Bergen auftürmen. Seen würden zu
Wüsten, weil ihr Wasser abfließt.
45) E. Das Gleichnis vom Feigenbaum
24,30 »Und dann wird das Zeichen (24,32-35)
des Sohnes des Menschen am Himmel 24,32 »Von dem Feigenbaum aber lernt
erscheinen.« Uns wird nicht gesagt, wel- das Gleichnis.« Wieder benutzt der Herr
ches Zeichen das sein wird. Sein erstes ein Bild aus der Natur, um eine geistliche
Kommen auf Erden war von einem Him- Wahrheit zu verdeutlichen. Wenn die
melszeichen begleitet, dem Stern. Viel- Zweige am Feigenbaum grün und »weich
leicht wird auch ein wunderbarer Stern geworden« sind, »so erkennt ihr, daß der
sein zweites Kommen ankündigen. Eini- Sommer nahe ist«. Wir haben gesehen,
ge sind der Auffassung, daß der Sohn des daß der Feigenbaum ein Bild für das Volk
Menschen selbst das Zeichen sein wird. Israel ist (21,18-22). Hunderte von Jahren
Was immer damit gemeint ist, es wird für hat Israel geschlafen, hatte keine eigene
alle eindeutig sein, wenn es erscheint. Regierung, kein Land, keinen Tempel und
»Dann werden wehklagen alle Stämme keine Priesterschaft – es gab kein Zeichen
des Landes« – zweifellos deshalb, weil sie für seine Staatlichkeit. Die Israeliten sind
ihn abgelehnt haben. Aber in erster Linie über die ganze Welt verstreut worden.
46)
werden die Stämme des Landes wehkla- Dann, 1948, wurde Israel wieder ein
gen – die zwölf Stämme Israels. ». . . und Volk mit einem eigenen Land, einer Re-
sie werden auf mich blicken, den sie gierung, eigener Währung, eigenen
durchbohrt haben, und werden über ihn Briefmarken usw. Geistlich ist dieses
wehklagen, wie man über den einzigen Volk noch immer verwüstet und kalt, es
Sohn wehklagt, und werden bitter über gibt keine Frucht für Gott. Aber als Staat,
ihn weinen, wie man bitter über den Erst- können wir sagen, sind seine Zweige
geborenen weint« (Sach 12,10). grün und weich.

136
Matthäus 24

24,33 »So sollt auch ihr, wenn ihr dies sias anzuerkennen. Ich denke, er sagte
alles seht, erkennen, daß es nahe an der voraus, daß das Volk Israel so lange in
Tür ist.« Israels Grünen zu einem eige- seiner ablehnenden Haltung ihm gegen-
nen Staat bedeutet nicht nur, daß die über verharren würde, bis er wiederkä-
Trübsal, sondern der Herr selbst nahe ist, me. Dann würde alle Auflehnung zer-
»nahe an der Tür!« stört, und nur die, die sich willentlich sei-
Wenn das Kommen Christi zur Herr- ner Herrschaft unterwerfen, werden ver-
schaft so nahe ist, wieviel näher ist dann schont, um in das Tausendjährige Reich
die bevorstehende Entrückung der zu gelangen.
Gemeinde? Wenn wir schon die Schatten 24,35 Um den unfehlbaren Charakter
der Ereignisse sehen, die seiner Wieder- seiner Voraussagen zu unterstreichen,
kunft in Herrlichkeit vorausgehen, wie- fügte Jesus hinzu: »Der Himmel und die
viel näher sind wir dann der ersten Pha- Erde werden vergehen, meine Worte
se seiner Parusie, oder Wiederkunft (1. aber sollen nicht vergehen.« Indem er
Thess 4,13-18)? davon sprach, daß der Himmel vergehen
24,34 Nachdem Jesus auf den Feigen- würde, bezog er sich auf den Himmel,
baum hingewiesen hat, fügt er hinzu: wie wir ihn sehen: unsere Atmosphäre
»Wahrlich, ich sage euch: Dieses Ge- und das Weltall – das blaue Firmament
schlecht wird nicht vergehen, bis dies alles über uns; nicht jedoch auf den Himmel,
geschehen ist.« »Dieses Geschlecht« kann als den Wohnort Gottes (2. Kor 12,2-4).
nicht die Menschen bedeuten, die lebten, Das Vergehen von Himmel und Erde ist
als Christus auf der Erde war, denn sie in 2. Petrus 3,10-13 beschrieben und
sind alle gestorben, obwohl die Ereignisse nochmals in Offenbarung 20,11 erwähnt.
von Kapitel 24 noch nicht stattgefunden
haben. Was meinte unser Herr nun mit F. Tag und Stunde sind unbekannt
dem Ausdruck »dieses Geschlecht«? Es (24,36-44)
gibt zwei plausible Erklärungen: 24,36 Was den genauen Tag und die ge-
F. W. Grant und andere glauben, daß naue Stunde seines zweiten Kommens
der Gedanke dahintersteht: »Die Genera- angeht, so »weiß niemand, auch nicht die
48)
tion, die die Anfänge hiervon erlebt, Engel in den Himmeln , sondern mein
47)
wird auch das Ende erleben.« Die glei- Vater allein« davon. Das sollte uns vor der
chen Menschen, die sehen, wie Israel sei- Versuchung bewahren, Daten zu berech-
ne Eigenstaatlichkeit zurückgewinnt nen oder denen zu glauben, die das tun.
(oder die den Anfang der Trübsal erle- Wir sind nicht erstaunt, daß die Engel es
ben), werden auch den Herrn Jesus in nicht wissen; sie sind begrenzte Geschöp-
den Wolken des Himmels kommen fe mit ebenso begrenztem Wissen.
sehen, um zu regieren. Während diejenigen, die vor der Wie-
Die andere Erklärung ist, daß »Ge- derkunft Christi leben, den Tag oder die
schlecht« so viel wie Rasse bedeutet. Das Stunde nicht kennen werden, scheint es
ist eine gerechtfertigte Übersetzung des doch möglich zu sein, daß diejenigen, die
griechischen Wortes, es bedeutet so viel mit der Prophetie vertraut sind, das Jahr
wie Menschen der gleichen Art, Herkunft herausfinden könnten. Sie werden zum
oder Familie (s. Matth 12,45; 23,35. 36). Beispiel wissen, daß es noch etwa drei-
Demnach sagte Jesus voraus, daß die jüdi- einhalb Jahre dauern wird, nachdem das
sche Rasse überleben würde, um die Voll- Götzenbild im Tempel errichtet worden
endung von all diesem zu erleben. Ihr ist (Dan 9,27; s. a. Dan 7,25; 12,7.11;
Überleben bis heute, trotz schärfster Ver- Offb 11,2.3; 12,14; 13,5).
folgungen, ist ein Wunder der Geschichte. 24,37-39 In diesen Tagen werden
Aber ich meine, es gibt hier noch jedoch die meisten Menschen, genau wie
einen weiteren Gedanken. In den Tagen zur Zeit Noahs, gleichgültig sein. Ob-
Jesu war »dieses Geschlecht« eine Rasse, wohl die Menschen in der Zeit vor der
die sich standhaft weigerte, ihn als Mes- Flut schrecklich verdorben waren, wird

137
Matthäus 24 und 25

dieser Umstand hier nicht weiter er- durch sein Verhalten im Ausblick auf die
wähnt. Die Menschen »aßen und tran- Rückkehr seines Herrn seinen wahren
ken, sie heirateten und verheirateten« Charakter offenbart. Von allen Knechten
sich, mit anderen Worten, sie lebten so, wird erwartet, daß sie den Leuten des
als ob sie ewig leben würden. Obwohl sie Hauses zur rechten Zeit zu essen geben.
vor der kommenden Flut gewarnt wor- Aber nicht alle, die bekennen, zu Chri-
den waren, lebten sie, als ob ihnen die stus zu gehören, sind wirklich sein.
Flut nichts anhaben könne. Als sie dann Der treue Knecht ist einer, der zur
kam, waren sie unvorbereitet und außer- Zeit der Wiederkunft bei der Sorge für
halb des einzigen sicheren Ortes, der Gottes Volk gefunden wird. Solch ein
Arche. Genauso wird es sein, wenn Chri- Knecht wird im Reich mit großer Verant-
stus wiederkommen wird. Nur diejeni- wortung geehrt werden. Der Herr »wird
gen, die in Christus sind, in der sicheren ihn über seine ganze Habe setzen«.
Arche, werden befreit werden. 24,48-51 Der böse Knecht stellt den
24,40.41 »Dann werden zwei auf dem Namenschristen dar, dessen Verhalten
Feld sein, einer wird genommen« wer- durch die Aussicht auf die Wiederkunft
den und ins Gericht kommen, der andere seines Herrn nicht beeinflußt wird. Er
wird »gelassen« werden, damit er ins fängt an, »seine Mitknechte zu schlagen,
Tausendjährige Reich eingeht. »Zwei und ißt und trinkt mit den Betrunkenen«.
Frauen werden an dem Mühlstein mah- Solches Verhalten zeigt, daß er nicht für
len«, doch sie werden sofort getrennt. das Reich vorbereitet ist. Wenn der König
Eine wird durch die Flut des Gerichtes kommt, wird er ihn bestrafen und »ihm
hinweggeschwemmt, die andere wird sein Teil setzen mit den Heuchlern«, wo
dort bleiben dürfen, um die Segnungen die Menschen weinen und mit den Zäh-
der Herrschaft Christi zu erfahren. (Die nen knirschen.
Verse 40 und 41 werden oft als eine War- Dieses Gleichnis bezieht sich auf
nung für die Ungeretteten in bezug auf Christi sichtbare Wiederkunft auf die
die Entrückung benutzt – der jener ersten Erde als Messias-König. Aber das Prin-
Phase des Kommens Christi, wenn er alle zip gilt auch für die Entrückung. Viele
Gläubigen in den Himmel nimmt und Namenschristen zeigen durch ihre
die Ungläubigen zum Gericht zurück- Feindschaft gegen das Volk Gottes und
läßt. Das mag zwar eine mögliche An- ihre Verbrüderung mit den Gottlosen,
wendung des Abschnittes sein, doch der daß sie nicht auf die Wiederkunft Christi
Zusammenhang macht hier deutlich, warten. Für sie wird das Kommen Chri-
daß die Auslegung etwas mit dem Kom- sti Gericht und nicht Segen bedeuten.
men Christi zur Herrschaft zu tun hat.)
24,42-44 In Anbetracht der Unsicher- H. Das Gleichnis von den zehn
heit, wann Jesus wiederkommt, werden Jungfrauen (25,1-13)
die Menschen zum Wachen aufgefordert. 25,1-5 Das erste Wort, »dann«, weist auf
Wenn jemand weiß, daß in sein Haus ein- Kapitel 24 zurück und zeigt, daß dieses
gebrochen werden soll, dann wird er be- Gleichnis seinen Platz in der Zeit vor und
reit sein, auch wenn er die genaue Zeit während der Wiederkunft des Königs
nicht kennt. Der Sohn des Menschen auf die Erde hat. Jesus vergleicht das
wird dann wiederkommen, wenn die Reich der Himmel zu dieser Zeit »mit
Masse der Menschen ihn am wenigsten zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nah-
erwartet. Deshalb sollten seine Leute be- men und ausgingen, dem Bräutigam ent-
reit sein und ihn aufmerksam erwarten. gegen. Fünf aber von ihnen waren klug«
und hatten Öl für ihre Lampen, die ande-
G. Das Gleichnis vom treuen und ren hatten keines. Während sie warteten,
untreuen Knecht (24,45-51) schliefen alle ein.
24,45-47 Im letzten Teil dieses Kapitels Die fünf weisen Jungfrauen stehen für
zeigt der Herr Jesus, daß ein Knecht die wahren Jünger Christi während der

138
Matthäus 25

Trübsal. Die Lampen sprechen vom Be- nicht kenne – ein deutliches Zeichen
kenntnis und das Öl wird allgemein als dafür, daß sie nie wiedergeboren wurden.
Bild des Heiligen Geistes gesehen. Die 25,13 Die Lehre, die wir nach Jesu
törichten Jungfrauen verkörpern diejeni- Worten aus diesem Gleichnis ziehen sol-
gen, die bekennen, an der messianischen len, ist zu wachen, weil Tag und Stunde
Hoffnung festzuhalten, die sich aber nie seines Kommens unbekannt sind. Die
bekehrt haben und deshalb den Heiligen Gläubigen sollten leben, als wenn der
Geist nicht haben. Der Bräutigam ist Chri- Herr jeden Augenblick zurückkommen
stus der König, die Zeit des Wartens ist die könnte. Sind unsere Lampen geschmückt
Zeit zwischen seinen beiden Kommen. und mit Öl gefüllt?
Die Tatsache, daß alle zehn Jungfrauen
schliefen, zeigt, daß es äußerlich kaum I. Das Gleichnis von den
einen Unterschied zwischen beiden gab. anvertrauten Talenten (25,14-30)
25,6 Zu Mitternacht wurde der Bräu- 25,14-18 Auch dieses Gleichnis lehrt, daß
tigam angekündigt. Im vorhergehenden es treue und untreue Knechte gibt, wenn
Kapitel haben wir gesehen, daß seine der Herr zurückkehrt. In der Geschichte
Ankunft durch erschreckende Zeichen geht es um einen Mann, der seine Knech-
angekündigt wird. te zusammenrief, ehe er auf eine lange
25,7-9 »Da standen alle jene Jungfrau- Reise ging, und jedem einen bestimmten
en auf und schmückten ihre Lampen«, Geldbetrag gab, »einem jeden nach sei-
denn alle wollten bereit sein. Die törichten ner eigenen Fähigkeit«. Einer erhielt fünf
jedoch, denen das Öl fehlte, baten die an- Talente, ein anderer zwei und der letzte
deren, ihnen etwas abzugeben, doch wur- eines. Sie sollten mit diesem Geld arbei-
den sie gesandt, welches zu kaufen. Die ten, damit es für den Herrn Gewinn
Weigerung der Klugen scheint selbstsüch- brächte. Der Mann mit den fünf Talenten
tig zu sein, aber im geistlichen Bereich gewann »andere fünf Talente« hinzu.
kann niemand dem anderen den Geist Auch der Mann mit den zwei Talenten
geben. Natürlich kann der Geist nicht konnte das Kapital verdoppeln. Aber der
gekauft werden, aber die Bibel verwendet Mann mit dem einen Talent vergrub das
hier das sprachliche Bild des Kaufens der Geld seines Herrn.
Erlösung ohne Geld und ohne Preis. Es ist nicht schwer zu sehen, daß
25,10-12 Während die törichten Jung- Christus der Herr der Knechte ist und die
frauen fort waren, »kam der Bräutigam«. lange Reise sich auf die Zeit zwischen
Die syrische Bibelübersetzung und die der Entrückung und der Wiederkunft
Vulgata sagen hier, daß er mit seiner Christi auf Erden bezieht. Die drei
Braut kam. Das paßt ausgezeichnet in das Knechte sind Israeliten, die während der
prophetische Bild. Der Herr Jesus wird Trübsal leben und dafür verantwortlich
von seiner Hochzeit mit seiner Braut, der sind, die Interessen des abwesenden
Gemeinde, zurückkehren (1. Thess 3,13). Herrn zu vertreten. Ihnen wird Verant-
(Die Hochzeit findet im Himmel nach der wortung entsprechend ihren persönli-
Entrückung statt s. Offb 19,7; 21,2.9). Der chen Fähigkeiten übertragen.
treue Überrest der Heiligen der Trübsals- 25,19-23 »Nach langer Zeit aber
zeit wird mit ihm zum Hochzeitsfest kommt der Herr jener Knechte und rech-
gehen. Das Hochzeitsfest ist eine passen- net mit ihnen ab.« Das ist ein Bild für die
de Bezeichnung der Freude und der Seg- Wiederkunft des Herrn. Die beiden
nungen des irdischen Reiches Christi. Die ersten bekommen exakt das gleiche Lob:
klugen Jungfrauen »gingen mit ihm ein »Recht so, du guter und treuer Knecht!
zur Hochzeit; und die Tür wurde ver- Über weniges warst du treu, über vieles
schlossen«. Es ist dann für alle anderen werde ich dich setzen; geh ein in die
zu spät, in das Reich zu gelangen. Als die Freude deines Herrn.« Die Probe für
anderen Jungfrauen kamen und hinein- ihren Dienst war nicht so sehr, wieviel sie
wollten, betonte der Bräutigam, daß er sie verdient hatten, sondern wie sehr sie sich

139
Matthäus 25

angestrengt hatten. Jeder hatte alle seine wenden können, wir ihn anderen geben
Fähigkeiten eingesetzt und hundert Pro- sollten, die das können. Die Wechsler
zent Gewinn gemacht. Diese beiden ste- sind in diesem Falle Missionare, Bibelge-
hen für die wahren Gläubigen, deren sellschaften, christliche Verlage, Gesell-
Belohnung die Segnungen des Messiani- schaften, die biblische Botschaften im
schen Reiches sein werden. Radio verbreiten usw. In einer Welt wie
25,24.25 Der dritte Knecht hatte sei- der unseren gibt es keine Entschuldi-
nem Herrn nichts als Beleidigungen und gung dafür, Geld nicht arbeiten zu las-
Ausreden zu bieten. Er klagte ihn an, sen. Pierson empfiehlt:
hart und unvernünftig zu sein: »Du ern- Ängstliche Menschen, die für den muti-
test, wo du nicht gesät, und sammelst, gen und unabhängigen Dienst im Reich des
wo du nicht ausgestreut hast.« Er ent- Herrn nicht geeignet sind, können ihre man-
schuldigte sich, daß er, vor Angst ge- gelnden Fähigkeiten mit dem Mut und der
lähmt, das Talent vergraben habe. Dieser Weisheit anderer verbinden, die ihre Gaben
Knecht war zweifellos ungläubig, denn und ihren Besitz für den Herrn und seine
kein echter Knecht des Herrn würde sol- Gemeinde verwenden . . . Der Verwalter hat
che Gedanken über seinen Herrn haben. Geld oder andere Gaben, die von Nutzen sein
25,26.27 Sein Herr tadelte ihn, daß er können, aber er hat nicht genug Glauben,
böse und faul sei. Wenn er schon so von Voraussicht, praktische Energie und Weisheit.
seinem Herrn dachte, warum hatte er das Die »Wechsler« des Herrn können ihm zeigen,
Geld nicht auf die Bank gelegt, um wie sie für den Herrn Gewinn machen können
wenigstens Zinsen zu erwirtschaften? . . . Die Gemeinde existiert teilweise dadurch,
Ganz nebenbei zeigt der Meister, daß er daß die Kraft eines Gliedes der Schwachheit
nicht einer Meinung mit den Anklagen eines anderen aufhilft, und durch die Zusam-
gegen ihn ist. Mit anderen Worten will er menarbeit aller kann die Stärke des Gering-
49)
sagen: »Wenn du meinst, ich sei ein sol- sten und Schwächsten verstärkt werden.
cher Meister, dann hättest du weitaus 25,30 Der »unnütze Knecht« wurde
mehr Grund gehabt, mit dem Talent zu hinausgeworfen – vom Reich ausge-
arbeiten. Deine Worte verurteilen dich, schlossen. Er teilte das schreckliche
statt zu entschuldigen.« Schicksal der Verlorenen. Er wurde nicht
25,28.29 Wenn dieser Mann ebenso für die Tatsache verdammt, daß er das
ein Talent mit seinem Talent erwirtschaf- Geld nicht investiert hatte, sondern sein
tet hätte, hätte er dasselbe Lob wie die Mangel an guten Werken zeigte nur, daß
anderen erhalten. So aber hatte er nur ein er den rettenden Glauben nicht hatte.
Loch im Boden vorzuweisen! Das Talent
wurde ihm genommen und demjenigen J. Der König richtet die Nationen
gegeben, der zehn Talente hatte. Das ent- (25,31-46)
spricht einem festen geistlichen Gesetz: 25,31 Dieser Abschnitt beschreibt das
»Jedem, der da hat, wird gegeben wer- Gericht der Nationen, welches vom
den, und er wird Überfluß haben; von Richterstuhl Christi und dem Gericht vor
dem aber, der nicht hat, von dem wird dem großen weißen Thron unterschie-
selbst, was er hat, weggenommen wer- den werden muß.
den.« Diejenigen, die sich für die Ehre Das Gericht des Richterstuhles Chri-
Gottes einsetzen wollen, werden auch sti, wo nur die Gläubigen geprüft und
die Mittel dazu empfangen. Je mehr sie belohnt werden, liegt zeitlich nach der
tun, desto mehr werden sie auch be- Entrückung (Röm 14,10; 1. Kor 3,11-15;
fähigt, für Gott zu tun. Andererseits ver- 2. Kor 5,9.10). Das Gericht vor dem
lieren wir, was wir nicht nutzen. Un- großen weißen Thron findet in der Ewig-
fruchtbarkeit ist der Lohn für Trägheit. keit nach dem Tausendjährigen Reich
Die Erwähnung der »Wechsler« in statt. Die ungläubigen Toten werden dort
Vers 27 deutet an, daß, wenn wir unseren gerichtet und dem Feuersee übergeben
Besitz nicht direkt für den Herrn ver- (Offb 20,11-15).

140
Matthäus 25

Das Gericht der Nationen oder Hei- selbst entschuldigen, sie hätten ihn nie
den (das griechische Wort kann beides gesehen, erinnert er sie, daß sie ihn selbst
bedeuten), findet auf der Erde statt, nach- vernachlässigten, indem sie seine Jünger
dem Christus wiedergekommen ist, um vernachlässigt haben.
zu regieren, wie Vers 31 unmißverständ- 25,46 So gehen die Böcke »in die ewi-
lich sagt: »Wenn aber der Sohn des Men- ge Pein«, die Schafe »aber in das ewige
schen kommen wird in seiner Herrlich- Leben«. Dadurch tun sich jedoch zwei
keit und alle Engel mit ihm.« Wenn wir Probleme auf. Erstens scheint dieser Ab-
richtig in der Annahme gehen, es mit der schnitt zu lehren, daß die Nationen als
Prophezeiung aus Joel 4 gleichzusetzen, ganze gerettet oder verloren gehen. Zwei-
dann ist sein Ort das Tal Josaphat bei Jeru- tens erweckt die Erzählung den Ein-
salem (Joel 4,2). Die Nationen werden druck, die Schafe würden durch gute
danach gerichtet, wie sie Christi jüdische Werke gerettet werden, und die Böcke
Brüder während der Drangsal behandelt deshalb verloren gehen, weil sie nichts
haben (Joel 4,1.2.12-14; Matth 25,31-46). Gutes getan haben. Zur ersten Schwie-
25,32 Es ist wichtig festzuhalten, daß rigkeit sollte man sich daran erinnern,
hier drei Gruppen von Menschen er- daß Gott an ganzen Völkern handelt. In
wähnt werden – Schafe, Böcke und Chri- der Geschichte des AT finden wir viele
sti Brüder. Die ersten beiden Gruppen, Beispiele, wo ganze Völker wegen ihrer
über die Christus zu Gericht sitzt, sind Sünde bestraft werden (Jes 10,12-19; 47,5-
die Nationen, die während der Trübsal 15; Hes 25,6.7; Amos 1,3.6.9.11.13; 2,1.4.6;
leben. Die dritte Gruppe besteht aus den Ob 10; Sach 14,1-5). Es ist nicht unver-
treuen jüdischen Brüdern Christi wäh- nünftig zu glauben, daß Völker auch spä-
rend der Drangsal, die sich weigern, ter noch göttliche Vergeltung erfahren.
trotz der zunehmenden Verfolgung sei- Das bedeutet nicht, daß jede einzelne
nen Namen zu verleugnen. Person eines Volkes am Ergebnis beteiligt
25,33-40 Der König stellt »die Schafe sein wird, sondern es wird das Prinzip
zu seiner Rechten, . . . die Böcke aber zur der göttlichen Gerechtigkeit sowohl auf
Linken«. Er bittet dann die Schafe in sein der Volkes- als auch auf der persönlichen
Reich, das ihnen »bereitet ist von Grund- Ebene angewandt.
legung der Welt an«. Als Grund wird Das Wort ethne, das in diesem
angegeben, daß sie ihn speisten, als er Abschnitt mit »Nationen« übersetzt wird,
Hunger hatte, ihm zu trinken gaben, als kann genausogut mit dem Wort »Hei-
er Durst hatte, ihn als Fremden aufnah- den« übersetzt werden. Einige glauben,
men, ihm Kleider gaben als er nackt war, dieser Abschnitt beschreibe das Gericht
ihn in Krankheit und Gefängnis besucht einzelner Heiden. Ob es um ganze Natio-
haben. Die gerechten Schafe geben an, nen oder Einzelne geht, es bleibt das Pro-
von all dem nichts zu wissen, da er doch blem, wie eine solche große Menschen-
zu ihrer Zeit gar nicht auf der Erde gelebt masse in Israel vor dem Herrn versam-
hat. Er erklärt ihnen, daß sie, indem sie melt werden kann. Vielleicht ist es das
»einem der geringsten dieser meiner beste, hier an Repräsentanten von Natio-
Brüder« eine Freundlichkeit erwiesen, nen oder Gruppen von Menschen zu den-
ihm selbst diese Freundlichkeit erwiesen ken, die zum Gericht versammelt sind.
haben. Was immer für einen seiner Jün- Wenn wir das zweite Problem beden-
ger getan wird, wird so belohnt, als habe ken, so ist festzuhalten, daß dieser Ab-
man es ihm selbst getan. schnitt nicht dazu benutzt werden kann,
25,41-45 Die ungerechten Böcke sol- die Erlösung durch Werke zu lehren. Das
len von ihm weggehen, »in das ewige einheitliche Zeugnis der Bibel lautet, daß
Feuer, das bereitet ist dem Teufel und sei- Errettung durch den Glauben und nicht
nen Engeln«, weil sie während der durch Werke geschieht (Eph 2,8.9). Aber
schrecklichen Zeit der Trübsal Jakobs die Bibel lehrt ebenso deutlich, daß wah-
nicht für ihn gesorgt haben. Als sie sich rer Glaube gute Werke hervorbringt.

141
Matthäus 25 und 26

Wenn es keine guten Werke gibt, dann ist (16,21; 17,23; 20,18). Seine Ankündigung
das ein Zeichen dafür, daß dieser Mensch macht die enge zeitliche Beziehung zwi-
nie wiedergeboren wurde. So müssen schen dem Passah und seiner Kreuzi-
wir hier verstehen, daß die Heiden nicht gung deutlich: »Ihr wißt, daß nach zwei
gerettet werden, indem sie dem jüdi- Tagen das Passah ist, und der Sohn des
schen Überrest Beistand erwiesen haben, Menschen wird überliefert, um gekreu-
sondern daß ihre Freundlichkeit in ihrer zigt zu werden.« In diesem Jahr würde
Liebe zum Herrn wurzelt. das Passah seine wahre Bedeutung
Drei andere Punkte sollten hier noch erfahren. Das Passahlamm war nun end-
erwähnt werden. Erstens wird vom lich angekommen und würde bald ge-
Reich gesagt, daß es für die Gerechten schlachtet werden.
von Grundlegung der Welt an bereitsteht 26,3-5 Sobald er diese Worte ausge-
(V. 34), während die Hölle für den Teufel sprochen hatte, »versammelten sich die
und seine Engel bereitet ist (V. 41). Gottes Hohenpriester und die Ältesten des Vol-
Wille ist es, daß Menschen gesegnet wer- kes in den Hof des Hohenpriesters, der
den, die Hölle ist ursprünglich nicht für Kaiphas hieß«, um ihr Vorgehen zu pla-
Menschen geschaffen worden. Aber nen. Sie wollten, daß er heimlich ergrif-
wenn Menschen das Leben willentlich fen und ermordet würde. Aber sie hiel-
ablehnen, dann wählen sie damit ten es nicht für ratsam, das während des
zwangsläufig den Tod. Festes geschehen zu lassen, weil das Volk
Der zweite Punkt ist, daß der Herr mit Gewalt auf seine Hinrichtung reagie-
Jesus vom »ewigen Feuer« sprach (V. 41), ren könnte. Es ist unglaublich, daß die
von »ewiger Pein« (V. 46) und von »ewi- religiösen Führer Israels auch diejenigen
gem Leben« (V. 46). Derselbe, der das waren, die den Tod ihres Messias plan-
ewige Leben lehrte, lehrte auch die ewi- ten. Sie hätten die ersten sein sollen, die
ge Strafe. Weil dasselbe Wort für »ewig« ihn erkannten und ihn auf den Thron
benutzt wird, um beides zu beschreiben, setzten. Statt dessen bildeten sie die
ist es inkonsequent, wenn man das eine Führung seiner Feinde.
ohne das andere akzeptiert. Wenn das
Wort, das mit »ewig« übersetzt wird, B. Jesus wird in Bethanien gesalbt
nicht »für immer« bedeutet, dann gibt es (26,6-13)
kein anderes Wort mehr im Griechi- 26,6.7 Dieser Vorfall lieferte eine will-
schen, welches diese Bedeutung haben kommene Wohltat inmitten des Verrates
könnte. Aber wir wissen, daß es »ewig« der Priester, der Kleinlichkeit der Jünger
bedeutet, weil das Wort auch benutzt und der Hinterlist des Judas. »Als aber
wird, um die Ewigkeit Gottes zu be- Jesus in Bethanien war, im Hause
schreiben (1. Tim 1,17). Simons, des Aussätzigen, kam eine
Schließlich erinnert uns das Gericht Frau« herein und goß ein Fläschchen teu-
der Heiden stark daran, daß Christus erstes Salböl über sein Haupt. Die Kost-
und sein Volk eine Einheit sind; was sein barkeit ihres Opfers drückte die Tiefe
Volk trifft, trifft auch ihn. Wir haben sehr ihrer Hingabe an den Herrn Jesus aus,
viel Gelegenheit zu zeigen, daß wir ihn nämlich daß ihr nichts zu gut für ihn war.
lieben, indem wir denen Freundlichkeit 26,8.9 Seine Jünger, und zwar Judas
erweisen, die ihn lieben. im Besonderen (Joh 12,4.5), sahen das als
unglaubliche Verschwendung an. Sie
XIV. Das Leiden des Königs und sein dachten, daß das Geld besser den Armen
Tod (Kap. 26 und 27) hätte gegeben werden sollen.
26,10-12 Jesus korrigierte jedoch ihr
A. Der Plan, Jesus zu töten (26,1-5) verzerrtes Denken. Ihre Tat war keine
26,1.2 Zum vierten und letzten Mal in Verschwendung, sondern beste Verwen-
diesem Evangelium kündigt unser Herr dung. Und nicht nur das, sie tat es genau
seinen Jüngern an, daß er sterben muß zur rechten Zeit. Den Armen kann im-

142
Matthäus 26

mer geholfen werden. Aber nur zu einer D. Das letzte Passahmahl (26,17-25)
Zeit in der Weltgeschichte konnte der 26,17 Es war »am ersten Tag der unge-
Retter für sein Begräbnis gesalbt werden. säuerten Brote« – eine Zeit, in der in den
Genau diesen Moment hatte eine einzel- jüdischen Häusern kein Sauerteig mehr
ne Frau mit ihrer geistlichen Unterschei- vorhanden war. Welche Gedanken müs-
dungsgabe ergriffen. Sie glaubte den sen dem Herrn durch den Kopf gegan-
Voraussagen des Herrn über seinen Tod gen sein, als er die Jünger nach Jerusalem
und muß erkannt haben, daß sie ihm die- sandte, um das Passah zu bereiten. Jede
sen Dienst jetzt oder nie mehr tun konn- Einzelheit dieses Mahles hatte außeror-
te. Wie sich herausstellte, hatte sie recht. dentliche Bedeutung.
Diejenigen Frauen, die seinen Leib nach 26,18-20 Jesus sandte die Jünger nach
seinem Begräbnis salben wollten, wur- einem bestimmten, nicht mit Namen
den durch die Auferstehung daran ge- genannten, Mann, der sie zu dem Haus
hindert (Mk 16,1-6). führen würde, in dem er mit ihnen Passah
26,13 Der Herr machte ihre einfache feiern wollte. Vielleicht war die Unbe-
Liebestat unsterblich: »Wahrlich, ich sage stimmtheit der Anweisungen notwendig,
euch: Wo dieses Evangelium gepredigt um eventuelle Mithörer zu täuschen. Je-
werden wird in der ganzen Welt, wird denfalls sehen wir, wie gut Jesus einzelne
auch von dem geredet werden, was sie Menschen kennt, wo sie sind und wie
getan hat, zu ihrem Gedächtnis.« Jede sehr sie gewillt sind, für ihn zu arbeiten.
Tat, die aus echter Anbetung geschehen Man beachte seine Worte: »Der Lehrer
ist, erfüllt die Vorhöfe des Himmels mit sagt: Meine Zeit ist nahe; bei dir halte ich
Wohlgeruch und ist im Gedächtnis des das Passah mit meinen Jüngern.« Er ging
Herrn unauslöschlich eingeprägt. seinem Tod mit Haltung entgegen. In
vollkommener Ruhe bereitete er das Mahl
C. Der Verrat des Judas (26,14-16) vor. Welch ein Vorrecht für diesen uns
26,14.15 »Dann ging einer von den Zwöl- unbekannten Mann, sein Haus für dieses
fen« – einer der Jünger, die mit dem letzte Passah zur Verfügung zu stellen!
Herrn Jesus gelebt hatten, mit ihm gereist 26,21-24 Als sie aßen, machte Jesus
waren, seine Wunder gesehen hatten, sei- die schockierende Ankündigung, daß
ne unvergleichliche Predigt gehört hat- einer von ihnen ihn verraten würde. Die
ten und das Wunder seines sündlosen Jünger waren von Sorge, Verdruß und
Lebens gesehen hatten – einer, den Jesus Selbstmißtrauen erfüllt. Jeder fragte: »Ich
»mein Freund, auf den ich vertraute, der bin es doch nicht, Herr?« Als alle außer
mein Brot aß« nennen konnte (Ps 41,9) – Judas gefragt hatten, sagte Jesus ihnen,
er war derjenige, der seine Ferse gegen daß es der wäre, der mit ihm die Hand in
den Sohn Gottes erhob. Judas Iskariot die Schüssel eintauchen würde. Dann
ging zu den Hohenpriestern und kam nahm der Herr ein Stück Brot, tauchte es
mit ihnen überein, seinen Meister für in den Fleischsaft und gab es Judas
dreißig Silberlinge zu verkaufen. Die (Joh 13,26) – ein Zeichen besonderer Zu-
Priester bezahlten ihn sofort – eine neigung und Freundschaft. Er erinnerte
lächerliche Summe von etwa fünfund- sie daran, daß sich nicht vermeiden ließ,
zwanzig Mark. was ihm geschehen würde. Aber das be-
Es ist erschreckend, den Unterschied freite den Verräter nicht von seiner Ver-
zwischen der Frau, die Jesus im Haus des antwortung. Es wäre besser für ihn,
Simon gesalbt hatte, und Judas zu sehen. »wenn er nicht geboren wäre«. Judas ent-
Ihr war der Herr viel wert, Judas nur sehr schied sich in vollem Bewußtsein, den
wenig. Retter zu verkaufen und war deshalb für
26,16 Und so ging einer, der von Jesus sein Handeln voll verantwortlich.
nur Freundlichkeit erfahren hatte, hin, 26,25 Als Judas schließlich offen frag-
um seinen Teil des schrecklichen Han- te, ob er derjenige sei, antwortete Jesus
dels zu erfüllen. mit »Ja«.

143
Matthäus 26

E. Das erste Herrenmahl (26,26-29) argumentieren, daß gesäuertes Brot den


In Johannes 13,30 sehen wir, daß Judas Symbolcharakter zerstört (Sauerteig als
hinausging, als er das Brot erhalten hatte, Bild der Sünde), sollten bedenken, daß
und es Nacht war. Wir können daraus das gleiche für die Gärung gilt. Es ist tra-
schließen, daß er bei der Einsetzung des gisch, wenn wir uns mit den materiellen
Herrenmahles nicht dabei war (obwohl Dingen beschäftigen, statt auf den Herrn
dieser Punkt recht umstritten ist). selbst zu sehen. Paulus betonte, es gehe
26,26 Nachdem Jesus sein letztes Pas- um die geistliche Bedeutung des Brotes,
sah gegessen hatte, setzte er das Mahl nicht um das Brot an sich. »Denn auch
ein, das wir unter dem Namen »Herren- unser Passah, Christus, ist geschlachtet.
mahl« oder »Abendmahl« kennen. Die Darum laßt uns Festfeier halten, nicht
notwendigen Bestandteile – Brot und mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sau-
Wein – waren schon auf dem Tisch, weil erteig der Bosheit und Schlechtigkeit,
sie auch zum Passahmahl gehörten. sondern mit Ungesäuertem der Lauter-
Jesus gab ihnen nun eine neue Bedeu- keit und Wahrheit« (1. Kor 5,7.8). Es geht
tung. Zuerst »nahm Jesus Brot, segnete, nicht um den Sauerteig im Brot, sondern
brach und gab es den Jüngern und um den Sauerteig in unserem Leben!
sprach: – Nehmt, eßt, dies ist mein
F. Die selbstbewußten Jünger
Leib! – « Weil sein Leib noch nicht am
(26,30-35)
Kreuz hingegeben war, ist es eindeutig,
daß er hier sinnbildlich spricht, er be- 26,30 Nach dem Herrenmahl sang die
nutzt das Brot als Symbol seines Leibes. kleine Gruppe ein Loblied, wahrschein-
26,27.28 Das gleiche gilt für den lich aus den Psalmen 113-118, dem
Kelch; das Behältnis steht hier für seinen »großen Hallel«. Dann verließen sie Jeru-
Inhalt. Der Kelch enthielt die Frucht des salem, überquerten den Kidron und stie-
Weinstocks, welche wiederum ein Sym- gen den Westhang des Ölberges zum
bol für das »Blut des Bundes« war. Der Garten Gethsemane hinauf.
neue Bund der Gnade, der ohne Voraus- 26,31 Während seines ganzen irdi-
setzungen geschlossen wurde, würde schen Dienstes hatte der Herr Jesus seine
durch sein kostbares Blut unterzeichnet Jünger vor dem vor ihnen liegenden Weg
werden, das er für viele zur Vergebung gewarnt. Nun sagte er ihnen, daß sie sich
der Sünden vergießen würde. Sein Blut noch in dieser Nacht alle von ihm tren-
reichte hin, um für alle Sündenvergebung nen würden. Die Angst würde sie über-
zu schaffen. Aber hier sagt er, es würde mannen, sobald der Sturm losbrechen
für viele vergossen, weil es sich nur für würde. Um ihre eigene Haut zu retten,
diejenigen auswirkt, die daran glauben. würden sie ihren Meister verlassen. Die
26,29 Dann erinnerte der Retter seine Prophezeiung Sacharjas würde sich
Jünger daran, daß er »von nun an nicht erfüllen: »Ich werde den Hirten schlagen,
mehr von diesem Gewächs des Wein- und die Schafe der Herde werden zer-
stocks trinken werde«, bis er zur Erde streut werden« (Sach 13,7).
zurückkommt, um zu herrschen. Dann 26,32 Aber er ließ sie nicht ohne Hoff-
hat der Wein eine neue Bedeutung, er nung. Obwohl sie sich ihrer Verbindung
spricht dann von der Freude und dem mit ihm schämen würden, würde er sie
Segen des Reiches seines Vaters. doch nie verlassen. Nachdem er von den
Oft wurde die Frage gestellt, ob man Toten auferweckt sein würde, würde er
zum Herrenmahl gesäuertes oder unge- sie in Galiläa wiedertreffen. Welch ein
säuertes Brot verwenden solle, Trauben- wunderbarer Freund, der nie enttäuscht!
saft oder Wein. Es gibt kaum Zweifel, 26,33.34 Petrus wandte nun voreilig
daß der Herr ungesäuertes Brot und ver- ein, daß ihn zwar die anderen verlassen
gorenen Traubensaft verwendet hat würden, er selbst aber »niemals«. Jesus
(damals war jeder Traubensaft vergoren, korrigierte sein niemals: »In dieser Nacht
d. h. zu Wein geworden). Diejenigen, die . . . dreimal.« Ehe der Hahn krähen wür-

144
Matthäus 26

de, würde der impulsive Jünger seinen Ehe wir denken, daß dieses Gebet
Meister dreimal verleugnet haben. Zögern oder die Bitte nach einem ande-
26,35 Aber Petrus bestand weiter auf ren Weg ausdrückt, sollten wir uns an
seiner Treue: er würde eher mit Christus Jesu Worte in Johannes 12,27.28 erinnern:
sterben als ihn verleugnen. Alle anderen »Jetzt ist meine Seele bestürzt. Und was
Jünger schlossen sich seiner Meinung an. soll ich sagen? Vater, rette mich aus die-
Sie meinten es ehrlich, sie sagten, was sie ser Stunde? Doch darum bin ich in diese
dachten. Sie kannten eben nur ihre eige- Stunde gekommen. Vater, verherrliche
nen Herzen noch nicht richtig. deinen Namen!« Als er bat, daß dieser
Kelch an ihm vorübergehen möge, bat er
G. Der Kampf in Gethsemane nicht darum, nicht ans Kreuz zu müssen.
(26,36-46) Das war doch der Grund, warum er in
Niemand kann diesen Bericht aus dem diese Welt gekommen war!
Garten Gethsemane lesen, ohne zu mer- Bei diesem Gebet ging es nicht darum,
ken, daß er heiliges Land betritt. Jeder, eine Antwort zu erhalten, sondern uns
der hier versucht zu kommentieren, ver- etwas zu lehren. Jesus sagte praktisch:
spürt eine enorme Ehrfurcht und den »Mein Vater, wenn es einen anderen Weg
Wunsch zur Zurückhaltung. Wie Guy gibt, damit gottlose Sünder gerettet wer-
King schrieb: »Der überragende Charak- den können, als ans Kreuz zu gehen, dann
ter des Ereignisses läßt einen fürchten, offenbare das jetzt! Aber bei allem soll
man könne es durch die Berührung deutlich werden, daß ich nichts möchte,
irgendwie verderben.« das deinem Willen zuwiderläuft.«
26,36-38 Nachdem Jesus den Garten Wie lautete die Antwort? Es gab kei-
Gethsemane betreten hatte (Gethsemane ne, der Himmel schwieg. Doch diese
bedeutet soviel wie Olivenpresse), befahl beredte Stille zeigt uns, es gab für Gott
er seinen elf Jüngern, sich mit ihm nie- keinen anderen Weg, um schuldige Sün-
derzusetzen und zu warten. Dann nahm der zu rechtfertigen, als daß Christus, der
er »Petrus und die zwei Söhne des Zebe- sündlose Retter, an unserer Statt starb.
däus« weiter mit in den Garten hinein. 26,40.41 Als er zu den Jüngern zu-
Könnte das bedeuten, daß verschiedene rückkam, schliefen sie. Ihr Geist zwar
Jünger unterschiedlich fähig sind, mit war willig, aber ihr Fleisch war schwach.
dem Herrn seine Todesangst mitzu- Wir wagen es nicht, sie zu verurteilen,
fühlen? wenn wir an unser eigenes Gebetsleben
Er »fing an, betrübt und geängstigt zu denken, unser Schlaf ist meist besser als
werden«. Er sagte Petrus, Jakobus und unser Gebet, und unsere Gedanken wan-
Johannes offen, daß seine Seele bis zum dern umher, wenn wir wachsam sein
Tod betrübt sei. Das war zweifellos der sollten. Wie oft muß der Herr zu uns das
Abscheu, der seine heiligen Seele erfüll- gleiche sagen wie zu Petrus: »Also nicht
te, als er voraussah, was es für ihn bedeu- eine Stunde konntet ihr mit mir wachen?
tete, für uns das Sündopfer zu sein. Wir, Wacht und betet, damit ihr nicht in Ver-
die wir sündig sind, können nicht ermes- suchung kommt.«
sen, was es für ihn, den Sündlosen, be- 26,42 »Wiederum, zum zweiten Mal,
deutet haben mag, für uns zur Sünde ging er hin und betete.« Wieder unter-
gemacht zu werden (2. Kor 5,21). stellte er sich dem Willen Gottes. Er wür-
26,39 Es überrascht nicht, daß er die de den Kelch des Leidens und des Todes
drei verließ und »ein wenig weiter« in bis zur Neige trinken.
den Garten hineinging. Niemand konnte In seinem Gebetsleben war er not-
an seinem Leiden teilhaben oder mit sei- wendigerweise allein. Er lehrte die Jün-
nen Worten beten: »Mein Vater, wenn es ger beten und er betete in ihrer An-
möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir wesenheit, aber er betete niemals mit
vorüber; doch nicht wie ich will, sondern ihnen. Die Einzigartigkeit seiner Person
wie du willst.« und seines Werkes schlossen andere von

145
Matthäus 26

der Beteiligung an seinem Gebetsleben verwendet, das wiederholtes oder de-


aus. monstratives Küssen bedeutet.
26,43-45 Als er zum zweitenmal zu 26,50 Gelassen und mit durchdrin-
seinen Jüngern kam, schliefen sie schon gender Kraft fragte Jesus: »Freund, wozu
wieder und beim drittenmal war es eben- bist du gekommen?« Zweifellos brannte
so: Er betete, sie schliefen. Da sagte er diese Frage wie Feuer, doch alles ging auf
dann zu ihnen: »So schlaft denn fort und einmal sehr schnell. Die Menge kam und
ruht aus. Siehe, die Stunde ist nahe ergriff den Herrn Jesus ohne Zögern.
gekommen, und der Sohn des Menschen 26,51 Einer der Jünger – wir wissen
wird in Sünderhände überliefert.« aus Johannes 18,10, daß es Petrus war –
26,46 Die Gelegenheit des Wachens »zog sein Schwert und schlug den Knecht
mit ihm war vorbei. Die Tritte des Verrä- des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr
ters waren schon zu hören. Jesus sagte ab«. Es ist unwahrscheinlich, daß Petrus
nicht »Steht auf, laßt uns gehen!«, um zu nach dem Ohr gezielt hatte, er wollte den
fliehen, sondern um dem Feind ins An- Knecht zweifellos töten. Dieses Ziel war
gesicht zu sehen. so erbärmlich wie die Beurteilung der
Ehe wir den Garten verlassen, sollten göttlichen Vorsehung durch Petrus.
wir noch einmal anhalten und sein 26,52 Die moralische Vollkommenheit
Schluchzen hören, seine Schmerzen be- des Herrn Jesus strahlt hier in aller Herr-
denken und ihm von Herzen danken. lichkeit. Erst tadelt er Petrus: »Stecke dein
Schwert wieder an seinen Ort! Denn alle,
H. Jesus wird in Gethsemane verraten die das Schwert nehmen, werden durchs
und gefangengenommen (26,47-56) Schwert umkommen.« Im Reich Christi
Der Verrat des Retters durch eines seiner werden Siege nicht mit fleischlichen Mit-
eigenen Geschöpfe ist der größte Wider- teln errungen. Wenn man sich im geistli-
sinn der Geschichte. Wenn wir nicht um chen Kampf auf materielle Waffen ver-
die Verdorbenheit des Menschen wüß- läßt, dann ruft man Katastrophen gerade-
ten, könnten wir uns diesen gemeinen, zu herbei. Mögen die Feinde des Reiches
unentschuldbaren Verrat des Judas nicht Schwerter gebrauchen, sie werden
erklären. schließlich geschlagen werden. Der Sol-
26,47 Während Jesus noch redete, dat Christi sollte sich auf das Gebet, das
kam Judas »und mit ihm eine große Men- Wort Gottes und die Macht eines geister-
ge mit Schwertern und Stöcken«. Sicher- füllten Lebens verlassen.
lich waren die Waffen nicht Judas' Idee Wir erfahren von dem Arzt Lukas, daß
gewesen, denn er hatte noch nie gesehen, Jesus das Ohr von Malchus – denn so hieß
daß sich der Herr gewehrt oder zurück- der verletzte Knecht – heilte (Lk 22,51; Joh
geschlagen hätte. Vielleicht bedeuteten 18,10). Ist das nicht ein wunderbarer Gna-
die Waffen die Entschlossenheit der denerweis? Er liebte die, die ihn haßten
Hohenpriester und Ältesten, Jesus ohne und war freundlich zu denen, die ihm
Möglichkeit des Entkommens zu fangen. nach dem Leben trachteten.
26,48 Judas plante, einen Kuß zu ver- 26,53.54 Wenn Jesus gewollte hätte,
wenden, damit die Menge Jesus von den hätte er der Menge leicht ohne die Hilfe
andern Jüngern unterscheiden konnte. des Schwertes von Petrus widerstehen
Das allgemeine Liebeszeichen wurde können. Er hätte sofort »mehr als zwölf
hier auf das niedrigste pervertiert. Legionen Engel« anfordern und erhalten
26,49 Als Judas sich dem Herrn können. Aber dadurch wäre Gottes Plan
näherte, sagte er: »Sei gegrüßt, Rabbi!« nur vereitelt worden. Die Schriften muß-
und küßte ihn überschwenglich. Hier ten erfüllt werden: Daß er verraten wür-
werden zwei griechische Worte für unser de, leiden müßte, daß er gekreuzigt und
Wort küssen verwendet. Das erste in Vers wieder auferweckt würde.
48 ist das normale Wort für einen Kuß. 26,55 Dann erinnerte Jesus die Menge
Aber in Vers 49 wird ein stärkeres Wort daran, wie töricht es war, ihn mit Waffen-

146
Matthäus 26

gewalt zu holen. Sie hatten nie gesehen, Feste versammeln. Sie durften keine
daß er sich auf Gewalt verlassen hätte Zeugen bestechen, um einen Meineid zu
oder auf Raub aus gewesen wäre. Statt leisten. Ein Todesurteil durfte nicht aus-
dessen war er ein ruhiger Lehrer, der sich geführt werden, ehe nicht eine weitere
täglich im Tempel aufhielt. Sie hätten ihn Nacht vergangen war. Und ihre Recht-
dort leicht fangen können, hatten es aber sprechung war nicht verbindlich, solan-
nicht getan. Warum kamen sie nun »mit ge sie sich nicht in der »Halle aus gehau-
Schwertern und Stöcken«? Menschlich enem Stein« im Tempelbezirk versam-
gesprochen war ihr Verhalten mehr als melten. Aber sie wollten Jesus gerne
irrational. schnell loswerden, und so zögerte das
26,56 Doch erkannte der Retter, daß jüdische Establishment nicht, seine eige-
die Bosheit des Menschen nur soviel aus- nen Gesetze zu brechen.
richten konnte, wie sie den Plan Gottes 26,58 Kaiphas war der Vorsitzende
erfüllte. »Aber dies alles ist geschehen, des Gerichtes. Der Sanhedrin übte sein
damit die Schriften der Propheten erfüllt Amt offensichtlich als Ankläger und zu-
werden.« Als die Jünger erkannten, daß gleich als die Geschworenen aus, eine, um
es für ihren Meister kein Entkommen es vorsichtig auszudrücken, ungewöhnli-
gab, verließen sie ihn alle und flohen er- che Kombination. Jesus war der Ange-
schreckt. Wenn ihre Feigheit nicht zu ent- klagte. Und Petrus war Zuschauer – aus
schuldigen war, so ist es unsere noch viel sicherer Entfernung, denn er »setzte sich
weniger. Sie hatten noch nicht den Heili- zu den Dienern, um das Ende zu sehen«.
gen Geist, den wir jedoch empfangen 26,59-61 Die jüdischen Führer hatten
haben. es schwer, falsche Zeugen gegen Jesus
aufzustellen. Sie wären sicher erfolgrei-
I. Jesus vor Kaiphas (26,57-68) cher gewesen, hätten sie ihre wichtigste
26,57 Es gab zwei Hauptverhandlungen Verpflichtung im Prozeß wahrgenommen
Jesu: Einen religiösen Prozeß vor den und Beweise für Jesu Unschuld gesucht.
jüdischen Führern, und einen Zivilpro- Schließlich gaben zwei falsche Zeugen
zeß vor der römischen Verwaltung. Jesu Worte verzerrt wieder. Eigentlich
Wenn man die Berichte der vier Evange- hatte Jesus gesagt: »Brecht diesen Tempel
lien zusammen sieht, erkennt man, daß ab, und in drei Tagen werde ich ihn auf-
jeder Prozeß drei Stufen hatte. Der richten« (Joh 2,19-21). Nach diesen Zeu-
Bericht von Johannes über den jüdischen gen jedoch hatte er damit gedroht, den
Prozeß zeigt, daß Jesus zuerst zu Han- Tempel in Jerusalem zu zerstören, um ihn
nas, dem Schwiegervater des Kaiphas dann wieder aufzubauen. In Wahrheit
geführt wurde. Der Bericht des Matthäus hatte er jedoch seinen eigenen Tod und
beginnt mit der zweiten Stufe bei »Kai- seine Auferstehung vorhergesagt. Die
phas, dem Hohenpriester«. Der Sanhe- Juden benutzten nun diese Voraussage
drin war dort versammelt. Normalerwei- als Entschuldigung für ihren Mord.
se wurde Angeklagten die Gelegenheit 26,62.63 Zu diesen Anklagen sagte
gegeben, ihre Verteidigung vorzuberei- der Herr Jesus nichts. »Wie ein Schaf, das
ten. Aber die verzweifelten religiösen stumm ist vor seinen Scherern; und er tat
Führer führen ihr Vorhaben schnell aus. seinen Mund nicht auf« (Jes 53,7). Der
Sie verweigerten ihm in jeder Hinsicht Hohepriester, der sich durch sein
eine faire Verhandlung. Schweigen irritieren ließ, drängte ihn zu
In dieser Nacht zeigten die Pharisäer, einer Aussage, doch noch immer sagte
Sadduzäer, Schriftgelehrten und Älte- der Retter nichts. Da sagte der Hoheprie-
sten, aus denen sich der Sanhedrin zu- ster zu ihm: »Ich beschwöre dich bei dem
sammensetzt, eine ausgesprochene Miß- lebendigen Gott, daß du uns sagst, ob du
achtung der Regeln, nach denen sie sonst der Christus bist, der Sohn Gottes!« Das
vorzugehen hatten. Sie durften sich nicht mosaische Gesetz verlangte, daß ein Jude
nachts und zu keinem der jüdischen Zeugnis ablegt, sobald er vom Hohen-

147
Matthäus 26

priester unter Eid genommen wurde indem sie ihn aufforderten, zu sagen,
(3. Mose 5,1). wer ihn geschlagen habe. Ihr gesamtes
26,64 Da Jesus ein gehorsamer Jude Vorgehen war nicht nur ungesetzlich,
und unter das Gesetz gestellt war, ant- sondern ein einziger Skandal.
wortete er: »Du hast es gesagt.« Dann
bestätigte er mit eindeutigen Worten, J. Petrus verleugnet Jesus und weint
daß er göttlich und der Messias ist: bitterlich (26,69-75)
»Doch ich sage euch: Von nun an werdet 26,69-72 Die dunkelste Stunde im Leben
ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen des Petrus war nun gekommen. Als er im
zur Rechten der Macht und kommen auf Hof saß, kam eine junge Frau und klagte
den Wolken des Himmels.« Im Prinzip ihn an, zu Jesus zu gehören. Er verneinte
sagte er damit: »Ich bin der Christus, der heftig und prompt: »Ich weiß nicht, was
Sohn Gottes, wie du gesagt hast. Meine du sagst.« Dann ging er in das Torgebäu-
Herrlichkeit verbirgt sich jetzt in einem de, vielleicht, damit man sich nicht wei-
menschlichen Körper und ich sehe aus ter um ihn kümmerte. Aber ein anderes
wie jeder andere Mensch. Du siehst mich Mädchen sagte öffentlich von ihm, daß er
in den Tagen meiner Erniedrigung. Aber einer von denen gewesen sei, die »mit
der Tag kommt, an dem ihr Juden mich Jesus, dem Nazaräer« gegangen seien.
als den Verherrlichten sehen werdet, in Diesmal schwur er, daß er »den Men-
jeder Hinsicht Gott gleich, sitzend zu sei- schen« nicht kenne. »Der Mensch« war
ner Rechten und in den Wolken des sein Meister.
Himmels wiederkommend.« 26,73.74 Wenig später kamen einige
In Vers 64 wird zunächst Kaiphas der Umstehenden und sagten: »Wahrhaf-
angesprochen, dann jedoch die Juden, tig, auch du bist einer von ihnen, denn
die für diejenigen Israeliten stehen, die auch deine Sprache verrät dich.« Jetzt
zur Zeit der Wiederkunft Christi in Herr- genügte einfaches Leugnen nicht mehr,
lichkeit noch leben und die deutlich diesmal verstärkte er seine Aussage mit
sehen werden, daß er der Sohn Gottes ist. Verwünschungen und Schwüren: »Ich
Lenski schreibt: »Manchmal wird ge- kenne diesen Menschen nicht!« Und als
sagt, Jesus habe sich niemals ›Sohn Got- ob er nur auf diesen Satz gewartet hätte,
tes‹ genannt. Hier sagt er unter Eid aus, »krähte der Hahn«.
50)
daß er kein Geringerer ist.« 26,75 Der vertraute Ton durchschnitt
26,65-67 Kaiphas begriff sehr gut. nicht nur die Stille der Morgenstunde,
Jesus hatte auf eine messianische Prophe- sondern auch das Herz des Petrus. Der
zeiung Daniels angespielt: »Ich schaute in aufgeblasene Jünger erinnerte sich dar-
Gesichten der Nacht: und siehe, mit den an, was sein Herr gesagt hatte, »ging hin-
Wolken des Himmels kam einer wie der aus und weinte bitterlich«.
Sohn eines Menschen. Und er kam zu dem Es gibt einen scheinbaren Wider-
Alten an Tagen, und man brachte ihn vor spruch zwischen den einzelnen Evange-
ihn« (Dan 7,13). Die Reaktion des Hohen- lien bezüglich der Anzahl und der Zeit
priester beweist, daß er Jesu Anspruch der einzelnen Leugnungen. In Matthäus,
verstand, Gott gleich zu sein (s. Joh 5,18). Lukas und Johannes wird berichtet, daß
Er zerriß seine Priesterkleidung zum Zei- Jesus sagt: »Ehe der Hahn kräht, wirst du
chen, daß der Zeuge Gott gelästert hatte. mich dreimal verleugnen« (Matth 26,34;
Seine brennenden Worte an den Sanhe- s. a. Lk 22,34; Joh 13,38). In Markus sagt
drin sprachen Jesus praktisch schuldig. Jesus voraus: »ehe der Hahn zweimal
Als er nach ihrem Urteil fragte, antworte- kräht, wirst du mich dreimal verleug-
ten sie: »Er ist des Todes schuldig.« nen« (Mk 14,30).
26,68 Der zweite Teil des Prozesses Vielleicht gab es mehr als einen
endete damit, daß die Richter Jesus Hahn, der gekräht hat, einer in der
schlugen und ihn anspuckten. Einige Nacht, ein anderer in der Dämmerung.
verhöhnten seine Macht als Messias, Es ist auch möglich, daß die Evangelien

148
Matthäus 26 und 27

von sechs verschiedenen Leugnungen beitet hatten, wollten mit der Sache nun
berichten. Er verleugnetete Christus vor: nichts mehr zu tun haben. Das ist der
1. einer jungen Frau (Matth 26,69.70), Lohn des Verrates. Judas bereute seine
2. einer anderen jungen Frau (Matth 26, Tat, aber das war nicht die göttliche
71.72), Buße, die zur Bekehrung führt. Er bereu-
3. vor den Umstehenden (Matth 26,73. te die Tat wegen ihrer Folgen. Er war
74; Mk 14,70.71), weiterhin nicht gewillt, Jesus Christus als
4. einem Mann (Lk 22,58), Herrn und Retter anzuerkennen.
5. einem anderen Mann (Lk 22,59.60), 27,5 In seiner Verzweiflung warf er
6. vor einem Knecht des Hohenpriesters »die Silberlinge in den Tempel«, wohin
(Joh 18,26.27). nur die Priester gehen konnten. Dann
Wir glauben daß dieser Knecht ein brachte er sich um. Wenn wir diesen
anderer als die anderen sein muß, denn Bericht mit dem in Apostelgeschichte
er sagte: »Sah ich dich nicht in dem Gar- 1,18 vergleichen, dann können wir
ten bei ihm?« Von den anderen wird das schließen, daß er sich an einem Baum
nicht ausgesagt. aufhängte und entweder der Ast brach
oder das Seil riß, worauf sein Körper in
K. Die Verhandlung am Morgen vor einen Abgrund fiel und aufplatzte, so
dem Sanhedrin (27,1.2) daß seine Eingeweide heraustraten.
27,1.2 Die dritte Phase des religiösen Pro- 27,6 Die eigentlichen Schuldigen wa-
zesses fand am Morgen vor dem Sanhe- ren die Hohenpriester, die nun zu »geist-
drin statt. Kein Fall durfte am gleichen lich« waren, das Geld »in den Tempel-
Tag abgeschlossen werden, an dem er schatz zu werfen, weil es Blutgeld ist«.
begonnen worden war, es sei denn, der Aber sie hatten dieses Geld gegeben, da-
Angeklagte wurde freigesprochen. Ehe mit ihnen der Messias übergeben würde.
das Urteil verkündet wurde, sollte eine Das schien sie jedoch nicht zu stören. Wie
Nacht vergehen, »damit Gefühle der der Herr gesagt hatte, hielten sie die
Gnade Zeit haben, zu entstehen«. In die- Außenseite des Bechers rein, doch inner-
sem Falle scheint es so, als ob die religiö- lich waren sie voller Hinterlist, Verrat
sen Führer jede Regung der Barmherzig- und Mord.
keit ausschließen wollten. Immerhin 27,7-10 Sie verwendeten das Geld,
kamen sie zu einer morgendlichen Sit- um den Acker eines Töpfers zu kaufen,
zung zusammen, um ihrem Urteil auch auf dem dann unreine Heiden beerdigt
Gültigkeit zu verleihen, denn nächtliche werden sollten. Sie wußten ja nicht, wie-
Prozesse waren verboten. viele Heiden in ihr Land strömen und
Unter der römischen Verwaltung hat- ihre Straßen mit Blut besprengen wür-
ten die Juden nicht das Recht, ein Todes- den. Für dieses schuldige Volk ist er seit-
urteil zu fällen. Deshalb führten sie Jesus dem der »Blutacker« geworden.
nun schnell vor den »Statthalter Pontius Die Hohenpriester erfüllten unwis-
Pilatus«. Obwohl sie die Römer sehr haß- sentlich die Prophezeiung Sacharjas, daß
ten, waren sie doch gewillt, diese zu be- mit dem Lohn etwas von einem Töpfer
nutzen, um ihren größeren Haß zu stillen. gekauft werden würde (Sach 11,12.13).
In der Gegnerschaft gegen Jesus werden Erstaunlicherweise gibt es für den Ab-
die größten Feinde zu Freunden. schnitt bei Sacharja eine zweite Lesart,
dort steht »Schatz« statt »Töpfer«.
L. Judas Reue und Tod (27,3-10) Die Priester scheuten sich, das Blutgeld in
27,3.4 Judas erkannte seine Sünde, daß er den Tempelschatz zu tun, und so erfüllten sie
»schuldloses Blut überliefert« hatte. Des- die Weisagung der anderen Lesart, indem sie
halb wollte er das Geld den Hohenprie- es dem Töpfer für sein Feld gaben. (Aus dem
stern und Ältesten zurückbringen. Diese englischen Material des Bibellesebundes.)
Erzverräter, die nur wenige Stunden Matthäus schreibt diese Prophezei-
zuvor eifrig mit Judas zusammengear- ung Jeremia zu, während sie offensicht-

149
Matthäus 27

lich aus Sacharja stammt. Er nennt hier Mordes schuldig gemacht hatte (Mk 15,7).
wahrscheinlich Jeremia als Autor, weil Als Rebell gegen die römische Herrschaft
dieser Prophet als erster in der von ihm war er womöglich bei seinen Landsleuten
benutzten und zitierten Buchrolle stand. beliebt. Als Pilatus das Volk deshalb vor
Dies war nach der alten Anordnung so, die Wahl stellte, entweder Jesus oder Bar-
wie sie in vielen hebräischen Manuskrip- rabas freizulassen, riefen sie nach dem
ten erhalten und aus der talmudischen letzteren. Der Statthalter war nicht er-
Tradition geläufig ist. Eine ähnliche Ver- staunt und wußte, daß die öffentliche
wendung finden wir in Lukas 24,44, wo Meinung von den Hohenpriestern beein-
das Buch der Psalmen als Bezeichnung flußt worden war, die Jesus beneideten.
für den ganzen dritten Abschnitt des 27,19 Die Vorgänge wurden einen
hebräischen Kanons dient. Augenblick durch einen Boten von Pila-
tus' Frau unterbrochen. Sie bat ihren Ehe-
M. Jesus wird das erste Mal vor Pilatus mann inständig, sich auf diese Sache mit
geführt (27,11-14) Jesus nicht einzulassen, weil sie einen
27,11-14 Die wirklichen Anklagen der sehr beunruhigenden Traum über ihn
Juden gegen Jesus waren religiöser Natur, gehabt hatte.
und die Verhandlung geschah auf dieser 27,20-23 Hinter den Kulissen aber
Basis. Aber religiöse Anklagen hatten vor redeten die Hohenpriester und Ältesten
der römischen Gerichtsbarkeit kein Ge- für die Befreiung des Barrabas und für
wicht. Das wußten sie, deshalb brachten den Tod Jesu. Als Pilatus das Volk
sie drei politische Anklagen gegen ihn vor, nochmals fragte, welchen er freigeben sol-
als sie ihn vor Pilatus brachten (Lk 23,2): le, riefen sie deshalb nach dem Mörder.
1. Er war ein Revolutionär, der eine Ge- Pilatus fragte aus seiner Unentschlossen-
fahr für das Römische Reich darstellte, heit heraus: »Was soll ich denn mit Jesus
2. er brachte Menschen dazu, keine tun, der Christus genannt wird?« Alle
Steuern zu zahlen und gefährdete waren sich einig, daß er gekreuzigt wer-
damit die Einnahmen des Reiches, den sollte, eine Haltung, die Pilatus nicht
3. er behauptete von sich, ein König zu verstand. Warum sollte er gekreuzigt wer-
sein und bedrohte damit die Macht den? Welches Verbrechens hatte er sich
und die Stellung des Kaisers. denn schuldig gemacht? Aber es war zu
Im Matthäusevangelium befragt Pila- spät für eine ruhige Lösung, denn die
tus unseren Herrn wegen der dritten Massenhysterie hatte schon gesiegt. Laut
Anklage. Als Jesus gefragt wurde, ob er tönte der Schrei: »Er werde gekreuzigt!«
der König der Juden sei, antwortete er, 27,24 Es war für Pilatus offensicht-
daß er es ist. Darauf wurde er von den lich, daß er das Volk nicht besänftigen
Hohenpriestern und Ältesten mit Ankla- konnte und ein Aufruhr drohte. So
gen überschüttet. Pilatus wunderte sich wusch er vor der Menge seine Hände
sehr, warum der Angeklagte schwieg und erklärte sich unschuldig am Blut des
und keine der Anklagen auch nur einer Angeklagten. Aber Wasser wird niemals
Antwort für würdig befand. Wahrschein- die Schuld des Pilatus beim größten
lich hatte der Statthalter bisher nieman- Justizskandal der Geschichte weg-
den gesehen, der bei solchen Angriffen waschen können.
schweigen konnte. 27,25 Die Menge, die zu aufgebracht
war, um noch an Schuld zu denken, nahm
N. Jesus oder Barrabas? (27,15-26) die Schuld gerne auf sich: »Sein Blut kom-
27,15-18 Es war bei den Römern üblich, me über uns und über unsere Kinder!«
die Juden ruhig zu halten, indem sie zur Seit dieser Zeit stolpert das Volk der Ju-
Passahzeit einen jüdischen Gefangenen den aus Gettos in Verfolgungen, aus Kon-
freiließen. Einer der dafür in Frage zentrationslagern in Gaskammern und
kommenden Gefangenen war Barrabas, leidet ständig für die schreckliche Blut-
ein Jude, der sich des Aufstandes und des schuld ihres Messias, den sie abgelehnt

150
Matthäus 27

haben. Sie haben noch die schreckliche Sie gaben ihm auch ein Rohr – als
Zeit der Trübsal Jakobs vor sich – die sie- Königszepter. Sie wußten nicht, daß die
ben Jahre der Drangsalszeit, die in Mat- Hand, die dieses Rohr hielt, die Hand ist,
thäus 24 und Offenbarung 6 – 19 beschrie- die die Welt regiert. Die nageldurchgra-
ben werden. Der Fluch wird bleiben, bis bene Hand Jesu hält jetzt das Zepter der
sie den Jesus, den sie abgelehnt haben, als unumschränkten Herrschaft.
ihren Messias-König anerkennen. »Sie fielen vor ihm auf die Knie« und
27,26 Pilatus gab Barrabas frei, und redeten ihn als König der Juden an. Damit
seitdem hat sein Geist die Welt beherrscht. nicht zufrieden, spuckten sie dem einzi-
Der Mörder sitzt noch immer auf dem gen vollkommenen Menschen ins Ge-
Thron und der gerechte König wird abge- sicht, der je gelebt hat, »nahmen das Rohr
lehnt. Danach wurde, wie es üblich war, und schlugen ihn auf das Haupt«.
der Verurteilte gegeißelt. Eine große Le- Alles ertrug Jesus geduldig, er sagte
derpeitsche, in die kleine Metallstücke kein Wort. »Denn betrachtet den, der so
eingearbeitet worden waren, fiel auf Jesu großen Widerspruch von den Sündern
Rücken nieder, wobei jeder Schlag die gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht
Haut aufriß und Ströme von Blut flossen. ermüdet und in euren Seelen ermattet«
Nun gab es für den rückgratlosen Statt- (Hebr 12,3).
halter nichts mehr zu tun, außer ihn den 27,31 Schließlich zogen sie ihm »seine
Soldaten zur Kreuzigung zu überliefern. eigenen Kleider an; und sie führten ihn
ab, um ihn zu kreuzigen«.
O. Die Soldaten verspotten Jesus
(27,27-31) P. Die Kreuzigung des Königs
27,27.28 Die Soldaten des Statthalters (27,32-44)
nahmen Jesus nun in das Prätorium, den 27,32 Einen Teil des Weges trug unser
Palast des Pilatus, und »versammelten Herr selbst das Kreuz (Joh 19,17). Dann
um ihn die ganze Schar« – wahrschein- zwangen sie einen Mann mit Namen
lich einige hundert Männer. Man kann Simon (aus Kyrene in Nordafrika) es für
sich kaum vorstellen, was dann folgte! ihn zu tragen. Einige sind der Meinung,
Der Schöpfer und Erhalter des Univer- daß er ein Jude war, andere halten ihn für
sums wurde auf unerhörte Weise von einen Schwarzen. Wichtig ist, daß er das
den grausamen, gemeinen Soldaten ent- wunderbare Vorrecht hatte, das Kreuz zu
ehrt – von seinen unwürdigen, sündigen tragen.
Geschöpfen. »Sie zogen ihn aus und leg- 27,33 Golgatha ist der aramäische
ten ihm einen scharlachroten Mantel Begriff für »Schädel«. Der Name »Kalva-
um.« Damit wollten sie einen Königs- rienberg«, der eher selten vorkommt,
mantel nachahmen. Aber dieser Mantel enthält die eingedeutschte lateinische
hat eine Botschaft für uns. Weil Scharlach Übersetzung des griechischen Wortes
mit der Sünde in Verbindung steht kranion. Vielleicht war dieser Hügel wie
(Jes 1,18), liebe ich den Gedanken, daß ein Schädel geformt oder er hieß so, weil
der Mantel für meine Sünden steht, die er eine Hinrichtungsstätte war. Wo dieser
auf Jesus gelegt wurden, damit ich Got- Ort genau liegt, ist heute nicht mit
tes Mantel der Gerechtigkeit angetan Sicherheit zu sagen.
bekommen kann (2. Kor 5,21). 27,34 Ehe er ans Kreuz geschlagen
27,29.30 »Sie flochten eine Krone aus wurde, boten die Soldaten Jesus »mit
Dornen« und drückten sie ihm auf das Galle vermischten Wein« an, ein Betäu-
Haupt. Aber wir blicken hinter ihre rohe bungsmittel für die Verurteilten. Jesus
Verspottung und verstehen, daß er die weigerte sich davon zu trinken. Es war
Krone aus Dornen trug, damit wir die Kro- notwendig, daß er die volle Last der
ne der Gerechtigkeit tragen dürfen. Sie ver- menschlichen Sünde trug, ohne seine
spotteten ihn als König der Sünde, wir Sinne zu betäuben oder die Schmerzen
verehren ihn als Retter der Sünder. zu erleichtern.

151
Matthäus 27

27,35 Matthäus beschreibt die Kreuzi- übergehenden nahmen sich die Zeit, den
gung einfach und emotionslos. Er will Hirten zu verspotten, als er für die Scha-
nicht dramatisch werden, Sensationslust fe starb: »Der du den Tempel abbrichst
liegt ihm fern, auch ergeht er sich nicht in und in drei Tagen aufbaust, rette dich
grausamen Details. Er stellt einfach fest, selbst. Wenn du Gottes Sohn bist, so stei-
daß sie ihn kreuzigten. Und doch wird ge herab vom Kreuz.« Das ist die Sprache
die Ewigkeit selbst die Tiefe dieser Worte rationalistischen Unglaubens. »Wir glau-
nicht ausloten können. ben nur, was wir sehen.« »Steig herab
Wie in Psalm 22,18 vorausgesagt, ver- vom Kreuz«, mit anderen Worten:
teilten die Soldaten seine Kleider. Um »Nimm den Anstoß des Kreuzes weg
das nahtlose Gewand, welches sein gan- und wir werden glauben.« William
zer irdischer Besitz gewesen war, losten Booth sagte einmal: Sie behaupteten, sie
sie. Denney sagt: Das einzige vollkommene würden glauben, wenn er vom Kreuz herun-
Leben, das auf dieser Welt je geführt wurde, terkäme, aber wir glauben, weil er oben blieb.
ist das Leben dessen, der nichts besaß und der 27,41-44 Auch die Hohenpriester,
nichts als die Kleider auf seinem Leib hinter- Schriftgelehrten und Ältesten fielen in
ließ. den Chor mit ein. Ohne Einsicht schrieen
27,36 Die Soldaten waren Vertreter sie: »Andere hat er gerettet, sich selbst
einer Welt der kleinen Leute. Sie hatten kann er nicht retten.« Sie wollten ihn ver-
sicherlich keinen Sinn für den histori- spotten, aber für uns ist es ein Anlaß zum
schen Augenblick. Wenn sie darum Lob:
gewußt hätten, hätten sie sich nicht ein- Sich selbst konnte er nicht retten,
fach hingesetzt, um Wache zu halten, sie Am Kreuz mußte er sterben,
wären niedergekniet, um anzubeten. Sonst gäb' es keine Gnade
27,37 Über dem Haupt Jesu hatten sie Für Sünder, die ihm nah'n
seinen Titel geschrieben: »DIES IST JESUS, Ja, Christus, der Sohn Gottes
DER KÖNIG DER JUDEN.« Die genauen Wor- mußte bluten,
te sind in den einzelnen Evangelien Damit Sünder von der Sünde
51)
etwas unterschiedlich. In Markus heißt befreit würden. Albert Midlane
es: »Der König der Juden« (Mk 15,26), bei Das galt sowohl für Jesus als auch für
Lukas: »Dieser ist der König der Juden« uns. Wir können andere nicht retten,
(Lk 23,38), bei Johannes: »Jesus, der Na- wenn wir noch versuchen, uns selbst zu
zoräer, der König der Juden.« Der Hohe- retten.
priester wandte ein, daß der Titel nicht Die religiösen Führer verhöhnten sei-
den Tatsachen entspräche, sondern nur nen Anspruch, der Retter, der König von
eine Behauptung des Angeklagten sei. Israel und der Sohn Gottes zu sein. Sogar
Pilatus aber setzte sich durch. Die unge- »die Räuber, die mit ihm gekreuzigt wa-
rechtfertigte Anschuldigung war für alle ren«, fielen in die Schmähreden ein. Die
zu sehen – in Hebräisch, Lateinisch und religiösen Führer vereinten sich mit Kri-
Griechisch (Joh 19,19-22). minellen, um ihren Gott zu verhöhnen.
27,38 Der sündlose Sohn Gottes war
von zwei Räubern umgeben. War es nicht, Q. Drei Stunden Dunkelheit (27,45-50)
weil Jesaja 700 Jahre vorher prophezeit 27,45 Alle Leiden und Beschimpfungen,
hatte, er werde sich zu den Verbrechern die er von Menschen zu ertragen hatte,
zählen lassen (Jes 53,12)? Zunächst be- waren verglichen mit dem, was ihn nun
schimpften ihn beide Räuber (V. 44). Aber erwartete, verhältnismäßig harmlos. »Von
einer tat Buße und wurde sofort gerettet, der sechsten Stunde an« (Mittag) »bis zur
schon wenige Stunden später war er mit neunten Stunde« (15 Uhr) »kam eine Fin-
Christus im Paradies (Lk 23,42.43). sternis«, und zwar nicht nur über das
27,39.40 Wenn das Kreuz die Liebe Land Palästina sondern auch über seine
Gottes offenbart, so offenbart es auch die heilige Seele. Während dieser Zeit trug er
Verdorbenheit des Menschen. Die Vor- den unbeschreiblichen Fluch für unsere

152
Matthäus 27

Sünden. In diesen drei Stunden war die mein Leben, um es wiederzunehmen.


Hölle zusammengefaßt, die wir eigentlich Niemand nimmt es von mir, sondern ich
verdient hätten, der Zorn Gottes gegen lasse es von mir selbst. Ich habe Voll-
alle unsere Übertretungen. Wir sehen das macht, es zu lassen, und habe Vollmacht,
nur sehr schwach, wir können einfach es wiederzunehmen« (Joh 10,17.18)?
nicht wissen, was es für ihn bedeutet ha- Der Schöpfer des Universums
ben muß, Gottes gerechte Ansprüche an wurde als Mensch für den Menschen
den Sünder zu erfüllen. Wir wissen nur, zum Fluch gemacht.
daß er in diesen drei Stunden den Preis Den Anspruch des Gesetzes Gottes
bezahlte, die Schuld beglich und das Werk bezahlte er bis zum letzten.
zur Errettung der Menschheit vollendete. Seine heiligen Hände hatten den Zweig
27,46 Etwa um 15 Uhr »schrie Jesus geschaffen,
mit lauter Stimme auf und sagte: Eli, Eli, der die Dornen hervorbrachte, die seine
lama sabachthani? Das heißt: Mein Gott, Stirn krönten.
mein Gott, warum hast du mich verlas- Die Nägel wurden aus Minen gewonnen,
sen?« Die Antwort finden wir in Psalm deren Verstecke er angelegt hatte,
22,4: »Du bist heilig, der du wohnst unter Er hatte auch den Wald geschaffen, in
den Lobgesängen Israels.« Weil Gott hei- dem der Stamm wuchs,
lig ist, kann er Sünde nicht einfach über- an dem sein Leib dann hing.
sehen. Im Gegenteil, er muß sie bestra- Er starb an einem hölzernen Kreuz
fen. Der Herr Jesus hatte keine eigene und hatte doch den Berg gemacht,
Sünde, aber er nahm unsere Sünden auf auf dem es stand.
sich. Als Gott, der Richter, hinabblickte Der Himmel, der sich über ihm
und unsere Sünden auf ihm, dem sünd- verdunkelte,
losen Opfer, liegen sah, zog er sich von war von ihm über der Erde ausgebreitet
dem Sohn seiner Liebe zurück. worden.
27,47.48 Als Jesus schrie: »Eli, Eli . . .«, Die Sonne, die sich vor seinem Angesicht
meinten »einige von den Umstehenden«, verbarg,
er rufe Elia. Ob sie ihn wirklich nicht wurde durch seinen Befehl ans
verstanden hatten oder ob sie ihn ver- Firmament geheftet.
spotteten, ist nicht klar. Einer »nahm Der Speer, der sein kostbares Blut vergoß,
einen Schwamm, füllte ihn mit Essig und wurde in den Feuern Gottes geschmiedet.
steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu Das Grab, in das sein Leib gelegt wurde
trinken«. Nach Psalm 69,22 war das kein war in einen Fels gehauen, den seine
Liebesdienst, sondern zählte zu seinen Hand bereitet hatte.
Leiden. Der Thron, auf dem er jetzt erscheint,
27,49 Die meisten meinten, man solle gehörte ihm von Anbeginn der Welt.
warten, ob Elia die Rolle erfüllen würde, Aber neue Herrlichkeit krönt sein Haupt,
die die jüdische Tradition ihm zuschrieb und vor ihm soll sich jedes Knie beugen.
– nämlich den Gerechten zu Hilfe zu F. W. Pitt
kommen. Aber es war nicht die Zeit der
Wiederkehr Elias (Mal 3,23), sondern der R. Der zerrissene Vorhang (27,51-54)
Zeitpunkt des Todes Jesu. 27,51 Als Jesus starb, zerriß der schwere,
27,50 Nachdem Jesus »wieder mit lau- gewebte Vorhang, der die zwei Haupt-
ter Stimme« geschrieen hatte, gab er den räume des Tempels voneinander trennte,
Geist auf. Der laute Schrei zeigt, daß er in durch eine unsichtbare Hand von oben
Kraft und nicht in Schwäche starb. Die nach unten. Bis dahin hatte dieser Vor-
Tatsache, daß er seine Geist aufgab, hang jeden außer dem Hohenpriester aus
unterscheidet seinen Tod von allen an- dem Allerheiligsten ferngehalten, wo
deren. Wir sterben, weil wir sterben müs- Gott selbst wohnte. Nur ein einziger
sen, er starb, weil er sich dazu entschie- Mensch durfte das Allerheiligste be-
den hatte. Hat er nicht gesagt: »Ich lasse treten, und das auch nur einmal im Jahr.

153
Matthäus 27

Im Hebräerbrief erfahren wir, daß der gedient hatten und dem Herrn den
Vorhang für den Leib Jesu stand. Sein ganzen Weg von Galiläa nach Jerusalem
Zerreißen symbolisierte, daß er seinen gefolgt waren. »Maria Magdalena und
Leib in den Tod gegeben hatte. Durch sei- Maria, des Jakobus und Joses Mutter,
nen Tod haben wir »durch das Blut Jesu und die Mutter der Söhne des Zebedäus«
Freimütigkeit zum Eintritt in das Heilig- waren da, außerdem Salome, die Frau
tum, den er uns bereitet hat als einen des Zebedäus. Die furchtlose Verehrung
neuen und lebendigen Weg durch den dieser Frauen leuchtet mit besonderem
Vorhang – das ist durch sein Fleisch« Glanz hervor. Sie blieben bei Jesus, als
(Hebr 10,19.20). Nun darf der kleinste die männlichen Jünger um ihr Leben lie-
der Gläubigen jederzeit zum Gebet und fen!
Lob in die Gegenwart Gottes kommen.
Aber laßt uns nie vergessen, daß dieses T. Das Begräbnis in Josephs Grab
Vorrecht für einen enormen Preis erlangt (27,57-61)
wurde – das kostbare Blut Jesu. 27,57.58 Joseph von Arimathia, »ein rei-
Der Tod des Sohnes Gottes war auch cher Mann« und Mitglied des Sanhe-
die Ursache für die Auflehnung der drins, hatte an der Entscheidung des
Natur – als ob zwischen der unbelebten Rates, Jesus an Pilatus zu überliefern,
Schöpfung und ihrem Schöpfer ein Mit- nicht teilgenommen (Lk 23,51). Bis zu
fühlen geherrscht hätte. Es gab ein Erd- diesem Zeitpunkt war er ein heimlicher
beben, das Felsen zerriß und viele Gräber Jünger gewesen, doch nun ließ er alle
öffnete. Vorsicht fahren. Mutig ging er zu Pilatus
27,52.53 Man beachte, daß es erst und bat um die Erlaubnis, seinen Herrn
nach der Auferstehung Jesu war, daß die zu begraben. Wir müssen versuchen, uns
in den Gräbern liegenden Menschen auf- das erstaunte Gesicht des Pilatus vorzu-
erstanden und nach Jerusalem kamen, stellen, außerdem die Provokation für
wo sie vielen erschienen. Die Bibel sagt die Juden. Für sie bedeutete diese Bitte,
nicht, ob diese auferstandenen Heiligen daß ein Mitglied des Sanhedrins sich
wieder starben oder mit dem Herrn Jesus öffentlich für den Gekreuzigten einsetz-
in den Himmel auffuhren. te. In Wahrheit begrub Joseph sich selbst
27,54 Das außergewöhnliche Aufbäu- in sozialer, wirtschaftlicher und reli-
men der Natur überzeugte den römi- giöser Hinsicht, als er den Leib Jesu bei-
schen Hauptmann und seine Leute, daß setzte. Diese Handlung trennte ihn für
Jesus der Sohn Gottes war (obwohl im immer von den Herrschenden, die den
Griechischen kein bestimmter Artikel Herrn Jesus getötet hatten.
steht, wird durch die Wortstellung aus- 27,59.60 Pilatus genehmigte die Beer-
gedrückt, daß er der Sohn Gottes war, digung und Joseph konservierte den
52)
nicht ein Sohn Gottes ). Was meinte der Leib liebevoll, indem er ihn »in ein reines
Hauptmann damit? War dies ein volles Leinentuch« wickelte und Kräuter zwi-
Bekenntnis zu Jesus Christus als Herr schen die einzelnen Lagen tat. Dann leg-
und Retter, oder nur die Anerkennung, te er ihn in sein eigenes, neues Grab, daß
daß Jesus mehr als ein normaler Mensch aus dem Felsen ausgehauen war. Die Öff-
gewesen war? Wir wissen es nicht genau. nung des Grabes wurde durch einen
Man sieht, daß die Soldaten von Ehr- großen Stein verschlossen, der die Form
furcht erfüllt waren und erkannt hatten, eines Mühlsteins hatte und hochkant in
daß das Aufbäumen der Natur mit dem einer Laufrinne stand, die ebenfalls in
Tode Jesu zu tun hatte, nicht mit dem Tod den Felsen gehauen war.
derer, die mit ihm gekreuzigt waren. Viele Jahrhunderte zuvor hatte Jesaja
vorausgesagt: »Und man gab ihm bei
S. Die treuen Frauen (27,55.56) Gottlosen sein Grab, aber bei einem Rei-
27,55.56 Die Frauen werden hier beson- chen [ist er gewesen] in seinem Tod«
ders erwähnt, die dem Herrn treu (Jes 53,9). Seine Feinde hatten zweifellos

154
Matthäus 27 und 28

geplant, seinen Leib in das Hinnomtal zu XV. Der Sieg des Königs (Kap. 28)
werfen, um ihn auf dem dort schwelen-
den Abfallhaufen zu verbrennen oder A. Das leere Grab und der auferstan-
von den Füchsen fressen zu lassen. Aber dene Herr (28,1-10)
Gott ließ ihre Pläne mißlingen und 28,1-4 Am Sonntag morgen kamen die
benutzte Joseph, um sicherzustellen, daß zwei Marias noch vor der Dämmerung,
er bei einem Reichen begraben wurde. »um das Grab zu besehen«. Als sie an-
27,61 Nachdem Joseph gegangen kamen, »geschah ein großes Erdbeben;
war, blieben Maria Magdalena und die denn ein Engel des Herrn kam aus dem
Mutter von Jakobus und Joses, um dem Himmel herab, trat hinzu, wälzte den
Grab gegenüber die Totenwache zu hal- Stein weg und setzte sich darauf«. Die
ten. römische Wache, die vor seiner strah-
lenden Erscheinung und den weißen
U. Das bewachte Grab (27,62-66) Kleidern erschrak, fiel in Ohnmacht.
27,62-64 Der erste Tag des Passahfestes, 28,5.6 Der Engel versicherte den
der »Rüsttag« genannt wurde, war der Frauen, daß sie nichts zu fürchten hätten.
Tag der Kreuzigung Jesu. Am nächsten Der, den sie suchten, sei auferstanden,
Tag wurde den Hohenpriestern und Pha- »wie er gesagt hat. Kommt her, seht die
risäern bei der Angelegenheit ungemüt- Stätte, wo der Herr gelegen hat«. Der
lich. Sie erinnerten sich daran, was Jesus Stein war nicht weggerollt worden, um
über seine Auferstehung gesagt hatte den Herrn aus dem Grab zu befreien,
und gingen deshalb zu Pilatus und baten sondern damit die Frauen sehen konn-
um eine Wache für das Grab. Sie sollte ten, daß er auferstanden war.
verhindern, daß seine Jünger den Leib 28,7-10 Der Engel sandte dann die
stehlen und so den Eindruck erwecken Frauen, diese wunderbare Nachricht
könnten, er wäre auferstanden. Wenn schnell zu den Jüngern zu bringen. Der
das passieren würde, so fürchteten sie, Herr lebte wieder und würde sie in Ga-
wäre »die letzte Verführung . . . schlim- liläa treffen. Als sie auf dem Weg waren,
mer . . . als die erste«, d. h. die Nachricht um es den Jüngern zu berichten, erschien
seiner Auferstehung wäre schädlicher, ihnen Jesus und begrüßte sie mit einen
54)
als seine Behauptung, der Messias und einzigen Wort: »Friede.« Sie reagierten,
Sohn Gottes zu sein. indem sie ihm zu Füßen fielen und ihn
27,65.66 Pilatus antwortete: »Ihr habt anbeteten. Dann beauftragte er sie noch
eine Wache. Geht hin, sichert es, so gut einmal selbst, den Jüngern zu sagen, daß
ihr könnt!« (nach der englischen KJ- er sie in Galiläa wiedertreffen wolle.
Übersetzung). Das kann bedeuten, daß
sie schon eine Wache zugeteilt bekom- B. Die Soldaten werden bestochen
men hatten oder aber, daß ihnen ihre Bit- (28,11-15)
te gewährt wurde. Lag nicht Ironie in der 28,11 Als die Soldaten wieder aufwach-
Stimme des Pilatus, als er sagte »sichert ten, gingen einige von ihnen kleinlaut zu
es, so gut ihr könnt«? Sie taten ihr Bestes. den Hohenpriestern, um ihnen die Neu-
Sie versiegelten den Stein und plazierten igkeit zu bestellen. Sie hatten ihre Aufga-
die Wache, aber ihre besten Sicherheits- be nicht erfüllt! Das Grab war leer!
vorkehrungen reichten eben doch nicht 28,12.13 Es ist einfach, sich die Bestür-
aus. Unger sagt: zung der religiösen Führer vorzustellen.
Die Vorsichtsmaßnahmen, die seine Fein- Die Priester hielten einen Rat mit den
de trafen – Versiegelung des Grabes, Aufstel- Ältesten, um ihre Strategie zu planen. In
len einer Wache – mußten am Ende dazu die- ihrer Verzweiflung bestachen sie die Sol-
nen, daß Gott die Pläne der Gottlosen daten, die fantastische Geschichte zu
zunichte machte, und brachten den unwider- erzählen, daß, während sie schliefen, die
legbaren Beweis der Auferstehung des Jünger gekommen seien und den Leib
53)
Königs. Jesus gestohlen hätten.

155
Matthäus 28

Diese Erklärung wirft mehr Fragen zum Grab und fanden es leer. Glauben
auf als sie beantwortet. Warum schliefen Sie, daß auch sie zum falschen Grab gin-
die Soldaten, wo sie doch hätten wachen gen? Und noch mehr als das, als sie zum
sollen? Wie konnten die Jünger den Stein Grab kamen und es leer vorfanden, war
wegrollen, ohne sie zu wecken? Wie dort ein Engel, der sagte: »Er ist nicht
konnten alle Soldaten zur gleichen Zeit hier, er ist auferstanden. Siehe da, die
einschlafen? Wenn sie geschlafen hatten, Stätte, wo sie ihn hingelegt hatten.«
woher wußten sie dann, daß die Jünger Glauben Sie, daß der Engel auch zum
den Leib gestohlen hatten? Wenn wahr falschen Grab kam? Vergessen sie aber
war, was sie erzählten, warum mußten nicht, daß intelligente Menschen diese
sie dann bestochen werden, um es zu Theorien erdacht haben. Diese sind völlig
erzählen? Wenn die Jünger den Leib aus der Luft gegriffen.
gestohlen haben, warum haben sie sich 2. Andere habe vorgeschlagen, daß Jesus
dann die Zeit genommen, das Grabtuch nicht gestorben ist, sondern nur ohn-
zu entfernen und das Schweißtuch zu- mächtig wurde und dann irgendwie im
sammenzufalten (Lk 24,12; Joh 20,6.7)? kühlen Grab wieder aufgewacht und her-
28,14 In Wirklichkeit wurden die Sol- ausgekommen sei. Sie hatten einen gro-
daten bezahlt, eine Geschichte zu er- ßen schweren Stein vor sein Grab ge-
zählen, die ihnen selbst gefährlich wer- wälzt, der zudem noch mit dem römi-
den konnte, denn Schlafen im Dienst schen Siegel verschlossen war. Niemand
stand im Römischen Reich unter Todes- im Grab konnte diesen Stein je weggerollt
strafe. Deshalb mußten die jüdischen haben, der in einer Rinne lag, die in der
Führer versprechen, für sie einzutreten, Mitte eine Vertiefung zur Sicherung des
»wenn dies dem Statthalter zu Ohren Steines hatte. Er wäre als Verletzter, der
kommen sollte«. viel Blut verloren hatte, nie aus dem Grab
Der Sanhedrin lernte bald, daß sich herausgekommen.
Wahrheit zwar immer selbst beweist, Die einfache Wahrheit ist, daß die Aufer-
aber daß eine Lüge von vielen anderen stehung des Herrn Jesus eine wohlbezeugte
Lügen gestützt werden muß. geschichtliche Tatsache ist. Er zeigte sich sei-
28,15 Dennoch hält sich diese nen Jüngern nach seinem Leiden durch viele
Geschichte »bei den Juden bis auf den unbestreitbare Beweise als der Lebendige.
heutigen Tag«, und auch bei den Heiden. Man denke an seine vielen in der Bibel ein-
Und es gibt noch andere Mythen. Wilbur zeln aufgeführten Erscheinungen vor seiner
Smith faßt zwei von ihnen zusammen: Himmelfahrt:
1. Als erstes ist behauptet worden, daß die 1. Vor Maria Magdalena (Mk 16,9-11).
Frauen zum verkehrten Grab gegangen 2. Vor den Frauen (Matth 28,8-10).
waren. Wir wollen darüber einen Augen- 3. Vor Petrus (Lk 24,34).
blick nachdenken. Würden Sie das Grab 4. Vor den beiden Jüngern auf der Straße
des innig Geliebten nach der Zeit von nach Emmaus (Lk 24,13-35).
Freitag bis Sonntag morgen verfehlen 5. Vor allen Jüngern außer Thomas
können? Außerdem war dies kein Fried- (Joh 20, 19-25).
hof. Es war ein privater Garten. Es gab 6. Vor allen Jüngern einschließlich Thomas
dort kein anderes Grab. (Joh 20,26-31).
Nehmen wir einmal an, es habe doch noch 7. Vor den sieben Jüngern am See Geneza-
andere Gräber dort gegeben, auch wenn reth (Joh 21).
es nicht so war. Man stelle sich nun vor, 8. Vor über 500 Gläubigen (1. Kor 15,7).
daß die Frauen mit ihren tränennassen 9. Vor Jakobus (1. Kor 15,7).
Augen herumstolperten und ins falsche 10. Vor den Jüngern auf dem Ölberg
Grab geraten wären. Lassen wir das ein- (Apg 1,3-12).
mal für die Frauen gelten. Aber die hart- Einer der großen Grundpfeiler unseres
gesottenen Fischer Simon Petrus und christlichen Glaubens sind die historischen
Johannes, die nicht weinten, gingen auch Beweise für die Auferstehung des Herrn Jesus

156
Matthäus 28

Christus. Hier können Sie und ich einen fest- 2. Tauft sie »auf den Namen des Vaters
en Stand haben, um für den Glauben zu kämp- und des Sohnes und des Heiligen
fen, weil wir eine Sachlage vorfinden, der Geistes«. Die Verantwortung liegt bei
nicht widersprochen werden kann. Sie kann den Botschaftern Christi, über die
55)
geleugnet, aber nicht widerlegt werden. Taufe zu lehren und sie als Befehl dar-
zustellen, dem man gehorsam sein
C. Die große Aussendung (28,16-20) muß. In der Gläubigentaufe bekennt
28,16.17 In Galiläa erschien der auferstan- sich der Christ öffentlich zum dreiei-
dene Herr Jesus den Jüngern auf einem nen Gott. Er erkennt an, daß Gott sein
nicht näher genannten Berg. Das ist die Vater ist, daß Jesus Christus sein Herr
gleiche Erscheinung, wie sie in Markus und Retter ist, und daß der Heilige
16,15-18 und in 1. Korinther 15,6 berichtet Geist in ihm wohnt, ihm Kraft gibt
wird. Welch ein wunderbares Wie- und ihn lehrt. Das Wort »Name« in
dersehen! Seine Leiden waren für immer Vers 19 steht in der Einzahl. Ein
vollendet. Weil er lebte, würden auch sie Name oder Wesenheit, aber drei Per-
leben. Er stand vor ihnen in seinem ver- sonen – Vater, Sohn und Heiliger
herrlichten Leib. Sie beteten diesen leben- Geist.
digen, liebevollen Herrn an – obwohl 3. Lehrt sie »alles zu bewahren, was ich
noch immer Zweifel an einigen nagte. euch geboten habe!« Dieser Auftrag
28,18 Dann erklärte der Herr, daß ihm geht über die Evangelisation hinaus.
»alle Macht im Himmel und auf Erden« Es ist nicht genug, einfach möglichst
gegeben sei. In gewissem Sinne hatte er viele zu »bekehren« und sie dann für
diese Macht schon immer gehabt. Aber sich allein kämpfen zu lassen. Sie
er sprach nun von seiner Macht als müssen gelehrt werden, den Geboten
Haupt der neuen Schöpfung. Seit seinem Christi zu gehorchen, wie wir sie im
Tod und seiner Auferstehung hatte er die NT finden. Das Wesen der Jünger-
Macht, allen, die ihm Gott gegeben hat, schaft besteht darin, wie der Meister
ewiges Leben zu geben (Joh 17,2). Schon zu werden, und das erreicht man
immer hatte er die Macht als Erstgebore- durch systematische Lehre des Wor-
ner der Schöpfung. Aber nun hatte er das tes Gottes und durch Unterwerfung
Werk der Erlösung vollbracht und hat unter dieses Wort.
auch die Macht als der Erstgeborene aus Dann fügte der Retter noch die Ver-
den Toten – »damit er in allem den Vor- heißung seiner ständigen Gegenwart bei
rang habe« (Kol 1,15.18). den Jüngern hinzu, bis dieses Zeitalter
28,19.20 Als Haupt der neuen Schöp- vollendet ist. Sie brauchten nicht allein
fung gab er dann den großen Auftrag und ohne Führung zu gehen. Bei all ihren
weiter, der praktisch die »Geschäftsord- Diensten und Reisen konnten sie sich der
nung« für alle Gläubigen in der gegen- Gemeinschaft des Sohnes Gottes sicher
wärtigen Phase des Reiches bildet – der sein.
Zeit zwischen der Ablehnung des Königs Viermal haben wir hier das Wort
und seiner Wiederkunft. »alle«: Alle Macht, alle Nationen, alles
Der Auftrag enthält drei Befehle, kei- bewahren und alle Tage.
ne Bitten: So endet dieses Evangelium mit der
1. »Geht nun hin und machte alle Natio- Aussendung und dem Trost von unse-
nen zu Jüngern.« Dies geht nicht rem herrlichen Herrn. Fast zwei Jahrtau-
davon aus, daß sich die ganze Welt sende später haben seine Worte noch die
bekehrt. Indem sie das Evangelium gleiche Stichhaltigkeit, Bedeutung und
predigten, sollten die Jünger andere Anwendung. Die Aufgabe ist noch
Menschen dazu bringen, Schüler immer nicht vollbracht.
oder Nachfolger des Retters zu wer- Was tun wir, um seinen letzten Befehl
den – Menschen aus jedem Volk, auszuführen?
Stamm, jeder Nation und Sprache.

157
Anmerkungen

Anmerkungen wohl der Textus Receptus etwas an-


deres sagt, sind sie meist im Recht. In
solchen Fällen hat die Tradition der
1) (1,1)Jahwe oder Jehova ist die deut- KJ wenig textliche Unterstützung.
sche Form des hebräischen Gottes- 10) (7,28.29) Jamieson, Fausset and Bro-
namens jhwh, der normalerweise mit wn, Critical and Explanatory Commen-
»HERR« übersetzt wird. Eine ähnli- tary on the New Testament, Bd. V, S. 50.
che Situation haben wir bei dem 11) (8,2) Einige Formen des Aussatzes
Namen Jesus, der deutschen Form sind nicht mit der Lepra identisch,
des hebräischen Namens Jeschua. die auch unter dem Namen »Han-
2) (4,2.3) Konditional I, ei wird mit dem sensche Krankheit« bekannt ist. Im
Indikativ verwendet. Man kann hier 3. Buch Mose gehören zum Aussatz
umschreiben: »Wenn, und davon sogar Phänomene, die ein Haus oder
gehe ich aus, du der Sohn Gottes ein Kleidungsstück befallen können.
bist« oder »Weil du der Sohn Gottes 12) (8,16,17) Arno C. Gaebelein, The Gos-
bist«. pel of Matthew, S. 193.
3) (Exkurs) Eine »Haushaltung« ist eine 13) (8,26) Nestlé-Aland liest Gadarener.
Verwaltung oder Amtszeit. Sie Die Namen der Stadt und der Region
beschreibt die Weisen Gottes, die er könnten sich ein wenig überschnei-
gebraucht, um mit dem Menschen den.
zu einem geschichtlichen Zeitpunkt 14) (9,16) Gaebelein, Matthäus, S. 193.
umzugehen. Das Wort bedeutet 15) (9,17) W. L. Pettingill, Simple Studies
nicht eine Zeitspanne an sich, son- in Matthew, S. 111-112.
dern eher ein göttliches Programm, 16) (10,8) Die Mehrheit der Handschrif-
das während dieser Zeitspanne gül- ten läßt »Tote auferwecken« hier aus.
tig ist. 17) (10,21): J. C. Macauley, Obedient Unto
4) (5,13) Albert Barnes, Notes on the New Death: Devotional Studies in John's
Testament, Mathew and Mark, S. 47. Gospel, Band II, S. 59.
5) (5,22) Der kritische Text (Nestlé- 18) (10,41) A. T. Pierson, »The Work of
Aland) läßt die Worte »ohne Grund« Christ for the Believer«, in: The Mini-
aus, womit jede Form des Zorns aus- stry of Keswick, First Series, S. 114.
geschlossen wäre. 19) (11,27) Alva J. Gospel McClain, The
6) (5,44-47) Der kritische Text liest Greatness of the Kingdom, S. 311.
»Heiden« statt »Zöllner«. 20) (11,30) J. H. Jowett, Zitiert nach »Our
7) (5,44-47) Der Mehrheitstext, der sich Daily Bread«.
auf die Mehrheit der Zeugen stützt, 21) (12,8) E. W. Rogers, Jesus, der Chri-
hat statt »Brüder« »Freunde«. stus, S. 65-66.
8) (6,13) Einige Gelehrte glauben, daß 22) (12,19): McClain, Kingdom, S. 283.
es sich hierbei um ein liturgisch ver- 23) (12,21) Kleist und Lilly, keine weite-
ändertes Zitat aus 1. Chronika 29,11 ren Angaben verfügbar.
handelt. Das ist jedoch eine reine 24) (12,17) Ella E. Pole, C. I. Scofields Que-
Vermutung. Die traditionelle prote- stion Box, S. 97
stantische Form des Gebets läßt sich 25) (12,34.35) Obwohl NA und der
durchaus glaubwürdig verteidigen. Mehrheitstext »des Herzens« in Vers
9) (7,13.14) Sowohl Nestlé-Aland als 35 auslassen, ist diese Bedeutung in
auch der Mehrheitstext haben hier den Worten enthalten.
einen Ausruf: »Wie eng ist die Pforte 26) (13,13) H. Chester Woodring, unver-
und wie schwer der Weg, und wie öffentlichte Mitschrift einer Vorle-
wenige sind es, die ihn finden.« Wenn sung über Matthäus, Emmaus Bible
die ältesten Manuskripte (normaler- School, 1961.
weise NA) und die Mehrheit der 27) (13,22) G. H. Lang, The Parabolic Tea-
Manuskripte übereinstimmen, ob- ching of Scripture, S. 68.

158
Anmerkungen

28) (13,24-26) Merrill F. Unger, Unger's 45) (24,29) I. Velikovsky, Earth in Uphea-
Bible Dictionary, S. 1145. val, S. 136.
29) (13,33) J. H. Brookes, I Am Coming, S. 46) (24,30) Das gleiche griechische Wort
65. (gé, vgl. das dt. Präfix »geo-«) be-
30) (13,49.50) Gaebelein, Matthew, S. 302. deutet sowohl Land als auch Erde.
31) (14,4.5) Quelle unbekannt. 47) (24,34) F. W. Grant, »Matthäus«,
32) (16,2.3) Natürlich gelten diese Wet- Numerical Bible, The Gospels, S. 230.
tervorzeichen für Israel, nicht jedoch 48) (24,36) NA fügt hier hinzu: »auch
für Mitteleuropa! nicht der Sohn.«
33) (16,7-10) Es kann sein, daß die zwölf 49) (25,28.29) A. T. Pierson, keine weite-
kophinoi weniger fassen konnten als ren Angaben verfügbar.
die sieben spurides bei der Speisung 50) (26,64) R. C. H. Lenski, The Interpre-
der 4000. tation of St. Matthew's Gospel, S. 1064.
34) (16,17.18) G. Campbell Morgan, Das 51) (27,37) Wenn man alle zitierten Teile
Evangelium nach Matthäus, S. 211. zusammentut, ergibt sich: »Dies ist
35) (16,19) Charles C. Ryrie (Hrsg), The Jesus von Nazareth, der König der
Ryrie Study Bible, New King James Ver- Juden.« Eine andere Möglichkeit ist,
sion, S. 1506. daß jeder Evangelist die gesamte
36) (16,20) James S. Steward, The life and Inschrift zitiert, aber jeweils eine
Teaching of Jesus Christ, S. 106. andere Version in einer anderen
37) (16,26) Donald G. Barnhouse, keine Sprache, die leicht unterschiedlich
weiteren Angaben verfügbar. gewesen sein können.
38) (18,11) In NA ist er ausgelassen, ist 52) (27,54) Im Griechischen haben
jedoch in den meisten Handschirften bestimmte prädikative Nomen,
enthalten. wenn sie vor dem Verb stehen, nor-
39) (20,15) James S. Stewart, A Man in malerweise keinen Artikel (Teil der
Christ, S. 252. sogen. »Colwell'schen Regel«).
40) (20,31-34) Gaebelein, Matthew, S. 420. 53) (27,65.66) Merril F. Unger, Unger's
41) (21,6) J. P. Lange, A Commentary on großes Bibelhandbuch, S. 380.
the Holy Scriptures, 25 Bde, Seite 54) (28,8) »Seid gegrüßt« heißt wörtlich
unbekannt. übersetzt »Freut euch!« Das war der
42) (23,9.10) H. G. Weston, Matthew, the übliche griechische Gruß. Hier bei
Genesis of the New Testament, S. 110. der Auferstehung erscheint diese
43) (23,14) Nestlé-Ahland läßt das zwei- wörtliche Übersetzung (Anmer-
te »Wehe« aus. kung der Scofield-Bibel) am pas-
44) (23,25.26) Der Mehrheitstext hat hier sendsten.
Ungerechtigkeit (adiakia) statt Unent- 55) (28,15) Wilbur Smith, »In the Study«,
haltsamkeit (akrasia). Moody Monthly April 1969.

159
Bibliographie

Bibliographie Tasker, R. V. G.,


The Gospel according to St.Matthew, TBC,
Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans
Gaebelein, A. C., Publishing Company, 1961.
The Gospel of Matthew, Thomas, W. H. Griffith,
New York: Loizeaux Bros., 1910. Outline Studies in Matthew,
Kelly, William, Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans
Lectures on Matthew – Gospel, Publishing Company, 1961.
Minneapolis: Augsburg Publishing Weston, H. G.,
House, 1933. Matthew, the Genesis of the New Testament,
Macaulay, J. C., Philadelphia: American Baptist
Behold Your King, Publication Society, o. J.
Chicago: The Moody Bible Institute, Periodica und unveröffentlichtes
1982 Material
Morgan, G. Campbell, Smith, Wilbur,
The Gospel According to Matthew, »In the Study«, Moody Monthly,
New York: Fleming H. Revell Company, April 1969.
1929.
Woodring, H. Chester,
Pettingill, W. L., Aufzeichnung: Vorlesung über
Simple Studies in Matthew, Matthäus, Emmaus Bible School
Harrisburg: Fred Kelker, 1910. (jetzt Emmaus Bible College), 1961.

160
Das Evangelium nach Markus
Markus besitzt eine Frische und Kraft,
die den christlichen Leser ergreift und ihn sich danach sehnen läßt,
mit seinen schwachen Kräften dem Beispiel seines wunderbaren Herrn zu dienen.
August van Ryn

Einführung Eine weitverbreitete Ansicht ist, daß


Markus der junge Mann ist, der nackt
davonläuft (14,51), und daß dies seine
I. Die einzigartige Stellung im Kanon bescheidene Signatur im Buch ist. (Die
Markus ist das kürzeste Evangelium und Titel der Evangelien waren zu Beginn
über neunzig Prozent seines Inhaltes kein Bestandteil der Bücher selbst.) Weil
erscheint auch in Matthäus, Lukas oder Johannes Markus in Jerusalem lebte und
in beiden. Welchen Beitrag leistet Mar- es keinen Grund gibt, diese kleine Ge-
kus, daß wir nicht ohne ihn auskommen? schichte einzufügen, wenn der junge
Als allererstes macht die Kürze und Mann nicht in irgendeinem Zusammen-
journalistische Einfachheit von Markus hang mit dem Evangelium steht, hat die
dieses Evangelium zu einer idealen Ein- Tradition wahrscheinlich recht.
führung in den christlich