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Zum >topographicalturn(

Angebote für Beiträge und Rezensionen 1


Offers for Contributions a n d Reviews Kartographie, Topographie und Raurnkonzepte
erbitten wir per Post an die Anschrift der Kedaktion / should be mailed to: in den Kulturwissenschaften
Kedaktion Kult~irPoetik,Universität des Saarlandes, Institut für Germanistik,
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Bernard.Dieterle@k~~ltui.poetik.de;Manfred.Engel@kulturpoetik.de;
Dieter.Lamping@kuIturp«etik.de;Monika Ritzer@kulturpoetik.de
I
kiilr~irl'oerikveröffentlicht Beiträge und Rezensionen in deutscher, englischer und franzö- 1 Addressing the >topographical turn< in cultural theory which emphasizes spatial con-
sisclier Sprache. Iiin Merkblatt zur Manuskriptgestaltung wird auf Anfrage zugeschickt.
KiiliiirPoelik will publish coi~tribut/onsand reviews written in English, French or German.
i stellations and sites, the article discusses concepts of space botli in Anglo-American
Cultural Theory and in European Culture Studies in order to develop their differentes.
A style-sheet will be forwarded On requcst. I
Within Cultural Studies the program to )spatialize( historical narratives has created a
. . whole language of symbolic topographical figures which function as a counter-dis-
< >",, I
I Course for minorities. To argue against the tendency of translating theories in order to
Hornepage L ,.. .. transform them into >neutraltools<,independent of their historical origin, the article
1)eutscli: www.kulturpoetik.de / Bnglish: www.culturalpoetics.net discusses various space-discourses in European cultural theories; it refers to studies
Iniercssenten, die sich dort in unsere Mail-Liste eintragen lassen, werden über alle größe- from the current cultural reorientation of the humanities but also t o those from the
reii Veränderungen informiert. / Anyone interested is welcome to join our mailing list to early 2othcentury to illuminate different relationships between philosophy, historiog-
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langert sich u m ein Jahr, wenn keine Abbestellung bis zum J. J J . erfolgt.
'The jouriial sh;ill appear twice a year. The price for a subscription is € 75,- / 77,10 (A) /
graphie und Kartographie in der letzten Dekade zu verzeichnen hatten, durch
sFr 122.- pei- annuiii, f»r st~idents€ 55,- / 56,60 (A) / sFr 93,- (please enclose a copy of Miles Harveys Krimiqalgeschichte der Kartographie besiegelt.' Im Jahre 2001
yo~irst~ideiitidentity card with your order). Single issue price€ 45.- / 46,30 (A) / sFr 77,-. war das Feuilleton mit einer Kontroverse beschäftigt, die wie ein der Wirk-
All pi-ices d o not iiicl~ideniailing costs. If not cancelled tiy Novernt7er Ist, the subscription lichkeit entlehntes Supplement zu Harveys literarischer Geschichte der
will auloniatic;illy renew itself. Kartographie wirkte. Ausgelöst wurde sie durch den Verkauf des einzigen
erhaltenen Exemplares einer im Jahre 1507 von Martin Waldseemüller her-
Diese Zeitschrift un? alle in ihr enttraltenen,Beiträge und Abbildungen sind urheberrecht- gestellten Weltkarte aus dem Besitz des Fürsten Waldburg-Wolfegg an die
lich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes amerikanische Kongressbibliothek in Washington. Nicht die Verkaufssumme
bedarf der Zustimniung des .Vqlages. / This journal and all contributions and pictures
contained therein are.pfofec.t?a by copyright. Any use beyond the strict limits stipulated
von 10 Millionen Dollar löste den Streit a/us - es ging vielmehr um Belange
hy copyright laws requires the written permission of the publisher. nationaler Kultur. Da die aus zwölf Holzschnitt-Tafeln zusammengesetzte,
insgesamt drei Quadratmeter messende Karte zu den ersten gehört, die auf
Verlag: Vaiidenhoeck & Kuprecht GmbH & Co. KG, Theaterstr. 13, D-37073 Göttingen. die Entdeckung der )Neuen Welt<reagierten, und da sie zudem die erste Karte
Tel. 0551 -5 47 82-0 (Leitung); 0551 -69 59-0 (Auslieferung/Werbung), Fax 0551-69 59-17. ist, die den Namen >America<fur die kurz zuvor neu entdeckten Territorien
Internet: http://www.vandcnhoeck-ruprechtrde verzeichnet, wird die Waldseemüller-Karte in den USA als ))Geburtsurkunde
E-niail: infopvandenhoeck-ruprccht.de (fur Bestellungen und Abonnementsvenvaltung) Amerikas« betrachtet. Dieser Wert einer Karte als »geographischer Tauf-
Satz:,Satzspiegel, Bachstr. 16, D-37176 Nörten;Hardenberg. Druck- und Bindearbeiten:
Fluhert & Co., Robert-Bosch-Breite 6, D-37079-Göttingen. 'Miles Harvey, The Island of Lost Maps. A True Story of Cartographic Crime. New
York 2000; dt.: Gestohlene Welten. Eine Kriminalgeschichte der Kartographie. Obers. V.
ISSN 1616-1203 Andrea Ott. München 2001.
KulturPoetik Bd. 2,2 (2002),S. 151-165
ISSN 1616-1203 . O Vandenhoeck &Ruprecht 2002
152 Sigrid Weigel Zum )topographical turn( 153

schein(<'wird nicht durch die Tatsache gemindert, dass die Namensgebung das amerikanische Interesse a n der Urkunde als Dokument einer Beglaubi-
auf einen Irrtum zurückgeht. Denn der Kartograph ging im Jahre 1507 davon gung auf das Dargestellte richtet, wird dagegen auf deutscher Seite die Autor-
aus, dass nicht Columbus sondern Amerigo Vespucci die neuen Gebiete ent- schaft am kartographischen Verfahren ins Feld geführt; während die Bilder
deckt hätte; nach Aufklärung dieses Irrtums hat er auf später hergestellten und Zeichen der Karte dort in ihrer Funktion der Bezeichnung thematisiert
Karten den Namen durchgestrichen. Da aber hatte die (nach Angabe des Kar- werden, geraten sie hier als )techne( in den Blick. Eingeschlossen in den na-
tographen aus 1000 Drucken bestehende) Auflage der Universalis cosmogra- tionalen Streit ist damit eine Kontroverse um Symbolisierungen; sie zielt auf
pllia sccunrilli?~Ptl~oloni~iei
traditionem et Americi Vespucii aliort4rnqtre lilstra-
tionrs bereits große Aufmerksamkeit erzielt.
die doppelte Bedeutung einer topographischen Darstellung: als Repräsenta-
tion einerseits und als technisches Verfahren in der Geschichte des Wissens
\
Es ist also eine doppelte Singularität, die das seit längerem artikulierte Be- andererseits.
gehren der USA motivierte, in den Besitz der Karte zu gelangen: die Bedeu- In dieser unterschiedlichen Behandlung von Kartographie und Topogra-
tung der Karte als Namensurkunde des Kontinents und das Faktum des letz- phie und in den unterschiedlichen Schriftkonzepten, die der jeweiligen Lek-
ten verbliebenen Exemplars. Umgekehrt war das deutsche Interesse, im Besitz türe räumlicher Darstellungen einhergehen, verweist die genannte Kontro-
der Karte zu bleiben, durch die Aufnahme in die »Liste des geschützten deut- verse aber auf Differenzen in der Entwicklung arnerikanischer und europäi-
schen Kulturgutes~(ratifiziert worden, die den Export a n eine staatlich erteilte scher Theoriebildungen, genauer: auf konzeptionelle Urigleichzeitigkeiten
Ausfuhrgenehmigung knüpft. Nun löste der Verkauf aber weniger Debatten zwischen den Cultural Studies und den Kulturwissenschaften. Zwar sind bei-
über Kriterien für die Definition »deutschen Kulturgutes« aus als vielmehr d e in den letzten Jahrzehnten durch einen deutlichen >topograyhicalturn( i
!
einen Streit über \~erantwortlicheund Verfahren solcher Genehmigungen im gekennzeichnet, der gleichsam als theoretischer Fluchtpunkt der immer wie- '.

Spannungsfeld zwischen Rundes- und Landeshoheit. Einzig aus der Passage


eines Feuilletonartikels lässt sich eiii Motiv für die Einordnung in das Register
)Kulturgut von nationaler Bedeutung( ableiten. Diese betrifft das Recht der
Erstentdeckung bzw. -erfindung:
der beschworenen >linguistic<und >pictorial turns<betrachtet werden kann.
Doch größer als die Gemeinsamkeiten sind womöglich die Unterschiede -
selbst wenn diese nicht immer die Form eines Gegensatzes annehmen, wie
das zuweilen in griffigen Aussagen über den Status von Karte und Geographie
I
geschieht. Beispielsweise in der These Alfred Korzybshs „The map is not the
Miaruin soll inan den Amerikanern nicht ihren geographischen Taufschein überlas- t e r r i t ~ r y «die
, ~ Wolfgang Schäffner in seiner Untersuchung des topographi-
scii? [)er Kulturpatriot rnuß dagegenhalten, daß, wenn schon die Deutschen die Welt schen Dispositivs in militärischen, navigatorischen und philosophischen
nicht mitentdeckt haben, sie doch die ersten waren, die sie kartographierten. Das Operationen in d e n Niederlanden um 1600 zitiert, und der Gegenthese
Zeugnis diescr Tat aber ist unbedingt schützenswert.' )>Mapsare territories~,die Douglas Turnbull als programmatischen Titel ei-
ner Studie gewählt hat.6 Wo es einerseits um eine Aussage zur Semiotik der
Abgesehen davon, dassauch dieser Bewertung ein Irrtum anhaftet, da der 1 Kartographiqgeht, wird andererseits die Macht symbolisaher Konstruktionen
1475 in Fribourg &borene Waldseemüller nicht ohne weiteres dem deutschen
bzw. der Einsatz von Karten in der Geschichte der Kolonisierung hervorge-
Erbe zuzuschlagen ist,4 und abgesehen davon, dass Zeitgenossen auch anderer j hoben. In diesem Sinne soll der Umgang mit topographischen Figuren im
Nationalitäten (wie etwa Johannes Ruysch 1507 und Francesco Rosselli 1508)
Folgenden als ein Feld theoretischer Überlegungen untersucht werden, an
die Neue Welt kartographierten, - abgesehen also von derartigen Ungereimt-
dem in geradezu paradigmatischer Weise signifikante Differenzen zwischeii
heiten in einer nationalen Inanspr~ichnahmedes Erstrechts, zeugt die Kon- :' den Cultural Studies und den Kulturwissenschaften kenntlich werden.
troverse von einen1 interessanten Deutungsstreit. In ein und demselben
Druck tritt hier nämlich das Dokument für den Ursprung einer Nation in
I
i
i
Konkurrenz zum Dokriment für den Platz einer anderen Nation in der Fort-
schrittsgeschichte naturwissenschaftlich-technischen Wissens. Während sich i
t
E.H., Verlorene Mieltkai-tc. In: Frankfrrt& Allgemeine Zeitung, 23.7.2001.
' Ehd. Alfred Korzybski, Science and Sanity. An Introduction to Non-Aristotelian Systems
Nach Herstellung der Weltkarte war Waldseernüller viele Jahre für den Grafen Rcn6 and General Semantics. Lakeville 1958; zit. nach: Wolfgang Schäffner, Operationalc To-
dc Lorraine und dessen Sohn Antoine tätig, U.a. für die StraDburger Neuedition der pographie. Kepräsentationcräume in den ~iederlandenum 1600. In: ~ ~ n s -Rhein- ~ ö r ~
(;t~ogrnpliicides Ptol«ma~is(1513)wie für die Herstellung der ersten gedruckten Wand- bergerIMichae1HagnerIBcttina Wahrig-Schrnidt (Hg.), Räume des Wissens. Kepräsenta-
karte Europas Cartu iterieruria Europae (1511 ) und großer Navigationskarten; vgl. den tion, Codicrung, Spur. Berlin 1997, S. 66.
biographischen Eintrag in: Peter KreeftIRonald Tacelli (Hg.), Handbook of Christian Douglas Turnbull, Maps are Territories - Science is an Atlas. A Portfolio of Exhibits.
Apologetics. Crowborough 1995. Chicago 1989.
Zum >topographicalt u r n < 155

2. Die Topographie der Cultural Studies von der Lesbarkeit der Stadt theoretisch konkretisiert wurde. Das Projekt
nimmt einen sehr spezifischen theoriegeschichtlichen Ort ein: im Anschluss
Eine Kritik der Kolonisierungsgeschichte war es auch, die die Karriere des an, nach und partiell auch gegen Foucault bzw. dessen Wirkungsgeschichte.
topographischen Diskurses und der daran gekoppelten Inanspruchnahme Während Foucaults Mikrophysik der Macht13 in der Stadt- und Architektur-
des Raums für soziale Theorie in den Cultural Studies begründete. Exempla- theorie der 70er Jahre zunächst vorwiegend zu einer Beschreibung der mo-
risch kann dafür die monographische Studie des Chicagoer Geographen J.M. dernen Stadt im Dispositiv des Uberwachens geführt hatte, intervenierte de
Blaut zum kolonialen Weltbild Europas stehen.' Diese setzte nicht nur das von Certeau in diesen Entwurf der Stadt als großes Gefängnis, indem er mit den
Edward W. Soja formulierte Programm »to spatialize the historical narrati- Arts de faire den Aspekt der Poiesis in den kulturellen Praktiken der Bewohner
ve(? um, sondern definierte gleichzeitig auch die zentrale Negativfolie der hervorhob.
Cultural Studies: »the West((,d. h. den europäischen Kontinent und alle eu- In Rabasas Lektüre von Cortes' Karte werden die »Arts de Faire« nun über-
ropäisierten Kulturen wie die USA und Kanada. Das Datum 1492 - d. h. das setzt in oppositionelle Praktiken, die sich in den Zwischenräumen der kolonia-
Bild Europas vor und nach 1492, das hier die Darstellung organisiert - spielt len Repräsentation bilden. Diese Operation entspringt sichtlich dem histori-
schen Index von Rabasas eigenem Theorieprojekt, nämlich einer postkolonia-
aiich in anderen Beiträgen eine zentrale Rolle. So diskutierte etwa Jose Rabasa
len Kritik des Kolonialismus. In ihr werden die historischen Koristellatioiien,
1987 die Rriefe Hernan Cortes' an Kar1 V., »to gauge the distance separating
the interested conqueror from the rzeutral a n t h r o p o l ~ g i s t «Im
. ~ Mittelpunkt denen er seine theoretischen Instrumentarien entnimmt, gleichgültig - und
damit mir Notwendigkeit verkannt. Derselbe Vorgang betrifft auch Rabasas
seiiies Beitrags steht Cortes' Karte von Mexiko Stadt (1524) als Bild für die
Deutung der Stadtdarstellung: Während nämlich der Botanische Garten, ein
ideale Stadt der Conquistadores. Die Karte stelle die Stadt in den Mustern von
Zoo und Botanischem Garten dar, durch die die Codes der mittelamerikani- verräumlichtes Tableau klassifikatorischen Wissens, erst im Kontext der )His-
schen Zivilisation überdeckt und unsichtbar gemacht würden, ohne jedoch toire naturelle(, also im 18. Jahrhundert, zu einem dominanten topographi-
vollständig zu verschwinden: schen Modell des Wissens wurde, referiert Cortes' Karte von Mexiko Stadt,
mittelalterlichen Paradiesbildern folgend, eher auf den Topos eines )hortus
..
I hc destruction of the city obviously does not imply the disappearance of Mesoame- conclususc. Eine solche historische Differenzierung bleibt dem Theorieprojekt
risaii civilization. The codes registered within tlie plan continue to exist, though in des >MappingSpates< aber gleichgültig, denn ihm geht es u m die Programma-
a disinembcred form. And it is precisely in the interstices of this objectification of tik eines )Counter-Discourse~.Rabasas Lektüre von Cortes' Karte kann als Al-
t h c city thal the whole array of the oppositional practiccs of everyday life pprliferates legorie eines solchen Vorhabens verstanden werden: der Entfaltung von Gegen-
in a n invisible mode.'O
diskursen in den Zwischenräumen einer kolonisierten oder auch eurozentri-
Mit den oppositionellen Praktiken des Alltagslebens bezieht sich der Autor schen Topographie.
auf Michel de Certeaus Theorie der Arts de faire,'' in der die alltäglichen Im Folgenden avancierte die Figur des )Zwischenraums<zum symboli- I
i
Handlungsweisen als eine Art Rhetorik beschrieben sind, die neben den ma- :, schen Ort der Cultural Studies, die sich als Theorie eines Minoritätendiskur-
terialisierten, sichtbaren auch unsichtbare Spuren in den Raum zeichnet. De j ses etabliertet. Nicht im Gegensatz der Kulturen, sondern zwischerz ihnen
Certeaus Kunst des Handelns steht für eine grammatologische Reformulie- : liegt der Ort, von dem aus der Gegen-Diskurs entwickelt werden soll.
rung von Konzepten sozial markierter Räume," in deren Folge das Paradigma The contemporary black English, like the Anglo-Africans of earlier generations and
I perhaps, like all blacks in the West, stand between ( a t least) two great cultural assem-
' James M. Blaul, Colonizers's Model of the World. Geographical Diffusionism and blages, both of which have mutated through the Course of the modern world that
Euroceiitric History. New York 1993. Mit )diffusionism<(von engl. )diffusion<:Verbrei- formed them and assiimed new configurations.
i
tung) meint Blaut den Glauben a n die europäische Uberlegenheit und den Mythos vom
!
autonomen Aufstieg Europas.
Edward W. Soja, Postmodern Geographies. The Reassertion of Spacc in Critical So-
iial Theory. I.ondon, Ncw York 1989.
i
lose Rabasa, Dialogue as Conquest. Mapping Spaces fur Counter-Discourses. In: The Production of Space. Oxford 1991, hat allein bis 1999 zwolf Auflagcn erlebt und in
(:uliural Critique 6 ( 1987),S. 131-1 59, hier S. 133.
l 0 Ebd., S. 146.
I der Critical Theory eine weit gröilere Wirkungsgeschichte erzielt als in der europäischen
Theoriebildung. Lefebvres Triade (soziale Praktiken, Repräsentation des Raums, Rcprä-
I ' Michcl de Certeau, 1,'lnvention du quotidien. Bd. 1: Arts de faire. Paris 1980; engl.: sentationsraum) ist einer der wichtigsten Bezugspunkte des spatial turns( in den Cultur-
Thc Practice of Everyday Life. Ubers. V.Steven F, Rendall. Berkeley 1984; dt.: Kunst des al Studies.
Handelns. Ebers. v. Ronald Voullie. Herlin 1988. "Michel Foucault, Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz,Psychiatrie und Medizin.
Berlin 1976. i
" Henri Lefebvre, La Production de I'esyace. Paris 1974. Die englische Übersetzung:
Auf diese Weise begründet Paul Gilroy seine Untersuchung zu ))Modernity kultureller Praktiken wird darin mit dem einer Ethnographie unter dem
and Double C o n s c i o u ~ n e s s c ( , ~
der
~ nder Schwarze Atlantik als »Countercul- Stichwort der )writing culture<enggeführt. Insofern ist in diesem Projekt auch
ture of Modernity« entworfen wird. »Black Atlanticcc ist hier weniger Bezeich- die Literaturtheorie besonders gefragt, da diese ihre Konzepte nicht selten am
nung für ein Territorium, denn Name für ein Programm. Die Situation von Schnittpunkt von Narration und topographischen Figuren gewinnt.
))stereophonic,bilingual, o r bifocal cultural forms«,15 in der sich die Schwar-
zen in den Regionen u m den Atlantik befinden, sei es in Afrika, England,
Nord- oder Südamerika, wird darin zum Paradigma einer interkulturellen
und transnationalen Gegenkultur der Moderne, eines Gegen-Diskurses, der 3. Literarische Topographien und die Übersetzung von Theorie
sich aus der Erinnerung an die Kultur der Kolonisierten und Sklaven speist.
Insofern geht es in 7'he Rlack Atlatitic weniger u m die Historiographie eines »A novel is a figurative mapping«, wie Hillis Miller in seinem Buch Topogra-
geographischen Rauines, wie beispielsweise in Fernand Braudels opus ma- phies f ~ r m u l i e r t . ~Innerhalb
' des Bedeutungsspektrums des Begriffs )Topo-
gnum Das Mittelnzecr,lh als vielmehr um den Entwurf einer symbolischen graphie~- als Schrift eines OrtesIRaums, als räumliche Metaphorik, als kar-
lopographie für den theoretischen Diskurs. tographisches Diagramm oder als Bezeichnung für eine räumliche bzw. kar-
Es handelt sich beim )topographical turn<in den Cultural Studies also we- tographische Ordnung der Dinge - zielt Millers Untersuchung vor allem auf
niger u m einen metaphorischen Gebrauch des )mapping( als u m die Trans- die Bedeutung von Orten, Landschaften und Raumkonzepten in Literatur
formation )klassischer( diskurshistorischer Kritik'' in den präskriptiven Ent- und Philosophie. Die literarische Topographie ist ihm Paradigma für all jene
wurf für eine andere Theorie. Diese gründet in Erfahrungen eines Bruchs mit Verfahren, mit denen Bedeutungen in Räume bzw. auf Landschaften proji-
der Gleichung von kultureller Identität und nationalem Territorium und ver- ziert werden.
dichtet sich in der Figur des )displacement(,die an die Stelle konventioneller Topographische Figuren stehen im Zentrum auch vieler anderer Literatur-
Migratioilskonzepte wie )Exil<oder >Diaspora<getreten ist. Das Verfahren des theorien, weil die literarische Darstellung strukturell mit der Aufgabe konfron-
)iilapping( und der Diskurs der )spacesc sind dabei zu Topoi im eigentlichen tiert ist, das Verhältnis von Zeit und Raum im Kontinuum des Textes zu gestal-
Wortsinn geworden: Gemeinplätze der Cultural Studies, die die Ersetzung ten. So ist die Bewegung im Raum beispielsweise ein prominentes literarisches
ciiies historiographischen Narrativs durch ethnologische Perspektiven anzei- Verfahren zur Darstellung individueller oder kultureller Entwicklungen in der
gen. Der Ethnologe wurde dabei zum Modellfall des Theoretikers überhaupt, Dimension der Zeit, ein Verfahren, das ein ganzes Register topographischer
allen voran Jaines Clifford mit seiner »travelling theory<(.lsDamit verwandel- Figuren hervorgebracht hat. Erinnert sei nur an Bachtins Begriff des C h r o n o -
I: ten sich die Cultural Studies zu einer ethnographisch beeinflussten Kultur- toposc, der die Verdichtung und die erzählerische Visualisierung von Zeit in
\ spezifischen Raumbildern beschreibt, so dass seine Studie über die Formen der
; theorie, deren Texte durch topographische Konzepte dominiert sind - sei es
) in Mary Louise Pratts Konzept der ),contact z ~ n e « ,in' ~Frederic Jamesons Zeit im Roman letztlich auf ein Archiv topographischer Bedeutungsfiguren
(;eopolitical Aesthetic, Homi Bhabhas postkolonialer Location of Culture oder . ~ ~ auch an Walter Benjamins Schrift über den Ursprung des
h i n a ~ s l ä u f t Oder
in lrit Rogoffs Terra infirtnn." Das Projekt einer Kartierung postkolonialer deutschen Trauerspiels (1927), in dessen Szenarien, wie er formuliert, die Ge-
schichte in den Schauplatz h i n e i n ~ a n d e r t . 'Oder
~ a n Gaston Bachelards Poetik
des Raumes, die er selbst - auf die Psychoanalyse anspielend - als eine Topo-
l4 Pali1 Gilroy, The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness. Cambridge, Analyse, als »Studium der Örtlichkeiten unseres inneren Lebens((,im ))Theater
klt\. I.oi1don 1993.
der Vergangenheit«, vorstellt. Auch in seiner Poetik gilt der Raum als Speicher
l 5 Ebd., S. 3.
l 6 Fernand Dra~idcl,Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps
verdichteter Zeit.'4
I 1 ILa Mbdiierranee el le monde mediterranken a I'epoque de Philippe; 1949,2. Fassung
1963).3 Dde. Ubers. V.Grete Osterwald. FrankfurtIM. 1990. Die Verortung der Kultur. Vorwort V. Elisabeth Bronfen. Ubers. V. Michael Schiffmann U.
"Wie sie noch vorlag in: Edward W: Said, Orientalism. New York, London 1978; dt.: Jürgen Freudl. Tübingen 2000; Irit Rogoff, Terra infirma. Geography's Visual Culture.
0rieni;ilisinus. Ubers. V. Lilianc Weissberg. FrankfurtIM. 1981. I London 2000.
l 8 Vgl. lamcs T. Clifford, It-avelling Cultures. In: Lawrence GrossbergICary Nel-
"J. Hillis Miller, Topographies. Stanford 1995, S. 19.
soii1Paula A. Treichler (Hg.), Cultural Studies. New York, London 1992, S. 96-1 16; Ders., Michail M. Bachtin, Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen zur historischen
Ico~ites.Travel and Translation in the Late Twentieth Century. London 1997. : Poetik [1975]. Hg. V. Edward Kowalski U. Michael Wegner. Aus dem Kuss. V. Michael
l 9 Mary Louise Pratl, Fieldwork in Common Places. In: lames Clifford/George E. Mar- j
Dewey. FrankfurtIM. 1989.
ilis (Hg.), Writing Cultlirc. The Poetics and Politics of Ethnography. Berkeley 1986. 23 Walter Benjamin, Gesammelte Schriften. Rd. 1.1. Hg. V. Rolf Tiedemann U. Hermann
2 0 Frederic jameson, The Geopolitical Aesthetic. Cinema and Space in the World Sys-
Schweppenhäuser. FrankfurtIM. 1974, S. 271.
tt'111. Hloomiiigton 1992; Homi K. Rhabha, 'The Location of Culture. London 1994, dt.: i 24 Gaston Bachelard, Poetik des Raumes [La Poetique de I'espace, 19571. Übers. V. Kurt
I
I
Lum >topographicalt u r n < 159

Im Unterschied zu solchen topographischen Figuren in Theorien literari- milation, domestication, and transformation of European t h e ~ r ~ Miller«.~~
scher Darstellung geht es in Hillis Millers Reflexion zum Verhältnis von Phi- selbst stellt seiner These zudem sogar das Gebot zur Übersetzung von Theorie
losophie, Literatur und Topographie nun - neben raumspezifischen Denkfi- entgegen. Für diesen Widerspruch bietet er statt einer theoretischen Lösung
guren in der Philosophie (vor allem Heideggers) - u m die Bedeutung von eine Lektüre des Buches Rut aus dem Alten Testament an, die eine Allegorie
Karte und Topographie für einzelne Schriftsteller und damit also zugleich um des Theorietransfers darstellt: ein buchstäbliches »border crossing(c, das Ruth
Orte und Landschaften als Voraussetzung von Literatur. Insofern könnte man - bzw. die Theorie - anderen Gesetzen unterstellt.
sagen, dass der >topographical turn( - anders als in den Cultural Studies - in Dieser Vorgang der Theorie-Übertragung ist geeignet, das oben diskutierte
der Literaturtheorie dazu geführt hat, die Orte nicht mehr nur als narrative Beispiel der Cultural Studies zu kommentieren. In der Übertragung werden die
Figuren oder Topoi. sondern auch als konkrete, geographisch identifizierbare Konzepte indifferent gegenüber der kulturellen Topographie, der sie entstam-
,I Orte in den Blick zu nehmen. So untersucht z. B. Franco Moretti in Atlante men: Sie werden zu reinen >toolsc. Das führt zu dem paradoxen Phänomen,
drl Roinat7zo Europco2' Karten explizit nicht als Metaphern, sondern als ana- dass mit dem )topographical turn( in den Cultural Studies ein Bruch mit der
lytisches Instrument, um nach den topographischen Bedingungen verschie- topographischen Herkunft theoretischer Konzepte einhergeht. Diese Beobach-
dener Entwürfe aus der europäischen Literaturgeschichte des 19. Jahrhun- tung möchte ich nicht als grundsätzlichen Einwand gegenüber der Übertra-
derts zu fragen. In seinem Buch wird die Lektüre einzelner Texte durch Karten gung von Theorie und deren Verwendung als )tools( verstanden wissen. Denn
bzw. Diagramme ergänzt, die etwa ~ J a n Austen's
e Britain(( verzeichnen oder problematische Effekte zeitigt dieser Transfer erst, wenn Konzepte, die ihrer
~SherlockHolmes' London«; eine Karte, auf der z. B. Morde, andere krimi- topographischen Genese entkleidet wurden, an ihren Ort zurückkehren und
nelle Ereignisse und Holmes' Bewegungen durch die Stadt mithilfe bestimm- dort dann, unter Absehung von ihren spezifischen kulturellen Implikationen,
ter Symbole in einen Stadtplan Londons eingetragen sind.2h als scheinbar geschichts- und kulturneutrale lnstrumente verwendet werden.
Aus der Genese verschiedener Literaturen aus spezifischen geographischen
und kulturellen Topographien folgt das Problem ihrer Un/Ubersetzbarkeit,
und zwar nicht nur die der Literatur selbst, sondern auch die der Theorie, die
aus der Lektüre konkreter Texte gewonnen wurde. »I,iterary theory is born, 4. Raumtheorien als Kulturtheorien in Europa
that is, from a certain kind of ~ - e a d i n g ( wie
( , ~ ~Hillis Miller schreibt. Diese
Feststellung betrifft über die Literaturtheorie hinaus aber jede Art von Theo- In der europäischen Theoriebildung beschreibt der )topographical turn( eine
rie, die - wie die jüngeren Kulturtheorien - einer bestimmten Art von Lektüre andere Konstellation als in den Cultural Studies. Hier ging es weniger um die
entspringt, einer Lektüre nicht nur von Texten, sondern auch von anderen Formierung eines topographischen Dispositivs im theoretischen Diskurs als
kulturellen Praktiken. Für Hillis Miller folgt daraus die Diagnose einer Un- um die Rekonzeptualisierung des Raums und seiner (Be-)Deutung. Dabei liegt
übersetzbarkeit von Theorie, genauer: jener Konzepte, die den Kern einer die Betonung der topographischen Wende auf >graphisch(.Spielte der Rauin in
jeweiligen Theorie ausmachen,2Rsowie die Gefahr einer Reduktion der über- der europäischen Philosophegeschichte (von Euklid bis Kant) immer schon
setzten Begriffe auf »abstrakte theoretische Dieser Beobachtung eine eminente Rolle für die Formulierung wahrnehmungs- und erkenntnis-
stehe aber nicht nur die laufende Praxis entgegen: »The most important event theoretischer Postulate, so wurde der Raum im 20. Jahrhundert auch für die
of the last thirty years in North American literary study is no doubt the assi- Kulturtheorie'(wieder) relevant - sowohl in den Kulturtheorien der Moderne
wie auch in der jüngsten kultunvissenschaftlichen Reformuiierung geisteswis-
1,eoiiharci. I:rankl'~iri/M.,Wien, Rerlin 1975, S. 40. Zum Verhältnis von Literatur und senschaftlicher Perspektiven, die nicht zuletzt zu einer Renaissance jener Kul-
turtheorien gefuhrt hat. Für diese stellt der Raum einen gemeinsamen Flucht-
'Topographie vgl. a u c h Sigrid Weigel, 'Topographien der Geschlechter. Kulturgeschichtli-
che Studien zur Liieratiir. Reinbek 1990; Dies., Topographische Poetologie. In: Dies., I punkt dar fur die philosophische (z. B. Cassirer), soziologische (z. B. Simmel)
Inget~orgBachmann. Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses. Wien
1999, S. 355-409.
25 Franco Moretti, Atlante del Romanzo Europeo. 1800-1900. Turin 1997; engl.: Atlas
/ und anthropologische (z. B. Spengler) Analyse kultureller Konfigurationen.
Gegenüber den Raumkonzepten der ersten Jahrhunderthälfte jedoch wurde
zum Ende des Jahrhunderts die Bedeutung von Räumen radikal reformuliert:
of the European Novel 1800-1900. London, New York 1998; dt.: Atlas des europäischen
als Signatur materieller und symbolischer Praktiken. Dafür stehen nicht nur
Romans. Wo die Literatur spielte. Ubers. V.Daniele dell' Agli. Köln 1999; frz. Atlas du
roman europecn, 1800-1900. Paris 2000. Michel Foucault »Heterotopien«, die verräumlichte Bilder als Konstellationen
L6 Ebd., cngl. Fassung, C. 135.
analysieren, denen eine strukturelle Spaltung inhärent ist." Dafür steht auch
2 7 Miller (Anm. 211, S. 32 1.

"Ebd., S. 322. O'Ebd., S. 3 17.


29 Ehd., S. 323. 'IVgl. Michel Foucault, Andere Räume [Des Espaces autres; Vortrag von 1967). In:
160 Sigrid Weigel Zum >topographicalturn( 161

Marc Auges Auseinandersetzung mit der ))Idee der Kultur als Textcc und der in dem die Zeit in dem Maße zunimmt, wie der Raum zUrbCktritt.3h M,,
»Idee der lokalisierten Gesellschaft« in seiner Studie Non-Lieux, wo er die im- könnte auch sagen, dass in Braudels Mittelmeergeschichte die Zeit gleichsam
plizite Fortschreibung des ethnologischen Modells anthropologisch konzipier- aus dem Raum heraus wächst. Oder auch: Am Anfang war der Raum. Dieser
ter Räume im jüngeren Kulturalismus kritisiert, in der eine Gesellschaft mit ist bei Braudel Anfang und Ursache anthropologischer G~setzmäßigk~iten
deren lokalisierbarer, homogener Kultur gleichgesetzt wird.32 Dazu gehören oder Regeln, die abgeleitet werden aus einer Typologie unterschiedlicher
vor allem aber die bereits erwähnten Arts de faire von Michel de Certeau." Der Landschaften - Berge, Hochebenen, Ebenen etc. -, die zusammen eine ))Ge-
Raum ist hier nicht mehr Ursache oder Grund, von der oder dem die Ereignisse samtkartographie« des Mittelmeerraumes bilden. Hiervon ausgehend folgt
oder deren Erzählung ihren Ausgang nehmen, er wird vielmehr selbst als eine Braudels Darstellung dem Motiv einer zunehmenden Vereinheitlichung die-
Art Text betrachtet, dessen Zeichen oder Spuren semiotisch, grammatologisch ses heterogenen Raums in der Geschichte: zunächst durch ein gemeinsames
oder archäologisch zu entziffern sind. Dieser graphische turn im Raumdiskurs Klima, dann durch die Verkehrswege - und schließlich mit Hilfe einer Durch-
zeigt sich sehr deutlich, wenn man dekonstruktive und postmoderne Topogra- schnittsrechnung. Während der zweite Teil die Entwicklung von Verkehr, Ver-
phien mit einem Klassiker zur Kulturgeschichte eines europäischen Raums waltung, Post-, Geldwesen etc. als Kampf gegen den Raum darstellt, der hier
kontrastiert. als »Feind Nummer eins« tituliert wird, da er den sozialen und kulturellen
Fernand Braudel hat sich in seiner Historiographie des Mittelmeerraums Tätigkeiten durch seine Trägheit Widerstand entgegenstelle,': werden die de-
methodisch die Aufgabe gestellt, die »Beziehungen zwischen Geschichte und taillierten Recherchen über die Nachrichten- und Geldzirkulation (die Brau-
Raum darzustellen«.34 Braudels Arbeit wurde 1949 erstveröffentlicht und del unter das schöne Motto stellt: »dem Jahrhunderts das Maß zu nehmen«)
1963 in einer stark überarbeiteten Form wieder aufgelegt (die deutsche Über- durch die Perspektive zunehmender Vereinheitlichung und Modellbildung
setzung beruht auf dieser zweiten Fassung). Ihre Idee und Entstehung reichen auf ein mittleres Maß hin nivelliert: die Verwandlung der heterogenen Räume
in die 20er Jahre zurück; sie standen im Kontext von Bemühungen - nicht in einen homogenen Raum )Europac als Effekt einer Durchschnittsberech-
nur der Annales-Schule -, kultur- und sozialgeschichtliche Perspektiven in nung nach dem Muster der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Dabei ist
die Historiographie einzuführen. Braudels Buch liefert aber weniger eine Ge- auffällig, dass der Name )Europa( bei Braudel genau an diesem Übergang voii
schichte des Raums als eine Ableitung von sozialen Phänomenen und histo- heterogenen Räumen zum homogenen Raum auftaucht, als Name einer idea-
rischen Ereignissen aus den als natürlich erscheinenden Gegebenheiten des len Einheit, die im Spannungsverhältnis zum Mittelmeer steht.3R
liaums. Die dreiteilige Konzeption der Darstellung folgt drei Zeitebenen, die Auch die Einführung des Kulturbegriffs steht im Kontext des Raum-Zeit-
hinsichtlich ihres Rhythmus unterschieden werden: (1) die »gleichsam unbe- kontinuums. Die Abgrenzung der )Kultur( gegenüber der )Gesellschaft( ge-
wegte Geschichte«, die auch als ))la plus longue durke« bezeichnet wird und schieht in Anlehnung an das Rhythmusmodell: die Kultur wird durch Bestän-
geographische Bedingungen betrifft, (2) die Geschichte »langsamer Rhyth- digkeit und Beharrungsvermögen, Langsamkeit und Dauerhaftigkeit gekenn-
men((, die auch als »soziale Geschichte der Gruppen und Gruppierungen« zeichnet - Eigenschaften, die durch eine sogenaiinte Raumhaftung des
bezeichnet wird und vor allem infrastrukturelle und ökonomische Daten ver- Kulturellen und durch die Religion als sein Movens erklärt werden. Die Ab-
sainmclt, und ( 3 ) die ))ruhelos wogende Oberfläche« der Ereignisgeschichte, grenzung, die Braudel hier vornimmt, liege sich schematisch zusammenfas-
die sich vornehmlich als Geschichte von Kriegen darstellt.35 sen in der F o h e l : Gesellschaft = Kultur - (Religion + »Bodenständigkeit«).
In dieser Komposition bilden Raum und Zeit gleichsam ein Kontinuum, In diesem Kontext taucht auch der Begriff des ,Abendlandes( auf, in bekann-
- - ter Opposition zum )Morgenland<.Den Fluchtpunkt des zweiten Teils stellt
Karlheinz Barck U.a. (Hg.),Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer an- der Sieg des Abendlandes dar, als durch die Reconquista herbeigeführte Wie-
deren Ästhetik. Leipzig 1990, S. 34-46. Zwar stehen in der Rezeption der )Heterotopien( derherstellung Europas. Erst im Barock, als der Kultur des christlichen Mit-
eher die - oft als Pathosformel zitierten - anderen oder ausgeschlossenen Räume im telmeerraums, konnte in der Sicht Braudels Europa zu sich selbst kommen."
Vordergrund, doch geht es im Text grundsätzlicher u m die Analyse räumlicher Inszenie-
rungen von Vorstcllungeii mit nicht-genuin räumlicher Bedeutung, die a m Beispiel der
Spicgel~~ene exemplarisch entwickelt wird. j6Dies gilt n u r für das Mittelmeerbuch, nicht für Braudels Kulturtheorie überhaupt.
! " Marc Auge, Non-Lieux. Introduction a u n e anthropologie de la surmodernite. Paris Vgl. dagegen etwa: Ferdinand Braudel, Die Kulturgeschichte: Die Vergangenheit erklärt
\: 1992; tingl.: Non-Places. Introduction LO an Anthropology of Supermodernity. Ubers. V. die Gegenwart. In: Ders., Schriften zur Geschichte. Bd. 1: Gesellschaften und Zeitstruk-
J o h n Howc. London 1995; dt.: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnolo- turen. Ubers. V. Gerda Kurz U.a. Stuttgart 1992.
gie der Einsanikeit. Übers. V.Michael Bischoff. FrankfurtlM. 1994, S. 61 ff.
" Ebd., Bd. 2, S. 37.
"Siehe Anni. I I. I8Ebd., Bd. I, S. 269 f.
"'Rraudel (Anm. 16), Bd. 1, S. 15. j9Fernand Braudel, Schriften zur Geschichte. Bd. 2: Menschen und Zeitalter. Ubers. V.
'5 Ebd., S. 20.
Jochen Grube U.a.. Stuttgart 1993, S. 637.
162 Sigrid Weigel Zum >topographicalturn< 163

In genauer Umkehr zum Gründungsmythos, der den Raub der Europa vom schen beschrieben wurde, eignet er sich nicht für jene programmatische theo-
fremden Kontinent erzählt, ist es hier Europa, das die iberische Halbinsel riepolitische Besetzung, die er in den Cultural Studies erfahren hat.
erobert und damit seinen Sieg in Gestalt einer Kultur christlicher Einheit
realisiert. Die vom Raum ausgehende Geschichte stellt sich also als fortschrei-
tende Vereinheitlichung dar, die sich über die Stufen Klima, Verkehrswege, 5. Philosophie und )technec des topographischen Wissens
den Namen Europas als Einheitszeichen und schließlich den Sieg des Chris-
tentums vollzieht. Aber der Raum ist in der europäischen Philosophiegeschichte noch in eine
Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Raums teilt Braudel mit etlichen andere, eher kulturtechnische Wissenstradition eingebunden. Denn tatsäch-
Zeitgenossen, wenn auch in sehr unterschiedlichen Ausformungen. Erinnert lich scheinen Reflexionen über den Zusammenhang von Raum und Zahl dem
sei nur an Carl Schmitts ))weltgeschichtlicheBetrachtung« Land und Meer,40 Verhältnis von Raum und Zeit vorausgegangen zu sein. In diesem Sinne je-
die die Geschichte Europas unter das Motto ~ l Mer a contre la Terre« stellt und denfalls erörtert Walter Burkert die Genese des dreidimensionalen Raumkon-
als Kampf zwischen den Landwesen bzw. nLandtreterncc u n d den »Seeschäu- zepts mit Bezug auf Texte von Platon, Aristoteles und Euklid. Dabei erläutert
mern(c erzählt. Aufgebrochen wurden derart duale Topographien dagegen in er z. B. das Ableitungssystem des Aristoteles, in dem zunächst aus den Prin-
zeitgenössischen Kulturtheorien, die den Raum in die triadische Konstella- zipien Oarchaic) von »Einem« und nunbestimmter Zweiheit(<die Zahlen ge-
tion von Raum, Zeit und Zahl setzten, so z. B. in Spenglers Morpllologie der wonnen bzw. »gezeugt<(werden, während dann »die Zahlen ihrerseits durch
~Vcltscsc-hichte4'- hier steht die Zahl am Anfang - oder, ganz anders, in den Bestimmung des Unbestimmten die Dimension des Raumes« zeugen: die
1
))Grundzügen einer Formenlehre des Mythos - Raum, Zeit und Zahl« in Cas- zwei die Strecke, die drei die Fläche oder Ebene und die vier schließlich den
sirers Pl~ilosophieder symbolische~iFormen," die die Raumreflexionen der Körper. Das heißt »Auf der Stufe vier treffen sich Wahrnehmung und Kör-
Philosophie im Lichte der zeitgenössischen physikalischen und mathemati- p e r w e l t ( ~Vor
. ~ ~diesem Hintergrund, so Burkert, »steht nun der Entwurf eines
schen Erkenntnistheorie reformuliert. Aufgebrochen wurden derart homoge- !
I
Weltmodells als Raumfigur, als stereometrische bestimmte Gestalt<(." Seine
ne Kulturmodelle des Raums aber auch durch soziologische und politikwis- i Darstellung, die ferner die Entdeckung der Kugelgestalt der Erde und die
senschaftliche Perspektiven. So z. B. in Georg Simmels Analyse zur »Sprache $
Konflikte zwischen dem physikalischen Raum (platonischer Kugel-Kosnios)
des Raums(<und zu den Grundqualitäten der Raumform (wie Ausschließlich- 1
und dem geometrischen Raum (euklidischer) erklärt, läuft auf die These hi-
keit, Begrenzung, Fixierung, Nähe und Distanz, Bewegung), die für die unter- 1
f naus, dass die >techne<dem Erkennen vorausgeht und das räumliche Denken,
schiedliche Gestaltung von Gemeinschaften relevant sind und im Hinblick das die europäische Philosophie dominiert, als Effekt der räumlichen An-
auf besondere Raumkonfigurationen beleuchtet werden." Hier wird der Zwi- schauung betrachtet werden muss.
schenraum, als Raum zwischen den Menschen, ebenso bedeutsam wie etwa Der Mangel einer Geschichte des Raums, den Burkert am Schluss seines
in klannah Arndts Uberlegungen zum Begriff des Politischen: )>DerMensch Beitrags beklagt, besteht wohl weiterhin, auch wenn in der Zwischenzeit eine
ist a-politisch. Politik entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durch- Reihe von Entwürfen zu einem solchen Projekt vorliegen. Beispielsweise Mar-
aus außerhalb des Menschen«. Und: »Politik handelt von dem Zusammen- garet W e r t h e i ~ sHistory of Space," in der die virtuellen Räume des Cyber-
und Miteinander-Sein der Verschiedenen. Politisch organisieren sich die space als techno-religiöse Konstruktionen gedeutet werden, die an die Stelle
Menschen nach bestimmten wesentlichen Gemeinsamkeiten in einem abso- des christlichen Himmelsraums in der Göttlicher1 Komödie getreten sind. Die
luten Chaos der I > i f f e r e n ~ e n «Insofern
.~~ also der Zwischenraum in der euro- Stationen, die den großen Bogen zwischen diesen beiden Punkten in Wert-
päischen Philosophie als O r t für die Konstitution des Sozialen und Politi- heims )longue durke( europäischer Raumkonstruktionen ausfüllt, sind U. a.
die Zentralperspektive und die »kosmologische Revolution der perspektivi-
schen Malereicc, Newton, Descartes, Kant und schliefllich Einsteins Relativi-
JV<:rl Schmitt, Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung. Leipzig 1942. tätstheorie.
" Oswald Spengler. Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der
LVeltgeschichte. 2 Bde. München 1918 U. 1922.
4 2 Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen. 3 Bde. Berlin 1923, 1925, 45 Walter Burkert, Konstruktion des Raumes und raumlicher Kategorien im griechi-
1929. schen Denken, In: Dagmar Reichert (Hg.),Raumliches Denken. Zurich 1996, S. 57-85,
"'Vgl. das Kapitel uber den Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft in hier S. 63.
, Georg Simmel, Gesamtausgabe. Hg. V. Otthein Rammstedt. Bd. 11: Soziologie. Untersu- 46Ebd.,S. 71.
/' chungen iiber die Formen der Vergesellschaftung [1908].FrankfurtIM. 1992, S. 687-790. 47MargaretWertheim, The Pearly Gates of Cyberspace. A History of Space from Dante
4 W ~ n n a Arendt,
h Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlai,. Hg. V. Ursula Ludz. to the Internet. New York 1999; dt.: Die Himmelstur zum Cyberspace Von Dante zum
München 1993, S. 9 u.1 l F. Internet. Aus dem Engl. V. Ilse Strasmann. Zurich 2000.
164 Sigrid Weigel Zum )topographicalt u r n < 165

Ohne den Anspruch einer derart umfassenden Historiographie des Raums Dazu Farinelli: »ist es zuweit hergeholt, in jenem focils imaginarius den pto-
hat Franco Farinelli die Zentralperspektive in eine andere Konstellation ge- lomäischen Punkt G zu sehen und in den ,Richtungslinienc die Achsen, die
stellt. Sein kleiner Beitrag zur Kritik der kartographischen Vernunft, der das aus ihm entspringen?« Und nachdem er noch Kants Erklärung, dass die ))sys-
Prospekt für eine riesige Forschungsarbeit enthält, eröffnet faszinierende Per- tematische Einheit (als bloße Idee) lediglich nur projektierte Einheit(( sei, zi-
spektiven für den engen Zusammenhang von Philosophie und Raumtechni- tiert hat, beantwortet Farinelli seine Frage selbst mit der These: »Der ptolo-
ken. Darin diskutiert er die Bedeutung der Wiederentdeckung von Ptolo- mäische Punkt G ist nichts anderes als die reine Vernunft, und Kants erste
mäus' Gcngrapliin im 15. Jahrhundert für die Erneuerung von Kartographie Kritik die kartographische Beschreibung der Projektion((."
und Topographie wie auch für die Entwicklung der linearen Zentralperspek- Farinellis Kritik der kartographischen Vernunft behauptet mit dieser Ant-
tive der Renaissance, und zwar irn Hinblick auf die Entstehung des Begriffs wort die kartographische Technik als eine Voraussetzung philosophischer An-
der )Projektion(:)>Projectioest rei solidae in planum transcriptio« (Projektion s c h a u ~ n g Damit
. ~ ~ entwirft er Perspektiven für eine kartographische Ge-
ist die Übertragung fester Dinge auf die Fläche)." Dieses Konzept der Projek- schichte europäischen Wissens, die sich jenseits des Gegensatzes von meta-
tion organisiert in Farinellis Beitrag Korrespondenzen zwischen Ptolomäus phorischer Kartographie und )eigentlicher<Geographie bewegt. Hier geht es
und der Zentralperspektive einerseits und zwischen dieser und der Philoso- I, weder um eine Ableitung von (europäischer) Geschichte aus dem Raum noch
phie andererseits: um eine Historiographie europäischer Kaumkonzepte. Europa wird hicr
nicht als territoriale Einheit gesetzt, die die Grenzmarken einer kulturge-
Alles in allem kann maii hier nun Gerlings apodiktische Aussage ,>Geographieist schichtlichen Rekonstruktion vorgibt; auch geht es nicht u m eine Topogra-
nicht Ontologie(<,beruhigt umkehren: Geographie ist echte Ontologie. Doch das A phie theoretischer Figuren. Viel eher lässt sich sein Beitrag als Anleitung lesen
heinerkeii die Geographen nicht, dafür aber die Kiinstler, die die ptolemäische Pro-
zur Untersuchung der Bedeutung topographischer und kartographischer
jektion in die I'erspcktive übertragen haben. Das heißt, eigentlich bemerkte es auch
ein (;cograph, Imman~ielKant, aber er wird dadurch vom Geographen zum Philo- Kulturtechniken für die Konstitution von Kulturen, die heute den Namen
~ophe1-i.~" )Europa<tragen. Die Differenzen zwischen den Cultural Studies und den Kul-
i! turwissenschaften lassen sich damit nicht einfach auf den Gegensatz zwischen
Kants Theorie der Erkenntnis wird von Farinelli vor dem Hintergrund der Politisierung und Historisierung bringen; zu beachten sind auch die theorie-
ptolemäischen Form der Beschreibung gedeutet, die eine Kugel auf die Fläche geschichtlichen und kulturtechnischen Implikationen von Figuren, die oft-
überträgt. )>Damitbewegte sich Kant von der empirischen Geographie zu mals denselben Namen zu tragen scheinen.
C
einer Geographie der Vernunft, oder wie er selbst sagte, zu einer Geographie
der )dunklen Räume unseres eigenen Verstandes<~~.'~ Vor diesem Horizont Prof: Dr. Sigrid We~gel,Direktorin des Zentrums fur Literaturforschung (Geistes-
verweist Farinelli nicht nur auf die zahlreichen Karten- und Landschafts-To- ~.issenschaftlicheZentren Berlin), Jagerctr. 1011 1, D- 101 I 7 Berlin;
poi in Kants Schrift. Er stellt zudem das Kantsche a priori der ))reinen An- E-Mail: litera@zfl.gzw-berlin.de
ti
~ , es in der Kritik der reinen
schauung, welche den Nainen Rauin f ü h r e t ~wie
Vcriziil!fi heißt, zwar nicht unbedingt auf die Füße, analysiert es aber als spe-
zifisches Verfahren der Anschauung, das der Technik der Projektion ent-
spricht. Dabei bezieht er sich U.a. auf Kants Beschreibung des Gebrauchs der
transzendentalen Ideen, der darin bestehe,
\

den Vcrstand zu einem gewissen Ziele zu richten, in Aussicht auf welches die Rich-
tungslinien aller seiner Kegeln in einem Punkt zusammenlaufen, der ob er zwar nur
eiiic Idee (Jocrrs iinriyirlarius),d. h. ein Punkt ist, aus welchem die Verstandesbegriffe
Ebd., S. 282.
wirklich nicht ausgehen, indem er ganz außerhalb der Grenzen möglicher Erfahrung
52Bev~r er seine Kant-These ausführt, vollzieht Farinelli aber noch einen Umweg über
licgt. dennoch dazu dient, ihnen die größte Einheit neben der größten Ausbreitung Hobbes, der sein Konzept klarer Worte und ihrer eindeutigen Beziehung zum Referenten
zu verschaffen.
(im Gegensatz zum metaphorischen Gebrauch) als eine Beziehung beschreibt, wie Dinge
sie nur in der kartographischen Darstellung bzw. im geometrischen Bild erreichen. Dass
Ein Zitat aus: Fraricis Ag~iillon,Opticorum libri sex. Antwerpeii 1613; Franco Fari- Hobbes seine Abgrenzung gegenüber der Metapher gerade mithilfe eines Vergleichs ent-
Vori dcr Natur der Moderne. Eine Kritik der kartographischen Vernunft. In: Rei-
iielli, wickelt, entgeht nun wiederum dem Geographen Faririelli. Uberzeugender ist seine Lek-
chcrt (Anin. 45),S. 267-301, hier S. 269. türe des Frontispiz im Leviathan, das er als Figur einer Projektion deutet, in der der Punkt
." Ehd., S . 775. G,der Ursprung der Projektion und so der Welt, mit der Spitze der Krone zusammenfällt,
50 Ehd., S. 280. die das Gewaltmonopol symboIisiert.