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PETER W E IB E L

KURIOSA DER ZAHLEN- J


KUNDE UND DIE NUMERI-
SCHE SENSIBILITÀT S . y t ~ ~ -1 ”j y :
kurz gefaBt und leicht faBlich dargestellt

Ich blicke euch an, ïhr Zahlen,


und ihr erscheint mir verkleidet aïs Tiere, in euren Fellen,
die Arme gestützt a u f ausgerissene Eichen,
Ihr gebt mir Einheit zwischen
der Schlangenbewegung
des Weltalls und dem Tanz .
der Waagschaien,
ihr erlaubt mir,
die Jahrhunderte zu verstehen ais
Zâhne eines schnellen Gelâchters.
Meine Augen sind aufgerissen, begierig
A LLES zu wissen, was IC H ist,
wann der Teiler zur Eins schrumpft.

Velimir Chlebnikov, geschrieben vor 1913

Zahlen in Expansion sind ebenso wirklich


wie Tiere, die sich vermehren
Die Zahlen vermehren sich wie die Tiere . . •
D ie Tiere vermehren sich wie die Zahlen
In Bewegung sind die mathematischen und
die physikalischen Gesetze wirkliche Tiere
Die Zahlen sind lebende Tiere

Mario Merz, 1970

Symbole, Persônlichkeiten, Zahlen


Man muj] kein fanatischer Numerologe sein, um daran zu glauben, daji einige Zahlen „Persônlichkeit"
haben. Werwirdnichtdareinübereinstimmen, dqftdieZahl!3einendubiosen Charakterhat, derUnglück
verspricht, schwârzer als der Schatten eines schwarzen Rabens. Die Z abi 7 hat seit alters die Réputation,
magisch zu sein: die 7 Schôpfungstage, die 7 Todsünden, die 7 Sâulen der Weisheit, 007, der Agent, die 7
Weltwunder, die 7Zwerge, dasBuch mit 7Siegeln, die 7Planeten, welche dieNamen unserer 7 Wochentage
lieferten, das veiflixte 7. Jahr, die 7 Leben der Katze, die 7 hebràischen Namen Gottes, usw.
Erst Galileo hat uns erklart, was schon vielfrüher bekannt war: Die hohe Wahrscheinlichkeit, mit zwei
Wüifeln eine 7 zu wüifeln. D ieZ ahl 3 giltnicht erst seit den 3 Grazien oderderTrinitatvon Vater, Sohn und
Heiliger Geist heilig, sondern schon Pythagoras nanntesie dievollkommene Zahl, da sie denAnfang, die
Mitte und dasEnde ausdrücke. Selbstverstàndlich hat man auch einige Beziehungen zwischen Erotikund
M athematikfestgestellt, und selbstverstàndlich in Wien.1 Sowurden die geraden Zahlen mitweiblichen
und die ungeraden Zahlen mit mânnlichen Eigenschqften versehen, und vice versa, je nach Kultur und

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Eifahrung. Von den Àgyptem bis zu Aristoteles galt die Einheit aïs Mutter und Ursprung aller Zahlen,
ohne selbst eine Z abi zu sein. 1839 verôffentlichte derfranzôsische Mathematiker M. Vincent in seiner
Arbeit über den Ursprung der Zahlen, die a u f den Pythagoràem und Boethiusfufite, die Vermutung, dafi
die ersten 3 Ziffem dié Geschlechterundderen Vereinigungversinnbilden, Jndem siealscharakteristische
Korperteile derFrau und des M annes und dann die Drei a ls deren Vereinigunggedeutet worden seien “. Die
Neun deutete Vincent a ls Thyphallus, a ls Zeichen der mânnlichen Kraft. Denn dieNeun ist die Quadrat-
zahl der Drei, die ihrèrseits die Vereinigung des mânnlichen und weiblichen Prinzips darstellt. D as Qua-
drat oder die zweite Potenz wurde bei den Griechen kurzwegPotenz genannt N a also!N eben dieserHypo­
thèse, die Entstehung derNam en und Zeichen der Zahlen mit dem sexuellen Leben in Zusammenhangzu
bringen, eif,rente sich eine andere einer grofîen Verehrung, nâmlich die Zahlen mit Lastem und Tugenden
zu verbinden.
So schreibt im 15. Jahrhundert Luca Pacioli in seiner „Dîvina Proportione": „Die vollkommenen Zahlen
endigen abwechselnd mit 6 und 8 und kônnen eine andere Randziffer nicht haben, denn die Traurigen
leben ordnungslos, die Guten und Vollkommenen bewahren immer die vorgeschriebene Ordnung":
Die Triaden 4, 5, 6 und 7, 8,9 in derFolgevon 1 ,2 ,3 reprâsentierten demnach Gûte, Gerechtigkeit, Schôn-
heit und Grôfie, Gesundheit, Kraft.
Die Vier, fu r die Pythagorâer der „Schlüssel derN atur“, sei a ls Beispiel dernaturwissenschaftlichen, kos-
mologischen Symbolik der Zahlen erwâhnt.

Die Griechen wie die Chinesen um das Jah r 1120 v. Chr. haben lautM ontucla’s „H istoire des mathémati­
ques" d as W eltallaus den ersten viergeraden und den erstenvierungeraden Zahlen zusammengesetzt. Die
ersten vier ungeraden Zahlen stellen dabei die reinen und himmlischen Elemente dar, die geraden entspre-
chen denselben Elementen mit irdischer Unreinheitverbunden. D as Weltall, die Verbindung aller himmli­
schen und irdischen Elemente, wurde also durch dieZahl36dargestellt, d. h. dieSumme dieser 8 Zahlen.2
Die meisten dieser Zahlen haben also „Persônlichkeit‘‘, die von auJÜen, von Menschen, von der Idéologie,
von der Eifahrung ah sie herangetragen werden. D ochgibt es auch Zahlen, die von innen her sqzusagen
intéressante Eigenschaften haben, Zahlen, die inhàrente Personlichkeit haben, z.B . wie die Primzahlen.

Vorliegende Arbeit versucht, das Wesen der Kunst von Mario Merz aus
dem Wesen der Zahl zu verstehen. Da die Fibonacci-Zahlen in Merz’ Werk
eine so zentrale Rolle spielen, ist dieser Versuch nicht gânzlich inadâquat.
Mein ErklàrungsmodeU von Merz’ Kunst besteht darin, in der Entfaltung
der Eigenschaften von Zahlen Eigenschaften von Merz’ Kunst zu beschrei-
ben. Es zeigt die Tiefe von Merz’ Werk, wie tief sein Verstandnis fur das
Wesen der Zahl ist Das gleichsam lebendige Eigenleben der Zahlen G,Die
Zahlen vermehren sich wie die Tiere.., die Zahlen sind lebende Tieree<)
dient Merz nicht als Sprungbrett fur Symbole, sondem wir werden sehen,
wie Merz aus dem fortschreitenden Verstandnis fur die Zahl sein Werkwei-
terentwickelt. Mein Erklârungsmodell ist also gewissermaBen generato-
risch, da es Merz’ Werk von innen her Schritt fur Schritt in seiner Entwick-
lung, in seiner Kohârenz, in seiner Logik des Lebendigen beschreibt.
Die Begriffe, die bei der Analyse der Zahlenmerkwürdigkeiten auftauchen,
werden zu Begriffen fur die Analyse von Merz’ Kunst. Es genügt dabei aber
nicht, sich auf die Fibonacdzahlen zu beschrânken, da der Sinn der Fibo-
nacdzahlen sich erst in einer vergleichenden Untersuchung mit àhderen
Reihenspielereien und Zahlenkuriosa erschlieBt.
Bereits bei diesen einleitenden Bemerkungen haben sich aus den Eigen­
schaften der Zahlen andere Eigenschaften ableiten lassen bzw. sind ihnen
zugeordnet worden, wie z.B. mânnlich - weiblich, Laster - Tugend, ord-
nungslos - Ordnung, irdisch - himmlisch.
Es wâre nun aber nicht Zweckmeiner Abhandlung, weitschweifig zu sagen,

schen Ordnung. Meine Absichten sind prâziser, zielen darauf, Etiketten,


welche Merz’ Werk von der Kunstkritikverliehen werden (Archaik, Irratio-
nalismus), einen prâziseren Sinn zu geben, oder neue Kennzeichnungen
hervorzuholen.
Die Reise ins Land der lebenden Zahlentiere ist eine Reise ins Merzland.

PRIM ZAHLEN
Fürmich haben die PRIM ZAHLEN amm eisten„Persônlichkeit“, dennsiesind einParadebeispielfürjene
Kuriosa der Zahlenkunde, diejenseits ihrerMerk-Würdigkeiten, die derAberglaube so geme unterseine
Fittiche nimmt, zu fundam entalen Einsichten in die N atur der Zahlen und zu komplexen Theoremen der
Zahlentheorie gefuhrt haben .3
Eine natürlicheZahlp heiJSt Primzahl, wennp 4=1 ist undwenn nur die (trivialen, positiven) T e ile r+ l+ p
hat. Primzahlen sind also die positiven gauzen Zahlen, also die natürlichen Zahlen, die nur durch sich
selbst oder 1 teilbar sind, also unzerlegbare Zahlen. P Z sin d ... 2, 3, 5, 7 ,1 1 ,1 3 ,1 7 ,1 9 ,2 3 ,2 9 ... 229 ,..
5693,.. 199 9 9 9 ,.. ’. bis unendlich. Euklïd hat bereits vof2300Jahren gezeïgt, daJ3 es keine Grenzefur die
Primzahlen gibt. È s gibt'nur die grôfte bekannte Primzahl.
E s gibt auch ganze Bûcher, die nur aus der Auflistung aller bisher békannten Primzahlen bestehen. Ein
8-bândiges Werk, das aile Primzahlen wenn auch fehlerhaft von 2 bis 100330201 aufzàhlt, das sind
5761456Primzahlen, gibt es in Wien von Kulik, d erfast sein gartzes Leben daruber verbracht hat.
Vor einigerZeit haben C .L. Baker und F. J. Gruenbergervon derR and Corporation airfeinem Computer
die ersten 6 Millionen Primzahlen, von 2 bis 104395289, berechnet. D ie gegenwàrtig grôfite Prim zahl ist
286243- j (Notices, o f the American Math. S o c 30, August 1983, S. 475).
So wie es Methoden gibt, zu testen, ob eine gegebene Z ahl eine Prim zahl ist, so gibt es auch Methoden,
Primzahlen zu erzeugen, z. B. durch die Robinson-Formel, mit derman bei weitem nicht aile, aberzumin-
dest eine Gruppe innerhalb der Primzahlen erzeugen kann: R (k, n) = 2 nk + l. Fürbestim m te Wertevon
kundn èrzeagt diese Formel Primzahlen. F ü r k = 5 und n —1947erhalten wir die grôfte bekannte Robin-
sori-PZ (PZ ist Primzahl), die 586Ziffem hat. Eine zweite Formel, dieeinigePZ erzeugt, stamm tvon Fer­
mât: 2^n + 1 . Ferm ât glaubte, diese Formel wîirdefur aile Wertevon n einePZ erzeugen, dochwurden bis­
her nur 3 PZ gemâfi dieser Formel entdeckt, nâmlich 3, 5,17, 257 und 65537.
Im A ltervon 19 Jahren hat C ari Friedrich G auss 1798 eine intéressante Entdeckung gemacht, um eine
Schwierigkeit bei derKonstruktion von regelmâfiïgen Polygonén von n Seiten zu beheben, wo n einePrim-
/

zahl ist, also bei derKonstruktion von Heptagonen, ll-gon,17-gon usw. Erfandheraus, dajisoèineK on-
struktion nurmôglich ist, wenn dieA nzahl derSeiten des regelmâJSigen Pofygons eine Fermatsche Prim-
zahl ist. EineEuklidischeKonstruktion eines regelmqfiigen Pofygons mit einerPrimzahl von Seiten ist also
nurdann môglich, wenn dieAnazhl derSeiten 3 ,5 ,1 7 ,2 5 7 oder65537ist. 0 . HermesverbrachtelOJahre,
dieses 65537-gon zu konstruieren. Sein M anuskript liegt in einergrojlen Schachtél in der Universitât Gôt-
tingen.
A ndereForm elnzurErzeugungbegrenzterSerienvonPZsindËulersPofynom x?-x+41, d a s40verschie-
d e n eP Z fü rx = l, 2 ,3 .. 40 ergibt. Legendre’s Pofynom 2y? + 2 9 von 1798 erzeugt29 P Z fü rx—0,1,2, ...2 8 .
E s gibt auch mathematische Serien von P Z mit einer gleichbleibenden Differenz, z. B . 11,17,23,29, wo die
Differenz stets 6 ist. Eine Sérié von 10 P Z mit der gemeinsamen Differenz von 210 beginnt mit 199.
B is heute kennt man jedoch noch kein Verfahren, wie man zu irgendeiner Primzahl ihren unmittelbaren
Nachfolger angeben kann. Nur eines wissen wir seit Ëuklid mit Sicherheit: „E s gibt mehr Primzahlen aïs
jed e vorgelegteAnzahl von Primzahlen “, dieAnzahl der P Z ist also unendlich. Ein Hauch von Unendlich-
keit umweht die Primzahlen, doch sie zeigen uns bereits die Unendlichkeit nicht a ls endlosen Brei, sondem
gegliedert. Wie es spàter Georg Cantor (1845-1918) m it den Begriffen derAbzâhl- und Überabzahlbarkeit
der unendlichen Zahlenmengen gelungen ist. DerStrukturdiesergegliederten Unendlichkeitverdanktsich
auch das noch ungelôste Problem, ob es endlich oder unendlich viele Primzahlzwillinge (wie 17 und 19)
gibt.
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Bei denPrimzahlen tauchen bereits Begriffe auf, diegemâBunseremExpli-
kationsmodell auch fur die Beschreîbung von Merz’ Kunst herangezogen
werden kônnen: teilbar - unteilbar, unzerlegbar, unendlich, regeknàBiges
Polygon. Sollte unser Modell stimmen, werden sich diese Begriffe nicht nur
in Merz’Werk, sondem auch bei der fortscbreitenden Analyse der Zahlen-
kuriosa verdichten.
Das regelmàBige Polygon (11-gon, 17-gon etc.) ist also ein Vorscbein des aus
zerbrochenen oder glatten Glasscbeiben gebildeten Iglus.
Im Hauch der Unendhchkeit der PZ gewinnt bereits das Unendlichkeits-
symbol Spirale Kontur. Teilbarkeit und Unteilbarkeit des Lebendigen als
Verschrânkungen, welcbe sicb in der gleichbleibenden Differenz bei
bestimmten mathematischen Serien der PZ spiegeln, kulmiuieren in der
vollkommenen Zahl, welcbe gleich mit der Summe ibrer Teiler ist
Was ist das fur eine wundersame Identitat, die teilbar und geteilt ist, in der
Summe ibrer Teiler aber wieder aufersteht? Ist es eine gleichsam mythiscbe
Identitat àhnlich der des âgyptischen Totengottes Osiris, der als Vegeta-
tionsgott zugleich aücb fur die Auferstehung bürgt? Biaise Pascal, der
Mathematiker und religiôse Denker hat eine Spirale konstruiert, deren
Tangentialwinkel konstant ist. Normalerweise hat nur der Kreis einen kon-
stanten Tangentialwinkel und es gehôrt zum Wesen der Spirale, daB ibr
Tangentialwinkel nicht konstant ist. Diese paradoxe, nur mathematisch
konstruierbare Spirale hat Pascal als Modell fur den Beweis der Unsterb-
lichkèit der Seelegenommen: eademmutataresurgo. Auch nacb ibrer Ver-
wandlung (den Tod) wieder aufersteht sie als dieselbe.
Die Goldbachsche Vermutung:
D a in der Urgeschichteder M athem atik der Gegensatz von geraden und ungeraden Zahlen so einegrofie
Rolle spielte, ja sogarvon erheblicherproduktiver K raft war, komrïit den Primzahlen schliefilich noch eine
besonders ràtselhafte Funktion zu. DerKônigsbergerM athematiker Christian Goldbach (1690-1764) hat
nàmlich 1742 in einem B rief an Euler die Vermutung ausgesprochen, dafijede gerade Zahl (grôfier als 2)
als Summe zweier Primzahlen, zum eist sogar méhifach, dargestellt werden kann:
88 = 5 + 83 = 29 + 59 = 41 + 47
92 = 3 + 89 = 13 + 79 = 19 + 73 = 31 + 61.
Abergenügen auch in denfemsten Zahlenregionen nurzweïPZ, um durchAddiüon aile geraden Zahlenzù . ;
bilden ? Euler hat Goldbach geantwortet: „DaJ3 aberjeder nùmerusp a r einé Summe duorum primorum s e i,..
halte ich fu r ein ganz gewisses Theorema, ungeacht ist dasselbe nicht demonstrieren kann". DerBeweis
fu r Goldbachs Vermutung ist immer noch ausstândig. Am nâchsten kommt I. M. Winogradows Beweis,
derbesagt, dafi es eine ganze Z ah l N gibt, so dafijed e ganze Z ahl grôfier a ls N als die Summe von nicht
mehr als 3 PZ reprâsentiert werden kann, wenn n ungerade ist, und von 4 PZ, wenn n geradzahlig ist. Vier
Primzahlen reichen also stets aus, um jed e gerade Z ahl zu bilden.
Nach Chen ist jede hinreichend grofie gerade Z ahl die Summe von p + q , wobeip eine Primzahl ist und q.
Produkt von hôchstens zwei Primzahlen.

Vollkommene Zahlen und Mersennesche Primzahlen


Eine âhnlich verzwickte paradoxe Rolle spielen die Mersenneschen Zahlen, die eine besondere Art von
Primzahlen sind und als solche keine ganzzahligen Teiler 4= 1 haben und die Vollkommenen Zahlen,
welche zu den Mersenneschen Zahlen in einer âhnlichen Beziéhung stehen wië die geraden Zahlen zu den
Primzahlen.
Rekapitulieren w ir.PZ sind nur durch sich selbst oderdurch 1 teilbar, haben also keine (ganzzahligen) Tei­
ler bzw. sind unteilbar. Vollkommene Zahlen sind hingegen gerade diejenigen Zahlen, welche (ganzzah-
lige) Teiler besitzen, deren Summe dievollkommene Z ahl selbstwiederergében. Eszeigtsich nun, dafijede
Vollkom m eneZahlgenaueineM ersenneschèPZalsTeilerbesitztundum gekehrt, dafijed e Mersennesche
PZgenau eine Vollkommene Z ahlfestlegt. Obwohl in ïhrer Teilbarkeit so gegensâtzlich, besteht also eine
eindeutige Zuordnungzwischen den beiden Zahlenmengen. Jeder Mersenneschen P Z entspricht eine Voll­
kommene Z ahl und es gibt keine bekannte Vollkommene Zahl, die nicht einer Mersenneschen PZ korre-
spondiert. Wie ist d as môglich?
Definieren wirzuerst einmal, was eine Vollkommene Zahl ist, sozusagen das Gegenstûck der Primzahl,
was die Teilbarkeit betrijft. E s gibt unter den ersten 30 000000Zahlen nurvier Vollkommene Zahlen, denn
die meisten Zahlen sind entwederkleinerodergr'ôfierals dieSumme ihrer Teiler, dievollkommenen Zahlen
sind hingegen gleich mit der Summe ihrer Teiler:
6 = 1 + 2 + 3, wobei 6 durch 1, 2 und 3 teilbar ist. .
28 = 1 + 2 + 4 + 7 + 14.
496=1+2 +4+8+16+31+62+124+248.
8128 = 1 + 2 + 4 + 8 + 1 6 + 3 2 + 64 + 127 + 254 + 508 +1016 + 2032 + 4064.
Die nàchste Vollkommene Z ahl ist33550336, welche erstl460festgestelltw urde, wahrend man dié ersten
Vier bereits se it2000 Jahren kannte und m itEuklid die Vollkommenen Zahlen nannte. B is heute kennen.
wir24 Vollkommene Zahlen undjed e davon ist geradzahlig. M an kennt keine ungeraden Vollkommenen
Zahlen.
Wenn wirzu den Teilem der Vollkommenen Zahlen V nicht n u rl sondem auch die Z ahl selbst hinzuneh-
men, z.B .
6 :1 + 2 + 3 + 6 = 1 2 = 2 .6
2 8 :1 + 2 + 4 + 7 + 1 4 + 2 8 = 56 = 2.28
n :T .d d/n = ....................= 2 n , erhaltenwirklarerweisedieverdoppèlte Vollkommene Z ahl: Eine natür-
liche gerade Z ahl nheifitvollkommen, wenn die Summe ihrerpositiven Teiler (im Ring derganzen Zahlen)
gleich 2 ist.
Vollkommene Zahlen haben intéressante Eigenschafien, z. B. dafi sie, aufierô, alsletzteZ ijfem sum m el
haben, wenn man in einem ïterierten Prozefi immer wiedef die Summe ïhrerZiffem bildet.
49 6 :4 + 9 + 6 = 19,1 + 9 = 1 0 ,1 + 0 = 1.
Jede vollkommene Zdhl, aufier 6, kann auch a ls Summe ihrer konse/cutiven ungeradzahligen Kuben,
beginnend mit 1, definiert werden: z.B .
28 = l 3 + 33
496 = 13 + 33 + 53 + 73
Sie haben vielleicht auch bemerkt, dafi die Teiier derviervollkommenen Zahlen mit 1 beginnen und sich
zunàchstverdoppelh, bis an einerStelle dasD oppelte des vorhergehenden Telles um 1 vermindert erscheint
und von da ân sich die Teiier wiedérverdoppeln. D er kritische Ûbergang eifolgte
fu r béï den Teilem
6 2 . 3
28 4' 7
496 ■ 16 31
8128 64 127
Wenn man diese beiden Teiier miteinander multipliziert, erhâlt man wiederum dieJeweilige Vollkommene
Zahl. Bei diesen Teilem kann man auch ersehen, dafi der erste ojfensichtlich einePotenz von 2, derzweite
die uni 1 vermindèrte nàchsthôhere Potenz von 2 ist.
V làfit sich also definieren a ls die M ultiplïkation von zweiPotenzen von zwei, wobei von letztererl abgezo-
genwird.
Vj = 6 = 23.(23 - 1)
V2 = 2 8 = 2 3.(23 - 1)
V3 = 4 9 6 = 2 4 .(2 $ - 1)
V4 = 8 1 2 8 = 2 6 .(2 7 - l )
D araus ergibt sich die allgemeine Struktur der geraden vollkommenen Zahlen Vf = 2n~l.(2n - 1 ), die
Euklid um 300 v. Chr. und E uler1750 gefunden haben, die aber nur dann Vollkommene Zahlen erzeugt,
wenn 2n - 1 nicht teilbar ist, also eine Primzahl.
Zum Beispiel würde auch 120 dieser Struktur genügen, aber dennoch ist sie kéine Vollkommene Z ahl:
120 = 2 3. (2 ^ - 1 ) = 8.15, demi 15 wâre wiederum teilbar in 3.5, würde also zusâtzliche Teiier liefem, die Tei-
lersumme wâre also grqfier als die Z ahl selbst, würde dam it die Bedingungenfu r eine vollkommene Z ahl
verletzen.
Nùr wenn 2 nt- 1 nicht teilbar, also ein Prim zahl ist, liefert die Struktur 2n~3.(2n - 1 ) eine Vollkommene
Zahl, diese peifekt teilbare Zahl.
In dieserparadoxen Définition derperfekten Teilbarkeit m itH ilfe einer teilweisen Nichtteilbarkeit ist auch
die D ialektik von Gerade und Ungerade mit ëingeschlossen. Demi es gibt nur gerade Vollkommene Zah­
len, wahrend diePnmzahlen, insbesondere die Merserineschen Zahlen, welchefur deren Définition benô-
tigt werden, aile üngérâdé 'sind.
DerSatzvonÈuklid-Eulerlautetalso:
Eine gerade Z ahl V ist genau dann vollkommen, wenn V von folgender Struktur ist:
V = 2 n ~3 ( 2 n - 1 )
. V = 2 n (nn+l - 1 )
wobei 2n - 1 eine Primzahl ist.
Primzahlen von derForm 2n ~ l sind abérganz besonderePZ, nâmlich die sogenannten Mersenneschen
Primzahl en Mj, zur Erinrierung an Pater M arin Mersenne (1588-1648) so genannt, der1644 ankündigte,
einige heue vollkommene Zahlen entdeckt zu haben, allerdings weder richtig noch vollstândig, wobei er
aberfeststellte, dafi2n -1 Primzahlen ergibt. B is heute wissen wir bei n =2,3,5,7,13,17,19,31,61,89,107,
127, 521, 607,1279,2203,2281,3217,4253,4423, 9689,9941,11213,19937. Dieser letzte Wertvon n ergibt
die P Z 2 ^ 3 7 - l , welche 6002 Stellen hat. D as ist die bis heute grqfite bekannte Mersennesche Primzahl
M24-
E s gibt keine allgemein gültîge Methoden, um M zu erzeugen. Naheliegend wârefu r die Mersennesche PZ
die Behauptung:2n - lis ts te ts eine PZ, wennn einePZist.D ochw irhaben gesehen, dafi bestimmte Prim­
zahlen (wiez. B. 23) nicht in der Liste aufscheïnen, welche aïs Wertefürn bei der Formel2n -1 eine Mersen­
nesche P Z ergeben. Wie wirsehen, gibt es nur24Primzahïen von 2-19937 die a ïs Wertevon n in derFormel
2n - 1 eine Primzahl erzeugen, die Mersenneschen Primzahlen M i gibt es bis heute also 24 M{.
D ie Vollkommenen Zahlen, die perfekt teilbaren geraden (ganzen) Zahlen, hângen durch ihre Struktur
2 n~l. (2n - l ) von einer bestimmten K lasse von Primzahlen ab, den Mf, diesen perfékten unteilbaren unge-
raden (ganzen) Zahlen (welche wiederum durch ihre Struktur 2n - 1 von ganz bestimmten 24 Primzahlen
als Wertevon n abhângen). Dementsprechend gibt es bis heute 24 Mersennesche Primzahlen undfolglich
auch 24 Vollkommene Zahlen.
D aherkom m tes, dafijeder Mersenneschen P Z M j eine Vollkommene Z ahl VfkorresponderitundjederVi
eine Mi. Ein verblüffendes Paradox, wie die teilbaren und unteilbaren Zahlen einander bedingen, in ande-
ren Worten: eine bestimmte nichtteilbare Z ahl M i korrespondiert mit einer perfekt teilbaren Z ahl Vf.
Die 24. Vollkommene Z ahl h at12003 Stell'en. Sie hatja M i2 ^ ^ -1 (6002 Stellen), a ls n. D ie Vollkomme­
nen Zahlen Vfi bis Vg wurden im 16. Jàhrhundert entdeckt, die Vp erst am Ende des 19. Jahrhunderts.
Ob es eine grôfite vollkommene Z ahl gibt, wissen wir bis heute genauso wenig, wie ob die Mersenneschen.
Primzahlen und dam it die Vollkommenen Zahlen unèndlich sind. A ls Zwischenlôsung müfiten wir aber
definitiv wissen, ob es wirklich keine ungeraden Vollkommenen Zahlen gibt. Wenn sie existieren sollten,
müfiten sie dieForm 12m + 1 oder 36m + 9 haben, wobei m einePZ ist. Bisherkonnte allerdings nurnach-
gewiesenwerden, dafi es keine ungeraden Vollkommenen Zahlen gibt, die kleiner a ls 1.4x10^° sind. Biszu
dieser Zahlengrenze wissen wir also, dafi es keine gibt. Gibt es welche darüber?
Schreiben wir also, des Überblicks und Zusammenhanges halbef,jew eils den Bëginn derSerien von Prim­
zahlen, Mersenneschen Primzahlen und Vollkommenen Zahlen aü f:
PZ = 2, 3, 5, 7 ,1 1 ,1 3 .. .p
M i = 3, 7, 31,127, 8 1 9 1 ... 2P - 1 fu r gewisse P Z
Vf = 6, 28, 496, 8128, 5 0 3 3 6 ... 2P~1.(2P-1) fu rpassen d e PZ

Befreundete Zahlen
In die Struktur der Teilbarkeit eingebettet sind auch die sogenannten Befreundeten Zahlen, welche schon
die Araber kannten. E l M adchaiti, der Madrider, hat angeleitet, man solle die Zahlen 220 und284 auf-
schreiben, die kleinere dem Objekt derBegierde zum Essen geben und sélbst diegrôfiere essen. E rselbst
habe die erotische Wirkung davon in eigenerPerson erprobt, genou wielbn Chaldunyon den wunderbaren
Kràften dieser Zahlen a ls Talisman Gebrauch gemacht habe.
Befreundete Zahlen heifien zwei natürlicheZahlen m und n dann, wenn dieSummeY. allerpositiven Tei-
ler und d von m aufier m selbst n ergibt, bzw. die Summe T allerpositiven Teiler d von n aufier n sélbst m
ergibt.
Td = n ï .d = m
d/m d/n
d4=m d4=n
Pythagoras hat die zwei Befreundeten Zahlen 220 und284schon gekannt. Zahlen wir aile positiven Teiler
von 220 o u f aufier 220 selbst.
2 2 0 :1 + 2 + 4 + 5 + 10 + 11 + 2 0 + 2 2 + 44 + 55 + 110.
Summieren wir diese Teiler, so ergibt sich die Z ahl 284.
Machen wir dasselbe mît 284, also
284:1 + 2 + 4 + 71 +142, so ergibt sich die Z ahl 220.
D ie Summe der Teiler einer Befreundeten Z ahl ergibt sich also jew eils die andere Zahl.
Geben wir der Befreundeten Z ahl das Symbol S, so kônnen wir sagen S (220) = 2 8 4 und S (284) = 2 2 0 ,
abstrahiert S ( a ) = b ,S ( b ) = à , fu r Befreundete Zahlen a und b. Dardusfolgt, dafi S (S) (n) =»S2 (h) = h fïïr
jede Befreundete Z ahl gilt. -.
Wegen ihrer Teilbarkeitsvorschrift stehen die Befreundeten Zahlen natürlich in einem gewissen Zusam -
menhang mit den Vollkommenen Zahlen, sie sind sozusagen' eine Art Abspaltung. Siegehen aus ihnen
durchVeraîlgemeinerunghervor.
Die Vollkommene Z ahl haben wir definiert a lsV (n )= T .d d/n = 1 , ...n -1 fiïrp a sse n d e natürliche Zahlen.
V (6) = . l + 2 + 3 = 6.
V (n) = n
Die Befreundeten Zahlen S stehen dann m it den Vollkommenen Zahlen Vin folgendem Zusammenhang:
Natürlich istjede Vollkommene Z ahl n mit sich selbst befreundet Denn setzt man nfu r a und b in S ein, so
erhâltm an .
S (n) = n und S (n) = n.
was obige Bedingungfü r S (a) = b und S (b) = a erfullt. Ebenso gilt V (n )= n -*- V (V[nJ) = n.
Weniger als 1200 solche Befreundete Zahlen sind bekannt. Euler h at1750 davon 59 entdeckt. EinigePaare
von Befreundeten Zahlen seien aufgeschriëben:
22011842620 5020 6232 10744172969363584
2841210 2924 5564 6362 1085618416 9437056
Doch gibt es nicht nurPaare von Befreundeten Zahlen, sondem auchKetten, w iez.B. dieseFünfer-Kette:
12496,14288,15472,14536,14264.
Hier ergibt dieTeilersumme derersten Zahl diezweite Zahl, deren Teilersumme die dritte usw. und die Tei-
lersumme des letzten Glïedes ergibt wiederum die erste Zahl.
n = 12496 (als Startglied)
S (n) =14288 ' ’ .-.
S (S[nJ) =52 (n)y=15472

S5 (n) = n = 12496
Eine berühmte Kette von 28 befreundeten Zahlen hat n = 14316 als Startzahl und es gilt
S * (14316) = 14316,
d. h., nach 28 Gliedem endet die Kette wieder bei der Startzahl.
A ls eine Misch-Strukturvon Teilbarkeit und Ungerad- bzw. Geradzahligkeit erscheint uns nun die schon
besprochene Goldbachsche Vermutung, d afje d e gerade Zahl, grôJ3erals2, a ls SummezweierPrimzahlen
darstéllbar ist. .

Weïm eine Zahl teilbar ist und die Summe aller ihrer môghchen Teiler wie­
derum die, Zahl ergibt, so ist das schon eine recht ansehnliche Sache.
Wegen dièser perfekten Teilbarkeit nennt man diese Zahlen auch vollkom­
mene Zahlen Das Perplexe an diesen perfekten Zahlen ist aber, daB ihre
vollkommene Teilbarkeit aufvertrackte Weise aufperfektunteilbarenZah-
len, den Primzahlen, aufgebaut ist. Die allgemeine Struktur der geraden
vollkommenen Zahlen V ist nëmlich: V = 2n~l. (2n - 1). Aber nur wenn
2n - 1eine Primzahl ist, also nicht teilbar, liefert die Struktur 2n~\ (2n - 1)
eine vollkommene Zahl. Das ist wirldich der Gipfel einer Art Yollkommen-
heit - die gegenseitige Abhângigkeit von Teilbarkeit und Nichtteilbarkeit
Dieses Prinzip des gegenseitigen Bedingens gilt auch fur die geraden und
ungeraden Zahlen. Denn die vollkommenen Zahlen sind gerade und die
Primzahlen, welche fur deren Définition benôtigt werden, sind ungerade
Zahlen.

i
Primzahlen der Form 2n - 1 nennt man Mersennesche Primzahlen. Die
VoUkommenheit wird so weit getrieben, daBjeder MersenneschenPZ eine
vollkommene Zabi korrespondiert und umgekehrt, das heiBt, einer gera-
den perfekt teilbaren Zahl entspricht eine ungerade unteilbaxe Zabi.
Eine numerische Sensibilitat wird diese exklusive gegenseitige Bedingtheit
zumModennehmenfürandere Gegensatzpaarewie Mann und Frau, end-
lich - unendlich, offen - geschlossenund diese als gegenseitig bedingtstatt
ausschlieBlich begreifen. Merz’ Welt verbirgt in sich eine Kosmologie, wo
Gegensâtze einander bedingen und vereinen statt ausschlieBen.
Die numerische Sensibilitat nimmt die Zahlenverhaltnisse und deren
Eigenschaften als Modelle fur andere Verhâltnisse in der Welt (vom Bilder-
rahmen bis zur Architektur). Die numerische Sensibilitat sucht den nume-
rischen Code hinter allen Dingen: Die Zahl als MaB aller Dinge, wie es
Pythagoras formulierte. Die Fragmente des Philolaos: B1 „Die Natur aber
ward in der Weltôrdnung aus grenzenlosenund grenzenbildenden Stücken
zusammengefügt, sowohl die Weltôrdnung als Ganzes wie aile in ihr vor-
handenen Dinge" B4 „Und in der Tat hat ailes,.was man erkennen kann,
Zahl" B ll „Denn nichts von den Dingen wàre irgendeinem klar, weder in
ibrem Verhaltnis zu sich, noch zueinander, wenn die Zahl nicht wàre und
ihr Wesen "Die Pythagoreer behaupteten, „das Wesen aller Dinge sei Zahl"
(AristoteleS). Die Einheit war fur die Pythagoreer sowohl gerade wie unge-
rade, sieleitete sichaus dem Begrenzten undXJnbegrenzten her. Laut Aris­
toteles nahmen die Pythagoreer an, das UnendHche sei identischmit dem
Geraden. Denn dièses gewâhre fur sich abgeteilt und von dem Ungeraden
begrenzt den Dingen die UnendEchkeit. Die Pythagoreer baben aucb die
„fïgurierte Zabi" eingeführt. Sie steEten Zablen durch die Anordnung von
Steinchen ber. Sie legten Figuren mit Steincben (Dreiecke, Quadrate),
welcbé Zâhlen darsteEten. Statt Steincben-Figuren verwendet Merz
Tiscbe, Zeitungen, Menscben, Reisigbündel etc. als fîgurierte Zablen. Die
Pythagoreer kannten aucb scbon die Proportionslehre. Arcbytas (B2): „Es
gibt aber drei mittlere Proportionalen in der Musik: erstens die arithme-
tisçbe,,.zweïtens die geometriscbe, drittens die barmoniscbe". Aucb die
Àgypter wuBten scbon ûber Proportionen Bescbeid.
Das Wesen von AE und Nichts wird also durcb den humerischen Code
bestimmt. Aucb der genetische Code unterEegt dem numeriscben.
Vermehrung und VererbUng geborcben dem numeriscben Code (,,Die
Zahlen verinebren sich wie die Tiere“; Merz). Fibonacd ist also ein
Abkômmling von Pythagoras, dessen Schule ja gerade in SüditaHen und
SiziEen eine groBe Anhângérscbaft gefunden hatte.
Der numerischen Sensibilitat dienen also Zahlenverhaltnisse als Modelle
fur andere Verhàltnisse der Welt. Zahlenverhaltnisse als
1. HÜfsmittel fur die Konstruktion eines Werkes, ErMârung.
2. Verhaltnis von Zahl und Natur, Naturphanomene als Zahlenphâno-
mene. Die Zahl als MaBsystem der Natur.. Zahlgesetze als Weltgesetze,
Bewegung der Planeten etc.
3. Parallelen zwischen Zahlen und anderen Wesenheiten wie Farben,
Worte.
4. Manifestationen physikalischer, biologischer, sozialer und physiologi-
scher Grundsâtze, die fur Harmonie, Ordnung etc. sorgen.
5. Offenbarungen geheimer Zusammenhànge (Cryptanalysis, Wortzah-
lenmystik im Neuen Testament, Numerologie).
Durch die forderte Verwendung der Fibonacd-Zahlen ist Merz als Vertre-
ter der numerischen Sensibüitat erkennbar, der Naturphanomene als Zah-
lenphànomene behandelt, aber hierdurch seinen Diskurs über Problème
der Grenze, Begrenzbarkeit, des Unbegrenzten, Grenzenlosen, der Viel-
heit und Einheit inszeniert. ;•
Die Fibonacd-Zahlen (FZ)
Leonardo vonPisa, Sohn ( = fïliu s) des Borncci, deshalb auchFibonacd genannt, wolltein seinem Werk
„Liber À bacci" von 1202 das arithmetische und algébraische Wissen seiner Zeit zusammenfassen,
wodurch übrigéns die arabischen Zahlen in Europa bekannt wurden. A ufeiner dieser Seiten steht die
kuriose Âufgabe: Wieviei Kaninchenpaare werden im Laufe eines Jahres, ~von einem einzigen P aar aus-
gehend, gezéugt? Enter der Voraiissetzung, d ajijedes P aar monatlich ein neues P aar wirft und daji die
Kaninchen vom,zweiten M onat an gebâifahig sind, gelangte erfu r die einzélnen M onate zu folgenden
Z ah len :!, 2, 3, '5, 8 ,1 3 ,2 1 ,3 4 ... DieseZahlenreihe, w ojedeZ ahl(nach derzweiten) als dieSum m eihrer
zwei Vo'rgângér defîniert wird, nennt man Fibonacd-Reihe (FR).
f l —f 2 = 1 fn = fn - l + fn -2 (n grôfier a ls 2)
1,1, 2, 3, 5, 8,13, 21, 34, 55, 89,144, 2 3 3 ...
DieFZstehen also in einem arithmetischen Verhâltnis, da die DijferenzzweieraufeinanderfolgenderZah­
len (âhnlich wie bei der arithemtischen Reihe a - b = b - c) die Struktur der FR bestimmt, wenngleich sie
nicht wie bei der arithmetischen Reihe konstant ist

Die Fibonacci-Reihe hat u.a. folgende Eigenschaften: Jedes Glied der


Reihe (ab dem dritten) ist das airthmetisdie Mrttel ans seinem Nachfolger
und dem Vorlaufer seines Vôrlâufers. Die Differenz zweier Glieder dieser
Folge, die ein Mittelglied einschlieBen, ist gleich diesem Mittelglied. Eine
der schônsten der elementaren Eigenschaften dieser Folge ist, daB sie ihre
eigene Difîerenzfolge ist: Bildet man die Differenzenbn=an+2 - an+1auf-
einanderfolgender Glieder der Folge (an), so entsteht wieder die Folge (an)
selbst, wenn auch leicht verschoben.6

Wir haben die FR einfach durch die Werte ihrer Vorlâufer defîniert. Wenn
wir aber einen allgemeingültigen Ausdrackfur diese Glieder haben wollen,
kommen wir zu dieser komplizierten Formel:

3n= î/5 [ (2 [1 '' /5J)It+ 1- (2 11' ■/I])’1+ l]


Das Bestürzende an dieser Formel ist die Tatsache, daB die natürliche Zahl
an durch einen Ausdruck defîniert wird, in dem die Irrationaizahl V ~ 5eine
wesentliche Rolle spielt. Der numerischen Sensibilitat gemàB kônnte man
sagen, der irrationale Aspekt an Merz5Werk kommt aus seiner Natürlich-
keit. Wie die natürliche Zahl einen irrationaleri Faktor gebiert, so auch die
Mèrzsche Natekunst eineri Kultus des Irrationalen, der aber auf einer
ganzzahligen rationàlen Naturfassung aufgebaut ist
Dies wird noch besonders deutlich, wenn wir setzen cn = -y
DannkônnenwirleichtmitFülfe voriger Formelfeststellen, da6 sichcnmit
wachsendem n dem Wert g = j (-/5-1) annahert.
Die Zabi g charakterisiert aber den Goldenen Schnitt. Dieses Verhâltnis
zeigt sich auch beim Pentagramm oder DrudenfuB. Eih ^,goldenesecRecht-
eck ist eines, dessen Seiten sich wie 1 : g verhalten.
Besonders intéressant fur die numerische Sensibilitat macht die Fibonacd-
zahlen ihr exponentielles Wachstum.7 Sie figurieren als Wachstum. Sie
sind gleichsam „figurierte Zahlen" des Wachstums. Es gehôrt zur innersten
mathematischen Eigenschaft der Fibonacdzahlen, daB sie exponentiell,
d. h. rasch wachsen. Es wàre intéressant, mathematisch mit Julia Robinson
zu zeigen, daB aile rekursive Folgen diophantisch definierbar sind, wenn es
eine solche Folge mit exponentiellem Wachstum gibt, das ist eben die FR.
Deswegen hat ja Fibonacd angenommen, mit dieser Zahlenreihe hâtte er
das Muster des natürlichen Wachstums entdeckt, vom Wachsen der PfLan-
zen bis zum Wachsen der Hasen. Die FR als numerisches Modell der Evo­
lution. Der Iglu ist also eine ôkologische Reflexion des Hauses Erde. Merz
istalso einEvolutionskünstler?dessenKunstvondernatürlichenundkultu-
rellen Evolution und von der Okologie handelt. Oikos heiBtja ursprünglich
Haus.
: O

Bei der Blattanordnung mancher Pflanzen, der PhyUotaxis, spielen die FZ


eine Rolle. Beim Übergang von einem zuin nâchsten Blatt tritt oft eine
Schraubung auf, die z.B. eine halbe Drehung enthàlt. Das Arrangement
der Blàtter kann also als Bruch definiert werden:
Zabi der voUendeten Drehungen
. Zahl der Blatterpro ZyHus _

Manspricht dannvoni PhyUotaxis (Ulme, Linde). Es treten aber auch die


1 z 2 3 1
Werte ^ (Bûche, Haselstrauch), ^ (Eiche, Aprikose), ^ (Pappel, Bime), ^
(Weide, Màndel), auf. Diese PhyUotaxis-Bràche sind stets Zahlen aus der
Fibonacd-Reihe. Gerade diese PhyUotaxis ist eines der hàufigsten ikono-
graphischeü Motive bei Merz neben der Spirale, oder eine propeUerartige
Mischung von PhyUotaxis und Spirale. Insbesondere in der Wiener Aus-
steUung begegnen wir hàufîg diesen phyUotaxischen Motiven. Die Fibo-
nacdzahlen ofîenbaren sich eben als die geeignetsten, danatürlichsten, der
Natur stets entsprechendsten Zahlen zur Darsteüung des Wachsens,
Lebens, Ver ..............Nicht nur über die PhyUotaxis ist das erfaBbar, son-
dern auch über die Spirale. Denn bei der Ananas z. B. fïnden wir Arrange­
ments aufsteigender Spiralen als Ergebnis der PhyUotaxis. Spirale und
PhyUotaxis sind also auch in der Natur (und nicht nur auf Merz5Zeichen-
blatt) verbunden.
n an bn dn dn qn qn
0 1 1 1 1 0 1
1 1 1 2 2 1 3
2 2 1 4 4 4 5
3 3 2 8 8 9 7
4 5 16 16
3 16 9
5 8 32 25
6 13 5 64 32 36 11
7 21 8 , 128 64 49 13
8 34 13 256 128 64 15
9 $5 21 512 256 81 17

10 89 34 1024 512 100 19


11 144 2048 121
12 233 55 4096 1024 v : 144>>. 21
13 377 89 8192 2048 169 23
14 610 144 16384 4096 196 25
233 8192 27

Von den viélen Eigenschaften und Paradoxien derFïbonacci-Folgen seijedoch b'esondersjene untersucht,
die sie mit dem Goldenen Schnitt in Beziehung bringen.4
D ie Überzeugung der Pythagoràer war es, dafi jedes D ingundjeder Begriffin der Welt durch eine Zahl
gekennzeichnet werden kann (Philolaos von Kroton: „Und wirklich hat ailes, was erkannt wird, Zahl.
Denn esistunm ôglich, dafi ohne diese irgend etwas im Denken erfafit oder erkannt wird“.) Diegegenseiti-
gen Beziehungen dieserDinge sind durch d as Verhàltnis der ihnen zugeschriebenen ganzen Zahlen aus-
drückbar. D as griechische Wort logisfur Verhàltnis heifit im lateinischen ratio. D aher nennen wir die Ver-
hàltnisse ganzer Zahlen rationale Zahlen, sie umfassen die ganzen Zahlen ( 5 :1 = 5) und die gewôhnli-
chen Bruche (1 : 2 =1 /2). D iese schreiben wir mit einerganzen Z ahl àlsZ âhlerüber und einerganzen Zahl
als Nenner unter den Bruchstrich:
z. B. 5, i, usw.
1 2
D a man die ganzen Zdhlen a ls Verhàltnis schreiben kann, gehôren auch siezu den rationalen Zahlen wie
die Bruche.

Das Pentagramm und der Goldene Schnitt


Doch der regélmàfiigeFünfstem ausfünfLinien, das Pentagramm, d as Géheimàbzeichen derPythàgoreer,
brachte das pythagoràische Weltbild, dafi man die Beziehungen samtlicher Dingé durch das Verhàltnis
(den logos) ganzer Zahlen ( arithmoi) beschreiben kônne, zum Einsturz. Denn wenn wir d as Verhàltnis zwi-
schen einer D iagonale d des regelmàfiigen Fünfecks urid seiner Seiie sT d as geometnsch einfach zu
bestimmen war, versuchen numerisch darzustellen, dann vèrhalten siùhzw ars':dw ie3':5 (wenn man s in 3
gleiche AbschniUe teilt) oder wie 5 :8 oder wie 13:21, aber nichtgenou. Diegenannten Verhâltnisse sind
bloJS Nâherungswertefür das tatsâchîiche geometrische Verhàltnis. Beim Pentagramm lautet dieBezie-
hungsgleichung zwischen Diagonale und Seite <$ = s? + d.s £
d s :
oder-
s d- s

Die D iagonale d verhalt sich àlso zur Seite s wie die Seite s zurDijferenz von D iagonale minus Seite ( d-s).
Diese Verhâltnisse müfiten nach pythagorâischer Lehre rational sein und d und s folglich ganze Zahlen.
Wenn wir uns nunfragen, welche Zahlenfolgen kommen am ehesten fu r diese Beziehungsgleichung in
Fragë, so kommen Wir wieder a u f die Fibonaccizahlen.
Man kannnâmlich die Fibonaccizahlen nicht nur als Summe derbeiden Vorgângererrechnen, sondem die
einzelnen Glieder der Fibonacci-Reihe paarw eîse in Bruche aus aufeinanderfolgenden Zahlen der
Fibonacci-Reihe^ FR. verwandeln: 1/2, 2/3, 3/5, 5/8, 8/13, usw.
Wennwirnun diese Bruche înDezimalzahlen verwandeln, kommen wirzufolgenden Werten (bei dreiDezi-
m alstellen):.
1 :2 0,500'
2 :3 0,6671
3 :5 0,600
5 :8 0,625:
8 :13 0,615 L . ,
1 3 :2 1 . 0,57ï \
21 :3 4 0,618
34:55- 0,618
Wir sehën, die Bruche der FZ streben einem Grenzwert zu : 0,618...
Wir kônnen aber auch andereBrûche ausPaaren von Fibonaccizahlen FZherstellen, indem wir den Kehr-
wertvon den ersteren bilden und diesen dann ebenfalls in eine 3-stellige Dezim alzahl verwandeln:
- J - = 1.000 . : ■ § = 1.618

- \ = 2.000 § = 1.618

~ Y = 1.500 . ^ = 1.618

233 7
J—*
II

m ~ 1618

- y = l,600

13
= 1.625

il
Hierbei sind also zunâchst die Zàhler und dann die Nennerfortschreiten.de Fibonaccizahlen.
Auch diese rationalen Brüche oder ganzzahligen Verhàltnisse streben einem Grenzwertzu: 1.618..., dem
sie immer nâher kommen. 5-stellig lautet er1.61803... und ist mit einem andren berühmten Bruch iden-
tisch, den wir erhalten, wenn wir eine beliebige Strecke der Lange xp lu s y so in zwei Teile teilen, dafi das
Verhâltnis derganzen Strecke (x undy) zurgrôferen Strecke x das gleiche istw ie das Verhâltnis dergrofie-
ren Strecke x zur kleineren Strecke y. D ieses Verhâltnis nennen wir den Goldenen Schnitt:
(x+y):x = x:y;
x + y _ 2ç
x Y; ausm ultipjiziert ergibt d as = xy + y 2 oder

y ? - xy - y^ — 0, oder (x-y/2)^ = ^ ~ , welches d as Verhâltnis

- = a + y j ) liefert. ,
y 2

.(1 + = 1,61803..., also die gleiche Z ahl wie der Grenzwert der Fibonacci-Reihe.

Diese „heilige VerhâltniszahF des Goldenen Schnitts ist übrigèns die éinzigeZahl, dieganz einfach in ihre
reziprokeZahlverwandeltwerdenkann, in d em m an lab zieh t:x-1 = - . D a ra u se rh à ltm a n x ^ -x -l= 0
7 r r ^
also obige Gleichung mit Y = 1 eingeseizt, w as x = a ls Lôsung hat.
(1 + V 5 ) _ J_ 2
2 (1 + VJ)
D iese'ïrrationaleZahl1.61803... hatfüreinige Verwimmgin derLiteraturgesorgtundzu Verwechslungen
vonFR, GSundH arm onikalitâtgesorgt, diezwarinZusam m enhangstehen, abernichtdasselbesind.Sie
aile haben mehr oder minder mit der pythagorâischen Tradition zu tun, deswegen wollen wir sie etwas
genauer untersuchen und dijferenzieren.
Die Verhàltniszahl des Goldenen Schnitts GS als Harmoniegesetz habenin
der Massischen Kunst, von Dürer über Raffael zu Tizian, eine bekannt
groBe Rolle gespielt. Dem GS als MaB in der Kunst entspricht auch ein BS
als MaBverhàltnis in der Natur.
„Sehr oft làBt sich an Blàttem und Blüten das MaBverhàltnis des Goldenen
Schnittes nachweisen, so beimBlatt des Goldregens, der Alpengànsedistel,
der Maiblume usw. Das Schneeglôckchen ordnet seine Blütenblàtter im
gleichseitigen Dreieck an, wâhrend uns die Blüten der verschiedenen
Lilienarten das zum Sechsstem verdoppelte gleichseitige Dreieck zeigen.
AuBerdem dürfte bekannt sein, daB die Bienenwabe aus vielennebenein-
ander gefügten reinen Sechsecken gebildet wird.

V S <&

Akeleiblüte Glockenblume Seestem


Efeublatt Pentagramm oder Stemfünfeck Heckenrose
Proportionsverhàltnis bei Pflanzen und Meerestieren
Aüs das QuadratlâBt sich als Grundform vielfach in der Natur nachweisen:
so treffen wir es in der Verdoppelung als Achtstern bei den Kreuzblütlem,
bei Mànnertreu und Wiesenschaumkraut, und als Achteck in seltener
RegelmàBigkeit bei der Einbeere, einem staudigen Liliengewâchs. Dage-
gén bildet die ungefüllte Blüte der Dahlie éinen achtstrabligen Stem.
Nochhâufigerbegegnet uns aber das Fünfeckund das Sternfunfeck oder
Pentagramm, eine Figur, der Jabrtausende bindurch geheimnisvolle
Bedeutung beigemessen wurde.
In der Pflanzenwelt treffen wir diese Form am klarsten in der Akeleiblüte,
in der Tierwelt beim Seestem an. Zablreiche andere Blüten, wie die
Glockenblürne, dieNelke, die Heckenrose, die Lindenblüte, der Phloxund
andere zeigen diese Grundform, ebenso wie verschiedene Blàtter, etwa das
Himbeerblatt. Ziehen wir beispielsweise die Pentagrammform über ein
Efeublatt, so stellen wir bei aller UnregelmâBigkeit, die dieses Blatt sonst
aufweist, fest, daB die Grundverwandtschaftmit der Fünfecksformbesteht.
Es scheint, als bemühe sich die Natur, der idealen mathematischen Grund­
form so nahe wie môglich zu kommen. Die Abbildungen verdeutlichen

\ Goldene-Schnitt-Proportionen bei Pflanzen, von links HahnenfuJ}, Seidenpflanze, Schachtelhalm

Gerade der Fünfstem, also das bereits erwàhnte Pentagramm, hat fur
unsere weiterenBétrachtungenbesondereBedeutung, teilen sich doch die
Pentagrammséiten ,stetig‘ im Goldenen Schnitt, dem wir in der Natur
auch beim Wachstum der Pflanze, bei einem edel gebautenmenschlichen
Kdrper oder den Abmessungen eines Pferdekôrpers begegnen. So führt
das stetig fortschreitende Wachstum der Pflanze, wie es der Meine Pappel-
zweig zeigt, hàufig zu einer stetigen Teilung, wenn auch das ungeschulte

Knotenpunkten stehen sehr schôn im ,Goldenen Verhâltnis4, das auch bei


weiterem Lângenwachstum beibehalten wird.“
(Otto Hangenmaier, Der Goldene Schnitt, M oos Verlag München, 1977).
Merz hat tiefergedacht als die Tradition der Kîassik, tiefer im Wesen der
Zahl und im Wesen der Kunst. Die Klassik hat den GS oft nur omamental
als Konstruktionshilfe, als Erzeugung von Harmonie verwendet Dabei ist
der Goldene Sctmitt sowohl ein MaB in der Kunst wie in der Natur, also
eine Brücke zwischen Kunst und Natur (dem intuitiven Gegensatzpaar).
Merz hat uns über die dem GS verwandte Fibonaccizahljene urprüngïiche
Einheit von Kunst und Natur (im MaBverhaltnis) wieder bewuBt gemacht.
Er hat auf die FZ zurückgegriffen, weil sie dafür geeigneterwas als der abge-
griffene, miBverstandene GS. Da der GS als Harmoniegesetz in der
Geschichte verkommen ist, bedurfte es einer friseheren, einpràgsame'ren
Verhàltmszahl, welche der ursprüngbchen Intention als MaB in Natur und
Kunst, als MaB aller Dinge, noch entsprach: die Fibonaccizahl als MaBge-
setz, als Wachstumsgesetz, als Naturgesetz.
Die Rolle der Fibonaccizahlbei Merz ist also auf ganz natürliche Weise in
eine groBe Tradition der Kunst einzuordnen, nàmlich in die Tradition der
Rolle des Goldenen Schnittes und verwandter Harmonie-bzw. Propotions-
lehren von den Griechen über die Renaissance bis zu Naum Gabo, Klee,
Corbusier und die Serial Art eines Sol Lewitt, Mel Bochner etc. Als Italie-
ner steht also Merz inmitten einer goldenen Tradition, der Tradition des
Goldenen Schnitts, wovon seine Fibonacd-Obsession Emeuerung und
Hàresie zugleich ist, Klassik und Manierismus in einem. Merz ist also,
gemâB seines Modells der gegenseitigen Bedingtheit ein manieristischer
Klassiker.
Mit Hilfe der Fibonaccizahl FZ ist es also Merz gelungen, die Kunst in
ihrem Anschauungs- und Erkenutnischarakter zu vertiefen, uns mit der
Kunst die Natur neu wabmehmen zu lassen Wir werden noch sehen, wie
Merz, eben weil er auf dem Boden der Zabi bleibt, seine Kunst aus dem

schreitet, in denen er die Eigenschaften der Zahlen erforscht, nicht in reak-


tionàreNaturmystikverfallt, sondem denNaturmythos modemisiert, eine
Neo-Natur erzeugt, indem er Technik und Natur, Zivilisation und Natur
zueinander in Beziehung setzt unter Einsatz der Medien Elektrizitat und
Neonücht, weitere Figurationen der Rationalitat So wird seine Kunst eine
zutiefst europàische Kunst, eine Kunst als Kult der Zivilisation wie der
Natur, die er in ihrer gegenseitigen unauflôslichen Bedingtheit zeigt.
Merz ist also kein FZ-Künstler, worauf er des ôfteren in der Kunstkritik
reduziert wird, weil eben die FZ eine so auSallige Rolle in seinem Werk
spielen. Das wâre genauso làcherlich, wie Dürer oder Leonardo daVinci als
GS-Künstler abzutun, als Künstler dès Goldenen Schnitts, nur weil er in
ihrem Werk vorkommt. Der Unterschied, daB bei den Klassikem der GS
verdeckt vorkommt und die FS bei Merz überdeutlich, bedeutet soviel, daB
eben Merz die Zahl in der Natur, MaBverhaltnisse in Natur und Kunst
thematisiert., Tizian bei ,,Himmelfahrt der Maria“ oder Leonardo bëim
5JAbendmahlci habenja den GS primàr als Konstruktionsmittel verwendet,
ihr Thema lag im Titel. Merz’Thema ist das Konstniktionsmittel selbst Bei
dën Klassikem wurde das MaB, die Verhëltniszahl verdeckt zur Erzeugung
von Harmonie und Ordnung verwendet Bei Merz ist das MaB, die VeMalt-
niszahl ais Angel zwischen Natur und Kunst, zwischen Natur und Zivilisa­
tion dâs Thema selbst Deswegenwird dieFZ sichtbar dargestelltundnîcht
mehr verdeckt. Es geht Merz nicht um die Himmelfahrt und das Abend-
mahl, sondem um Natur und Zivilisation. Ein groBer Sprung vorwârtsin
der Kunst der numerischen Sensibilitat.

D ie.harmonikalen Proportionen
D ie Harmonik geht a u f Pythagoras zurück und ihre Lehre ist, dafi nicht nur unser Ohr ganzzaJüige
Intervallproportionen bevorzugt- diePythagoràerglaubten ja daran, dafi die game Welt durch das Ver-
hâltnis (logos) ganzerZahlen beschrieben werden kann -, sondem dafi diese Intervalle derM usik auch
Naturgesetze sind, siehe Johannes Keplers „Weltharmonik“.
D ie 12 musikàlïsçHekHauptintervallè entstehen diirch dieTeilungen einer Saite nach gamzahligen Ver-
hâltnissen, Êchwingt einé-Saite (einer beliebigen Lange) erhaltenwirden Grundton, dieTonïka. Vïbriert
nur mehr dièH âlfte, bestehtalso d as Verhâltnis 1 :2, steigtderTon undwir erhalten die Oktave. D as Ver-
hâltnis derSaitenlângen, dieschwingen, zu denen, die nicht schwingen, kann auch als Verhâltnis von Wel-
lenlàngen und von Frequenzen aufgefafitwerden. Wo immer aber die gleiche Proportion zwischen schwin-
gendem undruhigem Saitenabschnittvorhanden ist, erklingt das gleiche Intervall. DieweiterenProportio-
nen der 12 Hquptintervalle sind
2 :3 Quinte (der Ton steigt um ein Fünftel) 5 :9 kleine Septime
3 :4 Quarte - 8 :9 grofie Sekunde
3 :5 grofite Sexte 8 :1 5 grofie Septime
4 :5 grofie Terz ' 1 5 :1 6 kleine Sekunde
5 :6 kleine Terz - ' - 3 2 :4 5 Tritonus
5 :8 kleine Sexte- . •
Pur die trâditionelïeM usiktheoriegeltén die Intervalle biszurkléinen Sexte alsKonsonamen, derRest als
Dissonanzen.
In harmonischer Proportion befïnden sich die 3 Zdhlen a, b und c in folgender Proportion:
L - î 1-1 oder -
c-b
a b b c a b -a
M an nehme zum B eispielfu r a, b und c: 2, 3 und 6.
Gerade die Folge der Konsonanzen hat Glieder:
1:2 , 2 :3 , 3 :5 , 5 :8 ;
Oktave, Quinte, grofie Sexte, kleine Sexte;
die mit den ;ersten Gliedem der Fibonacci-Reihe, a ls Bruche deftniert, übereinstimmen: 1/2, 2/3, 3/5,
5 /8 .. . bzw. 2/1, 3/2, 5/3, 815...
Und gerade diese rationalen Bruche oderganzzahligen Verhaltnissebzw. Proportionen kommen dem tat-
sâcfilichen geometrisçhen Verhâltnis zwischen Diagonale d und Seite s im Pentagramm/Pentagon immer
nâher; und'zwqKjefiieUter das Propôrtionsintervall, desto genauer. D ie Beziehungsgleichung zwischen
Diagonale d\u n d Seiieslau tetja bëimPentagramm: d ? = s ^ + d .s. D em gem âfigiltd :s=s:(d-s). d so ll
sich zu S; wié s zur Differenz von d - s v erhalten.
D ieses Verhâltnis müfite nach pythagorâischerLehre rational sein, daher d und s ganzzahlig. Versuchen
wir nun, dieseForderungzu erfullen, und dieses (geometrisché) Verhâltnis von d und s mitZahlen zu beset-
zen, so sehen wir, dafi dies mit Paaren aus derFR oder Harmonik am besten gelingt.
d 1 2 3 5 8 1 3 21
s 1 12 3 5813 -
d-s 0112358
d s
—= kann m an ja transformieren in d (d -s) — s. s. . ,
Wenn wir nun die obigen Zahlen in diese Gleichung eihsetzén, müfitenbei d (d -s) und s. s die gleichên
Summen herauskommen.
d (d - s )... 0 2 3 1024 65168
s .s = s . . . 1 1 4 9 2 5 64169
E s klappt nurfast, denn wenn wir die untereinanderstehenden Zahlen dieserZeilen vergleichen, sehen wir,
dafi der Unterschied immergeringer wird,jegrôfier die Zahlen werden. Dennoch wird man niezwei Zahlen
finden, seien sie noch so grofi, fürw elche d (d -s) exakt gleich s. s. (= s? ) ist.
Was war nun diese Beziehung von D iagonale d und Seite s im Pentagramm eigentliçh? Wenn wir d als
ganze Strecke x p lu s y nehmen, und s a ls die grôfiere Strecke, dann ergibt dieDijferenz d - s = (x + y ) - x
also die kleinereStreckey. Wenn sich nun d :s wie (x + y ) :xverhàlien soll, dann verhàltsich àuch s : ( d-s)
w iex :y. D as bedeutet aber: d : s = s : (d - s) beschreibt diegleicheProportion wie (x + y ) : x —x D as Ver­
hâltnis d : s = s : (d -s) des Pentagram s hiefi daher bis zum M ittélàlter „proportio dm nd“. und seit der
Renaissance Goldener Schnitt.
D iese Proportion war zwar durch die Fibonaccizahlen am annâhemdsteri mit H ilfe garvzer Zahlen zu
errechnen - wie es derPythagoràische Traum vorschriéb -, aber wie wirgesehen haben, nie exakt. E s bliéb
immer ein Rest. Dieser bedeutet, dafi D iagonale und Seite eines Pentagrarrims in ihrem Verhâltnis n ich t.
durch zwei ganze Zahlen, a ls rationaler Bruch, darstellbar waren, dafi also d und s kein gemeinsames
M afi haben, also inkommensurabel sind. D as Verhâltnis von grôfierer Strecke x (M ajor) zur kleineren
Strecke y (Minor) des Goldenen Schnittes tendiertezwarwie dieBrûche au s aufeinanderfolgenden Fibo­
naccizahlen einem Grenzwertzu, nâmlich - =-@ = 1.61803..., doch ist dies wegen -/Jein irrationaler
Bruch.
In der Praxis wâre diese Inkommensurabilitàt, Unmefibarkeit, durch ein Fortsetzen der FR zu immer
grôfieren Zahlen vem achlâfiigbar und d as Verhâltnis von d :s bzw. x :y mit gewünschter Genauigkeit
. erreichbar gewesen, doch theoretisch nichtmehr. So zerbrach derPythagoràische Traum, und detBegriff
der Inkomm ensurabilitàt wurde denkbar.
FürdenH auptwertdes GS (0,618), denM ajor, kanntem an also bereits seit derAhtike a ls Annâherungslô-
sungdie harm onikaleProportion 5 :8 (= 0,625), die nur um 0,007von ihm abweicht. Wahrscheinlïch hat
man auspraktischen Grûnden immer mit solchenAnnâherungswerten gearbeitet, die man aus derHarmo-
nik oder der FR nahm. Denn, wie gesagt, der G S liegt einerseits zwei Intervallproportionen sehr nahe,
nâmlich zwischen der kleinen und der grofien Sexte (5 :8 und 3 :5 ), andererseits hat die Fibonacci-Folge
a ls Grenzwert den M ajor (0 ,6 18 ...) des GS, wenn wir d as Verhâltnis von M ajor M und M inor m dés GS in
Dezimalbrüchen ausdrucken wollen. (m : M = M : [m +M ) ist gleich 0,38197.. ; : 0,61803.. . = 0 ,6 1 8 ... :1
Oder 0,618... :1 = 1:1,618...
D ie Punkte... bedeuten, dafi die Bruche unendlich sind.) Deswegen kann man m it Quadraten von den
Seitenlângenl, 2 ,3 ,5 ,8 ,1 3 ... (alsoFZ)Rechteckeaufbauen, derenSeitenverhâltnissestândigbesserdem
des Goldenen Schnittes entsprechen. D ie Fïbonaccischen Zahlenverhâltnisse nàhern sich immer besser
dem irrationalen Verhâltnis d : s an, so wie man ausjedem Rechteck, dessenSeitenlângengleichDiagonalë
d und Seite s eines regelmàfiigen Fünfecks sind, dürch A bspaltung eines Quadrates ein dem vorigen àhn-
liches Rechteck bekommt - man aber an kein Ende kommt.
Fur die praktische Berechnung des GS, wenn wir davon ausgehen, dafi die zu teilende Strecke von, der
G rôfiederZ ah llsei und daher der M ajor0,61803... und der M inor0,38197... haben, gibtesfolgende Ver-
hâltniszahlen:
1 :0 ,6 10:6,2 55:34,0
2 :1 ,2 11 :6,8 ' "
3:1,9 12:7,4 89:55,0
4 :2 ,5 13:8,0 . ..
5:3,1 100:61,8
6 :3 ,7 21:13,0
7:4,3
8:4,9 ’ : • 34:21,0
9 :5 ,6 . ..

Sie sehen, die GS-Verhâltniszahlen stimmen teilweise annâhemd mit den harmonikalischen Proportionen
bzw. Brüchen aus Fibonaccizahlen überein.
Eine àndere Annâherung an die harmonikalischen Proportionen hat J. S. Bach mit seinem wohltempe-
rierten Elayier durchgeführt.
Wâhrend die griechische Harmonielehre bzw. die FR aufganzen Zahlen und deren Verhâltnis aufgebaut
(also arithmetischer Natur) waren,5 konstruierte Bach eine geometrische Reihe (âhnlich der geometri-
schen N atur des GS) als B asis fu r seine Harmonik.
Wie berëits ërwâhnt, ist das Schwingungsverhâltnis von Tonika zu Oktav 1:2.
1 3 6 8 10

0 2 4 5 7 8 11 12
Die llzw ischen Tonika und Oktav liegenden Tônesollen sich nicht durch (verschiedene) ganzzahlige Ver-
hâltnisseergeben (wie dies ein sëhrguter Geigenvirtuose auszuführen vermag, indem ermit dem Bogen die
Saiten in entsprechenden Proportionen zum Schwingen bringt), sondem aile in gleichem Verhâltniszuein-
ander stehen. D as bedeutetfïir aufeinanderfolgende Tône x ,y ,z dieBeziehungx :y = y :z o d ery =V x.z
(geometrische Reihe).
D am ii das Verhâltnis 1 :2 zwischen Tonika und Oktav auch erhalten bleibt, wenn aile benachbarten Tône
■ ■) ' 22
ein kohsiantesSchivihgUhgsverhâlthis haben, ist es notwendig, dafi dieses gleich 1 : VJist Von der Tonika
zur Oktav kànn man daher die einzelnen 12 Tône durch diefolgende geometrische Proportion genaufest-

leg1 2 ' ./1 2 ' fa ( Ï2 ) 4 SÏ2 \12


i V J A v j J j i v J ) , i v i j 4,..., ( y j f =2.
À us dieser Gleichberechtigung aller Tône durch Glâttung der arithemtischen Verhâltnisse entwickelte sich
die 12-Tonmusik Hauers und Schônbergs mit ihren eigenen Gesetzmafiigkeiten.
Wëgen der Ungenauigkëïtder Messungen kànn das Vorkommen des GS in Wirklichkeit aber ein Beweis
fu r harmonikalisches Bauen sein. Denn das M afiverhâltnis des Goldenen Schnitts wurde von den Pytha-
gorâem selbst am Pentagramm entdeckt und beendete ihren harmonikalischen Traum, ailes aufeinfach
ganzzahlige Zahlenverhâltnisse zurücfçführen zu kônnen. D er GS und die Harmonik sind also gewisser-
mqfien.Gegner, d a s eine ist eine Sérié von irrationalen Brüchen, das andere von rationalen Brüchen. Ein
irrationaler Bruch ist ein Quotient von Zahlen, der (im allgemeinen im Zühler) mindestens eine Wurzel
(aus einerpositîyen Zahl) enthâli, w as einen unéndlichen nichtperiodischen Dezimalbruch ergibt. Ein
rationâlerBruch ist ein Quotientzweier natürlicher (oderganzer) Zahlen, was einen endlichen oderperio-
dischen (in seinerBauart also durch endlich vieleZiffem beschreibbaren Dezimalbruch) ergibt.
Zweitens wurde die Apothéose des GS durch Luca Pacioli (1445-1514) in seinem Buch „Divina propor-
tione“ über den GS (mit Abbildungenvon Leonardo da Vinci) unterdem EindrückdesreligiôsenDogm as
von der Trinitàt geführt; sodafi es durchaus wahrscheinîich ist, dafi bis dahin nach harmpnikalïschen
Intervalîproportionen gébautworden wàr, w as einfacher, mefibarerund rationaler (im doppelten Sinne des
Wortes) war a ls mit den irrationalen, inkommensurablen, komplizierten GS-Zahlenverhâltnissen. Oder
nach Fibonacci-Zahlen, deren Bruche ja a u f eineh Grenzwert zutendieren, welcher der M ajor des GS
(0,618...) ist. D ieFibonacci-Reiheschlâgtalsogem einsam eineBrûckezwischen dem GS und derHarmo-
nik: Der M ajor liegt nâmlich den musikalischen harmonikalischen Konsonanzen in Gestalt der beiden
Sexten (3 :5, 5 :8 ) am nàchsten.
Harmonik, GS und FR berühren sich in vielen Punkten, Eigenschaften und Gesetzmâjligkeiten, stehen
aber im Grundejed es fu r sich, wenn nicht in Gegensatz zueinander. Sie bilden die bzw. kommen aus der
ersten Grundlagenkrise der Mathemaûk. Wir haben gesehen, die Harmonik besteht aus ganzzahligen
Intervalîproportionen, welche wie die F Z ein ganzzahliges Verhàltnis zueinander haben, ein arithmeti-
sches (arithm os bedeutet ganze Zahl) Verhàltnis. D er GS ist au s Strecken gebildet, die nicht exakt durch
d as Verhàltnis zweier ganzer Zahlen ausgedrücktwerden kônnen, sïesin d inkommensurabel, aberm an
kann siezeichnen, sie haben eingeometrisches Verhàltnis. DieFibonacci-ReiheistdieZahlenfolge, mit der
man am besten diestetigegeom etrischeTeilungdes GSganzzahligdarstellen kann (inganzzahligen ratio-
nalen Brüchen). D as macht die FR so geeignet fu r die Symbolisierung des îm aginâren, Irrationalen,
Unendlichen, fu r die D arstellung der N atur und des Organischen.
Der harmonikalische pythagoreische Traum geht davonaus, daB die Welt
durch das Verhàltnis ganzer Zahlenbeschrieben werdenkahn. Da das grie-
chische Wort fur Verhàltnis logos im Lateinischen ratio heiBt, nennen wir
die Verhâltnisse ganzer Zahlen (arithmoi) rationale Zahlen. Sie bilden auch
den Mythos fur einen rationalen, logischen Aufbau der Welt. Doch aus der
Zahl selbst, aus den Eigenschaften der arithmoi, den Verhâltnissen ganzer
Zahlen, wurde die Irrationalitat geboren. Aus dem SchoBe der Ratio, dem
' Zahlenverhàltnis, entsprang die Irrationalitat. Das Symbol des MaBes, die
Zahl, gebar auch die Idee der Inkommensurabilitat, des NichtmeBbaren.
Denn ausgerechhet das Geheimabzeichen der Pythagoreer, das Penta-
gramm, lieB sich nicht exakt ganzzahlig, rational darstellen. Wenn sçhon
nicht einmal das Pentagramm als Verhàltnis ganzer Zahlen beschrieben
werden konnte, dann natürlich auch nicht die Welt Die Pythagoreer trugen
diesen Traum , obw ohl ihnen schon seit dem 5. Jahrhundert vo r Christi der
Begriff der Inkommensurabilitat bekannt war: Der Beweis fur die Unmôg-
lichkeit, das Verhàltnis der Quadratwurzel aus zwei zur Einheit in ganzen
Zahlen auszudmcke,:also der Unmôgliclikeitsbeweis fur die Beziehung
d2:s2= 2s2= d2. Die Seite s und die Diagonale d des Quadrates waren schon
inkommensurabel. Die ungeheure Tragweite dieser Entdeckung der
Inkommensurabilitàt und des Irrationalen aus dem SchoBe des MaBes und
der Ratio selbst hat nicht nur die griechische Mathematik erschüttert
Diese mutuelle Verpflichtung, Verschrânkungvon meBbànind ndchtmeB-
bar, rational und irrational steht auch im Zentrum von Merz5Werk Seine
Kunst ist irrational auf dem Boden der Ratio. Auch die Quadratur des Krei-
. .o . ■ ■
ses, derVèrsuch, Kurve und Gerade identwerdenzu lassen, indem einem
Kreise ein Polygon (Vieleck) eingeschrieben werden soll, dessen Seiten
sich wegen ihrer Kleinheit mit dem Umfange des Rreises decken würden,
ist eine ebensolche Verschrânkung, welche über die Begriffe Stetigkeit,
Kontinuum, Begrenztes - Unbegrenztes der Frage nach der unendlichen
Teilbarkeit, dem UnendhchUeinen und -groBen nachgeht Der Iglu als
Polygon, als Kugel über einem Würfel, ist die Quadratur des Uhbegrenz-
ten, die VérmeBbarkeit des Unendlichen, ist die Zentrierung des Menschen
im Ail, die Lokalisation im Unendlichen. Merz leugnet die Irrationalitat
sowenig wie die Inkommensurabiltat und das Unendliche, ja er stellt sie
uns vor, er imaginiert sie, aber seiner numerischen Sensibilitat folgend
ôffnet er die Schlitze, durch die das Unendliche flutet, ohne daBwir deshalb
den Boden unter den FüBen verlieren.
Merz5Kunst kündet von Irrationalitat, Inkommensurabilitat und Unend-
lichkeit, aber aus der Perspektive der Ratio, des MaBes und des Endlichen. '
Merz schlieBt die Augen nicht, um über die Abgründe zu wandem, noch
spannt er Sicherheitsnetze, noch leugnet er die Schluchten. Erversteht es,
uns im Beweglichen einen festen Platz zugeben. Er baut uns insNichts ein
Haus. Das Unbegrenzte wird weder Ueiner noch das Kleine der einzige
Fixpunkt. Er zimmert aus dem Meere selbst das SchifF. Er webt aus dem
StofF der Tiere selbst den Menschen. Er kennt Tragik und Transzendenz,
Aüsweglosigkeit und Optimismus zugleich.
Die Fibonacdzahlen kamen dem pythagoreischen Traum am nàchsten.
D enn das Verhàltnis von Diagonale d und Seite s des Péntagramms, das in
derForm d *s= s : (d-s) als „gôttliche Proportion" bzw. „Goldener Schnitt"
bekannt ist, ist durch Fibonacdzahlen am annâhemdsten zu errechnen,
wenn auch nicht ganz. Denn wie die Brüche aus aufeinanderfolgenden
Fibônaccizahlen strebt auch das Verhàltnis der grôBeren Strecke zur
Ueineren Strecke des Goldenen Schnittes einem Grenzwert zu, namlich
- = A - ^ 5 ) —1 6 1 8 0 3 . . doch ist dies wegen -/5 ein unendlicher irratio-
y z
nalerBruch, was sovielheiBtwie, daB ebender GS nicht restlos durch ratio-
nale Brüche ganzer Zahlen beschreibbar ist, sondem ein unauflôslicher,
wenn auch bei immer grôBeren FZ immer Ueiner werdender Rest bleibt -
das Unendliche (welches die Punkte ... bedeuten). Merz hat also die
Fibônaccizahlen nicht nur als Zahlen des Wachstums, der Zeit und der
Evolution gewàhlt, sondem' auch als Grenzwért des Unendlichen. Die FZ *
figuriérehals1Wachstum, Zeit, Unendlichkeit, pythagoreischer Traumund
UnmeBbârkeit in einem. Durch die FZ drückt Merz seinen Glauben an die
unendliche Evolution aus. Das Irdische nàhert sich immer mehr dem
Ewigen, das Irdische immer mehr dem Paradies, die Hôlle immer mehr
dem Himmel, das Pflanzliche, Tierische und Menschliche immer mehr
dem Gôttlichen - so wie die Fibonacdschen Zahlenverhaltnisse sich
immer besser dem irrationalen Verhâltnis x:y annâhem. Die FR schlâgt
eine Brücke zwischen zwei unversôhnlichen Gegnem, dem GS, der Sérié
irrationaler Brüche, und der Harmonik, der Sérié rationaler Brüche. Das
macht die Fibonaccireihe so geeignetfür die Symbolisierung des Imaghinà-
ren, Irrationalen und Unendlichen, fur die Darstellung der Natur und des
Organischen, im Werk von Merz.
D a wir die Geduld des Lesers nicht weiter beanspruchen wollen, beenden wir hier diese kleineExkursion in
die Zahlentheorie mit einem Ausblick aufdie noch môglichen Felder und Problème, als da sind: dieAbbil-
dungvon verschiedenen Quadraten in einem Quadrat, die numerischen magischen Quadrate, die Inver­
sion des Kreises, die Fermatschen Zahlen, Transformationen, Partial-Funktionen, numeri idonei, die
Wurzelschnecke, d as harmonische Dreieck, die P ascal’scheSchnecke, d as Diagonalverfahren, dieZ ah l
der Universalbibliothek, dieReihen, die logarithmische Spirale, die Symmetrie, dieMôbiüs-Schleife,usw.
A il diese numerischen undgeometrischen Merkwürdigkeiten haben in der Geschichte derbildendpn Kunst,
Architektur und M usik ihrétiefgreifende Wirkung gezeitigt, besondersim 20. Jahrhundert. Daher stünde
es einem grôfieren H ause einmalwohl an, dem Thema „D ieZ ahl in der Kunst des 20. Jahrhunderts" eine
umfassende Ausstellung zu widmen. Aber wahrscheinlich ist der gegenwârtigë Kunstbetrieb schon so
abgewrackt, daJS er nicht mehr im stande ist, seine eigenengeistigen Voraussetzungen zu erfassen.
Aus der Analyse der Kuriosa der Zahlenkunde konnten wir zentrale Topoi
des Merzschen Werkes wie Wachstum, Evolution, Imaginare, Irrationale,
Unendlichkeit, Inkommensurabilitat, Harmonik, Organische etc. ableiten,
die Bewegung der Merzschen Kunst erforsehen.
Ich môchte aber, wie versprochen, noch ein weiteres Beispiel fur die Reich-
weite meiner Méthode der Analyse der numerischen Sensibilitat vorstel-
len, indem ich erklàre, wie Merz von der Zabi zur Elektrizitat, vom Hasen
zumNeonkam. w A
„Ich will die Elektrizitat ins Bild aufnehmen, ich will nicht sagen, meine
Arbeit ist Elektrizitat Ich will Elektrizitat in die neue Landschaft von heute
eibführen. Hier kann man sagen, es handelt sich um eine Landschaft, eine.
richtige moderne Landschaft mit Elektrizitat, Zeitungen, Holzbühdeln,
Glas", sagt Mario Merz.
Davor môchte ich aber noch einige Hinweise zur Entstehung des Iglus
geben. Die Darstellung der Fibonaccizahlen auf dem Papier untereinander
ergibt ein spitzes Dreieck. Dieses spitze Dreieck erinnert an den Schwanz
eines Krokodils. Vielleicht liegt hier eine Inspirationsquelle fur die Wahl
dieses Tieres. Gleichsam als Bestatigung gibt es eine Arbeit, wo das auslau-
fende Dreieck der FZ in den beginnenden Schwanz eines Krokodils über-
geht. Das spitze Dreieck der FZ kann von der Flàche dùrch eine Drehung
■ ■ O
àbnlich wie bei der Phyllotaxis in ein ràurnliches Objekt verwandelt wer-
den, daim hâtes eine konische Form. Das hàufîge Auftreten konischer For-
men (besonders in der Wiener ÀussteHung), sei es aïs Objekte wie ein
geflochtener konischer Korb (1969) wie das zeltforroige Arrangement von
Stangen (1980), sei es in Zeichnungen, hat seinen Ursprung^in einer
Abwandfung der FR. Spirale wie Konus sind ràumliche Variationen der
Fiboriaicci-Reihe. Die graphische Form der FR erinnert auch an ein Zelt
VieUeicht hat das abstrakte Zelt der FR Merz zur Idee der Behausung
geführt und aus ihr die Idee des Iglus entwickeln lassen (begleitet von der
Idee des spiralformigen Schneckenhauses). Spirale, Eonus und Zelt haben
in der for Merz typischen Verschrànkung von Leere und Nicht-Leere, von
Transparenz und Nicht-Transparenz, von geschlossen und offen, von Haus
und Nichthaus, aus der graphischen Anordnung der Fibonacci-Reihe als
vertikale Achse den Iglu entstehen lassen: „Igloo FibonacciKwie eine
Zeichnung lautet. Ein weiteres Motiv, die Prolifération der Tische,
erwàchst dann aus dem Motiv dés Hauses, des Iglu.
Es zeugt von der Kraft des Denkens, der Kraft der Kunst von Mario Merz,
daB er die Beziehung zwischen Zabi und Elektrizitat, den gemeinsamen
Nenner von Hase und Néon in der Zahl, in ihrer Tiefe in der Sprache der
Kunst zur Anschauung bringen und inszenieren konnte. Schon in den BU-
dem der 50er Jahre taucht nânUich die Lampe auf: „Lampe" (1957). Elektri­
zitat ist nicht nur ein Synonym fur Schnelligkeit, Modemitât, Stadt, Künst-
lichkêit, wie schon bei den Futuristen. „Malerei ist fur mich Schnelligkeit",
sagt auch Merz. Neben dieser einen Quelle fur die Elektrizitat in Merz5
Werk ist die andre die Verbindung von Zahl und Elektrizitat.. Die Zahl
bildet nâmlich die Grundlage der elektronischen Welt.
George Boole (1815-1864) hat schon im 19. Jahrhundert das digitale Prinzip
eingeführt, in seinem Buch „Laws od Thought", der Begründung des
Logikkalküls. In diesem Buch steht der Satz „Die Bedeutung der Symbole 0
und 1 im System der Logik sind das Nichts und das AU". Er folgt dabei der
Spur des binâren Zahlensystems von Leibnitz, das darin besteht, aUe Zah-
len durch bloB zwei Ziffem (0,1) darzusteUen. Die binâre DarsteUung der
Zahlen gehôrt zur Grundlage der digitalen Welt. Denn erst mit ihrer Hilfe
kann man durch Elektrizitat Zahlen darsteUen, kann der Computer rech-
nen. Hat nâmlich der Logiker Boole die Symbole 0 und 1mit Nichts und AU
gleichgesetzt und darauf einen Logikkalkül, eine Netzalgebra etc. auf-
gebaut, so konnte der Ingénieur daraus Schaltungssysteme ableiten, indem
fur das Symbol 1Elektrizitat und fur das Symbol 0 Nicht-Elektrizitat setzte.
FloB Strom durch die Leitung hieB das 1, ÜoB kein Strom durch die Leitung
hieB das 0. Mit dieser sèquentieUen Abfolge von Strom und Nichtstrom,
von Elektrizitat und Nichtelektrizitât, von 1 und 0 konnte der Computer
(eine elektrische Maschine) Zahlen darsteUen und Rechenvorgànge aus-
führen. Die DarsteUung digitaler Zahlen (das sind Zahlen, die nur durch
zwei Ziffem ausgedrückt werden, nâmlich 0 und 1) duïch Elektrizitàt und
Nicht-Elektrizitat büdet die Basis fur die elektromsche Welt des Compu­
ters, fur unsere elektronische, digitale Welt. EinDuaUsmus, der sich aber zu
etwas neuem verbindet (nânUich zwei Ziffem, die jeweüs durch eine
andere Anordnung eine andere Zahl darsteUen), zeichnet das digitale Den-
ken aus. Dieser binâre Code ist die neue Form der numerischen Sensibüi-
tàt, der neue pythagoreische Traum: Elektronisierung derWelt. Zahl :Elek-
trizitât : Digitahsierung der Welt. Die Zahl steckt also nicht nur hinter der
Prolifération des Hasen, sondem steht auch in Zusammenhang mit der
Elektrizitàt, mit dem Licht, dem Néon. Néon als digitales Symbol, als Sym­
bol der Zahl, der KünstUchkeit.
Die Koharenz des D enkens und der Kunstvon Mario Merz zeigtsichin die-
sen Entfaltungen der Eigenschaften von Zahlen undihrer Zusammen-
hânge mit anderen Wesenheiten.
Die Koharenz ist aber in nuce schon in einer italienischen Kunstrichtung
aufgetreten, derMerz nach eigenem Bekenntnis viel verdankt: im Futuris-
mus. Die Beziehung Futurismus und Merz ist aber der Kanstkritik bisher
verborgen gebheben. Wir wollennur spezifische Punkte der Jutoistischen
Sensibilitat" (Màrinetti 1913) mit Merz in Zusammenhang bringen, nam-
lich die Verwendung von Spirale und Elektrizitat schon bei den Futuristen
als Ergebnis einer ^sensibilité italiana" (F. B. Pratella, 1915). hn Zentrum
dieser Koharenz und Verwandtschaft mit Merz steht das Manifest ,J9er
geometrische und mechanische Glanz und die numerische Sensibüitatc£
(LacerbaNr. 6,15. Mârz 1914). Nun wissenSie, woher ich einenTeilmeines
Titels bezogen habe und wie sehr ich Merz auf Italien und den Futurismus
bezogenhabe, 1915 erscheint in der Edizione futuriste diPoesiazuMailand
das Werk vonEaolo Biizzi: „EEllisse e la Spirale£c(Die Ellipse und die Spi-
raie). Die Rolle der Spirale bei F Hundertwasser und b ei dem Land Artisten
Smithson sei vollstandigkeitshalber erwâhnt. 1911 verôffentliche Corrado
Govoni das Buch „Poesie elettriche", 1909 Marinetti „Poupées électroni- [
ques“über zwei Roboter. Marinetti verfaBte sogar ein Drama mit dem Titel
„Elettricita“, das 1914 uraufgelührt wurde. Auch ein Gedicht des Titels
„Elektrizitat“von Luciano Folgore ist uns bekannt. Spirale und Elektrizitat
haben also sçhon einmal eine Rolle in der italienischen Kunst gespielt, die
von der Renaissance über den Futurismus bis zu Merz von einer numeri-
schen Sensibilitàt profïtiert und proliferiert.

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3) Karl Marx: PariserManuskripte 1844. Hamburg1969, S. 129; nach: Brigitte Wormbs: Überden Umgangmit Natur.
Basel-Frankfurt 1978.
4) Weizsâcker, a. a. 0., S. 97.
5) theodor W. Adom o: Àsthetische Théorie. Frankfurt a. M. 1970,1974, zti Schein und Ausdruck, S. 154-160.
6) nach Hans Mayer: Goethes Begriff der Realitât, in: Deutsche Literatur und Weltliteratur, S. 9-30.
7) ebd.
8) Georg Lukacs: Essay liber den Realismus. 1955, S. 52; nach: Hans Mayer, Anm. 6.
9) Mario Metz: AussteüungskatalogKunsthalie Basel, 1975 (Texte von Mario Metz, ediert und übersetzt von Marlis
Grûterich und Carlo Huber).
10) Ernst Çassirer:DieRhilosophiederSymbotischenFormen, zw eilerTeil:DasM ythischeDenken (1923-29). Darm­
stadt Ï973, Kapitel H, Grundzûge einer Formenlehre des Mÿthos, Raum, Zeit und Zahl, S. I04ff.
Tl) Marlis Grûterich: M ythische Phantasie - Poetische Aufklârung, Mario M etz - Denken wie die Natur lebt: Der
Flufi derZahlen, in: Du, Zurich, Mârz 1983; dies.: D ieBio-Logikvon Mario Merz, in:Kunstforum Mainz, Bd. 15,
1976, S. 146ff.
12) Cari Amery; Natur aïs P oiitik - D ie ôkologische Chance des Menschen. Hamburg 1976,1980, S. 37.
13) ebd., S. 36.
14) ebd., vgl. Titel.
*
ZDENEK FELIX: Krokodile, Eulen und Zahlen - Zur Malerei von Mario Metz (63-67)
Originalbeitrag, überarbeiteter Vortrag am 29. Oktober 1983 beim Kunstgesprâch der Galerie nâchst SL Stephan,
Wien; copyright Zdenek Félix 1983.
Geb. 1938 in derTschechoslowakei; 1958 bis 1963 Studium der Philosophie und Geschichtean derKarlsuniversi-
tat Prag; 1965 bis 1968 Redakteur einer Kunstzeitschrift; 1969 bis 1970 Assistent an der Kunsthalie Bem, 1970 bis
1976 Konservator für moderne Kunst am Kunstmuseum Basel; seit 1976 Ausstellungsleiter am Muséum Folk-
wang, Essen (1979 und 1982 Organisation der Ausstellungen von Mario Merz).
Veroffentlichungen: Urs Lüthi. Zürich (Ed. Stâhli) 1978; Geschichte der neuen Malerei. Von Cézanne bis heute.
Luzern (Verlag Kunstkreis) 1979; Kataloge des Muséums Folkwang, Essen seit 1976.
*
CERMANO CELANT: Der Zentaur gegen den Wind (77-94)
Text aus: Mario Merz. Ausstellungskatalog San Marino 1983, hg. v. Cermano Celant Mailand (Mazzotta) 1983;
copyright Cermano Celant 1983.
Geb. 1940 in Genua, ebd. Studium derKunstgeschichte; Gastprofessuren in Houston, Los Angeles, Philadelphia,
Toronto, Belfast, London, Chikago und Minneapolis; OrganisatorundKuratorintemationaler Ausstellungen wie
,Arte Poveia“ (1968), „Conceptual Art, Arte Povera, Land Art“ (1970), J 1 libro corne lavoro d’Arte“ (1972), „I1 disco
comelavore d’Arte dal futurismo ail’ Arte concettuale“ (1978), „AmbienteArte“ (1976), „Identité italienne" (1981),
Kommissër der Documenta 7, Kassel 1982 und der Biennale di Venezia 1984; Mitarbeit am Muséum of Modem
Art, New York, Centre Pompidou, Paris, Fort Worth Art Muséum, Muséum of Contemporary Art, Los Angeles.
VerôfFentlichungen: Monographien über Piero Manzoni, Marcello Nizzoli, Louise Nevelson, Giulio Paolini,
Francesco Lo Savio, Joseph Beuys, Michelangelo Pistoletto, Robert Rauschenberg, Robert Mapplethorpe, Jannis
Kounellis, Mario Merz; Kataloge und Publikationen zu den genaxmten Ausstellungen.
Anmerkungen:
1) A llé in diesem Aufsatz in Anführungszeichen gebrachten Zitate stammen, vtenn nicht anders vermerkt, aus
Interviews und Schriften von Mario Merz.
2) G. Durand, L es Structures Anthropologiques de L ’Imaginaire, Paris 1963.
3) C. Pavese, TI Mestiere di Vivere, Turin, Einaudi, 1953, S. 186-87.
4) C. Pavese, L a Letterature americana n e aitri Saggi, Turin, Linaudi, 1953, S. 350-351.
5) J. Chevalier - A . Gheerbrant, Dictionnaire des Symboles, Paris, 1969.
Übersetzung: Camilla R. Nielsen
*
PETER WEIBEL: Kuriosa der Zahlenkunde und die numerische Sensibilitât (95-124)
Originalbeitrag, überarbeiteter Vortrag beim 28. Interaationalen Kunstgesprâch der Galerie nâchst St Stephan,
Wien, 28. Oktober 1983; copyright Peter Weibel 1983.
Geb. 1945 in Odessa, lebt seit 1964 in Wien; Medienkünstler und -theoretiker; Studium der Medizin und Logik
(Logistik), Teilnahme an zaMreiclien Veranstaltungen und Aktionen des Wiener Aktionismus und der Film- und
Performanceszene, Ausstellungen, Installationen, mediale Aktionen, Rockmusik (Hôtel Morphila Orchester,
Wien); 1979 bis 1981 Gastprofessor für Medienkunst an der Gesamthochschule Kassel, seit 1981 Professor für
Gestaltlehre an der Hochschule für Angewandte Kunst, Wien.
Veroffentlichungen: Wien. Bildkompendium Aktionismus und Film (mit Valie Export). Frankfurt (Kohlkunst)

136
1970; Krîtik der Kunst - Kunst der Kritik. Wien-München ( J& V ) 1973; Studien zur Théorie der Automaten (Hg.
mit Franz Kaltenbeck). München (Rogner und Bemhard) 1974; Ôsterreichs Avantgarde 1900-1938 (mit Oswald
Oberhuber). Wien (Galerie nâchst St Stephan) 1976; Erweiterte Fotografie (mit Anna Auer). Wien (Sécession)
1981; Digitale Kunst Linz (ars electronica) 1984.
Anmerkungen:
1) Dr. H. v. Hug-Réilmuîh: Eirtïge Beziehungen zwischen Erotik undMathemaîik. Imago (Hg. S. Freud), Bd. 4, Wien-
Leipzig (Hugo R elier Veriag)J916, S. 52.
2) D as altchinesische „sakrale“ Rechnen begann mit 2 ( —, weibliche oderweiche Linie) und3 (-, mânnlicheoderfeste
Linie).
Daraus leitet sich auch die Bewertung der Linien bei der Deutung des Hexagramms ab, den „achi Urbildem nach
Kônig Wenu.
Leibnitz hat übrigens 1703 die Vermutung aufgestellt, die altchinesischen Zahlenthorien seien ein sinnvolles Ord-
nungsprinzip des Weltbildes a u f binararithmetischer Basis: „Erklârung der binâren Arithmetilc, die sich einzigder
Zahl-Zeichen 0 undIbedient; mitBemerkungen ûberihreNützlichkeit undüberdenSinn, densie den alten chinesi-
schen Zeichen Fo-his verleiht" (G.W. Leibnitz: Zwei Briefe ûber das binâre Zahlensystem und die chinesische
Philosophie. (Belser Presse) 1968.
JDas Überraschende daran ist, d a fd ieseA r ith m etik m itO u n d ld en S c h lü ssel iiefertzum Geheimnis der Linien-
Zeichen eines alten Kônigs und Philosophen, genanntFO-RI, dervormehrals viertausendJahren gelebt haben soll
und den die Chinesen aïs den Gründer ihres Reiches und ihrer Wissenschaft betrachten. E s gibt einige Linien-
Zeichen, diem an ihm zuschreibt"(LEIBN ITZbeziehtsich a u f diePa-kua, d ie„Acht Urbilder” oderTrigramme des
F U HSI. D er legendâre Kulturschôpfer Chinas F U B S I so ll zwischen 2953 und 2838 v. Chr. gelebt haben).
LE IB N IT Zfahrtfort:
„Sie haben aile Bezug a itf dieseArithmetik; man braucht nur das sogenannte Acht-Cova-Zeichen einzusetzen, das
als Grundzeichen gilt, und die Erklàrung anzufügen, die ins Auge springt, nâmltch, dajl erstens eine durchgehende
L in ie ( ----- ) eine Einheit oderI bedeutet und dafzweitens eine unterbrocheneL inie ( --------) fürN u ll oderOsteht.
D ie Chinesen wissen seit etwa tausend Jahren nicht mehr, was die Cova- oderLinien-Zeichen des FO-HIbedeuten;
sie haben Kommentare daruberveifajh, indenensieeinen, ich weifi nicht wie weithergehoftenSinnjurdieseZeichen
suchten, so dq/3 die RICHTIGE ERKLARUNG J E I Z T VO N D E N EUROPÂERN KOM M EN MUSSTE".
Maria-Louisevon Franz, Schülerinvon C. G. Jung, vertritt die Théorie, daj) die altchinesischeZahlenauffassungmit
derld ee des Zahlenféldesverknüpft ist, in dem dieeinzelnenZahlen als„rhythmischeKonfigurationen"aiftreten:
J n den entsprechendenJVeltmodellen'undmathematischen Gotiesbilderh dominiert dieBedeutungder erstenvier
Zahlen in besonderem MaJIe, ebenso in den systematisiertenDivinationstechniken der Vergangenheitu. Im Klappen-
text ihres Bûches „Z a h l und Zeit. Psychologische Ûberlegungen zu einer Annâherung von Tiefenpsychologie und
Physiku (Stuttgart [K lett] 1970) wtrd bemerkt: J ) e r Archetypus (im Sinne C. G. Jungs) wird in seinem Ordnungs-
paket, als welcher sich die Za h l erweist, zu einer neuen naturwissenschaftlich beschreibbaren Grundlage, die einer
Reihe von Disziplinen gemeînsam istu. Übrigens stammt auch das âlteste magische Quadrat aus China. E s wurde
dem Kaiser Yü durch die heilige Schildkrôte vom Flusse L o zugebracht:

3) N atürlichmit den Einschrânkungen, dieBombierivorbringt:„Therearevery many oldproblems in arithmeticwhose


interest is practicaily rich, e. q. the existence ofoddperfectmm bers, probiems about thé itération ofnumencalfonc­
tions, theexisîence ofinfinitelymahyFermaiprimes 22n+Ietc.Somèbfthequestionsmayverywellbe.vndecidable in
arithmetic; the construction ofàriihmetical modelsin which qttestions ofthis type hav.e different answerswould be o f
great importance" (in:Browder[Hg.J:MaîhematicalDevelopments arisingfrom.Rilberis'sProblems.Proc. Symp.
Pure Math. 28 (1976). (American Maîhematical Spcîety), R [A], S. 36) ' ' . ' '
4) Doch auch in der Gegenwart zeitigten die Eigenschqften der Fs noch sehr brauchbare Resultate. Matyasevic hat in
seiner berüJunten (negativen) Lôsung des 20. Rilberischen Problems die-Reihe der Fibonacci-Zahlen wesentlich
benutzî, da diese exponentiel! (also stark) wachstund diophantisch defmîerbar ist. D ie FR ist die erste bekaant
gewordene exponentiell wachsende Folge in derLiteratur. Diesem historischen Faktum verdankt sie viel von ihrer
Faszinaîion undSteîiung.
5) „M usik ist eine verborgene arithmetische Übung des seines Zâhlens unbewujken Geistes " lautet die Définition der
M usik bei Leibniz. Bachs Goldberg-Variationen (1742)f ü r Cembalo, dreiflig Variationen, a u f einem durchgehenden
Passacaglia-Bass aufgebaut, sind ein berühmtes BeispielfurmusikalischmathematischeProportionen. Vergleiche
auch die rationaleÀsîhektik derhomophonen Kompositionstechniken dermonodischen Harmonielehre, welche die

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Einfûhrung des Generalbasses in die Musikgeschichte mit sich brachte, bei Monteverdi, dem Begrûnder der
modemen Musik.
6) DieFolgederQuadratzahlen(9n— "2:9 o = 02,9 j = l 2= l,9 2 = 2 2= 4 , . . ■ )hat auch e'mesehrschôneDifferenzfolge, die
Folge der ungeraden Zahien (1, 3 , 5 , . . . ) . Auch hier wiederum die typische VerschrSnktmg intuitiver Gegensâtze
(Quadratzahlen- ungerade Zahien).
7) E s s e i a (= ~ * 2 • ) eine W u r z e lv o n X = l + -j-, a l s o a - l = - ^ - u n d x „ + I= f „ + f„ , w obeif„+ I = f „ + f „ _ ,f ü r n > 2
(sprich: n grôfier als 2) OJfenbargilt x n > I.
ct-x„ + /= r a - / j 4 ~ = - j - - ^ = < - ^ -( x „ -a ) ,d a x „> l
Damit sindX 2, X j , . . . abw echseind> (grôjier) bzw. < (kieiner) als a u nd |a - x „ + 2|<-^-|a - jci| wobei a > l .
 lso: x „ konvergiert gegen a und damit wachst f „ exponentiel!.

Literaturhin-weise:
A d o lf Adam: ZurStmkturanalyse altchinesischerZahlenpISne. FSnftausend JahreInformatik im Femen Osten. In:
Informatîka. U n z (Institut fü r Systemwissenschaften) 1980.
Oskar Becker: Grundlagen der Mathematik in geschichtlicherEntwicklung. Frankfurt a.M . (Suhrkamp stw 114) 975.
Pau! Gohlke: D ie ganzen Zahien im Aujbau der WelL Paderborn (Schôningh) 1965.
Otto Hagenmaier: D er Goldene Schnitt. München (Moos) 1977.
K S . Andrews: Magic Squares and Cubes. New York (Dover) 1960.
Helen Fouché Gaines: Cryptanalysis. New York (Dover) 1956.
Helmut Kracke: A ns eins mach zehn und zehn ist keins. Reinbek (rororo) 1970.
R u dolf Haase: D er mejlbare Einkiang. Stuttgart (Klett) 1976.
J. A . H. Hunter, J. S. Madachy: Mathematical Diversions. New York (Dover) 1975.
H. v. Hug-Hellmuth: Einige Beziehungen zwischen Erotik und Mathmatik. In: Imago IV, 1., Wien 1915.
The Mathematical Intelligencer, Vol 5, Nr. 2. ‘1983.
Alfredo Niceforo (Neapel): Kultur und Fortschritt im Spiegel der Zahien. 1921.
E. Zederbauer D ie Harmonie im Weltail, in derNatur und Kunst. W ien-Leipzig (Orion) 1917.
*
ROBERT FLECK: Mario Merz, die Plasük, Italien und 1968 (125-133)
Überarbeiteter Vortrag beim 28. Intemationalen Kunstgesprâch der Galerie nâchst SL Stephan, Wien, 29. Okto-
ber 1983; copyright Robert Fleck 1983.
Geb. 1957 in Wien; Studium der Leibeserziehungen, Géographie, Geschichte und Philosophie in Wien, Inns-
bruck und Paris; Mitarbeit in Galérien; lebt seit 1981 in Paris und Wien als Historiker und PublizisL
Verôffentlichungen: Avantgarde in Wien. Die Geschichte der Galerie nâchst SL Stephan, Wien1954-1982. Kunst
und Kunstbetrieb in Ôsterreich. Wien-München (LScker) 1982; Feuilletonbeitrâge in: Spectrum, Wochenend-
beiiage von J9ie Presse11, Wien; Wellpunkt Wien 1985 - Vienne point du monde 1985. Wien-München (Lôcker)
und Paris (in Vorb.); Kunstlexikon Ôsterreich 1945-1985 (mit Soraya el Cordy). Wien-München (Lôcker) in
Vorb.; Die Revolutionen von 1848 in Europa - Form und BegrifF. (Vergleichende Gesellschaftsgeschichte und
poliüsche Ideengeschichte der NeuzeiL bg. v. Helmut Reinalter). Innsbruck (Inn-Verlag) in Vorb.
Hinweise:
Der Text (Vortragskonzept) wurde mit einem Kleincomputer Epson HX-20 erstellt und nach der Lektüre von Gilles
Deieuze: L'image-mouvement. (Paris 1983) konzipiert.

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BILDNACHW EIS

Seite
15 Mario Merz: o. T. (Ausstellungin der Galerie nâchst SL Stephan, Wien 1983). 270 x 220 cm. (Copy­
right ebd-)
21 Francisco de Goya y Lucientes: Satum verschlingt einen seiner Sôhne. 1819-23. Museo de Prado,
Madrid.
24 Constantin Brancusi: Prométhée, 1911.
25 Constantin Brancusi: L’oiseau, 1925..
26 Jackson Pollock: Number One, 1949.
27 Joseph Beuys: Altes Meer mit Flugechse, 1956.
33 Bemaltes Lastauto, Pakistan 1981 (Foto S. 33,34,35,36,37,39, Karl Wutt, Wien).
34 Ein B ubzeigt seine Zeichnungen her: Ziegen und ein Hirte oderJâger, mit dem ersich selbstmeint. Man
sieht, w iesich einguterTeiiderOrnamentikundder Rangsymbole aus stilisiertenZiegenhôrnern entwik-
kelt-DieZiegeisteinSchlûsselsym boIderKaiash-Kultur,im m erwiedertauchtesaufoftinüberraschen-
den Zusammenhângen.
35 Kinderspielerei: Ein Steinbockgehôm aus Domen.
36 Schematische Pianskizze eihes Dorfes mit Instilutionen und Rituaibereichen. I: Ziegenhaus-Bezirk, II:
Familienhaus-Bezirk; 1 ,2 : Klan-HSuser, 3: Dorfiicher Kullpiatz (deva-dur), 4: Kan-FriedhSfe, 5: Tabu-
Bereich, das aite, nicht mehr benützte Menstruationshaus. D as neue liegt am Fiufi in FriedhofsnShe. 6:
Denkmaipfosten f ü r Festgeber, 7: Tanzplâtze, 8: Ort derrituellen Totenspeisung.
37 Lastwagenmalerei.
39 ÂlIjShrliches Bemalen der Kan-Hauser. D ieB iid er der Klan-HSuser sind den Feiszeichnungen SImlich
und Gegenstücke davon. In be'tden Fâllen sindvorallem Kapriden, Haus- und Wildziegen, dargesteilt. In
diesen doppelten Bildnissen, aïs Rufimalereien der Klan-HSuser und Feiszeichnungen der Taloberseiten,
drûckt sich der Gegensatzzwischen unbewohnter Wildnis und dem Dorfdus. - Nachdem das KJan-Haus
frisch bernait worden ist.m r d darin am Ende derfolgenden Nacht d asB ild einer Wildziege zerstôrt. Es
ista u s Teigverfertigt und steht an der „oberen" WandLIn einer rituellen Jagd erlegen es die Knaben mit
Steirrwûrfen oder einem vinzigen P feil ûndBogen. Nachdem man die Wildziegen heraufbeschworen und
mit ihren Bildem die Kan-H auser emeuert hat, werden siem it vie! Radau ausdemDotfausgetrieben und
in die Felsbilder von Dizilawat am oberen Talendegebannt. Dizilawat bedeutet „Ort der Schôpfung".
Wenn man ein Kan-H aus nicht emeuem kann, sieht man seinem Verfail mit Gelassenheit entgegen und
rührt keinen Finger. Andererseits hait man bis zuletzt an den Orten verfallener Ka n-H âuserfest und
frischt noch ihreschwSchsten Spuren ailjShrlich, wenn es so weitist und dieZeitvon neuem beginnt, mit
den traditionellen Malereien auf.
42 Mario Merz: Che fare?, 1969. Galleria LAttico, Rom.
43 Mario Merz: o. T., ca. 1960. Ô1 auf Leinwand, 100x70 cm.
44 Mario Merz: Portrât einer Mauerechse, Porttâts von einem HShnerhabicht und einer Sphinx, die
50.000 Jahre vor dem Jahr 1983 bâttén gemalt werden sollen, 1983. Galerie Buchmann, Basel.
(Copyright ebd.)
46 Mario Merz: SchweiBer, 1956. Ô1 auf Leinwand, 70 x 100 cm.
47 Mario Merz: Portrât einer Mauerechse, 1983. Galerie Buchmann, Base). (Copyright ebd.)
49 Mario Merz: Pittore in Afrika, 1983. Galerie nâchst SL Stephan, Wien. (Copyright ebd.)
50
.51
52 .
54 Mario Merz: Ausstellung in San Marinb, 1983. (Foto: Mariis Grütetich)
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57 unten ” .
59
60 :
61 :.-■■■ .. V ■■■■•. ,
57 oben Mario Merz: Wachskonus, Turin 1968:
67 Mario Merz: Ein Brett mit FüBen wird zum Tisch, 1974. Installation in der Kunsthalle Basel, 1975.
(Foto Christian Baur, Basel)
68 Mario Merz: Baum in Prolifération, 1976. (Foto Paolo Pellion di Persano, Torino)
69 Mario Merz: Krokodil, 1978. (Foto S. Licitra, Milano)
70 Mario Merz: Krokodil in der Nacht, 1978. (Foto Paolo Pellion di Persano, Torino)
71 Mario Merz vor „Objet câche-toi“, 1968. (Sammlung GrâBlin, SL Georgen)

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