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November 2010 DIE ZEIT No 45


ÖSTERREICH
Fotos: Christian M. Kreuziger/picturedesk.com

Ein neuer Volkssport


breitet sich aus:

Die große Milliönchen-Show


Demonstrationen
gegen das Budget

Mit dem dilettantischen Entwurf zu einem Sparbudget verspielt die Regierung ihr Ansehen VON JOACHIM RIEDL

J
etzt lodern die Flammen der Empörung auf Offensichtlich war die Regierung selbst von der alles bedacht« und sich »zu wenig Zeit genommen, Verantwortlich dafür ist vor allem der politische unangenehme Wahrheiten nicht zumutbar seien,
dem Regierungsdach. So ziemlich jede In- Heftigkeit der Proteste überrascht. Unverzüglich um alle Nebengeräusche zu berücksichtigen«. Nun Kleinmut, von dem sich die Regierung leiten lässt. riskiert die Regierungskoalition, lieber ihr Gesicht
stitution in der Republik revoltiert gegen nach den ersten Reaktionen begannen die Mit- versprach sie, es werde noch einmal »kreativ nach- Sie geht jedem Konflikt aus dem Wege, vermeidet es zu verlieren als Stellung zu beziehen.
das Spardiktat von Loipersdorf (minus sie- glieder des Kabinetts in sich zu gehen. Wissen- gedacht« werden, wie einige Härten abgefedert peinlich, in eine Kontroverse über eine Reform der Monatelang verweigerten Kanzler und Vizekanz-
ben Milliarden Euro bis 2013), das vor zwei schaftsministerin Beatrix Karl machte flugs 15 Mil- werden könnten. Allerdings, ohne das Gesamt- verkrusteten Strukturen des Landes zu geraten, und ler deshalb jedes Gespräch über das unvermeidliche
Wochen dem Land überfallartig aufgezwungen lionen Euro beim Finanzminister locker, um die paket aufzuschnüren, wie beteuert wird, das Ein- verabsäumt es, Prioritäten zu setzen. Stattdessen lässt Sparbudget. Sie fürchteten, ihre Parteien würden bei
werden sollte. Klerus und Studentenfunktionäre, Folgekosten der Familienbeihilfekürzungen für die sparungspotenzial von insgesamt 400 Millionen sie sich von Interessenvertretern (besonders von jenen Regionalwahlen Verluste hinnehmen müssen, sollten
Wirtschaftskammer und Gewerkschaftsbund, Be- rund 8000 Studienbeihilfeempfänger, die beson- Euro im Familienbereich müsse beibehalten wer- aus den geschützten Werkstätten) und Provinzbonzen bittere Pillen bekannt werden. Sie verloren dennoch,
hindertensprecher sowie die Vertreter der Famili- ders schlimm getroffen werden, abzumildern. Die den. Aber das heißt es stets in solchen Fällen. diktieren, wohin die Steuergelder zu fließen haben: zum Teil empfindlich. Dass man die Phase des Denk-
enverbände, der Fluggesellschaften, der Autofah- Proteste vermochte diese Feuerwehraktion freilich Der Basar ist somit eröffnet. In den nächsten in sinnlose Tunnelprojekte beispielsweise oder in verbotes dazu hätte nutzen können, im stillen Kanz-
rerorganisationen und sogar der Zigarettenhändler, nicht zu besänftigen. Wochen wird um Zuschläge und Abstriche, um doppelte und dreifache Verwaltungsstrukturen, die leizimmer alles vorsorglich einmal durchzurechnen,
die Opposition zu beiden Seiten des Regierungs- Im Gegenteil: Die Studenten fühlten sich ver- Übergangsfristen und Ausnahmeregeln so lange einzig dazu dienen, weiterhin eine möglichst große dürfte niemanden in den Sinn gekommen sein.
blocks ohnehin, aber auch die Quergeister inner- höhnt, da man vermutlich versuchte, sie mit ein geschachert werden, bis der Haushaltsplan zer- Zahl an Posten und Pfründen zur Versorgung poli- Wenn nun Bundeskanzler Werner Faymann, wie
halb der beiden Regierungsparteien, sie alle eint der paar »Milliönchen« abzuspeisen (eine Formulie- fleddert und die politische Autorität der Regierung tischer Günstlinge zur Verfügung zu haben. Gleich- er es nach der vergangenen Sitzung des Ministerrats
Widerstand gegen einen Budgetplan, der lediglich rung, die wieder die Wissenschaftsministerin er- unwiderruflich ramponiert ist. Die große Milliön- gültig ob im Gesundheitswesen oder im Bildungs- getan hat, beteuert, man habe eben bei den »Tau-
ein Leitmotiv zu haben scheint: die Löcher im zürnte). Zugleich weckte das kleine Entgegenkom- chen-Show, zu der die Budgetdebatte mittlerweile system, die Millionen versickern im unersättlichen senden Punkten des Sparprogramms« das eine oder
Staatshaushalt notdürftig zu stopfen. men neue Begehrlichkeiten bei den Betroffenen. pervertierte, ist die bislang größte Blamage in der Schlund einer ineffizienten Staatsmaschinerie. andere übersehen, so stellt er seiner Mannschaft ein
Es ist ein nationaler Schulterschluss gegen eine Nun versucht die Regierung vom Bundeskanz- ohnehin nicht sonderlich ruhmreichen Regie- Einzig auf ein Ziel haben sich die Koalitions- Armutszeugnis aus. Diese Leute beherrschen nicht
hilflose Ministerriege. Logisch, dass die Umfrage- ler abwärts zu retten, was noch zu retten ist, und rungsbilanz. Der vollmundig angepriesene Fay- parteien offenbar geeinigt: Alles daranzusetzten, einmal die einfachsten Techniken ihres Handwerkes.
werte in den Keller rasselten. Würde am Sonntag lädt alle, die aufgeschrien haben, zu Versöhnungs- mann/Pröll-Kurs aus der Wirtschaftskrise stellt das politische Überleben der Regierung zu gewähr- Nichts war durchkalkuliert, nirgendwo eine politi-
gewählt, die einst Große Koalition müsste sogar gesprächen ein. Zuletzt räumte Frauenministerin sich schon nach ganz kurzer Wegstrecke als Stol- leisten. Da Sozialdemokraten und Volkspartei zu- sche Idee, für die es wert wäre, Argumente ins Tref-
um ihre Mehrheit bangen. Gabriele Heinisch-Hosek ein, man habe »nicht perpfad ins Ungewisse heraus. gleich darin übereinstimmen, dass dem Wähler fen zu führen. Mehr Murks geht kaum.

Schwarze Weltwirtschaftsrevue
Am Burgtheater stellt Regisseur Michael �alheimer Brechts »Heilige Johanna« auf den Kopf

S
chweinezyklus nannte man einst jenes Phä- Lange bastelte er mit seinen Mitarbeiterinnen, die er ist das Brechtsche Fazit kapitalistischer Abscheulich- Schurke dieser schwarzen Weltwirtschaftsrevue, der eine naive Unschuld vom Land, die fassungslos erlebt,
nomen der Zeitverzögerung, durch das im nach bester Kapitalistenmanier ausbeutete, an den keit auf den Spielplänen deutschsprachiger Bühnen Fleischkönig Maulder, der sich dank Insidertrading wie ihre romantischen Jungmädchenträume vom
Regelmechanismus aus Angebot, Nachfrage unterschiedlichen Versionen seiner dramatischen wieder sehr gefragt. In kaum einem anderen Stück eine Monopolstellung ergaunert, scheint die längste Aberwitz des Geschehens demoliert werden. Kon-
und Preis instabile Marktsituationen entstehen. Kampfanweisung, um gleich zwei marxistische der respektablen Theaterliteratur wird die Fratze des Zeit gar nicht kapieren zu können, wieso seine raff- sequenterweise hat Regisseur Thalheimer in seiner
Der Schweinezyklus beschrieb den Funktions- Grundwahrheiten auf die Bühne zu wuchten: Erstens, Systems derart schonungslos demaskiert. Doch kann gierigen Fischzüge sein Vermögen mehren, ganz so Inszenierung auch die bekannteste Passage des Stü-
mechanismus der alten kapitalistischen Ordnung. dass die »Befreiung der Arbeiter nur das Werk der sich ein marxistisches Melodram, in dem die Wäh- wie moderne Spekulanten letztlich nicht begreifen, ckes, das Kampflied der Schwarzen Strohhüte (wie
Geprägt unmittelbar vor Ausbruch der Weltwirt- Arbeiter« sein könne (so steht’s in Brechts kommunis- rung aus Fleischkonserven besteht und der warum sie einmal Boni, dann wieder Prügel Brecht seine Heilsarmee-Kompanie nannte), einfach
GENOSSE
schaftskrise, bewährte sich der Begriff in den fol- tischem Gassenhauer, dem Einheitsfrontlied), und Moloch Schlachthof Menschen ver- RT beziehen. Alle sind nur Figuren in einem weggestrichen, als wollte er einem Hamlet dessen
A

genden Jahren bestens. zweitens, dass Religion Opium fürs Volk sei. Ein biss- schlingt, in einer Zeit der abstrakten irrwitzigen Spiel, in dem längst niemand »Sein oder Nichtsein« nehmen, die Quintessenz der
Damals im Berlin der kommunistischen Vorzugs- chen viel für einen Theaterabend. Finanzprodukte und der sozialstaatlichen mehr mit finsteren Machenschaften ver- ganzen Rolle.
schüler bemühte sich der talentierte Dichter Bertolt Auf Grundlage des dürren Thesenskeletts ge- Rundumversorgung glaubhaft behaup- hängnisvolle Entwicklungen in Gang zu Als Bertolt Brecht seine Johanna fertiggestellt
Brecht um die Rolle des Klassenprimus. In seiner staltete der ehrgeizige Brecht mit seiner Heiligen Jo- ten? Ist das klassenkämpferische Pathos setzen vermag. Also schreien die bösen hatte, kam die Machtergreifung der Nazis einer Ur-
dramatischen Lehrwerkstatt sollte den ausgebeuteten, hanna der Schlachthöfe jedoch ein sehr komplexes im klassischen Blankvers nicht bloß noch Kapitalisten auf der Burg-Bühne wirres aufführung zuvor. Später, im Alterssitz DDR, galt das
nunmehr freilich arbeitslosen Massen der Weg zum Höllenmärchen, das zum einen Teil ein Wirtschafts- Phrasendrescherei? Zeug, werfen die Arme verzweifelt in die Luft, Stück als nicht linientreu genug, weil es gänzlich ohne
sozialistischen Heil gewiesen werden: Prolet, dort krimi ist, zum anderen aber das Rührstück einer Nicht, wenn die Intention des Autors gegen sein so wie das die Börsenspekulanten tun, wenn wieder proletarischen Helden auszukommen glaubte. Auf
geht’s lang! reinen Torin, die Güte in die Welt bringen will, in eigenes Stück gekehrt wird, wie das Michael Thalhei- einmal die Kurse ins Bodenlose fallen und niemand eine Bühne kam das Drama erst 1959, drei Jahre nach
Als es nun darum ging, im Belehrungstheater die Zeiten sozialer Eiseskälte aber erfrieren muss. »Es hilft mer in seiner ersten Inszenierung am Wiener Burg- es vorausgesehen hat. dem Tod des Autors, in Hamburg. »Wir spielen es
Lehren aus der Weltwirtschaftskrise zu ziehen, nahm nur Gewalt, wo Gewalt ist, und es helfen nur Men- theater getan hat. Seine Version der Heiligen Johan- Diesem Gesindel tritt eine Johanna gegenüber, heute, weil es nicht mehr aktuell ist«, meinte damals
Brecht, der nie vor platten Botschaften zurückschreck- schen, wo Menschen sind«, erkennt sie, einen ein- na ist eine bitterböse Farce, die im Trichter eines die in ihrer Ahnungslosigkeit direkt aus dem Studio der Chefdramaturg des Schauspielhauses. Das stimmt
te, den Schweinezyklus beim Wort und erzählte samen Lungentod sterbend. Fleischwolfs spielt, zu dem die nüchterne Bühne einer TV-Castingshow kommen könnte. Sie ist nun so heute nicht mehr: Am Burgtheater wird nun alle
folgerichtig eine Fabel, die im Bauch des Kapitalismus Da derzeit gerade die zweitgrößte Weltwirtschafts- stilisiert wurde. In diesem Schlund zappeln die nicht mehr eine von Glaubeseifer beseelte Soldatin ideologische Gewissheit sehr unterhaltsam ad ab-
und dort in den Fleischfabriken von Chicago spielt. krise in hundert Jahren ausgestanden zu sein scheint, burlesken Comicfiguren der Kapitalismuskritik. Der Gottes, die eine Heilslehre ihr eigen weiß, sondern surdum geführt. JOACHIM RIEDL