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Die Erfindung der Fotografie vor ca, 150 Ein Bild, das nur abbildet, dessen Kunst- sein. Die Krise der Reprâsentation, aus-
Jahren hat bekanndich die Krise der Re­ charakter ist also von vorneherein be- gehend von der Fotografie, erreichte nach
présentation ausgelost. Krise der Repré- denklich, Fotobildnisse werden auch noch der Malerei auch die Fotografie selbst.
sentation heiflt, es wurden der Ab- dadurch entwertet, daB für sie der Begriff Auch in der Fotografie gibt es daher eine
bildcharakter und die Abbildungsfunk- des Originals auf der materiellen Ebene Richtung, den Gegenstand aus dem Bild
tion des Bildes in Frage gestellt. Als Fol- nicht gilt, Sie sind vervielfaltigbar. zu vertreiben. Neben dieser abstrakten
ge davon wurden die Abbildungsmecha- Das ist sogar ihre eigentliche raison d'et- . Fotografie, die vom Verschwinden des
nismen untersucht. Wie wird ein Bild her- re, ihre Existenzweise. Abbilder der W elt, Gegenstands zeugt, gibt es eine autonome
gestellt, wurde zuerst einmal auf tech- die tagtéglich in hunderttausenden Ex- Fotografie, eine generative Fotografie, wel-
nisch-materieller Ebene gefragt. Die nâch- emplaren auf den Markt gestreut werden, che die Inhalte ( Farben und Formen ) selbst
ste Stufe der Reflexion war die Fra­ erzeugt. Dann gibt es die insze-
ge, wie wird der Sinn eines Bildes nierende Fotografie, welche er-
hergestellt. kennbar macht, wie sie das, was wir
Man entdeckte, daB jeder Téxt oh- sehen, konstruiert hat. Sie zeigt die
ne Kontext nicht lesbar ist. Der W elt als eine inszenierte, sozial
Sinn ist also nicht absolut und au­ konstruierte, oder sie zeigt, wie
tonom, sondern die Bedeutung die Kamera die Bilder inszeniert.
von Bildern ist eine soziale Kon- SchlieBlich gibt es eine analyti-
struktion, die veranderbar ist, ab- sche Fotografie, welche die Abbil-
hângig von der Zeit und von den dungsmechanismen selbst in das
sozialen Umstânden, in denen wir Abbild m it einschlieflt.
sie sehen und lesen. Man entdeck­ Auch die Dokumentarfotografie
te die beriihmten 3 C : blieb von der Krise der Repré­
sentation nicht verschont, die am
communication, control, command. besten m it einem Gedanken von
B. Brecht formuliert werden kann:
Durch die Krise der Reprasentati- Das Foto einer Fabrik zeigt nicht,
on ausgelost, wurden also die ma- wie die Erzeugung von Neuwert
teriellen, sozialen, kognitiven, for- entsteht, zeigt nicht die Ausbeu-
malen und emotionalen Mechanismen z. B. in Zeitungen, entwerten aber - für tung der Arbeiter. Arbeiter-Fotografen ha~
und Bedingungen analysiert, unter denen unsere historischen Sehgewohnheiten - ben daher eine séquentielle Fotografie
ein Bild und seine Bedeutung entstehen. schlieBlich sogar ihren Inhalt, das,.was sie entwickelt, unter EinschluB von Text-
Die Antwort der bildenden Kunst auf die abbilden, was sie zeigen. W ir werfen die material, welche dem visuellen Aspekt des
Krise des Bildes, auf die Krise der Ab­ Zeitungen tâglich nach dem Lesen weg, Fotos auch die nôtigen kognitiven Aspek-
bildungsfunktion war, wie wir wissen, sich und mit ihnen die Fotos und deren Inhalte. te hinzufügt, um dem Foto den ge-
der Abbildungsfunktion zu entziehen, W ir werfen die erschütternden Inhalte un- wünschten Sinn zu geben. Der grofle rus-
die Abbildung zu verweigern. berührt zum Abfall. Die Fotos von De- sische Fotograf Rodtschenko hat hier
Seit dem Aufstand der Abstraktion ten- monstrationen lôsen keine Demonstra- schon in den zwanziger Jahren im Re-
diert das Bild in der bildenden Kunst weg tionen aus. Die Fotos von Aufstanden gierungsauftrag vorbildliche Arbeit ge-
vom Abbild und Sinnbild hin zum Ge- fuhren nicht zu Aufstanden. Die Fotos von leistet, indem er tausende Fotos über be-
bilde, zum autonomen Objekt. Die externe Traumen erzeugen selbst keine Trâume. stimmte W erkkomplexe (den Bau eines
Referenz zur objektiven W elt wurde ei­ Die bestürzenden Inhalte von Fotos stür- Staudammes, die Herstellung von Holz)
ne Zeitlang durch eine interne Referenz zen uns in keine kognitiven, sozialen erzeugte. Die ungewohnten perspektivi-
auf die Innenwelt der Seele ersetzt, wo- oder seelischen Abgründe. Leider. Die Fra­ schen Aufnahmen, welche die Moglich-
durch symbolische und expressive Kunst- ge: warum? Diese Frage loste die Dam- keiten der apparativen Kunst der Kamera
formen entstanden. Heute allerdings ist die merung des Dokuments aus. nutzten, stôrten aber die Auftraggeber, de­
eigentlich moderne Kunst antiillusionar, Auch die Fotografie muBte sich fragen, wie ren Sehgewohnheiten an der natürlichen
rein selbstreferentiell. es mit ihrer Abbildungsfunktion bestellt Wahrnehmungswelt ausgebildet waren.

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Eine künsclerische Dokumentarfotogra- Konstruktion zu losen. Denn bliebe sie zwei neue Maschinen aufgetreten, wo
fie verstorte, Sie traf namlich den Kern des dort, hatte sie nur die zwei Alternativen: ebenfalls die Bilder sich selbst erzeugen,
Problems der Représentation. Sie stôrte dem Illusionismus zu verfallen oder die namlich die Videomaschinen und der
die alte Ordnung. Die alte Ordnung be- Regeln der Abbildung auf der apparati- Computer. Insbesondere der Computer er-
stand darin, dafi die Ordnung der Dinge ven wie kommunikativen Ebene nicht ab- môglicht die vollkommen synthetische
(in der Welt) das nornaale objektive Mo- zubilden - also die historischen Losungen. Bilderzeugung, d. h. die maschinelle Her-
dell bildete, das die subjektive Ordnung Das Neue besteht darin, die Fotografîe stellung von künstlichen 2-dimensiona-
der Zeichen (auf dem Bild) identisch m it zwei neuen Bildmaschinen zu ver- len Objekten und Bildwelten, die in kei-
oder sagen wir 1:1 nachahmend wieder- binden, namlich m it dem Video-System ner Weise ihre Entsprechungen in der
zugeben hatte. und dem Computer. Die Caméra hat natürlichen W elt finden. Der Computer
Die industrielle Révolution m it ihrer zwei neue Verstârker erhalten :Video und ist gewissermafîen eine Verbesserung des
Macht der Maschinen hat aber lângst die- Computer. C V C bildet daher eine neue Fotoapparates, der noch gegenstandsge-
se natürliche Ordnung auf den Kopf ge- Gleichung flir die Fotografîe. Computer- bunden war und dessen filmische Spei-
stellt. In einem semiologischen Bruch hat und videounterstützte Camerafotografie cherung der Information bestimmte for-
sich die Ordnung der Zeichen von der Ord­ setzt aber eigentlich nur fort, was im W e- malasthetische Limitierungen setzte. Die
nung der Dinge gelost, wodurch der Bo- sen der Fotografîe schon angelegt ist: die Manipulationsfahigkeit des Bildes wurde
den flir die Abstraktion entstand. Es hat maschinenunterstützte Bildproduktion. durch die elektromagnetische Formation
sich sogar gelegentlich das Verhaltnis um- Die erste automatisierte Bilderzeugungs- des Bildes bei der Videomaschine und
gestülpt: die Ordnung der Dinge richtet maschine ist bekanntlich der Fotoapparat. durch die digitale Speicherung des Com­
sich nach der Ordnung der Zei­ puters fast universal. Das digitale,
chen. Das konnte natürlich eine na- computererzeugte Bild kann aber
turalistische Weltschau nicht ak- Verbindungen eingehen zum Foto-
zeptieren. Der sogenannte „sozia- bild und zum Videobild. Diese Aus-
listische Realismus" war ja gerade stellung will also nicht nur Com-
der Versuch, in diesem Punkt -ver- puterkunst zeigen, sondern vor allem
gleichbar der Âsthetik des Natio- die neue Verbindungslinie zwischen
nalsozialismus - diesen Bruch wie-
der rückgangig zu machen. Die Caméra, Video und Computer.
Kluft, die ab der industriellen Ré­
volution zwischen der Ordnung Die Moglichkeiten, die der Künst-
der Zeichen und der Ordnung der ler heute besitzt, zwischen den ver-
Dinge herrschte, konnte nicht ak- schiedenen Feldern von Fotografîe,
zeptiert oder nur als „entartet" Video und Computer bei der Bild­
empfunden werden. Diese Kluft erzeugung und bei der Bildrezeption
wurde mit Millionen von Toten zu wandern, sollen gezeigt werden.
zugestopft. Gerade in dieser Kluft Die W eiterentwicklung der Foto-
zu arbeiten, ist aber heute die ein- grafie m it Hilfe der neuen Maschi­
zige môgliche Aufgabe des Künst- nen Video und Computer, wie sie an
lers geworden. der Meisterklasse für Visuelle Me-
Diese Kluft zu verringern, indem ein neu- Fox Talbot hat in seiner Publikation von diengestaltung der Hochschule fur an-
er Anschein von Objektivitat erreicht 1939 die Fotografîe als einen Prozefî be- gewandte Kunst in W ien geleistet wur­
wird, indem eine neue Annâherung zwi­ schrieben “ ... by which natural objects may de, soll dokumentiert werden.
schen Zeichen und Sein gesucht wird, und be made to delineate themselves without
zwar mit Hilfe hôchst komplexer Tech­ the aid of the artists p encil... that by me-
nologie, ist das Ziel einer neuen Généra­ ans of this device it is no longer the ar-
tion von Kunstfotografen. Das Neue be- tist, who makes the picture, but it is the
steht darin, die Fotografle aus der Sphâ- picture that makes itself." In jüngster Zeit
re der Apparation wie aus der Sphâre der sind neben dem Fotoapparat besonders P E TE R WE I B E L