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Kal t sta r t

KvaFlzZeitung
Festi
#1
1.Jahrgang
2010

h t a n d i e R e n t e,
De n k n i c e n sa u!
D u No m a d
ige Leben
Das schwier
zene
der freien S

Wa r m l a uurfedunrch die
Auf Trinkto
ielor te
Kaltstar t-Sp

a s G a n z e s o ll
Wa s d , Vorschauen und
Programm Festival
v iew s zum
Inter
Editorial
Theatergucker! Theatermacher!
Fans und Friends! -innen!
Aus, aus, das Spiel ist aus! Ein paar Mal kommt das schöne Wort „Fußball“ noch vor in dieser ersten Ausgabe
der KALTSTART HAMBURG 2010 Festivalzeitung (KFZ). Dann ist aber auch mal Zeit für was anderes.
Nämlich für: Theater. Für Dramen und Performances, Textflächen und Rockopern. KALTSTART HAMBURG
2010 -- ein Festival aus vier Festivals plus Specials. Eines ist die KFZ. Das übergreifende Organ, das helfen
soll, alles zu Einem zu machen.
Zwei Wochen Festival, 120 Veranstaltungen. Das kann kein Mensch alles sehen, auch die KFZ-Redaktion nicht.
Gut aber, dass wir den Kanal nicht voll kriegen können. Ein Haufen Kulturjournalismus-StudentInnen und
--AbsolventInnen von der Uni Hildesheim, ein Blogger, eine Designerin, ein amtierender und ein zukünftiger
Volontär vom Tagesspiegel in Berlin -- wir alle stürzen uns kopfüber ins Festival, schwimmen drin rum -- und
schreiben drüber. Jeden zweiten Tag in der KFZ.
Und heute in der allerersten Ausgabe! Auf dem Menü: Fingerpuppen für den Kulturkampf am Küchentisch.
Weissagen über das Festival im Allgemeinen (Seite 3) und ausgewählte Stücke im Besonderen (Seiten 4 bis 7).
Feucht-fröhliche bzw. hohläugige Ortsbegehungen (Seiten 10/11). Dazu Tipps und Tricks und Unterhaltung.
A propos Unterhaltung: Schreibt uns doch, wie EUCH die Stücke gefallen haben! Oder wenn Ihr anderer
Meinung seid als unsere Rezensenten und Reporter. Oder wenn ihr gleicher Meinung seid. Werft Eure Liebes-
briefe, Lebensbeichten, Gedichte und Ideen einfach in den KFZ-Briefkasten im Haus III&70. Oder geht ins
Internet und spammt uns mit Kommentaren zu! Texte, Farbfotos und exklu-siven Online-Wahnsinn gibt es
unter www.kaltstart-hamburg.de/blog

Schönes Festival Euch - und viel Spaß beim Lesen!

Die Red.

HAND #1
DISKUR S ZUR
Diskurs
gibt es einen
Jede Ausgabe len für
zum Nachspie
aus dem Heft
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Zuhause. Einf sammen-
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kleben, über ter-
n. Heute: Th ea
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Siehe auch Se

02 / 03
Seite

Wir werden alle untergehen! Drei


lstart von Jo Schneider
Ein Prognosenessay zum Festiva

Und so was soll eine Nixe sein! Anstatt auf einem Stein und („Arabboy“) spielen. Es gibt Stücke über Demenz (Nis-
einen Erlöser zu warten, wie es unter Seejungfrauen seit Momme Stockmanns „Der Mann, der die Welt aß“) ebenso
Sagen-Jahrhunderten Sitte ist, operiert die Kaltstart-Nixe wie über Kindheiten in der DDR (Sibylle Bergs „Hab ich dir
selbstbewusst in ihrem feuchten Milieu. Allein dieser Blick eigentlich schon erzählt...“) sowie über Nazis und Missbrauch
über die Schulter! „Komm mit“, sagt er, „in ein Reich des (Jakob Arjoums „Hausaufgaben“). Anders traditionell wird es
Unbedingten, des Unverstellten, des Unvorstellbaren und auf dem Großsegler Finale zugehen: Hier treffen wir auf die
der Unzucht! Folge mir in ein Leben, wilder als deins!“ Dazu in jungen Avantgarden altbekannten Phänomene des unaus-
peitscht ihr Schwanz mit der Fluke durchs Meer. Praller sprechlichen Stücktitels („wunde.es.heim innen/nacht“) so-
Busen, wilde Mähne, Benzinkanister - wir müssen kein ora- wie des unverständlichen Vorschautextes: „Ob es wohl witzig
kelnder Oktopus sein, um die Gefahr zu spüren, die von dieser ist, wenn Einer beim Singen stirbt? Ob unsere Beziehungen
Nixe ausgeht. Solide Prognostiker, die wir sind, wissen wir denn besser funktionieren würden, wenn wir alle, statt zu
sofort: Das Weib will uns fertig machen. Und zwar so richtig. sprechen, singen werden? Zwei Regisseure und viele Musiker
Über 120 Veranstaltungen an 14 Abenden stellen eine be- im Auftrag musikgeschichtlicher Bergungsarbeiten unter-
wusste Überforderung des Wahrnehmungsapparates dar. wegs in Richtung Theater. Ohne Mozart.“ Wer hier sagt „Nee,
Man ertrinkt in Theater! Die Zermürbung der Aufnahmefähig- hat ja auch niemand behauptet, dass das mit Mozart wäre.
keit ist Programm des ausufernden Programms von Kalt- Warum auch?“ sollte lieber erzittern ob der Formenvielfalt
start, das Fehlen eines Festivalzentrums und die Untertei- des Finales: Von Tanz- über Musiktheater bis hin zu Filmen,
lung in vier Sub-Festivals plus zwei zusätzliche Plattformen von Klassikerinszenierungen bis hin zu Performances und
verstärkt diesen Eindruck noch: Keiner von uns wird Kaltstart Lesungen ist alles dabei.
vollständig erfassen, ordnen und durchschauen können.
Die Arbeit beginnt nach dem Festival
Wir sind hier, beim Kaltstart-Festival 2010, in einer wilden,
Wir könnten noch ewig so weiter orakeln. Wie es etwa wird,
abgründigen Welt. Das gilt es, von Vornherein zu akzeptieren.
wenn sich im Rahmen der Fringe-Performance „Rebecca“
Erst dann können wir versuchen, nach Orientierungspunkten
eine Künstlerin 48 Stunden in einen Keller einsperrt, um das
zu suchen.
Leid einer 1590 zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilten
Schiffe sind gut gegen Ertrinken Hexe zu „versinnlichen“, interessiert uns brennend. Auch und
Zuerst finden wir: Schiffe. Was auf dem Meer erstmal so vor allem, weil der kühle Keller des „Lokals“ bei den prognos-
schlecht nicht ist, besagt doch eine alte Seefahrerweisheit, tizierten Temperaturen der einzige Spielort sein wird, wo man
dass Schiffe gut gegen Ertrinken sind. Fünf von ihnen sollen sich sein Leiden noch erarbeiten muss. Aber lassen wir das.
uns im Programmheft Orientierung geben. Für die Sparte Suchen wir lieber nach (Diskurs-)Bojen im Kaltstart-Meer:
Kaltstart Pro, die Plattform für junges professionelles Thea- Einiges, das den Affen im Titel führt. Karl May taucht gleich
ter, fährt ein robustes Dampfschiff vorweg. Kaltstart Finale, zweimal als Protagonist auf, auch Büchners „Woyzeck“ wird
das Inszenierungen der Deutschen Theaterakademie präsen- zweimal inszeniert. Es gibt Bearbeitungen antiker Stoffe und
tiert, ist sinnigerweise ein Segelschulschiff, Fringe, die Ru- Inszenierungen, die ihr eigenes Gemachtsein reflektieren.
brik für die freie Szene, ein Freibeuterschiff. In dieser Logik Intermedialität und Hybridformen sind ein großes Thema –
geht es weiter: Die Jugend-Sparte Youngstar ist ein kleiner Am Ende werden wir jedoch merken, dass das alles nichts
Optimist, und die Lounge der Theaterautoren ein Tretboot. bringt. Denn Kaltstart wird einfach zu vieles sein: zu viel
(Kennt man ja, diese Theaterautoren: Den ganzen Tag Bötchen Performance, zu viel Autorentheater, zu viel Professionelles,
fahren, Enten füttern, abends drei Seiten schreiben.) zu viel Amateurhaftes, zu viel Begeisterndes, zu viel Enttäu-
An Deck der einzelnen Schiffe wird es überraschend gesittet schendes. Vielleicht wird Kaltstart das erste Festival sein,
zugehen: Das Programm des Eisbrechers Kaltstart Pro etwa bei dem die Hauptarbeit des Publikums vor und nach dem
liest sich fast wie ein Jugendbuchregal aus den 1980ern: Vorstellungsbesuch beginnt: Wenn es versuchen muss, die
ernst, deutsch und mit einem Hang zu Hitler. Es gibt wenig Vielfalt der Eindrücke in seine Horizonte einzuordnen — jenen
(Form-)Experimentelles, dafür viel problemorientiertes Au- des Festivals, des Theaters, schließlich der Gegenwart. Vor
torentheater: Stücke mit Handlung, die mal in der Weimarer dieser Flut werden alle kapitulieren müssen. Der Plan der
Republik („(K)ei(n)land)“), mal nach einem Atomschlag im Nixe — uns hinab zu reißen in den Theaterstrudel — ist dann
Bunker („After the end“) und mal im Neuköllner Ghetto aufgegangen.

Kaltstart
Termine KFZ
MONTAG 12. Juli 2010
Vorschau
18:00 >Theater Schiller Feiern / // monsun theater – Werkstattraum
Staatstheater Schwerin /Haus // Fringe
III&70 Anbau / Kaltstart Pro 20:00 >Performance Shadow / Re-
18:00 >Live-Performance Vor der alitäten Revue // monsun theater
Probe – King Kong essen Angst auf – Werkstattraum // Fringe //
/ Haus III&70 Club // Kaltstart Pro 20:30 >Theater Kurze Interviews
// Premiere // mit fiesen Männern / Anna Schildt
19:00 >Theater wund.es.heim // 13ter Stock (Bar Rossi) // Fringe
innen/nacht / Theaterakademie 21:00 >Tanzoper Pygmalion / Thea-
Zeisehallen // Finale // terakademie Zeisehallen // Finale
Auf zur Eigenmächtigkeit!
20:00 >Theater Bermudadreieck / 21:30 >Theater Sisters / Heimatha-
Schauspielhaus Bochum // Haus fen Neukölln (Berlin) // Terrace Hill
von Clara Ehrenwerth
III&70 Saal // Kaltstart Pro // // Kaltstart Pro
Wenn Romane auf die Bühne gebracht
20:00 >Musical VON-WEGEN / Haute 21:30 >Live-Performance Ein Diaa-
werden, bleibt der Autor meistens un-
Culture e.V. // Schule Altonaer bend mit Freunden / Theater Bonn
begeistert: Wühlkistenmentalität und
Straße // Fringe // // Haus III&70 Club // Kaltstart Pro
Leichenfledderei werden jenen vorgewor-
20:00 >Theater Der Zementgarten /
MITTWOCH 12. Juli 2010 fen, die Prosa in Dramatik übertragen.
Ensemble La Vie – Das Leben e.V.
René Rothe und Paul Voigt vom Ensemble
// monsun theater // Fringe // 19:00 >Musiktheater Don Giovanni
La Vie – Das Leben sind diesbezüglich
20:30 >Theater Kurze Interviews o sia … // Theaterakademie Zeise-
kein Risiko eingegangen: Sie übersetzten
mit fiesen Männern / Anna Schildt hallen // Finale //
Ian McEwans Roman „Der Zementgarten“
// 13ter Stock (Bar Rossi) // Fringe 20:00 >Theater Der Du / Düsseldor-
selbst und holten vor Probenbeginn die
21:30 >Theater Motortown oder fer Schauspielhaus // Haus III&70
Autorisierung des Schriftstellers ein. Die
heimkehr // Theaterakademie Saal // Kaltstart Pro //
Gruppe, die letztes Jahr von Regisseur
Zeisehallen // Finale // 20:00 >Performance E.C.F.C.
und Bühnenbildner Rothe in Dresden ge-
22:00 >Theater Kunst / Staatsthea- – eravamo così folli che / AKR //
gründet wurde und seitdem vier Produk-
ter Mainz // Schulterblatt 75 / bei monsun theater // Fringe //
tionen realisiert hat, beschäftigt sich vor
»Bayer« klingeln // Kaltstart Pro // 20:30 >Theater The Amok Society
allem mit menschlichem Miteinander und
22:00 >Theater WER... [binichich] // Theaterakademie Zeisehallen //
Nichtmiteinander. In diese Richtung geht
/ Reckless Factory / Schlachthaus Finale //
auch „Der Zementgarten“: Erzählt wird
Theater Bern (CH) // Terrace Hill // 20:30 >Theater Die ultimative Show
von vier Geschwistern, die den Tod der
Kaltstart Pro // Deutschlandpre- – Wilde Ponys ausser Rand und
Mutter geheim halten, um nicht auseinan-
miere // Band / Ponydressing // Waagenbau
der gerissen zu werden.
23:00 >Theater Port // Theateraka- // Fringe //
Obwohl sie dem ursprünglichen Text
demie Zeisehallen // Finale // 21:30 >Theater After the End /
nichts hinzufügen, nehmen die Drama-
ab 23:00 >Party große Eröffnungs- Schauspielhaus Bochum // Haus
turgen zugunsten der Bühnentauglichkeit
party // Haus III&70 III&70 Club // Kaltstart Pro //
einige Änderungen vor. So lösen sie die
21:30 >Theater Ilias / Heimathafen
DIENSTAG 13. Juli 2010 Ich-Perspektive auf, um die Sicht einzel-
Neukölln (Berlin) // Terrace Hill //
ner Figuren herauszuarbeiten: Während
18:00 >Theater India Simulator™ Kaltstart Pro //
Erzähler Jack im Roman seine ältere
/ Flinntheater / Dock 4 Kassel // 21:30 >Theater India Simulator™
Schwester Julie vor allem als Projekti-
Haus III&70 Anbau // Kaltstart Pro / Flinntheater / Dock 4 Kassel //
onsfläche für seine erotischen Fantasien
18:00 >Performance Shadow / Re- Haus III&70 Anbau // Kaltstart Pro
ausnutzt, wird sie im Stück zu einem
alitäten Revue // monsun theater 21:30 >Kabarett Erstmal schön
eigenmächtigen Charakter. Die Bühne ist
– Werkstattraum // Fringe // hinsetzen / Susanne Plassmann //
bis auf einen Zementklotz leer – Atmo-
19:00 >Theater Arabboy / Heimat- Hamburger Botschaft // Fringe //
sphäre entsteht durch akustische Signale,
hafen Neukölln (Berlin) // Terrace 21:30 >Theater Reiher // Theatera-
teils eingespielt, teils von den Darstellern
Hill // Kaltstart Pro // kademie Zeisehallen // Finale //
erzeugt. So wird der interpretationsoffene
19:00 >Theater // WOYZECK // Thea- 23:00 >Szenische Lesung Im Zug
Raum erhalten, den McEwan in seinem
terakademie Zeisehallen // Finale // Theaterakademie Zeisehallen //
Buch geschaffen hat: keine moralisch
20:00 >Theater Hell above and Finale //
ausbuchstabierte Inzestgeschichte, son-
Heaven below / Theater Freiburg
dern eine Familiengeschichte mit Haut
// Haus III&70 Saal // Kaltstart Pro
und Haar.
20:00 >Musical VON-WEGEN / Haute
Culture e.V. // Schule Altonaer
Montag, 12. Juli, und Dienstag, 13. Juli,
Straße // Fringe // jeweils 20:00 Uhr | Monsun Theater
20:00 >Theater Der Zementgarten /
Ensemble La Vie – Das Leben e.V.

04 / 05
„Was sind schon fiese Männer?“ Doku mit Authentizität: Reale Vorproben dienten dem
Vlog als Grundlage, im Laufe der neun Folgen lösen sich
Anna Schildt über ihr Stück die Konturen der Darsteller allmählich auf. Ist das jetzt
Der Titel ist ja auch ironisch gemeint: Was sind schon die Schauspielerin, die die Laiendarstellerin spielt, die
fiese Männer? Männer, die jede Nacht mit einer anderen eine Theaterszene spielt, oder wie? Wie inszenierungs-
Frau vögeln? Wir spielen in einer Lounge, da kann man fähig oder gar -bedürftig das Ich ist – das erforschen
sich ganz entspannt hinsetzen. Wir verändern da nichts. Reckless Factory heute auf der Bühne.
Es gibt zwei Schauspieler, draußen und zwischen den Aber diesmal ohne Laien.
Zuschauern. Es geht um Beziehungssituationen. Aber es Montag, 12. Juli, 22:00 Uhr | Terrace Hill
gibt auch lustige Passagen. Ich wollte die Texte einfach
lassen, wie sie sind. Aber es ist etwas anderes, ob man
einen Theatertext nimmt oder einen Wallace-Text. Der Schleef meets Büchner
hat so ganz sperrige Gedanken. Das sind keine Beichten.
von Laura Naumann
Das sind intime Texte. Wie Akten aus einer psychiat-
Kaltstart FINALE zeigt, was im letzten Jahr an der The-
rischen Anstalt, vielleicht. Da sieht man, dass Wallace
aterakademie Hamburg so los war. Eine der 18 Produk-
immer alles extrem kleinlich und genau versucht hat
tionen ist WOYZECK von Ivna Zic. Im siebten Semester
zu beschreiben. Ich finde das sehr zeitgemäß, dieses
an der Akademie, vorher Studium der angewandten The-
Gerede, die Männer bei Wallace erklären sich immer
aterwissenschaft in Gießen, ist dies ihr letztes Studien-
auf sieben verschiedene Arten, das haben wir gelassen.
projekt vor der Diplominszenierung. Themenstellung:
Ich möchte die Texte nicht kommentieren, die sprechen
Einar Schleef als Gesamtkünstler. Aber wie kommt man
sehr für sich. Wir wollen, dass der Zuschauer sagt: Ja,
von Schleef zu Woyzeck?
das kenne ich.
Wie Einar Schleef in seinen Tagebüchern und Briefen
Montag, 12. Juli, und Dienstag, 13. Juli, jeweils 20:30 Uhr |
schreibt, hat die Regisseurin an Büchner erinnert. Die
13ter Stock (Bar Rossi)
Direktheit, die trotzdem oder gerade deshalb poetische
Kraft hat. Es klinge wie rausgerotzt, sei aber hoch
verdichtet und sehr klar. Dies und Schleefs Selbstinsze-
nierung und seine Konflikte. Sein „Ich bin nicht zuhause
in der Welt; wenn ich allein bin, will ich mit Leuten sein,
wenn ich mit Leuten bin, will ich allein sein“ – das hat
Zic auf Woyzeck gebracht.
In der Inszenierung versucht einer aus einer ritualisier-
ten Welt auszubrechen, schafft es aber nicht: Ein hoher
Steg führt durch den Raum, kein Hinten, kein Vorn,
niemand tritt ab, niemand tritt auf, es gibt kein Entkom-
Oder ist das gerade echt? men aus dieser Welt. Diese Welt ist der Chor und ihm
gegenüber steht Woyzeck. Auch das setzt sich als Prin-
von Clara Ehrenwerth zip bei Schleef durch, sagt Ivna Zic: „Ein Chor gegen ein
Hannes Fechenbach bringt die Dinge gerne auf den Individuum. Es geht um den Wunsch, Teil des Kollektivs
Punkt. Er ist der Gründer der Theatergruppe Mühle 183, zu werden, sich gleichzeitig aber abzugrenzen. Und der
die sich aus Profis und Laien zusammensetzt. Gerade Chor funktioniert nur, indem er einen ausstößt, zu dem
proben sie das Stück „Wer?“ und Hannes glaubt, „das er dann sagen kann: Du bist allein, ich bin Chor, ha!“ Die
kann spannend werden“. Die anderen Beteiligten sind Premiere war im Mai auf Kampnagel, hier gibt es die
zaghafter: Mitzis Stimme überschlägt sich leicht, als sie „Unplugged“-Version – ohne Theaterlicht, da man die
ihren Namen nennt. „Wer?“ sei ihre erste Theaterer- Zeisehalle nicht abdunkeln kann. Ein hell erleuchteter
fahrung. Lydia hat noch Schwierigkeiten damit, „sich Abend über einen fundamentalen Konflikt.
gehen zu lassen“, wie sie im Videotagebuch beschreibt,
das die Gruppe begleitend zu ihrer Produktion dreht.
Schizo ist schon aufgeregt; wenn der blasse junge Mann
mit schüchternem Lächeln sagt, dass es für ihn etwas
Besonderes sei, bei Mühle 183 mitzuspielen, glaubt
man ihm. Sollte man aber besser nicht. Das Videoblog,
das auf den gängigen Videoplattformen zu finden ist,
ist ziemlich erfunden: Das Stück, das heute Abend bei
Kaltstart seine deutsche Erstaufführung feiert, heißt
zwar „Wer?“ bzw. „WER…[binichich]“ (nach Oscar van
Woensel), die rührenden Mühle-Laiendarsteller sind
aber nur Recherche, gespielt von den Profis des freien
Produktionskollektivs Reckless Factory aus Bern. Ge- Dienstag 13.07. | 19 Uhr | Zeisehalle

mäß dem Oberthema Identität spielen sie in der fiktiven

Kaltstart
a ch t W e l t “
eder Satz m
das
„J Interview

Alexander Riemenschneider (AR) und Tobias meine kleine Heimorgel mitnehmen, ansonsten das übliche:
Vethake (TV) gehören zu einer Gruppe, die am Gitarre, Melodika, Glockenspiel … Ich beschäftige mich
Dienstag (13.07.) um 21.30 im Haus III&70 in schon seit einer Weile mit Live-Loopen. Das werde ich beim
einem improvisierten Diaabend Nostalgie und Diaabend sicher auch anwenden, auch wenn ich vermutlich

die Konstruktion von Vergangenheit untersu- oft schnell abbrechen und etwas Neues entstehen lassen
muss.
chen. Die lose Gruppe kennt sich aus anderen
Arbeitszusammenhängen, kommt hier nun
aber für den „Diaabend mit Freunden“ zu einer
Improvisationspremiere zusammen. Die KFZ
traf den Regisseur und den Theatermusiker in
Berlin.

KFZ „Diaabend mit Freunden“, das klingt gleichzeitig einfach


und geheimnisvoll. Was steckt dahinter?

AR Wir waren während des Studiums in Hamburg auf der


KFZ Gibt es inhaltliche Vorgaben?
Suche nach Requisiten und sind dabei in ein Haushaltsauf-
lösungsgeschäft geraten. Da gab es ein Regal mit Dia-Bo- TV Inhaltlich ist alles offen. Wir haben das in der Vorbespre-
xen, Urlaubsdias aus den 50er und 60er Jahren. Die haben chung ganz drastisch formuliert: Das könnte der fröhliche
natürlich sofort jede Menge Assoziationen ausgelöst. Sie zu Familienurlaub werden, aber auch der Urlaub, wo das Kind
betrachten, fühlte sich einerseits voyeuristisch an, ande- missbraucht wird. Da ist die Musik wichtig, um das Kippen
rerseits machte es aber auch extrem neugierig. Die Dias einer Situation darzustellen. Sie soll nicht nur schmü-
haben wir dann zwar dagelassen, aber das Gefühl haben wir ckendes Beiwerk sein, nach dem Motto: Wir machen die
mitgenommen. schönsten Urlaubsmelodien und das wars dann.

KFZ Ziel eurer Improvisation wird es sein, mit willkürlich KFZ Es gibt aber keine reale gemeinsame Erinnerung?
ausgewählten Urlaubsdias völlig Fremder Geschichten zu
AR Es wird einen total erfundenen Urlaub geben. Was mir
erzählen. Habt ihr die Dias vorher wirklich nie gesehen?
hier und auch bei normalen Proben wichtig ist, ist das stän-
AR Die paar Dias, die ich gesehen habe, erzählen von einer dige Ja-Sagen zum Input des Anderen. Wenn einer sagt: Ah,
Zeit, in der Leute ihren ersten Urlaub machen, mit ihrem da sind Uwe und Gerda auf dem Dia, dann ist das erstmal so
ersten Auto, zum ersten Mal nach Italien. Alles ist unter gesetzt. Eigentlich tun diese Sätze so, als würden sie eine
dem Geist von „Es wird immer mehr“. Überall ist Aufbruch Welt nacherzählen, aber eigentlich erschaffen sie sie erst.
und Wirtschaftswunder. Wir kommen aber aus einer Zeit, Jeder Satz macht Welt. Es gibt auch eine philosophische
wo, wenn es denn überhaupt etwas gibt, was uns verbindet, Komponente dahinter: Wie spricht man über Vergangenheit?
es das Gefühl ist: „Es wird immer weniger“. Was ja nicht Man kennt das selbst, einen Tag nach dem Urlaub
schlimm ist, aber es ist etwas anderes. Das könnte ein span- beginnt man sich gegenseitig zu korrigieren, auszubessern,
nender Gegensatz sein. zu konkretisieren.

KFZ Wie funktioniert eure Improvisation genau? Und wie KFZ Könnt ihr noch was zu den „Freunden“ im Titel der Im-
arbeitet eure Gruppe zusammen? provisation sagen?

AR Wir sind zwei Musiker und vier Spieler und den Rest AR (lacht) Banaler geht’s eigentlich gar nicht: Dieser Dia-
müssen wir noch herausfinden. Wir werden die Dias, wie abend ist ein Abfallprodukt oder eher noch, ein Anfallpro-
gesagt, vorher nicht gesehen haben, und auch die Reihenfol- dukt, etwas, das angefallen ist. Dass wir nicht wissen, was
ge einem Zufallsprinzip überlassen. Einer unserer gemein- an diesem Abend passieren wird, kann nur so sein, weil wir
samen Nenner ist, dass es immer um die Behauptung von Freunde sind.
Authentizität geht: Ich zeige euch, wie etwas gemacht ist,
TV Eine Gefahr dabei ist, dass wir ins Insidern kommen.
dass es eine totale Behauptung ist, und daraus entsteht wie-
Nach dem Motto: Wir sind ein paar Buddies, die nehmen sich
derum eine ganz merkwürdige Form von Authentizität.
ein Bier und machen sich lustig über so Bilder. Das kann
So kam der Gedanke zustande, dass man diese Dias nehmen
schnell passieren, gerade, wenn man sich gut versteht und
muss, um einen eigenen Urlaub zu erzählen.
halt auch gerne miteinander lacht. Aber das ist irgendwie
KFZ Wie wird die musikalische Gestaltung aussehen? auch das Schöne: Improvisation ist riskant. Es kann in die
Hose gehen. Das kann man sich sonst nicht so oft erlauben.
TV Ich überlege mir gerade, welche Instrumente ich mit-
Da ist Kaltstart natürlich ein guter Rahmen.
nehme. Weil es ein „Diaabend“ ist, werde ich zum Beispiel

06 / 07
Der Hafen in mir In den künstlerischen Ansätzen von Grete Michel und
Felix Meyer-Christian zeigt sich, was Stephens Stücke
von Stephanie Drees eint: Das Spiel mit einem Motiv aus kaleidoskopischer
„Ich komme heim und es ist ein völlig anderes Land“, Perspektive. Hier ist es die innere Heimat: Die einen su-
sagt der 25-jährige Kriegsveteran Danny. Weniger chen nach ihr, die anderen können sie nicht abstreifen.
Verwunderung als Lakonie liegt in den Worten. Was Port | Montag 12. 07. | 23:00 | Zeisehallen
folgt, ist die Beschreibung einer Vergewaltigung mit Motortown oder Heimkehr | Montag 12. 07. | 21:30 |
einem Besenstiel. Der Krieg hat seine eigenen Riten. Theaterakademie Zeisehallen
In der Textfassung von „Motortown“ liegt unter Dannys
Worten eine dumpfe und gelassene Grausamkeit. Eine
KFZ
Atmosphäre, wie sie die Coen-Brüder erschaffen, wenn Woher kriegen wir einen Affen? Vorschau
ihre Killer sich nach dem Morden akribisch die Hände
von Laura Naumann
waschen. Die Welten des Dramatikers Simon Stephens
sind realistisch und hermetisch, mit einer Sprache, die Was kommt vor der Premiere? Wie sehen die harten
um sich selbst kreist, voller Sätze, spitz wie Eiszapfen. Wochen aus, bevor wir endlich das Theater betreten
Zwei Mal wird sie am ersten Abend des Festivals auf die können? Das zeigen Jonas Fischer, Christina Geiße und
Bühne gebracht: die Regiestudenten Grete Michel und Monique Schwitter. Sie nehmen uns mit an den Anfang
Felix Meyer-Christian inszenieren „Port“ und „Motor- eines jeden Theaterabends. „Vor der Probe - King Kong
town“. Beide studieren im dritten Jahr an der Hambur- essen Angst auf“ ist eine öffentliche Konzeptionsprobe.
ger Theaterakademie. Die Produktionen sind Studien- Der Regisseur und die beiden Schauspielerinnen wollen
projekte, Realismus war die grobe Vorgabe. King Kong auf die Bühne bringen, einen Film, der alles
„Es war schnell klar, dass der Text in seiner Eigenstän- hat: Liebe, Abenteuer, Drama, unzählige Deutungsebe-
digkeit eine so starke Setzung mitbringt, dass ich mich nen und einen Riesenaffen. Aber wie?
darauf einlassen musste“, sagt Grete Michel. „Port“ ist Auch die drei Theatermacher wissen es nicht. Die Idee
die Coming-of-age-Geschichte von Rachel, einer jungen zu King Kong hatten sie vor zwei Jahren. Nur kamen sie
Frau, die versucht, aus der Tristesse von Wohnblock, nicht darauf, wie man das Thema umsetzen könnte –
Supermarktjob und patriarchal geprägtem Paarungs- und thematisieren nun genau das: Alles wird an diesem
schema auszubrechen. Für eine kurze Zeit gelingt das Abend echt sein, nichts geprobt. Die Performer sind,
– doch „Port“, der Hafen, ist zu tief in ihr verankert, um wer sie sind, für 60 Minuten kann man ihnen beim Brain-
sich ganz von ihm zu entfernen. stormen zuschauen. Wie kann man den King-Kong-Stoff
„Die sind, was sie tun“, sagt Grete Michel über die Fi- theatral umsetzen? Was ist das Prinzip Angst? Und
guren. In ihrer Inszenierung kontrastiert die Musik die woher kriegt man einen Affen? Sporteventatmosphäre
harten Worte. Sie bildet den Soundtrack für Menschen, ist nicht ausgeschlossen: Werden die drei den entschei-
die auf den Weg nach draußen sind, näher zu sich. denden Einfall haben? Ein Konzept schreiben und sich
bei den Wiener Festwochen bewerben? Welche der
„Ich wollte die Geschichte eines Menschen erzählen, der beiden Frauen wird sich durchsetzen und die Rolle des
seine Heimat verloren hat“, sagt Felix Meyer-Christian. Affen übernehmen? Gespannt? Kommen.
Wenn er von „Motortown“ erzählt, dann scheint der Weg Montag 12.07. | 18 Uhr | Haus III&70 / Club
zur Inszenierung wie eine lange Suche. Videotagebü-
cher von Soldaten haben er sund das Team gesichtet,
Gespräche mit Veteranen geführt, Serien wie „Genera-
tion Kill“ untersucht. Und sich mit PTBS auseinander-
gesetzt – der posttraumatischen Belastungsstörung.
Ein Syndrom, bei dem die Psyche durch unbegreifliche
Erlebnisse so stark geschädigt ist, dass sie sie nicht
mehr verarbeiten kann.
Die Geschichte von Danny hat für Felix Meyer-Christian
aktuelle Dringlichkeit. Für „Motortown“ hat er Texte
geschrieben, die Danny in Form eines Videotagebuchs
in die Zeit von Basra zurückversetzen. In der Original-
fassung wird das Opfer schließlich zum Täter: Danny,
die perfekt abgerichtete Tötungsmaschine, foltert und
ermordet eine junge Frau.

Doch die Folter hat Felix Meyer-Christian nicht vorran-


gig interessiert. „Wir haben die Szene rausgelassen,
weil wir die grundsätzliche, universelle Gewalt zeigen
wollten, die in Danny wohnt. Sie bricht einfach hervor,
psychologisch unvermittelt.“

Kaltstart
Was will das Kaltstart KFZ

Festival eigentlich ?
Hintergrund

von Clara Ehrenwerth

Mit 120 Veranstaltungen und rund 1000 jungen werk gebildet, das Kontakte zu Produktionen im gesamten
Theatermachern ist das Kaltstart-Festival dank deutschsprachigen Raum ermögliche. „Kaltstart hat mittler-

der Fusion von Kaltstart Pro, Finale, Fringe weile eine solche Größe, dass Dramaturgen und Regisseure
kaum an uns vorbeikommen“ sagt er. Ziel sei es nun, ein
und dem neu gegründeten Youngstar mit Ab-
möglichst heterogenes Publikum zu erreichen, neben dem
stand das größte Nachwuchstheaterfestival im
Fachpublikum und den Theaterinteressierten auch dieje-
deutschsprachigen Raum.
nigen Besucher, die an gewohnten Lokalen, wie dem Haus
Das Programm ist noch opulenter als 2009, als die Festivals
III&70, dem Wagenbau oder dem Terrace Hill ungewohnte
erstmals gemeinsam an den Start gingen. Als besonders
Erfahrungen machen wollen.
wichtigen Schritt empfindet Falk Hocquél, Initiator des
Festivals und Kaltstart-Pro-Verantwortlicher, die Entschei-
dung für einen einheitlichen Festivallook, eine gemeinsame Fringe
PR-Kampagne. Dass das Kaltstart dadurch an Aufmerk-
von Clara Ehrenwerth
samkeit gewonnen hat, mache sich bereits im Vorfeld des
Zum zweiten Mal bietet das Fringe-Festival dem Nachwuchs
Festivals bemerkbar: Noch nie sei die Vorberichterstattung
der Freien Szene eine Plattform, um Produktionen in Ham-
so umfangreich wie in diesem Jahr. 2006 ging Kaltstart als
burg einer breiteren Öffentlichkeit und einem Fachpublikum
ehrgeiziger Versuch, jungen Theaterprofis eine gemeinsame
vorzustellen. Anders als die meisten anderen Festivals wird
Plattform zu bieten, erstmals über die Bühnen Hamburgs.
das Fringe nicht kuratiert: Wer sich anmeldet, darf kommen,
Damals entschieden sich die Macher für die Sommermo-
ohne sich einem Auswahlverfahren unterziehen zu müssen.
nate, damit alle Künstler in der Spielzeitpause am Festival
Dass einige Gruppen trotzdem nicht anreisen konnten, lag
teilnehmen können. Im Vordergrund stand von Beginn an
einzig daran, dass der Andrang die Organisatoren an den
der Fachmessen-Charakter: Die Beteiligten sollen sich
Rand ihrer Kapazitäten brachte: „Wir hatten auf 25 Anmel-
über Rahmenbedingungen und Ästhetik des gegenwärtigen
dungen gehofft“, sagt Christian Psioda, der als Teil der mehr-
Theaterschaffens austauschen. Dabei stellten die Organisa-
köpfigen Fringe-Crew für Konzept, Programmierung und
toren schnell fest, dass die jungen Theaterakteure vorrangig
Gesamtkoordination zuständig ist. Nun werden insgesamt
mit junger Dramatik arbeiten – prompt wurde die Autoren-
43 Produktionen zu sehen sein, 13 davon in der Reihe
lounge ins Leben gerufen, die ebenfalls immer mehr an
„Fringe Open Air Special“.
Zulauf gewann. Das Prag Spezial, das drei Gastspiele aus der
Das Team sieht seine Hauptaufgabe darin, die günstigsten
tschechischen Hauptstadt präsentiert, ist ein weiterer Höhe-
Rahmenbedingungen für die anreisenden Künstler zu schaf-
punkt in dem Programm. Dazu kommen Open-Air-Specials
fen. Dazu zählt auch die Organisation der häufig theaterun-
– und die KFZ. „Das Festival ist über die Jahre kontinuierlich
gewohnten Spielorte: Clubs, Bars oder Schulen fordern den
gewachsen“, sagt Falk Hoqcél. „Die Vision, die wir ganz am
Akteuren Improvisationsfähigkeiten ab. In diesem „Un-
Anfang hatten, kann jetzt endlich praktiziert werden.“
plugged-Modell“ sind künstlerischer Gestaltungswille und
die Lust auf neue Herausforderungen unentbehrliche Skills
Kaltstart Pro für die Fringe-Teilnehmer. Wichtiger als makellose Perfor-
mances sind den Machern aber ohnehin Aufführungen, die
von Jan Berning
die Auseinandersetzung mit der Gegenwart suchen.
Wo junges Theater auf etablierte Häuser trifft, junge Schau-
Christian Psioda stellt fest, dass es unter den diesjährigen
spieler und Regisseure erste Erfahrungen als Profis machen,
Produktionen einen Trend zu interdisziplinären, interme-
entstehen Nischen, kleine smarte Produktionen, die den
dialen Arbeiten gibt, und sieht darin ein besonders zeitge-
Theaterbetrieb mit Experiment und Visionen infizieren. Unter
mäßes Vorgehen, um medien- und gesellschaftskritische
dem Label „Kaltstart Pro“ werden solche Produktionen auf
Fragen aufzuwerfen. Vor allem aber hofft er auf künstle-
dem Kaltstart-Festival eine Plattform haben. „Diese Auffüh-
rische Wechselwirkungen zwischen den freien Theaterak-
rungen finden an Schauspielstätten in Bochum, Düsseldorf
teuren und den Profis, die in den anderen Festivalsektionen
oder Weimar zumeist auf Studiobühnen und in Foyers statt,
zu Gast sind.
ohne großen Aufwand und Bühnenbild und lassen sich damit
ideal für unser Festival adaptieren“, sagt Thimo Plath. Der
künstlerische Leiter von Kaltstart Pro hat sein T-Shirt über
den Ast eines der Apfelbäume im Garten des Pressezen-
trums gehängt und klappt hinter dem Frühstücksgeschirr
den Spielplan über die Bierbänke, um sich einzelne Auffüh-
rungen zu markieren. Mittlerweile habe sich ein Netz-

08 / 09
Youngstar Finale
von Jan Berning von Jan Fischer
Wer nicht ins Theater hinein geboren wurde, mit Migrati- Felix Meyer-Christian kommt ein bisschen zu spät, hat das
onshintergrund oder in prekären sozialen Verhältnissen eine Handy am Ohr, legt das andere auf den Tisch. „Ich hab
aufwächst, für den ist der Weg auf die Bühne nicht selbst- zwei Stücke am Start hier“, sagt er, außerdem ist er ein Teil
verständlich. Umso wichtiger sind Festivals, auf denen des Zweierteams, das die Programmkoordination des Finale
Jugendliche außerhalb der Schule in Workshops oder übernimmt, auf dem Studenten der Hamburger Theatera-
Projekten sich künstlerisch versuchen können. Etwa auf kademie aus drei Jahrgängen ihre Arbeiten präsentieren.
dem zweijährig stattfindenden Festival Youngstar, das von Das Finale, sagt Meyer-Christian, war ursprünglich ein
dem Hamburger Verein „Kunstwerk“ organisiert wird. eigenes Festival. Es lief traditionell parallel zum Kaltstart,
Unter diesem Namen schaffen Eva-Maria Stüting, Hans- bis jemand auf die Idee kam, beide Festivals einfach zu-
Friedrich Stollnberger, Gisela Ewe und Anna Hennecke die sammenzulegen. Bevor das passierte, war Meyer-Christian
Rahmenbedingungen für Jugendtheater, für Tanz, Musik immer auch beim Kaltstart-Festival dabei: Es sei eine gute
und bildende Künste. Sie beantragen Fördermittel, organi- Möglichkeit, sagt er, auch mal eine breitere Öffentlichkeit zu
sieren Probebühnen und laden Theatermacher, von denen erreichen. „Durchmischung, Kommunikation und Synergie-
sie begeistert sind, ein, mit den Schülern zu arbeiten. „Wir effekte“ – diese Worte benutzt er, wenn man ihn nach den
wollen die Jugendlichen als Künstler ernst nehmen, ihnen Vorteilen der Zusammenarbeit fragt.
auf Augenhöhe begegnen,“ sagt Anna Hennecke, die bei Im großen Kontext des Kaltstart-Festivals will das Finale,
„Kunstwerk“ für die Projektleitung zuständig ist. Sie wollten wenn man es denn überhaupt so sagen kann, vor allem auch
den Jugendlichen nicht mit pädagogischem Zeigefinger ent- die akademische Regielaufbahn repräsentieren, die der Rest
gegentreten, sondern ihnen helfen, ihr kreatives Potential des Festivals so explizit nicht abdeckt. Ob man jetzt aus der
zu entdecken. Dazu müsse man immer neu versuchen, wie Praxis komme oder aus dem akademischen Kontext, sagt
viel der möglichen Themen die Schauspieler aus sich selbst Meyer-Christian, mache zwar qualitativ keinen Unterschied.
entwickeln können und wie viel Aneitung notwendig sei. Zum Aber durch den geschützten Rahmen der Theaterakademie
Kaltstart-Festival werden am 25.07. unter dem Namen „Ein sei das Experimentieren leichter, die Stücke müssten „nicht
perfekter Sommertag“ zwei Vorschauen aus dem Programm so auf den Markt geschmissen werden.“ Dann klingelt wie-
des für Mai 2011 geplanten Youngstar-Festivals gezeigt: die der sein Handy.
Tanzperformance „Exit Paradise“ der Gruppe Ruff Monkeys
unter der Leitung von Mable Opoku-Peach und das „Instant
Traumlabor Traumfabrik Kopf“, bei dem der Grafikkünstler
Sascha Piroth individuelle Fotocollagen mit den Besuchern
schafft.
KFZ
Kolumne
Affektierte
Effekte
von Jan Berning Eiswürfeln in den Cocktailgläsern, unsere Hände nach den
Eigentlich haben wir schon genug Theater gesehen, diesen Früchten der Apfelbäume über uns ausstrecken,
Sommer: Schwarz-Rot-Gold auf der ganz großen Bühne, dann ist das sehr schön.Aber irgendwo in unseren Bäuchen,
die Massen, die das sprechende Bild feiern, die Menschen zwischen Grillfleisch und Alkohol, fehlt etwas, irgendwie
auf den Kühlerhauben hupender Autos. Wir haben zwischen haben uns die Bilder nicht satt gemacht. Wir haben den Som-
Frauen in Paillettentops mit deutschen Farben auf den Wan- mer vor Augen, aber noch nicht im Gefühl. Noch ist nichts
gen und Männern in Fußballkostümen gestanden, wir haben durchgegart, noch ist da kaum eine Erkenntnis, ein Stand-
mit ihnen Bier getrunken, sind mit ihnen aufgesprungen, punkt, eine Ansage, eine Idee zu uns durchgedrungen. Aber
haben den Bildschirmen und Leinwänden und den Helden die Ahnung ist da, in unseren Bäuchen, dass wir – vielleicht
darauf zugeschrien und applaudiert. Wir hatten Drama und gerade weil die Bühne in Hamburg kleiner ist und nicht gleich
Nationalgefühl, Konflikte, Protagonisten und Wendepunkte. die ganze Welt zu Gast – hier nicht nur Gestaltung, sondern
Dann aber wurden Laufwege elektronisch nachgezeich- auch Geburt erleben werden. Dass wir uns familiär fühlen
net, die Leistungsfähigkeit der Spielerkörper ausgewertet werden, dass Spielpläne durcheinander geraten und Wein-
und magische Momente zerredet. Es wurde klinischer und flaschen umgestoßen werden, dass näher hingeschaut und
technischer, der Blick auf das Spielfeld kam immer mehr größer gedacht werden wird, dass Körper wieder zu Körpern
von oben, fast wie beim Tischkicker. Wir hätten uns mehr und Paillettentops völlig ausbleiben werden, dass es diesen
Körper gewünscht, mehr Schweiß, mehr Konturen. Und wenn Abschnitt des Sommers weniger um Effizienz, Effektivität
wir dieser Tage in unserer Redaktion auf Holzdielen aufwa- und Effekte gehen möge als um Magie und Moment. Denje-
chen, zwischen Leinenkleidern und Schaufensterpuppen, in nigen Effekten jedoch, die sich von der viel zu großen Bühne
unserem rosa Badezimmer durch die tropfenden Haare in auf das Festival verirrt haben, um diesen Sommer noch mehr
Spiegel mit goldenen Barockrahmen schauen oder mittags, durchzustylen, weichzuspülen oder auch nur zu einer Ko-
zwischen klickernden Kohlen auf dem Grill und knackenden stümparty werden zu lassen, ist diese Kolumne gewidmet.

Kaltstart
Das Ende vom Anfang KFZ
Szene
Eine Kneipentour mit der KFZ-Redaktion durch einige Veranstaltungsorte des Kaltstart-Festivals

von Jan Fischer 2:33 // Künstlerwohnung des Molotow // Ende

Die Bässe aus dem Yoko Mono woofen uns in den Schlaf. Mit den Händen
Boden spüren wir den Vibrationen nach und suchen das ruhigste Bett. Dr
Betrunkene in rätselhafter Stimmung und singen später noch Elektro-Re
70er-Jahre-Balladen mit. Es ist nur für eine Nacht: Morgen dürfen wir in
daktionsvilla, heute ist sie noch von Designern besetzt. Wir freuen uns d
sind wir die einzigen, die betrunken auf der Straße singen.
Das Ende unserer Kneipentour: Wir liegen wach, ein paar Stunden noch.

22:05 // Bar Rossi // Rot

Die Bar Rossi ist rot, es gibt Elektro-Soul-


Funk-Dancehall und Fantasiecocktails wie
„Veilchen Fizz“. Aber auch: Eine Terrasse,
auf der blonde Mädchen in Sommerklei-
dern Pastis trinken und lachen und denen
die Musik egal ist, der Abend aber viel-
leicht nicht. Die Bar selbst, sagt der Kell-
ner, ist nicht der Veranstaltungsort: Der
13. Stock gehört zwar zur Bar, liegt aber
im dritten Stock darüber. Das Treppenhaus
zum 13. Stock ist rot, und die Tür oben
abgeschlossen. Wir hören Gerüchte, auch
dort solle eine Terrasse sein.

00:36 // Altonaer Waagenbau // Frühwerk

Im Waagenbau sind wir zu früh: Die ersten in einer Warteschlange ohne Menschen, Türsteher
einfach durchwinken, trotz Laptoptaschen um die Schultern, trotz Jutebeuteln, Turnschuhen,
trotz allem, eigentlich, werden wir in die zwei Keller gelassen: Lange, dunkle Industriehöhlen
nur die Theke leuchtet, eine Projektion an der Wand, die sagt, heute gebe es Dancehall. Ganz
der zweiten Höhle tanzen zwei und sehen aus, als wüssten sie auch nicht ganz genau, warum
Wir trinken nichts, wir schauen, wir wollen nicht warten, wir wollen, dass etwas passiert. Jet

1:37 // Knust // Amphitheatertrinker


Das Knust hat schon geschlossen, ein bisschen Musik
dringt noch heraus. Wir linsen unter den Plakaten durch:
Zwei Frauen an der Theke trinken Reste. Alle anderen
trinken Wodka auf den Stufen der Amphitheatertribüne
23:46 // Haus III & 70 // Dreikammernherz links von uns. Wir wollen das nicht, niemand will mehr,
also gehen wir: Wir gehen über die Brücke, wir schließen
Die Schanze und das Kaltstart, hören wir, ha-
unsere Künstlerwohnung auf und verfluchen das Yoko
ben dasselbe Herz, es hat drei Kammern: In
Mono, das nichts mit dem Kaltstart zu tun hat, sondern
der einen läuft Elektro, in der anderen Soul,
einfach nur laut ist.
in der dritten wird geraucht. Filzstifttags
überall, wo keine Tags sind, sind Aufkleber.
Wir werfen einen Blick in die Elektrokammer,
niemand schwitzt da außer dem DJ, wir stel-
len uns die Raucherkammer und machen 10
Millionen Punkte am Flipper, wir gehen in die
Soul-Kammer und fordern die zwei besten
Kickerjungs im Laden heraus. Wir verlieren,
aber dafür direkt unter der Klimaanlage.

10 / 11
Z Das unvermeidbar Schmutzige im Menschen
e
Ein WM-Finalabend in der Hamburger Botschaft

von Johannes Schneider


n auf dem
raußen sind Es sollte ein ironisches Spektakel werden. Nicht in Johannes-
emixes von burg - das Talent von Profifußballern zum gepflegten Unernst
n unsere Re- ist weiterhin überschaubar, zumal in einem WM-Finale. Aber
arauf: Dann in der Hamburger Botschaft in der Sternstraße. Wie da fünf
Minuten vor Anpfiff ein „Die Flaggenhisser bitte an die Flag-
gen!“ durch die Hausanlage donnerte und wie dann von Prota-
gonisten in Freizeitklamotten rechts und links der Leinwand
die Nationalflaggen der Finalmannschaften langsam, fast
zärtlich, in die Höhe gezogen wurden, das war schon sehr wit-
zig. Allein: Das Spiel, das dann folgte, ließ diese spielerische
Haltung schnell nicht mehr zu. Die ewige Dichotomie von gut
und böse emotionalisierte an diesem Abend auch diejenigen,
die nur des ästhetischen Genusses wegen gekommen waren.
Die Betrachtung des theatralen Geschehens Fußball trans-
formierte sich zur Rezeption eines ungeheuren Kampfes, in
20:30 // Central Park // Fußball dem die Verkörperung des Bösen, interessanterweise ganz in
Orange, der Farbe der Fröhlichkeit gekleidet, sich früh an der
Anders als Fußball geht es an die-
Verdichtung einer destruktiven Energie versuchte, die keiner
sem Samstagabend nicht. Das Cen-
mehr gutheißen konnte.
tral Park ist eine Strandsimulation
Das aufmerksame Publikum in der Hambot, übrigens auch
mit Bratwurst, Bier und Strandkör-
Spielort beim Kaltstart-Festival, wurde dabei zum eigent-
ben. Es ist laut, voll, und wir teilen
lichen Helden des Abends. Denn nicht nur ertrug es mann-
uns auf: Die eine Hälfte schaut dem
und frauhaft und nur unter gelegentlichen „Schnauze!“-Rufen
Spiel in einem Blechbunker zu, auf
den zunehmend dadaistischen Kommentar Marcel Reifs.
den ein paar Buchstaben des Wortes
Auch gab es keinen Zweifel an der moralischen Deutung des
„Mexiko“ gepinselt sind, die anderen
durchaus moralisierenden Schauspiels: Menschen, die sich
r, die uns in einem Pavillonzelt, in dem alle
zuvor „far beyond“ jedes „gut versus böse“ gewähnt hatten,
, T-Shirts, Männer Thomas-Müller Trikots tra-
erkannten die Dichotomie schnell als solche und beantwor-
n, in denen gen und immerzu klatschen, wenn
teten sie mit der Parteinahme für das Gute.
hinten in nichts passiert. Mit Sand in den
Die einsame, ekelhafte Person (weiblich), die jeglichen Exzess
m. Schuhen hören wir dem Jubel zu und
der Gewalt der orangenen Bestien mit „Internationale Härte“
tzt. trinken Alsterwasser. Deutschland
kommentierte, mag hier für das unvermeidbar Schmutzige im
gewinnt, wir kippen den Sand auf die
Menschen stehen. Die meisten der Zuschauer in der Hambot
Straße.
waren über derartige Niedertracht zum Glück erhaben. Als
das Gute in einem dramatischen Finale schließlich gewann,
kannte der Applaus keine Grenzen.

10:15 // Künstlerwohnung des Molotow // Anfang

Wir warten, bis die Designer nicht mehr in


der Villa sind. Wir schreiben jetzt, wir alle
schreiben, obwohl diese Kneipentour wohl KFZ
nicht zu unserer Legende wird: Manchmal, Sport
das müssen wir zugeben, scheitert der
Exzess. Wir schreiben jetzt, und wenn die
Kneipentour das Ende unserer Zeit ohne das
Kaltstart-Festival war, ist der Morgen in der
Künstlerwohnung, wo wir verpennt umher
schleichen und die Duschreihenfolge aus-
knobeln, der Anfang. Und das, finden wir, ist
doch auch was wert.

Kaltstart
t an di e R en te , ih r th ea tr al en N om aden säue!
Denkt ni ch
von Alexandra Müller

Ich verdiene nichts an diesem Artikel. Ich werde Die meisten freien Theaterschaffenden verbindet die Suche
nach neuen Strukturen, national wie international, eine hohe
sogar freiwillig zwei Wochen lang unbezahlt in
Flexibilität und der ständig drohende Rutsch ins soziale und/
einer Journalisten-Kommune leben, ohne Warm-
oder finanzielle Nirwana.
wasser. Trotzdem freue ich mich darauf. Ähnlich Und doch drängen immer mehr junge Leute in die freie Szene.
geht es den meisten ebenfalls unbezahlten Orga- Die Konkurrenz wächst, aber das ohnehin knappe Publikum
nisatorInnen, Mitwirkenden und teilnehmenden (10-15% der Bevölkerung) nimmt nicht zu, die staatlichen
Zuschüsse sogar eher ab. Die Grundprobleme: Einkommen,
Gruppen beim Kaltstart-Festival. Ja, sind wir
Alter, Krankheit, soziale Absicherung, Ausbildung, Berufsein-
denn völlig bescheuert?
stieg und Familiengründung. Die Künstlersozialkasse (KSK)
reicht schon längst nicht mehr zur sozialen Grundsicherung
Vielleicht sind die kreativ Arbeitenden, diese selbst
aus, auch weil zum Überleben nötige Jobs wie Produktionsas-
gewählten prekarisierten KulturproduzentInnen, sistenzen nicht als künstlerische Tätigkeit anerkannt werden.
deshalb so gut ausbeutbare Subjekte, weil sie ihre Ich persönlich verbringe in Projektphasen (etwa
Lebens- und Arbeitsverhältnisse wegen des Glaubens zweimal jährlich je etwa 8-12 Wochen) meine Zeit
an die eigenen Freiheiten, wegen der Selbstverwirk- fast ausschließlich mit Telefonaten, Proben, Pres-
lichungsphantasien scheinbar unendlich ertragen. se- und Öffentlichkeitsarbeit, Organisation und
(Isabell Lorey beim Theatertreffen 2006) Koordination des Teams. In dieser Zeit kann ich
Um den Bogen weiter zu spannen: Wieso begeben sich junge
Theaterbegeisterte freiwillig in die so genannte „freie Szene“,
kaum nebenher arbeiten. Ein Privatleben im Sinne
die in Deutschland aus etwa 20.000 Menschen besteht, die einer Trennung von Arbeits- und Berufsleben gibt es
größtenteils kaum von dem leben können, was sie mit ihrer nicht. Nach meiner Einschätzung ist das im Kultur-
Kunst verdienen? Woher kommen diese Leute? Die Gruppe
bereich sowieso kaum möglich, da viele Kulturakteure
„Realitäten Revue“ („Shadow“, Di, 13.07.) etwa ist aus einem
studentischen Projekt entstanden -- das hat sie mit vielen
außerhalb der Projekte Zeit miteinander und in der
Gruppen der Kaltstart-Abteilungen gemeinsam. In den letzten Planung neuer Projekte verbringen. Man nimmt die
anderthalb Jahren haben sie in Zusammenarbeit mit ver- Arbeit immer mit nach Hause und lebt von einem
schiedenen Tanz- und Theatergruppen drei Inszenierungen
Projekt ins nächste, von heute bis übernächstes
auf die Bühne gebracht. Ihre Produktion „Shadow“ war auf
einigen europäischen Festivals zu sehen. Finanziert werden Jahr. (Franziska Pohlmann, Haute Culture e.V.,
die Projekte aus eigenen Mitteln, aber auch aus Kulturfonds. Mo, 12.07.)
Damit gehören „Realitäten Revue“ zu einer der wenigen Vergangenes Jahr hat der Fond der Darstellenden Künste
freien Gruppen, die öffentliche Gelder bekommt. Das Geld die Lebens- und Arbeitsbedingungen der freien Theater- und
zum Leben verdienen die beiden Hauptakteure allerdings mit Tanzschaffenden in Deutschland untersucht. Der „Report
Programmieren und Grafik-Design. In der Fringe-Abteilung Darstellende Künste“ ist die erste Untersuchung dieser Art
von Kaltstart können sich die meisten glücklich schätzen: Sie seit 1973. In einer Onlinebefragung wurden 4000 freischaf-
studieren noch. fende Künstler aus Tanz und Theater befragt. Die Zahlen, die
Wir leben prekär, wie die meisten KünstlerInnen. der „Report Darstellende Künste“ enthält, sind zum Heulen.
40 Prozent der freien Theatermenschen verdienen weniger
Durch das Studium sind wir zugegebenermaßen noch
als der Durchschnitt der Bundesbürger: Während diese pro
in einer Art Schutzzone. Es gibt uns die Freiheiten Jahr 17.463 Euro netto verdienen, liegt das Einkommen in der
zum auszuprobieren, nicht zuletzt weil wir eine ko- freien Theaterszene bei ungefähr 9000 Euro -- und das, ob-

stenfreie Probenmöglichkeit haben (die wir allerdings wohl etwa zwei Drittel einen Hochschulabschluss haben. 32
Prozent sind dauerhaft auf Sozialleistungen angewiesen, 68
mit Kommilitonen teilen und doch oft in unseren Prozent haben keine Kinder. Nahezu zwei Drittel realisieren
Wohnzimmern proben mussten). über zehn verschiedene Projekte im Jahr.
(Ponydressing, Mi, 14.07.) Das „Ensemble la vie -- Das Leben e.V.“, das bei Kaltstart
„Der Zementgarten“ (Mo, 12.07.) zeigt, produziert rund sechs
Stücke pro Jahr, was aber verhindert, dass sie mit ihren
Arbeiten touren. Auch mit der Förderung sieht es nicht so gut
aus. René Rothe: „Wir haben bis dato noch keine Förderungen
bekommen, weder vom Bund noch vom Freistaat Sachsen
oder der Stadt Dresden. Den „Zementgarten“ konnten wir nur
realisieren, weil das Staatsschauspiel Dresden eine Probe-
bühne bereitgestellt hat, die Hochschule für Bildende Kunst

12 / 13
KFZ
Debatte

Dresden die sichtbare Bühne gebaut hat, die Hochschule mungen die Kulturschaffenden als Symbolfiguren stilisieren,
für Musik und Theater Leipzig das Tonstudio zur Verfügung die das freudige Umarmen von prekären Arbeitsverhältnissen
gestellt hat und die Schauspieler auf ihre Gagen verzichtet für die Breite der Gesellschaft vorbereiten, ist ein Zusam-
haben.“ 30-50 Prozent der freien Theatermacher müssen menhalt, eine Art gewerkschaftliche Organisation unbedingt
arbeiten, um finanziell über die Runden zu kommen, rund nötig.
zwei Drittel der Wochenarbeitszeit geht für Organisation und Ich hoffe, dass sich die Theaterlandschaft in
Nebentätigkeiten drauf. Nur 33 Prozent der Wochenarbeits-
zeit bleiben für die eigentliche künstlerische Tätigkeit.
Deutschland generell umstrukturiert.
Dass nicht nur Projekte gefördert werden, sondern
dass man auch einen Lebensunterhalt hat in frei-
en Produktionen. Dass sich echte Gemeinschaften
bilden, von Spielstätten zu Künstlern, von Künstlern
zu Künstlern und so weiter, und nicht nur Namen
herumgereicht werden. Ich würde mir
wünschen, dass man nicht gezwungen ist, immer auf
Haute Culture e.V.
dem Sprung, nomadisch und von Deadline zu Deadline
Und die Rentenerwartung? Etwa 405 Euro haben weibliche
für Förderanträge und Festivals und Residenzen zu
Theaterschaffende zu erwarten, Männer etwas mehr.
leben. Aber ich glaube, dass es einer künstlerisch-
Jetzt kann man natürlich sagen: Was soll die Auf-
politischen Bewegung bedarf, die sich einsetzt gegen
regung? Es ist die freie Entscheidung eines Jeden.
Hierarchien und den Einzug des Neoliberalen im
Am Theater geht‘s eben anders zu als anderswo.
Kulturmanagement. Frei arbeiten soll tatsächlich
Das sind keine normalen Jobs. - Und hier genau
etwas mit Freiheit zu tun haben. (Ponydressing)
sind wir am Kern des Problems. Doch, Lebens- und
Für diese Bewegung kann ein Festival wie Kaltstart, so
Arbeitsverhältnisse am Theater werden normal. Die schlecht es auch bezahlen kann, eine Chance sein. Theater-
prekären Jobs in künstlerischen Berufen sind in den macher aller Bundesländer, vereinigt euch!
vergangenen Jahren rapide in die Höhe geschnellt.
Die Vorstellung, man habe diese Lebens- und Ar-
beitsverhältnisse am und mit dem Theater frei ge-
wählt und entscheide sich jedes Mal für ein Projekt
oder dagegen, ist ein nicht unwichtiger Grund dafür,
weshalb die Selbstausbeutung bei Leuten bis etwa 35
Jahre, aber auch darüber, meist ohne Kinder, ins
Unermessliche steigerbar zu sein scheint. (Isabell
Lorey)
Warum also? Auch Helena Otto vom Regiekollektiv „Otto frisst
Engels“, die bei Kaltstart mit „Pimper my City, du Nomaden-
sau“ vertreten sind, spürt die Begeisterung, die Lorey kriti-
siert: „Bei mir ist das Theater omnipräsent. Weil ich es liebe
Haute Culture e.V.
und gerne Kraft und Zeit dafür aufbringe. So kann es schon
mal sein, dass ich in mehrere Projekte gleichzeitig involviert
bin. Ich glaube, Engagement ist mir sehr wichtig.
Entweder ganz und dann mittendrin oder gar nicht.“
Sie ist kritisch zu sehen, die Leidensbereitschaft und Selbst-
ausbeutung - dauerhaft leidet darunter nicht nur die künstle-
rische Arbeit, sondern auch der Rest des Lebens. Mittlerweile
hat sich aber glücklicherweise eine kritische Grundstimmung
bei den jungen TheatermacherInnen entwickelt, die vielleicht
in den kommenden Jahren zu stärkeren Protesten gegen die
sinkenden Löhne führen wird. Je mehr neoliberale Strö-

Kaltstart
Johannes Schneider
Khesrau Behroz
Jan Berning
Caroline Müller
Jan Oberländer Alexandra Müller
Jan Fischer Clara Ehrenwerth
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12 / 13
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KFZ
Ratgeber

Das Festival-Survival-Kit

Adornos Kulturkritik.
Muss auch sein.
Die würzige Alternative
zum Elektroschocker. Bei
nächtlichem Nachhau-
sekommen ein großer
Sicherheitsspender. Aber
Vorsicht: Nicht selber an-
sprühen!

Festival-Nächte sind lang


und heiß: Softdrink-Energie-
Weg mit den Digitalkameras, her schübe ohne Kokain und mit
mit den alten Teilen! Da wird auch weniger Kapitalismus. Außer-
bei Stromausfall das Theatergut für dem wiederverschließbare
die nachfolgenden Generationen Flaschen – im Theatersaal ein
aufbewahrt. Und das gute Stück Muss.
macht sich auch ganz fantastisch
als Accessoire.

Schon Eva wusste: Ein Apfel zur rech- Langweiliges


ten Zeit fördert die Selbsterkenntnis. Stück? Be-
Im heutigen selbstreferenziellen schissene
Theater eine Voraussetzung. Party? Dröger
Gesprächspart-
ner? Schlafbrille
– dann ist es
wenigstens
Auch du bist in der Schule wegen dunkel.
uncooler Klamotten gehänselt wor-
den? Beteilige dich an der Revenge of
the Nerds und schlag zurück mit dem
Trendaccessoire 2010! Das wollen jetzt
sogar die coolen Kids. Aber wir geben
es ihnen nicht! Nä nä nä …

Ohne Worte. Wieder mal nen heißen Regisseur


abgeschleppt und in dessen Hotelbett
aufgewacht? Jetzt heißt es frischma-
chen und ab in die nächste Premiere.

Kaltstart
Die Festivalzeitung KFZ zum KALTSTART HAMBURG 2010 wird herausgegeben vom
Kaltstart e.V.

Redaktion: Khesrau Behroz, Jan Berning, Stephanie Drees, Clara Ehrenwerth,


Jan Fischer, Alexandra Müller, Laura Naumann, Jan Oberländer (V.i.S.d.P.),
Johannes Schneider.

Gestaltung: www.kirschcake.net.

Auflage: 500. Redaktionsblog unter www.kaltstart-hamburg.de/blog.

Oder in live: Lokal, Max-Brauer-Allee 207, 22765 Hamburg.

Mit freundlicher Unterstützung von: