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Brigitte Franzen

Die Siedlung Dammerstock Zur


in Karlsruhe 1929 Vermittlung
des
Neuen Bauens

© 1993 Jenas Verlag


für Kunst und Literatur GmbH
Weidenhäuser Straße 88, D-35037 Marburg
Gestaltung Gabriele Rudolph
Druckalp-druck, Marburg
ISBN 3-89445- 156-4 Jonas Verlag
Inhalt

1. Einleitung 7

II. Die Siedlung Dammerstock in Karlsruhe -


Zur Planungs- und Baugeschichte 11
Erste Planungen 11
Erschließung des Geländes und Ausschreibung des Wettbewerbs
für Karlsruhe-Dammerstock 17
Prämierung und Ausstellung der Wettbewerbsergebnisse 21
Erarbeitung eines endgültigen Bebauungsplanes 23
Bau der Mustersiedlung 1929 25

III. Die Siedlung als Ausstellung 31


Idee und Konzeption der Ausste ll ung "Die Gebrauchswohnung" in
der Siedlung Dammerstock 31
Die Wohnungs- bzw. Haustypen und ihre Einrichtung -
Ein Rekonstruktionsversuch 40
Vorbemerkungen 40
Der Rundgang durch die Ausstellung 41
Die Arbeiten von Kurt Schwitters für die Ausstellung 93
Zur Rezeption 111

IV. Zur Bedeutung von Architekturausstellungen als


Vermittlungsmedien neuer Bau-, Siedlungs- und
Wohnformen 115
Historisch-typologischer Abriß zur Genese von Architekturausstel-
lungen bis zum Ende der Weimarer Republik 115
Siedlungs-Ausstellungen als Typus der Architektur
des Neuen Bauens 130
Exkurs zur Theorie und Terminologie des Neuen Bauens 139
Die Erziehung zum „ neuen Menschen" -Wohnungs- und
Siedlungs-Ausstellungen der Zwanziger Jahre als
pädagogische Medien 141
Die theoretischen Vermittlungsansätze 141
Ausstellungen -für wen? Eine vergleichende Analyse der In-
formationsmedien und -ziele von Stuttgart-Weißenhof 1927
und Karlsruhe Dammerstock 1929 145

V . Resümee und Ausblick 150

Bibliographie 153
Verzeichnis der Archivalien und Museumsbestände zur Arbeit von
Kurt Schwitters für die Siedlungs-Ausstellung "Die Gebrauchswoh-
nung " , Karlsruhe-Dammerstock 29.9.-3.11.1929 159
Bildnachweis 160

5
1. Einleitung

Als 1929 in Karlsruhe die Bauten der Siedlung Dammerstock unter


der künstlerischen Oberleitung von Walter Gropius und nach Plä-
nen von neun weiteren, zum Teil namhaften Architekten errichtet
wurden, dachte man von seiten der Stadtverwaltung, die das Pro-
jekt mittels eines Wettbewerbs initiiert hatte, an zweierlei: erstens
sollte mit der Planung von 750 Wohnungen und der Ausführung ei-
nes ersten Bebauungsabschnittes mit 228 Wohnungen die Woh-
nungsnot in der Stadt gelindert werden. Außerdem wollte man auf
der Grundlage des nord-süd-gerichteten Zeilenbaus eine moderne
beispielgebende Siedlung errichten. Die Prämissen von mehr Licht,
Luft und Sonne sowie der Verbesserung der hygienischen Zustände
durch Zentralheizung, eingebaute Küchen und Bäder mit fließen-
dem warmen und kalten Wasser sollten für die Architektur der
Dammerstocksiedlung ausschlaggebend sein. Entscheidend war,
daß keine Siedlung für Besserverdienende geplant wurde, sondern
die „Masse der Bevölkerung" 1, d.h . Arbeiter, kleine Angestellte
und Beamte, als spätere Bewohner und Bewohnerinnen gedacht
waren . Um die Allgemeinheit mit dieser neuen Siedlung und ihren
wohnungspolitischen und ästhetischen Zielen bekannt zu machen,
verband man die Eröffnung des ersten Bebauungsabschnitts in
Karlsruhe mit der Veranstaltung einer Ausstellung, die die Inhalte
des Neuen Bauens plastisch vor Augen führen und vermitteln sollte.
Mit diesen Zielvorstellungen reagierte die Stadt Karlsruhe auf eine
für die Zeit charakteristische Problematik, die Anton Gut im Jahr
1928 rückblickend für die gesamte Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
beschrieb: „Das Wohnungsproblem war zusammen mit dem erst
später auftauchenden Arbeitsproblem das große politische Mas-
senproblem und damit zugleich ein besonders wichtiger Teil der
sozialen Frage überhaupt geworden. Die Erhaltung der Volksge-
sundheit und Volkskraft, die Erhaltung der Arbeitskraft, ja letzten
Endes die Erreichung einer bestimmten Kulturhöhe, die Entwick-
lung eines staatspolitischen Gefühls, hängt untrennbar von der Be-
friedigung des Bedürfnisses nach menschenwürdigem Wohnen
a b. 11 2
Um Wohnungen möglichst schnell zur Verfügung stellen zu kön-
nen, traten in den Zwanziger Jahren Gedanken der Rationalisie-
rung, der Typisierung und der Normung bei der Herstellung von
Baustoffen und beim Bau von Wohnungen in den Vordergrund . Mit
l Vgl. S. 19 dieser Arbeit.
diesen „ lndustrialisierungsgedanken ", bezüglich der Errichtung
2 Anton Gut, Wohnungsbau von Bauten, ging die Entwicklung der neuen Bauform einhe~. Es war
in Deutschland nach dem Welt- eine historisch einmalige Konstellation zwischen moderner Archi-
kriege, München 1928, S. l 0. tektur und staatlicher Wohnungsbauförderung entstanden, die ab

7
Mitte der Zwanziger Jahre, der Phase der wirtschaftl ichen Stabili-
3 Vgl. dazu die Untersu-
sierung der Weimarer Republik, in den Siedlungs bauprojek ten des chungen
von Mechthild Strot-
den zeichenhaften Charakter Art eines Massenme diums 10 Ziele und Inhalte des neuen Bauens
Neuen Bauens zum Ausdruck kam. Mit Unterstütz ung vieler Stadt- monn, Wohnungsbaupolitik in von Architektur. und Wohnens aufzeigen und Überzeugu ngsarbeit leisten sollten.
11 Jürgen Joedicke behaup-
regierunge n und Baugenossenschaften wurden ab diesem Zeit- der Weimarer Republik und Die bekanntes te dieser Veranstalt ungen ist heute sicherlich die
tet z.B. in seiner Geschichte der
punkt in zahlreiche n deutschen Städten, allen voran Berlin und zum stadtplonerischen Aspekt modernen Architektur (Stuttgart Ausstellun g „Die Wohnung" Stuttgart 1927, in deren Rahmen die
Frankfurt, aber auch in Hamburg, Celle, Dessau, Breslau oder Günther Uhlig, Stadtplanung in 1969), die Siedlung sei 1927/28 Weißenho f-Siedlung entstand. Auch der Bau der Karlsruher Dam-
Karlsruhe Siedlungen des Neuen Bauens errichtet. Maßgeblic h der Weimarer Republik: Sozia- entstanden (S. 108); Hartmut merstock-S iedlung war, wie bereits oben angedeute t, mit der Aus-
listische Reformaspekte, in: Hofrichter meint in seiner Stadt- richtung einer Ausstellun g unter dem Titel „Die Gebrauch swoh-
war dabei, daß Vertreter dieser Architektu r als Stadtbaur äte Ent-
Wem gehört die Welt - Kunst baugeschichte von der Antike
scheidung sträger innerhalb der städtischen Verwaltun g wurden, und Gesellschaft nung" 1929 verbunden .
in der Weima- bis zur Neuzeit, 2. verbesserte
z.B. Bruno Taut und später Martin Wagner in Berlin oder Ernst May rer Republik, Ausstellungskata- Zur Siedlung Dammerst ock selbst existiert bis heute, trotz der
Auflage Braunschweig 1991,
in Frankfurt, sowie, daß Politiker entspreche nde Bauvorhab en initi- log, Berlin 1978, S. 40-49 und S. mittlerweil e fast unüberseh bar geworden en Fülle an Literatur zum
für die Dammerstocksiedlung
ierten bzw. unterstützten, wie der Bürgermei ster und Zentrums- Po- 50-71 . seien 3200 Wohnungen geplant Neuen Bauen, keine monograp hische Darstellun g, welche die Ent-
litiker Hermann Schneider, für den Bau der Dammerst ock-Siedlu ng 4 Aus den Leitsätzen des Ar- gewesen (S. 124), obwohl le- stehungszu sammenhä nge, den Bau, die Ausstellun g und ihre Re-
in Karlsruhe. beitsrates f~r Kunst, 1919, zitiert diglich 750 Wohnungen projek- zeption detailliert behandelte . Vereinzelt wird die Siedlung in
Charakteri stisch war ebenfalls daß die Finanzieru ng der Bauten noch: Ulrich Conrads, Pro- tiert waren. Überblicks darstellun gen erwähnt, dort aber oft nur sehr kurz und
1 gramme und Manifeste zur Ar- 12 Angela Schumacher, Ot- auch fehlerhaft 11 sowie ihrer Bedeutung nach unzureiche nd. Aus-
nicht mehr ausschließ lich privaten Investoren überlassen wurde, chitektur
des 20. Jahrhunderts, to Haesler und der Wohnungs-
sondern daß die sozialdem okratische Weimarer Regierung mit ei- Braunschweig 1975, S. 42. führlichere Beschreibu ngen und Analysen liefern Angela Schuma-
bau der Weimarer Republik,
gen~ Hilfsprogra mmen regulieren d in den Wohnungs markt ein- 5 Vgl. z.B. die Entwicklung cher12, Johannes Cramer und Nils Gutschow 13 sowie Liselotte Un-
Marburg 1982 (= Kulturwissen-
griff· beispielsw eise mit der Erhebung einer sogenannt en „Haus- der Frankfurter Küche im Jahr schaftliche Reihe im Jones Ver- gers14; allen bisherigen Veröffentlichun~en fehlte jedoch der Zu-
zinssteuer" auf den Altbestand von Wohnunge n (1924), der Grün- 1926, für die Margarete Schut- lag, Bd. l ), S. 89-102. gang zu den Wettbewer bsunterlag en. 1 Der Ausstellun gsaspekt
dung einer „Reichsfor schungsge sellschaft für Wirtschaft lichkeit im te-Lihotzky die Wege maß, die 13 Johannes Cromer/Nils wird lediglich bei Cramer und Gutschow eingehend er behandelt ,
Bau- und Wohnungs wesen" (1926), der Organisat ion von Woh- eine Hausfrau in einer her- Gutschow, Bauausstellungen. die jedoch keine Beschreibu ng oder Fotomater ial zur Inneneinric h-
kömmlichen Küche zurückleg- Eine Architekturgeschichte des tung präsentiere n. Daneben analysierte n Günther Uhlig und Mi-
nungsfürso rgeämtern (ab 1919), denen allein die Vergabe von te, und
daraus eine Küche kon- 20. Jahrhunderts, Stuttgart/Ber- chael Peterek anläßlich des 60jährigen Bestehens der Siedlung
Wohnraum oblag, und der gesetzliche n Verankeru ng wohnungs - struierte, die so ökonomisch lin/Köln/Mainz 1984, S. 142-
baupolitisc her Ziele. Zusammen gefaßt wurden diese Maßnahm en wie möglich gebaut war. 1989 zusammen fassend die Siedlungss truktur und die Forderung
150.
un!!'lr dem Stichwort der „ Wohnungs zwangs-W irtschaft" .3 6 Grete und Walter Dexel, 14 Liselotte Ungers, Auf der
nach der „Gebrauch swohnung " in der Zeitschrift „Zodiac". 16 Zu-
Ästhetische und politische Voraussetz ung für die Architekte n bil- Das Wohnhaus von heute, Leip- Suche nach einer neuen Wohn- vor hatte bereits Paul Schütz versucht, in der Zeitschrift „ Werk,
dete dabei das Streben nach einer Verbindun g von Kunst und Ge- zig 1928. form. Siedlungen der zwanzi- Bauen +Wohnen " die Karlsruher Quellen, den Entstehungs~rozeß
sellschaft unter dem Leitsatz „ Kunst und Volk müssen eine Einheit 7 Werner Gräff (Hrsg. im ger Jahre donols und heute, der Siedlung und ihre Rezeption bis 1933 nachzuzeic hnen. 1
4 Auftrag des Deutschen Werk- Stuttgart 1983, S. 127-138. Mit der vorliegend en Publikation soll ein Einblick in die Entste-
bilden" wie er im Rahme des „Arbeitsra tes für Kunst" schon bundes),
Innenräume, Stuttgart 15 Den Hinweis auf die hungsgeschichte der Karlsruher Siedlung und die Organisat ion
1919 formuliert worden war. Ziel des Neuen Bauens war nicht al- 1928. Wettbewerbsunterlagen im und Ausrichtun g der damit verbunden en Bauausste llung gegeben
lein die schnelle AbhiJfe der Wohnungs not; in Verbindun g mit der 8 Werner Gräff (Hrsg. im Stadtarchiv Freiburg verdanke
werden. Im Vordergru nd steht die Frage nach den Inhalten, Zielen
Bauform stand .mu:h ein revolution ärer erzieherisc her Anspruch Auftrag des Deutschen Werk- ich Anke Bölle, die 1988 an der
und Methoden der Vermittlun g des Neuen Bauens mit Hilfe von
der ~rchitekten, d~r sich, in Anlehnung an eine gesamteu ropäische bundes), Bau und Wohnung, Universität Trier eine Magister-
Siedlungs- Ausstellun gen sowie Ansätze zur Klärung der Rezep-
En~1cklung (Russischer Konstruktivismus, De Stijl etc.), aus den Er- Stuttgart 1927. arbeit über den Anteil von Wal-
9 Wilhelm Letz, Wie richte ter Gropius an der Dammer- tion. Im ersten Kapitel wird versucht, anhand von zeitgenössischen
schutterungen des Ersten Weltkriege s und dem dorau resultieren -
ich meine Wohnung ein? Mo- stock-Siedlung verfaßt hat. Quellen den Entwicklun gsprozeß bis zum Bau der Siedlung nach-
den T raditionsbr uch entwickelt hatte. Auch von der Seite der Politik dern - 16 Günther Uhlig/Michoel
Gut - Mit welchen Ko- zuvollziehe n. Das zweite Kapitel bietet eine Darstellun g der Ideen
erkannte man die Möglichke it zur erzieherisc hen Einflußnah me. sten?, 2. Auflage Berlin 1930. Peterek, 60 years of Siedlung und Konzepte zur Organisat ion der Karlsruher Siedlungs- Ausstel-
Der Bau von Wohnunge n und Siedlungen wurde zu einer öffentli- Dammerstock, a Building Site
lung sowie deren Rekonstruktionsversuch. Eine Untersuch ung zur
ch~n Aufgabe, die verbunden war mit der bewußten Formung des of Modernism, in: Zodioc 51
Art und Gestaltung der Informatio nsmedien, die Kurt Schwitters be-
p~1vaten Leb~n~umfelds ~urch die Architektu r und Möblierun g so- 1988, S. 46-75/deutsch: dies.,
sorgte, sowie ein Abriß zur Rezeptionsgeschichte anhand zeitge-
60 Jahre Dommerstock - Bau-
wie der damit 1dealerwe1se angestrebt en geistigen Evolution der nössischer Zeitschrifte n- und Zeitungsar tikel folgen diesem Ab-
stelle der Moderne, in: Zodiac
Bewohner und Bewohneri nnen. Erstmols dienten den Architekte n 8/1990. schnitt. Im letzten Kapitel wird das Phänomen Architektu rausstel-
dabei auch soziologisc he und haushaltsö kopomisch e Untersu- 10 Renate De Fusco bezog 17 Paul Schütz, Die Dam- lung von den Weltausste llungen bis zur Weimarer Republik im
chun~en als Grundlage für ihre Entwicklungen.t; Um den Anspruch den Begriff des Massenme- merstocksiedlung vor dem Hin- Sinne eines Vermittlun gs- und Informatio nsmedium s näher be-
auf e1~e neue Wohn- und Lebensweise zu vermitteln erschienen diums in seiner Publikation .Ar- tergrund der kommunalen
trachtet. Besondere Berücksich tigung erfahren dabei die theoreti-
zahlreiche Bücher mit Titeln wie: „ Das Wohnhaus von heute" 6 In- chitektur als Massenmedium' Wohnungs- und Planungspoli-
B schen Überlegun gen zur erzieherisc hen Funktion der Architektu r
.. „7
nenraume , „ au und Wohnung" 8, „Wie richte ich meine Woh- 'II Anmerkungen zu einer Semi°.- tik in Karlsruhe 1920-1930. Ein
9N b unveröffentlichter Vortrag, in: des Neuen Bauens und deren praktische Umsetzung in einem ab-
nung ein· ·. 2"
e en d h · ·
. en sc nftlichen Vermittlun gsmedien wurden
tik der gebauten Formen, Gu-
tersloh 1972 (=Bauwelt Funda- Werk, Bauen + Wohnen, Nr. schließend en Vergleich der Werbestra tegien von Stuttgart-W ei-
Bau- und vor allem Siedlungs- Ausstellun gen veranstalte t, die nach 11, November 1986, S. 56-65. ßenhof und Karlsruhe- Dammerst ock. Es wird dabei versucht, an
mente 33), erstmals auch auf
8
9
die geleisteten Untersuchungen zur Dammerstock-Siedlung anzu -
knüpfen und sie in entscheidenden Punkten zu präzisieren und zu II. Die Siedlung Dammerstock in Karlsruhe -
erweitern. Hierzu gehört vor allem die Rekonstruktion der Karlsru- Zur Planungs- und Baugeschichte
her Ausstellung mit Hilfe von bisher unerschlossenem Quellenma-
terial, in Verbindung mit der Frage nach ihren Zielen und ihrer Re-
zeption, und die Darstellung und Analyse der Tätigkeit von Kurt
Schwitters; dessen Werkverzeichnis durch die vorliegende Arbeit
um mehrere Werke ergänzt wird . Erste Planungen

Die Pläne zum Bau einer Siedlung mit modernen Kleinwohnungen


in Karlsruhe-Dammerstock lassen sich anhand von Akten bis in das
Jahr 1926 zurückverfolgen.
Als Bürgermeister Hermann Schneider, seit 1919 verantwortlich
für das Bauwesen in Korlsruhe 18, und Max Läuger, Architekturpro-
fessor an der Technischen Hochschule, 1926 den Generalbebau-
ungsplan für die Stadt Karlsruhe veröffentlichten, wurde auch das
neu eingemeindete Gebiet des Dammerstocks, zwischen dem
Hauptbahnhof und der Gartenstadt Rüppur gelegen, in die städti-
schen Planungen der nächsten Jahre einbezogen (Abb. 1). Dabei
war es das erklärte Ziel Schneiders, die Ost-West-Trosse der Bahn-
linie, die die Stadt in einen nördlichen Innenstadtbezirk und in süd-
licher gelegene Vororte teilte, städtebaulich durch eine Alleen-
achse zu überbrücken. 19 Diese Prachtstraße, die die barocke Ideal-
18 Vgl. Cromer/Gutschow, stadtplanung von Karlsruhe paraphrasierte und fortzusetzen
op.cit., S. 142.
suchte, sollte an ihrem südöstlichen Ende an die südwestliche Sied-
19 Diese Gedanken lassen
sich bis in die heutige Stadtpla- lungsgrenze des Dammerstock-Geländes führen (Abb. 2). An des-
nung weiterverfolgen, bei de- sen östlicher Begrenzung war durch die Ettlinger Allee bereits eine
nen das geplante Zentrum für Verkehrsverbindung zwischen der Innenstadt und Ettlingen im Sü-
Kunst und Medientechnologie, den vorhanden.
als „Tor zur Stadt" ähnliche Der Dammerstock bildete in diesen Plänen eine ebene, paralle-
Funktionen übernehmen sollte. logrammförmige, unbebaute und streng abgegrenzte Fläche, also
20 C. H. Bohtz, 40 Jahre
ein ideales Versuchsgelände für neuartige Siedlungsformen.
Dommerstock-Siedlung, in :
Karlsruhe - heute und morgen,
Schon seit 1907 bestanden Absichten zur Bebauung des Dam-
Heft 3, September 1969, S. 14. merstock-Geländes „als Industriegebiet mit Gleisanschluß" 20, die
21 Die Karlsruher Garten- jedoch wegen des vorrangigen Ausbaus der Ettlinger Allee und des
stadt gilt neben der zeitgleichen Gebietes um den damals neuen Hauptbahnhof nicht realisiert wur-
Gründung in Dresden-Hellerou den. Im gleichen Jahr gründete sich die „Gartenstadt Karlsruhe
als die älteste Gartenstadt e.G.m.b.H. ", die ab 1911 in Rüppur, in unmittelbarer Nähe zum
Deutschlands. Vgl. die Fest-
noch unbebauten Dammerstock-Gelände, eine Siedlung nach
schrift zum 75jährigen Bestehen
Grundsätzen der Gartenstadt-Bewegung errichtete. 21
der Gartenstadt Karlsruhe
e .6., Karlsruhe 1982. Die Zahl der Wohnungssuchenden belief sich in Baden nach der
22 Alle Angaben hierzu ent- Erhebung des Statistischen Landesamtes aus dem Jahr 1927 auf
stammen, wenn nicht anders 32817. 22 Davon entfielen 3452 Suchende auf die Stadt Karlsruhe.
angegeben, der Publikation: Die Einwohnerzahl Korlsruhes erhöhte sich von 111 252 im Jahre
Badisches Statistisches Landes- 190523 auf etwa 140000 Einwohner in den Jahren zwischen 1927
amt (Hrsg.), Wohnungszählung und 1929, der Planungs- und Projektierungszeit der Dammerstock-
und Wohnungsbau in Boden,
Siedlung. Durchschnittlich waren von 100 Haushalten 5,9% woh-
Karlsruhe 1928, S. 76-86.
23 Die Angaben entstam- nungslos. Von den Wohnungssuchenden entfiel rund die Hälfte
men der Festschrift zum 75jäh- (53,2 %) auf Gruppen mit 3 und mehr Personen, 44 % auf 2-Perso-
rigen Bestehen der Gartenstadt nen-Gruppen und der Rest auf Alleinstehende. Besonders großer
Karlsruhe, op.cit., S. 13. Bedarf bestand folglich an Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen.
10
11
„ Von den zur Zeit entstehenden neuen Wohnungen ist der auf die
Klein-(Zwei- und Dreizimmer-)wohnungen entfallende Anteil ver-
hältnismäßig viel zu klein. Abgesehen davon, daß die Erstellung ei-
ner bestimmten Anzahl von mittelgroßen Wohnungen, allein schon
mit Rücksicht auf die bevorzugte Lage der eben angedeuteten städ-
tebaulich wichtigen Gebiete gar nicht zu vermeiden ist, ziehen es
die privaten Bauherren aber ganz allgemein vor, sogenannte 'bes-
sere' Wohnungen zu bauen, während doch, gemessen am Bedarf,
die Kleinwohnung viel stärker überwiegen müßte. Aber auch die
tatsächlich zur Erstellung gelangenden Kleinwohnungen erfor-
dern, wenn an sie gewisse Mindestanforderungen gestellt werden,
so hohe Baukosten, daß die diesen Baukosten entsprechende 'an-
gemessene' Miete heute von Minderbemittelten, dem Arbeiter und
kleinen Beamten und Angestellten, das ist die große Masse der Be-
völkerung, kaum bezahlt werden kann. Der Grund hierfür liegt zu
einem nicht unbedeutenden Teile in einer noch aus der Vorkriegs-
zeit stammenden erstaunlichen Rückständigkeit des technisch-wirt-

2 Übersichtsplan vom Gebiet


Dammerstock, Maßstab
1:5000, Karlsruhe, Juli 1928
(Teil der Wellbewerbsunter-
lagen)
Das große Interesse, das Bürgermeister Schneider städtebauli- 1 Lage der Dammerstocksied-
chen Fragen entgegenbrachte, hatte dazu geführt, daß die Stadt lung im städtischen Verbund
Karlsruhe in den Zwanziger Jahren das Problem der Wohnungsnot
besonders bei den sogenannten minderbemittelten Schichten er-
kannte und ernst nahm. Der Stadtrat faßte schließlich im Juli 1928
den Beschluß zur Ausschreibung eines „Wettbewerbs zur Erlan-
gung eines Aufteilungsplans und von Kleinwohnungstypenplänen
für die Bebauung des Gewannes 'Dammerstock' in Karlsruhe. " 24
Der Wettbewerb schloß von Beginn an die Präsentation der Archi-
tektur und der modernen Wohnformen in einer Ausstellung zur
Eröffnung der Siedlung ein. 25
Bevor es jedoch zur Ausschreibung eines Wettbewerbs kam, nLm:JJim.DOOAN ..--....,_/.. .
mußte die Finanzierung eines solchen Unternehmens gesichert l'!'MG.!>31

~!mß)!IJ{-
sein. Um den Bau dieser Wohnungen dem Kräftespiel des privaten
Immobilienmarktes zu entziehen, entschloß sich die Stadtverwal- 24 So der Originaltitel der u1...-.-t-
f •. „
tung, dem Beispiel anderer Großstädte der Zeit folgend, die Bau- Wettbewerbsausschreibung,
vgl. die Akte C4 XX/16 3 im
herrenschaft in die Hände einer gemeinnützigen Baugesellschaft
Stadtarchiv Freiburg.
zu legen. 26
25 Vgl.S.17ff.
Wieder auf Initiative von Bürgermeister Schneider und Stadt- 26 In Karlsruhe existierte be-
oberbaurat Dommer beschloß der Karlsruher Bürgerausschuß am reits die .Gemeinnützige Bau- schaftlichen Problems der Wohnung überhaupt. Das Problem der
24. Mai 1928, „die Förderung des Wohnungsbaus durch 1,5 Mio genossenschaft Hordtwald- Wohnung als solcher mit Energie aufzugreifen und soweit als mög-
RM aufzustocken und einen Teil davon zu verwenden als Beteili- siedlung e.G. •,die später auch lich der Lösung zuzuführen, d.h. die für eine Familie mit Kindern
gung der Stadt an einer zu gründenden gemeinnützigen Gesell- am Bau der Dommerstock- beiderlei Geschlechts gerade noch zureichende Wohnung so billig
Siedlung beteiligt wurde, sowie herzustellen, daß sie von der großen Masse der Bevölkerung auch
schaft für die Herstellung von Kleinwohnungen ('Volkswoh-
die .Gartenstadt Karlsruhe bezah lt werden kann, ist heute von größter kultureller und staats-
nung'). "27 In seiner Antragsbegründung für den Stadtratsbeschluß
e.G. seit 1907.
M
politischer Bedeutung. [ ... ] Die neu zu gründende Baugesellschaft
vom 24. Mai 1928 faßte Schneider die Ziele der Baugesellschaft 27 Cromer/Gutschow, op.
„Volkswohnung" wie folgt zusammen: soll deshalb ausschließlich Kleinwohnungen erstellen und zu ange-
eil., S. 142.

12 13
essenen, den Baukosten entsprechenden Preisen vermieten . Sie chen Fällen wird die Bauhypothek überhaupt nicht mehr in An-
30
soll dabei auf Fortentwicklung der Wohnung nach Inhalt und Form spruch genommen, in vielen Fällen nur zum Teil. "
oeso deren #ert legen, und versuchen, unter Anwendung der Das dadurch bedingte Ausbleiben der Zinslast, die die Stadt
eues en Errungenschaften rationeller Wohnungsgestaltung und sonst durch aufgenommene Kredite zur Finanzierung der gewähr-
Ei ric ung dem Ideal der Volkswohnung, d.i. der zureichenden ten Darlehen tragen mußte, kam den Bauherren „durch die soge-
d zug eich erschwinglichen Wohnung der großen Masse der Be- nannte städtische Zinsbeihilfe, einem 12 Jahre laufenden, direkt
28 31
ol erung, näher zu kommen . " sichtbaren verlorenen Zuschuß der Stadt" wieder zugute. „ Der
dem Eingriff der Stadt in den privaten Wohnungsmarkt durch Bauherr erhält die Zinsbeihilfe unabhängig davon, ob er eine Bau-
e Grundung von und Beteiligung an der Baugenossenschaft hypothek bekommt oder nicht. Will er von der Stadt kein Kapital
• o swohnung " folgten auch die Vertreter der Stadt Karlsruhe ei- oder nur ein geringes geliehen erhalten, steht ihm die Zinsbeihilfe
er a llgemeinen Tendenz beim Bau von Kleinwohnungen in sogar außer der Reihe zu. Die Höhe der Jahresbeihilfe entspricht
e ·sc land. se·t der Mitte der Zwanziger Jahre, der Zeit der wirt- der Verzinsung eines lediglich gedachten Kapitals, des sogenann-
sc a~ ic en Stab· ·sierung, verstärkte sich die städtische Förde- ten 'Förderungsbetrags' mit einem bestimmten Zinssatz, dem soge-
g oes ohnungsbaus, beispielsweise bei der Hufeisensiedlung nannten 'Beihilfesatz'. Der Förderungsbetrag wird berechnet zu:
e i -Britz 1925-27 von Bruno Tout und Martin Wagner w ie auch 160 RM für die ersten 50 qm Wohnfläche einer Wohnung und 60 RM
e · oes· e lu gen des euen Frankfurt", die ab 1926 unter Ernst für die folgenden 50qm Wohnfläche, also z.B. für eine Wohnung
o er ·c e• urden. Das Vertrauen in die regelnden Kräfte des mit 80qm Wohnfläche zu (50x 160 + 30x60 =) 9800 RM; erbeträgt
ar es, das noch vor dem Ersten Weltkrieg vorherrschte, im Höchstfalle 11 000 RM für Wohnungen von 100 qm Wohnfläche
32
9 8 aurc das weiterhin zunehmende Wohnungselend und darüber. "
e r ersc ü ert worden . Es wurde deutlich, daß diese Dieses Finanzierun~smodell, das damals in Fachkreisen als das
o so großer soz a - und gesellschaftspolitischer Be- „ Karlsruher System " 3 bezeichnet wurde, war nicht nur zur Finan-
o e , oaß a·e b ang gkeit großer Teile der Bevolke- zierung der Dammerstock-Bebauung entwickelt worden, sondern
~ g o G ·c - e ei iger weniger privater Investoren zumin- stand allen Karlsruher Bauherren zur Verfügung. Man wandte es
o se· e cer:o sc r· ichenPolitikernichtmehrzuakzeptie- auch beim Dammerstock an, mit dem kleinen Unterschied jedoch,
daß die gemeinnützigen Bauträger nur 10 % der Gesamtherstel-
c·. 1 e· e Brie o en Geschäftsführer des Badischen
lungskosten als Eigenkapital aufbringen mußten.
~ äc e e c~ces o 27.3.1926 äußerte Schneider dazu folgende
Dommer faßte die Ziele dieser Finanzierungspolitik zusammen:
oe eg ge
„Durch das neue Karlsruher Verfahren erhält der Bauherr unge-
• e· es EroC'„e s a n die Ausführung von Serienwohnungs-
fähr die gleiche Zinsverbilligung wie durch die sonst üblichen nied-
c oes ypen und unter Verwendung der Hoch-
rig verzinslichen Baudarlehen (Hauszinssteuerhypotheken). Der
u •ersc ätzende w rtschaftliche Vorteile br·n-
Kapitalbeitrag der Stadt wird jedoch außerordentlich verringert,
g oes Gedankens halte ich es aber für vorteil-
der Bauherr sucht im eigenen Interesse von dem Kapital der öffent-
·- r og ich, wenn die Angelegenheit e·nzelne
lichen Hand möglichst loszukommen. Das Ziel ist, heute schon
S Öc e i c ie Ho a e en. Das ganze Vorhaben ist noch so unge-
möglichst viel Kapital unter Umgehung der öffentlichen Hand un-
lö , coss o rc Verw r 1chun~ von entsprechenden Bauten 34
mittelbar in die Neubauten zu leiten."
o e Sec e ge•ö oe erden ann . •
Anders als bei anderen städtischen Wohnbauförderungen (z.B.
D e S•oa· ar sru e brachte unter diesen Voraussetzungen für
in Frankfurt), finanzierte also die Stadt Karlsruhe die Neubauten
oe spo e e 30 oer Dommerstocksiedlung ein neues Finanzie- nicht durch direkte Zuschüsse oder verbilligte Darlehen, sondern
gs odell z r endung, das Stadtoberbaurat Dommer nach sie gewährte erst Beihilfen nach dem Einsatz von privatem Kapital
Voroild entwic elte. Im Zentrum des Systems stand die in die Bauvorhaben, damit konnte die Stadt ihr Schuldenvolumen
g o api olbeschaffung und Zinsermäßigung in der Un- durch die Aufnahme von Krediten zur Finanzierung von Baudarle-
g aer Bauherren durch die Stadt. Die Kapitalbeschaffung hen gering halten. Außerdem sollte auf diese Weise versucht wer-
ypo e en (eo. 35 °o b s höchstens 80 % der Gesamtbau- den, die Eigeninitiative (potentieller) Bauherren zu unterstützen.
. rde gegenüber der Städtischen Sparkasse verteuert, in- Neben den Städten versuchte die Weimarer Regierung ab 1924
ae s1esa mi 8,5°om .t95°overzinstwerdenmußten.Zwanz ·g 30 In: Stein/Holz/Eisen, 43. durch die sogenannte Hauszinssteuer (in Baden: Gebäudesonder-
Prozen• der Hers ellungskosten mußte der Bauherr selbst aufbrin- Jg., Woche 47, 21.11.1929, S. steuer) auch von staatlicher Seite eine Unterstützung von Woh-
28 Prolo oll r. 20 zum 734.
ge Dadurc daß die städtische Bauhypothek hochverzinslich nungsbauten zu gewährleisten, indem man auf den Altbestand von
Stodtrotsbeschluß vom 31 Ebenda.
is , n·m.,., edoch der Bauherr ·m eigensten Interesse von der Stadt 24 .5.1928 in der Akte 1/H.Reg. Häusern bzw. Wohnungen eine Sondersteuer erhob, deren Erträge
32 Ebenda.
so enig w ie mag ·eh an Baudarlehen in Anspruch . [ ... ] Der Bau- A 1363 Stodtorchiv Korlsruhe. wiederum in den Neubau von Wohnungen investiert wurden. Die
33 Ebenda, Vorwort, S. 733.
err w rd auch w·ederum aus eigenstem Interesse in erster Linie die 29 In der Akte 1/H.Reg. A 34 Ebenda, S. 735. Mieteinnahmen von Altwohnungen mußten von den Hausbesitzern
s Öd sc e Bouhypo he beschleunigt zurückzahlen [ ...]. In man- 1010 Stodtorchiv Karlsruhe.
15
14
zu etwa 15 % versteuert werden. „Der größte Teil dieser Steuerein- 35 Barbara Miller Lane, Ar- zen, aber umfassenden Über- praktische Erfahrungen bedeutsamer Art gemacht, die sich sowohl
nahmen wurde zu sehr günstigen Bedingungen an die Wohnungs- chitecture and Politics in Ger- blick über staatliche Maßnah- beziehen auf die Frage der Typisierung der Baukörper, Normali-
many 1918-1945, Cambridge/ men zur Verbesserung der
baugesellschaften verliehen, deren Tätigkeit von den Wohnungs- sierung [d.h. Normierung, Anm. d. Verf.] der Bauteile, zweckmässi-
Mass . 1968; zitiert nach der Wohnsituation in der Weimarer
fürsorgegesellschaften oder (wenn es diese nicht gab) von städti- deutschen Ausgabe Braun- ger Baustofferzeugung usw., wie auch auf die Frage wirtschaftli-
35 Republik. Auch Angela Schu-
schen Bauverwaltungen überwacht wurde. " Die Stadt Frankfurt schweig/Wiesbaden 1986, S. cher Beschaffung, Aufschliessung und Ausnutzung des Baugelän-
macher gibt in ihrer Disserta-
beispielsweise finanzierte mit Hilfe dieser Steuer einen Teil der 95. tion (op.cit.) einen zusammen- des. Der Städtetag beabsichtigt, wertvolle und zuverlässige Erfah-
Städtischen Siedlungsbauten des Neuen Frankfurt. 36 So der Titel einer Umfra- fassenden Überblick zur Woh- rungen dieser Art planmässig zu sammeln und im Gesamtinteresse
Parallel zum Problem der Finanzierung öffentlicher Wohnungs- ge des Deutschen Städtetages nungsbaupolitik; insbesondere aller Städte auszuwerten. Im Vordergrund steht dabei die Absicht,
bauprojekte entstand die Frage nach den Möglichkeiten der „Ra- vom 29.7.1927 /Dokument in zur Arbeit der RFG. Doppelarbeit und unnütze Wiederholung von Versuchen möglichst
36 der Akte l/H .Reg. A 1010 1m auszuschalten und die Rationalisierungsbestrebungen der ver-
tionalisierung des Wohnungsbaues" , die auch bei den Planungen
Stadtarchiv Karlsruhe.
für die Dammerstocksiedlung von Beginn an von größter Bedeu- schiedenen Stellen zusammenfassend und ausgleichend zu beein-
37 Vgl. z.B. die • Volksthüm-
tung war. liche Ausstellung für Haus und
flussen. " 41
Schon seit Anfang des Jahrhunderts diskutierte man die Frage Herd " 1899 in Dresden oder Deutlich wird in diesem Schreiben der nach wie vor experimen-
der zunehmenden Mechanisierung des Handwerks vonseiten eini- den Wettbewerb um die .Erlan- telle Charakter, der den Normierungsversuchen der Architekten
ger Künstler, Architekten und industrieller, sowie ab 1907 inner- gung von Einrichtungsgegen- und der Bauwirtschaft zugrunde lag und der auch die Wettbe-
halb des Deutschen Werkbundes. 37 Auch der erste Wirtschaftsmini- ständen für Arbeiterwohnun- werbsausschreibung und Planung für Karlsruhe-Dammerstock mit-
gen " der Firma Krupp 1901 so- bestimmte. Daher läßt sich ebenso eine Tendenz dieser Zeit erklä-
ster der Weimarer Republik, Walther Rathenau, behandelte in sei-
wie deren Programme für Ar- ren, daß nämlich gerade die fortschrittlichen Kommunen ihre Bau-
nem 1918 erschienenen Buch „Zur Kritik der Zeit" in einem Kapitel beitersiedlungen. Die Möbel
die „Mechanisierung der Welt"; er vertraute dabei auf „die An- wurden auf der. Industrie-, Ge- aufträge für Siedlungen, Altenheime, Schulen und andere öffentli-
wendung gleichartiger Denk- und Arbeitsformen", die „ Gleichför- werbe-, und Kunst-Ausstellung che Einrichtungen verstärkt Architekten des Neuen Bauens erteil-
migkeit der Arbeitszeit und Erholungsdauer" und „die Gleichwer- Düsseldorf 1902" gezeigt (noch ten. Denn gerade diese Architekten hatten sich mit den auftreten-
tigkeit der Einkommen" als Faktoren des mechanisierten Arbeits- Sonja Günther, Das Deutsche den Problemen der Wohnungsnot, den Planungen für Kleinwoh-
und Wirtschaftslebens, die letztlich zu gesellschaftlicher „ Homo- Heim, op.cit„ S. 69ff.). An den nungen und den Rationalisierungsmethoden bei der Bauarbeit in-
41 Siehe Anm . 36. 42
genität" und „übereinstimmenden Geistesdispositionen" der Be-
Diskussionen waren besonders tensiv und innovativ auseinandergesetzt.
38 beteiligt: Hermann Muthes1us 42 Vgl. z.B. die Planungen
völkerung führten. Genährt wurde diese Technikgläubigkeit auch (für die Mechanisierung) und von Otto Haesler für die Sied-
von den Erlebnissen des Ersten Weltkrieges, in dem man die Kraft, Henry van de Velde (für die lung Celle-Italienischer Garten
die Macht und das Zerstörungspotential der neuesten Maschinen Aufwertung des (Kunst-)Hand- 1924/25 bzw. Celle-Georgs-
(z.B. durch den Einsatz von Panzern und Kriegsflugzeugen) erlebt werks), die die beiden Extrem- garten 1926/27 oder von Wal-
ter Gropius für Dessau-Törten
hatte, und nun hoffte, dieses Potential einer friedlichen Nutzung zu- positionen innerhalb des Werk-
1926 sowie ab 1925 die Ent-
führen zu können. Gleichzeitig wurde diese Haltung von Entwick- bundes vertraten, wie sie auf
der Werkbund-Tagung 1914 in wicklung der Siedlungen des Erschließung des Geländes und Ausschreibung des
lungen in den U.S.A. beeinflußt, wo industrielle wie Ford und Wis- „ Neuen Frankfurt" unter Stadt-
Köln kulminierten. Wettbewerbs für Ka rlsruhe- Dammerstock
senschaftler wie Taylor wirtschaftlichen und gesellschaftlichen 38 Vgl. Walther Rathenou baurat Ernst May und beson-
Fortschritt durch industrielle Rationalisierungsmethoden und Tech- Gesamtausgabe. Hrsg. v. ders die Erfindung der „Frank-
Am 21. Juni 1928 beschloß der Karlsruher Stadtrat die Erschließung
nokratie propagierten. 39 Hans-Dieter Heilige und Ernst
furter Küche" durch Grete
Schütte-Lihotzky 1926. des Dammerstock-Geländes „ für die Bebauung mit Klein- und Mit-
1922 gründete die Weimarer Reichsregierung einen „ Reichsnor- Schulin München 1977, S. 59. telwohnungen durch Straßen, Kanäle und Versorgungsleitun-
menausschuß", der um die Klärung von Fragen der Rationalisie- 39 V~I. Charles Maier, Zwi- 43 Protokoll Nr. 21 zum
Stadtratsbeschluß vom gen. "43
rung und Normierung auf industriellem und vor allem bautechni- schen Taylorismus und Techno-
21.6.1928 in der Akte l /H.Reg. Wie aus der nachfolgenden Begründung des Beschlusses her-
kratie. Gesellschaftspolitik im 44
schem Gebiet bemüht war. 1926 entwickelte sich daraus die A 1363, Stadtarchiv Karlsruhe. vorgeht, hatte das städtische Tiefbauamt „bereits seit Monaten"
Zeichen industrieller Rationali-
„Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und tät in den Zwanziger Jahren in 44 Ebenda.
an einem Aufschließungsplan für das seit der Eingemeindung des
Wohnungswesen", der ein Haushalt von 10 Millionen RM zur Ver- Europa, in: Michael Stürmer 45 Aus städtischen Akten
geht hervor, daß das Gelände
Vorortes Rüppur 1907 in städtischem Besitz befindliche Gelände
fügung stand, um entsprechende Bauvorhaben vor allem im Woh- (Hrsg.), Die Weimarer Repu- gearbeitet45 und „Plangrundlagen für eine neuzeitliche Muster-
bis 1927 an Privat verpachtet
nungsbau zu fördern. 40 blik. Belagerte Civitas, Konig- siedlung"46 erstellt.
worden war. Der Pächter hatte
Die Frage der Rationalisierung rückte nun auch in den Mittel- stein/Ts. 1985, S. 188-206 sowie eine Entschädigung von 17 000 Die von den städtischen Mitarbeitern projektierte Bebauungs-
punkt des Interesses der Städte und kommunalen Wohnungsbau- Anm. 296. . RM nach Kündigung des Pacht- weise beschrieb Schneider in der Begründung: „Es wird vorge-
40 Vgl. die Angaben. bei
gesellschaften. Der Deutsche Städtetag mit Sitz in Berlin startete zu vertrags durch die Stadt erhal- schlagen, zur Aufteilung des ganzen 14,3 ha umfassenden Blocks
Barbara Miller Lane, op.cit„ S. ten. Vgl. Protokoll Nr. 21 zum
ihrer Klärung im Sommer 1927 eine Umfrage an seine Mitglieds- 208 und den Aufsatz von außer den umgebenden Randstraßen nur noch eine einzige, für die
Stadtratsbeschluß vom
städte über 100000 Einwohner, zu denen auch Karlsruhe zählte. In Mechthild Stratmann, Woh- Aufnahme großer und schwerer Fahrzeuge befestigte Straße, im
22.6.1928 in Akte l /H.Reg. A
dem Schreiben hieß es: nungsbaupolitik in der Weima- übrigen nur schmale und leicht befestigte Wege anzulegen und da-
1363, Stadtarchiv Karlsruhe.
„Auf dem Gebiet der Rationalisierung des Wohnungsbaues sind rer Republik, op.cit„ S. 40· 49 · 46 Ebenda. durch die zu erstellenden Häuser bei verhäl tnismäßig großer Be-
und werden ständig von den verschiedenen grösseren Städten Stratmann gibt darin einen kur-
17
16
35 Barbara Miller Lane, Ar- zen, aber umfassenden Über- praktische Erfahrungen bedeutsame r Art gemacht, die sich sowohl
zu etwa 15 % versteuert werden. „Der größte Teil dieser Steuerein-
chitecture and Palitics in Ger- blick über staatliche Maßnah- beziehen auf die Frage der Typisierung der Baukörper, Normali-
nahmen wurde zu sehr günstigen Bedingungen an die Wohnungs-
many 1918-1945, Cambridge/ men zur Verbesserung der sierung [d.h. Normierung , Anm . d. Verf.] der Bauteile, zweckmässi-
baugesellsch aften verliehen, deren Tätigkeit von den Wohnungs- Wohnsituation in der Weimarer
Mass. 1968; zitiert nach der ger Baustofferze ugung usw., wie auch auf die Frage wirtschaftli-
fürsorgegese llschaften oder (wenn es diese nicht gab) von städti- deutschen Ausgabe Braun- Republik. Auch Angela Schu-
35 cher Beschaffung , Aufschliessung und Ausnutzung des Baugelän-
schen Bauverwaltu ngen überwacht wurde. " Die Stadt Frankfurt schweig/Wies baden 1986, S. macher gibt in ihrer Disserta-
des. Der Städtetag beabsichtigt , wertvolle und zuverlässige Erfah-
beispielswei se finanzierte mit Hilfe dieser Steuer einen Teil der 95. tion (op.cit.) einen zusammen-
36 Sa der Titel einer Umfra- fassenden Überblick zur Woh- rungen dieser Art planmässig zu sammeln und im Gesamtintere sse
Städtischen Siedlungsba uten des Neuen Frankfurt.
ge des Deutschen Städtetages nungsbaupolit ik; insbesondere aller Städte auszuwerten . Im Vordergrund steht dabei die Absicht,
Parallel zum Problem der Finanzierung öffentlicher Wohnungs-
vom 29.7.1927 /Dokument in zur Arbeit der RFG. Doppelarbe it und unnütze Wiederholun g von Versuchen möglichst
bauprojekte entstand die Frage nach den Möglichkeite n der „Ra-
36 der Akte l/H .Reg . A 1010 im auszuschalte n und die Rationalisier ungsbestreb ungen der ver-
tionalisierun g des Wohnungsb aues" , die auch bei den Planungen Stadtarchiv Karlsruhe. schiedenen Stellen zusammenfassend und ausgleichend zu beein-
für die Dammerstoc ksiedlung von Beginn an von größter Bedeu- 37 Vgl. z.B. die „Volksthüm- flussen. "41
tung war. liche Ausstellung für Haus und
Deutlich wird in diesem Schreiben der nach wie vor experimen-
Schon seit Anfang des Jahrhunderts diskutierte man die Frage Herd" 1899 in Dresden oder
telle Charakter, der den Normierungsversuchen der Architekten
der zunehmende n Mechanisier ung des Handwerks vonseiten eini- den Wettbewerb um die „Erlan-
und der Bauwirtscha ft zugrunde lag und der auch die Wettbe-
ger Künstler, Architekten und industrieller, sowie ab 1907 inner- gung von Einrichtungsgegen-
7 ständen für Arbeiterwohnu n- werbsaussch reibung und Planung für Karlsruhe-D ammerstock mit-
halb des Deutschen Werkbundes .3 Auch der erste Wirtschaftsm ini-
gen" der Firma Krupp 1901 so- bestimmte. Daher läßt sich ebenso eine Tendenz dieser Zeit erklä-
ster der Weimarer Republik, Walther Rathenau, behandelte in sei-
wie deren Programme für Ar- ren, daß nämlich gerade die fortschrittlich en Kommunen ihre Bau-
nem 1918 erschienenen Buch „Zur Kritik der Zeit" in einem Kapitel beitersiedlung en . Die Möbel aufträge für Siedlungen, Altenheime, Schulen und andere öffentli-
die „Mechanisie rung der Welt"; er vertraute dabei auf „die An- wurden auf der „Industrie-, Ge-
che Einrichtunge n verstärkt Architekten des Neuen Bauens erteil-
wendung gleichartige r Denk- und Arbeitsform en", die „Gleichför- werbe-, und Kunst-Ausstellung
ten. Denn gerade diese Architekten hatten sich mit den auftreten-
migkeit der Arbeitszeit und Erholungsda uer" und „die Gleichwer- Düsseldorf 1902" gezeigt (nach
den Problemen der Wohnungsno t, den Planungen für Kleinwoh-
tigkeit der Einkommen" als Faktoren des mechanisiert en Arbeits- Sonja Günther, Das Deutsche
Heim, op.cit., S. 69ff.). An den nungen und den Rationalisier ungsmethod en bei der Bauarbeit in-
und Wirtschaftsle bens, die letztlich zu gesellschaft licher „Homo- 42
Diskussionen waren besonders 41 Siehe Anm. 36. tensiv und innovativ auseinander gesetzt.
genität" und „übereinstim menden Geistesdispo sitionen" der Be- 42 Vgl. z.B. die Planungen
38 beteiligt: Hermann Muthesius
völkerung führten . Genährt wurde diese Technikgläu bigkeit auch (für die Mechanisierun g) und von Otto Haesler für die Sied-
von den Erlebnissen des Ersten Weltkrieges, in dem man die Kraft, Henry van de Velde (für die lung Celle-Italienisc her Garten
die Macht und das Zerstörungs potential der neuesten Maschinen Aufwertung des (Kunst-)Hand- 1924/25 bzw. Celle-Georgs-
(z.B. durch den Einsatz von Panzern und Kriegsflugze ugen) erlebt werks), die die beiden Extrem- garten 1926127 oder von Wal-
hatte, und nun hoffte, dieses Potential einer friedlichen Nutzung zu- positionen innerhalb des Werk- ter Gropius für Dessau-Törten
führen zu können . Gleichzeitig wurde diese Haltung von Entwick- bundes vertraten, 'f{ie sie auf 1926 sowie ab 1925 die Ent-
lungen in den U.S.A. beeinflußt, wo industrielle wie Ford und Wis-
der Werkbund-Tag ung 1914 in wicklung der Siedlungen des Erschließu ng des Geländes und Ausschreib ung des
Köln kulminierten . „ Neuen Frankfurt" unter Stadt- Wettbewer bs für Karlsruhe - Dammerst ock
senschaftler wie Taylor wirtschaftlich en und gesellschaftl ichen 38 Vgl. Walther Rathenau baurat Ernst May und beson-
Fortschritt durch industrielle Rationalisier ungsmethod en und Tech- Gesamtausgab e. Hrsg . v. ders die Erfindung der „ Frank-
nokratie propagierten .
39 Am 21. Juni 1928 beschloß der Karlsruher Stadtrat die Erschließung
Hans-Dieter Heilige und Ernst furter Küche" durch Grete
des Dammerstoc k-Geländes „ für die Bebauung mit Klein- und Mit-
1922 gründete die Weimarer Reichsregier ung einen „ Reichsnor- Schulin, München 1977, S. 59. Schütte-Lihotzky 1926.
43 Protokoll Nr. 21 zum telwohnunge n durch Straßen, Kanäle und Versorgungs leitun-
menausschu ß", der um die Klärung von Fragen der Rationalisie- 39 Vgl. Charles Maier, Zwi-
schen Taylorismus und Techno - Stadtratsbeschluß vom gen. „43
rung und Normierung auf industriellem und vor allem bautechni-
kratie. Gesellschaftsp olitik im 21.6.1928 in der Akte 1/H.Reg. Wie aus der nachfolgend en Begründung des Beschlusses her-
schem Gebiet bemüht war. 1926 entwickelte sich daraus die 44
Zeichen industrieller Rationali- A 1363, Stadtarchiv Karlsruhe. vorgeht, hatte das städtische Tiefbauamt „bereits seit Monaten"
„ Reichsforsch ungsgesellsc haft für Wirtschaftlic hkeit im Bau- und 44 Ebenda.
tät in den Zwanziger Jahren in an einem Aufschließun gsplan für das seit der Eingemeindu ng des
Wohnungsw esen", der ein Haushalt von 10 Millionen RM zur Ver- Europa, in: Michael Stürmer 45 Aus städtischen Akten
Vorortes Rüppur 1907 in städtischem Besitz befindliche Gelände
fügung stand, um entsprechen de Bauvorhabe n vor allem im Woh- (Hrsg.), Die Weimarer Repu- geht hervor, daß das Gelände
40 bis 1927 an Privat verpachtet
gearbeitet45 und „ Plangrundla gen für eine neuzeitliche Muster-
nungsbau zu fördern. blik. Belagerte Civitas, König-
worden war. Der Pächter hatte siedlung "46 erstellt.
Die Frage der Rationalisier ung rückte nun auch in den Mittel- stein/T s. 1985, S. 188-206 sowie
Anm . 296. eine Entschädigung von 17000 Die von den städtischen Mitarbeitern projektierte Bebauungs-
punkt des Interesses der Städte und kommunalen Wohnungsb au-
40 Vgl. die Angaben bei RM nach Kündigung des Pacht- weise beschrieb Schneider in der Begründung: „Es wird vorge-
gesellschafte n. Der Deutsche Städtetag mit Sitz in Berlin startete zu
Barbara Miller Lane, op.cit„ S. vertrags durch die Stadt erhal- schlagen, zur Aufteilung des ganzen 14,3 ha umfassenden Blocks
ihrer Klärung im Sommer 1927 eine Umfrage an seine Mitglieds- ten. Vgl. Protokoll Nr. 21 zum
208 und den Aufsatz von außer den umgebenden Randstraßen nur noch eine einzige, für die
städte über 100000 Einwohner, zu denen auch Karlsruhe zählte. In Mechthild Stratmann, Woh- Stadtratsbeschluß vom
Aufnahme großer und schwerer Fahrzeuge befestigte Straße, im
dem Schreiben hieß es: nungsbaupolit ik in der Weima- 22.6.1928 in Akte l/H.Reg. A
übrigen nur schmale und leicht befestigte Wege anzulegen und da-
„Auf dem Gebiet der Rationalisier ung des Wohnungsba ues sind rer Republik, op.cit., S. 40-49. 1363, Stadtarchiv Karlsruhe.
46 Ebenda. durch die zu erstellenden Häuser bei verhältnismä ßig großer Be-
und werden ständig von den verschiedene n grösseren Städten Stratmann gibt darin einen kur-
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bauungsdichte und recht niedrigen Aufschließungskosten dem Mit diesen Anforderungen stellten sich die Initiatoren des Karls-
Lärm und Staub der Verkehrsstraße weitgehend zu entziehen. Ins- ruher Wettbewerbes in eine Linie mit den damals aktuellsten Ten-
gesamt wird der Baublock etwa 800 Wohnunge~ 1 .zum T~il .'.n v.ier-, denzen des Neuen Bauens, nämlich des konsequenten Zeilenbaues
drei- und zweistöckigen Mietshäusern, zum Ted in zwe1stock1gen von Siedlungen in Nord-Südrichtung, der eine ausgeglichene Be-
47 sonnung der Schlaf- und Wohnräume mit Licht von Osten (mor-
Einfamilienhäusern, aufnehmen können. " Des weiteren wurden
die Pläne für einen Wettbewerb erwähnt und die Möglichkeit, „ei- gens) und Westen (nachmittags und abends) ermöglichte. Mit Blick
nen Teil des Baublocks nach Fertigstellung im Sommer 1929 zum auf die katastrophalen hygienischen Zustände in vielen Stadtwoh-
Gegenstan de einer · Ausste 11 ung zu mac hen. "48 nungen, die oft durch Feuchtigkeit sowie schlechte Beleuchtung
Erklärtes Ziel war die Wirtschaftlichkeit der Bauten, bei „woh- und Belüftung verursacht waren, favorisierten einige Architekten,
nungskulturell"49 befriedigender Ausstattung der Wohnungen. Er- z.B. Otto Haesler und Wilhelm Schwagenscheidt, diese Bebau-
strebt wurden „Baukosten, die niedriger sind als die in den letzten ungsform. Zugleich bedeutete der Zeilenbau auch ein Ende der
Jahren üblichen Durchschnittskosten der Klein- und Mittelwohnun- Hierarchisierung von Wohnungen innerhalb eines Baublocks. Alle
gen. "50 Bewohner konnten, abgesehen von den Typenunterschieden im
Die endgültige Ausschreibung des Wettbewerbs erfolgte am 26. einzelnen, die gleichen Wohnbedingungen vorfinden. So lassen
Juli 1928. Dort wurden die schon in der Begründung des Stadtrats- sich diese Wettbewerbsbedingungen und die damit verbundene
beschlusses vom 24. Mai 1928 angelegten Ziele wiederaufgenom- verbindliche Bauweise auch als eine politische Äußerung begrei-
men.51 fen.
Als Nutzflächen wurden für drei verschiedene Wohnungstypen Die Zielgruppe der späteren Mieter und Mieterinnen wurde in
Quadratmetergrößen von 45 qm, 57 qm und 70 qm vorgeschrieben. der Ausschreibung als „Masse der Bevölkerung" definiert; ein
Bei diesen Vorgaben orientierte man sich an den von der „Reichs- übergreifender Begriff, der eine gewisse Nivellierunq der sozialen
6
Unterschiede innerhalb der Gesellschaft einschließt.3' Obwohl die
forschungsgesellschaft" vorgegebenen Richtlinien, die an den Ein- 57
52 Siedlung heute in der Literatur oft als „Arbeitersiedlung" be-
kommen der späteren Mieter orientiert waren. Die Ausschrei-
zeichnet wird, hat eine solche konkrete Benennung einer späteren
bung enthielt weiterhin genaue Angaben über die Ausstattung der
Zielgruppe in den Wettbewerbsunterlagen nicht stattgefunden.
Wohnungen (unterteilt in Küche, Essen und Wohnen, Schlafen, Wa-
Was unter dem Begriff der „Masse der Bevölkerung" verstanden
schen und Reinigen, Aufbewahrung von Lebensmitteln und Brenn-
werden konnte, definierte Bürgermeister Schneider in seinem Vor-
stoffen sowie Abstellräume) und die Größe der einzelnen Zimmer.
trag „ Wohnungsbau 1928" und der Begründung zur Stadtratssit-
Die Küche sollte beispielsweise „nicht unter 5qm bei Typ 1 und nicht
53 zung vom 24.5.1928, in der die Finanzvorlage zum Wohnungsbau
unter 6qm bei Typ II und III" einnehmen.
1928 genehmigt wurde. Darin subsumierte er unter diesem Begriff
Die zweite Aufgabe bestand für die Architekten darin, einen Be-
die „Minderbemittelten", zu denen er „Arbeiter und kleine Beamte
bauungsplan mit Gesamtkonzept für das Areal Dammerstock zu
47 Ebenda. und Angestellte" zählte, für die es nötig sei, bezahlbare Kleinwoh-
entwickeln. Auch dafür wurden den Teilnehmern verbindliche Vor- 58
48 Ebenda. nungen zu erstellen.
gaben gemacht. Mehrstöckige Mietshäuser sollten nicht höher als 49 Ebenda. Anhand der in der Ausschreibung vorgesehenen Planung für
viergeschossig sein und höchstens 1/4 bis 1/5 des Bebauungsge- 50 Ebenda. „bescheidene Landhäuser" und „einige Einfamilienhäuser" läßt
bietes beanspruchen, der Rest des Geländes war der Bebauung mit 51 Vgl. Anm. 45.
sich erkennen, daß die Stadt nicht den Bau eines reinen Arbeiter-
Einfamilienhäusern vorbehalten. 52 Vgl. Angela Schumachers
Beschreibung der Arbeit und viertels anstrebte, sondern sich aus den späteren Bewohnern der
„ Bei der hierauf vorzunehmenden Aufteilung des Geländes ist
der Richtlinien der RFG, in: 56 Zum Begriff der „Masse" verschiedenen Häuser und Wohnungen eine gemischte Bevölke-
~(etwa an den beiden Randstraßen entlang dem Albufer) noch Platz vgl. Siegfried Krocauer, Das
dies., op.cit„ S. 78-83, beson- rungsstruktur ergeben sollte.
freizulassen für einige Gruppen-, Doppel- oder auch Einzelhäuser ders die Anmerkungen 182 und Ornament der Masse, Frank- Schließlich wurde in den Wettbewerbsunterlagen erneut auf die
als bescheidene Landhäuser, die über Mittelwohnungen nicht we- 183 und vor allem E. Weber, furt o.M. 1963 und Markus Ber-
Möglichkeit einer Ausstellung verwiesen: „Im Hinblick auf die
sentlich hinausgehen, ferner für eine kleine Kirche, die ihrer Lage Die Reichsforschungsgesell- nauer, Die Ästhetik der Masse,
Basel 1990 (zu Karlsruhe-Dam-
möglicherweise mit der Bebauung des Wettbewerbsgebiets zu ver-
nach sowohl den Dammerstock als auch das Weiherfeld bedienen schaft für Wirtschaftlichkeit im bindende Ausstellung 'Die Volkswohnung' hat der Bewerber in den
Bau und Wohnungswesen e.V. merstock S. 151 ff.).
kann (etwa Nordwestecke des Gebietes), schließlich noch für etwa Plänen l: l 000 ungefähr l /3 des Gebiets zu bezeichnen, welches
Ihr Werden und ihre Ziele, in: 57 Vgl. beispielsweise Lise-
l 0 Läden und Kleingewerbebetriebe nebst den zugehörigen Woh- latte Ungers, op.cit. (im Kapitel seines Erachtens unter Wahrung des Gesichtspunktes, dass jede
Stein/Holz/Eisen, 41. Jahr-
nungen. Die Gestaltung dieser besonderen Bauten liegt aber au- „Arbeitersiedlungen", S. 132). der 3 Wohnungstypen im Einfamilien- und Stockwerkshaus gezeigt
gang, 42/1927, S. 953-960.
ßerhalb des Rahmens des Wettbewerbs. " 54 53 Wettbewerbsunterlagen, 58 Stadtratsbeschluß Nr. 20 werden kann, als Ausstellungsobjekt sich eignet. Es ist selbstver-
Außerdem heißt es: „ Bei der Aufteilung ist weiter zu beachten, vom 24.5.1928, Karlsruhe, den
op.cit„ S. 5, (Anm. 24). ständlich erwünscht, dass dieser Teil der Siedlung einigermassen
daß sowohl die Mehrfamilienhäuser als auch die zeilenartig anzu- 1.6.1928; im Stadtarchiv Karls-
54 Wettbewerbsunterlagen, ein geschlossenes Bild aufweist, diesem Gedanken dürfen indes
ruhe in der Akte H.Reg. A. 1363.
ordnenden Einfamilienhäuser in ihrer Längsausdehnung tunlichst op.cit„ S. 8, (Anm. 24). führende Gesichtspunkte der Gesamtaufteilung des Blocks in kei-
59 Wettbewerbsunterlagen, 59
Nord-Südrichtung erhalten, sodaß sie Ost-Westbesonnung erhal- 55 Wettbewerbsunterlagen,
op.cit. (Anm. 24), S. l 0. ner Weise geopfert werden. "
ten können. " 55 op.cit„ S. 10, (Anm. 24).
19
18
Die Ausschreibung des Wettbewerbs war örtlich auf Karlsruhe Prämierung und Ausstellung der Wettbewerbsergeb-
beschränkt. Zur freien Teilnahme waren alle ortsansässigen Archi- nisse
tekten berechtigt sowie acht zusätzlich eingeladene Fachleute,
nämlich Richard Döcker (Stuttgart), Walter Gropius (Berlin), Otto Einlieferungstermin für die Arbeiten war der 13. Oktober 1928. Ins-
Haesler (Celle), Hans Herkommer (Stuttgart), Paul Mebes (Berlin), gesamt fünf Preise und 3 Ankäufe standen zur Disposition; die
J.J.P. Oud (Rotterdam), Franz Roeckle (Frankfurt) und Max Schme- Stadt hatte 18100 RM an Preisgeldern zur Verfügung gestellt. Der
chel (Mannheim). Auch die Art der halboffenen Ausschreibung erste Preis wurde mit 5000 RM dotiert, der zweite Preis mit 3500 RM,
machte die Zielsetzung der Wettbewerbsinitiatoren deutlich. Ent- der dritte Preis mit 2500 RM, der vierte und fünfte Preis sollten je-
1 stehen sollte keine Versuchssiedlung des internationalen Neuen
weils 2000 bzw. 1500 RM erhalten. Für die drei Ankäufe wurden je
Bauens wie 1927 in Stuttgart-Weißenhof, entscheidend war viel- 1200 RM ausgelobt. 64
mehr der Gebrauchswert der Wohnungen für Familien der mittle- Am Schluß der Ausschreibung waren die weiteren Termine fest-
ren und unteren Einkommensschichten. Mit dem eingeschränkten gesetzt:
Wettbewerb wurde versucht, die Innovation des Neuen Bauens mit „ Das Preisgericht tritt spätestens bis zum 15. November 1928 zu-
einem regionalen Schwerpunkt zu verbinden. Dies kam auch in den sammen. Sein Urteil wird schriftlich niedergelegt; jeder Bewerber
Ankaufsgarantien der Stadt zum Ausdruck: „Wenn von den Aus- erhält hiervon eine Ausfertigung. Nach erfolgtem Spruch des Preis-
zeichnungen nicht mindestens 4 auf Karlsruher Teilnehmer fallen, gerichts werden die eingereichten Arbeiten auf die Dauer von min-
65
ist die Stadt bereit, die unterschiedliche Anzahl Karlsruher Arbeiten destens 8 Tagen öffentlich ausgestellt."
zum Betrage von je 1000 RM anzukaufen, sodass in jedem Falle Fristgerecht eingereicht wurden 43 Entwürfe. Neben den acht
60 64 Wettbewerbsunterlogen, Prämierungen sprach man noch drei lobende Erwähnungen aus.
mindestens 4 Karlsruher Teilnehmer eine Vergütung bekommen. "
Der innovative Charakter der Ausschreibung läßt sich an den zu- op.cit. (Anm. 24), S. 14. Die offiziell zur Beteiligung eingeladenen Architekten Oud (Rotter-
sätzlich eingeladenen Architekten erkennen, von denen fünf (Dök-
65 Ebenda, S. 16. dam), Döcker (Stuttgart), Schmechel (Mannheim) hatten von ihrer
66 Gründe sind hierfür nicht 66
ker, Haesler, Gropius, Oud, Roeckle) ausdrückliche Vertreter des Beteiligung am Wettbewerb abgesehen. Die Stadt Karlsruhe rief
bekannt. daher zusätzlich die Kölner Vertreter des Neuen Bauens, Walter
Neuen Bauens waren. Allerdings stand nicht so sehr die Form der 67 Nach Angaben der Karls-
Riphahn und Caspar Maria Grod, die ein gemeinsames Architek-
zukünftigen Gebäude im Vordergrund des Wettbewerbs, als viel- ruher Zeitung, Nr. 291 vom
mehr der Auftrag, bei möglichst geringen Kosten für die Mehrheit 12.12.1928. In einem Zwischen- turbüro unterhielten, zur Teilnahme auf.
bericht zu den Arbeiten am Den ersten Preis erhielt Walter Gropius, dessen Lageplan in Ver-
der Bevölkerung erschwingliche Wohnungen zu bauen. „Es wird
Dammerstock wurden in der bindung mit den einzelnen Wohnungstypen offenbar am meisten
ausdrücklich betont, dass der Wettbewerb nicht etwa besondere
Zeitschrift „Stein/Holz/Eisen" überzeugt hatte. Der zweite Preis wurde Otto Haesler zugespro-
Konstruktionen oder Ausdrucksformen für die Wohngebäude zum (26/1929, S. 405) nochmals olle chen, auf dessen Lage- und Bebauungsplan am konsequentesten
Gegenstand hat, sondern die wirtschaftliche Gestaltung der Woh- beteiligten Architekten ge- das Konzept der Nord-Süd-Zeilen angewandt war. Der dritte Preis
nung. Konstruktion und Form sollen nicht Selbstzweck, sondern nannt: „Aus Karlsruhe: Fischer,
wurde mehrfach vergeben, nämlich an das zusätzlich eingeladene
Mittel sein. " 63 Lochstampfer, Merz, Rösiger,
Rössl er/ Auswärtige: Gropius- Architektenteam Riphahn & Grod aus Köln, an das Karlsruher Ge-
Als Preisrichter wurden der Oberbürgermeister von Karlsruhe,
Berlin, Haesler-Celle, Riphahn- meinschaftsprojekt von Wilhelm Lochstampfer und Paul Schmitt, an
Dr. Julius Finter als Vorsitzender sowie Dr.Ing. Roman Heiligenthal
Köln, Roeckle-Frankfurt a.M.". den Karlsruher Architekten Karl Fritz sowie an den Karlsruher Ar-
(Oberbaurat a.D. und Professor an der TH Karlsruhe), Ernst May
Die Karlsruher Architekten Fritz chitekten Hans-Detlev Rösiger. 67 Mit einem Ankauf ausgezeichnet
(Stadtbaurat, Frankfurt), Ludwig Mies van der Rohe (Architekt, Ber- und Pflästerer werden darin wurden die Karlsruher Fischer und Merz, daneben Franz Roeckle
lin), Paul Schmitthenner (Professor an der TH Stuttgart) und Otto nicht mehr erwähnt, statt dessen aus Frankfurt und der Architekt Pflästerer aus Karlsruhe. Die Archi-
Völckers (Architekt und Herausgeber der Zeitschrift „Stein - Holz- jedoch die Beteiligung des
tekten Mebes und Emmerich, Freese sowie Herkommer wurden lo-
Eisen", München) benannt. Als Ersatzpreisrichter setzte man Bür- Karlsruhers Rössl er. In der glei-
bend erwähnt (Abb. 3). Durch die zusätzliche Prämierung einer Ar-
germeister Dipl.Ing. Hermann Schneider, Paul Bonatz (Professor chen Zeitschrift wurde in Heft
48/1928 erklärt, daß Stadtbau- beit verschoben sich die Dotierungen der Preise geringfügig: Der
an der TH Stutt~art) und Bruno Taut (Stadtbaurat a.D. und Archi- erste Preis erhielt statt 5000 nur noch 4500 RM, damit die dritten
rat Pflästerer als städtischer Be-
tekt, Berlin) ein. 2 Mit May, Mies van der Rohe und Völckers waren amter „von der Preiszuteilung Preise einheitlich mit 2000 RM prämiert werden konnten.
68
bedeutende Vertreter des .~euen Bauens auch im Preisgericht ver- zurücktreten mußte", offenbar Wie in der Ausschreibung angekündigt, folgte auf die Prämie-
treten, hatten jedoch kein Ubergewicht gegenüber den anderen Ju- wurde er durch Rössler ersetzt. rung die Ausstellung der Wettbewerbsergebnisse für die Dauer
rymitgliedern. Zeitgenössische Quellen erwähnen zusätzlich als 68 In: Karlsruher Zeitung, von acht Tagen. Die ausgezeichneten Entwürfe wurden mit den je-
Preisrichter den Mannheimer Architekten Hermann Esch, der aber Nr. 272 vom 20.11.1928 in der
weiligen Beurteilungen der Wettbewerbs-Jury in der Städtischen
in den Wettbewerbsunterlagen nicht genannt wird. 63 60 Ebenda, S. 15.
Rubrik „Aus der Landeshaupt-
Ausstellungshalle vom 25.11. bis 2.12.1928 bei freiem Eintritt prä-
stadt".
Für die Vorauswahl der eingereichten Arbeiten wurden Stadt- 61 Ebenda, S. 13. 69 Ebenda. sentiert.69
baudirektor Beichel (Städt. Hochbauamt), Stadtbaudirektor Bron- 62 Ebenda, S. 14.
ner (Städt. Tiefbauamt) und Stadtoberbaurat Dr. Dommer (Städt. 63 Vgl. den Artikel in Stein/
Hauptverwaltung) bestimmt. Holz/Eisen, 34/1928, S. 633.
21
20
70 Vgl. S. 146.

JU~iijij@fü~1 1
Erarbeitung eines endgültigen Bebauungsplanes

.
71 In der Beilage „ Der Dam-
merslack ", die als Sonderbei-
lage zum Karlsruher Tagblatt Der Wettbewerbssieger Walter Gropius erhielt Ende des Jahres
1
~), anläßlich der Eröffnung der 1928 den Auftrag, einen endgültigen Bebauungsplan für den Dam-

fl
11111111111111
1 Ausstellung am 29.9.1929 er- merstock zu erarbeiten . Gleichzeitig wurde er zum künstlerischen
!, \ 111111111111111 1 schien, wird auf Seile 6 aus - Oberleiter des Bauprojektes ernannt. Man war mittlerweile zu der
1
., ~ ·l!lllllllllll f t ./ drücklich auf diese Zusammen-
arbeit verwiesen . Sowohl An-
Überzeugung gelangt, daß das Gelände nicht einfach nach dem
-,,~l!l\ll 11 / Plan des ersten Preisträgers bebaut werden sollte. Statt dessen
r • •

' \~
--- \\ gela Schumacher als auch Cra-
wurde ein Gemeinschaftsprojekt der ausgezeichneten Pläne favo-
mer/ Gutschow vertreten in ih-
1 -:::;:_;;-, \ ren Arbeiten (op.cit.) d ieselbe risiert. Wer die Idee zu dieser Zusammenarbeit formulierte, ist nicht
r.111s.011.\rStn. r m1s. Auffassung . mehr genau nachzuvollziehen. Deutlich ist bei der Vorgehensweise
jedoch die Anlehnung an die Planungen zur Weißenhof-Siedlung in
Stuttgart 1927, die ja von vorneherein als Gemeinschaftsunterneh-
mung unter der Oberleitung von Mies van der Rohe und der Ägide
des Deutschen Werkbundes errichtet wurde . Sowohl durch Mies'
als auch durch Gropius' Beteiligung an beiden Projekten ergeben
sich dazu Verbindungen. 70
Der Lageplan zum Dammerstock ist ein Resultat der Zusammen- 1
arbeit der Architekten Gropius und Haesler71 (Abb. 4) . Nachdem
der Haeslersche Beitrag zur Bebauung des Geländes in strengen
Nord-Süd -Zeilen schon von der Jury im Wettbewerb als der konse-
quenteste angesehen worden war und Gropius vor allem wegen
seiner Typen für die einzelnen Wohnungen überzeugen konnte,
\ J. lr-n . U I SCHE~ . AN ~ ~Uf. war eine enge Zusammenarbeit in dieser Frage naheliegend. In
seiner Darstellung der Preisrichterarbeit am Beispiel des Dammer-
stock-Wettbewerbs schrieb Guido Harbers 1929: „In diesem Falle

1nnnn~1
t\.\ \\\\\\ \)
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Jll. ~!J 1\. Tll fR llZ
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lt lf-2~ f11 QOECKLf !.NHUF VJ1I N!A 'II.~ ROPI US I . l'RfJS. ·


4 Endgültiger Bebauungsplan
für das Dammerstock-Gelände
mit Markierung des ersten Bau-
3 Übersicht der prämierten Wettbewerbsentwürfe (in der zweiten Spalte muß es statt II., V. heißen) abschnitts in schwarz

22 23
hat wohl Haeslers Auffassung den Vorzug, zumal sein Entwurf
ganz besondere formale Qualitäten gewinnt durch .. die ko~se­ und fungierten ~ls eine Art Schutzschild für die Einfamilienhaus-Be- /
quente J\nwendung bestimmter hygienisc~.er (Staub-, L~rm-, Win.d- bauung, der Larm und Staub vom Kern der Siedlung fernhalten
schutz, Offnung und Orientierung nach Sud und Nord 1m Bl.ock1~­ sollte. Die großzügigen Grünflächen im Bereich der Mehrfamilien-
neren} und wirtschaftlicher Grundsätze (rationelles Arbeiten in häuser waren bei Gropius, aber auch bei Mebes und Emmerich,
gleicher Richtung, in gleich breiten Lamellen, Haustiefe ~arten­ bereits angelegt; sie bildeten das Pendant zu den Kleingärten der
breite, Straßenbreite und in gleicher Länge). Der erste Preis ran- Einfamilienreihenhäuser. Die Erschließung dieser Zeilen wurde
giert hier etwa an achter Stelle. [ ... ] Die Untersuchung. der ersten durch doppelseitig bebaute Wohnwege mit großzügigen Vorgär-
Hauptgrupre (Lageplan) führt uns auf Haeslers Arbeit als beste ten an der Eingangsseite der Häuser und verkleinerten Nutzgärten
Leistung .« 7 (Abb. 3.1) auf der Gartenseite gewährleistet. Diese Lösung stellte wiederum
Gropius hatte in seinem Lageplan die Häuserzeilen jeweils eine Kombination von einseitig bebauten Wohnwegen im Bereich
paarweise gebündelt an einem Wohnweg zusammengefaßt (Abb. der Einfamilienreihenhäuser bei Haeslers Entwurf mit der doppel-
3.Vlll) . Die Nutzgärten hinter dem Haus hätten so zwar mehr Raum seitigen Bebauung, wie sie Gropius vorschwebte, dar. Die Grund-
erhalten, die Straßenseiten der Häuser wären sich jedoch unmittel- stücke wurden mittig mit Einfamilienhausreihen bebaut, so daß sich
bar gegenübergestanden, was zu einer hohen Bebauungsdichte immer der gleiche Abstand von Haus zu Wohnweg und von Haus
direkt an den Wohnwegen geführt hätte. Zudem hatte Gropius der zu gegenüberliegendem Nachbargarten ergab. Diese Bebauungs-
Anlage noch einen zentralen Platz hinzugefügt, dem er wohl eine 1 form garantierte gleichmäßige Besonnung, eine erhöhte Wohn-
Mittelpunktsfunktion innerhalb der Siedlung zugedacht hatte, des- r ruhe und vermittelte mehr Großzügigkeit und Naturnähe.
sen bauliche Anlage auf dem Plan jedoch sehr unmotiviert er- Zugunsten einer aufgelockerten Bebauung mit verschiedenen
scheint, weil eine raumbildende Umbauung des Platzes völlig fehlt. Typen und wahrscheinlich auch wegen der Pläne für eine Ausstel-
Um die Zeilen in ihrer Linearität aufzulockern, wurde die Siedlung lung des ersten Bauabschnittes wurden bei den einzelnen Haus-
auf seinem Wettbewerbsbeitrag durch zwei ost-westlich verlau- und Wohnungstypen die prämierten Wettbewerbsergebnisse der
fende Straßen erschlossen, so daß das Baugelände von Norden neun anderen Architekten bzw. Gruppierungen miteinbezogen.73
nach Süden in drei Abschnitte aufgeteilt wurde . An diesen Straßen Innerhalb des ersten Abschnitts entstanden 228 Wohnungen mit 23
versetzte er die projektierten Zeilen jeweils um eine Zeilenbreite Wohnungstypen, insgesamt hatte man die Errichtung von 750 Woh-
nach Westen . Dadurch entstand nicht der Eindruck von endlos nungen projektiert. Gropius legte in seiner Funktion als künstleri-
durchlaufenden Zeilenbändern. Haesler dagegen hatte drei ost- scher Oberleiter einheitliche Richtlinien für die Außengestaltung
westlich verlaufende Erschließungsstraßen geplant, die die Zeilen der Gebäude fest. „die von der oberleitung gemeinsam mit allen
einfach rechtwinklig durchschnitten. mitarbeitern aufgestellten richtlinien forderten für sämtliche bau-
Der endgültige Lageplan (Abb. 4 und 12) verband schließlich ten: gleich große fensterelemente, flaches dach, gleiche gesimslö-
das System der zwei ost-westlichen Erschließungsstraßen mit den sung, weißen fassadenputz mit grauen socke In, einheitliche gärten
fast ununterbrochenen Nord-Süd-Zeilen . Auf den Bau eines Platzes und glatte türen in eisenrahmen. " 74 Zum Bebauungsplan vermerkt
wurde ganz verzichtet. Gemeinschaftliche, öffentliche Räume soll- er im gleichen Aufsatz: „aus den ergebnissen des wettbewerbs für
ten nur im Bereich der Kirche (Nord-West-Ecke) und um die Laden- den dammerstock und auf grund sorgfältiger vergleichsweiser
gebäude entstehen, die an der Straße angeordnet waren, die die wirtschaftsberechnungen für die straßen- und berohrungskosten
ergab sich der der ausführung zugrunde gelegte bebauungs-
nördliche Begrenzung des Geländes bildete und gleichzeitig als plan. " 75
Zufahrtsstraße zur Ettlinger Allee auf der einen und zum Stadtteil
Weiherfeld auf der anderen Seite diente. Abweichend sowohl von
Gropius' als auch von Haeslers Entwurf war die Anordnung dieser
Läden, die wie abschließende Riegel vor die im Norden auslaufen-
73 Mit der Ausnahme, daß
den Zeilen geschoben wurden. Diese Art der aufgelockerten Rand-
an Stelle von Fritz und Pfläste-
bebauung fand sich bei den Plänen von Fritz (ein dritter Preis, Abb. rer Fritz Rössler, dessen Ent-
3.111) sowie bei Fischer & Merz (Ankauf, Abb. 11) und auch bei Me- würfe nicht prämiert worden Bau der Mustersiedlung 1929
bes und Emmerich (lobende Erwähnung, Abb. 3.VI) . In Anlehnung waren, beteiligt wurde.
an die Entwürfe von Gropius plante man zwei weitere nord-südlich 74 Walter Gropius, Bebau-
ungsplan und Wohnformen der In einer Zeitspanne zwischen sechs und neun Monaten wurde mit
verlaufende Erschließungsstraßen, die am Ostrand der Siedlung
Dammerstock-Siedlung, in: Beginn des Jahres 1929, nach der endgültigen Erstellung eines Be-
die Zufahrt zu den Mehrfamilienhäusern bilden sollten und gleich-
Ausstellungskatalog Dammer- bauungsplanes, der erste Teil der Dammerstock-Siedlung, die so-
zeitig eine Verteilerfunktion zu den Ost-West-Straßen und den da- stock-Siedlung . Die Ge-
72 In: Der Baumeister, XXVII. genannte Mustersiedlung mit 228 Wohnungen und 23 verschiede-
von abzweigenden Wohnwegen erhielten . Die Mehrfamilienhäu- Jg., Heft 2, Februar 1929, S. 39- brauchswohnung, op.cit., S. 8. nen Wohnungstypen, gebaut. Drei gemeinnützige Baugesellschaf-
ser waren gleichzeitig als östlicher Abschluß der Siedlung gedacht 41. 75 Ebenda . ten, die sich die Bauherrenschaft teilten, ließen in ihrem Auftrag je-
24
25
6 Walter Gropius, Einfamilien-
reihenhäuser in Dessau-Tärten,
Typ: nSietä W , zweiter Bebau-
ungsabschnitt 7927

N.

t
l

5 Baufluchtenplan n Siedlung Dammerstack n erstellt vom städtischen Tiefbauamt, Februar 1929, Maßstab 1: 1000,
85,5 x 81,5 cm. Die Ziffern markieren die Baugruppen, die farbliche Kennzeichnung gilt den verschiedenen Bauge-
nossenschaften: Gemeinnützige Baugenossenschaft Hardtwaldsiedlung (rosa), Heimat A. G. (gelb), Volkswoh-
nung gemeinnützige G.m.b.H. (blau)

weils eine unterschiedliche Anzahl von Häusern erstellen (Abb. 5) . 1 Walter Gropius, Wettbe-
76 Mit Ausnahme der Anteile, werbsentwurf für Einfamilien-
Die Stadt Karlsruhe griff also (wie bereits in Kapitel Erste Planun- die die Stadt an der „Volkswoh-
häuser der Dammerstocksied-
gen beschrieben) nicht direkt in das Baugeschehen und die Finan- nung G .m.b.H." hielt. lung, 7928
zierung der Siedlung ein 76 , obwohl sie ja den Wettbewerb zur Be- 77 Vgl. Ausstellungskatalog,
bauung des Dammerstock-Geländes ausgeschrieben hatte. Statt op.cit., S. 5-6.
dessen wurde das beschriebene Karlsruher System der Wohnungs- 78 Vgl. die Darstellung des
Typs „Sietö II " im ersten Teil des
baufinanzierung zur Unterstützung der Bauherren eingesetzt. Die
Werkverzeichnisses von Hartmut
Stadt behielt aber innerhalb der Gesamtkonzeption von Siedlung Probst und Christian Schädlich, merstock ordneten sich dagegen stärker den erarbeiteten Gestal-
79 Um Details dieser Abwei -
und Ausstellung ihren Einfluß durch die intensive Beteiligung städti- S. 103 und die Entwurfsabbildun- chungen genauer darzustellen, tungsrichtlinien und der Zeilenbauweise für die gesamte Siedlung
scher Beamter und den Vorsitz des Bürgermeisters am geschäfts- gen für Karlsruhe-Dammerstock benötigte es einer gesonderten unter. 79 (Abb. 6-9)
führenden und erweiterten Arbeitsausschuß .77 z.B. in: Wettbewerbe für Bau- Untersuchung, die den Rahmen Kleinster Bauträger innerhalb dieses Projektes war die „Heimat,
Die von den am Bau beteiligten Wettbewerbsteilnehmern kunst und Schwesterkünste. Mo- dieser Arbeit überschreiten
natsheft zur Deutschen Bauzei- Gemeinnützige Bau- und Siedlungs-AG.", die ihren Stammsitz in
schließlich ausgeführten Bauten wiesen zum Teil erhebliche Ab- würde und daher hier nicht ge-
tung, Nr. 1, Januar 1929, S. 1, in: leistet werden kann .
Berlin hatte und eine Zweigstelle in Frankfurt besaß. Aus dem Frank-
weichungen zu den Wettbewerbsentwürfen auf. Gropius z.B. hatte furter Umfeld war der Gesellschaft der Architekt Franz Roeckle be-
Stein/Holz/Eisen, 3/1929, S. 36 80 Vgl. o . Verf., Siedlung Am
sich bei den eingereichten Plänen für die Einfamilienreihenhäuser und 40 oder in: Die Form. Zeit- reits bekannt, der für die Genossenschaft die Siedlung „Am Ried-
Riedhof in Frankfurt a .M., in:
stark an seinen Entwürfen von 1927 für den Haustyp „Sietö II" in schrift für gestaltende Arbeit, 4. Stein/Holz/Eisen, 43. Jg., 1929, hof" 1928/29 in Frankfurt errichtet hatte 80 und nun auch am Dam-
Dessau-Törten orientiert. 78 Die errichteten Bauten für den Dam- Jahr, Heft 5, 1.3.1929, S. 124. Woche 1, S. 5ff. merstock für sie tätig wurde.

26 27
Roeckle baute hier für die „Heimat" sieben Vier- 81 Im Katalog zur Dammer-
familienreihenhäuser, sechs Vierfamilienhäuser und 16 Einfami- stock-Siedlung sind unter
lienreihenhäuser. Gruppe 16 neun zweigeschos-
sige Einfamilienreihenhäuser
Die „Gemeinnützige Baugenossenschaft Hardtwaldsiedlung
aufgeführt. Ausdrücklich wird
Karlsruhe e.G .m.b.H." ließ in ihrem Auftrag acht Baugruppen er- jedoch erwähnt, daß die
stellen, nämlich das zweigeschossige Fernheizwerk und Zentral - " Volkswohnung" Bauherrin
waschgebäude von Otto Haesler, zwei viergeschossige Achtfami- von lediglich acht dieser Häu-
lienhäuser von Otto Haesler, zwei viergeschossige Achtfamilien -
häuser von Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod . Weiterhin
zwei viergeschossige Achtfamilienhäuser sowie ein viergeschossi-
ges Laubenganghaus und acht zweistöckige Einfamilienreihen-
häuser, alle von Walter Gropius, sowie acht zweigeschossige Ein-
familienreihenhäuser von Wilhelm Lochstampfer und nochmals
acht zweigeschossige Einfamilienreihenhäuser von Hans-Detlev
Rösiger.
Für die unter städtischer Beteiligung entstandene „ Volkswoh-
nung, Gemeinnützige Gesellschaft m.b.H." baute Fritz Rößler acht
zweigeschossige Einfamilienreihenhäuser, wohingegen Alfred Fi-
8 Modifizierter und ausgeführ-
scher und Walter Merz sieben zweigeschossige Einfamilienreihen- ter Entwurf für Einfamilienrei-
häuser und fünf zweigeschossige Einfamilienreihenhäuser, Rip- henhäuser der Dammerstock-
hahn und Grod fünf zweigeschossige Zweifamilienreihenhäuser, siedlung, 7929

9 Walter Gropius, Modifizierter und ausgeführter Entwurf für Mehrfamilienhäuser der Dammerstocksiedlung
7929 I

Otto Haesler acht zweigeschossige Einfamilienreihenhäuser81 und


ser sei. Als Bauherr des nörd-
lichsten Hauses der Reihe ist die
weitere acht zweigeschossige Einfamilienreihenhäuser, Alfred Fi-
Stauß-Ziegelgewebe-Ver- scher zusätzlich eine eineinhalbgeschossige Einfamilienhaus-
kaufsgesellschaft m.b.H ., Kalt- gruppe (Doppelhaus mit Dachgarten) und schließlich Fritz Rößler
bus erwähnt. Dieses Haus war mit Walter Merz acht zweigeschossige Einfamilienreihenhäuser82
als Musterhaus für moderne errichteten.
Baustoffe für die Ausstellung Die Zeitschrift „Stein/Holz/Eisen" veröffentlichte einen Zwi-
gedacht und wurde in einer an- schenbericht der Arbeiten zum Dammerstock, in dem angekündigt
deren Bauweise ausgeführt als
wurde, daß „eine noch rechtzeitige Eröffnung des ersten Bauab-
die übrigen Häuser dieser Rei-
he. Zur Anwendung kamen bei schnitts als Ausstellung im Spätsommer" 83 gewährleistet sei.
dem Musterhaus die neuesten Bei der Baukonstruktion benutzte man bereits bekannte und er-
Produkte der Stauß-Ziegelge- probte Methoden. Anders als bei der Erstellung der Stuttgarter
webe-Verkaufsgesellschaft Weißenhofsiedlung (1927) ging es den Karlsruher Initiatoren, wie
„für Fußböden, Zwischenwän- in der Ausschreibung formuliert, weniger um die Präsentation
de, Decken und Dächer" (vgl. neuester Baumethoden im Rahmen einer Versuchssiedlung; viel-
Notiz in Stein/Holz/Eisen, 43.
mehr stand der „Gebrauchswert" der Häuser und Wohnungen im
Jg., 1929, Woche 31, S. 487) .
82 Alle Angaben entstam-
Vordergrund. Am innovativsten waren die Konstruktionsweisen,
men dem Ausstellungskatalog, die Otto Haesler, Walter Gropius, Riphahn und Grod sowie Franz
op.cit. Roeckle anwendeten. Sowohl bei den Mehrfamilienhäusern als
83 Ebenda. auch für die Einfamilienreihenhäuser benutzte Haesler „stahlske-

28 29
lettrahmen mit ziegelhohlsteinausmauerung" ; Gropius verwandte 84 Ebenda . 111. Die Siedlung als Ausstellung
„backsteinhohlmauerwerk" bzw. „ bimshohlsteine"; Riphahn und
Grod und Franz Roeckle kombinierten Backsteinmauerwerk für
die Außenwände mit Eisenbeton für die inneren Tragwände. Die
übrigen Bauten wurden aus einfachem Backsteinmauerwerk er-
stellt.84

Idee und Konzeption der Ausstellung „Die Gebrauchs-


wohnung" in der Siedlung Dammerstock

Wie bereits in den Wettbewerbsunterlagen angekündigt, war zur


Einweihung des ersten Bauabschnittes der Dammerstocksiedlung
die Durchführung einer Bau- und Wohnungsausstellung vorgese-
hen . „Es ist in Aussicht genommen, die zuerst zur Ausführung ge-
langenden Bauten des Wettbewerbsgebietes zum Gegenstand ei-
ner Ausstellung zu machen, die im Sommer 1929 eröffnet werden,
etwa 3 Monate dauern und die Bezeichnung 'Die Volkswohnung'
führen soll. " 85
Die Idee zu einer Wohnungsausstellung äußerte der Karlsruher
Architekt Gerhard Rehder bereits weit vor der Ausschreibung des
Dammerstock-Wettbewerbs in einem siebenseitigen Brief vom
5. Mai 1927 an Bürgermeister Schneider.86 Betitelt mit „Die mo-
derne Wohnung. Gedanken zu einer Ausstellung, die in umfassen-
der Weise alle Fragen der Gestaltung der modernen Wohnung be-
handelt", legte er Schneider seine „Gedankenreihe" dar, ohne je-
doch ein geeignetes Ausstellungsgebäude oder -gelände zu nen-
nen: „Zweck der Ausstellung soll sein, dem Wohnungssuchenden
von heute die Augen zu öffnen, welche Möglichkeiten für ihn beste-
hen durch zweckmäßige Zusammenfassung der Errungenschaften
auf dem Gebiet moderner Wohnungstechnik sich eine preiswerte,
gesunde, bequeme und künstlerisch befriedigende Wohnung zu
schaffen. Sie wird in gleicher Weise Hoch- und Flachbau behan-
deln und zugleich auch zeigen, welche Form je nach den Begeben-
heiten die Zweckmäßigste ist. Sie wird die Kleinstwohnungen in all
ihren Einzelheiten, im Flachhaus der Gartenvorstadt, wie auch die
Stockwerkswohnungen des mehrstöckigen Etagenhauses behan-
deln . Es wird gezeigt werden, wie die Kleinstwohnung durch Erwei-
terung der Ansprüche selbst in den verschiedenen Stufen zweck-
mäßig erweitert wird. Die Ausstellung wird ferner zeigen, wie auch
im Etagenhaus sämtliche neuzeitlich hygienischen Ansprüche voll-
auf berücksichtigt werden können, wie das Problem des Zusam-
menwohnens auf engem Platze in einer Anzahl moderner Schöp-
85 Wettbewerbsunterlagen, fungen gelöst word~ "st. ~e wird Beispiele zeigen von Wien, Ber-
op.cit. (Anm . 24), S. 2. lin, Hamburg, vefS~h1ed;ne Anlagen in rheinischen Städten usw."
86 Brief im Stadtarchiv Im weiteren beschrieb"Rehder eingehender die mögliche Aus-
Karlsruhe in der Akte 1/H.Reg.
stattung der Ausstellung und vor allem die Th~menkomp~exe, die
A 1010. Dieser Brief war bisher
nicht bekannt, daher wird der besondere Berücksichtigung finden sollten . N icht nur „die Frage
Inhalt hier ausführlicher ge- der kleinsten Küchen mit allen Errungenschaften der mechanisch
schildert. vereinfachten wirtschaftlichen Betriebsführung " und die Konstruk-

30 31
tion eines Bades in kleinsten, praktisch erprobten Ausmassen",
11
garter Ausstellung angehörte und viele Architekturzeitschriften und
sondern auch "die Ausnutzung des elektrischen Stromes zum ver- vor allem das Organ des Werkbundes, die Zeitschrift „ Die Form " ,
einfachten Betrieb der modernen Wohnung" , die Vergünstigung schon im voraus über die Pläne und die Entstehung der Siedlung
der Wohnbaukosten durch Normung und Typisierung", die Ver-
11
11 und der Ausstellung ausführlich berichtet hatten .89
billigung [.„], die durch die Schaffung neuer Baustoffe und maschi- Der von Rehder vorgelegte Entwurf für eine Wohnbau-Ausstel-
nell vereinfachter Bauausführung erzielt werden kann", sollte die lung in Karlsruhe stellt bisher den frühesten Entwurf eines solchen
Ausstellung behandeln; ferner auch die Präsentation von Baumate- Projektes für die badische Landeshauptstadt dar. Vor allem am Be-
rialien "in ihrer verschiedenen Anwendung" und 11 wie sie den ein-
ginn seiner Ausführungen sind Parallelen zu der späteren Durch-
zelnen Gegenden" entsprechen . Außerdem sollte ein Exkurs einen führung des Karlsruher Wettbewerbs und der Ausstellung zu erken-
historischen Überblick geben, über den Weg, der von der alten
11
nen . Rehder war daran interessiert, in umfassender Weise die for-
Wohnung durch viele Etappen zur heutigen Wohnung führte ." Die
male Ausführung und die mentalen Voraussetzungen für die Ak-
maschinelle und serielle Herstellung von Wohnungen nach be-
11 zeptanz des modernen " Wohnens in der von ihm projektierten
11
stimmten praktisch erprobten Typen in Massen" unter Einbezie- Ausstellung zu vermitteln . Seine Pläne kamen ihrem Umfang und
hung der "städtebaulichen Möglichkeiten", die ,,in der einheitli-
ihren Inhalten nach der Stuttgarter Werkbund-Ausstellung sehr
chen Gestaltung von Wohnhausblöcken liegen", plante Rehder
nahe. Dies war offenbar mit den Interessen der Stadt Karlsruhe
ebenso wie die Darstellung, das diese Art des modernen Woh-
nicht vereinbar. Von der Person Rehders war jedenfalls im weiteren
nungsbaus "nicht zu einer Kasernierung, sondern zu einer großzü- Verlauf der Karlsruher Planungen nie mehr die Rede. Er gehörte
gigen künstlerischen Gestaltung des Städtebildes führen soll und
weder zum späteren Arbeitsausschuß, noch wurde er im Zusam-
wird." Nicht nur die Präsentation der Außengestaltung von Woh-
menhang mit dem Wettbewerb in irgendeiner Weise erwähnt.
nungen war ihm wichtig, sondern auch die Innenausstattung der
11
Die Absichten, die die Stadt Karlsruhe mit dem Bau der Siedlung
modernen Wohnung von ihrer einfachsten Form bis zu ihrer reiche- und der Ausrichtung einer Ausstellung verfolgte, wurden in den
ren Durchführung [ ...],wie sie selbst herrschaftlichen Ansprüchen
Wettbewerbsunterlagen so ausgedrückt: "Das städtebaulich und
genügen wird." Er betonte, daß dabei dem Individualismus weiter-
wohnungswirtschaftlich erstrebte Ziel ist: Ein Schritt vorwärts auf
hin genügend Raum gegeben werden müsse, und verglich die Ten-
dem Wege zum Ideal der 'Volkswohnung', das ist der kulture.11 z~­
denzen des Wohnungsbaus zur Rationalisierung und Typisierung
reichenden und zugleich für den kleinen Mann noch_ erschwin_g l_1-
mit der Gleichheit der Form der männlichen Gesellschaftsklei-
11
chen Wohnung . 1190 Aufgabe dieser Aosstellung sollte in e~ster Linie
dung", nämlich des Smokings, der aber andererseits eine Eigen-
11
die Vermittlung der neuartigen Architektur u~d der damit ~e.rbun­
art gibt durch die Eigenart des in ihm steckenden Individuums."
denen veränderten, in zeitgenössischem Sinne modern1s1erten
Rehder entwickelte die Idee, der Wohnungsausstellung noch Wohn- und Lebensweisen an die Karlsruher Bevölkerung sein .
eine kleine Kunstausstellung anzugliedern und auch eine Kunstge-
Gleichzeitig konnte man damit auf ein erweitertes Interesse an der
werbepräsentation einzuplanen, in der Teppiche, Vorhänge und
Siedlung durch Fachkreise hoffen. .. .. . .
Beleuchtungssysteme gezeigt werden sollten . Außerdem plädierte
Der Ausstellungstitel stimmte zunachst uberein mit dem Namen
er für eine Darstellung des Gartenbaus, besonders der des Nutz-
der auf städtische Initiative gegründeten Wohn_un_gsba~ge~ell­
gartens. Für das Rahmenprogramm schwebte ihm eine Moden- 89 Z.B. in: Stein/ Holz/ Eisen,
schaft Volkswohnung ". Später wurde, wahrscheinlich mit Ruck-
schau sowie "eine Anzahl von Lichtbilder- und Filmvorträgen" 41 . Jg ., 7. Woche, 17.2.1927, S. 11

vor.87 l 35ff. und auch 2 Wochen spä- sicht auf die weiteren beteiligten Baugesellschaften und wegen des
ter in derselben Zeitschrift, 41 . erweiterten inhaltlichen Anspruchs, der Titel in " Die_Gebrauchs-
Er betonte abschließend: "Bei Durchführung dieses umfassen-
Jg ., 9. Woche, 3 .3 .1927, S. wohnung" geändert. Damit lehnte man sich an ~~rmul1erungen von
d~n Programms dürfte die Ausstellung nicht nur von Bedeutung für 181 ff., oder in : Die Form . Mo- Ludwig Hilbersheimer aus dem Jahre 1927 an . Außerdem wurde
die Frage der modernen Wohnung überhaupt sein, sondern sie natsschrift für gestaltende Ar- mit diesem Thema das Ziel der Ausstellung bzw. der Dammerstock-
würde auch für eine Stadt wie Karlsruhe zugleich eine ganz beson- beit, Sammelband 1927, S. 249- Bebauung nochmals verdeutlicht: Man wollte versuchen, konkrete
dere Anziehungskraft ausüben und ihr erhebliche wirtschaftliche 298 .
Lösungen für die Aufgabe der modernen, ~wec~mäßig _ge~taltet~n
Vorteile bieten ." 88 90 Wettbewerbsunterlagen ,
op.cit. (Anm . 24), S. 1-2. und eingerichteten Kleinwohnu_nge_n zu ~rasent1eren, d_1e fur b~ette
Datiert wurde der Entwurf handschriftlich von Rehder mit April Bevölkerungsschichten erschw1ngl1ch sein sollten. In ?1esem S1.nne
11
91 Vgl. Ludwig Hilbershei-
1927" . Zu dieser Zeit liefen in Stuttgart die Vorbereitungen für die lag auch die Betonung des Wettb_e werbs auf der Err.1chtung e~ner
mer, Die Wohnung als Ge-
Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung" in derneu errichteten Wei- brauchsgegenstand, in : Bau Siedlung und zum geringeren Ted nur auf der Entwicklung ~ines
ßenhofsiedlung bereits auf Hochtouren, denn die dortige Ausstel- und Wohnung, Stuttgart 1927, Konzeptes für eine Ausstellung . ~le.ichz~itig_ bede_utete dieser
lung sollte im Sommer des gleichen Jahres eröffnet werden. Daß wiederabgedruckt in : Die w hsel des Ausstellungstitels zusatzltch eine 1nhaltl1che Korrek-
Rehder oder auch Bürgermeister Schneider diese Planungen ge-
87 Alle Zitate aus dem Brief
Zwanziger Jahre des Deut-
schen Werkbunds (= Reihe
tur~cWährend der Titel Volkswohnung" n?ch die Nenn~ng der
11
kannt haben, kann angenommen werden, da zum Beispiel der Zielgruppe von Siedlung und Ausstellung beinhaltete, lag die Beto-
(Anm . 103). Werkbund-Archiv, Band 10),
Karlsruher Oberbürgermeister Finter dem Ehrenkomitee der Stutt- · D·e
88 Ebenda . Gießen 1982, S. l 09-112. nung b et" 1 Gebrauchswohnung" auf dem Zweck und dem Nut-
32 33
zen bzw. der Art der Nutzun g von Wohnu ngen und Häuser n
. Jeder 92 Ebenda, S. l 0. Im Stadtar-
Wettbe werbst eilnehm er wurde aufgefo rdert, „in den durch einen Brief von Bürger- und Rössl er einen geschäftsführenden Arbeitsausschuß, der für
Plänen chiv Karlsruhe ist in der Akte meister Schneider an den Frei -
die
1: 1000 ungefä hr 1/3 des Gebiet s zu bezeich nen , welche s H.Reg . A. l 052 ein Plan Otto
Ausrich tung der Ausstellung verantw ortlich war. Zusätzlich wurde
seines burger Oberbür germeis ter
Erachtens unter Wahru ng des Gesich tspunkt es, dass jede Haeslers erhalten, der Ma rkie- auch noch ein erweite rter Arbeitsausschuß gebilde t, in dem
der 3 nachzuvollziehen , in dem er auch
Wohnu ngstype n im Einfam ilien- und Stockw erksha us gezeig rungen eines Siedlung sab- die übrigen mit der Bebauung des Geländ es beauftr agten
t wer- diesem die Mitglied schaft im Archi-
den kann, als Ausste llungso bjekt sich eignet. " 92 schnittes zeigt, der als Ausstel - Ehrenausschuß anträgt. Bei der tekten sowie einige Stadtve rordnet e und weitere städtische Beamte
Im Verglei ch zu Rehders Entwur f bedeut eten die städtischen lungsge lände vorgesehen war. Gründung dieser Ausschüsse vertrete n waren. Ein Presseausschuß garanti erte die Berichterstat-
Pla - Hans Herkom mer hatte seinem
nungen also die Durchf ührung einer wesent lich besche idenere könnte die Stuttgarter Ausstel - tung von der Ausstellung . Am Anfang des Ausste llungsk ataloge
n, Wettbew erbsbeit rag auch ei- s
auf die spezifis chen Problem e der Kleinw ohnung zugesc hnittene lung als Vorbild gedient haben, wurden zusätzlich 177 Namen von Personen aufgefü hrt, die
n nen detaillie rten Entwurf für die Mit-
Ausste llung, die in einer im neuen Baustil errichte ten Stadtra wo ebensolche Ausschüsse ein - glieder des Ehrenausschusses der Ausstellung waren und die
nd- Gebäud e, die sich zu Ausstel -
gerichtet und die Namen der durch
siedlun g präsen tiert werden sollte. Ansche inend erhoffte man lungszwecken eigneten, beige- ihre Anteiln ahme oder sonstige Leistungen die Entstehung
sich Mitglied er veröffen tlicht wur- der
aber auch, das legen die offen gehalte nen Ausfüh rungen legt, der in „ Die Bauzeitung ", Siedlun g bzw. der Ausstellung unterstützend begleite t hatten.
in der den. Vgl. die Denksch rift zur Der
Aussch reibung nahe, von den teilnehm enden Archite kten Jg . XXVI , 6/ 1929, S. 60 abgebil- Ehrenausschuß war kurz vor Eröffnung Ende August 1929 gegrün
weiter- Werkbund-Ausstellung „ Die -
reichen de Anregu ngen für eine Ausste llungsp lanung und -realisi det wurde. det worden . Als Ehrenpräsidenten ernannte man den damali
e- Wohnung", Stuttgart 1927, Re- gen
rung . 93 Die einzelnen Namen badisch en Staatsp räsiden ten Dr. Josef Schmitt. 93
print, herausgegeben und ein-
und Titel der aufgezä hlten Per-
Die an den Plänen zur Damme rstock- Siedlun g arbeite nden städ- geleitet von Franz J. Much, Zur Ausste llungsg estaltun g, besonders der grafisch en Gestal-
sonen sind dem Ausstellungs-
tischen Beamten gründe ten nach der Entscheidung des Wettbe Stuttgart 1989. tung der anfalle nden Drucksachen, konnte als Typogr aph der
- katalog zu entnehmen. Die Da-
werbs unter Beteilig ung der Archite kten Gropiu s, Merz, Roeckl 94 Vgl. S. 93. daist und „Merz" -Künstler Kurt Schwitters gewonn en werden 94
e Gründun g Ende August 1929 ist .
Durch wessen Vermitt lung und wann er den Auftrag für die
Dom-

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\V.:ub„... v.:rb mfü•r b.: 01nl„·N cin:i.:l.."'1.-11.:n d.:uhdwn und Jen J(.,~•ruhu l'i.: L.,nJ.:11t.\urh1.,,h K.ulsroh.: Hr.\ntt.,ltc-t
Ar.f11t.:ktl'"n. UotcrVtrw.::n Jungd.: \Vcttbc-.vCTbu~..:bm •.:t1kb..\uun~1·
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, ..._,111 ~..:" :..:pL..:mkr bi„ ::::S Oltokr t~::::~
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Berlin, d... m ,,u.-h 0b...rl.:itu11:\ :l•r \Vahnm~ J,"f ktuutlcri.Ji.:n bnhcit d.:r
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23 ,.,nJ1i.:d..:n.: \~1 ohnfonncn M.:11 f.ntH1irf.:n d.:r Ar.-hit.:kt.:n Pr„f.
Dr. Gro• 111"'4-ffc!ut. HM,1..-r-l .:l!C' Riph.,1111 .!: Gr.xl-K<>ln/ Ro.:dcl..--
fMnklurt, Dr. A fi~..-r, Pro(. Lodut.\mr!.:r, .t,"\<.~tb.·u1r.\l J\1.-:r:, Dr.
Ro)siscr und D11•l.-ln:!- Ro)l\l.:r in K.vlsrulw, v.:rwrnd..-t in $6
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mit 32 \~1 ohnun:1tn. Grciß.: d.:r \Vohnun:-i~n ~J\\v"nk.:n.i :wi<.:lwn „,,l..,r
3 und 6 !iinmc-m mit 57 bu t 10 •1111 \VolmlbJw bei d.:n
[,,milt.:nli.\lh\'.""1 und :w„,;h.:n ~ und 5 Zimm,·m mit .f9 bis S2
Ein- ur1t.:r 1...."°"'bal~itun~ ,.,,0 Pr~· l .:•h'f Pr. (tr..,ruu~B.:rl111 .:m.:111.:i..:.n
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\V"hnlbd1..- b..·1 d..-n A\..-hrfMnl1~nh.\uwm. Dicur cr•lC" B,,,J,,b,.~inill
du~ 1.:dl1111:1 wird :wi.dt.:n dC't11 f:~. S.:rt.:ml-.:r und d.·m 27. Okt„~r
1929
"I\ Auhtdlun~ sc:ci!'Jt, d.,b..., 1 bi. f \V„•hnun~.:11 v1.m ..-d.:r
1 \Vohnron11.
,\!•!) 11~.·r 30 \'(,',•fmun~.:n, n..-u:.:1tli...h n\„~blil"'rt..

10 Am 24. August 7929 er-


schien die erste, noch nicht von
Schwilters gestalte te Drucksa-
An.1.:ht 1kr N.:>r..iw.:11,·,{c d.:r .1,.ilu11~
lln•-rf•-..n/\rJ..1cltlt...-,s,....\~llf.1 che zur Ankündi gung der Aus-
stellung „ Die Gebrauc hswoh -
nung " in der Dammer stock-
siedlung (29. 9.-28. 70.1929)1
Format DIN A4 24. 8. 1929
1

34
35
merstock-Sie dlung erhielt, ist nicht mehr genau nachvollzieh bar. 95 Werner Schmalenbach Sinne eines "Wahrzeichen s" hauptete, „es werden nur Gebrauchsrä ume geschaffen" 100, womit
Fest steht jedoch, daß er sowohl mit Otto Haesler als auch mit Wal- erwähnt in seiner Monographie das Dammerstock -Signet von
ter und lse Gropius seit längerem bekannt war. 95 über Schwitters den Sachver- er sich bei der Formulierung an die städtische Zielsetzung und den
Kurt Schwitters angebracht.
Am 24. August 1929 erschien die erste, noch nicht von Schwitters halt, daß lse Gropius, die Ehe- Titel der Ausstellung anschloß.
Gropius plante dagegen an der
gestaltete Drucksache, in der die bevorstehen de Ausstellung am frau von Walter Gropius, vor Süd-Ost-Ecke der Siedlung ei- In einer zweiten Drucksache vom 3. September 1929, die nun Kurt
ihrer Heirat Nachbarin von nen siebenstöckige n Turm als Schwitters als vierseitigen Faltprospekt gestaltete, wurde der Stand
Dammerstoc k unter dem Titel „Die Gebrauchsw ohnung" für die
Schwitters in der Waldhausen- Abschluß der Zeile von Mehrfa- der Bautätigkeit auf dem Dammerstoc k anhand von Fotografien
Zeit vom 29. September bis 28. Oktober 1929 angekündigt wurde straße 5 in Hann0ver war.
(Abb. 10). Diese Drucksache bestand aus einem doppelseitig milienhäusern. Dieser wurde dokumentier t (Abb. 11 ). Auf einen erläuternden Text zur bevorste-
Schwitters war außerdem Teil- aber nicht realisiert.
schwarz bedruckten DIN-A4-Bog en. Sie war als Kurz-Informa tion henden Ausstellung wurde verzichtet. Der Lageplan für die ge-
nehmer des Dadaisten-Kon - 100 Ebenda .
für diejenigen gedacht, die schon im Vorfeld der Ausstellung ihr In- gresses, der 1922 am Bauhaus samte Siedlung nach vollständige m Ausbau war auf der ersten
teresse bekundet hatten, und als Ankündigun g für die Presse. Auf in Dessau stattfand, und hatte
der Rückseite wurde unter dem Titel „Zweck der Dammerstoc k- dort Walter Grapius kennenge-
lernt. Er vermittelte auch eine
siedlung" ein stichwortarti ger Text abgedruckt, der in Telegramm-
Vortragsveran staltung für Wal-
stil Informatione n zum Wettbewerb , zu den beteiligten Architekten, ter Gropius im Hannoveraner
der Größe der Siedlung und der Wohnungen wie auch zur Konzep- Provinzial-Mus eum am
tion der Ausstellung enthielt, wobei die Präsentation von „ 1 bis 2 28.5.1923 und entwarf dazu ein
9uutellun9 karbruhe
dammerstock-sled lung •
die gebrauchswohnun g
Wohnungen von jeder Wohnform, also über 30 Wohnungen , neu- Plakat (WVZ, Nr. 58, S. 151). korlsruhe, 3.september 1929. rothous
zeitlich möbliert" Erwähnung fand. Deutlich wird auch in diesem Schwitters war aber ebenso mit
Informations blatt die Entstehung der Siedlung von dem Ausrichten Otto Haesler bekannt. Für die wir arbeiten mit ollen krOften doron, die geböude und einrichtungen
für die ousstellung: „dommers.tock-sJe dlung, die geb„auchs-
Metallwaren-F abriken Altona
einer Ausstellung getrennt. Es heißt dort: „Entstehung der Siedlung wohnung"rechtzeifig fertigzubekommen. wir erwarten sre in korh·
in Celle hatte er zur gleichen ruhe. die ousstellung dauert vom 29. september bis zum 27. ok ·
geht nicht auf Ausstellungs gedanken zurück, sondern auf Bestre-
ben, ein größeres Gelände[ ... ] an Hand eines neuzeitlichen Auftei-
lungsplanes gestaffelt zu bebauen, dabei die nach dem jeweils
neuesten Stand der Baukunst günstigsten Formen für die Ge-
Zeit ein Prospekt der von Haes-
ler um 1929 entwickelten „Cel-
ler Volksmöbel" gestaltet, die
auch in den Häusern der Dam-
fhegeroufnohme det dommetstod11
tober 1929. sie werden in den nächsten logen weitere nochnchten
über den fortgong unserer arbeiten erhalten.
der vorsltxende des arbeitsausschuues ,
bürgennelster schnelder. -
brauchswoh nung zu verwirkliche n und so laufend dem Fortschritt merstock-Sied lung ausgestellt
zu dienen. " 96 Zusätzlich zur schriftlichen Information zeigte man im wurden. Es könnte also sein,
unteren Drittel der Vorderseite eine Fotografie eines Bebauungs- daß über diese Verbindung
auch die Mitarbeit von Schwit-
Modelles von Walter Gropius, auf dem der vollständige Ausbau
ters am Dammerstock- Projekt
der Siedlung zu sehen war. Schwarze Markierunge n auf den Haus- ermöglicht wurde.
dächern deuteten den ersten Bauabschnit t an, den man als Ausstel- Die erste datierte Drucksache,
lungsteil geplant hatte (vgl. auch Abb. 12). die Schwitters für das Dammer-
Nach einem Bericht in der Karlsruher Zeitung vom 31.8.1929 stock-Projekt anfertigte, trägt
fand etwa vier Wochen vor dem offiziellen Beginn der Ausstellung das Datum 3.9.1929. Wahr-
und ~.er ~röffnung der Siedlung eine Vorbesichti~ung des Gelän- scheinlich ist er also im Sommer
1929 mit den Dammerstock- Ar-
des fur die Vertreter der Karlsruher Presse statt. 7 In dem Bericht ""eg vom houplbohnhof ko1hruhe zum dom~nlock
beiten beauftragt worden.
wurde auf die einleitenden Worte Bürgermeist er Schneiders ver- 96 Das Informationsbl att fin-
on1chrrft fu1 onfrogen: 01beitK1unchuß der ounlellung „dommenlock·
11edlung, die gebroudu""ohnung„, korbruhe, rolhous
pfon vom dommenlock
wiesen und zur Konzeption der Ausstellung angemerkt: „Es handelt det sich in der Akte C4 XX/163 ~""""'rl kurt 1chw•tten
sich nicht um ein Experiment, denn nur bereits anderwärts Bewähr- im Stadtarchiv Freiburg. druck· c. f muller, korlsruhe 1. b

tes wird errichtet. Es handelt sich also um keine Versuchs-, sondern 97 Vgl. Karlsruher Zeitung,
um eine Gebrauchss iedlung. " 98 Das erste und einzige Mal wurde Nr. 202, vom 31.8.1 929 .
hier die Errichtung eines siebenstöcki gen Gebäudes an der Nord- 98 Ebenda.
99 Ebenda, welches Gebäu-
Ost-Ecke der Siedlung erwähnt, welches man als den „ Finger des
Dammerstoc ks" 99 bezeichnete.
de damit gemeint war, ist nicht 11 Zweite Drucksache zur An- Seite des in der Mitte gefalteten DIN-A4-Blatt es abgebildet. Auf
eindeutig, da an der Nord-Ost- kündigung der Ausstellung den Innenseiten waren die Baugruppen 5 (Mehrfamilie nhaus Gro-
Bei der Beschreibun g der Innenausstattung der Wohnungen be- Ecke neben dem Heizungs- und Die Gebrauchswoh nung und
H N
pius) und 19 (Einfamilienr eihenhäuser Haesler) als Ro~bauten zu
tonte der Verfasser den „modernsten Komfort", was sich wohl be- Wäschereigeb äude und der über den Fortgang der Bauar- sehen ferner erhielt man zwei Einsichten in die ost-westl1ch verlau-
sonders auf die durchgängig e Ausstattung mit Bädern und fest mö- Gaststätte nur die Stirnwand beiten in der Dammerstock-
der Mehrfamilienh äuser von siedlung, Format DIN A4, ge-
fende' Eugen-Geck -Straße, einmal nach Osten und einmal nach
blierten Küchen in allen Häusern sowie die Ausstattung mit Zentral-
Otto Haesler lag. Sie überragte faltet auf DIN AS, 4 Seiten, Ge- Westen. Diese Straße war zur zentralen Achse der Ausstellung be-
heizung in allen Mehrfamilien hauswohnun gen bezog. Ferner be-
im fertigen Zustand den Ge- staltung Kurt Schwiffers stimmt worden, denn von hier aus ließ sich der erste Bauab~chnitt
merkte er zur Aufteilung der Wohnungen ganz generell den „ ver-
bäudekomplex um mehrere über die einzelnen Wohnwege für die Besucher vollständig er-
hältnismäßig großen Wohnraum mit viel Licht und Sonne" und be-
Stockwerke, und auf ihr war im schließen.
36
37
r;--~~~--------------------------·-----------=-------------------- .....
Anhand der aus den erwähnten Briefen, Drucksachen , Zeitungs- 101 Vgl. S. 31 d ieser Arbe it. h_~r Ausstellungsvorhaben erst wieder im Erschließungsbeschluß
berichten und Plänen gewonnenen Informationen läßt sich die Ent-
fur das Dammerstockgelände vom 21.7.1928 und in den Ausschrei-
wicklung eines Konzeptes für die Siedlungs-Ausstellung wie folgt
bungsunterlagen vom 26.7.1928 unter Nennung des Ausstellungsti-
zusammenfassen : Der schriftliche Entwurf, den der Karlsruher Ar-
tels " Volkswohnung" kurz und inhaltlich unpräzise erwähnt.101
chitekt Rehder Bürgermeister Schneider im Mai 1927 unterbreitete,
Daraus lä0t sich bereits folgern, daß das Hauptanliegen der
sah die Veranstaltung einer großen, umfassenden Ausstellung zum
Stadt z~r Zeit der Planungsphase der Dammerstockbebauung in
Thema „Wohnen" vor. Diese Ansätze kamen den Planungen des
der Errichtung von Wohnbauten und nicht in der Durchführung ei-
Deutschen Werkbundes für die Ausstellung „ Die Wohnung " im
ner entsprechenden Ausstellung lag, wie es dann auch in der ersten
Sommer 1927 in Stuttgart sehr nahe. Das Konzept Rehders fand we-
Werbedrucksache zur Ausstellung zum Ausdruck gebracht wurde.
Eine Ausstellung bot als touristische Attraktion jedoch einen Wer-
bee~ekt, sowohl für die Stadt Karlsruhe als auch für die beteiligten
Architekten und Unternehmer, und garantierte auf diese Weise die
von Rehder angesprochenen wirtschaftlichen Vorteile. Die Kon-
• zeption der Ausstellung mußte sich aber den Erfordernissen des
Wohnungs - und Städtebaus, nämlich der Errichtung von „Ge-
brauchswohnungen" für breite Bevölkerungskreise auf einem von
72 Modell der Dommerstock-
der Stadt festgelegten Stadterweiterungsgebiet, unterordnen . Den
siedlung nach vollendetem städtischen Planern in Karlsruhe war mit der gleichnamigen Aus-
Ausbau, die schwarzen Mar- stellung offenbar besonders an einer Werbung für städtisch unter-
... kierungen bezeichnen den er-
sten Bauabschnitt (Material,
stützte Bauprojekte und an der Vermittlung und Veranschaulichung
moderner Architektur- und Wohnformen an die Bevölkerung gele-
Maße und Verbleib unbekannt) gen.

eugt'n ged< 1traße, bt1dt rioch weilen


bougruppe .S, ar c;hi tekl wohe1 gropiu1, berlin

77

gen seiner Größe, die das Unternehmen als wenig realisierbar er-
scheinen ließ, und wahrscheinlich nicht zuletzt wegen seiner Paral-
lelen zu Stuttgart keinen Widerhall in Karlsruhe. Dennoch ist zu ver-
muten, daß die darin formulierten Ideen für eine Wohnungsausstel-
lung einen Einfluß auf die Planungen zur Durchführung eines Aus-
stellungsprojektes in der Dammerstocksiedlung gehabt haben,
denn Rehder machte in seinem Entwurf beispielweise die wirt-
schaftlichen Vorteile eines solchen Projektes besonders deutlich.
In den noch vorhandenen städtischen Akten wurde das Karlsru-

38
39
Die Wohnungs- bzw. Haustypen und ihre Einrichtung -
Ein Rekonstruktionsversuch

Vorbemerkungen

Der Versuch einer Rekonstruktion der Ausstellung „ Die Ge- 102 Auf die Wiedergabe der
brauchswohnung" in der Dammerstock-Siedlung in Karlsruhe, der Grundrisse wird im folgenden
hier unternommen werden soll, basiert auf der durch den Ausstel- wegen Platzmangels verzichtet.
lungskatalog vorgegebenen Abfolge der einzelnen Bauten nach Der Faksimile-Druck des Aus-
stellungskataloges kann zur Er-
Gruppen von 1 bis 20. Der Lageplan (Abb. 13), der im Katalog auf
gänzung der Beschreibungen
Seite 10 abgedruckt wurde, dient dabei als Grundlage. Auf ihm und Fotos herangezogen wer-
waren alle Baugruppen sowie der Eingangspavillon (Nr. 21 ), ein den.
Erfrischungszelt (Nr. 22), die Autoparkplätze (Nr. 23-26) und der
Fahrrad- und Motorradstand (Nr. 27) eingezeichnet; außerdem
markierte eine Führungslinie den von den Organisatoren vorgese-
henen Weg durch die Ausstellung . Anhand dieses vorgegebenen
Rundganges ist es möglich, eine Art fiktiven Besuch der Ausstellung
Die Gebrauchswohnung" nachzuvollziehen. Zusätzlich ermögli- 73 Lageplan der Dammer-
~hen zeitgenössische Fotografien, schriftliche Dokumente und Be- stocksiedlung und der Ausstel-
richte in Fachzeitschriften und Tageszeitungen eine detaillierte lung mit eingezeichneter Füh-
Darstellung des Ausstellungsaufbaus .102 rungslinie

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1- 74 Eingangspavillon der Aus- Der Rundgang durch die Ausstellung
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stellung • Die Gebrauchswoh-


'-
20 ~

'- nung•, wurde nach Ende der


1-. Der Eingang des Ausstellungsgeländes lag in der Verlängerung
U X '--'=- ~

- t-1 1-

••
,_ Veranstaltung abgerissen
der Eugen-Geck-Straße (heute Saarbrückerstraße) nach Osten,

-1
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Richtung Ettlinger Allee, der Verbindungsstraße zwischen dem
1-
Dammerstockgelände und der Innenstadt (Abb. 14). Direkt in der
- - - s
1- 1-
- Achse der Eugen-Geck-Straße errichtete man den Eingangspavil-
'--
'.
,_ 1- 1- lon, durch den man, nach Zahlung von 50 Pfennigen Eintritt, die
1-
'-
t--
~ • Siedlung betrat und als erstes zur Rechten das Mehrfamilienhaus
L!! ,__ „ •• ,„ . ·tJ 1- 10 1- 1 }
von Riphahn und Grod (Gruppe 4) und zur Linken den Zweispänner
führungs- l - -·
-
-
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~

- „ von Walter Gropius (Gruppe 5) sehen konnte und von innen be-
sichtigen sollte (Abb. 15). Zwischen beiden Häusern ermöglichte
linie
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0 - 1 „.
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........
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17 0 --'li_
,_
1-
13

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1- 11 - 1- .. ::: 7
ein Fußweg den Durchgang zur Eugen-Geck-Straße und den Blick
auf die Einfamilienhausreihen (Gruppe 7-20). Die Besichtigung der
Baugruppe 7 bildete den Auftakt zum Besuch der Einfamilienhäu-
,, 0 '---
1- 1-
ser, die entlang dieser Straße Zeile für Zeile aufgereiht waren. Vor-
gesehen war zunächst die Besichtigung aller südlich daran angren-
~ 0 1- 1-

zenden Haustypen und Wohnungen (Baugruppen 9, 11, 13, 15 und


- 1-

"'-............. 0 - - 1-
J
17). An der Süd-West-Ecke des Geländes angekommen, sollten
sich die Besucher wieder nach Osten wenden und die nördlich an-
'-_~ ~
grenzenden Häuserzeilen (Baugruppen 19, 18, 16, 14, 12, 10 und 8)
betrachten, die bei Baugruppe 8 endeten. Von dort führte der Weg
-D weiter entlang der Dammerstockstraße zur Baugruppe 20 sowie

40 »
27
41
Handbuc h für interessie rte Besucher und Fachleute zur Ergänzun g
der Exponate und aktiven Nutzung in der Ausstellu ng gedacht.
Man sollte ihn zusätzlich zum Eintritt gleich an der Kasse für eine
Reichsma rk erwerben . Im Verhältni s zum Eintrittspreis von 50 Pfen-
nig erscheint der Katalogp reis von 1 RM nicht hoch; hinsichtli ch der
Proteste aus der Karlsruhe r Bevölker ung über den Eintrittspreis,
der bei einem Besuch mit der ganzen Familie gleich entsprech end
zu Buche schlage, wird jedoch deutlich, daß sowohl der Eintritt als
auch der Katalogp reis und das 30 Pfennig kostende Informati ons-
blatt für viele Besucher zu teuer waren .103 Die Organisa toren sahen
sich schließlic h sogar gezwung en, den Eintritt wenigste ns an den
15 Blick vom Eingangspavillon Sonntagv ormittage n auf 20 Pfennige pro Person zu senken. 104 Es ist
im Osten ouf die Ausstellungs- also anzunehm en, daß nur wenigen der Katalog beim Ausstel-
achse {fugen-Ge ck-Straße) ,
lungsbesuch zur Verfügun g stand und damit vielen ein entschei-
im Vordergrund links Baugrup-
pe 5 (Gropius) und rechts Bau- dendes Informati onsmediu m fehlte. Für Besucher, die an der Aus-
gruppe 4 (Riphahn & Grod)
17 Blick in die Eugen-Geck-
dem Wäscher eigebäud e, dem Restaurant und dem Mehrfam ilien- Straße von Westen, im Vorder-
haus von Otto Haesler. Südlich dieser Baugrupp e, nahe der Ettlin- grund links Baugruppe 19, die
ger Allee, war das Erfrischu ngszelt errichtet worden. Baugruppennumerierung ist an
der Stirnwand angebrach t
Eine am Eingang zur Ausstellu ng positionie rte Schautaf el gab
eine Übersich t über die Siedlung s-Ausste llung und war als Orien-
tierungsh ilfe gedacht (Abb. 16).
Die oben erwähnte n Baugrup pen-Num erierunge n waren an den
Stirnwän den der jeweilige n Häuserre ihen angebrac ht (Abb. 17)
und in den Drucksac hen zur Ausstellu ng wiederzu finden, so daß
die Besichtig ung mit dem Katalog sofort eine Identifizi erung der
Baugrupp e, d.h. des Architekt en, der Wohnung sgröße, der Möbel-
gestaltun g bzw. -herstellu ng, der Baumate rialien und -technik, er-
möglichte . Generell wurden als Angaben zur Inneneinr ichtung die
Karlsruhe r Bezugsqu ellen genannt. Der Katalog war als eine Art

16 Blick von Süden auf den


Eingangspavillon und die
Mehrfamilienhäuser von Rip- stellung und vor allem den Bauten auf der Suche nach einer Wohn-
hahn & Grod (Gruppe 4}; möglichk eit interessie rt waren, jedoch für Informati onsmate rial
Fahnenschmuck und Informa- nicht so viel Geld aufbringe n konnten oder wollten, waren über das
tionstafeln wurden im Ein-
Ausstellu ngsareal verteilt Informati onstafeln angebrac ht. Obwohl
gangsbere ich aufgestellt
sie die Orientier ung insgesam t erleichte rn sollten, gaben sie kaum
Detailinfo rmatione n zu einzelnen Haustype n, sondern dienten eher
zur Werbung für das gesamte Siedlung sprojekt (vgl. Abb. 16). Im
Inneren der Häuser konnten die Besucher und Besucherinnen kom-
plette Einrichtungen, inklusive Tapeten und in vielen Fällen Wand-
l 03 Vgl. den Artikel „ Die schmuck sowie auch Geschirr und Vorhäng e, besichtig en. Dort
Dammerslock-Ausstellung", in:
waren jedoch keine weiteren schriftlich en Erläuteru ngen installiert .
Karlsruher Tagblatt, Nr. 272,
1.10.1929, S. 5. Als ergänzen des kostenloses Informati onsmediu m war eine Laut-
104 Vgl. die Angaben im sprecher anlage aufgebau t worden, über die Vorträge , aber auch
Karlsruher Togblott, Nr. 276, klassische Musik übertrage n wurden. Im Karlsruhe r Tagblatt ur-
5.10.1929, in der Rubrik „Aus teilte man darüber folgende rweise: „Besonde rs die Lautspre cher-
der Landeshauptstodt". anlage, die von Zeit zu Zeit Vorträge und Schallpla ttenkonz erte

42
43
19 Otto Haesler, Grundrisse
. 5-bettentyp ", Baugruppe 19

obergeschoß

~ermittelt, erfreut sich großer Beliebtheit. " 105 Zur Eröffnung und für
18 Blick auf die Siedlung und
Gruppenbes uche wurden zusätzlich Führungen organisiert. das Ausstellungsareal Septem-
Den Häusern waren die von Gropius aufgestellten , grundlegen- ber/ Oktober 1929
den Gestaltungs richtlinien gemein, was trotz der Errichtung von 23
verschiedene n Haus- bzw. Wohnungsty pen zu einer auf den ersten
Blick einheitlichen Fassadenge staltung in der Siedlung führte (Abb.
18). Alle Bauten wurden von weißen Fassaden mit grauen Sockeln, •
gleicher Fenstergröße , gleicher Traufhöhe und Flachdächer n be-
stimmt. Anstelle von Bauornamen tik trat die Gestaltung der Fas-
sade als Wechselspie l von weißer Wand und Befensterung , häufig
mit Fensterbänd ern, in den Vordergrund . Die Betonung neuer Bau-
konstruktion smethoden wurde bei einigen Häusern durch die Auf- .____ .„ ____,
untergesch oß 1. obergescho ß
lösung von Hausecken durch umlaufende Fensterbänd er erreicht.
Sie signalisierte n, daß die Fassade nicht mehr tragendes Bauele-
ment war, sondern ein nach innen verlegtes Stahlskelett die Träger-
funktion übernahm. Vor allem in der Innenraumge staltung offen-
barten sich jedoch die graduellen Unterschiede in der Modernität
der einzelnen Bauten stärker, denn sie war nicht vereinheitlic hen- l 05 In: Karlsruher Tagblatt,
den Richtlinien unterworfen . Bei den Grundrißdis positionen ließen Nr. 272, l . l 0.1929, S. 5.
sich alle beteiligten Architekten von den neu entwickelten Grund- l 06 Vgl. die Studien Alexan-
sätzen des zentralen Wohnraume s leiten. 106 Die funktionale Auftei- der Kleins, abgedruckt z.B. in
lung der Wohnungen differierte dagegen sehr, sie reichte von der Stein/Holz/Eis en, 41 . Jg ., 28/
strengen Ost-West-Au srichtung der Schlaf- bzw. Wohnräume auf 1927, S. 623ff., bzw. die Grund-
einer Ebene (bei Otto Haesler) bis zur dreistöckige n Übereinan- risse von Stuttgort-Weiß enhof, 20 Franz Roeckle, Grundrisse
die maßgebend für viele fol -
derschichtun g der einzelnen Funktionsbe reiche Lagern, Wohnen genden Erdgeschoß, erster und zweiter
Bauten des Neuen Bau-
und Schlafen (bei Baugr. 20 von Franz Roeckle) (Abb. 19, 20). ens wurden . Stock, Baugruppe 20
2. obergescho ß
44
45
Grupp e 4: zwei viergeschossige Achtfamilienhäuser (je zwei Fünfzim
merwohnungen pro Geschoß, 75qm) Architekten : Wilhelm Riphah n und Caspar Maria Grod

Die Mehrfam ilienhäu ser der Kölner Architek -


WC und Schlafräume waren nur durch den
ten Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod
Hauptwo hnraum über einen zweiten Flur,
(Gruppe 4) waren als erste Besichtigungsob-
„schleuse" genannt, erreichb ar. Die Küche
jekte im Rundgang der Dammerstock-Ausstel-
(7 qm), der größere Wohnra um (17 qm) und
lung vorgesehen. Der gesamte Komplex um-
das größte Schlafzimmer {l 2qm) waren nach
faßte zwei aneinan der anschließende
Westen gelegen; die beiden kleineren Schla-
viergeschossige Achtfam ilienhäu ser, von de-
fräume (7 und 9qm), Bad und WC sowie der
nen lediglich das südliche r gelegen e auch von
kleinere Wohnra um (l 2qm) nach Osten orien-
innen zu besichtigen war. In jedem Stockwerk tiert.
sind spiegelb ildlich um ein gemeinsames
Die Inneneinrichtung lieferte 1929 der Karls-
Treppenhaus zwei Fünfzimmerwohnungen
ruher Möbelh ändler Karl Thome & Co. Rip-
angeord net.
hahn und Grod hatten vor allem Möbel der
Der Außenb au jedes Hauses ist an seiner
Frankfurter "Hausra t G.m.b.H . ",entwo rfen
Ostfass ade durch einen Mittelris alit dominie rt, von
Franz Schuster, ausgewählt. Die unter der
dessen Kanten teilweise durch umlaufe nde Produktbezeichnung .Bauhau s-Tapet en" be-
Fensterbänder optisch aufgelös t wurden und kannt geworde ne Wandve rkleidun g der Woh-
in dessen Mitte der Eingang und das Treppen- nungen war erst im August 1929 auf den Markt
hous liegen. Jeden Eingang überdec kt ein Vor- gebrach t worden. In der Dammerstock-Sied-
dach als Witterungsschutz. Das Treppenhaus lung kam die aus der Serienproduktion des
27 Ansicht von Osten ist nischenartig vom Eingang zurückgesetzt Bauhauses stammende Tapete erstmals zur
und wurde farblich dunkler verputzt (grau) als Verwendung. Die Entwürfe dazu waren aus
das übrige Haus (weiß) . Die Fensterelemente einem internen Wettbew erb unter Bauhaus-
des Treppenhauses bezeichnen jeweils das Schülern hervorgegangen, den die in Bram-
Umkehr plateau der Treppe im Inneren des sche bei Osnabrü ck angesiedelte „Hannov er-
Gebäud es. Dem breitgela gerten Eindruck der sche Tapeten fabrik Gebr. Rasch und Co."
östlichen Hausfassade, der durch die Fenster- initiierte und finanzierte. 108
reihungen pro Stockwe rk entsteht, wurde
durch die zentrale vertikale Anlage von Ein-
gang und Treppenhaus entgege ngewirk t. Die
vergitterten Kelleröf fnungen der Ostfassade
sind in die Sockelzone integrier t und dort
kaum sichtbar. Die minimal e Hanglag e der
Gebäud e ermöglic hte an der Westfassade
die ebenerd ige zentrierte Öffnung des Keller-
geschosses nach außen zur sogenannten
„gartenh alle", einer Art überdachtem Sitz-
platz für die Bewohner. Die „abstellr äume für
motorrä der und kinderw agen" erhalten von
dort ihre Beleuchtung mit Hilfe kleiner, vergla-
23 Wohnraum mit Möbeln der Frankfurter
Hausrat G.m.b.H. (Franz Schuster), Eßtisch-
JI • • • ster Fenster. Die optische Trennung beider

••• ••
•• Jlll •
Häuser, wie sie an der Ostfass ade noch er-
kennbar war, ist an der Westfassade zugun-
sten eines einheitlichen, rhythmisierenden, von
stühle der Firma Thone!

horizontalen Merkma len bestimmten Gestal-


tungsprinzips der Zeile, besonders bei der
Fensteranordnung, zurückgenommen.
Die Wohnun gen im Inneren des Hauses be-
stehen jeweils aus zwei Wohnräumen und drei
l 07 Ausstellungskatalog,
Schlafräumen, Küche und Bad/WC ; die
op .cit., S. 24.
Wohnflä che beträgt 75qm. Ziel der räumli-
l 08 In: Bauhaus-Utopien.
Arbeiten auf Papier, Ausstel- chen A nordnun g der Zimmer war die „strenge
lungskatalog, Budope st/Mo- scheidung von wohn -, schlaf- und wirtschafts-
22 Ansicht von Westen räumen"107 mit Hilfe von zwei Fluren. Bad,
drid/Käl n 1988, S. 181 ff. 24 Kinderzimmer
46
47
Gruppe 5: zwei viergeschossige Achtfomilienhäuser (nördliches Haus acht Dreizimmerwohnungen, 66qm, süd- Architekt : Walter Gropius
liches Haus acht Vierzimmerwohnungen , 82qm)

Südlich der Baublöcke von Riphahn und


von 9 Achtfamilienhäusern dieses Typs im
Grod befand sich, in der Fortsetzung der
Dammerstock sollte durch den Abschluß der
Zeile auf der anderen Seite des Fußweges,
Zeile mit einem siebenstöckigen Turm entge-
der Zweispänner von Walter Gropius.
gengewirkt werden . Zur Komplettierung der
Der fünfstöckige Außenbau der Gruppe 5
Zeile und zum Bau des Turmes kam es jedoch
ist an der Ostfassade von übereinander ge- nicht.
legenen Balkonen dominiert, die seitlich und
Durch die geringe Hanglage der Gebäu-
zentral angeordnet sind und beide Baublök -
de am Rande des Bebauungsgeländes ergab
ke optisch zusammenfassen . Das fünfte
sich wie schon bei Riphahn und Grod an der
Stockwerk ist als Drempelgeschoß ausgebil-
Westfassade die Möglichkeit, das ebenerdi-
det und trat auf dieser Seite in den Hinter-
ge Kellergeschoß der Häuser zu Sitzplätzen
grund, da es zur Hälfte Dachterrassen auf-
zu öffnen. Sie bilden gegenüber dem durch-
nahm. Die Hauseingänge beider Gebäude-
gängigen Dachgartenbereich an der Ostfas-
teile befinden sich ebenfalls an der Ostfas-
sade eine optische und bauliche Entspre-
sade. Der Eingang mit Treppenhaus des
chung . Das fünfte Stockwerk ist auf dieser
nördlichen Baublocks besteht aus einem von
Seite voll ausgebildet und enthält zu jeder
der Hauswand leicht zurückgesetzten, die
Wohnung eine 5,3qm große „kammer". In
Dachgärten überragenden vertikalen Bau-
ihrer Gesamterscheinung präsentiert sich
körper, der an der Front fast vollständig ver-
die Westfassade der Baugruppe 5 einheitli-
glast ist. Im südlichen Haus ist der Eingang
cher gegliedert als die kompliziertere Ost-
zwar im Osten , das verglaste Treppenhaus
fassade. Gropius ging zugunsten einer ein-
jedoch nach Westen gelegen, so daß sich für
heitlichen optischen Gestaltung der Westsei-
die Gesamtfassade sowohl im Osten als
te sogar so weit, daß er im fünften Geschoß
25 Ansicht von Osten auch auf der Westseite in der geplanten Rei-
die Mauersegmente, die zwischen zwei
hung von neun Mehrfamilienhäusern eine
zweiflügligen Fenstern lagen, schwarz ver-
rhythmische Abfolge der vertikal verglasten putzen ließ, dam it der einheitliche Eindruck
Treppenhäuser ergeben hätte.
der übereinanderliegenden, fünfteiligen
Das horizontale Gliederungsmoment wur- Fensterbänder, die die Fassade gliederten,
de wie schon bei Riphahn und Grod vor al- nicht gestört wurde. 109 Symmetrie und Ein-
lem durch die breit gelagerten Fensterbän- heitlichkeit durchbricht nur der etwas vorra-
der im südlicheren Block und die zur weißen gende südliche Baublock und das vertikal
Fassade in Grau farblich kontrastierenden, verglaste Treppenhaus.
aus dem Gesamtbau herausragenden Bal- Ähnlich wie bei Baugruppe 4 liegen sich
konelemente (Kragplatten) betont. die Drei- bzw. Vierzimmerwohnungen (im
Anders als bei Gruppe 4 bestimmten die nördlichen bzw. südlichen Haus) an einem
Fassade bei Gropius aber sowohl symmetri- gemeinsamen Treppenhaus gegenüber. Die
sche als auch asymmetrische Gliederungs- Funktionsbereiche der Wohnung sind streng
elemente. Die Asymmetrie der jeweiligen nach Ost-West-Richtung aufgeteilt. Im Ge-
Fassade, die durch die Anordnung der Trep- gensatz zu Haeslers Prinzip, welches Mor-
penhäuser entstand, wird jedoch, betrachtet gensonne für den Schlaf- und Abendsonne
man die Gesamtanlage, durch deren ach- für den Wohnbereich vorsah, lagen bei Gro-
sensymmetrische Beziehung wieder durch- pius die zwei Schlafräume im Westen und
brochen. Die beiden Blöcke weisen, jeder die Wohnräume im Osten der Häuser. Diese
für sich betrachtet, klassische Fassaden- und Veränderung in der Zielsetzung des Nord-
Grundrißsymmetrien auf, nämlich die Grup- Süd-Zeilenbaus- nämlich der damit verbun-
pierung der Wohnungen um eine gemeinsa- denen Lichtführung - führte das System ad
me Mittelachse, dem jeweiligen Treppen- absurdum. Ein schmaler Korridor erschließt
haus. Damit widerspricht diese Konzeption beide Funktionsbereiche der Wohnungen,
im Grunde Gropius' Vorstellungen von der
asymmetrischen Struktur der modernen Ar-
chitektur, wie er sie 1923 in „Idee und Aufbau
26 Ansicht von Westen des Staatlichen Bauhauses Weimar" formu- 109 Vgl. die Bemerkung von Angela Schu-
lierte. Der Symmetrie der geplanten Reihe macher, op.cit., S. 99.
48
49
Gruppe5
Architekt : Walter Gropius

ein weiterer, nahezu quadratischer Flur dient


als " Verte iler " zu den zwe i Schlafräumen
und dem Badez immer. Anhand des im Aus-
stellungskatalog abgebildeten Grundrisses
läßt sich die Belegung mit vier Betten in der
Vierzimmerwohnung und drei Betten in der
Dreizimmerwohnung rekonstruieren . Bei
der Inneneinrichtung der Wohnungen griff
Gropius zum Teil auf am Bauhaus entwickel-
te Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer zurück,
die die Firma Thone! in Serie produzierte.
27 Wohnraum mit Möbeln von Thone! (Stühle, Das betraf die Stühle im Wohnraum 110, die
Beistelltische/ Hocker, Regal) und der Frankfur- Beistelltische, die Gropius auch als Sitzhok-
ter Hausrat G.m.b.H. (Sofa) ker einsetzte und die in der gesamten Woh-
nung Verwendung fanden, sowie das Regal
im Wohnzimmer. Diese Möbel wurden vor
allem durch Einrichtungsstücke der Frank-
furter " Hausrat g .m.b .h." ergänzt. Das soge-
nannte „ polsterruhebett " der „ Hausrat
g.m .b.h." (Entwurf Franz Schuster) , das als
Sofa oder Chaiselongue im Wohnraum aller
drei Wohnungen von Gropius Verwendung
fand, lieferte die Firma Feder aus Berlin, die
sogenannten „ Frankfurter Klappbetten " ka-
men von Heerdt und Lingler aus Frankfurt
a.M. Die einzelstehenden, verchromten Me-
tallbetten stammten aus der Produktion der
Firma Lämmlein Zuffenhausen . Gropius be-
mühte sich bei der Präsentation der Möbel,
28 Schlafraum (Eltern) mit Frankfurter Klapp- den Eindruck einer belebten Wohnung ent-
beilen von Heerdt & Lingler stehen zu lassen . Keine andere Inneneinrich-
tung einer Wohnung im Dammerstock wurde
so detailliert im Katalog aufgelistet, und kei-
ne, außer der Möblierung der Wohnungen
von Otto Haesler, verfolgt ein so klares äs-
thetisches Prinzip, wie es Gropius ähnlich
auch 1927 in Stuttgart-Weißenhof realisierte.
Als Wanddekorationen benutzte er in Karls-
ruhe Fotografien (wahrscheinlich Fotogram-
me) von Lazlo Moholy-Nagy, die die ästheti -
schen Raumkonzepte des Neuen Bauens in
einem anderen Medium nochmals spiegel-
ten . Die Wohnungen wurden mit Teppichen,
Vorhängen, Bettüberwürfen, Küchengerä-
ten, Geschirr und Musikgeräten, sogar einer
Nähmaschine ausgestattet, so daß bei den
Besuchern der Eindruck entstehen konnte,
die Wohnung sei sofort bezugsfähig.

29 Schlafraum (2 Kinder) mit Möbeln van 110 Dabei handelte es sich um einen noch
Thone! heute produzierten Typ aus Stahlrohr mit Stoff-
bespannung mit der Bezeichnung B 5.
50
51
Gruppe 6: viergeschossiges Laubenganghaus (32 Zweizimmerwohnungen, acht Wohnunge
n pro Geschoß, 49qrri)
Architekt: Walter Gropius

Al s einziges Gebäude war das nun folgende den an den Wänden Fotografie n von Lazlo
vierstöcki ge Laubenga nghaus in der näch- Moholy-N agy präsentier t. Die Möbel ent-
sten Zeile des Bebauung splanes errichtet stammten auch der Produktion der Hausrat
worden, das 32 Zweizimm erwohnun gen mit G.m.b.H. in Frankfurt; die Stühle wurden von
je 49qm Wohnfläc he umfaßt, die durch ein Thone! hergestell t, die Betten von der Firma
gemeinsam es Treppenha us und die an der Lämmle aus Zuffenhau sen. Es ist zu vermu-
Ostfassad e gelagerte n Laubengä nge er- ten, daß die gleichen Möbel wie bei der Bau-
schlossen werden. Die Westfassa de konzi- gruppe 5 eingesetzt wurden.
pierte Gropius nicht als einheitlich e Fläche, In der zeitgenössischen Kritik wurde das
sondern durch zurückges etzte und vorkra- Laubenga nghaus von Gropius besonders
gende Bauelemente in mehreren hinterein- beachtet, oft jedoch negativ kritisiert, wie
ander gestaffelte n, vertikal gelagerte n Ebe- z.B. von Otto Völckers in „Stein/Ho lz/Ei-
nen. Die vorderste Ebene ist durch die trans- sen": „Ich bin kein Freund des Laubenha u-
parenten Balkonbrü stungen und die Schlaf- ses, weil es unter allen Umstände n (wenig-
raumfenst erbänder jeder Wohnung gebil- stens in fast allen bisherigen Lösungen) eine
det. Die zweite Ebene konstituier t sich durch Beeinträch tigung der Ungestört heit der
die Wohnraum fenster mit Balkontüre ; die Wohnung mit sich bringt. Die Lehrsätze von

,-
letzte besteht aus der verglasten Treppen- der heute so stark gelockerte n Abgeschlo s-
hauswand . Die Schichtung dieser fassaden- senheit des Einzelnen verfangen hier gar
bildenden Elemente führt durch das Vor- und nicht; dazu ist der 'Andere' meist nicht erzo-
Zurückspr ingen der nichttrage nden Wände gen, und wir Architekte n erziehen ihn durch
zu einer optischen Auflösung der Fassade. die Laubenhö user gewiß nicht dazu.[ ... ] Das
Auf der Ostseite des Gebäudes wird die Laubenha us in der Dammers tocksiedlu ng
30 Ansicht von Osten Fassaden auflösung der Westseite optisch zeigt übrigens bei den Zitfern der Baukosten
weitergefü hrt. Vor jeder Wohnungs türe ist und Mieten mit die höchsten relativen Sätze;
der Laubenga ng zu einem balkonart igen, ich kann also nicht einsehen, worin der Vor-
nahezu diaphanen Risalit erweitert, der als teil liegen soll." 111
Baukörpe r kaum in Erscheinung tritt. Das Zu allen Wohnunge n von Gropius ist ab-
Treppenha us des Gebäudes dient als Ver- schließend zu bemerken , daß sie im Gegen-
kehrsweg für alle Bewohner ; von dort aus satz zur zurückhal tenden Farbgebu ng der
führen die Laubengä nge, nach Stockwerk en Bauten im Außenber eich in Weiß und Grau
verteilt, zu den jeweiligen Wohnunge n. Zum innen farbig ausgestattet waren. 112 Über die
Laubenga ng hin sind Küche, Bad und Ab- Art der Farbigkeit in den Wohnung en geht
stellraum orientiert, um große Wohnruhe zu aus den bisherigen Unterlage n nichts hervor.
garantiere n; Wohnzimm er und Schlafraum
liegen nach Westen. Als Ausstattung waren
für das Schlafzim mer zwei Betten vorgese-
hen, im Wohnzimm er befand sich das glei-
che „polsterru hebett ", das auch bei Gruppe
5 schon verwende t wurc;le, dazu ein runder
Tisch und zwei Stühle . Die Küche war kom-
plett mit Spüle und Herd sowie Einbau-
sch~änken eingericht et. Das Bad enthielt ei-
ne Badewann e, Waschtisc h und WC. Es ist
anzunehm en, daß die Wohnunge n für zwei
Erwachsene evtl. mit Kind gedacht waren,
da auch Spielzeug zu den Exponaten einer
Wohnung gehörte und ein Kinderbet t er-
wähnt wird. Ähnlich wie bei Gruppe 5 waren
die beiden Musterwo hnungen im Lauben- 111 In: „Stein/Hol z/Eisen ", 49. Woche,
ganghaus bis hin zur Küchen- und Bettwä- 1929, S. 759.
sche, einem Radio, einer Nähmasch ine und 112 Justus Bier, in: „Baukunst" und „Form",
37 Ansicht von Westen
Geschirr komplett ausgestattet. Wieder wur- 1929; vgl. Cramer/Gutschow, op.cit., S. 149.

52
53
Gruppe 7: sieben dreistöckige Vierfamilienreihenhäuser (zwei Vierzimmerwohnungen pro Geschoß, 58qm) Architekt: Franz Roeckle

Von der Besichtigung der vier- und fünfstök- 20qm großen, nach Westen gelegenen
kigen Mehrfamilienhäuser begab man sich Wohnraum bestimmt. Dieser Wohnraum so-
zu den dreistöckigen Vierfamilienhäusern wie ein kleiner, nach Osten gerichteter Ar-
von Franz Roeckle (Gruppe 7). Ihrer Größe beitsraum (4qm} und die sich anschließende
nach bildet die gesamte Häuserzeile einen Küche sind vom Wohnungseingang aus über
Übergang von den Mehrfamilien- zu den einen nur 2,9qm kleinen Flur zugänglich ge-
Einfamilienhäusern. Das (von Norden gese- macht. Die weitere Erschließung der Woh-
hen} erste Haus der Baugruppe 7 ist das Eck- nung erfolgt über den Wohnraum, um den
haus zwischen Dammerstock- und Eugen- herum sich beide Schlafzimmer und der
Geck-Straße, welches man als Musterhaus Waschraum sowie Bad/WC gruppieren.
ausgestattet hatte. Die Besichtigung dieses Die Inneneinrichtung ist bei den Häusern
Hauses bildete gleichzeitig den Auftakt zum von Franz Roeckle nur schwer zu rekonstru-
Besuch der Einfamilienhäuser. Das dreistök- ieren, da lediglich eine Fotografie überlie-
kige Gebäude ist von Osten her zugänglich. fert ist. Die Möbel entwarf der Frankfurter
In den beiden oberen Stockwerken sind sich Architekt Karl Wiehl 113, sie wurden von der
gegenüberliegend jeweils zwei 58qm große Bau- und Möbelschreinerei H. Schneider in
Vierzimmerwohnungen angeordnet. Das Emmendingen (Baden} angefertigt. Die Hel-
Erdgeschoß ist als „hochkeller", mit Vorrats- ligkeit und Transparenz, die die Wohnungen
räumen, Fahrradabstellraum und Kohlen- von Riphahn und Grod und Gropius be-
keller, konzipiert; auf der Westseite öffnet stimmte, ist hier bei der Innengestaltung trotz
sich das Untergeschoß zu je zwei überdach- großzügiger Befensterung besonders durch
ten Sitzplätzen. Der Abstellraum für Fahrrä- die Mustertapete zurückgenommen. Die
der an der Ostseite ist von außen, durch eine Möbel haben schlichte, ornamentlose For-
Türe neben dem Eingang erreichbar, die üb- men, wirken aber allein durch das Material
rigen Kellerräume werden vom T reppenauf- Holz ungleich schwerer und solider als die
32 Ansicht von Nordosten gang aus durch einen Flur erschlossen. Stahlrohrmöbel in den Wohnungen der Bau-
Die Ostfassade des Hauses wird von der gruppe 5 und 6.
hoch liegenden grauen Sockelzone, dem fast
fensterlosen Hochkeller bestimmt. Die zen-
tral angeordnete Eingangstüre bildet das
wichtigste Element dieses Geschosses.
Rechts und links neben dem Eingang sind
drei kleine, uneinheitliche, vergitterte Fen-
sterelemente verteilt, hinter denen sich der
Fahrradraum, der Kellerflur und eine der
Vorratskammern befindet. Darüber liegen
zwei weiß verputzte Stockwerke mit den
Wohnungen, die an der unbefensterten Mit-
telachse des Eingangsbereiches gespiegelt
sind. Die Fensteranordnung jeder Wohnung
ist vom Grundriß her bestimmt und in sich
asymmetrisch. An der Westfassade, der
Gartenseite des Hauses, wird der dominie-
rende graue Sockel aufgehoben und der
Hochkeller für die Sitzplätze geöffnet. Auch 34 Wohnraum, Einrichtung durch den Frankfurter Architekten
auf dieser Seite bildet die hier befensterte Karl Wiehl
Mittelachse des Treppenhauses das vorherr-
schende Element der Fassadengliederung.
Beidseitig der Mittelachse befinden sich
113 Diese Angabe und eine Fotografie des
übereinander je zwei Fenster mit vier Fenste- Wohnraumes fanden sich in der Zeitschrift
relementen und daneben zwei Fenster, be- „Stein/Holz/Eisen", 49. Woche, 1929, S. 765;
stehend aus je zwei Elementen. dort ist auch ein Großteil der anderen Wohn-
33 Ansicht von Westen Die einzelnen Wohnungen sind von einem räume der Dommerstock-Siedlung abgebildet.

54
55
Gruppe 9: acht zweistöckige Einfamilienhäuser (vier Zimmer, 73qm) Architekt: Walter Gropius

Anschließend an die Mehrfamilienhäuser baulichen Ausführung wurden sie jedoch


von Franz Roeckle folgte die Besichtigung vollständig grau gestrichen, so daß die Ter-
der zweistöckigen Einfomilienreihenhäuser rassentür als baulicher und gestalterischer
von Walter Grapius (Baugruppe 9) mit 73 qm Gegenpart zum Eingangsbereich an der
Wohnfläche. Westfront gesehen werden muß. Sowohl die
In jedem Haus sind vier Zimmer angelegt, Eingangs- als auch die Terrassentür sind als
die sich auf zwei Funktionsbereiche im Erd- rhythmische Fassadengliederungselemente
geschoß und im Obergeschoß verteilen. Zu eingesetzt, die die Horizontalität der Häu-
ebener Erde befinden sich Wohn- und Kü- ser- und Fensterreihung in regelmäßigen
chenbereich, im ersten Stock ist der Schlaf- Abständen durchbrechen.
bereich mit drei, jeweils 14, 10 und Sqm gro- Von der Inneneinrichtung dieser Muster-
ßen Schlafräumen angesiedelt sowie ein häuser sind bisher keine Fotografien be-
Waschraum. Eine zentral gelegene Treppe kannt. Anhand der Angaben des Ausstel-
verbindet beide Ebenen miteinander. Flure lungskataloges muß jedoch angenommen
sind als Verkehrsflächen möglichst zurück- werden, daß die Art der Möblierung der Ein-
genommen; alle Räume wurden so miteinan- familienhäuser der der Wohnungen in den
der verbunden, daß sie auch ohne die Benut- Mehrfamilienhäusern weitgehend entsprach
zung des Korridores untereinander zugäng- (vgl. Gruppe 5, 6). 115
lich sind. Die Häuser sind alle voll unterkel-
lert. Im Keller befinden sich, neben dem gro-
ßen Kellerraum (19,3qm), die Waschküche
und der Raum für die Zentralheizung.
Bei der Baukonstruktion wandte Gropius
erneut das System der senkrecht zum Zeilen-
verlauf stehenden, tragenden Brandmauern
35 Ansicht von Westen {Eingong) aus Backsteinmauerwerk an, welches er für
Dessau-Törten 1926/27 entwickelt hatte. Die
übrigen Außenwände wurden aus schnell zu
verarbeitenden Bimshohlsteinen gemauert,
die nichttrageAden Zwischenwände waren
aus Gips- bzw. Bimsdielen.
Der Außenbau ist sowohl auf seiner Ost-
als auch auf der Westseite von durchlaufen-
den Fensterbändern bestimmt, nur an der
Grenze zwischen zwei Häusern und im Ein-
gangsbereich an der Westfassade werden
diese Fensterbänder kurz durchbrochen.
Damit entspricht diese Fensteranordnung
nicht der Raumabfolge im Innern des Hau-
ses, sondern ist als Fassade vorgeblendet.
Gropius unterwarf dabei das funktionalisti-
sche Prinzip der Konstruktion von innen nach
114
außen einem formalistischen Schema von
durchlaufenden Fensterbändern, wie er sie
aus der Industriearchitektur ableitete.
Die Ostfassade hat im Erdgeschoß einen
114 Entsprechend dem Leitsatz Sullivans
mit Glas gedeckten Sitzplatz. Die zugehöri-
„ form follows function".
ge doppelflügelige Terrassentür wurde nur
115 Ausstellungskatalog, op.cit., S. 37; dort
in der oberen Hälfte verglast, die untere
ist erneut die Rede von einem „polsterruhebett"
Hälfte der Türflügel sind geschlossen. In den sowie den Stahlrohrmöbeln der Firma Thone!
Aufrißzeichnungen des Kataloges fügten und der Möbel der Hausrat G.m.b.H. aus
sich die Türen dadurch optisch nahtlos in die Frankfurt a.M., auch Fotografien von Lozlo Mo-
36 Ansicht von Osten (Garten) Fensterbänder des Erdgeschosses ein, in der holy-Nagy werden erwöhnt.

56 57
Gruppe 11: acht zweigeschossige Einfam ilienreihenhäuser (drei Zimmer, 58qm) Architekt : Fritz Rößler

Dieser Haustyp ist mit 58qm Wohnfläche


und drei Zimmern der kleinste Einfamilien -
haustyp. Räßler legte daher besonderen
Wert auf „ größte differenzierung der räume
nach zweckbestimmung ". 116 Als „ mittel -
punkt des häuslichen lebens " 117 definierte er
das große Wohnzimmer (17 qm) im Erdge-
schoß. Auf einen Flur in diesem Stockwerk
wurde verzichtet, der Wohnraum konnte
auch diese Funktion übernehmen . 118 Türen
führen sowohl zum Sitzplatz im Garten als
auch zur 7 qm großen Küche, die über den
kleinen Windfang im Eingangsbereich noch
einen weiteren Zugang besitzt. Von der
Nord-Ost- Ecke des Wohnraumes führt eine
Treppe in das Obergeschoß. Hier dient ein 39 Wohnraum, Möbel nach Entwurf des Architekten
kleiner Flur als Verkehrsweg zu den beiden Die Möbel der Innene inrichtung wurden
vornehmlich nach Westen orientierten größtenteils nach Entwürfen des Architekten
Schlafzimmern (l 0 u. l 4qm) und zum Bad / von Karlsruher Schreinern gefertigt. Die Ein-
37 Ansicht von Osten (Eingong) WC. Schränke waren in die Zwischenwand richtung des Wohnz immers bestand aus
zwischen den beiden Schlafräumen einge- weißlack ierten Holzmöbeln, einer Eßgruppe
baut. Der größere der beiden Räume im mit Eckbank, einem Kommodenschrank mit
Obergeschoß erhält zusätzlich durch ein Schubladen und Glasaufsatz zur Aufbewah -
kleines, hoch gelegenes Fenster etwas Ost- rung von Tischwäsche, Geschirr oder von
licht. Das Treppenhaus, der Flur und Bad/ „kunstgegenständen ". Diese wurden im Ka-
WC sind durch zwei weitere dieser Fenster talog erwähnt und stammten aus der Produk-
beleuchtet. An der Ostfassade sind diese tion der Rüppurr-Fayence, Neureut.119 Die
verkleinerten, mezzaninartigen Fenster des Schlafräume waren mit ebenfalls weißlak-
Obergeschosses besonders auffällig. Unter- kierten Stahlrohrmöbeln ausgestattetno
halb davon befindet sich der überdachte Auch Rößler versuchte mit Hilfe der Ausstat-
Eingang mit halbverglaster Haustüre, links tung den Eindruck einer perfekt ausgestatte-
116 Ebenda, S. 40. neben der Eingangstüre das Küchenfenster ten , bezugsfertigen Wohnung zu geben . An
117 Ebenda . und rechts in doppelter Entfernung ein weite- Wandschmuck (Kunstdrucke) und Grammo-
118 Die Betonung des gro- res zweiflügliges Fenster, das einen Teil des phon war ebenso gedacht wie an Teppiche
ßen Wohnraumes als Aufent- Wohnraumes und den Treppenaufgang mit und Vorhänge.
haltsraum fürdie ganze Familie Licht versorgt. In der niedrigen Sockelzone
wird gemeinhin als die Neuent- sind, direkt unterhalb der Fenster des Erdge-
wicklung der Häuser der Wei- schosses und unterhalb der Eingangstreppe,
ßenhofsiedlung 1n Stuttgart drei kaum sichtbare Kelleröffnungen ange-
1927 gesehen. legt. Anhand der Fensterverteilung an der
119 Ausstellungskatalog, Fassade wird deutlich, daß Rößler den Au-
op.cit., S. 41.
ßenbau vom Grundriß ausgehend konstru-
120 Diese Möbel entspre-
ierte und im Gegensatz zu Gropius auf eine
chen den dunkellockierten
einheitliche Fassadengestaltung offenbar
Stahlrohrmöbeln, die Arthur
Korn im Rahmen der Möblie- weniger Wert legte . Weder durch die Ein-
rung einer Wohnung in der gänge noch durch die Fenster- oder Kamin -
Weißenhofsiedlung 1927 für anordnung sind die Hausgrenzen definier-
die Firma Arnold in Schorndorf bar. Die Westfassade wird durch mehrteilige
entwickelte, vgl. Karin Kirsch, Fensterbänder großzügiger beleuchtet als
Die Weißenhofsiedlung. Werk- die Ostfassade; die Verteilung der Fenster-
bundousstel lung "Die Woh- elemente und des Sitzplatzes orientiert sich
nung" -Stuttgart 1927, Stuttgart ebenfalls am Grundriß und ist von der Raum -
38 Ansicht von Westen {Gorten) 1988, s. 83. verteilung im Inneren bestimmt. 40 Schlafraum im Obergeschoß (nach Westen)

58
59
Gruppe 13: sieben zweigeschossige Einfamilienreihenhäuser (sechs Zimmer, l lOqm)
Architekten: Alfred Fischer und Walter Merz

Die folgenden Wohnhäuser (Gruppe 13) der


ses kombinierte Robert Meerwarth selbst
Architekten Alfred Fischer und Walter Merz
entworfene und von Karlsruher Schreinern
sind mit 11 Oqm Wohnfläche und sechs Zim-
angefertigte Möbelstücke mit seriell gefer-
mern die größten Typen der Siedlung . Zwei
tigten Stühlen der Stuhlfabrik Albert Stell aus
Häuser wurden als Ausstellungsgebäude
Waldshut. Auch die ausgestellten „kunstge-
von den Architekten Hermann Esch (Mann-
genstände", das Spielzeug und ein Teil der
heim) und Robert Meerwarth (Karlsruhe)
Lampen waren von Meerwarth entworfen
verschieden eingerichtet.121
worden. Seine Möbel zeichneten sich durch
Charakteristisch für diese Häusergruppe
ihren kastenartigen Aufbau aus und erinnern
ist die breite Lagerung entlang des Wohnwe-
an heutige Systemmöbel, die beliebig anein-
ges. An der Westfassade befindet sich der
andergereiht und miteinander kombiniert
Eingangsbereich . Rechts daneben sind zwei
werden können . Da einige der Möbel sehr
Fensterbänder angeordnet, die die Küche
niedrig wqren, blieb viel Wandfläche zur
und den Eßraum beleuchten. Die gleiche Gestaltung frei. Eine Wand des Eßraumes
Fensterart fand sich auch im Obergeschoß
dekorierte Meerwarth mit einem Wandtep-
über der Eingangstür wieder. Rechts davon pich im Stil der Bauhaus-Teppiche.
sind zwei zweiflüglige Fenster angelegt.
Als Besonderheit gegenüber allen ande-
Links von der Eingangstür im Erdgeschoß
ren Häusern der Siedlung waren die Zeilen
befindet sich noch ein kleines WC-Fenster. von Fischer und Merz (Baugruppe 13 und 15)
Die Abflußrohre der Dachrinne und die An- mit einer elektrischen Uhrenanlage „mit mut-
ordnung der Kamine bilden jeweils die opti- teruhr im ersten und nebenuhren in den übri-
sche Unterbrechung zwischen zwei Häusern. gen häusern " 122 ausgestattet. Die Uhren wa-
Die Ostfassade wird von einem Fenster- ren von Hermann Esch als Bürouhr für die
band mit sechs Elementen im Erdgeschoß Firma Junghans gestaltet worden (Abb.
dominiert. Rechts daneben liegt die über- 84).123
dachte Terrasse, deren rechte Abschlußkan-
te jeweils die Wandgrenze zum Nachbarge-
bäude definiert. Im ersten Stock sind des wei-
teren ein vier- und ein dreiteiliges Fenster
angeordnet, die zwei der vier Schlafräume
41 Ansicht von Westen (Eingong) beleuchteten .
43 Eßzimmer des zweiten Mu- In seinem Inneren ist das Erdgeschoß von
sterhauses, Möbel von Robert einem 24qm großen Wohnraum bestimmt,
Meerwarth, Wandteppiche
der nach Osten zum Garten hin gelegen war.
vom Badischen Kunstgewerbe-
verein Rechts vom Windfang erstrecken sich nach
Westen orientiert Küche (7 qm) und Eßzim-
mer (1 Oqm). Das Eßzimmer ist durch einen
breiten Durchgang mit dem Wohnzimmer
verbunden. Vom Windfang aus dient ein so-
genannter „vorplatz/abstellraum" als Korri-
dor, der sowohl zur zentral und parallel zur
Fassade gelegenen Treppe zum Oberge-
schoß als auch zum Wohnraum und der
Waschküche führt. Vom Wohnraum und 44 Wohnraum des zweiten Musterhauses mit Durchgang zum
auch von der Waschküche aus ist über die Eßzimmer und elektrischer Uhr {rechts), Möbel nach Entwurf
„laube" der Garten zu erreichen. Im Ober- von Architekt Robert Meerwarth
geschoß befinden sich die vier Schlafräume.
Ein rechtwinklig abknickender zentraler
Flur, der sich um das Treppenhaus legt, er-
121 Nur von der Einrichtung des zweiten
schließt alle Schlafräume und das Badezim- Hauses sind Fotografien erhalten.
mer mit WC in diesem Stockwerk. Das Haus 122 Ausstellungskatalog, op.cit., S. 44.
ist nur an seiner Westseite voll unterkellert. 123 Vgl. den Artikel in: Die Form. Zeitschrift
42 Ansicht von Osten (Gorten)
Bei der Inneneinrichtung des zweiten Hau- für gestaltende Arbeit, 4. Jahr, Heft 19, S. 531.
60
61
Gruppe 15: fünf zweigeschossige Einfomilienreihenhäuser (drei Zimmer, 91 qm) Architekten: Alfred Fischer und Walter Merz

In der der Gruppe 13 gegenüberliegenden


Zeile konnte man die weiteren von Fischer
und Merz entwickelten Einfarnilienreihen-
häuser besichtigen. Sie haben 91 qm Wohn-
fläche, die sich auf drei Zimmer sowie Küche,
Bad/WC, einen Abstellraum und die Flurflä-
chen verteilen. Auch hier standen in der Aus-
stellung wieder zwei Häuser zur Besichti-
gung offen; eines war mit Möbeln nach Ent-
würfen von Alfred Fischer eingerichtet, das
zweite mit Möbeln des Frankfurter Architek-
ten Franz Schuster. Im Erdgeschoß dominiert
der zentrale Wohnraum (24qrn), der durch
ein breites Fensterband von Westen beleuch-
tet wird und von dem aus eine Treppe zum
ersten Stock führt. Die Küche liegt gleich
links vorn Eingangsbereich und ist mit einer 47 Wohnraum des ersten Musterhauses, Möbel nach Entwurf
Breite von nur 1,70 rn und einer Länge von von Alfred Fischer, Stühle Stuhlfabrik A. Stoll, Waldshut

45 Ansicht von Osten (Eingang) 3,90m sehr schmal geraten. Sie ist parallel
zur Außenfassade angelegt und mit einem
Fensterband (vier Fensterelemente) großzü-
gig mit Licht versorgt. Rechts neben dem Ein-
gang befindet sich ein separates WC. Senk-
recht zur Fassade erstreckt sich ein Flur mit
Abstellraum, der zur Kellertreppe führt. Je-
des Haus ist nur zu etwa einem Drittel unter-
kellert. Wieder waren die Häuser mit einer
elektrischen Uhrenanlage versehen. Im Au-
ßenbau zeichnet sich die Ostfassade beson-
ders durch die durchlaufende ,,laube" im
Obergeschoß aus. Sowohl von der Wasch-
küche als auch von dem größeren Schlaf-
raum aus ist ein Zugang durch jeweils eine
teilverglaste Türe mit einem anschließenden 48 Wohnraum (gegenüberliegende Seile}, Möbel von Alfred
Fensterelement ermöglicht. Die Schornsteine Fischer, elektrische Uhr (Hermann Esch für Junghans)
und die Abflußrohre der Regenrinne markie-
ren erneut die Trennwände zwischen den
einzelnen Häusern.
Das erste Haus war mit schlichten dunklen
Holzmöbeln von Alfred Fischer ausgestattet
worden, die Stühle lieferte wieder die Stuhl-
fabrik Stoll aus Waldshut. Die Schlichtheit
und Sachlichkeit der Möbel sollte durch ihre
ornamentlose, kubische Konstruktion er-
reicht werden. Die einzigen kugeligen oder
kreisförmigen Elemente bildeten die Lampen
von Bünte und Rernrnler aus Frankfurt, die im
Wohnraum plazierte Uhr und der Sofatisch.
Die Möblierung des zweiten Musterhauses
durch Franz Schuster war einfacher als bei
Alfred Fischer und bestand vor allem aus
49 Wohnraum des zweiten Musterhauses, Möbel nach Entwurf
46 Ansicht von Westen {Garten) den von ihm entwickelten Kombinationsmö- von Franz Schuster, elektrische Uhr {Hermann Esch für Jung-
beln .
hans)
62
63
Gruppe 17: eineinholbgeschossige Einfomilienhousgruppe (Doppe lh aus, ·1e vier
· Z"tmm er ' 83qm) Architekt: Alfred Fischer

Die Baugruppe 17, das Doppelhaus von Al-


fred Fischer, ist das letzte Gebäude auf der sprochen. Es wurden wieder Serienstühle
südlichen Seite der Eugen-Geck-Straße der Firma Stoll eingesetzt, wie auch die so-
(heute Saarbrücker Straße). Es liegt alleine genannten „ Werkbunduhren" 125 von Her-
an einem Wohnweg. „Nach Art von Le Cor- mann Esch (vgl. Gruppe 13 u. 15). Vorgese-
busier"124 ist das Obergeschoß zum über- hen war die Belegung mit 5 l /2 Betten, drei-
einhalb im Erdgeschoß und zwei im Schlaf-
wiegenden Teil als Dachgarten ausgebildet.
Beide Häuserwaren zur Besichtigung einge- raum im Obergeschoß. Die Ausstattung bei-
richtet. der Häuser differierte in einigen Details, die
Betten stammten z.B. im einen Haus von Karl
Das Erdgeschoß versah Fischer mit unter-
Lämmle aus Feuerbach und im anderen
schiedlich breiten, umlaufenden Fensterbän-
dern, die an der südwestlichen bzw. der Haus von Oertel aus Karlsruhe. Fischer woll-
te damit wohl dem Eindruck von Gleichför-
nordwestlichen Hauskante die Wand völlig
migkeit und Eintönigkeit zuvorkommen.
auflösen und durch Fensterelemente erset-
zen. An den Stirnseiten ist jeweils nur ein klei-
nes, hochgelegenes Fenster angeordnet.
Das obere Stockwerk ersetzte Fischer zum
großen Teil durch die Dachterrasse. Dort wo
sonst Fenster gewesen wären, sparte er in
der bis an die Dachkante hochgezogenen
Fassodenwand große Öffnungen aus, die
zwar Fenster andeuten, aber nicht verglast
sind, sondern Blumenkästen aufnehmen. An
der Westseite, fast unsichtbar, liegt im Ober-
50 Ansicht von Westen (Eingang) geschoß je ein Fenster über dem Eingang
jeden Hauses, das Dusche und Waschküche
beleuchtet. An der Ostfassade sind zwei wei-
tere Fensterbänder im Obergeschoß einge-
baut, die die dortigen Schlafräume (pro
Haus ein Raum) mit Tageslicht versorgen.
Das Wohnen ist auf eine Ebene des Hauses
verlegt, nämlich auf das Erdgeschoß, insge-
samt stehen 83qm Wohnfläche zur Verfü-
gung. Um einen zentralen 25qm großen
Wohnraum, der sowohl von Westen als auch
von Osten Licht erhält, lagern sich an der
Südseite zwei weitere Schlafräume und ein
dazwischenliegender Waschraum. Auf der
anderen Seite des Wohnraumes sind der
Windfang mit naheliegendem WC, ein Ab-
stellraum, ein kleiner Flur, von dem die Trep-
pe abzweigt, und eine schmale (1,80 m) Kü-
che, noch Osten gerichtet, angeordnet. Der
Wohnraum dient als zentraler Aufenthalts- 52 Herrmann Esch, Bürouhr, entworfen für die
Firma Junghans
ort, ober auch als Verteiler zu den weiteren
Räumen. Über die Treppe, an der mittleren
Trennwand beider Häuser gelegen, erreicht
man das Obergeschoß und den Dachgarten. 124 In: Bauamt und Gemeindebau, 11. Jg.,
Von der Inneneinrichtung existieren leider Heft 25/1929, S. 412 und ähnlich in: Der Neu-
bau, 11. Jg., Heft 22/1929, S. 450.
keine Fotografien. Da die Möbel jedoch zum
125 Vgl. Ausstellungskatalog, op.cit., S. 53,
Großteil von Alfred Fischer selbst entworfen
ebenfalls abgebildet bei Joan Campbell, Der
57 Ansicht von Osten {Garten} wurden, hoben sie wahrscheinlich denen Deutsche Werkbund 1907-1934, München
des ersten Hauses der Baugruppe 15 ent- 1989, S. 17.
64
65
Gruppe 19: acht zweigeschassige Einfamilienhäuer {sechs Zimmer, 78qm, „5-bettentyp")
Architekt: Otto Haesler

Nordwestlich der Doppelhausgruppe von


gegen zur Beleuchtung der Schlafräume
Fischer liegt eine der Gruppen mit Einfami-
großflächig befenstert. Ein ähnliches Prinzip
lienreihenhäusern von Otto Haesler. Sie bil- war auch an der Westfassade angewandt:
det gleichzeitig den westlichen Siedlungs-
Geringe Befensterung des Untergeschosses
rand. Auf dem Bebauungsplan war zwar
mit kleinen Fensterelementen und großflä-
noch eine weitere Zeile vorgesehen, die aber
chige, differenzierte Befensterung des Ober-
nicht ausgeführt wurde.
geschosses mit zweiflügligen Fenstern, ei-
Die acht zweigeschassigen Einfamilienrei- nem Fensterband, einem Okulus, der die
henhäuser der Gruppe 19 mit 78qm Wohn- Vorratskammer beleuchtet, einem weiteren
fläche zeichnen sich durch ihre fehlende Un- zweiflügligen Fenster und einem einzelnen
terkellerung und ihre geringe Haustiefe bei Fensterelement, das das Bad und WC mit
möglichst großer Breitlagerung aus. Ähnlich Tageslicht versorgt. Bei beiden Fassaden
wie Alfred Fischer verlegte Haesler das wirkt die Fensteranordnung nicht als verein-
Wohnen auf eine Ebene, in diesem Fall je- heitlichendes Gliederungselement, im Ge-
doch in das Obergeschoß. Das Erdgeschoß gensatz z.B zu den durchlaufenden Fenster-
nimmt die Nebenräume, d.h. Abstellräume, bändern bei den Reihenhäusern von Gro-
den Kohlenraum und die Waschküche, auf pius. Sie ist vielmehr äußerst spannungsge-
und hat damit Kellerfunktion. Zusätzlich war laden und erzeugte nahezu den Eindruck
ein sogenannter „reserveschlafraum" 126 einer konstruktivistischen Bildkomposition,
gleich rechts vom Eingang und gegenüber vergleichbar etwa den Werken der nieder-
der Treppe zum Obergeschoß angeordnet. ländischen De Stijl-Gruppe (Abb. 86).
Ein parallel zur Fassade laufender Flur in Otto Haesler hatte mit seiner Art Wohnun-
der Mitte des Untergeschosses erschließt gen einen Typ definiert, der in etwas verän-
alle weiteren Räume und schafft auch einen derter, z.B. verkleinerter Form, in all seinen
53 Ansicht von Osten (Eingang) Zugang zur Loggia, die nach Westen und Bauten am Dammerstock Verwendung fand.
zum Garten hin orientiert ist. Der Flur des Er unterschied die Wohnungen nach der
Obergeschosses verläuft ebenfalls breitge- Größe bzw. der Bettenzahl und sprach nur
54 Ansicht van Westen (Gar- lagert in der Mitte des Stockwerkes. An sei- vom „4-, 5- und 6-bettentyp". 128 Die Bau-
ten), überdachter Sitzplatz mö- ner Ostseite liegen sämtliche Schlafräume. gruppe 19 gehörte mit 78qm Wohnfläche
bliert mit Celler Volks-Möbeln Im Westen führt er zu Bad/WC und zur Küche zum „5-bettentyp".
und geht in den Wohnraum über, der schließ- Die Innenausstattung der zwei Musterhäu-
lich in einer Arbeitsnische endet. Diese Räu- ser dieser Zeile besorgte ebenfalls Otto
me nannte Haesler im Katalog „tagesräu- Haesler. Er setzte dabei hier und in den an-
me". Wie bereits in seinem Aufsatz im Aus- deren von ihm errichteten Häusern der Dam-
stellungskatalog angedeutet, versuchte Ha- merstocksiedlung seine gerade erst entwik-
esler am konsequentesten die Forderungen kelten sogenannten „Celler Volks-Möbel"
nach der optimalen Besonnung und Durch- ein. Diese Möbel (Abb. 87) waren aus weiß-
lüftung der Räume zu verwirklichen. Konse- lackiertem Stahlrohr mit Holz (für die Stühle)
quent war daher auch die strikte Trennung in oder Polstern (für das Sofa). Sie wirkten
Funktionsbereiche, die sich jedoch nicht n"Ur durch ihr Material und ihre Konstruktion sehr
räumlich auswirken sollte 127, sondern auch leicht und wenig raumfüllend (vgl. Gruppe
in der Orientierung nach dem Sonnenstand. 3).
An der Ostfassade liegt der Zugang zu Haesler baute die gleichen Wohnungstypen
den einzelnen Häusern. Auf dieser Seite wird auch für die Siedlung Kassel-Rothenberg
die Fassade von einem vertikal verlaufen- und richtete die Räume dort wiederum mit
den, stockwerkübergreifenden Langfenster den Stahlrohrmöbeln ein.
bestimmt, welches das Treppenhaus be-
leuchtet und gleichzeitig einen optischen
126 Ausstellungskatalog, op.cit., S. 56.
seitlichen Abschluß bildet. Das Erdgeschoß 127 Wie z.B. bei anderen Häusern im Dom-
wurde gemäß seiner Funktion als Keller mit merstock die Trennung nach Geschossen. Vgl.
kleinteiliger Befensterung versehen, nur das beispielsweise Baugruppe 11.
Reserveschlafzimmer hat ein normales zwei- 128 Im Ausstellungskatalog z.B. auf S. 50
flügliges Fenster. Das Obergeschoß ist da- und S. 56.
66
67
Gruppe 18: acht zweigeschossige Einfamilienhäuser (vier Zimmer, 84qm)
Architekten : Walter M erz und Fritz Rößler

Gegenüber den Einfamilienreihenhöusern eines Hauses voll sichtbar. In der Mitte des
der Gruppe 19 liegen am selben Wohnweg Obergeschosses befindet sich, formal ähn-
achtzweigeschossige Einfamilienreihenhöu- lich dem Giebel-Okulus eines klassizisti-
ser der Karlsruher Architekten Fritz Rößler schen Gebäudes, ein kleines Toilettenfen-
und Walter Merz. Fritz Rößl er hatte auch die ster. Im gleichen Abstand dazu rechts und
Häuser der Baugruppe 11 erstellt, Walter links liegen zwei zweiteilige Fenster. Diese
Merz war gemeinsam mit Alfred Fischer der obere Fensterordnung ist, den Maßen einer
Architekt der Baugruppen 13 und 15. Die einzelnen Fassade entsprechend, zentriert

IT Grundrißdisposition der 84 qm Wohnfläche


umfassenden Häuser ist vergleichbar mit
der der vorgenannten Gruppen: um einen
großen Wohnraum liegen, bei fast quadrati-
angeordnet.
Die Inneneinrichtung der beiden Muster-
häuser dieser Reihe läßt sich wegen Mate-
rialmangels kaum rekonstruieren. Anhand
schem Grundriß, die übrigen Räume des des Kataloges ist festzustellen, daß ein
~~

II !JI Erdgeschosses . Der Wohnraum (18qm) ist


wie der Eingang des Hauses nach Westen
Großteil der Möbelausstattung aus der Pro-
duktion der Deutschen Werkstätten in Dres-
01 gerichtet zum Vorgarten und kann vom Ein- den-Hellerau stammte. Es könnte sich dabei
li 1 gang im Westen wie von der Küche im Osten um Möbel des Architekten und Professors
betreten werden. Durch ein vierteiliges Fen- für Innenarchitektur Adolf G . Schneck aus
sterband erhält er westliches Tageslicht. Stuttgart gehandelt haben, der mit seinen
Vom Wohnzimmer aus führt eine Treppe in 1927 durch die Deutschen Werkstätten in
das Obergeschoß; dort erschließt ein Flur Serie produzierten Holzmöbeln im gleichen
alle drei Schlafräume, das Badezimmer und Jahr auch auf der Werkbund-Ausstellung
das zweite separate WC. Die Raumanlage 11Die Wohnung" in Stuttgart-Weißenhof ver-
des Erdgeschosses wurde im Obergeschoß treten war.
nahezu übernommen. Der größte Schlaf-
raum (Elternschlafzimmer) hat den gleichen
55 Ansicht von Westen (Eingang), mit Bleistiftmarkierungen aus den 30er Jahren, als die Eliminierung des Flach- Grundriß wie der Wohnraum im Erdgeschoß
daches durch aufgesetzte Satteldächer auf die Häuser der Dammerstocksiedlung diskutiert wurde und umfaßt ebenfalls 18 qm.
Die Westfassade ist klar und übersichtlich
gegliedert: Wohnzimmer und darüberlie-
gendes Schlafzimmer sind jeweils mit exakt
übereinanderliegenden vierteiligen Fenster-
bändern beleuchtet. Die im Erdgeschoß links
davon liegende Eingangstüre ist zu etwa drei
Vierteln verglast und nimmt die horizontale
Vierteilung der Fenster in verkleinertem ver-
tikalen Verlauf wieder auf. Über dem Ein-
gang befindet sich ein weiteres zweiflügliges
Fenster, das mit seiner rechten abschließen-
den Kante auf einer Linie mit der darunterlie-
genden Tür liegt. Links von der Eingangstüre
ist ein kleines, hochgelegenes Toilettenfen-
ster. Ähnlich wie z.B. bei Baugruppe 13 wie-
derholt sich dieses Ordnungsschema wie ein
Musterrapport entlang der Zeile. Während
die Befensterung an der Westseite gleichmä-
ßig verteilt ist, wurde an der Ostfassade das
Erdgeschoß durch den Sitzplatz und die Kü-
chen- bzw. Waschküchenfenster betont. Daß
der Aufbau der Häuser von dieser Fassade
her kaum ablesbar ist, beweist die undeutli-
che Darstellung der Aufrisse im Katalog. So
56 Ansicht von Osten (Garten) war bei Schwitters' A nsicht nur die Fassade

68 69
Gruppe 16: neun zweigeschossige Einfamilienreihenhäuser (1 . Haus: sechs Zimmer, 87 qm, „ 6-bettentyp " /
Architekt: Otto Haesler
2. und folgende Häuser: vier Zimmer, 66qm, ,,4-bettentyp")

Haesler wandte hier den gleichen Bautypus


wie bei Baugruppe 19 an. Er ließ jedoch als
südlichstes Haus den „6-bettentyp" mit
87 qm Wohnfläche bzw. den „4-bettentyp"
mit 66qm Wohnfläche ausführen. Die Au-
ßengestaltung und auch die Raumdisposi-
tion im Inneren ähnelt daher den Häusern
der Gruppe 19 („5-bettentyp" ) sehr stark.
Der „6-bettentyp" wurde gegenüber dem
„5-bettentyp" lediglich in der Mitte um etwa
einen Meter verbreitert. Das Wohnzimmer
an der Westseite vergrößert sich so von 15
auf l 6qm, die danebenliege nde Arbeitsni-
sche von 6 auf 8 qm. Das mittlere Schlafzim-
mer an der Ostseite wurde von 6 auf 9qm
erweitert. Der „reserveschla fraum" im Erd-
geschoß ist nun statt 9qm 11 qm groß, und 59 Küche, Einbaumöbel von Hoesler
auch die Kellerräume vergrößern sich je-
weils um ungefähr einen halben Quadrat- war ebenfalls nahezu identisch mit Baugrup-
meter. Die Größe der Waschküche blieb pe 19. Wieder verwendete Haesler die Mö-
unverändert, der überdachte Sitzplatz wurde bel seines Programms von der Eisenwaren-
um gut einen Meter verbreitert. fabrik Altona-Celle. 129
Die Verbreiterung gegenüber dem „5- Das nördlichste Haus dieser Baugruppe
bettentyp" macht sich im Außenbau durch war durch die Staußziegelge webe-Ver-
das Hinzufügen von Fensterelementen be- kaufsgesellsc haft errichtet und während der
57 Ansicht von Osten (Eingang)
merkbar. Die übereinander liegenden zen- Ausstellung als Musterhaus für dieses Bau-
tralen zweiteiligen Fenster an der Ostfassa- material eingerichtet worden.
de der Baugruppe 19 wurden zu dreiteiligen
Fenstern bei der Baugruppe 16. An der West-
fassade erhielten das hochgelegene Keller-
fensterband am Sitzplatz zwei weitere Ele-
mente sowie das mittlere lange Fensterband
des Obergeschoss es ein weiteres Fenster- •
element.
Die übrigen Häuser der Zeile wurden als
4-Bettentypen ausgeführt; d.h. sie wurden
gegenüber dem „5-bettentyp" um zwei Me-
ter verkürzt. An der Ostfassade fallen da-
durch im Erdgeschoß ein schmales horizon-
tales Kellerfenster und im Obergeschoß das
zweiteilige Fenster weg. An der Westfassade
verkürzen sich im Erdgeschoß die hochgele-
genen Kellerfenster hinter dem Sitzplatz um
drei Elemente, im Obergeschoß wurde auf
das bei Gruppe 19 darüberliegen de zweitei-
lige Fenster verzichtet. Im „hauptgescho ß"
verzichtete man auf den mittleren Schlaf-
raum und die Arbeitsnische, der Wohnraum
wurde von 15auf14 qm verkleinert. Das Un-
tergeschoß wurde um einen Kellerraum re-
duziert. Der Sitzplatz ist anstatt 5,92 m nur 129 Vgl. die Einrichtung der Baugruppe 19
noch 3,92 m breit. bzw. der Mehrfamilienhäuser (Gruppe 3), die
58 Ansicht von Westen {Garten) mit überdachtem und möbliertem Sitzplatz (Ce/ler Volks-Möbel) Die Inneneinrichtu ng von Baugruppe 16 auch mit Fotografien dokumentiert sind.

70 71
Gruppe 14: fünf zweigeschossige Zweifamil ienhäuser (drei Zimmer, 54qm , EG/ vier Zimmer, 68qm, OG) Architekten : Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod

Am folgenden Wohnweg wurden ols Bau- dem Abstellraum , d ie zur Vierzimmerwoh-


gruppe 14 fünf " zweigeschossige zweifam i- nung gehören, aber im Erdgeschoß liegen,
lienreihenhäuser mit je einer dreizimmer- befindet sich das zusätzliche Zimmer. Die
wohnung im erd - und einer vierzimmerwoh- Treppe mündet im Obergeschoß in einen im
nung im obergeschoß" 130 von den Architek- Nordosten angeordneten Flur, von dem aus
ten Wilhelm Riphahn und Caspar Maria man rechts das Wohnzimmer und links um
Grod aus Köln errichtet. Die Erdgeschoß- die Ecke das vierte, an der Westseite gelege-
wohnung umfaßte 54qm, die Obergeschoß- ne Zimmer erreicht, dem ein Balkon { log-
11

wohnung 68qm Wohnfläche. Die Besonder- gia " ) vorgelagert ist. Neben dem Flur ist
heit dieser Häuser besteht darin, daß die noch ein separates WC positioniert. Über
Wohnungen nicht durch ein gemeinsames dem Eingangsbereich im Erdgeschoß findet
Treppenhaus zugängl ich sind, sondern jede sich in der oberen Wohnung eine Arbe itsni-
Wohnung einen eigenen Eingang besitzt. sche.
Wichtig war für die Architekten, daß keine
11 Von der Vierzimmerwohnung sind Foto-
räume der beiden wohnungen zu gemeinsa- grafien der Innenausstattung von Küche und
mer benutzung " angelegt wurden . Das Woh- Arbeitsnische erhalten . Verwendung fanden ,
nen im Mehrfamilienhaus sollte ouf diese wie schon bei den Mehrfamilienhauswoh-
Weise mit den Vorzügen des Wohnens im nungen von Riphahn und Grod (Gruppe 3),
Einfamilienhaus kombiniert werden . vor allem Möbel der Frankfurter Hausrat
Auch Riphahn und Grod strebten die Ver- G .m.b.H. (von Franz Schuster) . In Zeitschrif-
teilung der Räume innerhalb der Wohnung tenberichten zu r Dammerstock-Ausstellung
nach der Funktionstrennung in Wohnen und wurden v.a. die Arbe itsnischen {auch die von
Schlafen bzw. Tag und Nacht an . Anders als Haesler) positiv bewertet, so z.B. in „ Bauamt
Haesler jedoch orientierten sie sich dabei und Gemeindebau " , worin die Angliede-
60 Ansicht von Westen (Eingang) nicht nach dem Prinzip der Ost-West-Vertei- rung einer Nische an den Wohnraum als
lung . Sie wählten vielmehr für die Dreizim- 11richtig" und notwendig " angesehen wur-
11

merwohnung eine Nord-Süd-Verteilung der de, damit sich ein Familienmitglied zu un-
11

Raumanordnung . In der südlichen Hälfte der gestörter Arbeit zurückziehen kann " und
Wohnung sind die beiden Schlafzimmer und 11die Gelegenheit geboten wird, sich nach
das Bad mit Waschküche gelegen . In der eigenen Wünschen in einer Ecke zu beschäf-
nördlichen Hälfte ist (nach Osten) der l 8qm tigen.1 33 Dominierend war für das Wohnzim-
große Wohnraum und {nach Westen) die mer der Kachelofen, der als Heizung für die
5 qm kleine Küche sowie der Wohnungsein- gesamte Wohnung gedacht war. Auf den
gang mit Windfang {4qm) angeordnet. Ein ersten Blick wirkte diese Anlage, gerade ge-
kleiner Flur { schleuse " ) 131 erschließt die
11 genüber der Zentralheizung der Mehrfami-
Schlafräume und verbindet den Schlaftrakt lienstockwerksbauten, altmodisch . Bedenkt
mit dem Wohnbereich; er mündet in den man jedoch die Abhängigkeit der Zentral-
Wohnraum, der in der Grundrißdisposition heizung von der Stromzufuhr, sind auch Vor-
als wichtigster Raum der Wohnung durch
Lage, Größe und Befensterung definiert
worden war. Im Katalog hieß es daher:
"schlaf und wirtschaftsräume auf das nötig-
ste beschränkt zugunsten eines möglichst
großen wohnraumes. " 132
Im oberen Stockwerk versuchten die Ar-
chitekten die beschriebene Funktionsteilung
aufrecht zu erhalten. Durch die Erweiterung
130 Ausstellungskatalog, op.cit., S. 46.
der zweiten Wohnung um einen zusätzlichen 131 Vgl. den Grundriß der Mehrfomilien-
Schlafraum konnte dies jedoch nicht ganz häuser (Baugruppe 3), wo die Architekten diese
konsequent durchgeführt werden. Die Schleuse ebenfalls einsetzten .
Grundrisse beider Wohnungen sind südlich 132 Ausstellungskatolog, op.cit, S. 46.
des Treppenaufgangs identisch. Nördlich 133 In: Bauamt und Gemeindebou, 11 . Jg.,
6 T Ansicht von Osten {Garten) des Treppenhauses, über dem Eingang und 24 / 1929, S. 386.

72 ( 73
Gruppe 14
Architekten: Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod

teile in der Kohleheizung zu erkennen .134 Die


Küche war mit einem Gasherd und fest ein-
gebauten Holzmöbeln ausgestattet, die auch
•, „ •. ·.---i.:;,..: '., aus der Produktion der Hausrat G.m.b.H .
·- .· - . :".·....,.
stammten. Die funktionelle Aufteilung wurde
an die Frankfurter Küche der Architektin
Schütte-Lihotzky angelehnt, jedoch weniger
detailliert gestoltet. 135 Die Gestaltung der
Türen unterschied sich in diesen Wohnungen
von den anderen der Dommerstock-Sied-
lung. Riphohn und Grod hatten dunkle Holz-
türen eingesetzt, während in den übrigen
Häusern weiß gestrichene und damit unauf-
62 Arbeitsnische/Wohn- fällige Türen eingebaut worden waren.
roum, Vierzimmerwohnung, Die Fassade der Häuserreihe ist sowohl
Möbel der Frankfurter Haus- an der Eingangsseite im Westen als auch im
rat G.m.b.H., Stühle von Tho- Osten wie ein fortlaufendes Musterband mit
ne! zwei sich abwechselnden Schemata ange-
legt. Die dohinterliegende Aufteilung der
Wohnungen ist von außen kaum durch-
schaubar. An der Westseite überwiegen die
zweiflügeligen Fenster, die jeweiligen Hous-
bzw. Wohnungseingänge liegen auf dieser
Seite nebeneinander im Erdgeschoß. Um
den rechten von beiden, der den Zugang zur
Dreizimmerwohnung schafft, sind im Erdge-
63 Küche, Vierzimmerwohnung schoß rechts und links zwei Fenster grup-
piert. Darüber liegen in symmetrischer An-
ordnung weitere drei Fenster. Dieses Fosso-
denelement bildet eine optische Einheit,
ebenso wie der zweite Eingang, der dor-
überliegende Balkon, mit gemauerter leicht
vorkragender Brüstung, und jeweils links
davon die beiden übereinanderliegenden
Fenster {die schon zum nächsten Haus gehö- 134 Aus Frankfurt sind z.B. Probleme be-
ren). Nur der Anfang der Zeile, der mit eben kannt, die die Bewohner vor ollem noch der
diesen übereinanderliegenden Fenstern be- Weltwirtschaftskrise von 1929/30 bekamen, als
~innt, durchbricht das optische Schema. sie arbeitslos wurden und den elektrischen
Ahnlich verwirrend ist die Außengestaltung Strom, den die Stadtwerke lieferten, nicht mehr
der Ostseile: symmetrisch übereinanderlie- bezahlen konnten. Sie waren nicht einmal mehr
gende Fensterbänder bilden eine optische in der Loge, eine warme Mahlzeit zuzubereiten.
Vgl. Architektur-Dokumente, in: Wem gehört
Einheit. Die gekuppelten Sitzplätze im Erd-
die Welt?, op.cit., S. 152-153.
geschoß und die drei einzelnen kleinen Fen-
135 Anders ist bei der Frankfurter Küche z.B.
ster im Obergeschoß sind weitere von einan-
das von der Wand abklappbare Bügelbrett, die
der isolierte Gliederungselemente. Die verschiebbare Pendelleuchte und die integrier-
Haus- bzw. Wohnungsgrenzen verlaufen te Spüle. Ähnlich ist die Konstruktion und An-
am rechten Rand der drei kleinen Fenster ordnung der Arbeitsflöche unter dem Fenster,
noch unten und knicken im Erdgeschoß über die Anordnung und Art des Herdes sowie die
dem rechten Sitzplatz ob, um dann in der kleinen Alu-Schubladen (Schütten genannt) für
Trennmouer zwischen den Terrassen auszu- offene Lebensmittel (vgl. Das Neue Frankfurt,
64 Küche, Dreizimmerwohnung
laufen. Heft 5, 1926/27).

74 75
--~~-------------~-------...-i--------------------......--.
Gruppe 12: acht zweigeschassige Einfamilienhäuser (drei Zimmer, 58qm)
Architekt: Hans-Detlev Rösiger

Gemeinsam mit den auf der gegenüberlie-


genden Seite der Eugen-Geck-Stroße lie-
genden Häusern der Gruppe 11 von Fritz
Rößler sind die am nächsten Wohnweg fol-
genden zweigeschossigen Einfamilienhäu-
ser (Gruppe 12) von Hans-Detlev Rösiger
aus Karlsruhe mit 58qm die kleinsten Haus-
typen der Siedlung. Ähnlich wie die Wohnun-
gen des Loubengonghouses von Walter
Gropius fallen diese Häuser durch ihre Tiefe
bei sehr geringer Breite (4,25 m) auf. Durch
den Eingang mit Sitzplatz im Osten gelangt
man über einen noch Westen verlaufenden
Flur in den 17 qm großen Wohnraum des
Hauses. Neben Eingang und Flur liegt die
Küche. Vom Flur führt eine Treppe in das 67 Wohnraum, Typenmöbel aus dem Hondef
Obergeschoß, wo sich zwei Schlafräume
(15 und 9qm) und das Bad mit WC befinden. mäßig dezent gemusterte Tapete des Wohn-
Den „sparsamen grundriß auf schmalem raumes ließ einen einheitlichen, etwas abge-
grundstück" 136 begründete Rösiger mit dem tönten Raumeindruck entstehen, der durch
Sporen von Bauplatzkosten. die Gardinen und Vorhänge an den Fenstern
Um die Häuser nicht zu schmal wirken zu noch verstärkt wurde. Auch Rösiger hatte
lossen, verzichtete er beim Außenbau auf sich bemüht, den Eindruck einer bezugsferti-
die „reine reihung" und baute statt dessen gen bzw. schon bewohnten Wohnung zu er-
65 Ansicht von Osten (Eingang mit freitreppenähnfichem Aufgang) „jedes zweite haus als spiegelbild" 137 des wecken. Vergleicht man seine Einrichtung
vorangegangenen. Damit ergibt sich eine mit der von Hoesler oder Gropius, wird das
wiederkehrende symmetrische Anlage von Gestaltungsspektrum der präsentierten
je zwei Häusern. Der Eingang mit Treppe Wohnungen im Dommerstock auch von der
und Plateau (Sitzplatz) an der Ostfassade Innenausstattung her deutlich.
erhält durch diese Spiegelung den Anschein
einer Freitreppe. Die Westfassade wurde
ebenso symmetrisch um eine Mittelachse
gestaltet. Die Teilung in zwei Gebäude ist
jedoch dort durch eine vertikal durchlaufen-
de Trennwand zwischen den Gartentüren im
Untergeschoß und den Balkonen im Ober-
geschoß deutlicher. Rösigers Bauten erin-
nern dabei stark an Reihenhaus-Entwürfe
und -Ausführungen von Heinrich Tessenow
für die Gartenstadt Dresden-Hellerou 1910
(Abb. 68).
Bei der Inneneinrichtung griff Rösiger zu-
rück auf „ Typenmöbel aus dem Handel".
Seine Ausstattung stammte durchweg von
Korlsruher Unternehmen. Sie war im Ver-
gleich zu den anderen Wohnungseinrichtun-
gen die traditionellste der Ausstellung und
rezipierte Möbelformen des Biedermeier 68 Heinrich Tessenow, Einfa-
und des Jugendstils. Der Wohnraum war mifienreihenhous für die Gar-
ausgestattet mit einem Eßtisch und vier pas-
tenstadt Oresden-Hefferau,
1910
senden Stühlen aus dunklem Holz. Unterhalb
66 Ansicht von Westen (Gorten) des Fensters stand eine Polsterliege, die 136 Ausstellungskatalog, op.cit., S. 42.
auch als Notbett dienen konnte. Die gleich- 137 Ebenda.
76
77
Gruppe 10: acht zweigeschossige Einfomilienreihenhäuser (vier Zimmer, 75qm) Architekt: Wilhelm Lochstampfer

Die beiden Musterhäuser der Baugruppe l 0 leuchtete diesen Platz. Im anschließenden


von Wilhelm Lochstampferwaren die letzten, Wohnraum war am großen Fenster ein Ses-
die auf dem Besichtigungsrundweg an der sel mit Stehlampe und daneben ein runder
Eugen-Geck-Straße {Saarbrücker Straße) Tisch aufgestellt. Offenbar sollte hier ein
standen. Leseplatz eingerichtet werden. Die Fenster
Die Baugruppe l 0 besteht aus acht zwei- wurden mit Gardinen weitgehend verhüllt,
geschassigen Einfomilienreihenhäusern (mit so daß gefiltertes Licht in den Wohnbereich
je 75qm Wohnfläche) des Karlsruher Archi- drang. Außer dem Leseplatz befand sich als
tekten Wilhelm Lochstampfer, die an einem Wohnraummöblierung an der dem Eßplatz
Wohnweg mit den Häusern der Gruppe 12 gegenüberliegenden Längswand lediglich
liegen. Der Eingang dieser Häuser ist zum ein im Grundriß eingezeichneter Wohnzim-
Wohnweg hin orientiert und liegt an der merschrank; eine weitere Sitzecke war nicht
Westfassade. Das Untergeschoß ist auf die- vorgesehen.
ser Hausseite kaum befenstert, während das Die Bettenverteilung im Obergeschoß sah
Obergeschoß eine über die ganze Front rei- ein Doppelbett für das Elternschlafzimmer
chende Befensterung aufweist. Durch dieses vor. Das größere Kinderzimmer war an der
Fensterband sind Bad, Treppenhaus und ein Längswand mit zwei hintereinander stehen-
Kinderschlafzimmer (5 qm) beleuchtet. Diese den Betten versehen, das kleine Kinderzim-
Funktionsteilung wird durch das durchlau- mer nahm ein weiteres Bett auf. Die „normal-
fende Fensterband von außen negiert. belegung" war m "t 5 l /2 Betten angegeben,
An der Gartenseite im Osten kehrt sich bei „höchstbelegung" sollten 71/2 Betten
dieses Schema um. Von dort aus ist beson- untergebracht werden.
ders das Erdgeschoß mit einem Fensterband
69 Ansicht von Westen (Eingang) und einer halbverglasten Gartentüre groß-
zügig beleuchtet. Das Obergeschoß weist
hierein dreiteiliges und ein zweiteiliges Fen-
ster auf, hinter denen der Elternschlafraum
10 Ansicht von Osten (Garten) (lSqm) und ein Kinderschlafzimmer (9qm)
liegen. Die Anordnung der Fenster an den
Fassaden folgt keinen symmetrischen Re-
geln, ist jedoch auch nicht vollständig aus
dem Grundriß entwickelt.
Wie auch bei anderen Häusern im Dam-
merstock besteht das Erdgeschoß vor allem
aus Wohn- bzw. Eßraum und Küche. Vom
Eßraum in der Nordostecke des Hauses ist
auch der Garten und der vorgelagerte Sitz-
platz im freien zu erreichen. Die Schlafräu-
me im Obergeschoß sind alle zusätzlich un-
tereinander mit Türen verbunden. Das „el-
ternschlafzimmer" liegt zwischen den „kin-
derschlafzimmern" .138 Die Häuser sind je- 71 Wohnraum mit Eßplatz und Leseecke, Möbel nach Entwurf
weils vollständig unterkellert und mit Warm- des Architekten
wasserzentralheizung ausgestattet gewe-
sen.
Die Möblierung wurde nach Entwurf von
Wilhelm Lochstampfer in Karlsruhe von der
Billing und Zoller A.G. angefertigt. Die Ein-
richtung bestand aus dunklen, schlichten
Holzmöbeln. Im Eßzimmer befand sich an
der Längswand eine hölzerne Sitzbank mit
einem Eßtisch, um den drei Stühle gruppiert
waren. Eine Zuglampe mit Stoffschirm be- 138 Ebenda, S. 34.

78
79
Gruppe 8: sechs dreistöckige Vierfamilienhäuser (zwei Dreizimmerwohnungen, 51 qm, zwei Architekt: Fra nz Roeckle
Vierzimmerwohnungen, 58qm)
Der Ausstellungsbesuch wurde bei den drei- zwei Vierzimmer- und zwei Dreizimmerwoh-
stöckigen Vierfamilienhäusern der Baugrup- nungen. Die Symmetrie des Außenbaus ist
pe 8 von Franz Roeckle fortgesetzt. Diese bei der Grundrißanlage aufgegeben. Die
Baugruppe bildete die Weiterführung der linke Hälfte der Gebäude war den 58qm
Zeile von Baugruppe 7 nach Norden. Da- großen Vierzimmerwohnungen vorbehalten,
nach folgte die ebenfalls von Roeckle ge- die rechte Seite umfaßt die Dreizimmerwoh-

-„
plante Baugruppe 20. Die Häuserzeile, die nungen mit 51 qm Wohnfläche. „unter ver-
- 1 aus den Baugruppen 7, 8 und 20 (alle von meidung des üblichen ganges" war „je ein

r. • • 1
••
1•. • 11 1
Franz Roeckle) bestand, war die einzige der
Siedlung, die zum Zeitpunkt der Ausstellung
gemäß des Bebauungsplanes vollständig
großer wohnraum mit anschließendem
schlafteil, küche vrrd bad" 139 für jede Woh-
nung geplant worden. Zu der
Vierzimmerwohnung gehört neben dem
1 •• ••• ausgeführt war.
In ihrem Außenbau unterscheiden sich die- Wohnraum noch ein weiteres Zimmer, wel-
se Häuser nur geringfügig von den anderen ches wohl als Kinderzimmer genutzt werden
Vierfamilienhäusern Franz Roeckles. Bei sollte. Die Möbel lieferte wie bei Gruppe 7
fehlender Unterkellerung ist das Erdgeschoß die Bau- und Möbelschreinerei H. Schneider
als Hochkeller ausgebildet, der Abstell-, aus Emmendingen. Wahrscheinlich waren
Vorrats- und Wirtschaftsräume aufnimmt. auch hier die Wohnungen sehr ähnlich aus-
Die Ostfassade stellt eine Kombination von· gestattet. Leider sind von Baugruppe 8 keine
Ost- und Westfassade der Baugruppe 7 dar. Fotografien der Inneneinrichtung erhalten.
Die Fensteranordnung erfolgt wiederum um
eine zentrale Mittelachse, die hier jedoch
vertikal verglast ist und das Treppenhaus
beleuchtet. Die Verglasung des Treppenhau-
72 Ansicht von Osten ses ist bei Gruppe 7 an der Westfassade ge-
legen. Der Eingangsbereich wurde bei
Gruppe 8 als eine Folge der Grundrißdispo-
sition der Vierzimmerwohnung aus der Mit-
telachse herausgerückt und in der Sockelzo-
ne nach links versetzt. Daher konnte man für
das Treppenhaus die Tiefe des Hauses nicht
vollständig ausnutzen. Die Westfassade
weist wieder eine klare spiegelsymmetrische
Gliederung der fassadenbildenden Fenste-
relemente auf. Als Achse dienen hier die
übereinanderliegenden zweiflügeligen Fer-
ster und die mittlere Trennwand zwischen
den Terrassen im Erdgeschoß. Diese Sockel-
zone ist wie bei Gruppe 7 geöffnet, so daß
vier überdachte Sitzplätze geschaffen wur-
den. Die Gartentüren sind jeweils paarweise
um die Trennwand zwischen zwei Sitzplätzen
angeordnet. Mit Ausnahme der Sockelzone
an der Ostseite, waren die Fassaden der
sechs Vierfamilienhäuser von symmetrischen
vertikalen Gliederungsmomenten bestimmt.
Die breite Lagerung der Gebäude und die
fortlaufende, rhythmisch von Wandsegmen-
ten durchbrochene Fensterreihung betonen
dagegen die Horizontale.
Anders als bei Gruppe 7 sind in den Häu-
s~rn der Gruppe 8 nicht vier Vier-
73 Ansicht von Westen 139 Ebenda, S. 34.
zimmerwohnungen angeordnet, sondern je

80 81
Gruppe 20: sechzehn dreistöckige Einfamilienreihenhöuser (vier Zimmer, 77 qm) Architekt: Franz Roeckle

Den dreistöckigen Aufbau seiner Häuser i m


Dammerstack behielt Franz Roeckle auch
bei den Einfamilienreihenhäusern bei . Ähn-
lich wie bei den Mehrfamilienreihenhäusern
nimmt ein Hochkeller.(Untergeschoß)
Waschküche, Kohlenkeller und Vorratsraum
sowie einen überdachten Sitzplatz auf. Das
erste Geschoß besteht zum überwiegenden
Teil aus einem einzigen 7,24 m tiefen und
11 3 30m breiten Wohnraum . An der Nordwest-
1:
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D D D D e~ke des Hauses liegt im gleichen Stockwerk
noch die 6qm umfassende Küche. Die Trep-
pe in der Nordostecke des Gebäudes mün-

i-
1 ' 1 det in einen „ vorplatz" vor diesem Raum und
~ führte von dort aus weiter in das zweite
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Obergeschoß . Dorttrifft sie auf einen flurar-
tigen „vorplatz", von dem aus die Türen zu
zwei der drei Schlafzimmer und zum Bad
abzweigen . Den kleinsten Schlafraum (6qm)
in der Südostecke des Hauses erreicht man
nur durch das 14 qm große Schlafzimmer an
der Westseite. Dieser Schlafraum war wohl
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74 Ansicht von Osten (Eingang)
als Kinderzimmer gedacht. Auf dem mö-
blierten Grundriß ist auch nur ein kleines
Kinderbett eingezeichnet. Das dritte Schlaf-
zimmer ist knapp 9 qm groß. Da anhand des
Grundrisses im Katalog keine feste Betten-
möblierung in diesem Raum angezeigt wur-
15 Ansicht von Westen (Garten)
de, ist anzunehmen, daß Roeckle den Raum
mit Klappbetten ausstattete, so daß er bei-
spielsweise tagsüber als Spielzimmer ge-
nutzt werden konnte.
Charakteristisch für die Häuser ist ihre
geringe Breite und die Gliederung der Stock-
werke als funktionale Einheiten (Keller-,
Wahn- und Schlafbereich), was sich auch in
der Fassadengestaltung bemerkbar macht.
Anders als bei seinen Vierfamilienhäusern
verzichtete Roeckle hier auf die Achsensym-
metrie in der Gliederung des Außenbaues.
Jedes Stockwerk wurde als autonomes Ele-
ment gestaltet. Die Wirkung liegt daher we-
niger in der Betrachtung der Fassade eines
Hauses als vielmehr in der horizontalen Rei-
hung der einzelnen strukturellen Faktoren
entlang der Zeile. Ähnlich wie auch bei an-
d~ren Fassaden im Dammerstock ergibt sich
e_1ne Art Musterrapport, der hier Stockwerk
furStockwerk und Haus für Haus wiederholt
wurde. Mit dieser Art von Auflösung der Fas-
sade konnte Roeckle auch dem Eindruck der
Schmalheit, d.h. den Empfindungen von
K.leinheit und Beengtheit, beim Betrachten
eines einzelnen Hauses entgegenwirken .
82 83
Gruppe 1 und 2: zweigeschossiges Fernheizwerk und Zentralwaschgebäude mit zwei Wohnungen (vier Zim-
mer) Architekt: Otto Haesler
Wirtschaftsgebäude mit Metzgerei und Dachterrasse (z.Zt. der Drucklegung des Katalogs noch im Rohbau)
Im rechten Winkel zu den Mehrfomilienhous- Die Wäscherei war für damalige Verhält-
Fernheizwerk und Wäscherei blöcken der Baugruppe 3 schließen sich das nisse äußerst modern eingerichtet. Es stan-
zentrale Heizungs- und Wäschereigebäude den dort Waschmaschinen zur Verfügung;
(Gruppe 1) sowie das außer Konkurrenz von eine glosüberdeckte Freilufttrockenonloge

-
einem privaten Bauherren errichtete Wirt- war im Obergeschoß des Gebäudes ange-
schaftsgebäude mit Metzgerei (Gruppe 2) legt. Des weiteren existierten Trocken-

== = an (Abb. 88). Beide Gebäude waren zum


Zeitpunkt der Ausstellung nicht zur Besichti-
gung freigegeben.
Das Fernheizwerk und Zentralwaschge-
schränke, die schublodenortig ausziehbar
waren. Dort konnte man die feuchte Wäsche
hineinhängen, die dann mit heißer Luft, die
aus dem Heizwerk in die Schränke geleitet
76 Ansicht von Norden (Eingang)
bäude bildete einen markanten, riegelorti- wurde, langsam trocknete. 141 Im Kellerge-
- gen Abschluß des Geländes im Nordosten.
.• t-l ~ - schoß des Gebäudes befand sich das Fern-
- . ·- t ~ [ l ~-
1 =r:...=.:.=...; . „ --- - -1- -
i···i !
t=:::::t=1
- ..
-
DID Es war das einzige Gebäude, dessen zwei- heizwerk, das zunächst nur olle Mehrfami-
lienhäuser mit Wärme versorgte. 142 Gerade

_::::: ,l____
geschossiger Baukörper die Nord-Süd-Rei-

___ : U=~::
hung der Zeilen durchbrach und ost-westlich der Einsatz dieser zentralen Heizung mochte
orientiert war. Eine torartige Öffnung über- auch ein Stück der Modernität der gesamten
_m_•._
...JJll • --'-------'-- brückte die Domoschkestraße (heute Donzi- Anlage aus. In einer Wohnung zu wohnen, in
gerstroße) und verband das Heizungsge- der nicht mehr mit Kohlen und Holz geheizt
bäude mit den Hausmeisterwohnungen und werden mußte, bedeutete für viele spätere
77 Ansicht von Süden
dem Restaurant. Bewohner einen großen Fortschritt gegen-
Auf der linken Seite {im östlichen Teil des über anderen Wohnungen in der Innenstadt
Gebäudes) sind im Erdgeschoß und im von Korlsruhe. 143
Wirtschaftsgebäude Obergeschoß je eine Wohnung angelegt,
die für die Hausmeister-Familien gedacht
waren. Rechts der Toreinfahrt erstreckte sich
der Gebäudeteil mit Heizanlage und Zen-
trolwoschküche140, über der Toreinfahrt war
der Trocken raum mit den Trockenschränken
gelegen, der von Norden nur durch ein hoch-

:JJlLULL 78 Ansicht von Norden


gelegenes kleines Fensterband beleuchtet
wurde. Das Obergeschoß des rechten (d.h.
westlichen) Teiles wurde nahezu vollständig
(Eingang)
verglast und mit Klappfenstern versehen, die
die bessere Durchlüftung ermöglichten. Im
Erdgeschoß sind gleichartige breitgelogerte
Fensterelemente angeordnet. Vier Fenster-
elemente von der Toreinfaht entfernt befin-
det sich der Eingang zum Waschhaus. In der
Sackelzone liegen keine Fenster. An der 140 Heute Architekturbüro Rossmann +
Süd-Fassade wurde wegen des absinkenden Partner.
Baugeländes der Keller zum Hochkeller mit 141 Diese Angaben entstammen einem Ge-
19 Ansicht von Osten, Front zur durchlaufender schmaler Befensterung. Er- spräch, das ich mit einer alten Bewohnerin der
Elffinger Allee stes und zweites Stockwerk sind dort mit der Baugruppe 3 führte, die seit 1932 im Dammer-
gleichen Befensterung versehen wie an der stock wohnte.
Nord-Fassade. Die Fenster der Hausmei- 142 Im Katalogtext heißt es: „kesselonlage
heute nur zu 1/3 eingebaut für die gruppen 2, 3,
sterwohnungen stoßen direkt an die Haus-
4, 5 und 6. zentralwaschkücheneinrichtung heu-
wand des ersten Mehrfamilienhousblackes,
te ebenfalls nur für dieselben gruppen. alle
liegen ober zu dessen Fensteranordnung
häuser der übrigen gruppen haben eigene
etwas noch oben bzw. unten versetzt. Bei heizanlagen und eigene woschküchen." {Aus-

• den Hausmeisterwohnungen orientierte sich


Hoesler nicht an dem Grundrißsystem, wel-
ches erfür die übrigen W ohnungen am Dom-
stellungskatalog, op.cit., S. 17) .
143 Die von mir befragte Bewohnerin war
heute noch stolz darauf, daß sie es niemals nö-
80 Ansicht von Süden merstock anwand te. tig gehabt hatte, „Feuer machen" zu lernen.

84 85
Gruppe 3: zwei viergeschossige Achtfamilienhäuser (je Stockwerk eine Drei- und eine Vierzimmerwohnung, 62/ Architekt: Otto Haesler
74qm, .4- bzw. 5-bettentyp")

Der Rundgang durch die Ausstellung endete dergrund der Gestaltung. Marcel Breuer
mit der Besichtigung der Mehrfamilienhaus- schrieb über seine Metallmöbel: „die metoll-
wohnungen der Baugruppe 3 von Otto Hoes- möbel sind teile eines modernen roumes. sie
ler, wo je eine Drei- und eine sind 'stillos', denn sie sollen außer ihrem
Vierzimmerwohnung zu besichtigen waren, zweck und der dazu nötigen konstruktion
die sich in einem Stockwerk gegenüberlie- keine beabsichtigte formung ausdrücken.
gen. Die Wohnungen entsprechen in ihrer [ ... ]diese metollmöbel sollen nichts anderes
Raumdisposition im wesentlichen dem „4- als notwendige opporate heutigen lebens
bzw. 5-betten-typ" 144 der Baugruppe 16 und sein." 148 folge r ichtig fanden diese Möbel in
19, mit Ausnahme der Loge der Küche und den Villen der Oberschicht ebenso Verwen-
des Badezimmers, die sich bei den Mehrfa- dung wie in den Wohnungen von Walter
milienhäusern an der Ostseite zwischen den Gropius in der Dommerstock-Siedlung (vgl.
Schlafräumen und nicht an der Westseite- Gruppe 5, 6 und 9). Otto Hoesler hatte durch
{_neben dem WohnraumjJefinden:-Aoßerrlem- den Nomen „volks-möbel" und die Benut-
i-M-€1ie Wohnfläche jeWeds 4qm klei11e1, ~e­ zung von lackiertem anstatt verchromtem
beträgt für die Dreizimmerwohnung 62 qm Metall Abnehmer mit geringerer Kaufkraft
(statt 66qm) und für die Vierzimmerwohnung im Auge. Aber auch in seiner Wohnungsge-
74qm (statt 78qm). Ebenfalls vergleichbar staltung spielte die oben erwähnte Ästhetik
mit den Einfomilienreihenhäusern ist die eine Rolle. Bei den Fotografien der Innenein-
Breitenloge der Wohnungen gegenüber ih- richtung wird d ie Leichtigkeit und Beweglich-
rer geringen Tiefe. 145 keit dieser Möbel deutlich. Gropius bemerk-
Auf einen Flur innerhalb der Wohnungen te in seinem Kotologexemplor dazu folgen-
verzichtete Hoesler fast völlig. Nur direkt des: „ Viel Platz/Liegebank ist gut/Der Ge-
noch dem Eingang erschließt ein kurzes Flur- danke der Arbeitsnische ist gut/Die Möbel
stück ein Schlafzimmer, das Bad und die gehen noch nicht so, mit Ausnahme des
81 Ansicht von Westen
Loggia. Für die übrigen Zimmer übernimmt [Stuhles/anstelle des Wortes folgt im Origi-
der Wohnraum Verteilerfunktion. Diese Auf- nal eine Skizze-Anm. d. Verf.]/Der dreibei-
teilung führt zu einer partiellen Zweckent- nige Stuhl [damit ist ein Hocker gemeint-
fremdung des Wohnraumes, welcher Durch- Anm. d. Verf.] fällt um, wenn man sich noch
gangscharakter erhält und damit an Wohn- hinten seitl. überlegt./Der Tisch hat unnötig
lichkeit einbüßt. Die zeitgenössischen Kriti- eckige Konten/Der Tisch [d.i. der Sofotisch-
ker beurteilten diese Raumform daher häufig
negotiv. 146
Der Architekt benutzt, wie bereits bei den
Baugruppen 19 und 16 erwähnt, ausschließ-
lich selbstentworfene Möbel, die sogenann-
ten „Celler Volks-Möbel". Diese Möbel wa- 144 Ausstellungskatalog, op.cit., S. 22.
ren aus weißem Stahlrohr und Holz bzw. 145 Tiefe: 6,50 m gegenüber der Breite von
Stoffbespannung gefertigt. Sie erinnerten in l 0,95 m auf der Westseite und 11,94 m auf der
ihrer Gestaltung und Beweglichkeit am ehe- Ostseite der Vierzimmerwohnung bzw. 8,54m
sten an unsere heutigen Camping-Möbel, im Westen und 10,08m im Osten der Dreizim-
waren jedoch durchaus als feste, dauerhafte merwohnung.
Möblierung gedacht. Ziel dieser seriellen 146 Z.B. in: „Der Neubau", ll.Jg.,22/1929,
Möbelproduktion waren „gut konstruierte S. 448.
147 In: Katalog „celler volks-möbel, metall-
metollmöbel für niedrigen preis." 147 Damit
warenfabrik altona-celle", erschienen um
verfolgten Hoesler und die Metallwarenfa-
1929, gestaltet von Kurt Schwitters. Als Faksimi-
briken Altona-Celle im Gegensatz zu ande-
le-Nachdruck ist dieser Katalog Bestandteil des
ren Metallmöbelherstellern Ziele im Sinne Kurt Schwitters Almanachs von 1985.
der Wettbewerbsausschreibung. Bei den 148 In: Das Neue Frankfurt, Heft l /1928, zit.
Stahlrohrstühlen von Morcel Breuer, Marl n. Heinz Hirdina, Neues Bauen- Neues Gestal-
Siam oder Mies von der Rohe war die Käu- ten. Das Neue Frankfurt/die neue Stadt. Eine
ferschicht nicht genau definiert, es standen Zeitschrift zwischen 1926 und 1933, Dresden
82 Ansicht von Osten vielmehr ästhetische Gesichtspunkte im Vor- 1984, S. 210.

86 87
Gruppe3 Architekt: Otto Haesler

Anm . d . Verf.] fällt um + wackelt/Das Sofa derung der Fassade erreicht. Darin unter-
hat noch kantige Seitenlehnen ." 149 scheidet sich diese Fassadengestaltung
Im Gegensatz zu der dunklen Holzmöblie- deutlich von der der Einfamilienreihenhäu-
rung der Häusergruppe 7 von Franz Roeckle ser Otto Haeslers. Haesler verwendete die-
beispielsweise waren die Räume Haeslers sen Haustyp auch für die Bebauung der Sied-
ungleich nüchterner, gleichzeitig aber auch lung Kassel-Rothenberg 1929/30.
lichtdurchfluteter. Keine Gardine filterte das
Licht von draußen, keine Raumecke blieb
verborgen. Im Unterschied zu den Ausstat-
tern anderer Dammerstock-Wohnungen ver-
suchte Haesler nicht ein „belebtes " Wohn- •
umfeld zu simulieren . Für die Dreizimmer-
wohnung war eine Bettenzahl von 4 1/2 und
83 Eßplatz im Wohnraum, Möblierung mit Cel- für die Vierzimmerwohnung von 5 1/2 bei
ler Volks-Möbeln, Entwurf: Ollo Haesler „normalbelegung" vorgesehen.
Die Westfassade der beiden Mehrfami-
lienhäuser wird von den bei jedem Haus zen-
tral angeordneten Treppenhäusern be-
stimmt. Diesei Treppenhäuser sind als Mittel-
risalite ausgebildet, die an ihrer Front urTd
auch um die Ecken herum vollständig ver-
glast wurden . Die Eckverglasung geht dann
in massive Querwände über. Innerhalb jedes
Risalites liegt im Erdgeschoß, gegenüber
der Treppenhausverglasung etwas zurück-
gesetzt, der Hauseingang. Die vertikale Do-
minanz der Treppenhäuser wird durch die
horizontal verlaufenden Fensterbänder ab-
geschwächt. Rechts und links der zentralen
Treppenhäuser befinden sich übereinander
die innerhalb der Fassade zurückversetzten
84 Sitzecke im Wohnraum {gegenüber vom Eß- Loggien (heute oft mit Rolläden versehen) .
platz gelegen, Möblierung mit Celler Volks- Sie verstärken in ihrer Anordnung den Ein-
Möbeln, Entwurf Ollo-Haesler druck der dominierenden Mittelachse. Diese
Symmetrie wird jedoch durch die Aufteilung
in Drei- und Vier-Zimmerwohnungen auf je
einer Seite des Treppenhauses und die dar-
aus folgenden unterschiedlich langen Fen-
sterfronten wieder durchbrochen. Eine wei-
tere vertikale Achse verläuft zwischen bei-
den Hausblöcken, dort wo der Abfluß der
Regenrinne installiert ist. An dieser Stelle
treffen die 5-Bett-Wohnungen beider Blöcke
aufeinander. Ihre Befensterung läßt im Au-
ßenbau eine weitere Symmetrieachse entste-
hen. Die Ostfassade ist durch das fehlen
von Loggien und Treppenhäusern einheitli-
cher gestaltet; beide Baublöcke verschmel-
zen optisch zu einer nur von der rhythmi-
schen Abfolge der Fensterelemente struktu-
rierten Fassade. Sowohl in der Horizontalen 149 Zit. n. dem Originalexemplar des Aus-
85 Blick vom Wohnraum (Sitzecke) in die Ar-
als auch in der Vertikalen wurde durch das stellungskataloges von Walter Gropius, S. 22,
beitsnische, Hocker: Celler Volks-Möbel, alle
Prinzip der Reihung eine symmetrische Glie- Privatbesitz.
Möbel nach Entwurf van Ollo Haesler

88 89
gut konstruierte metallmöbel für niedrigen preis
nach entwürfen von architekt otto haesler, celle

-- - - II 1 1

-II 1

- 1 1
1 1 1 ••

- - • -
- -- - - " . . ,...
......
celle in hannover drahtansdiril\ , metallbett celle, fe rnruf celle nr. 3779 und 3780

86 Bart von der Leck, „ Verlassen der Fabrik ", Komposition Nr. 4, 1977, Öl auf Leinwand, 94 x lOOcm
87 Otto Haesler, Celler Volks-Möbel, entwickelt um 1929 für die Metallwarenfabrik Altona-Celle
90
91
Die Arbeiten von Kurt Schwitters für die Ausstellung

Wie bereits erwähnt, erhielt Kurt Schwitters wahrscheinlich im


Spätsommer des Jahres 1929150 von seilen der Wettbewerbs- und
Ausstellungsorganisatoren in Karlsruhe den Auftrag, alle Drucksa-
chen für die Ausstellung „Die Gebrauchswohnung" zu entwerfen.
Dazu gehörte nicht nur die Gestaltung eines Plakates (Abb. 89) und
des Ausstellungskataloges, sondern auch der Einladungskarten
150 Die früheste Drucksa-
che zum Dammerstack, die von
zur Eröffnung (Abb. 90) sowie der Ehrenkarte für die Ehrengäste
Schwitters gestaltet wurde, ist (Abb. 91 ), der Eintrittsbilletts, eines Briefbogens für Geschäfts-
mit 3. September 1929 datiert. briefe des Ausstellungsausschusses mit Briefumschlag (Abb. 92,

ammerstock

RUSSTELLUNli KARLSRUHE
DRMMERSTDCK-SIEDLUNli
DIE liEBRRUCHSWDHNUNli
88 Blick auf die Nord-Ost-Ek-
89 Kurt Schwitters, Plakat für
vom 29. 9. bis zum 27.10.1929.
ke der Dammerstocksiedlung,
die Ausstellung n Die Ge-
oberleitung professor dr. weiter gropius.
links Heizungs- und Wäsche- 10-17iuhr -
reigebäude, rechts Baugruppe brauchswohnung n, vierfarbi- • ..,• • U....,llH --•

3 von Otto Haesler ger Offsetdruck, 84 x 59cm

92 93
93 Kurt Schwiffers, Briefbogen,
schwarz auf elfenbeinfarbe- RUSSIELLUNli KARLSRUHE
nem Papier, Schrifttype Balken-
DRMMERSTDCK -SIEDLUNli

"
sehriff und Futura, DIN A4 (21 x
EINLADUNG 29,lcm} DIE liEBRRUCH5WDHNUNli
xu der cwut•ll1tr10 korhrvh•
dom!Mrttoc:k • 1Mdtvng
T.,.h......
dommentodi·korbrvhe
f•mrvf
kothrvhe 5380 -,
EROFFNUNGSFEIER die gebroudtfW'Ohrwng rotbout

der Karlsruher Ausstellung ausstellung


karlsruhe
dammerstock - siedlung
die gebrauchswohnung Ihr. ••khetl
1--- Ul'\Mrelefd'lel'I

bm.beio11tworton~
,.-..„„
EHRENKARTE FUR

Je/ 151 Im Werkverzeichnis der

~.f;~oa.
typographischen Arbeiten
(„Typographie kann unter Um-
ständen Kunst sein", op.cit.)
wird ein weiteres Informations- •
blatt aufgeführt, das sich im Be-
DAMMERSTOCK-SIEDLUNG sitz von ars libri in Boston befin-
DIE GEBRAUCHSWOHNUNG bitte sichtbar .z:u tragen, sonst den soll. Abgebildet ist im WVZ
(wenden) kein z:utrltt In die wohnungen. (S. 182/Nr. 115) die Seite 16 des
nicht Obertragbar Ausstellungskataloges. Es ist
nicht klar, ob diese Katalogsei-
90 Kurt Schwiffers, Einladungskarte zur Eröffnungsfei- te gesondert als Informations-
91 Kurt Sc~':"'iffers, Ehrenkarte für Ehrengäste der Aus-
er der Ausstellung, schwarz auf elfenbeinfarbenem blatt verteilt wurde oder ob es
stellungseroffnung, die Karte war gleichzeitig als Na-
Karton, Schrifttype Futura, recto und verso, 14, 9 x sich dabei um eine Fehlinfor-
mensschtld gedacht, das mit einer Nadel ans Revers
10,4cm mation handelt. In der Akte des
gehefl~t ":.er~en sollte. Nach diesem Prinzip waren
Freiburger Stadtarchivs ist die-
auch die ubngen Eintrittskarten gestaltet, schwarz auf
weißem Karton, Schrifttype Futura, 10,4 x 7,4 cm ses Blatt jedenfalls nicht zu fin-
den, obwohl alle sonstigen

Drucksachen bis auf das Plakat
dort gesammelt wurden.
152 Diese Drucksachen um-
faßten vor allem Zimmerreser-
vierungs- und Anmeldungsfor-
mulare zur Teilnahme am Be-
such in der Dammerstocksied-
drucksache lung am 5.10. und an einer
151
Schwarzwaldfohrt bzw. einer 93), verschiedener Informations- und Faltblätter (Abb. 11, 13) ,
Besichtigung der Karlsruher einer Werbekarte (Abb. 95) und zweier Werbeanzeigen (Abb. 96,
Gartenstadt und dem Rhein-
97) sowie aller Drucksachen, die in Zusammenhang standen mit
strandbad Rappenwörth. Sie
ausstellung befinden sich im Stadtarchiv der parallel zur Ausstellung stattfindenden Tagung der „Kommu-
ro. c.st,or tsc.1ic .old
karlsruhe Freiburg in der Akte C4 XX/16 nalen Vereinigung für Wohnungswesen" (Abb. 98 a-c), deren152Mit-
dammerstock- sledlung 3. Diese Arbeiten sind bisher glieder die Dammerstock-Siedlung am 5.10.1929 besuchten .
die gebrauchswohnung nicht bekannt gewesen und da- Wie Schwitters selbst in einem Brief vom 6.9.1929 an Hanns
92 Kurt Schwilters, Briefum- her auch nicht im Werkver- Krenz, den damaligen Geschäftsführer der Kestner-Gesellschaft in
schlag „Drucksache ", schwarz zeichnis der typographischen Hannover, schrieb, hatte er zusätzlich zur Gestaltung einzelner
auf hellbraunem Papier, Arbeiten (op.cit.) angegeben.
Drucksachen auch „die propaganda der ausstellung karlsruhe:
Schrifttype Futura, reclo und ~gl. die Auflistung der Arbeiten
im Anhang . 'dammerstock-siedlung die gebrauchswohnung' übernom-
verso, 11,5 x 16,2 cm
95
94
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16. m-:.;:....Tu;- -
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KARLSRUHE
AUSSTILLUNO

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DAMMllSTOCK· SllDLUNO
Dll OHl.AUCHSWOHNUNO

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94 Kurt Schwitters, Faltprospekt, schwarz auf weißem Papier, Schrifttype Futura, DIN A2, vermutlich gefaltet wie . I in besonderes freistehendes Blatt. Der Lageplan
hindurch in eine Landschaft. Die Angaben rechts erscheinen a s ehb h d Lageplan-eine bloße schemati-
eine Landkarte. links ebenfalls. Es ist interessant, wie durch diese räumliche Durc h recRungd er . ken reli"efartig. Unterstütz/ ist
Dieser Prospekt war bisher nur durch eine Abbildung ohne Maßangaben in dem Buch von Heinz und Bodo Rasch, . D · C · d s rec /en an es w1r
sehe Zeichnung - plastisch zu werden scheint. 1e tni~n e . .. /" h L0 i ··sung und Isolierung der rechten
Gefesselter Blick (op.cit.) überliefert. Dort hat Schwitters auf Seite 93 seinen Entwurf erläutert: Faltprospekt für N
dieser Eindruck durch das Uebersichtsbildchen unten li~~s. Die r~m ic ; ~ ~es schwarzen Punktes. Hierdurch
die Karlsruher Ausstellung Dammerstock. Innen ist Lageplan, Situationsplan, Bilder aus der Ausstellung und der
Umgebung, Textangaben. Alles zusammen montiert. Durch den filmartigen senkrechten Bildstreifen ist der Lage-
Prospektseite ist durch ein ganz kleines Hilfsmittel verstarkt: de; e~~us
wirkt tatsächlich die Fläche Papier als solche im Gegensatz zu en raum ic en
/%c Tiefen des Bilderfilmes. N

plan links von den Angaben getrennt. Die Papierfläche ist wie ein Vorhang auseinandergezogen. Man schaut

97
153
men" , was die Gestaltung von zumindest zwei Werbeanzeigen 153 Brief von Kurt Schwitters 96 Kurt Schwitters, Werbean-
in Zeitungen und Zeitschriften einschloß.154 an Hanns Krenz, Brief Nr. 340, zeige, schwarz auf weiß, ++++ ++ +++••••• +++++ ++ ••••••••••• +++
~~~~~ -~~~~~1
Für Kurt Schwitters sicherte die Tätigkeit als Werbegrafiker wirt- Schwitters-Archiv Hannover, Schrifttype Futura, abgedruckt lH E IT I ST tdliNBRECHER ., !
schaftliche Unabhängigkeit, und sie bedeutete gleichzeitig eine Er- Bestandsverzeichnis, S. 46. Au- in: Karlsruher Zeitung. Badi-
Maannoca ....,....aoc11 •••aianocc
weiterung seines kü nstlerischen Schaffens. N o rbert N obis sieht in ßer anhand der gestalteten scher Staatsanzeiger, 772 Jhg., Das
Drucksachen lassen sich kaum Nr. 230, 3. 70. 1929, Die Form, S T -TI SCHZE UG KARLSRUHE
der „ Beschäftigung mit der Typographie" und der Gründung des
M ERZ-W ERB E- Büros (1924) einen Ersatz für „ d ie von vorneherein
Aussagen über den genauen Zeitschrift für gestaltende Ar- Zeitstil für das moderne AUSSTELLUNG
Auftrag von Schwitters und den beit, Heft 2011929, Modeme imer liefert aus kost- DIE GEIRAUCHSWOHNUNG
nicht sehr inte nsive Beschäftigung mit der Druckgraphik. " 155 N obis Umfang seiner Tätigkeit in Bauformen/ Mitteilungen aus !inenen Edelgespinsten
stlerentwürfen, auch mit 23 HAUSTTPIN - 221 WOHNUNGIN
vertritt damit eine in traditionellen Gattungsgrenzen verankerte Karlsruhe machen . Weder im der Fachwelt, XXVIII. Jhg. No - 30 NEUZEITLICH MtJILIERT
enem amen, Initialen
A nsicht, die dem erweiterten Kunstbegriff der Dadaisten allgemein Schwitters-Archiv Hannover vember 1929, (Originalgröße) und Wappen
und von Kurt Schwitters im besonderen nicht gerecht wird. Vielmehr noch über den Sohn Ernst L E l:\E;<;HAU~ :
DAMMERSTOCK
Schwitters konnten Quellen er- vom 29. Sept. bis zum 7T. Okt. 1929
ist auf den umfassenden G estaltungsanspruch vo n Schwitters Tä- 1GGE:XHEDIE R ~ Oberleitung : Prof. Dr. W. Grop ios
schlossen werden, die die ge-
tigkeit zu verweisen, der gattungsübergreifend alle Lebenszusam- .\ RT. C ALW ER STR. JJ, J. • llN · U.MIMIPAM.· H•UHI · LAUllNOANGNAUI
nauen Umstände erklärten . hrend e r deut scher Ho tels und !
154 Diese Anzeige fand ich Ga ststa tten. •,
in einer überregionalen Zeit-
schrift und einer Karlsruher Ta -
.................................~
geszeitung . In „Modeme Bau- - . • , - . - . - - ---„„ ·o·„
~ ~ „-- - ~·-· · ..... _......, -„
formen" wurde sie zu spät, im
November 1929, veröffentlicht;
lf e~r n°" tn i>uttftl
~ - ~
ge~nt toat.
~~~~~~~~~~~~~~~~~

in der „ Karlsruher Zeitung . Ba- JO


sie werden es sicher schon bemerk} hoben, wenn sie im d-zug
discher Staatsanzeiger" war
sie am 3.10.1929 abgedruckt.
Eine zweite Anzeige betraf die
rn,
lt•
VERLXNGIRUNG
sitzen und der kommt so richtig in fahrt, so ruft der immerzu:
dammerstock, dammerstock, dammerstoc:k, dammer-
Verlängerung der Ausstellung In• clerK.........llerA••t••„
bis zum 3.11 .1929. Sie wurde in iit·
1tock. er hat es mit seinem einfachen d-i:ug-veßfond begriffen,
daß heute der dammentock die siedlung ist, die .sie un- _
der „ Karlsruher Zeitung " vom ta• Danu11er1tock1ledlung-
29. l 0.1929 veröffentlicht. lll•
bedingt gesehen hoben müssen. dammentodc, dammer-
1tock, dammerstock, dammerstock, so rollt ein d-i:ug
155 Norbert Nobis, Kurt er• ,.clle Gebrauchtwohnung•
noch dem andern in korlsruhe~on. dammerstock, dammer-
1tock, dammentock, dammentodc, so fragen olle frem-
Schwitters und die Druckgra-
phik, in : Kurt Schwitters 1887- r"
ld, „„._....3.Nov.... er
den, die in korlsruhe aussteigen; ober sie brauchen nicht i:u
1948, Ausstellungskatalog,
Hannoverl986,S. 242 . l•·
an
fragen, denn der weg zum dammentock ist gut gekenn-
97 Kurt Schwitters, Verlönge-
1 -4 l1•Rhltl
zeichnet. dammentock, dammentock, dammentock,
dammentock, so sogt noch noch 50 johren der greis, wenn
er so. recht in fahrt kommt, denn die dammentock-sled-
rungsonzeige, schwarz auf
weiß, Schrifttype Futura, abge-
je·
(n· •All„AllerheiH9•
12 Uhr """ 20 ......... „.
druckt in: Karlsruher Zeitung,
lung ist ihm dm architektonische erlebnb seiner jugend Badischer Staatsanzeiger, 172.
gewesen.
Jhg., Nr. 252, 29. 10.1929, (Ver-
größerung) tn.
DAMMERSTOCK
IOngste sledlung Im .zellenbau
men hänge einbeziehen sol lte und damit die herkömmli ch en.G ren-
zen vo n bi ldender Kunst, Werbegrafi.k, ~rch.itektur, Plast1~ u~.d
Dichtung zu sprengen suchte. W ie wichtig die Werbegrafik f~r
besuchen auch sie die ousstellung korlsruhe, dammentock·
1ledlung, die gebrauct..wohnung, welche n0ch geöffnet Schwitters war zeigt auch die Grü ndung und das Engagement fur
I 1 U 156
ist bis i:um 27. oktober dieses johres. 3. oktober 1929. den Ring „neue werbegesta ter . . . „ .
1 der von ihm herausgegebenen Zeitschrift •:Merz ' die. von
156 Gegründet 1927, vgl. l 9;3-1 932 in unregelmäßi gen Abständen erschien, propa gi erte
„ Typographie kann unter Um- Schwitters seine neue A rt der Buch- und Sc.h riftgestal tu~.g . InTMerz
95 Kurt Schwitters, Werbekar-
ständen Kunstsein ". Ring 'neue 11/ 1924 zur Typorekl ame publizierte er s~ine " Thesen uber . ypo-
werbegestalter' . Die Amsterda-
te, schwarz auf grauem Karton, h. „ Der grundleg ende Text über „ Die neue Gest.a ltung i.n der
mer Ausstellung, Ausstellungs-
Schrifttype Futura, 14,7 x grap ie ·h. " ch.1en 1930 als W erbeheft für seine eigen e Firm a .
katalog, W iesbaden/ Ha nno- Typog rap 1e ers . T h.
I0,4cm ver/Zürich 1990/91 . Er fo rmu lierte da ri n folg end e Def initi on : „ Die neue ypogra p ie
98 99
A1,1u1enu„g lo.O""•" die loulvi rnil ih11n teitgetn6ßen Woht1vngH1nridl· 4. fÜI' die Avtobudohrt Kartsrvh• - S<hwan.wold laden-&oden Betrifft: Zimmerbeiteilung anltiBllch de1 lleouch1 , den 1929.
'"'IWJ'" "'°" "'"•" 1tud1,„1 WPrderi_ Es 1ind 30 Wohnu"'i.,.. lftObliert, Eil'! p
-• ;!:n~;h:1.o~:;~o:~!~~~··~.;:~~;:: :a':::...:: ,:: der Ausstellung Karf1ruhe „Dammerstock·Sled-
fodle beq..ieme MObel, Ord11u11g ufld Ober.id\ttictil.eit dM „1,lertel Oi11~,
die du Ho1uhoh broudlt. Im go"nn 11nd 23 Wohnfor-" verwendet und dem Strondbod RoppenwOl't lu der fohrpreu "°" jed1111 TeiJ„ehmer ovf lung, die Gebrauchswohnung" durch die kom-
228 Woh"""9'" geboul worden. Mehr iibef die Siedlwng 1.u 1chi-ei!Mn dem !oot un111illelbor 1.u 1.ohlen. 'lnunale Vereinigung fllr Wohnung1we1en.
ef\lbt191 :i.id\1 doi get.ehr•t-bt.ne Wott wir\! t1ie .o 1lo1k wi4 der Eind1"6: .5. Vortroglfolge r Die oitgegobene Vortrog1folge 111 unlfOlb•ndlodi,
tn dto• Notur; S•e l'liluel'I bitte telbll konimet1 etwaige Ä"deningen we.den In der Sltrung bekonntgegebe"'
6. Unterilvnfh Jeder Teil11ehmer wolle 1ldi do1 ZJ..,111er 1elb11 be11etten
lt. Tageselntellung Es wird PIMSglldut frVhz.elhge 811loll1.1"li1 empfohlen, weil lt1fol9e de• Av1
So1"11to9, de" 5. Oktober 1929 1!eltung vnd 1ontl'9•r VM0„1tohun9en 1t6rkerer Fre111denW:rkehr erworlel Ich bestelle hiermit für die - Nacht - N6dite - vom bis Oktober 1929 - Hotelzimmer - Privatzimmer - und
9 Uhr : Einleitende Vortrtige rnil Udltbitdern im kleil'\efl Sool det wird. fin Hotel.,.neidinh "1il Prelten hegl bei. O.r Verkehrw••••ro zwar - Zimmer mit 1 Bett - Zimmer mit 2 Betten - der Gruppe und nehme davon Kenntnis, daß kosren:
KO<'lienhou$01, fe1tplo1:. 1. IV•gerrneid„ Sc:ttneider•ICorhrvhe• Die ~­ Ko1l1n1he 111 oudi bereit, gegen eitle VergiJtu„g "'On 50 Pfg d„ z,..,,,..,
""'"Sl'pol•t•Jd'oe Ziebettuftg 111 dff Dommentoduiedl1,111g 2. Profen0t Dr, belOfgtlf'lg :ru Gbernehl'l'H!n1 ovdl hoorfUt liegt Vord•u<k bei
G•op ... 1-hrt1n. hbovvngi.plo11 und Woht1f_„ der Oom11>enlocl11edl-til Der VorsltHnd•
Zimmer mit l Bett, Frühstück Zimmer mit 2 Betten, Frühstüdc
3. Ardl••ek1 H~d•t·Cetle ITrag.er du 2. P~4!!1 det Wettbe-rbtl• Afi. der kom'"unolen Vereinigung fUr Wohnun91wesen und Bedienung .:JUt und Bedienung .:JUt
"°"
„•.,
pouurua Wohnu1'191gr6ße on Bedarf und wirhdwtfll>dte l•l1tungif61iig·
du Woluiu„g11nhobet1 l'llil lei1p>e1~n ou1 der Don„l'ler1loduiedlu"li1
4. S•o<ilobe1bovrot Dr. Dommer·Ko'1m1he1 Do1 Kotbrv...,.System detWoh·
• • Or. Cul, Stodtbo...direktor
ldi beehre. mid\ die f1nlodv~g UH' htlchh9"ng der KO<t1niher Auolell"tllil
In Hotels der Gruppe A (große Hotels mit über 6.50-10.90 15.00- 22.00
""l'l9'.bo.tfinon1~rvng und tei<MI ""'wend""g in der Do"""enloduoedJu"lil
vnd 1vr Teolnohme on de11 1nlerenonlen VortrOgt!'fl ft0ft'len1 der lotide1 100 Betten)
14.30 Uhr1 lukhtlgung d~ AuuteHung ..Dotn-ntodc1„dh,1ng - doe hOUflhlodt Kotfwvhe iv wiedethMI\. ldi werde "'tdt o.,fl.c,Ofde„tlid'i
~bnn,do• .... ohnung„
fr.,,....., wenns;. h•rherko_.n, u"' 1odl °"°" de"' E19™" d.,. e. In Hotels der Gruppe B 1mittelgroße Hotels mit
Sortntog, den 6. Oktober l 929
m.ihungen der Slodt ICorh.....,., ein.el'I Scttt1t1 "'Of'W6rtt In der Sctioffu„g 4.50-6.35 9.00-14.95
Nodl Wohl d ... TeitMhtNr
enrweder1 fotITT ,..;, Kro~ d.m:h S<h-nwold noch 9odet1·8ode11
iut h11dihgung der dort•v-11 Soiedlung OoswHilcel von frofeHor S<hmitt·
~n„·Stuttgort. Abfohrt Korllruh Houptbohnhof 9 Uhr J Rüde.kehr nod\
dw_„.,,,.,, Gobfo\ld'l1woh""'"ll' fiir doe devhd>e fot111l<e JU '""• penO..~
'"' vben.~„g•"
Der OberilO..gennelfter
der Lond„ho1.1ptoadt Karbn1he
Dr. Finter

40 bis 100 Betten )
Hotels der Gruppe C (kleine Hotels und Gast-
höuser mit weniger ols 40 Betten)
4.00-4.50 7.60-9.00
Ko•l1f\lhe etwa 17 Uht
oder : In Korlttuhti h1iditigvrog oer 6ltc1len deuhthen Gor1... 1todl in Privatzimmer 3.00-4.00 6.00-8.00
ltorhr„he·Ruppuo 1owO. Fohrt ouf dem lth.;n nodl det11 - I I lto'1H~er
Rhe•n111ondbod RoPfHl"wCirt, n6 ... ret ovf dem T09""g1büro
Ich verpAichte mich, den Zimmerpreis unmittelbar an das Hotel oder an den privaten Mieter zu bezahlen und zwar auch
III. Allgemeine Bemerkungen
1. Anmeldun9en wrTellnohrne1DieAtlme'dllt'lgol'I•~b<t1p6lt!1ten1 dann, wenn ich das Zimmer nicht bis zum _ Oktober 1929 schriftlich beim Verkehrsverein Karlsruhe abbestellt habe.
2. Okteibef 1929 ouf be1l•ogender Nimeldeltor1• erfcMgl •efn &.l 1p6te11n
An..,eldun~l'I •onn keine Gow6hr füt &orUdr1;dihg1>1tg und ordnung11'1'16ßlgo
E1ledigung Ubernommen werden
2. To9un91bUro: Do1 TogungJbüro bo!ind.t 1idi om Sonnt09, den 5. 50 Plg. VergUtung flJr die Zlmmerbestellung liegen In Briefmarken bei.
O~tobe• "°" 8 bi• 20 Uhr im 1t&dh1chen Koni.erthou1, a"'ITellog, d.,,
A. Okrober - 12 b~ 22 Uhr und Sonntag. den 6. Oktobet -.on 8 bi1 12 Uhr
,„ de• Aud<u""nleh des V1r•8"'overtiln1 im Houptbohnhof Kodu1.1h.e. An den Deutliche Unterscf'lrift :
Ooe Teilftflh..,... -d•n dringend v-bet.,,, 1id! tofort "odi Ihre"' c,„.
t•effen ,..., ToVU'1'9I~ eln1ufi„den. """ d0t1 ihre Tetln.ehMerka.rte und
IOl'llhge Togu„91drvdnact.." ;., Empfa"lil 1.u "8hnten. Verkehrsverein - Geschäftsstelle Wohnort:
3. T•lln•tl'"erttortei Die 0U9emelne TellnPmerttorte kouet 5 IM
....d beredihgt ntr Ttiilfloh.,... an den Vortr&ge<>, on der h1idi111une der
0a-r1todu;.d""'9. zVfft flfn_!Oge_„ frei.an &.1.,di dn Stodt~1 Karlsruhe 1. B., Rathaus Stroße:
mit l!ont1Qorten 1.1nd Ti~li; und rwn ko1t.,.,!OH<1 E"'Pfo„g .Olllt!Oer
Tog.,..91dr..,do1ochen.

•· .,. für Wohnungswesen


Kommunale Verelnlgung.• • • • • •
Vo"tn MUrtthen, Stlela"traß• 7 1
Po1t1ehetkkto. MUnd1en Nr. 21736
)i.
"""""I
Ich melde mich und _ _ weitere Personen

Wir machen erneut darauf aufmerksam, dofl auf Elnlodung


~
• z~r Besichtigung der
der Lande1hauptstodt Kort.ruhe durch die Vereinigung Äusstellung Karlsruhe


am Som1tag„ den S. Oktaber 1929, eine Be1ichtigung der
Ausstellung Karlsruhe
„Dammarstacksledlung - die Gebrauchswohnung"
itottfindet. Wir bitten die Einladung besonders zu beachten
und on der Besldltigung teili.unehmen.
Q)
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„::::. 1
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Cl)
»Dammerstocksledlung-dle Gebrauchswohnung«

c c durchdieKommunaleVereinigungfürWohnungs-
f. Zur Erläuterung
„-III._ ...
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ber..e.kt die Slodl KO<t1ruhe1 Oie Da"""er11odo1edt„,.. hol "" ge'om••"
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.,,- ..:c
:::1 :::1 wesen an und nehme an folgenden Veranstal-

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Siedl'Ung1-„n e•ne o"'°"1'gew6hnli<toe hdoutung le1 defll ••·od„e<>dl!l'I
ledUrfni1, be1onder1 der groO." SJ&d11, 1,.., 11edelft, niuGle ••nt11ol eine .,, 0 tungen teil:
ktore fo,,... gefundel'I werden, die out den &p1:m"'e"let1 n•uen Wollet11
die bro..dlbonten he\lligen Ende1gebn1ue be~I herov1holt So wtet.11g
o" ••di do10peri-n•iere1> l1i, 10--notwendig •M- o..deiene•ll, ud1 Ju
~ GI 0
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.!lt „ "'... "'
:>
1. am Samstag, den S. Oktober 1929
enhdlelden, wo1 n'lon olt befiied1g•nde l61ung ,...rwenden 1011 DH Avf-
boupl.on det Dom-ntoduiedlvng hl "°'"ehmlidl "°" ,,of 01. Crop1u1
vnd Ardlitekl Otto Hoe1ler noch de111 Crvnd1ot1 de1 Zeitenbo'"'1 bewußt
g.t11tollet ""°'den. Oie Abl'l'IC!nung•" d•r Z••1•" und Ihre Ab116ndo, di.
„..:
„„ 0„:::1
0
~
0 0
..c
ö 1 a) Vorträge mit Lichtbildern
b) Besichtigung der Ausstellung
Hlihe det H6uiet 1t1w. ''"d "'Ornehm.lidi do1 Ergebnlt ei„gohender St...d•en
sowie prok!JKhe:r frfohrvn9on die1er bed...,.ende" Ard!Uelcten, die beide
1n Ihren 8ilro1 die Merhoden neuen Siedeln1 lhoorehlth beorbe•len lo1•en
• ......
GI ..0
"' 24 am Sonntag, den 6. Oktober 1929
a) Fahrt Karlsruhe - Schwarzwald - Baden-
louw.i•• und for111 der get0n1len Siedlung enhpn„gen oho 1•che1em
Wiuen "'On der klriedig ... ng de1 WohnbedürfnifMt1 und du ...enld!Jidlen
E GI Baden - Karlsruhe
Verlo"lilen1 noch l>cht, lufl und Sonne Nomhofle A1chilekten wie Wilhelm E e> oder

1
Riphohn "'"d Oipl.·lng. G1od In KO!n, Franz. Roedde in fronlifurt o. M.• JO·
0 GI b) Besichtigung der Gartenstadt, Fahrt zum
"' .,,
doM d1e Korltrvhet Profenar loch1lofl'lpfer, Dipl.-Ing. RoOler, O•. Ro1•get,
Dr. fluher ... nd Stodtbourol Mon hoben Ihre ErfohfVf'gen h•MU'll•geben Ci·-
und 10 III eine SOedtvng "°'" el"8r Einhetlltdike•I enlltonden, w.e"'°"' ,, • Rheinstrandbad Rappenwört.
.o tiberuU'll•fld teilen lmdet. b hl ein 1di6ner &.we11 "" die folge
rktlllgke•t de1 „_n Sfcdl"'"lil'lledonhn 1 "'rtd neuer ee ... melhoden. doß
o" ~ .o V'Ortdit.dene Atd!ileklen enl1p1echend den Ziele" fU• d•• neue
Siedlvng u"d dte neve C.broudu-hnvng 1n1 -••"llKhen 10 gle 1d! or
beilen. hn~lich_ obwektt.-..de '°""°'- l61...,get1 be1eben d•• S.edl""'9
Wir hoben tue. ••n• 1odole Tal"°" 1„1ernohonole1 ledevtung o„ S1od1
Abiender1 Ort: den Sept. 1929

Korbrvhe wor udi doher Ihrer Pfhdil b<ewußt, die o"regende S1edl1.1ng der
g110tr1len Offonllidilce•I In ••ner A Wodiel'I dauernden A... 111.Uvng 1 ..,g6ng
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98 Kurt Schwitters, Drucksachen für den Besuch der Kommunalen Vereinigung für Wohnungswe- • Stond1

sen in der Ausstellung. Die Gebrauchswohnung" am S.16. 10. 7929, schwarz auf weißem Papier/ Zur besonderen Beachtung 1
Bitte deulliche Sdulftl Die„ Anmeldung noch Bitte Nichtzutreffendes durchstreichen.
Karton, a. Faltprospekt, DIN A4, gefaltet auf DIN AS, recfo und versa, b. Bestellschein für die Zim- spötulens om 30. September In den &rieflcosten.
tn Korliruhe 1ofort Tellnehmerlcorle lösen 1
merbestellung; DIN AS, c. Anmeldungskarte (Postkarte), recto und versa

100 101
erfaßt alles durch GESTALTUNG. Logische, bewußte Gliederung 99 Kurt Schwitters, Tabelle
in Text-Form und Bild-Form, sowie das Schaffen deutlicher Bezie- zum Prinzip der Orientierung
hungen in Text und Bild überzeugen durch Qualität, sind übersicht- und der Werbung, in: Die neue
H

lich und mindern skeptisch-kritische Einstellung . GESTALTUNG ist


Einheit aus Vielheit, durch Auswahl, Begrenzung, Gliederung,
Gestaltung in der Typogra -
phie n, Werbeheft der MERZ- DIE NEUE f1
WERBE 1930
Rhythmus, durch ruhendes oder gerichtet bewegtes Gleichgewicht,
durch System . Wichtig ist beides, aber das System ist dem Gleich- GESTALTUNG
gewicht überzuordnen.
BEZIEHUNGEN zu schaffen ist das Ziel aller Typographie . Da-
bei folgt die Text-Form literarischen Gesetzen, die Bild-Form opti-
IN DER TYPOGRAPHIE
schen. Die Drucksache sol Iden gedachten oder gesprochenen Text VON KURT SCHWITTERS
optisch ausdrücken." 157
Im weiteren stellte er die Gesetze der Text-Form" den Geset-
HANNOVER / WALDHAUSENSTR. 5
11 11

zen der Bild-Form" gegenüber; die Gesetze der Text-Form" wur-


11

den nach dem Zweck der zu gestaltenden Drucksache in Orientie-


/1

rung" und "Werbung" unterteilt, die der Bild-Form" analog dazu.


/1

Gute Werbung ist nach Schwitters Ansicht „bewegt, zentrisch, ak- Briefkopf
tiv, subjektiv" und auch aggressiv" .158 Drucksachen und Reklame
11 Briefumschlag
waren in den meisten Fällen eine Mischform der Prinzipien der Rechnung
"Orientierung" l!.nd der Werbung"; anhand einer Tabelle gab
/1
Vordruck
Schwitters eine Ubersicht über die Zugehörigkeit der einzelnen
Prospekt
Gestaltungsaufgaben zum einen und/oder anderen Prinzip (Abb.
99) . Posrkorte
Schwitters Gedanken gingen dabei einher mit denen seiner Zeit- Plakat
159
genossen und wurden von ihnen beeinflußt, wie z.B. von EI Lis- Broschüre
sitzky, zu dem Schwitters engen Kontakt hatte und der in Merz 4 im Buch
Juli 1923 erstmals den Text „Topographie der Typographie" veröf- Inserat
fentlichte.160 EI Lissitzky plädierte dort für eine Ökonomie des
11
Programm
Ausdrucks - Optik statt Phonetik" .
Zentrale Gestaltungsgrundlagen dieser Neuen Typographie Katalog
waren die Gleichwertigkeit von freier Fläche und Gestaltungsele- 157 In: „ Die neue Gestal - Eintrittskarte
menten, die Hervorhebung der elementaren Aussagen durch tung in der Typographie ", S. 3- Packung
Schriftgröße und/oder Farbe (vor allem durch die Grundfarben 4. Ein Exemplar des Heftchens
Erlaß
befindet sich heute im Gewer-
Gelb, Blau und besonders Rot), Bevorzugung der Grotesk-Schrift, Lichtreklame
bemuseum Basel. Vgl. Werk-
die Klarheit und Sachlichkeit vermitteln sollte, gegenüber der goti- verzeichnis, Nr. 55, in: „ Typo-
schen Fraktur. Außerdem wurden zahlreiche Versuche unternom- graphie kann unter Umständen
men, neue Schriftsysteme zu entwickeln, z.B . mit Hilfe der Anglei- Kunst sein". Kurt Schwitters -
chung des Alphabetes an die Lautsprache, oder die Kleinschrei- Typographie und Werbegestal -
bung zu verbreiten, die entsprechend der gesellschaftlichen Uto- tung, Ausstellungskatalog, gleichmäßig roten Hintergrund ist mittig ein dunkelblaues, trapez-
pien Hierarchielosigkeit symbolisierte. Wiesbaden/Hannover/Zürich
förmiges Vieleck plaziert. Die obere und die linke Kante des Viel-
1990/91, S. 78-86 und S. 150.
Die Gestaltungsregeln, die in den theoretischen Schriften zum ecks, die rechtwinklig zueinander liegen, verlaufen in einigem Ab-
158 In : „ Die neue Gestal-
Ausdruck gebracht wurden, sind anhand der Entwürfe von Kurt stand parallel zur Ober- und linken Seitenkante des Plakates. Über
tung in der Typographie ", S. 8-
Schwitters für die Ausstellung „Die Gebrauchswohnung" in der 11. der T rapezoberkante und in Korrespondenz mit dessen linker Ecke
Dammerstock-Siedlung 1929 überprüfbar. Eine exemplarische 159 Z.B. Walter Dexel, Max ist in schwarzer Kleinschrift das Wort dammerstock" gedruckt.
11

Gegenüberstellung der Gestaltung von Plakat, Katalog und Wer- Buchartz, Jan Tschichold, Her- Der Anfangsbuchstabe des Wortes stößt mit seiner rechten unteren
bekarte soll dies im folgenden verdeutlichen. Im Anhang befindet bert Bayer. Ecke an die linke obere Ecke des Vielecks . Er ist fett gedruckt und
sich ein Katalog aller von Schwitters gestalteten Drucksachen zur 160 Einen Auszug des Textes
zeichnet sich durch seine große Oberlänge aus, die bis in das
Karlsruher Ausstellung . veröffentlichte Schwitters er-
neut in „Die neue Gestaltung in
obere Drittel des Plakates reicht. Im Vergleich zu den übrigen Buch-
Das Plakat (Abb. 89) wurde als vierfarbiger Offset-Druck in der Typographie" auf der letz- staben ist er durch seine Größe besonders hervorgehoben . Das
Gelb, Rot, Dunkelblau und Schwarz ausgeführt. Vor einem un- ten Seite (S. 16) . Trapez bezeichnet den in eine graphische Fläche umgewandelten

102 103
Grundriß des Dammerstockg eländes. Schrift und Bild ergeben zu-
sammen das Dammerstock -Signet, das von Schwitters im weiteren
be i der Gestaltung fast aller Drucksachen, den Dammerstock be-
treffend , eingesetzt wurde (vgl. Abb . 90ff.). 161
In der gleichen optischen Ebene wie das Signet befindet sich am
unteren Rand des Plakates ein dunkelblauer horizontaler Streifen,
der einen Teil der Beschriftung, nämlich die Ausstellungsda ten und
einen Hinweis auf die künstlerische Oberleitung von Walter Gro-
pius aufnimmt. Zwischen Signet und unterem Abschluß ist ein gel-
bes Rechteck waagerecht und zentriert eingeschrieben , welches in
schwarzen Blockbuchstabe n die Beschriftung „AUSSTELLUN G
KARLSRUHE I DAMMERSTOC K-SIEDLUNG /DIE GEBRAUCHS-
WOHNUNG " trägt. Schwitters benutzte für die Schriftgestaltun g
zwei verschiedene von ihm entworfene Schrifttypen, die er in ihrer
Anwendung nach Versalien und Gemeinen differenzierte.162 Die
Schrifttypen der Kleinschreibung erinnern an die 1925-1928 von
Paul Renner entwickelte „Futura", weisen aber Unregelmäßigk ei-
ten auf. Die Großbuchstabe n sind als blockhafte Schrifttypen aus - 161 Sowohl für die Informa-
gebildet, die einen architektonisch en Charakter der Beschriftung tion sbroschüren und -blätter
vermitteln. Diese Schrifttype setzte Schwitters bereits 1927 bei der als auch für einen Briefkopf und
einen Briefumschlag .
Gestaltung eines Werbeblattes für transportable Motorpumpen 163
162 D.h. Groß- und Klein -
und später für ein Werbeblatt der Rheinhütte Wiesbaden-Bie brich buchstaben .
ein, welches wie der Dammerstock-K atalog bei C. F. Müller in 163 Vgl. Werkverzeichnis,
Karlsruhe gedruckt wurde . 164 In dem Buch „Gefesselter Blick" äu- Nr. 75, in : „ Typograph ie kann
ßerte sich Schwitters über die Wirkung dieser Schrift: „Durch die unter Umständen Kunst sein ".
eckige Form der Typen wirkt die Schrift sehr architektonisch : Sie ist Kurt Schwitters - Typographie
sozusagen ein Element der rechteckigen Fläche und verschmilzt mit und Werbegestaltung, op.cit.,
S. 160. 700 Leonardo da Vinci, La Gioconda (Mona Lisa), 707 Raffael, Vermählung Mariä, 7504, Öl auf Holz,
dieser zu einer Einheit." 165 7503- 7507, Öl auf Holz, 76,8 x 53cm 770x 778cm
164 Ebenda, Nr. 80, S. 162.
Das zentrale Kompositionsel ement des Plakates, das Dammer- 165 In : Heinz und Bodo
stock-Signet und der dunkelblaue Randabschluß mit dem Schrift- Rasch (Hrsg .), Gefesselter
teil, der die Ausstellungsda ten angibt, bilden eine formale Einheit. Blick, Stuttgart 1930, S. 90, zi -
Der dazwischen eingeschrieben e Schriftblock auf gelbem Grund tiert nach: Werkverzeichnis,
Buntstiftzeichnung bzw. einer Lithographie „handgezeichn et"
steht in starkem Kontrast dazu und harmoniert nicht mit dem unre- op.cit., Nr. 80, S. 162.
166 Vgl. unter vielen mögli- wirkt. Das Durchscheinen des weißen Untergrundes dient als stili-
gelmäßig roten Hintergrund . Die textliche Information ist mit Aus-
chen Beispielen die Komposi- stisches Element zur Kreation von Raum und Licht.
nahme des „ dammerstock" -Schriftzuges in das untere Drittel des
tionsgrundlagen von Leonardo Sein Freund und Kollege Friedrich Vordemberge- Gildewart be-
Plakates gedrängt. Einzige Verbindungsach se der Gestaltungsele -
da Vincis „Mono Lisa" (1503- urteilte die Gestaltungsarb eit von Kurt Schwitters rückblickend als
mente bildet der einheitliche linke Zeilenabschluß und die Drei- 07) oder Raffaels „ Vermählung „ein ganz natürliches Bedürfnis, besonders auch die Typographie
eckskompositio n, in die die Einzelelemente (mit Ausnahme des Mariä " (1504) . Schwitters hat als visuelles Mitteilungsmitte l zunächst zu untersuchen und dann
„~ammer_stock " -S~hrift~uges) eingefügt sind und die gleichzeitig auch in verschiedenen Colla-
neu zu gestalten. Dass während der Arbeit manches Gesetz eines
mit dem sich zur Mitte hin aufhellenden Hintergrund beim Betrach- gen Werke der ital. Renaissan -
ce eingearbeitet, z.B. Bild -Baus Anlass wurde, zum Beispiel darüber nachzudenken,
ten im Sinne einer Fluchtpunktpers pektive einen tiefenräumliche n in
Mz.151. Wenzel Kind, 1921, die 167 Friedrich Vordemberge warum dieses Gesetz nicht automatisch für Plakate oder eine an-
Eindruck entstehen läßt.
Sixtinische Madonna von Raf- Gildewart, Zur Geschichte der dere typographische Aufgabe angewendet werden kann, das ist
Schwitters bediente sich mit der Zugrundelegun g dieser Drei-
fael oder 1947 in „ Die Heilige Typografie (1959), wiederab- einer der vielen Vorzüge des Künstlers gegenüber der Routinear-
eckskompositio n bei der Gestaltung des Plakates eines tradierten gedruckt in : Dietrich Helms
Nacht von Antonio Allegri, gen. beit eines Nur-Typografen oder eines Werbegrafikers ." 167
Kompositionssc hemas der Malerei, wie es einerseits für Porträts Correggio, worked through by (Hrsg .), Friedrich Vordember- Ein Plakat sollte für Kurt Schwitters einen überwiegend werben-
andererseits für Architekturdars tellungen (Fluchtpunktperspek~ Kurt Schwitters " ein Weih- ge Gildewart. Schriften und
den Charakter besitzen .168 Die „ betonte Mitte " , die er in den „ Ge-
tive) besonders der italienischen Hochrenaissan ce geläufig war.166 nochtsbild von Correggio Vorträge, St. Gallen 1976, S. 67.
(152) . Oft handelt es sich dabei 168 Vgl. Tabelle, Abb. 99. setzen der Bild-Form" als „ ausstrahlend" 169 bezeichnete und die
Diese Verbindung zu Malerei und Zeichnung wird noch durch die für ihn grundlegendes Element der Werbung war, wandte er beim
um Gemälde, die er während 169 Alle Zitate aus : „ Die
Art des Hintergrundes unterstützt, der nicht als einheitliche, einfar- Dammerstock-P lakat exemplarisch an. Die untereinander asym-
seiner Studienzeit in Dresden neue Gestaltung in der Typo -
bige Fläche gestaltet wurde, sondern im Sinne einer Rötel- oder gesehen hoben muß. graphie ", op.cit., S. 11 . metrische Anordnung der beiden Schriftblöcke nimmt die linke Ab-
104
105
schrägung des Trapezes auf. Der mittlere Schriftblock auf gelbem 170 Ebenda, S. 6-7.
Grund liegt auf einer vorgelagert erscheinenden zweiten Ebene,
die diesem Element eine besondere Auffälligkeit verleiht. Durch
die „schwebende", räumliche Beziehung der einzelnen Elemente
und Flächen zueinander entstehen räumliche Spannungen. Zum In-
halt der Begriffe „flächig" und „räumlich" erklärte Schwitters:
„ Während die Spannungen der Linien parallel zur Druckfläche ge-
richtet sind, stehen die Spannungen flächiger Art senkrecht zur
Druckfläche. Jeder Farb- oder Helligkeitswert ist eine vor- oder
rückwärts gerichtete Kraft. [ ... ] Man muß hier wie ein Bildhauer
räumlich werten, nicht wie der Maler malerisch. " 170
Deutlich wird, daß Schwitters typographische Gestaltungsprinzi-
pien anwandte, die in enger Beziehung zu seiner sonstigen künstle-

702 Kurt Schwiffers, Oammer-


stock, Collage, gefertigt ous
dem Plakat zur Ausstellung
„ Die Gebrauchswohnung" in
der Dammerstock-Siedlung
7929, 37,9 x 24cm

703 Kurt Schwitters, Karlsruhe,


7929, Collage (aus Andrucken/
Resten (?) des Kotaloges zur
Ausstellung „Oie Gebrauchs-
wohnung" in der Oammer-
stock-Siedlung 7929), 28,9 x
79,6cm

rischen Tätigkeit standen. Er verba~~ hier bildhauerisches Denke.n


171 Weder Schmalenbach mit collageartigem Neben- und Ubereinanderordnen bildner~­
noch Elderfield erwähnen die scher und schriftlicher Elemente und der inhaltlichen Gestaltung ei-
Herkunft der Materialien. Die nes Textes.
Zusammensetzung der Collage folgerichtig verarbeitete er selbstgestaltete Drucksachen auch
.Karlsruhe" kann vorerst nur
wieder zu nicht zweckgebundenen Collagen. Aus dem Dammer-
vermutet werden, da sie im Be-
stock-Plakat fertigte er 1929 die „dammerstock" -Collage (Abb.
sitz des MOMA in New York ist
und mir bisher nur eine schlech- 102), wahrscheinlich aus Andruc~b?gen. des Dammerstock-K~t.a­
te Abbildung zur Verfügung loges und einigen weiteren Materialien die Collage „Karlsruhe 1m
stand. selben Jahr (Abb. 103). 171
106
107
Der umfassend e künstlerisc he Gestaltung sanspruch , den
Schwitters auf alle se ine Werke anwandte , schaffte eine Verbin- legte Schwitters jeweils die Textspalten an, am äußeren Rand wa-
dung zwischen ihnen und machte sie für ihn vielseitig nutzbar. Seine ren Grundrisse (a .d . linken Seite) und Aufrisse (a .d . rechten Seite)
Arbeit kulminierte dabei in dem Gesamtku nstwerk 172 „Merzbau " , abgeb ildet. Um La ien das Lesen und Vergleiche n der Grundrisse
das alle Stränge seiner verschiede nen künstlerisc hen Tätigkeite n zu erleichtern , präsentiert e man sie alle mit den Eingängen nach
vereinte. Auch das von ihm für die Stadt Karlsruhe entworfen e Si- unten . Dazu wurde jewei ls die Nordrichtu ng angezeigt, damit sich
gnet (Abb . 104) hatte im Merzbau, in der „ Kathedrale des eroti- die Betrachten den über die Lage der Wohnunge n und die Anord-
schen Elends", seinen Platz.173 nung der Räume und die damit verbunden e Besonnung klar wer-
den konnten . Der Kritiker der „ Form " bemängelt e diese Art der
Die Gestaltung des Kataloges zur Ausstellun g „Die Gebrauch s-
wohnung" nahm wesentlich e Elemente des Plakates wieder auf. Manipulat ion der Darstellun g im Verhältnis zum Gesamtpla n der
Der Katalog war im DIN A4-Querfo rmat schwarz auf weiß ge-
KARLSRUHE Siedlung : „ Wenn auch bei jedem Grundriß die Angabe der Nord-
druckt und mit einem roten Einband versehen . Auf dem Einband 704 Kurt Schwiffers, Signet für richtung enthalten ist, so ist es schwer verständlic h, warum man die
waren in Schwarz das Dammerst ock -Signet rechts und oben links die Stadt Karlsruhe, 7929 Nordrichtu ng einmal nach links und einmal nach rechts gelegt hat,
der Textblock „AUSSTEL LUNG KARLSRU HE/DAMM ERSTOCK - nur um zu erreichen, daß die Straßenseite immer nach unten liegt.
SIEDLUNG /DIE GEBRAUC HSWOHN UNG/23 TYPEN 228 WOH- Jedenfalls würde dann eine raschere Orientieru ng über die Son-
NUNGEN/ OBERLEIT UNG PROFESSOR DR. W . GROPIUS " abge- nenlage der Grundrisse möglich sein, als so, außerdem wäre es
bildet. Im Vergleich zu dem Textblock des Plakates erhielt der Text leichter, sich die Lage des Hauses zum Gesamtpla n vorzustel-
11177
1en .
auf dem Katalog eine Ergänzung durch die letzten zwei Zeilen, die
genauere Informatio nen zur Siedlung beinhaltete n. Auf die Erwäh- Als Abbildung en verwandte Schwitters ausschließlich schemati-
nung der Ausstellun gsdaten wurde verzichtet, sie wurden erst auf sierte Zeichnung en, die die jeweilige Disposition von Grundriß und
dem Innentitel genannt. Unten links verlief bis zur Mitte der Titel- Fassade im Maßstab 1 :200 verdeutlich ten und untereinan der ver-
seite der Schriftzug „ KATALOG " . Mit Ausnahme des „dammer- gleichbar machten . Auf die Abbildung von Fotografie n verzichtete
stock" -Schriftzug es waren alle Buchstaben auf dem Titel als Versa- er. Sie hätten wahrschein lich die Druckkoste n wesentlich verteuert
172 Schwitters benutzt die-
lien gedruckt. Das Innere des Kataloges war auf Wunsch von Gro- und auch das einheitliche Gestaltung sprinzip durchbroch en.
sen Begriff selbst mit Bezug auf
pius, wie ausdrückli ch vermerkt wird, in Kleinschre ibung gesetzt, sein Werk, z.B. in „ Merzbühne " In der Zeitschrift „ Die Form" wurde die Katalogge staltung insge-
analog zum Zeilenbau , der entgegen einer Hierarchis ierung be- 1919, S. 3 (vgl. Kurt Schwitters, samt sehr positiv beurteilt: „Die Lösung des Katalogs muß als vor-
stimmter Wohnunge n gleiche äußerliche Bedingung en für alle Be- Literarisches Werk, ap.cit., S. bildlich bezeichne t werden, weil wirklich alle Angaben, die man
wohner zugrunde legte. Als Schrifttype zur Umschlagg estaltung 42). John Elderfield bezieht sich braucht, enthalten und sorgfältig aufgeführt sind. Der Verzicht auf
in seiner Monograph ie mehr- die Wiedergab e von fotografisc hen Aufnahmen kann ebenfalls gut
verwendet e Schwitters, wie schon beim Plakattext, die von ihm ent- fach auf den Begriff des Ge-
worfene Blockschri ft. Am unteren Rand des Titelblattes verlief in geheißen werden, weil ja kein Katalog ein Bilderbuch , sondern ein
samtkunstwerkes bei Schwit-
l ,3cm Abstand eine fettgedruc kte Linie, die kurz vor Erreichen des praktische r Führer sein soll. " 178 Man sparte aber nicht mit zusätzli-
ters, vgl. beispielsweise S.
rechten Randes unterhalb des Siedlungsg rundrisses endete. Am 101 ff. cher konstruktiv er Kritik ; es wurde darauf verwiesen, „daß der La-
anderen Ende dieser Linie war unterhalb davon, auf der Rückseite 173 „ Do gibt es den Nibe- geplan, derfür die Ausstellung die Führungslinie und die Gruppen-
in fetter Futura-Sch rift „entwurf: k. schwitters druck : c. f. müller, lungenhort mit dem glänzenden nummern enthält, etwas sehr klein und undeutlich geworden ist."
karlsruhe" vermerkt. Schon auf dem Titelblatt war eine zweispal- Schatz, den Kyffhäuser mit dem Weiter wurde kritisiert, daß „ die lnseratseiten dieses Kataloges [„.]
steinernen Tisch, die Göthe- nicht geglückt [sind]. Sie sind ein Beispiel für die Unmöglich keit ge-
tige Anlage des Satzspiege ls und eine daran orientierte Teilung
grotte mit einem Bein Göthes worden, die Inserate einer Seite nach einem Schema zu gestalten .
von Schrift und Bild zu erkennen . Links ordnete Schwitters die Texte als Reliquie und den vielen fast
an, rechts den trapezförm igen Grundriß des Siedlungsg eländes. Diese Vereinheit lichung und Schematisierung ist dem Wesen der
zu ende gedichteten Bleistiften,
Diese Aufteilung wurde auch für das Layout der Katalogsei ten wie- die versunkene Personalunion- modernen Reklame fremd. " 179
derverwen det, wo Schwitters ebenfalls die gerade neu auf den stod! Braunschweig -Lüneburg Schwitters hatte versucht, den Werbeteil des Kataloges möglichst
Markt gekommen e „ Futura" -Schrifttyp e benutzte. 174 Der dem Ka- mit Häusern aus Weimar von zurückhalt end zu gestalten, wahrschein lich mit dem Ziel, die Ab-
talogteil vorgescha ltete Textteil mit Aufsätzen von Bürgermei ster Feininger, Persilreklame und lenkung vom Inhalt durch auffällige Reklame so ~ering ~.ie mög-
dem von mir entworfenen Zei- lich zu halten . Da alle werbenden Firmen auch bei den Erlauterun-
Schneider, Walter Gropius, Otto Haesler und Stadtober baurat
chen der Stadt Karlsruhe [„.]. ", gen zu den einzelnen Baugruppe n als „ am bau beteiligte unterneh-
Dommer war ebenfalls zweispalti g gestaltet, beinhaltete jedoch Kurt Schwitters zitiert nach El-
keine Abbildung en . Am Ende des Textteiles (d .h. zwischen Texten mer" bzw. „aussteller der inneneinric htung" erwähnt wurden, war
derfield, op.cit., S. 175.
und Katalog) und am Ende des Kataloges befanden sich zwei An- der zusätzliche Werbeasp ekt durch die Anzeigen für die einzelnen
174 Vgl. S. 104.
zeigenblöc ke, in welchen Firmen, die an Bau und Ausstattun g der 175 Auch die MERZ-WERBE Auftragge ber nicht so bedeutend , entscheidend .wa~ vielme~r der
177 In: Die Form . Zeitschrift
Siedlung beteiligt waren, für sich warben. 175 Der Katalogtei l folgte war mit einer Anzeige vertre- Gesamtein druck des Kataloges als eine Kombinatio n aus infor-
für gestaltende Arbeit. Heft 21 /
der Baugruppe nnumerier ung von eins bis zwanzig .176 Jede Bau- ten . Vgl. Ausstellungskatalog, 1929, S. 587. mierendem und werbendem Medium.
gruppe erhielt mindestens eine Doppelsei te. Am inneren Rand
op.cit., S. 15. 178 Ebenda,S. 587-588. Der Katalog präsentiert e sich also als Han~buch zur Ers~hlie­
176 Vgl. S. 40. 179 Ebenda, S. 588. ßung der Siedlungs- Ausstellun g . Er lieferte 1n sehr sachlicher
108
109
Weise alle wissenswerten Angaben, die als Informationen das Be- gezielt an bestimmte Personen verschickte, war bisher nicht auszu-
trachten der Häuser und Wohnungen ergänzten. Zu jeder Haus- machen .
gruppe war eine knappe Beschreibung, die nur die Besonderheiten Die Werbekarte wurde in Schwarz auf grauem Karton gedruckt.
hervorhob, zugeordnet. Außerdem waren die „ bauausführung " , Die einzige Drucksache, die Schwitters mehrfarbig drucken ließ,
d .h. Technik und Material, sowie die beteiligten Firmen aufgelistet. war das Plakat. Der Katalog war ebenfalls einfarbig in Schwarz
Ein kommentierender oder werbender Text fehlte im Katalogteil, gedruckt. Durch den dunkelroten Karton, der als Umschlag ge-
diese Funktion übernahmen teilweise die Aufsätze zu Beginn des wählt wurde, wirkte er dennoch auffällig, auch ohne den teureren
Kataloges . Mehrfarbendruck. Mit dieser farblichen Beschränkung verbilligten
Die Werbekarte (Abb. 95) , die vom 3. Oktober 1929 datiert, ba- sich einerseits die Druckkosten, andererseits orientierte sich
siert wiederum fast ausschließlich auf der Vermittlung von Informa - Schwitters damit aber auch an den Gestaltungsprinzipien der Ar-
tionen durch Text. Anders als die Werbeanzeige ging es hier je- chitekten, die sich ja auf den Einsatz von nur zwei Farben 184 , näm-
doch weniger um die Ankündigung der Ausstellung mit Daten und lich Weiß und Grau, für die Außengestaltung der Häuser geeinigt
Nennung der Exponate, sondern vielmehr um die Werbung für die hatten .185
Dammerstock-Siedlung und den Zeilenbau als solche. Die Ausstel- Schwitters erhielt für seine Tätigkeit für die Ausstellung „Die Ge-
lung wurde nur in einem gesonderten Text am Schluß der Karte er- brauchswohnung" eine Bezahlung von 2550 RM; die Kosten fürdie
wähnt. Wie der Katalog ist diese Karte in Kleinschreibung und in gesamte Ausstellung beliefen sich inklusive der Druckkosten für
der Schrifttype Futura verfaßt. Hauptsächlicher Werbeträger ist die Informationsmaterialien und die Lohnkosten für das Aufsichts-
der Name „ dammerstock " , der insgesamt 20 mal in den Text ein- personal auf 55422,22 RM . Den Genossenschaften wurde zusätz-
186
gebunden und im Schlußtext noch einmal fett gedruckt wiederge- lich eine Entschädigung von 36011,35 RM gezahlt.
geben wird . Konträr zu Lissitzkys Forderung „Optik anstatt Phone-
tik" 180 setzte Schwitters die visuelle Information in eine akustische
Assoziation um, indem er das Geräusch eines D-Zuges mit dem 184 Die Bezeichnung „ Far-
wiederholten Aufsagen des Wortes „dammerstock, dammerstock, ben " gilt hier auch für Schwarz Zur Rezeption
und Weiß und ihre Abstufun -
dammerstock, dammerstock" in Verbindung bringt und im weite-
gen, weil sie faktisch so einge- Zahlreiche Fachzeitschriften berichteten über den Verlauf des
ren behauptet, daß alle Fremden, die in Karlsruhe aus dem Zug setzt wurden .
steigen, nach dem „dammerstock, dammerstock, dammerstock, Wettbewerbes und die anschließende Siedlungs-Ausstellung in
185 Die farbliche Beschrön-
dammerstock" fragen . Selbst in der Erinnerung, „nach 50 jahren", kung auf Schwarz, Weiß und Karlsruhe-Dammerstock, al len voran die Zeitschrift „ Stein/Holz/
bleibt „die dammerstock-siedlung [ ... )das architektonische erleb- Rot ist ober auch typisch für ei- Eisen " , die über mehrere Wochen hinweg regelmäßig Artikel pu-
nis" . Die geschickte Einbindung des Namens der Siedlung in eine ne Reihe von Gestaltungen von blizierte.1 87 Zunächst wurden dabei die Außenbauten auch mit aus-
kleine, an sich zusammenhanglose Erzählung und die damit ver- Schwitters und auch von ande- führlichem Fotomaterial vorgestellt und die Finanzierung beschrie-
ren Vertretern der Neuen Typo- ben, schließlich kam man über die Darstellung der Inneneinrich-
bundene ständige Wiederholung des Wortes „dammerstock" und
graphie. Sie ist im Werk von tung zu einer abschließenden Kritik der Siedlung und der Ausstel-
seiner Assoziationen führt fast zwangsläufig dazu, daß sich der Le- Schwitters z.B. auch bei der
ser den Namen der Siedlung einprägt und sich gegebenenfalls an lung . Dort bezeichnete Otto Völckers die Siedlung als „das wich-
Werbekarte für die Merz-Wer-
ihn erinnert. Schwitters verband dabei Prinzipien der dadaistischen bezentrale von 1925-27 (WVZ
tigste baufachliche Ereignis des Jahres 1929". Der Ausstellung be-
Lautgedichte mit modernsten, noch heute aktuellen lern- und wahr- 180 EI Lissitzky, Topogro - 38) und bei der Broschüre „ Die scheinigte er, daß „das Problem der Gebrauchswohnung von
181 188
nehmungspsychologischen Erkenntnissen. Gleichzeitig weist die phie der Typographie, op.cit. neue Gestaltung in der Typo- heute[ ... ) ernsthaft angefaßt " worden wäre . Besonders betonte
Aneinanderreihung der Worte formale Ähnlichkeiten mit der Zei- 181 Mon denke dobei etwo graphie " von 1930 (WVZ 55) er die innovative Anwendung des Nord-Süd-Zeilenbaus für den
an heutige Werbespots, die ge- vorhanden . Gesamtbebauungsplan, den er in seiner „kompromißlosen Durch-
lenbau-Architektur auf, deren zentrales Merkmal eben auch in der
182 In seinen Gedanken splittet werden und mehrfach in 186 Die Angaben entstam- fu II • h ne t e.189
.. h rung a 1s „epoc hemac hen d " b eze1c
Aneinanderreihung von Einheiten besteht. men einer Auflistung, die sich
einer Werbesendung auftau- Die Zeitschrift „Kunst und Handwerk" gab ihr Dezemberheft
über die „Beziehungen in der Text-Form" erklärt er seine Verwen- chen, weil durch die Wiederho- im Stadtarchiv Karlsruhe in der 190
dung von Sprache in der Werbung : „ Worte geben gedankliche Akte H.Reg . A 1365 befindet.
1929 als „sonderheft dammerstocksiedlung" heraus. Dort
lung die Merkfähigkeit der Zu-
Richtung./Worte sind gerichtete Kraft./Man kann die gerichteten 187 Vgl. die Bibliographie druckte man Auszüge aus den Katalogtexten von Gropius und
hörer gesteigert wird .
Kräfte summieren oder multiplizieren./Man kann sie auch subtra- 182 Vgl. die Bemerkungen dieser Arbeit. Haesler sowie ergänzendes Bildmaterial ab. Auch konservativere
hieren oder dividieren./Summieren [ergibt] lineare Beziehung/ John Elderfields, op.cit., S. 111 188 In: Stein/Holz/Eisen, 43. Fachzeitschriften lieferten ausführliche, bebilderte Berichte, voral-
zu den Wiederholungen in den Jg., 49/1929, s. 757158. lem über die Außenbauten und die Grundrisse der einzelnen Häu-
Multiplizieren [ergibt] flächige Beziehung/Beziehungen ergeben
Gedichten von Schwitters, die 189 Ebendo, S.760. ser. Auf den Ausstellungsaspekt wurde dabei kaum eingegangen;
sich durch Über-, Neben-, Unter-Ordnen, durch Überschneiden, 190 Kunst und Handwerk,
er als ein „musikalisches Mu- die anscheinenden Mängel einiger Bauten, ihrer Grundrißdisposi -
durch Wiederholungen, durch gemeinsames Streben nach glei- ster" bezeichnet. Jg. 79, Nr. 9/1929, Sonderheft
chem Ziel." 183 1. tion und Ausstattung versuc~te man ~~~eg~n, z.B. in. der Artikelse-
183 In : „Die neue Gestal- , mit sarkastischem Tonfall
rie von „Bauamt und Gemeindebau
An welchen Empfängerkreis diese Werbekarte gerichtet war, ob tung in der Typographie", op. 191 11 . Jg., Heft 24/1929, S.
sie z.B. in öffentlichen Gebäuden ausgelegt wurde oder ob man sie cit., S. 5. 386ff. lächerlich zu machen.

111
110
In der Karlsruher Tagespresse wurde überwiegend positiv über 105 Reinicke (Karikaturist der
Zeitschrift *Deutsche Bauhüt-
die Ausstellung berichtet. Immer wieder legte man den Lesern und
te N), * Triumphtraum des mo-
Leserinnen nahe, ihren Dammerstock-Besuch unter der Woche vor- dernen Architekten N, 1930. Im
zunehmen, da an den Wochenenden große Besuchermassen zu er- Vordergrund links Anspielung
warten seien. Das Karlsruher Tagblatt publizierte zwei Sonderbei- auf die Dammerstock-Sied-
lagen, betitelt mit „Der Dammerstock", in denen über die Eröffnung lung. Das . d " als Anfangs-
der Ausstellung berichtet wurde und Fachleute, d.h. die Ausstel- buchstabe wurde an ein .('
lungsorganisatoren und fachkundige Besucher und Besucherinnen, angenähert, so daß aus • Dam-
wie die Vorsitzende des Hausfrauenbundes, ein Forum fanden .192
merstock • die Bezeichnung
*Jammerstock Nwurde.
In mehreren Zeitungsartikeln wurde auf die vielen Besucher-
gruppen, z.B. der Gemeindevertretungen von badischen und au-
11

ßerbadischen Städten" und anderer Verbände, wie der Kommuna-


len Vereinigung für Wohnungswesen, des Badischen Baumeister-
bundes, des BOA, des Karlsruher Hausfrauenbundes, und auf die
täglich steigende Menge von Einzelbesuchern hingewiesen. 193 In
der regelmäßig im „Tagblatt" erscheinenden Kolumne in Mundart
„Karlsruh am Wocheend" berichtete der Autor von der „reinscht
Völkerwanderung", die sich am Wochenende auf den Weg zum
Dammerstock begeben haben soll. „Die ganze Veranschtaldung
isch scheint's unner dem Moddo g'schtanne 'schtrömt herbei, ihr
Völkerschaare', un d'r Bürgermeischter Schneider werd sich net
schlecht d'Händ griwwelt hawwe, wie'r des Interesse von de' Karls-
ruher an seim Werk g'sehe hat." 194
Es blieb dennoch nicht aus, daß die Bevölkerung Karlsruhes
Schwierigkeiten mit den neuen Bau- und Wohnformen am Dam-
merstock hatte. Nach kurzer Zeit entwickelten sich für die Siedlung
Spitznamen wie „Jammerstock" (Abb. 105) oder „Klein Jerusa-
lem" .195 Außerdem mußte dem Gerücht entgegengewirkt werden, 192 Sonderbeilage zum
der Dammerstock sei ein Wohngebiet für „unliebsame [ ... ], aso - Karlsruher Tagblatt, Sonntag,
ziale Mieter." 196 Es wurde in den Tageszeitungen betont, daß „nur 29. September 1929 und Son-
Familien in geordneten Verhältnissen und mit pünktlicher Haus- derbeilage zum Karlsruher
haltsführung"197 als Mieter von den Baugenossenschaften akzep- Tagblatt, Sonntag, 18. Oktober
1929.
tiert würden. Dabei wurde darauf hingewiesen, daß „trotz dieser
193 Vgl. z.B. den Bericht des
Beschränkung [ ... ) selbstverständlich Familien aus allen Gesell- Karlsruher Tagblattes, Nr. 276,
schafts- und Berufskreisen, wie es in Siedlungen üblich ist, willkom- 5.10.1929, S.5.
men" 198 wären . 194 In : Karlsruher Tagblatt,
Da es aus der Bevölkerung auch Kritik daran gab, daß man sich Nr. 277, 6.10.1929, S. 5.
völlig neu einrichten müsse, wenn man in den Dammerstock zöge, 195 Eine Mieterin, die seit
da die alten Möbel nicht in die Wohnungen paßten, wurden in den 1932 im Dammerstock lebt, Im Anschluß an die Karlsruher Ausstellung entwickelte sich eine
letzten Ausstellungstagen „ weitere Zimmer mit Möbeln älterer Ge-
nannte mir diesen Spitznamen . rege Diskussion unter Fachleuten, ausgelö~~ von A:dolf. Behne. in der
196 In : Karlsruher Zeitung,
brauchsform eingerichtet" 199, um zu beweisen, daß für einen Ein- Nr. 243, 172. Jg., 24. l 0.1929 in
Werkbund-Zeitschrift „Die Form " 1930, uber die diktatorischen
zug im Dammerstock keine neue Einrichtung nötig sei. der Rubrik „Aus der Landes-
Ansätze in Architektur und Lebensweise, wie sie mit dem ~au der
Zusätzlich zu der Siedlungs-Ausstellung auf dem Dammerstock- hauptstadt ". Siedlung zum Ausdruck kämen . Behne kri~!sierte, „de~ Zeil~nbau
Gelände veranstaltete die in unmittelbarer Nähe zum Dammer- 197 Ebenda . will möglichst alles von der Wohnung her losen und h~den, ~1cher­
stock gelegene Gartenstadt Karlsruhe-Rüppur zwischen Anfang 198 Ebenda . lich in ernstem Bemühen um den Menschen . Aber faktisch wird der
August und Mitte Oktober 1929 eine Präsentation von drei ver- 199 Ebenda . Welche Häuser Mensch gerade hier zum Begriff, zur Figur. Der Mensch h?t zu woh-
oder Wohnungen davon be- nen und durch das Wohnen gesund zu werden, und die gena.ue
schieden großen, eingerichteten Musterhäusern. Als eine Art Ge-
troffen waren, ist nicht bekannt. Wohndiät wird ihm bis ins einzelne vorgeschrieben . Er hat, wenig-
gen- oder Zusatzveranstaltung zur Ausstellung „Die Gebrauchs- 200 Vgl. den Artikel im
wohnung" wurden dort traditionsverbundenere Bau- und Wohn- stens bei den konsequentesten Architekten, gegen Osten zu Bett zu
Karlsruher Tagblatt, Nr. 279,
formen präsentiert. 200 8.10.1929, S. 5. gehen, gegen Westen zu essen und Mutterns Brief zu beantworten,

113
112
und die Wohnung wird so organisiert, daß er es faktisch gar nicht 201 In : Die Form, 6. Jg ., Heft IV. Zur Bedeutung von Architekturausstellungen als
anders machen kann . [ ... ] Die Methode des Dammerstock ist die 6/ 1930, S. 163-166.
Vermittlungsmedien neuer Bau-, Siedlungs- und
diktatorische Methode, die Methode des Entweder-Oder. [ ... ] In- 202 Stein/ Holz/Eisen, op.
eil. , S. 757/ 58, 760.
Wohnformen
dem er Leben zum Wohnen spezialistisch verengt, verfehlt dieser
Siedlungsbau auch das Wohnen ." 201
Vergleicht man die Rezensionen zur Ausstellung in Fachzeit-
schriften, wird deutlich, daß das Hauptaugenmerk der Kritiker auf
den Außenbauten und der städtebaulichen Gesamtkonzeption, 203 Die Au swahl der hi er Historisch-typologischer Abriß zur Genese von Archi-
nämlich dem nord-süd-gerichteten Zeilenbau, lag. Dies kommt vorgestellten Ausstellungen tekturausstellungen bis zum Ende der Weimarer Repu-
auch in Behnes Kritik zum Ausdruck, in deren Mittelpunkt ebenfalls muß zwang släufig fragmenta - blik203
die Kritik am Zeilenbau steht und weniger an den konkreten Wohn - risch bl ei ben, weil im Rahmen
dieser Arbeit ke in vollständ iger
beispielen . Demgegenüber trat die Beurteilung der präsentierten Als erste Ausstellungen , auf denen gebaute Architekturen als Expo-
historischer Überbl ick gegeben
Innenarchitektur in den Hintergrund . Nur die Zeitschrift Stein/Holz/ nate präsentiert wurden, können die seit Mitte des 19. Jahrhunderts
werden kann . Leitmotiv der
Eisen berichtete ausführlich darüber. Otto Völckers sah diesen Darstellung bildet die Präsen - stattfindenden Weltausstellungen angesehen werden . Zwar erran-
Ausstellungsteil, mit besonderem Blick auf die Einfamilienhäuser, tation von Wohnhäusern und gen vor allem die einzelnen Ausstellungsbauten, die an sich nicht
als „zunächst nichts als eine höchst instruktive Sammlung der hete- Möbeln für die Mittel - und Un - zu den Ausstellungsobjekten gehörten, sondern nur ihre Hülle bil-
rogensten Ansichten über das Wohnen " , betonte aber dennoch, terschicht auf Industrie-, Kun st-
den sollten, große Berühmtheit; so z.B. der von Joseph Paxton für
daß sich „ allerdings gerade auch in dieser Gruppe mehrere voll- gewerbe - und Bauausstellun-
die erste Weltausstellung 1851 in London konstruierte Kristall-Pa-
kommen neuartige Lösungsversuche" fänden, und lobte bei der In - gen sowie Baumessen bis zur
Errichtung ganzer unabhängi- last. Die eigentliche Ausstellung von Architektur auf den Weltaus-
nenarchitektur vor allem diejenigen Einzellösungen, „die den ge- stellungen bildeten aber die als eigenständige Exponate errichte-
ger Siedlungen zu Ausstel -
samten eigentlichen Wohnvorgang auf eine Ebene verlegen möch- lungszwecken . ten Gebäude, wie das auf der „ Great Exhibition" von 1851 zu be-
„ 202
t en . 204 Entworfen hatte das sichtigende Arbeiterwohnhaus für vier Familien (Abb. 106), das
Haus der Arch itekt der Gesell - von Prinz Albert als Präsident der „Society for lmproving the Condi-
schaft Henry Roberts, vgl. N ico- tion of the Labouring (lasses" errichtet worden war. 204 Großbri-
laus Pevsner, Early Working
tannien hatte ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet des Ar-
Class Housing, 1943, wieder-
abgedruckt in: ders., Studies in beiterwohnungsbaus eine Vorrangstellung in Europa 205 , an die mit
Art, Architecture and Design, der Errichtung und Präsentation dieses Hauses auf der Weltausstel-
Vol. 2: Victorian and after, Lon- lung angeknüpft werden konnte . Gleichzeitig fand so das soziale
don 1968, S. 32. Verantwortungsbewußtsein der industriellen und der königlichen
205 Vgl. Pevsner, op.cit., S. Familie eine geeignete Präsentationsform . Die äußere Gestaltung
19-37 sowie : ders., The Sources des Hauses nahm Formen der Industriearchitektur auf und kann mit
of modern Arch itecture and De-
seinem flachen Dach und den mehrteiligen Fenstern nicht nur
sign, London 1968, Chop. 5: To-
wards the International Style, S. ideell, sondern auch formal als Vorläufer der Architektur des
l 93ff. Beutler berichtet im Aus- „Neuen Bauens " der Zwanziger Jahre in Deutschland angesehen
stellungskatalog Weltausstel - werden .
lungen im 19. Jahrhundert, Auch auf den späteren Weltausstellungen wurden temporär er-
München 1973, daß „ noch 1841 richtete Wohnbauten und ihre Innenausstattung als Ausstellungs-
der Berliner-Architekten -Ver- stücke miteinbezogen . In Wien errichtete man 1873 Bauernhäuser
ein die Beteiligung an einem
aus verschiedenen europäischen Regionen, „die Auskunft über die
Wettbewerb für ein Arbeiter-
Wohn- und Arbeitsverhältnisse der bäuerlichen Bevölkerung in
wohnhaus " abgelehnt hätte,
„ weil kein Interesse an einem den verschiedenen Ländern und Gegenden der Welt geben soll-
solchen Objekt bestünde " (S. ten" 206, in Paris wurden 1889 zwei städtische Mietshäuser gebaut,
25) . die durch ihre Ausstattung mit Wasserklosetts und dem Anschluß
206 Weltausstellungen im an das Kanalisierungssystem „die Vorteile hygienischer Anlagen
19. Jahrhundert, op.cit., S. 84 . den Besuchern verdeutlichen sollten. " 207
207 Ebenda, S. 188. Als die Ausstellung, „die den konsequenten Schritt von der Archi-
208 Cramer/ Gutschow, op.
tekturausstellung zur Bauausstellung" 208 mit noch heute bestehen-
eil., S. 10.
209 Cramer und Gutschow den Bauten vollzog, sehen Cramer und Gutschow die Ausstellung
bezeichnen sie im Vorwort so- Ein Dokument deutscher Kunst" auf der Mathildenhöhe in Darm-
gar als „ die erste gebaute Aus- ;tadt von 1901 .209 Diese ging zurück auf die Gründung der Darm-

114 115
706 London, Weltausstellung 21 l Zitiert nach Cramer/ Wohnhäuser der Künstler, [„.). Alle die Häus' chen um ein Forum
7857, Arbeiterwohnhaus mit Gutschow, op .cit. , S. 96, die gruppirt mit eigenartig angelegten Wegen , Gärten, Beleuchtungs-
Grundriß keine weitere Quelle angeben . Körpern, Brunnen und Blumenbeeten zur Einheit verbunden . Im
212 Zitat aus einer Denk- Häus' chen ein eigenartiges Wohnprinzip . Der große Raum (als
schrift der Künstlerkolonie vom
25. November 1899; zitiert
Raum des Lebens) birgt alles Wohnliche . Dort soll Kunst in Fläche
nach Cramer/ Gutschow, op. und Form vertreten sein, Musik gehört, Reden gewechselt, Gäste
eil., S. 94 . empfangen, schöne Stunden verlebt werden . Alles andere Raum-
gebilde betont mehr den Zweck in einfachster Schönheit. Das
Schlafzimmer nur der Ort des Schlafes, einem ruhigen Abendlied
gleichend, für Speise und Trank ein festlich fröhlicher Trinklied -
raum, das Bad als perlende Reinheit. Bis unter das Dach, das
Ganze eine Reihe von Stimmungen . Niemals dabei die Gebrauchs-
fähigke it vergessend stets bedacht, daß jedes Stück seinem Zweck
" -~L- ' entspreche, jedes die ihm zugewiesene Rolle zu Erreichung derbe-
-
.
2!:f
";'" -- .
-·,...,
absichtigten Wirkung vollendet vertrete.
11211
Das Ziel von Olbrich
und den anderen Mitgliedern der Künstlerkolonie bestand neben
dem Bau des Ateliers also „ in der Errichtung einfacher und reicher
ausgestatteter Familienhäuser, welche als geschlossenes individu-
elles Ganzes in überzeugender Weise die richtigen Grundsätze un-
A /iving room 707 Darmstadt, Ausstellung 11212
wEin Dokument Deutscher serer Kunstempfindung zum Ausdrucke bringen . Als Teil der
Bbedroom
C scullery with sink and larder Kunst N, Math ildenhöhe 7907, Ausstellung von 1901 waren diese Häuser nicht nur von außen, son-
Dlobby Lageplan dern auch von innen mit ihrer gesamten Einrichtung zu besichtigen .

städter Künstlerkolonie 1899 durch die Initiative des Großherzogs stellung " (op.cit., S. 7), ohne die
Ernst Ludwig von Hessen, der vom englischen „Arts and Crafts- Bauten der Weltausstellungen,
die auch in ihrer „ Gesamtheit
Movement" beeinflußt war.210 Bereits 1900 war die Künstlerkolo-
Ausstellungsgegen stände "
nie mit der Gestaltung eines Raumes ciuf der Pariser Weltausstel-
(ebd .) waren , zu erwähnen .
lung vertreten gewesen . Bis zur Ausstellung im Jahre 1901 wurden
unter der Leitung von Joseph Maria Olbrich acht Wohnhäuser, ein
Ateliergebäude, ein Theater und mehrere temporäre Ausstellungs-
bauten errichtet (Abb. 107).
Olbrich selbst charakterisierte sein Projekt für Darmstadt wie
210 Er hatte beispielsweise
folgt: „ Oben am höchsten Streif sol I das Haus der Arbeit sich erhe- ein ige seiner Privaträume von
ben; dort gilt, gleichsam in einem Tempel, die Arbeit als heiliger Charles Ashbee und Baillie
Gottesdienst. Acht große Ateliers mit kleinen Meister-Stuben sind Scott, zwei Vertretern dieser
in einem Langbau aufgenommen. Im abfallenden Gelände: die Bewegung, gestalten lassen .

117
116
Sonja Günther verweist auf die Kritik an der Darmstädter Aus- 213 Sonjo Günther, Das 709 Joseph Maria Olbrich,
stellung, „weil Wohnungsausstattungen für eine breite Volks- Deutsche Heim . Luxusinterieurs Arbeiterhaus für die Firma
und Arbeitermöbel von der Opel, 7908, Außenansicht
schicht fehlten. " 213 Sie zitiert aus einem zeitgenössischen Zeitschrif-
Gründerzeit bis zum „ Dritten
tenartikel: „Es wäre nützlich gewesen, die Möglichkeit zu bewei- Reich", Gießen 1984 (= Werk-
sen, daß man Häuser für Menschen in durchschnittlicher Lebens- bund-Archiv 12), S. 72 .
lage, daß man Wohnungen für Beamte, Kaufleute, Handwerker, 214 Ebenda, S. 73.
Arbeiter auch bei bescheidenem Aufwand künstlerisch durchbil-
den kann." 214
In den folgenden Jahren wurde die Kolonie noch um mehrere
Häuser erweitert. In Anlehnung an die Ausstellung von 1901 folgten
bis 1914 drei weitere Ausstellungen. Inhaltlich verlagerten sie sich
immer stärker auf die aktuellen Probleme des Wohnungsbaus,
nämlich den Bau und die Einrichtung von Häusern und Wohnungen
für kleine Beamte, Angestellte und Arbeiter. Olbrich errichtete für
die Ausstellung von 1904 die sogenannte „ Dreihäusergruppe", die
vollständig mit im Handel erhältlichen Möbeln ausgestattet war
und damit, beispielgebend für breite Bevölkerungsschichten, zeit-
gemäßes Wohnen präsentieren sollte.
Die „Hessische Landesausstellung für freie und angewandte
Kunst", die 1908 auf der Mathildenhöhe veranstaltet wurde, zeigte 708 Darmstadt, Hessische
N

erstmals neben den Einrichtungen für großbürgerliche Häuser eine Landesausstellung für freie und
eigene Abteilung für „Kleinwohnungskunst", in der sechs komplett angewandte Kunst", Mathil-
möblierte Häuser zu besichtigen waren (Abb. 108), die „nicht mehr denhöhe 7908, Lageplan

LAGEPLAN DER HESSISCHEN LANDESAUSSTELLUNG !908._

--w1 1

'
als 4000 Mark" und deren Einrichtung „nicht mehr als 1000 Mark
kosten" 215 sollte. „Die Architekten der Kleinhäuser, die[ ... ] auch
als Arbeiterhäuser bezeichnet werden, kamen alle aus der Nähe
von Darmstadt. Als Bauherren traten größere Unternehmen auf.
l· 1
Veranstalter dieser Ausstellungsabteilung war der Ernst-Ludwig-
\ -~
215 Cramer/Gutschow, op. Verein, Zentralverein für die Errichtung billiger Wohnungen, der
cit„ S. l 00. Vgl. die Einkom- bereits 1906 einen Wettbewerb für Kleinbauten durchgeführt
mens-Statistik im Anhang, S. hatte. " 216 Die Häuser waren als reine Ausstellungsbauten gedacht;
129. nach Beendigung der Veranstaltung wurden sie abgetragen und
216 Ebenda. 217
nur zum Teil an anderer Stelle wieder errichtet. Joseph Maria
217 Cramer und Gutschow
Olbrich entwarf und baute in diesem Zusammenhang ein Arbeiter-
verweisen auf die noch heute
bestehenden Bauten von Wien-
haus für die Firma Opel in Rüsselsheim (Abb. 109, 110).
koop, Metzendorf und Mahr & Zeitgenössische Kritiker sahen die „Anlage der sechs kleinen Ar-
Morkworth, die an der Erba- beiterhäuser zu einem 'Arbeiterdorf' als Clou, als über die nur
cher Str. 138-150 wiedererrich- künstlerische Seite des großen Unternehmens hinausreichende An-
tet wurden (op.cit., S. l 00). ziehungskraft. "218 Die Innenausstattung z.B. des Hauses von Olb-
218 Schlermann, in: Kunst- rich (Abb. 110) wurde so beschrieben: „Wir finden darin der
chronik. Wochenschrift für Hauptsache nach an Stelle des von deutschen Arbeitern gründlich
Kunst und Kunstgewerbe, 1908,
abgelehnten Einküchenraumes ein großes, helles, höchst anmuti-
KLEINWOHNUNGSKUNST: 1. Freiherr lleyl zu Herrnsheim, Wurms. Architokt W1cnkoop, O.irmstadt. 2. Jl„rr ,\ Sp. 467, zitiert nach: Sonja
llemhart, Worms Architekt G. Metzendorfl, Bensheim. 3. Ph. Merkel, Oatshcim. Archi1ekt Jo,ef fl111gs, llarnl'IJ •li.
Günther, Das Deutsche Heim, ges Wohnzimmer. [ ... ] Unter dem hohen, spitzen Dach sind die
4. Dyckerhofl & Söhne, Amöneburg. Architekten Mahr & Markwort, Oan:sta11t. 5. C W. Cl„os, Nulda. Architekt
Professor Walbe, Darmstadt. 6. Wilhelm Opel, Rüsselsheim. Arch1tckl Professor J. M. Oibnch, Darmstadt. op.cit., S. 90. Schlafkammern eingebaut. Um das Ganze zweckmäßig und ohne

119
118
1905 oder „Grundsätze der Ar- Der bei den Häusern von 1901 als „großer Raum (Raum des Le-
beiterwohnung" (Fachblatt für bens) " 220 bezeichnete Wohnraum wurde von Olbrich auch bei dem
Holzarbeiter, 11/1907, S. 25ff.), Arbeiterhaus von 1908 als das Zentrum des Hauses definiert. Damit
mit der Problematik von Arbei-
verschob er im Vergleich zu anderen Architekten der Zeit die Ge-
terwohnungen und industriali-
wichtung von der Wohnküche als dem zentralen Raum eines Klein-
sierter Möbelproduktion aus-
einandergesetzt (vgl. Biblio- wohnungshaushaltes hin zu einem eigenständigen Wohnzimmer,
graphie bei Sonja Günther, op. das als Aufenthaltsraum für die Familie und für Gäste gedacht war.
:..:... _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ ...l.;
eil., S. 170) . Olbrich formulierte und wandte dabei bereits Ideen an, die bisher
stets als die „ Erfindung" im Kleinwohnungsbau der Architekten des
Neuen Bauens angesehen wurden, für deren Bevorzugung des
zentralen Wohnraumes (bei kleinstmöglicher Küche) die Werk-
bund-Ausstellung „Die Wohnung" in Stuttgart-Weißenhof 1927
den Durchbruch bedeutete. 221
Unter Einfluß der zunehmenden Industrialisierung und der damit
verbundenen Wohnungsnot, vor allem unter der Arbeiterschaft in
den großen Städten, begann um die Jahrhundertwende vom 19.
zum 20. Jahrhundert in Deutschland die verstärkte Auseinanderset-
zung von Künstlern und Architekten nicht nur mit dem Bau von
Kleinwohnungen, sondern auch mit den Fragen nach einer preis-
werten, industriell hergestellten und dennoch gut gestalteten Mö-
blierung dieser Häuser und Wohnungen. Neben die Architektur-
ausstellungen traten vermehrt Möbelausstellungen, die häufig in
Verbindung mit Wettbewerben zur Erlangung preiswerter Möbel-
programme von Einrichtungsherstellern organisiert wurden. „ Die
Jahrhundertwende brachte nicht nur die von Fachleuten seinerzeit
vielgeschmähte, von Herstellern geschickt als modisches Werbeat-
tribut eingesetzte Kurve des Jugendstils, vielmehr sollten billige
Möbel in Zukunft nicht mehr Plagiate von teuren sein, sondern ihre
eigenen Formen haben. " 222 Neben den Publikationen zu diesen
Themen in Fachzeitschriften bildete die Ausrichtung von Ausstel-
lungen die Möglichkeit zur Verbreitung und Vermittlung der neuen
Einrichtungsvorschläge an die Bevölkerung. Außer im Rahmen der
Darmstädter Ausstellungen fanden deshalb an verschiedenen Or-
ten im Deutschen Reich Wohnungsausstellungen statt, für die man
meist keine festen Ausstellungshäuser baute, sondern in bereits
vorhandenen Ausstellungs- oder Messehallen Musterwohnungen
bzw. -zimmer einrichtete. Kurz erwähnt seien hier nur die 1899 in
Drescfen organisierte „Volksthümliche Ausstellung für Haus und
770 Joseph Maria Olbrich, Herd ", mit der ein Wettbewerb verbunden war, der „eine ~infache
Arbeiterhaus für die Firma
bürgerliche Wohnung, bestehend aus Wohn- und Schlafzimmer so-
Opel, 7908, Grundrisse und
Innenansicht des Wohnzimmers wie Küche im Gesamtpreis von nicht über 750 Mark, ferner eine
220 Vgl. Anm. 233.
221 Vgl. die Analyse auf S.
vollständige Wohnungseinrichtung für Minderbemittelte für höch-
77ff., Anm. 279. stens 400 Mark" 223 forderte; ebenso die Düsseldorfer „Industrie-,
222 Sonja GüRther, op.cit., Gewerbe- und Kunstausstellung" von 1902, auf der auch die aus
Verteuerung im höchsten Grade wohnlich zu gestalten, aber auch 219 Joseph August Lux, Jo- S. 69/70. einem Wettbewerb der Firma Krupp hervorgegangenen Möbel für
seph Maria Olbrich . Eine Mo- 223 Zitiert nach: ebenda, S. Arbeiterwohnungen der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Die
bis ins kleinste jenen undefinierbaren, stillen Adel der Kunst ver- 71.
spüren zu lassen, dazu bedarf es des ganzen Einsatzes eines genia-
nographie, Berlin 1919, S. 114. „Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst Schmidt und Müller"
224 Auf der „3. Deutschen
Lux hatte sich in zahlreichen Bü- stellten erneut 1903 und 1906224 in Dresden Möbel aus, „mit dem
len Künstlers, der als Volkskind dem Volk wieder sein bestes gibt, chern und Aufsätzen, z.B. „Die Kunstgewerbeausstellung".
225 Sonja Günther, op.cit., Anspruch, Wohnungseinrichtungen für eine breite Käuferschicht zu
wie es Olbrich tat und wiederum genügt es nicht, wie andere taten, moderne Wohnung und ihre zeigen." 225 Die Entwürfe für die Einrichtungen stammten von Peter
daß man einfach die Bauernhaustype proletarisiert." 219 Ausstattung", Wien/Leipzig
S. 76.

121
120
Behrens, Max Läuger, Charles Rennie Mackintosh, Joseph Maria 226 Ebenda . 772 Leipzig-Marienbrunn,
Olbrich, Richard Riemerschmid und Baillie Scott. 227 Friedrich Neumann, Gartenvorstadt 79 77- 79 73, an-
Deutsche Gewerbekunst. Eine geschlossen an die Internatio-
Alle zuvor erwähnten Einrichtungsprogramme ähnelten sich in
Arbeit über die Organisation nale Baufachausstellung 79 73,
ihrer stilistischen und formalen Ausführung. Sie waren aus einfa- Lageplan
des deutschen Werkbundes,
chem Holz, z.B. Kiefern- oder Tannenholz, gefertigt, das häufig Berlin 1908, S. 29.
farbig lackiert oder gebeizt wurde. Stilistisch orientierten sich die
Entwerfer oft an klassizistischen oder Biedermeier-Vorbildern und
gaben den Möbeln häufig kastenartige und vor allem ornament-
lose, schlichte Formen. Bereits 1902 forderte man in einer Wettbe-
werbsausschreibung für „billige Wohnungseinrichtungen" in der
Zeitschrift „Innendekoration" die „Entwicklung der Formen aus
der Konstruktion, sinnvolle Ausnützung der ästhetischen Eigen-
schaften des Materials, Vermeidung aller sinnwidrigen Dekoratio-
nen . "226
Mit der Gründung des Deutschen Werkbundes (1907) wurden
die Bemühungen und die Diskussionen um gestalterisch anspruchs-
volle, industriell gefertigte und für breite Käuferschichten er-
schwingliche Möbel und die Errichtung von Kleinwohnungen und
-häusern unter dem Dach eines „Gesinnungsverbandes" subsu-
miert.227 Daneben war schon im September 1902 die Deutsche
Gartenstadt-Gesellschaft gegründet worden, die versuchte, in ver-

schiedenen Städten, parallel zur Verbesserung der Inneneinrich-


tungen, erschwingliche Häuser in Stadtrandlage und mit Gärten zu
errichten. Maßgeblich beeinflußt wurden diese Entwicklungen
auch von Fabrikanten wie Krupp (Essen) und dem Bankier Osthaus
(Hagen), die in Anlehnung an englische Vorbilder zur Erhaltung
der Arbeitskraft ihrer Arbeiter und aus sozialem Verantwortungs-
bewußtsein den Arbeiterwohnungsbau gefördert und vorangetrie-
ben hatten. 228
1913 veranstaltete man in Leipzig die Internationale Baufach-
ausstellung auf dem dortigen Messegelände, die vor allem als Lei-
stungsschau der Bauindustrie verstanden wurde (Abb. 111 ). Ähn-
lich wie bei den Weltausstellungen wurden auf dem Ausstellungs-
gelände verschiedene Ausstellungsbauten errichtet, die unter-
schiedlichen Themen oder Arbeitsgebieten wie z.B. Baukunst, Be-
ton oder Baustoffprüfung vorbehalten waren. Auf einem separa-
ten, in der Nähe liegenden Gelände, das durch eine „ Verbindungs-
bahn" an das übrige Ausstellungsarreal angeschlossen war, baute
man ab 1911, nach dem Bebauungsplan von Hans Strobel, die
Gartenvorstadt Leipzig-Marienbrunn (Abb. 112). lnsgesamt waren
228 Vgl. dazu folgende Lite- acht aus Leipzig stammende Architekten am Bau von 7 Baugruppen
ratur: Kristiana Hartmann, beteiligt, ausgestellt wurden innerhalb der Baufachausstellung je
Deutsche Gartenstadtbewe-
ein Musterhaus, das durch eine Leipziger Möbelfirma ausgestattet
gung: Kulturpolitik und Gesell-
777 Leipzig, Internationale schaftsreform, München 1977. wurde .229
Baufachausstellung 79 73, La- 229 Vgl. Cramer/Gutschow, Noch kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte der
geplan Messegelände op.cit., S. 104-107. Deutsche Werkbund 1914 in Köln seine erste Ausstellung präsen-

122 123
tieren. Joan Campbell beschreibt sie zusammenfassend: „Die 235 Zitiert nach : Peter Pfan- Adolf Behne nannte diese Tätigkeiten „Zukunftsarbeit" 235 und
Kölner Ausstellung gilt heute allgemein als ein Meilenstein auf 230 Joan Campbell, Der kuch, Planen und Bauen in Eu- sagte, auf die erstgenannte Ausstellung von 1919 bezogen : „In un-
Deutsche Werkbund 1907- ropa . Von der futuristischen zur serem Beruf können wir heute nicht Schaffende sein, sondern sind
dem Wege zur modernen Architektur. Damals dachte man mehr
1933, op.cit., S. 94. funktionellen Stadt, in : Tenden-
an ein Schaufenster für die Erzeugnisse des deutschen Kunstge- Suchende und Rufende. Wir wollen nicht aufhören, zu suchen nach
231 Vgl. ebenda, S. 73. zen der Zwanziger Jahre, Aus-
werbes. Die meisten der fast einhundert Gebäude der Ausstellung 232 Vgl. dazu die Ausfüh- stellungskatalog, Berlin 1977,
dem, was sich später einmal kristallisieren kann, und zu rufen nach
waren für die Anordnung der Schaustücke oder andere praktische rungen von Pommer/Otto, S. 2/16. Gefährten, die mit uns den harten Pfad gehen, die in tiefster Be-
Zwecke geplant, nicht als Vorbilder architektonischen Stils. Es gab Weissenhof 1927 end the Mo- 236 Zitiert nach : Ulrich Con- scheidenheit wissen, daß alles heutige nur ganz frühe Morgenröte
Ausnahmen: die Fabrik- und Verwaltungsgebäude von Gropius, dern Movement in Architecture, rads, Programme und Manife- ist, und die in selbstvergessener Hingabe sich zum Aufgang der
van de Veldes Theater, eine Gruppe von Wohngebäuden von Al- Chicogo/London 1991, S. 140- ste zur Architektur des 20 . Jahr- neuen Sonne vorbereiten . Wir rufen nach allen Zukunftsgläubigen.
144. Die zeitgenössische Dis- hunderts, Braunschweig (2 . Alle starke Zukunftssehnsucht ist werdende Architektur. Es wird
fred Fischer und zwei kleine Komplexe von Musterwohnungen,
kussion ist anhand von Zeit- Aufl .) 1981, S. 44.
von denen einer den für die Kolonien geeigneten Stil empfahl, der einmal eine Weltanschauung da sein, und dann wird auch ihr Zei-
schriftenartikeln nachzuvollzie- 237 Übersetzung durch d.
andere Behausungen für Industriearbeiter auf ländliche Art im so- chen, ihr Kristall -die Architektur da sein . " 236
hen, wiederabgedruckt in : Die Verf.; das Original lautet: „[ ... ]
genannten Niederrheinischen Dorf zeigte . Überwiegend nahm Zwanziger Jahre des Deut- the Haus am Horn was the first Erst 1924 wurde in Stuttgart, organisiert von der „Staatlichen Be-
aber die Architektur den zweiten Rang hinter dem Kunstgewerbe schen Werkbunds, op.cit., S. exhibition building in the style ratungsstelle für das Baugewerbe", auf dem ehemaligen Bahn-
· u230
ein. 81-90. to be canonized later at Weis- hofsgelände gegenüber dem neuen Stuttgarter Bahnhof erneut
Divergenzen zwischen einzelnen Mitgliedern des Werkbundes, 233 Dessen Vorsitzender zu- senhof", in: Pommer/Otto, eine Bauausstellung veranstaltet, für die auch Musterhäuser errich-
die sich seit 1907 mehr und mehr angedeutet hatten, traten in Köln nächst Bruno Taut und ab 1919 Weissenhof 1927 end the Mo- tet wurden. Ein Jahr zuvor hatte das Bauhaus in Weimar seine erste
Walter Gropius wurde. Viele dern Movement in Architecture,
auf der parallel zur Ausstellung stattfindenden Tagung offen her- „Bauhaus-Ausstellung" ausgerichtet, auf der erstmals Gropius'
Architekten waren Mitglieder in op.cit., S. 39.
vor. Die Auseinandersetzungen lassen sich auf die Kurzformel „ Ty- „ Baukasten" (Abb. 113) und das von Georg Muche entworfene
beiden Organisationen, wobei
pisierung gegen lndividualismus" 231 reduzieren und auf die Perso- die „ November-Gruppe " eher Haus am Horn (Abb. 114) zu besichtigen waren, welches Pommer
nen von Hermann Muthesius und Henry van de Velde konzentrie- als Künstlergruppe, während und Otto als „das erste Ausstellungs-Gebäude im später kanoni-
ren. Gleichzeitig war damit auch die Frage nach der grundsätzli- der „ Arbeitsrat für Kunst" eher sierten Stil von Weissenhof" 237 bezeichnen .
chen Vereinbarkeit von Kunst und Industrie bzw. Kunsthandwerk als Architektengemeinschaft zu Die Stuttgarter Ausstellung von 1924 war dagegen vor allem als
und industriellen Produktionsmethoden verbunden. Mit dieser in definieren ist. Vgl. Arbeitsrat Baugewerbe-Schau gedacht, richtete sich jedoch nicht vornehm-
für Kunst 1918-1921, Ausstel- lich an ein Fachpublikum, sondern ihre Organisatoren formulier-
Verbindung zur Werkbund-Ausstellung entbrannten Auseinander-
lungskatalog, Berlin 1980.
setzung sind bereits zwei Pole innerhalb des Werkbundes ange- ten einen Vermittlungsauftrag an die gesamte Bevölkerung: „Nicht
234 Vgl. Barbara Miller Lane,
deutet, die nach dem Ersten Weltkrieg, ab der Mitte der Zwanziger op.cit., Anm. 12 und Anm. 45, S.
ein Jahr des Bauens, der Behebung unserer wirtschaftlichen Nöte,
Jahre, unter anderen personellen Voraussetzungen zwischen den 208. Wann der Begriff des nicht ein Jahr der Verheißungen und Versprechungen auf Beseiti-
Vertretern des Neuen Bauens und des Bundes für Heimatschutz, „Neuen Bauen" erstmals auf- gung der Wohnungsnot; aber ein Jahr, in dem Baukunst wieder
schließlich in den stilistischen, formalen und ideologischen Streit kommt, ist nicht eindeutig ge- Volkskunst werden soll, das in dem einzelnen das Bewußtsein wek-
um das flache Dach mündeten. 232 klärt. In der Literatur wird die- ken soll, welch gewaltigen Einfluß auf die menschliche Gesell-
ser Begriff zwar ständig als for-
Mitte der Zwanziger Jahre, nach der Währungsreform von 1923
maler und stilistischer Terminus
und den wirtschaftlichen Unterstützungen, die Deutschland durch
angewandt, eine Begriffsklä-
den Dawes-Plan erhielt, konnte an die Ausstellungstätigkeit der rung und -herleitung fehlt je- 173 Walter Gropius, Bouka-
Vorkriegszeit unter völlig neuen Vorzeichen wieder angeknüpft doch. Lediglich Barbara Miller sten im Großen, Dessau 79221
werden. Die fortschrittlichen Architekten und Künstler hatten sich in Lane verweist auf die Ausstel- 23
der Zwischenzeit außerhalb des Werkbundes zu verschiedenen lung und auch die gleichnami-
Gruppen zusammengeschlossen: 1918 gründete sich die „Novem- ge Veröffentlichung von Emil
Gutkind, 1919, entwickelt dar-
ber-Gru~pe" und kurz danach der revolutionäre „Arbeitsrat für
aus jedoch keine Begriffsher-
Kunst" 23 , 1919 wurde Walter Gropius als Direktor an die „Verei-
leitung . Norbert Huse verweist
nigten Schulen für Bildende Kunst und Kunstgewerbe" nach Wei- in der Einleitung zu seinem Buch
mar berufen, die er in „Staatliches Bauhaus" umbenannte, 1919/20 „Neues Bauen 1918 bis 1933"
initiierte Bruno Taut einen Briefwechsel, der sich mit theoretischen (op.cit.) zusätzlich noch auf ei-
Fragen zur Architektur auseinandersetzte und als „Gläserne nen Text von Walter Gropius,
Kette" bekannt wurde. Ebenfalls 1919 veranstaltete der „Arbeitsrat der den Titel „Neues Bauen"
trug und in „ Der Holzbau", 51
für Kunst" in der Galerie J. B. Neumann die „Ausstellung für den
1920, erschienen ist.
unbekannten Architekten", in der man utopische Architekturzeich-
Ein Exkurs innerhalb dieser Ar-
nungen und Entwürfe vorstellte. Im selben Jahr wurde in der Gale- beit soll im Folgenden einen Er-
rie auch die „Ausstellung neues Bauen", die wohl der Bewegung klärungsversuch zur Termino-
ihren Namen gab, präsentiert. 234 logie bieten (vgl. S. 139).

124 125
furt gezeigt wurde . In München stand das Zurschaustellen von Mu-
stereinrichtungen im Mittelpunkt, in Frankfurt war die Präsentation
und der Vergleich von Wohnungsgrundrissen aus verschiedenen
Ländern zentrales Anliegen . Diese Ausstellung, unter der Leitung
von Grete Schütte-Lihotzky und Eugen Kaufmann als Wanderaus-
stellung konzipiert, wurde nachfolgend in mehreren deutschen und

IJAUAUSSTELLUN6
.JTUTTC-ART 19z.r,
• f • II

114 Georg Muche, Hous am


Horn, Weimar 1923

schaft, ihr werktätiges und geistiges Leben, der bauliche Organis-


mus hat. In jedem einzelnen muß die Verantwortung wieder leben-
dig werden, die er mit der Gestaltung des Raumes, des Hauses, der
Straße, der Stadt, der Landschaft seinen Mitmenschen gegenüber
trägt. Aus ihren steinernen Ruinen spricht am beredtesten zu uns die
Geschichte vergangener Völker. Baugesinnung ist Gesinnung der
Zeit und ihrer Erscheinungen. " 238 Nochmals konnten in Stuttgart die
Verfechter einer sachlichen, aber traditionsverbundenen Architek-
tur mit den Befürwortern des Neuen Bauens in einer gemeinsamen
Ausstellung vereint werden . Neben den Arbeiten von Schmitthen-
ner, Abel, Döcker und Schneck und Vertretern der Stuttgarter
„Staatlichen Höheren Bauschule" wurden die Modelle des Bau-
hauses in einer gemeinsamen Halle gezeigt. Auf den Freiflächen
waren „8 Musterhäuser aufgebaut, die das erschwingliche und be-
238 In der Begleitschrift zur
scheidene Siedlerhaus" 239 präsentierten (Abb. 115). Parallel zur Ausstellung „ Das Baujahr", zi-
Bauausstellung zeigte der Werkbund unter dem Titel „Die Form" tiert nach: Cramer/Gutschow,
und unter der Leitung von Adolf G. Schneck eine Ausstellung von op.cit„ S. 112.
„ Gebrauchs- und Ziergegenständen". Dort sollte gezeigt werden, 239 Ebenda,S. 114.
„wie die reine Form[ ... ] durch eine schöpferische Kraft von der ein- 240 Im Ausstellungskatalog
fachsten bis zur reichst bewegten Form in jedem Material künstle- von 1924, zitiert nach : Cramer/
Gutschow, op.cit„ S. 113.
risch gestaltet werden kann, ohne daß es nötig ist, die nur schmük-
240 241 Der Congres Internatio-
kende Zutat eines Ornaments zur Hilfe zu nehmen. " nal d' Architecture Moderne {=
Mit den nun folgenden Siedlungs-Ausstellungen wie Stuttgart- CIAM) hatte sich 1928 auf dem
Weißenhof 1927, Breslau 1929, Karlsruhe-Dammerstock 1929 Schloß La Sarroz in der Schweiz
konnte ein neuer Ausstellungstyp etabliert werden, der im nächsten gegründet und war als interna-
Unterkapitel gesondert behandelt wird. tionaler Architekten-Verband
Desweiteren wurden wie schon vor dem Ersten Weltkrieg Plan- mit der Diskussion und Formu-
lierung der aktuellen Theorien
und Modellausstellungen sowie messeähnliche Hallenausstellun-
der modernen Architektur be-
gen mit temporär aufgebauten Musterwohnungen organisiert, z.B. faßt. Vgl. Martin Steinmann
die Ausstellung „Heim und Technik" 1928 in München oder die {Hrsg.), CIAM. Dokumente 115 Stuttgart, Bauausstellung
Ausstellung „Die Wohnung für das Existenzminimum", die anläß- 1928-1939, Basel/Stuttgart 1924, Lageplan mit den 8 Mu-
lich der CIAM-Veranstaltung 241 zum selben Thema 1929 in Frank- 1979. sterhäusern

127
126
776 Berlin, Gagfah -Siedlung ausländischen Städten gezeigt. Außerdem organisierten auch die
„Im Fischtalgrund", Ausstel- Vertreter ein~r .tradition~l!en Architekturauffassung eigene Aus-
lung „Bauen und Wohnen " stellungen, die in Oppos1t1on zur Ausstellungstätigkeit des Werk-
7928, Blick auf die Siedlung bundes und des Neuen Bauens konzipiert waren. Als Beispiel sei
und Lageplan
hier .auf die Gagfah-Ausstellung „Bauen und Wohnen" (1928) in
Berlin-~ehlendorf in der Siedlung Fischtalgrund verwiesen (Abb.
116). Diese Ausstellung war mit ihren Einfamilienreihenhäusern mit
Satteldächern als Gegenveranstaltung zum Neuen Bauen und vor
allem zu der in unmittelbarer Nachbarschaft errichteten Flach-
dach-Siedlung „Onkel-Toms-Hütte " der Baugenossenschaft Ge-
hag gedacht. Parallel zur Entwicklung der Ausstellungstätigkeit in
Deutschland und entsprechend der internationalen Verbindungen
der Architekten des Neuen Bauens wurden 1930 zwei internatio-
nale Bau- bzw. Wohnungsausstellungen in Paris und Stockholm
veranstaltet. Bereits 1925 zeigte der Deutsche Werkbund Arbeiten
seiner Mitglieder im Rahmen der „Exposition des Arts Decoratifs"
in einem von Gropius gestalteten Ausstellungsbereich im Grand
242
Palais in Paris.
Zusammenfassend versucht Jan Pieper in seiner Untersuchung
„Architektur als Exponat" drei historische Phasen von Architektur-
ausstellungen zu unterscheiden : „Während der ersten Phase [„ .]
wird gebaute Architektur ausschließlich auf Weltausstellungen ge-
zeigt. Hier ist sie nicht das zentrale Ausstellungsthema, sondern le-
diglich Rahmen, Supplement und dekorative Ergänzung. Jedoch
spiegelt sich in diesen Architekturexponaten nichtsdestotrotz die all-
gemeine Reflexion von Archi tektur und Städtebau der Zeit, so daß
man diese Phase als die der versteckten Architekturausstellungen
bezeichnen könnte . Die zweite Phase beginnt mit den Fachausstel-
lungen für Architektur, Bautechnik und Kunstgewerbe, die den so er-
folgreichen Ausstellungsgedanken ausdrücklich auf diese Inhalte
übertragen . Thematisch entscheidend geprägt von dem Arts and
Crafts Movement und dem Gedankengut des Jugendstils verfolgen
sie einen ausgesprochen reformerischen Ansatz mit dem Ziel, Archi-
tektur und Handwerkskunst zu erneuern. Ebenfalls reformerische
Ansätze verfolgen Städtebauausstellungen, die kurz darauf in der
gleichen Dekade veranstaltet werden. Beide Bewegungen enden mit
dem Ersten Weltkrieg, und sa ist diese Phase der Exponatsgeschichte
der Architektur von kurzer, kaum mehr als zwölfjähriger Dauer. Die
dritte Phase, die wohl zu den bekanntesten gehören dürfte, umfaßt
die rege Ausstellungstätigkeit der Modernen Bewegung, die mit den
Werkbundausstellungen beginnt und eigentlich erst - nach Unter-
brechungen durch Faschismus und Krieg - mit der lnterbau 1957 in
242 Außerdem wu rde auf
Berlin ihren Abschluß findet. An diesen Ausstellungen vor allem ent-
dieser Ausstellung der berühmt zündet sich die theoretische Diskuss ion, hier zeigt sich die Unzu -
gewordene „ Povillion de !'E- länglichkeit der Ausstellung als die deklamatorisch beanspruchte
Gruppe I , .? Jmd J. A.kxander Kinn „ urrd 7. Hans sprit Nouveau " von Le Corbu- 'Wiedergeburt der Architektur', und hier liegen die Wurzeln der Su -
Golach. S C.Jgf.ih. 6, 15 11nd 16 Paul Mt:bu und Paul sier gezeigt.
Emmn11:h 8 und 9 H.ms Podvg. 10 und 25: GttJrg che nach einem neuen Medium für die Architekturtheorie, die cha-
SU1mnt:ll 11 1md 23: Emtl R.iistn. 12 1md 16: Paul 243 Jan Pieper, Architektur rakteristisch ist für die gegenwärtige Situation. Deshalb ist diese
Schm1ttb1:nnn JJ. H . .?"' und 28- Hmmdt Tt:sst:now
17 und12 Wilhelm jost 18· Ernst G ra bbt:. 19- Gus1a1 als Exponat, in : Kunstforum in-
Wolf 20: Fnt; II.div 21 Fnt.:.Schopohl. 2• : Kar/Wm- dritte Ph ase der Architekturgeschichte besonders wichtig für243das
haupt 29. -'.ntold knobl,,uch JO.· fn1cht ausgt:{Uhrt) ternational, Bond 38, op.cit., S.
Emh R1chtn . G.nutJtU· W'aftn G rop111s 33. Verständnis neuer Theorieforen, wie der Architekturmuseen . "

129
128
Grundlegend stellt dieses Phasenmodell einen ersten Versuch 244 Vgl. z.B. die „Deutsche
dar, die Geschichte von Architekturausstellungen seit den Weltaus- Siedlungs-Ausstellung", Mün-
stellungen zu beschreiben und eine typologische Entwicklung bis in chen 1934, oder die „Deutsche
Architektur- und Kunsthond-
die Gegenwart hinein aufzuzeigen. Pieper unterlaufen dabei je-
werk-Ausstellung", München
doch einige Fehler, indem er z.B. die Weltausstellungen als 11 ver-
/1
1938. Vgl. die Angoben in:
deckte Architekturausstellungen bezeichnet, sein Augenmerk da- Hons Wichmonn, Aufbruch zum
bei aber lediglich auf die aufseheneregenden Ausstellungshallen neuen Wohnen. Deutsche
lenkt und die seit der ersten Weltausstellung 1851 in London statt- Werkstätten und WK-Verbond
findenden Architekturausstellungen innerhalb der Weltausstellun - (1898-1970). Ihr Beitrog zur
gen nicht erwähnt. Außerdem stellt seine Darstellung der 11 dritten Kultur unseres Jahrhunderts,
11 Basel /Stuttgart 1978, S. 412.
Phase , von den Werkbundausstellungen bis zur lnterbau in Berlin
245 In Anlehnung an Cromer
1957, eine undifferenzierte Zusammenfassung dar, die vor allem und Gutschow, op.cit.
außer aht läßt, daß sich auch die Nationalsozialisten der erzieheri- 246 Der Titel dieser Passage
schen Wirkung von Ausstellungen im allgemeinen und Architektur- orientiert sich an dem Aufsatzti-
ausstellungen im besonderen bewußt waren und solche Ausstellun- tel „Wohnungs- und Siedlungs-
gen auch veranstalteten. 244 In Abgrenzung von dem verallgemei- ausstellungen der 20er Jahre.
nernden Terminus der 11Architekturausstellung 11 , wie ihn Jan Piper Annäherung an einen Typus"
benutzt, wird im Folgenden eine Differenzierung des Begriffs in von Anna Teut, in: Daidalos 2/
1981: „ Architektur als
Plan- und Modellausstellungen, Bauausstellungen 245 , d.h. Ausstel-
Schauobjekt/ Architecture on
lungen gebauter Architekturen, bzw. Siedlungs-Ausstellungen, d.h. Display", S. 53-63, die dort je-
Ausstellungen in Verbindung mit Siedlungsbauten, angestrebt. doch nur einen sehr summari-
schen Annäherungsversuch an
das Thema unternimmt.
247 Drei der Einfamilien-
häuser waren in den Verband
Siedlungs-Ausstellungen als Typus der Architektur des der Siedlung eingegliedert,
wurden aber von privaten Bau-
Neuen Bauens 246
herren errichtet. Das betrof die
Bauten von Ernst Wagner, Vic-
Ab 1925 plante der Vorstand des Deutschen Werkbundes die Or- tor Bourgeois und Th. Klemm. 1 00.fCIANK WIEN

ganisation der Ausstellung 11 Die Wohnung 11 in Stuttgart, die für


2 J.OUD ROTTEROAM
248 Die Mitglieder des Ver- l 1'1. 5.TAM QOTTEQOA1'1
~ U COr:l8U.SIEQ GENF
1926 projektiert wurde. Diese Ausstellung war die erste Siedlungs- eins hatten ein Vorkaufsrecht, !! P.BEttllENS Sf:RUN

Ausstellung des Neuen Bauens. Mit modernsten Baumethoden weil der Verband dem Werk- '
1
A.o·o·clCEA STUTTGART
w. GA.OPIVS OES~AU

wurde eine Siedlung mit 23 Baugruppen, bestehend aus zwei bund das Baugelände zur Be- 8 L..HIL8ERSEIMER EtPLt~
~ MIES VAN DER ROHE BE'll
bauung überlassen hatte. Vgl. IO H.POElZIG BERLIN
Mehrfamilienhäusern, zwei Gruppen von Einfamilienreihenhäu- II RADING 8Rf.SLAU
Cramer/Gutschow, op.cit., S.
sern, einem Doppelhaus und 17 Einfamilienhäusern 247 , errichtet 118. 771 Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Ausstellung
J2 SCHAllOUN UESlAU
1) G.SCHNECK STUfTGAQT
lilt BRUNO TAUT BERLIN
(Abb. 117), die nach Beendigung der Ausstellung an die Mitglieder 249 Mies war zu dieser Zeit . Die Wohnung • 7927, Blick auf die Siedlung 15 MAX TAUT BfRll N
des //Bau- und Heimstättenvereins 11248 bzw. andere interessierte auch zweiter Vorsitzender des und Lageplan
Bürger verkauft werden sollten. Die Oberleitung und Organisation Werkbundes.
der Ausstellung übertrug der Werkbund Ludwig Mies van der 250 In Anlehnung an die
249 Aufzählung von Liselotte Un-
Rohe , der die wichtigsten Vertreter des internationalen Neuen
gers, op.cit., S.159. An der Aus-
Bauens zur Teilnahme aufforderte, daneben erhielt Richard Dök-
wahl der Teilnehmer, die alle- .. d 11251 d u
ker die Bauleitung. Am Bau der Siedlung waren schließlich J. J. P. samt Vertreter des Neuen Bau- tionsweisen in einem benachbarten „ Versuc hsge 1a.n e un z -
Oud, Mart Stam (beide Rotterdam), Le Corbusier und Pierre ens waren, enlzündete sich in- sätzliche Einrichtungsvorschläge, die im Rahmen e1_ner ~allenat~s­
Jeanneret (Genf/Paris), Josef Frank (Wien), Peter Behrens, Hans nerhalb des Werkbundes und op.cit., S. 48, 53-55. stellung aufgebaut waren. Daneben wurde auch e,'.~~ „mte~na l~-
Poelzig, Ludwig Hilbersheimer, Bruno und Max Taut (alle Berlin}, auch in der Öffentlichkeit eine 251 Vgl. die Erklärung des 1 Plan- und Modell-Ausstellung neuer Baukunst gezeigt, die
Walter Gropius (Dessau), Adolf Rading und Hans Scharoun (beide heftige Diskussion, do sich die Werkbundes vor Eröffnung der naße W h gen auch Hochhäuser, Wasserkraftanlagen,
Vertreter einer eher troditiona- au er o nun " .. b .. d 11253 ·t
Breslau), Richard Döcker und Adolf G. Schneck (beide Stuttgart) Ausstellung im Dezember 1926, Groß ara en, Flugzeughallen, Fabrik- u~d Buroge au e . m1
beteiligt. 250 listischen Architektur gegen-
über den Modernisten zurück-
erneut abgedruckt in Cromer/ . ~loß Tn einer im Sommer 1926 erschienenen Denksc~nft for-
Präsentiert wurde jedoch nicht allein die 11 Weissenhof-Sied- gesetzt fühlten. Vgl. dazu die
Gutschow, op.cit., S. 124.
252 Ebenda .
~:fi~rte ~an den Anlaß und die Ziele der Ausstellung wie folgt :
lung11, sondern neueste Baustoffe, Baumethoden und Konstruk- Darstellung von Karin Kirsch, . 1 t ten Jahre haben uns eine Fülle neuer Erfahrungen, neuer
253 Ebenda . 11D 1e e z
130 131
Methoden und Möglichkeiten für rationelles Bauen und Wohnen 254 Zitiert noch Cromer/
geschenkt. Aber leider ist bis heute noch keine der mannigfachen Gutschow, op .cit., S. 118.
Gelegenheiten ergriffen worden, diese für die Entwicklung des 255 Ebenda .
Wohnwesens so bedeutenden Ergebnisse in ihren Höchstleistun- 256 Ebenda .
257 Den Vergleich zu Darm -
gen und in einer gemeinsamen Kundgebung durch die Erstellung
stadt 1901 zogen auch zeitge-
einer größeren Bautengruppe zusammenzufassen und damit der nössische Kritiker in diversen
Allgemeinheit in vorbildlicher Weise vor Augen zu führen , welche Zeitungs- und Zeitschriftenorti -
Förderung unsere Wohnkultur dadurch erfährt, daß die hygieni- keln sowie Mies von der Rohe
schen und ästhetischen Forderungen unserer Zeit im weitesten selbst. Vgl. dazu Pommer/Otto,
Maße an einer Gruppe von Wohnbauten verwirklicht werden " und op.cit., S. 135.
sie „ der gesamten Fachwelt zum Studium sowie der Allgemeinhe it 258 Pommer/ Otto, op.cit., S.
37.
zur Belehrung und Weiterbildung zugänglich gemacht werden
259 Zitiert noch Cromer/
könnte . " 254 Ausgeschlossen wurde von vorneherein der Bau von Gutschow, op.cit., S. 121-122.
reinen „ Ausstellungsbauten in früherem Sinne" 255 , dagegen be- 260 Vgl. die Darstellung von
tonte man, daß Wohnhäuser erstellt werden sollten, die „nach Karin Kirsch , op.cit., S. 20121 .
Schluß der Ausstellung den Bewohnern übergeben werden. " 256
Ihrem Konzept und Aufbau nach knüpfte die Stuttgarter Ausstel-
lung von 1927 an Bau- und Wohnungsausstellungen von Darmstadt
1901 und Leipzig 1913 an (vgl. Abb. 107, 112).257 Während in
Darmstadt noch ausschließlich großbürgerliche Villenarchitektur
präsentiert wurde, zeigte man in Leipzig eine als Gartenvorstadt
angelegte Kleinwohnungssiedlung mit getrennten Wohn - und Ver- der Kleinwohnung " 1 Fragen der neuesten Bautechnik wurden da-
" 261
kehrswegen . Pommer und Otto bezeichnen die Leipziger Garten- 261 Walter Gropius erstellte gegen besonders intensiv behandelt. .
vorstadt als „ the closest prototype of Weissenhof as an Ausstel- z.B. ein Einfam ilienhaus aus In Anlehnung an die Vorkriegsausstellungen 1n Darmstadt und
lungssiedlung" .258 In Stuttgart stand bei der Ausstellungsplanung Metallplatten, vgl. die Be- Leipzig etablierte man mit der Stuttgarter Werk~_un~ausstellung
die Erstellung von preisgünstigen Wohnungen am Anfang im Vor-
schreibung bei Winfried Ner- von 1927 also einen neuen Ausstellungstypus, namltch den der
dergrund, realisiert wurden dann jedoch überwiegend villenartige
dinger, Walter Gropius, Aus- Siedlungs-Ausstellung, der für die meisten ~er folgenden Ausstel-
stellungskatalog und kritisches
Einfamilienhäuser, lediglich zwei Mehrfamilienhäuser (von Peter lungen des Neuen Bauens in ähnlicher Weise angewan?t wurde.
Werkverzeichnis, Berlin/Har-
Behrens und Mies van der Rohe) und zwei Baugruppen mit Reihen- Mehrfach deklarierte man fortan noch zu bauende Arc~1t~kturen,
vard 1985, S. 90-93.
häusern (von Marl Siam und J. J. P. Oud) wurden ausgeführt. Peter 262 Diesen Terminus benutzt die auch ausstellungsunabhängig als Siedlungen konz1p1ert wa-
Bruckmann, damaliger Werkbund -Vorsitzender, formulierte in beispielsweise Gustov Lomp- ren, zu „Ausstellungssiedlungen" .262 Häufige Initiatoren so_lch~r
diesem Zusammenhang die ursprünglichen Ziele : „ Also, es handelt monn in einer Rezension der „Ausstellungssiedlungen" waren der Deutsch~, ?er Sc_hwe.'.zer_1-
sich nicht darum, hier eine Siedlung zu erstellen, die Luxusbedürf- Werkbund-Ausstellung „Woh- sche und der Österreichische Werkbund, so be1sp1elswe1se fur die
nissen entsprechen soll, es ~.andelt sich nicht darum, zu zeigen, was
nung und Werkraum ", die 1929 Ausstellung „Wohnung und Werkraum" 1929 in B~eslau (Abb.
ein Architekt einem Bau im Außeren anfügen kann, um seine Indivi-
in Breslau gezeigt wurde. In : 118), für die 1. Schweizerische Wohnungsausstellung 1n Ba~el 1930
(Abb. 119), für die Wohnausstellung in ~e~ Werk~unds1edlung
Zentralblatt der Bauverwal-
dualität, um, wie der Laie sagt, seine besondere künstlerische Ver- tung, 49. Jg ., Nr. 29, S. 461 ff.
anlagung zu beweisen, sondern es handelt sich darum, daß wir die 263 Pommer und Otto be- Neubühl in Zürich 1931 263 (Abb. 120) und die internationale Werk-
besten Kräfte von Stuttgart, Deutschla~d und den genannten 3 Län- haupten ohne Anmerkung, daß 118 Breslau, Siedlung Grün- bundausstellung in der Siedlung Wien-Lainz _ 1932 (Abb. 121 ).
dern f?as waren Holland, Schweiz, Osterreich, Anm. d. Verf.] in der Werkbund die Züricher eiche, Ausstellung „ Wohnung Daneben versuchten auch andere Organ1s~to_ren den_ Ausstel-
dem einen Gedanken zu vereinigen : Wie baut man für den und den Ausstellung nicht unterstützt und Werkraum " 7929, Blick auf lungsgedanken in ihre Siedlungsplanungen m1te1nzubez1ehen, s~
die Stadt Karlsruhe mit der Ausstellung „Die G~brauchswohnung
hätte, op.cit., S. 150. In der Zeit- die Siedlung und Lageplan
Preis in der heutigen Zeit eine Siedlung, die den neuesten Anforde-
schrift Das Werk, 6/1930, S. in der Dammerstock-Siedlung. Die ersten beiden „Ausstellungs-
rungen auf diesem Gebiet entspricht?" 259 Während der Planungs -
siedlun en" des Deutschen Werkbundes in S~uttgart und Breslau
183, heißt es dazu : „Was den ben, das die gemeinsame Pla-
phase kam es jedoch zu einer inhaltlichen Verschiebung der Ziel-
waren ~och stark angelehnt an die Form~n e_mer Versuch:- o?.er
Nomen 'Werkbundsiedlung' nung der Siedlung Neubühl er-
setzung, von der Errichtung von Häusern für Arbeiter und Ange- angeht, so ist zu prözisieren, reicht hat. Weiterhin ist ober
stellte zum Bau von Häusern für „Großstadtmenschen" .260 Die An- dass der SWB die ganze Sache der SWB an der Siedlung in kei- Mustersiedlung für Ausstellungszwecke, wie sie vor ?em _Krielg ub-
sprüche, die die teilnehmenden Architekten und auch Teile des angekurbelt hat und dass olle ner Weise beteiligt weder orga- lich waren Auf einem freien Gelände wurden meist e_1nze nste-
beteiligten Architekten Werk- nisatorisch noch finanziell. Für hende Bauten in lockerem Verbund erstellt. Aber sch_on in Breslau
Werkbundes mit Stuttgart-Weißenhof verbanden, lagen vor allem
in einer umfassenden Präsentation der Baugesinnung des Neuen
bundmitglieder sind und bei die Durchführung hat sich viel - rückte im Gegensatz zu Stuttgart das Bauen ~on Klemw~hnungen
Bauens. Das Problem der Erstellung und Einrichtung der „Woh-
Werkbundousstellungen sich mehr eine Gemeinnützige Bau- in Mehrfamilien- und Reihenhäusern gegenuber den_e1~zelnste­
an ein freundschaftliches Zu- genossenschaft Neubühl gebil -
nung" im allgemeinen stand dabei im Mittelpunkt, nicht jedoch das det[ ...]."
henden Einfamilienhäusern in den Vordergrund . Erst die nicht vom
sammenarbeiten gewöhnt ho-
133
132
119 Basel, Siedlung .Schoren- 720 Zürich, Siedlung .Neu-
matten •und .Eglisee • 1929/ bühl·, Wohnungsausstellung
30, 1. Schweizerische Woh- 7937, Blick auf die Siedlung
nungsausstellung 1930, Blick und Lageplan
auf die Siedlung und Lageplan

1 k'EUE'™°LLElh~MANN
2 VON OED MOHU., OSEOOAUU<
3 E F BURC.KHAROT
4 STEGER "EGENDER
~ BRAIL!.ARO
6 SO<EORER "MEYER
7 HO~L„TOO<:.APEL
8 MOSER "ROTH
9 HERM BAUR
10 BEONOULLI" K(JNZEL
11 GIU..IARO, GODET
12 M\JMENTHALER, MEIER
ß ARTARIAuSCHMIDT

134 135
den erstmals ausschl ießlich Kle inwohnungen in Mehrfamil ienhäu-
sern und Einfamilienreihenhäusern, in konsequentem , nord -süd-
gerichtetem Zeilenbau, auf einem von der Stadt ausgewiesenen
Stadterweiterungsgebiet, als Ausstellung präsentiert (vgl. Abb. 12,
13). Das Ziel der Organisatoren, „ die schaffung von gesunden
praktischen gebrauchswohnungen, die dem sozialen standard der
durchschnittsfamilie von heute entsprechen " 265 , hatte gegenüber
der Wohnungs- und Architekturausstellung und der Präsentation
moderner Bautechnik Priorität. Daraus ergab sich, daß man den
Bebauungsplan nicht zugunsten des Ausstellungsgedankens ver-
änderte, sondern als Ausstellungsarreal die an eine ost-westliche
Erschließungsstraße angrenzenden Häuserzeilen des ersten Bau-
abschnittes defin iert wurden . N icht alle Häuser dieses ersten Bau-
abschn ittes wurden als Ausstellungshäuser eingerichtet, sondern
immer nur ein bis zwei Häuser einer Zeile bzw. ein bis zwei Woh-
nungen eines Mehrfamilienhauses. Außerdem verzichtete man be-
wußt auf gesonderte Ausstellungshallen, in denen, ergänzend zu
71, 7J
75, n
Arch. H Haring, Btrlm
Arch. R Bawer, W~
den Häusern und Wohnungen, moderne Baustoffe oder Innenein-
79, 81, 83, 85
87, 89, 91, 93
Arc.b }- Hoffm.m11, Wim
Arch A Lur(Ot, Pans
richtungen hätten gezeigt werden können. Lediglich ein Einfami-
95, 97 Arch. W SobotA:a, Wren
99, 101 Arch. Q_ Wl.uh, Wien lienreihenhaus266, entworfen von Otto Haesler, war für die Präsen-
JOJ, 105 Arch.j.)1rault., Wien
107, 109 Arcb. E. Pluchlr.r, Wim tation von Baumaterialien der Stauß-Ziegelgewebe-Verkaufsge-
sel lschaft freigegeben .267 Der Baustoffhersteller war gleichzeitig
f J J, I JJ .~rch.J. Wt'fUI. W1tn
115, 117 Arch_ 0 Hatrdtl. W1l'n 265 Walter Gropius im Aus-
JagdsmloßgtUH
68, 70 Arch Wagntr-Fr~mhe1m, Waen stellungskatalog, op.cit., S. 9. auch Bauherr des Hauses und übernahm die Finanzierung.
72, 74 Arch. 0. Btt?un, Wrtn
76, 78 , Arch. ). F. ~x. W1tn 266 Das nördlichste Haus Die nachfolgenden Werkbundausstellungen in Basel, Zürich und
80, Bl ~P,- A. Cnmbergn. Hollvwood
Aich. E.. Uchtblau, Wim der Baugruppe 16; vgl. Ausstel -
88, 90
W omovu:hgtU~ '
Wien nahmen die in Karlsruhe gesetzten Maßstäbe für Siedlungs-
2, 4 Arch. M 5':hutte-L1hotdr.y, Moslr.au lungskatalog, op.cit., S. 50.
6, 8 Arch. M. Feilerer, Wien ausstellungen auf, indem auch dort die theoretischen und prakti-
1, j Arc.h. H. Gtorgt, Wien 267 Wie die übrigen Höuser
/ S, 7 A.rch. J. Groag, Paru
dieser Baugruppe war der Bau schen Anforderungen an eine dauerhafte Siedlung bezüglich des
„„ . . lt, 9 Arch. R. Neutra, Los Angeles
Bebauungsplanes und der Bauausführung dem Plan einer Ausstel-
.' 11 Arch. H. A Vtttn, W1tn in Stohlskelettbouweise errich-
lung übergeordnet wurden. 268
,' V JJ, 15, 17, 19 Arch. A. Loo.s, W1l'n
:' ·"' tet, „ wände, decken und doch
10, 12 Arch. C. Cutvrtlt111K, Paris
H , 16, 18, 20 Ar<.h. C. R.ittvtld, Utrteht
:„
: ' <uQ,
~!. 26 ~~~: fv.~~:: W1tn in stoußziegelgewebeverklei- Mit Blick auf die Vorbilde r Darmstadt und Leipzig lassen sich in-
,-' vo .„ 28, JO Arch. A. B1tba-, dung mit leichtbetonousfo- nerhalb des Typus Siedlungs-Ausstellung in chronologischer Ab-
' „: 32
3•
0. N 11'domour, WitK
Arch. ). Fran'1. , WU"n
Arch. H. H anng, Btrlm
chung und isolierschichteinlo - folge zwei Untergruppen bilden. Die erste Gruppe, die die Ausstel-
)•r<r- ge " (vgl. Ausstellungskatalog,
< 8, 10 Arch. C. Holvnmtn, W1tK lungen in Stuttgart 1927 und Breslau 1929 umfaßt, lehnt sich in ihrer
·... -··· 12 Arch. E. Wlldibnger, W rcc S. 50) ousgefocht.
&gc11.-.cb...,
268 Zur Siedlung Zürich- Konzeption stärker an die Darmstädter Bauausstellung von 1901
JAC.DHHlOH C.AHE
1: ~ ~;~: ~. ~=J.• :.,":):," an . Vergleicht man die jeweiligen Bebauu~gspläne und Fotogra-
9, 11 Arch. A. Brmntr, W1m Neubühl heißt es beispielswei -
se in „ Das Werk ", 6/ 1930, S. fien vom Ausstellungsgelände, zeigen sich Ahnlichkeiten bei allen
183 in Abgrenzung zu Stuttgart, drei Projekten, vor allem in der Kombination eines größeren Ge-
Breslau, Frankfurt und Basel : bäudekomplexes mit umliegenden Einfamilienhäusern, die den
„ Neubühl wird nicht Versuch e, Gedanken nahelegen, daß Darmstadt als Vorbild gegolten haben
sondern Resultate zeigen, keine
Werkbund organisierte Ausstellung in der Karlsruher Dammer- 121 Wien, Werkbundsiedlung könnte (vgl. Abb. 107, 117, 118). Auch Pommer und Otto sehen
manifestierende, sondern eine
stock-Siedlung brachte jedoch den Durchbruch für die Ausstellung und -ausstellung 1932, Blick d iese Verbindung im Vergleich zwischen Darmstadt 1901 und Stutt-
sozusagen konsolidierte Mo-
von Kleinwohnungsbauten in städtebaulicher und sozialpolitischer auf die Siedlung und Lageplan gart 1927: „ Miess project goes back [„.] to the tradition ofthe exhi-
dernität, das bisher errungene
Hinsicht. Joseph Gantner beurteilte die Entwicklung ähnlich : „Stutt- wird ausgewertet, und auf sen - bition settlement established by the Künstler-Kolonie in Darmstadt.
gart war noch in erster Linie Manifestation des neuen Bauens und sationelle Wirkung machen die The clay model and even more the executed project with Miess
als solches von internationaler und bleibender Bedeutung. Breslau daran beteiligten Architekten apartment building at the crown , bear a pointed rese~blance to
und Karlsruhe nun sind schon einen Schritt weiter auf der Linie der keinen Anspruch [„ .]. Eben dar- Olbrichs lang studio building laid across the top of the hdl above a
praktischen Beispielgebung für ihre lokalen Umkreise. Das macht um ist anzunehmen, dass die 269
group of villas waiting in attendence below: " Eingrundlegen.der
264 Joseph Gontner, Die Wirkung nur um so tiefer, um so
sie wohl weniger berühmt, dafür aber um so wichtiger als experi - Versuchssiedlung als Ausstel- Unterschied besteht jedoch in der symmetrischen Anlage Olbnchs
überzeugender sein wird ."
mentelle Proben des neuen Wohnungsbaues in einem von neuen lung, in : Das Neue Frankfurt, 269 Pommer/ Otto, op.cit., S. gegenüber der asymmetrischen, dicht beiein~nder liegende~ Ab-
Ideen noch relativ wenig berührten Gebiet. " 264 In Karlsruhe wur- Heft 3/ 1929, S. 203 . 39-40. folge der einzelnen Häuser und Baugruppen 1n Stuttgart-Weißen-

136 137
hof270 oder der großzügigen, aber ebenfalls asymmetrischen Ver- sehe und ästhetische Entsprechung, für d ie Siedlungen des Neuen
teilung der Bauten in Breslau . Neben der baulichen sehen Cramer Bauens mehr und mehr durchzusetzen .275 Dies hatte auch Auswir-
und Gutschow zusätzlich eine inhaltliche Verbindung, verweisen kungen auf die folgenden Siedlungs-Ausstellungen, die sich von
aber auch auf die Focussierung der Problemstellung zwischen den Konzepten in Stuttgart und Breslau, die als grundlegende Ma-
Darmstadt und Stuttgart: „Wie die Initiatoren der Darmstädter Aus- nifestationen der Gedanken und Ziele des Neuen Bauens und
stellung des Jahres 1901 nimmt auch der Deutsche Werkbund, der Wohnens gesehen werden können, abwandten . Sie gingen über zu
seit 1925 auf dem Weißenhof die erste wirkliche Bauausstellung einer pragmatischeren, an den städtebaulichen Aufgaben der je-
nach dem Ersten Weltkrieg plant, für sich in Anspruch, mit den Bau- weiligen Siedlung orientierten Klärung des Wohnungsbaupro-
ten und Einrichtungen der gezeigten Wohnungen und Häuser den blems, was auch in dem Titel „Gebrauchswohnung" für die Karls-
Grundstein für eine neue und umfassende Gestaltung des mensch- ruher Ausstellung zum Ausdruck kommt. Der Bau dieser Siedlun-
lichen Lebens zu legen . Veränderte politische und gesellschaftliche gen war weniger von den Ausstellungsgedanken beeinflußt als um-
Verhältnisse, die Einführung neuer, stark technisierter Produktions- gekehrt. Die Tendenz verlagerte sich von der Präsentation von
methoden und die Industrialisierung der früher handwerklich be- „ Ausstellungssiedlungen " zu der von Siedlungs-Ausstellungen.
stimmten Gestaltungsmöglichkeiten machten ein grundsätzlich Diese Ausstellungen standen daher konzeptionell weniger in der
neues Konzept für Architektur und Gestaltung notwendig. Wir le- Tradition der Darmstädter Ausstellung von 1901, als vielmehr in
ben in einer Zeit der Neuorientierung - so beginnt der Aufruf des Verbindung zur Leipziger Ausstellung 1913 und der dort als Aus-
275 Theodor Fischer hatte stellungselement präsentierten, dennoch ausstellungsunabhängig
Jahres 1926 zur Bauausstellung der Weißenhofsiedlung und wo
bereits 1918 in München die
Olbrich 1901 noch fordert : ... Fort mit den großen weiten Sälen, ... errichteten Gartenvorstadt Marienbrunn.
270 Ebenda . Siedlung „Alte Ha ide " in kon -
fort mit der Talmi-Stimmung ... setzen sich die Architekten der 271 Ebenda . sequentem Ze ilenbau, jedoch
Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof in Stuttgart bereits im zwei- 272 Viele Arbeiterwohnun - aus Reihen von dreigeschossi -
ten Absatz mit der Frage des Wohnungswesens und seiner Pro- gen bestanden daher oft nur gen Sechsfamilienhäusern mit
bleme auseinander. " 271 aus einer Wohnküche und ei- Satteldach errichtet. Vg l. dazu Exkurs zur Theorie und Terminologie des Neuen Bau-
Darüber hinaus besteht aber auch noch eine weitere, am Grund- nem Schlafraum . die Ausführungen von Angela ens
273 Das betrifft vor allem Schumacher zu den „Vorfor-
riß und der Wohnungsaufteilung der einzelnen Häuser orientierte
die organischen Formen der men des Zeilenbaus ", in: Ange-
Verbindung zwischen beiden Projekten. Wie später die Architekten Wie bereits angedeutet, hatte der T raditionsbruch durch den Ersten
Bebauungspläne (z.B. Siedlung la Schumacher, op.cit., S. 208.
der Weißenhofsiedlung bevorzugte bereits Olbrich den zentralen Römerstadt, Frankfurt 1926), 276 Vgl. Alais Riegls Theo-
Weltkrieg, die Revolution und die Entwicklung von einer Monar-
Wohnraum, von ihm als „Raum des Lebens" bezeichnet, und zwar die Bevorzugung von Wohnwe - rien vom „Stil - bzw. Kunstwol- chie zu einer Republik sowie die daraus resultierenden schlechten
nicht nur für die großbürgerlichen Wohnhäuser von 1901, sondern gen zur Erschließung der Sied - len " ,vgl. dazu die Ausführun- wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland dazu geführt, daß sich
auch für die Arbeiterhäuser auf der Darmstädter Ausstellung von lung und die Fragen der Begrü- gen von Manfred Bock, Das viele Architekten zu Beginn der Weimarer Republik gezwungen sa-
1908. Er stand dabei in krassem Gegensatz zu seinen Kollegen, die nung und der Gartenanlage, neue Bauen, in : Tendenzen der hen, eine praktische Arbeitspause einzulegen . Fast zwangsl.~ufig
zu dieser Zeit gerade für den Arbeiterhaushalt die Wohnküche als vgl. den Artikel von Christoph Zwanziger Jahre, op.cit., S. 1 / wandten sich so die avantgardistischen Kreise theoretischen Uber-
Mohr, Siedlungsgrün der 20er 26-1127 und Anna Teut, op .cit.,
wichtigsten Raum der Familie definierten. 272 Olbrich kann damit legungen über die zukünftigen Bauaufgaben und Bauformen zu.
Johre am Beispiel des Frankfur- S. 53, Anm . 1.
als Exponent einer Grundrißgestaltung angesehen werden, die bis- ter Massenwohnungsbaus, in:
Das Bauen als solches trat dabei in symbolisch überhöhter Sicht-
277 Bruno Tout, Ein Archi -
her und gerade auch von zeitgenössischen Kritikern in den Zwanzi - Die Gartenkunst, 4. Jg., Heft 1/ tektur-Programm , veröffent- weise in den Mittelpunkt vieler Überlegungen. Bruno Taut formu-
ger Jahren als die Errungenschaft der Weißenhofsiedlung rekla- 1992, S. 102-114. licht Weihnachten 1918 als lierte beispielsweise innerhalb des „Arbeitsrates für Kunst" 1918:
miert wurde. 27 4 Frederick Winslow Tay- Flugblatt des „Arbeitsrates ", „ Die zerrissenen Richtungen [der Kunst - Anm. d . Verf.] können
Neben der Anlehnung an Darmstädter Konzepte ist in der Sied- lor hatte 1878-1890 neuartige abgedruckt in : Ulrich Conrads, sich nur zusammenfinden unter den Flügeln einer neuen Baukunst,
lungsanlage auch die Verbindung zu Gartenstadtplanungen für Methoden der wissenschaftli - Programme und Manifeste, op . so, daß jede einzelne Disziplin mitbauen wird . Dann gibt. es kei~e
chen Organisation und Ratio - cit., S. 38.
die frühen Siedlungen und Ausstellungen des Neuen Bauens evi- Grenze zwischen Kunstgewerbe und Plastik oder Malerei, alles ist
nalisierung von Fabrikarbeit 278 Die für Taut alle Bautä-
dent.273 Die Diskussionen um Rationalisierung und Normierung im zum Zwecke der Produktions-
eins: Bauen. Unmittelbarer Träger der geistigen Kräfte, Gestalter
tigkeit bestimmt.
Wohnungsbau und vor allem im Kleinwohnungsbau gewannen je- steigerung angewendet. 1911 279 Die Begriffe Standard
der Empfindungen der Gesamtheit, die heute schlummern u~d mo~­
doch eine neue Qualität mit der Hinwendung der Architekten und publizierte er seine Untersu- und Typ formuliert Le Corbusier gen erwachen, ist der Bau. Erst die vollständige Revolution 1m ~e1-
Planer zum Zeilenbau . Walter Gropius hatte in Dessau-Törten 1926 chungen in den beiden Werken in seinen Leitsätzen „ Vers une stigen wird diesen Bau schaffen . Aber nicht von selbst kommt diese
276
erstmals vorgeführt und erprobt, daß sich die Arbeitsorganisation „Shop Management " und „The Architecture " , die 1920/21 zu- Revolution nicht dieser Bau. Beide müssen gewollt werden -die
277
nach dem Taylorsystem
274 auch für den Bau von Siedlungen an- principles of scientific manage- erst in „ L' Esprit Nouveau " und heutigen A~chitekten müssen den Bau vorbereiten . " Die Begriffe
ment". Taylors Theorien der Ar- 1923 als Buch „ Vers une Archi- 278
wenden läßt. Unter Ernst May wurde in Frankfurt ein Plattenbausy- des Neuen der Masse und der Öffentlichkeit , die Tout hier
beitsorganisation hatten gro- lecture " (deutsch 1926), wieder
stem entwickelt, mit dessen Hilfe die Frankfurter Siedlungen be- ßen Einfluß auf die Entwicklun- prägte 1 wu:den von anderen durch weitere Termini, wie denen d_es
abgedruckt in : Ulrich Conrads,
schleunigt errichtet werden konnten . Als formale Folge der Ratio- gen Henry Fords, dessen Buch Stand ards" des Typs" 279 oder der „Typisierung", der „Norm1e-
Programme und Manifeste, op.
;ung", des „Haus~ s als Wo hnmaschine"~ sowie der Rational~sie­
80
1

nalisierungsgedanken für den Siedlungsbau begann sich ab 1929 „Mein Leben und Werk " 1923 cit., S. 58ff.
mit Karlsruhe-Dammerstock der Zeilenbau, als deren architektoni- in Leipzig erschien . 280 Ebenda . rung und der Funktion, ergänzt. Der Begriff des Neuen erfuhr einen

138 139
nahezu inflationären Gebrauch. Er ist im gleichen Sinn z.B. bei 281 Der Direktor der Mann - Architektur" zur Dresdener beginnt zu treiben. Und es zeugt von seiner Kraft, daß er sich so-
Erich Mendelsohn (In: Das Problem einer neuen Baukunst, 1919), heimer Kunsthalle Guslav Hart- Ausstellung 1906 verwandt. Er gleich auch ein erweitertes Wirkungsfeld sucht und Gebiete mit Be-
laub führte 1923 diesen Begriff schrieb dort: „Die neue Bewe- schlag belegt, die zeitweise der Architektur entzogen waren, wie
Le Corbusier (Vers une Architecture, 1920), in den Manifesten der
als Titel für eine 1925 realisierte gung trägt das Banner der
De Stijl-Gruppe ab 1917, in Mies van der Rohes „Arbeitsthesen" den Ingenieur- und Industriebau und die Anlage ganzer Siedelun-
Gemälde-Ausstellung ein . Vgl. Sachlichkeit gegen überkom- 292
(1923) zu finden und wurde ab 1924 auch von Kunsthistorikern als Fritz Schmalenbach, Neue mene, inhaltlos gewordene Bil- gen und Städte. " Muthesius zeigte dabei eine Entwicklungslinie
„Neue Sachlichkeit" 281 aufgenommen, wenn es um die Charakteri- Sachlichkeit, in: Art Bulletin, dungen, die zum Schema er- auf, wie sie tatsächlich von den Architekten des Neuen Bauens in
sierung von Kunst- und Architekturtendenzen ging. Die früheste XXll/1940,S. 161-165. starrten. Eine Sachlichkeit in den Zwanziger Jahren und bis in die Fünfziger Jahre hinein vollzo-
Anwendung des Begriffes „Neues Bauen" läßt sich in das Jahr 282 Die jedoch formal nur der Architektur ist nur auf gen wurde .
1919 zurückverfolgen, als sowohl Erwin Gutkind eine Veröffentli- wenig mit den späteren Merk- Grund einer gesunden Kon - Auch Walter Gropius hatte schon 1913, zunächst noch mit Bezug
chung unter diesem Titel herausgab282 und in einer Berliner Galerie malen des Neuen Bauens zu tun struktion und einer daraus ent- auf die „moderne Industriebaukunst", programmatische Richtli-
hatten. Vgl. Barbara Miller wickelten Formensprache
die „Ausstellung neues Bauen" veranstaltet wurde .283 nien für das Neue Bauen nach dem Ersten Weltkrieg aufgestellt:
Lane, op.cit., S. 208 und Nor- möglich ." (zitiert nach : Con-
Daneben steht der Begriff des Modernen, mit dem ebenso wie bert Huse, op.cit., S. 10-11 . rads, op .cit„ S. 13).
"Die neue Zeit fordert den eigenen Sinn. Exakt geprägte Formen,
mit dem Adjektiv „neu" alles Benennbare attributiert werden 283 Vgl. S. 121 dieser Arbeit, 291 In : Hermann Muthesius, jeder Zufälligkeit bar, klare Kontraste, Ordnen der Glieder, Rei-
konnte: u.a. „der moderne Mensch" 284 , „die modernen Herstel- Anm . 256. Die Bedeutung des Kunstge- hung gleicher Teile und Einheit von Form und Farbe werden ent-
lungsmethoden, Konstruktionen und Materialien" 285 , die „mo- 284 Z.B. bei Heinrich Ritter, werbes, 1907, zitiert nach : Zwi- sprechend der Energie und Ökonomie unseres öffentlichen Lebens
derne Architektur" .286 Der Terminus des Modernen wurde dabei Moral des neuen Innenraums, schen Kunst und Industrie. Der das ästhetische Rüstzeug des modernen Baukünstlers werden. " 293
vor allem im Sinne einer Zeitdefinition der Gegenwart gebraucht, in : Innen-Dekoration, Jg. 1929, Deutsche Werkbund, Ausstel- Pommer und Otto verweisen darauf, daß die Terminologie der
S. 369. lungskatalog , München/Berlin/
während der Begriff des Neuen den Bruch mit der Vergangenheit Theoretiker des Neuen Bauens von der Tagespresse in den Zwan-
285 Walter Gropius, Grund- Hamburg 1975/76, S. 45 .
beinhaltete und die vollständige Abkehr von überkommenen Tra- sätze der Bouhausproduktion, ziger Jahren vielfach wiederholt wurde, „als ob sie offensichtlich
ditionen ausdrücken sollte. 1926, wieder abgedruckt in : Ul- und von allen akzeptiert" 294 sei: "Terms such as simplicity, pur-
Peter Bürger sagt in diesem Sinne, mit Bezug auf Adornos ästhe- rich Conrods, Programme und pose, organic necessity, standardization, rationalization and func-
tische Theorie 287 : „Was die Kategorie des Neuen in der Moderne Manifeste, op.cit„ S. 90. Gro- tion were employed in discussions of the buildings without attempts
von früheren, durchaus legitimen, Anwendungen derselben Kate- pius gebraucht „neu" und „mo- to clarify what these concepts might mean or imply."
gorie unterscheidet, ist die Radikalität des Bruchs mit dem bisher dern " aufeinanderfolgend .
Nachdem er von den „moder-
Geltenden. Negiert werden nicht mehr künstlerische Verfahrens-
nen Konstruktionen und Mate-
weisen und stilistische Prinzipien, die bislang Geltung hatten, son- rialien" spricht, erwähnt er eini-
dern die gesamte Tradition der Kunst. " 288 ge Zeilen später die „ Erfindung
Während Bürger um eine Klärung der Inhalte und der Bedeutung neuer Materialien und neuer
der Begriffe des Neuen bzw. Modernen für die Avantgarde der Konstruktionen " . Die Erziehung zum „ neuen Menschen " - Wohnungs-
Zwanziger Jahre bemüht war, faßt der Architekturhistoriker Chri- 286 In der CIAM-Erklärung und Siedlungs- Ausstellungen der Zwanziger Jahre als
stian Schädlich tautologisch zusammen, ohne auf die Inhalte der von La Sarraz, Juni 1928, unter
pädagogische Medien
anderem wieder abgedruckt in :
Terminologie einzugehen: „Moderne, moderne Bewegung, mo-
Ulrich Conrods, Programme
derne Baukunst, Funktionalismus stehen synonym für die zwischen „Die neuen Bauten werden die Wohnungen der neuen Menschen
und Manifeste, op.cit., S. 106. 292 In : ders „ Wo stehen
beiden Weltkriegen entstandene und sich ausbreitende, nach dem 28-7 Vgl. Theodor W . Ador- sein, die darin ein freundlicheres, gesünderes und deshalb glück-
wir?, Vortrag Werkbund-Ta-
zweiten Weltkrieg fortwirkende neue Konzeption der Architektur, no, Ästhetische Theorie, Frank- gung Dresden 1911, zitiert licheres Leben führen werden, als diejenigen, die ihnen vorange-
295
für die das Werk von Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier, furt a.M. 1970, S. 31 ff. nach: Zwischen Kunst und Indu- gangen sind." (Freie Presse, Höchst a.M., 19. August 1927)
Meyer, May, HQesler, Taut und vielen anderen Architekten reprä- 288 Peter Bürger, Theorie strie, op.cit„ S. 60.
sentativ ist. " 289 der Avantgarde, Frankfurt a.M. 293 In : Walter Gropius, Die Die theoretischen Vermittlungsansätze
Schädlichs Umgang mit der Terminologie des Neuen Bauens, die 1974, S. 82. Entwicklung moderner Indu-
289 In: Christian Schädlich, striebaukunst, Werkbund-Jahr-
als historische Kategorien einfach übernommen wurde, ist reprä- Bereits in den frühen theoretischen Überlegungen zur Architektur
Die Baukunst ist keine ange- buch 1913, zitiert nach : Zwi-
sentativ für viele Untersuchungen zur Architekturgeschichte dieser wandte Archäologie, S. 46, in : nach dem Ersten Weltkrieg erhielten die Themen Erziehung..sowie
schen Kunst und Industrie, op .
Zeit. Hartmut Probst/Christian cit., S. 72. der Bau und die Ausstellung von Modell- bzw. Versuchsha~sern
Zu beachten ist jedoch, daß ein Großteil der Begriffsbestimmung Schädlich, Walter Gropius, 294 Übersetzung durch d . eine zentrale Stellung. Unter dem Leitsatz „Kunst und Vol.k mussen
bereits vor dem Ersten Weltkrieg im Kreis des Werkbundes, beson- Band 1: Der Architekt und Verf„ im Original heißt es „as if eine Einheit bilden. Die Kunst soll nicht mehr Genuß Weniger, S?,n-
ders von Hermann Muthesius, entwickelt worden war, der bereits Theoretiker, Werkverzeichnis obvious and accepted by all", dern Glück und Leben der Masse sein. Zusammenschluß der Kun-
1907 in Zusammenhang mit der Dresdener Kunstgewerbeausstel- Teil 1, Berlin (Ost) 1985, S. 35- vgl. Pommer/Otto, op.cit., S. 296
46.
ste unter den Flügeln einer großen Baukunst ist das Ziel " stellt.e
lung von 1906 und mit Bezug auf Hans Poelzig 290 von einer „neuen 135.
290 Poelzig hatte den Begriff der Arbeitsrat für Kunst 1919, in Anlehnung an Bruno Tauts „Archi-
Bewegung" 291 sprach und 1911 in seinem Vortrag "Wo stehen 295 Zitiert nach Pommer/
der „Neuen Bewegung" und Otto, op.cit„ S. 256, Anm . 35.
tektur-Programm ", sechs Forderungen auf:. Unter .Punkt 3 wur?e
wir?" auf der Dresdener Werkbund-Tagung formu lierte: „Al leror- den der „Sachlichkeit" schon in die „Befreiung des gesamten Unterrichts fur Arch1tek!ur,. Plastik,
296 Zitiert nach Conrods
ten regt sich heute neues Leben, ein frischer architektonischer Geist seinem Aufsatz „Gärung in der op.cit„ S. 42. ' Malerei und Handwerk von staatlicher Bevormundung , die „Um-

140 141
wandlung des künstlerischen und handwerklichen Unterrichts von 304 Herman n Mut hesi us, ~ach einem „ Experim~nti ergelä n de " dagegen einen programma-
Die Bedeutun g des Kunstge- !1schen Ansatz zur Weiterentwicklung des Ausstellungsgedankens
Grund auf " und die „Bereitstellung staatlicher Mittel dafür und für werbes, Vortrag 1907, zitiert in Bezug auf gebaute Architektur. Als konsequente Umsetzung die-
die Meistererziehung in Lehrwerkstätten " 297 gefordert; Punkt 4 sah noch: Zwischen Kunst und Ind u-
die „Belebung der Museen als Bildungsstätten für das Volk" und ser Ideen muß die Ausstellung „ Die Wohnung " bzw. die Errichtung
strie, op.cit., S. 44.
die „Einrichtung ständig wechselnder, durch Vorträge und Führun- der Stuttgarter Weißenhofsiedlung im Sommer 1927 angesehen
305 Ebenda.
gen dem ganzen Volke dienstbar gemachter Ausstellungen" sowie werden . Vor der Einrichtung dieses „ Experimentiergeländes " hatte
die „Absonderung technisch geordneter Studiensammlungen für die Bautätigkeit der Verfechter des Neuen Bauens, vornehmlich mit
Kunsthandwerker" 298 vor. An oberster Stelle der Forderungen der Erbauung von Siedlungen, Schulen und Krankenhäusern, be-
stand die „Anerkennung des öffentlichen Charakters aller Bautä - reits begonnen.
tigkeit, der staatlichen und privaten . " 299 Bruno Taut hatte sich kurz D ie theoretischen Ansätze zur Vermittlung von sozialen und
zuvor 1918 in seinem „Architektur-Programm" „ für ein gutgelege- künstlerisch -architektonischen Anliegen, den erzieherischen An-
nes Experimentiergelände [„ .] auf welchem die Architekten große sp ruch , der mit dem Bau und der Einrichtung von Wohnungen sowie
Modelle ihrer Ideen errichten können" ausgesprochen . Dabei soll - der Ausrichtung von Ausstellungen verbunden war, hatten die Vor-
ten „auch in naturgroßen vorübergehenden Bauten oder Einzeltei- kr iegstheoretiker vor allem des Werkbundes schon zum Ausdruck
len neue bauliche Wirkungen, z.B . des Glases als Baustoff, erforobt, gebracht. Muthesius definierte 1907 in einem Vortrag die eminente
vervollkommnet und der großen Masse gezeigt werden ." 3 0 Ent- Bedeutung der erzieherischen Aufgabe des Kunstgewerbes; dieses
scheidend war für Taut die Beteiligung von Laien an diesen Vorha- wird seiner Ansicht nach „mehr als Kunstgewerbe, es wird ein kul-
ben. Ein zu bildender Rat, der „zur Hälfte aus schöpferischen Ar- turelles Erziehungsmittel" 304 werden . „Das Kunstgewerbe hat das
chitekten, zur Hälfte aus radikal gesinnten Laien " 301 bestand, sollte Z iel , die heutigen Gesellschaftsklassen zur Gediegenheit, Wahr-
die Verteilung der Mittel kontrollieren. Zur Finanzierung plante er haftigkeit und bürgerlicher Einfachheit zurückzuerziehen . Gelingt
einen „Kostenausgleich durch das Material eingeschmolzener ihm das, so wird es aufs tiefste in unser Kulturleben eingreifen und
Denkmäler, abgebrochener Siegesalleen usw. sowie durch die Be- die weitesten Folgen ziehen . Es wird nicht nur die deutsche Woh-
teiligung der mit den Versuchsbauten zusammenhängenden Indu- nung und das deutsche Haus verändern , sondern es wird direkt auf
strien . " 302 den Charakter der Generation einwirken, denn auch die Erziehung
In der Dienstbarmachung von Ausstellungen zur Information und zur anständigen Gestaltung der Räume, in denen wir wohnen , kann
Geschmackserziehung breiter Bevölkerungskreise bezog man sich im Grunde nur eine Charaktererziehung sein, die die prätentiösen
mit diesen Forderungen auf die rege Ausstellungstätigkeit vor dem und parvenühaften Neigungen, die zu der heutigen Zimmeraus-
Ersten Weltkrieg und lehnte sich an in diesem Zusammenhang for- „ hrt ha ben, unterdruc
stattung ge f u „ kt. " 305
mulierte Vorstellungen des Werkbundes an. Gleichzeitig bedeu - Als Mittel zur Umsetzung dieser Ziele hatte sich die Ausrichtung
tete die Forderung nach Experimentiermöglichkeiten auch den von Ausstellungen seit den Weltausstellungen bewährt. Im Gegen-
dringlichen Wunsch Bruno Tauts nach einer, wenn auch zunächst satz zu den umfassenden Programmen dieser internationalen In-
modellhaften Realisierung seiner Ideen . Als wichtigste Bauvorha- dustrie- und Kunsthandwerksschauen, bei denen die Präsentation
ben nannte er die Errichtung von „Siedlungen" und „Volkshäu- von Häusern und Einrichtungen nur einen kleinen Teil ausmachte,
sern", die in Verbindung mit den Stadtrandsiedlungen aus „Bauten versuchten Architekten und Künstler, aber auch Fabrikanten und
für Theater, Musik mit Unterkunftshäusern [„ .], gipfelnd im Kultus- Politiker zur Durchsetzung der Geschmackserziehung ab der
bau" 303 bestehen sollten. Damit wandte er sich, exemplarisch für Jahrhundertwende verstärkt in die Privatsphäre der Menschen
andere Architekten, einem der wichtigsten Themen der Nach - einzugreifen, indem ihnen vorbildliches Wohnen, und das bedeu-
kriegszeit zu, nämlich der Beschaffung und Errichtung von Wohn- 306 Zitiert nach : Zwischen tete implizit vorbildliches Leben , öffentlich in Ausstellungen ge-
raum. Die Forderung nach dem „öffentlichen Charakter aller Bau- Kunst und Industrie, op . eil., S.
zeigt wurde . .
54. In diesem Text wird bereits
tätigkeit" war gleichzeitig in der Planung und dem Bau von „Sied- „ Daneben werden, wie das bisher schon geschehen ist, gewerb-
die Funktion eines künstleri-
lungen enthalten, die zwar zur Versorgung mit privatem Wohn - schen Oberleiters angespro- liche Ausstellungen dafür zu sorgen haben, daß dem Publikum f?rt-
raum errichtet wurden, in ihrer Dringlichkeit jedoch von außeror- chen, wie er später sawohl in laufend die besten Erzeugnisse in ansprechender Form vorgefuhrt
dentlichem öffentlichen Interesse waren und idealerweise nach Stuttgart als auch in Karlsruhe werden . Aber das erzieherische Moment muß in derartigen Aus-
den Vorstellungen von Taut und anderen, von der öffentlichen 297 Ebenda . eingesetzt wurde. stellungen obenan stehen, es muß jedenfalls dann an erste Stelle
Hand finanziert werden sollten. 298 Ebenda . 307 Fritz Wiehert, Die neue treten wenn öffentliche Gelder für die Ausstellung verwandt wer-
Lediglich im Programm des Arbeitsrates wurde, neben der allge- 299 Ebenda . Baukunst als Erzieher, in : Das den . ['. „] Es ist daherdaraufzu achten, daß gewer~liche A~sstellu~­
300 Zitiert nach Conrads,
meinen Stellungnahme zur Durchführung von Ausstellungen, auf op.cit., S. 38.
Neue Frankfurt, Jg . 1928, S. gen nur Gegenstände vorführen, die in jeder Bez1eh.~n.g, 1~ techni -
233-235, wiederabgedruckt in :
Vermittlungsangebote wie Vorträge und Führungen verwiesen . Zur 301 Ebenda. scher, künstlerischer und wirtschaftlicher, musterg~_ltig sind. Zur
Christoph Mahr/ Michael Mül-
Ausstattung und Gestaltung dieser geplanten Ausstellungen 302 Ebenda . ler, Funktionalität und Moder- Durchführung dieses Grundsatzes muß eine scha~e U~e~achung
machte man keine Angaben . Taut formulierte mit seiner Forderung 303 Ebenda . ne. Das Neue Frankfurt und sei- des Ausstellungswesens Platz greifen und die Leitung in die Hand

142 143
ne Bauten 1925-1933, Köln
sentation , der " Fachausstellung " 313 , gekennzeichnet und favori-
von weitblickenden , künstlerisch und technisch auf der Höhe ste-
1984, S. 319 -320. sierten dagegen " eine neue notwendige Form der Ausstellung [„.],
henden Persönlichkeiten gelegt werden", hieß es programmatisch
308 Walter Schwagen- die Kern und Grundlage kommen der Dinge zu fassen sucht: den
in der Denkschrift des Organisationsausschusses des Deutschen
scheidt, Vorschlag fü r eine Bau- Menschen selbst, von der geistigen, seelischen Seite her, seine in-
Werkbundes 1907.306 ausstellung , in : Stein/ Holz/Ei - nere und äußere Form im stetigen großen Fluß des ewigen, unsicht-
Mit der Ausweitung dieser Gedanken auf die Errichtung von Ver- sen. Wochenschrift für moder- baren Kulturstroms . " 31 4
suchs- bzw. Mustersiedlungen waren vor dem Ersten Weltkrieg die ne Bauwirtschaft und Bauge-
Harbers formulierte seine Zielsetzung so : „ Für 1932 ist nun eine
Tendenzen angedeutet, die in den Zwanziger Jahren mit Stuttgart- staltung, 42. Jg . 1928, 34. Wo -
che, S. 621 -622.
Werkbundausstellung in Köln geplant: 'Die neue Zeit'. Zeitlich vor
Weißenhof 1927 bzw. Karlsruhe-Dammerstock 1929 in die Ent-
309 Guido Harbers, Der dieser dem Thema entsprechenden umfassenden Darstellung der
wicklung des Ausstellungstyps "Siedlungs-Ausstellung" mündeten .
Sinn von Ausstellung en im Werke des Menschen müßte aber der Mensch selbst, die Idee des
Fritz Wiehert bezeichnete 1928 in der Zeitschrift Das Neue 11
307 Wandel der Zeit, in : Der Bau - kommenden Menschen, die Bildung seiner neuen seelischen und
Frankfurt " in einem Aufsatz die neue Baukunst als Erzieher "
11
meister, XXVII. Jg ., Ju li 1929, 315
körperlichen Form Durchleuchtung und Darstellung finden . " Als
und rekurrierte damit, ohne es zu äußern, inhaltlich auf die Gedan - Heft 7, S. 256. Vorläufer dieser Ausstellungen sieht er in jenem Text die Bau- bzw.
ken von Muthesius und anderen . Er schrieb dort: Neue Baukunst
/1 310 Ernst Jäckh war von 316
Siedlungs- und Wohnungsausstellungen der Zwanziger Jahre.
entsteht, wenn neue Weltanschauung, neues Lebensgefühl und 1912 bis 1916 Werkbund -Vor-
sitzender und auch in den 313 vgi'. z. B. Gu ido Harbers, Bemerkenswert ist es, daß mit Beginn der Weltwirtschaftskrise
neue Gesellschaftsbeziehungen mächtig werden . Sie gestaltet
Zwanziger Jahren einflußrei - op.cit„ vgl. Anm . 309. 1929 die Pläne zur Ausrichtung von Bau- und Wohnungs-Ausstel-
gleichsam den Spielraum für die geistigen und leiblichen Bedürf-
ches Werkbund -Mitglied . Er 314 Ebenda . lungen eine inhaltliche Verlagerung vom konkreten Bauvorhaben
nisse der neuen Lage, für die Wesenskräfte, die unter den gewan- 315 Vgl. Anm . 309.
plante die Ausstellung „ Die hin zu utopischen Darstellungswünschen erfahren, was nicht zuletzt
delten Verhältnissen nach Auswirkung drängen. Die Baukunst als Neue Zeit ", die in Köln zu- 316 Vor allem Mies van der
mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation durch die
Gehäuse, als Umgebung, als Milieu, vom Menschen geschaffen, nächst 1929, dann 1932 stattfin- Rohe hatte in Verb indung mit
Weltwirtschaftskrise 1929/30 in Verbindung steht. Zwar versuchten
strahlt bildende Kraft aus und gestaltet so wiederum von sich aus den und eine umfassende Dar- der von ihm organ isierten Aus-
stellung in Stuttgart 1927 bereits vor allem der Schweizerische und der Österreichische Werkbund
das Wesen des Menschen. Geformtes formt. Mensch und Men- stellung des künstlerischen, so-
zialen und ph ilosoph ischen von den . neuen Leben sfor- an die Erfahrungen und Ziele von Stuttgart und Karlsruhe anzu-
schenwerk stehen in dauernder Wechselwirkung . Am kürzesten
gefaßt: Neuer Mensch fordert neues Gehäuse, aber neues Ge- Gedankengutes der Zwanziger men " gesprochen : „ Das Pro- knüpfen , die Siedlungs-Ausstellungsplanung im ganzen trat jedoch
häuse fordert auch neue Menschen ." Jahre bieten sollte. Er verfaßte blem der Neuen Wohnung ist in den Hintergrund. Dagegen versuchte ein Teil der Architekten,
in diesem Zusammenhang im Grunde ein geistiges Pro- seine Ideen für die „ Wohnung für das Existenzminimum" forciert
Wiehert kann gemeinsam mit Walter Schwagenscheidt308 , Guido blem und der Kampf um die
zahlreiche Artikel , die vor al- umzusetzen, dafür stehen Wettbewerbe wie in Spandau-Hasel-
Harbers309 und Ernst Jäckh 310 als Theoretiker des Erziehungsan- lem in dem Werkbund -Organ Neue Wohnung nur ein Glied in
horst, oder verlagerte seinen Tätigkeitsbereich in andere Länder,
spruchs des Neuen Bauens bezeichnet werden . Die Inhalte dieser
Theorien lehnten sich in ihren Wirkungsabsichten an die der Vor-
„Die Form " veröffentlicht wur- dem großen Kampf um neue
Lebensformen ." Der württem -
s .
. .
beson d ers d 1e ow1etunion .
317
den. Zur Realisierung dieses gi-
kriegszeit und die Thesen des Arbeitsrates an, der Ausstellungsge- gantischen Ausstellungsprojek - bergische Staatspräsident Ba - Folglich stand am Ende der Entwicklung der Bau- und Siedlungs-
danke als solches erfuhr aber im Verlauf der Zwanziger Jahre eine tes kam es wegen des wirt- zille formulierte zum selben An - ausstellungen des Neuen Bauens die Berliner Bauausstellung von
Veränderung. Nachdem vor dem Ersten Weltkrieg die Präsentation schaftl ichen N iedergangs ab loß: • Wer mit offenen Augen 1931, die erst nach einer Planungsphase von sechs Jahren zustande
1929 nicht mehr. sehe, wie aus dem Chaos eine kam und inhaltlich eine Nivellierung der bereits erreicht geglaub-
von neuer Architektur, Inneneinrichtung und Kunstgewerbe Ziel der 318
311 Wobei z.B. bei Wiehert neue Zeit heraufsteige, der wis- ten Ziele der Architekten des Neuen Bauens bedeutete. Die fort-
Ausstellungen war, verlagerte sich noch in dieser Zeit der inhaltli- die Hoffnung zum Ausdruck se, daß diese Ausstellung zwar
che Schwerpunkt der Ausstellungen in sozialpolitischer Hinsicht schrittlichen Architekten waren innerhalb der sieben Abteilungen
kam, dieser „ neue " Mensch be- noch nicht die Verwirklichung
auf Präsentationen für minderbemittelte Schichten also Häuser stünde bereits, was zum Teil, des endgültigen Ziels bedeuten
der Ausstellung nur in dem von Mies van der Rohe organisierten
Wohnungen und Einrichtungen für Arbeiter, Angest~llte und klein~ vor allem für die großstädtische könne, wohl aber ein Ausdruck Ausstellungsteil „ Die Wohnung unserer Zeit" repräsentiert.
Beamte . Dieser Trend setzte sich bei den Siedlungs- und Bauaus- Bevölkerung der Mittelschicht, des geistigen Ringens um diese
stellungen des Neuen Bauens fort; in den Vordergrund rückte jetzt auch zutraf. neue Zeit sei. " Zitiert nach Ka -
(
312 Dies geht aus einem rin Kirsch, op.cit., S. 23. Ausstellungen - für wen? . .
aber das erzieherische Programm dieser Ausstellungen : es sollte,
Protokollauszug der Karlsruher 317 Z.B. Ernst May, Marga - Eine vergleichende Analyse der lnformat1onsmed1en
als Resultat einer völlig veränderten Bauform und Wohnungsge - Stadtratssitzung vom 15.1.1930 rete Schütte-Lihotzky und Han-
staltung, der "neue" oder moderne" Mensch entstehen.
311
Diese und -ziele von Stuttgart- Weißenhof 1927 und Karls-
11
hervor, in dem Bürgermeister nes Meyer.
inhaltliche Verlagerung von der Zurschaustellung neuer Architek- Schneider zitiert wird: „ Bei ei - 318 Vittorio Magnano Lam- ruhe Dammerstock 1929
tur zur weltanschaulichen Veränderung der Menschen kommt in ner Besprechung mit Prof. Jäck pugnani beurteilte die Ausstel-
den Planungen für weitere Ausstellungen zum Beginn der Dreißiger [sie!], [„.], habe man unter an- lung so: „ Ihre Zerrissenheit und Sowohl bei der Stuttgarter Ausstellung „ Die Wohn~ng " von 1927
Jahre zum Ausdruck . Guido Harbers schlug 1929 die Ausrichtung derem den Gedanken erwo- Fahrigkeit, als Zeitdokument als auch bei der 1929 stattfindenden Ausstellung „Die Gebrauchs-
gen, die Karlsruher Dammer- bedeutsam , verhinderte eine wohnung " in Karlsruhe wurden von den Veranstaltern Werbefach -
einer Ausstellung mit dem Titel Der kommende Mensch" 1931 in
11
stocksiedlung als ein Anhängs- überzeugende Aussage " , in : leute für die Gestaltung der Drucksachen wie Plakate, Kataloge
München vor, Ernst Jäckh plante die Ausstellung Die neue Zeit"
und Führungsblätter und für die Organisatio~ einer Werbeka'.11 ~
11
el zur Kölner Werkbund-Welt- ders., Ausstellungen von Archi-
für 1929 bzw. 1932 in Köln, in deren Ra hmen er die erneute Präsen- ausstel lung zu zeigen ." Stadt- tektur, op.cit„ S. 52. Dort wird
312 pagne eingesetzt. In Stuttgart übernahmen diese Aufgabe Willi
tation der Dammerstock -Siedlung plante . Diese Ausstellungs- archiv Karlsruhe Akte H.Reg . A auch die inhaltliche Entwick-
pläne waren durch ihre Abwendung von der reinen Architekturprä- 1365 lung der Ausstellung erläutert. Baumeister, Karl Straub und Werner Gräff, in Karlsruhe hatte man

145
144
Kurt Schwitters damit beauftragt. Daneben erarbeiteten bei beiden 319 Zitate aus einer Krit ik
Veranstaltungen die künstlerischen Oberleiter Mies van der Rohe von Fritz Stahl im Berliner Tag-
bzw. Walter Gropius das Programm und die Inhalte der jeweiligen blatt, Nr. 426 und 434, August
Veranstaltung in enger Verbindung zu den Grafikern und zu den 1927, zitiert nach Karin Kirsch ,
op.cit., S. 25 .
anderen beteiligten Architekten .
320 Vgl. dazu die Untersu-
Das Stuttgarter Projekt erweist sich im direkten Vergleich mit chungen und Auflistungen von
Karlsruhe als das inhaltlich breiter angelegte, weil es nicht auf die Pommer und Otto, op.cit., Kap .
Präsentation von Reihenhäusern und Mehrfamilienhauswohnun- 14, S. 131-144.
gen im Siedlungsverband beschränkt war, und gleichzeitig als das 321 Karin Kirsch, op.cit., S.
disparatere, denn im Gegensatz zu Karlsruhe gab es verschiedene 25.
Ausstellungsorte und die Ausstellungsmedien wurden nicht über-
einstimmend gestaltet. Es existierte kein einheitliches Signet als Er-
kennungszeichen für die Stuttgarter Ausstellung, sowohl der Kata-
log als auch die folgenden Buchveröffentlichungen und auch das
Plakat waren völlig unterschiedlich gehalten . Das von Baumeister
entworfene Ausstellungs-Plakat (Abb. 122) stellte kein neues
Wohnprogramm vor, sondern signalisierte durch das Durchkreu-
zen der Fotografie eines Gründerzeit-Wohnzimmers als Intention
der Aussteller die Abkehr vom Alten schlechthin . Besonders diese
Plakatgestaltung stieß wegen ihres propagandistischen Inhaltes
auf Widerspruch bei den Kritikern, die meinten, daß mit der Dar-
stellung einer „ Wohnung vom Jahre 1900", als Beispiel für zu über-
windende Wohnformen, eine „dreiste Unwahrheit" wiedergege-
ben worden sei, denn „diese Form der Wohnung ist vor zwanzig
319
Jahren besiegt worden . " Karl Straub ergänzte das Plakat von
Baumeister durch einen weiteren Entwurf, der in collageartig zu- 123 Karl Straub, Plakat für die Werkbundausstellung
122 Willi Baumeister, Plakat für die Werkbundausstel-
sammengefügten Fotografien von modernen Innenräumen und lung " Die Wohnung ", Stuttgart 7927 " Die Wohnung ", Stuttgart 1927
dem Modell der Weißenhof-Siedlung einen Ausblick gab, was in
der Ausstellung zu sehen sein sollte (Abb. 123).
Die Presse- und Informationsarbeit der Organisatoren war in
Stuttgart umfassend. Besonders im Werkbund-Organ „Die Form",
aber z.B. auch in der Fachzeitschrift „Stein/Holz/Eisen", gaben gleiche Schrifttype „ Futura " verwandte un.d das Dammerstock-S~­
Vorabinformationen Auskunft über die neuesten Ereignisse bis zur gnet und / oder die Blockschrift auf den meisten .als Erkennungszei-
Eröffnung der Ausstellung, zahlreiche Sonderhefte der Bauzeit- chen plaziert wurde. Selbst ein Gebäude der S1edlu~g trug an der
schriften informierten zusätzlich zu den ausstellungsinternen Me- Stirnwand dieses Emblem, um weithin sichtbar auf die Ausst.e llung
dien über das Ereignis. Intensiv war auch die Berichterstattung in aufmerksam zu machen .322 In der gestalterischen Dur:hbtl.dun.g
°
den Tageszeitungen der gesamten Republik .32 Karin Kirsch führt der Ausstellungsmedien erreichte Schwitters damit eine E~nhe~t,.d1e
an, daß man 2 Millionen „Briefverschlußmarken drucken ließ, die sich offenbar auch an den übergreifenden Gestaltungsnchtlin1en,
auf normalen Briefen als 'stumme Werbung' verschickt wurden. " 321 denen sich die Architekten zu unterwerfen hatten, und der strengen
Die Stuttgarter Ausstellung war außerdem von vorneherein als in-
Ausgewogenheit, die der Bebauungsplan verm.ittelte'. anlehnte. Im
ternationale Veranstaltung angelegt, die mit ihrer Besucherzahl
Gegensatz zu Stuttgart wurde in Karlsruhe w.~n1ger die Ablehnung
von ca. 5 Millionen den Umfang der Karlsruher Ausstellung (ca.
des Alten und die Hinführung zum und Erklarung de~ Neuen, als
50000 Besucher) um ein Vielfaches überstieg.
vielmehr dessen selbstbewußte Darstellung und praktische Umset-
Kurt Schwitters setzte bei seinen Arbeiten für die Karlsruher Aus- 322 Werner Schmalenbach
zung im Hinblick auf den Siedlungs- bzw. Kleinwohnungsbau be-
stellung einen anderen Schwerpunkt. Er versuchte von Anfang an, meint, daß Schwitters „eine be-
den Produktcharakter der Ausstellung hervorzuheben und ihr mit- sondere Veranlagung [„ .] für trieben . h f ·11 · d
das Signet" gehabt hätte, und Diese Schlußfolgerung legt auch der Verzic t au 1 ustneren e
tels eines unverwechselbaren Markenzeichens, nämlich des Dam-
versucht, das an einer Aufzäh- Fotografien innerhalb des Karlsruher Kataloges nahe; man erwar-
merstock-Signets (Abb. 124), eine mit der Architektur verbundene lung von verschiedenen Bei- tete offenbar bereits geschulte Besucher, die .~it .dem L~~en . von
ästhetische Identität zu geben. Dazu gehörte, daß er für alle Druck- spielen zu belegen (op.cit., S.
124 Kurt Schwitters, Dammer- Grundrissen keine Schwierigkeiten hatten. Zusatzltch pos1t1on1erte
sachen mit Ausnahme des Plakates (das als erstes entstand) die 190) .
stock-Signet, 7929 man auf dem gesamten Ausstellungsgelände eine Lautsprecheran-
146 147

125 Wandgestaltung an einer Ausnahme der Arbei t für Ka rls- Die Frage nach der Zielgruppe dieser beschriebenen Ausstellun-
Stirnwand der Baugruppe 9 ruhe-Dammerstock jedoch kei- gen und der .medial~n. Umsetzung in Verbindung zu die~.er Gruppe
(Gropius) in der Oammerstock- ne ganze Werbekampagn e für stand zu keiner Zeit 1m Vordergrund gestalterischer Uberlegun-
siedlung, Kurt Schwitters zuge - ein Produkt einer bestimmten g~n . 326 A nd ~rs a 1s be1. einer
. . kommerziellen Werbekampagne
rein
schrieben (Elderfield), nicht Firma , sondern immer nur ein-
ging es weniger um das Erschließen vo n bestimmten Käuferschich-
erhalten zelne Anzeigen . Erst nach sei-
ner Arbeit in Karlsruhe begann
ten. als. vielmehr u.m das Leisten von allgemeiner Überzeugungsar-
er seine gestalterische Tätigkeit beit, die man nur 1m Zusammenklang von Architektur, Möblierung,
für die Stadt Hannover. Vgl. gesprochenem und geschriebenem Wort zu erreichen glaubte. Zur
• Typographie kann unter Um - Vermittlung der Ziele des Neuen Bauens wollte man den Besuchern
ständen Kunst sein", Au sste l- nicht allein werbestrategisch entgegentreten, sondern war um die
lungskatalog und Werkver- Vermittlung eines neuen, sich in Architektur, Möblierung und Ge-
zeichnis der typograph ischen samtgestaltung manifestierenden Ethos bemüht. Dabei stand, wie
Arbeiten, op.cil.
auch schon bei der Formulii;:rung der Bauziele, die Masse der Be-
völkerung im Zentrum der Uberlegungen. Für die Breslauer Aus-
stellung „ Wohnung und Werkraum " beantwortete Paul Klopfer die
Frag~ . nach der Zielgruppe dieser Ausstellungen damit, daß sie für
„die Offentlichkeit" gemacht seien .327 Ähnlich wie bei der inhaltli-
chen und formalen Präzisierung des Typus Siedlungs-Ausstellung
zwischen den Projekten Stuttgart-Weißenhof und Karlsruhe-Dam-
merstock verdeutlichte sich auch die Werbestrategie. In Stuttgart
stand die Pressekampagne und die auffällige Plakatierung im Vor-
dergrund, während es in Karlsruhe um die Übereinstimmung von
Siedlung, Einrichtung, Werbung und Information ging. Dieses mul-
timediale Gesamtkonzept „ Siedlungs-Ausstellung " entstehen zu
lage, über die Vorträg~ und Informationen zur Siedlung übertra- lassen, war die Zielsetzung für Kurt Schwitters gestalterische Tätig-
gen wurden. Neben d_1e Informationsmöglichkeit durch Katalog, 323 Diese Wandgestaltung
wird weder in den Akten nach in 326 Auf meine Frage nach keit in der Dammerstock-Ausstellung.
Faltblattode~ lnform?t1onstafel als fakultatives Angebot für die Be- der Zielgruppe von der von ihr Schwitters selbst bezeichnete „ Typographie und Architektur" im
den Artikeln weiter erwähnt
sucher trat die akustische Information über die Lautsprecher. Au- nur John Elderfield verweist i~ organisierten Ausstellung „ Die Jahr 1931 als Parallelerscheinungen mit der abstrakten Kunst" . Er
11
ßerdem v~rsah ~c:hwitt.ers auch eine Stirnwand der von Gropius er- seiner Monographie über Kurt Wohnung für das Existenzmini - betonte, „ daß die Typographie immer einen Zweck außer sich hat,
stellten Einfamd1enre1henhäuser mit einer konstruktivistischen Schwitters darauf und zeigt mum " 1929 in Frankfurt ant-
sie will wirken und orientieren . Und der Zweck der Architektur ist,
Wan~gestaltung (Abb. 125) .323 Während in Stuttgart also der mes- auch eine Fotografie. In der wortete Grete Schütte-Lihotzky
eine Wohnung oder einen anderen zweckbestimmten Raum herzu-
handschriftlichen Abrechnungs- etwas unbestimmt, daß sie so-
seart1ge Ausstellungscharakter, auch durch die Hallenschau noch stellen . Ich verkenne nicht die Notwendigkeit, das auch zum opti-
erhalten blieb, versuchten die Karlsruher Organisatoren, ei~e äu- liste der Karlsruher Ausstellung wohl für Fachleute als auch für
(Stadtarchiv Karlsruhe, H.Reg . Laien gedacht gewesen sei. schen Ausdruck zu bringen, was der Architekt konstruiert; aber das
ßere Gesamtgestaltung von Siedlung, Ausstellung und vermitteln- 328
A 1365) wird ein Posten von 327 Paul Klopfer, Die Bres- erstrebte Ziel ist und bleibt das Bauen von Raum. " Schwitters
den Medien zu erreichen . 7000, - RM für „ Privatarchitek- lauer Werkbundsiedlung, in: Verbindungen zur Architektur bestanden nicht erst seit seiner Ar-
So umfassend Schwitters auch die Informationsmedien für die tur Gropius " erwähnt. Damit Stein/ Holz/ Eisen, Heft 29 / beit für Karlsruhe-Dammerstock. Er hatte selbst zwei Semester Ar-
Ausst.ellun~ gestaltete, so wenig sicher war er sich offenbar ande- könnte evtl. die Finanzierung 1929, S. 445.
chitektur in Hannover studiert und verfaßte in den Zwanziger Jah-
rerseits bei de~ Orga~isation der Außenwerbung für die gesamte dieses Wandbildes gemeint 328 Kurt Schwitters, Ich und
ren auch Kritiken zum Neuen Bauen, darunter einen Bericht über
Ausstellung . Die wenigen wirklich erschienenen Werbeanzeigen sein . meine Ziele, in : Merz 21 , „ er-
324 In der Zeitschrift Moder- stes Veilchenheft " , 1931, S. 116. die Eröffnung der Stuttgarter Werkbundausstellung „Die Woh-
wu~den. meist :u spät ~ ~gedruckt oder verfehlten durch die geringe
2
Große ihre ~1rkung . .. Im. G~gensatz zu der breiten Streuung von
ne Bauformen wurde sie erst im 329 Ders., Stuttgart, Die nung" 1927 und seine „Urteile eines Laien über neue Architektur"
329
November-Heft 1929 abge- Wohnung. Werkbundausstel- 1929 in der niederländischen Zeitschrift ,,i 1O" . Da Schwitters
Werbeanzeigen z.B. fur die 1m gleichen Jahr stattfindende Bres- druckt. lung, in: i 10, 10/ 1927, S. 345- also die Werkbundausstellung in Stuttgart gesehen hat und auch
la~er Ausstellung „ Wohnung und Werkraum" erschienen die An- 325 Tatsächlich hatte Schwit- 348, er erwähnte dort kurz die ihre Werbestrategie und die Vermittlungsmedien kannte, ist anzu-
ze1g~n zu Ka~lsruhe-Dammerstock nur sehr spärlich in Fachzeit- ters bis dahin eine große Zahl . geradezu aufregende Propa - nehmen, daß sein Gestaltungskonzept für die Dammerstocksied-
schriften ~nd in .Tageszeitungen . Auch bei der Verteilung des Pla- von Prospekten, Werbezetteln ganda " von Werner Gräff.
und Plakaten für die unter- lung als bewußte Weiterentwicklung und Modifizierung eines sol-
kates ?n offentl1che Stellen mußte Schwitters seinen Freund Hans Ders., Urteile eines Laien über
schiedlichsten Auftraggeber neue Architektur, in : i 1O, 21 / chen Gestaltungs- und Vermittlungsauftrages für eine Siedlungs-
K_renz in Hannover um geeignete Adressen bitten. Es entsteht so der
gestaltet und ab 1929 die Ge- 22/1929, S. 173-17 6. Ausstellung anzusehen ist.
Eindruck, als sei er in der Organisation ganzer Werbekampagnen
staltung aller städtischer
trotz seiner Arbeit als Werbegestalter und Typograph, weniger er~ Drucksachen in Hannover
fahren gewesen .325 übernommen. Er gestaltete mit

148
149
und der Auftraggeber getroffen werden konnten. Zwangsläufig
V. Resümee und Ausblick
gingen diese Diskussionen über die Köpfe der eigentlich Betroffe-
nen hinweg, was auch darin zum Ausdruck kommt, daß die meisten
Faßt man die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zusammen, wird
„Wohnungen für das Existenzminimum" schließlich von Beamten,
deutlich, daß sich mit dem Vermittlungsanspruch der Siedlungs-
Angestellten und Facharbeitern bezogen wurden.
Ausstellungen des Neuen Bauens eine eindeutige Botschaft ver-
band, deren Ziel es war, mit Hilfe der Architektur und Innenraum- Die später durch Bewohner von Siedlungen des Neuen Bauens
gestaltung nicht nur verbesserte Wohnverhältnisse für Minderbe- vorgenommenen Veränderungen an Häusern und Wohnungen zei-
m!ttelte zu schaffen, sondern auch einen Erziehungsauftrag zur Ent- gen, daß man zwar modern wohnen wollte, aber nicht so, daß sich
wicklung des „neuen Menschen" zu erfüllen. Wodurch dieser neue z.B. durch fehlende Fensterabdeckungen die Privatsphäre zur öf-
Mensch bestimmt wurde, führte Stadtoberbaural Dommer mit Be- fentlichen Sphäre entwickelte. 332 Es läßt sich also vermuten, daß
zug auf die Dammerslocksiedlung 1929 aus: „Der Mensch sucht der mit dem Anspruch der Modernität verbundene Komfort der
nach Klarheit und Wahrheit, nach Licht und Sonne. Seine Anschau- Wohnungen (z.B. Zentralheizung) bei den Bewohnern und Bewoh-
un_gen, seine Gefühle wandeln sich, das Gehäuse seines Lebens, nerinnen auch im Sinne einer Anderung der Lebensverhältnisse
se1~.e Wohnung, muß sich den neuen Ansprüchen anpassen. Diesen sehr willkommen war, das erzieherische Anliegen jedoch nur weni-
v~randerten Forderungen, diesem veränderten Lebensgefühl sucht gen bewußt wurde und kaum jemand schließlich dort so wohnte,
die Dammerslocksiedlung Rechnung zu tragen." 330 Während die wie es die Ausstellungen vorgeführt hatten. Dem wissenschaftli-
progressiven Architekten dabei darum bemüht waren, mittels des chen Anspruch des Neuen Bauens bezüglich der Aktualität der Ar-
Wohnungsbaues eine, im Gegensatz zum Kaiserreich veränderte chitektur und ihrer Verbindung zur Gesellschaftsentwicklung
aufgeklärte Geistes- und Lebenshaltung zu unterstützen bzw. z~ (Kleinfamilie, veränderte gesellschaftliche Stellung der Frau) wi-
evozieren, ~.land ?uf politischer Seile auch der Hintergedanke ei- dersprach offenbar ein inneres Bedürfnis vieler Menschen nach
ner slaatsburgerl1chen Erziehung. Denn mit der Lösung des Woh- Raumbildung (im Außenbereich der Bauten) und Privatsphäre.
nungsproble~s ~-ls sozia~politischer Aufgabe wurde auch ange- Die These Vittorio Magnano Lampugnanis: „Architektur, die sich
strebt, revolut1onare Entwicklungen zu verhindern und statt dessen im Sinne Ernst Blochs als Produktionsversuch menschlicher Heimat
ruhige und zufriedene Bürger zu erhalten. versteht, kommt nicht ohne Werbung aus. Wie jede gesellschaftlich
Als Ko_~seque~z aus den Erlebnissen des Ersten Weltkrieges und engagierte Idee verlangt sie nach Erläuterung, Veranschaulichung
d~r Zustande, die zu dieser Katastrophe geführt hatten, blieb für und Verbreitung. Je ernster sie ihre künstlerische und soziale Ver-
die kult~relle A~anlgarde der Weimarer Republik nur der Wegei- pflichtung nimmt umso unermüdlicher ist sie darum bemüht, diese
ner r_?d1~alen ~nderung der öffentlichen wie auch der privaten auch bekannt zu machen" 333 , die er verallgemeinernd auf alle Ar-
Verhaltnisse. Nicht zuletzt stand der Gedanke einer grundlegen- chitekturausstellungen bezieht, läßt sich als Quintessenz der Ver-
den Reinigung hinter den Formen und der Fassaden- bzw. lnnen- mittlungsabsichten der Siedlungs-Ausstellungen des Neuen Bau-
raumgestaltu~g ~es _Neuen Bauens und Wohnens. Die Betonung ens bezeichnen. Für die Karlsruher Dammerstock-Siedlung hat
der Farb~ Weiß fur d1~ Außenbauten sowie der Einsatz von großen Kurt Schwitters diese Intentionen mit Hilfe eines programmatischen
Fensterflachen und die Sparsamkeit in der Möblierung, die den typographischen Konzeptes umzusetzen versucht. Seine Gestal-
C.harakter des Durchschaubaren, der Offenheit vermittelte war tung der Vermittlungsmedien ermöglichte die Verknüpfung von
n.1cht nur Zeichen einer Reformbewegung unter hygienische~ Ge- textlicher und bildlicher Information und der Architektur. Die Kon-
s1chtsp.u~kten, s.on~_ern zi~lte gleichermaßen auf eine Veränderung 330 In: Karlsruher Adress- zeption der Drucksachen unterstützte dabei die architektonische
der ge1sl1gen wie korperl1chen Disposition der Menschen. Daß das buch 1929, S. 14.
Form und die erzieherische Absicht der Ausstellung; dazu trug in
N~ue Bauen dabei längst nicht die herkömmliche Bauweise dieser 331 Erst in jüngerer Zeit wird
versucht, die einseitige Beto-
entscheidendem Maße der Einsatz des Dammerstock-Signets bei.
Zeil war, beweisen die zahlreichen disparaten Kritiken in den Zeit- . 332 Diese Bemerkung be-
nung der Architekturge- Wie die Gestaltungsrichtlinien für die Hausfassaden hatten die
schriften und Zeitungen ebenso wie die Ausrichtung von Bauaus- zieht sich auf eine Auseinan-
schichtsschreibung zur Weima- Drucksachen einen vereinheitlichenden und zusammenfassenden
stellungen und ihre Rezeption. 331 An der stilistischen Frage nach dersetzung der Bewohner der
rer Republik auf Untersuchun- Dornrnerstock-Siedlung und Charakter bezüglich der Außenbauten, der Grundrißgestaltung
d_em flachen oder dem geneigten Dach spalteten sich in den Zwan- gen zum Neuen Bauen zu er-
~1~er Jahr~n nicht nur die archite_ktonischen, sondern auch die po- der Baugenossenschaft "Hardt- und der Möblierung der einzelnen Wohnungen und Häuser.
weitern und auch die traditio-
l1!1schen Einstellungen von Architekten und Politikern. Die damit
waldsiedlung" sowie der Stadt Die grundlegenden Intentionen der Veranstalter von Siedlungs-
nalistischen Wohnbauten in die
und der Denkmalpflege die Ausstellungen in den Zwanziger Jahren sind nicht zuletzt durch das
einhergehende Ideologisierung der Formen, die vor allem von Forschungen einzubeziehen. 1979 im sogenannten Roll~den­
k?nserva~i~eren ~rchitekten aufgegriffen wurde, zeigt an, daß es Vgl. die Ausstellung und den veränderte Verhältnis von Architekt und Bauherr bestimmt worden.
prozeß gipfelte. Vgl. Badische
nicht alleiniges Ziel war, Wohnmöglichkeiten für minderbemittelte Katalog „Moderne Architektur Das Ziel der Errichtung von Klein- bzw. Kleinstwohnungen in Ein-
Neueste Nachrichten Nr 226
in Deutschland (1900-1950) - bzw. Mehrfamilienhäusern im Verbund einer Siedlung be