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Anliegerkommunen, Wirt-

M E D I AT I O N
schaft und der Flughafen-

Runder Tisch gesellschaft einigte sich An-


fang 2000 auf einen Kompro-
miss: Die vierte Piste darf
gebaut werden, wenn die An-
statt High Noon wohner dafür ein absolutes
Nachtflugverbot bekommen.
Das Modell galt bisher als
Wenn Bürger früh an der Planung
so erfolgreich, dass es inzwi-
beteiligt werden, lassen sich schen an etlichen Konflikt-
Konflikte um Projekte wie Stutt- punkten Deutschlands ko-
gart 21 entschärfen. Doch nicht piert wird:
immer halten die Kompromisse. ‣ Der rheinland-pfälzische
Ministerpräsident Kurt

BORIS ROESSLER / PICTURE ALLIANCE / DPA


er Ausbau des Frankfurter Flug- Beck kündigte im August
hafens um eine zusätzliche Lande- ein Mediationsverfahren
bahn ist ein wahrlich großes Pro- beim Streit um die Erd-
jekt. Mit mehr als vier Milliarden Euro wärmenutzung in der
Gesamtkosten spielt es in einer Liga mit Südpfalz an. Dort fürch-
der umstrittenen Bahn-Investition Stutt- ten Bürger, dass zusätz-
gart 21. Die Auswirkungen auf Umwelt liche Geothermie-Kraft-
und Anwohner dürften am Main aber werke weitere Erdstöße
deutlich mächtiger sein. Dort geht es nicht auslösen könnten.
um knapp 300 Bäume, sondern um Hun- ‣ NRW-Wirtschaftsminister
derttausende, um einen ehemals geschütz- Harry Voigtsberger will
ten, 300 Fußballfelder großen „Bann- mit Hilfe von Mediatoren
wald“, der die Anwohner vor Lärm und die Fronten um eine Koh-
Schmutz abschirmte; es geht für viele lenmonoxid-Pipeline des
Menschen im Ballungsgebiet um Frank- Bayer-Konzerns von Kre-
furt, Mainz, Wiesbaden und Offenbach feld nach Dormagen auf-
um den Wertverlust ihres Eigenheims und weichen. Anwohner se-
die Frage, ob man sein Fenster noch ohne hen in der Leitung für das
Tinnitus-Risiko wird öffnen können. giftige, geruchlose Gas
Und doch: Während in Stuttgart jede ein unzumutbares Risiko.
Woche Zehntausende wütende Bürger ‣ Sogar Bundeskanzlerin
protestieren, blieb es in Frankfurt bisher Angela Merkel ist von der
STADT MANNHEIM

nahezu ruhig. Vor Baubeginn im Mai Heilkraft der Mediatoren


2009 wurden ein paar Robin-Wood-Akti- überzeugt – und empfahl
visten auf dem Baugelände von den Bäu- den Schleswig-Holstei-
men geholt, ansonsten gab es allenfalls Flughafenausbau in Frankfurt, Mediation in Mannheim nern kürzlich dieses Ver-
versprengte, friedliche Aktionen kleine- Vollständige Transparenz als „Gebot der Stunde“ fahren für die geplante
rer Bürgerinitiativen aus dem Umland. Querung des Fehmarn-
Die einleuchtendste Erklärung für den Das Nichtrauchergesetz in Bayern, die belts in der Ostsee und ihre Anbindung.
unterschiedlichen Erregungszustand der Schulreform in Hamburg oder jetzt der Anlieger-Kommunen fürchten den
Menschen an Main und Neckar lässt der- Streit um den Stuttgarter Bahnhof: Überall Lärm entlang der Verkehrswege.
zeit verantwortliche Politiker bis hin zur begehrte das Volk jüngst derart auf, dass Der hessische SPD-Vorsitzende Thors-
Kanzlerin interessiert aufhorchen: „Me- manche Politiker schon das Ende jedweder ten Schäfer-Gümbel fordert bereits, Me-
diation“ heißt das Verfahren, das die Großprojekte befürchten. Der Flughafen- diationsverfahren sollten bei Großprojek-
Frankfurter vor Beginn der konkreten Pro- ausbau in Frankfurt gilt unter Profi-Me- ten „als festes Instrument im Planungs-
jektplanung ansetzten und das inzwischen diatoren hingegen als Paradebeispiel da- recht verankert werden“. Die bisherigen
viele Nachahmer findet. Es ist eine spe- für, wie Vermittlungsgespräche Konflikte Möglichkeiten zur Einflussnahme seien
zielle Form der Bürgerbetei- entschärfen können. Dabei „unzureichend“. Schäfer-Gümbel hält
ligung, bei der Investoren, war das Verfahren Ende der eine Bürgerbeteiligung und vollständige
Anwohner und andere Be- neunziger Jahre aus der Not Transparenz für „das Gebot der Stunde“.
teiligte sich möglichst früh geboren. Der damalige hes- Die Mediation sollte jedoch starten, be-
und außerhalb der streng sische Regierungschef Hans vor Fakten geschaffen werden. Wenn ein
formalisierten behördlichen Eichel sympathisierte mit Planungsverfahren abgeschlossen ist,
Planungsverfahren unter der Idee einer vierten Lan- geht der Handlungsspielraum für Schlich-
Leitung eines Vermittlers debahn, wollte bürgerkriegs- ter, wie jetzt für Heiner Geißler in Stutt-
CHRIS JABLINSKI / ACTION PRESS

zusammensetzen; bei der ähnliche Zustände wie beim gart, gegen null – schon allein, weil be-
sie ihre Wünsche und Be- Bau der dritten Piste in den reits geschlossene Verträge oft nur gegen
denken auf den Tisch legen Achtzigern aber unbedingt hohe Entschädigungen rückgängig ge-
und gemeinsam nach einer vermeiden. Damals hatten macht werden können. „Wir sollten es
Lösung suchen. Es ist quasi die Auseinandersetzungen gar nicht erst zu High-Noon-Situationen
eine Variation des Runden um die Startbahn West zwei à la Stuttgart 21 kommen lassen“, emp-
Tischs, der ab 1989 die Ab- Todesopfer gefordert. fiehlt NRW-Minister Voigtsberger.
wicklung der ehemaligen Schlichter Geißler Eine Mediationsgruppe be- So hat etwa die Stadtverwaltung in
DDR betrieb. Spielraum gegen null stehend aus Vertretern von Mannheim die umstrittene Trassenfüh-
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Deutschland

rung einer neuen Straßenbahnlinie in wie die Gesundheitsreform für grundsätz- Kompromissvereinbarung wurde von
einem Mediationsverfahren mit Anwoh- lich mediationsgeeignet. Wichtig sei, dass Nachfolger Roland Koch nach jahrelan-
nern vor Beginn des formellen Planfest- die Entscheidungsprozesse „für die Be- gen Beteuerungen am Ende gebrochen:
stellungsverfahrens kräftig korrigiert troffenen transparent ablaufen und nicht Kurz vor Baubeginn genehmigte die
und damit zumindest ein Aussetzen der in irgendwelchen Hinterzimmer-Kommis- Koch-Regierung 17 Flüge pro Nacht.
Proteste erreicht. Mit „überzeugenden sionen oder Behördenstuben festgeklopft Zwar hat der hessische Verwaltungs-
Beteiligungsformen“, ist sich der Mann- werden“. gerichtshof diese Genehmigung in erster
heimer Oberbürgermeister Peter Kurz Ein Problem allerdings sieht Meister: Instanz wieder gekippt. Doch damit will
sicher, könne man auch der „akuten Ak- Anders als in den USA, wo die Kompro- sich die inzwischen von Kochs Nachfolger
zeptanzkrise“ der deutschen Politik be- misse aus Mediationsverfahren von Be- Volker Bouffier geführte Landesregierung
gegnen. hörden und Gerichten als weitgehend bin- nicht abfinden: Sie ist vor das Bundesver-
Der professionelle Mediator Hans-Peter dend anerkannt würden, fehle es hier an waltungsgericht gezogen, das nun das Ge-
Meister, dessen Bensheimer Ifok-Institut ausreichenden Traditionen und Regelun- genteil dessen durchsetzen soll, was das
die Beteiligungsverfahren in Mannheim gen. Das zeige ausgerechnet die Media- Land einst als vorbildliches Mediations-
und Frankfurt organisiert hat, hält sogar tion am Frankfurter Flughafen. Denn die ergebnis gefeiert hat.
hochkomplexe Strukturentscheidungen unter Eichels Regentschaft ausgehandelte M������� B������, A����� B�����

Polizisten im Stuttgarter Schlossgarten


„Völlig aus dem Ruder gelaufen“

übt wurde“, behauptet Hans-Ulrich


Sckerl von den Landtags-Grünen.
Mappus wollte in die Offensive, rief
den Protestlern zu, er werde den „Feh-
dehandschuh“ aufnehmen – jetzt ist
er in Bedrängnis. Bereits am 20. Sep-
tember absolvierte er eine Art „Trup-
MICHAEL DALDER / REUTERS
penbesuch“ im Polizeipräsidium auf
dem Pragsattel. Er versprach den Be-
amten, sich in der Zukunft auch um
„Körperschutzausstattungen und Hel-
me“ zu kümmern.
Solche Visiten bei den Ordnungs-
hütern sind eigentlich Privileg des zu-
ständigen Innenministers. Doch Heri-

Schwarzer Donnerstag bert Rech fehlte bei dem Fototermin.


Zufall? Oder Indiz einer Absetzbewe-
gung in Zeiten, in denen die Polizei
War der harte Polizeieinsatz gegen Protestler politisch gewollt? eine Politik flankieren soll, die von
vielen Bürgern abgelehnt wird?

S
tuttgarts Polizeipräsident wusste, Handeln der Polizei wirklich „verhält- Auch bei der „Einsatzbesprechung“
dass der Ruf der Landespolizei nismäßig“ war, wie bislang beteuert. in der Villa Reitzenstein am Tag vor
auf dem Spiel stand. Seit Wo- Klar ist: Nach Wochen friedlicher dem unglücklichen Großeinsatz fehlte
chen diskutierte die Republik über die Demonstrationen gegen Stuttgart 21 Rech. Das Treffen war bereits Thema
Proteste zum Bahn-Projekt Stuttgart eskalierte am 30. September der Kon- in einer Sondersitzung des Innenaus-
21. Und nun, am 30. September, stand flikt plötzlich. „Schwarzer Donners- schusses. Entlastendes konnte die
der größte Einsatz unmittelbar bevor. tag“ wird der Tag nun im Südwesten oberste Polizeibehörde nicht vorbrin-
Siegfried Stumpf, 60, hatte daher genannt. Sechs Beamte und rund 130 gen. Im Protokoll ist hierzu nur ver-
tags zuvor neben der „Einsatzbespre- Protestler wurden verletzt. Selbst merkt: „Minister Heribert Rech er-
chung“ im Polizeipräsidium einen wei- Polizisten, die im Schlossgarten dabei klärt, er sei nicht dabei gewesen.“
teren wichtigen Termin: Er präsentier- waren, fühlen sich von der Politik Die Landesregierung bezeichnet
te seine Strategie direkt in der Villa missbraucht. „Der Einsatz ist völlig die Besprechung als reines „Informa-
Reitzenstein, dem Stuttgarter Regie- aus dem Ruder gelaufen“, sagt etwa tionsgespräch“. Den Vorwurf der Ein-
rungssitz. Mit am Tisch, Punkt 16 Uhr: Thomas Mohr von der Gewerkschaft mischung nennt Mappus „absurd“.
Landespolizeichef Wolf Hammann, der Polizei. Er habe an diesem Tag Aus Polizeikreisen heißt es jedoch, es
Verkehrsministerin Tanja Gönner so- einen „absoluten Strategiewechsel“ habe mindestens ein weiteres Strate-
wie der Ministerpräsident höchstper- erlebt, und der Beamte glaubt: „Die giegespräch zwischen Polizei- und Re-
sönlich, Stefan Mappus (CDU). Eine Politik wollte das so.“ gierungsspitze gegeben.
gute Stunde tagte die Runde. Schon Anfang November soll der Polizeichef Stumpf nimmt derweil
Was genau bei diesem Gespräch Ausschuss seine Arbeit aufnehmen. sämtliche Last auf sich: „Ich trage die
vereinbart wurde, soll nun ein parla- Mitten im Wahlkampf drohen Minis- alleinige Verantwortung für den Ein-
mentarischer Untersuchungsausschuss terpräsident Mappus dann unangeneh- satz.“ Dabei hatte er noch im Juni er-
erhellen. Er muss klären, ob die Lan- me Fragen. „Es gibt eine Reihe von klärt, was er persönlich von dem Ein-
desregierung und Mappus Einfluss auf Hinweisen, dass von Seiten der Politik satz von Wasserwerfern und Pfeffer-
den Polizeieinsatz nahmen. Ob das Druck auf die Polizeiführung ausge- spray hält: „Gar nichts!“ S����� K�����

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