10 Schwerpunkt Dienstag, 13.

Juni 2017 u neues deutschland
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»Wir wollen uns lebend!«
Die argentinische Frauenbewegung »Ni Una Menos« gilt vielen in Lateinamerika als beispielhaft
Woher kommt das Motto »Ni Una
Menos«?
Eine mexikanische Poetin hat diesen
Ausdruck geschaffen angesichts der
Illustration: 123RF/maigi [M]

zunehmenden Morde in Mexiko an
Mädchen und Frauen, den sogenann-
ten Femicidios. Als im Juni 2015 ein
14-jähriges Mädchen in Argentinien
ermordet wurde, gab es eine sponta-
ne massive Mobilisierung. Die Medi-
en sprechen seitdem von den Femi-
cidios und nicht mehr von Mord aus
Eifersucht oder Ähnlichem.
KOMM E NTA R Was folgte dann?
Seither haben bestehende Organisa-
Afrikas Jugend tionen und neue Gruppen weiterge-
arbeitet. Das Motto hat offenbar eine
bietet Chancen kollektive Empfindung getroffen. Die
Mobilisierung der Massen hat sich
Martin Ling über den Bericht der immer stärker ausgeweitet. Gleich-
Entwicklungsorganisation One zeitig gab es immer mehr Morde an
Frauen. 2017 nimmt das noch mal zu.
Afrika – der Kontinent der Zu- In Argentinien wird schätzungsweise
kunft. Diese These wird von nicht eine Frau pro Tag ermordet. Ausge-
wenigen Optimisten vertreten, hend von einer Demonstration in Me-
die auf das Potenzial der 54 afri- xiko Anfang 2016 entstand das Mot-
kanischen Staaten schauen. Die- to »Wir wollen/mögen uns lebend«
sem Potenzial widmet sich der (Vivas nos queremos). Das ist eine
Bericht »Afrikas Jahrhundert« der positive Forderung, die viele anzieht.
entwicklungspolitischen Organi- Damit wird die vorherrschende Pers-
sation ONE. Bis 2050 wird sich pektive kritisiert, dass die Frauen an
demnach die afrikanische Bevöl- der Gewalt selbst Schuld sind und als
kerung mehr als verdoppeln, die Opfer gesehen werden. Vielmehr
Hälfte der Menschen wird jünger werden sie zu Subjekten. Es ist keine
als 25 Jahre alt sein. Die jugend- Bewegung von Opfern von Gewalt-
liche Bevölkerung Afrikas wird taten, die auf Entschädigung drän-
dann zehn Mal so groß sein wie gen.
die der Europäischen Union. Ob
diese Hochrechnungen letztlich Am 19. Oktober 2016 wurde zum
en détail eintreffen oder nicht, ersten Frauen-Streik aufgerufen.
die Tendenz ist unstrittig und Ja. Im Oktober gab es das Nationale
damit auch die Relevanz der von Frauentreffen in Argentinien, das seit Vielstimmiger Appell: Der Slogan »Ni Una Menos« findet in Argentinien und darüberhinaus weit über den Frauentag am 8. März Resonanz. Foto: AFP/Juan Mabromata
ONE gestellten Frage: Was diese 33 Jahren stattfindet. Vergangenes
vielen Jugendlichen machen Jahr kamen 600 000 Frauen nach Ro- sagte: Der Streik ist keine Technik, Gewalt, Abtreibung und Gesundheit, Steht die Zunahme der Femicidios Das ist interessant, denn sie sehen sich
werden, wie sie denken und was sario, und wir hatten buchstäblich das sondern eine Frage: Was bedeutet es, die Erde als Körper, der vom Res- auch mit dem Kirchnerismus, also in den aktuellen Auseinandersetzun-
sie wollen, wird nicht nur Afrikas Gefühl, eine Stadt für unsere Anlie- zu streiken, zu unterbrechen in der Si- sourcen-Extraktivismus angegriffen den progressiven Regierungen von gen auch als Feministinnen. Damit
Zukunft bestimmen, sondern gen einzunehmen. Als wir dort wa- tuation, in der sich die sozialen Ver- wird, die Verbindungen mit anderen 2003 bis 2015, im Zusammenhang? wird noch deutlicher: In Argentinien
auch die Europas und der Welt. ren, wurde eine Frau auf brutale Wei- hältnisse verschlechtern? Damit wur- Ländern, ein Wiedererstarken des Fe- Durchaus. Der Kirchnerismus hat vor ist der Kampf um Rechte nicht einer
In der deutschen Regierung ist se in Mar del Plata ermordet, und wir de das Thema der Arbeit zentral. minismus und anderes. Der Feminis- allem in den Armenvierteln dazu des liberalen Feminismus, sondern er
die Botschaft der wachsenden Re- hatten den Eindruck, dass diese Tat mus ist nicht mehr nur vor allem li- beigetragen, den sozialen Zusam- kommt aus viel breiteren sozialen
levanz und Wirkmächtigkeit Afri- dazu beitragen sollte, die Bewegung Auch beim internationalen Streik beral und akademisch, sondern eben menhalt zu schwächen. Die infor- Kämpfen. Dafür standen ja historisch
kas angekommen. Nicht nur das zu disziplinieren. Deshalb haben wir am 8. März 2017? auch kommunitär, indigen, volksnah. melle Ökonomie hat zugenommen, die Madres – gegen Neoliberalismus,
Entwicklungsministerium, son- innerhalb einer Woche den Frauen- Ja. Für den 8. März wurde in fünf gro- Vorher hat Feminismus in den Ar- damit entstehen andere Machtver- die Kämpfe der Jüngeren in den Ar-
dern auch Kanzleramt, Finanz- streik organisiert, und der fand dann ßen Versammlungen ein Manifest er- menvierteln nichts bedeutet. In den hältnisse, neue Konflikte und ver- menvierteln und anderes. Das wird
und Wirtschaftsministerium ha- in 15 lateinamerikanischen Ländern arbeitet, das dann verlesen wurde. Es Aufständen um 2001 in Argentinien mehrt Gewalt, vor allem gegen Frau- nun mit dem Feminismus verbunden.
ben Afrika-Konzeptpapiere vorge- statt. Das war ein qualitativer Sprung. thematisiert Arbeit, sexuelle Vielfalt, wurde ihm eher mit Vorurteilen be- en. Die staatlichen Hilfeleistungen Die Madres haben an zentraler Stelle
legt. Vieles von dem, was auch Es wurde deutlich: Frauen sind nicht die Verantwortung des Staates für die gegnet. haben nie ausgereicht, vor allem in bei der Demo am 8. März gespro-
ONE propagiert, »Bekämpfung die Opfer, sondern wir sind in der La- den vergangenen fünf Jahren, also chen.
der Korruption, Ausbau der Infra- ge, gesellschaftliche Abläufe anzuhal- mussten die Leute sich anders re-
struktur und Schaffung von Ar- ten. Wir haben nicht nur Gewalt, son- Vor einer Woche fand in Buenos Ai- produzieren. Neben der informellen Wie geht es weiter?
beitsplätzen als Schwerpunkt«, dern auch Arbeit zum Thema ge- res eine große Demonstration der Ökonomie ist es auch die Finanzia- Organisatorisch wird es im Oktober
findet sich auch in den Papieren macht. Anhalten bedeutete, die aktu- Frauenbewegung unter dem Motto lisierung – die Menschen haben sich in der Provinz Chaco ein weiteres
der Bundesregierung. Was beiden elle Fragmentierung der Gesellschaft »Ni Una Menos!« (»Nicht eine weni- über private Schulden finanziert, was Treffen geben. Inhaltlich wird im-
fehlt, ist die handelspolitische aus feministischer Perspektive zu the- ger!«) statt. Es handelt sich um eine eine starke Individualisierung mer deutlicher: Die Gewalt gegen
Ausrichtung: Wenn den afrikani- matisieren. der dynamischsten und breitesten schafft. Dazu gab es die starke Ori- Frauen ist Teil einer neuen kolonia-
schen Ländern nicht die Möglich- sozialen Bewegungen. Sie nahm im entierung, dass Integration in die len Offensive. In Honduras oder Gu-
keit eingeräumt wird, substanziell Welche Bedeutung hatte es, dass es Juni 2015 ihren Ausgang. Ulrich Gesellschaft über Konsum läuft und atemala sprechen die AktivistInnen
eigene Wertschöpfungsketten der erste Streik gegen die Regie- Brand von der Universität Wien, war der ist eben sehr individuell oder auf von »territorialen Körpern« in dem
aufzubauen, bleibt ihnen nachho- rung des neoliberalen Präsidenten auf Einladung der Rosa Luxemburg- Familienebene und zerstörte vorher Sinne, dass etwa die Ermordung von
lende Entwicklung versagt. Zwei Mauricio Macri war, die seit De- Stiftung in der argentinischen bestehende soziale Strukturen. SprecherInnen der Widerstandsbe-
Prozent des Preises einer Schoko- zember 2015 im Amt ist? Hauptstadt und sprach mit Verónica wegungen, oft Frauen, gegen die ex-
ladentafel landen in Westafrika, Das wurde durchaus registriert. Wir Gago, Mitglied des Organisations- Welche Rolle spielen bei den aktu- traktivistischen Projekte der trans-
über 70 Prozent der Kakaobohnen sagten: »Während die Gewerkschaf- kollektivs von »Ni Una Menos!«. ellen Mobilisierungen die berühm- nationalen Konzerne in diesem ko-
stammen von dort. Solange sich ten Tee mit Macri trinken, sind wir auf Foto: privat ten Madres de Plaza de Mayo (Müt- lonialen Zusammenhang gesehen
das nicht ändert, wird Afrika im- der Straße.« Wie Rosa Luxemburg ter des Platzes der Mairevolution)? werden muss.
mer ein Kontinent bleiben, der
seine große Zukunft vor sich hat.
Afrikas Jugend wird ihre Chance
dann woanders suchen.

Am Ende des Regenbogens wartet das Glück
ACTION Armensiedlung in Indonesien wird dank farbenprächtiger Dächer weltberühmt
Eine Welt – »Jetzt wird’s häus- Bunte Dächer, wohin das Auge und Co. Fast 80 Millionen der über 250 auf Instagram und entschieden, her-
lich! Eröffnungsfest Berlin Global blickt. Seit April ist das indonesi- Millionen Indonesier nutzen soziale zukommen, und es ist echt toll«, sag-
Village«. 14. Juni, ab 16 Uhr, sche Dorf Kampung Pelangi in den Medien. Vor allem die jüngere Gene- ten Maya Cindy und Diana Andrea.
Startschuss für die Eine-Welt-Eta- Farben des Regenbogens bemalt. ration ist immer auf der Suche nach Die Regenbogenidee brachte der 54-
ge auf dem Kindl-Gelände in Neu- Damit wurde das einstige Armen- dem besten Motiv für ein »Selfie«. Und jährige Schuldirektor Slamet Wido-
kölln mit Dr. Franziska Giffey (Be- viertel jetzt zum Instagram-Star diese Motive liefert Kampung Pelangi do ins Gespräch, nachdem er das
zirksbürgermeisterin Neukölln) zur Genüge: Hier kann man sich vom Konzept in anderen Ortschaften ge-
und Dr. Jürgen Varnhorn (Abtei- Von Barbara Barkhausen, Sydney »Hai auffressen« lassen, Tricks mit sehen hatte, die jedoch nie den glei-
lungsleiter in der Berliner Wirt- geometrischen Mustern machen oder chen Bekanntheitsgrad erreicht hat-
schaftsverwaltung), 17 Uhr: Dis- Früher wollte niemand in Kampung einen bildlichen Blumenstrauß über- ten wie jetzt Kampung Pelangi. Ir-
kussionsforum des Berliner Ent- Pelangi wohnen, geschweige denn es reichen. Mit mindestens drei unter- gendwann sollen 385 Häuser mit den
wicklungspolitischen Ratschlags besuchen. Das indonesische Dorf in schiedlichen Farben ist jedes Haus für bunten Farben und der Graffitikunst
(BER) mit den entwicklungspoli- Zentraljava galt als Armenviertel. sich ein Hingucker. bemalt sein und auch der lokale Fluss
tischen Sprechern aus dem Abge- Rund 500 Kilometer sind es von dort Instagram-Nutzer haben die vielen soll gesäubert werden.
ordnetenhaus (SPD: Frank Jahn- in die Metropole Jakarta. Um das Le- Fotogelegenheiten mit Begeisterung Für das bisherige Projekt, das
ke, Linke: Harald Gindra und Grü- ben der Bewohner zu verbessern, ließ angenommen und viele witzige und schon jetzt ein erfolgreiches soziales
ne: Georg Kössler, Berlin Global sich die lokale Regierung ein Experi- farbenfrohe Fotos der Ortschaft auf Experiment ist, hat die Regierung
Village, Am Sudhaus 2 in Neu- ment einfallen. Sie gab dem Ort ei- das soziale Netzwerk geladen. Damit rund 300 Millionen Rupiah (20 000
kölln (U8 Boddinstraße, U7 Rat- nen Neuanstrich und einen neuen Na- ist das indonesische Dorf fast über Euro) zur Verfügung gestellt. Der lo-
haus Neukölln). Eintritt frei. men, der zum Motto wurde. Kam- Nacht weltweit bekannt geworden. kale Handwerkerverband half mit
pung Pelangi heißt nämlich wörtlich Inzwischen strömen immer mehr Arbeitern und Farbe, und auch das
Zum Lesen – Zum Lesen – »ila übersetzt »Regenbogen-Dorf«. Über Touristen in das einstige Armenvier- Verkehrsamt und die Tourismusbe-
405«, Mai 2017, Schwerpunkt: 230 Häuser wurden in Regenbogen- tel. Zwei junge Studentinnen sagten hörde unterstützten das Projekt.
Fußball & Co., 6 Euro, Bezug: In- farben angemalt, etliche Wände mit der lokalen Tageszeitung »The Ja- Nicht umsonst heißt es schließ-
formationsstelle Lateinamerika Graffitikunst versehen, die unzählige karta Post«, dass sie in das Dorf ge- lich: Am Ende des Regenbogens war-
e.V., Heerstr. 205, 53111 Bonn, Fotogelegenheiten schaffen. kommen seien, um den einzigarti- tet das Glück – im Falle von Kam-
Tel. (0228) 65 68 13, www.ila- Letzteres ist kein Zufall: Denn In- gen Blick auf das bunte Häusermeer pung Pelangi scheint sich dies zu be-
web.de donesier lieben Twitter, Instagram zu genießen. »Wir sahen die Bilder Kampung Pelangi: mit bunten Farben zur Touristenattraktion Foto: Imago/Zuma Press wahrheiten.