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Zeitschrift: Werk, Bauen + Wohnen

Band (Jahr):

Heft 6: Balkone, Terassen = Balcons, terrasses = Balconies, terraces

PDF erstellt am: 20.12.2019

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Forum Vergnügliches
Schauen

Richard Meiers Überragend ist nur der auch einem virtuos agierenden
Stadthaus in Ulm, 1991-1993 Höhenzug des Münsters, Richard Meier nicht,
sein städtebaulicher Rang trotz aufwendiger
und seine Platzgestaltung Bodenlogistik und typologischer
sind es gewiss nicht. Die Ordnungsbezüge, gleichsam
Dominanz des kirchlichen im Handstreich, die Hindernisse
Bauwerkes ist so gewaltig, auszuräumen, die sich
dass auch heute, nach aus der wechselvollen

¦
Richard Meiers Platzraumkorrektur Geschichte ergeben hatten.
und Stadthausneubau, Die jahrelang verschleppten
wv -w

die architektonischen städtebaulichen Fehlleistungen


% Schwächen und rund um den Dom
:p Wa -
Fehlleistungen vergangener waren zu gravierend, das
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Epochen spürbar bleiben. Umfeld durch falsche
Ein Ärgernis, das Ulms Nutzung zu entstellt, um es

Stadtväter ein Jahrhundert durch einen Solitärbau wieder


lang beschäftigte und durch ins Gleichgewicht zu
Richard Meiers intelligente bringen.

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X Raumaufteilung ein Ende Die dominierende

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fand.
Fast ein Jahrhundert
Stellung des Münsters wurde

durch eine neue


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grübelten und entwarfen, Gewichtsverteilung gebrochen, der

zeichneten und diskutierten diffuse Platzverlauf durch


^MMg^ Architektengenerationen eine klare Gestaltung der
über die Neugestaltung des

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Platzumrundung präzisiert.
¦JS»- Münsterplatzes. Fünf Der urbane Gewinn: Durch
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-ü Wettbewerbe, der erste 1904, eine sorgfältige
der letzte 1980, lieferten Standortplanung finden Stadt
nicht das gewünschte und Münster über das neue
%L Ergebnis, was der Stadt Ulm Stadthaus zu einem Dialog.
*JJ___f TE den umstrittenen Ruf Richard Meiers Entwurf
^^S8^ :lrj||p BE' gjg- einbrachte, nicht nur den stützt sich nicht auf formale
schwierigsten Bauplatz Verbindlichkeiten, um die
Deutschlands, sondern auch diffuse räumliche Situation
eine nicht weniger schwierige zwischen Stadthaus und
Architekten: Richard
Meier8iPartners, New York Ktäi Bürgerschaft zu Münster zu beheben. Die
entscheidende Veränderung
besitzen, an deren Veto Lösungen
Entwurf: Richard Meier
scheiterten. des Platzraumes gelingt ihm
Projektarchitekt:
Auch bei Richard Meier, durch eine optimale Plazierung
Bernhard Lutz
dem Sieger des 1986 ausgelobten des Ausstellungsgebäudes
Mitarbeiter: Mary Buttrick,
Wettbewerbes, hingen an die Südwestseite
Martin Falke, Beat Küttel, j/—ans *jzx n
Siobhan Mclnerney, Gunter »« '¦"-
Erfolg oder Misserfolg des Münsterplatzes. Ein

R. Standke, Wolfram Wöhr


an einem seidenen Faden. aufgeschlitzter Zylinder
Zwar hatte die Jury blockiert den unmittelbaren
mehrheitlich für seinen Entwurf Zugang zwischen der
gestimmt, doch der Alt- betriebsamen Hirschgasse und
n Ulmer Bürgerverein legte dem Münster und entschädigt
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-... ¦':,
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MxjJSgllSi sich bei der entscheidenden nach dem anstrengenden
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3 Abstimmungsfrage quer. Bei
dem 1987 vorgenommenen
Defilee reiner
Kommerzarchitektur mit einem
Bürgerentscheid fehlten nur ungewohnten Blick auf den
wenige Stimmen, um den Dom. Der zweite Eingriff
Entwurf des renommierten des Architekten galt der
D amerikanischen Architekten Platzbegrenzung. Eine
L- zu Fall zu bringen. Baumreihe trennt die klein-
Allerdings gelang es teilige Geschäftszone von

Aufsicht vom Ulmer Münster

Situation

54 Werk, Bauen+Wohnen 6 1994


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der weiträumigen Fläche inniger mit der Stadt Leere ein, ein Zweifel, ob sondern auch eine ethische Ansicht von Westen
um den Dom, definiert verbinden. nicht die Architektur des Zäsur, die der verordneten
Nutzungs- und Erlebnisqualität Freilich, so souverän Stadthauses vielleicht das Gemütlichkeit ein jähes
als zwei Seiten des städtischen der amerikanische Architekt eigentliche Ereignis sei, dem Ende bereitet, durch die
Raums. Komplettiert seine kompositorischen diese glanzvolle Inszenierung Leichtigkeit und Eleganz
wird Richard Meiers Fähigkeiten auch ausspielt zu dienen habe. eines spätberufenen
universales Raumausstattungsprogramm und so logisch er seine Richard Meiers Stadthaus Nachmodernen, ein
durch ein klein- Entwurfsmethodik auch am Ende der Fussgän- Überraschungscoup eines
teiliges Pflastermuster aus aufbereitet, nach kurzer gerstrasse, der vom Bahnhof Stadtregisseurs, der hinter einem
Granitplatten, die, aus dem Bewunderung für den Reiz zum Münster führenden glänzenden Erscheinungsbild
Grundriss des Münsters artifizieller Ästhetik stellt Hirschgasse, ist nicht nur keineswegs seine tieferen
abgeleitet, den Kirchplatz sich eine eigentümliche eine architektonische, Absichten offenbart.

6 1994 Werk, Bauen+Wohnen 55


Der Architekt beherrscht gezüchtete postmoderne
nicht nur das schwierige Genussfähigkeit an ihre
Metier glanzvoller Grenzen stösst. Wo alles auf
- Ausstattungsarchitektur, sondern Kunstgenuss ausgerichtet
verhält sich ebenso grosszügig ist, verlieren traditionelle

r gegenüber den
Besuchern. Sein Stadthaus,
strahlend weiss, ist eine
Werte ihre Verbindlichkeiten.
So wird die klassische
Streitfrage nach
Bedeutung und Rangfolge
*:i Reverenz an die Kunst,
unbeschwert, heiter und von unterschiedlicher Räume
den Requisiten der gegenstandslos, weil es
irl Baugeschichte nicht belastet. Es ist Richard Meier gelingt,
ein Gebäude des vergnüglichen einzelne Funktionsbereiche in
WMKt r. • •

Schauens; ein einem umfassenden


Bauwerk, das sich seiner ästhetischen Raumkontinuum zu integrieren,
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Ss
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t- Wirkung sicher ist.
Entlastet von jeder Tradition,
so dass der Eindruck von
durchgehender Bewegung

I IK* tritt hier die Architektur und weiträumiger Neutralität


als wohlgefälliges Dekor entsteht. Freilich wird

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damit der architektonische
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in Erscheinung. Jeder
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Anflug von Schwere, Dichte, Ausdruck nivelliert, der


Widerstand wird dem Stadthaus Form einen Teil ihrer Spannung
durch den Linienfluss entzogen. Leichte
transparenter Körper Unstimmigkeiten bemerkt
genommen; es ist ein offenes man in dem ungünstigen
Haus, das keine Steigungsverhältnis der
abgedunkelten Zonen kennt, Treppenstufen, welche den
sondern sich dem Publikum ersten Eindruck von
rückhaltlos öffnet. schwebender Leichtigkeit

Richard Meiers nachkorrigieren, oder an der


nichtsdestoweniger
kopflastiges, Glaswand im Erdgeschoss,
beschwingtes Stadthaus ist die eine Eingangstür nur als
zunächst von seiner Rahmen benennt, um die
ästhetischen Qualität ein Trennung zwischen innen
herausragendes Ereignis. Man und aussen zu verdeutlichen.
wird von der Bewegung der Die optisch geschickt

i
Treppen und Emporen in einen Pappkarton
nach oben getragen, verkleideten Aussenstützen

«F*I hineingesogen in ein lichtes Weiss

flüchtender Räume, die


beweisen zwar ihre visuelle

Standfestigkeit, doch schon


». ii
ihre Funktion scheinbar ein kurzes Klopfen verrät
verloren haben, um einzig ihre innere Hohlheit. Dieses
und allein dem Licht- und Abrücken von einem
Flächenspiel des Meisters zu sinnlichen Erfahrungstatbestand

ss s.
dienen. Dies ist schön, aber zugunsten einer
I!
auch ein wenig ermüdend, aufgefächerten Raumstruktur

ws.V'S »s weil hier selbst die hoch¬ zwingt den Besucher dazu,

Blick aus dem Restaurant


auf den Durchgang

Ausstellungsebene

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56 Werk, Bauen+Wohnen 6 1994


das Bauwerk vorwiegend als
ein ästhetisches Ereignis
anzunehmen und die Frage
nach seiner sozialen
Akzeptanz dem Augenspiel
flüchtiger Momente zu
überlassen. Diese kunstfertige
**
Leere legt aber nicht
nur die Schwäche einer auf
visuelle Effekte bedachten,
hochtrainierten
Architekturästhetik bloss, sie erleichtert
es auch dem Besucher,
sounterschiedliche Nutzungen
kommensurabel zu
machen: Informationsdienst
und Stadtgeschichte,
Ausstellungsräume und
Restaurantbetrieb, Büroräume und

Veranstaltungssaal, sie
alle tragen das Siegel von
Richard Meiers universeller
Ästhetik - für die Bürger
Ulms eine Herausforderung,
neben dem Genuss des
Schönen die Normalität des V
Alltags zurückzugewinnen.
PW
Gerhard Ullmann
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Abschluss
zur Fussgängerstrasse

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X ÄSs
Erdgeschoss

1. Obergeschoss

2. Obergeschoss

Obergeschoss
\ 3.

Fotos: Gerhard Ullmann, Berlin

6 1994 Werk, Bauen+Wohnen 57