Sie sind auf Seite 1von 2

„Race“ und Deutschrap – Ein Kommentar

von Philipp Khabo Köpsell

Deutschrap ist seit Anfang der 90er Jahre ein etablierte Musikrichtung. Angefangen mit
Spaßrap-Combos wie den Fantastischen Vier und Fettes Brot, politisch-motivierten
Textern wie Advanced Chemistry (und die frühen Absoluten Beginner) und sich radikal auf
die so genannten vier Elemente des Hip Hops (Rap, Grafitti, Breakdance, DJing)
beziehende Bands wie Too Strong und STF.
Es gab eine Vielzahl von Themen, welche adressiert wurden: Rap selbst, andere
Rapper, die Mütter anderer Rapper, Kiffen, Sex, Kriminalität, älter werden, Kinder
kriegen, etc. Nicht thematisiert wurde der eigentliche Kontext, oder vielmehr: das
Aneignen einer Schwarzen amerikanischen Subkultur außerhalb ihres eigentlichen
kulturellen Kontextes. Dieser fortlaufende "Nichtbezug" führte zu einer Verzerrung des
einst selbstbestimmten künstlerischen Raumes Schwarzer und Latino Musiker und
Rapper. Diese Verzerrung brachte im deutschen Kontext einige grenzwärtige rassistische
Praxen mit sich: Die unreflektierte Benutzung des N-Wortes von weißen Rappern um
andere (meist ebenfalls weiße) Kollegen zu bezeichnen, um (in selteneren Fällen)
Schwarze Menschen zu adressieren und die geschmacklich fragwürdige Selbstdarstellung
Schwarzer deutscher Künstler als N****- Karikaturen. Die einstige selbstbestimmte
kulturelle Ausdrucksform afrikanisch-amerikanischer Jugend wurde in Deutschland so
weit pervertiert, dass Schwarze Rapper im Deutschrap eine "Maskotchenposition"
einnehmen. Die Wiederaneignung der einstigen revolutionären Subversion wird vom
deutschen Mainstream mit konsequenter Nichtbeachtung/Nichtachtung bzw. fehlender
kommerziell-medialer Aufmerksamkeit quittiert (siehe D-Flames „Daniel X" und Brothers
Keepers/ Sisters Keepers). Der karikierende Ausverkauf von Schwarzsein hingegen gilt im
Mainstream als provokant und im Kontext nationaler political-correctness-Müdigkeit
sogar als progressiv (siehe B-Tight).
Bei aller grenzwärtigen Deutschtümlichkeit, welche dem weißen deutschen Rapper
Fler vorgeworfen wurde, war Fler zumindest einer der wenigen, der sein „Deutschsein“
(„Weißsein“ wäre übertrieben) thematisiert hat. Damit hat er eine Position bezogen, die
sich von einer Wir-sind-alle-gleich-Farbenblindheit absetzt, welche den liberalen Umgang
mit Rassismus in Deutschland beherrscht und welche eine aussagekräftige Analyse der
Wirkmächtigkeit von Rassismus in unserer Gesellschaft unterwandert. Zugegeben: Zu
behaupten Fler versuche mit seiner Haltung Rassismus zu dekonstruieren, wäre an den
Haaren herbeigezogen. Dennoch kann Flers Positionierung ein Katalysator sein, für eine
tiefere Auseinandersetzung mit Weißsein in deutscher Rapmusik.
Durch die konsequente Verwendung von Funk- und Soul-Samples in Rapmusik hat
sich über die Jahre hinweg, innerhalb der deutschen Hip-hop-Szene eine Funk und Soul-
Fangemeinde entwickelt. Funk und Soul Partys gibt es mittlerweile selbst in den kleinsten
deutschen Ortschaften. Bezeichnend für den Charakter dieser Partys sind die Plakate und
Poster, mit denen für die Veranstaltung geworben wird. Häufig benutzte Motive sind Fotos
und Grafiken aus den 60er und 70er Jahren. Meist zeigen sie sexy gekleidete Schwarze
Frauen mit großen Afros in lasziven Posen. Oftmals auch Schwarze Männer in Schlaghosen
mit Gitarren oder Plattenspielern. Besonders fragwürdig sind Bilder Schwarzer Menschen
in politisch-signifikanten Posen, wie der erhobenen Faust. Hierdurch wird weniger die
Musik beworben, welche auf diesen Partys gespielt wird, sondern in erster Linie ein
Lebensgefühl vermittelt, welches es insbesondere den weißen Besuchern erlauben soll eine
"fremde Kultur" zu konsumieren. Schwarze Besucher dieser Partys sind oftmals
verwundert darüber, dass ein als „Schwarz" beworbener Raum fast ausschließlich von
weißen Veranstaltern organisiert, von weißen DJs beschallt und von weißem Publikum
besucht wird. Der Gedanke einer kolonialen Exotisierung, wie sie bereits in "weniger
aufgeklärten" Zeiten der Fall war, drängt sich auf. Besonders Schwarze Frauen berichten
von einer unangenehmen Sexualisierung ihrer Körper durch männliche, weiße Partygäste,
als würden die Frauen fast wie vom Flyer beworben zum Inventar der Veranstaltung
gehören.
Rassismus ist weltweites System welches sich diverser Mittel bedient um weißen
Menschen eine politische, soziale und ökonomische Vormachtstellung zu sichern.
Exotisierung, Sexualisierung und kulturelle Aneignung sind subtile Mittel um einen
rassistischen Status Quo aufrecht zu halten. Musik funktioniert hier wie ein trojanische
Pferd: Rap auf, Rassismus rein, Rap zu – keiner hat's gesehen. Was können wir, egal ob
Schwarz, weiß, etc., tun um die Musik die wir lieben weiterhin als Musik genießen zu
können? Ich wünsche mir einen reflektierteren Umgang mit Schwarzer Musik in
Diskotheken, die Anerkennung und den Respekt vor kulturell-selbstbestimmter
Ausdrucksformen sowie eine zunehmende Selbstpositionierung weißer und Schwarzer (!)
Hip-Hop-Künstler in Deutschland. Dies könnte ein Anfang sein. Deutschland hat noch viel
aufzuholen.