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Diese Predigt auf die Epistel vom heiligen Paulus auf den siebzehnten Sonntag
nach Dreifaltigkeit spricht von dreierlei Leuten, die Gott ruft, und sagt, wie
jeder gemäß der Stufe, auf der er sich befindet, leben solle: die der ersten,
indem sie die Gebote (Gottes) befolgen; die der zweiten, indem sie die
evangelischen Räte beachten, die der dritten, indem sie die Einheit des
Geistes wahren.
"MEINE LIEBEN BRÜDER! Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch: Wandelt
würdig der Berufung, die euch zuteil wurde, in aller Demut, Sanftmut und Geduld.
Ertraget einander in Liebe, und seid bestrebt, die Einheit des Geistes zu wahren
durch das Band des Friedens; ein Leib und ein Geist gemäß eurer Berufung 1
Liebe Schwestern, in diesen Worten, mit denen der heilige Paulus uns bittet, würdig
zu wandeln gemäß der Einladung und der Berufung, die uns zuteil geworden, sind
vier Dinge zu beachten. Zuerst (gilt es zu wissen), wer der sei, der uns hier ruft und
einlädt; sodann: wozu er uns rufe, wohin er uns haben wolle; ferner: wie und auf
welche Art er uns rufe; endlich: wie man dem Ruf dieser Einladung in würdiger
Weise folgen solle.
Zum ersten: Wer uns ruft, das ist der himmlische Vater; er ruft uns mit alldem, was
er ist, hat und vermag. Es lädt und lockt uns seine Güte, seine Liebe, sein edles
Wesen; das alles lädt uns ein zu ihm und in ihn. Wahrlich: Gott bedarf unserer so
sehr, als ob all seine Seligkeit an uns läge. Und sein Wesen, alles, was Gott der Vater
gemacht und geschaffen hat im Himmel und auf Erden mit all seiner Weisheit und
Güte, hat er darum geschaffen, daß er uns damit wieder rufe und einlade, in unseren
Ursprung zurückzukehren, daß er uns wieder in sich brächte. Und all dies ist ein
lauteres Rufen an uns, damit wir beginnen.
Ein Lehrmeister sprach: "Alles, was Gott je getan hat oder (noch) tut, hat er darum
getan, auf daß er die (menschliche) Seele wieder (zu sich zurück) bringe, sie seinen
Ruf hören und ihn lieben wolle."
Nun das zweite: wozu Gott uns rufe. Zu seinem geliebten Sohn, daß wir dessen
Brüder und Miterben seien. Er ist der erste und höchste unter den Brüdern und hat
das angeborene Erbe von Natur; wir sollen Miterben aus Gnade sein.

1
Von Eph. 4, 4 ab nur noch Angabe dem Sinn nach. Vgl. Regensburger NT, Bd. 7, S. 145.
Und dazu ruft er uns: daß wir seinem Vorbild nachfolgen; denn er ist der Weg, den
wir einschlagen sollen; er ist die Wahrheit, die uns auf diesem Weg die Richtung
weisen, er das Leben, das unser Ziel sein soll und (das) wir, soweit wir vermögen,
nicht allein mit Gedenken und Danken, sondern mit tugendhaftem Leben und
geduldigem Leiden nachahmen sollen.
Das dritte: welches der Ruf sei und wann er ruft. Der Ruf, mit dem Gott den
Menschen ruft, ist von mancherlei Art: innen im Grunde ruft Gott den Menschen
ohne Unterlaß mit mancher Mahnung und innerlicher Warnung Nacht und Tag von
innen und auch von außen: mit harten Strafen, mit all den Schickungen, die er über
uns verhängt und die in mancher Weise kommen: jetzt Freude, dann Leid: das sind
all die lauten Stimmen, mit denen Gott den Menschen ruft. Wollte der Mensch den
liebe vollen, sanften Rufen folgen, so bedürfte es nicht harter Stimmen, w manchen
Leides und mancher Schickung. Das vierte ist: wie wir jetzt würdig wandeln sollen
mit aller Geduld, Demut und Sanftmut.
Jetzt wollen wir betrachten, wen Gott ruft: das sind dreierlei Leute. Das sind zuerst
die beginnenden Leute: die werden auf die niederste Stufe gerufen; danach die (in
der Vollkommenheit) zunehmenden Leute: die werden auf die zweite Stufe gerufen;
die Armen, das sind die vollkommenen Menschen, die auf die oberste Stufe der
Vollkommenheit gerufen werden. Und das soll niemand Gott verübeln, denn er ist
der Herr und kann tun was er will: damit wir seinem eingeborenen, ihm von Natur
(gleichen) Sohne ähnlich2 und seine liebsten Kinder werden. Nun wollen wir
überlegen, wie wir auf diesen Ruf antworten ollen. Etliche Dinge sind uns geboten,
andere verboten. Unter denen, die uns geboten sind, ist uns als höchstes geboten:
dass wir Gott über alles lieben sollen. Da sagen viele Leute: sie liebten Gott über
alles; aber sie wollen von den Dingen nicht lassen, die tiefer in ihre Liebe und ihr
Begehren eingegangen sind als Gott; und sie haben mehr Lust und Freude daran als
an Gott und das hindert sie ganz und gar an der göttlichen Liebe. Sie mögen zusehen,
wie sie Gott lieben! - Das zweite (Gebot) heißt: "Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst das heißt, indem du ihm das gleiche Gute wünschest wie dir. Ferner:
Du sollst Vater und Mutter ehren, das heißt alle, die Über dir stehen. Sodann: Du
sollst den Namen Gottes nicht unehrerbietig aussprechen. Schließlich: Du sollst die
Feiertage halten. Dies alles ist uns geboten; das müssen wir tun3, damit wir errettet
werden.

2
Vetter 241,22: "mitformig" = "von gleicher Form" ; Corins Übersetzung mit „semblable" in Sermons III, 112 bedeutet:
"nach Wesen und Art ähnlich ;Oehl, S. 75: "damit wir gleichförmig werden seinem eingeborenen Sohne von Natur ... " Ich
habe dieses letztere Wort an eine für das Verständnis günstigere Stelle gerückt.
3
Courin macht Sermons III, 113, Anm. 2 mit Recht darauf aufmerksam daß von den vier angekündigten "Geboten" eines
ein Verbot ist.
Nun die Dinge, die uns verboten; zuerst: Du sollst deinem Nächsten keinen Schaden
zufügen, weder am Leibe noch an inem Gut, noch an seiner Ehre; weder mit Worten
noch mit der Tat. Auch sollst du nichts von dem begehren, was ihm gehört; und: Du
sollst enthaltsam sein. Das sind die vier Verbote; es gibt ihrer noch mehr; doch sind
alle hierin beschlossen.
Wisset: Wenn ein Mensch den Weg dieser Gebote und Verbote recht geht, in dem
wahren rechten Glauben, nach rechter Ordnung untertänig ist und gehorsam der
heiligen Kirche, so steht er auf der untersten Stufe, auf der man dem Ruf Gottes
folgt.
Die sich hier bewähren, die sind sicher auf dem Weg zu Gott, wenn im Fegfeuer all
das weggebrannt ist, worin sie hier nicht rein gelebt haben. Nun gibt es eine höhere
Stufe, die heißt (der Weg) des göttlichen Rates. Die ist viel höher, und die
Menschen, die diesem Rate folgen, die kommen viel und weit über jene Menschen
(der ersten Stufe) hinaus. Dieser Rat bedeutet den Weg der Tugenden, wie etwa
Reinheit des Leibes, Besitzlosigkeit, Gehorsam.
Dieser Ruf (Gottes an den Menschen) ist viel höher und andersartiger als der erste,
der mit den Geboten. Damit diesem Rat Gottes in diesem Ruf wohl und recht
gefolgt werde, hat die heilige Kirche auf den Rat des Heiligen Geistes geistliche
Gemeinschaften und Orden eingesetzt, daß man darin dem Rat Gottes folgen könne.
Und diese haben viele Vorschriften, die alle diesem Ziel gelten. Und welcher
Mensch, der mit (freiem) Willen und bedachtem Sinn sich einem solchen Orden
angeschlossen hat, dieses Band zerreißt, den zu richten, behält sich die Kirche (als ihr
Recht) vor. Wenn aber eine Person, die sich außerhalb eines Ordens Gott
verbunden hat, heiratet, so richtet das die heilige Kirche nicht, sondern Gott muß da
selber richten und handeln. Nun ist diese liebreiche Einrichtung meist sehr zu ihrem
Nachteil verändert und verdorben; manche tragen unterm (äußeren) geistlichen
Gewand ein weltliches Herz, und manche in der Welt lebende Leute haben geistliche
Herzen.
Von jenen sprach Sankt Augustinus: Verflucht, wer auf Gottes Wege irregeht." Dies
ist der Weg Gottes, auf den der Mensch gerufen ist, Gott und seinem Rat zu folgen.
Ein jeder sehe sich vor, wie er sicher auf diesem Weg wandle und Gottes Einladung
so sorgfältig folge, daß er am Tag des Gerichtes nicht ohne hochzeitliches Gewand
befunden und in die äußerst(Finsternis geworfen werde. Jeder sehe auch mit
offenem innerem Auge, welches sein Weg sei und auf welchen der drei Wege, von
denen ihr gehört habt, Gott ihn rufe.
Aber ihr kommt ja nicht bis in euer Inneres, noch kennt ihr eure Berufung; heute
beginnt ihr mit diesem, morgen mit jenem, je nachdem was ihr von außen sehet und
höret und was euch eure Sinne zutragen; das ist aber nicht das Rechte für euch, und
so bleibet ihr nicht dabei, und aus all (der Bemühung) wird nichts, weil ihr alles
blindlings tut. Wisset, des einen Menschen leben ist des anderen Menschen Tod.
Kehrt euch zu euch selbst, sehet, womit ihr umgeht, vernachlässigt euch nicht. Wißt,
es gibt manche Frau in der Welt, die Mann und Kinder hat, und mancher Mann stellt
Schuhe her, und sie suchen Gott (indem sie arbeiten) und versuchen dadurch, sich
und ihre Kinder zu ernähren. Und mancher arme Mensch im Dorf fährt Mist und
gewinnt sein bißchen Brot in harter, saurer Arbeit. Und es kann wohl sein, daß diese
alle hundertmal besser fahren (als ihr), indem sie in schlichter Weise dem (an sie
ergangenen) Ruf (Gottes) folgen: und das ist doch ein traurig Ding! Diese
Menschen leben in der Furcht Gottes in ihrer Armut, demütig, und folgen in
Schlichtheit dem Ruf (Gottes). Armer, blinder, geistlicher Mensch, sieh dich vor,
nimm deines Rufes mit allem Fleiß von innen wahr; (sieh,) wohin der himmlische
Vater dich haben will! und folge ihm, und verirre dich nicht auf seinem Weg.
Der höchste und oberste Weg des Rufes (Gottes) besteht darin, dem liebevollen
Vorbild seines über alles geliebten Sohnes nach außen und innen zu folgen, in
wirkender und in leidender Weise, (in der Betrachtung) mit Hilfe der Bilder oder in
der Beschauung jenseits aller Bilder. Und wer diesem (Vorbild) ganz lauter und
gänzlich nachfolgt, der wird das alleroberste und allerhöchste Ziel erreichen. Und
hierbei sollt ihr euch selber Erkennen, wie nahe oder wie ferne ihr diesem Vorbild
seid. Ihr sollt diesem Vorbild auch in eurem Innern folgen und es da suchen; in
diesem Grunde lebt es seinem Sein und Wirken nach.
Von diesem Eingang (in uns selbst) steht bei Jeremias geschrieben: "Du sollst mich
Vater heißen; im habe dich heute geboren, und du sollst nicht aufhören, (in, mich)
einzugehen."4 Das soll heißen, daß du ohne Unterlaß eingehen sollst, du sollst nicht
aufhören einzugehen. Und Laban sprach zum Patriarchen Jakob dieses Wort:
"Gebenedeiter Gottes, geh ein, warum stehst du außen?"
So kann ich auch zu euch sprechen. Gesegnet sind die Menschen, die ihres Rufes
wahrgenommen haben, zuerst in der Befolgung der 'Gebote, dann der heiligen Räte,
schließlich in der Nachahmung des würdigen Vorbildes unseres Herrn, und die
würdig (ihrer Berufung) gewandelt sind, wie Sankt Paulus spricht, in aller Demut
und Geduld.

4
Die übersetzung bei Parsch, a. a. O. und in der Echter-Bibel, 2. Lfg., S. 16 zu Jeremias 3, 19 fügt sich schlecht zu dem
Fortgang des Textes (vgl. Vetter 243,32): daher wurde hier von der sonst gebrauchten Übersetzung abgewichen.
Diese Menschen sollen in das Innere (ihrer Seele) eintreten, zuweilen in
begehrender und bildhafter Weise, zuweilen in Stille und Schweigen ohne jegliche
Tätigkeit und Bildhaftigkeit; sie sollen sorgfältig darüber wachen, wie sie die Einheit,
des Geistes im Band des Friedens bewahren, ein Geist und ein Gott in der
Überformung der geschaffenen Geister durch den ungeschaffenen. Diese
Überformung ist um so höher, je würdiger man gewandelt ist nach dem würdigen
Vorbild unseres Herrn J esus Christus in aller Geduld, Demut und Sanftmut. Eines
entspricht dem anderen, nicht mehr und nicht weniger.
"Die Sorgfalt, die Einheit des Geistes zu wahren", bedeutet einen wacker,en, heiligen,
lebendigen Fleiß, Tag und Nacht, den Ruf des Geistes wahrzunehmen, im Inneren in
(der Übung der) Tugenden, im äußeren ein jegliches nach seiner Eigenart, wie es
gerade kommt. Zuweilen soll der Mensch sich üben im Dienst der heiligen Li,ebe,
wie es gerade erforderlich ist und wie es an ihn kommt, zuweilen sich diesen
Diensten in liebevoller und heimlicher Weise entziehen und sich heiligem innerem
Gebet zuwenden, heiliger Betrachtung und heiligen Vorbildern, oder auch ohne
eines von bei den zu tun, wie ' der heilige Anselmus sagt: "Entzieh dich der
Zerstreuung durch äußere Werke, laß den Sturm der inneren Gedanken sich stillen,
setze dich, ruhe dich aus und erhebe dich über dich selber."
Denn wenn der Mensch die Ruhe in sich hat einkehren lassen, wenn all der Lärm
sich gelegt hat, dann kommt der Herr, wie er es bei Elias tat, in einem stillen Raunen,
in einem Wispern, und verbreitet Licht im Geist (dieses Menschen). Und wenn des
Menschen Geist oder der Mensch selbst der Gegenwart Gottes gewahr wird, so
geschieht ihm, wie es mit, Esther geschah, als sie vor König Aswerus kam und ihn
anblickte: sie verlor die Besinnung und fiel in Ohnmacht. So war es auch mit Elias,
als er den Herrn gegenwärtig vor sich sah, obwohl er den Mantel über sein Gesicht
gezogen hatte, um es zu bedecken. Folgt aber die Seele der Gegenwart Gottes, so
gerät sie ganz außer sich, und die Sinne vergehen ihr. Esther neigte sich und sank um,
und der König mußte sie aufrichten. So geht es auch dem Menschen: er gerät außer
sich, die Sinne vergehen ihm, das heißt (es entschwindet ihm) jegliche Stütze; alles
dessen, was sein war, dem entsinkt er hier in jeder Weise; und in allem taucht er
unter ganz und gar in sein lauteres Nichts. Und würde er nicht von den liebevollen
Armen der Kraft Gottes gehalten, so müsste er, wie ihm dünkt, gänzlich zu einem
lauteren Nichts werden, und der Mensch kommt sich (da) in all seinem Verstehen
bei weitem schlimmer und geringer vor als alle Geschöpfe: zum Tod bestimmt,
hinfällig, unvernünftig, ja ärger als der böse Feind oder Luzifer; er weiß nicht, was
tun, was lassen5.

5
„was tun, was lassen", zu Vetter 254,11 : hier als Ausdruck der Rat- und Hilflosigkeit des Menschen eingesetzt.
Könnte er aus Liebe (zu Gott) vergehen, er tät es gerne. Wenn der König sieht, daß
die Seele so ganz außer sich gerät, so stützt er sie, richtet sie auf und gibt ihr den Kuß
seiner göttlichen Liebe. Diese Erhebung kommt von der Erniedrigung; denn je mehr
man sich erniedrigt, um so mehr wird man erhöht; wer sich erniedrigt, wird erhöht,
und zwar um so mehr, je mehr er sich erniedrigt hat. Da entspricht eines dem
anderen, und es entsteht ein einiges Eins. Gottes Hoheit blickt recht eigentlich und
allermeist in das Tal der Demut.
Wenn der Mensch sich auf solch liebevollen Wegen ergangen hat und , auf eine gar
hohe Stufe gelangt ist, ereignet es sich wohl daß dann der Feind sich an ihn macht
und ihn mit geistliche: Hoffart versucht. Damit der Mensch seines Nichts dann noch
tiefer sich bewußt werde, läßt ihn Gott in einen kleinen Fehler fallen: vielleicht gibt er
einer Neigung zum Zorn nach, oder ihm entschlüpft ein hartes, verletzendes Wort.
Nun, das läßt dich selbst und andere, die es sehen oder hören, deine Kleinheit fühlen,
und du wirst damit noch tiefer in dein Nichts versenkt; schäme dich dessen nicht;
sobald du dadurch noch tiefer in dein Nichts sinkst und du dich (besser) erkennst,
wird des noch guter Rat, und um so würdiger wirst du nach diesem
„in der Einheit des Geistes wandeln in den Banden des Friedens".
Wer so wandelt und dem ehrwürdigen Vorbild unseres Herrn Jesus in aller Geduld
und Sanftmut und Demut und in all der Weise, wie ihr hier gehört habt, nachfolgt, in
dem wird der Friede geboren, der alle Sinne übertrifft:, der hienieden beginnt und
ewig währen wird. Und dieser Friede wird des Menschen Leben und Sein verklären.
Daß wir dies alle erreichen mögen, dazu helfe uns der ewige Gott.

AMEN.