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Internationale Politikanalyse

Internationale Politikanalyse
International Policy Analysis

Klaus Busch

Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat


Lösungskonzepte zum Abbau ökonomischer und
sozialer Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft,
in Europa und in Deutschland

Langfassung

Mehrere Argumente sprechen für die These, dass die Weltwirtschaft


nach der doppelten Krise nicht ohne Weiteres wieder zu den hohen
Wachstumsraten der Vorkrisenära zurückkehren kann.

Die Krise und das schwächere Wachstum nach der Krise setzen die
Wohlfahrtsstaaten in den Industrieländern und in den Entwicklungslän-
dern unter Druck. In Europa werden Leistungskürzungen sowie Steuer-
und Beitragserhöhungen den Prozess der Re-Kommodifizierung vertie-
fen, der bereits seit Jahren die Reform der europäischen Wohlfahrtsstaa-
ten prägt. In den Entwicklungsländern ist das Bild differenzierter: In den
low income countries sind vor allem die informellen sozialen Sicherungs-
systeme und die Ansätze zu Cash-Transfer-Systemen gefährdet. In den
middle income countries kann dagegen aufgrund besserer Wachstums-
perspektiven der Aus- und Aufbau sozialer Sicherungssysteme fortge-
setzt werden.

Durch grundlegende Reformen auf der internationalen, der europäi-


schen und der nationalen Ebene könnten sowohl die ökonomischen und
sozialen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft abgebaut als auch die
Wachstumsbedingungen wieder verbessert werden. Nur durch diese
umfassenden Reformen wird die Weltwirtschaft zu einem ausgewoge-
neren und krisenfesteren Wachstum zurückfinden können.

NOVEMBER 2009
Internationale Politikanalyse 1

Inhalt

Einleitung .................................................................................................................................................. 2

1 Nach der Weltwirtschaftskrise: Zehn Gründe für ein schwächeres Wachstum


der Weltwirtschaft......................................................................................................................... 3

2 Ökonomische Stagnation und die sozialen Sicherungssysteme in Europa


und in den Entwicklungsländern................................................................................................ 11
2.1 Wohlfahrtsstaaten in der EU-27 ......................................................................................................11
2.2 Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Wohlfahrtsstaaten in der EU-27..............................14
2.3 Soziale Sicherheit in den Entwicklungsländern................................................................................15
2.4 Auswirkungen der Krise auf die soziale Lage in den Entwicklungsländern........................................20

3 Alternativen zum Status quo in der Weltwirtschaft, in der EU und in Deutschland.............. 23


3.1 Reform der Weltwirtschaftsordnung ...............................................................................................24
3.2 Reformen der Wirtschafts- und Sozialordnung der EU .....................................................................26
3.3 Deutschland: Statt Exportabhängigkeit mehr Binnenwachstum .......................................................30

4 Gesamtfazit .................................................................................................................................. 33

Anhang .................................................................................................................................................... 34

Literatur................................................................................................................................................... 36
2 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Einleitung hende Scheinstabilität. Ein schwächeres Wirt-


schaftswachstum in vielen Teilen der Weltwirtschaft,
Im Herbst 2009 scheint das Schlimmste vorbei zu neue Weltfinanzmarktkrisen und sich zuspitzende
sein: in vielen Staaten hat der Wirtschaftsab- soziale Verwerfungen werden in naher Zukunft
schwung die Talsohle erreicht, einige Beobachter andere Antworten verlangen, zumal die entwickel-
sprechen bereits von einem V-förmigen Verlauf der ten Industrieländer aufgrund hoher Schuldenlasten
Krise und die Weltaktienmärkte befinden sich in immer weniger Manövriermasse zum Gegensteuern
einer kräftigen Erholungsphase. Anders als in der haben.
letzten großen Weltwirtschaftskrise von 1929 Der folgende Text ist in drei Teile gegliedert. Im
scheint dieses Mal der Kriseneinbruch nur von kur- ersten Teil werden zehn Argumente vorgetragen,
zer Dauer und eine baldige Rückkehr zum Status die dafür sprechen, dass unter Status-quo-
quo ante möglich zu sein. Bedingungen die Weltwirtschaft nach der Überwin-
Dieser Text teilt diese optimistische Sicht der dung der Krise nicht mehr zu den hohen Wachs-
Dinge nicht. Er versucht vielmehr die These zu be- tumsraten der Vorkrisenära zurückkehren wird,
gründen, dass fundamentale ökonomische und vielmehr mit einer Phase deutlich schwächeren
soziale Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft die Wachstums zu rechnen ist. Die Argumente beziehen
Ursachen dieser Krise sind. Ungleichgewichte, die sich auf zehn Problembereiche der Weltwirtschaft:
nur überwunden werden können durch den Abbau die Sparzwänge der US-Volkswirtschaft, die Not-
der Leistungsbilanzdifferenzen zwischen den USA wendigkeit des Abbaus der globalen Ungleichge-
einerseits, China, Japan und Deutschland anderer- wichte zwischen den USA einerseits, China, Japans
seits, eine Re-Regulierung der Weltfinanzmärkte, und Deutschlands andererseits, die steigende Ar-
den Aufbau einer neuen Weltwährungsordnung, beitslosigkeit und deren Auswirkung auf den priva-
die Reduktion der Wettbewerbsverzerrungen in der ten Konsum, die Zwänge der Fiskalpolitik angesichts
Eurozone, eine Re-Justierung der Einkommens- und der hohen Staatsverschuldung, die Zwänge der
Vermögensverteilung in vielen Staaten der Welt Geldpolitik angesichts der hohen Liquidität, die
sowie stärker binnenwirtschaftlich ausgerichtete Notwendigkeit des Abbaus der starken Ungleich-
Wachstumsmodelle vor allem in China, Japan, gewichte in der Eurozone, die Überprüfung des
Deutschland, aber auch in Mittel- und Osteuropa Wachstumsmodells vieler Staaten in Mittel- und
sowie in vielen Entwicklungsländern. Nur dadurch Osteuropa, das Problem der Kreditklemme, die Lage
lassen sich auch die negativen Auswirkungen der auf dem Weltölmarkt und schließlich die Reformwi-
Weltwirtschaftskrise auf die sozialen Sicherungssys- derstände auf den Weltfinanzmärkten.
teme, die durch eine erhöhte Arbeitslosigkeit und Im zweiten Teil stehen die Folgen der Krise für
eine stark steigende Staatsverschuldung unterhöhlt den Wohlfahrtsstaat bzw. die Systeme der sozialen
werden, dauerhaft vermeiden. Das Alles kann nur Sicherung in Europa und in den Entwicklungslän-
gelingen, wenn der neoliberale Deregulierungsstaat dern im Vordergrund. Zunächst werden die wesent-
in einen starken, global kooperierenden Interventi- lichen Veränderungen der Wohlfahrtsstaaten im
onsstaat transformiert wird. erweiterten Europa seit Mitte der 1990er Jahre
Im Moment scheint diese notwendige Revoluti- dargestellt, um auf diesem Hintergrund die Auswir-
on der globalen ökonomischen, sozialen und politi- kungen der Weltwirtschaftskrise auf die Systeme
schen Strukturen verpasst worden zu sein. Die der sozialen Sicherung zu diskutieren. Die hohe
durch die Krise ausgelöste Schockstarre hat im Arbeitslosigkeit und die gewachsene Staatsver-
Gegenteil vielerorts die konservativen Kräfte ge- schuldung werden in allen Sicherungssystemen in
stärkt. Den in den oberen Etagen der Gesellschaft Form von Beitrags- bzw. Steuererhöhungen und
angesiedelten sozialen Schichten, die im hohen Leistungskürzungen tiefe Spuren hinterlassen und
Maße für diese doppelte Krise der Weltfinanzmärkte damit einen Trend verstärken, der bereits in der
und der Weltwirtschaft verantwortlich sind, gelingt Vorkrisenzeit zu registrieren war. Ohne eine stärkere
es sogar in Demokratien, unbehelligt und unbe- Koordinierung der wohlfahrtsstaatlichen Politiken
schadet die Kosten dieser Krise in Form von Arbeits- auf der EU-Ebene droht der Prozess des Sozialdum-
losigkeit, erhöhten Armutsraten und Staatsverschul- pings weiter an Boden zu gewinnen. Danach wer-
Dr. Klaus Busch
ist Professor für dung den breiten Massen aufzubürden. Da die den die unterschiedlichen Systeme der sozialen
Europäische genannten ökonomischen und sozialen Ungleich- Sicherung in den Entwicklungsländern dargestellt,
Studien
an der Universität gewichte so nicht beseitigt, sondern eher verstärkt die überwiegend informeller Natur sind, in den low
Osnabrück. werden, handelt es sich jedoch um eine vorüberge- income countries teilweise aus elementaren Cash-
Internationale Politikanalyse 3

Transfer-Systemen bestehen und nur in einigen dung reduzieren und gleichzeitig Ressourcen für
middle income countries bereits die Form von öf- mehr staatliche Investitionen im Bildungs-, Gesund-
fentlichen Sozialschutzsystemen angenommen heits- und Umweltsektor akquirieren. Nur durch
haben. Die Krise wird diese Differenzen unter den diese staatliche Steuerung kann ein Klima schonen-
Entwicklungsländern weiter verstärken. Während des, stärker binnenwirtschaftsorientiertes Wachstum
viele low income countries erneut mit einer Zunah- erzeugt werden. Deutschland kann so auch einen
me der Armut kämpfen müssen, die die traditionel- Beitrag zum Abbau der starken Leistungsbilan-
len, aber auch die Cash-Transfer-Systeme zu über- zungleichgewichte in der Eurozone leisten. Es geht
fordern droht, werden die bevölkerungsreichen insgesamt nicht um eine grundsätzliche Abkehr von
middle income countries ihre ökonomischen Res- der internationalen Arbeitsteilung, die gegenseitige
sourcen zum Auf- und Ausbau öffentlicher Sozial- Vorteile für die Staaten ermöglichen kann, es geht
schutzsysteme weiter steigern können. Da die öf- aber sehr wohl um einen ausgewogenen und nach-
fentlichen Systeme der sozialen Sicherung besser haltigen Globalisierungsprozess.
geeignet sind, die Armut zu bekämpfen als pures
ökonomisches Wachstum, sollten die Entwicklungs-
länder zur Realisierung der Millennium Development 1 Nach der Weltwirtschaftskrise:
Goals (MDGs) mit Unterstützung der internationalen Zehn Gründe für ein schwächeres
Gemeinschaft – etwa auf Basis einer Tobinsteuer – Wachstum der Weltwirtschaft
verstärkt am Auf- und Ausbau dieser Sicherungssys-
teme arbeiten. In der aktuellen Situation der Weltwirtschaft wird
Der dritte Teil analysiert die vielen Schritte, die intensiv und kontrovers über die Frage diskutiert,
auf dem Wege zu einem ausgewogenen, krisenfes- wie rasch die Krise überwunden werden und wel-
teren Wachstum der Weltwirtschaft und zu einem chen Verlauf die Erholung haben wird. Manche
Erhalt und Ausbau der Systeme der sozialen Siche- Beobachter erwarten eine schnelle V-förmige Erho-
rung getan werden müssen. Die notwendigen Re- lung, andere eine etwas langsamere U-Form der
formen werden für die internationale, die europäi- Überwindung der Krise. Dritte halten es für wahr-
sche und die deutsche Ebene in jeweils einem Un- scheinlich, dass es nach einer ersten kurzen Erho-
terkapitel dargestellt. lung wieder einen Abschwung geben wird, ehe die
Für die internationale Gemeinschaft werden die Krise endgültig bewältigt wird, nehmen also einen
Reform des Weltwährungssystems zur Unterstüt- W-förmigen Verlauf an. Vierte schließlich sehen die
zung des Abbaus der globalen Ungleichgewichte, Gefahr, dass es nach dieser Krise eine längere Phase
eine radikale Reform der Weltfinanzarchitektur zur der Stagnation gibt, ähnlich wie in der Weltwirt-
Vermeidung von Finanzkrisen und eine Strategie schaftskrise nach 1929, sie gehen damit von einem
zum Auf- und Ausbau von öffentlichen Systemen L-förmigen Verlauf aus.
der sozialen Sicherung in den Entwicklungsländern Ich werde im Folgenden zehn Gründe nennen,
auf der Basis einer Tobin-Steuer vorgeschlagen. die zu einer eher vorsichtigen Betrachtung der
Für die Europäische Union wird die Einführung schnellen Erholungschancen der Weltwirtschaft
einer Europäischen Wirtschaftsregierung zur besse- sprechen. Ich werde folgende zehn Probleme disku-
ren Bekämpfung von Wirtschaftskrisen, eines Koor- tieren: die Sparzwänge der US-Volkswirtschaft, die
dinierungssystems für die nationalen Wohlfahrts- Notwendigkeit des Abbaus der globalen Ungleich-
staaten zur Vermeidung von Sozialdumping sowie gewichte, die steigende Arbeitslosigkeit und die
einer europäischen Koordinierung der Lohnpolitiken Entwicklung des privaten Konsums, die Zwänge der
zum Abbau der Wettbewerbsverzerrungen, vor Fiskalpolitik angesichts der hohen Staatsverschul-
allem in der Eurozone, gefordert. dung, die Zwänge der Geldpolitik angesichts der
Da der Abbau der globalen Ungleichgewichte hohen Liquidität, die Notwendigkeit des Abbaus der
insbesondere für China, Japan und Deutschland starken Ungleichgewichte in der Eurozone, die
eine Abkehr vom einseitig exportbasierten Wachs- Überprüfung des Wachstumsmodells vieler Staaten
tumsmodell notwendig macht, wird schließlich auf in Mittel- und Osteuropa, das Problem der Kredit-
der nationalen Ebene am Beispiel Deutschlands klemme, die Lage auf dem Weltölmarkt und schließ-
gezeigt, dass ein stärker binnenwirtschaftsbasiertes lich die Reformwiderstände auf den Weltfinanz-
Wachstum den Eingriff des Staates erfordert. Durch märkten.
eine höhere Besteuerung der oberen Einkommen
und Vermögen können die Staaten ihre Verschul-
4 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Erstens: Probleme der US-Volkswirtschaft Region Middle East 254 Mrd. USD (IWF 2009: 206,
Table A10).
Das Wachstumsmodell der US-Volkswirtschaft in der Wir kennen mittlerweile das Ende dieser Ent-
Zeit nach dem Crash der Internetblase 2000/2001 wicklung, und nun besteht die Notwendigkeit zur
war für die aktuelle Krise der Weltwirtschaft in Umkehr. Der stark verschuldete US-Verbraucher
hohem Maße mit verantwortlich. Nach dem Platzen muss jetzt seine Kreditschulden in Form von Kredit-
der Aktienblase war die Politik des billigen Geldes kartenschulden, Autokreditschulden und Hypothe-
unter Zentralbankchef Greenspan in Verbindung mit kenschulden abbauen, also sparen. Der US-Staat
der extremen Deregulierung der Finanzmärkte der muss nach dem Ende der Rettungspakete für Kon-
Ausgangspunkt für die Entwicklung der Überspeku- junktur und Finanzsektor ebenfalls beginnen, seine
lationskrise auf dem US-Immobilienmarkt (Krugman Schulden zu reduzieren, also zu sparen. Die
2008: 170ff). Generell führte eine expansive Geld- Verbraucher haben schon begonnen, ihre Sparquo-
politik in Verbindung mit einer expansiven Fiskalpo- te von Minuswerten auf Pluswerte in Höhe von fünf
litik zu hohen Wachstumsraten der USA. Die Ar- Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Der
beitslosigkeit sank auf ein niedriges Niveau, und die Staat wird mit seiner Exit-Strategie im Laufe der
US-Verbraucher waren bereit, das Konsumniveau Jahre 2010/2011 beginnen. Damit ist klar, dass zwei
auch durch hohe Schulden stark zu erhöhen. Vor ganz wichtige Motoren des Wachstums der USA
diesem Hintergrund waren die USA angesichts ihres und der Weltwirtschaft jetzt und in unmittelbarer
starken Gewichts in der Weltwirtschaft (20 Prozent Zukunft auf niedrigen Touren laufen bzw. laufen
des BIP der Welt 2008) der entscheidende Wachs- werden. Ebenso ist deutlich, dass die USA nicht
tumsmotor der Vorkrisenzeit. Die USA lebten in länger als der Bauch dienen wird, der einen über-
dieser Zeit weit über ihre Verhältnisse: die interne großen Teil der Exporte des Rests der Welt schlu-
Absorption aus Konsum, Investitionen und Staats- cken kann.
verbrauch war deutlich höher als die heimische
Produktion von Waren und Dienstleistungen, so Zweitens: Der Abbau der globalen ökonomischen
dass die Importe die Exporte deutlich überstiegen. Ungleichgewichte
Anders ausgedrückt: die privaten Investitionen
waren höher als die privaten Ersparnisse, der Staats- Wie bereits oben ausgeführt, haben sich in der
verbrauch höher als die Steuereinnahmen, so dass Weltwirtschaft in den letzten fünfzehn Jahren sehr
die Volkswirtschaft ein großes Ersparnisdefizit auf- große Ungleichgewichte aufgebaut. Die USA ver-
wies, das über einen Kapitalimportüberschuss (die zeichneten immer höhere Leistungsbilanzdefizite,
Kehrseite des Leistungsbilanzdefizits) ausgeglichen China, Japan, die OPEC-Staaten und Deutschland
wurde. Während die Ersparnisse der USA 2007 14,2 wiesen umgekehrt immer größere Leistungsbilanz-
Prozent des BIP erreichten, lagen die Investitionen überschüsse auf. Diese Entwicklung war nur mög-
bei 18,8 Prozent (IWF 2009: Table A 16, S. 216). Die lich, weil einerseits der Rest der Welt den USA als
Welt (China, Japan, Deutschland, die OPEC-Länder) Schuldner vertraute und bereit war, immer größere
legte einen Teil ihrer Ersparnisse in den USA an, Kapitalsummen in diesem Land zu investieren, an-
kaufte US-Staatsanleihen, Aktien und andere Wert- dererseits viele Staaten, vor allem China, durch
papiere. Bis zum Crash war dieses Tauschgeschäft Interventionen an den Devisenmärkten verhinder-
die Basis für den Boom der Weltwirtschaft, und die ten, dass sich ihre Währung aufwertet. Die chinesi-
Welt schien in Ordnung zu sein. China, Japan, die schen Währungsreserven beliefen sich 2008 auf
OPEC-Länder und Deutschland fütterten die USA 2100 Milliarden US-Dollar, wobei China einen gro-
mit ihren Waren und Dienstleistungen, verzeichne- ßen Teil dieser Mittel in US-Wertpapieren angelegt
ten dadurch hohe Exportüberschüsse und gaben hat (Bofinger 2009: 72ff). Nur am Rande sei er-
den USA in Form hoher Ersparnisexporte den not- wähnt, dass die Überspekulation auf den Weltfi-
wendigen Kredit zur Finanzierung der privaten und nanzmärkten auch auf diese gewaltigen internatio-
staatlichen Exzesse. Wachstum hier kreierte Wachs- nalen Kapitalströme zurückzuführen ist (Münchau
tum dort, wurde über Pump finanziert und trieb die 2008: 155ff).
Weltwirtschaft auf ein immer höheres Niveau. Im Es sollte deutlich sein, dass derartige Ungleich-
Jahre 2007 erreichte das Leistungsbilanzdefizit der gewichte keinen Ewigkeitswert haben. Schulden
USA 731 Mrd. USD, dagegen erzielte Japan Über- (USA) müssen irgendwann zurückgezahlt werden,
schüsse in Höhe von 211 Mrd. USD, die Region die Währung der verschuldeten Nation (US-Dollar)
Developing Asia (mit China) 406 Mrd. USD und die kann an den Devisenmärkten stark unter Druck
Internationale Politikanalyse 5

geraten, und Vorteile aufgrund einer unterbewerte- dukts ausmacht.


ten Währung (China) fordern irgendwann Gegenre- Negative Erwartungen im Hinblick auf die Bin-
aktionen heraus (Abwertungswettläufe, Protektio- nennachfrage gibt es aufgrund der gestiegenen
nismus). Um größere Turbulenzen in der Weltwirt- Arbeitslosigkeit auch in Japan. Die für das Land
schaft aufgrund derartiger massiver Ungleichge- ungewohnte Erfahrung höherer Arbeitslosigkeit
wichte zu vermeiden, sollte das Weltwährungssys- veranlasst hier die Verbraucher die Ersparnisrate, die
tem reformiert werden, sollte ein System fester, in Japan traditionell ohnehin sehr hoch ist, noch
aber anpassungsfähiger Wechselkurse aufgebaut weiter zu steigern.
und die internationale wirtschafts- und währungs- Eine besondere Entwicklung vollzieht sich in
politische Kooperation der Staaten verbessert wer- Deutschland. Während sich aufgrund sinkender
den (Bofinger 2009: 70ff). Realeinkommen im letzten Jahrzehnt der private
In der unmittelbaren Zukunft müssen die USA Konsum stets unterdurchschnittlich entwickelte,
ihre Defizite abbauen, ein Prozess, der aufgrund der haben in der aktuellen Krise die besseren Tariflohn-
Rezession in den USA schon begonnen hat, der aber abschlüsse 2008/2009 in Verbindung mit dem ge-
auch nachhaltig gestaltet werden muss. Nach Kal- ringen Abbau der Beschäftigtenzahlen aufgrund der
kulationen des IWF wird das Leistungsbilanzdefizit starken Nutzung des Kurzarbeitinstruments bislang
der USA von seinem Gipfel im Jahre 2006 in Höhe verhindert, dass der Konsum eingebrochen ist.
von 788 Mrd. USD auf 393 Mrd. USD 2009 sinken, Allerdings wird auch für Deutschland angenommen,
soll aber bereits 2014 erneut 476 Mrd. erreichen. dass die Arbeitslosigkeit im Jahre 2010 stark anstei-
Gleichzeitig müssen die Überschussländer durch ein gen, die Arbeitslosenquote über zehn Prozent liegen
stärker binnenwirtschaftliches Wachstum ihre Ex- und dann auch der private Konsum die Konjunktur
portabhängigkeit reduzieren und so die USA entlas- nicht mehr stabilisieren wird. Für die Eurozone
ten. In diesem Sinne hat der U-Finanzminister Timo- erwartet der IWF für 2010 eine Arbeitslosenquote
thy Geithner in jüngster Zeit China, Japan und von 11,5 Prozent (IWF 2009: 65).
Deutschland des Öfteren aufgefordert, sich stärker Insgesamt wird für die entwickelten Industrie-
auf ihre Binnenwirtschaft zu konzentrieren länder angenommen, dass die Arbeitslosenquoten
(Geithner 2009). 2007 erreichten die Leistungsbi- im Jahre 2010 den Höchststand der aktuellen Krise
lanzüberschüsse Chinas 11 Prozent, Deutschlands erreichen und in den folgenden Jahren nur langsam
7,5 Prozent und Japans 4,8 Prozent ihres jeweiligen abgebaut werden. Damit wird der private Konsum
BIP (IWF 2009: Table A 11, S. 207). Ferner ist eine die wirtschaftliche Erholung nach der Krise eher
Neuausrichtung der Währungen erforderlich, indem belasten denn unterstützen (Roubini 2009a).
der US-Dollar weiter abgewertet wird und gleichzei-
tig der Yen und der Euro, vor allem aber die chinesi- Viertens: Haushaltspolitik und der Abbau der Staats-
sche Währung aufgewertet werden. Diese notwen- schulden
digen Währungsanpassungen werden das Tempo
der Globalisierung reduzieren, das Wachstum in den »Das zentrale Problem der Depressionsvermeidung
USA fördern, umgekehrt das Wachstum in China, ist in jeder praktischen Hinsicht gelöst«, meinte
Japan und der Eurozone dämpfen, aber der Welt- 2003 der Präsident der American Economic Associa-
wirtschaft und dem Weltfinanzsystem insgesamt tion (AEA), Robert Lucas, der 1995 für seine Theorie
mehr Stabilität verleihen. der rationalen Erwartungen den Nobelpreis für
Ökonomie erhalten hat (Krugman 2008: 17). Da der
Drittens: Steigende Arbeitslosigkeit und die Mainstream in der Volkswirtschaftslehre mit Model-
Belastung des Konsums len arbeitet, die auf fragwürdigen Prämissen über
das menschliche Verhalten basieren (»rationale
Seit Beginn der Rezession im Dezember 2007 haben Erwartungen«), und deshalb die Rolle der animal
in den USA ca. 7 Millionen Menschen ihren Job spirits (Akerlof/Shiller 2009) in der Wirtschaft über-
verloren, mehr als je in einer Rezession seit dem 2. sehen, traf die momentane Weltwirtschaftskrise die
Weltkrieg. Die Arbeitslosenquote ist im August Zunft der Ökonomen unvorbereitet und vollkom-
2009 auf 9,7 Prozent gestiegen, der höchsten Quo- men hilflos. Weder sah sie diese Krise voraus, noch
te seit 1983, und im Jahr 2010 wird eine Quote von war sie sich der Instrumente sicher, die aus der Krise
mehr als 10 Prozent erwartet (IWF 2009: 65). Die herausführen könnten. In dieser Situation wurde in
Arbeitslosigkeit belastet den privaten Konsum, der vielen Staaten der Welt die keynesianische Wirt-
in den USA rund 70 Prozent des Bruttoinlandspro- schaftspolitik rein pragmatisch wiederentdeckt.
6 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Um den Kollaps des Finanzsektors zu vermeiden, bedeutet dies ohne Zweifel, dass vom Staat in dieser
legten die Regierungen in den USA, in Japan und Periode eher dämpfende Einflüsse ausgehen wer-
der EU milliardenschwere Rettungspläne auf, und den, sei es auf dem Wege von Steuer- und Abga-
zur Bekämpfung der schweren Wirtschaftsrezession benerhöhungen, sei es auf dem Wege von Ausga-
wurden in vielen Teilen der Welt Konjunkturpro- benkürzungen.
gramme verabschiedet, die sich freilich in ihrem
Gewicht – auch aufgrund der wirtschaftspolitischen Fünftens: Die Probleme der Geldpolitik
Unsicherheiten – sehr stark unterschieden.
Paul de Grauwe hat den staatlichen Schulden- Die Zentralbanken haben zur Bekämpfung der
machern im Sommer dieses Jahres ein großes Lob Wirtschaftskrise die Leitzinsen gesenkt und das
ausgesprochen und mit Recht darauf hingewiesen, Bankensystem über verschiedene Instrumente mit
dass in einer Phase, in welcher der private Sektor mehr Liquidität ausgestattet. Die FED hat die Zinsen
Schulden abbaut und spart, der Staat gefordert ist, in mehreren Schritten auf einen Korridor von 0 bis
sich zu verschulden, um einen noch größeren Ein- 0,25 zurückgeführt, die EZB – die zunächst im
bruch der Wirtschaftsleistung zu vermeiden (de Sommer 2008 noch die Zinsen erhöht hatte – folgte
Grauwe 2009). mit einer stufenweisen Senkung des Zinsniveaus auf
In den Staatshaushalten hinterlassen diese not- ein Prozent. Die Bilanzsummen beider Institute sind
wendigen Eingriffe tiefe Spuren. Viele Staaten, massiv aufgebläht worden, was eine starke Erhö-
insbesondere in der EU, waren aufgrund des starken hung der Zentralbankmenge widerspiegelt.
Wirtschaftsaufschwungs seit 2004 gerade im Beg- FED und EZB, wie auch die Bank von England,
riff, die Staatsverschuldung zu reduzieren, und haben darüber hinaus auf ein ungewöhnliches
wurden aufgrund der Krise zu einem abrupten Mittel zurückgegriffen. Um auch die mittel- und
Politikwechsel gezwungen. Der IWF geht davon aus, langfristigen Zinsen zu beeinflussen, sind sie erst-
dass sich die Nettoschuldenquote von 2007 bis mals dazu übergegangen, Staatspapiere und sonsti-
2014 in den USA mit einem Anstieg von 43 auf 83 ge Anleihen direkt zu kaufen. Durch diese Eingriffe,
Prozent des BIP fast verdoppeln wird. Für die Euro- quantitative easing oder credit easing genannt,
zone erwartet der IWF im genannten Zeitraum wollen sie darüber hinaus die Banken motivieren,
einen Anstieg von 52 auf 75 Prozent und für dem Privatsektor mehr und günstigere Kredite zu
Deutschland von 57 auf 83 Prozent. Japans Netto- geben.
schuldenquote soll von 80 auf 136 Prozent und Kritiker dieser Geldpolitik befürchten, dass die
Großbritanniens von 38 auf 83 Prozent klettern. Die erhöhte Geldmenge zu höheren Inflationsraten
Nettoneuverschuldung wird im Jahre 2010 für die führen kann, insbesondere wenn die Zentralbanken
USA auf 9,7 Prozent geschätzt, für die Eurozone im Zuge der wirtschaftlichen Erholung zu spät mit
und für Deutschland auf jeweils 6,1 Prozent, für einer Exit-Strategie beginnen. Der Vorsitzende der
Großbritannien auf 10,9 Prozent und für Japan auf US-Zentralbank Federal Reserve (FED), Ben Bernan-
9,8 Prozent (IWF 2009: 203, Table A8). Die EU- ke, sieht diese Gefahr nicht. Er erklärte im Juli 2009
Kommission fordert aufgrund dieser Entwicklungen vor dem US-Kongress, dass die FED genügend In-
ab 2011 eine Rückkehr zum Konsolidierungskurs im strumente habe, um schnell die Liquidität zu redu-
Sinne des Stabilitäts- und Wachstumspakts. zieren. Ein Abbau der Liquiditätshilfen für die Ban-
Deutschland hat mit einer Grundgesetzänderung ken, eine Erhöhung der Einlagezinsen für die Ban-
die so genannte Schuldenbremse verfassungsrecht- ken, der Verkauf von Wertpapieren durch die FED,
lich verankert. Wenn diese erstmals im Jahre 2016 die Erhöhung des Wertpapierbestandes des Finanz-
greifen sollte, dürfte der Bund nur noch ein struktu- ministeriums bei der FED und zusätzliche Anreize für
relles Defizit von 0,35 aufweisen. Die Bundesländer die Banken, längerfristig Einlagen bei der FED zu
dürfen aufgrund der Schuldenbremse ab 2020 bilden, seien derartige Instrumente.
überhaupt keine Schulden mehr machen. Im Hinblick auf die Frage, ob von der zukünfti-
Unabhängig von der kontroversen Frage, wie gen Geldpolitik nach Auslauf der Krise Probleme für
schnell und wie massiv die Regierungen von einer das Wirtschaftswachstum entstehen können, sind
expansiven Fiskalpolitik zu einer Sparpolitik wech- zwei Probleme relevant. Zum einen wird diskutiert,
seln werden, besteht Einigkeit darüber, dass eine die Zentralbanken zukünftig nicht nur auf die Infla-
Konsolidierung der öffentlichen Haushalte nach tionsbekämpfung zu fixieren, sondern sie auch
Ende der Krise in Angriff genommen werden muss. anzuhalten, Blasen an den Finanzmärkten rechtzei-
Für das Wirtschaftswachstum in der Nachkrisenzeit tig durch eine restriktive Politik zu beenden. Da in
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der laxen Politik Greenspans und seinem übertrie- grad, die Verschärfung der internationalen Konkur-
benen Vertrauen in die Rationalität der Finanzmärk- renz durch den europäischen Binnenmarkt, die
te eine Ursache der Weltfinanzmarktkrise gesehen Wirtschafts- und Währungsunion sowie die Globali-
wird, plädieren einige Wissenschaftler, aber auch sierung schwächten in vielen Mitgliedstaaten der EU
der IWF, für eine solche Erweiterung der Aufgaben- die Kampfkraft der Gewerkschaften. Auf diese
stellung der Zentralbanken (vgl. FTD vom Weise wurde ein Prozess der Umverteilung der
22.9.2009). Wird es dazu kommen, kann dies Ein- Einkommen von unten nach oben eingeleitet, eine
fluss auf das Wirtschaftswachstum haben, wenn Steigerung des Anteils der Einkommen aus Unter-
Zentralbanken diese Aufgabe sehr restriktiv wahr- nehmertätigkeit und Vermögen am Sozialprodukt.
nehmen und sehr rasch bei sich anbahnenden Über- Verstärkt wurde diese Entwicklung ferner durch den
treibungen an den Aktien- und Immobilienmärkten Wandel des vorherrschenden sozialökonomischen
eingreifen. Leitbildes. Im Verlaufe der 1980er Jahre wurde das
Ein weiteres Problem kann entstehen, wenn die Paradigma des keynesianischen Wohlfahrtsstaates
Zentralbanken mit der Exit-Strategie zu spät begin- allmählich vom neoliberalen Paradigma abgelöst. In
nen und zunächst höhere Inflationsraten tolerieren, der Wirtschaftspolitik gewann ein Denken die O-
die sie dann später mit einer harten Geldpolitik berhand, dass die Arbeitslosigkeit weniger durch
wieder in den Griff zu bekommen suchen. Akerlof eine expansive makroökonomische Politik, sondern
und Shiller weisen mit Recht darauf hin, dass Geld vor allem durch eine Veränderung der Angebotsbe-
nicht neutral ist und Geldillusion sehr wohl existiert dingungen (Abbau der Lohnstückkosten, Flexibilisie-
(Akerlof/Shiller 2009: 157ff). Sie argumentieren, rung der Arbeitsmärkte, Schwächung der Gewerk-
dass die Arbeitnehmer bei rückläufigen Inflationsra- schaften) bekämpfen will (vgl. Baum-
ten selbst real neutrale Nominallohnkürzungen als Ceisig/Busch/Nospickel 2007: 218ff).
unfair empfinden, weil sie Geldillusion haben. Da Dieser seit Beginn der 1980er Jahre für die EU-
viele Unternehmer dies wissen und in ihrer Lohnpo- 15 zu beobachtende Trend ist seit Mitte der 1990er
litik berücksichtigen, gibt es nach Akerlof und Shiller Jahre auch in den Staaten Mittel- und Osteuropas
- anders als für den mainstream der Makroökono- (MOEL) zu registrieren. Aufgrund der hohen Pro-
mie - auch langfristig einen trade-off zwischen duktivitätszuwachsraten, die diese Länder im Zuge
Inflation und Arbeitslosigkeit. Eine harte Antiinflati- des ökonomischen Aufholprozesses verzeichnen,
onspolitik sei von daher eine falsche Wirtschaftspoli- steigen dort die Reallöhne mit sehr hohen Raten.
tik, die für längere Zeit Wachstum und Beschäfti- Dennoch sinken in den meisten dieser Staaten –
gung koste. ebenso wie in der alten EU – die realen Lohnstück-
Insgesamt ist damit aufgrund dieser Krise die kosten, weil die Reallohnzuwächse nicht mit den
Geldpolitik nicht leichter geworden. Ihre mögliche Produktivitätszuwächsen Schritt halten können.
Aufgabenerweiterung zur Bekämpfung von Fi- Polen ist hier ein typisches Beispiel: von 1995 bis
nanzmarktblasen kann sie vor schwierige Entschei- 2007 stiegen dort zwar die Reallöhne um über 50
dungen stellen, die sich wachstums- und beschäfti- Prozent, gleichzeitig fielen aber die realen Lohn-
gungsdämpfend auswirken können. Ebenso kann es stückkosten um 15 Prozentpunkte. Auch hier stieg
im Zuge der Exit-Strategie zunächst zu mehr Inflati- damit der Anteil der Einkommen aus Unternehmer-
on und dann zu starken Wachstumseinbußen tätigkeit und Vermögen am Sozialprodukt deutlich
kommen, wenn die animal spirits nicht berücksich- an. Nur in Litauen und Rumänien wuchsen die
tigt werden. Reallöhne in diesem Zeitraum schneller als die Pro-
duktivität. Besonders stark fielen die realen Lohn-
Sechstens: Lohnpolitik und Wettbewerbs- stückkosten in Estland, Lettland, Polen, Bulgarien,
verzerrungen in der Eurozone Slowakei und Slowenien. In der EU-27 ging dieser
Indikator im genannten Zeitraum um sieben Punkte
Anfang der 1980er Jahre wurde in der Lohnpolitik zurück, in der EU-15 um fünf Punkte.
der europäischen Staaten eine neue, bis heute Für den Prozess der europäischen Integration ist
anhaltende Phase eingeleitet. Aufgrund tief grei- es besonders problematisch, dass sich dieser Ab-
fender sozialökonomischer Veränderungen gelang bauprozess der realen Lohnstückkosten sehr un-
es den Gewerkschaften seitdem im Durchschnitt gleichmäßig vollzieht und damit vor allem in der
nicht mehr, die Reallöhne mit der Arbeitsproduktivi- Eurozone Wettbewerbsverzerrungen entstanden
tät Schritt halten zu lassen. Die Massenarbeitslosig- sind. Während Länder mit unterschiedlicher Wäh-
keit, der sinkende gewerkschaftliche Organisations- rung durch Wechselkursanpassungen (Auf- und
8 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Abwertungen) länger anhaltende Ungleichgewichte Siebtens: Die Krise in den Staaten Mittel-
in der Lohnstückkostenentwicklung austarieren und Osteuropas
können, ist dies in einem gemeinsamen Währungs-
gebiet prinzipiell nicht mehr möglich. In der Eurozo- Die weniger entwickelten Staaten in Mittel- und
ne ist es aufgrund des überdurchschnittlichen Rück- Osteuropa, die der EU beigetreten sind (MOEL-10),
gangs der realen Lohnstückkosten in Deutschland in haben seit Überwindung der Transformationskrise
den letzten Jahren verstärkt zu Spannungen ge- einen starken Wirtschaftsaufschwung erfahren und
kommen. Deutschland ist das einzige Land in der den Entwicklungsabstand zur EU-15 deutlich redu-
EU, in dem seit dem Jahre 2000 die Reallöhne ge- zieren können. Der Aufholprozess ist dabei lehr-
sunken sind. Sogar im Wirtschaftsaufschwung von buchartig durch hohe Kapitalimporte mitfinanziert
2004 bis 2008 sind die Reallöhne hier gefallen, was worden, die Resultat der großen Leistungsbilanzde-
bislang in keiner Wirtschaftsaufschwungphase seit fizite der MOEL-10 sind. Diese Staaten geben mehr
dem Zweiten Weltkrieg der Fall war. Deutschland aus als sie produzieren und importieren über Direkt-
hat aufgrund von lohnpolitisch bedingten Wettbe- investitionen, Portfolioinvestitionen und Kredite
werbsverzerrungen seine führende Exportposition in Ersparnisse des Auslandes, um ihre Leistungsbilanz-
der Eurozone weiter ausbauen können und damit defizite zu finanzieren. Im Mittel lag das Leistungs-
seinen Hauptwettbewerber Frankreich, aber auch bilanzdefizit der Staaten Mittel- und Osteuropas im
Portugal, Italien, Spanien und Griechenland erheb- Jahre 2007 bei 7,7 Prozent des BIP. Negative Spit-
lich unter Druck gesetzt (Fritsche 2009). Diese Un- zenwerte erzielten die baltischen Staaten mit Litau-
gleichgewichte haben die Stabilität der Eurozone en 14 Prozent, Estland 18 Prozent und Lettland 22
sehr stark belastet. Im Sommer und Herbst 2005 Prozent, ferner Rumänien mit 14 Prozent und Bul-
wurde in Italien ernsthaft über ein Verlassen der garien mit 25 Prozent (IWF 2009: 209, Table A12).
Eurozone diskutiert. Zur Wahrung der inneren Stabi- Dieses Modell des Aufholprozesses, der über eine
lität der europäischen Währungsunion ist es drin- hohe Auslandsverschuldung getragen wird, ist so
gend erforderlich, dass die Lohnpolitik sich an den lange praktikabel, wie das Ausland Vertrauen in die
jeweiligen nationalen Daten aus Produktivität und wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer
Inflation orientiert. Wie stark die Ungleichgewichte hat. Die Erfahrung vieler asiatischer Staaten in den
mittlerweile angewachsen sind, zeigen die Daten für 1990er Jahren und vieler Staaten Lateinamerikas
die Leistungsbilanzsalden. Während Deutschland seit den 1980er Jahren zeigen jedoch, dass ein
2007 einen Überschuss in Höhe von 7,5 Prozent solches Modell äußerst fragil ist. Erreichen die Leis-
seines BIP erzielte, die Niederlande in Höhe von 6,1 tungsbilanzdefizite ein sehr hohes Niveau in Relati-
Prozent, haben viele andere Staaten Defizite zu on zum BIP, nimmt die interne Staatsverschuldung,
verzeichnen: Frankreich in Höhe von ein Prozent des die meist mit der Auslandsverschuldung gekoppelt
BIP, Italien 2,4 Prozent, Irland und die Slowakei ist, ein überdurchschnittliches Maß an, können
jeweils 5,4 Prozent, Portugal 9,5 Prozent, Spanien diese Doppeldefizite in Verbindung mit internen
10,1 Prozent und Griechenland 14,1 Prozent (IWF politischen Turbulenzen oder exogenen ökonomi-
2009: 207, Table A11). schen Schocks zu einer Währungskrise führen. Das
Damit wird deutlich, dass eine Koordinierung Auslandskapital verlässt zum Teil diese Länder,
der Lohnpolitik auf der europäischen Ebene nicht neues Auslandskapital ist schwierig zu erhalten und
nur erforderlich ist, um die Verhandlungsposition auch inländische Kapitalien flüchten zum Teil ins
der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu stär- Ausland, womit die Währungskrise verschärft wird.
ken, sondern auch um die Eurozone nicht durch Exakt diese Situation ist jetzt aufgrund der Weltfi-
lohnkostenbedingte Wettbewerbsverzerrungen zu nanzmarktkrise in vielen MOEL-10 eingetreten. Es
destabilisieren. Wie der Abbau der globalen Un- kommt hinzu, dass der Wirtschaftsabschwung in
gleichgewichte der Leistungsbilanzen (siehe oben der EU-15 die stark exportorientierten Ökonomien
unter zweitens) würde auch diese Korrektur der unter den MOEL-10 zusätzlich geschwächt und
Lohnpolitik in der Eurozone Deutschland zwingen, deren Leistungsbilanzdefizite nochmals erhöht hat.
von seinem übertrieben exportorientierten Wachs- Besonders schwer hat es Ungarn, Lettland und
tumsmodell Abschied zu nehmen und sich stärker Rumänien getroffen, die durch Auslandskredite des
auf seine Binnenwirtschaft auszurichten. In der IWF und der EU stabilisiert werden mussten. Die
Übergangsphase zwischen diesen beiden Wachs- Wirtschaftskrise hat denjenigen Staaten der MOEL-
tumsmodellen würde das Wirtschaftswachstum in 10 besonders hart zugesetzt, die entweder beson-
Deutschland gedämpft werden. ders hohe Auslandsschulden haben und/oder über-
Internationale Politikanalyse 9

durchschnittlich exportorientiert sind und/oder ihre diskutiert. Die Aufsicht der US-Terminbörse CFTC
Währungen so eng an den Euro gebunden haben, möchte die Transparenz des Marktes erhöhen, die
dass sie nicht abwerten können. Insgesamt stellt wöchentlichen Berichte über Kauf- und Verkaufpo-
sich aufgrund dieser Erfahrungen die Frage, ob das sitionen nach Indexfonds sowie Hedgefonds diffe-
Wirtschaftsmodell der MOEL-10 nicht zu sehr aus- renzierter aufschlüsseln und auch Positionslimits für
lands-, das heißt vor allem EU-orientiert ist. Eine die Finanzinvestoren einführen. Die Aktivitäten der
stärkere Binnenmarktsorientierung, eine geringere Indexinvestoren und Hedgefonds werden für die
Abhängigkeit von Kapitalimporten kann zwar ge- starken Preisausschläge der Jahre 2008 und 2009
ringere Wachstumsraten implizieren, verleiht dem mitverantwortlich gemacht, so dass mehr Transpa-
Aufholprozess aber eine wesentlich größere Stabili- renz, Kontrollen und Positionslimits das Marktge-
tät. Ein Beispiel hierfür ist Indonesien, das nach den schehen beruhigen könnten. Dies wäre auch im
schweren Erschütterungen aufgrund der Finanz- Interesse der Ölproduzenten und Ölkonsumenten,
marktkrise in den 1990er Jahren sein Modell konse- die sich traditionell mit Terminkontrakten an den
quent auf die Entwicklung des Binnenmarkts umge- Börsen absichern.
stellt hat und deshalb jetzt von der doppelten Krise Zurzeit ist die weitere Entwicklung auf dem
der Weltwirtschaft weitaus weniger tangiert wird als Weltölmarkt schwierig abzuschätzen. Es ist unklar,
andere, exportorientierte asiatische Staaten. ob sich eine stärkere Regulierung an den Termin-
Auf die Exporte der Staaten der EU-15, insbe- börsen international durchsetzen ließe, und auch
sondere Deutschlands, hat die überdurchschnittliche die Entwicklung von Reserven, Produktion und
Krise in einigen MOEL negative Effekte. Auch ein Nachfrage ist schwer prognostizierbar. Dennoch
möglicher Umbauprozess des Wachstumsmodells muss davon ausgegangen werden, dass der Weltöl-
dieser Länder würde sich auf das Wirtschaftswachs- preis im Trend nach oben gerichtet ist und das
tum in Deutschland dämpfend auswirken. Wachstum der Weltwirtschaft bremsen wird.

Achtens: Unsicherheit auf dem Weltölmarkt Neuntens: Die Bedeutung der Kreditklemme

Die OPEC-Staaten haben im Jahre 2008 Öl im Wert Von Kreditklemme (credit crunch) spricht man,
von mehr als 1000 Mrd. Dollar in die Welt expor- wenn Investoren für die Finanzierung ihrer Projekte
tiert. Das war gegenüber 2007 eine Steigerung um keine Kredite oder nur Kredite zu schlechten Kondi-
35 Prozent, die vor allem durch den starken Anstieg tionen erhalten. Häufig wird der Begriff auch dann
des Ölpreises auf bis zu 147 USD pro Barrel zurück- verwendet, wenn der Bankensektor nicht oder nur
zuführen ist. Aufgrund der Weltrezession stürzte im geringen Umfange bereit ist, eine erhöhte Liqui-
der Ölpreis dann auf knapp 30 USD je Fass im Feb- dität, die die Zentralbank zur Verfügung stellt, an
ruar 2009 ab, um sich bis September 2009 mit den privaten Nicht-Banken-Sektor weiterzureichen.
knapp 70 USD erneut zu verdoppeln. Die Ölpreis- Ob in der aktuellen Krise von einer Kreditklemme
explosion im Jahre 2008 wird neben der Weltfi- gesprochen werden kann, wird kontrovers beurteilt.
nanzkrise von einigen Beobachtern als eine ent- Während in Deutschland aus der Wirtschaft immer
scheidende Ursachen für den Einbruch der Welt- wieder Klagen über eine unzureichende Kreditge-
wirtschaft betrachtet. währung durch die Banken vorgetragen werden,
Die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft wird bestreitet das Bankengewerbe die Existenz einer
von der Entwicklung des Ölpreises stark beeinflusst Kreditklemme.
werden. Die Prognosen sind zwar unsicher, jedoch Grundsätzlich kann die Bereitschaft der Banken
gehen die Weltölreserven zur Neige, gleichzeitig zur Kreditgewährung in der momentanen Krise
steigt die Nachfrage aufgrund des ökonomischen durch drei Faktoren beeinträchtigt werden. Erstens
Aufholprozesses in den Schwellenländern (vor allem schlummern in den Bilanzen der Banken weiterhin
in China und Indien). Kontraproduktiv ist auch, dass faule Wertpapiere, die zu einem erhöhten Wertbe-
nach Schätzung der Internationalen Energieagentur richtigungsbedarf führen und damit die Kapitalbasis
(IEA) aufgrund der Krise die Investitionen in Er- der Banken schmälern. Zweitens werden aufgrund
schließung und Förderung 2009 um 15 bis 20 Pro- der Krise immer mehr Unternehmen notleidend und
zent sinken. können ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Auch
Um erneute Preisexzesse auf dem Weltölmarkt hier entsteht wieder für die Banken ein erhöhter
zu verhindern, wird jetzt auch über eine stärkere Abschreibungsbedarf. Schließlich schreibt Basel II
Kontrolle des Geschehens an den Terminbörsen den Banken heute vor, problematische Kredite mit
10 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

mehr Eigenkapital zu hinterlegen, so dass auch Einführung einer globalen Aufsicht über die
dadurch die Basis der Banken für die Kreditgewäh- Weltfinanzmärkte.
rung reduziert wird. Die G20 beschäftigte sich mehrfach mit dieser The-
Die Regierungen versuchen das Problem der matik und hat Ende September 2009 auf dem Gip-
Kreditklemme dadurch zu verringern, dass sie den fel in Pittsburgh Grundsätze für ein neues Regel-
Banken direkt durch staatliche Beteiligungen Kapital werk der internationalen Finanzmärkte verabschie-
zur Verfügung stellen und/oder den Banken über det. Danach ist vorgesehen, dass bis Ende 2010
die Zentralbanken oder andere Institutionen zu international neue Regeln für die Erhöhung und
günstigen Konditionen Mittel anbieten, die an die Verbesserung des Eigenkapitals der Banken entwi-
Wirtschaft weitergereicht werden können. ckelt werden, die dann bis Ende 2012 schrittweise
Der Aufschwung der Weltwirtschaft könnte ne- eingeführt werden sollen. Die Banken sollen mehr
gativ beeinflusst werden, wenn den Banken weiter- und qualitativ hochwertigeres Eigenkapital vorhal-
hin große Wertberichtigungen ins Haus stehen und ten, für CDOs soll es schärfere Regeln geben. Alle
aufgrund der Krise immer mehr Kreditnehmer an G20, also auch die USA, wollen bis 2011 die stren-
Bonität verlieren. Allerdings verfügen die Regierun- geren Eigenkapitalregeln des Basel-II-Abkommens
gen prinzipiell über genügend Instrumente, um die umsetzen. Für Derivate sollen bis Ende 2012 Börsen
Gefahr einer Kreditklemme zu vermeiden. oder elektronische Handelsplattformen eingeführt;
bis Mitte 2011 einheitliche Bilanzierungsstandards
Zehntens: Die verhinderte Re-Regulierung der entwickelt werden. Systemische Großbanken müs-
Weltfinanzmärkte sen Strategien für den Fall ihrer Pleite entwickeln
(Testamente). Steueroasen sollen mit aktiven Maß-
Nach der Pleite von Lehman Brothers im Sep- nahmen bekämpft werden. Die Bonussysteme für
tember 2008 erreichte die Weltfinanzkrise ihren Manager sollen strenger reguliert und eingeschränkt
Höhepunkt. In dieser Zeit des Schocks über das werden.
Undenkbare war der Ruf nach einer grundlegenden Diese Beschlüsse klingen vielversprechend, sind
Re-Regulierung der Finanzmärkte ubiquitär. Es aber letztlich schwierig zu bewerten, da alles von
wurden viele sinnvolle Vorschläge unterbreitet (sie- den endgültigen Vorschlägen und Beschlüssen
he Bofinger 2009; Krugman 2008; Otte 2009; abhängt, die in den wichtigen Fragen erst in 2011
Münchau 2008; Schäfer 2009). Die verschiedenen und 2012 anstehen. Skepsis ist angebracht, denn
Institutionen und Autoren setzten bei diesen Re- seit der teilweisen Erholung an den Weltfinanzmärk-
formvorschlägen unterschiedliche Schwerpunkte. Zu ten und der Weltwirtschaft im Laufe des Sommers
den wichtigsten Forderungen zählten: 2009 ist deutlich zu beobachten, dass der Reform-
Zerstörung des Schattenbankensystems, um das elan stark abnimmt (Hoffmann 2009; Wolf 2009),
gesamte Bankensystem einer staatlichen Kon- sie artikulieren sich selbstverständlich im Finanzsek-
trolle zu unterwerfen tor. Widerstände kommen in der EU insbesondere
Einführung antizyklischer Regeln in das Abkom- aus Großbritannien, das sein Wirtschaftsmodell in
men Basel II den letzten 20 Jahren zu sehr auf die Finanzindust-
Abschaffung der Mark-to-Market-Bilanzierung rie ausgerichtet hat und wirtschaftliche Nachteile
befürchtet, wenn die Regulierungen zu umfangreich
Staatliche Übernahme der Ratingagenturen-
und strikt ausfallen. Auch in der Obama-
Kontrolle der Hedgefonds
Administration sind zu viele wichtige Positionen mit
Regulierung der Private-Equity-Investitionen
ehemaligen »Masters of the Universe« besetzt, um
Kontrolle und Transparenz für alle Finanzpro- von ihr radikale Reformen der Märkte erwarten zu
dukte. Verbot besonders riskanter Collateralized können. Insbesondere bei der Abschaffung des
Debt Obligations (CDOs) Schattenbankensystems, der Kontrolle der Ratinga-
Einführung einer staatlich kontrollierten Börse genturen, der Hedgefonds und der Private-Equity-
für Credit Default Swaps (CDS) Unternehmen, der Begrenzung der CDOs und der
Begrenzung und Kontrolle der Vergütungssys- Kontrolle des CDS-Marktes sind starke Widerstände
teme im Finanzsektor zu erwarten. Auch eine internationale Finanzauf-
Austrocknen aller Steueroasen, auch in den sicht mit wirklichen Kompetenzen wird aller Voraus-
Industrieländern sicht nach nicht entstehen. Vieles wird letztlich in
Aufheben des Bankgeheimnisses in allen Län- der Autonomie der Nationalstaaten belassen blei-
dern ben.
Internationale Politikanalyse 11

Damit zeichnet sich ab: die Gefahr der Wieder- des internationalen, europäischen und nationalen
holung einer großen internationalen Finanzkrise Reformpakets die globalen ökonomischen und
wird nicht gebannt werden. Seit Beginn der Deregu- sozialen Ungleichgewichte beseitigen und zu einem
lierung der internationalen Finanzmärkte lösten sich ausgewogenen und krisenfesteren Wachstum der
in kurzen Abständen Finanzkrisen in einzelnen Weltwirtschaft, Europas und der Nationalstaaten
Ländern und Regionen ab, bis sie schließlich in der führen.
jetzigen großen Krise kulminierten. Es begann mit
den Krisen in Lateinamerika, in Mexiko und Bolivien
Mitte der 1980er Jahre, setzte sich fort in der Tequi- 2 Ökonomische Stagnation und die
la-Krise Anfang der 1990er Jahre, vor allem in Me- sozialen Sicherungssysteme in Euro-
xiko und Argentinien, traf in der Asien-Krise Ende pa und in den Entwicklungsländern
der 1990er Jahre Staaten wie Thailand, die Philippi-
nen und Indonesien, erreichte im Jahre 2002 erneut Das schwächere Wachstum der Weltwirtschaft wird
Argentinien, um schließlich 2007/2009 vor allem die auch starke Auswirkungen auf die Systeme der
Industrieländer zu erfassen (Krugman 2009: 41ff; sozialen Sicherheit in den verschiedenen Regionen
Akerlof/Shiller 2009: 188ff). der Welt haben. In vielen Industrieländern haben
Da die Welt aus diesen Krisen immer nur sehr seit den 1990er Jahren der demographische Wan-
eingeschränkt Lehren gezogen hat und die animal del, eine hohe Staatsverschuldung und geringe
spirits des Kapitalismus weiterhin virulent sind, muss Beschäftigungsquoten den Wohlfahrtsstaat unter
auch in der unmittelbaren Zukunft mit weiteren Druck gesetzt und zahlreiche Reformprozesse aus-
Krisen dieser Art gerechnet werden. gelöst. Nachdem der Wirtschaftsboom von 2004 bis
2008 hier für eine gewisse Entspannung gesorgt
Fazit hat, ist jetzt aufgrund der stark gestiegenen Staats-
verschuldung, der höheren Arbeitslosigkeit und den
Die hier vorgetragenen Argumente sollen davor zukünftig geringeren Wachstumsraten mit neuen
warnen, eine rasche V-förmige Erholung der Welt- Belastungen zu rechnen. In vielen Entwicklungslän-
wirtschaft oder eine baldige Rückkehr zu den hohen dern ist der Prozess des Aufbaus von umfassenden
Wachstumsraten der Vorkrisenära zu erwarten. Systemen der sozialen Sicherung noch längst nicht
Vieles spricht für eine nur langsame Erholung der abgeschlossen. Insbesondere in den Entwicklungs-
Weltwirtschaft und ein schwächeres Wachstum in ländern, die vom Rückgang der Rohstoffpreise
der Nachkrisenzeit. Diese skeptische Sicht der Dinge negativ betroffen sind, werden diese Reformprozes-
wird von vielen kritischen Autoren geteilt, wie se beeinträchtigt werden und die traditionellen
Krugman (2009), Rodrik (2009), Rogoff (2009), Systeme der sozialen Sicherung (Familie und lokale
Roubini (2009b), Shiller (2009) und Stiglitz (2009), Gemeinschaft) wegen der steigenden Armut noch
um nur einige wichtige zu nennen. Wenn die Analy- stärker gefordert sein. Anders ist die Lage in
sen sich auch im Detail unterscheiden, viele Autoren Schwellenländern, die über einen großen Binnen-
sind sich darin einig, dass ohne eine Beseitigung der markt verfügen und deren Wirtschaft trotz der
globalen Ungleichgewichte zwischen den USA schwächeren Entwicklung der Weltwirtschaft mit
einerseits, China, Japan und Deutschland anderer- hohen Raten wachsen wird. Hier werden sich die
seits, ohne eine Korrektur der ungleichen Einkom- ökonomischen Grundlagen für den Auf- und Aus-
mens- und Vermögensverteilung national und inter- bau der sozialen Sicherungssysteme auch weiterhin
national, ohne eine neue Architektur für die Weltfi- verbessern. Im Folgenden werden diese unterschied-
nanzmärkte und ohne starke staatliche Interventio- lichen Probleme der einzelnen Ländergruppen näher
nen auf der Ebene der Nationalstaaten und der beleuchtet.
Weltwirtschaft ein Übergang zu einem stabilen und
ausgewogenen Wachstum der Weltwirtschaft kaum
möglich ist. 2.1 Wohlfahrtsstaaten in der EU-27
Einige der in diesem ersten Kapitel schon ange-
sprochenen Reformschritte, die insgesamt im dritten In den europäischen Wohlfahrtsstaaten ergab sich
Kapitel detaillierter dargelegt werden, implizieren der Reformdruck in den letzten zwei Jahrzehnten
für einzelne Staaten Wachstumseinbußen, z. B. die aus einer Kombination der Einflussgrößen demo-
Koordinierung der europäischen Lohnpolitik in graphischer Wandel, Beschäftigungskrise, Staatsver-
Deutschland. Insgesamt aber würde die Umsetzung schuldung sowie System der Wettbewerbsstaaten.
12 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Die Entwicklung der Sozialleistungsquoten seit Mitte tungsniveaus sind in diesen Staaten fast ausnahms-
der 1990er Jahre verdeutlicht, dass in vielen EU- los anzutreffen. Für diese Konvergenzen sind meh-
Staaten (Schweden, Dänemark, Niederlande, Finn- rere Faktoren verantwortlich: Überall in Europa
land, Großbritannien, Irland, Spanien, Estland, Lett- setzen die demografische Entwicklung und der
land, Litauen, Slowakei) der Abbau des Wohlfahrts- starke Anstieg der systemischen Abhängigkeitsraten
staates bereits in den Makrodaten erkennbar ist. die Umlagesysteme unter Druck. In vielen Ländern
Haupttreiber dieser Tendenzen sind die Reformen in werden die finanziellen Zwänge durch niedrige
den Renten- und den Gesundheitssystemen, auf die Beschäftigungsraten verstärkt. In zahlreichen Staa-
70 bis 80 Prozent aller wohlfahrtsstaatlichen Aus- ten setzen darüber hinaus hohe Staatsschulden der
gaben entfallen. Alimentierung der beitragsfinanzierten Umlagesys-
Schließlich wird aufgrund der ungleichmäßigen teme aus öffentlichen Haushalten enge Grenzen.
Entwicklung der ökonomischen und sozialen Auf- Eine Abfederung der finanziellen Belastungen, die
holprozesse deutlich, dass im System der Wettbe- sich aus diesen Entwicklungen für die erste, umlage-
werbsstaaten Praktiken des Sozialdumpings ins Spiel finanzierte Rentensäule ergeben, durch den Aus-
gebracht werden können. Während in Griechen- und Aufbau kapitalfundierter zweiter und dritter
land, Portugal und Ungarn der ökonomische Auf- Säulen ist von daher in den EU-Staaten fast durch-
holprozess auch mit einem absoluten und relativen gängig zu beobachten.
Ausbau des Wohlfahrtsstaates einherging, wurde in Diese objektiven Zwänge erklären jedoch nicht
Irland, Spanien, Estland, Lettland, Litauen und der die neoliberale Ausrichtung der Reformpolitiken. Die
Slowakei der Wohlfahrtsstaat trotz der ökonomi- Tendenz, die erste Säule von DB auf DC oder gar
schen Fortschritte in relativen Größen zurückgefah- NDC umzubauen und damit Umverteilungsstruktu-
ren. ren immer stärker zu reduzieren, ergibt sich nicht
Damit zeigt sich, dass ohne politische Interventi- zwingend aus den genannten Problemlagen. Diese
onen der enge Zusammenhang zwischen ökonomi- Ausrichtung der Reformpolitiken resultiert vielmehr
schem und sozialem Fortschritt, der in der EU bis aus einem grundlegenden Wandel der Gesell-
Mitte der 1990er Jahre vorhanden war, nicht per se schafts- und Wirtschaftspolitik, der sich in den
aufrechterhalten werden kann. Ein Vertrauen auf 1980er Jahren immer mehr durchgesetzt hat. In
die Bewahrung eines quasi automatischen Zusam- dieser Zeit begann die Ablösung des keynesiani-
menspiels im Sinne des Funktionalismus ist auf- schen durch das neoliberale Akkumulationsregime.
grund der Empirie nicht gerechtfertigt. Politiken des sozialen Ausgleichs, staatliche Umtei-
Die Reformen in den sozialen Sicherungssyste- lungspolitiken im Steuersystem oder in den sozialen
men in den letzten beiden Jahrzehnten zeigen ein Sicherungssystemen gelten seitdem als unberechtig-
hohes Maß an Konvergenz. In der Renten- und te Eingriffe in den Marktprozess, als Verletzung des
Arbeitsmarktpolitik sind die Ähnlichkeiten in der Leistungsprinzips, als Unterhöhlung von ökonomi-
Reformpolitik und der Systementwicklung beson- schen Anreizsystemen und damit als Unterminie-
ders stark ausgeprägt, und dies gilt für West- wie rung der Wachstumskräfte. Aufgrund dieses fun-
Osteuropa. Der Wandel ist in diesen Sektoren eher damentalen Wandels des gesellschafts- und wirt-
radikal, mit vorhandenen Strukturen wird vielfach schaftspolitischen Leitbildes haben sich in den letz-
gebrochen (vgl. Baum-Ceisig/ Busch/ Hacker/ Nospi- ten zwei Jahrzehnten in allen Politikfeldern, der
ckel 2008). Lohn-, Steuer-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik
In der Rentenpolitik drückt sich dies in der EU-15 liberale Grundwerte immer stärker durchgesetzt. In
in der Einführung des Drei-Säulen-Modells, im Ü- der Rentenpolitik hat dieser Wandel zu einer Re-
bergang von leistungsorientierten (defined benefit Kommodifizierung, zu einem Abbau der Leistungen
scheme, DB) zu beitragsorientierten (defined contri- und zu einer Reduktion von Umverteilungsstruktu-
bution scheme, DC und NDC) Systemen, einem ren in der Umlagefinanzierung geführt.
relativen Abbau der Leistungen (Re- Dieser alle europäischen Staaten überwölbende
Kommodifizierung) und einer Tendenz zur Mischfi- Wandel ist in den MOEL noch ausgeprägter als in
nanzierung (Steuern/Beiträge) aus. vielen Staaten der EU-15. Die Stigmatisierung des
In den MOEL ist ebenfalls ein deutlicher Konver- Sozialismus hat dazu geführt, dass im Zuge der
genzprozess zur Vermischung der Systeme zu beo- Transformation vom Realen Sozialismus zur kapita-
bachten. Das Drei-Säulen-Modell, der Abbau von listischen Marktwirtschaft der Neoliberalismus in
Umverteilungsmechanismen, die Heraufsetzung des vielen MOEL in noch stärkerem Maße Einzug gehal-
Renteneintrittsalters und eine Reduktion des Leis- ten hat als in der alten EU. Das »neue« Europa
Internationale Politikanalyse 13

orientiert sich an Großbritannien und den USA, also Einschränkung der Leistungskataloge,
an den Mutterländern des Liberalismus. Die »Sozial- Budgetierung von Leistungen,
politik« wird von zahlreichen politischen Strömun- Ausbau und Erhöhung von Selbst- und Zuzah-
gen in den MOEL mit »Sozialismus« konnotiert. Es lungen,
ist deshalb nicht verwunderlich, dass in den MOEL Reduktion der Krankenhausbetten pro Einwoh-
die Rentenreformen – mit der Ausnahme Tsche- ner,
chiens und Sloweniens – eine noch stärkere neolibe-
Verkürzung der Verweildauer in den Kranken-
rale Ausrichtung erfahren haben als in den Staaten
häusern,
Westeuropas.
Einführung neuer Honorierungsformen für Ärzte
Eine ähnliche Tendenz ist in der Entwicklung der
und Krankenhäuser, insbesondere die Einfüh-
Arbeitslosenversicherungen zu registrieren. Im Wes-
rung von Fallpauschalen,
ten wie im Osten haben die Phasen hoher Arbeitslo-
Übertragung der Rolle der »Gatekeeper« auf die
sigkeit in Kombination mit dem Vormarsch ange-
Hausärzte (Primärärzte), vielfach in Verbindung
botsorientierter Wirtschaftsphilosophien, wonach
mit dem System der integrierten Betreuung
die Arbeitslosigkeit vor allem auf die mangelnde
durch Fachärzte, Krankenhäuser, Pflegeeinrich-
Flexibilität auf den Arbeitsmärkten sowie üppige
tungen (»integrated care«).
staatliche Einkommensersatzsysteme zurückzufüh-
ren ist, die Versicherungssysteme zunehmend aus- Diese Konvergenz in der Reformpolitik ist system-
gehöhlt. Fast überall sind die Leistungsvorausset- übergreifend, also sowohl in den SHI-Staaten als
zungen verschärft, Leistungszeiten verkürzt und die auch in den Staaten zu beobachten, die ein staatli-
Lohnersatzraten reduziert worden. Das soziale Netz ches, aus Steuermitteln finanziertes Gesundheitssys-
ist weitmaschiger geworden. Die Arbeitslosen sollen tem (National Health System, NHS) vorhalten. Trotz
auf diese Weise »motiviert« werden, sich zu »akti- dieser starken Konvergenzprozesse im Zuge der
vieren«, ihre Arbeitskraft zu niedrigeren Löhnen und Gesundheitsreformen bestehen allerdings zwischen
längeren Arbeitszeiten zu Markte zu tragen. Auch in den NHS- und den SHI-Ländern nach wie vor große
diesem Teil der sozialen Sicherungssysteme ist wie Unterschiede. Dies betrifft die relative Höhe der
in der Rentenpolitik im Osten und im Westen Euro- Gesundheitsausgaben, die in den staatlich kontrol-
pas die Re-Kommodifizierungstendenz unüberseh- lierten Systemen im Mittel niedriger sind als in den
bar. Wie im Rentensektor sind die Reformen der SHI-Länder, bezieht sich auf die unterschiedliche
Arbeitslosenversicherungen im Osten häufig radika- Bedeutung der Krankenhäuser im Gesundheitssys-
ler als im Westen. tem sowie die relativen Bettenzahlen und mittleren
Verweilzeiten im stationären Bereich. Auch in der
Im Gesundheitssektor ergibt sich dagegen bis-
Organisation des Facharztsystems weichen die NHS-
lang ein differenzierteres Bild. Die Reformen werden
und die SHI-Länder stark voneinander ab. In den
zwar in Ost und West von denselben demografi-
staatlichen Systemen sind die Fachärzte überwie-
schen und finanziellen Zwängen angetrieben, voll-
gend in den Krankenhäusern angestellt, was erheb-
ziehen sich aber, anders als im Renten- und Arbeits-
lich zur Reduktion der Ausgaben beiträgt. In den
losenversicherungssektor, pfadabhängiger, bleiben
SHI-Ländern sind die Fachärzte dagegen private
gegebenen Strukturen stärker verhaftet, sind insge-
Unternehmer, denen es gelingt, sich große Teile der
samt weniger radikal. Trotz dieser strukturellen
finanziellen Ressourcen des Systems anzueignen.
Divergenzen in den Gesundheitssektoren in Ost und
West, die sich aus den unterschiedlichen ökonomi- Zusammenfassend kann konstatiert werden,
schen Entwicklungsniveaus ergeben, können wir im dass die Reformen des Wohlfahrtsstaates in der EU
Rahmen der Reformpolitiken in den östlichen und in Ost und West viele Konvergenzen aufweisen.
den westlichen Staaten mit auf Sozialversicherun- Dies ist angesichts gemeinsamer objektiver Proble-
gen bestehenden Gesundheitssystemen (Social me (Demographischer Wandel, Staatsverschuldung,
Health Insurance, SHI) eine Reihe von Konvergenzen Arbeitslosigkeit) und eines gemeinsamen gesell-
beobachten. Da die Auslöser dieser Reformen in schaftspolitischen Leitbildes (Neoliberalismus) nicht
den gemeinsamen demografischen und finanziellen überraschend. Dennoch gibt es nationale Unter-
Belastungen zu suchen sind und der Neoliberalismus schiede und divergierende politische Konstellationen
das dominierende gesellschaftspolitische Umfeld auf der Ebene der Mitgliedstaaten, die im System
bildet, sind auch die Reformmaßnahmen bis in viele der Wettbewerbsstaaten die Gefahr von Dumping-
Details identisch. Dies gilt insbesondere für folgende praktiken und Abwärtsspiralen verstärken können
Reformschritte: (vgl. dazu Kapitel 3.2).
14 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

2.2 Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise Staaten der EU-25 in Hinblick auf die Nachhaltigkeit
auf die Wohlfahrtsstaaten in der EU-27 der öffentlichen Finanzen in drei Risikoklassen ein:
low-risk countries (DK, EE, LV, LT, NL, AT, PL, FI und
Die Weltwirtschaftskrise wirkt sich auf die Finanzen SE), medium-risk countries (BE, D, ES, FR, IE, IT, LU,
der sozialen Sicherungssysteme im Wesentlichen MT, SK und UK) und high-risk-countries (CZ, EL, CY,
über zwei Einflusskanäle aus: einerseits steigen HU, PT und SI). Auf die methodischen Probleme und
aufgrund der höheren Arbeitslosigkeit die Ausgaben Details dieser Klassifikation kann hier nicht einge-
der Sozialkassen und des Staates, andererseits sin- gangen werden. Interessant ist für die hiesige Ana-
ken die Steuer- und Beitragseinnahmen des Staates lyse der Auswirkungen der Krise auf die Wohlfahrts-
und der Sozialkassen wegen eines geringeren Wirt- staaten in der EU allerdings, wie sich die Lage der
schaftswachstums bzw. geringerer Lohnzuwachsra- Staaten 2009 im Vergleich zu 2006 darstellt. Das
ten. Auf diese Weise entstehen in der Regel in den öffentliche Defizit der EU-Staaten ist von durch-
öffentlichen Systemen der sozialen Sicherung Finan- schnittlich 0,8 Prozent in Relation zum BIP im Jahre
zierungslücken. Da die meisten europäischen Staa- 2007 – dem besten Resultat seit dreißig Jahren –
ten zur Bekämpfung der Konjunkturkrise und zur auf 6 Prozent in 2009 und voraussichtlich 7 Prozent
Rettung des Finanzsektors zusätzlich größere kredit- in 2010 deutlich angestiegen. Der Schuldenquotient
finanzierte Rettungspakete aufgelegt haben, ent- hat sich in den drei Jahren von 2007 bis 2010 für
stehen kumulativ größere Defizite in den öffentli- die EU insgesamt um mehr als 20 Prozentpunkte
chen Haushalten und in den Haushalten der Sozial- erhöht (Commission of the European Communities
kassen. Wird die Krise rasch überwunden und kehrt 2009: 3). Dazu merkt die Kommission an: »Fiscal
die Wirtschaft auf einen hohen Wachstumspfad expansion in a crisis context is not detrimental for
zurück, lässt sich die krisenbedingte Verschuldung sustainability as long as the measures adopted by
des Gesamtstaates ohne größere Schwierigkeiten governments are temporary and phase out when
beheben. Eine andere Situation ergibt sich aller- the recovery is secure. Concerns arise from the
dings, wenn der Wachstumspfad der Nachkrisenzeit structural nature of high deficits, and because,
schwächer ist als der Wachstumspfad vor der Krise. without an adequate structural reform strategy, the
In Kapitel 1 wurde argumentiert, dass genau dies crisis may have a durable impact on output and
nach dieser großen doppelten Krise der Weltwirt- potential growth, which overlaps with the secular
schaft zu erwarten ist. Bleiben die Wachstumsraten slowdown in GDP growth and the rise in expendi-
unterhalb der früheren Raten des Potenzialwachs- ture on account of the demographic trends«
tums, und verharrt deshalb die Arbeitslosigkeit für (Commission of the European Communities 2009:
einige Zeit auf einem höheren Sockel, geraten die 3).
öffentlichen Kassen dauerhaft in eine Schieflage. Befanden sich 2006 neun Staaten in der low-
Ausgaben- und Leistungskürzungen sowie Steuer- risk-Gruppe, sind es jetzt nur noch vier (DK, EE, FI
und Beitragserhöhungen können dann rasch auf die und SE), hinzugekommen ist als neuer EU-Staat
Tagesordnung kommen. Bulgarien. In der mittleren Gruppe befinden sich
In welcher Lage sich die öffentlichen Haushalte 2009 BE, D, FR, IT, HU, LU, AT, PL und PT. Doppelt
der EU-Staaten aufgrund der Krise befinden, hat die so viele Staaten wie 2006 liegen jetzt in der high-
Kommission in einer jüngsten Mitteilung an das risk-Gruppe, und zwar CZ, CY, IE, EL, ES. LV, LT,
Europäische Parlament und den Rat dargestellt MT, NL, SL, SK, UK und als neuer Staat RO. »In
(Commission of the European Communities 2009). many countries, there has been a deterioration in
Sie knüpft dabei an ihren Bericht aus dem Jahre sustainability in comparison with previous assess-
2006 über die langfristige Nachhaltigkeit der öffent- ments. Compared with the 2006 situation, the
lichen Finanzen in der EU an (European Commission sustainability gaps are larger in most countries and
2007). In dieser Studie setzt sich die Kommission ten of them (Ireland, Spain, Latvia, Lithuania, Malta,
mit dem Anpassungsbedarf der öffentlichen Haus- the Netherlands, Austria, Poland, Slovakia and
halte auseinander, der sich aus drei Komponenten United Kingdom) are now in higher risk category. In
ergibt: a) der Höhe des primären Haushaltsdefizits, the case of the countries most hit by the crisis, the
b) der Staatsverschuldung in Relation zum BIP deterioration in sustainability gaps is particularly
(Schuldenquote) und c) den Auswirkungen der severe. However, thanks to consolidation and pen-
alternden Bevölkerung auf die öffentlichen Haushal- sion reform, Hungary and Portugal have shifted
te (Rentensysteme, Gesundheitssysteme, Langzeit- from the higher to the medium-risk group of coun-
pflege). Im Ergebnis ordnet die Kommission die tries« (Commission of the European Communities
Internationale Politikanalyse 15

2009: 7). Übrigens verwendet die Kommission, tes, die sie bereits seit mehreren Jahren in Angriff
obwohl sie in der Mitteilung von 2009 nach wie vor genommen haben, intensivieren werden. Leistungs-
drei Gruppen von Staaten bildet, im Unterschied zu kürzungen und/oder Steuer- bzw. Beitragserhöhun-
2006 die Bezeichnungen low-, medium- und high- gen stehen unter Status-Quo-Bedingungen vor
risk-countries nicht mehr. Aus Sorge um die Aus- allem in der Gruppe der high-risk-countries an, die
wirkungen auf die Bonitätseinstufungen an den immerhin die Hälfte der EU-Staaten umfasst. Im
Finanzmärkten hat die Kommission auf Druck vieler System der Wettbewerbsstaaten kann dieser Prozess
Staaten auf die explizite Risikoklassifikation verzich- des Abbaus der Wohlfahrtsstaates Verstärkereffekte
tet. erzeugen, denen sich dann letztlich auch die medi-
Aus ihrer Analyse der Verschärfung der Ver- um- und low-risk-countries nicht entziehen können.
schuldungslage der öffentlichen Haushalte leitet die
Kommission drei Forderungen ab: 1) Reduktion der
Defizit- und Schuldenquoten, 2) Erhöhung der 2.3 Soziale Sicherheit in den
Beschäftigungsraten und 3) Reformen der sozialen Entwicklungsländern
Sicherungssysteme, vor allem der Pensions- und
Gesundheitssysteme. Während in den Industrieländern die soziale Sicher-
Im Rahmen des reformierten Wachstums- und heit der Menschen im Wesentlichen über öffentliche
Stabilitätspaktes will die Kommission durchsetzen, Systeme und über private Versicherungen gewähr-
dass die Staaten ihre Defizite um 0,5 Prozentpunkte leistet wird, stellt sich die Situation in den Entwick-
in Relation zum BIP pro Jahr reduzieren, bis sie ihre lungsländern vielschichtiger dar. Hier spielen die
mittelfristigen Budgetziele (MTO) erreicht haben. traditionellen Sicherungsangebote über die Solidar-
Selbst wenn das Wachstum in der EU wieder die gemeinschaften (Familien, Verwandtschaft, Nach-
Raten der Vorkrisenzeit erreiche, könne durch die barschaft) sowie ferner die Sicherungsangebote
Reduktionsschritte in Höhe von 0,5 Prozentpunkten durch Mitgliedschaften in Organisationen und Ver-
der durchschnittliche Verschuldungsquotient der EU bänden (Genossenschaften, Kirchen, Unterstüt-
nur bei 100 Prozent stabilisiert, das Maastrichter 60 zungskassen) nach wie vor eine größere Rolle. Häu-
Prozent-Niveau also nicht realisiert werden. fig sind dies die bedeutendsten Sicherungsmecha-
Zur Reform der sozialen Sicherungssysteme nismen. Dies gilt vor allem für die Beschäftigten im
schlägt die Kommission die bekannten Maßnahmen informellen Sektor und in der Landwirtschaft, die
vor, die sich ihres Erachtens schon vor der Krise häufig über keinerlei öffentliche oder private Versi-
bewährt hätten. In den Pensionssystemen seien die cherung verfügen und in vielen Ländern mehr als
Anwartschaften zu überprüfen, die Beitragsbezo- die Hälfte der Gesamtbeschäftigung ausmachen.
genzeit der Renten zu erhöhen, Frühverrentungen »Substantial ongoing social security investments in
einzuschränken, das effektive und gesetzliche Ein- the OECD countries contrast vividly with slow or
trittsalter zu erhöhen und die Beschäftigungsraten non-existent progress in creating social security in
zu steigern. Eine Ergänzung der ersten Säule um poor countries. Eighty percent of people worldwide
eine obligatorische kapitalgedeckte zweite Säule still do not have access to adequate social security
fordert die Kommission nach der Krise der Weltfi- yet a small percentage of GDP (say 5-10 per cent for
nanzmärkte allerdings nicht mehr. In den Gesund- each population) would be sufficient in develop-
heitssystemen nennt sie als Reformmaßnahmen ment programmes to provide everyone with a
summarisch die Schritte, die die EU-Staaten bereits minimum standard of social security« (Townsend
seit Mitte der 1990er Jahre eingeleitet haben und 2009a: 36).
die es weiter zu verfolgen und zu vertiefen gelte In Tabelle 1 im Anhang sind – soweit vorhanden
(vgl. Kapitel 2.1). Maßnahmen der Kostensenkung – die Daten über die Entwicklung der öffentlichen
und der Effizienzsteigerung seien mit Maßnahmen Ausgaben für die soziale Sicherheit für zahlreiche
der Qualitätsverbesserung zu verbinden, eine neue Staaten der Welt dargestellt. Es fällt einerseits der
Balance zwischen der öffentlichen und privaten starke Kontrast zwischen den entwickelten Indust-
Finanzierung zu finden und der Wettbewerb zwi- rieländern Europas und den Entwicklungsländern in
schen den Anbietern zu steigern. Lateinamerika, Afrika und Asien auf, andererseits
Es zeichnet sich damit deutlich ab, dass die EU- aber auch die großen Unterschiede in der Gruppe
Staaten aufgrund der Folgen der Weltwirtschaftskri- der Entwicklungsländer. Während viele Staaten
se für den Arbeitsmarkt, die Sozialkassen und die nach wie vor bis heute nur ein bis zwei Prozent des
Staatshaushalte die Reformen des Wohlfahrtsstaa- GDP für die öffentliche soziale Sicherheit ausgeben,
16 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

darunter Indien, Pakistan, Indonesien und die Phi- bezogener Sozialleistungen durch Frauen und einer
lippinen, haben andere teilweise beachtliche An- geringen Frauenerwerbsquote« (Croissant 2004:
strengungen unternommen, diese Ausgaben von 131). Die öffentlichen Ausgaben für die soziale
1995 bis 2005/2006 zu steigern oder auf einem Sicherheit waren in Relation zum Bruttoinlandspro-
komparativ höheren Niveau zu halten, darunter dukt deshalb noch Mitte der 1990er Jahre mit ein
Tunesien, Südafrika, China, Südkorea, Mauritius, die bis zwei Prozent des GDP sehr gering (vgl. Tabelle 1
Seychellen und einige Staaten Lateinamerikas. im Anhang). In diesen Ländern war bis dahin der
Der in Europa zu beobachtende enge Zusam- soziale Schutz für Staatsbedienstete, Angehörige
menhang zwischen dem ökonomischen Entwick- der Streitkräfte und Politiker sehr ausgeprägt, des-
lungsniveau und dem Niveau der Wohlfahrtsstaaten sen Finanzierung übernahm der Staat. Dagegen
gilt für die Dritte Welt bestenfalls im Vergleich der waren die Schutzsysteme in der Privatwirtschaft
Durchschnittsdaten der Kontinente Afrika, Asien beitragsfinanziert und erzielten nur geringe De-
und Lateinamerika, mit den höchsten Sozialbudgets ckungsgrade. Sie reichten im Jahre 2000 von 17
in Relation zum GDP in Lateinamerika und den Prozent in Thailand über 29 Prozent auf den Philip-
niedrigsten in Afrika (Betz 2004: 15). Im Länderver- pinen bis 58 Prozent in Singapur. Die höchsten
gleich gibt es jedoch eine breite Streuung der relati- Deckungsgrade mit fast 100 Prozent erzielten die
ven öffentlichen Ausgaben für die soziale Sicherheit Gesundheitssysteme in Südkorea und Taiwan. Für
zwischen Staaten eines ähnlichen ökonomischen Indonesien liegen keine Daten vor. Angesichts des
Entwicklungsniveaus. Politische und religiöse Fakto- geringen Umfangs der Leistungen und des niedri-
ren erklären die große Varianz in den relativen gen Deckungsgrades lebten in diesen Ländern die
Sozialausgaben teilweise besser als ökonomische Mehrheit der Älteren (65+) in Mehrgenerationen-
Faktoren. haushalten, wurde der größte Teil der Gesundheits-
Länder Lateinamerikas (Chile, Uruguay, Argenti- ausgaben privat finanziert. Auch wenn angesichts
nien) waren aufgrund ihrer politischen Unabhängig- dieser Zahlen der Dekommodifizierungsgrad der
keit, ihres Entwicklungsvorsprungs sowie der Stärke Wohlfahrtsregime dieser Länder als gering bezeich-
ihrer Arbeiterparteien und Gewerkschaften die net werden muss, hat sich die soziale Lage der
Ersten, die in der Dritten Welt in der Zeit zwischen Bevölkerung in den Jahrzehnten vor der Asienkrise
den beiden Weltkriegen mit dem Aufbau von Sozi- 1998/1999 deutlich verbessert. Dies liegt vor allem
alversicherungssystemen begannen. In Afrika und an den hohen Wachstumsraten des Bruttoinlands-
Asien wurden dagegen erst nach der politischen produkts und der hohen Inklusion der (männlichen)
Unabhängigkeit nennenswerte Schritte in Richtung Bevölkerung in den Arbeitsmarkt. Die Armutsraten
gesetzlicher Sozialversicherungen getan, wobei sind deutlich zurückgegangen und die Lebenserwar-
diese Bemühungen in den letzten zwei Jahrzehnten tung der Bevölkerung ist stark angestiegen.
intensiviert wurden. Die wichtigste Zielgruppe Zurückgeworfen wurden diese Länder jedoch
einer umfassenden sozialen Absicherung sind in durch die Asienkrise 1998/1999, in der in Folge des
vielen Entwicklungsländern nach wie vor die Staats- Rückzugs des internationalen Kapitals die Wachs-
bediensten (Militärs, staatliche Beamte und Ange- tumsraten negativ wurden und die Arbeitslosigkeit
stellte), also die entscheidenden Stützen der Macht anstieg. In der Reaktion auf diese Krise lassen sich in
der jeweiligen politischen Regime. dieser Ländergruppe zwei Reaktionsformen unter-
Eine interessante Entwicklung vollzieht sich in scheiden. In Singapur, Malaysia, den Philippinen
den Wohlfahrtsregimen Ostasiens, mit Indonesien, und Indonesien haben sich die Regierungen auf die
Malaysia, den Philippinen, Singapur, Südkorea und traditionellen Anpassungsstrategien ihrer Wohl-
Thailand. Die Wohlfahrtsstaaten dieser Länder kön- fahrtsregime verlassen und die wesentlichen sozia-
nen als »familialistisch« bezeichnet werden: »Ihre len Lasten den Familien aufgebürdet. Dagegen
zentralen Mechanismen sind inter- und intragenera- begann in Südkorea, Taiwan und Thailand nach
tionale Einkommenspoolung sowie die Übernahme dieser Krise ein Ausbau der öffentlichen sozialen
sozialer Dienstleistungen durch den Haushalt. Ar- Sicherheitssysteme. Die Parteien entdeckten in
beitslose, Frauen, Alte, Kinder und Behinderte sind diesen jungen Demokratien die Sozialpolitik als
zur Absicherung ihrer sozialen Risiken auf die Fami- Element der politischen Mobilisierung. In Südkorea
lie angewiesen, welche die wesentlichen Betreu- und Taiwan wurden nach der Krise die Arbeitslo-
ungs- und Sicherungsaufgaben übernimmt. Wohl- senversicherung ausgebaut und die Sozialhilfe re-
fahrtsoutcomes beruhen wesentlich auf der männli- formiert und wesentlich verbessert.
chen Erwerbstätigkeit, der Bereitstellung haushalts-
Internationale Politikanalyse 17

Während in Singapur, Indonesien, den Philippi- Im zweiten Schritt untersuchen sie für 22 OECD-
nen und Malaysia die relativen Ausgaben für die Staaten für das Jahr 2000 die Beziehung zwischen
öffentliche soziale Sicherheit von 1995 bis dem Pro-Kopf-Einkommen und der Armutsrate bzw.
2005/2006 im Wesentlichen stagnierten, ist diese zwischen der öffentlichen Sozialleistungsquote und
Quote in Thailand und Südkorea deutlich angestie- der Armutsrate. Das Ergebnis zeigt, dass sowohl mit
gen. Inzwischen ist durch den Ausbau des öffentli- einem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens als auch
chen Gesundheitssystems in Thailand der dortige mit einem Anstieg der Sozialeistungsquote die
Deckungsgrad auch bei 100 Prozent angelangt, ein Armutsraten sinken, aber der Zusammenhang zwi-
Wert, den Südkorea und Taiwan schon früher er- schen der Reduktion der Armutsrate und dem An-
reicht hatten (Tangcharoensathien u. a. 2009). stieg der Sozialleistungsquote deutlich stärker ist als
Diese Veränderungen sind möglicherweise die zwischen der Armutsrate und dem Pro-Kopf-
Vorboten einer generellen Überprüfung der Zukunft Einkommen. Cichon und Scholz schließen daraus,
der »familialistischen« Wohlfahrtsregime in Ost- dass ein höheres Pro-Kopf-Einkommen die Armuts-
asien. Im Zusammenhang mit der wachsenden rate reduzieren kann, dieser Effekt aber nicht sicher
Industrialisierung und Urbanisierung verändern sich sei. Dagegen sei die Wahrscheinlichkeit deutlich
auch die Familienstrukturen nach und nach, gewin- höher, dass mit einem Anstieg der Sozialleistungs-
nen Eingenerationen- und Singlehaushalte an Be- quote die Armutsraten sinken würden. »Poverty
deutung, steigen die Frauenerwerbsquoten. Gleich- drops clearly in association with increasing social
zeitig erhöht der demographische Wandel mit einer expenditure and increasing GDP levels. And so it
Zunahme der Lebenserwartung die sozialen und should. However, interestingly, in the R square, the
ökonomischen Belastungen in den Mehrgeneratio- measure of association between GDP per capita and
nenhaushalten. Vor diesem Hintergrund werden die poverty lines is only in the order of 0.35 in the best
Forderungen an den Staat, die öffentlichen Systeme case and thus 53 per cent lower then in the »best«
der sozialen Sicherung auszubauen, immer stärker regression line between poverty rates and social
werden. Dies gilt insbesondere in demokratischen expenditure ratios. Both exercises show high statis-
Staaten, in denen die Wähler diese Forderungen tical significance levels. This means that poverty
lauter artikulieren können und im Wettbewerb reduction is much more associated with national
stehende Parteien gezwungen sind, diese Themen social expenditure ratios than with levels of GDP.
aufzugreifen. Without entering into the causality debate, one can
Die unterschiedlichen Konsequenzen, die die conclude that increasing GDP levels can and do in
Wohlfahrtsregime Ostasiens aus der Asienkrise many cases reduce poverty. That effect, however, is
gezogen haben, und die großen Unterschiede zwi- not certain. It is much more probable that increas-
schen den relativen Ausgaben für die soziale Sicher- ing levels of social expenditure will reduce poverty.
heit in Entwicklungsländern mit gleichem Entwick- So the apparent choice between transfer-based
lungsniveau werfen die generelle Frage auf, ob poverty reduction and growth-based poverty reduc-
schwächer entwickelte Länder soziale Sicherungs- tion may be a false alternative. Without redistribu-
systeme aufbauen sollten oder nicht besser alle tive mechanisms such as social security transfers,
Ressourcen für das ökonomische Wachstum einset- economic growth may not affect poverty noticea-
zen sollten, da dieses quasi automatisch über den bly« (Cichon/Scholz 2009: 83f).
»trickle down effect« zu einem Abbau der Armut in In einem dritten Argumentationsschritt zeigen
den Entwicklungsländern führen werde. Mit dieser die Autoren schließlich, dass ein hohes Niveau an
interessanten Frage haben sich jüngst Michael Ci- sozialer Wohlfahrt die ökonomische Performanz
chon und Wolfgang Scholz in einer ökonometri- nicht beeinträchtigt, im Gegenteil beide miteinander
schen Untersuchung beschäftigt (Cichon/Scholz koexistieren. Die Regressionsbeziehung zwischen
2009). Die Autoren zeigen zunächst am Beispiel der Produktivität pro Stunde und den öffentlichen
mehrerer entwickelter Industrieländer, dass durch Sozialausgaben pro Kopf in den OECD-Staaten im
die sozialen Sicherungssysteme und die redistributi- Jahre 2001 ergibt ein Bestimmtheitsmaß von 78
ven Steuersysteme die Armutsraten in den 1990er Prozent. Zu fast vier Fünfteln »erklärt« also die
Jahren in einer Größenordnung von 10 Prozent- Variation der Arbeitsproduktivität pro Stunde die
punkten in den USA bis 30 Prozentpunkten in Variation der öffentliche Sozialleistungen pro Kopf
Schweden reduziert werden konnten (in Deutsch- (Cichon/Scholz 2009: 93f).
land um ca. 16 Prozentpunkte) (Cichon/Scholz Diese Ergebnisse von Cichon und Scholz werden
2009: 61f). durch Studien über die Auswirkungen der sozialen
18 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Sicherungssysteme auf die Armutsraten in der Euro- rendt/Hagemejer 2009). Sie definieren zunächst ein
päischen Union bestätigt (Cantillon 2009). Die so- Basispaket an sozialer Sicherheit für die armen
zialen Sicherungssysteme führen in den EU-Staaten Länder, das aus vier Komponenten besteht:
zu einer beachtlichen Reduktion der Armutsraten, »1. universal basic old age and disability pension
und umgekehrt gilt auch, dass es keinem EU-Staat – (allgemeine Grundsicherung für Alter und Behinde-
mit Ausnahme der Slowakei – gelungen ist, mit rung);
unterdurchschnittlichen Ausgaben für die soziale 2. basic child benefit, either universal or limited
Sicherheit unterdurchschnittliche Armutsraten zu to orphans only (Basiszuwendung für Kinder, ent-
erreichen (Cantillon 2009: 220ff). Die folgenden weder allgemein oder begrenzt auf Waisen);
Überlegungen sollen verdeutlichen, dass sich die 3. targeted cash transfer for the most vulne-
low income countries diese positiven Erfahrungen rable households (gezielte Bargeld-Überweisung für
der entwickelten Industrieländer, insbesondere der die verwundbarsten Haushalte);
EU-Staaten, durchaus zunutze machen können.
4. universal access to essential health care (all-
Wie notwendig Strategien sind, um die Armut in gemeiner Zugang zu lebenswichtiger Gesundheits-
den Entwicklungsländern zu reduzieren, zeigen die versorgung)« (Berendt/Hagemejer 2009: 101).
folgenden Daten, die das absolute und das relative
Die Kosten für ein solches Programm werden für
Ausmaß der Armut anhand von zwei Armutsdefini-
sieben afrikanische Länder und fünf asiatische Län-
tionen nach Regionen aufschlüsseln (Townsend
der errechnet, und zwar für Burkina Faso, Kamerun,
2009a: 32). Legt man die Armutsschwelle der Welt-
Äthiopien, Guinea, Kenia, Senegal und Tansania
bank in Höhe von 1,08 USD in PPP pro Tag und
sowie Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan und
Person zugrunde, lebten 2001 noch ca. eine Milliar-
Vietnam. Die Leistungen in diesem Paket orientieren
de Menschen in der Dritten Welt in Armut, das
sich an der von der Weltbank definierten Armuts-
heißt rund 20 Prozent der Bevölkerung. Seit 1987
schwelle in Höhe von 1 USD in PPP pro Tag pro
ist die absolute Zahl der so definierten Armen um
Person. Für die Rentenleistungen für Ältere und für
weniger als 100 Millionen gesunken, und zwar von
Erwerbsunfähige werden 0,5 USD pro Tag und
1183 auf 1098 Millionen, das heißt von 28,3 auf
Person, für die Leistungen an Kinder 0,25 USD pro
21,3 Prozent der Bevölkerung der Entwicklungslän-
Tag und Person angenommen. Das Gesundheitspa-
der (Townsend 2009a: 31). Ohne China wäre die
ket basiert auf der Arbeit einer WHO-Kommission
Zahl der Armen in diesem Zeitraum sogar um mehr
und umfasst 49 medizinische Interventionen für die
als 100 Millionen angestiegen. Legt man das Ar-
Bevölkerung der Entwicklungsländer (Commission
mutsmaß des International Poverty Centres (IPC) des
on Macroeconomics and Health 2001).
UNDPs in Höhe von 1,50 USD in PPP pro Tag und
Die finanziellen Belastungen für das Gesamtpa-
pro Person zugrunde, würden 2001 immer noch
ket an sozialer Sicherheit für die untersuchten Län-
fast zwei Milliarden Menschen in der Dritten Welt in
der belaufen sich im Jahre 2010 auf 6,4 bis 17,3
Armut gelebt haben, das waren 36,1 Prozent der
Prozent des GDP, wobei in acht Ländern die Band-
Bevölkerung. (Zur Debatte über die beiden Armuts-
breite zwischen 6,4 und 11,4 Prozent liegt, in weite-
maße siehe Townsend 2009a: 31ff).
ren vier Ländern zwischen 14,7 und 17,3 Prozent.
Ist damit zum einen die absolute und relative
Eine Ausnahme macht Äthiopien, wo die Kosten
Dimension des Armutsproblems in der Dritten Welt
wegen des äußerst niedrigen Pro-Kopf-Einkommens
umrissen und zum anderen gezeigt worden, dass
anfangs über 35 Prozent des GDP erreichen. Der
durch den Ausbau der öffentlichen sozialen Siche-
Löwenteil der Belastungen ergibt sich aus dem
rungssysteme die Armutsraten stark reduziert wer-
Gesundheitspaket. In allen Staaten fallen bis 2030
den könnten, und zwar besser als durch eine aus-
die relativen Kosten deutlich. In Indien sinkt der
schließlich auf ökonomisches Wachstum setzende
Wert von ca. sechs Prozent im Jahre 2010 auf ca.
Strategie, stellt sich jetzt die Frage, ob sich die Ent-
vier Prozent im Jahre 2030. Selbst in Äthiopien fällt
wicklungsländer diesen Ausbau der sozialen Siche-
der Wert auf unter 25 Prozent (Behrendt/Hagemejer
rungssysteme leisten können und welche Kosten
2009: 109f).
durch den Aufbau eines grundlegenden, aber um-
Da diese Belastungen von vielen der untersuch-
fassenden Sockels an sozialer Sicherheit in den
ten Länder gemessen an den momentanen Ausga-
armen Ländern entstehen.
ben nicht getragen werden können, kalkulieren die
Der Untersuchung dieses Problems haben sich
Autoren den heimischen Aufwand an Ressourcen
Christina Behrendt und Krzysztof Hagemejer in
auf der Basis der Annahme, dass die Staaten 20
einer neueren Studie zugewandt (Be-
Internationale Politikanalyse 19

Prozent ihrer öffentlichen Haushalte der sozialen lastet, dass Frauen verstärkt einer Erwerbstätigkeit
Sicherheit widmen. Auf dieser Grundlage errechnen nachgehen können (Barrientos 2009; Lund 2009;
sich Belastungen in Höhe von 2,4 bis 5,8 Prozent Samson 2009).
der GDP im Jahre 2010. Mit diesen Ressourcen Mittlerweile haben viele unterentwickelte Länder
lassen sich in Indien bereits 2010 90 Prozent des verschiedene Formen von Cash-Transfer-
gesamten Basispaktes abdecken, in Pakistan, Kame- Programmen für Arme und von Basisgesundheits-
run, Vietnam und Senegal im Jahre 2030 zwischen diensten eingeführt, wenn auch die meisten dieser
90 und 100 Prozent. In vielen Ländern erreicht der Programme keinen Deckungsgrad von 100 Prozent
Deckungsgrad aber selbst 2030 nur Werte in der erreichen. Um nur einige Beispiele zu nennen: 1995
Bandbreite zwischen 20 und 50 Prozent (Beh- hat Indien das National Social Assistance Program-
rendt/Hagemejer 2009: 113f). Ohne die Hilfe durch me auf den Weg gebracht, das Leistungen für Älte-
die internationale Gemeinschaft lässt sich in diesen re, Mütter und Familien umfasst. Der Umfang der
Ländern deshalb ein Basispaket an sozialer Sicher- Programme ist noch bescheiden, aber ausbaufähig
heit nicht realisieren. (siehe die obigen Berechnungen von Behrendt und
Behrendt und Hagemejer resümieren, dass sozia- Hagemejer). In Brasilien sind 2001 und 2003 die
le Sicherheit ein wichtiger Beitrag für die ökonomi- Programme Bolsa Escola und Bolsa Familia einge-
sche Entwicklung der armen Länder sei und sich führt worden. Diese Programme sind konditionierte
deshalb die Frage nicht stelle, ob sich diese Länder Cash-Transfers (CCT), deren Leistungen an Bedin-
das Basispaket leisten können, sondern ob sie es gungen, wie dem Schulbesuch der Kinder oder die
sich leisten können, es nicht zu haben. »Social Teilnahme an Impfprogrammen, geknüpft sind.
security is not a social cost, but an affordable in- Präsident Lula da Silva hat diese Programme durch
vestment in the prevention of poverty and vulnera- ein »Zero Hunger Programme« ergänzt, das zahlrei-
bility, the quality of work and life, social cohesion che Maßnahmen zur Bekämpfung der Unterernäh-
and peace, nation-building and global security. In rung in Brasilien enthält.
other words, social security is an investment in In Afrika haben Mauritius und die Seychellen u-
people and states. Therefore, the main question is niverselle Leistungsprogramme realisiert und ver-
not whether low-income countries can afford social zeichnen mittlerweile sehr hohe öffentliche Sozial-
security, but whether they can afford not to have leistungsquoten (siehe Tabelle 1). Ihre Armutsraten
social security. There is ample evidence that the sind dadurch stark gesunken (Townsend 2009b:
investment in health care, education and properly 246ff). Nach dem Fall des Apartheidregimes hat
designed cash transfers have positive economic and auch Südafrika viele Sozialleistungsprogramme in
social effects in countries at any stage of develop- Angriff genommen, die vor allem Leistungen für
ment. Without social security one can hardly imag- Kinder und Familien umfassen (Lund 2009).
ine countries having sustainable economic and In China schließlich sind die Armutsraten auf-
social development and their populations getting grund des überdurchschnittlich hohen Wirtschafts-
out of poverty traps« (Behrendt/Hagemejer 2009: wachstums gesunken. Das Land unternimmt aber
117f). Zur Realisierung des Basispaktes an sozialer auch zunehmend Anstrengungen zur Einführung
Sicherheit sei jedoch in vielen Staaten eine gemein- öffentlicher Sozialleistungsprogramme, und die
same Anstrengung der internationalen Gemein- relativen Ausgaben für diese Maßnahmen sind von
schaft und Regierungen dieser Länder erforderlich. 1995 bis 2005/2006 deutlich angestiegen (Tabelle
Soziale Sicherungssysteme in den low income 1). Für die Bekämpfung von Armut in Städten gibt
countries sind jedoch nicht nur die sinnvollste Stra- es ein Minimum Standard Living Scheme, das Ende
tegie zur Reduktion von Armut, sie sind auch eine der 1990er Jahre drei Millionen der 460 Millionen
elementare Voraussetzung für wirtschaftliche Ent- chinesische Städter erreichte. Ferner existiert eine
wicklung. Nur durch eine Basisgesundheitsversor- Arbeitslosenversicherung, aus der zu diesem Zeit-
gung kann die Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung der punkt ca. 55 Prozent der registrierten Arbeitslosen
Entwicklungsländer erhalten bleiben. Nur durch des Landes Leistungen empfangen haben (Town-
Cash-Tranfers für Kinder und Ältere haben die send 2009b: 249f). China hat ganz offensichtlich
Familien ausreichend Ressourcen, ihre Kinder zur das Wirtschaftspotenzial, diese Programme auszu-
Schule statt zur Arbeit zu schicken, kann folglich die bauen und verstärkt weitere öffentliche Systeme der
Qualifikation der jungen Menschen entwickelt und sozialen Sicherheit einzuführen.
gefördert werden. Nur durch die Basispakete an
sozialer Sicherheit werden die Familien soweit ent-
20 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Zusammenfassend kann über die sozialen Siche- Regionen aufgeschlüsselt stellt sich die Lage wie
rungssysteme in den Entwicklungsländern festge- folgt dar:
stellt werden: In Afrika, wo das Wirtschaftswachstum seit der
1) Soziale Sicherungssysteme sind in den armen Jahrtausendwende im Durchschnitt zwischen fünf
Ländern in unterschiedlichem Maße anzutreffen. und sechs Prozent lag, sinkt die Zuwachsrate des BIP
Fast die Hälfte der Weltbevölkerung ist nach Be- 2009 auf zwei Prozent, also auf ein Drittel des Ni-
rechnungen der ILO von jeder Form öffentlichen veaus von 2001 bis 2008. Besonders hart sind roh-
Sozialschutzes ausgeschlossen. In Südasien und in stoffreiche und exportorientierte Ökonomien betrof-
Sub-Sahara Afrika sind dies sogar rund 90 Prozent. fen, wie Angola, Botswana, Madagaskar, Namibia,
In den Entwicklungsländern mit mittlerem Einkom- die Seychellen und Südafrika, wo die Zuwachsraten
men immer noch 20 bis 60 Prozent der Bevölkerung negativ geworden sind. Die Leistungsbilanz Afrikas,
(Townsend 2009b: 250). die von 2001 bis 2007 im Durchschnitt positiv war,
2) Da das Armutsproblem in den Entwicklungs- verschlechtert sich 2009 auf minus 6,5 Prozent in
ländern nach wie vor virulent ist und die sozialen Relation zum BIP (alle Zahlen aus: IWF 2009: pas-
Sicherungssysteme in höherem Maße zur Reduktion sim).
von Armut beitragen als pures Wirtschaftswachs- In den GUS-Staaten, deren BIP von 2001 bis
tum, ist die Einführung und der weitere Ausbau 2008 im Durchschnitt um sechs Prozent wuchs,
öffentlicher sozialer Sicherungssysteme in den Ent- sinkt das Wachstum 2009 auf minus fünf Prozent.
wicklungsländern von höchster Priorität. Die Leistungsbilanz, die seit der Jahrtausendwende
3) Öffentliche Sozialschutzsysteme sind für die hohe Überschüsse verzeichnete, verschlechtert sich
Entwicklungsländer mit höheren finanziellen Belas- deutlich. Besonders stark sind die Wachstumsein-
tungen verbunden (mehr als zehn Prozent des GDP) brüche in Russland und der Ukraine.
als reine Cash-Transfer-Systeme für die unter extre- Weniger dramatisch sind die Auswirkungen in
mer Armut leidenden Teile der Bevölkerung (ca. drei der Gruppe Developing Asia, die von 2001 bis 2008
Prozent des GPD). In low income countries sind um durchschnittlich etwa acht Prozent wuchs und
deshalb die Cash-Transfer-Programme stärker ver- auch 2009 noch sechs Prozent erreichen wird. Posi-
breitet, während viele middle income countries tiv stechen hier China und Indien hervor, negativ
vielfach schon mit dem Auf- und Ausbau der öffent- sind vor allem Malaysia und Thailand betroffen. Die
lichen Sozialschutzsysteme begonnen haben. Leistungsbilanz dieser Region, die schon von 2001
4) Basispakete für die öffentliche soziale Sicher- bis 2008 hohe Überschüsse auswies, bleibt auch
heit sind für viele Entwicklungsländer finanzierbar, 2009 deutlich im Positiven.
müssen aber in vielen anderen Fällen durch Leistun- In Zentral- und Südamerika sinkt das BIP 2009
gen der internationalen Gemeinschaft unterstützt mit 1,5 Prozent, nach sehr guten Werten von 2004
werden. Aufgrund der negativen Folgen der Welt- bis 2008, die im Durchschnitt bei fünf Prozent la-
wirtschaftskrise für die armen Länder, für die sie gen. Auch Argentinien und Brasilien werden negati-
nicht verantwortlich sind, gilt diese Verpflichtung ve Raten aufweisen. Überdurchschnittlich schlecht
der reichen Länder in Zukunft umso mehr. ist die Entwicklung in den Staaten der Karibik und in
Venezuela. Die Leistungsbilanz dieser Region, die
von 2003 bis 2007 Überschüsse verzeichnete, wird
2.4 Auswirkungen der Krise auf die soziale 2009 deutlich ins Negative abgleiten.
Lage in den Entwicklungsländern Im Mittleren Osten halbiert sich aufgrund der
sinkenden Erdöleinnahmen das Wachstum 2009
Angesichts der Situation, dass in den Entwicklungs- gegenüber dem Zeitraum von 2001 bis 2008, es
ländern Millionen von Menschen am Rande oder fällt auf 2,5 Prozent. Die traditionell sehr hohe
unterhalb des Existenzminimums leben, sind die Überschüsse aufweisende Leistungsbilanz dieser
Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf diese Region wird 2009 negativ.
Staaten dramatischer als die Folgen der Krise in den Auch die Wachstumsrate der Newly Industriali-
Industrieländern. Doch auch in den Entwicklungs- zed Asian Countries, Südkorea, Taiwan, Hongkong
ländern ist das Bild sehr differenziert. Am härtesten und Singapur, die von 2002 bis 2006 durchschnitt-
sind diejenigen Staaten betroffen, die zu den low lich bei ca. fünf Prozent lag, wird 2009 auf minus
income countries zählen und die zugleich dem 5,6 Prozent abfallen. Die traditionell hohen Leis-
Rückgang des Welthandels und der Weltrohstoff- tungsbilanzüberschüsse der Region bleiben aller-
preise überdurchschnittlich ausgesetzt sind. Nach dings auch in dieser Krisenphase bestehen.
Internationale Politikanalyse 21

Die rückläufigen und negativen Wachstumsraten Danach ist es von 1990 bis 2005 gelungen, die
in vielen Regionen der Dritten Welt bedeuten für Anzahl der Menschen, die unterhalb der Armuts-
Millionen von Menschen einen Rückgang ihres schwelle von 1,25 USD leben von 1,8 Mrd. auf 1,4
Einkommens unter die Armutsschwelle der Verein- Mrd. zu reduzieren. Während dies 1990 fast die
ten Nationen von 1,25 USD pro Tag. Es bedeutet Hälfte der Bevölkerung der Dritten Welt war, sind es
auch, dass der Anteil der Beschäftigten, der am Tag 2005 immer noch ein Viertel aller Menschen in
weniger als 1,25 USD verdient, wieder steigen wird. Entwicklungsländern. Zum großen Teil ist dieser
In ihrem jüngsten Bericht über die Realisierung der Erfolg auf die Wachstumserfolge in China zurückzu-
Millenniumsziele gehen die Vereinten Nationen auf führen, wo es im genannten Zeitraum gelang, 475
diese Entwicklungen ein (United Nations 2009). Millionen Menschen über die Armutsschwelle und
damit aus der extremen Armut herauszuführen
Schaubild 1 (United Nations 2009: 7). Wie Schaubild 1 zeigt, ist
in der Region Ostasien die Armutsrate von 60 Pro-
zent in 1990 auf 16 Prozent in 2005
gesunken. Weniger erfolgreich waren
die Länder der Region Sub-Sahara
Afrika. Hier ist die Quote zwar nach
1999 auch gesunken, liegt aber immer
noch über 50 Prozent. Und in absolu-
ten Zahlen lebten hier 2005 etwa 100
Millionen Menschen mehr unterhalb
der Armutsschwelle als 1990. In Bezug
auf die Auswirkungen der Weltwirt-
schaftskrise schätzen die Vereinten
Nationen, dass im Jahre 2009 krisen-
bedingt 55 bis 90 Millionen zusätzlich
unterhalb der Schwelle von 1,25 USD
pro Tag leben müssen (United Nations
2009: 6). Insbesondere in etlichen
Staaten Afrikas und in einigen Staaten
der Region Südasien werden sowohl
die Anzahl der Armen als auch die
Armutsrate ansteigen.
Die negativen Folgen des starken
Anstiegs der Nahrungsmittelpreise im
Jahre 2008 und der Wirtschaftskrise
seit 2008 sind auch an einem weiteren
sozialen Indikator deutlich abzulesen. In
der Dritten Welt gibt es sehr viele Be-
schäftigte, die es trotz Arbeit nicht
schaffen, ihr Einkommen über die
Schwelle von 1,25 USD pro Tag zu
heben. Schaubild 2 zeigt, dass es von
1997 bis 2007 in der Periode des sehr
positiven Wachstums der Weltwirt-
schaft gelungen ist, den Anteil dieser
Beschäftigtengruppe von 41 auf 24
Prozent zu reduzieren, wobei wieder-
um die Regionen Ostasien mit beson-
deren Erfolgen und Sub-Sahara Afrika
mit wesentlich geringeren Erfolgen
Quelle: United Nations (2009): The Millennium Development hervorstechen.
Goals Report 2009: 6.
22 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Schaubild 2 zehnts zuvor zunichte gemacht. Da im


Jahre 2009 die Wachstumsraten in den
meisten Entwicklungsländern deutlich
niedriger sind als in 2008, dürften sich
diese Daten in diesem Jahr erneut erheb-
lich verschlechtern.
Schaubild 3 macht deutlich, dass auf-
grund dieser jüngsten ökonomischen
Entwicklungen der Anteil der Hunger
leidenden Bevölkerung in den Entwick-
lungsländern entweder 2008 gegenüber
2004–2006 stagnieren wird (Südasien
ohne Indien, Südostasien, Lateinamerika
und Karibik, Nordafrika) oder wieder stei-
gen wird (Sub-Sahara Afrika, Ostasien
ohne China, Ozeanien). In der Gesamtre-
gion der Entwicklungsländer steigt der
Anteil der Hunger leidenden Bevölkerung
von 16 auf 17 Prozent an, nachdem von
1990–1992 bis 2004–2006 ein Rückgang
um vier Prozentpunkte zu beobachten war
(United Nations 2009: 11).
So wie bei dem Aufbau von öffentli-
chen Systemen der sozialen Sicherheit
viele low income countries geringere Er-
folge aufweisen als viele middle income
countries, unterscheiden sich zwischen
beiden Ländergruppen auch die Auswir-
kungen der Weltwirtschaftskrise sehr
stark. Die low income countries sind härter
betroffen, insbesondere wenn sie stärker
in die Weltwirtschaft integriert sind. Hier
steigen krisenbedingt die Armutsraten und
der Anteil der Hunger leidenden Bevölke-
rung wieder an, und hier sinkt der Anteil
der Beschäftigten, der mit seiner Arbeit
mehr als 1,25 USD pro Tag verdient. Die
informellen Netze der sozialen Sicherheit
werden wieder härteren Belastungen
ausgesetzt und die Cash-Transfer-Systeme,
sofern sie existieren, werden teurer und
drohen die heimischen Ressourcen vieler
Länder zu überfordern. Bleibt das Wachs-
tum der Weltwirtschaft über längere Zeit
schwach, wovon auszugehen ist, verschär-
fen die Probleme dieser Ländergruppe.
Quelle: United Nations 2009: The Millennium Development Anders sind die Auswirkungen in der Gruppe
Goals Report 2009: 8. der middle income countries. Insbesondere in den
bevölkerungsreichen Staaten, wie China, Indien,
Indonesien und Brasilien, sinken zwar vorüberge-
Die Graphik zeigt auch, dass aufgrund einer ILO-
hend die Wachstumsraten, besteht aber ein großes
Studie der Anteil dieser »working poor« im Jahre
Potenzial für ein stärken binnenwirtschaftsorientier-
2008 wieder auf 28 Prozent ansteigen kann. In Sub-
tes Wachstum. Hier ist die Chance groß, dass die
Sahara Afrika wären danach alle Erfolge des Jahr
Internationale Politikanalyse 23

Schaubild 3: Wachstumsraten auch unter veränderten weltwirt-


schaftlichen Bedingungen wieder deutlich anziehen
werden und sich insofern auch die materiellen
Grundlagen für den Auf- und Ausbau der öffentli-
chen Sozialschutzsysteme weiter verbessern wer-
den. Da Ostasien mit China in Zukunft der neue
Wachstumspol der Weltwirtschaft werden wird,
verbessern sich nach der Krise auch die Bedingun-
gen von Ländern, wie Südkorea, Taiwan und Thai-
land, ihre Erfolge beim Ausbau der öffentlichen
Sozialschutzsysteme fortzusetzen.
Die Lage in den Entwicklungsländern differen-
ziert sich damit krisenbedingt noch weiter aus, in
der Gruppe insgesamt ist das Erreichen der Millen-
niumsziele bis 2015 jedoch gefährdet. Das gilt ins-
besondere für das Armutsreduktionsziel, das Unter-
ernährungsziel und das Decent-Work-Ziel. Damit
wächst gleichzeitig die Verpflichtung der reichen
Länder, neue Strategien zur Unterstützung der low
income countries zu entwickeln.

3 Alternativen zum Status quo in der


Weltwirtschaft, in der EU und in
Deutschland

Die bisherige Analyse hat ergeben, dass bei einer


Beibehaltung der Politik des Status quo die Wachs-
tumsraten der Weltwirtschaft, insbesondere in den
Industrieländern und den low income countries,
sehr gering sein werden und die ökonomischen
Ungleichgewichte sowohl zwischen den USA, Ja-
pan, China und Deutschland als auch innerhalb der
Eurozone aufrechterhalten oder nur sehr langsam
abgebaut werden. Darüber hinaus ist in diesem
Status-quo-Szenarium das Risiko sehr groß, dass die
Weltwirtschaft bald wieder von regionalen oder
globalen Finanzmarktkrisen erschüttert wird. Die
Staatsverschuldung und die Arbeitslosigkeit bleiben
unter diesen Bedingungen in den Industrieländern
sehr hoch, stagnationsbedingt können keine neuen
Steuerquellen erschlossen werden. Die Wohlfahrts-
staaten dieser Länder werden unter Beitragserhö-
hungen und/oder Leistungskürzungen leiden. Dies
gilt in besonderem Maße für diejenigen Länder, die
von der Krise besonders betroffen sind: Irland, Lett-
land, Ungarn und Rumänien. In den low income
countries werden das schwache Wachstum und die
höhere Arbeitslosigkeit die Armutsraten noch weiter
nach oben treiben und den traditionellen Systemen
Quelle: United Nations (2009): The Millennium Development
der sozialen Sicherheit (Familien, Verwandtschaft,
Goals Report 2009: 11.
Nachbarschaft, lokale Gemeinschaften) zusätzliche,
kaum zu tragende Bürden auferlegen.
24 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Angesichts dieser Perspektiven sollte die Diskus- erratischen Kursentwicklungen und – wechselkurs-
sion über alternative Lösungsansätze wesentlich bedingt – starken Verzerrungen der internationalen
intensiver geführt werden. Alternativen sind auf drei Wettbewerbsposition einzelner Staaten. Als Beispie-
Ebenen anzusiedeln: le seien hier nur die Periode der starken Überbewer-
Auf der globalen Ebene ist ein neues Weltwäh- tung des US-Dollars Mitte der 1980er Jahre, die nur
rungssystem zu etablieren, ist ferner eine neue durch mehrere konzertierte Aktionen der Zentral-
Architektur für die Weltfinanzmärkte zu entwickeln banken der wichtigsten Industrieländer beendet
und muss ein Finanzinstrument zur Förderung des werden konnte, sowie die jetzige Periode der Un-
Auf- und Ausbaus der öffentlichen Systeme der terbewertung der chinesischen Währung erwähnt,
sozialen Sicherung in den low income countries die eine Korrektur der großen Ungleichgewichte
geschaffen werden. zwischen den USA und China bislang verhindert
In der Europäischen Union wäre ein neues wirt- hat.
schaftspolitisches Regime einzuführen, das sowohl Aus diesen schlechten Erfahrungen mit dem
eine Europäische Wirtschaftsregierung als auch Bretton-Woods-System und dem Nach-Bretton-
Regeln zur Vermeidung von Wettbewerbsverzer- Woods-System sollten folgende Konsequenzen
rungen innerhalb der Eurozone beinhaltet. gezogen werden:
Auf der nationalen Ebene stehen für die export- Es wird wieder ein System fester, aber anpas-
orientierten Länder wie China, Japan, Deutschland, sungsfähiger Wechselkurse eingeführt. Als Reser-
Irland, viele mittel- und osteuropäische Staaten, vewährung fungieren jetzt aber nicht mehr der US-
viele low income countries eine Stärkung der bin- Dollar oder eine andere nationale Währung, son-
nenwirtschaftlichen Kräfte auf der Tagesordnung, dern die Sonderziehungsrechte SZR. Um verspätete
um eine neue Balance zwischen Welt- und Binnen- Anpassungen und damit Wettbewerbsverzerrungen
markt zu finden. sowie große Spekulationsbewegungen zu vermei-
den, werden zusätzlich Regeln eingeführt, nach
denen bei einer bestimmten Höhe von Leistungsbi-
3.1 Reform der Weltwirtschaftsordnung lanzungleichgewichten in Relation zum BIP Wech-
selkurskorrekturen vorzunehmen sind. Diese Regeln
Neues Weltwährungssystem überwacht der IWF, der gleichzeitig für die Vergabe
internationaler Währungskredite sowie die Ausgabe
Um die globalen Ungleichgewichte in den Leis- und Anpassung der SZR zuständig ist. Ferner ist
tungsbilanzen und Währungsreserven zu korrigie- darüber zu diskutieren, ob dem IWF nicht die Kom-
ren, ist zu allererst eine Reform des Weltwährungs- petenz übertragen werden sollte, Staaten mit gro-
systems erforderlich. Das nach dem 2. Weltkrieg ßen Ungleichgewichten vor und in Verbindung mit
aufgebaute System von Bretton Woods kam in den der Wechselkurskorrektur wirtschaftspolitische
1960er und 1970er Jahren in die Krise, weil einige Auflagen zu erteilen. Nur ein solches neues Regime
Staaten zu lange an Wechselkursen festhielten, die kann in Verbindung mit einer Neuordnung der
ihre Wettbewerbsposition nicht mehr widerspiegel- Weltfinanzmärkte die globalen Ungleichgewichte
ten. Dies galt insbesondere für die USA, deren Wäh- abbauen und die Entstehung neuer Verzerrungen
rung in diesem System als Leit- und Reservewäh- verhindern. Seine Einführung setzt allerdings bei
rung fungierte. Es kam deshalb häufig zu Spekulati- den wichtigsten Welthandelsnationen die Bereit-
onsbewegungen gegen einzelne Währungen, und schaft voraus, ihre Wirtschaftspolitik solchen neuen
vorhandene außenwirtschaftliche Ungleichgewichte Spielregeln zu unterwerfen. Man kann aber nicht,
wurden immer nur mit großen Verspätungen abge- wie es im Volksmund heißt, das Mehl im Mund
baut. In dieser Zeit war in der makroökonomischen behalten wollen und gleichzeitig pusten. Soll hei-
Theorie der Glaube vorherrschend, dass die Einfüh- ßen: wer die Globalisierung dauerhaft will, muss
rung eines Systems flexibler Wechselkurse das ge- auch bereit sein, sein staatliches Handeln globalen
lobte Land bringen würde, alle Ungleichgewichte politischen Regeln zu unterwerfen.
und große Spekulationsbewegungen beseitigen
würde. Die Erfahrungen nach dem Zusammenbruch Neue Weltfinanzmarktarchitektur
des Bretton-Woods-Systems sollten diese Hoffnun-
gen stark enttäuschen. In der Phase der flexiblen Neben einer Reform des Weltwährungssystems ist
Wechselkurse bzw. des »schmutzigen Floatens« das zweite wichtige Element der Neuordnung der
kam es seit Mitte der 1970er Jahre immer wieder zu Weltwirtschaft eine neue Architektur für die Weltfi-
Internationale Politikanalyse 25

nanzmärkte. Im Spätsommer und Herbst 2009 Abschaffung aller Formen von Steueroasen und
konzentriert sich in dieser Frage die Debatte publi- Aufhebung des Bankgeheimnisses.
kumswirksam auf die Gehälter und die Boni für die Dekonzentration der Finanzunternehmen, um
Manager der Finanzindustrie. Dies ist jedoch ein das Risiko des »too big to fail« für die Allge-
Nebenkriegsschauplatz. Zwar wäre es aus Gründen meinheit zu reduzieren.
der Verteilungsgerechtigkeit und der Haftungsge- Zurzeit wird eine solche radikale Re-Regulierung der
rechtigkeit wichtig, eine neue Struktur für die Ge- Weltfinanzmärkte nur von einigen Wissenschaftlern,
hälter des Managements von Unternehmen einzu- wie z. B. Joseph Stiglitz, Paul Krugman und Robert
führen, zur Vermeidung von Weltfinanzmarktkrisen Shiller gefordert. Die Regierungen und die Zentral-
ist die Lösung dieser Frage aber eher nebensächlich. banken scheuen davor zurück, derartig umfassende
Wenn die Struktur der Märkte es zulässt, werden Regeln zu fordern.
auch bei bescheidenen Gehältern riskante Geschäf-
te durchgeführt. Um Krisen an den Weltfinanzmärk- Steuer für die sozialen Sicherungssysteme in den
ten grundsätzlich zu vermeiden, ist zunächst eine Entwicklungsländern
Beseitigung der wesentlichen Ursachen dieser Krisen
erforderlich: zum einen der Abbau der globalen Als drittes Element zur Neuordnung der Weltwirt-
Leistungsbilanzungleichgewichte und der damit schaft sollte ein neues Finanzierungssystem zum
verbundenen hohen internationalen Kapitalströme, Erreichen der Millenniumsziele (MDGs) der UN
also die Aufhebung des Systems »Chimerika« (siehe geschaffen werden. In den Kapiteln über die sozia-
oben), zum anderen eine dramatische Korrektur der len Sicherungssysteme der Entwicklungsländer und
ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermö- der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf
gen innerhalb der Nationalstaaten (siehe unten). diese Systeme haben wir gesehen, dass der Aufbau
Neben diesen beiden entscheidenden Schritten ist öffentlicher sozialer Sicherungssysteme der beste
dann noch eine Re-Regulierung der Märkte not- Weg ist, Armut zu bekämpfen, dass die Einführung
wendig. Ein neues Kleid für die Weltfinanzmärkte von Basissystemen für den sozialen Schutz, wenn
müsste als wesentliche Elemente enthalten: auch zum Teil nur mit internationaler Hilfe, finanziell
Eine weltweite Aufsichtsbehörde zur Kontrolle machbar ist und dass aufgrund der Krise gerade in
der Märkte, die mit der Kompetenz zu Sanktio- den low income countries diese Systeme starken
nen bei Verstößen gegen die weltweit vereinbar- Belastungen ausgesetzt sind. Die Weltgemeinschaft
ten Regeln ausgestattet ist. sollte deshalb ein neues Finanzierungssystem zur
Eine internationale Vereinbarung über die Zulas- Förderung des Ausbaus der öffentlichen Systeme
sung von Finanzprodukten, um potenziell »toxi- der sozialen Sicherheit in den Entwicklungsländern
sche« Derivate, etwa bestimmte CDOs, von vorn- einführen. Dies ist auch aufgrund der Verantwor-
herein nicht auf den Markt zu lassen. tung der reichen Staaten für die Weltwirtschaftskri-
Die Einführung einer internationalen Börse für se moralisch geboten.
Credit Default Swaps, um eine Transparenz über Anzuknüpfen ist hier an die internationale De-
die Entwicklung dieser Märkte zu erhalten. batte über die zusätzlichen Finanzmittel zum Errei-
Ein Verbot für die Ausgliederung von Risiken aus chen der MDGs, die vor allem im Rahmen der UN
den Bilanzen der Finanzunternehmen in andere seit der Jahrtausendwende geführt wird. Eine unter
Gesellschaften. der Leitung von Ernesto Zedillo arbeitende UN-
Die Verstaatlichung der Ratingagenturen. Das Kommission hat 2001 geschätzt, dass zur Realisie-
»Rating« darf kein renditeorientierter Geschäfts- rung der MDGs zusätzliche 50 Mrd. USD erforder-
zweig sein, weil sonst die Gefahr der Unterbe- lich seien. Eine Weltbankstudie schätzte den zusätz-
wertung von Risiken besteht. lichen Bedarf an Entwicklungshilfe für die MDGs für
Schärfere, antizyklische Eigenkapitalregeln für 2010 auf 83 Mrd. USD im Vergleich zu den Leistun-
den Finanzsektor. Einschränkung der Praxis der gen im Jahre 2003 (Townsend 2009c: 160). Da
Verbriefung von Krediten durch eine stärkere Be- bereits es bereits zu dieser Zeit für unrealistisch
teiligung der Banken am Risiko. gehalten wurde, dass die reichen Staaten im Rah-
men der Entwicklungshilfe diese Mittel aufbringen
Eine progressive Besteuerung der Verbindlichkei-
würden, intensivierte die UN die Debatte über alter-
ten der Banken als Preis für das Haftungsrisiko
native Finanzquellen. Als neue Finanzmittel wurden
der Allgemeinheit für den Fall von Finanzmarkt-
diskutiert: Globale Ökosteuern, eine Steuer auf
krisen (Vorschlag de Grauwe).
Währungstransaktionen (Tobinsteuer), die Ausgabe
26 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

neuer Sonderziehungsrechte, neue Kreditlinien von 3.2 Reformen der Wirtschafts- und Sozialord-
Weltbank und IWF, erhöhte private Hilfeleistungen nung der EU
und die Erhöhung der Überweisungen von Emigran-
ten an ihre Heimatländer (Atkinson 2004). Von Die EU zeigt seit Beginn einen generellen Konstruk-
diesen Instrumenten erschließen nur die Ökosteuer tionsmangel auf, der dringend zu korrigieren ist.
und die Tobinsteuer wirklich neue Quellen, alle Bereits in den Römischen Verträgen von 1957 findet
anderen Formen sind bereits bekannte Instrumente, sich die Betonung wirtschaftlicher Freiheiten, wäh-
die sich auf bekannte Quellen beziehen. rend wirksame soziale Rechte nicht geregelt sind.
Die internationale Debatte konzentriert sich da- Auch finden sich in den Römischen Verträgen keine
bei vor allem auf die Besteuerung der Währungs- Regelungen zur Sicherung der öffentlichen Daseins-
transaktionen, die James Tobin zur Reduktion der vorsorge. Mit der Einheitlichen Europäischen Akte
internationalen Währungsspekulation bereits 1972 von 1987 zur Errichtung des EU-Binnenmarkts wur-
vorgeschlug. 1994 hat die UNDP in ihrem Human den die vier so genannten Grundfreiheiten des
Development Report diese Idee aufgegriffen. Wäh- Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs- sowie
rend die Debatte über die Tobinsteuer bis zur aktu- der Freizügigkeit der Arbeitnehmer zum bestim-
ellen Weltfinanzmarktkrise hoch kontrovers war, hat menden politischen Projekt der europäischen Integ-
diese Idee im Laufe des letzten Jahres international ration. Die pathetische Wortwahl (»Grundfreihei-
neuen Zuspruch und neue Anerkennung gefunden. ten«) soll überdecken, dass es hierbei gar nicht um
Je nachdem, welche Formen der Währungstransak- Freiheitsrechte in der Tradition europäischer
tionen die Steuer abdeckt – Sorten-, Kassa-, Termin- Grundwerte geht, sondern lediglich um zwar ver-
, Swap- und/oder Derivattransaktionen –, differieren bindliche, aber nackte Vertragsregeln zur Deregulie-
die Mittel, die sich mit diesem Instrument erschlie- rung des europäischen Marktes.
ßen lassen. Für eine universelle Steuer in Höhe von Durch den Maastrichter Vertrag wurde darüber
0,1 Prozent, die auch die Transaktionen von Reisen- hinaus die Einführung einer Wirtschafts- und Wäh-
den erfasste, wurde bereits für 2002 eine Summe rungsunion auf den Weg gebracht. Bewusst haben
von 400 Mrd. USD errechnet (Townsend 2009c: die EU-Staaten bei der Ausarbeitung der beiden
162). Dabei entfallen 80 Prozent der Mittel auf acht sozialökonomischen Leitprojekte – Binnenmarkt und
industrialisierte Staaten, allein auf die USA und WWU – darauf verzichtet, gleichzeitig auch eine
Großbritannien 50 Prozent. Gemessen an den Mit- Sozialunion, eine Steuerunion und ein europäisches
teln, die die obigen zitierten UN- und Weltbankbe- System der Kollektivverhandlungen zu schaffen.
richte für die Erreichung der MDGs genannt haben, In der europäischen Form der Wirtschafts- und
ist dies eine gewaltige Summe. Allerdings haben die Währungsunion, in der die Währung gemeinsamer
früheren Berechnungen noch nicht die sozialöko- Kompetenz unterliegt, aber die Lohn-, Sozial- und
nomischen Schäden berücksichtigen können, die die Steuerpolitik ausdrücklich in den Händen der Mit-
Weltwirtschaftskrise gerade in den low income gliedstaaten verbleiben, sind Dumpingpraktiken
countries angerichtet haben. Alternativ zur Tobin- strukturell programmiert. In einem solchen System
steuer könnte auch eine internationale Finanz- konkurrieren die Nationalstaaten auf der Basis der
marktsteuer eingeführt werden, die im Kontext der Lohn- und Sozialkosten sowie der Höhe der Unter-
momentanen Krise in Erweiterung der Grundidee nehmenssteuern um die Investitionen des internati-
der Tobinsteuer ins Spiel gebracht worden ist. An- onalen Kapitals. Die europäische WWU hat einen
gesichts der Bedeutung der öffentlichen sozialen generellen Wettlauf um den Abbau der Lohnkosten,
Sicherungssysteme für die Überwindung von Armut den Abbau des Wohlfahrtsstaates und die Senkung
könnte die UN eine Strategie zum Auf- und Ausbau der Unternehmenssteuern in Gang gesetzt.
solcher Systeme in den low income countries entwi- Diese Form des zwischenstaatlichen Standort-
ckeln, die neben der Mobilisierung heimischer Res- wettbewerbs kann als System der Wettbewerbsstaa-
sourcen der Entwicklungsländer die Unterstützung ten bezeichnet werden. Es ist ein starker Motor zur
durch die reichen Länder auf der Basis einer Tobin- Verwirklichung der Ziele des Neoliberalismus: der
steuer (Finanzmarktsteuer) vorsähe. Dies wäre ein Staat, insbesondere der Wohlfahrtsstaat, kann
entschlossener Beitrag der reichen Länder zur Reali- abgebaut werden, die Lohn- und Sozialkosten sowie
sierung der MDGs und zur Übernahme ihrer Ver- die Unternehmenssteuern sinken, und den Markt-
antwortung für die sozialökonomischen Kosten, die kräften wird durch Deregulierung und Privatisierung
die Weltwirtschaftskrise in den Entwicklungsländern ein immer breiterer Raum gewährt.
verursacht hat.
Internationale Politikanalyse 27

Das System der Wettbewerbsstaaten ist auch Dennoch müssen diese Anstrengungen deutlich
dann problematisch, wenn aufgrund einer unglei- intensiviert werden, denn die Verschärfung der
chen Entwicklung der Wettbewerbsparameter die innereuropäischen Lohnkonkurrenz, die in der Euro-
Konkurrenzpositionen zwischen den teilnehmenden zone seit Jahren insbesondere von der Senkung der
Staaten stark auseinanderdriften. Die EU- Lohnstückkosten in Deutschland ausgeht, führt zu
Kommission hat Anfang 2009 in einem Arbeitspa- immer stärker werdenden außenwirtschaftlichen
pier davor gewarnt, dass die Eurozone auseinander Ungleichgewichten zwischen den Mitgliedstaaten.
falle. Eine Spitzengruppe mit Deutschland, den Gleichzeitig wird durch die Umverteilung zugunsten
Niederlanden, Finnland und Österreich habe ihre des Kapitals die Ungleichheit in der Einkommensver-
Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessert. Dagegen teilung innerhalb der Nationalstaaten immer krasser.
bildeten Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Darüber hinaus sollten alle 27 Mitgliedstaaten
Griechenland eine Gruppe, deren Lage sich teilweise einen europäisch definierten Mindestlohn einfüh-
dramatisch verschlechtert habe. Dies gelte vor allem ren. Dieser sollte 60 Prozent des in den jeweiligen
für Italien. EU-Ländern existierenden Durchschnittslohns betra-
Diese Ungleichgewichte sind nur dann zu ver- gen. Als erster Schritt könnte ein Mindestlohn von
meiden, wenn in der EU Regeln für den Wettbe- 50 Prozent verabredet werden.
werb bei Löhnen, Sozialkosten und Steuern entwi- Ferner ist es dringend erforderlich, dem eskalie-
ckelt werden. renden Steuerdumping in der EU einen Riegel vor-
zuschieben. Notwendig ist neben der Einführung
Neue Regeln für die Lohn-, Steuer- und einer gemeinsamen Bemessungsgrundlage die
Sozialpolitik in der EU Vereinbarung von Mindeststeuersätzen für die
Unternehmenssteuern. Deutschland hat seine
In der Lohnpolitik bemühen sich die Gewerkschaf- Unternehmenssteuern unter der Kohl-Regierung
ten seit der Doorner Erklärung von 1998 und der und insbesondere unter der Schröder-Regierung
Verabschiedung von Koordinationsrichtlinien durch soweit gesenkt, dass die effektive Steuerbelastung
verschiedene europäische Branchenverbände, den für Unternehmen mittlerweile im unteren Drittel in
Prozess des Lohndumpings in der EU zu verhindern. der EU liegt. Diese Steuerdumpingpolitik, die in der
Die Gewerkschaftsbünde Belgiens, der Niederlande, EU insbesondere auch von Irland, den Niederlanden,
Luxemburgs und Deutschlands verabschiedeten in der Slowakei und Estland praktiziert wird, führt zu
Doorn eine Erklärung, in der sie eine grenzüber- Wettbewerbsverzerrungen zwischen den nationalen
schreitende Koordinierung der Tarifpolitik vereinbar- Standorten und zu enormen staatlichen Einnahme-
ten. Als Orientierungsformel wurde beschlossen, verlusten. Kurzfristig sind deshalb Mindeststeuersät-
dass in den nationalen Tarifvereinbarungen zumin- ze und längerfristig gemeinsame Unternehmens-
dest die Summe aus Preis- und Produktivitätsent- steuersätze in der EU durchzusetzen.
wicklung realisiert werden soll. Eine weitere wichti- Auch im Bereich der sozialen Sicherungssys-
ge Etappe zur europäischen Tarifkoordinierung war teme ist eine Koordinierung auf der europäischen
die Verabschiedung einer Koordinierungsregel Ebene zwingend, um einen weiteren wettbewerbs-
durch den Europäischen Metallarbeiterbund (EMB) bedingten Abbau der Wohlfahrtsstaaten zu stop-
ebenfalls im Jahre 1998. Diese fordert die Mitglieds- pen. Zu diesem Zweck sollte auf EU-Ebene ein eu-
verbände auf, ihre nationale Lohnpolitik an der ropäischer sozialer Stabilitätspakt vereinbart wer-
Faustformel »Inflationsrate plus Produktivitätsan- den. Darin würde verabredet, dass die Größe des
stieg« zu orientieren. Eine Realisierung dieser Richt- Wohlfahrtsstaates an das ökonomische Entwick-
linie würde national die Verteilungsverhältnisse und lungsniveau der jeweiligen Staaten gekoppelt ist. In
europäisch die Wettbewerbsverhältnisse konstant der EU gibt es – gemessen am Pro-Kopf-Einkommen
halten. Dem EMB-Koordinierungsansatz sind nach – vier bis fünf Gruppen von Staaten. Für jede Grup-
und nach alle wichtigen europäischen Branchenver- pe wäre eine Bandbreite, ein Korridor von Sozialleis-
bände der Gewerkschaften und schließlich auch der tungsquoten festzulegen. Die Gruppe der Reicheren
Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) durch rich- hätte einen höheren Korridor als die Gruppe der
tungsweisende Grundsatzbeschlüsse gefolgt. Aller- Ärmeren. Staaten, die ökonomisch aufholen, wech-
dings zeigen die Daten über die Entwicklung der seln von einem niedrigen Korridor in einen höheren.
Lohnstückkosten auch deutlich, wie weit die euro- Durch die Vereinbarung derartiger Korridore wä-
päische Gewerkschaftsbewegung noch von der re Folgendes erreicht:
Realisierung dieser Zielsetzungen entfernt ist.
Einer Politik des Sozialdumpings wäre ein Riegel
28 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

vorgeschoben. Einzelne Länder könnten sich Die vertraglichen Bestimmungen über die Auf-
durch eine an ihrem Einkommensniveau gemes- gaben der Europäischen Zentralbank (Art. 105 EGV-
sene, unterdurchschnittliche Sozialleistungsquo- N) machen deutlich, dass der Preisstabilität absolute
te keine Wettbewerbsvorteile verschaffen. Priorität zugeschrieben wird. Anders als bei der
Die schwächer entwickelten Volkswirtschaften Zentralbank der USA, die gleichrangig die Ziele
würden durch diese Form der sozialpolitischen Preisstabilität, Wirtschaftswachstum und Beschäfti-
Regulierung ökonomisch nicht überfordert. Sie gung verfolgen muss, ist die EZB vorrangig der
hätten nur das Niveau an Sozialleistungen be- Geldwertstabilität verpflichtet. Dem Wirtschafts-
reitzustellen, das sie sich angesichts ihres Ein- wachstum kommt dabei eine nachrangige Funktion
kommensniveaus »leisten« können. zu, ein Beschäftigungsziel wird nicht erwähnt.
Im Zuge des ökonomischen Aufholprozesses der Die bisherige Politik der EZB hat gezeigt, dass sie
schwächer entwickelten Länder nähern sich die die Verpflichtung auf das Ziel der Preisstabilität sehr
Sozialleistungsquoten in der EU an; die Aufwen- strikt interpretiert und selbst in Zeiten der Stagnati-
dungen für Alter, Krankheit, Erwerbsunfähigkeit on eine eher restriktive Geldpolitik verfolgt. Dies
und Arbeitslosigkeit würden sich nicht nur rela- wurde in der Periode 2001 bis 2005 nach dem
tiv, sondern auch absolut angleichen. Platzen der Internetblase deutlich, aber auch in der
Die quantitative Regulation der Sozialpolitik aktuellen Wirtschaftskrise. Obwohl bereits im Früh-
beschränkte sich auf der EU-Ebene zunächst auf jahr 2008 die rezessiven Tendenzen in der Eurozone
ein Minimum, eine Einkommensumverteilung erkennbar waren, erhöhte die EZB angesichts hoher
zwischen den Mitgliedstaaten wäre nicht vorge- Inflationsraten im Sommer 2008 noch einmal den
sehen. Da auf diese Weise nur die aggregierten Leitzins und verstärkte damit pro-zyklisch den Wirt-
Größen (Sozialleistungsquoten) reguliert wären, schaftsabschwung.
bliebe im Sinne des Subsidiaritätsprinzips die Au- Während die Kompetenz für die Geldpolitik im
tonomie der EU-Staaten bei der Verteilung der Rahmen der WWU auf die europäische Ebene über-
Sozialausgaben auf die verschiedenen Leistun- tragen wurde, ist die Finanzpolitik weiterhin in der
gen (Renten, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Famili- Kompetenz der Nationalstaaten verblieben. Wir
enunterstützung) zunächst unberührt. haben damit in der EU eine spezifisch asymmetri-
Die Realisierung eines solchen Regulierungskonzepts sche Konstruktion der WWU mit supranationaler
würde das System der Wettbewerbsstaaten bre- Geld-, aber nationaler Finanzpolitik. Allerdings wird
chen. Im Sinne des sozialen Stabilitätspaktes würde die Finanzpolitik der Mitgliedstaaten durch den
sich in der EU eine ökonomische und soziale Politik Maastrichter Vertrag und die EU-Verordnungen im
der Angleichung im Wege des Fortschritts vollzie- Rahmen des so genannten Stabilitäts- und Wachs-
hen. Dumpingstrategien, wie sie Irland und Spanien tumspaktes bestimmten Regeln unterworfen. Trotz
praktiziert haben und wie sie in der Gruppe der eines flexiblen Umgangs mit dem Stabilitätspakt
neuen Mitgliedstaaten inzwischen von den drei und trotz seiner jüngsten Reform darf die latente
baltischen Staaten und der Slowakei verfolgt wer- Wirkung der Vertragsbestimmungen und des Paktes
den, könnten so von vornherein unterbunden wer- in Richtung restriktiver Finanzpolitik nicht übersehen
den. werden. Die Mitgliedstaaten stehen immer unter
Beobachtung, müssen stets Konsolidierungspro-
Eine neue Konstruktion der Wirtschaftspolitik gramme vorlegen und müssen damit rechnen, dem
in der EU Makel von »blauen Briefen« aus Brüssel, Empfeh-
lungen des Ecofin-Rates oder gar Bußgeldverfahren
Mit dem Maastrichter Vertrag wurde nicht nur das ausgesetzt zu werden. Für eine mutige anti-
System der Wettbewerbsstaaten installiert, auch die zyklische Bekämpfung von Wirtschaftskrisen, wie
Wirtschaftspolitik wurde im Rahmen der Einführung wir sie in den USA, in Japan und jüngst in China
der Wirtschafts- und Währungsunion im Sinne des beobachten konnten, besteht in der EU kein Raum.
Neoliberalismus neu konstruiert. Die entscheiden- Selbst in der momentanen größten Wirtschaftskrise
den Elemente sind hierbei die einseitige Ausrichtung in Europa seit 1929 wird der Stabilitätspakt in eini-
der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank auf gen Mitgliedstaaten als Referenzrahmen auch noch
die Preisstabilität, die primäre Verpflichtung der dann bemüht, wenn die Kommission angesichts der
Finanzpolitik der Nationalstaaten auf eine Konsoli- Dramatik der Lage längst grünes Licht für eine fle-
dierung der öffentlichen Haushalte und der Verzicht xible Interpretation des Paktes gegeben hat.
auf eine Europäische Wirtschaftsregierung. Im Unterschied zum Werner-Plan von Anfang
Internationale Politikanalyse 29

der 1970er Jahre ist der Verzicht auf eine Europäi- durch einen Sparkurs die Konjunktur dämpfen und
sche Wirtschaftsregierung ein weiteres Spezifikum in Deutschland und Italien durch einen Expansions-
der Maastrichter WWU. Im Werner-Plan hieß es: kurs stützen müssen.
»Die Eckwerte der öffentlichen Gesamthaushalte, Diese Kombination, dieser Policy-Mix aus Geld-
insbesondere die Änderung ihres Volumens, die und Fiskalpolitik ist in der Eurozone einerseits nicht
Größe der Salden sowie die Art ihrer Finanzierung möglich, weil der EU-Vertrag und die Verordnungen
oder Verwendung müssen auf Gemeinschaftsebene zum Stabilitätspakt die Regierungen einseitig auf
festgelegt werden«. Diese Formulierung bedeutete eine Konsolidierung der öffentlichen Haushalte
nichts Anderes als die Installierung einer Europäi- festlegen, und andererseits nicht durchsetzbar, weil
schen Wirtschaftsregierung, welche die Wirtschafts- es keine europäische wirtschaftspolitische Instanz
politik der Gemeinschaft entscheidend prägt und im gibt, welche den Mitgliedstaaten die jeweils für
Rahmen ihrer fiskalpolitischen Verantwortung auch notwendig erachtete Ausrichtung der Fiskalpolitik
die Grundrichtung der nationalen Haushalte steuert. (Sparen oder Expansion) vorschreiben kann. In
In den Delors-Plan zur Vorbereitung der Maastrich- Deutschland versuchte die damalige rot-grüne Re-
ter WWU wurde auf diese Parallelität von Europäi- gierung, durch Ausgabenkürzungen den Vorgaben
sierung der Währungs- und Wirtschaftspolitik zu des Stabilitätspaktes Rechnung zu tragen, verschärf-
Gunsten der asymmetrischen Konstruktion verzich- te durch diesen pro-zyklischen Kurs aber nur den
tet. Mit dem Paradigmenwechsel vom Keynesianis- Wirtschaftsabschwung. Diese Politik erhöhte auf-
mus zu liberalen Wirtschaftsdoktrinen (Angebotsan- grund sinkender Steuereinnahmen am Ende das
satz, Monetarismus, Neue klassische Makroökono- Haushaltsdefizit, das sie ursprünglich senken wollte.
mik) verlor die Fiskalpolitik zur Stabilisierung der Auch in der aktuellen Weltwirtschaftskrise, die
Konjunktur an Bedeutung und gewann die Orientie- Europa massiv betrifft, sind die Mängel der wirt-
rung auf ausgeglichene Haushalte sowie eine mög- schaftspolitischen Verfassung der EU deutlich zu
lichste geringe Staatsquote die Oberhand. Dieser Tage getreten. Sowohl in der Finanzmarktkrise als
Paradigmenwechsel hat freilich seinen Preis: in der auch in der Wirtschaftskrise haben die EU-Staaten
EU fehlt ein wirtschaftspolitisches Entscheidungs- zunächst uneinheitlich und unabgestimmt, ja mit
zentrum, das die Fiskalpolitik der Mitgliedstaaten konträren Positionen reagiert. Insbesondere zwi-
effektiv festlegen und koordinieren kann und das in schen Frankreich und Deutschland war in beiden
Kooperation mit der EZB für eine angemessene Fällen keine einheitliche Position zu den Fragen
Kombination von Geld- und Fiskalpolitik (Policy-Mix) vorhanden, ob es sich um eine Krise handelt, die
Sorge tragen kann. Die Schwächen dieser Konstruk- Europa betrifft, mit welchen Instrumenten sie zu
tion der Wirtschaftspolitik wurden in der Eurozone bekämpfen ist, welchen Umfang das Programm
nach dem Platzen der New Economy-Blase im Jahre gegebenenfalls haben und wann es in Angriff ge-
2001 und erneut mit dem Eintritt in die größte nommen werden soll. Herausgekommen sind dabei
Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg in den Jahren schließlich je nationale Rettungsschirme zur Über-
2008/2009 deutlich. windung der Finanzmarktkrise, die sich im Umfang
Im Unterschied zu den USA bekämpften die EZB und vor allem im Ausmaß staatlicher Interventionen
und die Regierungen der Eurozone von 2001 bis in das Bankensystem sehr deutlich unterscheiden.
2005 die Stagnation der Wirtschaft nicht aktiv Auch die nationalen Konjunkturprogramme unter-
durch eine antizyklische Politik. Das Wachstum der scheiden sich im Umfang, in der Anwendung des
Eurozone blieb deshalb deutlich hinter dem Wachs- fiskalpolitischen Instrumentenkastens und vor allem
tum in den USA und in anderen EU-Staaten (Groß- im Zeitpunkt der Verabschiedung erheblich.
britannien, Dänemark, Schweden) zurück. Gleichzei- Deutschland hat sich erst nach harter internationaler
tig ließ die ungleiche ökonomische Entwicklung Kritik an seinem dürftigen ersten Konjunkturpro-
innerhalb der Eurozone (Boom in Irland und Spa- gramm und nach einer sich abzeichnenden Isolation
nien, Stagnation in Deutschland und Italien) deutlich in Europa zu einem zweiten Konjunkturprogramm
erkennen, dass die EZB und die Regierungen keine durchringen können. Obwohl Deutschland sich seit
angemessene Form der Kombination aus Geld- und Mitte 2008 in der Rezession befindet, das Wirt-
Fiskalpolitik durchführten. Da für die Staaten mit schaftswachstum im letzten Quartal 2008 um zwei
starker Konjunktur (Irland, Spanien) die Zinspolitik Prozent gesunken ist und 2009 um fünf Prozent
der EZB zu expansiv und gleichzeitig für die Staaten fallen wird, entfaltet das deutsche fiskalpolitische
mit Stagnation (Deutschland, Italien) zu restriktiv Programm seine Hauptwirkung erst im Jahre 2010.
war, hätte die Fiskalpolitik in Irland und Spanien Es kommt also zu spät und enthält aufgrund seiner
30 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Struktur keinen starken Impuls für den privaten täts- und Wachstumspakt hinfällig, denn dieser
Konsum. Berücksichtigt man ferner, dass auch die basiert auf der Kompetenz der Nationalstaaten
EZB mit der Zinserhöhung im Sommer 2008 und für die Haushaltspolitik. Die EU müsste unter
den zu zaghaften Zinssenkungen seit dem Herbst dieser Voraussetzung ein Stabilisierungskonzept
2008 zunächst falsch und dann zu zögerlich gehan- für die öffentlichen Haushalte der Union als
delt hat, werden die großen Schwächen der wirt- Ganzes entwickeln. In einem differenzierten Ge-
schaftspolitischen Konstruktion der EU überdeutlich. samtkonzept wären sowohl die konjunkturelle
Die EU kann mit der einseitigen Ausrichtung der als auch die strukturelle Schuldenlage der ge-
Geldpolitik auf Preisstabilität und den gegebenen samten Union wie der einzelnen Mitgliedstaaten
institutionellen Strukturen der Fiskalpolitik, mit den zu berücksichtigen.
Nationalstaaten als Entscheidungszentren, keine Langfristig ist es erforderlich, die wirtschafts-
konsistente Wirtschaftspolitik betreiben. Eine alle und konjunkturpolitische Entscheidungskompe-
EU-Staaten betreffende Krise – das zeigt die mo- tenz auf die europäische Ebene zu verlagern und
mentane Krise - wird so zu spät, gegebenenfalls die EU dazu auch mit einer eigenen ergänzen-
uneinheitlich und mit zu geringen Mitteln be- den Steuerhoheit und einem größeren Budget
kämpft. Die Rezession wird so stärker und sie dauert auszustatten. Frankreich fordert dies unter dem
länger als notwendig. Begriff einer Europäischen Wirtschaftsregierung
Aus dieser Kritik der momentanen wirtschafts- schon seit vielen Jahrzehnten. Es will damit ne-
politischen Verfassung der EU ergeben sich folgen- ben die starke Institution der EZB eine gleichran-
de Reformforderungen: gige Institution für die Fiskalpolitik setzen, um
Die Europäische Zentralbank ist gleichrangig den die gleiche Augenhöhe von Geld- und Fiskalpoli-
Zielen hohes Wirtschaftswachstum, Vollbeschäf- tik zu erreichen und eine effektive europäische
tigung und hohe Geldwertstabilität zu verpflich- Konjunktur- und Wirtschaftspolitik zu ermögli-
ten. Die sich aus dieser Verpflichtung immer chen. Diese Forderung ist grundsätzlich zu un-
wieder ergebenen Zielkonflikte sind zu akzeptie- terstützen. Die Fiskalpolitik muss europäisch
ren, sie zwingen die EZB zu einer flexiblen Geld- werden, das gilt insbesondere für den Euro-
politik und zu einer Abstimmung ihrer Politik mit Währungsraum. Diese Europäisierung der Fiskal-
der Fiskal- und der Lohnpolitik. Damit würden politik ist aber kein Selbstzweck. Sie muss dazu
eine pro-zyklische Zinspolitik sowie die restriktive benutzt werden, für Wachstum, Beschäftigung
geldpolitische Praxis der EZB unterbunden. und einen ökologischen Umbau zu sorgen. Eine
Kurz- bis mittelfristig muss es darum gehen, die Europäische Wirtschaftsregierung stünde in der
nationalen Politiken auf EU-Ebene so zu koordi- Verantwortung für die Umsetzung einer expan-
nieren, dass die wirtschaftspolitischen Hand- siven Wirtschaftspolitik für qualitatives Wachs-
lungsspielräume besser genutzt werden und ei- tum. Sie müsste auch die Verantwortung für
ne angemessene Abstimmung zwischen der eu- gemeinschaftliche Aufgaben übernehmen, zum
ropäischen Geld- und der europäischen Fiskalpo- Beispiel für den Aufbau einer leistungsfähigen
litik erreicht wird. Dazu muss der EU- transnationalen Infrastruktur.
Kommission in Zusammenarbeit mit dem Rat der
Wirtschafts- und Finanzminister (Ecofin) im Sinne
des Werner-Plans die Kompetenz übertragen 3.3 Deutschland: Statt Exportabhängigkeit
werden, die Grundrichtung der Fiskalpolitik der mehr Binnenwachstum
Mitgliedstaaten entsprechend ihrer jeweiligen
konjunkturellen Konstellation festzulegen (Kon- Mit dem Abbau verschiedener weiter oben be-
solidierungs- oder Expansionskurs). Dies wäre schriebener Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft
ein erster Schritt zur Installierung einer Europäi- ist gleichzeitig die Notwendigkeit verbunden, die im
schen Wirtschaftsregierung. Würde die EU be- überdurchschnittlichen Maße vom Export abhängi-
reits jetzt über diese Kompetenz verfügen, wäre gen Ökonomien (China, Japan, Deutschland, zahl-
es – in Kooperation mit einer reformierten EZB – reiche MOEL und Entwicklungsländer) umzustruktu-
zu einem raschen und entschlossenen geld- und rieren. Diese Volkswirtschaften müssen eine neue
fiskalpolitischen Handeln gegen die Krise ge- Balance zwischen Export und Binnenwirtschaft
kommen. finden. Wenn die globalen Leistungsbilanzungleich-
gewichte zwischen den USA einerseits, China, Japan
Mit dieser Erweiterung der fiskalpolitischen
und Deutschland andererseits, beseitigt werden
Kompetenz der EU wäre gleichzeitig der Stabili-
Internationale Politikanalyse 31

sollen, müssen die Überschussländer ihre interne werkschaften gebremst wird und der Staat wegen
Absorption steigern, das heißt die Produktion ihrer der Notwendigkeit des Schuldenabbaus seine Aus-
Waren und Dienstleistungen in stärkerem Maße auf gaben nur noch unterdurchschnittlich steigern
den heimischen Märkten absetzen. Wenn die Wett- kann. In diesem schwachen Umfeld können sich
bewerbsverzerrungen in der Eurozone abgebaut auch die privaten Investitionen als zuletzt zu be-
werden sollen, muss Deutschland seine Lohnpolitik trachtende makroökonomische Nachfragegröße
ändern und die heimische Nachfrage überdurch- nicht wie Münchhausen am eigenen Schopfe aus
schnittlich steigern. Wenn diejenigen mittel- und dem Sumpf ziehen. Der Negativkreislauf, der Stag-
osteuropäischen Staaten und Entwicklungsländer, nation bedeutet, scheint unausweichlich zu sein.
die im besonderen Maße auf den Weltmarkt orien- Eine Alternativstrategie, die dieses Stagnations-
tiert und insofern stark von globalen Krisen betrof- szenarium aufbrechen will, hat erneut beim Staat
fen sind, diese Abhängigkeit reduzieren wollen, als Schlüsselgröße anzusetzen. Es ist ein Weg zu
müssen sie ihre Volkswirtschaften stärker auf die finden, auf dem der Staat seine krisenbedingten
Binnenwirtschaft ausrichten. Schulden abbauen kann und gleichzeitig Ressourcen
Die Schwierigkeiten, die mit einer solchen Re- für ein öffentliches Investitionsprogramm in den
strukturierung der Ökonomien verbunden sind, Sektoren Bildung, Gesundheit und Umwelt mobili-
stellen sich für jede Volkswirtschaft im Detail anders siert. Ausgangspunkt für diese Strategie ist die in
dar. Im Folgenden sollen die Möglichkeiten und den letzten Jahren stark gestiegene Ungleichheit in
Risiken dieser Strategie für Deutschland etwas näher der Einkommens- und Vermögensverteilung, die
beleuchtet werden. von kritischen Wissenschaftlern als eine der ent-
Auf den ersten Blick scheint der Versuch, für scheidenden Ursachen der Weltfinanzmarktkrise
Deutschland eine neue Balance zwischen Binnen- identifiziert wurde (Schäfer 2009; Stiglitz 2009). In
wirtschaft und Export finden zu wollen, aussichtslos Deutschland ist die Lohnquote von 69 Prozent im
zu sein, scheinen diejenigen politischen und sozialen Jahre 1991 auf 62 Prozent im Jahre 2006 gesunken.
Kräfte recht zu haben, die nach der Krise der Welt- Parallel dazu ist die Investitionsquote nicht etwa
wirtschaft auf eine Neubelebung der Exportstrategie gestiegen, wie man aufgrund des starken Anstiegs
setzen. Denn wie eine überdurchschnittliche Steige- der Gewinnquote vermuten könnte. Sie ist vielmehr
rung des privaten Konsums angesichts der gestie- von 1991 23,25 Prozent im Jahre 1991 auf 17,84
genen Arbeitslosigkeit und der Schwäche der Ge- Prozent im Jahre 2006 gesunken.
werkschaften möglich sein soll, ist nicht zu erken- Ähnliches kann übrigens für die EU als Ganzes
nen. Im Gegenteil, viele Unternehmen setzen in der im Zeitraum von 1975 bis 2006 gesagt werden.
Krise erneut auf Kostensenkungsprogramme, die Während die Gewinnquote von 24 auf 35 Prozent
mit Lohnkürzungen und Personalabbau verbunden angestiegen ist, sank in diesem Zeitraum die Investi-
sind, was ebenso für eine Dämpfung des privaten tionsquote der EU-Staaten, wenn auch mit konjunk-
Konsums spricht wie die jahrelangen Erfahrungen turellen Schwankungen, von 24 auf 20,5 Prozent
mit einem Reallohnabbau, den Deutschland selbst (Quelle: European Economy, nach Huffschmid 2009:
im letzten Aufschwung fortgesetzt hat. Auch vom 107). Für die Vermögensverteilung in Deutschland
Staat scheint eine Unterstützung für einen Umbau sind folgende Daten zu nennen: Der Anteil der
der deutschen Ökonomie nicht zu erhalten sein, oberen zehn Prozent der Haushalte konnte seinen
steuert doch die Schuldenstandsquote von 80 Pro- Anteil am Nettovermögen von 44,7 Prozent im
zent im Jahre 2010 auf 100 Prozent im Jahre 2020 Jahre 1993 auf 61,1 Prozent im Jahre 2007 stei-
zu. In dieser Lage, scheint es, hat der Staat nur eine gern, während der Anteil der unteren zehn Prozent
politische Pflicht zu erfüllen: seine Schulden durch der Haushalte im genannten Zeitraum von -0,2
einen harten Sparkurs abzubauen. Für ein über- Prozent auf -1,6 Prozent gesunken ist. Die Schulden
durchschnittliches Wachstum der Staatsausgaben dieses Teils der Gesellschaft sind folglich in dieser
im Rahmen einer Neubalancierung der Volkswirt- Zeit weiter angestiegen (Hirschel 2009: 93).
schaft ist damit keinerlei Raum vorhanden. Diese wachsende Konzentration von Einkommen
Damit ergibt sich ein makroökonomisches Sze- und Vermögen, die ein weltweites Phänomen des
narium für Deutschland, in dem die Exporte durch Kapitalismus ist, hat nicht zu einem starken Wachs-
den Abbau der Ungleichgewichte in der Weltwirt- tum des Produktivvermögens geführt, sondern ist
schaft und in der Eurozone nicht mehr die Zuwachs- überwiegend als Geldkapital investiert worden.
raten früherer Jahre erreichen können, der private Während sich das Bruttoinlandsprodukt der Welt
Konsum durch Arbeitslosigkeit und schwache Ge- von 1980 bis 2007 in etwa verfünffacht hat, von 10
32 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Billionen USD auf 55,5 Billionen USD gestiegen ist, Auch im Gesundheitssektor sind Programme
wuchs das Finanzvermögen der Welt in dieser Zeit denkbar und sinnvoll, die a la longue das Potenzial-
von 12 auf 197 Billionen USD, erhöhte sich also um wachstum steigern können. Wie im Bildungssektor
den Faktor 17 (OECD nach Huffschmid 2009: 108). wird hier seit Jahrzehnten angemahnt, dass ange-
Das Weltfinanzvermögen ist inzwischen mehr als sichts des demografischen Wandels der Gesund-
viermal größer als das BIP der Welt. Unternehmen heitsschutz am Arbeitsplatz verbessert werden
wie Porsche und Schaeffler entwickelten sich in muss, um die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Dazu
diesem Casinokapitalismus zu Finanzunternehmen sind einerseits Investitionen in die berufliche Wei-
mit angeschlossener Produktionsabteilung. terbildung und Umschulung notwendig, anderer-
Angesichts dieser krassen gesellschaftlichen seits Investitionen in gesunde, altengerechte Ar-
Fehlentwicklungen sind korrigierende staatliche beitsplätze. Auch hier zeigt die Erfahrung anderer
Eingriffe über das Steuersystem sowohl eine Frage Länder (z. B. Schweden), dass durch derartige Maß-
der Moral als auch eine Frage ökonomischer Ver- nahmen die Erwerbsquote in der Gruppe der älteren
nunft. Moralisch ist ein weiteres Auseinanderklaffen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer deutlich
der Gesellschaft in zwei Schichten immer weniger gesteigert werden kann, mit sehr positiven Auswir-
vertretbar. Die Einkommen und Vermögen der kungen auf das Potenzialwachstum und die Finanz-
unteren 20 Prozent der Gesellschaft sinken, wäh- lage der Systeme der sozialen Sicherheit.
rend die Einkommen und Vermögen der oberen 20 Ein weiterer Sektor, in dem die öffentlichen In-
Prozent geradezu nach oben explodieren. Ein ge- vestitionen dringend erhöht werden müssen, ist der
meinsames gesellschaftliches Band zwischen diesen Umweltschutz. Angesichts der Gefahren des Klima-
beiden Schichten der Gesellschaft existiert kaum wandels sollte Deutschland seine Investitionen in
noch. Es droht zu reißen, mit nicht absehbaren alternative Energiesysteme, in die öffentlichen Ver-
Folgen für die politische und soziale Entwicklung kehrssysteme, in alternative Antriebssysteme für
Deutschlands. Ökonomisch ist es nicht sinnvoll, dass Automobile sowie in den Küstenschutz noch deut-
ein hohes Maß an finanziellen Ressourcen auf den lich steigern. Welche Ressourcen für derartige Pro-
Finanzmärkten eingesetzt wird, dort Krisen verur- gramme im Bildungs-, Gesundheits- und Umweltbe-
sacht, die die Welt an den Rand des Abgrunds reich zur Verfügung stünden, wenn der Staat den
führen, und gleichzeitig dem Staat die Kosten für Mut zu einer alternativen Steuerpolitik hätte, zeigen
die Rettung der Finanzmärkte und der Realwirt- folgende Vergleichszahlen: Das private Nettovermö-
schaft aufgebürdet werden. Der Staat sollte sich gen hat in Deutschland eine Größenordnung von
stattdessen einen Teil dieser Ressourcen auf dem sechs Billionen Euro; das Bruttoinlandsprodukt eine
Wege der Steuerpolitik aneignen, um damit einer- Höhe von grob 2,5 Billionen Euro. Es könnten also
seits das Krisenrisiko zu verringern, andererseits überschlägig bereits mit einer einprozentigen Ver-
seine Schulden abzubauen und drittens für eine mögenssteuer Mittel in Höhe von gut zwei Prozent
neue Balance zwischen Außen- und Binnenwirt- des BIP akquiriert werden. Bedenkt man ferner, dass
schaft durch öffentliche Investitionen im Bildungs-, aufgrund der Krise dem Staat bis 2013 ca. 60 Milli-
Gesundheits- und Umweltsektor zu sorgen. arden Euro jährlich entgehen, könnte diese Lücke
Angesichts der Defizite, die Deutschland im O- bereits mit dieser einprozentigen Vermögenssteuer
ECD-Vergleich im Bildungssektor seit Jahrzehnten geschlossen werden. Diese Daten machen deutlich,
aufweist, ist eine deutliche Steigerung der öffentli- dass mit einer Kombination von steuerlichen Eingrif-
chen Bildungsausgaben im Primar-, Sekundar- und fen in Form der Wiedereinführung einer Vermö-
Tertiärbereich dringend erforderlich. Die damit genssteuer, einer höheren Einkommenssteuer für
verbundene Verbesserung der Qualität des Human- das obere Einkommensquintil und einer progressi-
kapitals wird das Potenzialwachstum in Deutschland ven Besteuerung der Verbindlichkeiten der Finanz-
um 0,5 bis ein Prozent steigern, so dass sich die hier unternehmen als Haftungsprämie für die von der
eingesetzten staatlichen Mittel längerfristig selber Allgemeinheit zu tragenden Kosten im Falle von
finanzieren. Diese Zusammenhänge sind seit Jahr- Finanzkrisen, sowohl genügend Ressourcen zur
zehnten bekannt, aber keine der bisherigen Regie- Entschuldung des Staates als auch für öffentliche
rungskoalitionen auf Landes- oder Bundesebene hat Investitionsprogramme in den genannten Sektoren
hier bislang die Kraft gehabt, fundamentale Refor- zur Verfügung stehen. Eine solche maßvolle Re-
men auf den Weg zu bringen. Im Gegenteil war die formpolitik kann mehrere Zwecke erfüllen. Sie
Föderalismusreform in dieser Hinsicht ein großer Mindert das Risiko von Finanzmarktkrisen,
Rückschritt. Fördert die Entschuldung des Staates,
Internationale Politikanalyse 33

Leitet eine neue Balance zwischen Export- und zahlreiche Reformen vorgeschlagen, die zum Abbau
Binnenwirtschaft ein, der globalen ökonomischen und sozialen Ungleich-
Hilft die globalen und europäischen ökonomi- gewichte beitragen können, um der Weltwirtschaft
schen Ungleichgewichte zu reduzieren, ein ausgewogenes und krisenfreies Wachstum zu
Ist ein Beitrag zur Überwindung ökonomischer ermöglichen. Diese Reformen sind: ein neues Welt-
Stagnation, währungssystem, ein radikaler Umbau der Weltfi-
Steigert das Potenzialwachstum der Wirtschaft, nanzmärkte, die Einführung einer Tobin- oder Fi-
nanzmarktsteuer zur Unterstützung der sozialen
Erhöht das Bildungsniveau der Bevölkerung und
Sicherungssysteme in den low income countries, die
die Chancengleichheit im Bildungswesen,
Überwindung des innereuropäischen Systems der
Verbessert den Gesundheitsschutz am Arbeits-
Wettbewerbsstaaten durch eine Regulierung der
platz,
Lohn-, Steuer- und Sozialpolitik auf der EU-Ebene,
Lässt die Erwerbsquote der älteren Beschäftigten die Installierung einer Europäischen Wirtschaftsre-
steigen, gierung, ein Abbau der Staatsverschuldung durch
Fördert den Kampf gegen die Klimakatastrophe, höhere Steuern auf die oberen Einkommens- und
Stabilisiert die Systeme der sozialen Sicherheit Vermögensklassen sowie eine stärkere Besteuerung
und des Finanzsektors, ein starker Ausbau der staatli-
Führt insgesamt zu mehr sozialer Gerechtigkeit chen Bildungs-, Gesundheits- und Umweltschutzpo-
und einem größeren gesellschaftlichen Zusam- litik, um so den Umbau vom Exportmodell Deutsch-
menhalt. land zu einem stärker binnenwirtschaftlich orientier-
Eine solche Reformpolitik ist nicht antikapitalistisch, ten Wachstumsmodell einzuleiten.
sie dient im Gegenteil der Stabilisierung der kapita- Eine derartige Reformpolitik, die einen deutli-
listischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, chen Kontrapunkt zum bisherigen neoliberalen
weil sie deren Selbstzerstörungskräfte abschwächt. Paradigma setzt, ist nicht nur für Deutschland,
sondern für viele entwickelte Industrieländer erfor-
derlich. Nur durch eine stärkere steuerliche Belas-
4 Gesamtfazit tung der höheren Einkommens- und Vermögens-
schichten und des Finanzsektors lassen sich die
In diesem Text wurden zunächst zehn Argumente Staatshaushalte ausreichend entschulden und finan-
vorgetragen, die die These untermauern, dass nach zielle Spielräume für eine binnenwirtschaftsorien-
Beendigung dieser doppelten Krise der Weltwirt- tierte Wachstumsstrategie schaffen. Durch eine
schaft eine Rückkehr zu den sehr hohen Wachs- Umsetzung dieses umfassenden internationalen,
tumsraten der Vorkrisenära eher unwahrscheinlich europäischen und nationalen Reformpakets können
ist, vielmehr mit einer Phase geringeren Wachstums die drohende Stagnation der Weltwirtschaft über-
gerechnet werden muss. In einem weiteren Kapitel wunden und die analysierten ökonomischen und
wurden die Konsequenzen der Weltwirtschaftskrise sozialen Ungleichgewichte, die die Grundlage von
für die sozialen Sicherungssysteme in Europa und in Krisen sind, abgebaut werden. Einzelne Reform-
den Entwicklungsländern erörtert. Während in maßnahmen können das Wachstum in einzelnen
Europa Leistungseinschränkungen sowie Beitrags- Staaten der Welt durchaus negativ berühren, etwa
oder Steuererhöhungen sehr wahrscheinlich sind, ist die Reform des Weltwährungssystems China und
die Lage in den Entwicklungsländern differenzierter die Koordinierung der Lohnpolitik in der Eurozone
zu beurteilen. In vielen low income countries führt Deutschland. Insgesamt wird das Reformpaket aber
die Krise erneut zu mehr Armut und Hunger sowie die ökonomischen und sozialen Spannungen in der
einer starken Überforderung der traditionellen, Weltwirtschaft, in Europa und in den Nationalstaa-
informellen Systeme des Sozialschutzes bzw. der ten reduzieren und so überall die Grundlagen für
elementaren Cash-Transfer-Systeme, die in etlichen einen nachhaltigen Wachstumspfad legen.1
Staaten gerade im Aufbau begriffen sind. Dagegen
werden middle income countries, wie Brasilien,
Indien und China, sehr rasch wieder überdurch- 1
Nach Abschluss dieses Manuskripts ist das Buch »Der gute
schnittliche Wachstumsraten verzeichnen, die ihnen Kapitalismus…und was sich dafür nach der Krise ändern
müsste« von Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian
den weiteren Ausbau ihrer sozialen Sicherungssys-
Kellermann, transkript, Bielefeld 2009, erschienen. In diesem
teme ermöglichen. In einem dritten Schritt werden Buch werden ähnliche Grundgedanken und Reformvor-
für die Weltwirtschaft, Europa und Deutschland schläge vorgetragen wie im hier vorgelegten Text. Es ist zur
weiteren und vertieften Lektüre sehr zu empfehlen.
34 Klaus Busch Weltwirtschaftskrise und Wohlfahrtsstaat

Anhang
Asien
Tabelle: Öffentliche Ausgaben für soziale
1995 2000 2005 2006
Sicherung und Gesundheit in Prozent des BIP
Afghanistan - - 1,30 1,88
Aserbaidschan 6,46 - - -
Afrika
Bahrain 3,64 3,26 3,96 -
1995 2000 2005 2006
Bangladesch - - 1,22 1,19
Ägypten 5,30 1,35 8,64 15,23
Bhutan 2,67 3,82 2,57 -
Burundi 3,29 - - -
China 0,75 3,93 4,99 5,33
Kenia 0,12 1,50 2,14 3,01
Kongo - - 1,17 - Georgien - 4,92 7,07 6,64
Liberia 12,93 - - - Hong Kong - - 5,25 4,55
Madagaskar 7,34 - 2,18 1,41 Indien 1,60 0,85 0,87 0,27
Marokko 3,31 - - - Indonesien 1,35 - 1,37 -
Mauritius 6,07 7,13 7,96 8,34 Iran 4,49 7,36 8,54 11,31
Sambia - - 2,54 1,77
Israel 17,03 17,21 17,63 16,53
Senegal - 0,67 - -
Japan - - 18,98 19,31
Simbabwe 4,53 - - -
Jordanien - 8,44 4,06 14,32
Südafrika 6,25 6,88 8,83 -
Tunesien 7,50 7,99 8,83 9,08 Kasachstan - 8,67 6,87 6,32
Uganda - 0,53 3,77 4,11 Kirgisistan 4,41 - - 5,86
Kuwait 11,12 - 7,10 5,23

Amerika Libanon 3,15 - - -

1995 2000 2005 2006 Macau - 4,64 3,53 2,88

Argentinien 11,24 10,79 10,78 - Malaysia 2,65 - - -

Bahamas - 4,19 4,35 - Malediven 4,77 5,12 6,07 8,32

Bolivien 4,89 9,07 8,44 7,69 Mongolei 6,44 10,40 - -

Chile 8,42 10,01 8,95 8,25 Myanmar 0,76 0,48 0,44 -

Costa Rica 9,09 10,40 9,26 10,03 Nepal 0,68 1,41 1,51 1,55

Dominica 2,25 - - - Oman - 4,30 - -


Dominikanische - 3,46 - - Pakistan - 0,27 0,15 0,20
Republik Philippinen 1,16 1,22 1,20
El Salvador - - 5,71 6,93
Qatar 2,65 2,04
Guatemala - 1,01 1,03 1,27
Singapur 2,03 1,63 1,52 2,17
Jamaika 2,46 1,59 3,35 4,20
Sri Lanka 4,52 5,19 4,94
Kanada 23.99 19,14 19,13 19,37
Südkorea 1,46 3,31 2,68 4,55
Mexiko 3,68 3,99 - -
Syrien 1,49
Panama 11,21 9,19 - -
Tadschikistan 3,29
Saint Vincent 6,10 7,27 6,73 -
und die Grenadi- Thailand 1,92 2,57 4,06 3,29
nen Türkei 1,39 3,05
Seychellen 11,83 11,49 13,84 20,35 Vietnam 4,27 3,21 2,66
Trinidad und 7,59 - 5,37 4,95
Tobago Zypern 9,83 11,06 14,41 23,21
Uruguay 18,95 20,98 6,15 8,83
Venezuela - 4,66 4,06 -
Internationale Politikanalyse 35

Europa
1995 2000 2005 2006
Albanien 10,84 - 9,87 10,06
Belarus 16,73 16,00 18,49 18,47
Belgien 24,06 23,11 24,65
Bulgarien 14,81 17,62 17,84 16,67
Dänemark 28,10 29,27 28,44
Deutschland 25,69 28,09 27,27
Estland 14,39 14,60 13,93 13,61
Finnland 26,03 28,03 27,24
Frankreich 28,84 27,76 29,64 29,51
Griechenland 21,29 20,96 22,33 22,66
Großbritannien 24,40 23,08 22,86
Irland 18,17 13,48 17,47 17,53
Island 16,95 16,54 17,14 16,23
Italien 23,62 23,51 25,01 25,22
Kroatien 20,19 26,66 22,09 21,47
Lettland 17,08 16,10 12,68 12,81
Litauen 15,80 14,83 15,27
Luxemburg 19,91 31,09 29,03
Moldau 15,16 15,52 20,07
Niederlande 23,64 20,35 21,05 22,36
Norwegen 24,60 22,41 23,51 22,39
Österreich 29,52 28,62 27,74 27,32
Polen 23,08 21,12 21,87 21,67
Portugal 18,83 23,04 23,16
Rumänien 12,71 14,53 13,43 13,61
Russische Födera- 10,06 12,66 12,29
tion
Schweden 22,64 29,39 30,18 29,50
Schweiz 25,28 25,39 18,16 18,57
Slowakei 18,30 17,90 17,55
Slowenien 21,49 23,84 23,43 22,75
Spanien 19,76 18,28 18,59 18,58
Tschechische 17,01 19,26 18,64 18,76
Republik
Ukraine 17,38 23,94 23,82
Ungarn 21,11 - 22,51 23,15

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