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Violeta Berisha
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12047 Berlin
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Datum: 21.01.18 20:30:18

Sehr geehrte(r) Violeta Berisha,

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Bestelldatum: 21.01.18 20:25:58


Bestellnummer: 100012215
Titel: TITANIC Heft Januar 2018

TITANIC Verlag GmbH & Co. KG, Amtsgericht Charlottenburg, HR A 22 760


pers. haftende Gesellschafterin: Georg-Büchner-Verlagsbuchhandlung GmbH, Amtsgericht Charlottenburg, HR B 16 965
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A 4352
Januar 2018
Nr. 1
D  4,50
A  4,60
Lux  5,30
CHF 8,00
ES  5,20

0 10 8
4 41 91 9 19 51 25 24 04 40 54 05 0 0
Das Ende
der alten
weißen
Männer
Ihr Stolz.
Ihre Leidenschaft.
Ihr Versagen.
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01/18  3
Einführung
in die deutsche
Antisemitismuskultur
Für Antisemitismus gibt’s
in Deutschland keinen Raum.
Seit neunzehnhundertfünfundvierzig
ist er aus: der Traum.

Die Regel gilt für alle hier,


drum wird es nicht goutiert,
wenn in Berlin der Araber
den Davidstern flambiert.

Wer heut was gegen Juden hat,

Moritz Hürtgen
der darf’s nicht übertreiben,
muß recherchieren und es in
die »Süddeutsche« reinschreiben.

Liebe Medienkonsumentinnen und -konsumenten!


Erinnern Sie sich noch, als im Dezember des Jahres 2008 So möchte ich Sie fragen, mit leicht zur Seite gelegtem
Madonna Lukas Podolski geheiratet hat oder im Dezem- Kopf, zwinkernd aufblickend: Hatten Sie im vergange-
ber 1999 erstmals Flugzeuge ins World Trade ­Center nen Jahr auch das Gefühl, daß das Wetter unstet war,
geflogen sind oder im Dezember 2016 Wurstwasser zum die Kinder erstaunlich fröhlich und daß nach Blues,
Weltkulturerbe erklärt wurde oder an den Tsunami im Rock, Jazz, Hiphop sich weiße Männer mal wieder
Indischen Ozean im Dezember 2004? Natürlich nicht! der schwarzen Subkultur räuberisch bedient und Bill
Wie auch? Sämtliche Jahresrückblicke enden mit dem ­Cosbys ­Belästigungsnummer massentauglich gemacht
November. »Zeit«, »Spiegel« usw. bringen Anfang Dezem- haben? Nein? Dann liegt das wahrscheinlich daran, daß
ber Extraheftchen in den Papiermüll, Entschuldigung: Sie im Grunde Ihres Herzens kein Rassist und Sexist
an die Kioske, das ZDF sendet etwas mit »Menschen« sind, so wie ich es bin.
und Jahreszahl im Titel, RTL dagegen »Menschen, Jau- Haha. Sind Sie wohl! Denn wenn eines 2017 klar
che, Emotionen«. Nur in TITANIC ist das anders: Hier geworden sein sollte, dann ja wohl, daß die Normali-
wird erst zurückgeblickt, wenn die Party wirklich vor- sierung von Trump, AfD & Co., die Akzeptanz von inhu-
bei, die Messe längst gelesen ist. Denn gerade in diesem manen Ideologien als Teil des öffentlichen Diskurses,
Dezember sind Dinge passiert, die das Jahr 2017 beson- daß der penetrant in allem wirkende Antisemiti …
ders, ja einmalig machen: z.B. überschäumende Abnei- Ach, wissen Sie was? Man erklärt mir immer wie-
gung gegen Israel (i.e. Juden), die Bahn hat technische der, warum mein Pessimismus einer altersdeformierten
Probleme, und die SPD macht sich lächerlich. ­Psyche entspringt, und trotzdem werde ich das Gefühl
Die einzig zuverlässige und umfassende ­Jahreschronik nicht los, daß gerade Sie, die vermeintlich Guten, es
liefert Ihnen abermals Eckhard Henscheid (S. 24/25), der sind, die mit Kompromissen zum falschen Zeitpunkt
Mann, der stets jede Rückblickserwartung erfüllt. Ich und dem Nähren des Gewissens mittels der Gedanken-
dagegen, der mit dem Jahr 2018 in sein letztes als Chef- früchte anderer armer Seelen – wie denen, die das vor
redakteur geht, möchte das auf eine persönlichere Art Ihnen liegende Heft produzieren – doch Teil des Pro-
erledigen, Rückschau halten, als sei ich ein Facebook- blems sind. Jedenfalls keine Lösung.
Timelinevideo, auch mal durch­blicken lassen, daß wir Huch, das wurde ja jetzt wirklich persönlich. Sorry,
hier keine zynischen Roboter sind, den Menschen hin- Emoticon.
ter dem Unmenschen zeigen, den dummen August hin- In diesem Sinne: Frohes Neues!
ter der Clownsmaske. Ihr

4  01/18
Zitat des Monats

Inhalt Heft 459 / 39. Jahrgang


Pflichtblatt für Roy Moorerüben
Titel: Ella Carina Werner, Tim Wolff, DPA

G ef
aus Mörder t
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Europder
äis ch
Union en

»Carglass
repariert, 3
6
Startcartoon
Briefe an die Leser
Carglass HÜRTGEN 14 Hausmeister bei der AfD

treibt ab.« STEFAN GÄRTNER 20 Ran an die Mutti


Carglass, Werbeabtreibende 22 Now I’m Mister Bolte
ECKHARD HENSCHEID 24 Jahresrückblick
GUNNAR HOMANN 26 Ihr gutes Recht

27 Deutschland, deine Bringdienste

TITANIC intern DANIEL SIBBE 28 Mutmaßungen über Melanie Schmitz


ELLA CARINA WERNER 30 Zukunftsutopien von morgen
HEINZ STRUNK 32 Intimschatulle
LICHTER / SIBBE 34 Megatrend Handwerk
WOLFF/ HINTNER 38 Das Leben umgestaltet
KARL LAGERFELD 41 Vom Fachmann für Kenner

43 Keinen Kaffee aufs Haus

Thomas Hintner im Glück: End- TORSTEN GAITZSCH 44 Brutal beliebt: Brutalismus


lich Bitcoin-Millionär!
HANS MENTZ 48 Humorkritik
Monate-, wenn nicht jahrelang
wartete Internetkenner Torsten 50 Ehrenamtlicher Kannibale
Gaitzsch auf die Gelegenheit,
­diesen Scherz ins Heft zu brin- 52 Die einzigartige Neandertalerin
gen. Doch als sich mit dem Boom CORNELIUS OETTLE 54 Triumph des Scheißdreckschauens
des virtuellen Geldes die Gele-
genheit ergab, mußte er gemein- TITANIC-DENKFABRIK 55 KORREKT – Forum für Mensch & Meinung
sam mit den Kollegen schockiert
feststellen: Dann müssen wir ja 58 Donkey-Schotte in der Fuzo
­Bitburger trinken! Einen Kasten
später (na ja: fast einen Kasten)
HÜRTGEN / LICHTER   60 German Horror Story II
dann die Erkenntnis: Das fürs 64 Hier lacht der Betrachter
Foto nötige »Kleingeld« kriegen
wir nie zusammen. Also wird der SCHLUSSREDAKTION 66 Abgelehnt
Witz in der Metarubrik »TITANIC
intern« verklappt und schön Rot-
wein getrunken.
01/18  5
Sie nun wieder, Gutes hin.« Das können wir uns
vorstellen. Aber mal im Vertrauen,
Katrin Boring- Katrin Gaga-Eckardt II.: Wieviel
Eckardt, Kohle wäre denn am Ende für Sie
drin gewesen, hätte Ihnen der FDP-
erzählten neulich bei Spon, daß Lindner nicht einen Strich durch die
Sie bei den sogenannten Jamaika- Regierungsrechnung gemacht? Ach,
Verhandlungen als erste protestiert das Doppelte?
hätten, nachdem Sie sich auf so Respekt, Respekt, Sie flach­
etwas wie eine Flüchtlingsober- atmender Deckel, Sie! Titanic
grenze eingelassen hatten: »Der
erste Gegenwind kam übrigens von
mir gegen mich selbst. Das war für
mich eine richtige Zumutung. Ich Obwohl Sie,
habe an dem Morgen, an dem ich
darüber nachgedacht habe, gelitten Paul Jandl,
wie eine Hündin.« Ihrerseits munter weiterpubli­
Dann aber hätten Sie noch mal zieren, bekunden Sie in einem Arti-
viel genauer und intensiver überlegt, kel in der »Neuen Zürcher Zeitung«
wobei das hier rauskam: »Aber am doch Verständnis für die Entschei-
Ende dachte ich bei Landwirtschaft, dung des Dichters Reinhard Jirgl,
bei Vorratsdatenspeicherung, bei hinfort nur noch für die Schublade
Sagen Sie mal, ­berühmte Virilität, die jetzt allent- Kohle… Ja, da bekommen wir was zu arbeiten, denn: »Die Entschei-
halben so bedroht sein soll?
Präsident Steinmeier, In dem Fall lehnt sich zurück und
so hatten Sie sich das nicht vorge- wartet den Sieg des Feminismus
stellt, oder? Da will man in einen ab: Titanic
wohlverdienten, gutbezahlten Ruhe-
stand gehen, gespickt mit kosten­
losen Häppchen und – zuge­geben –
leicht nervigem Selfie­gemache, und Nicola Beer!
plötzlich hat man statt entspannter Gerade in letzter Zeit war es ja
Ehrenamtsverwesung die Mitver- recht schwierig, die FDP inhaltlich
antwortung für die politische Zu- einzuordnen, unter so vielen flirren-
kunft eines ganzen Landes in den den Instagram-Filtern und -Stickern
Händen. war ihr greises Haupt verborgen. Da
Aber keine Angst, wir sind Ihnen finden wir es schön, daß Sie als
nicht böse, wenn Sie dieser Tage ein ­Generalsekretärin in der Taz doch
bißchen überfordert sind – wir einiges wieder geraderücken: »Wir
haben Sie ja eh nicht gewählt. vertreten Menschen aus der Mitte
Ihre Demokraten von der der Bevölkerung. Letztens sagte mir
Titanic beim Schuhekaufen eine Verkäufe-
rin: Toll, daß Sie Haltung bewahrt
haben, machen Sie weiter so!« ­
Hey, Männer! Ungemein plastisch konnten wir
Ganz ehrlich, was ist nur mit uns diese Szene ausmalen: Sie, herr-
Euch los? Auf den Straßen rotzt Ihr schaftlich im Probiersessel thro-
Euren Dreck aus den Nasenlöchern nend, mild gen Boden blickend, wo
direkt auf den Asphalt, nachdem Ihr eine bucklige Niedriglöhnerin Ihnen
ihn genüßlich und lautstark durch Stiefel anzieht, deren Preis ihr
den Rachen nach oben gezogen ­Nettogehalt locker übersteigt, und
habt, und wenn ein Stück des dabei noch »toll« und »hurra!« aus
Schmodders auf Eurem eigenen dem zahnlosen Mund ruft: Tableau!
Ärmel landet, ist es Euch grad egal. Da war sie wieder, die gute alte
Wo man geht und steht, da steht FDP, wie man sie kennt und haßt, da
auch Ihr und pinkelt wild an Bäume, war die Welt wieder in Ordnung.
Sträucher, Strommasten. In der Deshalb auch von uns ein herz­
­U-Bahn torkelt Ihr besoffen herum liches »Weiter so«: Titanic
und spuckt einem noch kurz vor
dem Aussteigen vor die Füße.
Mitten im Herbst steht Ihr auf
­
Balkonen herum, wendet Quäl-
­ Hallo, Hamas!
fleisch auf einem Elektroofen und Nachdem Mister Trump Jerusa-
nennt es »Abgrillen«. Und dann, lem als Hauptstadt Israels anerkannt
immer mal wieder, dreht einer von hatte, riefst Du laut verschiedener
Euch komplett durch und rennt um Medienberichte wütend dazu auf,
sich schießend durch die Gegend die USA zu »untergraben«. Klar,
oder fährt mit einem Lkw absicht- Deine Tunnelbaukünste sind
lich in Menschen hinein. ­berühmt-berüchtigt, aber in diesem
Männer, geht’s eigentlich noch? Fall dürftest Du Dir vielleicht doch
Wir sind ehrlich besorgt um Eure ein bißchen viel vorgenommen
Gesundheit – und schon längst nicht haben. Nein?
nur um die körperliche! Oder, Anerkanntermaßen unterirdisch:
­Moment … Ist all das etwa diese Titanic
6 01/18
titanic01:TITANIC-Israel 13.12.2017 11:21 Uhr Seite 1

konkret
dung, für die Schublade zu arbeiten, Sky durch den vorgeblichen Nach-
ist ein Privileg des Schriftstellers. richtensender N-TV ersetzt.
Kein Metzger und kein Postbeamter Die Atmosphäre in Deinem
würde der Öffentlichkeit auf diese ­Fitnessstudio, wenn anstelle neue-
Weise seine Meisterwerke entzie- ster Berichte über die Wehwehchen
hen, keines seiner halbgaren Früh- deutscher Fußballspieler Kriegs­
werke würde im Dunkel eines gerät, Schützengräben und in letzter
­Möbels auf bessere Zeiten warten. Konsequenz Leichenberge über die
Auf qualifizierte Öffentlichkeit.« Bildschirme flimmern, gibt dem
Genau. Denn man stelle es sich Begriff Volkskörper doch gleich
­
vor: das halbgare Frühwerkgehackte eine neue Wendung. Ihr Schlawiner
halb und halb, das im Dunkel eines aus dem lustigsten Dorf Frankfurts
Metzgermöbels auf bessere Zeiten wußtet es ja schon längst: »Fun ist
wartet, ganz zu schweigen vom ein Stahlbad.«
Mief der Briefmarkenmeisterwerke Leibesertüchtigt: Titanic
in jenem des nicht privilegierten
Postbeamten!
Arbeitet weiter für die quali­
fizierte Öffentlichkeit: Titanic
»Stinksauer«,
Robert Habeck
(Grüne),
Wirklich, seien Sie nach dem Jamaika-­
Kollaps auf die FDP gewesen.
Andreas Zielcke? »Aber«, so beteuerten Sie im
Stimmt es, wie Sie in der »Süd- »Spiegel«-Gespräch mit staatsmän-
deutschen Zeitung« über eine mög- nischer Rücksicht auf Ihren Kieler
liche Amtsenthebung von Donald Koalitionspartner rasch und »deut-
Trump sinnierten, daß zwar »die lich versöhnlicher«: »Zwei Tage
weltweite Erleichterung« darüber später ist der Pulverrauch abgeklun-
»kaum auszudenken« wäre, und sie gen.« Und nur der Metaphernsalat
deshalb »je eher, desto besser« statt- vibriert noch vor Wut?
finden sollte, allerdings und dum- Stets zur Stelle, wenn der
merweise »das Damoklesschwert Schlachtenlärm verblaßt: Titanic
des Impeachment zu hoch« hängt
oder »zu stumpf« ist, weil es u.a.
»an extrem hohe, fast unerfüllbare
Bedingungen geknüpft ist«?
Zeig Dich,
Und wenn’s denn stimmt – sollte unbekanntes
nicht gerade die Kombination aus
hoch und stumpf dazu taugen, ­Synchronstudio,
Trump zwar vielleicht nicht sauber welches Du den schwedischen
zu enthaupten, ihm aber doch das Film »The Square« für Deutschland
Genick zu brechen, mindestens aber lokalisiert und dabei den im letzten
die Frisur zu richten? Heft angemahnten Imperativ-Faux-

Regier!
Ihre stumpfen Traumatherapeu- pas »Les noch mal, les noch mal«
ten von Titanic ­begangen hast! Wegen Deiner Unre-
cherchierbarkeit hat nämlich der
diese Rubrik betreuende Redakteur

Mich! Jetzt!
fälschlicherweise an die Metz-Neun
Mensch, SWR! Synchron Studio- und Verlags
Interessant war Deine Sendung GmbH adressiert – die allerdings
»So geht Burg heute – Die Manage- ­lediglich für einen gleichnamigen
rin der Burg Hohenzollern« aus der australischen Streifen aus dem Jahr
Reihe »Mensch Leute« leider nicht.
Wir empfehlen Dir statt dessen
2008 verantwortlich war. So geht’s
ja nun nicht! Also: Ergeb Dich. Ein Volk sucht Führung
unser Feature »So geht Deutsch Bitte.
heute immer noch nicht« aus der Lost in translation: Titanic
Reihe »So geht Fernsehen heute AB 3. JANUAR ÜBERALL AM KIOSK
­leider immer noch«.
Geht immer: Titanic Geil, Echte-Kerle- Ja, ich will konkret drei Monate für 9,50 Euro unverbindlich testen.
Chemie-Panscher Meiner Bestellung liegen  Scheck  Bargeld  Briefmarken
in dieser Höhe bei. Das Probeabo endet automatisch nach Ablauf der
Sport frei, Turn­ Axe, drei Monate. Ein Normalabo kostet 55, Studenten zahlen 45 Euro.

gemeinde Bornheim finden wir Deine neueste Aroma-


Verheißung »Leder & Cookies«.
1860/Frankfurt a.M.! Und fragen uns, was Du Deiner
Name, Vorname

Du stellst Dich neuerdings schlichtgestrickten Testosteron- Straße, Hausnummer, Telefon


­ einer gesellschaftlichen Verant-
D Kundschaft als nächstes andrehen
wortung und hast Dein Engagement wirst. Latex & Brownies? Lebku- PLZ, Wohnort Datum, Unterschrift

von Volksgesundheit auf -erziehung chen & Beton? Oder ganz einfach COUPON SENDEN AN: KVV KONKRET, EHRENBERGSTR. 59, 22767 HAMBURG
ausgedehnt, indem Du in der fuß- proletarischen Unterarmgeruch? ODER: WWW.KONKRET-MAGAZIN.DE

ballfreien Zeit den Pay-TV-Sender Hechel! Titanic


01/18 7
Chören zu zuverlässig lähmendem z­ errissen und verschlissen worden
Langeweile-Chill verbraten, nun sein, daß Eingeweihte an der Art
murmelst und kreischst Du auf Dei- und Weise der Risse verborgene
nem neunten Studioalbum »Utopia« Nachrichten erkennen und aus­
erneut in obligatorisch überkan­
­ tauschen können.
didelter Karnevalsverkleidung abso- Laßt also die Knitterhosen besser
lut frei von Selbstzweifel irgend­ zu Hause. Und schneidet vorher
welche Töne aus Dir hinaus, sämtliche Geheimbotschaften wie
wurschtegal welche, und doch »W34/L32«, was ja wohl eindeutig
­irgendwie immer die gleichen … als Koordinaten für einen Anschlag
Und warum auch nicht? Solange interpretiert werden muß, aus Euren
Millionen zahlende Fans nicht nur sonstigen Kleidungsstücken heraus!
Danke, ZDF-Info, felsenfest daran glauben, daß Dein Rät Titanic
für Deine aufrichtige Plakat­ Gehabe und Getue Kunst ist und
werbung mit dem Spruch »Hitler­ Dein mageres Mini-Eiland ein
dokus sind so 1933? Wir zeigen magischer Mythenfels, solange
­ sich nach der Seife bücken muß, und
auch ­Rassisten von heute.« Warum darfst Du das auch. wenn man entlassen wird, ist man Sehr gelungen, werte
auf dem Hintergrundbild dazu aller- Findet Titanic gesellschaftlich geächtet und am
dings der Ku-Klux-Klan zu sehen Existenzminimum angekommen. Bundesregierung,
ist und nicht eine typische Lanz-­ Kommt Ihnen bekannt vor? Dann finden wir Deinen »Ratgeber
Talkrunde mit, sagen wir, Markus besser nicht rückfällig werden. zum Weiterarbeiten nach Renten­
Söder, Rainer Wendt, Boris Palmer Anton Schlecker, Kostenlose Rechtsberatung von beginn«, welcher uns beim letzten
und den Alices Weidel und Schwar- Titanic ­lästigen Behördengang untergekom-
zer, fragt sich Titanic alter Drogerieboß! men ist. Vom Titelblatt lächelt den
Da sind Sie ja noch mal mit Betrachter krampfhaft eine Greisin
blauem Auge und grauem Haar Paßt bloß auf, mit toten Augen an, und auch drin-
­davongekommen, konkret: mit einer nen ist man einverstanden, ja gera-
Gut gebrüllt, zweijährigen Bewährungsstrafe, zu Türkei-Touristen! dezu dankbar, Vater Staat nach
der Sie das Landgericht Stuttgart Die Istanbuler Zeitung »Yeni ­läppischen 50 Jahren Erwerbsarbeit
Björk (50)! wegen dann doch nur »einfachen« Akit« hat nämlich entdeckt, daß nicht faul auf der Tasche liegen zu
Jahrzehntelang hast Du kleines Bankrotts verurteilt hat. Erdoğan-Gegner und feindliche müssen. So arbeitete etwa ein Karl
isländisches Trollmädchen sämt­ Mithin bleibt es Ihnen vorerst er- Agenten einen ganz infamen Trick Schünemann, 72, frei nach Oliver
liche Musikgenres von vertracktem spart, in einen lebensfeindlichen, benutzen, um geheime Botschaften Kahn »einfach immer weiter«. Die
Free Jazz bis zu verblasenem engen Ort einzurücken, wo es auszutauschen: Ripped Jeans. Diese mannigfaltigen Vorteile fröhlicher
Elektrotrance abgegrast und mit ­komisch riecht, man kaum andere
­ sollen nach Ansicht des islamisti- Selbstausbeutung liegen auf der
­Tablas, Panflöten und Eskimo-­ Menschen zu Gesicht bekommt und schen Blattes sehr sorgfältig so Hand bzw. stehen jedenfalls im

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TITANIC-Naturkritik Eh herzlos: Titanic
dahin lebenslang fressen müßte.
Preis der Tabletten, die man bis
DIE PAWLOWSCHE erlangen ist. Und natürlich um den
der nur um den Preis des Todes zu
PROPULSIV-PERISTALTIK Gesundheit wäre dann ein Zustand,
druck gänzlich zu pathologisieren?
DER PANSENLOSEN nicht noch geschäftstüchtiger, Blut-
mente verschreiben kann. Wäre es
… nein. Also Ahnung – Ahnung haben lich blutdrucksenkende Medika-
die alle nicht. Bedaure. Niemand von ner krank sind und man ihnen folg-
denen. Diese Herren und Damen Ver- nun 46 Prozent aller US-Amerika-
dauungsphysiologen, die da in ihren 130:80 gesenkt. Das bedeutet, daß
Labors sitzen und sich das Gehirn Bluthochdruck von 140:90 auf
aus dem Kopf denken: viel Fleiß, aber haben neulich den Grenzwert für
keine Ahnung, leider. Nicht einmal Eure amerikanischen Kollegen
die blasseste. Nicht einmal den
allerleisesten Hauch eines Schattens
Hallo, Herzexperten!
einer Ahnung. Selbst die kleinste Bohne
eines auch nur Ahnungsschimmers fehlt Buch auf sie losläßt, nicht wahr?
ihnen. Das kaum sichtbare Glimmen einer Titanic Quatschgeschichten aus dem dicken
mikroskopisch winzigen Andeutung eines Dankt für Ihre Aufmerksamkeit: gar nicht versorgt und ansonsten
ersterbenden, röchelnden Funkens einer Ahnung – … Ja, okay, schon rotiker. Logo, das geht nur, wenn man sie
kapiert. Bitte? Ich hab’s verstanden. Botschaft angekommen! Was erlau- bitte lösen: Sie sind ein Möbel­neu­ auf sie losläßt – das geht nicht.«
ben Sie sich? Ist das so ein journalistischer Kniff, um Distanz herzustellen?
Um den Zuhörern zu signalisieren: »Hey Leute, wir interviewen heute eine
noch zuzugreifen.« Wir möchten ­a nsonsten Unterhaltungsindustrie
umstrittene Querschnauze, da muß ich freche Zwischenkommentare
immer das sei. »Man braucht bloß Grundeinkommen versorgt und
pitchen, damit ich mich nicht gemein mache, denn ihr wißt ja: Ein guter
zu bleiben«, welches Bild auch man einen großen Teil mit dem
Journalist macht sich mit keiner Sache gemein – und ich bin nicht einmal
net und den Safe auch, um im Bild eine Gesellschaft aufbauen, indem
ein guter Journalist, ich…« Sorry, sorry! Alles, was ich sagen wollte, war:
Hat die Türen sperrangelweit geöff- kratie« sei: »Wer meint, man könne
Ich hab’s kapiert, die Herren und Damen Verdauungsphysiologen haben
Union ist ja fertig, zu allem bereit. sozial, sondern das Ende der Demo-
keine Ahnung. Päh. Ahnung, Ahnung. Ahnung haben die natürlich. Ahnung,
»um Beute, fette Beute. Denn die Grundeinkommens »nicht nur nicht
das ist ja kaum was. Wäre doch dumm, zu behaupten, jemand habe von
Doch es geht noch weiter, es geht haben, warum die Einführung eines
etwas im Wortsinne »keine Ahnung« – in Wirklichkeit hat sogar jeder von
Matratzenschizo? Wirrwüterich? einem Videointerview erklärt
uns von so ziemlich allem Ahnung. Zum Beispiel von, was weiß ich,
jetzt eigentlich: Strumpffetischist? der »Süddeutschen Zeitung« in
nordischer Mythologie – da hat man vielleicht kein tiefes Fachwissen,
ter gekündigt? Und was sind Sie daß Sie als Steuergeldempfänger
okay, aber AHNUNG doch bestimmt. Sogar Sie! Odin, Mjöllnir, Niflheim,
worfen? Oder der Telefonsexanbie-
Rüsselsheim? Na eben, reicht doch! Mehr brauchen Sie nicht! Oder neh-
Sie der Insolvenzverwalter rausge-
Kardinal Marx,
men Sie mich als Beispiel: Halten Sie mich etwa für einen Experten? Für schon in ein Bettenparadies ein? Hat Danke, Reinhard
einen Verdauungsphysiologen gar? Lächerlich, schauen Sie mich an, ich schöne Träume. Aber: Wer bricht
wohne in einem Baumstamm, trage keine Kleider, verdiene mein Geld mit das heißen soll, Sie haben sicher
Rattendressur… Oh, wie hoch ist denn da Ihr Umsatz? …und trotzdem paradies Merkel.« Was auch immer Titanic
habe ich eine These zur Verdauungsphysiologie entwickelt! Das kann brecher. Im gut besuchten Betten­ Macht auch über Geld Witze:
jeder, Thesen entwickeln! Man muß nur wissen, daß die Forschung pro- Rücken, der behauptet, er jage Ein- werden können, nech?
pulsive und retrograde Peristaltik unterscheidet. Propulsiv, das heißt in und einem Stemmeisen hinter dem Prä-Euro-Ära falsch verstanden
Richtung des Darmausganges – und retrograd, das bedeutet: in die Gegen- ­Damenstrumpfhose auf dem Kopf ­Signal einen Schritt zurück in die
richtung, beim Erbrechen oder bei der Kuh, wenn sie das Verdaute quer also Sie – »mit einer schwarzen Schelling hätte ja w­ omöglich als
durch ihre Mägen schunkelt… Zum Pansen. Ja, whatever, wohin auch schlächtiger, unrasierter Mann« – reichischen Amtskollegen Hans Jörg
immer. Das Bemerkenswerte an der propulsiven Peristaltik aber… Warum »Stern«, »ist so seriös wie ein grob- etwaige Ernennung Ihres öster-
lachen Sie denn schon wieder? Haha, poposiv! Da lachen Sie erst jetzt? »Die SPD«, schrieben Sie im auch besser geeignet g­ ewesen? Die
Ich habe das Wort doch schon vorhin verwendet. Für einen Journalisten ­worden. Wer wäre für den Posten
sind Sie ausgesprochen unaufmerksam, finde ich. Ich bin kein Journalist.
Hans-Ulrich Jörges! den der Euro-Gruppe gewählt
Ich warte auf die Bahn. Ach so. Und ich habe mich schon gefragt, warum J­ eoren Dijsselbloem zum Vorsitzen-
Sie die Kassette verkehrt herum in das Aufnahmegerät gelegt haben. Aber sind Sie als Nachfolger von
zurück zu meiner These: Dieser Drang des Darmes zur Peristaltik, ja? Der Titanic
entsteht nicht allein während des Toilettenbesuchs. Er läßt sich auch Predigt Wein und trinkt Wasser:
Mário Centeno,
künstlich herstellen. Etwa durch den schieren Anblick einer Klomuschel – kehren.
Sie kennen das – oder auch beim Niederlassen des Darmbesitzers auf
Finanzminister
schließlich ehrliche Arbeiter ver-
einen gemütlichen Sessel, der so weich ist, daß er den Schließmuskel des ­Luxushotel Adlon statt, wo ja aus-
sich Hinsetzenden auf- und auseinanderdehnt, so daß der Körper einen
portugiesischer
Das Gespräch fand nämlich im
fehlerhaften Kotbefehl erhält – das haben Sie bestimmt schon selber hänge im Hintergrund erspähten:
Wenig überraschend,
erlebt. Daraus folgere ich, daß der Darm – oder die Peristaltik – pawlowsch zeugt, als wir die goldenen Vor-
funktionieren: Es braucht keine Notwendigkeit zur Entleerung, es braucht den, waren aber gleich wieder über-
nur das Symbolsignal »Toilette«, ja selbst der Gedanke reicht schon, um Bischofskonferenz anfangen wer-
­ holics von der Titanic
die Defäkacktion einzuleiten, selbst wenn… Haha! Defäkation heißt es. der Arbeit als Vorsitzender der Meinen jedenfalls die Worka­
So, Sie Klugscheißer, jetzt reicht’s mir. Das war Ihre letzte Unterbrechung. wann denn eigentlich Sie mal mit ums Verrecken nicht abtreten will.
Mal sehen, ob Sie immer noch so klug scheißen, wenn Ihnen eine dressierte Ausführungen und fragten uns, »gutem« Beispiel vorangeht und
Ratte die Kehle durchbeißt. Kss-kss-kss! Komm, Ratti, hoppauf! Da, Ratti!
Schlecht’ Mann! Kss-kss, Ratti! Hoppauf! Ratti, kss-kss, lecker fleischige
zweifelten wir ganz kurz an Ihren höchstselbst ausnahmsweise mit
Kehle, hmmm, da schau, hoppauf…
Bei dieser Definition von Arbeit die Bundes- bzw. Standortregierung
Wert ist, nicht bedeutungslos ist«. Schade ist nur, daß ausgerechnet
(In unserer Reihe »Laien befragen Dilettanten« hörten Sie heute: ein
mich und meine Familie, was von arbeiten zu können. Einfach genial!
zufällig aufgefundenes Aufnahmegerät, ca. 1990, bei dem die Tonband-
seins, daß ich etwas schaffe für zu bleiben – um wiederum länger
spule verkehrt herum drinsitzt. Morgen um die gleiche Zeit: Sir Dennis
Grundkonstitution des Mensch- auch die Aussicht, »fit und gesund«
Russell Davies bestellt einen Plumpudding. Heimlicher Mitschnitt aus der
irgend etwas, die Arbeit gehört zur schlagargument »mehr Geld« etwa

Michael Ziegelwagner
Cafeteria der Carnegie Hall, New York, 2017)
Ferner sagten Sie, Arbeit sei »nicht Heftchen drin: Neben dem Tot-
RETROGRAD!
messer hochkultureller Leistungen ben, zweitens versprechen wir hoch
machen und Ihre Lieblingsköche und heilig, keine geschmacklosen
allen Ernstes als »unsere Berliner Titelbilder zu veröffentlichen, sollte
Philharmoniker, unsere Dresdner Ihnen oder Ihren Liebsten einmal
Die endgültige Teilung Deutschlands Staatskapelle am Herd« hochjubeln etwas zustoßen. God forbid!
– das ist unser Auftrag. wollen, könnte man vielleicht noch Auf gute Zusammenarbeit:
(Chlodwig Poth)
TITANIC erscheint im
unfreiwillig komisch finden. Aber Titanic
TITANIC-Verlag GmbH & Co. KG wer so arrogant und verächtlich auf
»Leber mit Apfel im Miljöh«, auf
Ey, Prinz Pi!
Kopischstraße 10, 10965 Berlin
Abonnement: 030/747 55-000
Currywurstbuden und den »Fertig-
Geschäftsführer:
Patric C. Feest fraß in Kindergärten und Schulen« »Ich bin da, wenn es den Leuten
herabzurülpsen sich nicht scheut, schlecht geht«, erzählten Sie der
Und welche,
Anschrift der Redaktion:
Sophienstr. 8, 60487 Frankfurt/M. der möge für sein höfisches »Berliner Zeitung«. Unser Rat:
Tel. 069/970504-0
Geschwafel von »kulinarischer
­ Vielleicht darüber einfach mal Ge-
Fax 069/970504-97
E-Mail: info@titanic-magazin.de
www.titanic-magazin.de
Götz Werner, Hochkultur« eines Tages an einer danken machen.
Redaktion:
eurythmische Technik oder wel- aus Hungergründen hastig ver- Hält lieber Abstand: Titanic
Torsten Gaitzsch, Thomas Hintner, cher anthroposophische Kniff mag schlungenen Bockwurst ersticken.
Moritz Hürtgen, Fabian Lichter, dafür verantwortlich sein, daß wir Im günstigsten Fall aber werden
Leonard Riegel, ­Ella Carina Werner,
die Wärmepflaster, die wir neulich auch Sie dereinst, beim Jüngsten
Ho, ho, ho,
Martina Werner, Tim Wolff
(verant­wort­l ich für den Inhalt) in einer Ihrer DM-Filialen suchten, Gericht, wo Ihnen endlich der letzte
ganz unten im Regal finden muß- Verdauungsprozeß gemacht werden
»Spiegel online«!
Ständige Mitarbeiter:
Dominik Bauer, Uwe Becker,
F.W. Bern­stein, Walter Boehlich, ten? Also dort, wo Menschen mit wird, erkennen, daß so oder so alles,
Simon Boro­w iak, Eugen Egner, Hexenschuß und ähnlichem, die in was beim Essen schließlich hinten Pünktlich zur Vorweihnachtszeit
Bernd Eilert, Leo Fischer,
Achim Frenz, Bernd Fritz, Stefan Gärtner, der Hauptsache solche Pflaster heraus kommt, jawohl, Strobel: Y berichtetest Du von der erstmals
Robert Gernhardt, Max Goldt, ­benötigen, gerade nicht hinlangen Gittygitt ist. ausgerichteten »Ugly-Sweater«-
Achim Greser, Katharina Greve,
Thomas Gsella, Elias Hauck,
können? Bis dahin wünscht wohl zu spei- WM, bei der besonders häßliche
Eckhard Henscheid, Gerhard H ­ enschel, Oder gab es einfach nur Liefer­ sen »im kleinen Kreis der Glück­ Pullover prämiert werden. Die
Gunnar Homann, Rudi Hurzlmeier,
Ernst Kahl, Kamagurka, Stephan Katz,
engpässe bei den üblichen in ­diesem lichen«: Titanic kurio­sesten Exemplare präsentierst
Sebastian Klug, Peter Knorr, Heribert Lenz, Bereich präsentierten Waren, Einle- Du – natürlich – in einer Klick-
Christiane Lokar, Nicolas Mahler, gesohlen oder der rudolfsteinerschen strecke, versehen mit Kommentaren
Fanny Müller, Oliver Nagel, Bernd Pfarr,
Aphorismensammlung »So klein, wie »Haben Sie Reste aus der
Vorschlag,
Ari Plikat, Chlodwig Poth, Hilke Raddatz,
Hannes Richert, Michael Ru­dolf, und doch ein ganzer Wurzelrassist«, 4. Klasse, als Sie mit einer Strick­
Stephan Rürup, Benjamin Schiffner,
daß die Pflaster nur herhalten muß- liesel sinnfrei meterlange Woll­
Christian Y. Schmidt, Oliver Maria Schmitt,
Daniel Sibbe, Martin Sonne­born, ten, damit die Regale nicht so leer Meghan Markle! würste ­ produzierten? Werfen Sie
Michael Sowa, Heinz Strunk, Dimitri Taube,
Mark-Stefan Tietze, F. K. Waechter, wirkten? Sie werden demnächst, wenn Sie diese auf Ihren Hund« zum Foto
Marcus Weimer, Heiko Werning, Das fragt sich gebeugt, aber nicht Ihren Verlobten Prinz Harry im eines ­ u mstrickten Hundes oder
Olav Westphalen, Ruedi Widmer,
Valentin Witt, Michael Ziegelwagner, gebrochen: Titanic kommenden Jahr ehelichen, die »Modell Siamese Sweater: Stellen
Hans Zippert echte Duchess of Sussex. Und was ist Sie sich vor, Sie sind mit Ihrem Erz-
Rechtsberatung: am nervigsten am Royaldasein? Na feind in einem Pullover eingesperrt
Gabriele Rittig
klar: Schweineblätter wie »Bunte«, – und dann hat der auch noch
Technische Herstellung:
Hardy Burmeier
Liebe Diane Kruger, »Neue Post«, »Daily Mail« usw. ­Fransen!« unter dem Bild eines mit
Webmaster: in unserer Lieblingszeitschrift Lassen Sie uns also einen Deal Fransen geschmückten Pullovers
Alexander Golz
»Mobil« gaben Sie Auskunft über machen! Sie leaken uns künftig für zwei Personen.
Redaktionsassistenz:
Birgit Staniewski Ihren Beruf: »Was aus einem Schau- wahrheitsgemäß und exklusiv Ihre Das von Dir gestrickte Szenario
Korrekturassitenz: spieler rauskommt, muß zuvor in Familienplanung, Ihre Ehestreite, ist ja schon beängstigend genug.
Kristin Eilert ihn reingekommen sein.« Zu Ihrer Affären, Weihnachtsfotos und die Aber stell Dir mal vor, Du bist mit
Fotos:
BigStockFoto, DPA, Thomas Hintner,
Beruhigung möchten wir Ihnen Gästeliste Ihrer Hochzeit. Erstens einem »Spiegel online«-»Jour­ na­
Imago, Heinz Strunk, Dimitri Taube, ­versichern: Das ist bei uns Normal- sollte das die elenden Boulevard- listen« in der Redaktion eingesperrt
Martina Werner, Tim Wolff sterblichen ganz genauso. heftchen schnell in die Pleite trei- – und dann zeigt der auch noch
Anzeigenverwaltung:
Runze & Casper Werbeagentur GmbH Wegen plötzlichen Hungers zu Klickstrecken! Die er erstellt hat,
Linienstr. 214, 10119 Berlin Tisch: Titanic indem er seine sinnfrei produzierten
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meterlangen Wortwürste ins Inter-
vom 1. Dezember 2016 net geworfen hat. Das ist ä­ sthetisch
Vertrieb: viel bedenklicher als jeder ge-
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Am Klingenweg 10 Jakob Strobel y schmacksverirrte Pulli!
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Ausland  58,20 Sie also »das Privileg, jede Woche
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Kopischstraße 10, 10965 Berlin Ein Hochamt der Schmeckleckerei, Bist Du krank? Anderweitig ein-
Tel.: 030/747 55-000
Telefax: 030/747 55-001 ein anmaßendes Gejammer, Genöle gespannt? Gehst Du einer neuen
verlag@titanic-magazin.de und Geklage darüber, daß »Gesell- Beschäftigung nach? Wir machen
­
(unbedingt Abo-Nr. angeben)
schaft und Politik die Bedeutung uns jedenfalls Sorgen. Seit Wochen
Druck:
Druckhaus Kaufmann der Hochküche noch immer nicht sehen wir Dich nur noch gelegent-
Raiffeisenstraße 29 erkennen wollen«. lich auf dem Weg zum Supermarkt
77933 Lahr
Druckauflage:
Ja, haben Sie eigentlich noch alle und zurück, aber gar nicht mehr wie
99 724 Exemplare Spiegeleier auf der Pfanne? Und wie früher tagtäglich im Bademantel auf
Einem Teil der Aboauflage liegt ein gerät denn einer wie Sie statt in den dem Balkon, wahlweise rauchend
­P rospekt von Plan International bei.
Beilagensalat ausgerechnet ins und hin und her tigernd auf dem
TITANIC 02/2018 Feuilleton? Daß Sie Ihr anmaßendes Handy tippend oder flankiert von
erscheint am 26.01.2018 Geschmäcklertum während der ähnlich leger gekleideten jungen
Nahrungsaufnahme zum Grad­ Damen und Herren.
10 01/18
Gib uns neuen Stoff (Frottee!) für läßt: »Allcon und die Hausstaub- trotzdem gelegentlich auch gern mal
wilde Spekulationen und ausschwei- milbe haben ein neues Zuhause«. eine Keule, gell?
fende Phantasien! Unsere Vorstel- Wir hoffen doch sehr, daß Du Mit einem gegackerten Hihi
lungskraft ist auch nur beschränkt. und die Milbe nicht im selben ­g rüßen die Stallknechte von der
Gruß von gegenüber Titanic ­Gebäude logiert. Oder ist das Deine Titanic
Vorstellung von langfristiger Nach-
fragesicherung?
Hautneutrale Frage von Deinen Jakob Augstein!
Sie sind gemeint, Kratzbürsten der Titanic Die aufgrund der gescheiterten
Jamaika-Sondierungen bröckelnde
verehrte Kollegen! Kanzlerinnenschaft Angela Merkels
Treten Sie beide mal näher, wir veranlaßte Sie dazu, gewohnt geist-
möchten Sie einander vorstellen: Nit schläääch, reich zu twittern: »Neuerdings heißt
Da ist Herr Cordt Schnibben, ehe- es ja, daß Frauen immer gerufen
mals »Spiegel«, und Herr Knut Wolfgang Niedecken! Man kann es, Niedecken, viel- werden, den Schlamassel aufzuräu-
Cordsen, Bayerischer Rundfunk. Ihr neues »Familienalbum« trägt leicht doch erklären: Dicker noch men, den Männer hinterlassen. Wen
Knut C­ ordsen und Cordt Schnibben den jecken Untertitel »Reinrassije als die am dicksten aufgetragene ruft man, um hinter einer Frau
– prächtig! Titanic Strooße­ kööter«, aber statt der Überzeugung ist oft die Eitelkeit! aufzuräumen?« Gewiß keinen
­
­üblich-launigen Erklärung, das sei Hoffen Sie, daß Ihre reinrassijen Mann, haha! Männer und Aufräu-
ironisch ­ gemeint, räumen Sie, Stammhalter nicht dereinst über men! Good one!
­ansonsten lautlinker BAP-Front- Ihrem Grab das Beinchen heben! Aber im Ernst. Gerade in Ihrem
Firma Allcon hund, der »Rheinischen Post« Titanic Milieu sollte doch bekannt sein,
­gegenüber offen ein: »Ich bin jetzt daß, wenn selbst die Frau nicht auf-
Allergie Concepte! 66 Jahre alt, und das Album ist mei- zuräumen willig ist, es nur eine
Du vertreibst hypoallergene nen Ahnen und meinem Stamm ­Lösung geben kann: Migrantinnen.
Waschmittel, Bettlaken, Kopfkissen ­gewidmet.« Tatsächlich singen Sie: Sie, Martin Brust, Wenn erst Dilek Arslan, 54, aus
und was sonst noch zum kribbel- »Auch wenn’s keiner ausspricht – kommentierten in der »Frank­ Neukölln für fünf Euro die Stunde
freien Nachtschlaf nötig ist. Wie wir insgeheim steht’s fest. Daß Blut furter Rundschau« das Schreddern den Laden schmeißt, sieht die deut-
im kostenlosen »Quadrat – Magazin ­dicker als Wasser ist.« Und daß es männlicher Küken in der industri­ sche Verkehrsinfrastruktur in vier
für das Leben in Lüneburg« lesen keiner ausspricht, widerlegen Sie ellen Produktion sowie die Tötung Jahren so geleckt aus, daß die
konnten, bist Du von Lüneburg nun im Interview gleich selbst anhand der sogenannten Bruderhähne nach Österreicher sich an der Grenztank-
in ein eigenes Gebäude im benach- der eigenen Sippe: »Auch wenn fünf Monaten. Sie plädierten für stelle aus Hochachtung gleich zwei
barten Ort Bardowick gezogen, Verwandte politisch mal auf einem Bio und den Einkauf beim Klein- Maut­vignetten an die Frontscheibe
weswegen Du gleich auf der Titel- ganz anderen Dampfer sind, mögen produzenten. Sehr löblich. Aber ­kleistern.
seite unter dem Bild einer gigan­ wir sie trotzdem, ohne es erklären wenn wir das richtig verstanden Würde Ihnen im übrigen gerne
tischen lachenden Milbe schreiben zu können.« haben, nehmen Sie, Herr Brust, mal den Kopf waschen: Titanic

K ATAPULT
K ATAP ULT

Sozialwissenschaft
Magazin für Kartografik und
N°8
JAN-MÄRZ 2018
€ 5,80
A: € 6,70
CH: CHF 10
Benelux: € 6,90

R EL IG IÖ SE R Das neue Karten-Magazin


EX TR EM IS M U S
Kaufr ausch und Kons umge sells
Zur Psych ologi e der Mark enbil
chaft
dung
KATAPULT
8. Ausgabe ab 27. Dezember
im Bahnhofsbuchhandel

01/18 11
Ja, liebe lustige Rundum gut würden wir uns nur
noch fühlen, wenn mittelfristig in
noch nicht da, wo wir hinwollen.«
Donnerwetter! Soviel Ehrlichkeit
Twitterer und Ihren Verlautbarungen der Schwa- erwarten wir jetzt auch von ande-
Facebooker, felgehalt drastisch reduziert würde.
Ehrlich! Titanic
ren. Etwa vom Hamburger SV (»Wir
geben zu: Wir werden diese Saison
wir lesen täglich alle Eure nicht deutscher Meister!«), Kim
­ underttausende Scherzchen und
H Jong-un (»Ich gestehe: Ich mag
klauen dann die zwei guten. Das ist Donald Trump nicht!«) und den
­
nämlich nicht so umständlich, wie Ahoi, BER-Verantwortlichen (»Die BER-
sich einfach selbst etwas auszu­ Eröffnung werden wir dieses Jahr
denken. deutsche Marine! nicht schaffen!«).
Mit bestem Dank und Gruß und Du hast also, wie der NDR den Schon immer da, wo sie hin-
irgendeinem Emoji Titanic Wehrbeauftragten zitiert, »erst­ wollte: Titanic
malig in der Geschichte kein
­U-Boot über Monate einsatzbereit«.
Und wie, Uiuiui, Denn: »Das letzte einsatztaugliche
Holger Senzel, Boot, das U 35, war im Oktober vor Bodo Ramelow
Prof. Dr. Norwegen auf einen Felsen gefah-
(Die Linke)!
faßt man es fürs Publikum der ren, dabei ging das Ruder kaputt.«
Tagesschau am besten zusammen, Thomas Druyen, Und nicht nur deshalb, Bundes- Wie der »Spiegel« berichtete,
wenn Donald Trump auf Rodrigo Gründer und Direktor des Insti- marine, bist Du die einzige Streit- mußte schon zweimal innerhalb
Duterte trifft? »Zwei Hitzköpfe tuts für Zukunftspsychologie und kraft, der wir nicht den sofortigen eines Jahres ein Löschzug bei Ihnen
A nfang 70, beide halten sich für
­ Zukunftsmanagement! Da haben Untergang wünschen! vorfahren, weil ein Kaminfeuer die
grandios.« Jawohl, da weiß der Sie in einer Diskussionsveranstal- Volle »Kraft« voraus: Titanic Rauchmelder aktiviert hatte.
Durchschnittsneunzigjährige, woran tung »Wie verändern wir uns in Kommt da jetzt doch noch der linke
es liegt, daß der eine Mauern bauen einer sich ändernden Welt?« die ver- Querulant in Ihnen zum Vorschein,
will und der andere Tausende im blüffende Erkenntnis zum besten vor dem konservative Stimmen bei
Antidrogenkrieg hinschlachet – mit gegeben, daß »Menschen, die eine Bahnchef Ihrer Wahl zum Ministerpräsiden-
jugendlichen siebzig Jahren, da hat große Veränderung in ihrem Leben ten so eindringlich gewarnt hatten?
man sich halt einfach noch nicht die bewältigt haben, diese … im nach- Richard Lutz! Sind Sie angewidert von der eigenen
Hörner abgestoßen, da kann einem hinein als positiv« schildern. Kön- Der »Süddeutschen Zeitung« Autorität? Oder weshalb sonst
schon mal eine ungerechte Steuer­ nen wir bestätigen: Als wir letztes e­ntnahmen wir Ihre Lautsprecher- möchten Sie die »polizeilich beson-
reform oder ein Massaker rausrut- Jahr die Million im Lotto gewan- durchsage zum Pünktlichkeitsziel ders gesicherte Politikerwohnung«
schen, ist doch klar. nen, fanden wir das sehr positiv und der Deutschen Bahn im Jahr 2017: nun »beim Sicherheitskonzept
Hitzige Grüße Titanic waren aus dem Gröbsten raus. »Wir sind bei der Pünktlichkeit ­ab­r üsten lassen«?

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Du warst ein Leben lang


treuer kroatischer Soldat.
Dann kommst du
vor ein Kriegsverbrechertribunal.

Life is bitter

12 01/18
Viel Spaß beim Scheibenein- Sagt vielleicht besser auch bald
schmeißen und Autoanzünden
wünscht Titanic
»Adieu« zu Dir: Titanic Die Wochenzeitung Jungle World

Literaturkritikerin
Sag mal, Deutsche Insa Wilke!
Presse-Agentur! Da im Kulturbetrieb ja immer
Gerade hatten wir uns gefragt, alles husch-husch gehen muß, kann
weswegen »Charlie Hebdo« so es einer ganz fix passieren, daß sie
schnell wieder aus deutschen Kios- den Dichter Durs Grünbein in der
ken verschwunden ist, da stießen Hast des Augenblicks für »rasant
wir in Deiner Fotodatenbank auf unterschätzt« hält. Sie zum Beispiel
diesen, nun ja: Solidaritätsbeitrag. in der Online-»Zeit«.
In gemächlicherer Geschwindig-
keit betrachtet, wirkt Grünbein aber
eher tempoarm überbewertet.
Schnellgruß Titanic

Doppelt tröstlich,
FAZ,
erschien uns Dein Vorschlag zur
Bekämpfung der vom jüngsten Iglu-
Test behaupteten Leseschwäche hie-
siger Grundschüler: »Rechtzeitige
Diagnose und Förderung könnten
späteres Scheitern beim Lesen und
Rechtschreiben entgegenwirken.«
Denn wenn’s trotzdem nicht klappt,
kann man ja immer noch Redakteur
Könnte es daran gelegen haben, bei einem Frankfurter Bildungsblatt
daß, wer solche Freunde hat… Bzw.: werden.
Was zur Hölle, DPA? Stets entgegenwirkend: Titanic

Kleinanzeigen
Gerhard Henschel: 19.1.

Es bleibt
Lesungen
­Friedberg, Buchhandlung
TITANIC-Faceburg: ­Bindernagel
9.1. Frankfurt, Club Voltaire Ella Carina Werner: 2.1.
Mit Torsten Gaitzsch, Moritz ­Hamburg, Grüner Jäger

kompliziert
Hürtgen, Fabian Lichter, Leo Heiko Werning: bis 20.1.
Riegel, Ella C
­ arina Werner, ­Berlin, Kookaburra
Tim Wolff und Stargast Heiko Werning: mit den Brau-
Benjamin Weissinger seboys: bis 6.1. Berlin, Kooka-
TITANIC-Chronik-Lesung mit burra
Torsten Gaitzsch, Elias Hauck,
Moritz Hürtgen, Tina Manske Ausstellungen
und Tim Wolff: 24.1. Berlin,
Ernst Robert Gernhardt: bis 15.4.
TITANIC-Boygroup mit Gsella, ­Frankfurt, Caricatura Museum
Schmitt und Sonneborn: Katharina Greve: »Das Hoch-
27.1. Buchholz, Empore haus«. Bis Ende 2017 Krems,
28.1. Hamburg, Übel & Gefähr- Karikaturmuseum
lich; 29.1. Berlin, Festsaal Rudi Hurzlmeier:
Kreuzberg 19.1. S
­ tuttgart, Galerie Z
Leo Fischer: 12.1. Potsdam, »Beste Bilder – Die Cartoons
Freiland; 17.1. Göttingen, Uni des Jahres 2017«: bis 18.2.
Max Goldt: 28.12. München, Kassel, Caricatura Galerie
Volkstheater; 29.12. Nürnberg,
Zeichnungen: Hilke Raddatz

Hubertussaal; 9.1. Dresden, Bücher/CDs


Staatsschauspiel (Großes
Haus); 12.1. Kleinmachnow, Jörn Morisse, Felix Gebhard
Neue Kammerspiele; 18.1. (Hrsg.): »Bücherkisten. Von
Hannover, Pavillon; 19.1. Menschen und Büchern« U.a.
Gießen, Hermann Levi Saal mit Beiträgen von Gerhard
27.1. Leipzig, Schaubühne
Lindenfels
Henschel. Ventil Verlag jungle.world/abo
Thomas Gsella: 26.1. Essen,
Zeche Carl

01/18 13
» Bei d er U n io n
sind die Bü ro s
viel größer!«
Das TITANIC-Hausmeisterteam
besucht die AfD-Bundestagsfraktion

E
nde November 2017. auf dem Beifahrersitz, bei uns darf man
Die AfD sitzt inzwischen das noch. Weil sich das bei Einsätzen in
mit 92 Abgeordneten im »Hohen Häusern« (der Chef) so gehört,
Bundestag, und Merkel hab ich ein Protokoll unserer ­Arbeiten
be­kommt keine Regierung in den AfD-Bundestagsbüros angefer­
mehr auf die Beine gestellt. Die Kanzle­ tigt. Die Schreiberei ist meine Sache
rin erreicht ihre Leute nicht mehr. nicht. Egal, in die Hände gespuckt und
So lese ich es in der »Bild«, morgens, los geht’s.
wenn ich mit meinem Chef Thomas
Hintner zur Arbeit fahre. Wir sind ein
Frankfurter Hausmeisterbetrieb, ehr­
Dienstag
lich und echt. Aus Berlin bekam der Dieser Behrend nimmt uns in Emp­
Chef kürzlich einen Anruf von einem fang. Erster Schock: Er hat uns »noch
rium
. Reichsinnenministe
Von außen: das ehem
gewissen Georg Behrend. Er brauche einen Mitarbeiter organisiert«. ­Daniel
Leute, die anpacken können. Behrend Ihrke heißt der, aber der sieht gar nicht
arbeitet für einen Zeitschriftenverlag, so – darf man das sagen? – blutsdeutsch
TITANIC oder so, und für einen Euro­ aus… Und er ist riesengroß, ein biß­
paparlamentarier, Sonneborn von der chen mulmig ist mir schon. Ich lese viel­
CDU oder was. Jedenfalls kann er sich leicht einfach zu viel Online-Kommen­
deshalb auch frei im Bundestag bewe­ tarspalten. Unsere Arbeitskleidung
gen. Mit uns will er in die Übergangs­ haben wir selbst mitgebracht: die Kit­
büros der AfD, dort brauche es ein tel von ­Engelbert Josef Strauß, nur das
paar kräftige Hände. Ich hab dem Chef Beste, na klar. Und gelbe ­Helme. Der
­gesagt, wir fahren da hin. Der Gauland Behrend ist mir auch nicht geheuer.
und seine Kameraden verstehen die Er sagt, daß die AfD-Leute nicht die
Sorgen von einfachen, guten Leuten Allerhellsten seien, mitunter echte
­
wie uns. Also verstehen wir als Haus­ »Tief­flieger«, »Karussellbremser« und
meisterservice auch, wie wir denen in tatsächlich »dumm wie die Idioten«.
ihren neuen Räumlichkeiten etwas hel­ In ­Berlin sind eh alle linksgrünver­
fen können. Hintner war einverstan­ sifft, sagt mir der Chef. Immerhin hat
Gar nicht so muffig: den, wir sind mit dem VW-Transporter ­Behrend Aus­rüstung besorgt. Wir fah­
der Gauland-Flur nach Berlin gefahren. Ich saß rauchend ren in seinen Verlag in Kreuzberg und

14  01/18
Tischerücken im Büro
des MdB Reusch, AfD

bekommen dort Bohrmaschine, Was­ sagt dem Ihrke und mir, wir sollen die
serwaage, Werkzeugkoffer, Wandre­ Klappe halten. Es ist halb zehn, als
gal und Erste-Hilfe-Kasten. Alles schön uns dieser Behrend in den zweiten
abgegriffen, wie wir Handwerker es Stock führt. Wir laufen endlose Flure
mögen. Danach wird alles sehr selt­ entlang, alles piccobello, aber an den
sam. Behrend schickt uns zur Presse­ Türen steht immer nur »Fraktion CDU/
stelle des Bundestags, wo wir Ausweise CSU«. »Anscheinend sitzen hier auch
für den nächsten Tag beantragen sol­ neue Abgeordnete der Union«, sagt der
len. Hä? Was haben wir mit der Lügen­ Behrend. Bei den Volksverrätern rühre
presse am Hut? Der Chef sagt mir, ich ich keinen Finger, raune ich dem Ihrke
soll nicht zuviel nach­denken. testweise zu. Er nickt. Vielleicht ist er
doch ganz in Ordnung. Im dritten Stock

Mittwoch steht fast alles leer.

Pünktlich um halb neun müssen wir Meine Fresse! Ich schlepp mich
wieder in die Pressestelle, kriegen Aus­ krumm. Um 10 Uhr haben wir die AfD
weise. Die Frau da fragt mich, was wir immer noch nicht gefunden. Aber
»im Bundestag überhaupt wollen«. der Chef Hintner hat eine Idee: mal
Bevor ich etwas sagen kann, sagt der im ersten Stock gucken. Tat­ sache!
Behrend der Frau, wir hätten ­Termine Ein AfD-Büro neben dem ande­
für Interviews. Ich verstehe gar nichts ren. ­Behrend klopft an die Tür eines
mehr. Die Leute von der AfD sitzen der­ »MdB« und tritt ein. Drinnen sitzen
zeit vorläufig im ehemaligen Reichs­ zwei Frauen, die wie Mexikanerin­
innenministerium. Das waren noch nen aussehen. Auf die Frage, ob es in
Zeiten! Aber das darf man ja auch diesem Büro Arbeit für Hausmeister
nicht mehr sagen. Erst als wir drinnen gebe, sagen sie, ihr Abgeordneter sei
sind, erlaubt uns der Behrend, unsere heute morgen bei einer Fraktionssit­
Arbeitskleidung anzuziehen. Vorher zung, wie auch alle anderen. Das war
werden wir gefilzt. Sehe ich aus wie so aber nicht ausgemacht. Der Behrend
ein Islamist? Armes Deutschland! Der sagt, wir versuchen es trotzdem beim
Chef setzt mir meinen Helm auf und nächsten Büro. Na okay… tot« –
»Die Leitung ist er
Han dw er ks m ei st
aus Deutschland
01/18  15
Der Chef klopft beim Alternativ­ entgegne ich. »Eins, zwei, hopp!«
abgeordneten Roman Reusch aus macht Ihrke und wuchtet einen von
Brandenburg an, und die Tür wird zwei Schreibtischen weg. Vier Leute
vom Büroleiter geöffnet. Dieser sieht müssen in diesem Büro an so einem Teil
mit zurückgekämmtem Haar aus wie sitzen und Ihrke trägt es ganz allein. Ich
ein etablierter FDP-Schnösel, da geht finde langsam Gefallen an dem Kerl.
einem kleinen Handwerker wie mir Während ich alle Telefonkabel aus
natürlich das Taschenmesser in der der Wand ziehe und sie neu in Dosen
Hose auf. Er bittet uns sofort herein, und Telefonen arrangiere, fragt der
als hätte er uns erwartet. Das Büro Chef den Büroleiter, ob er den Fern­
ist klein, auf einem Fernseher läuft seher gerne an die Wand geschraubt
Bundes­tags-TV. Authentisch. ­Behrend hätte. »Ich komme aus der Möbelbran­
fragt ihn, ob der Hausmeisterservice che«, gibt der Schmierlappen zu Proto­
etwas für ihn tun könne. Doch der AfD- koll und wünscht sich lieber ein neues
Mann berichtet erst mal klagend, daß Sideboard. Sofort zückt Ihrke den Zoll­
in dem vielleicht 16qm großen Raum stock und nimmt Maß. Ich nehme das
zwei Bundestagsabgeordnete samt von Behrend mitgebrachte Sperrholz­
ihren sechs Mitarbeitern unterge­ regal aus einer Rewe-Tüte und halte
bracht sind. »In diesem Raum?« meint es über den Fernseher an die Wand.
der Behrend als Frage. »Acht Leute »Da könnte man die Glotze draufstel­
auf jeden Fall«, bestätigt der Büro­ len. Später sieht das besser aus, weißer
leiter. »In diesem Raum?« faßt mein Glanzlack, das hier ist nur ein Platz­
Chef Hintner nach. »Kann man da halter«, verspricht Hintner. »Schwie­
überhaupt in Ruhe telefonieren?« sorgt rig, schwierig«, weicht der Möbel- und
sich Behrend. Offenherzig gesteht der Volksvertreter aus und hat anderes im
ca. 35jährige: »Man könnte telefonie­ Kopf: »Warum bekommen wir keinen
ren, wenn es funktionieren würde. Das Drucker?« – »Haben Sie das Gefühl,
Telefon meines Kollegen geht nicht, daß es da politische Gründe gibt?« will
es wurde abgeklemmt.« Aha! Das ist Behrend wissen. Wird die AfD im Bun­
ein Problem für einen Hausmeisterlehr­ destag gemobbt? »Bisher haben wir
ling wie mich. »Soll ich die Dose mal 99,9 Prozent positive Erfahrungen mit
angucken?« frage ich. »Gerne, die 0-1 der Bundestagsverwaltung gemacht«,
müßte das sein.« Na ja, »0-1«, jeder gibt sich der Gelhaartyp staatstragend.
Amateur weiß doch, daß die Bundes­ Daß mich als kleiner Mann aber die 0,1
tagstelefonbuchsen mit Buchstaben Prozent viel mehr interessieren, juckt
codiert sind. Ich nehme einfach den ihn nicht. Wofür habe ich mein Kreuz
Stecker ganz rechts heraus, lasse mir bei der AfD gemacht? Immerhin sagt
von Kollege Ihrke einen Schrauben­ er noch, daß »dieser Zustand für zwei
zieher reichen und beginne, ihn in der MdB nicht haltbar« sei. »Arbeiten, wo
Dose kennerhaft hin- und herzubewe­ man sich eigentlich konzentrieren muß,
gen. Jetzt entpuppt sich der AfD-Typ sind unmöglich«, und »Reden schrei­
als Schlaumeier: »Nein, die Leitung ist ben« könne man nur »zu Hause oder
in Ordnung. Die andere!« – »Ich weiß, in der Bibliothek«. Es sind ja auch nur
Endabnahme: Der Büroleiter aber da muß erst mal der Tisch weg«, Übergangsbüros, versichert ­Behrend
ist mit allem einverstanden

16  01/18
Enger als im Flüchtlingsheim:
das Gauland-Büro

von so viel Nölerei genervt. Seit inzwi­ wenn überhaupt, lautet das traurige Jagdhund-­Gauland-Schlips, also lasse
schen 30 Minuten steht er mit seinem Ergebnis. »Muffig hier«, schnuppert ich sie liegen und nehme statt dessen
»Mitarbeiter von M. Sonneborn«- ­Hintner ins Kabuff. Meine Frage, ob nur eine Autogrammkarte, bevor wir
Namensschild vor dem Büroleiter. ich einen Raumlufterfrischer anbrin­ wieder auf den Gang treten.
gen soll, ignorieren die beiden Her­
Nachdem ich das Regal wieder einge­ ren, die hier für Gauland im Büro sit­ Das nächste Büro, dem eine hausmei­
packt habe, ist noch Zeit für ein Foto. zen. Einer trägt anständig Glatze, der sterliche Behandlung zugute kommen
»Zur Dokumentation«, wie mein Chef andere sieht aus wie dieser Hacker soll, ist das vom Karlsruher Abgeord­
es nennt. »Stellt euch mal alle dahin­ Edward Assange oder so. Behrend neten Marc Bernhard. Und weil dieser
ten hin, damit man sieht, wie klein bringt in Erfahrung, daß sich Gauland die Fraktionssitzung schwänzt, begrüßt
hier alles ist.« Ich muß kichern: »Wie hier zwei kleine Schreibtische und er auch höchstpersönlich den Behrend.
in einer Flüchtlingsunterkunft!« Doch einen runden Kaffee­tisch mit vier Mit­ Außerdem ist noch einer seiner Büro­
der AfD-Mann kann und will gerade arbeitern teilen muß. »Wir waren vor­ assistenten anwesend. Der Chef will
nicht über Ausländer lachen, so groß ist hin in den Übergangsbüros der neuen wieder wissen, wie groß der Raum ist.
die Platznot. Ich klebe noch die defekte Unions­abgeordneten oben im Dritten. Und schon geht es wieder mit dem
Telefondose mit Panzertape ab, wäh­ Die sind viel größer!« Die beiden Büro­ Lamento von der Raumnot los. »30 qm
rend der Chef und Behrend sich ver­ arbeiter sind alles andere als erfreut. für die Mitarbeiter von drei Abgeord­
abschieden. Auf dem Gang werden »Das ist ein Skandal!« schimpft der neten« klagt der AfD-Mann. Weil es
vor einem anderen Büro gerade Was­ Haarlose. Der Nerd beginnt derweil, in wohl Ihrkes Lieblingsbeschäftigung
serkästen, Orangensaft und Milch seinen kleinen Laptop zu hacken. Ob ist, geht er auf die Knie und mißt zur
abgeladen. »Ah, die Kollegen von der er die offizielle AfD-Facebook-Seite Sicherheit nach. »Am Anfang hatten
Hauswirtschaft«, denke ich, und hole betreut, deren Beiträge mein Chef wir nur einen Stuhl«, klagt Bernhard.
mir mit Ihrke etwas zu trinken. Gratis und ich so gerne teilen? Der Glatz­ »Jetzt sind es Stühle aus dem Lager. Ich
schmeckt am besten! kopf wird immer nervöser und gereiz­ weiß nicht, wo man die einstellt, das
ter. Als er beginnt, uns aus dem Büro ist von der Ergonomie nicht optimal«,
Zwei Ecken weiter den Flur runter zu schieben, weist Hintner auf seine wimmert sein Assi. Was soll ich da als
klopft Behrend an eine ganz beson­ Dokumentationspflicht hin und bittet einfacher Handwerker sagen? Wie weit
dere Tür. »Alexander Gauland, AfD- den 2,10 Meter großen Ihrke, sich als haben sich die AfD-Leute in kürzester
Fraktion« steht auf dem Türschild. »Maßstab« für ein Foto an die klei­ Zeit von meiner Lebensrealität ent­
Das Zentrum der Macht ist noch klei­ nen Tische zu setzen. Ich vertreibe mir fent? »Leute, Leute, Leute«, raunt mein
ner als das Büro, das wir gerade ver­ die Zeit damit, das Büro nochmal aus­ Chef. Doch der AfD-Bürohengst zetert
lassen haben. Ihrke tritt sofort an zumessen. Wer weiß, in was für Ein­ immer weiter: »Zuvor war ich in einem
zwei Gauland-Mitarbeitern vorbei heiten der Neukollege Ihrke rechnet! Gesundheitsministerium beschäftigt,
ins Büro und beginnt auf Befehl des In einer Ecke liegt eine Krawatte… da hatten wir einen höhenverstellbaren
Chefs, den Raum auszumessen. 14 qm, Aber es ist leider nicht der original Tisch.« Obwohl ich so einem weiner­

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Vermessen:
Der Hausmeister­service
hilft MdB Bernhard
lichen Anzugträger inzwischen lieber Wieder auf dem Gang bittet Behrend
die Kauleiste verstellen würde, biete den Chef darum, daß wir das Reichs­
ich an, den Schreibtisch einmal kom­ innenministerium nun lieber schnell
plett abzuräumen und dann auf eine verlassen sollten. Also irgendwas ist
genehme Höhe zu montieren. Doch der an dem Typen doch faul! Aber: Feier­
Karlsruher Abgeordnete winkt ab und abend ist Feierabend. Ihrke, der Chef
beschwert sich erneut über Platzman­ und ich tragen uns an der Pforte noch
gel und darüber, daß »Computer feh­ in die offizielle Anwesenheitsliste ein
len, wir können nicht richtig arbeiten«. und verlassen das Gebäude. Endlich
Behrend trägt sich die Raumnummer eine rauchen! Am Nachmittag, als wir
ein und erwähnt beiläufig, daß im drit­ schon wieder in unserem Frankfurter
ten Stock alles leerstehe. Er wisse auch Hausmeisterbetrieb sitzen, bekommt
nicht, warum man diese Räume nicht ­Hintner von Behrend E-Mails weiter­
der AfD zur Verfügung stelle. »Man geleitet. AfD-Abgeordnete beschwe­
kann sich einrichten, aber eigentlich ren sich darin, von einem angeblichen
muß ja die Bundestagsverwaltung uns Bundestagsservice getäuscht worden
einrichten«, fordert Bernhard. »Wer zu sein, widersprechen der Verwen­
über Platz- und Raumnot flennt, gehört dung von Zitaten, Film- und Foto­
schon zum Establishment«, denke ich, material.
von meiner Partei enttäuscht. Bald
­sitzen sie mit neuen Computern in Fazit und Abschluß
riesigen Büros und verkaufen ehrliche des Protokolls
Menschen wie mich für dumm! Als ob
er Gedanken lesen könnte, fragt der Übergangsbüros der AfD
Abgeordnete ­Bernhard jetzt ­Behrend, besichtigt, zahlreiche Probleme
»warum die Herrschaften keine Haus­ erkannt und protokolliert:
ausweise tragen«. Ihrke und ich kra­
men die roten Presse­ ausweise aus 1. AfD-Fraktion komplett
unseren Kitteln. »Und was haben Sie ­abgehoben und in Rekordzeit
mit dem Sonneborn zu tun? Ich dachte, etablierte Partei geworden.
Sie seien vom Bundestagsservice!« 2. Der Behrend ist ziemlich
wird jetzt auch Behrend konfrontiert. sicher ein Betrüger, der Ihrke
Dieser winkt uns voll hektisch aus dem aber echt dufte.
Büro und versichert dem AfD-Mann, 3. Ich wähle beim nächsten Mal
daß das eine mit dem anderen nichts ­wieder CDU.
zu tun habe.
Gez. Hausmeisterlehrling
Moritz Hürtgen
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Ranaen 
di
Mu t t i
Berlin muß jetzt wieder handeln: Über die plötzliche publizistische Sehnsucht
nach dem ganz Anderen berichtet Stefan Gärtner

Daß sie es alle nicht erwarten können, die »Ära Merkel« zu ihrem entpolitisiere. Aber so gut wie alle Berliner Kolleginnen und Kolle-
Abschluß kommen zu sehen: »Stunde Null« (»Der Spiegel«), ­»Freier gen hätten angegeben, Merkel zu wählen, »despite the sense that
Fall« (»Stern«), »Sie wird untergehen« (»Die Zeit«), »Das Ende von she’s making their work irrelevant. There was no reason not to.«
Amt und Müdigkeit« (»Cicero«), ist natürlich erst mal dem journa- Und so konnten sich treue Merkelianer wie der »Spiegel«-­
listischen Reflex geschuldet, wonach das Neue immer interessanter Analyst Kurbjuweit (»Es gibt Kartoffelsuppe, wieder gibt es
ist als das Alte, zumal dann, wenn das Alte unversehens auch alt ­Kartoffelsuppe. Angela Merkel kocht gern selbst Kartoffelsuppe«,
aussieht. Die hauptstadtjournalistischen Gesprächspartner, die der »Spiegel« 48/2011) Packer gegenüber zu gequälten Demokraten
US-amerikanische Autor George Packer (»Die Abwicklung. Eine aufwerfen: »There is a problem with democracy in our country.
innere Geschichte des neuen Amerika«) 2014 für ein Kanzlerinnen- You have to keep the people used to the fact that democracy is a
porträt im »New Yorker« befragte, wußten damals schon, was pain in the ass, and that they have to fight, and that everyone is a
heute ähnlich in den Abgesängen steht: daß Merkels Stil kein politician – not only Merkel«, als hätten nicht sie selbst die lokale
genuin politischer, sondern einer der Verwaltung sei; daß sie asym- Demokratie mit cremigster Hofberichterstattung (»Es ist tatsäch-
metrisch demobilisiere, es also fürs sozialdemokratische und grüne lich nicht ganz leicht, sich vorzustellen, wie Angela Merkel
Publikum keinen rechten Grund mehr gebe, zur Wahl zu gehen, ­morgens das Frühstück macht«) und adjuvanter über »›wellness‹
seit Merkel grüne und sozialdemokratische Themen besetze; daß and other lifestyle-issues« (Packer) so schmerzfrei wie möglich
ihre einschläfernde, vordergründig ideologiefreie Physikerinnen- gemacht. Aber hinterher, alte deutsche Angewohnheit, will es nie
Sachlichkeit den apolitischen Deutschen, die im wesentlichen ihre wer gewesen sein, und also muß da rechtzeitig was exorziert wer-
Ruhe haben wollen, sehr entgegenkomme; daß all das die Politik den; und wenn nun niemand mehr die »Entpolitisierung der
­Politik« (Thomas Schmid, »Die Welt«, 21.11.) ertragen will, dann
weil die »Sachverwalterin« (»Zeit«) an der Spitze die kapitalisti-
sche Alternativlosigkeit nicht etwa nur beim Namen genannt,
sondern geradewegs erfunden hat: »Es war nicht alles schlecht,
und mir gefällt Merkels laues Temperament sogar«, bekannte
André Mielke in der »Berliner Zeitung«, nicht ohne sich zuvor
augenzwinkernd als in Sachen »Volkssedierung« ausge­bildeter
DDR-Journalist geoutet zu haben. »Aber sie hat eben wenig
Gesinnung mit viel Moralin verkauft. Was ich ihrem fast alle
­Konkurrenten einnehmenden Wesen und ihren jäh alter­nierenden
Alternativlosigkeiten nachtrage, ist, daß deshalb nun eine Truppe
wie die AfD weithin verdächtigt wird, eine Alter­native zu sein,
und dann, gute Güte, auch noch die einzige.«
Denn ­derselbe Journalismus, der sich um Alternativen haupt-
sächlich dann schert, wenn es sich um solche handelt, die’s im
Media Markt gibt (»Das können die I-Phone-Alternativen«, Süd-
deutsche.de, 13.9.), und der sich vor zwei Jahren noch mehrheit-
lich (weil die Stimmung danach war und es dem Vaterland fromm-
te) als Verfechter von Willkommenskultur und Bunt-Republik
Deutschland hervortat, lobt nun zum Ausweis unbedingter
Gesinnungs­festigkeit den Soziologen Streeck, der in der FAZ
(Mielke: ein »Fanal«) die »substanzentleerte und senti­men­ta­
lisierungsbe­dürf­tige deutsche Postdemokratie« nicht sowohl
wegen Kinderarmut, Minijob, Waffenexport oder Rentenlücke
anging als wegen eines »regierungsamtlichen Antifaschismus«,
20 01/18
der es nach Auschwitz nicht erlaube, Flüchtlinge draußenzu­halten. Matter-of-fact-Attitüde (»Wenn wir jetzt anfangen, uns noch
Als wäre die laut Streeck allein von Merkel strapazierte Fähigkeit, ­entschuldigen zu müssen dafür, daß wir in Notsituationen ein
»immer neue Absurditäten zu glauben oder wider ­b esseres freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land«) so
­Wissen zu bekennen« (Mielke: »meine Lieblingsstelle«), nicht die schön verschleiert wird. Kein Sommermärchenland ohne die so
systemrelevan­teste von allen, ob nun mit Merkel oder ohne. duldsam in sich selbst ruhende, im Ausdruck rührend ­unbeholfene
Denn die zentrale Absurdität, der »gigantische gesellschaft­ Pfarrerstochter, die schon als Kind ein »sonniges Gemüt« gehabt
liche Selbstbetrug« (Stephan Lessenich), daß es coûte que coûte haben will und nach deren erster Wahl zur Bundeskanzlerin der
so weitergehen werde mit Dax und Benz und Konjunktur, stört damalige »Spiegel«-Mann Matussek erstmals jene »neue Lust auf
bekanntlich niemanden, und der an Merkel adressierte Vorwurf, Deutschland« spürte, die der Rest der Welt seither teilt und die
sie wolle nichts und habe nie etwas gewollt, ist da nichts als niemandem nützt als immer den gleichen.
­Projektion. Denn was wollen denn jetzt die, die im allgemeinen Den bekennenden Antivisionär Helmut Schmidt haben sie
schon an der überschaubaren Alternative scheitern, dem Erwerb ­verehrt wie kaum einen zweiten, und die Antivisionärin Merkel
von Ramsch preßöffentlich zu widerraten? Nicht einmal Sozen muß sich jetzt anhören, es sei genug. Wie geht das zusammen?
und Linkspartei selbst, fiel als einzigem Tobias Haberkorn in der Weil ein visionäres Zeitalter anbricht und »etwas Neues … vor der
»Zeit« auf, hätten noch der folgenärmsten aller Alternativen, näm- Tür« steht, wie der »Welt«-Mann Schmid frohlockte? Und weil, so
lich Rot-Rot-Grün, auch nur die mindeste Überlegung geschenkt, Schmid an anderer Stelle weiter, »die müden Erklärungen der
und frappant sei der allgemeine Unwille (oder schon die Unfähig- Bundeskanzlerin, sie mache, was sie machen müsse, und sie
keit), sich etwas anderes als das Bestehende auch nur vorzu­ ­werde es ad infinitum weitertun«, nicht mehr reichen? Weil
stellen: »Wie viele politische Korrespondenten sind inzwischen ­Merkel eine zu unverhohlene Inkarnation von Verhältnissen ist,
nach Schnellroda gefahren, um sich mit dem rechtsradikalen die sind, wie sie sein müssen, und es ad infinitum weiter sind, die
Klein­ver­leger Götz Kubitschek zu unterhalten? Und wie viele Leute aber, damit sie nicht auf Gedanken kommen, Politik und
­hätten – nur zum Beispiel – die gleiche Ausdauer und Einfühlung Alternativen wollen sollen? Und diese Alternativen keine linken
aufgebracht für die Ideologie und die Argumente eines linken sein dürfen, weshalb sie schön bunt zu sein haben (Jamaika) oder
G20-Gegners?« Statt sich so einfach- wie sicherheitshalber über jenes »Temperament« (Schmid) verfügen müssen, das
­darüber zu freuen, »daß die im weitesten Sinne linken Protestierer ­Merkel abgeht, die rechtsbürgerlichen »Bewegungen« in Öster-
die Nähe zu dem rechtsradikalen Ressentiment nicht scheuen« reich und Frankreich aber rundum ausmacht? Schon gratuliert
(Jens Jessen, »Die Zeit«, Hamburg, 12.4.)? »Cicero« dem Kurz-Fan Lindner zu seinem »Mut« und vermutet
nicht nur die SZ die FDP künftig »rechts neben der Union«, und
der Argwohn ist berechtigt, hier habe einer erkannt, daß die
»Mother, you had me, but I never had you smart-eloquente, simulativ systemferne One-Man-Show, die den
I wanted you, you didn’t want me rechtlosen Massen zu ihrem Ausdruck verhilft, die Zukunft der
So I, I just got to tell you Postdemokratie sei. Und eben nicht die aphasische One-Woman-
Goodbye, goodbye« Nichtshow, der die Vision eines neoliberalen Bankers wie Macron
John Lennon, 1970 fehlt, dessen Windfrische sich der Tagesthemen-Kommentar vom
7.12. für Deutschland so dringend wünschte.
Democracy, a pain in the ass.
Und weil aber solche Einfühlsamkeit im Vaterland noch nie
populär war und etwa die Einfühlung in die Familie des SS-­
Mannes und Spitzenkapitalisten Schleyer sehr viel leichter fällt
und häufiger gelingt als eine in die verbrecherische Gefühlswelt
grundlos gewaltbesoffener RAF-Ganoven, beruht der Erfolg der
AfD nicht auf dem ethnisierten Klassenkonflikt, unschönen Zügen
des Nationalcharakters (»Ich habe den Eindruck, rein optisch, in
der AfD sind die gleichen Freaks, die in den achtziger Jahren in
der CDU saßen. Das gleiche höhnische Gelächter, das gleiche
Auf-die-Schenkel-Klopfen«, Jan Böhmermann im »Zeit«-Interview,
30.11.) oder darauf, daß es systemisch dienlich ist, Existenzängst­
liche gegeneinander auszuspielen, nein: Er beruht allein darauf,
daß man aus seinem Herzen eine Mördergrube machen muß.
Und das müssen wir seit Merkel, die nicht nur die Alternativlosig-
keit, sondern auch die dazu passende Korrektheit erfunden
haben soll: »Noch weniger schätze ich es, als Gegner der Rauten-
regentin auch nur zart in den Ruch zu geraten, ein ›Rechts­po­
pulist‹, vulgo Rechtsradikaler, Antidemokrat und Hetzer zu sein«
(Mielke, loc.cit.); und das wäre jetzt Geschmackssache, ob man
derlei Quatsch für bloß wahnhaft oder darüber hinaus für grob
undankbar hält. Denn das neue hippe Berlin-Deutschland, so
schick, smart und unwiderstehlich, wie es zuletzt vielleicht das
(West-)Deutschland Willy Brandts gewesen ist, ist ja dieselbe BRD,
deren »Arschlöcherigkeit« (M. Klaue) und unveränderte Rolle als
imperialistische Metropole von Mutti Merkels moralunterfütterter
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22  01/18
01/18  23
D
as soeben verwichene Jahr relativ nazifrei weg und wurde von Recep Scaramucci ergänzt, die Gegner Trumps
2017 stand ganz unstreitig Tayyips Leuten bloß mit einem »Schande sollten besser »den eigenen Schwanz lut-
komplett im Zeichen von über dieses Plakat!« geahndet. So oder so schen« (in scharfem Kontrast zum sonst in
Schulz; manche sagen auch war der Weg jetzt frei für die Türken, dem USA-Führungs- und Journalkreisen übli­
Sternzeichen, andere Kains- Präsidialsystem Erdoğan mit 51 Prozent zu chen »Fucking«); was aber im Fall Merkel
zeichen. Schulz, von Silvio akkordieren; in der Folge dessen 66 Prozent nicht geht, weil sie keinen hat. Und insofern
Berlusconi einst in Brüssel als Wiederkunft der deutschen Türken für eine wiedereinge- am 8.8. von der SZ mitgeteilt wird, Trump
des »KZ-Aufsehers«, ja praktisch als neuer führte Todesstrafe plädierten – offenkundig sei längst eh nur noch ein »täglicher Scherz-
Hitler durchschaut, wurde im Januar vom als Hitler-Prägungsspätfolge. artikel« als Daily Soap für die »amerika-
Parteitag mit 100 Prozent Zustimmung als Am 2.8. kam es irgendwo zu einem »Die- nischen wie deutschen Late-Night-Shows«
neuer SPD-Vorsitzender und Hoffnungs- sel-Gipfel« (Bayr. Rundfunk), schon vorher (u.ä.m.) leuchte den Amis umgekehrt ein,
träger erkiest, sodann wurde der Mann aus aber teilte der schon gestreifte Würselener daß Merkels hängende Mundwinkel »eine
Würselen auch prompt Kanzlerkandidat, ja den Deutschen und vornehmlich den noch Zitronenpresse« vorstellen.
hinfort schon als »unser nächster Bundes-
kanzler« (R. Stegner) geführt; und die deut-
sche Sozialdemokratie wähnte also wirklich Eckhard Henscheid
und wahrhaftig, eine 100-Prozent-Akkla-
mation aus den parteieigenen Reihen würde
Das war das

Jahr
auch das deutsche Gesamt- und Restvolk wie
durch Zauberhand zu Schulz hin zwingen.
Statt sich der Idiotie verdächtig zu machen, Ab März muß sich der neue Bundes-
hier solle mit aller Gewalt der früher gern präsident Steinmeier nachsagen lassen, er
bespottete Ostblock, hier solle zumal die sei nach Herzog, Heinemann, Ratzinger,
Erfolgsquote der DDR-Wahlen von ca. 99,83 Grass, Hüsch, Westerwelle, Rau, Köhler

2018
Prozent noch glanzvoll übertrumpft werden. und Wulff gleichfalls ein »Querdenker« und,
Als neuer Hitler andererseits wurden 2017 noch einen Hauch verwegener, ein »Unbe-
nicht so sehr Schulz, sondern wegen seiner quemer« (F.-W. Steinmeier) sowieso; obwohl
Mexiko-Pläne Trump sowie seitens Erdoğan ja zumindest Herzog nach eigener Deutung
mehrfach gesamtheitlich Deutschland und wie Faust I mehr ein »Unbehauster« war;
speziell Merkel taxiert; der das gleiche auch wie im Grunde auch Steinmeier, und wenn
vom iranischen Revolutionsführer M ­ assud er in Berlin noch so prachtvoll logiert. Im

Oder vielmehr
Schasajer widerfuhr; dem schloß sich noch fast gleichen Atemzug teilt der bekannte Pole
im März der türkische Außenminister Kaczynski in seinem Parlament gleichfalls

2017
namens Mevlüt Cavusoglu an; nachdem aber unbehelligt mit, wer gegen seine Justizre-
bereits ein Jahr vorher irgendwelche schlau- form sei, sei ein »Verräter« und gehöre des-
meierischen Griechen causa pecuniae aus halb »aufgefressen«.
Brüssel Merkel als »Nazi« und evtl. sogar Unerschrocken offenbart dagegen am
gleichfalls als »Hitler« entlarvt hatten, in der 20.8. der Würselerer Schulz noch einmal und
Folge von Dieter Thomas Heck nämlich, der sogar im Fernseh, daß er nach vier verlorenen
bereits am 25.9.2005 eine seltsame »Nazi- Landstagswahlen jetzt bald Kanzler wird,
Pöbelei« (»Bild«-Zeitung) wider Merkel wie vor ihm einstmals Brandt, ­Schröder und
vom Zaun gebrochen hatte. Am 19.3. wirft Bismarck; und ab sofort muß er nur »auf-
Erdoğan Merkel persönlich »Nazi-Metho- passen, sich nicht lächerlich zu machen« (SZ
den« vor, und dann kam es für Deutschland immer »im Schulz-Rausch vollkommen ent- 12.9.). Zwar nennt der Genosse Altkanzler-
eine Weile ganz schön dick, als ihm binnen hemmten Sozialdemokraten« (FAZ) unge- kandidat von ­Dohnanyi ein paar Tage später
kurzem ein »Naziland«, ein »Bananenstaat«, rührt mit, er werde »der nächste Kanzler« und ebenfalls im Fernseh Schulzens Kanzle-
ein »Banditenstaat« und abermals »Hitler- werden. Nicht unplausibel: Noch im Februar rambition »von Anfang an die falsche Wahl«.
Wiederkunft« zum Vorwurf gemacht wur- hatte das Volk den neuen »Messias aus Wür- Aber auch A. Merkel schliddert jetzt in eine
den. Aber bereits ab 21.3. will die Kanzlerin selen« (ebd.) von 0 auf zeitweise 41 Prozent Krise, nämlich zwei Tage vor der Wahl wird
derartige beklagenswerte »Nazi-Vergleiche emporgewuchtet, im Juni war er auf präch- sie nicht nur von P. S­ loterdijk beschuldigt,
aus Ankara« als »inakzeptabel« nicht mehr tige 20 Prozent abgesackt – am Wahltag des bloß noch die »Lange­weile als politische
hinnehmen; zumal ja noch 2002 keine andere 24.9. kam er sodann, weil das deutsche Volk Kraft« zu beherrschen; und darum konze-
als Herta Däubl.-Gmelin schon den US-Prä- offenbar chronisch narrisch geworden war, diert (S)Chulz unbefangen noch am fast glei-
sidenten George W. Bush mit »Adolf Nazi« zwar auf keine 57, aber doch wieder stark chen Tage, unter seiner unverhinderbaren
gleichgeschaltet hatte. verbessert auf gedeihliche 20,5 Prozent – Kanzlerschaft könne Merkel ja seinetwe-
Als »neue Hitler« wurden 2000– 2017 warum nicht 17,4 bleibt bis heute unklar. gen »Vizekanzlerin« werden. Allein bereits
gleichfalls weidlich hochästimiert S­ addam Nachdem Trump und seine Berater am am 10.9. soll dementsprechend die neueste
Hussein (Enzensberger), Rumsfeld, 24.3. ȟber die Mexikaner redeten wie Hitler AfD-Spitzenkraft Alice Weidel die gesamte
­Honecker, Chávez, Bush jr., Frau Honecker und die Nazis über die Juden« (FAZ), hält Bundesregierung so oder so als »Schweine«
und Frau Schavan sowie sämtliche dama- A. Merkel »in einem Bierzelt am Rande von sowie als »Marionetten« ausgemacht haben,
ligen DDR-Führungskohorten – behutsamer München« (»Südd. Zeitung«) ihrerseits eine kann sich aber, nachgefragt, nicht mehr erin-
stellte es Trump an, als er beim italienischen Rede, die, wenn schon nicht von Trump, so nern.
Siebener-Gipfel Deutschland bloß als »bad, von den gesamten restlichen USA als »Zei- Dafür meldet sich zum 1.9. der Baron
very bad« entblätterte; worauf irgendein chen des Zerwürfnisses« gedeutet wird. K.-Th. zu Guttenberg in der hiesigen politi-
Führungs-Türke nochmals mit »Nazi- Nichts freilich passiert. So daß schon keine schen Arena zurück und erkennt dabei – wie
Methoden« korrigierte. Die Schweiz kam zu vier Wochen später der kurzzeitige Penta- gewohnt hochintuos – Merkel als »abgeho-
der Zeit nach einem »Kill Erdoğan!«-Appell gon-Pressesprecher des schönen Namens ben« – der Würselener zieht die Konsequenz
24  01/18
und landet am Wahltag des 24.9. komplett- muß sofort weg – Söder muß ran!« (Abend- Praktisch gleichzeitig und immerhin
komplementär voll auf dem Arsch – doch zeitung) – Seefelder bleibt einfach. Wie Mer- schon in der Nacht zum 31.10. gelingt der
siehe, nur vier Tage später wird es auch für kel auch. Und Schulz sowieso desgleichen. »Münchner Abendzeitung« anläßlich der
Merkel schon wieder heikler, denn ihre bis- Der, um nicht gar zu vorzeitig der Verges- 500. Wiederkehr des Wittenberger Thesen-
her loyale Ministerin, die neue, ja neuar- senheit anheimzufallen, nun auch mehrfach anschlags die bis dato unerhörte, ja schon
tige und schon im Übermaß krachblecherne andeutet, er werde zunächst aus der Oppo- vermessene Artikelüberschrift »Luther Cou-
SPD-Fraktionsführerin A. Nahles (47), geigt sition heraus »gute Chancen« haben, dann rage« und stellt so die bis dahin führenden
der ebenfalls neuen und noch gar nicht rich- halt wenigstens die nächste SPD-Regierung Imbezillitäten »Madame Courage«, »Groß-
tig formierten Merkel-Administration gehö- anzuführen. mutters Courage« (ZDF 1995) und »Mut-
rig die Meinung: »Ab morgen kriegen sie in Zumal der »dümmliche, alberne, ja kind- ter Teresa« aber auch schon so was in den
die Fresse« (»Bild«-Zeitung) – andere Infor- liche Begriff der Jamaika-Koalition« (Udo Nebelkerzenschatten, daß zum Beschluß des
mationsträger haben gehört: »auf die Fresse«. Acker, Grafing, im Leserbrief an die »Südd. Lutherjahrs und zum Redaktionsschluß für
So oder so, »ein banger Herbst« (Theo Zeitung«) in den Medien, besonders in den dieses Heft (1.12.) schon gleich gar nichts

Sommer d. Ä.) kündigt sich an, zumal nun offenbar davon schon extrem begeisterten mehr geht. Und nämlich als Folge des FDP-
A. Gauland für seine AfD die notwendige Printmedien, zuletzt überhaupt nicht mehr Ausscherens vom 20.11. wegen gezählter
Oppositionsstrategie präzisiert: er werde zu verhindern und zu vereiteln war, »seither »237 Dissenspunkte« (W. Kubicki) die Lage
»Frau Merkel oder wen auch immer jagen« jeden Tag und das mehrmals« (U. Acker), ja derart allseits (Merkel, SPD, Fast-Außen-
und derart diese »Regierung Merkel ent- milliardenfach. Dem setzt die »Süddeutsche« minister Özdemir, Schulz, Seehuber, Andr.
sorgen«. Wahnsinn. Dagegen, so Gauland aufs Jahresende hin eine andere Wortkala- Nahles, Söder usw.) konfus und verschattet
einmal im Schwung, gehöre jene sozial- mität als Jahresimpertinenz darwider: das geworden ist, daß wir hiermit von einer plau-
demokratische »Integrationsbeauftragte«, »Beben«, das nun nicht nur wochenlang aus siblen Rundung dieser Jahresbilanz in der
die da auf den vermeintlich überzeugenden Berlin und Washington und Ankara zu ver- Not Abstand zu nehmen gezwungen sind.
Namen Aydan Özoguz höre, möglichst nehmen ist, sondern vorübergehend sogar Schon 1999 klagte Monika Maron laut:
bald nach Anatolien oder sonstwohin als »Bayern-München-Beben«. Bis dann zu »Wir erleben einen antideutschen Rassis-
zurück-»entsorgt« – sein Kovorsitzender Allerheiligen Jupp Heynkes kommt und alles mus.« Diesen wiederholt die Türkei ein vor-
Jörg Meuthen legt eifrigst nach, die alte wie wieder richtet; fast sogar den immer noch erst letztes Mal zu verschiedenen Anlässen
neue Regierung Merkel möge »rückstands- vorrätigen Seetaler. zwischen August und Weihnachten – die
frei entsorgt werden«, das sage er »frank und Berliner Bevölkerung (und nicht allein sie)

U
frei und guten Gewissens«; gleichwohl erhe- kontert so ungerührt wie gedankenlos mit
ben sich jetzt prompt und bedrückend die nd bis die schon älteren einer Großdemonstration gegen den dring-
landesüblichen Protestkreischereien, wel- Exemplare »stylisch« bzw. licher denn je drohenden AfD-»Rassismus«
che von Meuthen und Gauland aber als- »stylisiert« im Fache Neo- im Zuge der allzeit bewährten »Ausländer-
bald ziemlich mühelos ihrerseits entsorgt logismus-Blödiotien erneut feindlichkeit«. Welche jetzt allerdings weni-
werden: Man habe hier nur »ein Original- die Führung übernehmen. ger als in einer Silvesternacht zuvor auslän-
zitat von Sigmar Gabriel aus dem Jahr 2012« Im mehr altakademischen derhafte Angriffe auf besonders sexuelle
wiederaufleben lassen. Sektor prangt hier allerdings unangefochten deutsche Frauen zur Ursache oder wenig-
Schulz, ein uns inzwischen immer vertrau- nach wie vor das polyvalent allseitige »Nar- stens Folge hat. Sondern eine vorher noch
terer Würselaner, schweigt vorerst zu alle- rative« bei jedem Furz und Scheißhaufen. kaum auffällig gewordene SPD-Bundes-
dem, kündigt allerdings angesichts der Lage Schon auf den Jahreszapfenstreich hin mel- tagsabgeordnete Eva Högl kämpft, indes-
seit dem 24.9. eine »Parteireform« (Schulz), ja det sich ein uns bis dahin weniger bekanntes sen Gauland in seinem Verein bloß einen
eine »Erneuerung« (ebd.) an. In die nämliche und allerdings hochüberfälliges »Weltstraf- »gärigen Haufen« erkennt, noch immer und
Kerbe als verbissenen Hoffnungsschimmer gericht« zu Wort und wirft »allen Staaten weiterhin unverbrüchlich und unversöhn-
setzt ab Oktober der zuvor mit gutding 12 der internationalen Gemeinschaft« vor, u.a. lich gegen die »Hetzer/innen der AfD, die
Verlustprozent gleichfalls erbärmlich nie- »vor den Verbrechen in Syrien die Augen zu ständig danach suchen, um weiter zu hetzen«
dergeschlagene Horst S­ eehofer (CSU) und verschließen« und allerlei »Ermittlungen zu – sie macht allerdings dabei, während ihr
will sich nämlich auch weiterhin um keinen verhindern« (DPA). Jedoch schon drei Tage Vorsitzender, der mehrfach erwähnte Schulz,
Preis aus der ihm langvertrauten bayerischen später am 31.10. erklärt der EKD-Ratsvorsit- aufopferungsvoll die Terroranschläge von
Staatskanzlei verdrängeln lassen, von den zende Heinr. Bedf.-Strohm das nun im Verein Barcelona und Cambril beweint, den Feh-
Blödeln der eigenen Jungen Union schon mit seiner »Botschafterin« Käßmann sattsam ler, daß sie gleichzeitig und gleichfalls im
gleich gar nicht. Auch nicht von Erdoğan. zu Ende gekurvte Luther- und Reformati- Fernseh zu sehen ist, »wie sie lacht, winkt
Oder halt Trump. onsjahr 2017 in Anbetracht der stattgehabten und feixt.«
Die aber beide jetzt erst mal etwas Ruhe Homo-Parade, der Luther-Bierdeckel und Hierzu allerdings stellt Högl, während
geben. der damit verbundenen »Horizonterweite- Schulz jetzt abermals mehr schweigt, mes-
Und mit dem neuen und bildschönen rung« für stramm g­ elungen. Schulz schweigt serscharf klar: »Wer mir unterstellt, Terror
österreichischen Kanzler Kurz versteht sich dazu vorerst, aber Trump versichert, daß er sei mir egal, tickt nicht ganz richtig.«
Kurt Seesteiner oder wie immer er heißen den neuen koreanischen US-Topfeind Kim Und damit wollen wir Eva Högl egalweg
mag ja auf Anhieb prächtig. Mag da inzwi- Bumm Jung o.s.ä. gelegentlich total »­ killen« auch schon wieder restlos vergessen und aber
schen die gesamtheitliche verlustgeschä- und, Heilandzack, bei der Gelegenheit auch dem Jahr 2018 so unerschrocken wie unver-
digte CSU eine »Partei-Revolte« postilie- gehörig ­»fertig­machen« werde. meidlich ins Auge blinken. Oder jedenfalls
ren oder jedenfalls postulieren: »Seehofer So. Super. schauen.
01/18  25
Wale sind gehalten, ihre Unterhaltungen sich jahre­lang als Zivil- oder Zweitschaff­ dig neue, erd­ähnliche ­Planeten zu entde­
nach 22 Uhr auf einen Radius von tausend ner und erhob im ICE Hölderlin erfundene cken. G ­ eklagt hatte ein pelziger ­Privatmann.
Kilometern einzuschränken. ­Geschwiegen ­Reservierungszuschläge von den Fahr­gästen. Eine Lehrkraft, die einen Volkshochschul­
wird i­mmer in Landessprache. Laut einem Jetzt ist es zu spät, er ist tot (­ eingeschlafen kurs zum T­hema ­»Gelassenheit lernen«
Urteil des Bundesverfassungsgerichtes auf seiner H ­ ollywoodschaukel). Ein Privat­ gibt, darf höchstens zu einem Drittel aller
müssen auch Briefe, die man im Traum planet wie die Erde muß sich nur so schnell Termine fehlen. Was darüber h­ inausgeht,
verschickt, aus­ reichend frankiert sein. drehen, wie seine Besitzer es wünschen. kann nicht mehr als »der Übung und Ver­
Es besteht keine Verpflichtung, angefan­ Ein Drehimpuls aus Zeiten des Urnebels tiefung des Stoffs dienlich« eingestuft wer­
gene Tele­fongespräche. Steak und ­Schnitzel habe hier nichts zu melden, hieß es aus der den. In Berufung ­gegangen war ein auf La
schmecken am b­ esten mit einer Scheibe Richterkan­tine. Er geht jetzt in ­Berufung. P ­ alma wohnhafter Volkshochschul­lehrer.
Käse dazwischen. ­Listen, die vor­geben, Die Länge eines Brautschleiers darf die Wer ­ seine Umsatzsteuervoranmeldung
Sie auf den neusten Stand der Rechtspre­ Länge des Kirchenschiffs maximal um das in einem ­ deutschen ­ Internet überträgt,
chung zu brin­gen, dürfen ­keine Aussagen zu Vierfache überschreiten, sonst darf man ­bekommt Fristverlängerung bis zum näch­
j­ uristisch irrelevanten drauftreten. Für ein sten Jahr. Der Lebens­gefährte eines großen
T­ hemen enthalten ­Schrittempo nach der ­Tigers ließ das Tier während der Rückfahrt

IHR
(T. Wolff). Die Quer­ StVO reicht es nicht, vom Einkaufszentrum aus dem Schiebe­
summe von W ­ arren sich zu Fuß in einen dach seines Fiat 500 ­schauen. Dieses zog
Buffets Sprachvermö­ Stau zu stellen. Ein sich nach oben, sprang auf den Gehweg
gen ist zwölf. Der L­ änge Mann aus P ­ irmasens und verspeiste einen Anhalter aus S ­ achsen.
nach ist sie ­ kürzer.
Buchstaben ­besitzen
das Recht, ihre Rei­
GUTES h­ atte geklagt. S ­ ofern
der Wirt hierzu in
seiner ­Speisekarte
m
Der Fahrer hätte das Tier anschnallen
­ üssen. Auch wer ­einen Fünfeuroschein in
der Hose bei nur 30 Grad wäscht, hat sich
henfolge in einem
Wort zu ä­ ndern, wenn
die Nachbarschaft zu
RECHT Angaben macht, ist
­
es statthaft, sich für
den Besuch eines ita­
der Geld­wäsche schuldig gemacht (Richter
Gnaden­los). Sollte sich h­ erausstellen, daß
Sie an einem Ort sterben, der dafür nicht
einem anderen Buch­ lienischen Restaurants zertifiziert ist, suchen Sie sich bitte ­einen
staben nicht zumut­ mit ­einer ­Schablone a­ nderen. Wer sich als Sohn ­zweier Mütter
bar ist (Lärm, Trunksucht, lose Rede) oder ­auszurüsten, um den Durchmesser der ­Pizza mit einer ­Man-in-the-Middle-Methode in den
der Wunsch nach Nachbarschaft zu einem zu überprüfen. Sollte die Pizza zu groß sein,
­anderen als dem Nachbarbuch­staben »über­ müssen die Gäste sofort das L­ okal ­ver­lassen.
wältigend«. Der Wechsel eines Buchstabens Wer über seine Wohnungstür »Museum«
in ein anderes Wort ist nur dann zulässig, schreibt, hat Anspruch auf Z­ uschüsse und
wenn der als neuer Nachbar angestrebte darf von seinen Gästen Eintritt ver­langen.
Buchstabe nicht schon im U ­ rsprungswort Ein Audi A1 hat nach einem ­Urteil von
vorhanden ist. Geklagt hatte eine anonym Herrn Meyer, derzeit mit 240 km/h unter­
(»B«) bleiben wollende Konsonantin aus wegs, »auf der A8 nichts zu ­suchen«. Wer
dem Ruhr­gebiet. Der Name einer Stadt darf ­seinen ­Urlaub ­damit verbringt, zum ­Zwecke
Old Shatterhand sein. Ein Menschenrecht der ­Kostensenkung Mängel im H ­ otel zu
auf Uhrzeit kann nicht eingeräumt wer­ ­suchen, muß für immer dort bleiben (mit den
den. Mondsüchtigen reicht für Raumfahrt­ a­ nderen). Bei einer Zeitreise, die in einem
missionen der ­Personalausweis, voraus­ anderen Jahr ankommt als vom Veranstal­ ­ atenstrom zwischen Router und L­ aptop
D
gesetzt, sie bringen ­geeignete Kleidung mit ter angegeben, muß dieser die Kosten für einschleust, kommt ins Zucht­ kittchen.
(business casual) und verpflegen sich selbst den Bus rück­erstatten. ­»Mäuse stimmen mit ­Firmen, die zur Erd­erwärmung beitragen,
(z. B. Apfel, ­Studentenfutter, ­Jupiter). Wer in dem Menschen in neunundneunzig ­Prozent dürfen vom Land ihres Sitzes Energie­
die erste ­Klasse geht, darf auch in der e­ rsten ­ihrer Gene überein, des­wegen würde ich kostensenkungspauschalen ­beanspruchen.
Klasse ­fahren (Volksmund). In ­alter Recht­ aber eine Maus nicht m ­ enschenähnlich Weil offenbar Rechtsunsicherheit bei vielen
schreibung verfaßte Witze können binnen ­nennen oder einen Menschen mäuseähn­ ­Lesern besteht: Auch wer nicht »­ Museum«
Gunnar Homan

dreier Jahre in die neue Rechtschreibung lich.« Auf dieses Zitat von John S ­ teinbeck über ­seine Wohnungstür schreibt, darf e­ inen
übertragen werden, danach verfallen sie (Lex verwies der Richter am Landesgericht Bad reichlich überhöhten Eintritt von ­seinen
Barker). Ein Mann aus Goslar verkleidete ­Salzuflen, als er es Astronomen ­verbot, stän­ G ­ ästen verlangen.

26  01/18
01/18  27
-S erie:
Neue TITANIC
, D e i n e R e c h t e n ! (Folge 1 von 33
4 51 000)

Deutschla nd
JE M’AIME
Mutmaßungen über Melanie Schmitz

»Ganz großes sorry an meine Antifa Fans!…


Und weil ihr heute nicht zum 758484843. Mal
hysterisch Photos von mir knipsen konntet, hier zum Trost
ein Selbstgemachtes – mit Bussi! Küßchen auf eure
Nüsschen, sauft nicht zu viel.« (M. Schmitz)

S
prechen wir über Melanie Schmitz. Deutschen vollzogen: einer durchmischten, Tradition Steinars eurythmisch ein Lambda
Das It-Girl der Neuen Rechten in von Multikulti gejutebeutelten und Ray- tanzt… Sie sichert sich ihren ideologischen
Deutschland. Deren Fotos Kasernen­ Muslim-Ban-Sonnenbrillen tragenden Mitt­ Anteil an der letzten kulturellen Errungen-
spinde zieren und hinter den vergilbten zwanzigerin aus Identitärer Bewegung und schaft des Abendlandes in diesem Jahrtau-
Familienporträts in den Brieftaschen von Hipstertum. Twibster oder Fleischgewor­ send: einen eigenen Youtube-Kanal. Dort
Verfassungsschützern stecken. Diese total de­nes Pathos? Sie schlägt sich eine Weile chan­sonniert sie sich stets bemüht durch
sozial-medialisierte »Mélanie« alias »Made- in einer von ihr gegründeten Damenverbin- alle Strophen klassischer Hymnen (»Alt
moi­selleEnvie« alias »LaGrive« alias »Vom- dung durch und knipst mehrmals das Inter- Right Now«). Aber auch die alten Meister
ArschdieBrüh«. Neonarzißtische Haßseiten- net mit sich voll: Melanie mit Pony. Melanie wie Mahler sind ihr nicht fremd (»Ich darf
einsteigerin der idiotären Gruppierung »Kon- mit Pferdeschwanz. Melanie mit Pony und Horst zu ihm sagen«). Das gefällt ihren Fol-
trakultur Halle« mit den Gründerpapas und Pferdeschwanz. Melanie mit Pony, Pfer­de­ lowern inkognito – Nicknames: »Biodeut-
-mamans der Génération Identitaire dedi- schwanz und Baseballschläger. Melanie mit scher«, »grosserdeutscher« oder »martin-
ziertem frankophilem Hau, pardon, ’au. Pottschnitt (#lokalpatriotismusistkein­ sellner« – ­glei­chermaßen wie den Zauseln
verbrechen). Melanie, die sich den Kopf auf den Kampfwahlveranstaltungen der
Blick zurück nach ewiggestern: Essen, Bor- waschen läßt. Melanie mit (puh!) Seiten- AfD, bei denen sie taktlos durchs musikali­
beck-Mitte (Westeuropa), irgendwann in den scheitel. Melanie, verführerisch nur in einen sche Begleitprogrom, äh, führt #weraktivist­
frühen Neunzigern. Inmitten der traditionell Schafspelz gehüllt. Melanie, die ganz in der seinwillmussleiden. Ein Lehramtsstudium
maroden Industriekultur des Ruhrgebiets
wird den Schmitzens ein Töchterchen gebo-
ren. Die Eltern meinen es gut mit ihrer Klei-
nen, ­nennen sie nicht wie zu der Zeit en
vogue Pamela, Naomi oder Haddaway, son-
dern geben ihr den Allerweltsnamen Mela-
nie. Die kleine Madame beschließt, fortan
für ihr Recht auf Identität als Schreikind zu
kämpfen. Mitte der 90er Jahre dann: Flucht
der Familie vor der nordrhein-westfälischen
Unna-Massenverelendung der seit 1978 wäh-
renden Rau-Tyrannei nach Amerika. Doch
Melanie wird bald eigen im fremden Land.
Mit sieben: Remigration nach Deutschland.

(Szenewechsel)
Ostfront: Halle an der Saale in den freud­
losen Nullerjahren 1989 bis heute. Rebel-
lanie hat inzwischen die Vervolkskörpe-
rung vom häßlichen Entlein zur häßlichen

28  01/18
schaftler Feigfried von Duckweg-Ohnschmiß Gutes in meinem Leben gekannt habe.« Mit
und schon gar nicht dieser windhundflinke, ihrem Vater wird sie da längst gebrochen
lederzähe und glühende, kruppstahlverar- haben, der sie trotz allem noch als »guter
beitende Patriot Rolf-Christel Onwuatu- Mensch« bezeichnet hat. Sie wünscht sich
egwu. Aber Schmitz und Müller. Das paßt im großen Austausch gegen ein paar Musel-
gleich wie Arsch und Loch. Relationship bälger insgesamt sieben Kinder. Eines
goals: achieved (/\) Man mag sich das Pär- namens Harald aus erster Ehe und sechs wei-
chen nicht als Gastgeber vorstellen. Oder tere – Helga, Hildegard, Helmut, Holdine,
doch: »Heil!« setzt Müller beim Empfang Hedwig und Heidrun – mit ihrem zweiten
seiner Gäste zur Begrüßung an. Unterdes- Mann. Die würde sie dann in Kleidchen mit
sen hetzt Schmitz aus der Küche:
»-iges Kanonenrohr, fünffünfundvier­
zig, seid ihr aber früh dran.« Plötzlich
bricht Hektik aus. Schmitz und Müller
wollen irgendwem aufs Dach steigen.
Flugs wird das Banner mit der Auf-
schmeißt sie wieder, als ihr bewußt wird, schrift »GRENZEN SCHÜTZEN!
daß das deutsche Schulsystem noch nicht LEBEN RETTEN!« dann aber wieder
bereit ist für innovative Unterrichtsideen wie eingerollt, als sich das angekündigte
das Erlernen der Kontrakulturtechniken Mitbringsel ihrer Gäste halb so wild
oder Auswandertage für Auffang­klassen mit bloß als Syrah erweist. Im Hinter-
Flüchtlingskindern. Zumal ihr zu allem grund läuft sächsisch-anhaltischer
Übel (Merkel) von ihrer Prakti­kumsmentorin Ethnopop aus Schnellroda. Das Essen
im Unter­r icht das Smartphone samt Selfie- hat durch die beiderseitigen Neckereien
Stick abgenommen wird. Der Studien­
wechsel zu den Kommunikationswissen-
schaften verhindert gerade noch eine Identi­
tätskrise. Schmitz kann sich nun in ganz
Europa verständigen, v.a. über Gesten,
­Symbole und abgeklebte Tattoos. So finden
die Identi­tösis Anschluß zu ihr. Und so lernt
sie ihren Freund, Mario Müller, kennen.

Überhaupt: Mario Alexander Müller. Allein


sein Geburtsjahrgang (hach ja, ’88) läßt
genügend Lebensraum für Spekulationen.
Er hätte Meier heißen wollen, wäre der als
einziger von seinem Exit überzeugte Junge
Nationaldemokrat nicht auf das Mädchen
mit dem schwarzen Kajal, den roten Haaren
und dem reinweißen Teint aufmerksam
geworden. Ihr, der von all ihren vermuteten deutschtümelnd-loriotscher Prägung (»Spa- aufgedruckten Dackeln stecken, knuddeln
Galanen anno dunnemals niemand so recht, ghettifresse!«) einen faden Beigeschmack. und in einem Bunker vergiften. Nur die
geschweige denn so recht radikal sein wollte: Schmitz reicht Salzstreuer und Pfefferspray Fehl­geburten, das viele Fremdgevögel und
weder die wenig gefürchteten Essener herum. Reizend. Zum Dessert gibt es Coo­ der abartige Klumpfuß ihres Gatten
Ultras vom TUSEM in der, räusper, H- kies for the krew, sprich: mal wieder (uff!) müßten nicht sein. Zumindest das wäre ihr
Jugend damals, noch der Deutschburschen- Brownies. »Janz jut süß, wa?« reichshaupt- im Sinne einer liberal-universellen Men-
städtelt Müller gekonnt. Schmitz rückt die schenwürde zu gönnen.
Tischgesellschaft mit ihm ins falsche Licht Pls return me to the void. Thx.
und schießt schnell noch ein Photo von sich.
Danach gemeinsame Säuberungsaktion
»Defend Europe’s Kitchens«.

Wenn aufgrund der liberalen Ideologie des


Universalismus, der sich wie ein Krebsge­
schwür durch die westliche Welt frißt eines
nicht allzu fernen Tages dann doch alles
längst zum Iblı̄s gegangen ist und dereinst
von O.Hirschbiegel als »Der Untergang II«
verfilmt werden wird, möchte auch Schmitz
mit 43 als »Madeleine G.« mal so etwas
Erhabenes bloggen wie: »Unsere herrliche
Idee geht zugrunde, und mit ihr alles, was
Daniel Sibbe

ich Schönes, Bewundernswertes, Edles und

*Die kursiv gesetzten Stellen sind wörtlich Melanie Schmitz’ Instagram-Account entnommen
01/18  29
Alles wird  Wohin man schaut: Apokalypsen, Klima­katastrophen, Weinerlichkeit,
Pessimismus, CSU, daß sogar die Zeugen Jehovas erschrocken in den
Fußgängerzonen herumstehen. Doch damit ist jetzt Schluß. Die Welt braucht
­wieder kühne Visionen, Heilsgeschichten, lichtdurchflutete Sonnenstaaten,
kurz: saugute Utopien wie diese.

Hzyüöplumpuff
Ende des 21. Jahrhunderts erspä-
Weltstaat hen usbekische Hobby-Astrono­
Vanhemelrijck men einen so neuen, interessanten
Meesepolis Planeten, daß ihnen fast das Fern-
Ein junger Flame namens Baptiste glas aus den Händen fällt: einen
Deutschland, Mitte des 21. Jahr- Vanhemelrijck betritt im Herbst üppig bewachsenen Himmels­
hunderts: Die Menschen haben 2018 die politische Bühne. Der körper, auf dem menschen­ä hn­
jede Menge Freizeit, niemand smart guy mit der hypnotischen liche Wesen fröhlich herumtollen,
muß mehr arbeiten, jeder Haus- Stimme und den körpernah niemals Kleidung tragen, Eigen-
halt hat seine multifunktionalen geschnit­tenen Anzügen ist so tum und Arbeit nicht kennen,
Arbeitsmaschinen, die komplexe ­charismatisch, daß er flugs Prä­ statt dessen Basisdemokratie, Sex
Bewegungsabläufe beherrschen, si­dent von Belgien wird, bald im Freien und die allgemeine
genannt »Helper«: kleine, verarmte sämtliche Beneluxländer unter Schulpflicht bis 35 Jahre. Einfach
Südeuropäer, die auf ihren zwei sich hat und am Ende die ganze nur WOW! Die Menschheit tauft
Beinchen umherflitzen und auf Welt. Der neue »Diktator«, wie er den Planeten auf den Namen
Kopfdruck jeden Wunsch erfül- Kingdom of Heaven sich augenzwinkernd nennt, ist Hzyüöplumpuff, freundet sich
len. Die Deutschen haben wieder jedoch nicht nur telegen und mit dem Gedanken einer dauer-
was zu lachen, zum Beispiel über Im Jahr 2022 macht ein interna- ­eloquent, sondern auch gütig und haften Umsiedelung an sowie mit
ihre tumben »Helper«, flanieren tionales Forscherteam am renom- lieb! So lieb und gütig, daß es ihm der dort vorherrschenden Gesell-
umher wie Scarlett O’Hara über mierten »Massachusetts Institute gelingt, Wallonen und Flamen, schaftsform der Polyamorie. In
ihre Negerplantage und leben faul of Technology« eine aufsehen­ Semiten und Antisemiten, Jutta solar­­betriebenen Spaceshuttles
und glücklich in den Tag. Anson- erregende Entdeckung: Beten hilft! Ditfurth und Wolfgang Bosbach reisen die Erdenbewohner schließ­
sten machen sie, wozu sie Lust Und zwar immer und hundertpro, mitein­a nder zu versöhnen. End- lich mit Sack und Pack hin.
haben, und alle haben Lust auf wenn man dabei die großen Zehen lich ist der so geeinte Weltstaat Freund­lich begrüßt man einan-
Kunst. Kabarettisten, Universal- gen Mond reckt, nicht blinzelt handlungsfähig, alle UN-Resolu- der, doch durch mitgeschleppte
künstler, selbstfahrende Musiker und die Hände lediglich locker tionen werden ratifiziert und Zivilisa­t ionskrankheiten wie
und ein unübersehbares Heer an ineinander verschränkt. Good sämt ­liche failed states zurück in Masern, Fußpilz und Burnout
Jazzkontrabassisten bevölkern News! Alle machen sofort mit, die Staatenge­mein­schaft geholt, werden die Einheimischen binnen
Künstler­dörfer, groß wie Mexico und die Taten zeitigen Früchte: mit Ausnahme von England. Der weniger Minuten alle dahinge­
City, und tun, was Künstler eben Der Klimawandel wird gestoppt, »goede Hitler«, wie sich Vanhemel­ rafft. Schade.
tun: auf After-Art-Partys herum- der Weltfrieden eingeläutet, rijck scherzhaft nennt, beglückt Die Frage wird laut: Zurückreisen
lungern, saufen, kotzen, mastur- Öster­reich abgeschafft, Markus die frischgebackene Weltgemein- oder hierbleiben? Man entschei-
bieren, granteln, die eigenen Epi- Söder erschossen und die FAZ schaft mit e­ lektrisierenden Neu­ det sich für letzteres, zieht in die
gonen verprügeln, masturbieren verboten und die Menschheit von jahrs­an­sprachen und der Einfüh- hübschen, hellen Häuschen ein,
und zwischendurch den KSK- allem Bösen (Weltreligionen, rung einer neuen Weltsprache, genießt die gute Luft, entledigt
Antrag ausfüllen. Ein wahrlich Kapitalismus, Hämorrhoiden) Westflämisch, was auch der inter- sich der Kleidung sowie aller
goldenes Zeitalter bricht an, zum erlöst. Das Himmelreich auf Erden nationalen Popmusikszene wieder irdischen Sexualkonventionen
ersten Mal in Deutschland. ist, halleluja, endlich da. neue Impulse bringt. und wagt beherzt einen Neustart.
30  01/18
gut

Nanopia
Die Welt, ganz bald: Die Men-
schen sind schön, ewig jung und
haben wundervoll geformte
Geschlechtsteile. Alles dank Nano­
­technologie. Schon heute liefert
dieser Forschungszweig wertvolle
Lösungsansätze in den Bereichen
Energie, Klima, Gewaltprävention
und Verkehrserziehung, und es
werden immer mehr. Die Nano-
teilchen sind so unvorstellbar
klein (3cm²!), daß man sie über-
all einschleusen kann, ob in Nah-
rungsmittel, ins Weihwasser oder
ins Poloch, wo sie ein wohliges
Gefühl mit 24-Stunden-Wirkung
verursachen. Unter die Haut
gespritzt oder durch die Nase
­gesnieft, ­heilen Nanoteilchen
Krebs, Morgenmuffligkeit und
kapitalistisches Denken, daß so
der Erden­bürger bald mehr aus
Nanoteilchen als aus Haut und
Ella Carina Werner, Illustration: Leonard Riegel

Ekzemen besteht, was ihm aber


gut steht. Bald wird es möglich
sein, unsterblich zu werden, was
einen hohen Preis hat (1699 Euro),
mit den Jahren aber für alle
erschwinglich wird. Ferner kann Paläolithistan
man mittels Nano­teilchen das
Ozonloch kitten, den deutschen Die Erde, um 2060: Am Himmel die Frage, in welche? Die graue zurück ins lauschige Jungpaläoli­
Wald gesunden, Gott sichtbar nur noch Ruß und Rauch, der oder die urwaldgrüne, die Bronze-, thikum. Eine gute Entscheidung.
machen, Rosenkohl geschmack- Planet steht vorm Kollaps. Die Steinkohle- oder Abkupferzeit? Die Menschen betreiben wieder
lich revolutionieren oder aber die Menschheit erwägt, noch einmal Schließlich einigt man sich und friedlich Ackerbau, grillen Woll-
putzigen Plunderteilchen einfach ganz von vorn anzufangen und katapultiert sich mittels eines nashörner, tanzen Opfertänze
direkt verspeisen, mit reichlich sich freiwillig zurück in die ­k rachigen Cocktails aus Atom-, im Rund, und die CO²-Bilanz
Zucker und Zimt. ­Vor­zeit zu bomben. Nur stellt sich Neutronen- und Arschbomben stimmt wieder.
01/18  31
un k
Heinz Str

h at u l le 3 4
Intimsc we i s«
s p e n d eau s
»F lei sc h
9.12. In den Tagebüchern Feuchtwangers gelesen. Er berich­
tet vom französischen Lagerleben und dem Selbstmord
Hasenclevers. Und: Für Gewürze hätten ganze Generationen
1.12. Ein Freitag nach Maß: Morgens Thee und Plunder­ ihr Leben gelassen. Schluck!
gebäck, dann Arbeit am Erzählungsband »Das Teemänn­ 10.12. Schlagzeilen, die man nicht so schnell vergißt:
chen« (erscheint Herbst 2018) fortgesetzt. Nachmittags im 1) TURBINENWIND BLÄST TOURISTIN WEG – TOT
Sanitätshaus »Dmoch« Seniorenjeans mit Auffang besorgt. 2) DEUTSCHER ALS VAMPIR IN AFRIKA ERSCHLA­
Abends Lecture (Balzac). GEN 3) FRAU AUF KRÜCKEN RETTET GELÄHMTE
2.12. Beim Hornbacher-Baumarkt die WC-Folie Vollgeschis- TANTE.
sen besorgt. Mit nur wenigen Handgriffen läßt sie sich auf alle 11.12. Fleischspende. In meinem Kopf ist richtig was in Bewe­
handelsüblichen Schüsseln montieren. gung geraten, ich habe Blut geleckt, im wahrsten Sinne des
3.12. Alltagsfrage: Ist es eigentlich gesund, sich vom Hund Wortes. Da habe ich ein wirklich heikles Thema »an der
das Gesicht ablecken zu lassen? Angel«, das behutsam(st)er Annäherung bedarf. Eine einzige
4.12. Auf ZDF neo eine Reportage über Organspende in unglückliche Formulierung, und schon würde man als irrer
der BRD. Etwa 20 Prozent der Deutschen besitzen einen Spinner verspottet (Heinz der Kannibale Strunk, haha). Es gilt
Spenderausweis, Tendenz steigend. Trotzdem noch viel zu also, »neutrale« Fakten zusammenzutragen: 1) Menschen­
wenig. Unvermittelt kommt mir das Wort Fleischspender- fleisch ist geschmacklich eine Kombination aus Huhn und
ausweis in den Sinn. Einfach so, aus dem Nichts; wie vieles, Rind. 2) Von den jährlich 890 000 Toten in Deutschland sind
also aus dem Nichts. Und plötzlich stellt sich mir die nach­ etwa 700 000 genießbar (Uralte, Schwerkranke und von ­Nikotin
gerade ungeheuerliche Frage: Wäre es nicht an der Zeit, eines kontaminierte Starkraucher ausgenommen). 3) Wenn in jedem
der letzten Tabus infrage zu stellen: DEN VERZEHR/ Jahr 750 Millionen Tiere (auf grausame Art und Weise) ihr
GENUSS VON MENSCHENFLEISCH? Eieiei, puh, Wahn­ Leben lassen müssen, warum werden dann bereits tote
sinn, dünnes, dünnstes Eis! Gänsehautfrage pur de luxe, erst ­Menschen, die noch dazu alternativ mit viel Aufwand und für
mal sacken lassen. teures Geld bestattet werden müssen, nicht zum Verzehr frei­
5.12. Habe mich jetzt, nach immerhin drei Jahren, gut von gegeben? (Deren Einverständnis – im Fleischspenderausweis
meinem schweren Eingeweidebruch erholt. dokumentiert – vorausgesetzt.) Fragen: Warum ist eine Organ­
6.12. Nach dem gigantischen Erfolg der italienischen und spende »toll«, »spitze«, eine Fleischspende aber »das Letzte«,
griechischen hier nun die asiatische Speisekarte. Die Bestel­ noch dazu strafbar? Speisehuhn – ja, bitte gerne, Speisemensch
lung wird wie immer gesungen: – ein No-go?! Da stimmt doch irgendwas nicht. Und: Seit
»Als erstes eine Fischsupp, mit Pilzen und Garnelen, wann ist der Genuß von Menschen­fleisch eigentlich verpönt?
gewürzt mit viel Kurkuma, Fischsupp wunderbar. Das ist doch Unfug wie beispielsweise der Zölibat. Menschen
Passend zu de Fischsupp eine Frühlingsrolle, mit Schweins­ ­erfinden »frei Schnauze« irgendwelche Regeln, um sich das
hack und Shiitake, Rolle wunderbar. Leben noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist.
Dann kommt Nasi Goreng mit roter Currypaste, dazu ein 12.12. Mal wieder den Tarantino-Schinken Kill Bill 2
Satéspießchen, Nasi wunderbar. geschaut. Und mal wieder festgestellt, daß bei Tarantino kein
Als nächstes eine Wokpfann mit Rindfleisch und T ­ empura, einziger Satz literarischen Bestand hat.
dazu ein Schüssel Duftreis, Wokpfann wunderbar. 13.12. Bei Ikea ist eine Türgarderobe mit dem zweifel­
Jetzt kommt Shabu Shabu, aus dem Feuertöpfle, mit Dips haften Namen Erdnutte ins Sortiment genommen worden.
und Pfannekuchen, Shabu wunderbar. Die einen finden’s witzig, ich finde es geschmacklos.
Dann ein Becher Sake, ist ein guts Erfrischung, lecker kalte 14.12. Geiler Spruch: Liebe ist ein Gefühl. Durst auch.
Sake, Sake wunderbar. 15.12. Karriereschatulle: 1) Selbst wenn du auf dem
Dann Tandoori Hähnchen, mit Reispapiere-Rollen, dazu ­richtigen Weg bist, wirst du überfahren, wenn du nur dasitzt
frischer Tofu, Tandoor wunderbar. 2) Mögen dich andere, ist das ein Bonus, magst du dich
Jetzt Teriyaki-Rindfleisch mit de Glaserlnudel, dazu schön selbst, ist das der Hauptgewinn 3) Der Pessimist beklagt den
Basmati, Teriyaki wunderbar. Riß in der Hose, der Optimist freut sich über den Luftzug.
Ganz zum Schluß ein Lassi aus Mango und Papaya, trinkst 16.12. Heutzutage sind Profiboxkämpfe i.d.R. millionen­
schöne kleine Schlucke, Lassi wunderbar. schwere Spektakel, und die Kontrahenten gehen im Vorfeld
Asia, o Asia, leicht und bekömmlich, geh öfter hin! nicht gerade zimperlich miteinander um. Da wird gepöbelt
Asia fantasia, ein Kontinent auf meiner Zung.« und beleidigt, was das Zeug hält, Handgreiflichkeiten sind
7.12. Leute, die ich in der Adventszeit zu treffen mir fest an der Tagesordnung. Da lobe ich mir Max »Cola« Schme­
vorgenommen habe: Gunter Bruhn, Prokurist bei Farben- ling. Kurz vor dem legendären Fight gegen den als unbe­
Hamann, »Bild«-Schnuckelchen Hiltraud, Marco Matsch. zwingbar geltenden Weltmeister Joe Louis machte er auf
8.12. Reportage auf MDR: Die coolen Achtziger in West einer Pressekonferenz eine scheinbar nebensächliche Bemer­
und Ost. BRD: von Rastahaaren bis Rasterfahndung. DDR: kung: »I have seen something«. Daß nämlich Louis nach
vom Republikflüchtling zum Backpacker. einem Angriff seine Linke etwas hängen läßt, und so die
entscheidende Lücke für einen Angriff bietet. Das Ergebnis
kennt man: k.o. in der 12. Runde! Weil Schmelings Beob­
achtung goldrichtig war! Phantastisch!

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17.12. Google Suchverlauf Dezember: cherno jobatey –
freenet tv guthabenkarte media markt – zucchini Rezepte
– wie viel Alkohol muß man trinken um 5 Promille zu
­erreichen – Selbstbewußtseinsexperte cahit sahin – Wut­ ich (m)eine Weihnachtslieder-CD (die 40 schönsten deut­
bürger-Wutbox – landhaus badenhoop – hsv positiv – ibo schen Weihnachtslieder mit Orchesterbegleitung) auf. Dazu
Tod – ibiza ibo – sowieso war nur hallo hallo – bungalow in ­Rumtopf, Lebkuchen, alte Zwetschge Obstbrand der Marke
santa nirgendwo Ziegler (ob ich wohl noch lange genug lebe, um irgendwann
18.12. Frau Zietlau entpuppt sich als schreckliche Trulle. einen Menschenbraten genießen zu dürfen?!). Bin pünktlich
Schenkte ihr zum Abschied eine Mops-Radierung. zum Fest wieder richtig fett geworden. Kurz bevor mir die
19.12. Labour-Politikerin Emma Coad über die Royals: Augen zufallen, kommt mir ein guter, weil nichts- und damit
»Prinz Harry kann gar keinen Helikopter fliegen. Er ist vier­ allessagender Titel in den Sinn: »Erste rechts, zweite links«.
mal durch die Prüfung geflogen. Als Kopilot sitzt er nur Oder »Zweite rechts, vierte links«. »Erste links, fünfte gerade­
vorne drin und macht brumm, brumm.« Lustig. So, wie man aus«. Undundundoderoderoder.
den auch eingeschätzt hätte mit seinem dümmlichen Gesicht. 25.12. Gibt es Trostloseres als Menschen, die heraus­bölken,
20.12. Seinen Kußversuch weist sie ab. Hilflos sich um Kopf daß sie sich ein Leben ohne Sport nicht vorstellen können?
und Kragen redend schiebt er noch hinterher: »Aber es lag 26.12. Kälte, abgeschwächt. Zu Hause Chokolade.
doch in der Luft.« Da täuscht er sich. Nichts lag in der Luft. 27.12. Es gibt ja bekanntlich viele Widerlinge, aber die
z.Zt. ekelhaftesten Ekelpakete sind: 1) TV-Moderator Frank
»Buschi« Buschmann. 2) Ex-Samstag-Nacht-Darsteller,
­Fernsehkommissar und Musiker Stefan Jürgens (aktuelles
Album »Grenzenlos Mensch«) 3) Hubertus Meyer-Burck­
hardt. Muß ich das näher ausführen/begründen? Ich denke
nicht! »Fleischbart« Meyer-Burkhardt, der schon lange die
Schlachtreife erreicht hat (schätze ihn auf mittlerweile etwa
130kg), ergäbe allerdings eine schöne, fette Mahlzeit. Da
könnte eine ganze Busladung Rentner satt von werden.
28.12. Toller Satz: »Unser Sex ist wie zimmerwarme Butter
aufs Brot zu schmieren.«
29.12. »Gegessen werden ist die einzige Möglichkeit,
­spurlos zu verschwinden.« (Ein long Pig übrigens ist jemand,
dessen Wunsch es ist, aufgegessen zu werden.) Fest steht:
Kannibalismus muß raus aus der Schmuddelecke. Es darf
nicht länger sein, daß in diesem Zusammenhang ewig nur
vom Kannibalen von Rotenburg Armin Meiwes die Rede ist,
der unter zugegebenermaßen unappetitlichen Umständen
den Diplom-Ingenieur Jürgen Brandes tötete (davor gemein­
samer Verzehr von Brandes’ Penis). Welche Partei wäre am
geeignetsten, den entscheidenden Vorstoß in die richtige
Richtung zu wagen? Die Volksparteien scheiden schon mal
aus. FDP ebenfalls. Grüne? Viel zu festgefahren. AfD auch
nicht. Am ehesten die Linke. Oder die Grauen, haha, Gott
Bestimmt ein »lautes« Handwerk! hab sie selig. Überhaupt, Splitterparteien – wie wäre es mit
DIE KANNIBALEN? Ich höre schon die öde Frage: Haben
die Kannibalen eigentlich mehr als dieses eine Thema,
21.12. Arbeit am Teemännchen (auch nach nunmehr acht haben sie so etwas wie ein Parteiprogramm? Wie stehen sie
nicht gänzlich mißlungenen Büchern noch immer eine sagen­ z.B. zum Thema Steuerrecht? Verkehr? Außenpolitik?
hafte Quälerei). Niedergang von Kraft und Lust, traurig und Schnarch. Kannibalen sind Kannibalen.
interessant. Gefühl abnehmender Kraft wird geweckt durch 30.12. Gute Frage: Rolf Ralf oder Ralf Rolf?
Überdruß am Stoff. 31.12. Ich habe mir
22.12. Thema Fleischspenderausweis: Bis 1994(!!!!) ­eingebildet, Schlimmeres
­w urden sexuelle Handlungen zwischen Personen ­männlichen könne es nicht geben, und
Geschlechts unter Strafe gestellt (§175), bis 1973 wurden dann ist das Schlimmere
Hotelbesitzer wegen Kuppelei vor Gericht gestellt, wenn sie doch eingetroffen, wie es
einem unverheirateten Paar die gemeinsame Übernachtung das unfehlbar tut.
gestatteten. Unvorstellbar. Wie es hoffentlich im Jahr 2040
unvorstellbar ist, daß der Genuß von Menschenfleisch mal Nach Notat im Bett.
verboten war. Bald schon stehen Filet vom Jungmenschen,
oder Sächsische Kutteln (alt) auf den Speisekarten führender
Gourmet-Restaurants. Wie Kobe-Rind oder Kugelfisch.
23.12. Der alte Schriftsteller (Bsp. HS) beim Anblick seines
verbrauchten Körpers: So sieht man am Ende seines Lebens
also aus, wenn man alles für die Kunst geopfert hat.
24.12. Heiligabend verstreicht wie die vergangenen Jahre
ohne besondere Vorkommnisse. Um Punkt 19.00 Uhr lege

01/18  33
Megat re n d H a n d a r b e i t –
So w i rd d a s H a n d w e r k
wieder hip!
tzen aus allen
Die Seminarräume an den Unis pla
serecke liegt
Nähten, Abi ist Pflicht, an jeder Häu
dwerk langsam
ein Professor, während das Han
n jeder studiert,
und qualvoll ausstirbt. Doch wen
rt? Ja, aber darum
hat man dann wirklich studie
die Trendsetter
geht es hier nicht. Sondern um
te, diejenigen,
und Arbeitsmarktpioniere von heu
eigen machen
die sich die alten Berufe wieder zu
sind. Denn der
und damit ganz vorne mit dabei
t. TITANIC zeigt
Trend geht zurück zur Handarbei
die neuen hippen Handwerker.

Fliesenleger
Fliesenleger sind unerläßlich für eine freshe Optik im Bad.
Doch die alten Farben und Muster sind längst passé, moderne
Plattenleger verlegen heute nur noch Fliesen, die zu den
aktuellen Gadgets passen, ganz nach den Farben der Saison.
Momentan etwa Silber, Gold und Spacegrey.

Maurer
Den Szenemenschen treibt es längst nicht mehr ins
­Co-­Working-Space, sondern auf die Baustelle. Doch ein-
fach Hose an, die Mauken in die Stinkestiefel stecken und
Helm auf den Betonschädel, das geht heute nicht mehr.
Wer nicht Engelbert Strauss trägt, kommt nicht mal mehr
durch die Gesellenprüfung und kann maximal noch ­Kellen
­putzen. Und auch ungebleachte Bauarbeiterdekolletés
gehören heute Gott sei Dank der Vergangenheit an.

34  01/18
Maler
Die Zeiten, in denen man Pferde mittels einer hölzernen
Gewindekonstruktion in einen großen Farbbottich tunkt
und mit ihnen Wände und Fassaden großflächig bestrich,
they are a-changin’. Heute begreift sich der Maler als indi-
vidueller In-Room- und Outdoor-Designer, geküßt von den
Musen seiner auf rein pflanzlicher Basis selbst kreierten
Farb- und Lackmischungen. »Nicht klotzen, kleckern!« lau-
tet die Devise. Das Ergebnis kann sich nach nur wenigen
Arbeitswochen sehen lassen: 12m2 Decke einer Miet­
wohnung im Frankfurter Nordend wurden jetzt bei
Sotheby’s für einen hohen sechsstelligen Betrag an einen
New Yorker Galeristen versteigert.

Zimmermänner
und Zimmerfrauen
Backpacken und durch die Gegend schnorren, ohne
festes Einkommen, das kann niemand so gut wie
die urbane Jugend der Generation Y. Die typische
Walz-Route geht heute traditionell von Lloret de Mar
über Neuseeland bis Marokko, endet dann klassisch
in Berlin, wo sich bei der Abschlußprüfung (Pillen
schmeißen und Eimersaufen am Landwehrkanal)
zeigen muß, ob das jahrelange Üben ausgereicht
hat. Wer den Nagel dann noch auf den Kopf trifft,
hat versagt.

01/18  35
Bäcker
Kleine Brötchen backen ist so 2017! Im »Backstage« herrscht
Hochbetrieb. Aus ihrer arbeitszeitbedingten Insomnia haben
Bäcker eine Tugend gemacht und die ersten Backstuben in
wohlduftende Lounges für partyhungrige Nachtschwärmer
verwandelt. Die Mischung macht’s, wissen die gar nicht
­altbackenen Influencer der neuen Food-Life-Balance. Wo eben
noch rundes Vinyl für eine chillige Club-Atmosphäre sorgte,
drehen sich im nächsten Augenblick frischer Crêpeteig und
Fladenbrot auf den Tellern.

Klempner
Den Porzellanthron raiden, morgens einen schnellen
­Mittel-Stream hochladen, die Duschen bei gestandenen
Hausfrauen mittleren Alters fixen, obwohl man selbst
noch nie eine von innen gesehen hat (sowohl als auch)
– alles kein Problem für den modernen Rohrverleger.
Gag(g)s, Baumarkthauls, Steam-Giveaways. Hier bleibt
keine Drohne trocken, alle Kanäle werden auf Volldampf
gespült. Ganz wichtig: Immer schön die WC-Ente durchs
Bild watscheln lassen, das gibt ordentlich Ad-Money!!

36  01/18
Fleischer
Fleischmatsch, Blut und Gedärme mögen auf Kids bei »The
Walking Dead« oder im Darknet anziehend wirken, im Real
Life dagegen geht es für viele vegane Szenestyler oft ans
Eingemachte. Um dennoch für ihren Knochenjob zu begei-
stern, appellieren trendige Metzgereien an das medial
­verzerrte Körperbewußtsein junger Menschen (»Darf’s ein
bißchen mehr sein?«) und pimpen ihre Betriebe zusätzlich
als Gyms auf. Eisbeinhartes Krafttraining und tierische
­Proteinshakes für einen Wildbretbauch kommen nicht nur
bei den Azubis, sondern auch bei der stiernackigen Kund-
schaft in den örtlichen MettFit-Filialen gut an.

Fensterputzer
Mit freiem Oberkörper auf einer Hebebühne in schwindel­
erregender Laszivität Schreibdamen aus 90er-Jahren-Werbe-
clips old fashioned aussehen lassen: das scheint für viele Schul­
abbrecher nach wie vor unattraktiv. Dabei ist das in der
Buck / Lichter / Sibbe, Hintner

­(weiblichen) Bevölkerung noch vorherrschende Bild des Light-


Brause trinkenden, muskelbepackten Adornos… äh: Adonis
längst ­überholt. Heute sind im Facility Management wieder
Natural Beauties mit fettigem Haar und Trichterbrust gefragt,
die mit plattgedrückten Nasen die Büroassistentinnen
­begaffen. Und statt der braunen, koffeinhaltigen Suppe aus
der Dose darf es vor der Glasfront durchaus auch mal ein Bier
sein – Craftbier freilich!
01/18  37
Literatur

Das Leben umgestaltet


Für beide war es ein Schock: TITANIC-Gestalterlegende Thomas Hintner (90)
ist der wahre Vater von Chefredakteur Tim Wolff (50). Beide hatten schon fast
ein Leben hinter sich, als die Wahrheit ans Licht kam. Jetzt haben sie beschlossen,
die ­Öffentlichkeit an ihrem Privatkram teilhaben und mitleiden zu lassen.

Du bist mein Vater.


Ein Umstand, der mich mit Bier füllt.

E
s ist später Vormittag. Eine große
­Wohnung, großes Portal, man geht
zunächst einige Stufen hinauf zum
Empfang, Regale, Bierkästen, Unrat.
­Hintners Ehefrau Käthe begrüßt uns herz-
lich, die ­Tochter Johanna ist auch da. Wir
setzen uns zunächst zu einem „zweiten
Frühstück“ an den Tisch. Pfungstädter, Pil-
sener, Licher, Toffi­fee, dazu ein Weizen aus
­Franken. „In dieser ­Wohnung hat alles eine
gestalterische Bedeutung“, betont Thomas
Hintner sinnlos. Er sitzt neben seiner Frau.
Öfter fallen ihm im ­Gespräch Namen nicht
ein, dann schlägt er seiner Frau auf den
Hinter­kopf und fragt: „Na, wie hieß das?
Worsteiner? Sag doch!“
Wir gehen in Thomas Hintners Arbeits­
zimmer. Einen dunklen Flur entlang, graue
Wände, Hintner-Büste, Hintner-Plakate,
Hintner­-Postkarten, Hintner-Kühlschrank.
Hinten im Zimmer dann eine große Fenster-
front mit Blick über den strahlenden Stachel-
draht des ehemaligen türkischen Konsulats.
Hintner, im rosa-karierten Jäckchen, nimmt
hinter dem Schreibtisch Platz. Wolff auf
­einem roten Schemel daneben. Die beiden
wirken vertraut und distanziert zugleich,
­zugewandt und ­vorsichtig.
Hintner kramt ein Bier aus seinem Kühl-
schrank. „Wenn Sie trinken wollen“, sagt er.
„Oh, neinein, danke!“ bekommt er zur
­Antwort. Darauf er: „Ich hab natürlich im-
mer was da. Wie es sich gehört. Früher …
Heute sind ja alle Bierluschen! Schauen Sie
sich nur mal meinen feinen Herrn ‚Sohn‘ an.
Der ­Hopfen fällt wohl weiter vom Stamm als
der ­Apfel.“ Tim Wolff lächelt gequält.
Thomas Hintner zeigt auf den Papierstapel
neben seinem Computer. Ob er da noch viel
notiere? „Nein, so emsig bin ich nicht mehr,
das Heft macht ja die Maddina. Wenn der
Dimm kommt, dann kritzel ich was hin.“
­Hintner sagt „Dimm“, weich und schnell. Er
wird den ­Namen heute noch oft aussprechen,
immer wenn er ein neues Bier braucht:
„Dimm“. Gesprächspartner Hintner, Wolff: „Nimmst du übel?“

38  01/18
Tim Wolff ist Chefredakteur der TITANIC,
TITANIC-online-Autor und Herausgeber der
Facebookseite www.facebook.com/tim.
wolff.773. In diesem Artikel macht er die
Vaterschaft Hintners öffentlich. Warum?
Tim Wolff: „Ich glaube, vielen Beteiligten
wäre es ganz recht, wenn man darüber nie
geredet hätte, denn es geht die meisten Leu-
te nun auch wirklich wenig an – und inter-
essiert auch kaum. Aber ich will Aufmerk-
samkeit. Ich habe sonst ja nichts. Kluge
­Gedanken zum Beispiel. Oder ein Sprach-
vermögen, mit dem ich mitteilen kann, was
ich nicht an Gedanken habe. Neben Papa Tom
wirke ich aber wie ein halbwegs …“ –
„Dimm!“ ruft Hintner dazwischen. Er hat
Schwierigkeiten, den Öffner an den Kron-
korken zu bringen.
Dieser Artikel ist ein quengeliger, öffent-
licher Befreiungsschlag. Der Versuch des
Sohnes, eine Geschichte zu erzählen, bei der
endlich mal einer zuhört. „Was?“ brüllt
­Hintner nun, fuchtelt mit einem Textmarker
herum. Während der Sohn über das redet,
worüber man „mit Tom genausowenig reden
kann wie über alles ­andere“, ist Hintner
längst in eine Tirade geraten über Freunde,
Feinde, Frieden und weswegen alle Men-
schen erschossen gehören.

… abknallen! Hm. Halt. Wer sind Sie noch


mal?
Dein Sohn bin ich. Und wir duzen uns.
Solche Sachen merke ich mir nicht!
Solche Sachen …

Eigentlich war dieser Artikel als eine Art


Auto­biographie gedacht, in der der Vater dem
Sohn Fragen stellt. Aber nun ist er auch eine
Anklage, selbst wenn Wolff das nicht zugibt:
„Anklage? Eher Traurigkeit. Ja, Traurigkeit.
Schreiben Sie das! Das macht mich mensch-
licher.“
Die beiden – das geht das ganze Gespräch
über so – wechseln stets zwischen „er“ und
„du“ und „werter Herr“. Mal richten sie sich
an den Interviewer, mal ist es so, als wäre er
gar nicht da.

Du, werter Herr Vater, wir reden hier über


mich und ihn. Über uns. Ein Abenteuer.
Jeder Tag, jeder Satz, jedes Bier ist ein
Abenteuer. Da müssen wir – und die Leser
– jetzt durch. Dimm, wir werden uns natür-
lich immer an der Grenze zur Indiskretion
bewegen. Das darf sich aber am Ende nicht
so lesen, daß die Leute denken: So ist er wirk-
lich, der Tom.
Weshalb?
Weil, na ja, ich habe einen Sohn gezeugt
und ihm vierzig Jahre nichts davon erzählt.
Tim Wolff

Da braucht es ganz viel Geschwurbel, um zu


verschleiern, was für ein riesiger Wals… ich
meine: Wahnsinniger man ist.

01/18  39
Literatur

Wie kam es dazu, daß du mein Vater bist? Nimmst du übel? Außer natürlich, daß man von innerhalb der
Das wüßte ich auch gern. Ihr habt es mir überlassen, alles zu klä- Partei aus viel besser Widerstand leisten
War ich denn ein Wunschkind? ren. Warum müssen die Kinder hinter den konnte. Widerstand gegen Juden zum Bei-
Ein geheimes Wunschkind. Ich bin ja kein Eltern herräumen? spiel!
Sexclown. Ja, das ist eine Ungerechtigkeit. Aber auch Tom! Rede dich nicht um Kopf und Kra-
Kein was? ein Benehmen, das ich nicht kenne. Daß Kin- gen!
Kein Sexclown. Das ist einer, der nur zum der mit Eltern abrechnen, das ist mir völlig Wah, Juden! Juden!
Spaß Sex hat. Aber in deinem Falle… fremd. Ich existiere zu meinen Eltern – rülps, Ja, ich mag sie ja auch nicht. Aber wir sind
… hat es keinen Spaß gemacht. Entschuldigung – in reiner, distanzloser Lie- hier ja nicht in der Paulskirche!
be; vor allem zu meiner bekloppten Mutter. Auschwitz? Davon habe ich nie gehört!
Hintner schlägt sich auf die Schenkel. S
­ olche Die nur aus geschäftlicher Klugheit in die Dachau, ja, aber das war nur so ein Ort, der
Plänkeleien liebt er. Gab es Versuche, dieses NSDAP eingetreten ist. Wie ganz Deutsch- abstrakt böse …
Gespräch ernsthaft zu führen? „Man muß land. Es gab ja keine …
ehrlich sein“, lügt Wolff, „es hat nicht gut Vater! Nun gehen wir Schritt für Schritt, im Marsch,
funktioniert. Wie man am Ergebnis ja auch … innere Überzeugung. Es gab da keine durch Thomas Hintners Leben. Es ist auf­
sieht.“ anderen Gründe, Jakkopp … ähm: Dimm. regend, wie der Vater dem Sohn die neue
Herkunftsgeschichte entgegenbrüllt.

Es hatte wirtschaftliche Gründe, daß


Deutschland Hitler zum Opfer gefallen ist.
Wie seine Mutter mir. Nein, meine Mutter
dem Hitler. Nein, ist sie ja nicht. Sie war in-
nerlich überzeugungslos. Sieg Heil!
Was? Das geht jetzt sogar mir zu weit.
Hat sie nie gesagt. Also außerhalb der Öff-
nungszeiten unserer Parteikneipe. Gut, dann
auch. Ständig. Aber nicht im Schlaf.
Herrgott, weshalb bremst mich keiner! Ich
mag ja mal ein respektabler Mensch und
Künstler gewesen sein, wer weiß – aber muß
man mich noch mal so öffentlich ­vorführen,
nur weil ich einen illiteraten Sohn gezeugt
habe, der seinen Frust nicht unter Ausschluß
der Öffentlichkeit rauslassen kann!
Hä?

Zwei Männer, neunzig der eine, fünfzig der


andere, haben den klassischen Vater-Sohn-
Konflikt übersprungen; wie über ein Zeit-
und Hirnvakuum hinweg unterhalten sie sich
jetzt als zwei, die sich und die deutsche
­Sprache neu kennenlernen. Die Lücken sind
dabei das Entscheidende. Der Weißraum­
zwischen den Wörtern, die Aussparungen
auf dem Kopf-MRT. Das Schweigen. O Gott,
das Schweigen. Das wohltuende Schweigen.

Dimm, ich muß dich aber jetzt doch noch


­etwas fragen.
Ja?
Wir haben uns ein Jahr lang immer wieder
getroffen, und du hast aus unseren wortwört-
lichen Gesprächen diesen Artikel geschrie-
ben. Aber diese letzten Gespräche, die haben
wir so nie geführt. Sie haben so, wie du es
hier aufschreibst, nicht statt­gefunden. Du
hast es dir beinahe ganz ausgedacht. Und
diesen „Interviewer“, von dem die Rede ist,
gibt es auch nicht.
Warum?
Warum nur?
Bist du wirklich so einfältig zu glauben,
das wirke clever?
Hintner, Wolff am Bodensee: „So ist er wirklich, der Tom“ Ähm. Ja?

40  01/18
HINTER DEN KULISSEN v­oller Vorfreude die Website durch­ noch Ordnung: Links die E­ -Socken für
Versehentlich Gespräch in der Bahn forstest und herausfindest, daß deine die Arbeit, rechts die ­
U -Socken fürs
­mitangehört. Portraitaufnahmen unter der Indexie- ­Wochenende. Peter Henrich
Er: »Nutella, Duplo … das ist doch alles rung »FDP-Mitglied, Sackgesicht, Snob«
eine Firma.« gelistet sind. Jürgen Miedl
Sie: »Nestlé?« BERUHIGENDE WORTE FÜR
Er: »Nein, die Illuminaten!« HYPOCHONDER
Linus Volkmann EMPFINDLICH »Mir wird schwarz vor Augen!«
Vor zwei Monaten wurde mir von einem »Aber nein, es wird nur früher dunkel.«
erfahrenen Psychologen Hochsensibi­ Miriam Wurster
BOTENDIENST lität attestiert. Ich bin noch immer
Noch sind nur die fortgeschrittensten ­gekränkt. Andreas Maier
meiner Freunde beim Messenger-Dienst TIER PROBIERT
Telegram. Ich nenne sie daher liebevoll Nachdem ich am heimischen Eßtisch
die »WhatsApper-Class«. Tina Manske TRAURIG ABER WAHR hatte feststellen müssen, daß der Koch
Seit nunmehr einer Viertelstunde höre des örtlichen Chinagrills mir entgegen
ich meiner M ­ itbewohnerin und ihrer meiner Bitte um vegetarische Zuberei-
WARTE, ZIMMER! Freundin – beide haben Hund und tung etwa ein halbes Kilo Huhn ins
Wenn die Hausärztin des Vertrauens Freund – nun zu. Trotzdem kann ich Nudel­gericht gekübelt hatte, und ich gut
nicht nur Fachärztin für Allgemein­ durch Aussagen wie »Er kommt in letzter eine Stunde damit beschäftigt gewesen
medizin, sondern auch für Psychothera- Zeit auch jeden Tag mit etwas Neuem war, alles irgendwie Animalische her-
pie ist, kann man nie wissen, ob etwaiges nach Hause« oder »Ich hab ihn letztens auszufriemeln und b ­ eiseite zu legen –
Jammern und Stöhnen wartender Pati- ins Büro m ­itgenommen,
enten physiologische Ursachen hat fand der Chef gar nicht gut«
­(Tubenkatarrh, Magenkrämpfe etc.) oder beim besten W ­ illen nicht
Teil einer Kommunikation mit aggres­ entscheiden, um wen es in
siven, möglicherweise zu Missetaten ­ihrem G
­ espräch nun geht.
­anstiftenden Stimmen im Kopf ist. Daher  Karl Franz
der folgende Tip: Bei jedem Termin
­anlaßunabhängig jammern und stöhnen,
und kein Mensch setzt sich neben dich! DAS GRINDR-GEDICHT
Ach, zum Teufel: Einfach überall und Begatte mich,
­immer jammern und stöhnen, nie mehr Du Knatterich! Adrian Schulz
bedrängt werden, keine Angst vor Tröpf-
cheninfektionen mehr haben müssen,
binnen kurzem zum sozialen Außenseiter STARVATION CHIC
werden! Wuuäääähhh… Torsten Gaitzsch These: Daß Israelis so
w underbar schlank sind
­
und ­elfenhaft schön über
ULTRAARSCHLOCH die Strände Tel Avivs hop-
Seitdem ich von meinem fußballver­ peln, könnte auch mit den
rückten Vater vor 20 Jahren zum ersten wahnsinnig teuren Lebens-
Mal als Kind ins Stadion mitgenommen mitteln dort zu tun haben.
worden bin, gröle ich bei jedem Heim- Leo Fischer
spiel meines Lieblingsvereins mit. Alle in
meinem Block werden mir zustimmen:
Ich bin in der Südkurve asozialisiert TRADITION
­worden. Daniel Sibbe Früher wurde Musik in die
Rubriken »E« für »Ernst«
sowie »U« für »Unterhal-
VERSCHLAGWORTET tung« unterteilt. Dies funk-
Hauck & Bauer

Es muß eine schlimme Erfahrung sein, tioniert bei dem ganzen


wenn du dich darüber freust, als Stock- ­Fusion-Scheiß heute nicht
foto-Model in eine große Bildagentur mehr. In meiner Socken-
aufgenommen zu werden, am Abend schublade herrscht aber
01/18 41
wie ich also im Begriff war, die leiblichen HIPSTER-TIP FLÜCHTIGER NEUJAHRSVORSATZ
Überreste der eigens für mich ge- Wer im urbanen Raum so richtig auffal- Meinem Dackel mit einem Postboten aus
schlachteten Kreatur dem Müllschlucker len möchte, der trage einfach gut sicht- Formfleisch eine Freude machen.
zu übergeben, siegte für einen kurzen bar einen Stadtplan vor sich her. Wirkt Teja Fischer
Moment über den Ekel die Neugier, die bei mir ­immer Wunder. Fabio Kühnemuth
allseits beliebte Speise w­ enigstens ein-
mal zu versuchen. So biß ich kurzerhand, FARBFETISCH
zum ersten Mal seit mehr als einem WUNSCH Ob groß oder klein, alt oder jung, dick,
Vierteljahrhundert, in ein Stück Fleisch. Ich möchte diese Art von Autorität aus- dünn, hart, weich, arm, reich, Mann,
Ergebnis der Ver­ kostung: Der Ge- strahlen, bei der keiner der dir Frau, dumm, schlau – da hab ich keine
schmack erinnert entfernt an Ei, ist aber ­gegenübersitzenden Fahrgäste in der S- eindeutigen Präferenzen. Aber wenn die
gewöhnungsbedürftig streng, die Konsi- Bahn es wagt, dich vorwurfsvoll anzu- Augen braun sind und die Haare auch,
stenz etwas zu fest und faserig. Alles in gucken, wenn es plötzlich anfängt, oder blond meinetwegen, und die Haut
allem durchaus e ­ ßbar, Note 3-. Aber an ­komisch zu riechen. Konstantin Hitscher falb ist, wenn überhaupt ein beiges
das richtige T ­ofuerlebnis kommt ein Leuchten die Szenerie erhellt, sich gar
­tierisches P
­ rodukt natürlich nicht heran. der güldene Schimmer von Ocker dazu-
Valentin Witt KENNEN IHRE PAPPENHEIMER gesellt, dann kann ich kaum mehr an
Zwei Jahre nachdem ich mir übers mich halten. Da kriege ich direkt Gefühle.
­Internet eine Espressomaschine gekauft Mir sieden die Hormone, und die Hypo-
ES BLEIBT FESTZUHALTEN habe, bekomme ich bei Facebook immer physe ist kurz vorm Platzen. Ich denke,
Weil mein neu gekauftes Monokel ziem- noch Werbung für Espressomaschinen die Diagnose ist eindeutig: Ich bin
lich stark in die Haut schnitt, fürchtete eingeblendet, was mir aber hervor­ ­sepiasexuell. David Schaible
ich, schon bald wieder gänzlich blind ragend paßt, da die Maschine mit Ablauf
durch die Gegend laufen zu müssen. der Garantiefrist pünktlich nach zwei
Habe es dann aber doch mit Fassung
­ Jahren kaputtgegangen ist. WENN MÄNNER FRAUEN WÄREN,
­getragen. Niklas Hüttner Mark-Stefan Tietze würden Menstruationstassen Blutkelche
heißen. Mariella Tripke

Gute Vorsätze für 2018 ALTERNATIVMEDIZIN

TRUMP SENTIMENTAL Wie meine Großtante nach ein paar


Humpen Eierlikör immer zu raunen
pflegte, wenn bei einer Familienfeier
wieder jemand von einer Krankheit
Im neuen Jahr erzählte, sei es ein eingewachsener
­
erfülle ich mir einen ganz ­Zehennagel oder ein Schlaganfall: »Ein-
persönlichen Wunsch… fach alles rausnehmen lassen. Ich hab
mir damals alles rausmachen lassen,
und seitdem ist Ruhe.« Tibor Rácskai

VORTEIL EINER UNTERDURCH-


SCHNITTLICHEN KÖRPERGRÖSSE
Alle denken, man wäre noch viel weiter
weg, als man wirklich ist. Große
­Menschen hingegen wirken näher als in
Wirklichkeit und müssen sich oft vorbeu-
gen, wenn ihnen die Bedienung den Bier-
krug reicht. Theobald Fuchs
Sie schauen sich in Texas
eine Hinrichtung an?
FRAGWÜRDIGE EINKAUFS­POLITIK
Uwe Becker

Ich muß dringend neue Äpfel kaufen, die


alten sind schon wieder faulig.
Cornelius W. M. Oettle

42 01/18
01/18  43
Brutal beliebt:
Brutalismus
Während die Welt um uns herum immer harmonischer wird,
klare Strukturen herrschen und die Zeitläufte beruhigend vor
sich hin plätschern, setzt eine vergessen geglaubte Stilrichtung
einen gewichtigen Kontrapunkt. Sonderausstellungen und
Buzzfeedlisten huldigen dem Brutalismus in all seinen
Auswüchsen. Hier sind – grob geschätzt – sieben bedeutende
Vertreter der Derb-Architektur, damit Sie mitreden können

Er ist die einzige


Sehenswürdigkeit in der
kaum bekannten Autonomen
Republik Schubjasien:
der Sultanspalast des
Drugodan Yashgiljatow,
der von 1978 bis 1985
diktatorisch über das
zentralasiatische De-facto-
Regime herrschte, bevor
er von seinem Nachfolger
Burkhardswili Niehuesowitsch
in einem Schachturnier
besiegt und entmachtet
wurde. Zehntausende
Zwangsarbeiter wurden eingesetzt, um diesen Prototyp des Ostblock-Größenwahns in die Steppe
zu wuchten; dafür waren sie dann aber auch nach lediglich zwei Tagen fertig – Auge, Stuttgart 21!
Der Sultan selbst befand sich immer nur dann im Gebäude, wenn er seine Aufgaben als
Machthaber wahrnahm, nach Dienstschluß bewohnte er ein zweites, neoklassizistisches Refugium
am Stadtrand. Bizarr: Das Haus wurde so angelegt, daß es theoretisch ganzjährig von der Sonne
beschienen wird und mit nur einmaligem Umsteigen via Straßenbahn vom Hauptbahnhof
aus erreicht werden kann. Heute beherbergt es eine Comedyschreibwerkstatt, das städtische
Grünflächenamt und den Hauptsitz von autoscout24.de. Die Gesamtkosten betrugen 400 000
Schubjasische Dinar (das sind 18 Billiarden Tharyakische Som).

44  01/18
Von der Öffentlichkeit
fast unbemerkt steht
heute dieser Koloß
am Rande des
Schnatterinchen-Parks
Hohenschönhausen,
dabei zählte er noch 1970
zu den drei höchsten
Siegessäulen Ostberlins.
Doch eine Mischung
aus Bescheidenheit
Le Corbusier persönlich (ja, Le
und Desinteresse sowie
Corbusier, nicht Un Corbusier!)
die Tatsache, daß die
ist der Schöpfer dieses
Säule bis zum Rand
Mormonentempels in der
mit Asbest ausgestopft
Nähe von Salt Lake City.
ist, haben das einstige
Der Clou: Jede Innenseite des
Heldensymbol aus
Hauptgebetsraumes ist ihre eigene
dem Bewußtsein der
Gegenseite, die sich zusätzlich
Einwohner gedrängt.
relativ zum Betrachter verschiebt,
Der »Elefantenschniedel«,
nichteuklidischer Geometrie sei
wie das Bauwerk im
dank! Das heißt: Wer den Tempel
herrlichen, typisch
rückwärts durch den Eingang
dummen Berliner Volksmund genannt wurde, sollte Ende
betritt, sieht als erstes das, was
der 1990er Jahre einer Lasertag-Arena weichen, doch
auf dem Bild oben (»hinten«) ist,
eine Initiative verbitterter Vorruheständler, die nichts
wegen der Parallaxenverschiebung
besseres zu tun hatten, konnte den Abriß verhindern, und
ist es gleichzeitig das letzte, was
so verwittert das stolze Wahrzeichen noch immer vor sich
man beim Verlassen dieses Vortex
hin. Der Schimmel auf der Außenhaut wurde 2014 zum
(spiegelverkehrt) zu Gesicht
»urbanen Schimmelpilz des Jahres« gekürt.
bekommt. Brutalismus extrem!

Auf den Ruinen des KdF-Seebades Rügen


entstand 1966 die »Pyramide von Prora«,
von der nur einige wenige Fotos überlebt
haben. Als atemberaubendstes Einkaufs-
zentrum der DDR und als ultimative Kampf-
ansage an den kapitalistischen Westen ist
der Konsumtempel älteren Zeitzeugen in
Erinnerung geblieben. Der 140 Meter hohe
Steinbau stand nur einen Sommer lang, wurde
in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vollständig
planiert, nachdem man eingesehen hatte, daß
man gar nicht über genügend Waren verfügte,
die dort hätten verkauft werden können –
abgesehen von den 140 Millionen Plastik-
Nachttöpfen aus der Rekord-Überplanerfüllung
1965, die dann aber größtenteils diskret in
der Ostsee entsorgt wurden.

01/18  45
Zwei Männer, ein VW-Bus
und ­eine Auszeit, die mitten
ins pralle Leben führt.

288 Seiten //
€ 10,00 (D) // € 10,30 (A)
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Auch als E-Book erhältlich

www.goldmann-verlag.de www.facebook.com/goldmannverlag
Der Brutalismus hat auch die ein oder andere
Innovation im Industriedesign hervorgebracht.
1959 etwa wurde die Kaffeemaschine
»Dripox-4000X« konzipiert. In der Vision des
verantwortlichen Künstlerkombinats sollte bis
zum Jahr 2000 ein Gerät dieses Typs in jeder
durchschnittlichen europäischen Kleinstadt
installiert worden sein und die Grundsicherung
der Gemeinde an Bohnentrunk gewährleisten
(zwei für Mittel-, drei für Großstädte). Gebaut
wurde letztlich nur ein einziges, und der
Testlauf endete bereits nach wenigen Tagen
mit dem sogenannten »Schwarzen Freitag von
Geesthacht«, einem Unglück mit 270 Toten, an
welches die nicht mehr gebrauchsfähige, aber
immer noch imposante Maschine vor den Toren
eines norddeutschen Gartencenters erinnert.

Längst ein Relikt des Kalten Krieges, wird dieses brutalistische Monstrum nurmehr als Prestigeobjekt
erhalten. Der Erdmond (meistens einfach: »Mond«) hat einen schwindelerregenden Durchmesser
von fast 3500 Kilometern und steht oder vielmehr fliegt damit die meiste Zeit mehr im Weg herum
als daß er der Erde nützen würde! Zum Vergleich:
Der Kugelgasbehälter in Wuppertal bringt es auf
bescheidene 47,3 Meter und stört nicht einmal die
armselige bergische Fauna. Die horrenden Kosten
für Wartung und Instandsetzung werden selbst durch
Crowdfunding mittelfristig nicht zu stemmen sein,
zumal sich nun selbst US-Präsident Donald Trump
mit seinem Pleiteprojekt Trump Moon™ (»Can you
play golf in outer space? Let‘s find out!«) aus dem
Geschäft zurückgezogen hat.
2020 wird der Käse, aus dem der Mond gemacht ist,
sein Haltbarkeitsdatum überschreiten. Spätestens
dann muß die Nasa ein Machtwort sprechen.

»Weil billig auch gut sein kann. Aber nicht muß.« Diesen
Leitspruch nahm sich das Architekturbüro Mösengrantler &
Partner augenscheinlich zu Herzen, als es im Jahr 2007 von der
Bayerischen Staatskanzlei den Auftrag erhielt, ein freibewegliches
Zusatzmodul für das bröckelnde Beton-Ungetüm »Seehofer I«
zu entwerfen. Funktionalität geht hier vor Ästhetik, und bei dem
fast schon als futuristisch zu definierenden Gliederpuppen-
Robotnik »Söder« funktioniert alles – freilich sehr primitiv,
aber auf durchaus frankensteinschem Niveau: Beine, Arme,
Füße, Hände sind dort, wo sie sein sollen, der Schädel aus 100%
upgecycelten Materialien ist an den nötigen Stellen versiegelt,
aber mit Luftlöchern belassen, der Leib in passablen Zwirn
gehüllt. Besucherinnen der Wanderausstellung, auf der Söder
Torsten Gaitzsch

in den vergangenen Jahren vorgestellt wurde, zeigten sich


begeistert, von Anne Will (»Daß man sich so etwas heute noch
herzustellen traut!«) bis Maybrit Illner (»Wir müssen den Blick
hinter die viehische Fassade wagen!«).

01/18  47
klopfte der Enkel energischer an der Tür – haupt ist, flottiert Gerk unter Abschweifun-
auch deshalb, weil er sich um die 82jährige gen und Wiederholungen durch ihr Themen-
HANS MENTZ sorgte. Nach dem zweiten Klopfen öffnete gebiet, hier einen Aspekt anreißend, dort

HUMOR
sich die Tür, und es rauschte laut ›112-maga- eine Frage in den Raum stellend, auch die
zin‹ aus der Dunkelheit ein Schuhformer auf für mein Ressort interessanteste: warum uns
den Kopf des Studenten nieder. Der Student nämlich (zumindest in Kunst und Unterhal-

KRITIK
ging in die Knie und lief dann davon.« tung) Grummler und Grantler besser gefal-
Vom brillant ausgeführten Prinzip der len und wir sie lustiger finden als wohltem-
wachsenden Plausibilisierung des Unwahr- perierte Frohnaturen. Dem auf den Grund
scheinlichen über die raffinierte Dramatur- zu gehen sollte sich doch lohnen, oder? Gerk
gie, die erst nach vielen retardierenden hingegen kommt nicht über die These hin-
­Momenten für die befreiende Auflösung sorgt, aus, schlechte Laune passe nicht in unseren
bis hin zu faszinierenden Details wie dem
ominösen Schuhformer – für mich stimmt
hier einfach alles. Zumal die bewährte
­Erkenntnis nicht ausgespart bleibt, daß
­Komik oft im Schmerz wurzelt und ihre O ­ pfer
fordert: »Mit einer Platzwunde am Kopf
mußte der 22jährige medizinisch versorgt
werden.« Was die kleine Geschichte indes
über das zerrüttete Verhältnis der Genera-
tionen erzählt, sollte uns noch lange beschäf-
tigen.

Schwankende Laune
Angesichts der Verfaßtheit der Welt ist
schlechte Laune eine denkbar plausible
­Gemütsverfassung – und sollte sich eigent-
lich eines respektablen Rufes erfreuen. Weil
Mein Vater hat sehr viel das aber keineswegs der Fall ist, hat die Jour-
über sich selbst gelacht und nalistin Andrea Gerk nun ein »Lob der
meine Mutter wiederum schlechten Laune« (Kein & Aber) angestimmt.
sehr viel über meinen Vater. Ihrer Vermutung, schlechte Laune sei ähn-
Ivette Löcker lich »wie Heimweh, Sehnsucht oder Lange-
weile« zu »einer altmodischen Angelegenheit »auf ökonomische Effizienz und emotionale
für komische Käuze« geworden, schließe ich Reibungslosigkeit angelegten Alltag«. Immer-
mich an, auch beeindruckt mich die Fülle an hin: »In der Abweichung von derartigen
Material, mit der sie der schlechten Laune ­A lltagsnormen liege eine Quelle von Komik«,
Lieblingsmeldung zu positiver Presse zu verhelfen gedenkt, zitiert sie »Professor Winfried Mennighaus,
etwa mittels eines Zitats aus Jane Austens der das Max-Planck-Institut für empirische
Meine Nachricht des Jahres 2017 hebt mit »Stolz und Vorurteil«: »Es gibt einen solchen Ästhetik in Frankfurt am Main leitet«. Die
folgendem Vorspann an: »Ein 22jähriger Auftrieb, regt den Witz und Geist so an, wenn ob solcher Schwächen des Gerk-Werks auf-
­Student ist am Donnerstag abend in Bad man eine Abneigung einmal gefaßt hat.« kommende Übellaunigkeit wich bei mir
­A rolsen mit einem Schuhformer verprügelt Nicht nur sind alle kulturgeschichtlich ­jedoch angesichts unfreiwillig komischer
worden. Er wollte sich Geld bei seiner Oma ­relevanten Miesepeter und Melancholiker Formulierungen (etwa der, es habe »ein Stim-
borgen, die ihn aber nicht erkannt hatte und vertreten (unvermeidlich: Schopenhauer, mungstief die Funktion, sich auf seine
­einen Enkeltrick vermutete.« Wie die Th. Bernhard; aber auch der fast in Verges- ­eigentlichen Fähigkeiten zu besinnen«, oder
­»Hessisch-Niedersächsische Allgemeine« vom senheit geratene W.C. Fields wird erfreu­ jener, derzufolge »die Stimme, wenn man
10. November unter Berufung auf das licherweise erwähnt), Gerk hat zudem ­erregt ist, wie ein Vulkan herausschießt«)
­Polizeinachrichtenportal »112-magazin« ­Expertengespräche geführt, aus denen sie immer wieder einer gewissen, dem Thema
­weiter ausführt, »war der Student nach Anregendes wie die These des Philosophen freilich nicht recht angemessenen Heiterkeit.
­A ngaben seiner Mutter von Kassel mit der Konrad Paul Liessmann mitnimmt: »Wer sich
Bahn nach Bad Arolsen angereist und wollte freut, denkt nicht.«
sich mit Freunden treffen. Auf dem Weg So weit, so lobenswert. Daß Gerks Buch
­bemerkte der junge Mann, daß er sein Porte- auch Anlaß zur Unzufriedenheit bietet, hat Deutschrap zum Kleinkunst-
monnaie vergessen hatte. Er rief deshalb bei verschiedene Gründe. Zum Beispiel vermag preis!
seiner Oma an, um sich das nötige Geld zu es die Autorin nicht, ihre Materialfülle zu
borgen. Diese nahm das Gespräch zwar an, strukturieren: Ein Kapitel ist zwar »Gereizt! Das fordert mein junger Kollege Moritz
legte den Hörer aber wieder auf. Das gleiche Schlecht gelaunte Frauen« überschrieben, ­ ürtgen. Wie er das meint? »Als todernste
H
Szenario wiederholte sich noch einmal, ohne ­befaßt sich aber über weite Strecken mit ­P unchline. Es steckt sehr viel politisches
daß ein Gespräch zustande kam. Später klin- schlecht gelaunten männlichen Kommissa- ­Kabarett im neuesten Hip-Hop deutscher
gelte er an der Haustür seiner Großmutter. ren. Anstatt die Begriffe ordentlich zu ­klären Zunge. Woran das liegt? Es muß – pardon my
Nachdem die Tür nicht geöffnet wurde, und zu definieren, was schlechte Laune über- real talk – mit dem Penis zu tun haben. Denn
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zwar gibt es hierzulande sowohl im Kabarett grim104 sehr bequem und rundum ­verschont
als auch im Rap Menschen mit Scheide, doch in der Festung Deutschland, und der Krieg
genau wie von Kleinkunstbühnen fließt auch bleibt garantiert draußen. In einer
von Rap-Stages fast ausschließlich Testoste- ­Besprechung von ›Spiegel online‹ wurde
ron, wenn es straight ans politische Erklären ­›Zugezogen Maskulin‹ bereits als ›schlechtes
geht. Neu in den Charts: Das Album ›Alle Gewissen eines ganzen Landes‹ bezeichnet.
­gegen alle‹ des Duos ›Zugezogen Maskulin‹, Ein grausames, aber letztlich gerechtes ­Urteil.
bestehend aus den Wahlberlinern Testo Welche verwandten Deutschrapper gibt es
(eben!) und grim104. Was die ›ZM-Gang‹ auf da noch? Klar, die ›Antilopen Gang‹, die
ihrer zweiten wie auch auf der ersten Platte ­immer alles genau so sagt, wie sie es meint,
textet, ist nicht weit von dem entfernt, was und dabei so unbequem wie Volker Pispers
Hagen ›Liebe‹ Rether seit Jahren von seinem ist. Und der Berliner Rapper Audio88, ­dessen
Schimmel-Flügel herunterquatscht: ›Was für letztes Album den frechen Titel ›Sternzei-
eine Zeit, um am Leben zu sein‹ wird da chen Haß‹ trug, könnte bürgerlich gut und
­beschworen – und von einer Vergangenheit gerne Urban Priol heißen. Und so weiter. Herr
gesprochen (›Das ist noch gar nicht lange im Himmel: Es sind diese Leute ja tatsäch-
her!‹), die zu einem unbestimmten Zeitpunkt lich nicht dumm; sie lesen die Taz, ›Konkret‹,
ins Jetzt gekippt sei. In dieser Gegenwart ›Jungle World‹ und manch einer vielleicht
herrsche ›endlich wieder Krieg‹, es gebe ­sogar dieses kleine Magazin hier. Sie begrei- nahen Gewerkschafter von morgen, die jetzt,
­›retuschierte Plastikmenschen‹, eine ›Dikta- fen den Lesestoff schnell und basteln eigene in ihrer Jugend, noch eine irgendwie wilde
tur der Follower‹ – und mittendrin immerzu Verslein daraus. Ihnen reicht es nicht, im Zeit im Untergrund haben wollen. Wer die-
›ich‹ und ›du‹ und v.a., wie bei Rether: ›wir‹. klassischen Battle-Rap ein imaginäres Ge- ses Publikum wirklich ver-, ja zerstören und
Genau: Wir tragen Verantwortung für die genüber als ›Hurensohn‹ zu schmähen, nein, zerficken (wie gesagt: real talk) möchte, sollte
schlimmen Zustände, wir machen den ­ganzen sie zitieren sich lieber gegenseitig und klop- es statt mit Klageliedern vom herbeigere­
deten Krieg mit etwas mehr Figurenrede
(wenn Kabarett, dann bitte Polt) versuchen –
und also unbedingt den Mut aufbringen, sich
mißverständlich zu äußern.«

Unaufgeregt existentiell
»Puneh Ansari ist die Texterin der Zivilisa-
tionsmüdigkeit«, heißt es einleitend auf Seite
eins des Buches »Hoffnun’« (erschienen bei
Mikrotext). Darin versammelt seien kurz­
weilige Miniaturen, die die Wiener ­Autorin
Ansari zuvor auf Facebook veröffentlicht
habe, natürlich in typischer Social-Media-
Lingo gehalten. Hilfe, bitte nicht noch eine
Sammlung von Alltagsbeobachtungen, lako-
nisch dahergeschnodderten Haltungsbezeu-
gungen zu ohnehin belang­losen Themen,
denkt man (ich) unweigerlich – und wird
beim Lesen überrascht. Denn ob es nun One-
liner sind (»Ein Optimist würde sagen,
­wenigstens sterben jetzt die Wespen aus«)
oder ob über längere Strecken mehr oder
minder vergnügt vor sich hin reflektiert wird:
Ansaris Ansatz ist immer ein poetischer.
Auch was die Sache mit der Zivilisations­
müdigkeit angeht, kann Entwarnung gege-
ben werden: Statt von Großstadtbewohner­
klischees, exaltierten Ernährungsticks und
Fragen der Eigentlichkeit liest man hier nüch-
terne Betrachtungen wie: »Facebook ist das
Kommunending des 21. Jahrhundert Alle
­liken alles von Allen und sharen alles mit
Dreck mit, wir sehnen uns nach ­einer Strafe fen einander auf die Schulter. Wenn man die Allen als gäbe es keine Viren kein Aids u
für unsere Ignoranz, die doch bitte endlich A­ lben der Genannten durcheinander hört, kein Morgen. & dann wundern sie sich dass
in möglichst apokalyptischer Kopf-ab-IS-­ meint man fast, einer Folge ›Die Anstalt‹ die Geschlächtskrankheit SIE trifft ihr eigen
Ästhetik (bzw. ISthetik) über uns kommen ­beigewohnt zu haben. Ich weiß, ich weiß: fleisch & blut ihr liebstes hab & gut ihr
möge … Das wird aber, so viel kann ich ver- ­D epperter Antiamerikanismus wie bei ­macbook3000 Dann kommen sie plötzlich
raten, nicht passieren, denn wir ­sitzen ­Pispers findet sich auf ihren Platten nicht. drauf dass sie zu wenig Zeit mit ihrer Fami-
­gemeinsam mit Hagen Rether, Testo und Doch ihre Pädagogik wendet sich an die SPD- lie verbracht haben und werden existen­ziell«.
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Und auch mit der leidigen Verklärung der ­ aschinenverschrotter mit Herz für verkork-
M Doch es kommt noch rätseliger.
Kindheit und dem Lobgesang auf die Jugend ste künstliche Intelligenzen, will eine Ware Der Cartoonist Leonard Riegel, zu betrach-
weiß Ansari auf das Schönste aufzu­räumen: reklamieren. Eine Beschwerde­o dyssee ten u.a. in dieser meiner Zeitschrift, schwört,
»man hat keine Wohnung keine ­gescheite ­beginnt, in Begleitung einer Truppe von dys- niemals den »Anton Reiser« des Karl Philipp
­Privatsphäre man muss in Park ­gehen um funktionalen Robotern, die in ihrer Drollig- Moritz gelesen zu haben. Was aber steht dort
Drogen zu nehmen oder Sex zu ­haben oder keit wirken wie für Pixar gemacht, und führt nun wieder geschrieben? »Überhaupt pflegte
die sturmfreiheit abwarten.« Stimmt, so doll ihn schließlich zum Chef von TheShop. Im Anton in seiner Kindheit durch den Klang
war es halt damals gar nicht. Doll hingegen zweiten Strang folgt man dem Wahlkampf- der eigenen Namen von Personen oder
ist dieses Buch. Eine Empfehlung, auch für team von John of Us, der ­anstrebt, als erster ­Städten zu sonderbaren Bildern und Vorstel-
die facebooklosen Zivilisationsmüden. Android Präsident von QualityLand zu lungen von den dadurch bezeichneten
­werden, und dabei rätselhafte Sympathien
für kommunistische Ideale e­ rrechnet.
Klings Stärke sind die Dialoge, die liegen
MUK, OK dem Kleinkünstler. An der literarischen
­Finesse mangelt es noch. Überrascht hat
Marc-Uwe Kling (better known as Klein- mich der Nachhall des Romans, noch Tage
künstler mit Känguruh) hat einen Roman nach der Lektüre: Als ich etwa in der Zeitung
­geschrieben: »QualityLand« (Ullstein), eine von Amazon-Zustellern las, denen zentral­
satirische Science-Fiction-Dystopie. Darin gesteuerte Türschlösser selbständig öffnen,
­haben die Algorithmen eines omnivernetz- dachte ich: Ach, das ist ja fast schon wie in
ten Turbokapitalismus die Herrschaft über- QualityLand. Und so erkenne ich an, daß
nommen, das System erkennt Wünsche, Kling die Auswüchse der Digitalgesellschaft
­bevor sie entstehen: QualityPartner etwa konsequent fortgeschrieben hat. Ob er sich
weiß, wer zu dir paßt, TheShop weiß, was du mit seinem Sci-Fi-Sammelsurium aus dem
willst, bevor du’s selber weißt; der Beruf Beutel des Känguruhs freistrampeln kann,
­deiner Eltern bestimmt nicht nur deinen ist allerdings fraglich, zumal er das Beutel-
­sozialen Rang, sondern auch deinen Namen. vieh sich in einem rosa QualityPad reinkar-
Eine Riesentüte von Ideen kippt Kling über nieren läßt. Wie soll man den Roman also
seine wilde Mischung aus Romanhandlung, ­ab­schließend bewerten? Nun, in QualityLand
fiktiven Netzdokumenten und -kommen­taren lautet die Antwort auf alle Fragen: o.k.
sowie Reiseführersequenzen; ein paar davon
­ egenständen veranlaßt zu werden. Die Höhe
G
oder Tiefe der Vokale in einem solchen
Neue seltsame Doubletten ­Namen trug zur Bestimmung des Bildes das
meiste bei. So klang der Name der Stadt
»Wenn ich meine Sexualität spüre, sollte ich ­Hannover beständig prächtig in seinem Ohre,
essen, meinte die Mutter. Am liebsten hätte und ehe er es sahe, war es ihm ein Ort mit
ich ihr geantwortet: Leider kann ich nicht in hohen ­Häusern und Türmen und von einem
einen Apfelkuchen hineinvögeln, aber natür- hellen und lichten Ansehen. Braunschweig
lich habe ich nichts gesagt.« Die Stelle, die schien ihm länglicht, von dunklerm Anse-
ich beim Wiederlesen von Wilhelm ­Genazinos hen und größer zu sein.« Verblüffend ähn-
»Falsche Jahre« (1979) gefunden habe, lich geht es bei Riegel zu: »Einmal träumte
­erstaunt. Findet sich doch hier ein Nexus aus ich von Braunschweig«, heißt es da über ­einer
Penetrationswunsch und Apfelkuchen (»Ame- seiner Zeichnungen (vgl. TITANIC 06/10),
rican pie«) wieder, der zentraler und popu- man erblickt einen Schlafenden, in dessen
lärkulturell viel wirksamer in einer ameri- Traumvorstellung die unbekannte Stadt von
kanischen Sexkomödie aus dem Jahr 1999 fontänesprühenden Elefanten, nacktbusigen
vorkommt (»American Pie«). Wie ging das Frauen und einem Zeppelin bevölkert wird:
zu? Frappierende Fetischähnlichkeit von »Als ich dann hinfuhr, war ich enttäuscht.«
Frankfurter Angestellten und US-Teenagern? Denn das echte Braunschweig – man sieht
Gemeinsames Christenerbe, der Apfelkuchen es bei Riegel – ist natürlich viel langwei­liger
als kulturell verfeinerte, sublimiert-versüßte als das geträumte. In den Worten des »Anton
Version des berühmten Apfels aus der Para- Reiser«: »Sie ­kamen durch viele enge Gassen,
(der Reiseführer selbst oder die biomechani- dieserzählung? Obwohl dieser Apfel im A ­ lten vor dem Schlosse vorbei und endlich über
sche Hirn-Web-Schnittstelle »Ohrwurm«) Testament bekanntlich gar nicht namentlich eine lange Brücke in eine etwas dunkle
sind mir zu nah an Douglas Adams konstru- Erwähnung findet, sondern nur als »Frucht« Straße«, kurz: im Falle Braunschweig
iert. Anderes gefiel mir: Der Beruf der Inter- auftritt und somit wahlweise auch Zitrone, »täuschte ihn seine Namensdeutung sehr«.
Zeichnungen: Tex Rubinowitz

netkommentatorin, die nur noch ­miteinander Zwetschge oder Kokosnuß hätte sein können? Weil aber zwischen Karl Philipp Moritz und
agierenden Fake-Bots, die ­FeSaZu-Ernährung Oder war es schlicht so, daß der amerikani- Leo Riegel nicht zwanzig Jahre liegen wie in
(»Reinheitsgebot: 1/3 Fett, 1/3 Salz, 1/3 Zucker«) sche Drehbuchautor Adam (!) Herz in seiner der verwandten Causa Genazino / »Ameri-
oder die Shoppin­g roboter, deren einzige Jugend Genazino gelesen hat (dessen ­»Falsche can Pie«, sondern mehr als zweihundert,
­Daseinsbestimmung es ist, die Wirtschaft Jahre« aber anscheinend gar nicht übersetzt ­dürfen Sie, liebe ­Leserin, lieber Leser, über
durch permanenten Tinnef­konsum zu stär- worden sind – während hingegen »Ein diesen zweiten Fall von künstlerischer Tele-
ken. Und zwischen all dem ­Sci-Fi-Geklingel ­Regenschirm für diesen Tag« auf englisch pathie noch sehr viel kräftiger staunen als
buhlen auch noch zwei Handlungsstränge recht drollig mit »The shoe tester of Frank- über den ersten. Lösen ­werden wir sie leider
um Aufmerksamkeit: ­Peter Arbeitsloser, furt« betitelt ist)? beide nicht.
01/18 51
Und wenn sie nicht gestorben sind …

… werden sich
der sagenhafte
Yeti und die
einzigartige
Neandertalerin

über kurz
oder lang
zwangsläufig
bei Parship
kennenlernen

Hals über Kopf


ins Eheleben
stürzen

sich wie die


Karnickel
vermehren

alles antatschen
nichts kaufen
in den Stadtpark
kacken

und an jedem
Hauseck
häßliche
Höhlenmalerei

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01/18
 53
Rud i Hu rzl m ei er
Triumph des Scheißdreckschauens

M
itte dieses Jahres startete auf Tele 5 die
fünfte Staffel eines Formats, in dem
Oliver Kalkofe »Die schlechtesten Filme
aller Zeiten« präsentiert und dabei wenn man will, Anspielungen auf klassische Dramen-
unnachgiebig tönt, wie schlecht selbige seien. stoffe genauso finden kann wie grellsten Trash.«
­Staunen macht in ähnlicher Manier der bald völlig Wenn man schon mal eine beliebige Darbietung auf
verkommene Online-Journalismus: Trash-TV-­ dieser Weltbühne gesehen hat, dann kann man, wenn
Kritiken sorgen im Internet für Klicks en masse. man will, erahnen, wie ein menschliches Herz gestal-
Besonders »Spiegelonline«-Leser, es gibt sie noch, tet sein muß, damit es sich erwärmt, wenn Opfer
scheinen Denker zu lieben, die Scheißdreck schauen ­kranker Unterhaltungsmacher in dampfenden Tier­
und dann schreiben, daß der Scheißdreck Scheißdreck innereien nach gelben Plastiksternen fischen. Man
ist. So avancierte auf der Homepage des Hamburger kennt’s aus klassischen Dramenstoffen.
Blödelblättchens die freie Autorin Anja Rützel zur Rützels Rezensionen sind populär, weil sie dem
wohl berühmtesten, weil aufdringlichsten Vertreterin Schwachköpfigen Akzeptanz verschaffen, weil sie den
dieses Scheißdreckjournalismus. Intensivkonsumenten das eventualiter ja doch noch
Zu den Gegenständen ihrer Besprechungen zählen ­vorhandene letzte Stückchen schlechten Gewissens
»Die Bachelorette«, »Promi Big Brother« und etwas, nehmen, indem sie den Irrglauben stärken, es existiere
das man »Sommerhaus der Stars« genannt hat – laut eine Rechtfertigung, Vorführung und Selbsternie­
Rützel »extrem gut gemachter Trash«, dessen »Drama­ drigung fremder Menschen sektsaufend auf dem Sofa
turgie angenehm unaufdringlich« sei, könne der zu verfolgen. Rützel: »Man muß sich nach einem halb-
Zuschauer doch »einfach wie in einer gut sortierten garen ›Dschungelcamp‹ und einem komplett vergeigten
Zoohandlung unbehelligt und in aller Ruhe in das ›Global Gladiators‹ nicht dafür schämen, daß man froh
Gehege mit den verhaltensauffälligen Siffhamstern ist, Gigantin Helena Fürst wiederzusehen.« Doch.
schauen und sich an ihren Kapriolen erfreuen«. Die Allein: Warum tut sich die Frau das alles an? Weil
Urteile der 44jährigen, so lehrt uns ein schwärmender Rützel, die Mitglied beim FC Bayern ist, wo alle
Linus Volkmann im »Kaput Mag«, werden »im Nach- Gewinner weilen, die über Versager nur so müde
klapp oft mehr gefeiert als die Sendungen selbst«. lächeln können wie über Gesetze, weiß, wie man
Mit Überschriften wie »Triumph der kackenden ­verkauft. Ihr Personenprofil auf www.gruender­szene.
Ente« (Artikel zur Affentanzshow »Let’s Dance«) hat de – wer da ein Profil hat, kennt den Teufel ­persönlich
sich Rützel eine eigene, dünkelhafte Klientel ertextet, – informiert: Redakteurin und Kolumnistin der
die sich über diese Proleten erhaben wähnt, die der ­»Financial Times« war sie und zudem als Mit­gründerin
Ente mit Feuereifer beim Kacken zusehen oder gar verantwortlich für das Magazin »Business Punk«, das
selbst die kackende Ente sind. Rützel ist deren Sprach- kotzblattgewordene »Schaffa, schaffa, Häusle baua«
rohr, das Mietmaul jener, die glauben, man könne schwäbischer Berliner.
»Schwiegertochter gesucht« ironisch schauen. Friede- Und verkauft hat sie: Ihr Buch »Saturday Night
mann Weise hat es in seinem Lied »Was sind das« längst Biber« zum Beispiel, in dem sie lustige Tiergeschichten
richtiggestellt: »Du kuckst das nicht ironisch, du schildert, weil das Sujet »Tiere« in allen Zielgruppen
kuckst das genau so wie RTL will, daß du das kuckst.« hervorragend getestet hat. Für dieses Werk, so liest
man bestürzt im Meedia-Interview, hat Rützel einen
Kurs im Falkenausstopfen »aus echtem Interesse«
besucht: »Das war schon ganz ernst gemeint. Eigent-
lich war es eine persönliche Challenge.« So unbe-
denklich kann der Konsum von »Germany’s Next Top
Model« nicht sein, färbt das Vokabular doch offensicht-
lich ab.
Wer mit Ungeheuern kämpft, der mag zusehen, daß
er dabei nicht zum Ungeheuer wird, und wenn du lange
ins Trash-TV blickst, blickt das Trash-TV auch in dich
hinein. Der Antrieb, den es braucht, um regelmäßiger
Kritiker und Versteher IQ-senkender Produktionen
­dieses Schlags zu sein, ist dieselbe stupide Gier nach
Doch wer Scheißdreck schaut, der will natürlich
Aufmerksamkeit, Klick- und Verkaufszahlen, die andere
nicht Scheißdreckschauer gerufen werden, weshalb
ins Big-Brother-Haus treibt. So verläuft in diesen
nicht wenige allen Ernstes behaupten, es sei Interesse
Bereichen nur ein sehr schmaler Grat zwischen Rich-
an Sozialpsychologie und nicht blanker Voyeurismus,
Cornelius Oettle

ter und Gerichtetem, und es sollte sich nicht wundern,


was sie vors Glotzophon treibt. RTL-Dschungelcamp-
wer eines Tages, wenn die Texte nicht mehr aufgerufen
Kucker etwa feierten die Maden- und Menschenschin-
und die Bücher nicht mehr verlegt werden, ein solches
dersendung – O-Ton Anja Rützel – »als das Kultur­
Programm einschaltet und plötzlich Anja Rützel beim
format, als das ich es auch sehe: Ein herrliches Plem-
Känguruhhoden- und Scheißdreckfressen gewahrt.
plem-Panoptikum menschlicher Schwächen, Schrul-
len und herzerwärmender Weise manchmal auch
Stärken, eine klitzekleine Weltbühne, auf der man,

54  01/18
Neueste Ausgabe
EXTRA:
Moritz-von-
Uslar-Poste

KORREKT
r
Das Forum für Mensch und Meinung
Ildikó von Kürthy Thomas D & Smudo
(geb. 20.01.68) (geb. 30.12.68
& 06.03.68)

DJ Bobo
(geb. 05.01.68)

Michael Bully Herbig Oliver Bierhoff


(geb. 29.04.68) (geb. 01.05.68)

Verona Pooth
(geb. 30.04.68)

Axel Schulz Franz II./I.


(k.o. 09.11.68) (geb. 12.02.68)

Michael Stich
(geb. 18.10.68)

Die
Schatten-
seiten hallu
- DAS ist das
zinogener
Drogen und schreckliche
Erbe der 68er!
freier
Liebe:
SPRECHSTUNDE Sorry, aber du bist nicht b
­ erechtigt,

N E U E S AU S D E R
WISSENSCHAFT
BEI KINDERARZT Laut einer Studie diesen Beitrag zu lesen.
DR. HÜHNCHEN geben 97 Prozent Warum probierst du nicht eine Suche nach etwas
anderem? Nach einem verschollenen U-Boot zum
aller Passanten an, Beispiel oder einer Injektionsnadel im Heuhaufen?
zu Fuß zu gehen. Einem Ausbildungsplatz in der Glücksspielindustrie
oder deinen aus den USA eingewanderten Vorfah-
ren? Einer neuen Identität oder einem Bund Lauch-
Lediglich 3 Prozent zwiebeln, bei dem das Grüne noch nicht zerknickt
und matschig ist. Du könntest einen vergra­benen
behaupten, Schuhe Raubgoldschatz suchen, einen neuen Zahnarzt
zu fahren. oder endlich das Weite – Hauptsache, raus aus
diesem Beitrag jetzt, du hast hier nichts zu suchen!

Fröhliches Scharlachen schallt aus der


Suchbild des Monats
Praxis. Bei Kinderarzt Dr. Hühnchen
ist immer was los. Hui, da saust er
auch schon los in seinem kunterbunt
gemaserten T-Shirt und der Latzhose.
Auf seinen Schultern mit einem
Klecks Ultraschallgel auf ihrer Stups-
nase: die kleine Lisa-Marie, die eben
noch so bitterlich wegen ihrer
­kranken Püppi geweint hat. Kein
Grund zur Nachsorge. Samirachen
hat bloß eine unliebsame, weil irrever­
sible Pigmentstörung (Diagnose:
BABY born® Interactive Ethnic). Fix
einen Amazon-Retourenschein ver-
schrieben. Tschüs und danke, Dr.
Hühnchen! Igitt, was ist das für ein
häßliches Röcheln? Geschwind weiter!
Erst einmal hat Paulchen mit seinem
aua hier, aua da Vorrang. Schnell ein
lustiges Liedchen von Neurosis gepfif-
fen. Ah, welch Wohltat! Das mittler-
weile zu einem jämmerlichen Japsen
verkommene Rasseln von nebenan ist
kaum noch zu hören. Flugs dem
­verdutzten Bubi als Trösterchen, Sim- Wo hat sich Micky, das gehbehinderte Kaninchen, versteckt?
salabim!, noch ein paar Gummi­ Na? Sehen Sie es?
bärchen aus dem Ohr gezogen und
den Schmalz abgespült. Bravo, bra- Jetzt finden und gewinnen!
vissimo! Applaus für Dr. Hühnchen! 1. Preis: eine Fahrt mit dem Flixbus nach Hanau
Jetzt aber zu dem lästigen Pseudo- 2. Preis: 500 usbekische Tiyin
krupper. Pst, seid mal eben alle ganz 3. Preis: ein leckeres Kaninchengulasch-Candle-Light-Dinner
still! Na, das klingt doch besser, näm-
lich fast gar nicht mehr. Ein kurzer
Blick in die Krankenakte geworfen.
Oha! Den weißen Kittel an, die WUNDERSAME GESCHICHTEN AUS DEM ZIRKUS
besonders dicke Infusionsnadel Hätten Sie’s gewußt? Der rumänische Clown Solana mit seiner berühmten tanzenden Hose
gewählt und den gebrauchten ­wurde so erfolgreich, daß er nach und nach die Manege verließ und in großen Fernsehshows
Mundspatel aus dem Müll heraus­ ­auftreten konnte. Immer größer und aufwendiger wurden die Bühnen. Eines Tages stellte ein
gefischt. Schwester, wo ist denn der Techniker versehentlich die Studioscheinwerfer zu stark ein – Solana, Profi durch und durch,
Rezeptblock für die Zweite-Klasse- ließ sich zunächst nichts anmerken. Doch in der sengenden Hitze verschmolzen schließlich
­Solanas Clownsnase, Clownsschuhe und Clownshaare auf gräßlichste Weise mit seinem Clowns-
Medizin? Ob Groß oder Klein, auch
körper. Heulend lief die Kreatur davon und versteckte sich in der Kanalisation von Bukarest,
bei Dr. Hühnchen gilt: Kassenpatient um dort fortan eine Zwielichtexistenz als ziemlich halbgare Metapher zu führen. Noch heute
bleibt Kassenpatient. fühlen sich Menschen von dieser Geschichte angesprochen, natürlich zu Unrecht.

56  01/18
Schenken nach KORREKT-Ausgehtip:
Weihnachten Hier gibt’s was auf die Ohren
 
KORREKT
Vorschlag des Monats Hesseneck, Frankfurt-Bockenheim.
Nach Eddie fragen!
Der »Das schenk’ ich mir – unangenehme Termine ________________________
2018 stornieren«-Kalender Wertung: 1 von 2 Löffeln kaputt
Í Die
Sex-
MEDITATION
UND MARKT
Weihnachten als Prozeß
Man muß sich die jährliche Betriebsweihnachtsfeier wie die klassische Alte-Weiße-­ meinung
Männer-Kolumne zur #MeToo-Debatte vorstellen: Beides ist in Deutschland unvermeidbar.
mit Dax Werner Auch bei uns im Coworking-Space. Obschon ich das Konzept für überholt hielt – immerhin Diesmal:
gehen mir als Gründer dadurch mit Ausnüchterung 1,5 Arbeitstage pro Arbeitnehmer Angela Merkel ­(2005ff)
flöten –, eines war klar: Wir wollten den Weihnachtsstiefel dieses Jahr anders runterspie- über
len. Heißt: kein Live-Cooking-Event, kein Après-Ski in der Skihalle Neuss. Wir wollten das
Ding Mike-Meiré-Style rocken. Sex und Streß
Zwar reagierte das Orgateam verhalten auf meinen Vorschlag, daß sich angesichts der
aktuellen Sexismus-Debatte alle Männer des Teams als Frauen verkleiden sollten und vice »Die Kanzlerin
versa (Stichwort Sensibilisierung), aber hier vertraute ich ebenso auf mein Bauchgefühl schweigt«, »Merkel
wie beim Booking des musikalischen Rahmenprogramms: Mambo Kurt, der schon seit den sitzt aus« – plapper-
90ern wie kein Zweiter an der Heimorgel abliefert. Perfekt für das zeitgeistige Motto plapp. Wenn ich
(»Rückzug ins Private«), das ich für das Fest ausgegeben hatte.
»abtauche«, schäle
»Alles swaggy bei euch?« begrüßte ich das Team im Multifunktionssaal, begleitet von ich nicht Kartoffeln
Mambo Kurt, der eine »Wind of Change«-Variation klimperte. Der Vibe inspirierte mich
oder kommentiere –
zum Impulsvortrag »Werners Vision 2020«, den IT-Rolf spontan mit Ölfarben-Visuals am
Overheadprojektor unterstützte. Als ich den Vortrag mit den Worten »Laßt uns 2018 wie etwa der
gottverdammt rocken!« abschloß und in die müden Gesichter all der befristeten und ­Kollege Seehofer –
verkleideten Fraukes und Franjos blickte, wurde mir klar: Weihnachten ist kein Fest, anonym bei Faz.net
sondern ein Prozeß. Einen geilen Prozeß und guten Übergang wünscht: Ihr Dax Werner. herum; nein: wenn
Sie, liebe Bürge-
rinnen und Bürger,
mich mal »nicht
SCHÖNE VERSPRECHER Kubitscheks Ziegen erreichen können«,
dann lebe ich meine
Helene-Fischer- statt: Helene-Fischer- Hitler hatte Helfer, Gärtner, Frauen – Götz
Cumshot Konzert Kubitschek hat Ziegen. KORREKT stellt die Sexualität aus. Mit
________________________________________ Vorzeigepaarhufer der neuen Bewegung vor. meinem Gatten oder
Sonntagshure statt: Sonntagsruhe unterwegs halt solo
________________________________________
Joghurt und Arsch statt: Joko und Klaas
HEUTE: mit dem Gerät. Für
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Ficken! statt: Fun ist ein Stahlbad.
Jägersoße Ihre Wohnung als
Wandtattoo: »Nur
Die Vergnügungs- Blut ist dicker als Wasser, eine befriedigte/r
industrie verordnet Jägersoße aber schlägt alles: Kanzler/in ist ein/e
es unablässig. hick, hack, zerhumm.
gute Kanzler/in«.
Strengziege Jägersoße ist eine emanzipierte
Tierperson: Mit ihrem Achselhaar würgt sie Das heißt nicht, daß
MEMES ZUM AUSSCHNEIDEN Araber und würzt ihre Suppen. Die bestehen ich dadurch alles
meist aus – Überraschung: Arabern, die sie richtig mache und
beim Betriebssport im VEB Würzmasse Sie mit meiner
­kennenlernt (Tarnung) und geschickt um ihre ­Politik einverstan-
stählernen Hüften (fünf Bandscheibenvorfälle, den sein müssen –
allein seit Jupiter wieder leuchtet) zu wickeln aber ich handle
vermag. Großvaterziege Helmut und die drei
bedacht, ohne Streß
Gerdas hält sie mit der Kraft eines ­riesigen
Kochtopfs am Leben, um eines fernen Tages und rational.
ihre Gehirne in die Körper der ­Verführten ­Orgasmuspflicht für
­einzupflanzen. Bis dahin spielt sie Kniffel mit alle Amtsträger/
dem artfremden Dinosaurier-­Halbcousin und innen!
ehemaligen FAZ-Redakteur Lorenz Jäger; Ihre AM
Zusammenhalt stiftet Frischkäse, Bindemittel
Nummer eins im Osten. Jägersoße ist ein
­bißchen irre und schaut immer geradeaus Korrekte Beiträge von:
(sog. Wendekreisproblematik bei Blickstarre). Nora Backhaus, Leo Fischer, Elias
Sie erfreut sich aber großer Beliebtheit beim Hauck, Michael Höfler, Moritz Hürtgen,
Volk – gerade wegen ihrer teils erratischen Adrian Schulz, Tanja Schmid, Daniel
Sibbe, Dimitri Taube, Mark-Stefan
Strenge und Unzugänglichkeit. Tietze, Dax Werner, Valentin Witt

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Season II: DAS BLUTROTE HAUS

In Merzig, Saarland, steht ein Haus, dort wohnt ein Spuk von schlimmem Graus…

Lange, lange ging es gut: Oskar Lafontaine, der beste Freund von Exkanzler
­Gerhard Schröder, hatte eifrig gespart (Hartz IV) und bewohnte eine bescheidene,
gutbürgerliche Villa bei Saarlouis. Doch dann trat Sahra Wagenknecht, eine Frau,
in sein Leben. Im Jahr 2012 bezog das Paar ein altes, rotes Haus in Merzig. Erster unheimlicher Vorgang: Lafontaine
Der Legende nach verlor schnell viel Gewicht.
wurde es in längst
vergessenen Zeiten
von einem alten
Wehrmachtsgeneral
bewohnt. Aber über
den verdächtig
niedrigen Kaufpreis
machten sich die
beiden jungen
Verliebten keine
Gedanken…
Komm Schatz,
wir fahren nach Hause. Ich
habe das Gefühl, unser Haus
ruft nach mir.
Der Schlüssel zu
meinem Herzen: Sahra
bekommt den Zweitschlüssel. Du böser, böser
Bitte nicht verlieren! Eigentümer, hihihi.

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Hast du das
Im kleinen, roten Haus: mit der schrecklichen
Gauland-Krawatte
gehört?
Nicaragua-Kaffee
ist fertig, Darling!
Wie möchtest
du ihn?

Schwarz mit
Stutenmilch,
mein Hengst!
Aus
TITANIC 11/2017?
Nein.
!
A RZ
KN
Hihihi,
trink aus, Soldat!

Nur eine wehrhafte


Querfront kann mich
davon abbringen, euch
Hä? Ich hab
im Schlaf zu meucheln.
wohl nicht mehr
alle Tassen… O Schreck!
Ich wußte: An dieser Tu lieber,
Westimmobilie Sahra, was die Tasse
ist was faul. sag doch was! sagt.
Schweig! Ich befehle euch,
eure nutzlose Mannschaft
auf deutschen Kurs zu bringen!

Und so machen sich die beiden entgeistert auf, um Doch an Bord der MS Reichensteuer ändert auch
den mysteriösen Spuk zu besänftigen. Oskar seinen Kurs.
Gregor, wenn Lauter Linke hier!
wir Bötchen fahren – schön und Ich halte mal lieber die Hand
gut. Aber müssen denn alle über mein I-Phone.
Flüchtlinge…

Wir fahren jetzt zur Schiffahrt? Ich weiß


Parteischiffahrt und machen nicht, ob das das Richtige
klar Schiff! ist. Ich bin jetzt
schon seekrank!
Flüchtlingshetze?
Wer hat dir denn das eingeflü-
stert, Genosse? Und wo ist
Die ist unter­ deine Frau?
dessen beim
­linken
Sensibilitäts­
Wir sinken!
workshop
»In Flüchtlinge
einfühlen«.

Die Tasse hat


recht: Das Boot ist
Was mach ich hier? wirklich voll!
Und was geht mich das an?
Der Oskar trinkt oben
Crémant.

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Und auch Oskar hat derweil genug vom ewigen linken Diskurs. Auf dem Weg ins traute Heim.

Alles, was rechts


ist, aber der spinnt doch
mittler ­weile komplett…

Tschüs, ihr versifften Sozial ist sozial,


Loser! Ich treff mich jetzt Schatz.
mit dem Jebsen.

Ich fühle mich


so national-sozial,
Sahra.
Hast du gelesen, wie
die Medien auf unsere deutsch-
nationalen Äußerungen
anspringen?

Ja, die sind alle Dürfen wir uns vor


gleichgeschaltet! Der Tassen- dir lieben? Ich fühle
geist hatte recht. mich feurig…
Eins nach dem
anderen. Sex first!
Jetzt bin ich der Kamin, ihr Na gut! Aber danach fahrt
Narren! Bzw. ein alter ihr zum Burschenschafts-
Nazigeist, falls ihr es immer karneval nach Bonn und
noch nicht geschnallt habt. bringt mir ein Opfer!
Im Verbindungshaus der Burschenschaft Germania.

Sehen Sie die Hihi, guck an,


junge Frau da die kenne ich Hier lang, es
vorne? doch. steht schon alles
Ich bin immer Mir ist, als bereit.
noch wild, ich nehme Halt! Vor dem ob ein Filmriß
den Seeteufel. Essen müssen Sie ihr einsetzt.
Opfer bringen! Ich bin
Hach, bin ich eingeweiht…
betrunken!

Am nächsten Tag zu Hause im seltsam modernen Wohnzimmer. Hahaha! Guckt mal,


ich zeige euch, was
gestern passiert ist.

… meldet den Tod


der Linken-Politikerin
Katja Kipping.

Tolles Fest gestern,


Kipping… War die
Herr Kubitschek. Ich weiß auch
nicht gestern auch
nur noch die Hälfte.
irgendwie da?

Boaaah, mein Kopf. Ich hab sie nicht


Moment, was sagt der angefaßt, wie immer.
im Fernsehen? Oder?
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Ihr habt mir brav
mein Opfer gebracht!
Hilfe! Die beiden
Verräter wollen mich
ÖRKS!
Und heute gehen
wir zu Kippings Beerdigung
und erledigen den Rest der
Ahh, jetzt erinnere roten Brut.
ich mich. Ein schöner
Spaß!
Wie lautet Ihr Urteil,
Herr Napoleon?

Alors:
Kopf umdrehen!
Ich bin stolz
und gerührt,
Kameraden.
Die ganze Partei »Die Linke« betrauert ihren Verlust.

Komm, wir
müssen als erste Du willst das
Psst! Jetzt nicht am Buffet sein. Buffet vergiften? Ich hab
lachen, Sahra. aber Hunger!

Irgendwas stimmt
hier nicht, ich stell mich
mal lieber weg von
den beiden.

Jetzt ist die Chance,


sie alle zu richten! Ich
mache uns dann zu Hause Deutsche Küche,
was Richtiges! hoffe ich. Hehehe…

Moritz Hürtgen / Fabian Lichter, Illustrationen: Leo Riegel

Whuaaahahaha,
Ende.

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64 01/18
01/18
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Hauck & Bauer, Hurzlmeier, Rattelschneck
Gagveteran
Michael Ziegelwagner
will den Weltfrieden
per ­frei­williger Selbst­
kontrolle kroatischen
Stils erzwingen.
Die ­Bellizisten der
Redaktion können
das natürlich nicht
schlucken.

Eine einfache und


gute Lösung für das
Regierungschaos bietet
Tim Wolffmann an.
Doch die Juden werden
– mal wieder! – abge­
lehnt. Von geheimen
Mächten (Oskar
Lafontaine?).

Die Naturburschen Riegel und Wolff stellen zwar die


richtige Frage, doch zur falschen Zeit: Denn eine alte
Hausregel verbietet die Abbildung von mehr als einem
Männerarsch pro Heft (siehe S.34). Arschmänner dagegen …

Merkel begeistert:
Neue Kryptowährung im Umlauf

oben
b gesch ndem
A e
atm l!
wg. tzdecke
Wi

Für 800 000
Flüchtlinge zahlen
wir Ihnen
drei Milliarden
Euro.
Jetzt
aber Heft-
abbruch!
Leo Riegel

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21. Jahrhundert ist,
wenn man trotzdem lacht

Für Leser
mit Humor

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Der Prachtband von Titanic −


mehr Jahrhundert geht nicht!

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