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Ein grausamer Tod

Die Folter vor der Kreuzigung


Zuerst wollte ich von Metherell eine Beschreibung der Ereignisse hören, die
zu Jesu Tod führten. Nach etwas Smalltalk stellte ich meinen Eistee ab,
setzte mich in meinen Stuhl und fragte ihn direkt: "Könnten Sie mir
beschreiben, was mit Jesus passierte?"
Er räusperte sich. "Es begann nach dem letzten Abendmahl", sagte er. "Jesus
ging mit seinen Jüngern zum Ölberg, und zwar in den Garten Getsemani. Und
dort, falls Sie sich erinnern, betete er die ganze Nacht. In dieser Nacht
wartete er auf das, was am folgenen Tag geschehen würde. Da er wusste, dass
Schweres auf ihn zukam, war es natürlich dass er großem psychischen Stress
ausgesetzt war."
Ich hob meine Hand, um ihn zu unterbrechen. "Genau hier eröffnet sich
Skeptikern ein breites Angriffsfeld. Die Evangelien berichten uns, dass er
anfing, Blut zu schwitzen. Ist diese Beschreibung nicht einfach das Produkt
übersteigerter Fantasie? Stellt das nicht die Genauigkeit der
Evangelienschreiber in Frage?"
Metherell schüttelte den Kopf. "Nein, überhaupt nicht", antwortete er. "Das
ist ein bekannter medizinischer Befund, die sogenannte
Mikrozirkulationsstörungen. Sie sind nicht sehr häufig, hängen aber mit
extremem psychischen Stress zusammen.
Starke Angstzustände können dazu führen, dass chemische Stoffe freigesetzt
werden, die die Kapillaren in den Schweißdrüsen aufbrechen. Die Folge ist,
dass in diesen Drüsen minimale Blutungen auftreten. Der Schweiß tritt dann
mit Blut vermischt aus. Es geht hier nicht um große Mengen von Blut, sondern
um eine winzige Menge."
Auch wenn mich etwas bremste, hakte ich nach: "Hatte das noch weitere
Auswirkungen auf den Körper?"
"Die Folge davon war, dass die Haut extrem brüchig wurde. Als Jesus am
nächsten Tag von den römischen Soldaten gegeißelt wurde, war seine Haut
sehr, sehr empfindlich."
Ich versuchte, mich gegen die grausamen Bilder zu wappnen, die gleich meinen
Verstand überfluten würden. Als Journalist hatte ich viele Leichen gesehen -
Opfer von Autounfällen, Bränden und Bandenkriegen, aber es war besonders
schrecklich, wenn man hörte, wie jemand mit voller Absicht von Leuten
gequält wurde, die ihn möglichst stark leiden lassen wollten.
"Erzählen Sie mir, wie eine solche Geißelung aussah", sagte ich.
Metherell blickte mir direkt in die Augen: "Römische Geißelungen galten als
besonders brutal. Normalerweise bestanden sie aus 39 Schlägen, aber meistens
waren es viel mehr. Das hing ganz von der Laune des Soldaten ab.
Der Soldat verwendete eine Peitsche aus Lederriemen, in die Metallkugeln
eingeflochten waren. Wenn die Peitsche die Haut traf, verursachten diese
Metallkugeln blaue Flecken oder Blutergüsse, die bei den nächsten Schlägen
aufbrachen. Außerdem waren in die Peitsche scharfe Knochenstückchen
eingeflochten, die das Fleisch aufrissen.
Der Rücken konnte dabei so zerfetzt werden, dass die Wirbelsäule durch die
tiefen Schnitte teilweise frei gelegt war. Die Schläge liefen von den
Schultern über den ganzen Rücken, das Gesäß und die Rückseite der Beine. Es
war schrecklich"
Metherell hielt inne. "Bitte fahren Sie fort", sagte ich.
"Ein Arzt, der sich mit römischen Geißelungen beschäftigt hat, sagte einmal:
'Im fortgesetzten Verlauf der Geißelung wurden die Fleischwunden so tief,
dass sie die tieferen Skelettmuskeln erreichten und sich Streifen von
zuckendem, blutendem Fleisch lösten.' Eusebius, ein Historiker des dritten
Jahrhunderts, beschrieb eine Geißelung folgendermaßen: 'Die Adern des Opfers
lagen bloß und die Muskeln, Sehnen und Eingeweide lagen offen da.'
Wir wissen, dass viele Menschen alleine durch diese Behandlung starben, noch
bevor sie ans Kreuz geschlagen wurden. Doch zumindest litt das Opfer
unermessliche Schmerzen und fiel in einen hypovolämischen Schockzustand."
Metherell hatte einen medizinischen Fachbegriff verwendet, den ich nicht
kannte. "Was bedeutet 'hypovolämisch'?", fragte ich.
"'Hypo' bedeutet 'niedrig', 'vol' ist die Abkürzung von Volumen und 'ämisch'
bedeutet 'Blut'. Ein hypovolämischer Schock bezeichnet die Folgen von hohem
Blutverlust", erklärte er. "Dabei passieren vier Dinge. Erstens rast das
Herz, weil es versucht, BLut zu pumpen, das nicht vorhanden ist. Zweitens
fällt der Blutdruck, was Ohnmacht oder Kollaps zur Folge hat. Drittens
arbeiten die Nieren nicht mehr, um ihr vorhandenes Volumen zu erhalten. Und
viertens wird die Person sehr durstig, weil der Körper sich nach Flüssigkeit
sehnt, um den Blutverlust auszugleichen."
"Finden Sie dafür Beweise in den Evangelienberichten?"
"Ja, ganz eindeutig", erwiderte er. "Jesus befand sich in einem
hypovolämischen Schockzustand, als er auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte am
Calvarienberg unter dem Querbalken des Kreuzes stolperte. Schließlich
kollabierte er und der römische Soldat befahl Simon, das Kreuz für Jesus zu
tragen. An anderer Stelle lesen wir, dass Jesus sagte, dass er Durst hatte,
woraufhin ihm ein mit Essig getränkter Schwamm gereicht wurde.
Wegen der verheerenden Folgen dieser Geißelung kann überhaupt kein Zweifel
daran bestehen, dass sich Jesus schon in einem ernsten, wenn nicht sogar
kritischen Zustand befand, bevor die Nägel in seine Hände und Füße
geschlagen wurden."
Der Todeskampf am Kreuz
Obwohl schon die Beschreibung der Geißelun scheußlich war, wusste ich doch,
dass mir noch eine noch schrecklichere Schilderung bevorstand, denn die
Historiker sind sich darin einig, dass Jesus die Geißelung überlebte und ans
Kreuz genagelt wurde.
In den Vereinigten Staaten, in denen es auch heute noch die Todesstrafe
gibt, werden Verbrecher festgegurtet, bevor ihnen Gift injiziert wird. Oder
sie werden zu einem hölzernen Stuhl geleitet, auf dem sie Stromschlägen
ausgesetzt werden. Alles ist kontrolliert. Der Tod kommt schnell und
vorhersagbar. Medizinische Gutachter bescheinigen gewissenhaft den Tod des
Opfers. Aus nächster Nähe beobachten Zeugen alles von Anfang bis zum Ende.
Aber wie sicher war der Tod bei dieser grausamen, langsamen und ziemlich
ungenauen Form der Todesstrafe, der Kreuzigung? Die meisten Menschen wissen
nicht genau, wie der Tod am Kreuz aussieht. Und ohne einen ausgebildeten
Mediziner, der offiziell den Tod Jesu bestätigen konnte, bleibt die Frage,
ob Jesus gefoltert und blutend, aber noch lebend entkommen konnte.
Ich näherte mich diesen Themen langsam. "Was geschah, als er an der
Hinrichtungsstätte ankam?", fragte ich.
"Er wurde auf den Boden gelegt, musste seine Arme ausstrecken und wurde dann
mit den Händen an den Querbalken des Kreuzes genagelt. Diesen Kreuzbalken
nannte man 'patibulum'. Er war getrennt von dem zweiten, vertikalen Balken,
der dauerhaft im Boden verankert war."
Ich hatte Probleme, mir das vorzustellen. Ich brauchte mehr Details.
"Genagelt mit was?", fragte ich langsam und zögerlich. "Und wo
festgenagelt?"
"Die Römer verwendeten Nägel, die 10 bis 15 Zentimeter lang waren und eine
scharfe Spitze hatten. Sie wurden durch die Handglenke getrieben." Dabei
zeigte er auf einen Punkt etwa einen Zentimeter unterhalb der Handfläche
seiner linken Hand.
"Einen Augenblick", unterbrach ich ihn. "Ich dachte, die Nägel durchbohrten
seine Handflächen. So sieht man es immer auf den Bildern. Das ist schon so
etwas wie ein Standardsymbol für die Kreuzigung."
"Durch die Handgelenke", wiederholte Metherell. "Das war eine solide Stelle,
die die Hand fixierte. Wenn man die Nägel durch die Handflächen getrieben
hätte, wäre die Haut durch das Gewicht des Körpers gerissen und er wäre vom
Kreuz gefallen. Deshalb schlug man die Nägel durch die Gelenke. Im
Sprachgebrauch waren die Handgelenke damals Teil der Hände.
Und man muss wissen, dass der Nagel den sogenannten 'Nervus medianus' oder
auch 'Medianusgabel' traf. Das ist der größte Nerv, der durch die Hand
läuft. Er wurde mit sicherheit zerstört, als der Nagel eingeschlagen wurde."
Da ich nur rudimentäre Kenntnisse in menschlicher Anatomie besitze, war mir
nicht ganz klar, was das bedeutete. "Welche Art von Schmerz löste das aus?"
fragte ich.
"Kennen Sie den Schmerz, den Sie spüren, wenn sie sich den Ellbogen
anschlagen und dabei Ihren Musikantenknochen treffen? Das ist ein anderer
Nerv und es ist extrem schmerzhaft, wenn Sie ihn aus Versehen treffen.
Nun, stellen Sie sich vor, Sie nehmen eine Zange und quetschen diesen Nerv",
sagte er und betonte das Wort "quetschen". "Das entspricht etwa dem Schmerz,
den Jesus erlebt haben dürfte."
Ich wand mich bei der Vorstellung auf meinem Stuhl.
"Der Schmerz war absolut unerträglich" fuhr er fort. "Er war buchstäblich
unbeschreiblich; man musste ein neues Wort dafür erfinden: 'excruciare'.
'Excruciare' bedeutet wörtlich' aus dem Kreuz heraus.' Stellen Sie sich das
vor: Man musste extra ein neues Wort erfinden, weil es kein Wort in der
Sprache der Römer gab, das die extremen Qualen der Kreuzigung beschrieb.
An dieser Stelle wurde Jesus hochgezogen und der Querbalken am Längsbalken
des Kreuzes befestigt. Dann wurden Nägel durch die Füße Jesu gschlagen. Auch
hierbei wurden wieder die Nerven zerstört, was einen ähnlich starken Schmerz
verursachte."
Gequetschte und durchtrennte Nerven waren sicher schon schlimm genug, aber
ich wollte noch etwas über die Wirkung wissen, die das Hängen am Kreuz auf
Jesus hatte. "Welche Belastung bedeutete das für seinen Körper?"
"Zunächst wurden seine Arme extrem gedehnt, etwa um zehn Zentimeter, und
dabei beide Schultern ausgekugelt. Das lässt sich mit einfachen
mathematischen Gleichungen bestimmen", antwortete Metherell. "Damit erfüllte
sich die alttestamentliche Prophetie aus dem 22. Psalm, die mehrere hundert
Jahre vor der Kreuzigung vorhersagte: '[...] gelöst haben sich alle meine
Glieder.' "
Die Todesursache
Metherell hatte mir anschaulich die Schmerzen beschrieben, die das Opfer am
Anfang der Kreuzigung erleiden musste. Aber ich musste noch in Erfahrung
bringen, wie das Leben eines Kreuzigungsopfers am Ende aussah. Die
entscheidende Frage war, ob man den Tod simulieren konnte. Deshalb fragte
ich Metherell ganz konkret nach der eigentlichen Todesursache.
"Wenn eine Person erst einmal in der vertikalen Position hängt", erwiderte
er, "dann vollzieht sich der Tod langsam und qualvoll durch Ersticken.
Das liegt daran, dass durch den Druck auf die Muskeln und das Zwerchfell der
Brustkorb in eine Position gebracht wird, die das Ausatmen unmöglich macht.
Um auszuatmen, müsste sich das Opfer mit den Füßen abstützen, damit die
Spannung der Muskeln einen Moment lang nachläßt. Dabei würde der Nagel die
Füße aufreißen, eventuell sogar den Fußwurzelknochen verletzen.
Wenn es das Opfer geschafft hat, auszuatmen, konnte es sich einen Augenblick
entspannen und wieder einatmen. Aber dann musste es sich wieder mit den
Füßen abstützen und nach oben stemmen, um auszuatmen. Dabei rieb sich der
blutende Rücken am rauhen Holz des Kreuzes. Das ging so lange, bis das Opfer
völlig erschöpft war und sich nicht mehr abstützen und ausatmen konnte.
Wenn sich die Atmung verlangsamt, löst sich der Kohlenstoff im Blut in
Kohlensäure auf, wodurch der Säuregehalt zunimmt. Das wiederum führt zu
unregelmäßigem Herzschlag. Als Jesus merkte, dass sein Herz ungleichmäßig zu
schlagen anfing, wusste er vermutlich, dass sein Tod nahe war. Er schaffte
es noch zu sagen: 'Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.' Dann starb
er an Herzversagen."