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François Dosse

Geschichte des Strukturalismus


Band 1 : Das Feld des Zeichens, 1945-1966

Aus dem Französischen von Stefan Barmann

JUNIUS
Die Publikation des vorliegenden Werkes wurde gefördert vom Ministère
français de la Culture et de la Francophonie.

Junius Verlag GmbH


Stresemannstraße 375
22761 Hamburg

© der deutschen Ausgabe 1996 by Junius Verlag GmbH


© der französischen Ausgabe 1991 by Éditions La Découverte
Alle Rechte vorbehalten
Aus dem Französischen von Stefan Barmann
Lektorat : Frauke Hamann
Umschlaggestaltung : Florian Zietz
Satz : H & G Herstellung, Hamburg
Druck : Druckhaus Dresden
Printed in Germany 1996
ISBN 3-88506-266-6
1. Auflage November 1996

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Dosse, François :
Geschichte des Strukturalismus / François Dosse
[Aus dem Franz. von Stefan Barmann]. - Hamburg : Junius.
Einheitssacht.: Histoire du structuralisme <dt.>
ISBN 3-88506-268-2
Bd. 1. Das Feld des Zeichens : 1945 - 1966. - 1. Aufl. - 1996
ISBN 3-88506-266-6
Für Florence, Antoine, Chloé und Aurélien
»Der Strukturalismus ist keine Methode, er ist das erwachte und
unruhige Bewußtsein des modernen Wissens. «
Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge
Inhalt

Einführung 9

Teil I : Die fünfziger Jahre : die epische Epoche


Die Verfinsterung eines Sterns : Jean-Paul Sartre 23
Die Geburt eines Helden: Claude Levi-Strauss 32
An der Nahtstelle von Natur und Kultur: der Inzest 43
Fragen Sie nach dem Programm : Mauss 54
Ein Freischärler: Georges Dumézil 62
Die phänomenologische Brücke 69
Der Saussuresche Schnitt 77
Inspirator und Wegbereiter: Roman Jakobson 90
Eine heimatlose Disziplin: die Linguistik 100
Die Tore von Alexandria 111
Die »Mutter« des Strukturalismus: Roland Barthes 117
Die epistemische Herausforderung 127
Der Rebell: Jacques Lacan 145
Der Appell von Rom (1953): zurück zu Freud 156
Das Unbewußte: ein symbolisches Universum 173
RSI: die Häresie 185
Der Ruf der Tropen 195
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel F o u c a u l t . . . . 217
Die Krise des Marxismus : Tauwetter oder Frost ? 239
Der strukturale Weg der französischen Ökonomieschule . . 249
Wie schön ist die Struktur! 258
Teil II: Die sechziger Jahre
1963-1966: die Belle Époque
Die Anfechtung der Sorbonne:
Alt und Neu im Widerstreit 281
1964: der Durchbruch für das
semiologische Abenteuer 296
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 308
Die großen Zweikämpfe 327
Die signifikanten Ketten 350
Das mythologische Universum 366
Afrika: ein Prüfstein des Strukturalismus 386
Die Zeitschriften 399
Ulm oder Saint-Cloud: Althu oder Touki? 414
Althussers Sprengsatz 425
Die Erneuerung des Marxismus 447
Das Lichtjahr 1966:
I. Das strukturale Jahr 456
Das Lichtjahr 1966:
II. Faszination Foucault 475
Das Lichtjahr 1966:
III. Die Ankunft der Kristeva 493

Teil III: Ein französisches Fieber


Zur Stunde der Postmodernität 503
Der Einfluß Nietzsches und Heideggers 522
Die Wachstumskrise der Sozialwissenschaften 544

Dank 563
Anmerkungen 567
Personenregister 609
Einführung

Der Strukturalismus hat in Frankreich während der fünfziger und


sechziger Jahre einen in der Geistesgeschichte dieses Landes bei-
spiellosen Erfolg erlebt. Das Phänomen Strukturalismus hat den
größten Teil der Intelligenzija in solchem Maße an sich binden
können, daß die wenigen Widerstände oder Einwände, die sich
während des — wie man ihn nennen könnte — strukturalistischen
Moments regten, zunichte gemacht wurden.
Die Gründe für diesen spektakulären Erfolg liegen hauptsäch-
lich darin, daß der Strukturalismus sich zugleich als eine strenge
Methode darstellte, die Anlaß zu Hoffnungen auf manche ent-
scheidende Vorstöße in Richtung Wissenschaft geben konnte,
aber auch und grundlegender noch in der Tatsache, daß der
Strukturalismus ein besonderer Moment in der Geschichte des
Denkens war, den man als Hochzeit des kritischen Bewußtseins
bezeichnen kann. Erst aus dieser Verbindung heraus ist zu begrei-
fen, warum so viele Intellektuelle sich im selben Programm wie-
dererkannten. Ein Programm, das so vielstimmige Begeisterung
auslöste, daß sogar der Trainer der Fußballnationalmannschaft in
den sechziger Jahren eine »Strukturalistische« Umorganisierung
seiner Mannschaft ankündigte, um ihre Ergebnisse zu verbes-
sern.
Der Triumph des strukturalistischen Paradigmas ergibt sich
zunächst aus einem besonderen historischen Kontext, der seit
dem Ende des 19. Jahrhunderts durch das allmähliche Ein-
schwenken des Abendlandes auf eine erkaltete Zeitlichkeit
gekennzeichnet ist. Er ist aber auch das Ergebnis des bemer-
kenswerten Aufschwungs der Sozialwissenschaften, der mit der
10 Einführung

Vormachtstellung der Sorbonne als Sachwalterin der Lehre und


Spenderin der klassischen humanistischen Wissenschaften in Wi-
derstreit geriet. Eine regelrechte unbewußte Strategie der Ent-
grenzung des herrschenden Akademismus schien damals in ei-
nem strukturalistischen Programm auf, das eine Doppelfunktion
als Protest und als Gegenkultur versah. Es ist die Leistung des
strukturalen Paradigmas gewesen, unterdrücktem Wissen am
Rande der kanonischen Institutionen Raum zu geben.
Als Ausdruck eines gewissen Maßes an Selbsthaß, der Ableh-
nung der traditionellen abendländischen Kultur wie des Drangs
zur Modernisierung bei der Suche nach neuen Modellen korre-
spondiert die Protestäußerung des Strukturalismus deutlich ei-
nem Moment der abendländischen Geschichte. Entgegen der
Glorifizierung der alten Werte zeigte sich der Strukturalismus ex-
trem empfänglich für alles, was in dieser abendländischen Ge-
schichte verdrängt worden war, und es ist kein Zufall, wenn die
beiden richtungweisenden Wissenschaften dieser Zeit — Anthro-
pologie und Psychoanalyse — sich vorrangig dem Unbewußten,
der Kehrseite des manifesten Sinnes, dem unzugänglichen Ver-
drängten in der abendländischen Geschichte zuwenden.
Zu diesem Zeitpunkt fungiert die Linguistik als führende Wis-
senschaft, sie gibt in der wissenschaftlichen Erkenntnis den Ton
für die Sozialwissenschaften ganz allgemein an. Der Strukturalis-
mus ist auf diesem Gebiet Bannerträger der Modernen in ihrem
Kampf gegen die Alten. Auch war er für zahlreiche engagierte In-
tellektuelle das Instrument einer Entideologisierung, die mit den
Enttäuschungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein-
herging. Eine besondere, von Ernüchterung gekennzeichnete
politische Konjunktur und der Zustand einer Wissenschaft,
die einer Revolution bedurfte, um eine Reform zum Erfolg zu
bringen : beides ermöglichte es dem Strukturalismus, eine ganze
Generation zu versammeln, die hinter dem strukturalen Raster
die Welt entdeckte.
Diese großangelegte Suche nach einem Ausweg aus der exi-
Einführung 11

stentiellen Verzweiflung bewirkte eine Tendenz zur Ontologisie-


rung der Struktur, die sich nun im Namen der Wissenschaft, der
Theorie als Alternative zur alten abendländischen Metaphysik
darstellte. Darin bestand der maßlose Ehrgeiz einer Periode, in
der man die Grenzlinien, die Schwellen des Vorgegebenen ver-
schob, um sich auf die neuesten, durch den Aufschwung der So-
zialwissenschaften eröffneten Wege vorzuwagen.
Dann plötzlich schlug all dies um : Anfang der achtziger Jahre
ereilte den Strukturalismus ein unheilvolles Schicksal. Die mei-
sten französischen Heroen dieses Epos traten von der Bühne der
Lebenden ab, als hätten die Theoretiker vom Tode des Menschen
sich alle gleichzeitig um eines spektakulären Abgangs willen da-
hinraffen lassen. Nicos Poulantzas begeht am 3. Oktober 1979
Selbstmord durch einen Sprung aus seinem Fenster, nachdem er
sich gegen den Vorwurf verwahrt hat, Pierre Goldmann verra-
ten zu haben. Roland Barthes wird nach einem Mittagessen mit
Jacques Berque und François Mitterrand, damals Erster Sekretär
der Sozialistischen Partei, in der Rue des Ecoles von einem Wä-
schereilieferwagen angefahren. Er trägt nur ein leichtes Schädel-
trauma davon, läßt sich aber sterben, wie die Zeugen berichten,
die ihn im Hôpital de la Pitié-Salpêtrière besucht haben; er schei-
det am 26. März 1980. In der Nacht des 16. Novembers 1980
erwürgt Louis Althusser seine treue Gattin Helene. Der heraus-
ragende Vertreter des strengsten Rationalismus wird für unzu-
rechnungsfähig erklärt und in die Nervenheilanstalt Saint-Anne
eingeliefert, ehe ihn auf Betreiben seines damaligen philosophi-
schen Lehrmeisters Jean Guitton eine Klinik bei Paris aufnimmt.
Der Mann des Wortes, der große Schamane der modernen Zei-
ten, Jacques Lacan, verstirbt, an Aphasie leidend, am 9. September
1981. Nur wenige Jahre später wird Michel Foucault, auf dem
Höhepunkt der Popularität und mitten in der Studienarbeit, da-
hingerafft. Er schrieb an einer Geschichte der Sexualität, und
diese schlug ihn schonungslos mit der neuen Krankheit des Jahr-
hunderts: Aids. Er stirbt am 25. Juni 1984.
12 Einführung

Durch diese außergewöhnlichen Tode innerhalb weniger Jahre


hat sich der Eindruck vom Ende einer Epoche verstärkt. Manche
gehen sogar so weit, die Begebenheiten im Zusammenhang zu se-
hen und hinter der Verbindung dieser tragischen Schicksale die
Offenbarung der Ausweglosigkeit eines gemeinsamen und ge-
meinhin strukturalistisch genannten Denkens zu erkennen. Das
Sichentfernen eines spekulativen Denkens von der Wirklichkeit
habe in die Selbstzerstörung geführt. Eine solche Verknüpfung ist
natürlich in noch stärkerem Maße konstruiert als diejenige der
sechziger Jahre, die das strukturalistische Gespann der vier bzw.
diesmal fünf Musketiere Michel Foucault, Louis Althusser, Ro-
land Barthes, Jacques Lacan und ihrer aller Leitfigur, Claude
Lévi-Strauss, zum Medienruhm führte.
Nichtsdestoweniger stellt dieser kollektive Untergang eine
Wendemarke in der französischen Geisteslandschaft dar. Der
Abgang der Meisterdenker, dem noch der von Jean-Paul Sartre
hinzuzufügen ist, läutete eine neue Periode der Infragestellung
ein. Ein Hauch von Nostalgie kam bereits Anfang der achtziger
Jahre auf, als man gerne von neuem an diese Denker erinnerte,
wobei die Mischung aus Distanz und Faszination sich gerade
dem Ausnahmecharakter ihres Schicksals verdankt. Während
man mancherorts dem Strukturalismus bereitwillig den Toten-
schein ausstellte, regte sich der Leichnam noch mächtig, schenkt
man der Erhebung Glauben, die die Zeitschrift Lire im April 1981
durchführte. Einigen hundert Schriftstellern, Journalisten, Leh-
rern und Professoren, Studenten und Politikern wurde die Frage
gestellt: »Welches sind die drei lebenden Intellektuellen französi-
scher Sprache, deren Schriften Ihrer Meinung nach den tiefsten
Einfluß auf die Entwicklung der Ideen, der Literatur, der Künste,
der Wissenschaften usw. ausüben?« Bei den Antworten stand an
erster Stelle Claude Lévi-Strauss (101), an zweiter Stelle Ray-
mond Aron (84), an dritter Stelle Michel Foucault (83) und an
vierter Stelle Jacques Lacan (51).
Woher kommt der Begriff des Strukturalismus, der so viel
Einführung 13

überschwengliche Begeisterung und Ungemach hervorgerufen


hat ? Abgeleitet von Struktur (auf lateinisch structura, vom Verb
struere), hat er anfangs architektonische Bedeutung, denn die
Struktur bezeichnet »die Art und Weise, wie ein Gebäude gebaut
ist« (Dictionnaire de Trévoux, Ausgabe von 1771). Im Lauf des 17.
und 18. Jahrhunderts verändert und erweitert sich der Sinn des
Terminus Struktur in Analogie zu den Lebewesen: So wird bei
Fontenelle der menschliche Körper ebenso als Konstruktion auf-
gefaßt wie bei Vaugelas oder Bernot die Sprache. Der Terminus
bekommt damals den Sinn einer Beschreibung der Art und
Weise, wie die Teile eines konkreten Seins sich in einer Gesamt-
heit organisieren. Er umfaßt vielfältige Anwendungsmöglichkei-
ten: Man spricht unter anderem von anatomischen, psychologi-
schen, geologischen und mathematischen Strukturen. Wirklich
erobert hat sich das strukturale Verfahren das Feld der Human-
wissenschaften erst in einer späteren, jüngeren Phase, nämlich
seit dem 19. Jahrhundert mit Spencer, Morgan und Marx. Nun ist
die Rede von einem dauerhaften Phänomen, das die Teile eines
Ganzen auf komplexe Weise in einem abstrakteren Sinne mitein-
ander verbindet. Der Terminus Struktur, der bei Hegel noch
nicht vorkommt und bei Marx, abgesehen vom Vorwort zur Kri-
tik der politischen Ökonomie, selten verwendet wird, bekommt
seine Weihen Ende des 19. Jahrhunderts durch Durkheim (Die
Methode der Soziologie, 1895). Zwischen 1900 und 1926 dann ent-
steht das Gebilde, das das Vocabulaire von André Lalande als
Neologismus verbucht: der Strukturalismus. Psychologen haben
den Strukturalismus hervorgebracht, um gegen die funktionelle
Psychologie des beginnenden Jahrhunderts anzugehen; doch der
wirkliche Ausgangspunkt des strukturalistischen Verfahrens in
seinem modernen, alle Humanwissenschaften umfassenden Sinn
liegt in der Entwicklung der Sprachwissenschaft. Verwendet
Saussure in den Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft
den Begriff Struktur nur an drei Stellen, so wird in erster Linie die
Prager Schule (Trubetzkoy und Jakobson) die Begriffe Struktur
14 Einführung

und Strukturalismus einbürgern. Die Bezugnahme auf den Ter-


minus Strukturalismus als Gründungsprogramm — eine im späte-
ren durch sein Vorgehen verdeutlichte Bestrebung — fordert der
dänische Sprachwissenschaftler Hjelmslev, der 1939 die Zeit-
schrift Acta linguistica gründet, deren erster Artikel von »struk-
turaler Sprachwissenschaft« handelt. Von diesem linguistischen
Kernbereich aus wird der Begriff Mitte des 20. Jahrhunderts eine
echte Revolution aller Humanwissenschaften auslösen, und sie
werden sich dabei nach eigener Einschätzung als Wissenschaften
beweisen.
Wunder oder Fata Morgana? Ist die Geschichte der Wissen-
schaften nicht die Geschichte eines Friedhofs ihrer Theorien ? Si-
cher, aber das bedeutet keineswegs, daß die jeweils abgelaufene
Epoche keine Wirksamkeit mehr hätte, sondern einfach, daß ein
Programm seine Fruchtbarkeit verliert und sich dann einer not-
wendigen methodologischen Erneuerung öffnet. Im Fall des
Strukturalismus läuft diese Transformation allerdings Gefahr, in
die Fallen zu geraten, die die vorangegangene Methode vermie-
den hat. Deshalb muß zunächst ihr ganzer Reichtum, ihre ganze
Fruchtbarkeit wiederhergestellt werden, ehe man ihre Grenzen
erfaßt. Dieses Abenteuer werden wir bestehen, denn die Vor-
stöße des Strukturalismus haben es trotz mancher Sackgassen er-
laubt, auf die menschliche Gesellschaft einen so gründlich ande-
ren Blick zu werfen, daß es nicht mehr möglich ist, so zu denken,
als hätte diese Revolution nicht stattgefunden.

Als ein Teil unserer Geistesgeschichte hat der Strukturalistische


Moment eine besonders fruchtbare Periode der humanwissen-
schaftlichen Forschung eröffnet. Das Wiederherstellen dieser
Geschichte ist ein komplexer Vorgang, denn die Konturen des
strukturalistischen Bezugsrahmens sind besonders verschwom-
men. Um Zugang zu den Hauptorientierungen dieser Periode zu
bekommen, müssen wir die Pluralität der Verfahren und Perso-
nen umfassend rekonstruieren und zugleich nach ein paar kohä-
Einführung 15

renten Kernpunkten suchen, die die Matrix eines Verfahrens jen-


seits der Vielfalt seiner Gegenstände und Fachgebiete erkennen
läßt. Wir müssen die vielschichtigen Ebenen aufschlüsseln, die
Strukturalismen hinter dem Etikett »strukturalistisch« differen-
zieren, die sowohl theoretischen wie fachlichen Spieleinsätze auf
dem intellektuellen Feld beleuchten und die Mannigfaltigkeit in-
dividueller Gedankengänge rekonstruieren, die sich nicht auf eine
als Gesamtmasse betrachtete Geschichte reduzieren lassen. Als
Kontingenzen zufälliger, aber maßgeblicher Begegnungen bietet
sich diese Geschichte als ein Zusammenhang von Begriffen und
Lebensstoff dar. Sie bezieht mehrere Erklärungsfaktoren ein und
kann in keinem Fall auf ein monokausales Schema reduziert wer-
den.
Es existieren mehrere Formen der Aneignung des Strukturalis-
mus im Feld der Sozialwissenschaften. Jenseits des Spiels der An-
leihen, der Entsprechungen, deren Kontinuität wir — gemäß dem
Ratschlag, den Roland Barthes künftigen Historikern des Struk-
turalismus mit auf den Weg gab — zu erkunden haben werden,
kann man eine die Fachgrenzen überschreitende Unterscheidung
treffen: auf der einen Seite ein szientistischer Strukturalismus,
namentlich vertreten von Claude Lévi-Strauss, Algirdas Julien
Greimas oder Jacques Lacan, der mithin gleichermaßen die An-
thropologie, die Semiotik und die Psychoanalyse beträfe; und auf
der anderen, daran angrenzend, ein geschmeidigerer, wandelba-
rerer, schillernderer Strukturalismus mit Roland Barthes, Gérard
Genette, Tzvetan Todorov oder Michel Serres, den man als se-
miologischen Strukturalismus bezeichnen könnte. Schließlich
existiert auch ein ins Historische gewendeter Strukturalismus,
dem Louis Althusser, Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Jacques
Derrida, Jean-Pierre Vernant und in weiterem Sinne die dritte
Generation der Annales zuzurechnen wären. Jenseits dieser Un-
terschiede läßt sich jedoch eine Gemeinsamkeit in Sprache und
Zielsetzung erkennen, die mitunter den Eindruck erweckt, man
lese dasselbe Buch, trotz der stilistischen und fachlichen Unter-
16 Einführung

schiede eines Barthes, eines Foucault, eines Derrida, eines Lacan.


Der Strukturalismus ist die Koine einer ganzen Generation von
Intellektuellen gewesen, auch wenn es unter seinen verschiede-
nen Vertretern keine Verpflichtung auf eine Lehre, geschweige
denn eine Schule oder Kampfgemeinschaft gegeben hat.
Auch Perioden zu skizzieren ist nicht einfach. In den fünfziger
Jahren ist ein unaufhaltsames Fortschreiten der Bezugnahme auf
Strukturphänomene zu erkennen, das sieh in den sechziger Jah-
ren zu einer regelrechten strukturalistischen Mode auswächst, die
den größten Teil des intellektuellen Feldes erfaßt. Die zentrale
Marke, von der aus die strukturalistische Tätigkeit am stärksten
auf das intellektuelle Feld einwirkt, ist das Jahr 1966. Hinsichtlich
der Intensität, der Ausstrahlung, des Aufscheinens des Univer-
sums der Zeichen, das sich über alle etablierten Fachgrenzen
hinaus vollzieht, ist es die Glanzzeit dieser Periode. Bis 1966 er-
fährt die strukturalistische Tätigkeit einen scheinbar unaufhaltsa-
men Aufschwung, ist sie in der Aufstiegsphase. Ab 1967 setzt die
Rückströmung ein, beginnen die Kritiken, die Distanzierungen
vom in der Presse allseits beweihräucherten strukturalistischen
Phänomen. Die Rückströmung geht also dem Ereignis '68 vor-
aus, sie ist latent schon 1967 vorhanden, als die vier Musketiere
nicht aufhören, auf Abstand zum strukturalistischen Phänomen
zu gehen.
Hinter dieser Rückströmung zeigt freilich der universitäre
Forschungsbetrieb einen anderen Zeitverlauf, der sich nicht auf
Modeeffekte beschränkt: Die universitären Forschungen ver-
vielfältigen sich gerade in dem Augenblick, als man eine Leiche zu
begraben meint — festzustellen ist die Auferstehung eines Pro-
gramms, das an Medienglanz verlor, was es an pädagogischer
Nachhaltigkeit gewann. Auch hier ist der Zeitverlauf nicht ein-
deutig, es muß etlichen zeitlichen Verschiebungen zwischen den
verschiedenen Disziplinen der Humanwissenschaften Rechnung
getragen werden. Manche, wie die Linguistik, die Soziologie, die
Anthropologie oder die Psychoanalyse, haben im Strukturalis-
Einführung 17

mus das Mittel gefunden, sich mit einem wissenschaftlichen


Modell zu wappnen. Andere, tiefer im universitären Feld ver-
wurzelte und stärker von epistemologischen Turbulenzen abge-
schirmte Bereiche wie die Geschichte werden sich später wandeln
und das strukturalistische Programm zum Zeitpunkt seines allge-
meinen Abflauens aufnehmen. Bei allen zeitlichen Verschiebun-
gen und Schwankungen im Austausch der Fachbereiche auf dem
intellektuellen Feld hat der Strukturalismus es jedenfalls möglich
gemacht, zahlreiche Dialoge zu knüpfen, fruchtbare Kolloquien
und Forschungen zu vervielfältigen und den Arbeiten und Fort-
schritten der Nachbardisziplinen rege Aufmerksamkeit zu
schenken. Es war eine intensive Periode, beeinflußt von Denkern,
von denen viele mit ihren Forschungen in ihrer eigenen gesell-
schaftlichen Praxis anzusetzen versuchten — eine echte Revolu-
tion, die noch heute unsere Weltsicht bestimmt.
Die derzeitige Periode, die manche das Zeitalter der Leere und
andere das der Postmoderne nennen, leitet eine Auffassung vom
Menschlichen ein, in der eine binäre, illusorische Opposition
zum Zuge kommt zwischen der Auflösung des Menschen im
Strukturalismus einerseits und ihrer Kehrseite, der Vergöttli-
chung des Menschen, andererseits, die man heute als Reaktion
darauf erlebt. Der Schöpfermensch jenseits der Zwänge seiner
Zeit verweist auf den Tod des Menschen als sein Doppel. Der
Mensch, das verlorene Paradigma der strukturalen Auffassung,
lebt in seiner den Sozialwissenschaften vorgängigen, narzißti-
schen Gestalt wieder auf. Die große strukturale Welle hat die Hu-
manwissenschaften an Ufer gespült, an denen sie der Geschicht-
lichkeit entrückt sind. Eine große Wende kündigt sich an — im
Sinne der Rückkehr zu einer alten Schreibweise, im Namen des
Niedergangs des Denkens, des Verlusts unserer Werte, des Rück-
zugs auf unser Erbe. Vergangenes kehrt wieder: Man entdeckt
aufs neue den diskreten Charme der Landschaften von Vidal,
die Helden der Geschichte von Lavisse, die Meisterwerke des na-
tionalen Kulturschatzes von Lagarde und Michard. Über diese
18 Einführung

Rückkehr einer bestimmten Tradition des 19. Jahrhunderts hin-


aus führt uns der derzeitige Rückzug in die Nähe des 18. Jahr-
hunderts, in dem der Mensch als Abstraktion begriffen wird, als
frei von Zwängen der Zeit, als Herr des rechtlich-politischen Sy-
stems, in dem sich seine Vernünftigkeit verwirklicht.
Kann man so denken, als hätten die kopernikanisch-galileische
Revolution, die freudianischen, die marxistischen Brüche und die
von den Sozialwissenschaften geleisteten Vorstöße nicht stattge-
funden ? Die Sackgassen des Strukturalismus deutlich zu machen,
soll keinen Rückweg ins goldene Zeitalter der Aufklärung bedeu-
ten, sondern im Gegenteil eine Bewegung auf die Zukunft hin,
auf die Konstituierung eines historischen Humanismus. Unter
diesem Gesichtspunkt kommt es darauf an, die falschen Gewiß-
heiten und echten Dogmatismen, die reduktionistischen, mecha-
nischen Verfahrensweisen zu ermitteln und nach der Tauglichkeit
der von den Sozialwissenschaften verwendeten fachübergreifen-
den Konzepte zu fragen. Dabei geht es nicht darum, irgendein
Allzweckverfahren, irgendein informelles Magma zu gewinnen,
sondern aus der laufenden Brownschen Bewegung die Prolego-
mena einer Wissenschaft vom Menschen zu beziehen, die sich
von bestimmten Konzepten, von operativen strukturierenden
Ebenen aus entwickeln müßte.
Die Errungenschaften der Sozialwissenschaften sind hier auf-
gerufen, dem Hervortreten eines Humanismus des Möglichen zu
entsprechen, der um die transitorische Gestalt des »dialogen«
Menschen kreist. Ein Überschreiten des Strukturalismus nötigt
zunächst zu einer Rückbesinnung auf diese Denkströmung, die
ihre Methode auf dem gesamten Feld der Sozialwissenschaften
weithin verbreitet hat. Es sind die Etappen seiner hegemonischen
Eroberung nachzuzeichnen, der Prozeß der Adaption einer Me-
thode auf die fachliche Vielheit der Wissenschaften vom Men-
schen herauszustellen, die Grenzen und Sackgassen zu erfassen,
an und in denen sich dieser Versuch der Erneuerung des Denkens
erschöpft hat. Um die Geschichte dieser französischen intellektu-
Einführung 19

eilen Entwicklung der fünfziger und sechziger Jahre aufzuzei-


gen, haben wir die Hauptwerke dieser Periode herangezogen und
sie mit dem heutigen Blick ihrer Urheber und Schüler wie auch
mit der kritischen Sicht anderer Schulen und Strömungen kon-
frontiert. Wir haben eine Vielzahl von (in das Corpus dieser
Geschichte eingearbeiteten) Gesprächen mit Philosophen, Lin-
guisten, Soziologen, Historikern, Anthropologen, Psychoanaly-
tikern und Wirtschaftswissenschaftlern geführt, um zu erfahren,
welchen Stellenwert der Strukturalismus in ihrer Forschungsar-
beit einnimmt, welche Beiträge er geleistet hat und mit welchen
Mitteln er unter Umständen zu überwinden wäre. Diese Unter-
suchung 1 läßt jenseits der Vielheit der Standpunkte die zentrale
Bedeutung des strukturalistischen Phänomens erkennen und er-
laubt den Versuch einer Periodisierung.
Im Hinblick auf die Dekonstruktion der abendländischen Me-
taphysik immer weiter zu schreiten, den Riß bis in die Funda-
mente der Sémiologie zu treiben, von jedem Signifikat, jedem
Sinn zu leeren, um ein besseres Zirkulieren eines reinen Signifi-
kanten zu erreichen : dieser Modus der Kritik gehört einem Mo-
ment des Selbsthasses in der abendländischen Geschichte an, den
wir dank einer allmählichen Versöhnung der Intelligenzija mit
den demokratischen Werten hinter uns gelassen haben. Aber so
dem kritischen Zeitalter zu entschlüpfen, darf keine bloße Rück-
kehr auf das bedeuten, was ihm voraufgegangen ist, denn der
Blick auf das Andere, auf die Differenz hat sich dadurch unwider-
ruflich gewandelt und bedarf deshalb dieser Rückbesinnung auf
eine Periode, die mannigfache Aufschlüsse geliefert hat und zu ei-
nem unumgänglichen Bestandteil der Erkenntnis des Menschen
geworden ist.
Teil I : Die fünfziger Jahre :
die epische Epoche
Die Verfinsterung eines Sterns :
Jean-Paul Sartre

Um zu triumphieren, mußte der Strukturalismus töten — wie in


jeder Tragödie. Die Leitfigur der Nachkriegsintellektuellen aber
war Jean-Paul Sartre. Er genoß seit der Befreiung besondere öf-
fentliche Aufmerksamkeit, weil er die Philosophie auf die Straße
holte. Doch von dort schallen ihm nach und nach neue Themen
entgegen, vorgetragen von einer aufstrebenden Generation, die
ihn zusehends an den Fahrbahnrand drängt.
In diesen für das strukturalistische Phänomen, wie man es spä-
ter nennen wird, entscheidenden fünfziger Jahren erlebt Sartre
eine Reihe von ebenso schmerzlichen wie dramatischen Zerwürf-
nissen, die ihn, trotz seines unbestrittenen öffentlichen Erfolgs,
im Laufe der Jahre in die Isolation treiben. Eine der Ursachen für
diese Zwistigkeiten liegt darin, daß Sartre seine Jahre des Unpoli-
tischseins, der Blindheit tilgen wollte, in denen er sich nach guter
XMgwe-Tradition [Vorbereitungsklasse für die École normale
supérieure, A.d.U.] vermauert hatte und die ihn gegenüber dem
Aufkommen der nazistischen Greuel taub und stumm, gegen-
über den sozialen Auseinandersetzungen der dreißiger Jahre
achtlos und gleichgültig gemacht hatten. Von der eigenen Ge-
schichte eingeholt, versucht Sartre, die früheren Versäumnisse
wettzumachen, indem er sich 1952, mitten im Kalten Krieg, der
KPF anschließt, also genau zu dem Zeitpunkt, als eine ganze In-
tellektuellengeneration sich angesichts der fortdauernden Ent-
hüllungen über die Geschehnisse in der Sowjetunion zunehmend
von der Partei distanziert. Die schöne Einmütigkeit, die zur Zeit
des Rassemblement démocratique révolutionnaire [Sammelbe-
wegung der Linken, A.d.U.] herrschte und die André Breton, AI-
24 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

bert Camus, David Rousset, Jean-Paul Sartre und einige andere


Intellektuelle 1 am 13. Dezember 1948 auf einer Tribüne im Salle
Pleyel zum Thema »Internationalismus des Geistes« versam-
melte, wird zersplittern.
Für Sartre setzt nun die Zeit der Zerwürfnisse ein. Die Turbu-
lenzen des Kalten Krieges schlagen sich im Redaktionsstab der
Temps Modernes nieder. »Billancourt nicht in Verzweiflung stür-
zen« wird Sartre teuer zu stehen kommen, der sich 1953 in einer
erbitterten Polemik von einem maßgeblichen Mitarbeiter,
Claude Lefort, der tragenden Säule der Zeitschrift, trennt. 2 Die-
ser Polemik sind zwei weitere Zerwürfnisse von Gewicht voran-
gegangen, zunächst mit Camus, dann mit Etiemble, und es folgt
der Bruch mit einem seiner engsten Freunde, dem Temps-Modernes-
Mitarbeiter der ersten Stunde, Maurice Merleau-Ponty. Das
Zweigespann Sartre-Merleau-Ponty hatte bis dahin so ungetrübt
funktioniert, daß die beiden »zeitweise geradezu austauschbar
gewesen waren« 3 . Merleau-Ponty verläßt Les Temps Modernes im
Sommer 1952 und veröffentlicht wenig später, 1955, Die Aben-
teuer der Dialektik, worin er Sartre des ultrabolschewistischen
Voluntarismus bezichtigt. Wenn auch andere Gedankenaben-
teuer ohne Sartre begonnen werden, übt dieser dennoch nach wie
vor starke Faszination auf die junge Generation aus : »Mehr als
einem von uns ließ in meinem Lycée in den fünfziger Jahren Das
Sein und das Nichts das Herz höher schlagen«, schreibt Régis De-
bray.4 Unterdessen wird der Existentialismus angefochten, und
das Rededuell, das Sartre und Althusser 1960 an der École nor-
male supérieure in der Rue d'Ulm vor Jean Hyppolite, Georges
Canguilhem und Maurice Merleau-Ponty austragen, geht nach
Aussage Régis Debrays, der damals Staatsexamenskandidat in
Philosophie war, zugunsten von Louis Althusser aus. Sartre wird
trotz seines Ruhms als Vorzeigefigur der Vergangenheit gelten,
als Verkörperung der enttäuschten Hoffnungen der Befreiung,
und dieser Ruf wird ihm so hartnäckig anhaften, daß er dessen
erstes Opfer wird.
Die Verfinsterung eines Sterns : Jean-Paul Sartre 25

Ist die Verfinsterung von Sartres Stern das Ergebnis politischer


Faktoren, so rührt sie auch aus einer neuen Konstellation auf dem
intellektuellen Feld: dem Aufstieg der Humanwissenschaften,
die einen institutionellen Raum beanspruchen, um einen dritten
Weg zwischen Literatur und exakten Wissenschaften zu bahnen.
Daraus ergibt sich eine Verlagerung der Fragestellungen, die Sar-
tre, von seiner politischen Nachholarbeit in Anspruch genom-
men und seinem Philosophenstandpunkt treu, nicht mitvollzieht.
Letzterer hatte ihm bislang nur Gratifikationen und Anerken-
nung eingebracht. Mit Was ist Literatur? stellt Sartre zwar 1948
die Frage nach dem Autor und seinem Publikum, seinen Motiva-
tionen, aber er setzt dabei die Eigenheit, die Existenz der Litera-
tur als feststehend voraus. Gerade dieses Postulat jedoch wird
Ende der fünfziger Jahre bezweifelt, ja bestritten werden.
Der Sturz der Leitfigur Sartre wird die Philosophen in eine
Krise treiben, sie einem Moment der Verunsicherung, des Zwei-
fels aussetzen, und sie werden sich zur Zuspitzung ihrer kri-
tischen Fragestellung insbesondere der an Bedeutung gewin-
nenden Sozialwissenschaften bedienen. Diese Infragestellung
entzündet sich am Existentialismus als Philosophie der Subjek-
tivität, als Philosophie des Subjekts. Der Saftresche Mensch exi-
stiert nur durch die Intentionalität seines Bewußtseins, er ist zur
Freiheit verurteilt, denn »die Existenz geht der Essenz voraus«.
Einzig die Entfremdung und die Unaufrichtigkeit versperren die
Wege der Freiheit. Ein Roland Barthes, der sich in der unmittel-
baren Nachkriegszeit als Sartrianer definiert, wird sich nach und
nach von dessen Philosophie lösen, um sich dann mit ganzer
Kraft am strukturalistischen Abenteuer zu beteiligen. Subjekt
und Bewußtsein treten zugunsten von Regel, Code und Struk-
tur in den Hintergrund.
26 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Jean Pouillon : der Mann der Mitte

Jean Pouillon symbolisiert diese Entwicklung und gleichzeitig


den Versuch, das, was sich antinomisch ausnehmen mag, zu ver-
söhnen. Er, der Vertraute Sartres, wird ganz allein die Brücke
schlagen, die die Verbindung zwischen Les Temps Modernes und
L'Homme ermöglicht, also zwischen Sartre und Claude Lévi-
Strauss. Jean Pouillon hat Sartre bereits 1937, mithin sehr früh
kennengelernt, und die beiden Männer pflegten trotz unter-
schiedlicher intellektueller Werdegänge zeitlebens eine ungetrüb-
te Freundschaft. Pouillons Laufbahn ist zumindest eigentümlich :
»Während des Krieges bin ich Philosophielehrer gewesen, und
Sartre fragte mich dann 1945 : Macht es Ihnen Spaß, Philo zu ge-
ben? Ich antwortete ihm, daß es mir nichts ausmache, vor den
Schülern den Hanswurst zu spielen, aber ärgerlich seien die Kor-
rekturen der Hausaufgaben und die schlechte Bezahlung. Da
sagte er mir, ich solle einen befreundeten Kommilitonen aufsu-
chen, der etwas ausfindig gemacht hätte, was es noch immer gibt :
den Untersuchungsbericht der Nationalversammlung. Da dem-
nach die Legislative über ihr eigenes Budget abstimmt, ist sie ge-
genüber ihren eigenen Beamten großzügiger. Sie wurden besser
bezahlt und hatten im allgemeinen sechs Monate Urlaub. Ich be-
stand dann die Prüfung und machte gleichzeitig, wonach mir der
Sinn stand, schrieb in Les Temps Modernes. Zweifellos aus diesem
Grund hat mich Lévi-Strauss 1960 gebeten, mich um L'Homme
zu kümmmern, denn ich machte ja nicht Karriere. Keiner sah
mich mit scheelen Augen an, und ich sah auch keinen mit schee-
len Augen an.« 5
Jean Pouillon weiß nichts von Ethnologie, bis 1955 die Trauri-
gen Tropen erscheinen. Sartre ist begeistert und wendet sich im
Redaktionskomitee der Temps Modernes an Jean Pouillon, damit
er die Besprechung übernehme: »Warum nicht Sie?« Statt bloß
ein lobendes Papier über die Qualität des Buches abzugeben,
geht Jean Pouillon der Sache auf den Grund und beschließt, eine
Die Verfinsterung eines Sterns : Jean-Paul Sartre 27

regelrechte Studie anzufertigen, wobei er sich stärker mit dem


Fortgang von Claude Lévi-Strauss' Denken auseinandersetzt als
mit seinem Endprodukt der Traurigen Tropen. So liest er alles,
was Claude Lévi-Strauss bis dahin geschrieben hat, Die elementa-
ren Strukturen der Verwandtschaft und die Artikel, die erst später,
1958, unter dem Titel Strukturale Anthropologie in Buchform er-
scheinen werden. Jean Pouillons Artikel sprengt also den Rahmen
einer Rezension, er versucht, den Stand von Claude Lévi-Strauss'
Denken zu ermitteln und erscheint 1956 in Les Temps Modernes.6
Was auf den ersten Blick als eine zufällige Abschweifung, ein
momentanes Ausscheren in andere Breitengrade erscheint, wird
für Jean Pouillon, darüber hinaus jedoch für eine ganze Genera-
tion, ein Lebensengagement, eine Hinwendung zu neuen, stärker
anthropologischen Fragestellungen, die die klassische Philoso-
phie hinter sich lassen. Jean Pouillon entdeckt die Auseinander-
setzung mit der Frage der Alterität: »Der andere muß als essen-
tiell anderer gesehen werden« 7 , und macht sich das strukturale
Verfahren zu eigen, das eine Überschreitung des Empirischen,
des Beschreibenden, des Erlebten erlaubt. Bei Claude Lévi-
Strauss trifft er auf ein strenges Modell, das mit seiner Berechen-
barkeit das Konstruieren »mathematisierbarer Verhältnisse« 8
ermöglicht. Er übernimmt die Position von Lévi-Strauss vollstän-
dig, die dahin geht, das linguistische Modell zu favorisieren, um
die enge Verbindung zwischen Beobachter und beobachtetem
Gegenstand aufzulösen : »Durkheim sagte, daß man die sozialen
Tatsachen wie Dinge behandeln müsse [...]. Man muß sie also,
Durkheim paraphrasierend, wie Wörter behandeln.« 9
Einen regelrechten Übertritt erlebt man da Mitte der fünfziger
Jahre, allerdings mit dem kleinen Vorbehalt, daß Jean Pouillon
sich Claude Leforts kritischer Argumentation bezüglich der
Hintanstellung der Geschichtlichkeit bei Lévi-Strauss anschließt.
In dieser Hinsicht bleibt er den Sartreschen Positionen zur histo-
rischen Dialektik treu und setzt der synchronischen Logik des
Schachspiels die diachronische Logik des Bridge entgegen. Von
28 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

diesem Vorbehalt abgesehen, widmet Jean Pouillon sich fortan


vollständig dem Strukturalismus und der Anthropologie und be-
sucht die Seminare von Claude Lévi-Strauss in der Fünften Sek-
tion der Ecole des hautes études. Von einer Buchbesprechung zu
einer existentiellen Wahl gelangt, folgt Jean Pouillon dem Ruf der
Tropen. Er bekommt ein paar Kredite und macht sich 1958 auf
Anraten von Robert Jaulin, der ihm dieses Land als ethnologisch
noch unerschlossenes Terrain vorstellt, in den Tschad auf.
War sich Sartre bewußt, daß er an dem Ast sägte, auf dem er
saß ? Sicherlich nicht, wie Jean Pouillon erklärt 10 : Sartre irrte hin-
sichtlich der Tragweite der Traurigen Tropen, die ihm gefallen
hatten, weil sie der Gegenwart des Beobachters in der Beobach-
tung Rechnung tragen und sich auf die Kommunikation mit den
Eingeborenen stützen. Daß er für eine weniger erklärende als
vielmehr einsichtnehmende Ethnologie empfänglich war, diesem
Mißverständnis verdankt man die Bekehrung Jean Pouillons, der
das mit der hübschen Formel von der »Fruchtbarkeit der Miß-
verständnisse« umschreibt. Bei seiner Tschad-Reise untersucht
Pouillon sieben bis acht Gruppen von jeweils höchstens zehntau-
send Personen und stellt dabei durchweg unterschiedliche Orga-
nisationsweisen, eine niemals gleiche Aufteilung der politisch-re-
ligiösen Zuständigkeiten fest, wohingegen »der Wortschatz, das
Lexikon stets gleich, identisch war« n . Um diese Differenzen be-
greiflich zu machen, war der Rückgriff auf die Struktur eine not-
wendige Durchgangsstufe, Struktur nicht als im konkreten Leben
dieser oder jener Gruppe realisiert, sondern als Permutations-
möglichkeit, als Logik dieser Grammatik, die es überhaupt erst
gestattet, verschiedene mögliche Realisierungen zu verstehen.
1960, als der erste Band der Kritik der dialektischen Vernunft
erscheint, lädt Claude Lévi-Strauss, der in Jean Pouillon einen der
besten Spezialisten für das Denken Sartres an der Hand hat, ihn
ein, das Buch in seinem Seminar vorzustellen. Pouillon verwendet
drei zweistündige Seminare auf die Lektüre der Kritik der dialek-
tischen Vernunft, und — ein Zeichen für das Interesse, das Sartre
Die Verfinsterung eines Sterns : Jean-Paul Sartre 29

immer noch weckt — das Publikum dieser Sitzungen, die im


allgemeinen nur dreißig Teilnehmer anziehen, verwandelt sich in
eine »kompakte Menschenmenge, die den Saal in Beschlag
[nahm] [...]. Unter ihnen erkannte ich Leute wie Lucien Gold-
mann.« 12 Wenn Jean Pouillon bestrebt war, Sartre und Claude
Lévi-Strauss zu versöhnen, muß er eine gewisse Enttäuschung
verspürt haben, als 1962 am Schluß vom Wilden Denken Claude
Lévi-Strauss' Entgegnung auf die Kritik der dialektischen Ver-
nunfterschien. Trotz der Heftigkeit dieses Angriffs — wir werden
darauf zurückkommen — verlor Pouillon nicht die Hoffnung und
stellte die beiden Werke 1966 in L'Arc als einander komplementär
und inkommensurabel dar, ein Blickpunkt, den er noch heute
einnimmt: »Es ist angebracht, beide mit ungetrübtem Blick zu
betrachten, denn wenn der eine bei einer Sache ist, ist es der an-
dere nicht.« 13
Während Jean Pouillon sich einer vielversprechenden Human-
wissenschaft, der Anthropologie, zugewandt hatte, blieb Sartre
gegenüber den vielfältigen Herausforderungen der verschiede-
nen Humanwissenschaften sehr distanziert. Die Philosophie des
Bewußtseins, des Subjekts führte ihn dazu, die Linguistik als eine
Unterwissenschaft zu betrachten und sie nachgerade grundsätz-
lich zu umgehen. Die Psychoanalyse verträgt sich schlecht mit
seiner Theorie der Unaufrichtigkeit und der Freiheit des Sub-
jekts, und in Das Sein und das Nichts (1943) betrachtet er Freud
als Anstifter einer mechanistischen Doktrin. Dennoch sollte er
auf gänzlich abenteuerliche Weise in das Freudsche Labyrinth
gelangen. 1958 tritt nämlich John Huston an Sartre heran und
beauftragt ihn mit einem Drehbuch über Freud. Dieser Holly-
wood-Auftrag zwingt Sartre, Freuds gesamtes Werk sowie seine
Korrespondenz zu lesen. Am 15. Dezember 1958 schickt er Hu-
ston ein fünfundneunzigseitiges Exposé, und ein Jahr später stellt
er das Drehbuch fertig. Aber die beiden Männer zerstreiten sich.
Huston, der das Drehbuch zu schwerfällig, zu langweilig findet,
will, daß Sartre es ausdünnt, doch der erweitert es jedes Mal und
30 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

zieht letztlich seinen Namen aus der Produktion Freud zurück.


Sartre hat sich also Ende der fünfziger Jahre mit dem Freudianis-
mus vertraut gemacht ; doch obwohl die Psychoanalyse nach und
nach sein Interesse gewinnt, wird er sich ihrem zentralen Begriff
des Unbewußten stets verschließen, da er von dem Postulat aus-
geht, daß der Mensch zur Gänze in der Praxis verstanden werden
kann, was er später mit seinem gleichfalls unvollendet gebliebe-
nen Flaubert nachzuweisen versucht. Gewiß waren »die zwei
Kannibalen« u Sartre und Claude Lévi-Strauss nicht an einen Ort
zusammenzubringen, ohne Gefahr zu laufen, daß der eine den
anderen gefressen hätte. So war es die geschichtliche Leistung des
Menschen Jean Pouillon, jeden Versuch von Anthropophagie zu
vereiteln.

Die Krise des engagierten Intellektuellen

Das dritte Feld, auf dem Sartre sich Anfechtungen ausgesetzt


sieht, ist seine Konzeption des engagierten Intellektuellen, eine
französische Tradition, die auf die Dreyfusaffäre zurückgeht.
Diese Tradition hat Sartre bis zu dem Augenblick überzeugend
verkörpert, in dem man zu der Ansicht kommt, daß der Intellek-
tuelle nicht mehr in allen Belangen seinen Standpunkt darlegen
könne, sondern sich streng an sein Fachgebiet zu halten habe. Die
kritische Arbeit des Intellektuellen wird nun als begrenzter gese-
hen, wobei sie aber an Pertinenz gewinnt, was sie an Interven-
tionsmöglichkeit einbüßt. Dieses Zurücktreten des Intellektuel-
len im Namen der Rationalität entspricht auch einem Auszug
aus, ja sogar einer Verweigerung gegenüber der Geschichte im
weiteren Sinn : »Der Strukturalismus tritt rund zehn Jahre nach
Kriegsende auf den Plan, aber der Krieg endete nun einmal in ei-
ner erstarrten Welt. 1948 droht eine Neuauflage; zwei Blöcke ste-
hen sich gegenüber, der eine ruft Freiheit, der andere Gleichheit.
All dies hat zu einer Verneinung der Geschichte beigetragen.« 15
Die Verfinsterung eines Sterns: Jean-Paul Sartre 31

Zwei große Gestalten des Strukturalismus machen das Abriik-


ken vom Sartreschen Engagement deutlich: Georges Dumézil
und Claude Lévi-Strauss. Auf die Frage, ob er sich nie der Tradi-
tion des engagierten Intellektuellen nahe gefühlt habe, antwortet
Georges Dumézil : »Nein, ich habe sogar fast eine Abneigung ge-
gen diejenigen, die diese Rolle innehaben. Besonders gegen Sar-
tre.« 16 Hier kommt das Desengagement aus einem grundreaktio-
nären Ansatz, der nichts mehr von der Zukunft erwartet und die
Welt mit einer unheilbaren Sehnsucht nach der tiefsten Vergan-
genheit anschaut : »Das nicht bloß monarchische, sondern dyna-
stische Prinzip, das den höchsten Staatsposten vor Launen und
Ambitionen sichert, schien mir und scheint mir immer noch der
verallgemeinerten Wahl vorzuziehen, in der wir seit Danton und
Bonaparte leben.« 17 Ein solches Zurücktreten von jeder Stellung-
nahme im Zeitgeschehen, von jeder Parteinahme stellt man auch
bei Lévi-Strauss fest, der auf die Frage nach dem Engagement
antwortet : »Nein. Ich bin der Meinung, daß meine intellektuelle
Autorität, in dem Maße, wie man mir überhaupt welche zuer-
kennt, auf dem Arbeitsbeitrag, auf den Skrupeln an Strenge und
Genauigkeit beruht.« 18 Er setzt einen Victor Hugo, der sich für
fähig halten konnte, alle Probleme seiner Epoche zu beurteilen,
gegen die Jetztzeit, die zu komplex, zu zersplittert sei, als daß
man beanspruchen könne, sich in ihr allein zurechtzufinden und
zu engagieren. Die Figur des Philosophen erlischt als fragendes
Subjekt, als Subjekt der Problematisierung der Welt in ihrer Viel-
gestaltigkeit. Damit rückt Sartre aus dem Gesichtskreis, und das
Feld bleibt den klassifizierenden und oftmals deterministischen
Humanwissenschaften überlassen.
Die Geburt eines Helden :
Claude Lévi-Strauss

Der Strukturalismus wird unterdessen mit Claude Lévi-Strauss


identifiziert. In einem Jahrhundert, in dem die intellektuelle Ar-
beitsteilung einem immer kleinteiligeren Wissen Vorschub leistet,
ist er das Wagnis eingegangen, das Gleichgewicht zwischen dem
Sensiblen und dem Intelligiblen herzustellen. Hin- und hergeris-
sen zwischen dem Willen, die der Wirklichkeit zugrundeliegen-
den inneren Logiken zu rekonstruieren, und einer poetischen
Sensibilität, die ihn stark mit der Natur verbindet, hat Lévi-
Strauss bedeutende intellektuelle Synthesen nach dem Vorbild
musikalischer Partituren verfaßt.
Der 1908 Geborene steht in seinem familiären Umfeld inmit-
ten künstlerischen Schaffens. Sein Großvater ist Geiger, sein Va-
ter und einer seiner Onkel sind Maler. Als Jugendlicher verbringt
Claude Lévi-Strauss seine ganze Freizeit mit Besuchen von Anti-
quariaten; und als seine Eltern ein Haus im Hochland der Ceven-
nen kaufen, entdeckt er, der Städter, mit Entzücken eine für ihn
exotische Natur. In langen, zehn- bis fünfzehnstündigen Wande-
rungen durchstreift er die ländliche Gegend. Diese Doppelpas-
sion, Kunst und Natur, wird seine Stellung zwischen zwei Wel-
ten, seine umwälzende Denkweise und die wesentlich ästhetische
Ambition seines Werkes prägen. Allerdings entzieht er sich den
Betörungen der Sensibilität, die er zwar nicht verleugnet, aber
durch die Konstruktion umfassender logischer Systeme zu be-
grenzen versucht. Darin begegnet man seinem bei allen Schwan-
kungen der Mode unbeirrten Festhalten an seinem strukturalen
Ausgangsprogramm.
Sein Interesse an der Natur paart sich bald mit einer Öffnung
Die Geburt eines Helden: Claude Lévi-Strauss 33

hin zur sozialen Welt. Schon in der Schule engagiert er sich im so-
zialistischen Kampf. Frühzeitig eignet er sich Kenntnisse des
Werks von Karl Marx an, dank des jungen belgischen Sozialisten
Arthur Wanters, der eines Sommers in das Haus der Familie ein-
geladen wird und ihn dort mit siebzehn veranlaßt, Marx zu lesen :
»Marx hat mich auf der Stelle fasziniert. [...] Ich habe mich sehr
bald darangemacht, das Kapital zu lesen.« 1 Eine solide Grund-
lage gibt Lévi-Strauss seinem Engagement jedoch vor allem unter
dem Einfluß von Georges Lefranc, in der Gruppe für sozialisti-
sche Studien während seiner Khagne-Xeit. Er meldet sich mit so
vielen Diskussionsbeiträgen und Referaten zu Wort, daß er
bereits im Jahre 1928, als er zum Generalsekretär der Fédération
des étudiants socialistes [Vereinigung sozialistischer Studenten,
A. d. Ü.] gewählt wird, wichtige Aufgaben wahrnimmt. Gleich-
zeitig ist er Ende der zwanziger Jahre Sekretär eines sozialisti-
schen Abgeordneten, Georges Monnets, muß jedoch 1930 diese
anstrengenden Verpflichtungen aufgeben, um das Staatsexamen
in Philosophie vorzubereiten. Von Begeisterung kann keine Rede
sein. Seine Lehrer, Léon Brunschvicg, Albert Rivaud, Jean La-
porte und Louis Bréhier, lassen ihn gründlich unzufrieden: »Im
Grunde bin ich wie ein Zombie durch das Gelände gestreunt.« 2
Dessen ungeachtet besteht er 1931 die agrégation in Philosophie
als Drittbester.
Mit seinem sozialistischen Engagement ist es bald darauf vor-
bei: Ein leichter Autounfall und ein vergeblich erwarteter Brief
lassen ihn anderen Sinnes werden. Dem politischen Engagement
des Pazifisten, der er war, bricht das Trauma von 1940, der »selt-
same Krieg« und die »merkwürdige Niederlage«, wie Marc Bloch
sie nennt, die Spitze. Er zieht daraus die Lehre, daß es gefährlich
ist, »politische Realitäten im Rahmen formaler Ideen zu fassen«3.
Er wird diesen Fehlschlag nie verwinden und keinerlei politisches
Engagement mehr zeigen, auch wenn sein Ethnologenstand-
punkt jenseits seiner eigenen Bekundungen politische Dimensio-
nen besitzt. Aber diese Wende ist wichtig. Anstatt auf die zu-
34 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

künftige Welt zu blicken, wendet sich Lévi-Strauss nostalgisch


der Vergangenheit zu, auf das Risiko hin, so anachronistisch, so
zeitversetzt zu erscheinen wie Don Quijote, der die Leidenschaft
des Zehnjährigen gewesen ist.

Der Ruf der See

Seine Ethnologenlaufbahn beginnt, wie er in den Traurigen Tro-


pen erzählt, an einem Sonntag im Herbst 1934 mit einem Telefon-
anruf von Célestin Bougie, dem Direktor der École normale su-
périeure, der ihm vorschlägt, sich als Soziologieprofessor an der
Universität von Säo Paulo zu bewerben. Célestin Bougie glaubt
naiverweise, in den Vororten von Säo Paulo gebe es zahlreiche In-
dianer, und legt Lévi-Strauss nahe, seine Wochenenden auf ihr
Studium zu verwenden. Er reist nach Brasilien ab, freilich nicht
auf der Suche nach Exotik: »Ich verabscheue Reisen und For-
schungsreisende« 4 , sondern um die spekulative Philosophie
hinter sich zu lassen und sich endgültig der jungen und seinerzeit
noch randständigen Disziplin der Anthropologie zuzuwenden.
Mit Jacques Soustelle hatte er damals schon ein derartiges Bei-
spiel vor Augen. Mit dem, was er in zwei Jahren hat zusammen-
tragen können, veranstaltet er eine Ausstellung in Paris und be-
kommt Kredite, die es ihm ermöglichen, eine Expedition zu den
Nambikwara zu organisieren. Seine Arbeiten finden in einem
kleinen Kreis von Fachleuten Beachtung, namentlich bei Robert
Lowie und Alfred Métraux. 1939 nach Frankreich zurückgekehrt,
muß Lévi-Strauss erneut aufbrechen, diesmal, um den deutschen
Besatzern zu entkommen, ins Exil. Im Rahmen eines großan-
gelegten Plans zur Rettung europäischer Gelehrter, den die Rok-
kefeller Foundation gefaßt hat, erhält er eine Einladung der New
School for Social Research in New York.
Er überquert den Atlantik auf einem den Umständen entspre-
chenden Schiff, dem Capitaine Paul-Lemerle, in Begleitung ande-
Die Geburt eines Helden: Claude Lévi-Strauss 35

ren Gesindels, wie die Gendarmen sich ausdrückten, darunter


André Breton, Victor Serge und Anna Seghers. Auf amerikani-
schem Boden angekommen, gibt man Lévi-Strauss in der New
School zu verstehen, daß er seinen Namen werde ändern müssen.
Für die Dauer seines Amerika-Aufenthalts heißt er fortan, um
jegliche Verwechslung mit der Jeansmarke auszuschließen,
Claude L. Strauss : »Kaum ein Jahr vergeht, ohne daß ich nicht
[sie], im allgemeinen aus Afrika, eine Jeans-Bestellung erhalte.« 5
Von solch drolligen Unannehmlichkeiten einmal abgesehen, wird
dank der folgenreichen Begegnung zwischen Lévi-Strauss und
seinem sprachwissenschaftlichen Kollegen an der New School,
Roman Jakobson, der wie er Exilant ist und in französischer
Sprache Vorlesungen zur strukturalen Phonologie hält, New
York zum entscheidenden Ort für die Ausarbeitung einer struk-
turalistischen Anthropologie. Beider Begegnung wird sich intel-
lektuell wie persönlich als besonders ergiebig erweisen. Daraus
entsteht ein freundschaftliches Einvernehmen, das fortdauern
wird. Jakobson besucht die Vorlesungen von Lévi-Strauss über
die Verwandtschaft, und Lévi-Strauss verfolgt Jakobsons Vor-
lesungen über Laut und Bedeutung: »Seine Vorlesungen waren
eine Art Blendung.« 6 Aus der Symbiose ihrer jeweiligen For-
schungen wird die strukturale Anthropologie entstehen. Auf
Jakobsons Rat hin beginnt Lévi-Strauss 1943 mit der Abfassung
seiner Doktorarbeit, die später zu einem Hauptwerk wird : Die
elementaren Strukturen der Verwandtschaft
1948 in Frankreich zurück, übernimmt Lévi-Strauss einige
zeitweilige Verpflichtungen: zunächst als Lehrbeauftragter am
CNRS [Centre National de la Recherche Scientifique; Zentralin-
stitut für wissenschaftliche Forschung, A. d. Ü.], dann als stellver-
tretender Direktor des Musée de l'Homme. Schließlich wird er
dank der Unterstützung von Georges Dumézil in der Fünften
Sektion der École pratique des hautes études auf den Lehrstuhl
für »Religionen nicht-zivilisierter Völker« berufen, eine Bezeich-
nung, die er infolge von Diskussionen mit farbigen Hörern rasch
36 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

ändert. »Man konnte ja wirklich nicht sagen, daß Leute, die zu uns
in die Sorbonne kamen, >nicht-zivilisiert< waren.« 7 Sein Lehrstuhl
erhält daraufhin den Namen »Religionen schriftloser Völker«.

Der wissenschaftliche Anspruch

Doch der Strukturalismus in der Anthropologie ist nicht durch


Urzeugung dem Hirn eines Gelehrten entsprungen. Vielmehr re-
sultiert er aus einer besonderen Situation der entstehenden An-
thropologie und im weiteren Sinne aus dem Aufkommen des
Wissenschaftsbegriffs bei der Erforschung von Gesellschaften. In
dieser Hinsicht schreibt sich der Strukturalismus, auch wenn
Lévi-Strauss hier auf Abstand geht und Neuerungen einführt, in
die positivistische Nachfolge Auguste Comtes und seines Szien-
tismus ein — nicht allerdings in die des Comteschen Optimismus,
der in der Geschichte der Menschheit ein stufenweises Fort-
schreiten der Spezies zum positiven Zeitalter sieht; aber daß eine
Erkenntnis dann von Interesse ist, wenn sie das Modell der Wis-
senschaft belehnt oder sich in Wissenschaft, in Theorie umwan-
deln läßt, dieser Comtesche Gedanke wird weiterentwickelt:
»Darin zeigt sich ein Abgehen von der traditionellen Philoso-
phie« 8 , das für den von Lévi-Strauss eingeschlagenen Weg be-
zeichnend ist. Die andere Seite des Comteschen Einflusses liegt in
der Globalität seines Anspruchs, in seinem »Holismus« 9 . Bei
Auguste Comte findet sich die gleiche Verwerfung der Psycholo-
gie wie später bei Lévi-Strauss. Auf dem Feld der im beginnenden
20. Jahrhundert hervortretenden Soziologie vertritt diese globali-
sierende Ambition Durkheim, der ihren Gegenstand auf die Wis-
senschaft vom Menschen eingrenzt. Wenngleich Lévi-Strauss
nach Brasilien gereist ist, wenngleich er für die Ethnologie ge-
wonnen wurde, die insofern gegen Durkheim aufbegehrte, als
dieser kein Mann der Feldforschung war, kann sich in den dreißi-
ger Jahren seine soziologische Bildung nur aus dem Durkheimis-
Die Geburt eines Helden: Claude Lévi-Strauss 37

mus speisen. Und man kann mit Boudon sagen, daß »auf Seiten
der Anthropologen der Holismus gewissermaßen mit der Mut-
termilch eingesogen worden ist« 10 .
Für Durkheim wie für Comte bildet die Gesellschaft ein nicht
auf die Summe seiner Teile reduzierbares Ganzes. Auf dieser
Grundlage wird sich die soziologische Disziplin konstituieren.
Der zunehmende Erfolg des System- und danach des Strukturbe-
griffs knüpft an die wissenschaftlichen Umgestaltungen insge-
samt an, wie sie um die Jahrhundertwende in den verschiedenen
Disziplinen vonstatten gehen, und insbesondere an deren Fähig-
keit, die wechselseitige Abhängigkeit zwischen den konstitutiven
Elementen ihres je eigenen Gegenstandes zu erklären. Diese Um-
gestaltung betrifft die Soziologie genausogut wie die Sprachwis-
senschaft, die Ökonomie oder die Biologie. Lévi-Strauss kann
also nicht umhin, sich in der Nachfolge Durkheims anzusiedeln.
Greift er nicht übrigens 1949 ausdrücklich F. Simiands Heraus-
forderung der Historiker aus dem Jahre 1903 wieder auf? Aller-
dings verfährt Lévi-Strauss in umgekehrter Reihenfolge wie
Durkheim. Zu dem Zeitpunkt, als er Die Methode der Soziologie
(1895) schreibt, beschließt Durkheim, schriftliche Quellen zu be-
vorzugen und den vom Ethnographen zusammengetragenen
Auskünften zu mißtrauen. Es ist die Ära des historischen Positi-
vismus. Erst nachträglich, um 1912, stellt Durkheim beide Me-
thoden, die historische und die ethnographische, einander gleich,
wobei dieses Einlenken durch die Gründung von L'Année socio-
logique beschleunigt wird. Für Lévi-Strauss hingegen, der seine
minuziösen Feldforschungen in Brasilien begonnen hat, geht die
Beobachtung vor, geht sie jeder logischen Konstruktion, jeder
Konzeptualisierung voran. Ethnologie ist für ihn zuvörderst Eth-
nographie: »Die Anthropologie ist vor allem eine empirische
Wissenschaft. [...] Die empirische Untersuchung bedingt den
Zugang zur Struktur.« n Die Beobachtung ist gewiß kein Selbst-
zweck — Lévi-Strauss wird auch gegen den Empirismus strei-
ten —, aber eine unverzichtbare erste Stufe.
38 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Gegen Funktionalismus und Empirismus

Lévi-Strauss' erster großer Untersuchungsgegenstand, das In-


zestverbot, ist übrigens für ihn der Anlaß, sich von Durkheims
Darlegungen zum selben Thema 12 zu distanzieren. Gegenüber
einer Deutung, die das Inzestverbot einer überholten Mentalität,
einer Furcht vor dem Menstruationsblut und abgelegten Glau-
bensinhalten zuweist und es somit in ein heterogenes Verhältnis
zu unserer Moderne setzt, sucht Lévi-Strauss, der sich nicht mit
einer geographischen und zeitlichen Eingrenzung des Phäno-
mens begnügt, nach den zeitlosen, universellen Wurzeln, die die
Fortwirkung dieses Verbots erhellen. Auch wenn Lévi-Strauss in
der Nachfolge von Auguste Comte, Emile Durkheim und Marcel
Mauss steht, darf man nicht vergessen, daß Marx für ihn eine
maßgebliche Rolle gespielt hat. Wir haben gesehen, daß er sich
sehr frühzeitig und gründlich mit ihm beschäftigte und seine da-
malige Militanz sich dieser Kenntnisnahme verdankte. Neben
Freud und der Geologie gibt er Marxens Lehre als eine seiner
»drei Lehrmeisterinnen« 13 an. Von Marx lernt er, daß die manife-
sten Realitäten deshalb keineswegs die signifikantesten sind und
daß es am Forscher liegt, Modelle zu konstruieren, um Zugang zu
den Grundlagen der Wirklichkeit zu finden und über den sinnlich
wahrnehmbaren Schein hinauszugelangen : »Marx [hat] gelehrt,
daß die Sozialwissenschaft ebensowenig auf der Grundlage von
Ereignissen aufbaut, wie die Physik von Gefühlsregungen aus-
geht.« u
Marxens Lehre getreu, verwahrt er sich in strikter Orthodoxie
dagegen, die bestimmende Rolle des Unterbaus, der Infrastruk-
turen verhehlen zu wollen, auch wenn er eine Theorie des Über-
baus, der Superstrukturen konstruieren will: »Wir vertreten aber
keineswegs die Ansicht, daß ideologische Wandlungen soziale
Wandlungen erzeugen. Einzig die umgekehrte Reihenfolge ist
wahr.« 15 Die marxistische Durchdringung, der unterschwellige
Dialog mit Engels wird im Laufe der Jahre verschwinden. Doch
Die Geburt eines Helden: Claude Lévi-Strauss 39

am Ausgangspunkt, in Brasilien, scheint Lévi-Strauss vor allem


als Marxist aufzutreten. Er sagt in diesem Zusammenhang zu Eri-
bon, daß die Brasilianer enttäuscht gewesen seien, einen nicht-
durkheimschen Soziologen ankommen zu sehen. Was konnte
man damals anderes sein als Durkheimianer ? »Ich glaube, daß er
Marxist war. Er hatte sich angeschickt, der offizielle Philosoph
der SFIO [Section Française de l'Internationale Ouvrière ; Fran-
zösische Sektion der Arbeiter-Internationale, A. d. Ü.] zu werden
[...]. Offenbar hat sich in Brasilien etwas ereignet, was bewirkte,
daß er sich veränderte; es muß die Berührung mit dem Terrain
gewesen sein, aber nicht allein das.«16
Mit der Anthropologie konfrontiert, verwirft Lévi-Strauss die
beiden Wege, die sich ihm als die einzigen Forschungsmöglich-
keiten in diesem Bereich bieten: die Evolutionstheorie und
Diffusionstheorie sowie den Funktionalismus. Zwar bewundert
er die Qualität von Malinowskis Feldforschung, seine Unter-
suchungen über das Sexualleben in Melanesien oder über die
Argonauten, denunziert jedoch deren Kult des Empirismus und
Funktionalismus: »Aber die Vorstellung, daß die empirische Be-
obachtung einer beliebigen Gesellschaft erlaubt, zu universellen
Motivierungen zu gelangen, taucht in seinem Werk beständig auf
wie ein Element der Verfälschung, das die Tragweite von Bemer-
kungen, deren Lebendigkeit und Reichtum man im übrigen
kennt, vermindert und abwertet.« 17 Der Funktionalismus Mali-
nowskis gerät nach Lévi-Strauss' Ansicht in die Falle der Diskon-
tinuität, der Vereinzelung. Indem diese Analyse soziale Struktu-
ren mit sichtbaren sozialen Beziehungen verwechselt, bleibt sie
an der Oberfläche der Dinge und geht am Wesen der sozialen
Phänomene vorbei. So kommt Malinowski bezüglich des Inzest-
verbots nicht über biologische Überlegungen zur Unvereinbar-
keit von Verwandtschaftsgefühlen und Liebesbeziehungen hin-
aus. Einem strukturalen Verfahren schon etwas näher, hatte
Radcliffe-Brown den Begriff der sozialen Struktur bereits bei der
Untersuchung der australischen Verwandtschaftssysteme einge-
40 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

setzt. Er hatte versucht, jedes System methodisch zu klassifizie-


ren, es in seiner Besonderheit auszuloten und anschließend für
die menschlichen Gesellschaften insgesamt gültige Verallgemei-
nerungen zu treffen : »Die Analyse versucht, die Mannigfaltigkeit
(von zwei- bis dreihundert Verwandtschaftssystemen) auf eine
wie immer geartete Ordnung zurückzuführen.« 18 Lévi-Strauss
meint freilich, daß Radcliffe-Browns Methodologie zu deskriptiv
und empiristisch bleibe und letztlich mit Malinowski eine funk-
tionalistische Interpretation teile, die der Oberfläche der sozialen
Systeme verhaftet bleibe.
Während er sich von der Strömung des angelsächsischen Em-
pirismus zurückzieht, findet Lévi-Strauss seine anthropologi-
schen Lehrmeister bei den Erben der deutschen historischen
Schule, die sich von der Geschichte abgewandt haben und für ei-
nen kulturellen Relativismus eintreten: Lowie, Kroeber und
Boas, »Autoren, denen ich stets verpflichtet bleiben werde« 19 . In
R.H. Lowie sieht er den Pionier, der 1915 den vielversprechenden
Weg für die Untersuchung der Verwandtschaftssysteme bereitet
hat: »Manchmal kann die eigentliche Substanz des sozialen Le-
bens streng anhand der Klassifikationsweise der Verwandten und
Schwiegerverwandten analysiert werden.« 20 Was Franz Boas an-
belangt, so hat Lévi-Strauss ihn bei seiner Ankunft in New York
sogleich zu treffen versucht. Boas war damals die überragende
Gestalt der amerikanischen Anthropologie, und seine Wißbe-
gierde und Forschungsarbeit waren grenzenlos. Lévi-Strauss er-
lebte den Tod des großen Meisters bei einem Mittagessen, das
Boas zu Ehren von Rivet organisiert hatte, der die Fakultät von
Columbia besuchte: »Boas war sehr vergnügt. Mitten in der
Unterhaltung stieß er plötzlich den Tisch zurück und fiel nach
hinten um. Ich saß neben ihm und beeilte mich, ihn wieder aufzu-
richten. [...] Boas war tot.« 21 Boas' Hauptbeitrag und sein Ein-
fluß auf Lévi-Strauss bestanden darin, daß er den Akzent auf die
Unbewußtheit der kulturellen Phänomene legte und daß er den
Kern für die Intelligibilität dieser unbewußten Struktur in den
Die Geburt eines Helden: Claude Lévi-Strauss 41

Gesetzen der Sprache ansiedelte. Der linguistische Anstoß ging


bereits 1911 von der Anthropologie aus, und er hat den Ertrag der
Begegnung von Lévi-Strauss und Jakobson begünstigt.

Die Einführung des linguistischen Modells

Lévi-Strauss ist ein Neuerer im strengen Sinn gewesen, indem er


das linguistische Modell in die Anthropologie eingeführt hat,
während sie bis dahin in Frankreich den Naturwissenschaften an-
gegliedert und als somatische Anthropologie über das gesamte
19. Jahrhundert hinweg beherrschend gewesen war. Überdies
stehen die Modelle der Naturwissenschaften Lévi-Strauss unmit-
telbar vor Augen, da er, als er 1948 nach Frankreich zurückge-
kehrt ist, stellvertretender Direktor des Musée de l'Homme wird.
Dennoch übernimmt er dieses Verfahren nicht, sondern sucht ein
Modell für Wissenschaftlichkeit in den Humanwissenschaften,
genauer gesagt, in der Linguistik. Weshalb dieser grundlegende
Umweg? »Ich versuche eine Antwort: Die biologische, somati-
sche Anthropologie war mit Rassismen aller Art dermaßen kom-
promittiert, daß man an diese Disziplin schwerlich anknüpfen
und jenes Traumgebilde von einer Generalwissenschaft, einer all-
gemeinen, sowohl das Somatische wie das Kulturelle integrieren-
den Anthropologie errichten konnte. Nun hat aber eine histori-
sche Ablösung der somatischen Anthropologie stattgefunden, so
daß sich eine theoretische Debatte erübrigte. Claude Lévi-Strauss
kam, und die Geschichte hatte den Platz freigemacht.«22 Der
durch Lévi-Strauss geschaffene Bruch ist um so aufsehenerregen-
der, als der naturalistische und biologistische Strang der französi-
schen Anthropologie weithin den Ton angab ; diese Disziplin be-
trieb die Erforschung der natürlichen Lebensgrundlagen des
Menschen und gründete sich deshalb auf einen im wesentlichen
biologischen Determinismus. In dieser Hinsicht hat der Krieg ei-
nen Wandel bewirkt, und Lévi-Strauss kann sich ohne ideologi-
42 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

sches Risiko die Fachbezeichnung Anthropologie zu eigen ma-


chen und die französische Anthropologie auf das Niveau des
semantischen Feldes der angelsächsischen Anthropologie heben,
indem er sie auf eine Leitdisziplin stützt : die Linguistik.23
An der Nahtstelle von Natur und Kultur:
der Inzest

1948 nach Frankreich zurückgekehrt, verteidigt Claude Lévi-


Strauss also seine »thèse«, Die elementaren Strukturen der Ver-
wandtschaft, und seine »thèse complémentaire«, La Vie familiale
et sociale des Nambikwara [Hauptthese und Ergänzungs- bzw.
Nebenfachthese gehören zum französischen Promotionsverfah-
ren, A.d.Ü.], vor einem Prüfungsausschuß, dem Georges Davy,
Marcel Griaule, Emile Benveniste, Albert Bayet und Jean Escarra
angehören. Das Erscheinen der Dissertation in Buchform im Jahr
daraufl ist eines der Hauptereignisse der Geistesgeschichte nach
dem Krieg und ein Eckstein in den Fundierungen des strukturali-
stischen Programms. Noch vierzig Jahre später sehen die An-
thropologen in diesem Ereignis den Beginn eines neuen Zeit-
alters : »Am wichtigsten, am grundlegendsten erscheinen mir Die
elementaren Strukturen der Verwandtschaft, wegen des wissen-
schaftlichen Anspruchs, der hier in die Analyse des sozialen Ge-
menges eingebracht wird, wegen der Suche nach dem umfassend-
sten Modell, um damit Phänomenen Rechnung zu tragen, die auf
den ersten Blick scheinbar nicht denselben Analysekategorien
unterliegen können, und wegen des Übergangs von einer Proble-
matik der Verwandtschaft zu einer Problematik der Verbindun-
gen.« 2
Wenn die französische anthropologische Schule mit der Veröf-
fentlichung der Doktorarbeit von Lévi-Strauss eine regelrechte
epistemologische Revolution erfährt, so sind auch andere Kreise,
darunter die Philosophen, geblendet. Beispielsweise Olivier Re-
vault d'Allonnes, ein junger agrégéder Philosophie: »Das ist ein
bedeutender, ja ausschlaggebender Moment. Ich war gerade an
44 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

das Lycée von Lille berufen worden, nachdem ich 1948 meine
agrégation in Philosophie abgelegt hatte, und dieses Buch war für
mich eine fundamentale Erleuchtung. Ich sah damals in den Ele-
mentaren Strukturen der Verwandtschaft eine Bestätigung von
Marx.« 3 Der Impuls reicht also über den kleinen Kreis der An-
thropologen hinaus und zeitigt zugleich nachhaltige Wirkung.
Fast zehn Jahre nach ihrer Veröffentlichung entdeckt ein ange-
hender Student der École normale supérieure 1957 mit heller Be-
geisterung Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft: Em-
manuel Terray. Angetreten als Philosoph, liebäugelt er bereits mit
der Anthropologie, hegt den Wunsch, Frankreich zu verlassen,
das sich mitten im Kolonialkrieg befindet, den er verurteilt und
gegen den er sich engagiert. Da bekommt er, da das Buch schwer
zu beschaffen war, Die elementaren Strukturen der Verwandt-
schaft von seinem Freund Alain Badiou geliehen: »Alain hat mir
dieses Buch geliehen, und ich habe hundert Seiten daraus abge-
schrieben, die ich noch immer besitze. Und als ich mit dem Ab-
schreiben der hundert Seiten fertig war, konnte Alain in Anbe-
tracht der Mühe, die das bedeutete, nicht umhin, mir sein Buch
zu schenken. Deshalb besitze ich die Erstausgabe. Für mich war
es damals — und dazu stehe ich noch heute — ein in seinem Be-
reich vergleichbarer Vorstoß wie das Kapital von Marx oder Die
Traumdeutung von Freud.« 4 Es ist Lévi-Strauss' Fähigkeit, Ord-
nung in ein scheinbar der völligen Inkohärenz, dem Empirischen
anheimfallendes Gebiet zu bringen, was den jungen Philosophen
verführt, und diese Begeisterung stärkt ihn in der Wahl seiner
Laufbahn : der Anthropologie.

Die universale Invariante

Auf der Suche nach Invarianten, mit denen sich in den sozialen
Praktiken Universalien aufweisen lassen, stößt Lévi-Strauss auf
das Inzestverbot als ein jenseits der Vielgestaltigkeit menschli-
An der Nahtstelle von Natur und Kultur: der Inzest 45

eher Gesellschaften unveränderliches Verhalten. Er nimmt ge-


genüber der traditionellen Betrachtungsweise insofern eine
grundsätzliche Verlagerung vor, als das Phänomen stets in Ter-
mini moralischer Untersagungen und nicht aufgrund seines so-
zialen Nutzens gedacht worden ist. So hält Lewis Henry Morgan
das Inzestverbot für einen Schutz der Spezies vor den schädli-
chen Auswirkungen blutsverwandter Ehen. Für Edvard Wester-
marck erklärt es sich aus dem durch tägliche Gewöhnung verur-
sachten Verschleiß des sexuellen Verlangens — eine These, gegen
die Freud mit seiner Ödipus-Theorie angegangen ist. Die Lévi-
Strausssche Revolution besteht nun darin, dieses Phänomen zu
entbiologisieren, es zugleich aus dem einfachen Schema der Kon-
sanguinität und aus moralisch-ethnozentrischen Betrachtungs-
weisen herauszulösen. Die strukturalistische Hypothese nimmt
hier eine Verschiebung des Gegenstands vor, um ihm ganz den
Charakter einer Transaktion, einer Kommunikation zurückzuge-
ben, die sich mit der Heiratsverbindung einstellt. Somit werden
die Verwandtschaftsbeziehungen als erste Grundlage der gesell-
schaftlichen Reproduktion erkennbar.
Um sich nicht im Labyrinth der vielfältigen Heiratsbräuche
zu verlieren, löst Lévi-Strauss das Problem mathematisch und
definiert eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten, die er als
die elementaren Verwandtschaftsstrukturen bezeichnet: »Unter
elementaren Strukturen der Verwandtschaft verstehe ich [...]
Systeme, welche die Heirat mit einem bestimmten Typus von
Verwandten festlegen; oder, wenn man es lieber will, Systeme,
die zwar alle Mitglieder der Gruppe als Verwandte definieren,
diese jedoch in zwei Kategorien unterteilen: mögliche Gatten
und verbotene Gatten.« 5 Die elementaren Strukturen ermögli-
chen es, von einer Nomenklatur ausgehend, den Kreis der Bluts-
verwandten und der Schwiegerverwandten zu bestimmen. So
sind in diesem Strukturtypus Ehen mit Geschwistern und Paral-
lelvettern und -kusinen geächtet und solche mit Kreuzvettern
und -kusinen bzw. in manchen Fällen genauer matrilinearen
46 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Kreuzvettern und -kusinen vorgeschrieben. Gesellschaften teilen


sich also in zwei Gruppen : die der möglichen Gatten und die der
verbotenen Gatten. Bei den Australiern, die Lévi-Strauss unter-
sucht, findet man dieses System erneut : das Kariera-System oder
das Aranda-System. Im Kariera-System ist der Stamm in zwei lo-
kale Gruppen geteilt, die wiederum jeweils in zwei Sektionen un-
terteilt sind, und die Zugehörigkeit zu den lokalen Gruppen wird
patrilinear übertragen, wobei der Sohn jedoch immer der anderen
Sektion zufällt. Es liegt also zum einen eine Wechselfolge der Ge-
nerationen vor und zum anderen ein Allianzsystem, das mit der
bilateralen Kreuzkusine verknüpft ist (bilateral ist die Kusine in-
sofern, als sie sowohl Tochter der Vaterschwester als auch des
Mutterbruders des Ego sein kann). Das Aranda-System funktio-
niert ähnlich, jedoch mittels Heiratsklassen. Es handelt sich hier
um symmetrische Allianzen, die Lévi-Strauss als Form des einge-
schränkten Tauschs klassifiziert. Diese Tauschform steht im
Gegensatz zu gleichfalls elementaren Systemen, die jedoch eine
unbegrenzte Anzahl von Gruppen und unilaterale Allianzen auf-
weisen; in diesem Fall liegt ein verallgemeinerter Tausch vor:
»Während ein System bilateraler Verbindungen mit zwei Linien
funktionieren kann, bedarf es in einem System mit unilateralen
Verbindungen mindestens dreier Linien : wenn A die Gattinnen
in Β nimmt, muß sie ihre Frauen einer dritten Linie C geben, wel-
che die ihren eventuell an Β geben und somit den Zyklus schlie­
ßen kann.« 6 Im Gegensatz zu diesen elementaren Verwandt-
schaftsstrukturen, die darauf ausgerichtet sind, die Allianz im
Rahmen der Verwandtschaft zu wahren, sind für andere, semi-
komplexe Strukturen wie die Crow-Omaba-Systeme, Allianz-
verbindungen nicht vereinbar mit Verwandtschaftsverbindungen.
In diesem Fall kann nicht in einen Clan eingeheiratet werden, der
seit Menschengedenken dem eigenen Clan bereits einen Gatten
gegeben hat.
Lévi-Strauss geht also von einer Analyse in Termini der Filia-
tion, der Konsanguinität ab und zeigt, daß die Vereinigung der
An der Nahtstelle von Natur und Kultur: der Inzest 47

Geschlechter Gegenstand einer Transaktion ist, die von der


Gesellschaft vorgenommen wird; sie ist eine soziale, kulturelle
Tatsache. Das Verbot wird nicht mehr als rein negative Tatsache
wahrgenommen, sondern im Gegenteil als positive, gesell-
schaftsschaffende Tatsache. Das Verwandtschaftssystem schließ-
lich wird als einem — im Sinne der Arbitrarität des Saussureschen
Zeichens — willkürlichen Repräsentationssystem zugehörig ana-
lysiert.
Indem Lévi-Strauss den Naturalismus überwindet, der die
Vorstellung vom Inzestverbot umgab, und es zum Prüfstein für
den Übergang von der Natur zur Kultur macht, führt er eine
maßgebliche Verschiebung durch. Das Soziale erwächst aus jener
Organisation des Tauschs, die mit dem Inzestverbot zusammen-
hängt, so daß diesem eine entscheidende Bedeutung zukommt:
»Das Inzestverbot ist der Ausdruck für den Übergang von der
natürlichen Tatsache der Konsanguinität zur kulturellen Tatsache
der Allianz.« 7 Dieses Verbot ist der entscheidende Eingriff bei
der Entstehung der sozialen Ordnung. Es kann durch seine mitt-
lere Lage und seine stiftende Rolle weder allein auf die Ebene der
natürlichen Ordnung bezogen werden, deren universalen und
spontanen Charakter es besitzt, noch allein auf die Ebene der
kulturellen Ordnung, die durch eine Norm, besondere Gesetze
und zwingenden Charakter gekennzeichnet ist. Das Inzestverbot
gehört somit beiden Bereichen zugleich an, es liegt an der Naht-
stelle von Natur und Kultur. Es bildet die unerläßliche willkürli-
che Regel, die der Mensch anstelle der natürlichen Ordnung
setzt. Im Inzestverbot gibt es besondere Regeln, einen normati-
ven Code (Kultur) ebenso wie einen universalen Charakter (Na-
tur) : »Das Inzestverbot ist gleichzeitig an der Schwelle der Kul-
tur, in der Kultur und, in gewissem Sinne [...], die Kultur selbst.« 8
Die elementaren Strukturen, die aus diesem Verbot erwachsen,
sind nicht als Naturtatsachen zu betrachten, die aufgrund von
Beobachtung wahrzunehmen und wiederzugeben wären, son-
dern unterliegen einem Entzifferungsgitter, oder, mit Kant ge-
48 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

sprachen, einem Schema, von dem nicht alle Termini oder alle
Ansichten gegenwärtig sein müssen, damit es operational funk-
tioniert.« 9 Lévi-Strauss leistet mit dieser beispielhaften Untersu-
chung die Befreiung der Anthropologie von den Naturwissen-
schaften und weist sie von vornherein dem Bereich der Kultur zu.

Die Begegnung mit Jakobson

Zu dieser Umstellung verhilft Lévi-Strauss die strukturale


Sprachwissenschaft. Insofern hat die Phonologie das Feld des
Denkens in den Sozialwissenschaften von Grund auf umge-
schichtet. Diese Entlehnung ist für Lévi-Strauss der kopernika-
nisch-galileischen Wende vergleichbar : »Die Phonologie muß für
die Sozialwissenschaften die gleiche Rolle des Erneuerers spielen
wie zum Beispiel die Kernphysik für die Gesamtheit der exakten
Wissenschaften.« 10 Die wachsenden Erfolge der phonologischen
Methode deuten auf die Existenz eines wirksamen Systems hin,
dessen Haupterkenntnisse sich die Anthropologie aneignen
muß, um sie auf das komplexe Feld des Sozialen anzuwenden.
Lévi-Strauss wird sich also ihre Gründungsparadigmen ein ums
andere zu eigen machen. Ziel der Phonologie ist es, über die Stufe
der bewußten Sprachphänomene hinauszugehen; sie begnügt
sich nicht damit, die Termini im einzelnen in den Blick zu neh-
men, sondern will sie in ihren inneren Beziehungen erfassen; sie
führt den Systembegriff ein und versucht, allgemeine Gesetze
aufzustellen. Dem gesamten strukturalen Verfahren ist dieser An-
spruch eingeschrieben. Lévi-Strauss verdankt diesen Beitrag dem
Austausch, den er mit Roman Jakobson in New York hat : »Ich
war damals eine Art naiver Strukturalist. Ich praktizierte Struktu-
ralismus, ohne es zu wissen. Jakobson hat mir die Existenz eines
bereits in einer anderen Disziplin aufgestellten Korpus von Leh-
ren eröffnet : der Linguistik, die ich nie betrieben hatte. Für mich
war das eine Erleuchtung.« n Indes beschränkt sich Lévi-Strauss
An der Nahtstelle von Natur und Kultur: der Inzest 49

nicht darauf, seinem Wissenskontinent einen neuen anzufügen,


sondern er verleibt ihn seiner Methode ein, so daß er ihre Ge-
samtperspektive von Grund auf verändert: »Wie die Phoneme
sind die Verwandtschaftsbezeichnungen Bedeutungselemente,
wie diese bekommen sie ihre Bedeutung nur unter der Bedin-
gung, daß sie sich in Systeme eingliedern.«12 Lévi-Strauss, der in
New York die Vorlesungen von Jakobson besucht hat, wird für
deren Buchausgabe 1976 das Vorwort schreiben.13
Die zwei großen Lehren, die er daraus für die Anthropologie
zieht, betreffen zum einen die Suche nach Invarianten jenseits der
Vielheit der vorgefundenen Varietäten und zum anderen die Aus-
schaltung jeglichen Rückgriffs auf das sprechende Subjekt, also
die Vorrangigkeit der unbewußten Phänomene der Struktur.
Diese beiden Leitlinien eignen sich nach Lévi-Strauss ebenso für
die Phonetik wie für die Anthropologie. Beide Disziplinen ver-
lassen dabei nicht etwa zugunsten eines systematischen Formalis-
mus den Boden der konkreten Realität, und Lévi-Strauss beruft
sich auf diesem Gebiet auf das Verfahren des russischen Phonolo-
gen Nicolai Trubetzkoy: »Die heutige Phonologie beschränkt
sich nicht auf die Erklärung, daß die Phoneme immer Glieder ei-
nes Systems sind, sie zeigt konkrete phonologische Systeme und
hebt ihre Struktur hervor.« u Der strukturalistische Anthropo-
loge muß also dem Linguisten auf dem von der strukturalen
Sprachwissenschaft vorgezeichneten Weg folgen, denn sie hat auf
die erschöpfende Erklärung der sprachlichen Evolution verzich-
tet und sich um das Herausfinden differentieller Abweichungen
zwischen den Sprachen bemüht. Diese Auseinanderlegung des
komplexen Baustoffs der Sprache in eine begrenzte Anzahl von
Phonemen kann dem Anthropologen bei seiner Annäherung der
in den primitiven Gesellschaften geltenden Systeme nur nützlich
sein; auch er muß dekonstruieren, die beobachtbare Wirklichkeit
reduzieren und dabei einer gleichfalls begrenzten Anzahl von Va-
riablen nachgehen. Dies gilt etwa für die Heiratssysteme, die sich
um die Beziehung zwischen Deszendenzregel und Wohnsitzre-
50 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

gel gliedern werden, eine Beziehung, die ebenso willkürlich ist


wie das Saussuresche Zeichen. Indem er sich von Jakobson leiten
läßt, übernimmt Lévi-Strauss zugleich den Saussureschen Ein-
schnitt. Wenn er zum Beispiel Saussures berühmte Unterschei-
dung zwischen Signifikant und Signifikat aufgreift, paßt er sie
dem Feld der Anthropologie an und weist dem Signifikanten
die Stelle der Struktur und dem Signifikat die der Bedeutung zu,
während es bei Saussure um die Entgegensetzung von Laut und
Begriff geht. Auf dieser Ebene findet also eine Umwandlung des
Modells statt; was aber die Beziehungen zwischen Synchronie
und Diachronie betrifft, folgt Lévi-Strauss dem der Saussure-
schen Linguistik eigenen Vorrang der Synchronie völlig, und
diese Entlehnung impliziert schon die späteren Polemiken gegen
die Geschichte. Mit der Übernahme des phonologischen Modells
»zündet Claude Lévi-Strauss die Kritik an der Effizienz des hi-
storischen Ansatzes oder des Bewußtseins im Zuge der wissen-
schaftlichen Erklärung der sozialen Phänomene« 15 . Fasziniert
von der Ergiebigkeit ihres Modells, geht Lévi-Strauss also bei den
Linguisten in die Schule : »Wir möchten von den Sprachwissen-
schaftlern das Geheimnis ihres Erfolges erfahren. Könnten nicht
auch wir diese strengen Methoden, deren Wirksamkeit der
Sprachwissenschaftler jeden Tag feststellen kann, auf das kom-
plexe Feld unserer Untersuchungen [...] anwenden?« 16 Freilich
hieße es Lévi-Strauss verkennen, dächte man an einen schlichten
Rücktritt des Anthropologen, der im Linguisten seinen Meister
gefunden hat. Ganz im Gegenteil schreibt sich diese Entlehnung
in eine umfassende Perspektive ein, welche wiederum die Lin-
guistik in einen allgemeineren Plan eingliedert, dem die Anthro-
pologie vorstünde. Die Interpretation des Sozialen ergäbe sich
somit aus einer »Kommunikationstheorie« 17 auf drei Ebenen:
Austausch der Frauen zwischen den Gruppen aufgrund der Ver-
wandtschaftsregeln, Austausch von Gütern und Dienstleistungen
aufgrund der ökonomischen Regeln und Nachrichtenübermitt-
lung aufgrund der Sprachregeln. Da diese drei Niveaus sich in ein
An der Nahtstelle von Natur und Kultur: der Inzest 51

globales anthropologisches Projekt einfügen, ist bei Lévi-Strauss


eine ständige Analogie zwischen den beiden Methoden gegeben :
»Das Verwandtschaftssystem ist eine Sprache« 18 ; »nehmen wir
also an, es existiere eine formelle Übereinstimmung zwischen der
Sprachstruktur und der Struktur des Verwandtschaftssystems« 19 .
Somit wird die Linguistik von Lévi-Strauss in den Rang einer
Leitwissenschaft, eines innovativen Denkmusters erhoben. Sie
soll es der Anthropologie erlauben, sich auf das Kulturelle und
das Soziale zu gründen und sich von ihrer Vergangenheit als so-
matische Anthropologie freizumachen. Diese strategische Rolle
nimmt Lévi-Strauss dank Jakobson schon sehr früh wahr, so daß
man Jean Pouillon nicht folgen kann, wenn er den Einfluß der
Linguistik bei Lévi-Strauss auf den Gedanken reduziert, daß »die
Bedeutung immer eine Bedeutung der Position ist« 20 . Schon in
den Elementaren Strukturen der Verwandtschaft findet man die
beiden Hauptantriebspole des strukturalistischen Paradigmas:
die Linguistik, aber auch die formalisierte Sprache per Definition,
die Mathematik. Lévi-Strauss kann die Dienste der strukturalen
Mathematik der Bourbaki-Gruppe dank einer Begegnung mit
André Weil, dem Bruder von Simone Weil, in Anspruch nehmen,
der den mathematischen Anhang des Buches schreibt. Lévi-
Strauss erkannte in dieser mathematischen Transkription seiner
Entdeckungen die Fortführung einer Umstellung analog zu der-
jenigen, die Jakobson vollzogen hatte: Die Aufmerksamkeit ver-
schiebt sich von den Termini der Beziehung vorrangig auf die Be-
ziehung zwischen diesen Termini selbst, unabhängig von ihrem
Inhalt. Diese doppelte Ergiebigkeit, diese doppelte Zufuhr an
Strenge und Wissenschaftlichkeit in eine unfertige Sozialwissen-
schaft, die noch in den Kinderschuhen steckte und keineswegs
Fuß gefaßt hatte, ließ den Traum entstehen, endlich, gleichauf mit
den exakten Wissenschaften, bei der letzten Entwicklungsstufe
der Wissenschaftlichkeit angelangt zu sein: »Man erweckt den
Eindruck, daß die Humanwissenschaften sich zu vollwertigen
Wissenschaften entwickeln werden wie die Physik von Newton.
52 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Bei Claude Lévi-Strauss klingt so etwas an. [...] Der Szientismus


wird glaubhaft, weil die Linguistik als etwas Wissenschaftliches
im Sinne der Naturwissenschaften erscheint. [...] Das ist im An-
satz der Schlüssel zum Erfolg.« 21 Ein ergiebiger Weg, gewiß, aber
auch der Schlüssel zu den Träumen und Gespinsten, die zwanzig
Jahre lang im Bereich der Humanwissenschaften gehegt werden.

Ein aufsehenerregendes Ereignis

Dem Erscheinen der Elementaren Strukturen der Verwandtschaft


ist sogleich ein aufsehenerregender Empfang beschieden, denn
Simone de Beauvoir greift zur Feder, um darüber eine lobende
Besprechung in den Temps Modernes zu schreiben, eine Zeit-
schrift, deren intellektuelle Leserschaft geeignet ist, dem Buch
sofort ein breiteres Echo zu verschaffen, als dies im begrenzten
Kreis der Anthropologen möglich wäre, ohne die umfangreiche
Arbeit lesen zu müssen. Dies gilt auch für Jean Pouillon, der Lévi-
Strauss erst seit Erscheinen der Traurigen Tropen gelesen hat. Der
Zufall hat also das Paradox zustande gebracht, daß dieses struk-
tural-strukturalistische Werk im Organ des Sartreschen Existen-
tialismus, Les Temps Modernes, seine erste Rezension bekam. Si-
mone de Beauvoir, die ebenso alt war wie Lévi-Strauss und ihn
vor dem Krieg anläßlich des stage d'agrégation flüchtig kennen-
gelernt hatte, ist dabei, Das andere Geschlecht abzuschließen. Sie
erfährt von Michel Leiris, daß Lévi-Strauss seinerseits seine
Doktorarbeit über die Verwandtschaftssysteme veröffentlichen
würde. Am anthropologischen Gesichtspunkt der Frage interes-
siert, bittet sie Leiris, für sie bei Lévi-Strauss anzufragen, und be-
kommt die Druckfahnen zugeschickt, noch ehe sie ihr eigenes
Buch fertiggestellt hat. »Um sich bei Claude Lévi-Strauss zu
bedanken, schrieb sie dann eine lange Besprechung für Les Temps
Modernes.«22 Der Artikel betont die Wichtigkeit von Lévi-
Strauss' Thesen: »Seit langem lag die französische Soziologie im
A n der Nahtstelle von Natur und Kultur: der Inzest 53

Schlummer.« 23 Simone de Beauvoir stimmt seiner Methode und


seinen Ergebnissen zu und fordert zur Lektüre auf; gleichzeitig
bettet sie das Werk jedoch in den Sartreschen Wirkkreis ein, in-
dem sie ihm eine existentialistische Tragweite gibt, die offenkun-
dig auf einem Mißverständnis oder auf dem Wunsch nach Verein-
nahmung beruht. Auf ihre Feststellung, daß Lévi-Strauss nicht
sagt, woher die Strukturen stammen, deren Logik er beschreibt,
gibt sie die — Sartresche — Antwort: »Lévi-Strauss hat es sich un-
tersagt, sich auf philosophisches Gelände vorzuwagen, er weicht
nie von einer strengen wissenschaftlichen Objektivität ab; aber
sein Denken schreibt sich selbstverständlich in den großen huma-
nistischen Strom ein, der die Menschheit als ihren eigenen Ver-
nunftgrund mit sich tragende betrachtet.« 24 Wieder in Les Temps
Modernes, die viel dazu beitragen werden, Lévi-Strauss' Werk be-
kannt zu machen, meldet sich, diesmal kritisch, Anfang 1951
Claude Lefort zu Wort. Er wirft Lévi-Strauss vor, die Bedeutung
der Erfahrung außerhalb der Erfahrung selbst zu stellen und das
dargelegte mathematische Modell für wirklicher als die Wirklich-
keit auszugeben: »Was man M. Lévi-Strauss vorhalten müßte, ist,
in der Gesellschaft eher Regeln als Verhaltensweisen zu erfas-
sen.« 25 Auf die Kritik Leforts antwortet später Jean Pouillon, als
er 1956 eine Bestandsaufnahme von Lévi-Strauss5 Werk macht. Er
hält Leforts Standpunkt insofern für unbegründet, als Lévi-
Strauss keiner Vermengung von Realität und deren mathema-
tischer Ausdrucksform stattgibt und sie auch nicht trennt, um
letztere die Oberhand gewinnen zu lassen. Es findet also keine
Ontologisierung des Modells statt, denn »dieser Ausdruck der
Wirklichkeit wird nie mit der Wirklichkeit verwechselt« 26 . Bei
dieser globalen Zustimmung Mitte der fünfziger Jahre halten wir
inne und sehen den angelsächsischen wie den französischen Kri-
tiken entgegen, die, insbesondere durch den Mai '68, das struktu-
ralistische Paradigma ins Wanken bringen werden.
Fragen Sie nach dem Programm : Mauss

Befaßt Lévi-Strauss sich in den Elementaren Strukturen der Ver-


wandtschaft mit einem besonderen, spezifisch anthropologi-
schen Gegenstand, der Verwandtschaft, so hat seine Einleitung in
das Werk von Marcel Mauss (1950) einen anderen Stellenwert. Er
beläßt es nämlich nicht bei einer bloßen Einführung in das Werk,
das einer der Meister der französischen Anthropologie in der
Nachfolge von Durkheim hinterlassen hat, sondern nimmt die
Gelegenheit wahr, sein eigenes, strukturalistisches Programm zu
definieren, mit dem er eine strenge Methodologie vorlegt. Was
sich zunächst als bescheidenes Vorwort gemäß wissenschaftli-
chem Ritual ausnimmt, wird epochal und bildet den ersten Vor-
schlag eines Einheitsprogramms für die gesamten Humanwissen-
schaften seit den Versuchen der Ideologen zu Beginn des 19.
Jahrhunderts, die mit Destutt de Tracy eine breit angelegte, wenn
auch Entwurf gebliebene Ideengeschichte umrissen hatten. Er-
staunlich auch, daß Georges Gurvitch, später ein entschiedener
Gegner von Lévi-Strauss' Thesen, gerade ihn mit der Abfassung
dieser Einführung in einer von ihm herausgegebenen Reihe bei
P U F beauftragt.
Georges Gurvitch benennt im übrigen die Differenzen zwi-
schen Lévi-Strauss und sich und fügt eine Nachschrift an, in der
er seine Vorbehalte äußert und Lévi-Strauss' Deutung als sehr ei-
genwillige Lesart des Werks von Marcel Mauss bezeichnet : »Von
da an nahmen die Dinge ihren Lauf.« 1 Algirdas Julien Greimas er-
kennt die Tragweite dieses Textes. Er befindet sich zu dieser Zeit
in Alexandria und stößt, begierig nach geistiger Nahrung, auf die
Einleitung in das Werk von Marcel Mauss. Diese Lektüre wird ihn
Fragen Sie nach dem Programm : Mauss 55

darin bestärken, eine übergreifende Methodologie für die Wis-


senschaften vom Menschen zu entwickeln: »Wenn Bücher zäh-
len, dann hat sicherlich dieses die größte Rolle für mich gespielt.
Letztlich ist der Strukturalismus ja die Begegnung von Linguistik
und Anthropologie.« 2 Lévi-Strauss baut also auf der Autorität
des Werkes von Marcel Mauss auf, um die Anthropologie mit ei-
ner Theorie zu untermauern, und öffnet diese auf ein Modell, das
in der Lage ist, über die Bedeutung der auf dem Feld beobachte-
ten Tatsachen Auskunft zu geben. Daher die Entlehnung bei der
Linguistik, die als bestes Mittel vorgestellt wird, um den Begriff
und seinen Gegenstand zur Deckung zu bringen. Ähnlich wie die
moderne Sprachwissenschaft geht Lévi-Strauss von dem Postulat
aus, daß es keine anderen als konstruierte Tatsachen gibt, in der
Anthropologie wie in den Naturwissenschaften. Die Linguistik
wird also zum geeigneten Werkzeug, die Anthropologie zur Kul-
tur, zum Symbolischen hinüberzuziehen und sie damit von ihren
alten, naturalistischen oder energetischen Modellen zu befreien.
Mit der Definition dieses methodologischen Programms tritt
Lévi-Strauss erneut im Alleingang gegen die französischen Eth-
nologen an, wenn er die Anthropologie abseits von Technologie
und Museen entschieden auf Konzepte und Theorie ausrichtet :
»Alles geht vom Museum aus, und alles kehrt dorthin zurück.
Lévi-Strauss aber setzt sich davon ab, um die Anthropologie
theoretisch zu begründen.« 3 Lévi-Strauss sieht mithin in Marcel
Mauss den geistigen Vater des Strukturalismus. Sicher, wie jeder
Wahl haftet auch dieser etwas Willkürliches an, mit all den Unge-
rechtigkeiten, die Jean Jamin hervorhebt, wenn er an Robert
Hertz erinnert, den er innerhalb der Archäologie des struktura-
len Paradigmas als noch grundlegender ansieht als Marcel Mauss.
Robert Hertz, der 1915 im Ersten Weltkrieg starb, hat einige
Texte hinterlassen, »die nach meiner Auffassung den Struktura-
lismus begründet haben; schließlich hat ihm der britische Ethno-
loge Needham ein ganzes Werk, Right and Left, gewidmet« 4 . In
einem dieser Texte trifft man in der Tat auf die strukturale Binari-
56 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

tat: »La prééminence de la main droite« 5 [das Vorrecht der rech-


ten Hand] entdeckt die religiöse Polarität zwischen einer rechten
Heiligkeit und einer linken Heiligkeit. Robert Hertz zeigt, inwie-
weit die Ausprägung der Lateralität, die möglicherweise eine bio-
logische Grundlage hat, vor allem auf der symbolischen Ebene
fußt, und setzt der glücklichen, reinen Seite der Rechten die un-
reine und unglückliche der Linken gegenüber: »Diese Entdek-
kung wird eine sehr viel nachhaltigere Bedeutung haben, als man
glaubt, denn im Collège de sociologie werden Michel Leiris,
Georges Bataille und Roger Caillois diese Polarität der Heiligkeit
aufgreifen.«6

Das Unbewußte

Doch Lévi-Strauss beruft sich auf Mauss, dessen »Modernität« er


hervorhebt. 7 In ihm sieht er denjenigen, der die anthropologische
Fragestellung wahrgenommen und den Humanwissenschaften
geöffnet und somit die Prolegomena für künftige Annäherungen
angerissen hat. Dies gilt etwa für das Verhältnis von Ethnologie
und Psychoanalyse, die einen gemeinsamen Analysegegenstand
vorfinden: das Feld des Symbolischen, in dem das ökonomische
System genausogut aufgehoben ist wie das der Verwandtschaft
oder der Religion. Auch hierin stützt sich Lévi-Strauss auf Mauss,
der schon 1924 das soziale Leben als »eine Welt symbolischer Be-
deutungen« 8 definiert hatte, und fährt auf derselben Linie fort,
wenn er seine eigenen vergleichenden Arbeiten zum Schamanen
in Trance und dem Neurotiker anführt. 9 Selbstverständlich über-
nimmt Lévi-Strauss den von Mauss im Essay Die Gabe formu-
lierten Anspruch, den fait social total, die totale gesellschaftliche
Tatsache, zu untersuchen. Totalität gibt es jedoch erst, wenn man
den sozialen Atomismus überwunden hat und imstande ist, alle
Tatsachen in eine als globales Interpretationssystem aufgefaßte
Anthropologie einzugliedern, die »gleichzeitig dem physischen,
Fragen Sie nach dem Programm: Mauss 57

physiologischen, psychischen und soziologischen Aspekt aller


Verhaltensweisen Rechnung trägt« 10 . Im Zentrum dieser Totali-
tät befindet sich der menschliche Körper, ein scheinbares Zeichen
der Natur, tatsächlich aber gänzlich kulturell. Mauss leitet daher
»eine Archäologie der körperlichen Gewohnheiten« 11 ein, ein
Programm, das Michel Foucault aufgreifen und zu Ende führen
wird.
Im Zentrum des Körpers verbirgt sich das Unbewußte, dessen
Vorrangigkeit — und dies wird zu einem Hauptmerkmal des
strukturalistischen Paradigmas werden — Lévi-Strauss unter-
streicht, wobei er auch hier bei Mauss eine Gründungsabsicht
sieht: »Es ist nicht erstaunlich, daß Mauss [...] ständig an das Un-
bewußte als Quelle des gemeinsamen und spezifischen Charak-
ters der sozialen Tatsachen [...] appelliert hat.« 12 Nun verläuft
aber der Zugang zum Unbewußten über die Vermittlung der
Sprache, und in diesem Bereich mobilisiert Lévi-Strauss die mo-
derne Saussuresche Linguistik, für die die Sprachtatsachen auf
der Ebene des unbewußten Denkens liegen: »Es ist letztlich ein
Verfahren desselben Typus wie das, welches uns in der Psycho-
analyse erlaubt, unser fremdestes Ich zurückzugewinnen, und
uns in der ethnologischen Forschung das Fremdeste der anderen
wie ein anderes Wir zugänglich macht.« 13 Lévi-Strauss besiegelt
hier die fundamentale Einheit der beiden Leitwissenschaften der
großen strukturalistischen Periode: Anthropologie und Psycho-
analyse, die sich ihrerseits auf eine dritte Wissenschaft, eine Pilot-
wissenschaft, ein regelrechtes heuristisches Modell stützen: die
Linguistik.
Ein anderes Wesensmerkmal dieser Periode, das Lévi-Strauss
schon in diesem grundlegenden Text zum Ausdruck bringt und
das man bei Lacan besonders entwickelt sehen wird, ist es, auf
das Saussuresche Zeichen zurückzugreifen und es zugleich in
Richtung einer Entleerung des Signifikats oder doch wenigstens
seiner Abwertung zugunsten des Signifikanten zu zwingen:
»Wie die Sprache ist das Soziale eine (und zwar dieselbe) auto-
58 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

nome Realität; die Symbole sind realer als das, was sie symboli-
sieren; der Signifikant geht dem Signifikat voraus und bestimmt
es.«14 Hier bahnt sich das übergreifende Projekt für sämtliche
Wissenschaften vom Menschen an, zusammengerufen zur Ver-
wirklichung eines breitgefächerten semiologischen Programms
und angetrieben von der Anthropologie, die allein in der Lage ist,
eine Synthese ihrer aller Arbeit zu leisten. Außer dem interdiszi-
plinären Horizont, den Lévi-Strauss hier bestimmt, spricht er
auch eine kanonische These des Strukturalismus aus, wenn er be-
hauptet, daß der Code der Mitteilung vorangehe, daß jener von
dieser unabhängig und das Subjekt dem Gesetz des Signifikanten
unterworfen sei. Auf dieser Ebene findet man den strukturalen
Kernpunkt des Verfahrens: »Die Definition eines Codes ist es, in
einen anderen Code übersetzbar zu sein : diese ihn definierende
Eigenschaft nennt man >Struktur<.«15

Die Schuld gegenüber Marcel Mauss

Wenn Lévi-Strauss auf etwas überzogene Weise Marcel Mauss


zum Urheber seines strukturalistischen Programms beruft, löst
er ihm gegenüber seine Schuld ein, denn schließlich geht die zen-
trale These der Elementaren Strukturen der Verwandtschaft im
wesentlichen auf seine Anregung zurück. Die Gabe mit ihrer
Theorie der Reziprozität hat als ein Modell gedient, das Lévi-
Strauss bei seiner Annäherung an die Verwandtschaftsbeziehun-
gen erweitert und systematisiert hat. Die Regel der Reziprozität
mit ihrer dreifachen Verpflichtung Geben, Nehmen und Erwi-
dern begründet die Ökonomie des matrimonialen Tausches.
Gabe und Gegengabe erlauben es, das Netz von Verbindungen,
Äquivalenzen und Solidaritäten zu erfassen, das durch die Uni-
versalität seiner Regeln die empirische Gegebenheit überschrei-
tet. An dieser Stelle bekommt das Inzestverbot die Deutlichkeit,
die es einsichtig macht, und zugleich die Universalität, die ihm die
Fragen Sie nach dem Programm: Mauss 59

Schlüsselfunktion für sämtliche Gesellschaften gibt: »Wie die


Exogamie, die seinen erweiterten sozialen Ausdruck bildet, ist
auch das Inzestverbot eine Regel der Gegenseitigkeit. [...] Der In-
halt des Verbots erschöpft sich nicht in der Tatsache des Verbots ;
es wird nur deshalb eingeführt, um direkt oder indirekt, mittelbar
oder unmittelbar einen Austausch zu garantieren und zu begrün-
den.« 16
Der Tausch steht also im Mittelpunkt des Phänomens der
Frauenzirkulation in den Heiratsverbindungen und bildet eine
regelrechte Kommunikationsstruktur, aus der heraus die Grup-
pen ihre Beziehung auf Gegenseitigkeit einrichten. Nicht morali-
sche Mißbilligung, nicht Abscheu disqualifiziert den Inzest, son-
dern der Tauschwert, der die soziale Beziehung begründet. Die
eigene Schwester zu heiraten, ist für Margaret Meads Informan-
ten vom Stamm der Arapesh Unsinn, denn es hieße, sich um den
Schwager zu bringen, und mit wem geht man ohne Schwager fi-
schen oder jagen ? »Der Inzest ist eher sozial absurd als moralisch
verurteilenswert.« υ Die Gabe läutet ein neues Zeitalter ein, und
Lévi-Strauss, der das Buch gründlich auswertet, vergleicht seine
Bedeutung mit der Entdeckung der Kombinatorik für das Den-
ken der modernen Mathematik: »Das Inzestverbot ist weniger
eine Regel, die es untersagt, die Mutter, Schwester oder Tochter
zu heiraten, als vielmehr eine Regel, die dazu zwingt, die Mutter,
Schwester oder Tochter anderen zu geben.« 18 Solche Aussagen
verdanken sich eindeutig Marcel Mauss' Arbeiten, die Lévi-
Strauss in seiner Einleitung glänzend nachzeichnet. Neben
Mauss leistet freilich auch die Phonologie einen entscheidenden
Beitrag zu dem Programm, das Lévi-Strauss angelegt hat: Die
von Trubetzkoy und Jakobson erarbeiteten Begriffe der fakulta-
tiven und der kombinatorischen Varianten, der Gruppenterme,
der Neutralisation erlauben die notwendige Reduzierung des
empirischen Stoffes. Mit diesem Text bestimmt Lévi-Strauss das
strukturalistische Programm: »Für mich ist Strukturalismus
gleichbedeutend mit der Theorie des Symbolischen in der Einlei-
60 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

tung in das Werk von Marcel Mauss: Die Unabhängigkeit der


Sprache und der Verwandtschaftsregeln bringen die Verselbstän-
digung des Symbolischen, des Signifikanten mit sich.«19

Eine Form von Kantianismus

Implizit — denn Lévi-Strauss hat ja das Gelände des Philosophen


verlassen, um andere Kontinente des Wissens zu erreichen — läßt
sich der Unterbau dieses strukturalistischen Programms als inso-
fern von der Kantschen Philosophie geprägt ansehen, als diese
danach strebt, alle sozialen Systeme an prinzipielle Kategorien zu
knüpfen, die als noumenale Kategorien funktionieren. Das Den-
ken wird von diesen apriorischen Kategorien gelenkt und bringt
sich zugleich auf jeweils geeignete Weise in den verschiedenen
Gesellschaften zur Anwendung. Indes trifft man in jedem Fall
wieder auf den Geist. Diesen kantischen Aspekt entlehnt Lévi-
Strauss aber eher der Phonologie als der Philosophie. So entspre-
chen Jakobsons Definition des Nullphonems (1949) und Lévi-
Strauss' Definition des symbolischen Nullwerts einander Punkt
für Punkt. Für ersteren ist ein Nullphonem darin allen anderen
Phonemen entgegengesetzt, daß es kein différentielles Merkmal
und keinen konstanten phonetischen Wert besitzt. Vielmehr hat
es seine besondere Funktion gerade darin, daß es sich der Abwe-
senheit eines Phonems entgegensetzt. Für Lévi-Strauss ist es die
Definition des für jede Kosmologie konstitutiven Systems von
Symbolen: »Es wäre einfach ein symbolischer Nullwert, das heißt
ein Zeichen, das die Notwendigkeit eines supplementären sym-
bolischen Inhalts markiert, der zu dem bereits auf dem Signifi-
kant liegenden Inhalt hinzutritt und der ein beliebiger Wert sein
kann [...].«20
Betrachtet Gurvitch Lévi-Strauss' Aneignung des Werks von
Mauss als Ausdruck einer Entstellung seines Werks, so teilt auch
Claude Lefort diese Auffassung, der sich in einem Artikel in den
Fragen Sie nach dem Programm: Mauss 61

Temps Modernes im Jahr 1951 Die elementaren Strukturen der


Verwandtschaft und die Einleitung in das Werk von Marcel Mauss
vornimmt, um die darin angestrebte Mathematisierung der so-
zialen Beziehungen und den Bedeutungsverlust, den dieses
Programm bewirkt, anzuprangern. Die Reduktion der gesell-
schaftlichen Phänomene auf ihre Natur als symbolische Systeme,
schreibt Claude Lefort, »scheint uns seinem Grundgedanken
fremd; Mauss zielt auf die Bedeutung, nicht auf das Symbol; er
will die immanente Absicht der Verhaltensweisen, die er aufzeigt,
verstehen, ohne dabei die Ebene des Erlebens zu verlassen, und
keine logische Ordnung aufstellen, der gegenüber das Konkrete
nur Vorschein wäre.« 21 Claude Lefort kritisiert den Lévi-Strauss'
Programm zugrundeliegenden Szientismus, seinen Glauben an
eine unterhalb der mathematischen liegende tiefere Realität. Er
sieht darin auch Spuren eines [neo-]kantianischen Idealismus, der
unter dem Begriff des Unbewußten im wesentlichen auf das tran-
szendentale Bewußtsein im Sinne Kants hinauswill und sich
durch die Ausdrücke »unbewußte Kategorie« und »Kategorie
des kollektiven Denkens« verrät. 22 Claude Lefort stülpt auch den
Lévi-Straussschen Idealismus um und behauptet, daß das Verhal-
ten empirischer Subjekte nicht von einem transzendentalen Be-
wußtsein herleitbar sei, sondern sich im Gegenteil erst in der Er-
fahrung konstituiere. Sowohl in der Programmatik wie in den
von Claude Lefort geäußerten Kritikpunkten liegt der rationale
Kern vor, von dem aus sich alles, was in den fünfziger und sechzi-
ger Jahren an Debatten und Auseinandersetzungen um den
Strukturalismus aufkommt, entspinnen wird.
Ein Freischärler: Georges Dumézil

Am 13. Juni 1979 nimmt die Académie française Georges Dumé-


zil in ihre Reihen auf. Der Peer, der ihn unter der Kuppel will-
kommen heißt, um eine zusammenfassende Würdigung seines
Werkes zu geben, ist kein anderer als Lévi-Strauss. Diese Wahl
verdankt sich freilich nicht dem Zufall, sondern einer Verwandt-
schaft, die ihrer beider Entwürfe jenseits der manifesten Eigen-
heiten miteinander verbindet. Gewiß, Dumézil hat sich stets arg-
wöhnisch gezeigt, wenn sein Werk unter ein Modell gefaßt
wurde, in dem er sich nicht wiedererkannte. Er hätte schwerlich
gebilligt, daß man ihn in einer Geschichte des Strukturalismus
anführt: »Weder war noch bin ich Strukturalist.« l An seinem
Standpunkt ist nicht zu rütteln, ja er geht so weit, der bloßen Er-
wähnung des Wortes »Struktur« mit Bedenken zu begegnen, um
jederlei Vereinnahmung auszuschalten. Nach seiner jugendlichen
Begeisterung für abstrakte Systeme ein gebranntes Kind, hält er
sich an das vor Turbulenzen geschützte Gebiet der Philologie.
Sicherlich nimmt Dumézil eine Sonderstellung ein. Die Logik
der Filiationen, die sein Werk ermöglicht haben, folgt, ebenso
wie die der Erbschaft, die es hinterlassen hat, schwer einzuord-
nenden Mäandern. Dumézil stand keiner Schule vor und hatte im
Unterschied zu Lévi-Strauss kein programmatisches Banner ei-
ner eigenen Disziplin zu verteidigen. Er trat als genialer Neuerer
auf, als eigenbrötlerischer Freischärler und Herold einer verglei-
chenden Mythologie, deren Konturen er allein gezogen hat, ab-
seits der eingefahrenen Bahnen der Fachwissenschaftler, die er
ignorierte und die ihn ignorierten. Er hat zahlreiche Forschungen
erneuert und befruchtet, ohne damit wuchern oder ihnen institu-
Ein Freischärler: Georges Dumézil 63

tionelles Gewicht verschaffen zu wollen. Kann man dennoch ge-


gen seinen Willen angehen und im Rahmen des Entstehungspro-
zesses des strukturalistischen Paradigmas kurz auf jene Leistun-
gen zu sprechen kommen, mit denen dieser Abenteurer der
indoeuropäischen Mythologie Neuland beschritten hat? Man
kann, und Lévi-Strauss hatte recht, als er ihn unter der Kuppel
mit den Worten begrüßte, daß einem zur Kennzeichnung seines
Œuvres unmittelbar der Begriff der Struktur, des Strukturalen in
den Sinn käme, wenn Dumézil diesen nicht 1973 zurückgewiesen
hätte.
Die intellektuelle Komplizenschaft beider Männer datiert
übrigens nicht auf Dumézils Einzug in die Académie française.
Sie hatten sich bereits 1946 kennengelernt, und Dumézil hat erst
bei Lévi-Strauss' Berufung an die École des hautes études, dann
bei seiner Berufung ans Collège de France 1959 eine entschei-
dende Rolle gespielt. Dennoch gründet ihre Nähe nicht nur in
Karriereüberlegungen. Lévi-Strauss entdeckt Dumézils Werk bei
seinen Vorbereitungen zur agrégation, aber das ist nur ein erster,
zufälliger Kontakt. Später, nach dem Krieg, denkt er als Ethno-
loge intensiv über Dumézils Erkenntnisse nach und erklärt seine
Überzeugung, daß Dumézil »der Urheber der strukturalen Me-
thode gewesen sei« 2 . Übrigens lassen sich bei beiden zwei ge-
meinsame Lehrmeister finden: Marcel Mauss, dessen Bedeutung
für Lévi-Strauss wir bereits gesehen haben und dessen Vorlesun-
gen Dumézil besuchte, und Marcel Granet, an dessen Einfluß auf
seine Entscheidung für die Untersuchung der Verwandtschafts-
beziehungen Lévi-Strauss erinnert hat. Tatsächlich stieß Lévi-
Strauss schon als Schüler am Gymnasium in Montpellier durch
die Lektüre der Catégories matrimoniales et relations de proximité
dans la Chine ancienne auf Granet. Noch stärker von Marcel Gra-
net geprägt war Dumézil, der dessen Vorlesungen an der Ecole
des langues orientales von 1933 bis 1935 besuchte: »Indem ich
Granet bei der Arbeit zuhörte, zusah, fand in mir eine Art Ver-
wandlung oder Reifung statt, die ich nicht beschreiben könnte.« 3
64 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Worin Dumézil dem strukturalistischen Wirkungskreis gegen-


über in der Tat eine Sonderstellung innehat, ist — und das erklärt
sein Widerstreben, dieser Strömung zugerechnet zu werden — die
Abwesenheit desjenigen, der zur obligatorischen Bezugsgröße
jeglichen strukturalen Schaffens geworden ist: Ferdinand de
Saussures. Dumézil hat sich immer als Philologe bezeichnet, und
in dieser Eigenschaft schreibt sich sein Werk einem Erbe ein, das
vor dem Saussureschen »Schnitt« liegt, nämlich in die Nachfolge
des Komparatismus der Philologen des 19. Jahrhunderts, na-
mentlich der Arbeiten der Brüder Friedrich und August Wilhelm
Schlegel, August Schleichers und besonders Franz Bopps, der die
lexikalischen und syntaktischen Verwandtschaften des Sanskrits,
des Griechischen, des Lateinischen und des Slawischen nachge-
wiesen hat. 4 Dumézil knüpft also eher an die Strömung der histo-
rischen Sprachwissenschaft an, die ihren Ausgang mit dem begin-
nenden 19. Jahrhundert im Postulat der Verwandtschaft zwischen
diesen verschiedenen Sprachen nimmt, die aus einer gemeinsa-
men Wurzel, der Matrix des Indoeuropäischen, hervorgegangen
sein müssen. Aus dieser Strömung der historischen Philologie be-
zieht Dumézil auch den wesentlichen Begriff der Transforma-
tion, der in der Entstehung der Sprachwissenschaft grundlegend
gewesen ist. Dieser Begriff wird zu unüberhörbarem Erfolg ge-
langen: Bald steht er im Mittelpunkt der meisten strukturalisti-
schen Werke. Und auch hier betrachtet Lévi-Strauss Dumézil als
einen Pionier: »Mit dem Begriff der Transformation, den Sie als
erster unter uns verwendet haben, haben Sie ihnen [den Human-
wissenschaften] ihr bestes Werkzeug gegeben.« 5
Sicher hat Dumézil nicht abseits der modernen Linguistik ge-
standen. Zwar überging er Saussures Werk weitgehend, kannte
dafür jedoch die Schriften von Antoine Meillet, einem seiner
Schüler, und vor allem von Emile Benveniste, der sein ganzes Ge-
wicht in die Waagschale wirft, um 1948 in einer rüden Auseinan-
dersetzung, in der sämtliche Verfechter der Tradition sich diesem
lästigen Bahnbrecher entgegenstellen, die Wahl Dumézils ins
Ein Freischärler: Georges Dumézil 65

Collège de France durchzusetzen. Der Mediävist Edmond Faral,


der Romspezialist André Piganiol und der Slawist André Mazon
sind gegen ihn, aber er obsiegt dank des tatkräftigen Einsatzes
von Emile Benveniste und der Unterstützung von Jules Bloch,
Lucien Febvre, Louis Massignon, Alfred Ernout und Jean Pom-
mier. Es gibt also auch bei ihm die Bemühung um die totale so-
ziale Tatsache, wie Marcel Mauss sie im Anschluß an Durkheim
zum Ausdruck gebracht hatte, die Auffassung von Gesellschaft,
Mythologie und Religion als einem Ganzen, die ihn veranlassen
wird, den Begriff der Struktur zu verwenden. Mit den anderen
Strukturalisten verbindet ihn ferner die Betrachtung der Sprache
als Hauptvektor der Intelligibilität, Träger der Überlieferung,
Verkörperung der Invariante, die es erlaubt, hinter den Wörtern
die Fortdauer der Begriffe zu finden. Um die Variationen des
Modells zu erfassen, benutzt er die Begriffe Differenz, Ähnlich-
keit und Wert-Opposition, es sind allesamt Werkzeuge einer Me-
thode, die man entweder als komparatistisch oder als strukturali-
stisch bezeichnen kann.

Die Dreifunktionalität

Der Sprengsatz, den Dumézil unter unsere Gewißheiten legt, da-


tiert von 1938, auch wenn er erst nach dem Krieg richtig zündet.
Wenn es in der langen Reihe seiner Arbeiten, deren Veröffentli-
chung 1924 einsetzt, einen epistemologischen Schnitt gibt, so
setzt er an, als Dumézil 1938, nachdem er einen vorsichtigen Ver-
gleich zwischen einer indischen und einer römischen Tatsachen-
gruppe unternommen hatte, die drei römischen flamines maiores,
die Priester also, die Jupiter, Mars und Quirinus dienten, durch
ihre Parallelität zu den drei sozialen Klassen des vedischen
Indien: Priester, Krieger und Erzeuger, erklärte. 6 Dieser Ent-
deckung entstammt die Hypothese einer den Indoeuropäern
gemeinsamen dreiteiligen, dreifunktionalen Ideologie, eine Hy-
66 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

pothese, an der Dumézil bis zu seinem Tode unablässig arbeiten


und sich so zum Archäologen des indoeuropäischen Imaginären
machen wird. Diese Entdeckung stellt ihn tatsächlich, unbescha-
det seiner eigenen Beurteilung, in die Reihe der Wegbereiter des
Strukturalismus, denn er wird nun seine ganze Lesart der abend-
ländischen Geschichte an dem Gliederungsschema ausrichten,
das er zunächst Zyklus, dann System und schließlich Struktur
nennt und das die Form dieser Dreifunktionalität annimmt. Die-
ses den mentalen Vorstellungen der Indoeuropäer gemeinsame
Schema hat sich für Dumézil zum Ausgang des dritten Jahrtau-
sends v. Chr. in einem breiten Kulturraum zwischen dem Balti-
kum und dem Schwarzen Meer, zwischen den Karpaten und dem
Ural eingewurzelt. Er geht also durchaus von einer Einzigartig-
keit des Phänomens aus, die — und das unterscheidet ihn von
Lévi-Strauss — nicht an die Gesetze des menschlichen Geistes in
ihrer Universalität gebunden ist. Sein Verfahren ist auch insofern
dem Strukturalismus verwandt, als er diese dreifunktionale Inva-
riante nicht als Resultat sukzessiver Entlehnungen betrachtet, die
von einem Verbreitungskern ausgegangen wären. Vielmehr ver-
ficht er eine Methode des genetischen Komparatismus, der die
Entlehnungsthese ausschließt. In einem Verfahren, das er, da es
die Mythen zum Gegenstand hat, als ultrahistorisch bezeichnet,
vergleicht Dumézil systematisch die Daten der Veda und dann
der Mahabharata mit denen der Skythen, der Römer und der
Iren und ordnet alle diese verschiedenen Gesellschaften und Epo-
chen in einer gemeinsamen Struktur an, worin der Funktion der
Hoheit, des Priestertums — Zeus, Jupiter, Mitra, Odin — die
Kriegsfunktion — Mars, Indra, Tyr — und die erzeugende, näh-
rende Funktion — Quirinus, Nastrya, Njördr — entgegenstehen.
Die relative Abkapselung Dumézils rührt daher, daß sein Modell
schwer auf andere Bereiche zu übertragen ist, was andererseits
nicht bedeutet, daß seinem Werk keine Zukunft beschieden war.
Solange sein Organisationsschema auf ein gesondertes Areal be-
grenzt bleibt, verschließt es sich von vornherein all den verallge-
Ein Freischärler: Georges Dumézil 67

meinernden Extrapolationen, die in der Belle Époque des Struk-


turalismus verwendet werden. Im übrigen — und in diesem Sinne
unterscheidet er sich ebenfalls vom strukturalistischen Phäno-
men — verortet Dumézil seine Methode zwischen der Erfor-
schung exogener Elemente, die zur Erklärung der Mythen dienen
können, und der Erforschung des Mythenzusammenhangs in ei-
ner Binnenstruktur, unabhängig davon, worauf sie sich beziehen.
Indem er sowohl die Gliederung der Begriffe untereinander in ih-
rer Eigenstruktur als auch die Aspekte der in den Mythen behan-
delten Welt einbezieht, steht Dumézil auf halbem Wege zwischen
den komparatistischen Philologen des 19. Jahrhunderts und der
strukturalistischen Methode. Dieser hybride Charakter Dumé-
zils, seine Einbeziehung der Geschichte (»Ich möchte mich als
Historiker definieren«7) wird denn auch einer umfangreichen
Fortführung seiner Entdeckungen bei den Historikern der drit-
ten ^4wra#/es-Generation Vorschub leisten. Auch wenn das drei-
funktionale Schema in der hellenistischen Welt keine wichtige
Rolle spielt, haben die Spezialisten der griechischen Antike,
Pierre Vidal-Naquet, Jean-Pierre Vernant und Marcel Détienne,
aufgrund seines Werks ihren Zugang zum Pantheon neu gefaßt,
und Mediävisten wie Jacques Le Goff oder Georges Duby kamen
angesichts einer in drei Stände gegliederten Gesellschaft nicht
umhin, die Grundlagen dieser Dreiteilung zu untersuchen. Frei-
lich folgen diese Fortführungen erst später, in den siebziger Jah-
ren, und wir werden auf sie zurückkommen, wenn wir diese Peri-
ode behandeln. Dumézils Lehren enden also nicht mit jenem 11.
Oktober 1986, an dem er, achtundachtzigjährig, im Hôpital du
Val-de-Grace verstirbt. Der Sprachwissenschaftler Claude Ha-
gège verfaßt in Le Monde seinen Nachruf. Unter dem Titel »Der
Schlüssel der Zivilisationen« schreibt er: »Nach Dumézil kann
die Religionswissenschaft nicht mehr das sein, was sie vor ihm
war. Die Vernunft hat das Chaos geordnet. Die schmeichelnde
vage Vorstellung von Religiosität hat er durch die erhellende
Klarheit der Denkstrukturen ersetzt. Das ist eine seiner großen
68 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Lehren.«8 Wohl wird ihn die Struktur wider Willen bis über den
Tod hinaus verfolgen, aber der Sinn eines Werks gibt ja nicht un-
bedingt die Absicht seines Verfassers wieder. Georges Dumézil
war unbestreitbar ein Wegbereiter, ein Herold des strukturalisti-
schen Epos.
Die phänomenologische Brücke

In den fünfziger Jahren ist das phänomenologische Projekt für


die französische Philosophie bestimmend. Unter dem Einfluß
des Husserlschen Werkes ist die Rede von der Rückkehr »zu den
Dingen selbst« und der darin mitgedachten Intentionalität des
stets auf Dinge gerichteten Bewußtseins. Deshalb richtet diese
Vorgehensweise große Aufmerksamkeit auf das Erleben, auf das
Beschreibende, auf das Konkrete und spricht eindeutig der Sub-
jektivität den maßgeblichen Wert zu. Husserls Vorhaben ist es,
die Philosophie vom Stadium einer Ideologie in den Rang einer
Wissenschaft zu erheben. Auf der Basis des phänomenologi-
schen Verfahrens bilden indes das ursprüngliche Fundament
nicht die Tatsachen, sondern die Wesenheiten im Sinne der Mög-
lichkeitsbedingungen des Bewußtseins in Korrelation zu seinem
Gegenstand. Bei Kriegsende war die Phänomenologie in Frank-
reich vornehmlich von Sartre geprägt und legte die Betonung auf
das Bewußtsein, ein sich seiner selbst bewußtes Bewußtsein.
Maurice Merleau-Ponty greift Husserls Entwurf auf, richtet ihn
aber eher auf die Dialektik zwischen ausgesprochenem Sinn und
dem Sinn, der sich in den Dingen zu erkennen gibt. Dies wird ihn
zu einem intensiven Dialog mit den Humanwissenschaften füh-
ren, zumal diese unterdessen große Anerkennung genießen. Er
knüpft an Husserls Idee an, die dem Phänomenologen vorlie-
genden Erfahrungsgegebenheiten von allen Bestandteilen des
wissenschaftlichen Denkens zu bereinigen, von dem die Philoso-
phie sich zurückgezogen habe. Daher Merleau-Pontys Formel :
»Die Phänomenologie ist zunächst Widerruf der Wissenschaft« ;
doch weit davon entfernt, sie zu leugnen, hofft Merleau-Ponty,
70 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

sie sich im Feld des philosophischen Denkens wieder zu eigen zu


machen. Seit dem Krieg nimmt er diese Arbeit gegenüber der
Biologie und vor allem gegenüber der Psychologie auf, deren ver-
dinglichenden und mechanistischen Charakter er kritisiert. 1 Ge-
nauso stellt er allerdings auch den Idealismus eines reinen Be-
wußtseins in Frage und interessiert sich deshalb zunehmend für
die Bedeutungsstrukturen, die ihm die neuen Humanwissen-
schaften bieten. Sie sind für ihn lauter Herde regionaler Ontolo-
gien, die der Philosoph sich anzueignen vermag, indem er die
Perspektiven überschneidet und dank seiner höheren Stellung als
Subjekt, aufgefaßt als Transzendenz zur Welt in ihrer Globalität,
ihren Sinn wiederherstellt. »Merleau-Ponty hatte ein sehr ehrgei-
ziges Vorhaben, nämlich ein Ergänzungsverhältnis zwischen der
Philosophie und den Wissenschaften vom Menschen herzustel-
len. Demgemäß hat er sich darum bemüht, auf allen Fachgebieten
mitzuhalten.« 2

Das phänomenologische Programm

Der Haupttext, durch den Merleau-Ponty die Philosophen mit


den Errungenschaften der modernen Linguistik und den Vorstö-
ßen der Anthropologie bekannt macht, erscheint 1960 bei Galli-
mard : Signes. In diesem für eine ganze Generation maßgeblichen
Werk druckt Merleau-Ponty noch einmal einen bereits 1951 ge-
haltenen Vortrag ab 3 , in dem er die immense Bedeutung von
Saussures Werk als Beginn der modernen Linguistik aufzeigt:
»Was wir bei Saussure gelernt haben, ist, daß die Zeichen einzeln
nichts bedeuten, daß jedes von ihnen weniger eine Bedeutung
ausdrückt als vielmehr einen Bedeutungsunterschied zwischen
sich selbst und den anderen markiert.« 4 In demselben Werk
spricht er auch vom Verhältnis zwischen Philosophie und Sozio-
logie, um ihre Trennung zu bedauern und zu gemeinsamer Arbeit
aufzurufen : »Die Trennung, die wir bekämpfen, ist der Philoso-
Die phänomenologische Brücke 71

phie nicht weniger abträglich als der Entwicklung des Wissens.« 5


Für Merleau-Ponty kommt es dem Philosophen zu, das Feld der
Möglichkeiten abzustecken und die von den Sozialwissenschaf-
ten geleistete empirische Arbeit zu interpretieren; er trägt durch
hermeneutische Arbeit an jede Positivität die Sinnfrage heran.
Auf der anderen Seite benötigt der Philosoph die positiven Wis-
senschaften, denn er muß seine Vernunftschlüsse auf Bekanntes
und durch wissenschaftliche Verfahren Erhärtetes gründen.
Der andere Punkt, den Merleau-Ponty hier vorbringt, betrifft
die soziale Anthropologie von Lévi-Strauss. Nach seinem Bruch
mit Sartre nähert sich Merleau-Ponty an Lévi-Strauss an, und es
war sogar er, 1952 ans Collège de France berufen, der Lévi-
Strauss schon 1954 vorschlug, sich als Kandidat zu präsentieren,
und dabei »drei Monate seines Lebens geopfert [hat], dessen Fa-
den doch so bald abreißen sollte« 6 . Merleau-Ponty widmet das
vierte Kapitel seines Buches der Anthropologie: »Von Marcel
Mauss zu Lévi-Strauss«. Darin verteidigt er vehement das Pro-
gramm, das Lévi-Strauss seit seiner Einleitung in das Werk von
Marcel Mauss 1950 umrissen hat : »Die sozialen Tatsachen sind
weder Dinge noch Ideen, sondern Strukturen [...]. Die Struktur
nimmt der Gesellschaft nichts von ihrer Dichte oder ihrer
Schwerkraft. Sie selber ist eine Struktur der Strukturen.« 7 Aus
dieser geistigen Gemeinsamkeit erwächst eine echte Freund-
schaft, und die Fotografie von Merleau-Ponty wird immer auf
Lévi-Strauss' Schreibtisch stehen.
Aber welches Ziel verfolgte Merleau-Ponty in diesen viel-
schichtigen Dialogen ? Meinte er, vor den Humanwissenschaften
die Waffen des Philosophen strecken zu müssen? Gewiß nicht.
Nach seiner Auffassung war es Aufgabe des phänomenologi-
schen Philosophen, sich der Beiträge von Mauss, Lévi-Strauss,
Saussure und Freud anzunehmen, und zwar nicht, um deren Dis-
ziplinen eine epistemologische Grundlage zu geben, sondern um
eine phänomenologische Wiederaufnahme all ihrer Materialien
zu leisten, indem er sie vom philosophischen Standpunkt neu de-
72 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

finiert. Dabei akzeptiert der Philosoph die Auskunft des Fach-


manns, die er im übrigen ohnehin nicht nachprüfen kann, als
stichhaltig. Somit erhält der Phänomenologe die Rolle des Or-
chesterchefs, der alle von den Humanwissenschaften erbrachten
objektiven Ergebnisse aufnehmen und ihnen dabei einen Sinn,
einen Wert als subjektive Erfahrung wie als globale Bedeutung
zuweisen soll : »Ich erinnere mich an seine Vorlesung über Lévi-
Strauss ; er präsentierte ihn als Algebra der Verwandtschaft, die
um die Bedeutung des Familiären für den Menschen ergänzt wer-
den mußte: die Vaterschaft, die Abstammung.« 8

Die Umkehrung des Paradigmas

In den fünfziger Jahren, im Zuge dieser Annäherung, die Merleau-


Ponty zwischen Philosophie und Humanwissenschaften ver-
sucht, zeichnet sich am Horizont ein Paradigmenwechsel ab.
Nicht die Anthropologie sucht ihre Stellung gegenüber dem phi-
losophischen Diskurs, wie zu Zeiten, als Marcel Mauss von sei-
nem Philosophieprofessor, Alfred Espinas, den Begriff der tota-
len sozialen Tatsache entlehnte. Im Gegenteil, die Philosophie,
hier mit Merleau-Ponty, bestimmt ihren Ort im Verhältnis zur
Anthropologie, zur Linguistik, zur Psychoanalyse, während Les
Temps Modernes die Arbeit von Michel Leiris, von Claude Lévi-
Strauss zur Kenntnis nehmen. Merleau-Ponty eröffnet vielver-
sprechende Perspektiven, wenn er schreibt : »Die Aufgabe lautet
also, unsere Vernunft zu erweitern, um sie zum Verständnis des-
sen zu befähigen, was in uns und in den anderen der Vernunft
voran- und über sie hinausgeht.« 9 Er öffnet das philosophische Feld
für die Intelligibilität des Irrationalen, unter der doppelten Figur
des Wahnsinnigen und des Wilden. Damit wurde den beiden Dis-
ziplinen der Anthropologie und der Psychoanalyse eine wesentli-
che Stellung zugewiesen, die sie in den sechziger Jahren tatsäch-
lich einnehmen werden. Weshalb aber hat die Philosophie ihre
Die phänomenologische Brücke 73

Gewißheiten eingebüßt? Warum ist das phänomenologische


Projekt so rasch im Sande verlaufen? Mit einer ersten, biographi-
schen Antwort läßt sich dieses Scheitern dem frühen Tod — am 4.
Mai 1961 — desjenigen zurechnen, der dieses Projekt verkörperte.
Merleau-Ponty starb mit vierundfünfzig Jahren und hinterließ
ein kaum angebrochenes Werk. Doch näheren Aufschluß gibt
Vincent Descombes: »Dieses philosophische Projekt war aus ei-
nem einfachen Grund zum Scheitern verurteilt — weil die wissen-
schaftlichen Disziplinen schon an ihre eigene konzeptuelle Aus-
arbeitung gehen. Sie bedürfen also nicht Merleau-Pontys oder
eines anderen Philosophen, um ihren Entdeckungen einen Sinn
zu geben. Sie arbeiten schon alle auf zwei Ebenen.« 10 Das Projekt
der Vereinnahmung der Humanwissenschaften wird also zur
Falle für eine zweiflerische Philosophie, von der man sich zugun-
sten der vielversprechenden jungen Sozialwissenschaften abwen-
den wird. In diesem Sinne hat Merleau-Ponty eine ganze Ge-
neration von Philosophen inspiriert, die durch ihn zu neuen
Problemstellungen ermuntert wurden und das philosophische
Schiff mit Sack und Pack verließen, um entweder Anthropologe,
Linguist oder Psychoanalytiker zu werden. Diese Umkehrung
des Paradigmas wird die gesamte strukturalistische Periode der
sechziger Jahre bestimmen. Das Fachgebiet der Anthropologie
verändert sich dadurch beträchtlich. Bis auf wenige Ausnahmen
wie Lucien Lévy-Bruhl, Marcel Mauss, Jacques Soustelle oder
Claude Lévi-Strauss, die von der Philosophie kommen, sind die
Ethnologen aus ganz verschiedenen Horizonten hervorgegan-
gen — ein Effekt eher der Fusion als der Filiation n : Paul Rivet
kommt wie die meisten anderen Forscher aus dem medizinischen
Bereich, Marcel Griaule, der zunächst Flieger war, kommt von
den orientalischen Sprachen, Michel Leiris von der Poesie und
vom Surrealismus, Alfred Métraux von der École des chartes, wo
er Mitschüler von Georges Bataille war. Und weil das Milieu he-
terogen ist, »unterliegen [die Ethnologen] keiner Stammeslo-
gik« 12.
74 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Vor allem durch Merleau-Ponty strömt also eine ganze Gene-


ration junger Philosophen den modernen Wissenschaften zu.
Alfred Adler entdeckt das Werk Merleau-Pontys in den Jah-
ren 1952/53 als Philosophiestudent an der Sorbonne: »Durch
Merleau-Ponty fanden wir Interesse an der Psychoanalyse, an der
Kinderpsychologie, an den theoretischen Problemen der Spra-
che.« 13 Dieses Interesse und die Entwicklung der politischen Ver-
hältnisse ergänzen sich und lassen den Philosophiestudenten der
fünfziger Jahre zu Beginn des nachfolgenden Jahrzehnts zum
Ethnologen werden. Auf dem Feld der Linguistik bestätigt Mi-
chel Arrivé die wesentliche Rolle Merleau-Pontys: »Merleau-
Ponty ist ein bedeutender Vermittler gewesen; Lacan ist ganz si-
cher durch ihn angeregt worden, Saussure zu lesen.« u Für die
Annahme, daß Jacques Lacan über Merleau-Ponty auf Saussure
stieß, spricht einiges, denn die beiden trafen sich damals häufig
mit Michel Leiris und Claude Lévi-Strauss. Merleau-Pontys Text
über Saussure datiert von 1951 und Lacans Rom-Rede von 1953.
Auch Algirdas Julien Greimas spricht ihm große Bedeutung zu:
»Den Anstoß gab Merleau-Ponty mit seiner Antrittsvorlesung
im Collège de France 1952, als er sagte, man werde noch sehen,
daß nicht Marx, sondern Saussure die Philosophie der Ge-
schichte erfunden habe. Das ist ein Paradoxon, das mich darüber
nachdenken ließ, daß man, bevor man Ereignisgeschichte be-
treibt, die Geschichte der Denksysteme, der ökonomischen
Systeme erkunden müßte und erst danach versuchen kann, ihre
Entwicklungsweise zu verstehen.« 15 Der Lévi-Strauss naheste-
hende Philosoph Jean-Marie Benoist, Autor von La Révolution
structurale, bekräftigt gleichfalls, daß er durch Merleau-Ponty,
den er in seiner Kbâgne-Zeh 1962 zu lesen begann, Zugang zum
Werk von Lévi-Strauss bekam: »Merleau-Ponty schuf die Vor-
aussetzungen für die Bereitschaft, die Bereicherung durch die
strukturalistische Arbeit anzuerkennen.« 16
Wegen dieser Abtrünnigen erlebt die Philosophie eine regel-
rechte Ausblutung, von der sie sich nur mühsam erholt. Und das
Die phänomenologische Brücke 75

ist erst der Anfang, denn einer ihrer verlorenen Söhne wird dem
phänomenologischen Projekt und den Ansprüchen einer über
das Getümmel der empirischen Wissenschaften erhabenen Philo-
sophie den Gnadenstoß versetzen : Michel Foucault. Seine Kritik
formuliert er erst später, im Lauf der sechziger Jahre, aber sie
nimmt ihren Ausgang vor allem in der Unzufriedenheit mit
dem phänomenologischen Programm, das, als er Wahnsinn und
Gesellschaft schrieb (1955-1960), das philosophische Feld be-
herrschte. Er wirft den Vertretern dieses Programms vor, sich auf
den streng akademischen Bereich zu beschränken und sich um
die Kantsche Frage zu drücken, was unsere Derzeitigkeit sei. Mi-
chel Foucault wird der Befragung neue Gegenstände erschließen
und von der phänomenologischen Perspektive, also der verinner-
lichten Beschreibung der gelebten Erfahrung, abrücken, indem
er die sozialen Praktiken und Institutionen untersucht und pro-
blematisiert : »Alles, was sich um die sechziger Jahre herum er-
eignete, kam ja aus der Unzufriedenheit über die phänomeno-
logische Theorie des Subjekts.« 17 Die Weiche, die Foucault stellt,
steht übrigens ebensosehr gegen die phänomenologische Proble-
matik wie gegen den Marxismus. Dennoch hat die Phänomeno-
logie eine maßgebliche Öffnung der philosophischen Fragestel-
lung bewirkt, indem sie betonte, daß der Mensch nicht derjenige
ist, der erkannt wird, sondern derjenige, der erkennt. Damit wies
sie auf die Unmöglichkeit für die erkennende Instanz hin, zur
Selbsterkenntnis zu gelangen, wenn nicht über den Blick in den
Spiegel, der die unsichtbare Spanne zwischen dem Gesicht und
seiner Repräsentation manifest macht.
Dieser Perspektive wird Jacques Lacan sich vor dem Krieg mit
dem »Spiegelstadium« weitgehend annehmen. Er sucht zu die-
sem Zeitpunkt bei den Phänomenologen das Mittel, den biologi-
schen Reduktionismus zu umgehen. Foucault selber beginnt Die
Ordnung der Dinge mit einer Interpretation von Velasquez' be-
rühmten Gemälde der Hoffräulein und zeigt einen König, der
nur dank des Spiegels ins Bild tritt. Aber die Phänomenologie hat
76 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

es nicht vermocht oder verstanden, dem anthropologischen Zir-


kel zu entkommen, und Foucault schlägt dessen fundamentale
Überwindung vor: »Es ist zweifellos nicht möglich, den empiri-
schen Inhalten einen transzendentalen Wert zu geben, noch, sie
in Richtung auf eine konstituierende Subjektivität zu verlagern,
ohne wenigstens verschwiegen einer Anthropologie Raum zu ge-
ben [...].«18
Die phänomenologische Fragestellung mit ihrer inneren Span-
nung von Empirischem und Transzendentalem, die zwar ge-
trennt gehalten, aber im Begriff des Erlebten beide gleichzeitig
anvisiert werden, muß auf die Frage verlagert werden, ob der
Mensch wirklich existiert. Ist er nicht vielmehr der Ort des Seins-
verfehlens, an dem der abendländische Humanismus ungestraft
geschlafen hat? Die Ausweglosigkeit des phänomenologischen
Versuchs trotz des erklärten Anspruchs, zugleich innerhalb und
außerhalb seines Wahrnehmungs- und Kulturfeldes stehen zu
können, rührt aus seiner Absicht, das Ungedachte im Menschen
selbst zu fundieren, während es für Foucault in seinem Schatten,
im anderen ist, in unausweichlicher Andersheit und Dualität.
Diese Dublüre muß dem Platz machen, was im lebenden, spre-
chenden und arbeitenden Subjekt dem Primat des »Ich« entgeht.
Den Empirismus des Erlebten übersteigend, erlaubt es die Ent-
faltung der Wissenschaften von der Sprache und der Psychoana-
lyse. Das Projekt Foucaults setzt sich zum Ziel zu durchmessen,
was im Menschen spricht, eher als das, was er sagen hört. Es liegt
auf der Hand, daß das phänomenologische Subjekt in einem sol-
chen Projekt als untauglich gilt, welches wenig später zu einem
der belangvollsten und meistdiskutierten Aspekte der struktura-
listischen Philosophie avanciert.
Der Saussuresche Schnitt

Wenn auch der Strukturalismus ein sehr vielgestaltiges Phäno-


men umspannt, das mehr ist als eine Methode und weniger als
eine Philosophie, findet er seinen Kern, seinen gemeinschaftli-
chen Grundbestand im Modell der modernen Linguistik und in
Ferdinand de Saussure, der als ihr Urheber gilt. Daher der Rekurs
auf Saussure, der diese Periode beherrschen und sich in eine allge-
meinere Bewegung von »Rekursen« auf Marx, Freud und andere
einschreiben wird — als bedürfe ein Programm, das die Moderni-
tät, die endlich erlangte Rationalität in den Humanwissenschaf-
ten verkörpern will, der Mobilisierung der Vergangenheit, als sei
zwischen den beiden Zeitpunkten : dem des anfänglich gelegten
Schnitts und dem seiner Wiederentdeckung, ein Verlust eingetre-
ten.
Saussure wird also als Gründervater auftreten, auch wenn in
etlichen Forschungen die Kenntnis seines Werkes auf der Ver-
mittlung durch andere Autoren beruht. Saussure löst das Pro-
blem, das Piaton im Kratylos stellt, auf seine Weise. Piaton stellt
nämlich zwei Auffassungen vom Verhältnis zwischen Natur und
Kultur einander gegenüber: Hermogenes vertritt den Stand-
punkt, daß die den Dingen zugewiesenen Namen willkürlich
durch die Kultur gewählt seien, während Kratylos in den Namen
einen Widerschein der Natur, das Ergebnis einer fundamental
naturgegebenen Beziehung erblickt. In dieser alten und stetig neu
aufgelegten Debatte gibt Saussure Hermogenes mit seinem Be-
griff der Arbitrarität des Zeichens recht. Scherzhaft bringt Vin-
cent Descombes den »revolutionären« Charakter dieser Entdek-
kung zur Sprache, wenn er den Philosophielehrer, den Molière in
78 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

seinem Bürger als Edelmann (II. Akt, 5. Szene) auftreten läßt,


zum Urheber der strukturalistischen Methode ernennt. 1 Die Ge-
schichte ist bekannt : Monsieur Jourdain, der, ohne es zu wissen,
Prosa verfertigt, möchte einer Marquise einen Brief schreiben,
um ihr zu sagen: »Belle marquise, vos beaux yeux me font mou-
rier d'amour.« (Schöne Marquise, Ihre schönen Augen machen
mich vor Liebe sterben.) Diese schlichte Erklärung gibt Anlaß zu
fünf folgenden, in hundertzwanzig mögliche Permutationen zer-
legbare Stellungen und läßt folglich aus einer einzigen Denota-
tion ebensoviele konnotative Varianten hervorgehen.
Doch erst die Veröffentlichung der Grundlagen der allgemei-
nen Sprachwissenschaft (GaS) war die Geburtsstunde der moder-
nen Linguistik. Bekanntlich geht dieses Werk Saussures haupt-
sächlich auf mündliche Äußerungen zurück; es resultiert aus
seinen zwischen 1907 und 1911 gehaltenen Vorlesungen, genauer
gesagt, den Vorlesungsmitschriften seiner Schüler, sowie zu ei-
nem geringeren Teil aus der Zusammenstellung, Auswertung und
Ordnung der wenigen Schriften, die der Meister selbst hinterlas-
sen hat. Zwei Genfer Professoren, Charles Bally und Albert
Séchehaye, gaben nach Saussures Tod die GaS 1915 heraus. Die
Beweisführung besteht hauptsächlich darin, die Willkürlichkeit
des Zeichens zu fundieren und zu zeigen, daß die Sprache
(langue) ein System von Werten ist, das nicht durch Inhalte oder
durch Erlebtes, sondern durch reine Unterschiede konstituiert
wird. Saussure bietet eine Interpretation der Sprache, die diese
entschieden der Abstraktion zuschlägt, um sie so dem Empiris-
mus und psychologisierenden Betrachtungsweisen zu entwin-
den. Somit begründet Saussure eine neue, gegenüber den anderen
Humanwissenschaften eigenständige Disziplin: die Linguistik.
Sobald diese ihre eigenen Regeln etabliert hat, wird sie infolge ih-
rer Strenge und hochgradigen Formalisierung alle anderen Diszi-
plinen mitreißen und sie zur Übernahme ihres Programms und
ihrer Methoden bewegen.
Die GaS haben ein recht paradoxales Schicksal erfahren. Fran-
Der Saussuresche Schnitt 79

çoise Gadet, die dem nachgegangen ist 2 , weist auf das schwache
Echo des Werks bei seinem Erscheinen hin und hält dem die Zeit-
spanne der sechziger Jahre bis heute entgegen. Der Rhythmus
der Übersetzungen und Neuausgaben hat sich beschleunigt und
ist damit der ansteigenden Welle des Strukturalismus allgemein
gefolgt: Es gab fünf Übersetzungen von 1916 bis 1960 und zwölf
im vergleichsweise kurzen Zeitraum von 1960 bis 1980. Zwei Vor-
gänge werden für den wachsenden Erfolg der GaS, die zum
»kleinen roten Buch« des Basisstrukturalisten avancieren, eine
entscheidende Rolle spielen: Der erste Faktor resultiert daraus,
daß nach dem Ersten Weltkrieg die Russen und die Schweizer die
Vorherrschaft der Deutschen im sprachwissenschaftlichen Fach
abgelöst haben, die im wesentlichen für eine historisch-verglei-
chende Philologie eingetreten waren. So wird auf dem ersten in-
ternationalen Linguistenkongreß 1928 in Den Haag ein zukunfts-
trächtiges Bündnis geschlossen: »Den von den Russen Jakobson,
Karcevski und Trubetzkoy einerseits und von den Genfern Bally
und Séchehaye andererseits dargelegten Vorschlägen ist gemein-
sam, daß sie die Bezugnahme auf Saussure betonen, um die Spra-
che als System zu beschreiben.« 3 Die Grundlegung für die Defi-
nition eines strukturalistischen Programms geht also von Genf
und Moskau aus. Bei dieser Gelegenheit wird übrigens auch erst-
mals der Begriff »Strukturalismus« gebraucht — von Jakobson.
Saussure hat nur den Ausdruck System verwendet, den er etliche
Male in Anspruch nimmt, man findet ihn einhundertachtund-
dreißig Mal auf den knapp dreihundert Seiten der GaS.
Das zweite Ereignis, das die Zukunft der GaS mitbedingt und
sich diesmal in Frankreich zuträgt, bildet — neben anderen Arti-
keln — der 1956 in Le Français moderne(Heft 3,1956) erschienene
Aufsatz »L'actualité du saussurisme« von Algirdas Julien Grei-
mas. »In diesem Beitrag habe ich gezeigt, daß man sich überall auf
die Linguistik berief: Merleau-Ponty in der Philosophie, Lévi-
Strauss in der Anthropologie, Barthes in der Literatur, Lacan in
der Psychoanalyse, während in der eigentlichen Linguistik nichts
80 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

geschah, und daß es somit an der Zeit war, Ferdinand de Saussure


wieder an die ihm gebührende Stelle zu rücken.« 4 Es liegt auf der
Hand, daß die in den fünfziger und sechziger Jahren sich entwic-
kelnde Definition eines globalen semiologischen Programms, das
die Linguistik überschreitet und alle Humanwissenschaften in ei-
nen gemeinsamen Entwurf einbegreift — die große Ambition die-
ser Epoche —, ihre Rechtfertigung und ihren Ansporn findet in
Saussures Definition der Sémiologie als »Wissenschaft, die das
Leben der Zeichen im Innern des sozialen Lebens untersucht«.

Das Thema des Schnitts

Um das strukturalistische Paradigma zu verstehen, muß man


beim Saussureschen Schnitt ansetzen, da eine ganze Generation
die GaS als Gründungsmoment gelesen und wahrgenommen hat.
Dies allein spricht schon für die Griffigkeit der Schnitt-These,
auch wenn sie nach Ansicht mancher Experten zum großen Teil
auf einem Mythos beruht. Dennoch kann man sich zum besseren
Verständnis der Tragweite des Paradigmas fragen, ob es tatsäch-
lich einen Schnitt zwischen der Sprachwissenschaft vor und nach
Saussure gegeben habe. Die Sprachwissenschaftler sind darüber
geteilter Meinung. Natürlich ist niemand so naiv anzunehmen,
daß das linguistische Denken geradewegs und gebrauchsfertig
dem Individuum Ferdinand de Saussure allein entsprungen sei;
aber manche betonen die Diskontinuität, während andere von ei-
nem eher kontinuierlichen Wandel ausgehen.
Françoise Gadet verficht die These eines scharfen Schnitts
zwischen »der Auffassung der präsaussureschen Periode« 5 und
der Konzeption, die Saussure einführt. Der deskriptive Ansatz,
die Vorrangigkeit des Systems, das Bestreben, anhand explizit
aufgebauter Verfahren auf die Elementareinheiten zurückzuge-
hen — das ist die neue Orientierung, die Saussure anbietet und die
den kleinsten gemeinsamen Nenner für den gesamten struktura-
Der Saussuresche Schnitt 81

listischen Wirkungskreis bilden wird. Auch für Roland Barthes


schlägt mit Saussure die wahre Geburtsstunde der modernen Lin-
guistik: »Mit Saussure kommt es zu einer epistemologischen
Wende : Der Analogismus tritt an die Stelle des Evolutionismus,
die Nachahmung ersetzt die Ableitung.« 6 In seinem Enthusias-
mus stellt Roland Barthes aufgrund der Homologie, die man
zwischen Gesellschaftsvertrag und sprachlichem Vertrag herstel-
len kann, Saussure gar als Vertreter des demokratischen Modells
dar. Die Vorläufer des Strukturalismus sind zahlreich. Tatsächlich
verdankt diese Strömung der deutschen Romantik viel und deren
Kunstauffassung als eine der Nachahmung der Wirklichkeit sich
entziehende Struktur. Die Kunst solle eine republikanische Rede
sein, meinten die Brüder Schlegel.7
Claudine Normand, Professorin für Sprachwissenschaft in Pa-
ris-X, die über die Idee des Saussureschen Schnitts zur Linguistik
gelangte, sieht zwar einen Schnitt, aber nicht dort, wo man ihn
für gewöhnlich ansetzt: »Er ist schwer festzumachen: die Saus-
suresche Redeweise ist sehr verworren, da im positivistischen
Diskurs ihrer Zeit befangen.« 8 Wesentlicher Beitrag Saussures sei
nicht die Entdeckung der Arbitrarität des Zeichens, von der
schon Ende des 19. Jahrhunderts alle Sprachwissenschaftler über-
zeugt gewesen seien. Sämtliche komparatistischen Arbeiten hät-
ten bereits den konventionalistischen Standpunkt eingenommen
und das naturalistische Modell verworfen. Indes »macht er daraus
etwas anderes, er verknüpft es mit dem semiologischen Prinzip,
das heißt mit der Werttheorie, und dadurch kann er sagen, daß es
in der Sprache nur Differenzen ohne oppositives Zeichen gibt« 9 .
Der Bruch läge also hauptsächlich in der Definition einer Wert-
theorie, in den Prinzipien der Allgemeingültigkeit der Beschrei-
bung, in der Abstraktion des Verfahrens. Saussures Systembegriff
ist Ausdruck der Konstruktion eines abstrakten, konzeptuellen
Vorgehens, denn ein System läßt sich nicht beobachten, und doch
hängt jedes sprachliche Element von ihm ab. Was die Unterschei-
dung in Diachronie und Synchronie betrifft, so trug man sich da-
82 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

mit Claudine Normand zufolge bereits vor Saussure, namentlich


in allen Arbeiten der Dialektologie, die bei ihrer Erhebung der
Dialekte mangels schriftlicher Quellen naturgemäß der Synchro-
nie den Vorrang geben mußte. In diesem Punkt habe Saussure nur
»systematisiert, wovon die Rede ging und was man umzusetzen
begann« 10 .
Jean-Claude Coquet führt die für die zeitgenössische Sprach-
wissenschaft konstitutiven großen Bewegungen auf das 19. Jahr-
hundert, ja sogar auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Der
Begriff des Systems existierte vor Saussure: »Es handelte sich zu-
nächst um einen taxonomischen Begriff, weshalb auch die ersten er-
folgreichen Bemühungen bei den Biologen zu sehen sind. Es war
das Zeitalter von Goethe und Geoffroy Saint-Hilaire.« n Saussure
stärkt also lediglich den Systembegriff, wobei er, um ihm größt-
mögliche Tragweite zu verleihen, sein Forschungsfeld auf das syn-
chrone System eingrenzt und die historischen, diachronen Aspekte
außer acht läßt. Jean-Claude Milner sieht, wie vor ihm schon Mi-
chel Foucault, die entscheidende Grundlegung bei Franz Bopp als
Verfasser einer Grammatik, die das klassische Zeitalter der Reprä-
sentation hinter sich läßt. Saussure habe bloß die Grundprinzipien
ausgeformt, deren die Sprachwissenschaft seiner Zeit, nämlich die
historische Sprachwissenschaft, bedurfte. Seit dem ausgehenden
19. Jahrhundert war dies eine allgemeine Sprachwissenschaft und
somit eine Anknüpfung an eine frühere Periode, in der es schon
einmal eine allgemeine Sprachwissenschaft gegeben hatte, bevor
sie vom Historismus der philologischen Forschungen verdrängt
wurde: »Es gibt daher keinen Grund, den Standpunkt der Diskon-
tinuität zu bevorzugen« 12 , denn den Ausdruck »allgemeine
Sprachwissenschaft« gibt es seit den achtziger Jahren des 19. Jahr-
hunderts. André Martinet, der viel zur Lektüre und Bekanntheit
Saussures beigetragen hat, meint indes, daß dieser mit seiner Un-
terscheidung zwischen langue (Sprache) und parole (Sprechen)
dem Druck der Soziologen nachgegeben und »sein Ziel verfehlt
habe, das sprachliche Phänomen an sich und für sich selbst zu un-
Der Saussuresche Schnitt 83

tersuchen« 13 . Ihm zufolge wird erst durch den Prager Kreis und
die Phonologie das wirklich grundlegende Programm des Struk-
turalismus definiert: »Ich bin Saussurianer, aber — und ich sage
dies mit der größten Bewunderung für Saussure — er ist nicht der
Begründer des Strukturalismus.« 14

Der Vorrang der Synchronie

André Martinet kritisiert vor allem die Umgehung des großen


Problems, das sich zu Saussures Zeit stellte und das in den GaS
unbeantwortet blieb: Warum ist der Lautwandel regelmäßig?
Um dieses Phänomen zu erfassen, hätte man die Struktur nicht in
die Synchronie, ins Statische einsperren dürfen: »Eine Struktur
bewegt sich ja.«15 Dennoch werden die Saussureschen Katego-
rien dem verallgemeinerten Strukturalismus als epistemisches
Werkzeug dienen, wenngleich man sich verschiedenerseits einige
Freiheiten im Umgang mit dem Saussureschen Wortlaut heraus-
nimmt, um ihn an die spezifischen Erfordernisse des eigenen Ar-
beitsfeldes anzupassen. Die maßgebliche Gelenkstelle wird dabei
der Vorrang der Synchronie bilden. Saussure veranschaulicht die-
ses Vorrecht und sein Korollar, die Bedeutungslosigkeit der Hi-
storizität, mit der Metapher des Schachspiels. Das Verständnis
der Partie ergibt sich aus der Erfassung der Stellung und der mög-
lichen Kombinationen der auf dem Spielbrett plazierten Figuren :
»Es ist ganz gleichgültig, ob man auf diesem oder jenem Wege zu
ihr gelangt ist« 16 . In der Untersuchung der wechselseitigen Kom-
bination diskreter Einheiten lassen sich die inneren Gesetze, die
eine Sprache regeln, restituieren. Diese These von der Unabhän-
gigkeit der synchronen Untersuchung bezüglich des Zugangs
zum System bricht mit der Methode der historisch-vergleichen-
den Sprachwissenschaftler und der klassischen Philologie, die auf
der Erforschung der sukzessiven Entlehnungen, der verschiede-
nen Schichten in der Herausbildung der Sprachen fußt.
84 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Diese perspektivische Umwälzung weist der Diachronie den


Rang einer bloßen Ableitung zu, und fürderhin wird die Ent-
wicklung einer Sprache als Übergang von einer Synchronie zu
einer anderen aufgefaßt. Man kommt nicht umhin, an die Fou-
caultschen Episteme zu denken, auch wenn Foucault sich nicht
ausdrücklich auf Saussure bezieht. Mittels dieses Kraftakts hat
sich die Sprachwissenschaft aus der Vormundschaft der Ge-
schichtsschreibung befreit. Er begünstigte ihre Verselbständi-
gung als Wissenschaft, allerdings um den Preis der Ahistorizität
und folglich einer Beschränkung, die zum Bruch mit dem herr-
schenden Evolutionismus vielleicht nötig war, jedoch in Aporien
führt, da es nicht gelang, Diachronie und Synchronie in ein dia-
lektisches Verhältnis zu bringen. Dagegen konnte Saussure nach-
weisen, daß eine Sprache sich nicht nach den gleichen Gesetzen
wandelt wie die Gesellschaft und somit die Einsicht befördern,
daß eine Sprache nicht einfach die Äußerung irgendeiner Rassen-
besonderheit ist, wie es die Sprachwissenschaftler des 19. Jahr-
hunderts glaubten, die die Geschichte der indoeuropäischen Ge-
sellschaften über die ihnen vorliegenden sprachlichen Zeugnisse
rekonstruierten.

Die Abgeschlossenheit der Sprache

Eine weitere wichtige Gelenkstelle des Saussureschen Ansatzes


ist das Insichgeschlossensein der Sprache. Das sprachliche Zei-
chen verbindet keine Sache mit ihrem Namen, sondern einen Be-
griff mit einem Lautbild, und zwar in einer arbiträren Beziehung,
die die Realität (den Referenten) aus dem Untersuchungsfeld ver-
bannt und das — per Definition eingeschränkte — Blickfeld des
Linguisten festlegt. Das Saussuresche Zeichen umspannt dem-
nach lediglich die Beziehung zwischen Signifikat (Begriff) und
Signifikant (Lautbild), unter Ausschluß des Referenten. Dies un-
terscheidet das Zeichen vom Symbol, das ein natürliches Band in
Der Saussuresche Schnitt 85

der Beziehung von Signifikat und Signifikant bewahrt, »die Spra-


che ist ein System, das nur seine eigene Ordnung zuläßt«. — »Die
Sprache ist eine Form und nicht eine Substanz.« 17 In diesem Sinne
verweist jede sprachliche Einheit durch ihren lautlich-semanti-
schen Doppelaspekt stets in einer rein endogenen Kombinatorik
auf alle anderen.
Die referentielle Funktion, auch Denotation genannt, wird
also zurückgedrängt, denn sie liegt auf einer anderen Ebene, der
des Verhältnisses zwischen Zeichen und Referenten. Räumt
Saussure dem Signifikanten keinerlei Vorrang vor dem Signifikat
ein, die für ihn so untrennbar sind wie die zwei Seiten eines Pa-
pierblatts, so ist der Signifikant durch seine sinnfällige Anwesen-
heit definiert, wohingegen das Signifikat durch seine Abwesen-
heit gekennzeichnet ist : »Das Zeichen ist zugleich Anwesenheit
und Abwesenheit: Es besitzt einen doppelten Charakter.« I8 Die-
ses ungleichen Verhältnisses, das für die Signifikation konstitutiv
ist, hat sich später insbesondere Jacques Lacan angenommen, um
das Signifikat zugunsten des Signifikanten abzuwerten, womit
der Immanenzcharakter dieses Herangehens an die Sprache noch
mehr betont wird. Mit Hilfe der sprachimmanenten Orientie-
rung begrenzt Saussure sein Projekt und entzieht sich jeder
Wechselbeziehung zwischen zweien seiner Kernsätze: »Demje-
nigen, demzufolge die Sprache ein Zeichensystem ist, und demje-
nigen, demzufolge die Sprache eine soziale Tatsache ist.« 19 Er be-
schränkt seine Linguistik auf eine restriktive Untersuchung des
Codes und läßt die Bedingungen seines Erscheinens und seiner
Bedeutung unberücksichtigt.
Saussure entscheidet sich mithin für das Zeichen und gegen
den — in die metaphysische Vergangenheit verwiesenen — Sinn
und trifft damit eine Wahl, die eines der Charakteristika des
strukturalistischen Paradigmas ausmachen wird. Diese Formali-
sierung wird zwar erhebliche Fortschritte bei der Beschreibung
der Sprachen gestatten, aber oft vom Mittel zum Zweck geraten
und sich dabei in ihrer Geschlossenheit als verschleiernd, wenn
86 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

nicht irreführend erweisen. Zwei Einteilungsweisen erlauben das


Verständnis der inneren Kombinatorik der Sprache: die Konti-
guitätsbeziehungen, genannt syntagmatische Beziehungen, und
die Beziehungen in absentia, die Saussure assoziative Verknüp-
fungen nennt und die später unter der Bezeichnung Paradigma
aufgegriffen werden.
Wenn also Saussures Vorgehen per Definition restriktiv ist,
schreibt es sich gleichwohl in den sehr weitgespannten Wunsch
nach Errichtung einer allgemeinen Sémiologie ein, die sich für das
Leben der Zeichen im Innern des sozialen Lebens interessiert:
»Die Sprachwissenschaft ist nur ein Teil dieser allgemeinen Wis-
senschaft« 20 . Genau in die Verwirklichung dieses ehrgeizigen
Programms stößt das strukturalistische Projekt hinein, da es alle
Wissenschaften vom Zeichen um das gleiche Paradigma vereinigt.
Unter diesem Impuls wird die Linguistik zur Pilotwissenschaft,
zur Triebkraft des Projekts und wird kraft einer Methode, die
sich etwas auf ihre Ergebnisse zugute halten kann, den Schmelz-
tiegel, den melting-pot aller Humanwissenschaften abgeben.
Der Ausnahme- und Neuerungscharakter dieser Konfigura-
tion in der französischen Geisteslandschaft ist freilich zu nuan-
cieren, wenn man dem die ähnliche Lage im 19. Jahrhundert in
Deutschland entgegenhält, wo die ersten Disziplinen, die sich
als Wissenschaften institutionalisierten, die Philologie und die
vergleichende Grammatik waren. Ein Zahlenvergleich der Lehr-
stühle, der Geldmittel, der wegweisenden Zeitschriften bestätigt
diesen Zeitvorsprung. »Ich denke, daß die vergleichende Gram-
matik im 19. Jahrhundert in Deutschland mehr gekostet hat als
die Physik.« 21 Die Saussure-Nachfolge wird hauptsächlich die
GaS im Gedächtnis behalten, die jedoch nur einen Aspekt von
Saussures Persönlichkeit darstellen; in ihnen entfaltet sich seine
systematische, formalistische Seite zum Programm, das er indes
im Unterricht aus dem Stegreif vortrug, bloß versehen mit gefal-
teten Notizzetteln, wie seine Schüler berichten.
Der Saussuresche Schnitt 87

Zwei Saussures?

Der Binarismus findet sich in den Interessenschwerpunkten wie


in der Persönlichkeit des Genfer Linguisten wieder, der seinen
Aufenthalt mehrmals von Genf nach Marseille verlegte; auf diese
in regelmäßigen Abständen unternommenen Reisen nahm er
kleine Hefte mit, die er mit Meditationen über die vedischen
bzw. saturnischen Texte indischer und römischer Sakraldichtung
füllte. So hat er zweihundert Hefte über Anagramme vollge-
schrieben und eine regelrechte kabbalistische Untersuchung an-
gestellt, um herauszufinden, ob es nicht einen in diesen Texten
ausgestreuten Eigennamen gäbe, der zugleich der Adressat und
der letztgültige Sinn der Mitteilung wäre.
Unter dem Eindruck seiner Entdeckungen hat Saussure sich in
den Jahren 1895-1898 sogar für spiritistische Sitzungen interes-
siert. Eine solche Gespaltenheit ist übrigens durchaus keine Ei-
genheit Saussures; sie findet sich auch bei zahlreichen anderen
Wissenschaftlern. So hat etwa Newton, während er seine Princi-
pia abfaßte, tausende Seiten über die Alchimie geschrieben. Der
Begründer der klassischen Mechanik und der abendländischen
Rationalität war auch auf der Suche nach dem Stein der Weisen.
So gäbe es denn bei demjenigen, den Louis-Jean Calvet den zwei-
ten Saussure genannt hat 22 , die Idee einer Sprache unter der Spra-
che, einer bewußten oder unbewußten Codierung der Wörter
unter den Wörtern, eine Suche nach den latenten Strukturen, von
der sich beim offiziellen Saussure, in den GaS, keine Spur findet.
Saussure wurde sogar 1898 von dem Genfer Psychologieprofes-
sor Fleury zu Rate gezogen, um den Glossolalie-Fall der Made-
moiselle Smith zu untersuchen, die unter Hypnose erklärte,
Sanskrit zu sprechen. Saussure, der Professor für Sanskrit,
schloß, »es sei kein Sanskrit gewesen, aber es habe auch nichts ge-
geben, was gegen Sanskrit gesprochen hätte« 23 .
Alle diese Hefte wurden von der Familie sorgfältig geheimge-
halten, so daß Jean Starobinski erst 1964 Saussures Anagramme
88 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

teilweise hat veröffentlichen können. 24 Auf der Grundlage dieser


Entdeckung konnte Mitte der sechziger Jahre, insbesondere
durch Julia Kristeva, eine ganz neue Forschungsrichtung einge-
schlagen werden. Man kann mit Jakobson von einer lange zu-
rückgedrängten »zweiten Saussureschen Revolution« sprechen.

Das abwesende Subjekt

Mit Hilfe dieser zweiten Erbschaft wird die Wiederkehr des Sub-
jekts möglich werden. Dabei hat die von Saussure in den GaS ge-
troffene wesentliche Unterscheidung zwischen langueunaparole
das Subjekt gerade ausdrücklich zur Bedeutungslosigkeit herab-
gestuft, ja ins Schweigen verbannt. Denn die Opposition von
Sprache und Sprechen umfaßt die Unterscheidung von sozial und
individuell, abstrakt und konkret, notwendig und kontingent,
weshalb die linguistische Wissenschaft ihren Gegenstand auf die
langue zu beschränken hat, da nur sie einer wissenschaftlichen
Rationalisierung zugänglich ist. Die Folge ist die Eliminierung
des sprechenden Subjekts, des redenden Menschen: »Die Spra-
che ist nicht eine Funktion der sprechenden Person, sie ist das
Produkt, welches das Individuum in passiver Weise einregistriert
[...]. Die Sprache, vom Sprechen unterschieden, ist ein Objekt,
das man gesondert erforschen kann.« 25 In den Stand der Wissen-
schaftlichkeit tritt die Linguistik durch Saussure nur unter der
Voraussetzung, ihren spezifischen Gegenstand genau einzugren-
zen : auf die langue, weswegen sie die Schlacken der parole, des
Subjekts, der Psychologie loswerden muß. Der einzelne ist aus
Saussures wissenschaftlichem Blickfeld vertrieben, er ist das O p -
fer einer formalistischen Reduktion, in der er nicht mehr vor-
kommt.
Diese Negierung des Menschen, die schon den toten Winkel
des Saussureschen Blickfelds bildet, wird jenseits des linguisti-
schen Feldes auch ein Grundbaustein des Strukturalistischen Pa-
Der Saussuresche Schnitt 89

radigmas werden. Sie treibt einen Formalismus in den Paroxys-


mus, der, nachdem er bereits mit dem Sinn aufgeräumt hat, auch
den Sprecher ausschließt, um schließlich eine Situation vorzufin-
den, in der »alles so aussieht, als ob niemand spräche« 26 . Wie man
sieht, hat die moderne Linguistik mit ihren grundsätzlichen Ne-
gierungen und deren Konsequenzen für ihre Durchsetzung einen
erdrückend hohen Preis zu zahlen gehabt. Aber auch hier ist die
Einzigartigkeit Saussures zur Tradition der deutschen Kompara-
tisten des 19. Jahrhunderts ins Verhältnis zu setzen : Denn diese
suchten nach den wahren Strukturen der Sprache, wobei sie der
Meinung waren, daß die Sprechtätigkeit die Sprachstruktur zer-
störe. Schon in dieser Strömung vertrat man die Ansicht, daß man
eine Sprachstruktur restituieren müsse, die außerhalb des sprach-
lichen Handelns läge. Auch auf dieser Ebene hätte also Saussure
letztlich nur etwas systematisiert, was vor ihm existierte.
Hinter der Opposition langue/parole gibt es nach Oswald Du-
crot zwei Ebenen, die Saussure miteinander vermengt hat »und
deren deutliche Trennung, wie ich sie versucht habe, von Belang
wäre« 27 . Die Opposition langue/parole kann an erster Stelle als
Unterscheidung zwischen dem Gegebenen — der parole — und
dem Konstruierten — der langue — betrachtet werden. Diese me-
thodologische oder epistemologische Unterscheidung ist uner-
läßlich und immer noch gültig; sie ist sogar die Vorbedingung des
wissenschaftlichen Vorgehens, aber sie erfordert nicht die zweite
von Saussure aufgestellte und diesmal anfechtbare Opposition
zwischen einem abstrakten Sprachsystem, aus dem das Subjekt
vertrieben ist, und der Sprechtätigkeit, zwischen einem objekti-
ven Code und dem Gebrauch dieses Codes durch Subjekte. In
der gesamten Saussureschen Strömung der sechziger Jahre ist die
Verquickung der beiden Ebenen jedoch massiv weiterbetrieben
worden und hat der Thematik vom Tode des Menschen, dem
theoretischen Antihumanismus den Boden bereitet. Sie brachte
eine szientistische Erwartung zum Paroxysmus, die endlich das
Subjekt der Aussage losgeworden war.
Inspirator und Wegbereiter: Roman Jakobson

Der Erfolg des Strukturalismus in Frankreich verdankt sich unter


anderem einer besonders ertragreichen Begegnung zwischen
Claude Lévi-Strauss und Roman Jakobson 1942 in New York.
Aus einem Mißverständnis geboren, gipfelt diese Freundschaft in
der Gemeinsamkeit ihrer beider Werke, die der gleichen denkeri-
schen und methodischen Bewegung zugehören. Denn auch wenn
Jakobson sich in seiner Erwartung getäuscht sah, mit Lévi-
Strauss die Nächte durchzechen zu können, hat dies dem Ein-
vernehmen keinen Abbruch getan. Gegen Ende seines Lebens
schickt Roman Jakobson seinem Freund den Sonderdruck eines
Artikels mit der Widmung: »Meinem Bruder Claude«. Auf der
einen Seite übernimmt Lévi-Strauss das phonologische Modell,
das ihm Jakobson erschließt, auf der anderen öffnet Jakobson die
Sprachwissenschaft für die Anthropologie.
Unter der programmatischen Überschrift »Die gemeinsame
Sprache der Linguisten und der Anthropologen«* hebt Jakobson
die Rolle der mathematischen Kommunikationstheorie und der
Informationstheorie für den Fortschritt der Sprachwissenschaft
seit Saussure und dessen Zeitgenossen Peirce hervor. Man muß
also die Linguistik entschieden für das Feld der Bedeutung öff-
nen, mit dem Versteckspiel zwischen Zeichen und Bedeutung
Schluß machen: »Wir stehen vor der Aufgabe, die sprachlichen
Bedeutungen in die Sprachwissenschaft aufzunehmen.« 2 Ein
weitgestecktes gemeinsames Forschungsprogramm eröffnet sich
also sowohl dem Linguisten als auch dem Anthropologen in der
Kommutation der Codes von einer Sprache zur anderen, die
durch die Isomorphie ihrer internen Strukturen möglich wird. Bei
Inspirator und Wegbereiter: Roman Jakobson 91

Jakobson und Lévi-Strauss findet sich derselbe Wille zum Uni-


versalen : »Der Augenblick ist gekommen, die Frage der univer-
salen Gesetze der Sprache anzuschneiden.« 3 Man erkennt die-
selbe Absicht, sich der Modernität der exakten Wissenschaften
zu versichern. Jakobson vergleicht die jüngeren Entwicklungen
der allgemeinen Sprachwissenschaft, ihren Übergang vom ge-
netischen zum deskriptiven Ansatz, mit der Wandlung der
klassischen Mechanik zur Quantenmechanik: »Die strukturale
Linguistik wie die Quantenmechanik gewinnen an morphischem
Determinismus, was sie an zeitlichem Determinismus verlie-
ren.« 4
Jakobsons Öffnung gegenüber der Anthropologie datiert
übrigens nicht auf seine Begegnung mit Lévi-Strauss. Sie geht
dieser insofern voraus, als Jakobson neben der europäischen
Sprachwissenschaft auch den Errungenschaften einer amerikani-
schen Sprachwissenschaft verpflichtet ist, die auf der Arbeit von
Anthropologen wie Sapir und Boas über die amerikanischen In-
dianersprachen, auf der Ethnolinguistik gründet. Auch diese Tra-
dition hat, aus anderen Gedankengängen als Saussures, den Ak-
zent auf den Vorrang der deskriptiven Erfassung der Sprachen
und den Aufweis ihrer Binnenstruktur gelegt. In der Tat galt es,
den Zusammenhang dieser amerikanischen Indianersprachen
schnellstmöglich zu erkunden, weil ihr rasches Verschwinden
drohte.
Roman Jakobson hat vor seiner Bekanntschaft mit dem ameri-
kanischen Leben bereits einen erstaunlichen Weg hinter sich. Ein
regelrechter Weltenbummler des Strukturalismus, verdankt er
seine zentrale Stellung und seine Ausstrahlung einem Lebenslauf,
der ihn von Moskau über Prag, Kopenhagen, Oslo, Stockholm
und Uppsala nach New York führte, nicht mitgerechnet seine
zahlreichen Reisen nach Paris. Im Nachzeichnen seiner Fahrt-
strecke folgt man zugleich den internationalen Wegen und Um-
wegen des entstehenden strukturalistischen Paradigmas.
92 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Der Moskauer Linguistenkreis

Roman Jakobson wurde am 11. Oktober 1896 in Moskau gebo-


ren. Rasch erweist sich seine Persönlichkeit als jeder Form der
Modernität gegenüber, in der Kunst wie in der Wissenschaft,
aufgeschlossen. In frühen Jahren richtet sich sein Interesse auf
Märchen, die der »eingefleischte Leser« 5 schon mit sechs gierig
verschlingt. Er lernt Französisch und Deutsch, und er entdeckt
die Dichtung: Puschkin, Verlaine, dann Mallarmé — im Alter von
zwölf! 1912 kommt es zum Schock durch eine neue und beson-
ders kreative Bewegung, den Futurismus, dem er sich anschließt.
Er liest die Gedichte von Welemir Chlebnikow, dann von Wladi-
mir Majakowski), mit dem er sich ebenso befreundet wie mit dem
Maler Kasimir Malewitsch: »Ich bin in einem Umfeld von Ma-
lern groß geworden.« 6 Jakobson teilt also mit Lévi-Strauss die
Nähe zur Malerei, die für ihn die stärkste Ausprägung schöpferi-
scher Kultur darstellt.
1915 gründet Jakobson den Moskauer Linguistenkreis, der es
sich zur Aufgabe macht, Linguistik und Poetik zu fördern. Die
erste Sitzung des Kreises findet im Eßzimmer von Jakobsons El-
ternhaus statt. Die Unterhaltung eines solchen Zirkels mitten im
Kriege, unter dem Zarenregime, ist indes gefährlich, weshalb
man ihn bald dem Ausschuß für Dialektologie an der Akademie
der Wissenschaften angliedert. Der Anstoß zum linguistischen
Studium geht bei Jakobson also hauptsächlich von den formalisti-
schen und futuristischen Kreisen aus. Die Anknüpfung an Saus-
sure erfolgt später, da er erst 1920 in Prag auf die GaS stößt. Un-
terdessen macht er die entscheidende Bekanntschaft des Fürsten
Nicolai Trubetzkoy, der ihm ab 1915 von den französischen Ar-
beiten der Meillet-Schule berichtet.
Trubetzkoy, sagt Antoine Meillet, war der führende Kopf der
modernen Linguistik. Er hat ihre entscheidende Erneuerung
durch die Phonologie bewirkt. Vor allem nach 1920 war er Jakob-
son in tiefer Freundschaft verbunden, die bis zu seinem Tod im
Inspirator und Wegbereiter: Roman Jakobson 93

Jahre 1938 anhalten sollte und von einem so dichten und ergiebi-
gen Gedankenaustausch bestimmt war, daß Jakobson äußerte,
gar nicht mehr recht zu wissen, was ihm und was seinem Freund
zukomme: »Es war eine erstaunliche Zusammenarbeit, wir
brauchten einander.« 7 Jakobson liest die Logischen Untersuchun-
gen von Husserl, »der vielleicht den größten Einfluß auf meine
theoretischen Arbeiten genommen hat« 8 . Anfang 1917 wirkt er
in Sankt Petersburg an der Gründung der Gesellschaft zur Erfor-
schung der poetischen Sprache, auf russisch abgekürzt Opojas,
mit. Hier entwickelt er in der Runde der Dichter Eichenbaum,
Polivanov, Jakubinskij und Schklowskij die Beziehungen zwi-
schen Theorie, Poetik und Praxis weiter: »Der linguistische
Aspekt der Poesie wurde in all diesen Unternehmungen bewußt
herausgehoben.« 9
Jakobson verficht damals die Idee der immanenten Untersu-
chung des literarischen Textes und seines inneren Zusammen-
hangs, der ihn über die Summe seiner Teile hinaus zum Ganzen
macht. Auf diese Weise will er die Verbindung zwischen Schöp-
fung und Wissenschaft mittels der Linguistik herstellen, die er in
den Rang einer nomothetischen Wissenschaft zu erheben hofft.
Die poetische Sprache liefert ihm dafür eine gute Ausgangsbasis,
weil sie einen grundsätzlich autotelischen Charakter hat im Un-
terschied zur Alltagssprache, die durch ihrer Eigenlogik äußerli-
che Elemente bestimmt wird und sich somit als zu stark heterote-
lisch geprägt erweist. Dieses formalistische Vorgehen verträgt
sich indes schlecht mit der bleiernen Zeit des Stalinismus, die sich
in den zwanziger und dreißiger Jahren auf Rußland senkt.

Der Prager Kreis

Im Gegensatz zu seinem Freund E. Polivanov, der in Rußland


bleibt, setzt sich Jakobson in die Tschechoslowakei ab, indem er
zunächst als Dolmetscher der sowjetischen Rotkreuzmission
94 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

nach Prag geht. »Es ist also ein Zufall der Geschichte, daß der
Strukturalismus sich im Westen entwickelt hat.« 10 Tatsächlich
hätte er sich in der Sowjetunion entwickeln können, so daß die
Sowjets der Avantgarde der linguistischen Forschungen angehört
hätten. Gewiß, Sprachwissenschaftler wie E. Polivanov blieben,
doch wurden sie mitsamt ihren Werken von den sowjetischen
Machthabern bald liquidiert. Diese Repression zeigt im übrigen
a contrario die Grenzen der formalistischen Thesen auf: Sie führt
den politischen Einsatz des Schreibens vor Augen und wider-
spricht faktisch dem formalistischen Postulat, demzufolge die Li-
teratur keinen anderen Zweck hat als sich selbst und jenseits jedes
historischen Kontextes steht. Jakobson wird Kulturattache an der
sowjetischen Botschaft in Prag dank des Botschafters Antonov,
der unter der Führung Trotzkis an der Einnahme des Winter-
palasts im Oktober 1917 beteiligt war, ein hinlänglich großes
Verbrechen, um wenig später ebenfalls liquidiert zu werden:
»Antonov wird zurückbeordert, zusammen mit allen Botschaftsan-
gehörigen, die, bis hin zu den Büroboten und der Aufwartefrau,
samt und sonders erschossen worden sind.« n
Jakobson langweilt sich in Prag. Deshalb sucht er den Umgang
mit tschechischen Dichtern, und bei ihren Zusammenkünften
übersetzt er ihnen die russischen Dichter ins Tschechische, da die
russische Kultur seinerzeit noch nicht die eines Bruderlandes war.
Bei dieser Lesung der Texte von Gorki, Majakowskij und anderen
auf tschechisch, im Zuge dieser Übersetzungen aus dem Stegreif,
die in leidenschaftliche Diskussionen münden, entdeckt Jakob-
son »plötzlich den Unterschied der Musikalität zwischen den
beiden Sprachen, den Unterschied der Lautung zwischen dem
Russischen und dem Tschechischen, zwei Sprachen, die von ihren
lexikalischen Wurzeln und Grundbestandteilen her einander sehr
nahestehen, aber eine ganz verschiedene phonologische Wahl
aufweisen, die aber wiederum verwandt genug ist, um klarzuma-
chen, daß es nur sehr wenig bedarf, damit die distinktiven Merk-
male wechseln« n.
Inspirator und Wegbereiter: Roman Jakobson 95

So entsteht die strukturale Phonologie aus der Wechselwir-


kung zwischen natürlichen Sprachen, kulturellen Sprachen und
poetischer Sprache. Jakobson trifft auch den Fürsten Nicolai Tru-
betzkoy, den er seit 1915 kennt und der sich vor der russischen
Revolution nach Wien geflüchtet hat. Am 16. Oktober 1926 wird
auf Initiative der Tschechen Vilém Mathesius, J. Mukarovsky, E.
Vachek und der Russen Nicolai Trubetzkoy, Roman Jakobson
und Serge Karcevski der Prager Linguistenkreis gegründet. Hier
werden ab 1929 die Arbeiten dieses Zirkels erscheinen, die ein
ausdrücklich strukturalistisches Programm umreißen: »Er [der
Kreis] hat sich selbst den Namen des Strukturalismus gegeben,
denn sein Grundkonzept ist die Struktur, verstanden als ein dy-
namisches Gesamtes.« 13 Der Prager Kreis siedelt seine Arbeiten
in der Nachfolge Saussures, des russischen Formalismus, Hus-
serls sowie der Gestalttheorie an; darüber hinaus nimmt er Ver-
bindungen zum Wiener Kreis auf. Die »Thesen von 1929« des
Prager Kreises werden für Sprachwissenschaftler mehrerer Gene-
rationen zum Programm. In ihnen wird eine strenge Unterschei-
dung zwischen internem und bekundendem Sprachgebrauch ge-
troffen: »In ihrer sozialen Rolle muß man die Sprache je nach
dem Verhältnis, das zwischen ihr und der außersprachlichen Rea-
lität besteht, unterscheiden. Sie hat entweder eine Funktion der
Mitteilung, das heißt, daß sie auf das Signifikat gerichtet ist, oder
eine poetische Funktion, das heißt, daß sie auf das Zeichen selbst
gerichtet ist.« 14 Der Prager Kreis will sich hauptsächlich der bis
dahin vernachlässigten Erforschung der poetischen Sprache zu-
wenden.
Jakobson, der bis 1939 eine Professur an der Universität von
Brunn innehat, wird als stellvertretender Vorsitzender des Krei-
ses zur Verbreitung des strukturalistischen Programms im We-
sten beitragen, besonders anläßlich des ersten Kongresses der all-
gemeinen Sprachwissenschaft, der vom 10. bis 15. April 1928 in
Den Haag stattfindet. Der Prager Kreis kommt mit sorgfältig
ausgearbeiteten modernistischen Thesen auf diesen Kongreß. So
96 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

werden auf sein Betreiben die ersten beiden Tage theoretischen


Fragen gewidmet: »Zum ersten Mal haben wir den Begriff der
strukturalen und funktionalen Linguistik verwendet. Wir haben
die Frage der Struktur als zentrale Frage gestellt, ohne die in der
Linguistik nichts behandelt werden kann.« 15 Jakobson unterhält
auch ausgezeichnete Beziehungen zum Kopenhagener Kreis, ge-
gründet 1939 von Louis Hjelmslev und Brondal, die beide zu
Vorträgen vor dem Prager Kreis eingeladen werden. Umgekehrt
findet man übrigens Beiträge von Jakobson in der Zeitschrift des
Kopenhagener Kreises, Acta iinguistica, trotz mancher Mei-
nungsverschiedenheiten vor allem mit Hjelmslev, der nach Ja-
kobsons Auffassung mit seiner Absicht, jegliche lautliche und
semantische Substanz aus der Erforschung der Sprache auszuschal-
ten, zu weit gehen wolle.
Doch abermals aufgrund historischer Ereignisse, infolge des
Einmarschs der Nazitruppen in die Tschechoslowakei im Jahre
1939, muß die Zusammenarbeit des Prager und des Kopenhage-
ner Kreises eingestellt werden. Jakobson flüchtet zunächst nach
Dänemark, dann nach Norwegen und nach Schweden. Doch die
Nazitruppen rücken immer weiter nach Westen vor, so daß Ja-
kobson 1941 Europa verlassen und in New York Zuflucht suchen
muß, wo er an der École libre des hautes études lehrt. Nun hatte
sich 1934 parallel zu den europäischen Zirkeln ein New Yorker
Linguistenkreis gebildet. Jakobson kommt also in ein Land, das
seinen Thesen gegenüber aufgeschlossen ist, und die Zeitschrift
Word, die der Kreis 1945 ins Leben ruft, zählt Jakobson zu den
Mitgliedern ihres Redaktionskomitees. Die erste Nummer stellt
übrigens eine Kurzfassung des strukturalistischen Programms
dar, denn sie handelt von den Anwendungen der strukturalen
Analyse in Sprachwissenschaft und Anthropologie. Da Word sich
zum Ziel setzt, die »Zusammenarbeit zwischen amerikanischen
und europäischen Linguisten verschiedener Schulen«16 auszubauen,
dürfte klar sein, daß Jakobson einmal mehr zu den Geeignetsten
gehört, um ein solches Unterfangen zum Erfolg zu führen.
Inspirator und Wegbereiter: Roman Jakobson 97

Grundlegend und fruchtbar sind die zwanziger bis dreißiger


Jahre in Prag. Obgleich der Prager Kreis seine Thesen in eine
Saussuresche Perspektive stellt, geht er doch in mehreren Haupt-
punkten auf Distanz zu dem Genfer Linguisten. Zunächst einmal
faßt der Prager Kreis die Sprache als ein funktionales System auf.
Indes, »das Adjektiv funktional führt eine Teleologie ein, die ihm
[Saussure] fremd und eher von den Bühlerschen Funktionen an-
geregt ist« 17 . Darüber hinaus rücken die Prager Thesen auch vom
Saussureschen Schnitt zwischen Diachronie und Synchronie ab,
da sie diese Zäsur nicht als unüberwindliche Schranke ansehen.
Jakobson wendet sich wiederholt gegen eine solche Spaltungsli-
nie: »Die tatsächliche Synchronie ist dynamisch.« 18 Weitreichen-
der freilich als jedes Sprachmodell wird den rationalen Kern des
Strukturalismus, das Modell der Modelle, die strukturale Phono-
logie bilden.
Für diesen streng phonologischen Bereich ist in Prag der beste
Spezialist Trubetzkoy, der die zum Standardwerk gewordenen
Grundzüge der Phonologie (1939) verfaßt hat. Darin definiert er
den Laut über seine Stellung im phonologischen System; die
Methode besteht in der Ermittlung der lautlichen Oppositionen
über vier distinktive Merkmale: Nasalität, Artikulationspunkt,
Labialisierung und Öffnungsgrad. Somit findet sich Saussures
Prinzip der pertinenten Differenz wieder, die Suche nach perti-
nenten Minimaleinheiten — hier das Phonem. Von Saussure wird
das Wegrücken des Referenten und die Suche nach den inneren
Gesetzen des Sprachcodes übernommen. Die Phonologie hält
sich von jeder außersprachlichen Realität fern. Die von ihr ange-
strebte Beschreibung des Lautmaterials mündet bei Jakobson in
ein Tableau, worin er sämtliche pertinenten Merkmale anhand
von zwölf binären Oppositionen versammelt, die allen Opposi-
tionen in allen Sprachen der Welt Rechnung tragen und so den
Traum von der Universalität erfüllen sollen, von dem die struktu-
ralistische Strömung beseelt ist.19 Kerngedanke des Phonologen
bleibt die Suche nach der Invarianz hinter der Variabilität.
98 Die fünfzigerJahre: die epische Epoche

Gleich der formalen Sprache der Mathematik ist der phonema-


tische Code für Jakobson von vornherein binär, und zwar von
früher Kindheit an. Der Binarismus steht im Mittelpunkt des
phonologischen Systems, in dem sich Ferdinand de Saussures
dichotomisches Denken wiederfindet. Dem Dualismus des
Zeichens zwischen Signifikant und Signifikat, zwischen dem
Sensiblen und dem Intelligiblen entspricht so die Binarität des
phonologischen Systems.

Die Öffnung zur Psychoanalyse

Mit seinen Studien über die Aphasie ist es Jakobson insbesondere


gelungen, das Anwendungsfeld des phonologischen Modells auf
die Psychoanalyse auszudehnen. Er unterscheidet nämlich bei
dieser Sprachstörung zwei Abweichungstypen, was die Möglich-
keit schafft, die Mechanismen des Spracherwerbs und damit des-
sen Eigengesetzlichkeiten nachzuvollziehen und über diese zwei
Formen der Dysfunktion klinische Erkenntnisse zu gewinnen.
Jakobson stellt die Kombination der Zeichen untereinander ge-
gen die Selektion, also die Möglichkeit der Ersetzung eines Terms
durch einen anderen. Damit greift er Saussures Opposition zwi-
schen Syntagma und Assoziation wieder auf: »Beim ersten
Aphasietyp (Ausfall der Selektionsfähigkeit) ist der Kontext ein
unentbehrlicher und entscheidender Faktor. [...] Je mehr die Äu-
ßerungen vom Kontext abhängig sind, desto besser kommt er mit
seiner verbalen Aufgabe zurecht. [...] Es blieb bei diesem Apha-
sietyp [...] nur ein Skelett, die Verbindungsglieder der Kommuni-
kation, übrig.« 20 Diesem Aphasietypus steht derjenige gegen-
über, bei dem der Kranke hingegen an einer Kontextschwäche,
einer Kontiguitätsstörung leidet, was zum Agrammatismus oder
Wortsalat führt. Jakobson verknüpft diese beiden Phänomene
mit den zwei großen Figuren der Rhetorik — der Metapher, die
bei der ersten Art der Aphasie, also der Similaritätsstörung, aus-
Inspirator und Wegbereiter: Roman Jakobson 99

fällt, und der Metonymie, die bei der Kontiguitätsstörung aus-


fällt.
Jacques Lacan, der Jakobson 1950 kennenlernt und zu seinem
Intimus wird, greift auf diese Unterscheidung zurück und be-
zieht sie, um die Funktionsweise des Unbewußten zu erklären,
auf Freuds Begriffe der Verdichtung und der Verschiebung. »Die
Phonologie hat solchen Disziplinen, die in einem Bezug zur
Sprache stehen, als Modell gedient, lauter Disziplinen, die einen
recht schwachen Formalisierungsgrad aufwiesen. Die Phonologie
bot ihnen ein System der Formalisierung nach Paaren, nach O p -
positionen, das ebenso einfach wie verlockend, weil exportierbar
war. Die Phonologie ist der tragende Baustein des Struktura-
lismus.« 21 Wirkliche Verbreitung indes erfuhr dieses Ende der
zwanziger Jahre entwickelte Modell nach dem Zweiten Welt-
krieg; und in Frankreich drang es erst Ende der sechziger Jahre in
die Institutionen vor. Um diese Zeitverschiebung zu verstehen,
muß man sich die Lage der Sprachwissenschaft im Frankreich der
fünfziger Jahren vor Augen führen.
Eine heimatlose Disziplin : die Linguistik

In Frankreich erhält der linguistische Aufbruch, wie er sich in Eu-


ropa in den dreißiger Jahren manifestiert, recht bald Aufwind,
wobei allerdings eine gewisse Schieflage Probleme bereiten wird.
Institutionelle Schwerfälligkeiten werden die universitäre Durch-
setzung der modernen Linguistik bremsen, und diese wird — er-
folglos — das Bollwerk Sorbonne belagern. Es wird eine regel-
rechte Einkesselungsstrategie vonnöten sein, um eine Partie zu
gewinnen, die sich um so schwieriger gestaltet, als die Mandarine
fest etabliert sind.
Der Kreis der französischen Sprachwissenschaftler, aus dem
die Persönlichkeit Antoine Meillets herausragt, der über die So-
ciété de linguistique sowie ein dazugehöriges Bulletin verfügt,
hält sich über die vonstattengehende Revolution durchaus auf
dem laufenden. Wenn auch die Informationen ankommen, rüh-
ren sie doch kaum an den Beschäftigungen von Forschern, die
von ihrer klassischen Aufgabe durchdrungen und in den Schwer-
fälligkeiten der Altsprachentraditionen befangen sind. Die Mo-
dernität der strukturalen Methoden hat mithin Schwierigkeiten,
in ein Milieu vorzudringen, das im Prinzip aufgeschlossen ist und
dem — mit Antoine Meillet, Grammont oder Vendryes — auch
Saussure-Schüler angehören, freilich mehr vom komparatisti-
schen Saussure des ausgehenden 19. Jahrhunderts als vom Saus-
sure der GaS geprägte.
Die Universität hingegen ist von solchen Beschäftigungen
völlig abgeschnitten, und ihr Schlaf wird trotz wiederholten
Wachrütteins noch lange währen. Was die Sprachwissenschaft
in Frankreich in den dreißiger Jahren gekennzeichnet hat, ent-
Eine heimatlose Disziplin: die Linguistik 101

spricht bereits recht genau dem, was das Gebäude 1968 zum Ein-
sturz bringen wird: die Zentralität. In diesem Bereich scheint die
Autorität von Antoine Meillet unangefochten gewesen zu sein.
Von einigen Ausnahmen abgesehen, bestimmten damals klassi-
sche Maßgaben die Ausbildungsgänge und damit auch die Aus-
richtungen. Die Sprachwissenschaftler waren damals vornehm-
lich agrégés in Grammatik, also Vertreter einer traditionellen
Sprachwissenschaft. Es gibt allerdings untypische Fälle wie Guil-
laume, der in der Enklave der Modernität, die die École des
hautes études bildet, zahlreiche Schüler um sich scharen wird:
»Guillaume ist ein interessanter Fall. Er war eigentlich Bankange-
stellter und kam ganz von sich aus auf sprachwissenschaftliche
Probleme. Meillet verschaffte ihm von 1919 bis 1920 einen Lehr-
auftrag an der École des hautes études.« 1 Auch Georges Gougen-
heims 1939 erschienene Arbeit Système grammatical de la langue
française beschritt ganz neue Wege. Wer jedoch in dieser Zeit das
klassische Curriculum der agrégation durchläuft, hat alle Aus-
sichten, das in der Sprachwissenschaft aufkeimende strukturale
Phänomen zu verpassen.
Hat also die Neuerung es schwer, sich vor dem Krieg durchzu-
setzen, wie steht es dann in den fünfziger Jahren ? Frankreichs
Rückständigkeit nimmt zu, und zwischen der Sorbonne und den
wenigen Stellen, an denen die linguistische Forschung vorange-
trieben wird, tut sich nach wie vor eine unüberbrückbare Kluft
auf. André Martinet, der Bewegung in die Landschaft hätte brin-
gen können, befindet sich bis 1955 in den Vereinigten Staaten.
Überdies gerät Frankreich unter anderem durch das Ableben von
Antoine Meillet im Jahre 1936 und den Tod von Edouard Pichon
1940 gegenüber dem übrigen Europa und den Vereinigten Staaten
noch mehr ins Hintertreffen. Wenn auch der Einzug von R. L.
Wagner an der Sorbonne Hoffnung auf Erneuerung schafft, so
sind diesem enge Grenzen gesetzt, da er einen Lehrstuhl für Alt-
französisch innehat. R. L. Wagner klagt: »Es ist natürlich anor-
mal, daß Frankreich das Land in Europa ist, in dem das Studium
102 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

der französischen Sprachwissenschaft bei denjenigen, deren Auf-


gabe das Unterrichten des Französischen ist oder sein wird, am
wenigsten Anklang findet.« 2 Dennoch gibt es vereinzelt Ge-
lehrte, die — noch recht isolierte — Pole der Erneuerung bilden.
Dies gilt etwa für Marcel Cohen, der an den Langues orientales
und den Hautes études Äthiopisch unterrichtet : »Er war schon
vor 1950 der für Neuerungen empfänglichste Sprachwissen-
schaftler [...]. Cohen ist für mich eine sehr wichtige und anre-
gende Leitfigur gewesen.« 3
Jene, denen Ende der sechziger Jahre die Durchsetzung des
Wandels gelingt, standen damals mehrheitlich bereits mitten in
der Ausbildung und hatten somit überwiegend den klassischen
Bildungsgang absolviert. Da sind vor allem die Französischabsol-
venten, agrégés der Grammatik wie Jean-Claude Chevalier, Jean
Dubois oder Michel Arrivé. Für sie kam es erst spät zur Begeg-
nung mit der modernen Linguistik, die in ihrer Ausbildung nicht
vorkam. Jean Dubois, der seine agrégation in Grammatik 1945 er-
hielt, hört erst 1958 von Saussure. Dabei hatte er regelmäßig
Lehrveranstaltungen in Philologie besucht, die indes von der all-
gemeinen Sprachwissenschaft völlig abgeschnitten war: »Klassi-
ker wie ich, die ihre agrégation in Grammatik abgelegt haben,
kannten die Linguistik nicht.« 4
Dagegen stand, wer kein Französisch studierte, dem Klassizis-
mus ferner und konnte die moderne Linguistik entdecken, sei es
am Collège de France, an der École des hautes études oder am In-
stitut de linguistique. Dies war zum Beispiel bei Bernard Pottier
oder Antoine Culioli der Fall. Die Fundamente für die künftige
Revolution wurden also in — verglichen mit dem Universitätsbe-
trieb — marginalen Enklaven gelegt: »Es reizte mich von Anfang
an, Linguist zu werden [...]. Ich begann an der Sorbonne mit ex-
perimenteller Phonetik bei Fouché. Ausgebildet habe ich mich
vor allem an der École des hautes études: Dorthin ging ich 1944
und die Jahre danach, sehr unregelmäßig dann bis 1955.«5 Hat
Bernard Pottier sich schon recht früh an linguistischen Aktivitä-
Eine heimatlose Disziplin: die Linguistik 103

ten und Publikationen beteiligt, so konnte er sich dieses neue


Feld als Hispanist erschließen. Und Antoine Culioli kam wie An-
dre Martinet als Anglist zur Linguistik.
Mitte der fünfziger Jahre beginnt also eine junge Linguistenge-
neration, im Universitätsbereich Fuß zu fassen, dies allerdings
noch an der Peripherie, wenn man einmal von Jean-Claude Che-
valier absieht, der 1954 zum jüngsten Assistenten der Sorbonne
aufrückt. Bernard Pottier wird 1955 Dozent in Bordeaux, Jean
Perrot erhält einen Lehrauftrag in Montpellier, Antoine Culioli
und Jean Dubois treten am CNRS an. André Martinet kehrt
aus den Vereinigten Staaten zurück und übernimmt die Stelle
von Michel Lejeune an der Sorbonne. Doch das Zertifikat der
allgemeinen Sprachwissenschaft — für dieses Fach ist Martinet
zuständig — ist lediglich als Wahlfach zur Erlangung des vierten
/icewce-Zertifikats in Fremdsprachen vorgesehen.

Die Peripherie umschließt das Zentrum

Die Druckwelle des Neuen kommt, da sich in Paris nichts tut, aus
der Provinz, und schrittweise umschließt der Feldzug vom Lande
die Sorbonne, den Schlußstein des französischen Universitätsge-
bäudes. Übrigens hat bei dieser Eroberung die Administration
eine treibende Rolle gespielt, denn der Direktor des Hochschul-
wesens selbst, Gaston Berger, schuf 1955 bis 1956 die ersten
sprachwissenschaftlichen Forschungsinstitute innerhalb der Uni-
versität.
In Straßburg gründete Gaston Berger das Zentrum für roma-
nische Philologie, wo Imbs und später Georges Straka zahlreiche
internationale Kolloquien veranstalteten, so daß die französi-
schen Linguisten sich über die modernsten Forschungen infor-
mieren und mit der Veröffentlichung der Kolloquiumsbeiträge
den letzten Forschungsstand bekanntgeben konnten. So findet
sich seit 1956 in Straßburg mit den Forschern des Zentrums eine
104 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

internationale Gemeinschaft zum Thema der »aktuellen Tenden-


zen der strukturalen Linguistik« zusammen, darunter Georges
Gougenheim, Louis Hjelmslev, André Martinet und Knud To-
geby.
Ebenfalls Mitte der fünfziger Jahre gründet sein Direktor,
Gaston Berger, auch ein Zentrum für Lexikologie in Besançon,
wo seit 1950 der Lexikologe Bernard Quémada lehrt. Dieser baut
Besançon zu einer besonders aktiven Schaltstelle auf. Er erweitert
den lexikologischen Fachbereich zunächst um eine Sprachschule,
dann um ein Institut für angewandte Linguistik, das »im Som-
mer, häufig acht Wochen lang, bis zu 2200 Lehrgangsteilneh-
mer« 6 versammelt. Das Ausbildungszentrum gestattet nicht nur
die Verbreitung der neuen Methoden, sondern stellt auch zusätz-
liche Mittel bereit, mit denen sich vermehrt Podiumsgespräche
veranstalten lassen. Dazu lädt Bernard Quémada die ganze junge
Linguistengeneration nach Besançon ein: Henri Mitterand wird
sein Assistent, und das Zentrum bekommt Besuch von Algirdas
Julien Greimas, Jean Dubois, Henri Meschonnic, Guilbert,
Wagner und — als die Mythen des Alltags erscheinen — Roland
Barthes. Diese hochgradige Aktivität wird selbstverständlich an
der Sorbonne nicht zur Kenntnis genommen, beginnt aber, mit
Publikationen auf sich aufmerksam zu machen. Quémada über-
nimmt die Leitung der Cahiers de lexicologie, die 1959 in einer
Auflage von tausendfünfhundert Exemplaren herausgebracht
werden. Diese Zeitschrift richtet sich bereits an ein breites Publi-
kum: »Ich war davon überzeugt, daß das Fachgebiet der Lexiko-
logie ein Knotenpunkt war, der nicht nur die Linguisten interes-
sierte, sondern auch Vertreter vieler anderer Gebiete —
Literaturwissenschaftler, Historiker, Philosophen, Militärs.« 7
Im Zuge seiner Aktivitäten in Besançon bringt Bernard
Quémada, der talentierte Chef des Unternehmens »strukturale
Linguistik«, 1960 eine weitere Zeitschrift heraus, Études de
linguistique appliquée, wiederum in einer Auflage von tausend-
fünfhundert Stück und mit Unterstützung des überregionalen
Eine heimatlose Disziplin: die Linguistik 105

Verlegers Didier. Gaston Bergers Idee, die Sorbonne — die die


Gründung solcher Forschungszentren abgelehnt hatte — zu um-
gehen, nimmt ihren Weg und ermöglicht dem jungen Assistenten
Jean-Claude Chevalier die Aufhebung seiner Isolation an dieser
altehrwürdigen Anstalt, indem er sich an den zahlreichen entste-
henden Arbeitsgruppen beteiligt. Im CERM [Centre d'étude et
de recherche marxiste, A. d. Ü.] sieht er die der KPF angehören-
den Linguisten Jean Dubois, Henri Mitterand und Antoine Cu-
lioli wieder, und er reist öfter nach Besançon: »Wir sahen uns
dort alle in den Ferien; da waren dann Barthes, Dubois, Greimas
usw. Dort erfuhren wir auch Neuigkeiten von den amerikani-
schen Kollegen.« 8
Während sich in den Kreisen der Sprachwissenschaftler ein ge-
wisser Aufbruch bemerkbar macht, dringen die strukturalen Me-
thoden ungleich schwerer zu den Literaturwissenschaftlern vor,
die im Kernbereich der klassischen Humaniora stehen und jeg-
liche Evokation logischer oder wissenschaftlicher Ordnung im
literarischen Feld für zutiefst unangebracht halten: »Paradoxer-
weise kann man sagen, daß gerade die systematische Überbewer-
tung der Literatur, des bevorzugten und ausschließlich in Form
der Literaturgeschichte vermittelten Gegenstands des Sekundar-
und Universitätsunterrichts vor 1955/60 die Erneuerung durch
eine wirkliche Reflexion verhindert hat.« 9
Allerdings finden sich auch auf dem Gebiet der Analyse litera-
rischer Texte ein paar einzelgängerische Neuerer wie R Guiraud,
der 1960 zum Lütticher Kolloquium zur modernen Literatur ei-
nen Vortrag mit dem Titel »Für eine Sémiologie der poetischen
Äußerung« beigesteuert hat. Leo Spitzer, gleichfalls Teilnehmer
dieses Kolloquiums, unterscheidet drei Gründe für die französi-
sche Verzögerung: erstens die Beschränktheit der französischen
Akademiker, die die Arbeiten der russischen Formalisten, der an-
gelsächsischen Neuen Kritik sowie der deutschen Forschung
nicht zur Kenntnis nehmen; zweitens das Übergewicht der gene-
tischen Studien, der traditionellen Literaturgeschichte; drittens
106 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

die verschulte, didaktische Praxis der Textexplikation. Diesen


drei Gründen fügt Philippe Hamon einen vierten hinzu: »Eine
beinahe gänzliche Unkenntnis der Linguistik als autonomer
Disziplin.« 10 Man muß folglich warten, bis sich die Linguistik
durchgesetzt hat, ehe ein neuer Ansatz der Literaturbetrachtung
zustande kommt. Dies geschieht nicht vor 1960, abgesehen
allerdings von wichtigen Einzelfällen wie Roland Barthes, der die
beiden Disziplinen mit unmittelbarem und spektakulärem Erfolg
zusammengeführt hat: »Ich erinnere mich an Gespräche mit Ro-
land Barthes in den fünfziger Jahren, wo er sagte, daß man unbe-
dingt Saussure lesen müsse.« n

Der Durchbruch in Frankreich : André Martinet

In den fünfziger Jahren überragt eine Persönlichkeit die Lingui-


stik in Frankreich — André Martinet. Agrégé in Grammatik, wird
ihm 1928 der interessante Vorschlag von Vendryes gemacht, Jes-
persens Language zu übersetzen. Dieses Vorhaben führt ihn nach
Dänemark, wo er Jespersen und Hjelmslev begegnet. 1933 veröf-
fentlicht er seinen ersten Artikel im Bulletin de la société de lin-
guistique und wirkt bereits als Neuerer in seinem künftigen Spe-
zialgebiet, der Phonologie. 1936 wird er von den Travaux du
Cercle linguistique de Prague verlegt und arbeitet mit Trubetzkoy
zusammen. Martinet nimmt also aktiv an der Erneuerung der eu-
ropäischen Linguistik der dreißiger Jahre teil, was ihm 1937 die
Berufung auf einen neuen, für ihn geschaffenen Lehrstuhl der
Phonologie an der École des hautes études einträgt.
Indes wird ihn Krieg ins Exil führen, doch nicht 1941, wie Ja-
kobson, sondern 1946, denn paradoxerweise ist es die Befreiung,
die ihn zur Abreise nötigt. Nicht, daß er sich etwas vorzuwerfen
gehabt hätte, er war sogar Gefangener der Deutschen gewesen,
aber er hatte eine Schwedin geheiratet, die mit den Deutschen kol-
laboriert hatte, so daß er sich von seinen familiären und heimatli-
Eine heimatlose Disziplin: die Linguistik 107

chen Wurzeln lösen mußte. In New York empfängt ihn der Exu-
lant Roman Jakobson. Martinet übernimmt sodann eine beson-
ders wichtige Aufgabe, die Herausgabe der größten sprachwis-
senschaftlichen Zeitschrift der Vereinigten Staaten: Word, die
Zeitschrift des New Yorker Linguistenkreises. Durch Zufall war
Martinet an eine Nahtstelle im Zentrum Europas gekommen, als
dieses die Avantgarde bildete. Jetzt kann er an der Seite Jakobsons
die Brücke zur angelsächsischen Linguistik schlagen, denn er un-
terrichtet von 1947 bis 1955 am sprachwissenschaftlichen Seminar
der New Yorker Columbia University, dessen Direktor er ist.
Als er 1955 nach Frankreich zurückkehrte, war er daher in Lin-
guistenkreisen weltbekannt. Der Empfang, den man ihm dort be-
reitete, zeigt, welch marginale Bedeutung man der Linguistik sei-
nerzeit zumaß. »Bei seiner Ankunft in Frankreich war er in einer
schwierigen Lage. Ich erinnere mich noch sehr gut — ich war da-
mals Assistent an der Sorbonne —, daß er den Literaturwissen-
schaftlern und Historikern dort als mißliebiger und skandalöser
Erneuerer erschien, als ein Anti-Humanist, den es herauszudrän-
gen galt.« n Trotz seines Ansehens muß Martinet in Wut geraten
sein und mit der Niederlegung seines Amtes gedroht haben, falls
er nicht zum ordentlichen Professor an der Sorbonne ernannt
würde. Im Ankunftsjahr gibt er auch sein Hauptwerk, Économie
des changements phonétiques, heraus. Darin tritt er für einen lin-
guistischen Ansatz ein, der dynamischer erscheint als Saussures
Auffassung und vom Prager Kreis die Betonung der Kommuni-
kationsfunktion der Sprache übernimmt: »Das kommt aus Prag.
Der große Gedanke ist der der Pertinenz. Jede Wissenschaft
gründet sich auf eine Pertinenz. Eine Wissenschaft kann sich nur
dann unabhängig von einer Metaphysik entwickeln, wenn man
sich auf einen Aspekt der Realität allein konzentriert. [...] Da die
Linguistik nun einmal der Kommunikation dient, sind wir im-
stande zu wissen, wonach der Linguist suchen muß. [...] Es hat
keinen Sinn, in der Linguistik Strukturalismus zu betreiben,
wenn dies nicht funktional geschieht.« 13
108 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Martinet konzentriert also seine Untersuchung auf die von der


Sprache (langue) ermöglichten Wahlen, und zwar zunächst von
einem syntagmatischen Ansatz ausgehend, der es erlaubt, das In-
ventar der Möglichkeiten festzulegen, ehe man in einem zweiten
Schritt die paradigmatische Analyse angeht. Wenngleich Martinet
die linguistische Untersuchung für das Soziale öffnet, indem er
die Kommunikationsfunktion als ihre eigentliche Identität be-
trachtet, trennt ihn doch seine restriktive Festlegung der Eigenart
der linguistischen Arbeit, die im Studium der Sprache durch und
für sich selbst besteht, scharf von den anderen Sozialwissenschaf-
ten und begrenzt ihn auf das enge Terrain des Beschreibens der
Funktionsweisen der Sprachen. Martinet bemüht sich also um die
Eingrenzung der distinktiven Grundeinheiten der Sprache, die er
als Moneme (Einheiten der ersten Gliederung) und Phoneme
(Einheiten der zweiten Gliederung) bezeichnet. Diese Beschrei-
bungsregeln kodifiziert er in den Grundzügen der allgemeinen
Sprachwissenschaft, die international zum Bestseller der sechziger
Jahre werden. 14

Ein unkonventioneller Werdegang :


André-Georges Haudricourt

Ein weiterer großer französischer Linguist, ein Autodidakt im


wesentlichen, zeugt mit seinem recht wechselhaften Werdegang
und seiner ständigen Außenseiterstellung von den Schwierigkei-
ten der Linguistik, in Frankreich Wurzeln zu schlagen, und von
den Dürrezeiten, die sie durchmachen muß, um sich zu entwik-
keln. Die Rede ist von André-Georges Haudricourt, von dem der
Prager Kreis 1939 einen Artikel zur Phonologie herausbrachte,
im Vergleich zu unseren klassischen Grammatikern eine eigenar-
tige Persönlichkeit. Bis vierzehn setzt er keinen Fuß in die Schule,
sondern lebt auf dem Bauernhof der Familie im Pikardischen, ab-
seits der urbanen Welt. Die Rechtschreibung erlernt er bei der
Eine heimatlose Disziplin : die L inguistik 109

Witwe des Schullehrers aus dem Nachbarort und besteht sein


Abitur beim siebenten Anlauf, um dann ein Studium der Agro-
nomie aufzunehmen; 1931 wird er Diplomlandwirt, aber diese
Wissenschaft ist ihm auf immer verleidet. Drei Persönlichkeiten
werden ihm viel bedeuten: Marcel Mauss, »der mich gebändigt
hat« 15 , Marc Bloch, der 1936 in den Annales seinen ersten Artikel
publiziert, und Marcel Cohen, sein Lehrmeister, der zu seinem
Freund wird. Als Cohen in den Maquis geht und seine Biblio-
thek, um sie vor den Deutschen zu retten, Haudricourt vermacht
— »>Holen Sie sich die Bücher, die Sie gebrauchen können.< Ich
ging dann mit Weidentaschen nach Viroflay, um diese Bücher zu
holen« 16 —, legt der künftige Linguist seine Vorräte an.
Von nun an verlegt er sich von der Botanik auf die Sprachwis-
senschaft, wechselt das Fachgebiet am CNRS. Haudricourt sie-
delt sich in der Nachfolge von Antoine Meillet an : »Die Lingui-
stik habe ich bei Meillet erlernt.« 17 Aber er erkennt keinerlei
wissenschaftliche Autorität an, weder bei Saussure — »diesem ar-
men alkoholkranken Schweizer, der am Delirium tremens starb,
wie grotesk!« — noch bei Jakobson, »diesem Hanswurst aus
Moskau, sehr sympathisch, der aber das Blaue vom Himmel er-
zählte« 18. Haudricourt selbst bleibt Komparatist und steht, wie
Meillet, einem historischen Verfahren sehr nahe.
Mit André Martinet teilt er eine funktionalistische und dia-
chronische Sprachauffassung. Wo Martinet zahlreiche Doktorar-
beiten über die afrikanischen Sprachen betreut hat, hat Haudri-
court die Rekonstruktion vieler asiatischer Sprachen ermöglicht.
Aus seinem Interesse für Botanik wie Linguistik gewinnt er einen
konkreten Zugang zur Sprache und stellt sich gegen den vom
Sozialen abgeschnittenen logisch-mathematischen Formalismus.
Haudricourt, diese Persönlichkeit außerhalb der Norm, betrach-
tet sich als Erfinder der Phonologie: »Martinet wäre fuchsteu-
felswild, aber, verstehen Sie, die Phonologie habe ich selber er-
funden.« 19 Der Linguistik in Frankreich fehlt es also durchaus
nicht an Pionieren, und doch bleibt sie mangels ausreichend soli-
110 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

der wissenschaftlicher und institutioneller Legitimation in den


fünfziger Jahren eine Randerscheinung. Dieser Rückstand erklärt
die Fieberhaftigkeit, die später an den Tag gelegt wird, und auch
eine gewisse Leichtgläubigkeit bei der Entdeckung von Theorien,
die man mit der Äußerung des Allermodernsten identifiziert,
während sie häufig schon dabei sind, überholt zu sein.
Die Tore von Alexandria

Zwar bleibt die Sorbonne in den fünfziger Jahren ein uneinnehmba-


res Bollwerk, aber die Erneuerungen brechen sich auf gewundenen
Wegen Bahn. So muß man sich bis ans Tor des Orients, nach Alexan-
dria begeben, um einen der wichtigen Drehpunkte des struktu-
ralistischen Paradigmas zu finden. Dort lebt der bedeutende,
aus Litauen stammende und in Frankreich ausgebildete Sprachwis-
senschaftler Algirdas Julien Greimas. Er wurde 1917 geboren und
kam vor dem Krieg zum Studium der Philologie nach Grenoble.
Seine Hochschullehrer sind Statthalter einer klassischen, Saussures
Thesen gegenüber feindseligen Sprachwissenschaft. Einer der ihren,
Durrafour, versteigt sich 1939 gar dazu, Trubetzkoy mit Tino Rossi
zu vergleichen, um seiner mit zahlreichen Amerikanern durchsetz-
ten Hörerschaft die Bedeutung des Bestimmungsworts »con« [hier:
»Trottel«, A.d.Ü.] zu verdeutlichen. Doch Greimas behält diese
Aneignung der sprachwissenschaftlichen Methoden des 19. Jahr-
hunderts in ausgezeichneter Erinnerung. Anschließend muß er zu-
rück in sein Heimatland, wo er zunächst unter russischer, dann un-
ter deutscher Besatzung die Kriegszeit verbringt. 1945 findet er den
Weg nach Frankreich zurück, um dort sein Doktorat abzulegen. Ihn
erbittert die schwache Dynamik der Sprachwissenschaft in Paris,
weshalb er dem Großteil der Lehren keine Beachtung mehr schenkt
und sich seiner von Charles Bruneau betreuten Dissertation über
das Vokabular der Mode widmet. Bereits in der unmittelbaren
Nachkriegszeit bildet sich in Paris ein kleiner Zirkel mit Algirdas Ju-
lien Greimas, Georges Matoré und Bernard Quémada, der Saus-
sures Werk entdeckt und es sich mit dem Ziel erarbeitet, eine neue
Disziplin, die Lexikologie zu gründen.
112 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

1949 wird Greimas Lektor in Alexandria. »Es war eine große


Enttäuschung. Ich dachte, wir würden die Bibliothek vorfinden,
aber da war gar nichts!«* Doch aus der ägyptischen Wüste geht
eine tatkräftige Gruppe um Greimas und Charles Singevin her-
vor. Mangels Büchern versammelt sich von 1949 bis 1958 eine
Zehnerschar europäischer Forscher mindestens einmal wöchent-
lich um eine Flasche Whisky. Aber »worüber wollen Sie mitein-
ander reden, wenn Sie einen Philosophen, einen Soziologen,
einen Historiker und einen Sprachwissenschaftler versammelt
haben: Einziges denkbares gemeinsames Thema ist die Episte-
mologie. Ich erinnere mich, daß ich das Wort aufgebracht habe,
denn anfangs machte man sich über mich lustig, weil keiner rich-
tig wußte, was es bedeutete. In Mode war die Phänomenologie.
Man betrieb die Phänomenologie von egal was.« 2
Nun kommt es in Alexandria zu der entscheidenden Begeg-
nung zwischen Greimas und dem künftigen Star des Strukturalis-
mus, Roland Barthes, aus der eine enge Einvernehmlichkeit und
Freundschaft erwächst. Greimas rät Barthes, der zum gleichen
Zeitpunkt nach Ägypten gekommen ist, Saussure und Hjelmslev
zu lesen. Seinerseits gibt Barthes Greimas den Anfang dessen zu
lesen, was einmal Micheletpar lui-même werden wird: »>Ausge-
zeichnet<, meint Greimas dazu, >aber Sie könnten Saussure gut
gebrauchend >Wer ist Saussure ?<, fragt Barthes. >Was, Sie kennen
Saussure nicht? Das ist ja unmöglich<, erwidert Greimas ent-
schieden.« 3 Zwar kann sich Barthes wegen seiner Lungenpro-
bleme nicht länger in Alexandria aufhalten, aber die Taste ist an-
geschlagen, und Greimas, der jeden Sommer nach Paris fährt,
verliert seinen Freund Barthes nicht aus den Augen. Im übrigen
übt er auf ihn einen so weitreichenden Einfluß aus, daß Charles
Singevin sagen konnte : »So wie der heilige Paulus ein Damaskus-
erlebnis hatte, hatte Barthes ein Greimaserlebnis.« 4 Greimas ist
also für die moderne Linguistik gewonnen und sieht sich in der
Tradition des von Saussure gezogenen Schnitts. Besonders at-
traktiv sind für ihn in dieser Hinsicht die Arbeiten des Kopenha-
Die Tore von Alexandria 113

gener Linguistenkreises, namentlich die Hjelmslevs, den er als


einzigen treuen Nachfolger der Lehren des Genfer Meisters be-
zeichnet hat : »Der wahre, vielleicht der einzige Weiterentwickler
Saussures, der seine Absichten zu verdeutlichen und auszufor-
mulieren wußte.« 5

Die Nachfahren Hjelmslevs

Greimas sieht also in Hjelmslev in mehrfacher Hinsicht den


wahren Begründer der modernen Linguistik: wegen seiner sehr
engen Auslegung der Sprache {langue), die auf einen Bauplan re-
duziert wird, wegen seiner Verschärfung des Saussureschen
Schnitts, wegen der ausgeprägteren Axiomatisierung seines Ver-
fahrens, aber auch wegen seines Bestrebens, die Methode auf ein
weitgestecktes semiotisches Feld auszudehnen, das über das Ter-
rain der Linguistik im strengen Sinne hinausgeht. Hjelmslev defi-
niert eine neue Disziplin, die er Glossematik nennt und die er in
die Tradition Saussures stellt. Er betont die Ausgrenzung jeder
außersprachlichen Realität, um die Anstrengung des Linguisten
auf das Erforschen einer Struktur zu konzentrieren, die der inne-
ren Ordnung der Sprache zugrunde liegt und von jeder Referenz
auf die Erfahrung unabhängig ist.
Hjelmslev definiert sein Projekt 1943 in den Prolegomena to a
Theorie ofLanguage, aber in Frankreich liegt das Werk erst 1968
übersetzt vor. Unterdessen finden dort seine Gedanken vor allem
durch Greimas und Barthes Verbreitung. Hjelmslev modifiziert
Saussures Termini, indem er die Differenz von Signifikant und Si-
gnifikat in Ausdruck (Signifikant) und Inhalt (Signifikat) umfor-
muliert. Diese semantischen Verschiebungen gehorchen dem
Wunsch, die beiden Analyseebenen voneinander zu trennen, so
daß die Struktur als von dem trennbar gedacht werden kann, was
sie strukturiert, und sich damit auf eine rein formale Ebene brin-
gen läßt: »Allein durch die Typologie erhebt sich die Linguistik
114 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

zu ganz allgemeinen Gesichtspunkten und wird zu einer Wissen-


schaft.« 6
Mehr als bei Saussure spielt hier das Modell der Mathematik
im Streben nach Wissenschaftlichkeit eine zentrale Rolle. Die je-
dem sprachlichen Text zugrundeliegende Struktur muß durch
Abstraktion wiedergefunden werden, anhand eines Codes, der
eine Kombination von Assoziationen, von Kommutationen ist.
Die Glossematik nimmt sich die logischen Theorien zum Modell
und läuft damit Gefahr, die Linguistik als allgemeine Epistemolo-
gie und Sonderfall eines globalen logischen Verfahrens unverse-
hens auf eine Ontologisierung der zugrundeliegenden Struktur
zugleiten zu lassen: »Es ist nicht deutlich zu erkennen, ob diese
Algebra zur hypothetisch-deduktiven Stufe der Untersuchung
gehört oder ob sie Teil der Funktionsweise der Sprache selbst
ist.« 7 Die von Hjelmslev aufgestellten logischen Reduktionsprin-
zipien tragen vorerst zum Erfolg des Formalismus in Europa bei,
ob in Deutschland mit der Entdeckung des Barock, in Frankreich
mit der Entdeckung der romanischen Kunst durch Focillon oder
in Rußland mit Propp : Ein und dieselbe Episteme verbindet alle
diese formalen Untersuchungen. Später erfährt Hjelmslev weite
Verbreitung in Frankreich, wo die »linguistische Fata Morgana«
und der wissenschaftliche Ehrgeiz in den Humanwissenschaften
während der sechziger Jahre besonders verbreitet sind. Von der
umfassendsten Konzeptualisierung, der des Wiener Kreises mit
Rudolf Carnap und Ludwig Wittgenstein, her, verfiel man rasch
auf den Gedanken einer möglichen Mathematisierung des Ge-
samtfeldes der Wissenschaften vom Menschen. Hjelmslev hat
dieser einigermaßen illusorischen Hoffnung durch eine immer
stärkere mathematische Reduzierung des linguistischen Sachver-
halts Nahrung gegeben, indem er postulierte, daß jede andere
Realität als die der innersprachlichen Beziehungen aus einer »me-
taphysischen Hypothese [rühre], von der sich zu befreien für die
Sprachwissenschaft nützlich sein wird« 8 . Hjelmslev hat die Logik
der Abstraktion bis ans Ende, bis in die Errichtung einer in sich
Die Tore von Alexandria 115

geschlossenen Scholastik getrieben — und eben diese Ausrich-


tung hat sich offensichtlich durchgesetzt.
Doch wurden im Kopenhagener Kreis auch andere Auffas-
sungen vertreten. Viggo Brondal, Hjelmslevs feindlicher älterer
Fachgenosse, bietet zum gleichen Zeitpunkt eine etwas andere
Orientierung einer gleichwohl auf Strenge, auf Struktur bedach-
ten Linguistik, die jedoch »gleichzeitig der Geschichte und der
Bewegung offensteht: Es gab bei ihm einen ganzen dynamischen
Teil, der darauf abhob, daß die Sprachtatsachen in ihrer Entwick-
lung und nicht innerhalb eines geschlossenen Systems begriffen
werden mußten.« 9 Das System der innersprachlichen Beziehun-
gen reicht nach Brondal nicht aus, um die erschöpfende Erfas-
sung zu leisten, die Hjelmslev mit einem rein immanenten Ansatz
zu erreichen gedachte. Im Gegenteil ist Totalität, wie bei Benvé-
niste, für Brondal ein offener Begriff. Indes, »es gibt Perioden, in
denen die härtesten Auffassungen den Sieg davontragen, und das
war bei Hjelmslev gegenüber Brondal der Fall«10. Zwar verläuft
die Hjelmslevsche Rezeption unbestreitbar über Greimas, für
den alles von der Glossematik ausgeht, aber André Martinet
hatte Hjelmslev bereits Anfang der dreißiger Jahre kennen-
gelernt, als er Jespersen in Kopenhagen aufsuchen mußte : »Wir
sind bis zu seinem Tod in Kontakt geblieben.« n Anfangs unter-
hielten die beiden sogar recht enge Verbindungen, und Martinet
riet Hjelmslev 1935 auf dem Londoner Phonetik-Kongreß, wo
dieser seine Thesen als »Phonematik« vorstellte, eine andere Be-
zeichnung zu wählen : »Ich habe ihm gesagt, nein, mein Lieber,
das kann keine Phonematik sein, weil es dabei nicht um Substanz
geht. Es darf nichts mit >Phon< dabeisein. [...] Im Jahr darauf hat
er es dann Glossematik genannt. [...] Ich bekam seine Arbeit nach
dem Krieg und habe Blut und Wasser geschwitzt, um sie zu be-
greifen.« 12
Martinet, der Erbe der Prager Schule, gegen die Hjelmslev, der
Trubetzkoy haßte, eine andere Theorie aufzustellen versucht hat,
konnte diesen antifunktionalistischen Auffassungen nicht bei-
116 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

pflichten. Nichtsdestoweniger stellte er Hjelmslevs bis zu ihrer


späten Übersetzung unbekannt gebliebene Thesen an der Sor-
bonne vor. Er spielte also paradoxerweise eine wichtige Rolle bei
der Verbreitung von Hjelmslevs Werk, dem er indes in keiner
Weise anhing: »Die Übersetzung der Prolegomenakam spät. Erst
1968 bekamen wir Zugang zum Text auf französisch. Ich erfuhr
zum ersten Mal von dem Buch durch die Besprechung, die Marti-
net darüber geschrieben hatte« 13 , bezeugt Serge Martin 14 , der die
Hjelmslevschen Prinzipien auf den Bereich der Musiksemiotik
anwendet: die Entleerung von jeglichem transzendenten Ele-
ment und die Konstruktion von Klassen in schichtweiser Rang-
ordnung, die für die Gesamtstruktur konstitutiv sind.15
Die »Mutter« des Strukturalismus :
Roland Barthes

1953 findet ein Buch einhellige Aufnahme und wird bald Sym-
ptom eines neuen literarischen Anspruchs, Akt des Bruchs mit
der Tradition und Ausdruck eines tiefen, aus Camus' Fremdem
genährten Gefühls der Ausweglosigkeit: Am Nullpunkt der Lite-
ratur von Roland Barthes. Dieser ist nach seiner Begegnung mit
Greimas in Alexandria nicht mehr der Sartrianer, der er in der un-
mittelbaren Nachkriegszeit war, allerdings auch noch nicht der
Linguist, der er Ende der fünfziger Jahre sein wird. Man kann be-
reits erkennen, was ihm die große Anhängerschaft eintragen wird
— seine Beweglichkeit, seine Geschmeidigkeit im Umgang mit
Theorien: So flink er sie sich zu eigen macht, so schnell löst er
sich auch wieder von ihnen.
Roland Barthes stellt als mythische Figur des Strukturalismus
dessen biegsame und feinsinnige, mehr zur Anwandlung als zur
Strenge neigende Verkörperung dar. Er ist gewissermaßen sein
bestes Barometer, gleichermaßen fähig, gegenwärtige atmosphä-
rische Schwankungen zu registrieren wie künftige vorauszuah-
nen. Diese äußerste Sensibilität findet ihr Ausdrucksmittel im
Rahmen von Strukturen; doch handelt es sich dabei um eine
schillernde Struktur, eher eine Kosmogonie, in der sich die Welt
der innigen Beziehung zum Bild der Mutter verkörpert, als eine
binär gegliederte Struktur, die wie eine unerbittliche Mechanik
funktioniert. Barthes bildet so etwas wie einen feinfühligen Seis-
mographen des Strukturalismus. Alle Stimmen und Stränge des
Paradigmas werden bei ihm über eine subtile, intertextuell ver-
wobene Schreibweise hineinspielen. Die bloße Durchsicht der
Bezugnahmen in seinen Texten führt diese Schnittstellenposition
118 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

vor Augen. Als regelrechter Magnet zwischen den verschiedenen


Strukturalismen ist Barthes beliebt, denn in ihm äußert sich mehr
als ein methodologisches Programm; er zentriert seine Zeit, ist
eine Belichtungsplatte mit vielen Farbwerten. Das Reich der Zei-
chen pflanzt sich bei ihm in einem Reich der Sinne fort, und der
Mutterfigur, die er verkörpert, läßt sich deren binäre Kehrseite
entgegenstellen in Gestalt des père-sévère, des strengen »Vaters«
des Strukturalimus : Jacques Lacan. [Anspielung auf Lacans be-
rühmtes psychoanalytisches Wortspiel: »je père-sévere« = »ich
strenger Vater« bzw. »ich beharre«, A.d.Ü.]

Der Nullpunkt

Mit dem Nullpunkt der Literatur schwimmt Barthes mit der for-
malistischen Strömung, indem er sich für die Ethik einer von allen
Zwängen befreiten Schreibweise ausspricht: »Meine Absicht ist
hier, diese Verbindung zu skizzieren, zu zeigen, daß es eine for-
male Wirklichkeit gibt, die unabhängig von Sprache und Stil ist.« 1
Barthes greift Sartres Thema der durch den Akt des Schreibens
erlangten Freiheit auf, stellt es jedoch in ein neues Licht, indem er
das Engagement, das das Schreiben bedeutet, nicht im Inhalt des
Geschriebenen, sondern in seiner Form ansetzt. Vom Stand des
Mittels geht die Sprache in den des Zwecks über, in dem die wie-
dererlangte Freiheit erkannt wird. Nun steht aber die Literatur an
einem zurückzuerobernden Nullpunkt zwischen zwei Formen
von Vereinnahmung, nämlich durch die Auflösung in der Alltags-
sprache, die aus Gewohnheiten und Vorschriften besteht, und
durch die Stilistik, die auf eine autarke Daseinsweise verweist und
damit auf eine Ideologie, die den Autor für von der Gesellschaft
abgeschnitten und zu einer Splendid isolation verurteilt ausgibt.
Bei Barthes trifft man wieder auf das Thema, das der moder-
nen Linguistik ebenso eignet wie der strukturalen Anthropolo-
gie, das vom Vorrang des Tausches, der Urbeziehung, die von ei-
Die »Mutter« des Strukturalismus: Roland Barthes 119

nem Nullpunkt ausgehen muß, der nicht durch seinen empiri-


schen Inhalt definiert ist, sondern gerade dadurch, daß er es dem
Inhalt ermöglicht, eine relationale Position überhaupt erst einzu-
nehmen. Es ist dieselbe Suche nach dem Nullpunkt der Ver-
wandtschaft bei Lévi-Strauss, dem Nullpunkt der linguistischen
Einheit bei Jakobson und dem Nullpunkt des Schreibens bei
Barthes: die Suche nach einem Pakt, nach dem Anfangsvertrag,
der hier das Verhältnis des Schriftstellers zur Gesellschaft be-
gründet. Allerdings hat Barthes 1953 noch keine tragfähige struk-
turalistische Ausrüstung. Gewiß, er ist den Ratschlägen gegen-
über aufgeschlossen, die ihm Greimas auf diesem Gebiet erteilt,
und er weiß schon manches von Brondal und Jakobson; aber das
sind für ihn nur Kuriositäten unter anderen. Es ist Barthes' dama-
lige Hauptmotivation, die Masken aufzuspüren, unter denen die
Ideologie in Gestalt des literarischen Ausdrucks auftritt. Auch
später und auf andere Gegenstände bezogen ist diese Ausrich-
tung ein konstanter Parameter seiner Arbeit geblieben.
Am Nullpunkt der Literaturverdankt seinen Erfolg der Tatsa-
che, daß es an einer neuen literarischen Sensibilität teilhat, an ei-
ner Forderung, die künftig im sogenannten Nouveau roman zu-
tage tritt, an einer neuen Stilistik außerhalb der traditionellen
Normen des Romans. Es gibt also in Barthes' Äußerungen eine
manifeste Seite, aber auch Anklänge von Verzweiflung angesichts
einer von jeder tauglichen Sprache abgeschnittenen Suche nach
einer neuen Schreibweise, die die Ausweglosigkeit aller Schreib-
formen nach dem Endpunkt zu besagen scheint, an den Proust
den Roman geführt hat. Das Buch, erschienen 1953 bei Seuil, fin-
det übrigens die Anerkennung der Kritik. Maurice Nadeau wid-
met ihm acht Seiten in den Lettres nouvelles. Er schließt seinen
Artikel mit einer Lobeshymne auf den jungen Autor, den er
bereits 1947 entdeckt hatte: »Ein Werk, dessen Anfänge man
begrüßen muß. Sie sind beachtlich. Sie kündigen einen Essayisten
an, der heute von allen anderen absticht.« 2 Jean-Bertrand Ponta-
lis feiert in den Temps Modernes vor allem die Geburt eines
120 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Schriftstellers: »Unter uns ist ein großer Schriftsteller auf andere


Weise anwesend denn als die Lebenswelt, als Wirtschaftsorgani-
sation oder gar eine Ideologie.« 3
Barthes läßt in seinem Buch alle entfremdeten Schreibweisen
Revue passieren : Der politische Diskurs »kann nur eine Welt der
Polizeiherrschaft bestätigen«, die intellektuelle Schreibweise ist
zur »Para-Literatur« 4 verurteilt, und der Roman ist charakteristi-
scher Ausdruck bürgerlicher Ideologie mit ihrer angemaßten
Universalität, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zusam-
mengebrochen ist, um einer Vielheit von Schreibweisen Platz zu
machen, durch die der Schriftsteller seinen Ort gegenüber der
bürgerlichen Lebensform bestimmt. Doch diese Vielheit, diese
Dekonstruktion des Universalen ist immer nur Ausdruck einer
Periode, die nicht mehr von der historischen Dialektik vorange-
tragen wird : »Die Modernität gibt mit der Vielfalt ihrer Schreib-
weisen die Sackgasse ihrer eigenen Geschichte zu erkennen.« 5 In-
sofern der Schöpfer die bestehende Ordnung stören muß und
sich dabei nicht mehr damit begnügen kann, seine Partitur zu ei-
ner schon empfangsbereiten Orchesteraufstellung beizusteuern,
bleibt ihm nur, um mit dem Bestehenden zu brechen, das Schwei-
gen zu schreiben : Er muß »eine neutrale Schreibweise schaffen«6.
Barthes führt Prousts Suche nach der verlorenen Zeit fort und
verlegt sie in die Suche nach einem Nicht-Ort der Literatur: »Die
Literatur wird zur Utopie der Sprache.« 7 Aus dieser Suche er-
wächst sowohl eine neue Ästhetik, wie auch Barthes sich aus ihr
heraus der Unmöglichkeit bewußt wird, als Schriftsteller [im her-
kömmlichen Sinne, A. d. Ü.] zu schreiben, und eine theoretische
Begründung des Schreibers als Schriftsteller der Modernität skiz-
ziert.
Die »Mutter« des Strukturalismus: Roland Barthes 121

Wegmarken

Bei seiner Suche nach einem Nicht-Ort spürt Roland Barthes


persönlich nichtsdestoweniger eine tiefe Verwurzelung, die ihn
auf seine mit der Mutter in der südwestfranzösischen Stadt Ba-
yonne verlebte Kindheit zurückverweist. Diese sehr dichte Peri-
ode entfaltet sich rund um die abwesende Figur des Vaters, der
noch kein Jahr nach Barthes' Geburt im Ersten Weltkrieg gefallen
war. Diesen Mangel kompensiert er durch eine Überbesetzung
des Mutterbildes: »In einer Gefühlsbeziehung, sei sie freund-
schaftlich oder eine der Liebe, simuliert man immer einen gewis-
sen mütterlichen Raum, der ein Raum der Geborgenheit, ein
Raum der Gabe ist.« 8 Mit zehn Jahren zieht Barthes mit seiner
Mutter »hoch« nach Paris, ins Quartier Saint-Germain-des-Prés;
hier geht Roland im Lycée Montaigne und im Lycée Louis-Le-
Grand zur Schule und nimmt 1935 ein Studium der klassischen
Literatur an der Sorbonne auf. Gleichzeitig gründet er mit
Jacques Veille das Théâtre antique der Sorbonne, das unter anderem
am Tag des Sieges der Volksfront, dem 3. Mai 1936, eine Vorstel-
lung der Perser von Aischylos gibt. Den Krieg verbringt er bettlä-
gerig in einem Sanatorium bei Grenoble, in Saint-Hilaire-du-
Touvet. Bei Kriegsende ist Barthes Sartrianer — »wir entdeckten
Sartre mit Leidenschaft« 9 — und zugleich Marxist. Denn im Sana-
torium hat er den trotzkistischen Typographen Georges Fournie
kennengelernt, einen Freund von Maurice Nadeau, der ihm den
Marxismus nahebringt. Aufgrund seiner Lungenkrankheit und
der erforderlichen Behandlung ist es ihm nicht möglich, die agré-
gation zu durchlaufen. Die klassische Universitätslaufbahn ist
ihm also verschlossen, und er schlägt, dank Maurice Nadeau, der
ihn mit Artikeln für den Combat beauftragt, den journalistischen
Weg ein.
Dieser Umweg in räumlicher (Barthes reist 1948 nach Rumä-
nien, 1949 nach Ägypten und kehrt erst 1950 nach Paris zurück)
wie in institutioneller Hinsicht (er steht außerhalb der klassi-
122 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

sehen universitären Laufbahn) wird zwei wichtige Auswirkungen


haben: zum einen die bereits geschilderte Begegnung mit Grei-
mas in Alexandria und zum anderen das fortwährende drängende
Verlangen, mit der Universität abzurechnen, sein stets geäußerter
Wille, ihre Anerkennung zu finden, ein Wille, der um so heftiger
ist, als Barthes es schlecht erträgt, nur licencié zu sein; er wird
sich erst inthronisiert fühlen, da er, 1976, ins Collège de France
einzieht. Er führte einen endlosen Kampf mit sich selbst, Louis-
Jean Calvet gestand er : »Wissen Sie, jedes Mal, wenn ich ein Buch
herausbringe, ist es eine Doktorarbeit.« 10 Auch mit der langwäh-
renden Unsicherheit seiner institutionellen Stellung durchlebt
Barthes das strukturalistische Abenteuer; sein Fall gleicht dem
der meisten Strukturalisten, die einen Bogen um die Sorbonne
machen mußten, um sich durchzusetzen.

Mythen des Alltags

Zwei Jahre lang, von 1954 bis 1956, schickt Barthes Maurice Na-
deau monatlich einen Artikel für Les Lettres nouvelles. Darin geht
er regelmäßig der Abtragung zeitgenössischer Mythen nach, ei-
ner Ideologiekritik der Massenkultur, die sich in Frankreich im
Zuge des Wiederaufbaus und der trente glorieuses auszubreiten
beginnt. Barthes wendet sich sarkastisch gegen das, was er als
kleinbürgerliche Ideologie bezeichnet, die sich in den von den
immer gewichtigeren Medien transportierten Geschmäckern und
Werten äußert. Diese kleinbürgerliche Ideologie, mit der Barthes
ins Gericht geht, birgt nach seiner Auffassung eine im wesentli-
chen ethische Bedeutung und ist im Sinne Flauberts ein zugleich
sozialer, ethischer und ästhetischer Begriff: Sie ist »alles, was in
mir den Ekel vor dem Durchschnitt, dem Halbwegs, der Vulgari-
tät, dem Mittelmaß und besonders der Welt der Stereotypen her-
vorruft« n.
Barthes unternimmt somit gegen die vermeintliche Natürlich-
Die »Mutter« des Strukturalismus: Roland Barthes 123

keit der zu selbstgängigen Stereotypen gewandelten Werte eine


systematische Demontage, eine Entmystifizierung, indem er
anhand konkreter Fälle aus dem Alltagsleben zeigt, wie ein My-
thos in der zeitgenössischen Gesellschaft funktioniert. Die von
Barthes zusammengestellten vierundfünfzig Artikel sind eines
der Hauptwerke dieser Periode — die Mythen des Alltags erschei-
nen 1957 bei Seuil. Barthes arbeitet diese konkreten Fälle erst im
nachhinein theoretisch auf, in einem zweiten Teil des Buches,
»Der Mythos heute«, der sich als Definition eines globalen se-
miologischen Programms vorstellt, diesmal gespeist aus frischen
linguistischen Kenntnissen, denn soeben erst, 1956, hat Barthes
Saussure gelesen und Hjelmslev entdeckt.
Die Formalisierung folgt also erst nach der Untersuchung der
von aktuellen Anlässen gelieferten Mythen, in der das Kleinbür-
gertum als Gegner ausgemacht ist: »Ich habe bereits auf die Vor-
liebe des Kleinbürgertums für tautologische Schlüsse hingewie-
sen.« 12 Genau diese falschen Augenscheinlichkeiten will Barthes
ins Wanken bringen, ihre Masken herunterreißen. So durchleuch-
tet er das Catchen, die »Operation Astra« [frz. TV-Show mit
wissenschaftlich-futuristischem Anstrich, A.d.Ü.], das Gesicht
der Garbo, das Beefsteak mit Pommes frites, die »Guides bleus«,
den neuen Citroën, die Literatur gemäß Minou Drouet [vgl. dazu
Anm. 2 in Mythen des Alltags, S.86, A.d.Ü.].
Der theoretische Teil, der das Werk beschließt, steht in dop-
peltem Bezug zu Saussure (zweimal zitiert), von dem Barthes
hauptsächlich die Begriffe Signifikant und Signifikat übernimmt,
und Hjelmslev (nicht zitiert), von dem er die Unterscheidung
zwischen Denotation und Konnotation und zwischen Objekt-
sprache und Metasprache entlehnt. Gewiß, in der Einarbeitung
der Saussureschen Begriffe gibt es noch manche Schwankungen,
weshalb Louis-Jean Calvet die im Vorwort auftauchende Formel
»Der Mythos ist eine Sprache [langage]«, gegen diejenige halten
kann, die dem theoretischen Teil voransteht, »Der Mythos ist
eine Aussage [parole].«13 Barthes hat mithin der für Saussure we-
124 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

sentlichen Unterscheidung zwischen langue und parole noch


nicht Rechnung getragen. Mit »Der Mythos heute« vollzieht er
jedoch seine Konversion zur Linguistik, und dies bedeutet im
Jahr 1957 eine essentielle Wende, sowohl in seinem Werk als auch
darüber hinaus: »Barthes [tritt] genauso in die Sémiologie ein,
wie man in einen Orden eintritt.« 14
Vom Formalismus bereits fasziniert, findet Barthes in der Sé-
miologie die Mittel, um sein Programm als Wissenschaft aufzu-
bauen. Sie erlaubt es, den Inhalt zugunsten der Logik der Formen
beiseite zu stellen. Außerdem entlehnt er von Saussure das syn-
chronische Untersuchungsverfahren, und aus dieser Anleihe er-
wächst in Barthes' gesamter Arbeit ein eher räumlicher als zeitli-
cher Blick: »Der Anwesenheitsmodus der Form ist räumlicher
Art.« 15 Dies bedeutet einen weiteren Bruch gegenüber der Vor-
gehensweise im Nullpunkt der Literatur, das sich als eine diachro-
nische Annäherung an die Beziehung zum Schreiben darstellte.
Der Mythos ist ein Gegenstand, der sich besonders zur Anwen-
dung der Saussureschen Prinzipien eignet: »Die Funktion des
Mythos besteht darin, das Reale zu entleeren«, »der Mythos
[wird] durch den Verlust der historischen Eigenschaft der Dinge
bestimmt.« 16 Barthes kann sich hier also sowohl die Vorrangstel-
lung, die Saussure der Synchronie beimißt, als auch die Ausklam-
merung des Referenten zunutze machen.
Barthes' Schreibweise, seine diskrete Verwendung eines be-
stimmten Codes in allgemeinverständlicher Rede, die wissen-
schaftliche Neuartigkeit und ihr kritisches Korollar, alle diese Zu-
taten machen das Buch zu einem großen Publikumserfolg. Der
Absatz überschreitet bei weitem die im Bereich der Humanwis-
senschaften üblichen Auflagen (29650 Exemplare in der Reihe
»Pierres vives«, dann, seit 1970, 350000 Exemplare bei Points-
Seuil). Der Nachhall ist in den verschiedensten intellektuellen Mi-
lieus zu vernehmen und begünstigt fachliche Annäherungen.
Der Psychoanalytiker André Green interessiert sich sehr für die
Mythen des Alltags und bespricht sie für die Zeitschrift Critique.
Die »Mutter« des Strukturalismus: Roland Barthes 125

Bei dieser Gelegenheit trifft er sich 1962 mit Barthes. Die beiden
kennen sich bereits von ihren gemeinsamen Aktivitäten in der
Gruppe des Théâtre antique an der Sorbonne. Barthes, damals
Studiendirektor an der École des hautes études, bittet André
Green, im Rahmen seines Seminars ein Referat über Lacan zu hal-
ten: »Was ich auch tat, denn es war meine Lacan-Phase. Danach
gingen wir im Café an der Ecke einen trinken. Barthes beugt sich
zu mir herüber und sagt: >Sehen Sie die beiden da? Sie kommen
zu allen meinen Seminaren, sie verfolgen mich, sie kommen mir
aufs mißlichste mit Widerreden, sie wollen mich in Stücke rei-
ßen^ Es waren Jacques-Alain Miller und Jean-Claude Milner.« 17

Die neue Ästhetik

In den fünfziger Jahren wirkt Barthes auch tatkräftig an der


Theaterzeitschrift Théâtre populaire mit, gemeinsam mit Jean
Duvignaud, Guy Dumur, Bernard Dort, Morvan Lebesque. Dort
macht er sich für das T N P [Théâtre National Populaire, A. d. Ü.]
von Jean Vilar stark und trägt dazu bei, ihm ein überaus großes
Publikum heranzuziehen. Im Rahmen dieser Tätigkeit als Thea-
terkritiker erlebt er begeistert eine Aufführung von Brechts
Mutter Courage, die das Berliner Ensemble 1955 im Théâtre
des Nations gibt: für ihn ein Schock. Er sieht damals in Brecht
denjenigen, der auf dem Theater verwirklicht, was er mit der Li-
teratur oder mit den zeitgenössischen Mythen anstrebt. Die
Brechtsche Verfremdung, sein Ästhetizismus finden seine unein-
geschränkte Zustimmung: »Brecht verwirft [...] alle Stile der Ver-
einnahmung oder der Teilhaberschaft, die den Zuschauer dazu
veranlassen könnten, sich vollständig mit Mutter Courage zu
identifizieren, sich in ihr zu verlieren.«18 Barthes sieht in Brechts
Theater den Entwurf für eine neue Ethik der Beziehung zwi-
schen dem Dramatiker und seinem Publikum, eine Schule der
Verantwortlichkeit, eine Verschiebung vom psychologischen Pa-
126 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

thos zur Einsehbarkeit der Verhältnisse. Diese Dramaturgie


zeigt, daß es weniger darauf ankommt, die Wirklichkeit auszu-
drücken, als vielmehr darauf, sie zu bezeichnen. Daher scheint
ihm diese revolutionäre, diese avantgardistische Kunst die Ver-
wirklichung der semiologischen und kritischen Methode selbst.
Dank Barthes' unerreichter Ausstrahlung nimmt das struktu-
ralistische Projekt seinen Aufschwung, auch wenn Barthes sich
gegenüber dem Saussurismus im strengen Sinn oder den linguisti-
schen Kanons recht große Freiheiten herausnimmt; eher »ein
Outsider des Strukturalismus, ist er im wesentlichen ein Rhetori-
ker« 19. So erklärt Georges Mounin die Sémiologie Barthes' für
eine Abweichung gegenüber Saussure, der die Regeln für eine Sé-
miologie der Kommunikation aufgestellt habe, während Barthes
lediglich eine Sémiologie der Bedeutung betreibe: »Barthes hat
immer versucht, eine Symptomatologie der bürgerlichen Welt
zu verfassen.«20 Nach Georges Mounins Meinung verwechselt
Barthes Zeichen, Symbole und Indizes. Richtig ist, daß Barthes
damals dem Zeichenbegriff einen sehr weitgefaßten Sinn gibt, der
alles abdeckt, was eine Bedeutung enthält. Er sucht in ihr den la-
tenten Inhalt, und demgemäß hält es Georges Mounin für ange-
messener, statt von Sémiologie eher von Sozialpsychologie oder
Psychosoziologie zu sprechen.
Auch wenn die Berufslinguisten darin ihren Gegenstand nicht
mehr wiederfinden, wird die stark erweiterte Sicht der Sprache,
die Barthes vorlegt, zum Erfolg des linguistischen Modells und
der Rolle der Linguistik als Pilotwissenschaft erheblich beitragen.
Die epistemische Herausforderung

Am 4. Dezember 1951 hielt der bedeutende Philosophiehistori-


ker Martial Gueroult Einzug am Collège de France. Man hatte
ihn Alexandre Koyré vorgezogen, eine für diese Periode sympto-
matische Wahl, denn Koyré vollzog in seinem philosophischen
Verfahren eine Annäherung an die Historiker der Annales und
unterhielt regelmäßige Verbindungen zu Lucien Febvre. Sein
Projekt für die Kandidatur am Collège de France legte dement-
sprechend den Akzent auf den Zusammenhang zwischen Wis-
senschaftsgeschichte und Geschichte der Mentalitäten, wie sie
Lucien Febvre damals mit seinen Arbeiten zu Martin Luther und
Rabelais verkörperte, die um den Begriff der mentalen Ausstat-
tung (outillage mental) kreisten: »In der Geschichte des wissen-
schaftlichen Denkens, so wie ich sie verstehe und zu praktizieren
mich bemühe, kommt es wesentlich darauf an, die untersuchten
Werke in ihr intellektuelles und geistiges Milieu zurückzuverset-
zen und sie je nach den mentalen Gewohnheiten, den Vorlieben
und Abneigungen ihrer Verfasser zu deuten.« 1 Im Gegensatz zu
dieser Öffnung des philosophischen Textes auf den globalen hi-
storischen Kontext fußt Martial Gueroults Methode ganz im Ge-
danklichen, und ihr Erfolg »markiert deutlich die Grenzen der
Anerkennung, die in den fünfziger Jahren einer Problematik der
Historisierung der Wahrheit gesteckt waren« 2 .
Martial Gueroult verfertigt seit den dreißiger Jahren sein Werk
abseits vom Rampenlicht der Medien und bleibt der großen Öf-
fentlichkeit unbekannt. Im Jahr 1951 tritt er die Nachfolge von
Etienne Gilson auf dem Lehrstuhl für Geschichte und Technolo-
gie der philosophischen Systeme an. Bereits in seiner Inaugural-
128 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Vorlesung setzt sich Martial Gueroult für das maßgebliche Inter-


esse und die Berechtigung einer Geschichte der Philosophie ein,
unbeschadet der erkennbaren Antinomie zwischen einer aleato-
risch erscheinenden Geschichte und einer als immerwährend und
zeitlos auftretenden Philosophie. Denn diese scheinbare Unver-
einbarkeit kann der Philosophiehistoriker durch eine doppelte
Einstellung überwinden, eine zugleich skeptische wie der Histo-
riker und dogmatische wie der Philosoph.
Die von Martial Gueroult vorgelegte Lösung soll vermeiden,
daß die Philosophiegeschichte auf die Psychologie, die Soziolo-
gie oder die Epistemologie einschwenkt und als bloße Hilfswis-
senschaft von ihnen aufgesogen wird. Durch sein Vorgehen als
Historiker hofft er, Zugang zur »Gegenwart einer bestimmten
reellen Substanz in jeder Philosophie« zu finden und diese wie-
derherzustellen. »Es ist dieses Essential (die Philosophie selbst),
das, indem es die Systeme einer Geschichte würdig macht, sie der
historischen Zeit entreißt.« 3 Sein historisches Verfahren versteht
sich also als Negierung der Zeitlichkeit, der Diachronie, der Er-
forschung von Filiationen, der Genese der Systeme. Darin findet
man ein charakteristisches Element des Strukturalistischen Para-
digmas wieder : das Hauptaugenmerk auf die Synchronie zu len-
ken, auch wenn bei Martial Gueroult diese Blickrichtung in kei-
ner Weise Saussure verpflichtet ist. Somit rechtfertigt Gueroult
das Interesse monographischer Studien, denn die Struktur, zu der
er gelangt, ist die einmalige Struktur eines Autors, eines in seinem
inneren Zusammenhang begriffenen Werks. Er sieht davon ab,
darin eine Struktur der Strukturen auszumachen, sondern ver-
sucht »zu erforschen, wie jede Lehre sich quer durch und mittels
der Verschränkungen ihrer architektonischen Strukturen konsti-
tuiert« 4.
Die epistemische Herausforderung 129

Die Methode Gueroult

Ein philosophisches Werk als solches, in seiner Einzigkeit zu


nehmen und es hypothetisch von seinen Wurzeln und seiner
Streitbarkeit abzuschneiden, um seinen inneren Zusammenhang,
seine begriffliche Verkettung deutlicher beschreiben und seine
Lücken und Widersprüche besser erkennen zu können, diese
Methode wandte Gueroult auf Fichte, Descartes, Spinoza und
andere an: »Einer der Wege, auf denen der Strukturgedanke
durchgedrungen ist, scheint mir von Gueroult zu kommen.« 5
Wenngleich er nur wenige Schüler hatte und keine Schule begrün-
det hat, kannte er doch manche Bewunderer wie Gilles Gaston-
Granger, mit dem er befreundet war, und ein paar Nachfolger wie
Victor Goldschmidt.
Seine dem Zeitgeist entsprechende Methode wird indes für
viele Philosophen schlechterdings den Grundstock ihrer philoso-
phischen Ausbildung bilden. Das gilt auch noch für die junge Ge-
neration Ende der sechziger Jahre. Marc Abélès hat an Gueroults
Philosophieveranstaltungen an der École normale supérieure von
Saint-Cloud teilgenommen: »Gueroult hat uns beigebracht, die
Texte unter einem Gesichtspunkt zu lesen, den man struktural
nennen kann. Aber als jemand ihn einmal spaßhaft als Struk-
turalisten bezeichnete, leugnete er jede Verbindung strikt. Er
betrachtete sich als traditionellen Professor, als wirklichen Philo-
sophiehistoriker.« 6 Sein Unterricht sollte zu intellektueller Be-
weglichkeit befähigen, und so mußten sich die Studenten in
Saint-Cloud der sogenannten »kleinen Gueroult-Übung« unter-
ziehen, die darin bestand, anhand eines philosophischen Lehrsat-
zes nachzuweisen, daß der Verfasser den gleichen Beweis auch
auf andere, ökonomischere Weise hätte führen können: »Die
Methode Gueroult, die durch ihre Arbeit am Text faszinierte, be-
stand immer in der Annahme, daß es möglich sei, den Text virtu-
ell neu aufzubauen.« 7 Dieser didaktische Beitrag Gueroults sollte
eine ganze Epoche prägen.
130 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Ein weiterer Parameter des strukturalistischen Paradigmas bei


Gueroult ist das von ihm verfochtene Immanenzverfahren, losge-
löst von Kausalitäten psychologisch-soziologischer, dem philo-
sophischen Diskurs exogener Ordnung. Gueroult beschneidet
also die philosophischen Systeme um jede Funktion von Reali-
tätsdarstellung, so wie Saussure das Zeichen um den Referenten
beschnitten hatte. Er verleiht den philosophischen Systemen eine
fundamentale Autonomie gegenüber der äußeren Wirklichkeit.
Ihr Belang liegt nicht in dem, was er ihren »intellektiven Auftrag«
nennt, vielmehr ist »philosophisch im strengen Sinne gerade diese
autonome Wirklichkeit der Werkstrukturen« 8 . Der Historiker
begreift die philosophischen Diskurse als »philosophische Mo-
numente insofern, als sie jenen intrinsischen Wert besitzen, der
sie von der Zeit unabhängig macht« 9 . Diese Verwandlung des
Dokuments zum Monument mit ihrer impliziten Analogie zur
Archäologie hat in der Folge Michel Foucault wieder aufgegrif-
fen. Die Wiederherstellung des inneren Werkzusammenhangs er-
fordert ein erschöpfendes und globalisierendes Vorgehen, das die
vom Verfasser vorgebrachten Thesen, die Architektonik seines
Werks und seine Argumentationsverfahren in ein Verhältnis un-
auflöslicher Solidarität setzt. Gueroult verficht somit »eine holi-
stische Lehre vom Werk« 10 .
Wenn ein philosophisches Werk eine in sich geschlossene Ein-
heit ist, bedingt dies eine diskontinuistische Auffassung von Phi-
losophiegeschichte, die bei Michel Foucault, dem Gueroults
Schaffen gut bekannt war, mit dem Begriff der Episteme eine
spektakuläre Fortsetzung erfuhr. Im Vorwort seiner Arbeit über
Descartes n erläutert Gueroult seine methodologische Wahl, um
das Interesse für die Geschichte der Philosophie zu begründen
und zu rechtfertigen, die trotz der Widersprüche der Systeme
untereinander dem Relativismus und dem Skeptizismus entraten
muß : »Der Historiker verfügt in dieser Hinsicht über zwei Tech-
niken, die eigentliche Kritik und die Analyse der Strukturen.« 12
Die epistemische Herausforderung 131

Gueroults Entgegnung auf die Modernität

Diese Perspektive ist einer Epoche zu eigen, die den Sinn in den
Tiefen zugrundeliegender Strukturen sucht, denn wenn die Kri-
tik als notwendige Stufe betrachtet wird, so fällt ihr lediglich die
Vorarbeit für die Aufdeckung der Struktur zu, in der die letzte
Wahrheit des Werkes enthalten ist. Gueroult begegnet damit der
Herausforderung der Humanwissenschaften und den Geboten
der Modernität, sofern diese vergangene philosophische Sy-
steme, die auf überholte wissenschaftliche Postulate gegründet
worden sind, zum alten Eisen wirft. Er weigert sich also anzu-
nehmen, daß die Philosophie ihren Dienst getan habe. Der philo-
sophische Strukturalismus, die Verteidigung der autonomen
Wirklichkeit philosophischer Systeme dient ihm als Damm gegen
die Auflösung der Philosophie in den Humanwissenschaften.
Von dieser Methode inspiriert, doch unerschrockener, werden
andere, anstatt sich hinter der philosophischen Legitimierung zu
verschanzen, die Beete bewässern, auf denen sich die zarten
Sprößlinge namens Sozialwissenschaften zeigen. Vor allem in
dieser Hinsicht hatte Gueroult wenig unmittelbare Nachfolger,
der durchschlagende Erfolg des Strukturalismus hat seine poten-
tiellen Schüler an andere Horizonte gelockt. Gueroults Vorhaben
ist streng philosophisch, es knüpft an Kant und Fichte an, »um
mit Hilfe dieses methodologischen Strukturalismus die koperni-
kanische Revolution zu verwirklichen, die sie nicht haben voll-
bringen können« 13 . Er bemängelt bei diesen beiden Philosophen,
daß sie den Realitäten und ihrer Darstellung verhaftet geblieben
seien. Gegen sie setzt er die Selbstgenügsamkeit der philosophi-
schen Systeme — ein Ansatz, in dem man den Formalismus seiner
Zeit wiederfindet : »Das philosophische Ziel, angewandt auf die
Gegenstände der Philosophiegeschichte [...], besteht darin, den
Stoff dieser Geschichte, das heißt die Systeme, als Gegenstände
anzusehen, die einen Wert, eine Realität in sich selbst haben, die
nur ihnen gehört und durch sie allein sich erklärt.« 14 Der In-sich-
132 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Geschlossenheit des Textes bei den Linguisten entspricht somit


die In-sich-Geschlossenheit des philosophischen Systems bei
Gueroult.
Überdies steht Gueroult dem strukturalistischen Phänomen
insofern nahe, als für ihn die philosophische Persönlichkeit hinter
dem zutagegeförderten System bedeutungslos ist : seine Intentio-
nalität, die intersubjektive Beziehung, der im Schaffen eines
Werks aufgenommene Dialog, all dies wird aus demselben Grund
entleert wie in der Saussureschen oder Hjelmslevschen Linguistik
das Bewußtsein des sprechenden Subjekts. Auch wenn Gueroult
Fichte, Descartes, Spinoza und andere untersucht — gewisserma-
ßen »liest man keine Philosophen mehr, steht nicht mehr in einer
Beziehung der Gemeinsamkeit oder der Intersubjektivität« 15 ,
sondern in einem Verhältnis von Diskontinuität und maximaler
Distanzierung zu einer Logik, von der es einen Zusammenhang
wiederherzustellen gilt, der dem Autor innerlich und zugleich
dem Leser äußerlich ist. Dieses Aus-dem-Zentrum-Rücken des
Subjekts hat besonders fruchtbare Forschungen eröffnen kön-
nen, die das Feld der Begriffskonstituierung und ihrer Tauglich-
keit vermessen haben. Einmal mehr denkt man an die Bedeut-
samkeit einer solchen Ausrichtung der philosophischen Arbeit
für Michel Foucault.

Das epistemologische Ganze

Unter diesem Impuls erweitert sich die dem Begriff der Epistemo-
logie beigemessene Bedeutung, die nun die enggefaßte Ebene der
Reflexion der wissenschaftlichen Verfahrensweisen überschreitet,
um sich dem Sozialen zu öffnen und in dialektischer Auseinander-
setzung dem Ideologischen gegenüberzutreten. Die strukturalisti-
sche Periode ist zugleich die des Erfolgs der epistemologischen
Reflexion. Die Disziplinen befragen sich über ihren Gegenstand,
die Gültigkeit ihrer Begriffe, ihre wissenschaftliche Zielvorstel-
Die epistemische Herausforderung 133

hing. Die Gelehrten verlegen sich, nach dem Muster von Lévi-
Strauss, von der Philosophie auf die Humanwissenschaften.
So auch einer der großen Epistemologen dieser Zeit, Jean Pia-
get: »Die Einheit der Wissenschaft, die unser gemeinsames Ziel
ist [...], kann nur zu Lasten der Philosophie erreicht werden. [...]
Alle Wissenschaften haben sich von der Philosophie abgespalten,
von der Mathematik zu Zeiten der Griechen bis zur experimen-
tellen Psychologie gegen Ende des 19. Jahrhunderts.« 16 Sich aus
der philosophischen Vormundschaft zu befreien, scheint für
manche der gangbare Weg zu sein, um die Humanwissenschaften
in den exakten Wissenschaften gleichgestellte »harte« Wissen-
schaften zu verwandeln. Daher schlägt Jean Piaget vor, die Hu-
manwissenschaften aller Fragen zu entbinden, die außerhalb ih-
res eigentlichen Untersuchungsgegenstandes liegen, denn diese
fielen dem Bereich der Metaphysik zu. Es komme einzig auf das
Wissen an, wie die Kenntnisse auf einem bestimmten Gebiet zu
vermehren seien. Dennoch unterscheidet sich Piaget vom all-
gemeinen Paradigma durch sein Interesse an der historischen
Gewordenheit der verwendeten Begriffe, und sein Strukturalis-
mus kann als entwicklungsgeschichtlich bezeichnet werden. 17
Dieser Genetismus findet sich in Piagets Theorie der Wahrneh-
mungsentwicklung beim Kind wieder, die sich in mehreren, als
Transformationssysteme beschriebenen Angleichungsschritten
vollzieht und dadurch die Assimilation neuer Schemata, neuer
Wahrnehmungs strukturen erlaubt.
Die epistemologische Reflexion in den Humanwissenschaften
zollt den Umstellungen in den »harten« Wissenschaften Tribut,
und beide lassen den gleichen formalistischen Einschlag erken-
nen. Treffendstes Beispiel ist die Entwicklung, die die Mathema-
tik mit der Bourbaki-Gruppe genommen hat, die in den fünfzi-
ger und sechziger Jahren die berühmte moderne Mathematik
hervorbrachte. Die Mathematik behandelt nun Mengen unspezi-
fischer Elemente, die von axiomatischen Grundstrukturen herge-
leitet werden. Prototyp ist die algebraische Struktur, neben ihr
134 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

gibt es die Gruppe als Ordnungsstruktur und schließlich die to-


pologische Struktur. Solche strukturalen Modelle wird man bei
Lévi-Strauss — hier vermittelt durch André Weil — genauso wir-
ken sehen wie bei Lacan mit seiner ganzen Topologie der Borro-
mäischen Knoten, der Graphen. In einem weiteren Sinne jedoch,
auf metaphorischer Ebene und als wissenschaftliche Vorausset-
zung, werden die Humanwissenschaften von einem logisch-ma-
thematischen Diskurs zehren, der es gestattet, Verallgemeinerun-
gen vorzunehmen und Selbstregulierungsprozesse zu erklären,
die über die untersuchten konkreten Falle hinausreichen. Auch
andere Impulse werden eine Rolle spielen, sie gehen aus von der
Biologie, von der experimentellen Psychologie mit der Gestalt-
theorie und von der Kybernetik, die die perfekte Regulierung
und damit die Selbsterhaltung der Struktur ermöglicht.
Doch das große intellektuelle Phänomen der dreißiger Jahre
im Bereich der Epistemologie fand außerhalb Frankreichs statt:
Es ist die Verknüpfung des Formalismus der »harten« Wissen-
schaften mit dem logischen Positivismus, der sich einerseits im
Wiener Kreis von Moritz Schlick und Rudolf Carnap entwickelt
hat, andererseits im englischen Cambridge im Umfeld von Bert-
rand Russell und im Werk von Ludwig Wittgenstein, der ebenso
in Verbindung zum Wiener Kreis wie zu Bertrand Russell stand,
dem er sich 1911 in Cambridge anschloß. Diese Logiker vertraten
die Idee einer geeinigten, kodifizierten Wissenschaft, die von der
formalen Logik ausgeht und mit einer rein deduktiven Methode
arbeitet. Allen Wissenschaften wird die Formalisierung als ge-
meinsamer Horizont unterbreitet. In diese Perspektive gliedert
sich die Mathematik als eine Sprache unter anderen ein. Da die
Logik an keinen besonderen Inhalt gebunden ist, bietet sie sich
als gemeinsamer Rahmen an, um von der Universalität der Struk-
turen Rechenschaft abzulegen. Der Wiener Kreis hat insofern die
Sprache privilegiert, als er das philosophische Grundproblem auf
der Ebene der Bedeutung ansiedelt; die Logik wird sein Werk-
zeug und die Sprache sein Hauptgegenstand. Dieser doppelte, lo-
Die epistemische Herausforderung 135

gisch-linguistische Impuls hat als Erbe die analytische Sprachphi-


losophie hinterlassen.
Diese Erneuerung des logischen Denkens in Europa, dieser
Aufbruch der Theorie geht an Frankreich vorbei: »Das haben
Poincaré und Brunschvicg mit vereinten Kräften durchkreuzt.« 18
Im Gegensatz zu den Vorgängen anderswo gerät die Lehre der
Logik, den geisteswissenschaftlichen Fakultäten und dem Philo-
sophieunterricht fern, ins Hintertreffen. So gesehen, läßt sich die
Semiotik der sechziger Jahre als Ersatz für die Logik betrachten,
die den Franzosen entgangen ist.

Die Philosophie des Begriffs : Cavaillès

Allerdings gibt es mit Jean Cavaillès einen französischen Philoso-


phen, einen Epistemologen, der sich vornehmlich mit der Mathe-
matik auseinandergesetzt hat und mit den Anfängen des Wiener
Kreises verbunden war. Aber die Geschichte bricht jäh in den
Lauf seines Lebens und Wirkens ein — er stirbt mit einundvierzig
Jahren als Held, als Widerstandskämpfer 1944 unter den Kugeln
der Nazis. Wissenschaft bedeutet für Jean Cavaillès zur Gänze
Beweis, das heißt Logik. Er nennt sie die Philosophie des Be-
griffs. Gleichwohl teilt er weder den extremen Formalismus des
Wiener Kreises noch dessen Bemühen um den Aufbau einer gro-
ßen Logik, in der die Probleme der Mathematik ihre Lösung fin-
den sollen. Sein Verfahren will vielmehr die Verkuppelung von
Operation und Objekt erfassen, die schöpferische Bewegung der
Verknüpfung von Denkoperationen — das, was Cavaillès »die
Idee von der Idee« genannt hat. Sein gewaltsamer Tod vereitelte
eine mögliche Wirkung seines Denkens. Und doch, mit dem Er-
folg des Strukturalismus werden seine Thesen zwanzig Jahre
nach seinem Tod eine spektakuläre Wiederkehr erleben. Er hat
die theoretischen Fundamente eines konzeptuellen Strukturalis-
mus gelegt, den man in den sechziger Jahren aufgreifen wird.
136 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

In dem Buch, das er in deutscher Gefangenschaft schreibt und


das erst nach dem Krieg erscheint 19 , führt Cavaillès den Begriff
der Struktur ein. Er entspricht bereits dem, der nach dem Zwi-
schenspiel des Existentialismus triumphieren sollte. Er macht die
Struktur als radikale Anfechtung der Bewußtseinsphilosophien
geltend. Angeregt von Spinoza, nimmt Jean Cavaillès die Errich-
tung einer subjektlosen Philosophie in Angriff und wirft damals
bereits Husserls Phänomenologie vor, dem cogito zu viel Ge-
wicht beizumessen. Wiederzufinden ist auch die formalistische
Ausrichtung, die es nach Cavaillès' Auffassung der Wissenschaft
erlaubt, dem Reich der Lebenswelt und der gewöhnlichen Erfah-
rung zu entkommen. Die Wahrheit der Struktur gibt sich nicht in
den Regeln selbst, die sie lenken; es gibt keine Struktur der
Struktur, keine Metasprache. Wenn es solche Elemente, die der
Struktur exogen sind, aus dem Feld der Analyse zu beseitigen
gilt, so muß dafür zurückgefunden werden zur autonomen und
ursprünglichen Bewegung der Wissenschaft, die ihre eigenen Ge-
setze entfaltet. Bei dieser Geschlossenheit muß man bleiben, bei
dieser Verselbständigung der Wissenschaft, bei diesem strengen
Blickpunkt, der nur die eigene diskursive Kohärenz beachtet.
Eine Ähnlichkeit mit der Herangehensweise an philosophische
Texte, wie Gueroult sie befürwortet, ist hier ebenso zu erkennen
wie mit dem formalistischen Standpunkt der Semiologen.

Bachelard und der epistemologische Bruch

Nach Cavaillès' Tod wird die epistemologische Reflexion unmit-


telbar nach dem Krieg von Gaston Bachelard weitergeführt, der
ein breites Publikum und tiefen Einfluß gewinnen wird. Man
begegnet bei Bachelard der Idee wieder, daß es möglich wäre,
eine Wissenschaft von der Wissenschaft auszubilden, die ihren
Ausgang in der Entfaltung der Verfahrensweisen und konstitu-
tiven Gesetze der Wissenschaften selbst nimmt. Ein ganzes Refle-
Die epistemische Herausforderung 137

xionsfeld tut sich damit der Epistemologie auf, die sich von den
Einbringungen des menschlichen Subjekts, von der Erlebniswelt,
der Erfahrung absondern muß. Die Abgeschlossenheit wird hier
als epistemologischer Bruch vorgestellt, der unverzichtbar ist,
um den Prozeduren des strengen Denkens selbst Platz zu ma-
chen.
Bachelard kritisiert den Evolutionismus und setzt ihm einen
Relativismus entgegen, der es erlaubt, den Lauf der Wissenschaft
als einen langen Gang der Erfindungen, aber auch der Irrtümer
und Irrungen neu zu verorten. In einer hauptsächlich vom Exi-
stentialismus geprägten Nachkriegszeit bleibt Bachelard ziemlich
isoliert, findet aber später nachhaltigen Anklang mit seiner Auf-
fassung vom epistemologischen Bruch, die Louis Althusser in
seiner Marx-Lektüre oder Foucault mit seiner diskontinuisti-
schen Geschichtskonzeption aufgreifen und zuspitzen werden.

Was Canguilhem g e s ä t . . .

Weniger bekannt ist Georges Canguilhem, der 1955 Bachelards


Nachfolge an der Sorbonne antritt, doch wird er in der epistemo-
logischen Reflexion dieser Zeit eine maßgebliche Rolle spielen.
Er nimmt sich Bachelards Erbe einer Reflexion über die Wissen-
schaften an und leitet das Institut für Wissenschaftsgeschichte
der Universität Paris. Der Gegensatz zwischen den beiden Män-
nern ist allerdings verblüffend: »Bachelard war ein burgundi-
scher Weinbauer, voll übersprudelnder Vitalität, Canguilhem da-
gegen ist ein Mann von hoher innerer Spannung, ein Katharer, ein
harter Mensch, hart im Sinne von rigoros.« 20 Georges Canguil-
hem wird 1924 an der École normale supérieure aufgenommen
und studiert dort bei Alain. 1936 wird er Gymnasiallehrer in Tou-
louse, wo man ihm die khâgne überträgt : »Als ich 1940 in Can-
guilhems Klasse in Toulouse kam, schwebte mir ein klassisches
Literaturstudium vor. Canguilhem gab einen Kurs über die ko-
138 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

pernikanische Wende quer durch die Geschichte, seit Kant. Als


ich auf ihn traf, sagte ich mir, die Literatur kann mir gestohlen
bleiben, ich will zur Philosophie.« 21 In dieser Zeit nimmt Can-
guilhem ein Medizinstudium auf. Als guter Schüler Alains zu-
nächst Pazifist, läßt ihn der Krieg zum aktiven Kämpfer in der
Résistance werden, deren Netz Libération-Sud er angehört. Die
Gefährlichkeit Hitlers kommt ihm in den Jahren 1934/35 zu Be-
wußtsein, in denen er seinen pazifistischen Standpunkt aufgibt,
als ihm »klar wird, daß man mit Hitler nicht verhandeln kann« 22 .
Die ausschlaggebende Entscheidung für den Widerstand fällt für
Canguilhem unmittelbar. In einem 1940 überwiegend pétainisti-
schen Frankreich weigert er sich, dem Vichy-Regime Gefolg-
schaft zu leisten : »Ich habe nicht die agrégation in Philosophie
bestanden, um Arbeit, Familie, Vaterland zu lehren« 23 , erklärt er
umgehend dem Rektor der Toulouser Akademie, Robert
Deltheil. Unter dem starken Eindruck des Zweiten Weltkriegs
spornt ihn der Kampf, den er führt, indes nicht zum Optimismus
an; vielmehr wird er daraus einen tiefen Pessimismus zurückbe-
halten und weitergeben, der aber sein Handeln nicht beeinträch-
tigt — ein »tonischer Pessimismus« 24 .
Der Weg zum Beweis ist voller Bewährungsproben, und der
Tod lauert zweifach, im Krieg und im begonnenen Medizinstu-
dium, die ihn dazu bringen, über die Nähe von Gesundheit und
Krankheit, Leben und Tod, Vernunft und Wahnsinn nachzuden-
ken. Als er 1943 seine thèse verteidigt : Das Normale und das Pa-
thologische, macht Canguilhem sich zum Epistemologen des me-
dizinischen Wissens: »Die vorliegende Arbeit stellt also den
Versuch dar, einige Methoden und Erkenntnisse der Medizin in
die philosophische Spekulation einzubringen.« 25
Er befragt den Begriff der Norm und zeigt, worin die Grenze
zwischen Rationalem und Irrationalem brüchig ist und daß man
nach einem Gründungsmoment der Norm vergeblich sucht, sei
es auch in irgendeinem Bachelardschen Schnitt. Canguilhem ver-
wirft jegliche evolutionistische Sicht eines kontinuierlichen Fort-
Die epistemische Herausforderung 139

schritts von Wissenschaft und Vernunft. Er setzt ihr einen Nietz-


scheanischen Standpunkt entgegen, indem er anstelle eines histo-
ristischen Diskurses über die Konstruktion des medizinischen
Wissens eine Erforschung der begrifflichen und institutionellen
Konfigurationen setzt, die diese oder jene Abgrenzung des Nor-
malen und des Pathologischen möglich gemacht haben. Das Ver-
fahren, dem Canguilhem folgt, führt ihn also dazu, jede dialekti-
sche, jede hegelianische Sichtweise zu verwerfen: »Canguilhem
lehnt Hegel aufs heftigste ab.« 26 Die Idee eines geschichtlichen
Fortschritts ist ihm fremd und begründet den Pessimismus seiner
Philosophie. Wurzelt diese geschichtliche Hoffnungslosigkeit im
Trauma des Zweiten Weltkriegs, so sieht Canguilhem einen wei-
teren Grund für die Erschütterung der Fortschrittsidee in den
Konsequenzen, die sich aus der Erfindung der Dampfmaschine,
aus den Prinzipien der Entropie, also dem Carnot-Prinzip erge-
ben haben: »Die Antriebskraft des Feuers [...] hat dadurch zum
Niedergang der Fortschrittsidee beigetragen, daß Begriffe, die
die Begründer der Thermodynamik ausgearbeitet haben, in die
Philosophie eingeführt wurden. [...] Am Horizont der Entropie
gewahrte man bald den Tod.« 27
Dieses Erklärungsprinzip erhellt im übrigen Canguilhems
Methode und führt ihn dazu, die Fachgrenzen zu überschreiten,
um epistemische Zusammenhänge auszumachen, Querschnitte,
die den Grund für das legen, was Foucault in der Folge Episteme
nennt. Tatsächlich hat Canguilhem mit Foucault einen unmittel-
baren Erben, den er zudem als solchen anerkennt, als er dessen
Buch Die Ordnung der Dinge in der Zeitschrift Critique rezen-
siert. Bei seiner Darlegung von Michel Foucaults Werk stellt Can-
guilhem sich abschließend die Frage, worauf Cavaillès hinaus-
wollte, als er eine Philosophie des Begriffs beanspruchte, und
erörtert, ob der Strukturalismus nicht die Verwirklichung dieses
Desiderats sei. Er bezieht sich auf Lévi-Strauss und Dumézil,
sieht aber dabei in Michel Foucault diesen Philosophen des Be-
griffs für die Zukunft.
140 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Michel Foucault seinerseits hat die Bedeutung von Canguil-


hems Lehre für ihn wie für sämtliche Philosophen seiner Zeit
überhaupt hervorgehoben: »Lassen Sie Canguilhem weg, und Sie
verstehen kaum etwas von einer Vielzahl von Diskussionen, die
bei den französischen Marxisten stattgefunden haben; ebenso
wenig erfassen Sie, was an Soziologen wie Bourdieu, Castel oder
Passeron spezifisch ist. Sie verpassen einen ganzen Aspekt der
theoretischen Arbeit, die bei den Psychoanalytikern und insbe-
sondere den Lacanianern geleistet wurde.« 28

Die Orte des wissenschaftlichen Diskurses

Canguilhem unternimmt eine fundamentale Verschiebung der


traditionellen Frage, die der Suche nach den Ursprüngen gilt, zur
Erkundigung nach dem Ort, der Ansässigkeit des Diskurses. Sie
führt dazu, den stattfindenden Diskurs in ein Wechselverhältnis
mit dem institutionellen Raum zu bringen, der sein Entstehen er-
möglicht hat und seinen Sitz bildet. Die Grenzerkundung der
Aussagebedingungen des wissenschaftlichen Wissens bildet spä-
ter die Hauptachse für Michel Foucaults Forschungen über die
Klinik, das Gefängnis und den Wahnsinn.
Ebenso bricht Canguilhem mit der kumulativen Auffassung
wissenschaftlichen Fortschritts. Er stellt ihr einen diskontinuisti-
schen Ansatz entgegen, der zugleich besagt, daß die Binnengren-
zen des erarbeiteten wissenschaftlichen Wissens sich unaufhörlich
verlagern, in sukzessiven Umstellungen und Umschmelzungen
begriffen sind. Die Geschichte der Wissenschaften wird also
nicht mehr als die fortschreitende Erhellung des Wahren, als die
stufenweise Entschleierung der Wahrheit betrachtet, sie besteht
vielmehr in Aporien, im Scheitern: »Der Irrtum ist für Canguil-
hem das ständige Verhängnis, um das sich die Lebensgeschichte
und das Werden des Menschen schlingen.« 29 Wenn Canguilhem
den Raum der Konstituierung und Gültigkeit der Begriffe erkun-
Die epistemische Herausforderung 141

det, erschließt er ein weites Forschungsfeld, mit dem Zweck, die


Beziehungen zutage zu fördern, die zwischen der Erarbeitung
des Wissens der verschiedenen Wissenschaften und dem jeweili-
gen Zustand ihrer institutionellen, sozialen Realität unterhalten
werden. Daraus wird sich eine fruchtbare soziohistorische Öff-
nung der philosophischen Problemstellung ergeben. Auch für die
ganze Althusser-Strömung wird Canguilhems Einfluß bedeut-
sam sein. Gewiß, der Versuch der Wiederbelebung der marxisti-
schen Begriffe und die Reflexion über die Pathologie liegen auf
reichlich entfernten Forschungsterrains, aber jeweils steht das
Statut der Wissenschaft, die Tauglichkeit der Begriffe in Frage.
Pierre Macherey hat die Bedeutsamkeit von Canguilhems
Werk erkannt und ihm im Januar 1964 die erste gründliche Stu-
die gewidmet. 30 Louis Althusser leitet Pierre Machereys Artikel
ein und begrüßt diese Erneuerung des epistemologischen Den-
kens, das nicht nur mit den deskriptiven Wissenschaftschroniken
bricht, sondern auch mit dem idealistischen Ansatz einer Ge-
schichte des Fortschritts der Wissenschaften, sei sie nun mecha-
nistisch (dAlembert, Diderot, Condorcet) oder dialektisch (He-
gel, Husserl). Die Revolution, die Canguilhem für die Geschichte
der Wissenschaften darstellt, wird von Pierre Macherey enthusia-
stisch begrüßt : »Mit G. Canguilhems Werk besitzen wir, im sehr
starken und nicht im speziellen Sinn, den Freud diesem Wort gab,
das heißt im objektiven und rationalen Sinn, die Analyse einer
Geschichte.« 31
Ferner hat Canguilhem auf dem Gebiet der Psychoanalyse mit
seinen antipsychologischen Positionen den Lacanschen Bruch
bekräftigt. Vor allem gegen die Psychologie hat Canguilhem ge-
stritten. Ihrem positiven Wissen begegnet er mit einer Dekon-
struktion ihres Fachgebäudes und fächert die Psychologie in viel-
zählige Psychologien auf.32 Diese Dekonstruktion, die darauf
zielt, eine Einzeldisziplin zu destabilisieren, indem sie zeigt, daß
deren Wissen nicht kumulierbar ist und unvereinbare Paradigmen
abdeckt, hat Michel Foucault später aus analoger Perspektive im
142 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Namen eines archäologischen Verfahrens gegen die historische


Disziplin selbst gewendet. Georges Canguilhem ruft den Psy-
chologen auch auf ethischer Ebene an, will er doch von ihm wis-
sen, ob er für die Wissenschaft arbeite oder für die Polizei. Die
Mischung von Fragestellungen der Soziologie, der Wissen-
schaftsgeschichte und des moralischen Bewußtseins wird eine er-
giebige französische historische Epistemologie begründen, aber
»man muß einräumen, daß Canguilhems Darlegung über die
Psychologie keine Epistemologie in dem Sinne ist, wie man die
Epistemologie überall außerhalb Frankreichs begreift« 33 . Dieses
spezifisch französische kritische Verfahren hat also in Georges
Canguilhem einen maßgeblichen Wegbereiter gehabt, dem man
am Horizont aller Arbeiten der strukturalistischen Periode wie-
derbegegnet, wenn er es auch vorzog, im Schatten des Paradig-
mas zu bleiben, das er doch weitgehend mit in die Welt gesetzt
hat.

Michel Serres' Loganalyse

Die von Cavaillès angestrebte Philosophie des Begriffs erfährt


mit dem Werk von Michel Serres eine spektakuläre Wiederkehr.
In ihm paaren sich die Lehren von Cavaillès und Canguilhem zu
einer fachübergreifenden Erforschung der epochenkennzeich-
nenden epistemischen Modelle. Die Geschichte der Wissenschaf-
ten besteht nun in einer Aufeinanderfolge von Schichten, von
synchronischen Schnitten : Auf das Paradigma des Fixpunkts, der
Harmonie bei Leibniz folgt die Neuzeit mit der Thermodyna-
mik, die nicht nur für alle Wissenschaften als Modell gilt, sondern
auch für die Mentalitäten, die Literatur oder die Weltanschauun-
gen, die allesamt von diesem beherrschenden Muster durchsetzt
sind. So hat Michel Serres etwa in Zolas Rougon-Macquart das
Prinzip der Thermodynamik selbst am Werk gesehen. Daher ver-
läuft die Scheidelinie nicht zwischen dem wissenschaftlichen
Die epistemische Herausforderung 143

Wissen und der fiktionalen Welt, die sich beide in der Zugehörig-
keit zum beherrschenden Epochenparadigma vereint finden.
Folglich gesellt sich die Mythologie zur Wissenschaft, so wie sich
bei Canguilhem Pathologie mit Normalität überschnitt: »Die
Mythen sind voller Wissen, und das Wissen ist voll von Träumen
und Illusionen« 34 , weshalb hier auch der Irrtum der Wahrheit
wesensgleich ist.
Michel Serres war zweifellos der erste Philosoph, der — bereits
1961 — ein ausdrücklich strukturalistisches Gesamtprogramm im
Feld der Philosophie definiert hat. 35 Im kritischen Gebrauch des
von der Mathematik übernommenen Begriffs der Struktur er-
kennt er den Vollzug einer zweiten Revolution des 20. Jahrhun-
derts. In Gaston Bachelard sieht er hingegen die Vollendung eines
symbolistischen 19. Jahrhunderts, das die Heldenarchetypen
durch die Elementararchetypen Erde, Wasser und Feuer ersetzt
hat. Der Strukturalismus läutet ein neues Zeitalter ein, dessen
Methode Michel Serres als »Loganalyse« 36 bezeichnet.
Die neue Methode zielt darauf, die Struktur von jedem seman-
tischen Inhalt zu bereinigen, sie um jeden semantischen Inhalt zu
beschneiden: »Eine Struktur ist eine Operationale Menge mit Un-
definierter Bedeutung [...], die beliebig viele, inhaltlich nicht spe-
zifizierte Elemente und eine endliche Zahl von Relationen zusam-
menfaßt, deren Natur nicht weiter spezifiziert ist, für die jedoch
die Funktion und gewisse Auswirkungen auf die Elemente defi-
niert sind.« 37 Die Strukturanalyse stehe über dem Sinn, im Ge-
gensatz zur Symbolanalyse, die von diesem erdrückt werde. Mi-
chel Serres folgt insofern einer kantischen Strukturkonzeption,
als er, Kants Unterscheidung zwischen Noumenon und Phäno-
menon äquivalent, zwischen Struktur und Modell trennt. Dieser
Text von 1961 birgt das Versprechen auf Verwirklichung eines
sehr ehrgeizigen philosophischen Programms, denn wenn diese
Methode aus einem Wissensgebiet, der modernen Mathematik,
stammt, muß sie sich laut Serres auch auf alle anderen Problem-
felder übertragen lassen. Das heißt, es besteht die Möglichkeit,
144 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

alle Felder des Wissens, von den Mythen bis zur Mathematik,
aufgrund eines gemeinsamen Paradigmas zu umspannen, das Mi-
chel Serres als Loganalyse bezeichnet, welche aus der Anhäufung
und kulturellen Zersplitterung heraus Ordnung setzt. Dieser
konzeptuelle Vorstoß bietet in Michel Serres' Augen auch die
Möglichkeit, an die Abstraktion des Klassizismus anzuknüpfen
und dank des Wegfalls der scholastischen Trennung von Natur-
wissenschaften und Geisteswissenschaften, dank der histori-
schen Universalität und Transversalität des Projekts »im selben
Zuge das griechische Wunder der Mathematik und die phantasti-
sche Blüte der griechischen Mythologie begreifen zu können«38.
Im gleichen Zeitraum, als Merleau-Ponty — 1960 — sein phä-
nomenologisches Programm definierte, brachte Michel Serres —
ab 1961 — das strukturalistische Programm in Umlauf. Eben letz-
teres nahm in den sechziger Jahren seinen Aufschwung.
Der Rebell Jacques Lacan

Läßt Roland Barthes ein schillerndes Bild des Strukturalismus


aufscheinen, so möchte man mit der dem strukturalistischen
Paradigma eigenen binären Aufgliederung Jacques Lacan seine
schroffe Seite nennen, die Verkörperung des strengen Vaters,
der sich zur Verteidigung der analytischen Praxis um immer stren-
gere Wissenschaftlichkeit bemüht [»père-sévere« : siehe S.118,
A.d.Ü.]. In den sechziger Jahren wird er beträchtliches Aufsehen
auslösen, aber da hat er die Hauptsache seines Werkes bereits gelei-
stet, denn als die Leser Jacques Lacan 1966 über seine Schriften
entdecken, reicht der Bruch, von dem die Rede ist, schon auf
die beginnenden fünfziger Jahre zurück. Im Mittelpunkt des
strukturalistischen Paradigmas steht das Unbewußte, nicht allein
wegen des Aufschwungs der therapeutischen Praxis, die die Psy-
choanalyse darstellt : Wir haben es in der von Lévi-Strauss vertrete-
nen Anthropologie walten sehen oder auch in der von Saussure
eingeführten Unterscheidung von langue und parole. Die Bedeu-
tung, die zu jener Zeit dem Unbewußten zugesprochen wird, be-
fördert auch das öffentliche Aufsehen, das Lacan genießt.
Lacan, der einem katholischen Milieu entstammt, sagt sich
recht früh vom Glauben los. Als Symbol für diesen Bruch läßt er
einen Teil seines Vornamens weg und behält von Jacques Marie
lediglich Jacques bei. Freilich hat er damit nicht gänzlich mit der
katholischen Kultur gebrochen, die seine Neulektüre Freuds in
weiten Teilen durchsetzt. Dennoch macht er hier den ersten
Bruch von vielen durch. Schicht um Schicht bemächtigt er sich
der Sedimente eines Wissens, das er sich für das von ihm ge-
wählte Fachgebiet — zunächst die Neuropsychiatrie, später die
146 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Psychoanalyse — zunutze macht. Seit Anfang der dreißiger Jahre


hängt er sämtlichen Formen der Modernität an, vom Dadaismus
auf dem Gebiet der Kunst bis zum Hegelianismus, als er Kojèves
Kurse an der École des hautes études belegt: »Der Unterricht
Kojèves beeinflußt Lacan im buchstäblichen Sinne des Wortes.« 1
Hier lernt er die Lehren Hegelscher Dialektik kennen, insbeson-
dere die des Herr-Knecht-Verhältnisses, vorderhand aber eine
Kojèvesche Lesart Hegels, die sich in einer betonten Dezentrie-
rung des Menschen und des Bewußtseins, in einer Kritik der Me-
taphysik und in der Vorrangigkeit des Begehrensbegriffs äußert.
Mit dem Begriff des Begehrens, der im Zentrum der Lacanschen
Theorie steht, greift Lacan Kojèves Hegel-Lektüre auf, worin
»die menschliche Geschichte die Geschichte der begehrten Be-
gehren ist« 2. Über Kojève kommt Lacan zu dem Satz, daß Be-
gehren nicht den anderen begehren ist, sondern das Begehren des
anderen begehren. Wenn Lacan die Hegeische Lehre einsetzt, um
Freud neu zu lesen, so verdankt er seine eigentümliche Schreib-
weise, seinen Stil dem Interesse an den Surrealisten und der Teil-
nahme an ihrem Kreis : René Crevel ist er freundschaftlich ver-
bunden, er begegnet André Breton, begrüßt in Salvador Dali
einen Erneuerer des Surrealismus und heiratet 1939 Georges Ba-
tailles erste Frau Sylvia.
Sehr früh schon, 1930, richtet er in seiner psychiatrischen Pra-
xis das Hauptaugenmerk auf die Untersuchung der Schreibweise.
So auch in dem Referat, das er über eine vierunddreißigjährige
Grundschullehrerin verfaßt, eine Erotomanin und Paranoikerin
namens Marcelle, die sich für Jeanne dArc hält und sich einbildet,
sie habe den Auftrag, die Sitten wiederherzustellen. Um die
Struktur ihrer Paranoia beschreiben zu können, legt Lacan eine
Untersuchung ihrer Briefe auf semantische und stilistische Stö-
rungen zugrunde. 3 Als Schüler von Clérambault bewirkt Lacan
eine entscheidende Wende mit der Analyse des Falls Aimée. Da er
es ablehnt, die Freudsche Theorie ins Schema des psychiatrischen
Organizismus zu pressen, kehrt er die traditionelle Wertgliede-
Der Rebell jacques Lacan 147

rung des Verhältnisses von Psychiatrie und Psychoanalyse um


und führt »den Primat des Unbewußten in der klinischen Stu-
die« 4 ein. Am Psychose-Fall der Schwestern Papin schärft er
noch einmal die Vorstellung vom Unbewußten als einer Struktur,
die das andere konstituiert, als radikaler Alterität zu sich selbst.
1932 verteidigt Lacan seine thèse: De la psychose paranoïque
dans ses rapports avec la personnalité (Von der paranoischen Psy-
chose in ihren Zusammenhängen mit der Persönlichkeit), die
über Psychiaterkreise hinaus Beachtung findet. Boris Souvarine
und Georges Bataille werden sofort auf sie aufmerksam und dis-
kutieren sie in der Critique sociale.5 Lacan verwirft jedweden Or-
ganizismus und reiht die Paranoia, deren Struktur er definiert, in
die Freudschen Kategorien ein. Nun ist diese Struktur aber nicht
aus einem phänomenologischen Zugriff auf die Persönlichkeit
herleitbar: »Die spezifisch menschliche Bedeutung menschlicher
Verhaltensweisen offenbart sich nie so deutlich wie im Vergleich
mit den Verhaltensweisen der Tiere.« 6 Seit seiner thèsekznn man
bei Lacan von einer Rückkehr zu Freud sprechen : Nicht, daß er
dessen Lehre nur hätte einüben wollen, vielmehr wollte er sie
weiterführen, und zwar besonders auf dem Gebiet der Psychose,
wo Freud die Waffen gestreckt hatte. Nach Lacans Auffassung
muß die Psychoanalyse von der Psychose Rechnung ablegen
können, sonst wäre sie wenig dienlich.
Hinsichtlich seines Genetismus ist der Lacan der thèse noch
nicht der Lacan der Schriften. Unter dem Eindruck der Hegel-
schen Lehre sieht Lacan die Konstitution der Persönlichkeit stu-
fenweise voranschreiten bis zur Verwirklichung dessen, was er
die vollendete Persönlichkeit nennt, die sich mit der Hegeischen
Durchschaubarkeit der Vernunftordnung in einer vollendeten
Geschichte trifft. Dieses Lacansche Moment ist also noch stark
»dem Genetismus verpflichtet; [...] die erste große Lacansche
Doktrin ist eine absolut genetische Doktrin« 7 . 1936 hat Lacan
Gelegenheit, diesen entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt auf
dem XIV. Internationalen Kongreß für Psychoanalyse in Marien-
148 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

bad zu referieren. Sein Vortrag heißt: Le Stade du miroir. Théorie


d'un moment structurant et génétique de la constitution de la
réalité, conçu en relation avec l'expérience et L· doctrine psychana-
lytique (Das Spiegelstadium. Theorie eines strukturierenden und
genetischen Moments der Realitätskonstitution, aufgefaßt in Be-
ziehung zur psychoanalytischen Erfahrung und Lehre). Zu die-
sem Zeitpunkt steht Lacan noch unter dem Einfluß des Psycho-
logen Henri Wallon, von dem er sich später lösen wird.
Wallon sieht, wenn das Kind vom Stadium des Imaginären
zum symbolischen Stadium übergeht, den Vollzug eines qualita-
tiven Entwicklungsschritts. Lacan beschreibt den gleichen Pro-
zeß, nur verlagert auf die Ebene des Unbewußten: Es geht um
den wesentlichen konstitutiven Moment, in dem das Kind das
Bild seines eigenen Körpers entdeckt. Diese Identifizierung er-
laubt die Strukturierung des »Ich« und die Überwindung des
vorherigen Stadiums, der Erfahrung des zerstückelten Körpers.
Diesen Übergang zum Bewußtsein eines eigenen Körpers in sei-
ner Einheit verfehlen die Psychotiker, um im Streuungszustand
eines auf immer gespaltenen Subjekts zu verbleiben. Das sechs-
bis achtmonatige Kind erlebt, wie in der Hegeischen Dialektik,
das Spiegelstadium in drei Momenten. Zunächst nimmt es sein
vom Spiegel reflektiertes Bild als das eines anderen wahr, den es
zu fassen versucht; dabei verbleibt es im imaginären Stadium.
Zweiter Schritt : »Das Kind wird unmerklich zu der Entdeckung
gebracht, das der andere im Spiegel kein reales Wesen ist, sondern
ein Bild.« 8 Seine primordiale Identifizierung verwirklicht das
Kind schließlich im dritten Schritt, indem ihm bewußt wird, daß
dieses wiedererkannte Bild das seine ist; doch findet dieser Über-
gang zu früh statt, als daß das Kind die Erfahrung von der Er-
kenntnis seines eigenen Körpers machen würde: »Es handelt sich
also um nichts anderes als ein imaginäres Wiedererkennen.« 9
Daraus ergibt sich für das Subjekt, daß es, Opfer der Trugbilder
seiner räumlichen Identifizierung, seine Identität aufgrund einer
imaginären Entäußerung konstituieren wird.
Der Rebell Jacques Lacan 149

Stellt sich dieser Moment 1936 noch als Stufe, als Stadium im
Wallonschen, genetischen Sinn des Wortes dar, so greift Lacan
das Referat für den Internationalen Kongreß für Psychoanalyse
1949 in Zürich noch einmal auf, doch diesmal mit einer eher
strukturalistischen als genetischen Lesart. Denn er behält in sei-
nem Vortrag zwar die Bezeichnung Stadium bei {Le Stade du
miroir comme formateur de la fonction du Je [Das Spiegelsta-
dium als Bildner der Ich-Funktion] ), doch wird dieses nicht mehr
als ein Moment innerhalb eines genetischen Prozesses betrachtet,
sondern als Gründungsmatrix für die Identifizierung, für das
vom Subjekt errichtete Verhältnis zwischen Äußerlichkeit und
Innerlichkeit, aus dem eine »unüberschreitbare Konfiguration« 10
hervorgeht. Die Bezeichnung Stadium entspricht somit nicht
mehr dem, was Lacan beschreibt. Aufgrund dieser imaginären
Identifizierung findet sich das Kind also bereits in seinem Werden
strukturiert, befangen in den Trugbildern dessen, was es für seine
Identität hält, wodurch fürderhin jeglicher Versuch, Zugang zu
sich selbst zu finden, für das Subjekt unmöglich und illusorisch
wird, denn das Bild seines Ich (moi) verweist es auf einen ande-
ren, der nicht es selber ist.
Lacan akzentuiert also seit der Nachkriegszeit den Schnitt
zwischen Bewußtheit und Unbewußtheit, indem er von zwei
Ordnungsgrößen ausgeht, die sich zueinander im Verhältnis der
Äußerlichkeit befinden: Das Sein-seiner-Selbst entzieht sich un-
weigerlich dem Seienden, der Welt, dem Bewußtsein. Damit wird
das Spiegelstadium zum Schlüssel, der beim Individuum die Fest-
setzung der Trennlinie zwischen dem Imaginären und dem Sym-
bolischen gestattet, erstes Merkzeichen einer Entäußerung des
Ich (moi) : »Man kann mit J. Lacan im Spiegelstadium einen re-
gelrechten strukturalen Schnittpunkt erkennen.« n Aus dieser
neuen Auffassung vom Spiegelstadium ist ein zweifacher Einfluß
herauszulesen: die strukturale Linguistik Saussures, die Lacan
gleich nach dem Krieg durch Lévi-Strauss entdeckt, und die Hei-
deggerschen Themen, die an die Stelle der Hegeischen Dialektik
150 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

treten. Der Essenz des Seins, jeden Tag ein wenig mehr verloren
in der Seinsvergessenheit, dem unausbleiblichen Untergang im
Seienden korrespondiert die künftige, nach dem Spiegelstadium
sich vollziehende Konstruktion des Ich (moi), das dem Ich (Je),
dem auf ewig seiner selbst dezentrierten Subjekt immer weiter
entgleiten wird : »Die fortschreitende Entzweiung, die zwischen
dem Ich (moi) und dem Sein eintritt, wird sich durch die ganze
seelische Geschichte hindurch verschärfen.« n
In diesem Sinne gehörte Lacan bereits 1949 dem strukturalisti-
schen Paradigma an, ehe er sich 1953 ausdrücklich auf Saussure
bezieht, denn das Spiegelstadium entgeht der Geschichtlichkeit,
es ist gegeben als primäre, unumkehrbare Struktur, die nur mehr
durch ihre eigenen Gesetze zu funktionieren vermag. Es gibt
demnach keine Möglichkeit des Übergangs von einer Struktur zu
einer anderen, sondern lediglich eine von dieser zu jener Verwal-
tung der besagten Struktur. Von diesem Augenblick an entschlägt
sich Lacan gänzlich der in seiner thèse angesprochenen Hegel-
schen Idee der Möglichkeit einer vollendeten, sich selbst durch-
schaubaren Persönlichkeit. Keine dialektische Überschreitung
der Ausgangsstruktur ist mehr möglich. Das Unbewußte ent-
gleitet fortan der Geschichtlichkeit, ebenso wie es das Cogito,
das Selbstbewußtsein, den Täuschungen der Imago anheimstellt.
Desgleichen nimmt Lacan hier Abstand von der Hegeischen Dia-
lektik der Begierde (désir) als Begierde auf Anerkennung, die für
ihn ins Reich des Imaginären, also des Verlangens (demande)
fällt, und nicht in das des Wunsches (désir), der seinen eigenen
Ort nur im Unbewußten findet. Lacans von Freud stammende
und von ihm zugespitzte Idee der Teilung des Subjekts impliziert
eine Kritik des Hegelianismus und dessen Idee des absoluten
Wissens, die als Fata Morgana verabschiedet wird: »Ich würde
sogar sagen, daß Lacan durch und durch eine Kritik des Hegelia-
nismus formuliert, und zwar die triftigste, die es gibt.« 13
1956 wendet sich Lacan gegen seinen Lehrmeister Jean Hyp-
polite, den Statthalter des Hegelianismus, indem er die Psycho-
Der Rebell Jacques Lacan 151

analyse als mögliche Ablösung nicht nur des Hegelianismus,


sondern der Philosophie überhaupt vorstellt. Zu Beginn der fünf-
ziger Jahre hatte Hyppolite in Lacans Seminar ein Referat gehal-
ten, das mitsamt der Antwort Lacans veröffentlicht wurde. 14 Zur
Frage stand dabei die Übersetzung des Freudschen Begriffs
der Verneinung. Hyppolite verwirft den unterschwelligen Psycho-
logismus der Bezeichnung dénégation, die ein in einer inneren
Spannung zwischen Bejahen (affirmer) und Leugnen (nier) be-
fangenes Urteil voraussetzt. Seine Lesart zielt darauf, den Freu-
dianismus als konstituierende Entwicklungsstufe des Logos, des
Geistes, wie Hegel ihn in der Geschichte am Werk sieht, einzu-
binden: »Eigentlich wollte er zeigen, wie man Freuds Werk in
eine zeitgenössische Phänomenologie des Geistes einbeziehen
könnte. Er konstruierte findig eine neue Figur des Geistes, die
des verneinenden Bewußtseins.« 15 Lacan hingegen sieht in Freud
die Zukunft Hegels.

Die Skandierung

Lacan bringt Neuerungen indes nicht allein auf theoretischer


Ebene, sondern auch in der therapeutischen Praxis. Mit der
Schwelle, die er hier überschreitet, wird er zum Rebellen, zu ei-
nem Psychoanalytiker, der mit der offiziellen Standesorganisa-
tion, der Société psychanalytique de Paris (SPP), bricht. Verschie-
dentlich schaltet er sich Anfang der fünfziger Jahre bei der SPP
ein, um seine Praxis der variablen Sitzungsdauer zu rechtfertigen.
Zur Rede steht, die Übertragungsbeziehung zu dialektisieren
durch Abbruch der Sitzung, durch Skandierung auf ein signifi-
kantes Wort des Patienten hin, der dann aufgefordert wird, nach
Hause zu gehen.
Diese Sitzungen von variabler Dauer führen bald zum Skan-
dal, zumal sie sich, wie die SPP feststellt, meist in kurze, ja sehr
kurze Sitzungen verwandeln. So wird diese Praxis zum Zankapfel
152 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

zwischen der offiziellen Institution der Psychoanalyse und La-


can, der auch auf dieser Ebene vollauf am strukturalistischen
Abenteuer des Bruchs mit Akademismen und bestallten Mächten
teilhat. Unübersehbar erlauben es Lacan diese Kurzsitzungen,
möglichst viel Geld in möglichst wenig Zeit einzustreichen, wo-
mit er den Beruf des Analytikers einträglicher gestaltet als den ei-
nes Unternehmenschefs — ein Mittel wie jedes andere auch, die
Psychoanalyse einträglich zu machen und wissenschaftliche Legi-
timation mit der Möglichkeit der Vermögensbildung zu verbin-
den. Sein Hang zum Geld ist legendär geworden : »Wenn Sie mit
Lacan ins Kino gingen, waren Sie gezwungen, im Fouquet's ein-
zukehren und Kaviar zu bestellen. Warum Kaviar? Weil es das
Teuerste war« 16 , berichtet Wladimir Granoff schmunzelnd, da er
als Russe Kaviarpaste den Kaviarkörnchen vorzieht. In einer
Epoche des Taylorismus hatte Lacan also eine sehr zeitgemäße
Auffassung der Stundenleistung. Allerdings sehen manche gerade
darin eine der Nahtstellen des Lacanismus, einen der Hauptbei-
träge des Meisters: »Die Skandierung, die Interpunktion ist ja
das, was es ermöglicht, ein Sprechen zu strukturieren. Was ist In-
terpunktion ? Sie ist die Zeit des Anderen. Und eben deshalb bil-
det sie eine grundlegende Intervention, als Artikulation mit der
Zeit des Anderen. Ohne Interpunktion spricht der Patient ganz
allein.«17
Es ist ein weiterer Vorteil dieser Kurzsitzungen, daß Lacan die
Zahl seiner Patienten vervielfachen kann, und weil er Schule ab-
seits der Schule machen will, hat er damit zugleich das Mittel an
der Hand, eine Generation von Analytikern in seinem Gefolge zu
formen, die er nicht nur zu treuen Anhängern ausbildet, sondern
auch in eine Übertragungsbeziehung einbindet, in der sie affektiv
völlig vom Lehranalytiker abhängig sind. Die Kurzsitzung hat
also einen Geschäftswert, aber sie ist auch ein Mittel, dem von
Lacan vollzogenen Bruch einen soliden Nährboden zu verschaf-
fen. Im übrigen kehrt er damit zur Behandlungsweise zurück,
wie Freud selbst sie verstand. Zwar findet sich bei Freud keine
Der Rebell Jacques Lacan 153

Skandierung, aber »er läßt manche Behandlungen drei oder sechs


Monate dauern [...], was dem gleichen Gedanken entspringt,
nämlich dem des Oberhaupts einer Schule, der seine Theorie auf
den Markt wirft« 18 . Genau dieser Praxis halber wird Lacan später
aus der SPP ausgeschlossen und findet sich damit als Oberhaupt
einer eigenen Schule wieder. So gäbe es also eine Freud und Lacan
gemeinsame Dimension des Proselytentums. Lange Sitzungen
bei kurzer Behandlungsdauer oder kurze Sitzungen bei langer
Behandlungsdauer — das Ziel ist mehr oder weniger dasselbe.
Auch außerhalb der École de la cause freudienne (ECF) sind
heute manche der Ansicht, daß man innerhalb des Prinzips der
Skandierung denken müsse, gerechtfertigt durch die Überle-
gung, daß das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert sei:
»Man kann durchaus annehmen, daß sich eine Skandierung in die
Rede eines Analysanden zu gelegener Zeit einschaltet, um etwas
zu unterstreichen, und im selben Zug seinem Sprechen in der
Übertragung auf den Analytiker ein vorläufiges Ende setzt« 19 ,
sagt Joël Dor, der bedauert, daß diese begründete und fruchtbare
Idee der variablen Sitzungsdauer sich aus uneingestandenen öko-
nomischen Gründen zur Systematisierung extrem kurzer Sitzun-
gen gewandelt habe.
Andere, wie Wladimir Granoff, sind der Meinung, es sei da
nur an die Erfahrung zu denken, die Lacan nach dem Krieg
machte, als er einen Patienten vor die Tür setzte. Lacan warf sich
daraufhin vor, seiner Ungeduld nachgegeben zu haben, und
sorgte sich, ob dieser Patient wiederkäme. Nun, zur verabredeten
Stunde fand der Analytiker seinen Analysanden auf der Couch
wieder: »An diesem Tag gerät die Welt ins Wanken. Sie gerät ins
Wanken wie jedesmal, wenn der Analytiker eine Übertretung be-
geht.« 20 Seit dieser Entdeckung begann Lacan, die Sitzungsdauer
zu verkürzen, und er konnte jedesmal feststellen, daß dies seine
Patienten in keiner Weise dazu führte, ihn zu verlassen. Abseits
dieser persönlichen Erfahrung hätten die kurzen Sitzungen als
therapeutische Doktrin ȟberhaupt keinen Belang; sie verletzten
154 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

niemanden, sie haben nie jemandem geholfen und sind kein Ver-
brechen« 21.

Freud neu lesen

Das Ergebnis ist auf alle Fälle beeindruckend, denn Lacan hat
eine ganze Analytikergeneration stark geprägt, nicht nur mit sei-
nen Seminaren, sondern tiefreichender noch durch seine Analy-
sen. Um eine solche Ausstrahlung zu gewinnen, um eine Intensi-
vierung der Übertragungsbeziehung zu erreichen, war der Weg
über die Kurzsitzung unumgänglich. Jean Clavreul beginnt 1947
in großer seelischer Bedrängnis eine Analyse bei Lacan: »Er war
der einzige, der mich adäquat verstanden hat. Er war jemand, der
die Probleme metaphorisch umsetzte.« 22 Serge Leclaire lernt
Françoise Dolto kennen, die ihn zu Lacan schickt, begibt sich
von 1949 bis 1953 bei ihm in Analyse und wird der »erste Lacania-
ner der Geschichte« 23 . Einige treten durch die Übertragungsbe-
ziehung in ein Verhältnis zu Lacan, und andere finden auf seine
Couch, nachdem sie ihn in seinen Seminaren kennengelernt ha-
ben. So Claude Conté, der, in der Ausbildung zum Psychiater,
aber ebenso unzufrieden mit der Psychiatrie wie mit den gängi-
gen Freud-Kommentaren, 1957 Lacan entdeckt und seine Semi-
nare besucht. Von da an liest er Freud wieder und vollzieht, wie
eine ganze Generation, die von Lacan propagierte Rückkehr zu
Freud — und befindet sich für zehn Jahre, von 1959 bis 1969, bei
Lacan in Behandlung. Es gehört zu Lacans größten Verdiensten,
daß er in einer Zeit — den fünfziger Jahren —, als »es Mode war,
Freud als einen ehrwürdigen Altvorderen zu betrachten, den man
aber nicht mehr las« 24 , eine Lektüre bzw. Neulektüre Freuds be-
wirkt und dem Freudianismus neues Ansehen verliehen, ihn wie-
derbelebt hat.
Die Rückkehr zu Freud vollzog sich also auf Vermittlung La-
cans, der davon profitierte, indem er die Position des gesetzge-
Der Rebell Jacques Lacan 155

benden Vaters einnahm. Lacan verkörperte den Namen-des-Va-


ters, indem er sein Charisma verströmte, seine Pfründe verteilte
und seine Vasallen zu Rittern schlug und dadurch, wenn auch auf
die Gefahr hin, einige seiner Getreuen in bloße Nachahmer des
Gründervaters zu verwandeln, der Psychoanalyse, die in Frank-
reich seinerzeit eine Art Goldenes Zeitalter erlebte, unstreitigen
Erfolg sicherte.
Der Appell von Rom (1953) : zurück zu Freud

Wie der Appell vom 18. Juni 1940 den Militär de Gaulle zum Poli-
tiker macht, so erhalten die Psychoanalytiker durch Lacans Rom-
Rede im September 1953 die höheren Weihen. Doch man darf
nicht vergessen, daß Lacan zunächst einmal Psychiater war, und
mit Rücksicht darauf müssen seine Positionsbestimmungen wie-
der in den epistemologischen Kontext dieser Disziplin gerückt
werden. Denn in den dreißiger Jahren ist die Psychiatrie Schau-
platz einer großen Auseinandersetzung um die Aphasie, die hin-
sichtlich der Hirntopologie zwischen Lokationisten und Globali-
sten geführt wird. 1 Einige Forscher halten die Störungen für in
den verschiedenen Hirnteilen verortbar. Dagegen verwirft unter
Berufung auf die Thesen der Gestalttheorie Kurt Goldstein diese
reduktionistische Sichtweise, die der Störung eine lokalisierte
Wirkungsweise zumißt. Er spricht sich für einen strukturalen
Ansatz aus, dem zufolge die neuronale Veränderung die Hirn-
funktion insgesamt betrifft. Eine Fortsetzung außerhalb des
psychiatrischen Umfelds findet diese Debatte übrigens 1942 mit
der Veröffentlichung der Struktur des Verhaltens von Maurice
Merleau-Ponty, der für Goldsteins globalistische Position ein-
tritt. Der Strukturgedanke, der allerdings nicht gleichzusetzen ist
mit dem Strukturbegriff, der in der strukturalistischen Periode
zum Zuge kommt, ist somit in dem Umfeld, in dem sich der
junge Psychiater Lacan bewegt, bereits ein zentraler Reflexions-
gegenstand.
Die Psychiatrie bleibt für Lacan ein maßgeblicher Horizont,
nicht nur wegen seiner ursprünglichen Ausbildung, sondern
auch, weil sie fortlebt in einer tiefen Freundschaft mit Henri Ey,
Der Appell von Rom (1953): zurück zu Freud 157

der einmal der Papst der Psychiatrie werden sollte. Ey schlägt


eine klinische Laufbahn ein, wird Chefarzt der psychiatrischen
Kliniken und übernimmt einen Posten in einer ehemaligen Abtei
in Bonneval bei Chartres. Diesen Ort macht Henri Ey zu einem
Kreuzungspunkt wichtiger theoretischer Auseinandersetzun-
gen; er organisiert regelmäßig Kolloquien, bei denen sich Psych-
iater und Psychoanalytiker treffen. Überdies bildet er praktisch
die gesamte angehende Psychiatergeneration aus : »Er hatte also
ein erhebliches geistiges Gewicht, und er war es auch, der zum
Betreiber der Strukturidee in der Psychiatrie wurde. Wir jungen
Psychiater waren also in dem Moment, als der Strukturalismus
losbrach, durchaus mit dem strukturalen Denken vertraut, bloß
daß der Strukturalismus, der soviel Aufsehen erregte, damit
nichts zu tun hatte.« 2
Georges Dumézils Sohn Claude, symptomatischer Fall einer
Konversion von der Psychiatrie zur Psychoanalyse Mitte der
fünfziger Jahre, war sowohl Schüler von Henri Ey als auch
von Daniel Lagache, aber ein zwischen phänomenologischen
Betrachtungen, psychologisierender Sprache und pharmakolo-
gischen Auffassungen eingezwängter psychiatrischer Diskurs
stellte ihn nicht zufrieden. Er fühlt sich in der Sackgasse, als er
1954 auf Lacans Seminare in Sainte-Anne stößt: »Das war wirk-
lich ein Diskurs, der stach.« 3 Aus dieser Erfahrung heraus liest er
Freuds Werk. Lacans Sprechen war für ihn »ein kräftiges Aphro-
disiakum fürs Denken; es brachte einen zum Arbeiten« 4 . Der
Diskurs Lacans, verbunden mit seiner klinischen Erfahrung als
Praktiker, hatte nicht nur theoretischen Wert, sondern wirkte bei
seinen Hörern wie die freie Assoziation und deren Interpretation
zugleich. Mit Hilfe dieser Zirkularität handhabte Lacan zudem
eine Übertragungsbeziehung zu seinem Publikum. Seine Rede
trug über das, was sie bedeutete, hinaus, wie er selbst es einmal
theoretisch begründet hat. Man urteile nach der Aussage des da-
maligen Neulings Claude Dumézil : »Als ich in den Jahren 1954/
55 in Lacans Seminar aufkreuzte, sprach er schon vom Namen-
158 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

des-Vaters (nom-du-pèré), und ich verstehe : Nein des Vaters (non


du père). Ich begreife also nichts von dem, was Sache ist, und doch
bin ich mit diesem Irrtum voll im Thema.« 5 So sehr im Thema,
daß Georges Dumézils Sohn sich wenige Jahre später, 1958, bei
Lacan in die Analyse begibt. Doch auf der Couch lernt er einen
anderen Lacan kennen: »Es ist schrecklich: Schlagartig wird die-
se brillante Persönlichkeit stumm wie ein Karpfen, der verfüh-
rerische Mann klaut einem die Knete. Da ist dann keine Rede
mehr vom Begriff, sondern es blutet.« 6 Aus der Ablehnung des
Psychologismus also ergeben sich die Verführungskraft, die der
Lacansche Diskurs ausübte, der Kreuzweg, der sich dann auftut,
und die endgültige Konversion zur Psychoanalyse. So erging es
damals vielen Psychiatern.

Ein notwendiger Impuls

Wie aber steht es Mitte der fünfziger Jahre um die Psychoana-


lyse? Der Freudianismus scheint eine Entwicklung zu nehmen,
die ihn womöglich zum Verlust seiner Identität führt : »Was sich
einem 1950 als Freudianismus anbot, glich einer medizinisch-
biologischen Sauce.« 7 Diese Tendenz zur Biologisierung des psy-
choanalytischen Bruchs wurzelt in Freuds Werk selbst. Sie kann
sich auf seinen Philogenetismus stützen, aber gerade in diesem
Aspekt bleibt er dem Positivismus seiner Epoche verhaftet. Die
vorherrschende Freud-Lesart im Frankreich der fünfziger Jahre
setzt dementsprechend Instinkt mit Trieb gleich und Bedürfnis
mit Wunsch. Freud wird damals als tüchtiger Arzt angesehen, der
mit anerkannter Wirksamkeit Neurosen behandelt hat. Es gab
also eine zweifache Klippe: zum einen eine Psychoanalyse, die
ihren Gegenstand — das Unbewußte — zugunsten einer dyna-
mischen Psychologie einbüßte, und zum anderen die Medika-
lisierung jeglicher Form von Pathologie und demzufolge die
Auflösung der Psychoanalyse in der Psychiatrie. In diesem Sinne
Der Appell von Rom (1953) : zurück zu Freud 159

bewirkt Lacans Einschreiten einen gleichsam de gaulleschen Im-


puls : »Sein Auftritt auf der Bühne hat dieser Szene unbestreitbar
einen hervorragenden Dienst erwiesen. Er hat einer Schwemme
von Müll, von analphabetischen Schwachsinnigkeiten Einhalt ge-
boten, in der die Führungsriege der französischen Analyse befan-
gen war.« 8
Um zu illustrieren, in welch verkommenem Zustand sich das
analytische Denken befand, nennt Wladimir Granoff als Beispiel,
wie nach dem Krieg mit der analytischen Praxis verfahren wurde,
die besagt, daß versäumte Sitzungen zu bezahlen sind. Die
Grundsätze, nach denen sich diese Praxis richtet, sind nämlich
keineswegs nebensächlich, sondern haben im Gegenteil axioma-
tischen Wert: »Gleich nach dem Krieg begann ich eine Kontroll-
analyse bei einer der größten Hoffnungen der Société de Paris,
Maurice Bouvet. Ich gehörte zur ersten Generation von Bouvets
Kontrollanalysanden. Bei der Gruppenkontrolle berichtete ein
Kollege vom Fall eines Patienten, der zu diesem Zeitpunkt krank
war und deshalb nicht zu den Sitzungen kam. Was tun? Der
große Theoretiker Bouvet antwortete nach reiflicher Überle-
gung: Bis 38 Grad Fieber können wir ihn zahlen lassen, danach
nicht mehr! Das heißt natürlich, einer Disziplin eine Sonde, ein
Thermometer in den Hintern zu stecken. Und doch war Bouvet
ein würdiger, ein überzeugender und herausragender Vertreter
seines Fachs.« 9
Auf diesem wie auf anderen Gebieten war Lacans Eingreifen
insofern heilsam, als er, neben theoretischen Anregungen, solide
wissenschaftliche Verbindlichkeiten in die analytische Praxis ein-
gebracht hat, strenge Arbeitsregeln, durch die sie sich als auto-
nome Wissenschaft mit klaren, ihren wissenschaftlichen Rang er-
härtenden Prozeduren ausweisen konnte. Diese Sanierung von
Denken und Praxis hat weitgehend zum Wandel des sozialen
Images des Psychoanalytikers beigetragen, der bislang fast als
gefährlicher Hexer galt und fürderhin für einen Mann der Wis-
senschaft angesehen wird: »Wenn damals ein Psychoanalytiker
160 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

abends ausging und eine Dame zum Tanz aufforderte, bekam er


zu hören: Ο Gott, Sie sind dabei, mich zu psychoanalysieren !
Das war die Vorstellung, die man von Psychoanalytikern hatte.
Dann hat man begonnen, sie als Leute, die an einer bestimmten
Sache arbeiten, als Wissenschaftler zu sehen. In diesem Augen­
blick eröffnete sich ihnen eine neue Identität.« 10 Dieser wissen-
schaftliche Impuls tritt zum richtigen Zeitpunkt ein. Tatsächlich
ist die globale Lage günstig : Sie bietet keine glaubwürdige, mobi-
lisierende Aussicht auf kollektive Veränderung der Gesellschaft
mehr, was wiederum einer sozialen Haltung der Einkehr und des
Rückzugs auf sich selbst Vorschub leistet. Ende der fünfziger
Jahre wird die Psychoanalyse zum neuen »Eldorado« n.

Der Bruch

Der entscheidende Moment dieses Lacanschen Bruchs liegt im


Jahre 1953, als eine SPP-interne Rebellion gegen Sacha Nacht an-
hebt, der beabsichtigt, die Zuerkennung des Analytikerdiploms
allein den Ärzten im neuen Institut de psychanalyse vorzubehal-
ten. Sacha Nacht wird aus dem Direktorenamt gejagt und Lacan
zum neuen Leiter gewählt; dieser sucht jedoch nicht die Spal-
tung, sondern tut im Gegenteil das Menschenmögliche, um die
Einheit der französischen Schule zu erhalten. Sehr bald veranlaßt
man ihn, seine Verpflichtungen niederzulegen und seinen Platz
für Daniel Lagache zu räumen, der nun die Spaltung der SPP her-
beiführt. Lacan, in der Minderheit, muß sich beugen und tritt
auch aus der SPP aus. In diesem Kontext einer offenen Krise gibt
Lacan 1953 seinen »Rapport de Rome«.
Es gilt also für Lacan, einen gangbaren Weg, einen französi-
schen Zugang zum Unbewußten zu bahnen. Um diese Heraus-
forderung zu bewältigen, sucht er Rückhalt und institutionelle
wie theoretische Unterstützung auf Seiten der beiden damaligen
Massenorganisationen, der KPF und der katholischen Kirche.
Der Appell von Rom (1953) : zurück zu Freud 161

Dem KPF-Mitglied Luden Bonnafé übermittelt er eine Kopie


seiner Rede von Rom, um die Parteileitung auf die von ihm ent-
wickelten Thesen aufmerksam zu machen 12 , und schickt ein aus-
führliches Sendschreiben an seinen Bruder Marc-François, der
Mönch ist, worin er ihn bittet, bei Papst Pius XII. eine Audienz
für ihn zu erwirken, die dieser jedoch verweigert — trotz der drei-
faltigen Ordnung [Reales, Symbolisches und Imaginäres, siehe
S. 185 ff., A.d.Ü.], in der Lacan den Freudianismus soeben neu de-
finiert hatte. Hinter beiden fehlgeschlagenen Versuchen steckt
das Bemühen, der Psychoanalyse ein zweites Leben einzuhau-
chen, die Krise durch eine offensive, dynamische Bündnisstrate-
gie einzudämmen. Wenn Lacan alle Mittel recht sind, so zieht er
auch aus jeder geistigen Nahrung Honig — und zwar mit größe-
rem Erfolg.

Alle Wege führen nach Rom

Der Bericht von Rom bedeutet gleichzeitig eine Rückkehr zu


Freud, neu gesehen durch Hegel, Heidegger, Lévi-Strauss und ei-
nem Quentchen Saussure. Zu diesem Zeitpunkt hat Lacan seinen
Einflußbereich bereits ausgedehnt : Er gehört zu den angesehen-
sten Psychoanalytikerpersönlichkeiten Frankreichs und hat seine
Seminare vom Domizil seiner Frau Sylvia in den Hörsaal des H ô -
pital Sainte-Anne verlegt. Zur Definition der sich anbahnenden
Lehre eines erneuerten Freudianismus, wie ihn die frisch gegrün-
dete Société française de psychanalyse (SFP) vertritt, stützt Lacan
sich nunmehr ausdrücklich auf das strukturalistische Paradigma,
das sich in den Sozialwissenschaften als Inbegriff der Modernität
gibt. Lacan ruft dazu auf, den Sinn der psychoanalytischen Erfah-
rung wieder aufzuspüren. Sein Ehrgeiz ist es, sie als Wissenschaft
anerkannt zu finden: »Zu diesem Zweck können wir nichts Bes-
seres tun, als uns dem Werk Freuds wieder zuzuwenden.« 13 Dies
bedeutet zunächst, sich von den Geschicken einer dem Pragma-
162 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

tismus ausgelieferten US-amerikanischen Psychoanalyse zu tren-


nen. Lacan brandmarkt den in ihr waltenden Behaviorismus, der
die bloße Anpassung des einzelnen an die gesellschaftlichen Nor-
men zum Ziel hat und eine Ordnungs- und Normierungsfunk-
tion wahrnimmt, wie die Arbeiten von Erich Fromm, Sullivan
und anderen sie vertreten. Die Rückkehr zu Freud muß sich an-
hand einer besonderen Aufmerksamkeit für die Rede vollziehen :
» [...] die Psychoanalyse hat nur ein Medium: das Sprechen des
Patienten. Die Offensichtlichkeit dieser Tatsache entschuldigt
nicht, daß man sie übergeht.« u Auf diesem Gebiet rechtfertigt
Lacan seine Praxis der skandierten Sitzung und setzt dem chro-
nometrischen Stopp die dem Geflecht der Patientenrede inne-
wohnende Logik entgegen. Unmißverständlich bekräftigt er in
Rom die Vorrangstellung der Sprache: »Es ist [...] die Welt der
Worte, die die Welt der Dinge schafft [...].«15 Lacan knüpft wie-
der an den 1949 in seinem Züricher Vortrag über das Spiegelsta-
dium gelegten Schnitt zwischen dem Imaginären und dem Sym-
bolischen an. Fern einer Kontinuität zwischen den beiden
Ordnungen, dient das Symbolische dem Subjekt dazu, sich von
seiner Fessel zum anderen zu distanzieren. Die Symbolisierung
vollzieht sich in der Therapie durch die Übertragungsbeziehung
zum Analytiker, der doppelt besetzt wird mit der Position des
imaginären anderen und des symbolischen anderen, desjenigen,
der angeblich weiß [siehe Schriften I, S.153, Fn 98, A.d.Ü.]. Die
Analyse erfüllt somit diese symbolische Funktion. Lacan stützt
sich auf die Elementaren Strukturen der Verwandtschaften Lévi-
Strauss: »Nach diesem Grundgesetz überlagert das Reich der
Kultur durch die Regelung von Verwandtschaftsbeziehungen das
der Natur, das dem Gesetz der Paarung unterliegt. Das Inzestver-
bot ist nur der subjektive Angelpunkt [...]. Hinreichend deutlich
ist zu erkennen, daß dieses Grundgesetz mit einer sprachlichen
Ordnung identisch ist.« 16
In einem Herangehen, das Anleihen bei der Philosophie Hei-
deggers macht, denkt Lacan, daß der Begriff Wissenschaft sich
Der Appell von Rom (1953): zurück zu Freud 163

seit Piatos Theaitetos verloren hat, daß ein allmählicher Zerfall


stattgefunden hat, den das positivistische Zeitalter, das das Ge-
bäude der Wissenschaften vom Menschen für die experimentel-
len Wissenschaften in Dienst genommen hat, beschließt. Der Im-
puls, die Rückkehr zu den Quellen muß von der Linguistik
kommen, der daher bei Lacan bereits 1953 die Rolle der Pilotwis-
senschaft zufällt : »Die Linguistik kann uns hier zur Orientierung
dienen; denn eben das ist auch die Rolle, die sie an der Spitze der
zeitgenössischen Anthropologie spielt und der gegenüber wir
nicht gleichgültig bleiben können.« 17 Lacan bezieht sich aus-
drücklich auf Lévi-Strauss, der in seinen Augen — wir werden
darauf zurückkommen — auf dem Gebiet des Freudschen Unbe-
wußten selbst weiter vorgedrungen ist als die Berufspsychoana-
lytiker. Der Schlüssel für dessen Erfolg findet sich in der Ein-
beziehung der sprachlichen, namentlich der phonologischen
Strukturen in die Allianzregeln.
Lacans Neulektüre Freuds schreibt sich, indem sie der syn-
chronischen Dimension den Vorrang gibt, in das Saussuresche
Erbe ein: »Die Bezugnahme auf die Linguistik schließlich wird
uns in eine Methode einführen, die uns aufgrund der Unterschei-
dung synchronischer und diachronischer Strukturen in der Spra-
che den unterschiedlichen Wert besser zu verstehen erlaubt, den
unsere Sprache bei der Interpretation der Widerstände und der
Übertragung besitzt [..·].«18 In diesem Sinne ist er auch intensiv
am strukturalistischen Paradigma beteiligt und regt zu einer
neuen Freud-Lektüre an, die nicht mehr die Theorie der einander
folgenden Stadien für wesentlich erachtet, sondern diese auf eine
ödipale Grundstruktur bezieht, die durch ihre Universalität ge-
kennzeichnet, von zeitlichen und räumlichen Kontingenzen un-
abhängig und jeder Geschichte vorgängig ist: »Sehr bedeutsam
bei Lacan war die Einführung der synchronischen Perspektive,
mit der er die diachronische Perspektive ersetzte.« 19 Im Gegen-
satz zu Saussure, dessen bevorzugter Gegenstand die Sprache
{langue) war, privilegiert Lacan das Sprechen {parole). Diese Ver-
164 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Schiebung wurde durch die Praxis der Therapie nötig. Doch dieses
Sprechen stellt deshalb noch nicht die Äußerung eines bewußten
Subjekts dar, das Herr seines Sagens ist, ganz im Gegenteil: »Ich
identifiziere mich in der Sprache, aber nur indem ich mich dabei
in ihr wie ein Objekt verliere.« 20 Dieses Sprechen ist auf immer
von jedem Zugang zum Realen abgeschnitten, es befördert ledig-
lich Signifikanten, die wechselseitig aufeinander verweisen. Der
Mensch existiert allein durch seine symbolische Funktion, und
durch sie muß er begriffen werden. Lacan präsentiert also eine
radikale Umkehrung der Idee vom Subjekt, nun gedacht als
Produkt der Sprache, als ihr Effekt, wie es die berühmte Formel
»das Unbewußte ist strukturiert wie eine Sprache« impliziert. Es
ist also an keiner anderen Stelle nach der menschlichen Essenz zu
forschen als in der Sprache. Das will Lacan sagen, wenn er be-
hauptet: »Die Sprache (langue) ist ein Organ«, und: »Der
Mensch zeichnet sich dadurch aus, daß seine Organe außerhalb
seiner sind.« Diese symbolische Funktion, die die Identität des
Menschen fundiert, stellt Lacan in seiner Rede von Rom dem Si-
gnalsystem der Bienen entgegen, die nur in der Starre der eta-
blierten Beziehung mit der Realität, die sie bedeutet, gilt. Lacan
findet also im Saussureschen Zeichen, das vom Referenten abge-
schnitten ist, den quasi-ontologischen Kern der conditio hu-
mana: »Möchte man diese Sprachdoktrin charakterisieren, muß
man letzten Endes sagen, daß sie unverhohlen kreationistisch ist.
Die Sprache ist schöpferisch.« 21 Die menschliche Existenz hat für
Lacan keinen anderen Ort als diesen symbolischen, und so trifft
er sich in der Vorrangstellung, die er der Sprache, der Kultur, dem
Tausch und der Beziehung zum anderen einräumt, naturgemäß
mit Saussure und Lévi-Strauss.
In Rom ermächtigt und bemächtigt Lacan sich also der Wis-
senschaftlichkeit der Linguistik: »Er war sehr froh, sich auf etwas
stützen zu können, was eine wissenschaftliche Tragfähigkeit
hatte. Das war Teil eines Plans, nämlich, in wissenschaftlicher
Tonart von der Psychoanalyse Rechenschaft zu geben.« 22 Damit
Der Appell von Rom (1953) : zurück zu Freud 165

bietet Lacan der Psychoanalyse die Möglichkeit, die Philosophie


herauszufordern, indem sie sich dieser annähert, indem sie den
Zugang zum Unbewußten aus dem Medizinischen löst und im
Gegenteil das Unbewußte als Diskurs vorstellt. Die Philosophie
steht vor einer neuen Herausforderung von Seiten einer erneuer-
ten, wiederbelebten Psychoanalyse, die Anspruch auf Ablösung
des philosophischen Diskurses erhebt.

Über Saussure zurück zu Freud

Lacans Saussure-Rezeption 1953 ist im wesentlichen über das


Werk von Lévi-Strauss vermittelt. Später behandelt er die Frage
eingehender und arbeitet nunmehr direkt anhand der Grundfra-
gen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Diese zweite Lektüre
verschafft Lacan einen völlig neuen Wortschatz Saussurescher
Herkunft, den er sich zu eigen macht und 1957 in Das Drängen
des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud bril-
lant umsetzt. In diesem Haupttext stützt er sich ganz auf die
strukturale Linguistik und zitiert ebenso eifrig Saussure wie sei-
nen Freund Jakobson, der ihn regelmäßig in Paris besuchen
kommt und sein Pariser Domizil bei Lacans Frau Sylvia hat. La-
can siedelt sich im Saussurianismus an, dessen Begriffssystem er
übernimmt, wenngleich er es seinen Zwecken anpaßt: »die Psy-
choanalyse entdeckt im Unbewußten [...] die ganze Struktur der
Sprache« 23 . Von Saussure übernimmt er den Algorithmus, der für
ihn die Wissenschaftlichkeit der Linguistik begründet: »Das so
geschriebene Zeichen verdanken wir Saussure«24. Freilich unter-
zieht er diesen Algorithmus einigen für die Lacansche Perspektive
sehr bezeichnenden Abänderungen. So modifiziert er die Zei-
chensymbolisierung, indem er dem Signifikanten eine Majuskel
zuerkennt und das Signifikat ins Kleingeschriebene verbannt. In
diesem Sinn wandert auch der Signifikant, im Gegensatz zu seiner
Stellung bei Saussure, ob seines Vorrangs über den Balken: ~
166 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Desgleichen läßt Lacan die beiden Pfeile verschwinden, die in


den GaS das Gegenseitigkeitsverhältnis der beiden Seiten des
Zeichens angeben, die dort so untrennbar sind wie Vorder- und
Rückseite eines Blatt Papiers. Schließlich ist der Saussuresche
Balken zwar wieder da, doch bezeichnet Lacan mit ihm nicht die
Herstellung des Zusammenhangs zwischen der Signifikanten-
und der Signifikatebene, sondern vielmehr »eine Schranke, die
sich der Bedeutung widersetzt« 25 .
Linguisten dürften über diese Saussure-Anwendung verwirrt
sein, doch leuchtet der Standpunkt Lacans ein, der, wiederum
voll im strukturalistischen Paradigma, den Referenten noch radi-
kaler entleert und das Signifikat auf einen Nebenschauplatz ver-
bannt, wo es der signifikanten Kette in einer Bewegung unter-
liegt, in die Lacan den Gedanken einführt, »daß das Signifizierte
unaufhörlich unter dem Signifikanten gleitet« 26 . Damit ist das
Subjekt aus dem Zentrum gerückt, Effekt eines Signifikanten,
der seinerseits auf einen anderen Signifikanten verweist, ist es
Produkt der Sprache, die in ihm spricht. Das Unbewußte wird
also zum Effekt der Sprache, ihrer Regeln, ihres Codes: »Das
philosophische cogito ist im Brennpunkt jener Täuschung, die
den modernen Menschen so sicher macht, er selber zu sein in sei-
nen Ungewißheiten über sich selbst« ; und : »Ich denke da, wo ich
nicht bin, also bin ich, wo ich nicht denke.« 27
Die neue Auffassung von einem dezentrierten, gespaltenen
Subjekt deckt sich vollkommen mit der Subjektauffassung, wie
sie damals in den anderen strukturalistischen Feldern der Hu-
manwissenschaften verbreitet ist. Dieses Subjekt ist gewisserma-
ßen eine Fiktion, die nur durch ihre symbolische Funktion, nur
durch den Signifikanten Existenz besitzt. Doch auch wenn der
Signifikant Vorrang vor dem Signifikat hat, ist nicht davon die
Rede, das Signifikat zu entleeren : »Das analytische Phänomen ist
nicht zu verstehen ohne die essentielle Doppelung von Signifi-
kant und Signifikat.«28 Es bleibt also eine Wechselwirkung beste-
hen zwischen den beiden verschiedenen Ebenen, die Lacan auf
Der Appell von Rom (1953) : zurück zu Freud 167

Freuds Entdeckung des Unbewußten bezieht, was Freud, aus La-


cans Sicht, zum ersten Strukturalisten macht. Der Signifikant läßt
das Signifikat sogar eine Art Passion erleiden. Wie man hier er-
messen kann, unterzieht Lacan die Saussureschen Begriffe eini-
gen Änderungen, und so wie der Gedanke vom Gleiten des Signi-
fikats unter dem Signifikanten für Saussure überhaupt keinen
Sinn ergeben hätte, entging ihm auch der Begriff des Unbewuß-
ten. Lacan greift die beiden großen, bereits von Jakobson benutz-
ten rhetorischen Figuren Metapher und Metonymie auf, um von
der Entfaltung des Diskurses Rechenschaft zu geben, und ver-
knüpft diese beiden Verfahren mit dem Funktionsmechanismus
des Unbewußten, das sich, da es ja wie eine Sprache strukturiert
ist, zu deren Regeln vollkommen isologisch verhält.

Das Unbewußte ist strukturiert wie eine Sprache

Die Freudsche Verdichtung ist also mit dem metaphorischen Ver-


fahren verbunden, während die Freudsche Verschiebung mit der
Metonymie verwandt ist. Die Metapher funktioniert als eine si-
gnifizierende Ersetzung und erweist damit die Autonomie und
den Vorrang des Signifikanten gegenüber dem Signifikat. Neh-
men wir zur Veranschaulichung dieses Phänomens das erhellende
Beispiel von Joël Dor 2 9 , nämlich den metaphorischen Gebrauch
des Ausdrucks »Pest« zur Bezeichnung der Psychoanalyse, ein
Ausdruck, den Freud bei seiner Ankunft in den Vereinigten Staa-
ten gebrauchte :

51 akustisches Bild : »Psychoanalyse«


sl Begriff von Psychoanalyse

52 akustisches Bild : »die Pest«


s2 Begriff von Pest
168 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Die metaphorische Figur bewirkt nun die signifizierende Erset-


zung von S2 zu Sl :

Sl
S2

sl
Sl

S2 s2
sl

s2

Diese Ersetzung läßt Sl unter den Bedeutungsbalken wandern,


das zum neuen Signifikat wird und dadurch das alte Signifikat s2
(die Vorstellung Krankheit, den Begriff Pest) ausstößt. Lacan
zeigt anhand der metaphorischen Figur, daß die Signifikanten-
kette die Ordnung der Signifikate regelt. So dient ihm auch 1956
in seinem Seminar Edgar Allen Poes Novelle Der entwendete
Brief As Beispiel, um den Vorrang des Signifikanten nachzuwei-
sen, »die realistische Einfältigkeit« und die Tatsache, daß »die
Verschiebung des Signifikanten die Subjekte in ihren Handlun-
gen, in ihrem Geschick, in ihren Weigerungen, in ihren Verblen-
dungen« 30 bestimmt. Im Verlauf von Poes Novelle haben alle
Handelnden, König, Königin und Dupin, sich jeweils etwas vor-
gemacht, während der Brief/der Buchstabe [Lacans Deutung be-
dient sich des Doppelsinns von frz. lettre bzw. engl, letter: Brief
und Buchstabe, A.d.Ü.] ohne ihr Wissen zirkuliert. Alle werden
von diesem Umlauf des Signifikanten (dem Brief/dem Buchsta-
ben) bewegt, ohne sein Signifikat (den Inhalt) zu kennen. Im
übrigen entzieht sich bei dieser Suche nach dem Brief/dem Buch-
staben die Wahrheit stets, was Lacan Gelegenheit gibt, das Hei-
Der Appell von Rom (1953) : zurück zu Freud 169

deggersche Thema der alétheia aufzugreifen. Der Signifikant (der


Brief/der Buchstabe) wirkt durch seine Abwesenheit.
Ein weiteres rhetorisches Verfahren, von dem das Unbewußte
Gebrauch macht, ist die Metonymie. Dabei handelt es sich um
eine Übertragung der Benennung, die verschiedene Formen an-
nehmen kann: als Ersetzung des Inhalts durch den Behälter (»ich
trinke ein Glas«), als Bezeichnung des Teils für das Ganze, das
Nehmen der Ursache für die Wirkung oder des Abstrakten für
das Konkrete. Greifen wir noch einmal zu dem von Joël Dor ge-
gebenen Beispiel31 mit dem metonymischen Ausdruck »faire un
divan« (auf die Couch gehen) für »être en analyse« (sich in Ana-
lyse befinden). Die metonymische Figur impliziert hier ein Kon-
tiguitätsverhältnis mit dem vorherigen Signifikanten, an dessen
Stelle sie sich setzt :

Sl akustisches Bild : »Analyse«


sl Vorstellung, sich in Analyse zu befinden

S2 akustisches Bild : »Couch«


s2 Vorstellung von Couch

Sl

sl

S2

s2
170 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Der Unterschied zur Metapher besteht nun darin, daß der ausge-
schaltete Signifikant nicht unter den Bedeutungsbalken wandert,
wogegen das Signifikat s2 (Vorstellung von Couch) ausgestoßen
wird: »Die Begriffe Metapher und Metonymie bilden in der La-
canschen Perspektive zwei Hauptbausteine bei der strukturalen
Konzipierung des unbewußten Prozesses.« 32
Diese beiden Tropen untermauern ob ihrer Homologie mit
den Phänomenen der Verdichtung und der Verschiebung Lacans
Hypothese, daß das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert
sei. Daher legt Lacan dem Analytiker nahe, den Patienten wört-
lich zu nehmen und dessen Sagen nicht hermeneutisch zu deuten.
Darin folgt er Freuds Vorschriften zur gleichschwebenden Auf-
merksamkeit des Analytikers. Die Buchstäblichkeit des Spre-
chens liefert in sich selbst die signifikante Kette, die das Gewebe
des Unbewußten ist. Es leuchtet ein, daß der formalistische Ge-
sichtspunkt des Strukturalismus seine Wirksamkeit in der Praxis
der Therapie findet. Lacan empfiehlt den Analytikern, sich in die
Linguistik einzuarbeiten: »Wenn Sie mehr darüber erfahren wol-
len, lesen Sie Saussure, und da ein Kirchturm die Sonne zu ver-
decken vermag, präzisiere ich, daß es sich nicht um die Signatur
handelt, der man in der Psychoanalyse begegnet, sondern um
Ferdinand, den man als den Begründer der modernen Linguistik
bezeichnen darf.« 33 Es ist also die sprachliche Struktur selbst, die
den Status des Unbewußten bei Lacan bestimmt und damit die
Möglichkeit schafft, es zu objektivieren, seine Funktionsweise
zugänglich zu machen. Schon Freud hatte gesagt, daß der Traum
ein Rebus, ein Bilderrätsel sei: Lacan nimmt hier Freud beim
Wort. Aber die Suche nach der letzten Bedeutung des Rebus wird
stets zurückverwiesen durch die signifikante Kette, die fortwäh-
rend die Wahrheit verschleiert anhand von Begegnungen, die man
in den Beziehungen von Signifikanten und Signifikaten zwar or-
ten mag, die aber die inkommensurable Dimension des Realen,
das dem Unmöglichen zugewiesen ist, radikal verfehlen.
Ferner entlehnt Lacan sein Vokabular bei dem Linguisten und
Der Appell von Rom (1953): zurück zu Freud 171

Grammatiker Edouard Pichon, der bereits den Akzent auf die


bestehende Unterteilung zwischen »Je« und »moi« gelegt hatte.
Diese Unterscheidung greift Lacan auf. Diesmal trennt er radikal
das »moi« ab, das verdammt ist zum Imaginären des »Je«, das
Subjekt des Unbewußten, seinerseits gespalten in einer doppel-
ten Strukturierung, die das »Je« auf immer von jedem Zugang
zum Subjekt des Begehrens abschneidet, so wie bei Heidegger
das Sein dem Seienden unzugänglich ist. 1928 führt Pichon den
Begriff der Verwerfung {forclusion) ein, der zu einem Schlüssel-
begriff des Lacanismus werden wird. Es geht darum, das Fehl-
schlagen der Urverdrängung zu bezeichnen. Im Gegensatz zum
Verdrängungsprozeß, der es dem Neurotiker erlaubt, an der
Wiederkehr dessen, was verdrängt worden ist, zu arbeiten, »be-
wahrt die Verwerfung nie, was sie abweist : Sie streicht oder tilgt
es schlicht und einfach.«34 Die Verwerfung, die in die Psychose
führt, rührt aus der Vertauschung der beiden Ebenen Signifikant
und Signifikat. Der verstellende Gebrauch des sprachlichen Zei-
chens legt also den Grund für die Pathologie des Psychotikers :
»Der Schizophrene lebt fortan in einer Welt mannigfaltiger Sym-
bole, und es ist die Dimension des Imaginären, der Begriffe, die
hier verstellt {altérée) ist. Für den Delirierenden hingegen kann
ein einziger Signifikant ein beliebiges Signifikat bezeichnen. Der
Signifikant ist an keinen bestimmten Begriff gebunden.« 35
Angesichts der Feststellung, wie zentral die Ordnung des Si-
gnifikanten für Lacan ist, kann man dem Sprachwissenschaftler
Georges Mounin nicht folgen, wenn dieser in Lacans Verwen-
dung des Signifikantenbegriffs ein bloßes Synonym für »signifi-
kativ im banalen Sinn des Wortes« 36 sieht. Für Georges Mounin
war Lacan, erst nachträglich von der Ansteckung durch die Lin-
guistik ereilt, Opfer des »klassischen Heißhungers der Spätzün-
der« 37 . In seiner Standortbestimmung der Psychoanalyse und
Vermessung des strukturalistischen Phänomens im Jahre 1956
fordert Lacan die Analytiker erneut auf, bei ihren Patienten
besonders aufmerksam auf die der ihnen angetragenen Rede
172 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

eigentümlichen Laute, Wendungen, Sentenzen, Pausen, Skandie-


rungen, Einschnitte, Perioden und Parallelismen zu horchen.
Dies ist die Tragfläche der Analyse: eine sprachliche, struktu-
rierte Grundlage, die Lacan also durchaus zum Strukturalisten
macht : »J. Lacan ist Strukturalist. Er hat es in Interviews hervor-
gehoben. Er hat sogar den Eintritt der Psychoanalyse in diese
Denkströmung mit seinem Namen unterzeichnet.« 38
Die Rolle, die Lacan der Sprache zumißt, hat es ermöglicht, die
Einsätze der Psychoanalyse, so wie sie in der Mitte der fünfziger
Jahre gesetzt wurden, zu verschieben. Von der Medikalisierung
ist man zu einer Aufwertung der analytischen Disziplin gelangt,
die im Zentrum der Humanwissenschaften steht, die Philosophie
herausfordert und etliche Philosophen vom rechten Wege ab-
bringt, die, von der Konversion der Psychoanalyse zum Struktu-
ralismus verlockt, ihr ursprüngliches Fachgebiet aufgeben und
zur Psychoanalyse konvertieren. Indes hat sich Lacan nicht nur
auf Saussure und Jakobson gestützt, sondern sich auch der Un-
terstützung der strukturalen Anthropologie und somit Lévi-
Strauss' versichert und damit sein Vorhaben gekrönt.
Das Unbewußte : ein symbolisches Universum

Als Lévi-Strauss 1950 seine Einleitung in das Werk von Marcel


Mauss verfaßt, führt er zur Untermauerung seiner Thesen Lacan
an: »Denn genaugenommen ist der, den wir geistig gesund nen-
nen, gerade derjenige, der sich entfremdet, weil er bereit ist, in
einer Welt zu leben, die allein durch das Verhältnis von Ich und
Anderem definiert werden kann. (Anmerkung 6 : Diese Schluß-
folgerung scheint sich mir aus der tiefgreifenden Studie von Dr.
Jacques Lacan zu ergeben: »L'agressivité en psychanalyse«, Re-
vue française de psychanalyse, Nr. 3, Juli-September 1948).«î So
frühzeitig — noch vor der Rom-Rede — Lévi-Strauss auch Lacans
Arbeiten Rechnung trägt, ist der Einfluß doch vornehmlich in
umgekehrter Richtung zu erkennen.
Lacan hat sich bei seiner Neulektüre Freuds in weiten Teilen
von der strukturalen Anthropologie inspirieren lassen und beruft
sich ausdrücklich auf das Werk von Lévi-Strauss : »Wir selbst ma-
chen vom Terminus der Struktur einen Gebrauch, den wir aus
dem von Claude Lévi-Strauss glauben autorisieren zu können.« 2
Lévi-Strauss' Werk, der anthropologische Strukturalismus, bildet
den Eckpfeiler für Lacans radikalen Neuansatz nach dem Krieg.
Die Übereinstimmung ist so groß, daß Lacan sich unablässig auf
Lévi-Strauss bezieht (siehe die Ecrits, 1966) und ihn als wissen-
schaftlichen Bürgen für seine erneuerte Auffassung vom Unbe-
wußten zitiert.
Die Verschiebung von der somatischen zur kulturellen An-
thropologie, die Lévi-Strauss durch die Bevorzugung des lingui-
stischen Modells vornehmen konnte, ähnelt dem Ziel der Entme-
dikalisierung, der Entbiologisierung des Freudschen Diskurses,
174 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

das Lacan verfolgt. Das Forschen nach strukturellen Invarianten


in den Verwandtschaftsbeziehungen dient Lacan als Vorbild, um
das Unbewußte als Struktur aus den psychologisierenden, beha-
vioristischen Theorien herauszulösen. Diese intellektuelle Sym-
biose vollzieht sich auf dem Hintergrund freundschaftlichen Ein-
verständnisses : »Wir waren einige Jahre lang sehr befreundet. Mit
den Merleau-Pontys fuhren wir zum Essen nach Guitrancourt,
wo er ein Haus hatte.« 3 Lévi-Strauss' wiederholte Behauptung,
er verstünde Lacans Werk nicht, darf man durchaus bezweifeln,
auch wenn nicht zu bestreiten ist, daß Lacans Schreibstil, sein Ba-
rockisieren, dem Klassizismus von Lévi-Strauss sichtlich zuwi-
derläuft. Es ist nicht zu leugnen, daß Lévi-Strauss der angetrage-
nen Bürgschaft Lacans nicht bedurfte, während Lacan sich in
sehr hohem Maße auf Lévi-Strauss stützte, um seine Thesen her-
auszustellen und der psychoanalytischen Reflexion ein breiteres
intellektuelles Feld zu eröffnen.

Lévi-Strauss und der Freudianismus

Wie ist es um Lévi-Strauss' Verhältnis zur Psychoanalyse be-


stellt? Drei Stufen sind dabei zu unterscheiden, die eine gewisse
Entwicklung erkennen lassen. Gleich während seiner Ausbildung
entdeckt Lévi-Strauss sehr früh das Werk Freuds. Er hat einen
Schulkameraden am Lycée Janson, dessen Vater Psychiater und
einer der Wegbereiter der Freud-Rezeption in Frankreich war
und eng mit Marie Bonaparte zusammenarbeitete [vgl. Das Nahe
und das Ferne, S. 157, A.d.Ü.]. Über diesen Schulkameraden wird
Lévi-Strauss alsbald auf die Existenz der Psychoanalyse aufmerk-
sam: »Damals, zwischen 1925 und 1930, las ich, was von Freud
übersetzt war, der also in der Ausformung meines Denkens eine
sehr große Rolle gespielt hat.« 4
Die zweite Stufe liegt im Erkenntniswert der Freudschen
Lehre für die Anthropologie. In dieser Hinsicht gewärtigt Lévi-
Das Unbewußte: ein symbolisches Universum 175

Strauss eine Ausweitung der Bezugsgrößen des alten Rationalis-


mus, die Möglichkeit, Phänomene verstandesmäßig zu erfassen,
die sich bis dahin jeder logischen Deutung zu widersetzen schie-
nen, sowie die Tatsache, daß die manifestesten Realitäten nicht
immer die tiefgreifendsten und aufschlußreichsten sind. Diesbe-
züglich sollte er der Freudschen Lehre treu bleiben.
Aber es gibt noch eine dritte Stufe, die der Konfrontation der
beiden Disziplinen Anthropologie und Psychoanalyse — diesmal
konkurrierend bei ihrer Annäherung an den Menschen. Denn
ihre allzu enge Beziehung kann nur auf ein Konfliktverhältnis
hinauslaufen, zumal Lévi-Strauss, was die therapeutische Wirk-
samkeit der Psychoanalyse betrifft, ernstlich Zweifel hegt. Er
wird also angesichts der zunehmenden Erfolge der Psychoana-
lyse dazu neigen, das Freudsche Werk auf die Konstruktion einer
eigenartigen abendländischen Mythologie zurückzuführen, de-
ren Zusammenhang er als Mythologe zu entschlüsseln und deren
Tragweite er zu relativieren vermag : »Was Freud in Wirklichkeit
getan hat, war die Errichtung großer Mythen.« 5 Demnach hat die
Logik disziplinarer Konfrontation Lévi-Strauss dazu bewogen,
sein Urteil über die Psychoanalyse zu »verhärten« (dies der Aus-
druck, den er im Ende des Totemismus, Frankfurt/M. 1965 be-
nutzt), wiewohl er anfangs vom Zugang auf das Unbewußte fas-
ziniert war und sich mit Freuds Werk ständig auseinandersetzte.
Bereits 1949 in den Elementaren Strukturen der Verwandtschaft
kritisiert Lévi-Strauss Totem und Tabu und vertritt die Auffas-
sung, daß Freud einen Mythos aufgebaut habe. Insbesondere je-
doch verfaßt er 1949 zwei Aufsätze über das Unbewußte, die auf
die Psychoanalytiker im allgemeinen und auf Lacan im besonde-
ren überaus großen Einfluß gewinnen werden: »Der Zauberer
und seine Magie« und »Die Wirksamkeit der Symbole«. Beide
Aufsätze werden später in die Strukturale Anthropologie aufge-
nommen. 6
Lévi-Strauss beschreibt die Tätigkeit des Schamanen als Heiler
und das Verhältnis, das dieser zu seinem Publikum aufbaut. Zur
176 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Kennzeichnung der schamanischen Tätigkeit bedient er sich des


psychoanalytischen Begriffs der Abreaktion, da jene ähnlich von-
statten geht wie das Heilverfahren, bei dem der Analytiker seinen
Patienten dazu bringt, die traumatische Situation, die am Ur-
sprung seiner Störung steht, noch einmal zu erleben. Wenngleich
Lévi-Strauss das psychoanalytische Schema als heuristisches Ver-
fahren übernimmt, um die primitiven Gesellschaften besser zu
verstehen, distanziert er sich von der Psychoanalyse als Disziplin,
von der »beunruhigenden Entwicklung, die seit ein paar Jahren
dahin tendiert, das psychoanalytische System aus einer Gesamt-
heit wissenschaftlicher Hypothesen, die in einigen präzisen und
begrenzten Fällen experimentell nachprüfbar sind, in eine Art
diffuse [...] Mythologie umzuwandeln« 7 . Lévi-Strauss will mit
dem Vergleich von schamanistischem und psychoanalytischem
Heilverfahren zeigen, daß die Ähnlichkeit keine Gleichheit be-
deutet, da »bei dem Heilverfahren eines Schamanen der Zauberer
spricht und die Abreaktion für den Kranken vollzieht, der
schweigt, wohingegen in der Psychoanalyse der Kranke spricht
und gegen den Arzt, der ihm zuhört, abreagiert« [Lévi-Strauss,
»Der Zauberer und seine Magie«, a.a.O., S.201, A.d.Ü.].

Das symbolische Unbewußte

Lévi-Strauss wird Lacan gerade da tief beeinflussen, wo er anläß-


lich seiner vergleichenden Studie seine eigene Definition des Un-
bewußten gibt, das er eben nicht als Zufluchtsort der Eigenheiten
einer rein individuellen, einzigartigen Geschichte faßt, sondern
aus der Historie herauslöst, indem er seine Verwandtschaft mit
der symbolischen Funktion behauptet: »Es [das Unbewußte] be-
schränkt sich auf einen Ausdruck, mit dem wir eine Funktion
bezeichnen: die symbolische Funktion.« 8 Auch fordert Lévi-
Strauss eine scharfe Unterscheidung zwischen dem Unbewußten
als Ansammlung singulärer Erinnerungen und dem Unbewuß-
Das Unbewußte: ein symbolisches Universum 177

ten, welches »immer leer ist; genauer gesagt, es ist den Bildern
ebenso fremd wie der Magen den Nahrungsmitteln, die durch
ihn hindurchgehen. Als Organ einer spezifischen Funktion be-
schränkt es sich darauf, [...] Strukturgesetze aufzuerlegen [..·].«9
Lévi-Strauss' Unbewußtes ist also den Affekten, dem Inhalt, der
Geschichtlichkeit des Individuums fremd. Es ist jener leere Ort,
an dem sich die symbolische Funktion vollzieht. Wieder trifft
man auf den dem strukturalen Paradigma eigenen Vorrang der In-
variante vor den Variationen, der Form vor dem Inhalt, des Signi-
fikanten vor dem Signifikat. Wir werden noch sehen, daß Lacan
diese Auffassung vom Unbewußten übernimmt, da sie ihm er-
laubt, »die Grundlagen zu einer Algebra der Signifikation«10 in
der Psychoanalyse zu legen, genauso wie dies Lévi-Strauss in der
Anthropologie bewerkstelligt hat. Lévi-Strauss präzisiert in sei-
ner Einleitung in das Werk von Marcel Mauss, daß er seine Defini-
tion des Unbewußten im wesentlichen von Mauss entlehnt. Das
Unbewußte ist durch seine Tauschfunktion definiert, es ist das
Bindeglied zwischen dem Selbst und dem Anderen und nicht der
geheime Hort des Subjekts. In diesem zentralen Text zeichnet
Lévi-Strauss einen Weg vor, den Lacan einschlagen wird — den
Weg zur Autonomie des Symbolischen : »Die Symbole sind realer
als das, was sie symbolisieren; der Signifikant geht dem Signifikat
voraus und bestimmt es.« n

Die mentalen Bezirke

An dieser Stelle tut sich eine Quelle des Mißverständnisses auf,


denn jenseits der Analogien, die man zwischen semantischer My-
thendekodierung und Techniken psychoanalytischer Deutung
ausmachen kann, hat das Unbewußte des Anthropologen mit
dem Freudschen Unbewußten wenig gemein. Bei Lévi-Strauss
»ist das Unbewußte der Ort der Strukturen« 12 . Das Unbewußte
ist für Lévi-Strauss definiert als ein System logischer Zwänge,
178 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

als ein strukturierendes Ensemble, als »die abwesende Ursache


von Struktureffekten wie den Verwandtschaftssystemen, den Riten,
den Formen des wirtschaftlichen Lebens, den symbolischen
Systemen« 13 . Dieses rein formale Unbewußte, leerer Ort, reines
Gefäß, ist weit entfernt vom Freudschen Unbewußten, das sich
durch eine bestimmte Anzahl privilegierter Inhalte definiert. Auf
diese Beseitigung des Inhalts, des Affekts, kommt Lévi-Strauss
im Ende des Totemismus zurück. Er kritisiert darin den Rekurs
der Psychoanalyse auf Affektivität, Emotionen und Triebe, denn
diese entsprächen der dunkelsten Ebene des Menschen und seien
für wissenschaftliche Erklärungen ungeeignet. Lévi-Strauss
rechtfertigt die Unterscheidung zwischen diesen beiden Ebenen,
indem er klarstellt, daß der Intellekt nur von dem Auskunft ge-
ben könne, was aus einer ihm gleichgearteten Natur entspränge
— was den Affekt somit ausschließt. Dessen ungeachtet behaup-
tet er, das Unbewußte sei spezifischer Gegenstand der Anthro-
pologie. »Die Ethnologie [ist] zunächst eine Psychologie« 14 , und
der Anspruch, den er ihr zumißt, ist die Restituierung der univer-
sellen Funktionsgesetze des menschlichen Geistes.
Die Freudsche Theorie entfaltet sich in zwei Dimensionen, in
der topischen Dimension der Differenzierung verschiedener
Schichten des psychischen Apparates und in der dynamischen
Dimension der Konflikte, der Verkehrungen, der Entwicklung
der in den Phänomenen Verdrängung, Verdichtung, Verschie-
bung, Zensur aufgewandten Kräfte. Lévi-Strauss berücksichtigt
davon als Strukturalist nur die topische Dimension, »diejenige,
die es mit dem System der Orte zu tun hat, welche die Topologie
des psychischen Apparates definieren«15. Mit diesem Begriff vom
Unbewußten kann zugleich der Ort der symbolischen Funktion
und seine Universalität bestimmt werden, der es einem mentalen
Bezirk vergleichbar macht. Das Unbewußte kann somit aus
den raumzeitlichen Kontingenzen herausgelöst und zu einer
schlechthin autonomen, abstrakten, formellen Einheit gemacht
werden. Auf die Frage, weshalb er bei seinem Gebrauch des Be-
Das Unbewußte: ein symbolisches Universum 179

griffs vom Unbewußten die Dimension des Wunsches umgehe,


entgegnet Lévi-Strauss : »Ist denn das die fundamentale Dimen-
sion des Unbewußten ? Davon bin ich keineswegs überzeugt« 16 ,
und er befindet, daß Freuds Behandlung der Träume als Wunsch-
erfüllung eine sonderbar enge Auffassung verrate, daß sie ein rei-
ner Mummenschanz, ein lächerlicher Nebel sei, um zu kaschie-
ren, daß wir uns die biologischen Realitäten nicht zu erklären
wissen.

Die Rivalität von Psychoanalyse und Anthropologie

Unlängst hat Lévi-Strauss seinen ununterbrochenen Dialog mit


der Psychoanalyse in der Eifersüchtigen Töpferin fortgesetzt.
Diesmal legt er den Spieleinsatz offen: die Rivalität zweier Diszi-
plinen, die beide über das Unbewußte arbeiten; und die »Eifer-
sucht« im Titel verweist auf die Eifersucht des Anthropologen
gegenüber dem Psychoanalytiker, der einen fest umschriebenen
Gegenstand, eine eigene Therapieform und eine unumkehrbare
Akzeptanz der Gesellschaft für sich in Anspruch nehmen darf.
Lévi-Strauss gibt also den Tonfall dieses Dialogs selber an, wenn
er zur Eifersucht schreibt: »Die in der Eifersüchtigen Töpferin
untersuchten Mythen, vor allem die der Jibaro, haben ja gerade
den Reiz, daß sie die psychoanalytischen Theorien vorwegneh-
men. Es mußte vermieden werden, daß die Psychoanalytiker sich
ihrer zur eigenen Legitimation bemächtigten.« 17 Er wiederholt
seinen Vorwurf an die Adresse Freuds, der Entzifferungsarbeit
nur einen einzigen Code zugrunde gelegt zu haben, und sieht
Übereinstimmungen zwischen dem Seelenleben der Wilden und
dem der Psychoanalytiker. Nach seiner Auffassung haben die
letztgenannten schlicht die bereits von den primitiven Gesell-
schaften gefundenen Charaktere der Analität und der Oralität
auf ihr Konto gebucht: Wir sind »in vollkommen expliziter Form
auf Begriffe und Kategorien gestoßen — etwa die des oralen und
180 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

des analen Charakters —, von denen die Psychoanalytiker nicht


behaupten können, sie hätten sie entdeckt : sie haben sie lediglich
wiedergefunden« 18 .
Lévi-Strauss zufolge ist Freud also mit den Mythen gleichzu-
setzen; nicht einmal das Verdienst der Erfindung komme ihm zu,
da er bloß ein altes symbolisches Universum wiederverwertet
habe. Lévi-Strauss stellt den institutionellen Spieleinsatz hinter
diesem Streit oder Kampf um das Recht des Ersten noch deutli-
cher heraus: »[...] kann man in der Psychoanalyse etwas anderes
sehen als einen Zweig der vergleichenden Ethnologie, die auf
die Untersuchung des individuellen Seelenlebens angewendet
wird?« 19 Ja, er schließt sein Werk mit einem sarkastischen Ver-
gleich zwischen Sophokles' König Ödipus und Labiches Floren-
tinerhut20, in beiden sieht er den Mythos auf zwei verschiedenen
Ranghöhen walten: »Es dreht sich darum, daß die Psychoanaly-
tiker ihren Hut fressen«21, wie André Green vor einer Versamm-
lung gestandener Anthropologen treffend bemerkte.

Lacan eignet sich das Unbewußte nach Lévi-Strauss an

Lacan wird sich, wie er sich ausdrückt, mit Lévi-Strauss »um-


mauern«. Er zitiert ihn bereits im Spiegelstadium als Bildner
der Ichfunktion (1949) und in der Folge immer häufiger, wie die
zahlreichen Bezugnahmen auf Lévi-Strauss in den Schriften be-
zeugen. Dabei begnügt sich Lacan nicht mit einem schlichten
wissenschaftlichen Rückhalt, was sehr nebensächlich wäre. Doch
inwieweit entlehnt er bei ihm den anthropologischen Zugang auf
das Unbewußte, und stellt dieser Einfluß nicht eine entschei-
dende Wende gegenüber Freud dar ?
Gérard Mendel sieht in dieser Aneignung eine Bewegung,
die von der Freudschen Konzeption des Unbewußten zu einer
intellektualistischen Verkürzung führt, die das Unbewußte allen
Inhalts entleert und es naturalisiert. Das spezifische Feld des
Das Unbewußte: ein symbolisches Universum 181

Freudschen Unbewußten bilden Primärvorgänge, in denen sich


Vorstellungen und Phantasmen abspielen, die Momenten der
Aktivierung und solchen der Verdrängung unterliegen. Ganz an-
ders das völlig inhaltsentleerte Unbewußte nach Lévi-Strauss,
das Lacan aufgreift : »Während er vom Unbewußten zu sprechen
vermeint, spricht Lévi-Strauss stets nur vom Vorbewußten. [...]
Was hier geleugnet wird — wie auch später bei Lacan —, ist das
Existieren eines spezifischen Unbewußten überhaupt, Freuds
entscheidender Beitrag.«22 Im Namen-des-Vaters Freud habe La-
can im Gegenzug das Unbewußte beiläufig unter den signifizie-
renden Balken des strukturalistischen Paradigmas gleiten lassen.
So habe Lacan für seinen Dialog, seine anthropologische Bürg-
schaft einen hohen Preis bezahlt, die Einbuße jenes einzigartigen
Gegenstands der Psychoanalyse, der ihre wissenschaftliche Iden-
tität begründet: des Unbewußten. »Ich glaube und habe immer
geglaubt, daß Lacan dachte, über das Unbewußte zu arbeiten
und dabei über das Vorbewußte arbeitete. [...] Die Behauptung,
daß das Vorbewußte strukturiert ist wie eine Sprache, läßt sich
durchaus verteidigen.« 23
Fast zehn Jahre nach Gérard Mendel kommt ein ehemaliger
Lacanianer, François Roustang, ebenfalls zu dem Urteil, daß das
symbolische Unbewußte nur die Überschreibung der Auffassung
von Lévi-Strauss auf den psychoanalytischen Bereich sei.24 Diese
Entlehnung des Symbolischen bildet einen entscheidenden Mo-
ment in Lacans Parcours, der, als er die spekulären Bilder des
»Spiegelstadiums« untersuchte, sein Augenmerk zunächst auf
das Imaginäre gerichtet hatte. Erst danach stützt er sich auf Lévi-
Strauss, um das Irreduzible, die Außenständigkeit eines den
Menschen überschreitenden Unbewußten zu behaupten, dessen
innere Kombinatorik zu erfassen ihm zukäme. »Dieses dem
Menschen Außenständige des Symbolischen ist der Inbegriff des
Unbewußten.« 25 Eine solche Heteronomie macht jegliches histo-
rische Vorgehen illusorisch. Sie begründet eine Kette, in der der
Mensch von vor seiner Geburt bis nach seinem Tod »wie eine
182 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Bauernfigur im Spiel des Signifikanten« 26 gefangen ist. Die sym-


bolische Ordnung ist ebensowenig auf ein Individuum beziehbar
wie auf das Soziale, sie ist, gleich der Konzeption von Lévi-
Strauss, leer, eine Tauschfunktion.
François Roustang sieht in dieser Entlehnung die Notwendig-
keit einer erneuten Verschiebung, insofern Lacan, da er die Mit-
wirkung des Sozialen ausklammert, »gezwungen ist, das Spre-
chen zu einer Substanz zu machen und ihm eine Macht zu geben
[...] kurzum, die Theologie der Schöpfung durch das Wort zu re-
staurieren« 27 . Lacan schwankt demnach zwischen den Sirenen
der Metaphysik, dem Evangelium nach Johannes, dem er in sei-
ner Rom-Rede ein Motto entlehnt, und dem Modell der harten
Wissenschaften Mathematik und Physik: »In welchem Maß
müssen wir uns den Idealen der Naturwissenschaften nähern, ich
meine, so wie sie sich für uns entwickelt haben, etwa angenom-
men die Physik, mit der wir es zu tun haben ? Nun, die Definitio-
nen vom Signifikanten und von der Struktur gestatten es, die pas-
sende Grenze zu ziehen.« 28 Lévi-Strauss dient Lacan als Vorbild,
um den psychoanalytischen Diskurs zur Wissenschaftlichkeit zu
führen, und Lacan beneidet ihn um die Symbiose, die er zwischen
Ethnologie, Mathematik und Psychoanalyse zustande gebracht
hat.
So unbestreitbar es ist, daß Lacan die fundamentale Kategorie
des Symbolischen bei Lévi-Strauss entlehnt und sie vom anthro-
pologischen ins psychoanalytische Feld verlegt hat, noch dazu
hypostasiert, radikalisiert gegenüber ihrer Verwendung bei Lévi-
Strauss, so wenig sind sich die Analytiker darüber einig, ob Lacan
die Freudsche Auffassung vom Unbewußten außer Kraft gesetzt
habe: »Es ist völlig abwegig, so weit zu gehen, daß man sagt, La-
can sei in einem System, das nicht über die erste Topik hinausrei-
che, kein Zugang zur Ebene des Unbewußten möglich.« 29 Für
Joël Dor macht das Unbewußte als Signifikantenkette die beiden
Freudschen Topiken nicht hinfällig, im Gegenteil erhellt es sie
und geht über sie hinaus. Auch wenn Lacan hinsichtlich wissen-
Das Unbewußte: ein symbolisches Universum 183

schaftlicher Strenge bei Lévi-Strauss in die Schule gegangen ist,


verschiebt er doch die Werkzeuge, die er von ihm ausleiht, auf
sein eigenes Feld. So übernimmt er zwar die Idee einer Struktur,
eines Tauschkreislaufs als soziales Fundament, aber »er führt an,
daß Lévi-Strauss sich im Irrtum befinde, wenn er denkt, zwi-
schen den Stämmen würden die Frauen ausgetauscht, während es
doch der Phallus ist, der ausgetauscht wird« 30 .
Trotz dieser Verschiebungen kehrt ab den fünfziger Jahren
eine Thematik wieder, die Lévi-Strauss und Lacan gemeinsam ist
— die Anstrengung des Universalismus, der Wissenschaftlichkeit,
des Anti-Evolutionismus und das Streben nach Legitimation. La-
can nennt beispielsweise die Geschichte eine »Chose [...], die ich
verabscheue, aus den besten Gründen« 31 . Diese radikale Abwei-
sung der Geschichtlichkeit stellt übrigens in der Anamnesepraxis
der Therapie ein erhebliches Problem dar, während sie auf der an-
deren Seite den Anschluß an das strukturalistische Paradigma, an
die Vorrangstellung des Signifikanten erlaubt. Selbst wenn man
einräumt, daß Lacan zum Freudschen Unbewußten vordringt,
wäre also die Bezugnahme auf Lévi-Strauss keine simple »Anleh-
nung, sondern eher ein Schlüssel, der ihm dazu diente, die eine
oder andere Geheimtür zu öffnen«32. Übrigens stand Lacan nicht
nur unter dem Einfluß von Claude Lévi-Strauss, sondern auch
von Monique Lévi-Strauss, diese Verpflichtung hat er öffentlich
bekannt. Er macht sich eine Formel zu eigen, die sie ihm zuge-
spielt hat, daß »der Absender seine Botschaft in umgekehrter
Form zurückerhielte«. Sie ist zu einem Klassiker des Lacanismus
geworden.
Lacans Symbiose mit dem Werk von Lévi-Strauss zeugt von
seinem Streben, die Erkenntnisgewinne der Psychoanalyse am
umfassenden anthropologischen Reflexionsprojekt über die
Nahtstelle zwischen Natur und Kultur zu beteiligen. Daher rührt
auch bei ihm das Gewicht der Thematik des Anderen, die Refle-
xion über die Alterität, über das, was der Vernunft entgeht, über
den Ort des Mangels, über die Dezentrierung des Begehrens und
184 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

seine Heimatlosigkeit. Während Lévi-Strauss den Figuren der


Alterität bei den Nambikwara nachspürt, behauptet Lacan die
Macht des auf immer unzugänglichen Anderen, das ewige Seins-
verfehlen. Zwischen Lévi-Strauss und Lacan gibt es durchaus
mehr als Freundschaft, sie verbindet in den fünfziger Jahren eine
bei den intellektuellen Projekten gemeinsame Kernintelligibilität,
eine gleichartige Theoriepolitik, eine gleichartige Strategie, die
über zwei Disziplinen mit unterschiedlichen Gegenständen hin-
ausreicht.
RSI : die Häresie

Seltsamerweise bleibt eine von Lacans großen Entdeckungen in


seiner Rede von Rom unerwähnt, obwohl sie ihr zwei Monate
voraufgeht — seine berühmte Trilogie Reales/Symbolisches/Ima-
ginäres (RSI), die im Juli 1953 noch eine andere, die Ordnung SIR
innehat: Symbolisches/Imaginäres/Reales: »Nach meiner Auf-
fassung ist das Lacans große Trouvaille.« * Er nennt sie sein The-
riak, nach dem bekanntesten Medikament des Altertums, das
man lange Zeit als ein Allheilmittel angesehen hat. Sie ist auch
seine Dreistofflichkeit und später einfach RSI oder seine Häresie
gegenüber Freud: »Ich glaube, daß bei dieser Erfindung sein
Rückgriff auf die Linguistik zum Tragen kommt. Er führte da-
mals einen Kampf und brauchte deshalb eine Politik der Theo-
rie.« 2 Diese Innovation datiert von 1953, als Lévi-Strauss sehr
großen Einfluß auf Lacan ausübt, weshalb nicht unerheblich ist,
daß in dieser ternären Ordnung das Symbolische an erster Stelle
steht.
Der Strukturalismus kommt in der Aufwertung dieser dritten
Ordnung zum Ausdruck, die in herausragender Lage zwischen
dem Realen und dem Imaginären siedelt. Indes wird dabei aus
dem linguistischen Binarismus eine trilogische Ordnung nach
dem Schema der Hegeischen Dialektik, aber auch nach der
Freudschen, zwischen Es, Ich und Über-Ich trennenden Topik —
auch wenn Lacan dieser Unterteilung eine andere Bedeutung
gibt. Die Umkehrung gegenüber Freud liegt in der Tatsache, daß
das Symbolische die Struktur verwaltet, wohingegen in der
Freudschen Perspektive den Trieben das Es, das dem Lacanschen
Realen entspräche, zugrunde liegt. Dies ist der entscheidende
186 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Schwenk zur Sprache und ihrer Struktur. Das Unbewußte ist


nicht mehr gleichsam einer verborgenen Hölle zuzuordnen, die
es zu erkunden gälte, sondern es wird an der Oberfläche der
Wörter, im Straucheln des Sagens greifbar.
Daher rührt die Vorrangigkeit der linguistischen Methoden,
auf die Lacan sich 1953 in Rom stützt, während er gleichzeitig die
Mitteilung seiner Entdeckung aufschiebt. In seiner ursprüngli-
chen Topologie setzt er nach dem Symbolischen die Ebene des
Realen, das nicht mit der Realität verwechselt werden darf; es ist
im Gegenteil gerade deren verborgene, unzugängliche Seite. Das
Lacansche Reale ist » Pim-monde« (das Widerwärtige/die Un-
Welt), ist das Unmögliche. Ebenso wie das Heideggersche Sein
vom Seienden abwesend ist, ist Lacans Reales die Seinsverfehlung
der Realität. Was das Imaginäre betrifft, so ist es der dualen Be-
ziehung des Spiegelstadiums zugeordnet und verurteilt das Ich
zum Illusorischen, ja zur Befangenheit in der Täuschung, indem
es sich in den verschiedenen Affekten vernebelt. Diese Triade ar-
tikuliert sich beim Subjekt in einer unbegrenzten signifikanten
Kette um den ursprünglichen Mangel eines unzugänglichen Rea-
len. Lacans ternäre Ordnung stellt sich radikal gegen jede empiri-
stische Auffassung eines zum Ausdruck von Bedürfnissen einge-
ebneten Begehrens. Für ihn erhärtet sich das Begehren vielmehr
aus der Begegnung mit dem Begehren des anderen, mit dem
Hauptsignifikanten, der wiederum auf den Mangel verweist und
die Tatsache des Verlangens erklärt.
Anfang der fünfziger Jahre sollte der junge, zur Psychoanalyse
übergetretene Philosoph Moustafa Safouan den Fall eines hyste-
rischen Patienten behandeln, der im Alter von vier Jahren von
seinem Vater verlassen worden war. Safouan verzweifelte daran,
daß er nicht verstehen konnte, wieso die Therapie um das väterli-
che Bild kreiste, obwohl der Patient seinen Vater nie wirklich ge-
kannt hatte. Kurz davor aufzugeben, wollte Moustafa Safouan
sich wieder der Philosophie zuwenden, als Lacan ihn zu einem
Seminar einlud, das er bei sich in der Rue de Lille abhielt und
RSI: die Häresie 187

wo Safouan unter anderem Didier Anzieu, Pierre Aubry, Serge


Leclaire und Octave Mannoni begegnete. Mittels der Unter-
scheidung zwischen imaginärem Vater, realem Vater und sym-
bolischem Vater, die er kennenlernte, konnte er die Rede sei-
nes Patienten, die verheerende Wirkung seines Über-Ich, seine
selbstbestrafenden Verhaltensformen, seine Vermeidungen intel-
ligibel machen : »Mit diesen Unterscheidungen erneuert sich das
Zuhören und die Art und Weise, wie man auf das Mitgeteilte ant-
wortet.« 3
Diese neue Sichtweise überzeugt Moustafa Safouan endgültig
von der Wirksamkeit der Psychoanalyse und der Stichhaltigkeit
der Lacanschen Lesart. Über einen sehr langen Zeitraum, fünf-
zehn Jahre, begibt er sich bei ihm in Therapie. Die Lacansche Tri-
logie geht vom Postulat aus, daß das Subjekt immer mehr signifi-
ziert, als ihm bewußt ist, und es deshalb Signifikanten gibt, die
zur Aussage kommen, ohne als Illustrationen einer Bedeutung zu
dienen, die das Subjekt im voraus beherrschte.

Ist Lacan Strukturalist?

Lacans große Innovation, die ternäre Ordnung und das lin-


guistische Modell, auf das er sich in der Rede von Rom stützt,
findet also zu beiden Teilen 1953 statt. Er gesteht übrigens die
Existenz eines Vorher und eines Nachher ein, wenn er schreibt :
»T.t.y.e.m.u.p.t., lies : Tu t'y es mis un peu tard« (Du hast dich et-
was spät daran begeben). Gilt von da an: »Ist Lacan Struktura-
list?« 4 Er gibt eine abwägende Antwort. Einerseits hat Lacan
durchaus Anteil am strukturalistischen Phänomen, da er seinen
Strukturbegriff auf dem Umweg über Lévi-Strauss von Jakobson
bezieht, andererseits jedoch sondert er sich davon ab, denn die
Struktur der Strukturalisten »ist kohärent und vollständig, wäh-
rend die Lacansche Struktur antinomisch und unvollständig ist« 5 .
Im Gegensatz zur Hermeneutik, die der Struktur einen verbor-
188 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

genen Platz zuordnete, den es zu entdecken und aufzuschlüsseln


galt, bietet sich die Struktur bei Lacan in der sichtbaren Welt,
durch die Einnahme des lebendigen Körpers, die sie vollzieht und
wo sie ohne dessen Wissen spricht. Im Unterschied zur Saussure-
schen Struktur, die sich aus dem Gegensatz bildet und sich durch
die wechselseitige Vervollständigung von Signifikant und Signifi-
kat definiert, bleibt das Subjekt des Unbewußten in der Lacan-
schen Struktur fundamental unzugänglich. Es bleibt auf immer
abgespalten, immer jenseits jeden Zugriffs, immer Seinsverfeh-
lung, immer anderswo: »In dieser Hinsicht scheint mir dies ein
ganz und gar eigentümlicher Strukturalismus, denn schließlich ist
er eine Theorie, die der Tatsache Rechnung trägt, daß es da etwas
Ungreifbares, etwas in der Theorie Nicht-Erfaßtes gibt.« 6
Kann man also zwischen einem auf Vollständigkeit gegründe-
ten Strukturalismus und einem auf Unvollständigkeit beruhen-
den Lacanismus unterscheiden, so ist indes zu beobachten, daß
man in beiden Fällen der Entleerung des Subjekts aus dem Unter-
suchungsfeld begegnet. Auf der einen Seite wird es in der Vorge-
hensweise Saussures oder Lévi-Strauss' zur Bedeutungslosigkeit
reduziert und auf der anderen in der Lacanschen Vorgehensweise
überbewertet, doch so, daß es dabei auf immer unzugänglich
bleibt: nicht ausgelöscht, sondern umgangen. In beiden Fällen
gibt es also ein Entfernen der Sachwelt, sei diese organisch oder
sozial.
Das Begehren des Subjekts hat bei Lacan nichts Organisches
mehr, es ist von jeder physiologischen Realität auf die gleiche
Weise abgekoppelt, wie das sprachliche Zeichen von jedem Refe-
renten abgeschnitten ist. Diese Konzeption weist der marxisti-
sche Soziologe Pierre Fougeyrollas zurück: »Freud wußte, daß
wir, im sexuellen Sinn, begehren, weil wir als menschliche Lebe-
wesen existieren, und er hätte eine Auffassung, nach der wir exi-
stierten, weil wir begehren, für eine paranoide Marotte gehal-
ten.« 7 In dieser Hinsicht verschärft Lacan den Saussureschen
Schnitt Signifikant/Signifikat und legt eine persönliche Version
RSI: die Häresie 189

des linguistischen Strukturalismus vor, die François George


spaßhaft als »père-version«8 bezeichnet.
Lacan gedenkt, die Psychoanalyse als eine den exakten Wis-
senschaften ebenbürtige Wissenschaft durchzusetzen, genauer
gesagt, nach dem Vorbild der Physik. 1953 verwirft er die künstli-
che Trennung zwischen den exakten Wissenschaften und den
vorgeblich konjekturalen Human Wissenschaften. Lacan erinnert
an die problematische Beziehung, die die experimentellen, for-
malisierten Wissenschaften zur Natur unterhalten, an den An-
thropomorphismus, dem sie, einschließlich der Physik, unter-
liegen, und somit an die Haltlosigkeit der Unterscheidung
von »harten« und »weichen« Wissenschaften. Nachdem er diese
Trennwand niedergerissen hat, kann Lacan die Psychoanalyse
mit einem wissenschaftlichen Anspruch nach dem Modell der am
meisten formalisierten Wissenschaften ausstatten: »An diesem
Beispiel wird deutlich, wie mathematische Formalisierung, die
die Logik von Boole und sogar die Mengenlehre inspiriert hat,
der Wissenschaft vom menschlichen Handeln jene Struktur der
intersubjektiven Zeit vermitteln kann, die die psychoanalytische
Konjektur braucht, um sich der Strenge ihrer wissenschaftlichen
Geltung zu vergewissern.« 9

Bonneval : das Ein-Bewußte

Sich eines soliden, auf Wissenschaftlichkeit angelegten Rückhalts


zu versichern, gehört zu einer Theoriepolitik, die durch den
Bruch innerhalb der freudianischen psychoanalytischen Schule
erforderlich geworden war. In der Folge der Rede von Rom be-
schließt der Psychiater und Lacan-Freund Henri Ey, das Kollo-
quium von Bonneval 1960 dem Unbewußten zu widmen. Dieses
Kolloquium ermöglicht nicht nur die Zusammenkunft und Kon-
frontation der beiden Tendenzen der französischen Psychoana-
lyse : der Société de psychanalyse de Paris, vertreten unter ande-
190 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

rem durch Serge Lebovici, René Diatkine, André Green und


Conrad Stein, und der Société française de psychanalyse, vertre-
ten durch Serge Leclaire, Jean Laplanche, François Perrier und
Jean-Bertrand Pontalis, sondern auch der Philosophen Paul Ri-
cœur, Maurice Merleau-Ponty, Henri Lefebvre, Jean Hyppolite
und schließlich der Psychiater, die zu den eifrigsten Teilnehmern
der von Henri Ey organisierten Arbeitstreffen gehörten. 10
Für Lacan kommt es darauf an, die Wissenschaftlichkeit der
Psychoanalyse nachzuweisen, und zwar sowohl gegenüber der
IPA als auch gegenüber den phänomenologischen Philosophen,
deren Überzeugungen über die zentrale Stellung des Bewußt-
seins er dazu ins Wanken bringen mußte. Merleau-Ponty, immer-
hin der psychoanalytischen Fragestellung aufgeschlossen, wie
er überdies im selben Jahr, 1960, mit der Veröffentlichung von
Signes bezeugt, kann indes Lacans Schlußfolgerungen nicht
nachvollziehen und erklärt: »Ich empfinde Unbehagen, wenn
ich sehe, daß die Kategorie der Sprache den ganzen Platz ein-
nimmt.« n Bei diesem zur Gänze dem Unbewußten als dem ei-
gentlichen Gegenstand der Psychoanalyse gewidmeten Kollo-
quium vollzogen zahlreiche Psychiater ihre Konversion und
wechselten von der Psychiatrie zur Psychoanalyse über. Die mei-
sten von ihnen überzeugte dabei der modernste, der strengste
Diskurs, getragen von der doppelten Gewährleistung der Lin-
guistik und der Anthropologie — der Diskurs Lacans.
Den Hauptvortrag zu diesem Kolloquium hatten die Lacan-
Schüler Jean Laplanche und Serge Leclaire ausgearbeitet. Ge-
meinsam zeichneten sie für einen Text verantwortlich, der einen
von Jean Laplanche verfaßten theoretischen und einen von Serge
Leclaire besorgten eher klinischen Teil umfaßte. Letzterer analy-
sierte den Traum eines jüdischen Patienten um die dreißig, von
dem man heute weiß, daß es er selber war. Was er in dieser äußerst
feinsinnigen Analyse darlegte, bedeutete eine vollständige Er-
neuerung der klassischen Behandlung, die sich bis dahin auf eine
reine Anamnese-Arbeit beschränkt hatte. Der Traum vom Ein-
RSI: die Häresie 191

hörn, von dem die Rede war, bot die Gelegenheit, den Signifikan-
ten voranzustellen : »Die Psychoanalyse erweist sich also als eine
Praxis des Buchstabens.« 12 In Umkehrung des herkömmlichen
Verfahrens der Suche nach einem im Ungesagten verborgenen
Sinn ist Serge Leclaire der Auffassung, daß »gerade die buchstäb-
liche Formel die Vorstellung mit ihrem einzigartigen Wert affi-
ziert« 13 . Durch seinen Traum vom Einhorn veranschaulicht er La-
cans Theorie, daß das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert
sei. Der einzige Punkt, in dem er vom Lehrmeister abwich und
von dem er sich eine Diskussion versprach — die allerdings nicht
zustande kam —, betrifft seine Auffassung von der Urverdrän-
gung: »In Bonneval wurde die Diskussion über diesen Punkt mit
Stein geführt, nicht aber mit Lacan. Und doch habe ich einen von
Lacan abweichenden Standpunkt vorgebracht, was aber nicht
gleich wahrgenommen wurde.« u
Jean Laplanche nimmt, wenngleich er zu Lacans Gefolge ge-
hört, bei dieser Gelegenheit Abstand von Lacans Kernformel,
daß das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert sei. Vielleicht
ist es kein Zufall, daß man auf kritische Stellungnahmen gegen-
über dieser Strukturalistischen Ausrichtung bei einem ehemaligen
Aktivisten der Gruppe »Socialisme ou barbarie« wie Jean La-
planche stößt. Seine Kritik trifft sich, auf anderem Gebiet, mit
derjenigen, die Claude Lefort Anfang der fünfziger Jahre gegen
Lévi-Strauss ins Feld geführt hat. Laplanche war gemeinsam mit
Cornelius Castoriadis und Claude Lefort nach dem Krieg an der
Gründung der Gruppe »Socialisme ou barbarie« beteiligt gewe-
sen. Er beginnt sich 1946 in den Vereinigten Staaten für die
Psychoanalyse zu interessieren und begegnet in New York Loe-
wenstein, der ihm rät, die in Harvard abgehaltenen Lehrveran-
staltungen zur Psychoanalyse zu besuchen. Zurück in Frank-
reich, sucht Jean Laplanche seinen früheren Khagne-Lehrer
Ferdinand Alquié auf, der ihm einen Psychoanalytiker zur Auf-
nahme einer Therapie nennen soll, und dieser informiert ihn da-
von, daß ein gewisser Lacan regelmäßig hochspannende Vorle-
192 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

sungen hält: »Er sprach seinerzeit vom Spiegelstadium, von der


Identifizierung der Turteltauben, der Tauben und der Wander-
heuschrecken. Ich habe mich ihm vorgestellt und mit ihm eine
Psychoanalyse begonnen. Ich habe also Lacan jahrelang als Psy-
choanalytiker gekannt und habe es mir über diese ganze Zeit hin-
weg versagt, in sein Seminar zu gehen, um die von ihm prakti-
zierte Vermengung von Unterricht und Analyse zu meiden.« 15
Jean Laplanche befindet sich in Bonneval in einer zwiespälti-
gen und frustrierenden Lage, denn gegenüber der SPP gilt er als
Lacan-Schüler, hätte jedoch gerne einige kritische Vorbehalte zu
Gehör gebracht, die undiskutiert der Blocklogik zum Opfer ge-
fallen sind. Er greift zurück auf Freuds Definition des Unbewuß-
ten mit ihrem topischen Sinn, der das Unbewußte sowohl vom
Bewußten als vom Vorbewußten abgrenzt. Er tritt für die Idee ei-
ner zweiten Struktur ein, um Freuds Unterscheidung zwischen
Sach- und Wortvorstellung, zwischen Primär- und Sekundärvor-
gang Rechnung zu tragen. Damit ergibt sich eine erste, nichtver-
bale Sprachebene, die der Vorstellungen von Sachen, und eine
zweite, verbalisierte, die der Vorstellungen von Wörtern. Daraus
leitet Jean Laplanche ab, daß »das Unbewußte die Bedingung der
Sprache ist« 16 . Er kehrt den Lacanschen Satz um und schmälert
damit den der Sprache zugewiesenen Stellenwert und ihre meta-
phorische und metonymische Funktionsweise, die die Realität
des Unbewußten nicht ausschöpft : »Was gleitet, was verschoben
wird, ist die Triebenergie im unspezifizierten Reinzustand.« 17
Jean Laplanche weist also die Modellrolle, die Lacan der Lin-
guistik zuweist, von vornherein ab und wird im folgenden seine
Kritik bekräftigen, indem er behauptet, daß das Unbewußte
nicht so strukturiert sei, wie es bei Lacan heißt : »Wenn es sprach-
liche Elemente im Unbewußten gibt, was nicht zu leugnen ist, so
bewirkt die Verdrängung eigentlich eine Destrukturierung und
keine Strukturierung dieser Elemente.« 18 Inzwischen hat La-
planche seine Position noch weiter pointiert. 19 Radikaler als 1960,
behauptet er erstens, daß die Sprache nicht so strukturiert sei,
RSI: die Häresie 193

wie man es sagt, wenn man sie auf eine binäre Struktur reduziert,
und darüber hinaus, daß das Unbewußte sich nicht aus Wor-
ten konstituiere, sondern aus Spuren von Dingen, und daß seine
Funktionsweise der der Struktur genau entgegengesetzt sei:
»Abwesenheit von Verneinung, Koexistenz der Gegensätze, Ab-
wesenheit von Urteil, keine Verhaltung oder Festigung der
Besetzungen.« 20 Er schlägt vor, die Lacansche Formel durch fol-
gende zu ersetzen: »Das Unbewußte ist ein Wie-eine-Sprache,
aber ein nicht strukturiertes« 21 .
In der Tat weist Lacan die Verbindung, die Laplanche zwi-
schen Denken und Sprache zieht, zugunsten des Schnitts im
Saussureschen Algorithmus zurück, den er als radikal betrachtet.
Für Lacan ist es zweifellos auch strategisch wichtig, die Psycho-
analyse mit den Erkenntnissen der modernen Linguistik zu ver-
klammern und anzunehmen, daß »das Menschliche Sprache
ist« 22 . Lacan mit seinem epistemologischen Anspruch sieht in
dieser Konzeption die einzige Möglichkeit, die psychoanalyti-
sche Disziplin an dem globalen semiologischen Abenteuer zu be-
teiligen, das seit Anfang der fünfziger Jahre seinen Aufschwung
nimmt. Doch wird er den Text von Laplanche nicht auf dem Kol-
loquium von Bonneval diskutieren, wo aus taktischen Gründen
unter seinem Banner die Einheit Vorrang haben soll. Vielmehr
entwickelt er die Idee, daß das Unbewußte ein Effekt der Spra-
che, eines zwischen Wahrheit und Wissen gespaltenen cogito sei.
Erst 1969 äußert er in dem Vorwort, das er für die ihm gewidmete
thèse von Anika Lemaire verfaßt, daß er mit seinem Schüler nicht
einverstanden ist. 23
1960 hält Lacan in Bonneval eine Rede, die er später gründlich
umarbeitet, um sie 1966 unter dem Titel: »Stellung des Unbe-
wußten« in seine Schriften aufzunehmen. Darin denunziert er die
Täuschungen des Cartesischen cogito und eben dadurch die klas-
sische Philosophie, die sich, nach dem Muster Hegels, auf ein ab-
solutes Wissen bezieht. Das Bewußtsein ist durch seinen spekulä-
ren Widerschein ganz in die Verhaftung des Ich (moi) genommen
194 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

und somit der »Funktion des Verkennens, die es von daher be-
gleitet« 24, zugewiesen. Das Cartesische cogito ist also für Lacan
ein erstes Moment, ein Vorausgesetztes des Unbewußten. Lacan
bekräftigt die Priorität des Signifikanten über das Subjekt, dessen
Register sich daraus einrichtet, daß ein Signifikant ein Subjekt für
einen weiteren Signifikanten repräsentiert. Das zweite Moment,
das er unterscheidet, ist das der Abtrennung oder »Wiederabspal-
tung« (refente) des Subjekts: Dieses Moment veranschaulicht er
durch die Geburt des Neugeborenen, das nicht, wie es häufig
heißt, von seiner Mutter getrennt wird, sondern von einem Teil
seiner selbst ; wenn seine Nabelschnur durchschnitten wird, ver-
liert es seine anatomische Ergänzung : »Wenn das Ei bricht, ent-
steht der Mensch, französisch l'Homme, aber auch die Homme-
lette.«25 Dieser anfängliche Schnitt wird im späteren Leben
unaufhörlich reaktiviert und erfordert Grenzen, damit die
»Hommelette« sich nicht überall ausbreitet und alles zerstört,
was auf ihrem Wege liegt. Dieser Schnitt macht das Reale unzu-
gänglich und gibt dem Trieb, der auf sie verweist, eine todbrin-
gende Dimension — der dementsprechend ein Todestrieb ist.
Das Unbewußte für sein Teil verweist auf das Symbolische, es
besteht aus Phonemen bzw. Phonemgruppen und findet somit
seine Fundamente in der Sprache. Deshalb sagt Lacan 1966 : »Die
Wissenschaft, der das Unbewußte obliegt, ist mit Sicherheit die
Linguistik.« 26 Auf das Sein (l'Être) folgt der Buchstabe (la Let-
tre) : Damit schlägt die Siegesstunde des strukturalistischen Para-
digmas in der Psychoanalyse.
Der Ruf der Tropen

Zwischen der Konferenz von Neu-Delhi (1949) und der von Ban-
dung (1955) äußert sich mit wachsender Wucht eine neue Forde-
rung, die die üblichen Spaltungen zwischen Osten und Westen
durchbricht; ein dritter Weg setzt sich durch. Er kommt aus dem
Süden und erstrebt die Anerkennung der gleichen Würde für die
westliche Zivilisation wie für die farbigen Völker. In diesem Zu-
sammenhang der Entkolonisierung erhält Claude Lévi-Strauss
von der U N E S C O den Auftrag, einen Beitrag in einer Reihe über
die Frage der Rassen im Licht der modernen Wissenschaft zu
schreiben, woraus der 1952 veröffentlichte Text Rasse und Ge-
schichte hervorgeht.
In diesem Text, der einen maßgeblichen Beitrag zur Theoreti-
sierung der laufenden Emanzipationsprozesse darstellt, nimmt
sich Claude Lévi-Strauss die Rassenvorurteile vor. Sein Eingrei-
fen erlaubt es, die Anthropologie — wie Paul Rivet dies bereits
vor dem Krieg getan hatte — für die sozialen Kernfragen zu enga-
gieren und die bereits skizzierte Verlagerung von der somati-
schen zur sozialen Anthropologie deutlich zu machen. Lévi-
Strauss kritisiert die auf der Reproduktion des Gleichen fußende
Geschichtsteleologie und setzt ihr die Idee der Verschiedenartig-
keit der Kulturen und ihrer unhintergehbaren Differenz entge-
gen. Er leistet also eine essentielle Revolution der Denkweisen,
indem er die Fundamente eines Eurozentrismus angreift, den die
Völker der dritten Welt in einer trikontinentalen Aufbruchbewe-
gung zur Abschüttelung des kolonialen Jochs erschüttert haben.
Diese Sicht läßt es nicht mehr zu, in Begriffen der Vorherigkeit
oder der Unterlegenheit zu denken. Sie zerbricht die hierarchi-
196 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

sehe Gußform einer westlichen Gesellschaft, die sich als das


nachahmenswerte Vorbild für den Rest der Welt dargestellt hatte.
Das okzidentale Oktroi wird abgeworfen, und man nimmt in
Augenschein, was es verhehlt hat. Mit seiner Anfechtung des
Evolutionismus bleibt Lévi-Strauss innerhalb der Tradition von
Mauss, umschifft indes die Klippen eines Lokalismus, der jede
Gesellschaft in ihre kleine Partikularwelt einschlösse. Im Ge-
genteil, er sieht in jeder Gesellschaft den Ausdruck eines kon-
kreten Universellen. In diesem Sinne erweist er sich nicht nur als
Ortskundiger, der dem Westen das Verständnis des Anderen er-
schließt, sondern er zeigt auch, daß dieses Andere uns etwas über
uns selbst lehren kann, daß es zurückkehren kann, um uns in un-
serer Eigenschaft als signifikanter Bruchteil des menschlichen
Universellen zu verändern.
Hier bietet sich der strukturalistische Ansatz kraft seiner Idee
von der Interkommunikabilität der Codes als Grundlage für die
Intelligibilität des Anderen an. Tatsächlich können alle Systeme
untereinander kommunizieren, wenn man sich auf die Ebene des
Übergangs von einem Code zu einem anderen begibt : »Ein un-
mittelbarer Dialog ist nicht möglich. Das Unverständnis rührt aus
der Unfähigkeit der Beteiligten, das eigene System zu überschrei-
ten. Wenn jedoch einer zu einem universalistischen Humanismus
beigetragen hat, dann sicher Lévi-Strauss.« l Gegenüber der
westzentrierten Geschlossenheit eröffnet sich das Verständnis ei-
nes sehr viel weitergefaßten Universums, das auf der Vielförmig-
keit der Kulturen beruht und damit für die Erkenntnis des Men-
schen eine Bereicherung bedeutet.
Lévi-Strauss unterscheidet zwei Formen der Beziehung zur
Historizität, das heißt, er stellt der akkumulativen Geschichte
der großen Zivilisationen das Streben entgegen, jede Neuerung,
die als Gefährdung des ursprünglichen Gleichgewichts wahrge-
nommen wird, aufzulösen [die sogenannten kalten Gesellschaf-
ten also, A.d.Ü.]. Die kumulative Geschichte ist allerdings kein
Vorrecht des Westens, sie ist auch in anderen Breiten am Werk ge-
Der Ruf der Tropen 197

wesen. Darüber hinaus lehnt Lévi-Strauss jede hierarchische


Wertsetzung ab, durch die irgendeine Zivilisation als den anderen
voraus hingestellt werden könnte. Er relativiert alle Auffassungen
dieser Art, indem er ihre Kriterien auseinanderlegt. So verfügt die
westliche Zivilisation über einen unstreitigen Vorsprung in der
Technik; zieht man jedoch andere Kriterien heran, wird man
gewahr, daß Zivilisationen, die für den Westen das primitive
Stadium, die Wiege der Welt darzustellen schienen, in Wahrheit
mehr Findigkeit entfaltet haben als der Westen: »Ist das Krite-
rium der Grad der Fähigkeit, mit den ungünstigsten geographi-
schen Umweltbedingungen fertig zu werden, dann dürften zwei-
fellos auf der einen Seite die Eskimos, auf der anderen Seite die
Beduinen die Palme davontragen.« 2
In diesem variablen Spiel möglicher Felder wird der Westen auf
sämtlichen Ebenen mit Ausnahme der technischen überflügelt.
Das gilt zum Beispiel für die spirituellen Exerzitien, die Zusam-
menhänge zwischen Körper und Konzentration des Geistes.
Darin sind der Osten und der Ferne Osten dem Westen »um
mehrere Jahrtausende voraus« 3 . Bei einer Auszeichnung nach
mehreren Kriterien gebührt die Palme für die Komplexität in der
Organisation der Verwandtschaftsbeziehungen den Australiern
und die für ästhetische Kühnheit den Melanesiern. Lévi-Strauss
zieht daraus die doppelte Lehre, daß jede über jedwede Gesell-
schaft getroffene Diagnose relativ zu den angelegten Kriterien ist
und daß menschliche Bereicherung nur aus einem Prozeß des Zu-
sammenwachsens dieser verschiedenen kulturellen Erfahrungen
rühren kann, der alsdann zur Quelle neuer Erkenntnisse wird:
»Das einzige Verhängnis, der einzige Makel, der eine Menschen-
gruppe treffen und an der vollen Entfaltung ihrer Natur hindern
kann, ist, isoliert zu sein.« 4
Auf spektakuläre Weise begründet Lévi-Strauss in der Theorie
die Praxis des Abwerfens des kolonialen Oktrois und gewinnt im
selben Zuge diese anderen Gesellschaften für das Wissens- und
Problemfeld der westlichen Gesellschaft zurück. Doch die Frage
198 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

der Differenz ist nicht nur Ausdruck der Irreduzibilität des Ande-
ren, sie enthält auch ein ideologisches Konzept, das als solches
analysierbar ist. So unterminiert das sich entfaltende strukturali-
stische Paradigma die Grundfesten der Philosophien der westli-
chen Totalität von Vico, Comte, Condorcet und Hegel bis Marx.
Es läßt sich in ihm das Wiederaufleben eines Denkens sehen, das
aus der Entdeckung der Neuen Welt im 16. Jahrhundert geboren
wurde: »Zu dieser Zeit bekommt die westliche Vernunft einen
Riß. Montaigne erkennt, daß etwas total Heterogenes ihre Funda-
mente zertrümmert. Seit den Griechen ist es eine Konstante des
Westens gewesen, nie Macht auszuüben, ohne sie im Universellen
zu fundieren.« 5 Tatsächlich sagte schon Montaigne, daß wir die
Zerrüttung der Nationen der Neuen Welt vorangetrieben hätten,
und beklagte, daß die sogenannten Zivilisatoren es nicht verstan-
den hätten, zwischen den Indianern und sich eine brüderliche und
verständige Gesellschaft aufzubauen. Indem er diese Trauer wie-
derbelebt, wird Lévi-Strauss' großangelegter Essay Rasse und Ge-
schichte rasch zum Brevier antirassistischen Denkens.

Die Polemik Caillois/Lévi-Strauss

Trotzdem wird das Buch zum Gegenstand einer scharfen Kritik


seitens Roger Caillois'. 6 Als Lévi-Strauss 1974 als Nachfolger auf
den Stuhl von Montherlant in die Académie française aufgenom-
men wird, empfängt ihn ausgerechnet Roger Caillois. Der läßt al-
lerdings die giftige Polemik nicht unerwähnt : »Sie haben mir in
einem Tonfall, mit einer Unverblümtheit, mit einer Vehemenz
und unter Einsatz einer in geistigen Auseinandersetzungen selten
anzutreffenden polemischen Weise geantwortet, daß mich dies
seinerzeit verblüffte.«7 Wie Roger Caillois in Erinnerung ruft,
war die Antwort von Lévi-Strauss derart heftig, daß dieser »Dio-
gène couché« 8 nie in seine späteren Aufsatzsammlungen aufge-
nommen hat. Welches sind die strittigen Punkte der Polemik ?
Der Ruf der Tropen 199

Roger Caillois zieht eine bemerkenswerte Parallele zwischen


der Heraufkunft bestimmter Philosophien und der Epoche, die
sie hat entstehen lassen, wobei er in ihnen keine bloße Widerspie-
gelung einer Periode, sondern im Gegenteil den Ausgleich eines
Mangels beobachtet. Bis Hegel denkt die westliche Philosophie
die Geschichte im wesentlichen in ihrer Linearität, in ihrer Uni-
versalität, während die Beziehungen zwischen dem Westen und
seinen Imperien noch unsicher und lückenhaft sind. Die gängigen
Doktrinen forcieren eine eindimensionale Verkettung von Ursa-
chen und Wirkungen der menschlichen Evolution, während diese
eine noch sehr disparate Wirklichkeit umfaßt. Als nun mit dem
ersten Weltkonflikt die Geschichte tatsächlich planetarisch wird,
werten die wissenschaftliche Forschung und die kollektive Sensi-
bilität die Pluralität und die Irreduzibilität der Differenzen auf —
zum selben Zeitpunkt also, als diese Pluralität erlischt. Roger
Caillois sieht in Rasse und Geschichte das gelehrte Konzentrat
dieser zweiten Haltung, die er als Ausdruck des vorausgeahnten
Niedergangs des Westens wahrnimmt. Er wirft Lévi-Strauss vor,
den früher vernachlässigten Völkern nun unverhältnismäßige
Fähigkeiten zuzusprechen, und kritisiert seinen relativistischen
Standpunkt überhaupt. So weist er Lévi-Strauss einen Selbstwi-
derspruch nach, wenn dieser einerseits alle Kulturen für gleich-
wertig und unvergleichbar hält (»Der Fortschritt einer Kultur
läßt sich nicht in dem Bezugssystem messen, das eine andere be-
nutzt. [...] Diese Einstellung ist vertretbar.« 9 ) und andererseits in
der Frage des Verhältnisses von Physis und Moral dem Osten ei-
nen Vorsprung von mehreren tausend Jahren gegenüber dem We-
sten zuerkennt. Sein Relativismus lasse Lévi-Strauss übers Ziel
hinausschießen. Dagegen führt Caillois jene Überlegenheit der
westlichen Zivilisation ins Feld, die, wie er meint, gerade in der
ständigen Neugier gegenüber den anderen Kulturen liegt, aus der
auch die Ethnographie entstanden ist, ein Bedürfnis, das die an-
deren Zivilisationen eben nicht empfunden haben: »Anders-
herum als das Sprichwort es möchte, hat der Splitter im Auge von
200 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Lévi-Strauss ihn daran gehindert, den Balken in den Augen der


anderen zu sehen. [...] Die Haltung ist nobel, aber ein Gelehrter
sollte es sich eher angelegen sein lassen, die Splitter und Balken
dort zu erkennen, wo sie sich befinden.« 10
Die Erwiderung läßt nicht auf sich warten, und sie ist eiskalt.
Neuerlich dient seltsamerweise Sartres Zeitschrift Les Temps Mo-
dernes Lévi-Strauss als Tribüne zur Entfaltung seiner Thesen.
Ohne Umschweife kommt Lévi-Strauss zur Sache: »Diogenes
bewies die Bewegung, indem er ging. M. Roger Caillois legt sich
hin, um sie nicht zu sehen.« n Lévi-Strauss zieht noch einmal die
Kraftlinien seiner Beweisführung nach, ohne im mindesten Ro-
ger Caillois' Argumentation zu weichen. Dessen Anspielung auf
den Kannibalismus beantwortet er damit, daß er die Moral nicht
in der Küche ansiedele und wir bezüglich der Zahl der getöteten
Menschen weit besser seien als die Papuas. Die Heftigkeit der
Polemik überrascht: »M. Caillois' Verfahren beginnt mit Stamm-
tischpossen und geht mit predigerhaften Verkündungen weiter,
um in Büßerlamentos zu enden. Das war ja übrigens auch der
Stil der Zyniker, auf die er sich beruft.« 12 »Amerika hatte sei-
nen McCarthy: Wir werden unseren McCaillois haben.« 13 Was
jenseits des polemischen Tons bleibt, sind eine wichtige kleine
Schrift zur Bekämpfung der Rassenvorurteile Anfang der fünfzi-
ger Jahre und eine treffende Einschätzung Caillois', der zufolge
sich in einem scheinbar dem unaufhaltsamen Niedergang preis-
gegebenen Europa ein Denken der Dämmerung durchsetzt.

Das Buchereignis : Traurige Tropen

1955 wirkt die Konferenz von Bandung weltweit wie »ein Don-
nerschlag« — so einer der Anführer der damaligen afroasiatischen
Bewegung, Leopold Sédar Senghor. Zum gleichen Zeitpunkt ma-
chen die Fortschritte der zivilen Luftfahrt westlichen Touristen
die entlegensten Zivilisationen erreichbar. Ein regelrechter Exo-
Der Ruf der Tropen 201

tikboom sucht die Alte Welt heim. Reiseveranstalter bieten je-


weils auf ihre Art einen mit westlichem Beiwerk geschmückten
Tapetenwechsel an. Allenthalben bilden sich Brückenköpfe des
Tourismus, als lauter exterritoriale, in sich geschlossene Halbin-
seln. Bald durchrastert der Club Méditerranée die Kontinente
und bietet hinter den Gitterstäben seiner verschanzten Camps, in
Deckung vor den Eingeborenen, die Entdeckung des Anderen
preiswert an. Zu diesem Zeitpunkt, da die intellektuellen Interes-
sen sich neu ausrichten, erscheint 1955 das Buchereignis Traurige
Tropen. Wie sein Siegeszug bezeugt, entspricht Lévi-Strauss da-
mit voll und ganz den Neigungen der kollektiven Epochensensi-
bilität. Er erreicht den spektakulären Durchbruch, den er sich für
die Anthropologie und das strukturalistische Programm ge-
wünscht hat, denn es gelingt ihm, sie im Herzen der französi-
schen Geisteswelt zu installieren. Gleichzeitig rückt er das Bild
zurecht, das man tendenziell von ihm hatte. Zumeist wurde er als
inhumaner Wissenschaftler vorgeführt : »Ich hatte es satt, mich in
den universitären Zettelkästen als seelenloser Mechanismus eti-
kettiert zu wissen, der gerade mal dazu taugte, Menschen in For-
meln zu gießen.« 14
Dabei ist die Entstehungsgeschichte des Werks die eines dop-
pelten Scheiterns. Lévi-Strauss war vor allem daran gelegen, seine
Erfahrung als Ethnograph auf das Schreiben eines Romans zu
verwenden, den er allerdings nach dreißig Seiten aufgegeben hat;
geblieben sind davon nur ein paar Spuren wie der Titel und ein
großartiger Sonnenuntergang. Zum anderen verdanken sich die
Traurigen Tropen dem Fehlschlag seiner beiden Kandidaturen am
Collège de France, bei denen er 1949 wie im Jahr darauf unterlag.
Nun von der Aussichtslosigkeit einer universitären Karriere
überzeugt, stürzt sich Lévi-Strauss auf die Niederschrift der
Traurigen Tropen, »ein Buch, das ich niemals zu veröffentlichen
gewagt hätte, wenn ich in irgendeinen Wettstreit um einen Uni-
versitätsposten verwickelt gewesen wäre« 15 . Diese Episode ist
symptomatisch für eine Zeit, in der die Stärke und Innovation des
202 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

strukturalistischen Programms aus seiner Fähigkeit rühren, über


die Hochschulinstitutionen hinauszugreifen und andere Legiti-
mationskanäle zu finden. Dank diesem Umweg tritt Lévi-Strauss
zum passendsten Zeitpunkt als ein Philosoph des Reisens in Er-
scheinung. Sein Blick ist auf ein Gemisch aus Wissenschaftlich-
keit, Literatur, Sehnsucht nach den verlorenen Ursprüngen,
Schuldgefühl und Erlösung gerichtet, das sein Werk einzigartig
macht.
Durch die Subjektivität seines Berichts verdeutlicht er den Zu-
sammenhang, der die Suche nach dem Selbst und die Entdeckung
des Anderen verbindet kraft der Idee, daß der Ethnograph an die
Quelle der Menschheit gelangt und damit, wie Rousseau dachte,
an eine Wahrheit vom Menschen, denn der »schafft wahrhaft
Großes nur zu Anfang« 16 . Es liegt eine Ursehnsucht in dieser
Perspektive, die die menschliche Geschichte nur als blasse Wie-
derholung eines auf immer verlorenen Augenblicks betrachtet,
des authentischen Augenblicks der Geburt: »Wir werden jenen
Adel des Denkens erwerben, der [...] darin besteht, die unbe-
schreibliche Größe der Anfänge zum Ausgangspunkt unserer
Überlegungen zu machen.« 17 In dieser Aufwertung der Anfänge
steckt gleichsam ein Stück Sühne für die Verfehlungen einer mit
einer völkermörderischen Vergangenheit behafteten westlichen
Gesellschaft, der der Ethnograph gänzlich zugehört. Nachdem er
einst, zur glorreichen Zeit der Kolonisation, an den missionari-
schen Werken beteiligt war, schlägt der Ethnograph sich zur
Stunde, da man sich des kolonialen Oktrois entledigt, an die
Brust und bietet somit, mancherlei moralische Wunden verarz-
tend, der Rückzugsbewegung Geleit. Wenn diese Tropen so trau-
rig sind, so liegt das nicht nur an der Akkulturation, sondern
rührt auch aus der Natur einer Ethnographie, deren Gegenstand
auf dem Wege des Erlöschens ist. Diese Schwundvorgänge sind
unleugbar, namentlich auf dem von Lévi-Strauss erkundeten Ter-
rain ; doch vor allem sind diese Zivilisationen zur Zeit der Entko-
lonisierung im Wandel begriffen: Ihre Identität einfordernd, ver-
Der Ruf der Tropen 203

lassen sie ihre Traditionen und werden zu »heißen« Gesellschaf-


ten.
Paradoxerweise führt die Entkolonisierung, die den Erfolg
der Traurigen Tropen sichert, zugleich eine Krise ihrer eigenen
Orientierung herbei, baut sie doch auf unbeweglichen Gesell-
schaften auf, die in einer Spannung zwischen Bewahren und Ver-
schwinden stehen : »Die Welt hat ohne den Menschen begonnen,
und sie wird ohne ihn enden« 18 , während die Gesellschaften der
dritten Welt nun gerade die Fähigkeit beweisen, eine solche eng-
geführte Alternative zu überwinden und Wege der Veränderung
zu erschließen, die selbstredend Umbildungen ihrer Identität er-
fordern. Die gesellschaftliche Leistung der Anthropologie be-
steht nicht darin, eine ins Reiseveranstaltungsprogramm eintrag-
bare zusätzliche Öffnung zu liefern, sondern darin, ihre Zeit mit
wissenschaftlicher Erkenntnis zu erhellen. Das ist auch der Sinn
von Lévi-Strauss' Botschaft nach Dien Bien Phu: »Fünfzig Jahre
bescheidener und unspektakulärer Forschung, durchgeführt von
Ethnologen in ausreichender Zahl, hätten in Vietnam und in
Nordafrika Lösungen von der Art vorbereiten können, wie sie
England in Indien geschaffen hat.« 19
Wenn der Anthropologe den Politiker mit seinem Wissen be-
gleiten soll, so definiert Lévi-Strauss ab 1955 seinen Standpunkt,
nämlich den des Wissenschaftlers, der durch sein Engagement in
der Wissenschaft allem parteilichen Kampf entsagt hat. Er enthält
sich der Aktion und betrachtet diesen Rückzug als eine unantast-
bare deontologische Regel, nach Art eines Mönches, der in einen
Orden eintritt und Abstand von der Welt hält. Die Rolle des Eth-
nographen »besteht einzig darin, diese anderen zu verstehen« 20 ,
und um diese Aufgabe zu erfüllen, wird er einige Entsagungen
und Verstümmelungen hinnehmen müssen. Es gilt, zwischen
Verstehen und Handeln zu wählen, scheint die Devise dessen zu
sein, der letzten Zuspruch in der »Meditation des Weisen am
Fuße des Baums« 21 findet. Zu einer wahren Menschheitsdäm-
merung lädt Lévi-Strauss ein, der gar die Umwandlung der An-
204 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

thropologie in eine »Entropologie«, eine Wissenschaft von den


Zerfallsprozessen, vorschlägt. Dieses Desengagement schließt
selbstverständlich keineswegs aus, daß der Ethnograph seine
Sensibilität in der Beschreibung des Anderen zum Ausdruck
bringt. Diese Subjektivität und äußerste Empfindsamkeit werden
von der Kritik einhellig begrüßt und tragen zum großen Erfolg
der Traurigen Tropen bei.
Lévi-Strauss läßt uns nicht nur mit jedem Schritt an dem En-
thusiasmus teilhaben, den seine Entdeckungen bei ihm auslösen,
er geht vor allem über den modischen Exotismus hinaus, indem
er die Logiken wiederherstellt, die den von ihm beobachteten
Verhaltensweisen zugrunde liegen. Trotz seiner Nähe zum Ge-
genstand bleibt der Beobachter also ein Wissenschaftler auf der
Suche nach den Gesetzen für das Funktionieren einer Gesell-
schaft und muß sich daher von sich selber lösen. Gerade diese
Übung in Exzentrierung fasziniert das intellektuelle Publikum
und zieht die Humanwissenschaften in das neue Abenteuer des
Strukturalismus hinein. Vorbild ist abermals Rousseau, dem
flammendes Lob gezollt wird: »Rousseau, unser Lehrer, unser
Bruder, dem wir nichts als Undankbarkeit bewiesen haben« 22 .
Laut Lévi-Strauss ist Rousseau ein Vordenker, weil er das Carte-
sische cogito, »Ich denke, also bin ich«, mit der offenen Frage
»Was bin ich ?« erwidert. Und der Ethnologe folgt ihm in der Ver-
weigerung der Evidenzen des Ich, um für den Diskurs des Ande-
ren empfänglich zu werden: »In Wahrheit bin ich nicht >Ich<,
sondern der schwächste und niedrigste der >Anderen<. Dies ist
die Entdeckung der Bekenntnisse.«23 In seiner Abhandlung von
dem Ursprünge der Ungleichheit unter den Menschen und worauf
sie sich gründe rief Rousseau bereits zur Entdeckung der im We-
sten unbekannten Gesellschaften auf, nicht, um daraus materiel-
len Nutzen zu ziehen, sondern um dort andere Sitten zu entdek-
ken, die unsere Lebensweise erhellen könnten: »Rousseau hat
sich nicht darauf beschränkt, die Ethnologie vorherzusehen: er
hat sie begründet.« 24 Das Wieder-in-Situation-Setzen des Beob-
Der Ruf der Tropen 205

achters, der von sich berichtet, seine Zweifel und Bestrebungen


darlegt, dies verfolgt Lévi-Strauss, als er mit den Traurigen Tro-
pen seine Bekenntnisse schreibt.

Ein Knüller

Das Werk hat einen spektakulären Widerhall. Mit seinem hybri-


den, nicht einzuordnenden Charakter erreicht es ein ausnehmend
breitgestreutes Publikum. Bis dahin fanden allein Literatur oder
allenfalls ein paar Großthemen der philosophischen Debatte ein
derartiges Echo. Dies war mit dem Sartreschen Existentialismus
der Fall gewesen, insbesondere in seiner literarischen Version.
Übrigens ist Sartres Ausstrahlung immer noch bedeutend, und
Lévi-Strauss publiziert in dessen Zeitschrift Les Temps Modernes
etliche Seiten seines Buches 25 , doch das Echo, das er auslöst,
bekräftigt seine Emanzipation ebenso wie die des strukturali-
stischen Programms. Journalisten, Gelehrte, Intellektuelle aller
Disziplinen und politischen Lager greifen zur Feder, um das Er-
eignis zu begrüßen.
Im Figaro applaudiert Raymond Aron diesem »aufs höchste
philosophischen« 26 Buch, das an die Tradition der Philosophen-
reisen anknüpft und es mit den Lettres persanes aufnimmt. Die
Zeitung Combat bescheinigt Lévi-Strauss »den Schwung eines
Cervantes«. François Régis-Bastide begrüßt die Geburt eines
Dichters und einen neuen Chateaubriand. 27 Im Express spricht
Madeleine Chapsal von den Schriften eines Sehers: »Seit zehn
Jahren ist vielleicht kein direkter an uns adressiertes Buch erschie-
nen.« 28 Die philosophische Rubrik von Le Monde, besorgt von
Jean Lacroix, ist den Traurigen Tropen gewidmet. Dieser bringt
das Paradox zum Ausdruck, das in Lévi-Strauss' Denken wirkt :
»Er brandmarkt den Fortschritt, und doch macht keiner den
Fortschritten unserer Kultur mehr Ehre als er.« 29 In den Bann
zieht zahlreiche Kommentatoren das Nachdenken über die Im-
206 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

plikation des Forschers in den Gegenstand seiner Forschung,


über eine Suche, die nichts Exotisches an sich hat : »In erster Linie
lädt er uns zur Selbsterforschung ein.« 30 »Der Leser wird in dem
Buch vor allem einen Menschen finden. Ist es nicht das, wonach
er letztlich sucht?« 31 In der Libération macht der Romanfach-
mann Claude Roy eine Ausnahme von der Regel, die ihn auf das
literarische Genre festlegt, und verfaßt eine Besprechung der
Traurigen Tropen: »Das interessanteste Buch der Woche ist kein
Roman. Es ist das Werk eines Ethnographen, M. Claude Lévi-
Strauss'.« 32 Le Canard enchaîné spricht gar von »tropischen Er-
frischungen« (31. Oktober 1956).
Gehaltvollere Rezensionen finden sich in den Annales und in
der Revue philosophique aus der Feder von Jean Cazeneuve. In
den Annales hatte Lucien Febvre sich vorbehalten, selber über
das Werk zu sprechen, das er blendend fand, was aber sein Tod
verhinderte. In der Zeitschrift Critique schrieb ihr Herausgeber
Georges Bataille einen langen Artikel unter der Überschrift:
»Ein menschliches Buch, ein großes Buch« 33 . Er stellt darin eine
Verlagerung des literarischen Feldes auf spezialisiertere Aktivitä-
ten fest. Und tatsächlich hat Lévi-Strauss' Werk, wie das von Al-
fred Métraux 34 , teil an dieser neuen Sensibilität, diesem neuen
Verhältnis von Schreiben und Wissenschaftlichkeit, das über die
traditionelle Antinomie zwischen Kunstwerk und wissenschaftli-
cher Entdeckung hinausweist : » Traurige Tropen stellt sich von
vornherein nicht als ein Werk der Wissenschaft, sondern als ein
Kunstwerk dar.« 35 Die literarische Machart des Textes rührt nicht
nur daher, daß er zuerst die Äußerung eines Menschen, seiner
Gefühle und seines Stils ist, sondern auch daher, daß er sich eher
von dem, was seinen Verfasser anzieht und verführt, leiten läßt
als von der bloßen Absicht, eine logische Ordnung wiederzuge-
ben. Diese Verlagerung der Literatur zur Ethnographie ist derar-
tig hervorgehoben worden, daß die Jury für den Prix Goncourt
eine Bekanntmachung veröffentlicht, in der sie bedauert, ihren
Preis nicht den Traurigen Tropen verleihen zu können.
Der Ruf der Tropen 207

Eine weitere ausführliche Studie widmet René Etiemble dem


Buch von Lévi-Strauss, in dem er einen Artverwandten, einen ge-
borenen Ketzer erkennt. Die Traurigen Tropen gehörten zu »der
Art Buch, die man entweder ganz oder gar nicht nehmen muß.
Ich nehme es ganz und verwahre es in der Schatzkammer meiner
Bibliothek, an meiner kostbarsten Stelle.«36 Er hält es mit Lévi-
Strauss' kritischem Blick auf die westliche Modernität und erin-
nert an das Werk von Gilberto Freyre, der beschrieben hat, wie
zuerst die Franzosen, dann die Portugiesen im späteren Brasilien
landeten und welche körperliche und geistige Zerrüttung daraus
für die eingeborenen Bevölkerungen erwuchs: »Sie haben Brasi-
lien nicht zivilisiert, aber es gibt Hinweise, daß sie es recht gut sy-
philisiert haben«, bekundet Freyre, selbst Brasilianer.37
Der Enthusiasmus ist so groß und einhellig, daß Mißverständ-
nisse nicht ausbleiben können. Manche werden es bei einem Bad
im Exotischen bewenden lassen, obwohl Lévi-Strauss genau dies
verabscheut ; andere sehen in der Schrift den Ausdruck der Sensi-
bilität eines einzelnen und werden bald überrascht von der kom-
menden Zelebrierung des Todes des Menschen als einer bloßen
ephemeren Figur, einer »vorübergehenden Blüte«. Die famoseste
Verwechslung bleibt der Preis für Reise- und Forschungslitera-
tur, der Lévi-Strauss am 30. November 1956 von der Jury für die
Vergabe der Plume d'or zugesprochen wurde. Die Traurigen Tro-
pen gewinnen mit knappem Vorsprung (fünf Stimmen gegen vier
zugunsten von Jean-Claude Berryer für Au pays de l'éléphant
bland), obwohl das Buch mit dem berühmten Satz beginnt: »Ich
verabscheue Reisen und Forschungsreisende«, und fortfährt:
»Was uns die Reisen in erster Linie zeigen, ist der Schmutz, mit
dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben.« 38 Lévi-
Strauss lehnt den Preis ab, was ihm einen neuen lobenden und li-
terarischen Vergleich einträgt : »Neuer Julien Gracq. Ein Spezia-
list für Indianer weist die goldene Feder zurück.« 39
In diesem Konzert der Lobeshymnen haben es die wenigen
mißheiligen Stimmen schwer, sich Gehör zu verschaffen. Ins-
208 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

besondere ist da Maxime Rodinson, der in seiner Kritik 40 Lévi-


Strauss' relativistische Position anficht und die geschichtliche
Dialektik gegen diese Versuchung in Schutz nimmt: »Nach Auf-
fassung dieses integralen Relativismus gestattet also nichts die
Behauptung, daß die Kenntnis des Archimedischen Prinzips
wichtiger sei als die Kenntnis unserer Stammesgeschichte.« 41
Auch in Etiembles Artikel finden sich bei lobendem Grundton
einige kritische Wertungen. Lévi-Strauss gehe zu weit, wenn er in
der Entstehung der schriftlichen Kommunikation ein Mittel zur
Erleichterung der Versklavung erblickt, eine Folgerung, die er
aus seinen Beobachtungen über die Nambikwara zieht. Etiemble
hält ihm entgegen, daß auch Hitler und Poujade mit Reden und
Verhandlungen begonnen haben. Und was die Umformung der
Anthropologie zur Entropologie angeht: »Das nun doch nicht,
auf gar keinen Fall ![...] Da mutet Lévi-Strauss der Kybernetik ein
bißchen zu viel zu.« 42
In seinem Seminar im Musée de l'Homme antwortet Lévi-
Strauss am 15. Oktober 1956 auf die Kritiken von Maxime Rodin-
son, André-Georges Haudricourt und Georges Granai. Er be-
zichtigt sie der Unterstellung, denn er habe nicht beabsichtigt,
ein Modell der Modelle zu konstruieren, sondern bloß partielle
und begrenzte Schlußfolgerungen ziehen wollen. »Ist das ein
Grund, wie Rodinson sagt, >Billancourt in Verzweiflung zu stür-
zen< ? [...] Ich habe weder in Race et Histoire noch in Tristes Tro-
piques die Fortschrittsidee zu zerstören gesucht, sie vielmehr aus
dem Rang einer universellen Kategorie der menschlichen Ent-
wicklung in einen besonderen Existenzmodus verwandeln wol-
len, der unserer Gesellschaft eigen ist.« 43 Die hier geäußerte Ab-
wehrposition führt Lévi-Strauss gegen jede Kritik an seinem
Ahistorizismus an. Er behauptet, kein Vertreter einer allgemei-
nen Philosophie zu sein, sondern nur der einer besonderen wis-
senschaftlichen Methode. Diese Antwort befriedigt jedoch nicht,
denn sie verschleiert offenkundig die unleugbaren philosophi-
schen Postulate des strukturalistischen Vorgehens. Doch 1955 hat
Der Ruf der Tropen 209

noch nicht die Stunde der großen philosophischen Debatte ge-


schlagen, die in den sechziger Jahren stattfinden wird. Lévi-
Strauss steht ganz im Triumph einer neuen Positivität.

Die Konversion der Philosophen

Das Echo, das Lévi-Strauss fand, blieb nicht auf die Medien
beschränkt; es hat das intellektuelle Feld in seiner Gesamtheit er-
schüttert, ja, tiefgreifender noch, die Tropen zum Bestimmungs-
ort zahlreicher Philosophen, Historiker und Ökonomen ge-
macht, die sich von ihrer ursprünglichen Disziplin abkehrten, um
dem Ruf der Weite zu folgen. Das Anliegen, die eigene Sensibili-
tät mit einer rationalen Arbeit über eine lebende Gesellschaft in
einem interaktiven Verhältnis miteinander zu versöhnen, wird die
junge Generation um so mehr begeistern, als im Westen das En-
gagement von einst nicht mehr gefragt scheint. Die Traurigen
Tropen wirken wie das Symptom einer neuen Geistesverfassung,
eines Willens, neue Wege zu gehen — ohne Absage an die Forde-
rungen der Vernunft, aber auf andere Gegenstände bezogen.
Die Zahl der Konversionen ist groß, und Lévi-Strauss bildet
ihren Anziehungspunkt. Der Ethnologe Luc de Heusch arbeitete
bereits in Belgisch-Kongo, dem heutigen Zaire. Student von Mar-
cel Griaule an der Sorbonne, war er enttäuscht, von den großen
symbolischen Konstruktionen seines Lehrers nichts wiederzu-
finden. 1955 kehrt er nach Frankreich zurück und entdeckt hell-
auf begeistert die Traurigen Tropen. Während er vor seinem
Aufbruch nach Afrika die Elementaren Strukturen der Verwandt-
schaft nur flüchtig gelesen hatte, tritt er nun in die Fußstapfen
von Lévi-Strauss und überträgt die auf die indianischen Gesell-
schaften angewendeten Methoden auf die zentralafrikanische
Bantu-Gesellschaft, um anhand der Gegenüberstellung aller Va-
rianten der mythologischen Erzählungen das afrikanische sym-
bolische Denken zu begreifen.
210 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Die Strahlkraft von Claude Lévi-Strauss' Erfolg kompensiert


die schwache Verwurzelung der Ethnologie im Universitätssy-
stem. Zwar gibt es seit 1925 das Institut für Ethnologie am Musée
de l'Homme, aber dieses umfaßt nur eine Abteilung mit ein paar
Lehrkräften. Deren Studenten kommt es meist lediglich auf
das einzige in einer Version lettres und einer Version sciences er-
langbare Zertifikat an, ohne daß sie deshalb den Ethnologen-
beruf einschlügen. Insbesondere den Philosophen, die zur Erlan-
gung der licence ein Zertifikat in sciences benötigen, bietet es
Gelegenheit, einen unmittelbar mit ihren Beschäftigungen ver-
bundenen Kursus zu belegen. Michel Izard erinnert sich an seine
Unzufriedenheit. Zwar gab es gutausgestattete Bereiche wie Kul-
turtechnologie, somatische Anthropologie oder Vorgeschichte,
»aber alles übrige schien uns von völliger Armseligkeit« 44 . Der
Ethnologieunterricht ging nach den großen Gebieten der Erde
oder großen Themenbereichen vor, ohne über Ordnungsinstru-
mente zu verfügen. Unter diesen Umständen bedurfte es wesent-
lich des Medienechos, um die jungen Leute von einer anthropo-
logischen Alternative zu den herkömmlichen Laufbahnen abseits
der Festung Sorbonne zu überzeugen. Ganz ähnlich steht es zu
diesem Zeitpunkt um die Linguistik, was sich denn auch grundle-
gend auf das gemeinsame Schicksal, die wechselseitige Durch-
dringung beider Fächer ausgewirkt hat.
Mit dem Erscheinen der Traurigen Tropen und Alejo Carpen-
tiers Roman Die verlorenen Spuren Mitte der fünfziger Jahre
vernimmt Michel Izard gleichsam »einen Ruf nach dem An-
derswo« 45. Das Abenteuer, das Lévi-Strauss anbietet, führt aller-
dings nicht ins gelobte Land, sondern, wie wir gesehen haben, zu
einer Entzauberung. Es ist die Suche nach einer Entdeckung, die
das Scheitern in sich trägt: »Diese pessimistische Seite, dieser
Aspekt, daß ein Weg zu Ende war, sprach mich an.« 46 Michel
Izard konvertiert Mitte der fünfziger Jahre. Bereits als Philoso-
phiestudent an der Sorbonne kannte er Lévi-Strauss aus den an-
gesehenen Temps Modernes, wo dieser einige wichtige Texte her-
Der Ruf der Tropen 211

ausgebracht hatte. Aber die Ethnologie spielte in seiner Ausbil-


dung nur eine sehr untergeordnete Rolle. Seine Professoren, Jean
Hyppolite — der die Hegeische Lehre fortführt —, Jean Wahl,
Maurice de Gandillac oder Vladimir Jankélévitch, interessieren
sich nicht für dieses neue Forschungsfeld. Ebenso unbeachtet
bleiben ganze Gebiete wie die analytische Philosophie, die Epi-
stemologie, die Probleme der Sprache ganz allgemein. Die Eth-
nologie war nahezu inexistent, bis auf einige Ausnahmen immer-
hin. »Wir hatten als Assistent Mikel Dufrenne, dessen thèse
complémentaire von den Grundstrukturen der Persönlichkeit
handelte und der einen Kurs über amerikanische Kulturanthro-
pologie abhielt. Auch kam, wenngleich für mich zu spät, als neuer
Assistent Claude Lefort. Er hatte nämlich bereits 1951/52 Artikel
über die Arbeit von Lévi-Strauss geschrieben.« 47
Michel Izard, der sich eher zur Epistemologie hingezogen
fühlt und Georges Canguilhem und Gaston Bachelard liest, er-
wirbt auf Anraten seines Freundes Pierre Guattari, genannt Félix,
während des Vorbereitungsjahrs für sein von Jean Wahl betreutes
Diplom das Zertifikat in Ethnologie. Im Institut trifft er Olivier
Herrenschmidt wieder, der die historische Laufbahn gewählt
hatte und seine Umorientierung mit einer Mischung aus Anthro-
pologie, Linguistik und Religionsgeschichte bewerkstelligt. Auch
künftig zur Anthropologie umschwenkenden Philosophen wie
Michel Cartry begegnet er hier erneut. Das Jahr 1956, das für Mi-
chel Izard lediglich ein Intermezzo sein sollte, bekommt also auf
einmal eine ganz andere Bedeutung: »Am Ende des Studienjah-
res hatte ich beschlossen, die Philosophie aufzugeben, um An-
thropologie zu betreiben.« 48
Haben die Traurigen Tropen auf Michel Izard einen sehr ver-
lockenden Einfluß ausgeübt und ihn dazu bewogen, sich auf dem
Gebiet der Ethnologie nach Forschungsfeldern umzutun, so ga-
ben vor allem die Lektüre der Elementaren Strukturen der Ver-
wandtschaft, deren modellbildende Kraft, die Verheißungen des
strukturalistischen Programms, den Ausschlag für seine Abkehr
212 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

von der Philosophie. Zum wissenschaftlichen Ehrgeiz kommt die


Absicht, »dem Westen den Rücken zu kehren, ein Anderswo auf-
zusuchen, das außerhalb unserer Geschichte, der Geschichte, die
uns hervorgebracht hat, liegt« 49. Mit Blick auf eine Berufsausbil-
dung besucht Michel Izard sodann die Seminare von Lévi-Strauss
in der Fünften Sektion der EPHE sowie die Kurse von Jacques
Soustelle und Roger Bastide. Ende 1957 unterbreitet ihm Lévi-
Strauss zwei Forschungsvorschläge; zum einen, im Sudanesi-
schen Museum für Altertümer in Karthum zu arbeiten, um dort
Ausstellungsräume über den animistischen schwarzafrikanischen
Südsudan aufzubauen (wobei allerdings seine Qualifikation für
diese Aufgabe nicht ausreichte), und zum anderen, für das Insti-
tut des sciences humaines appliquées tätig zu werden, das für eine
Studie in Obervolta einen Ethnologen und einen Geographen
suchte. Der angehende Ethnologe geht also für ein Jahr nach
Afrika, womit seine Konversion besiegelt ist.
Als weiteren Neuling zieht er in dieses Abenteuer Françoise
Héritier hinein. Während ihres Geschichtsstudiums von 1953 bis
1957 an der Sorbonne schwebte ihr eher vor, sich der alten Ge-
schichte zu widmen, aber durch ihre Begegnung mit Philosophie-
studenten und insbesondere mit Michel Izard, mit dem sie zu-
sammenlebte, wuchs ihr Interesse an Anthropologie. Im Jahre
1957 begann sie, die Lehrveranstaltungen von Lévi-Strauss in der
Fünften Sektion der EPHE zu besuchen: »Es liegt auf der Hand,
daß dies für jemanden, der Geschichte und Geographie studiert
hatte und die agrégation vorbereitete, absolut neue Dinge wa-
ren.« 50 Ein Schock für Françoise Héritier, die Gesellschaften
kennenlernt, um deren Existenz sie nicht einmal wußte, und auf
ungeahnte Arten des Vernunftgebrauchs, auf eine völlig neue
Denkweise trifft. Begeistert setzt sie ihre Studien fort und erlangt
das Zertifikat in Ethnologie. Da sich kein Geograph findet, der
Michel Izard begleiten könnte, bewirbt sie sich und wird seine
Partnerin. Auf der Afrika-Expedition hat sie ihn übrigens gehei-
ratet. Die beiden sollen das Problem der Bevölkerungsumsied-
Der Ruf der Tropen 213

lung untersuchen, das sich mit dem geplanten Bau eines Stau-
damms an einem Zufluß der Volta ergeben hat. Es gilt herauszu-
finden, warum die Gegend, in die man die Bevölkerung schicken
will, so wenig besiedelt geblieben ist: »Es war klug, Ethnologen
und Geographen mit der Untersuchung dieser Frage zu beauftra-
gen, denn es war eines der ersten Male, daß man vorsah, Umsied-
lungen nicht autoritär anzuordnen, sondern daß man versuchte,
die Beweggründe der Menschen zu verstehen.« 51

Der indologische Pol

Das Jahr 1955 ist zentral für den Aufschwung der Anthropologie.
Louis Dumont kehrt aus Oxford zurück und tritt seine Lehrver-
pflichtung an der EPHE an. Gleichzeitig beginnen Fernand
Braudel und Clemens Heller an der Sechsten Sektion der EPHE
das Programm der Area Studies (Studium von Kultur gebieten),
das nach amerikanischem Muster den Zusammenschluß mehre-
rer Disziplinen, darunter auch der Anthropologie, zur Erfor-
schung gemeinsamer Untersuchungsgegenstände fördern soll.
Louis Dumonts Rückkehr läßt Olivier Herrenschmidt, der sich
an der Sorbonne auf Religionsgeschichte spezialisiert hatte, einen
ganz neuen Studiengang einschlagen. Er beginnt nicht nur eine
Ausbildung zum Ethnologen und Linguisten, sondern speziali-
siert sich zudem auf die Indologie. Er besucht gleichzeitig die
Kurse des frisch aus den Vereinigten Staaten gekommenen Marti-
net an der Sorbonne, die von Lévi-Strauss an der Fünften Sektion
der EPHE und die von Louis Dumont an der Sechsten Sektion
der EPHE. Diese Verbindung aus Sanskrit, Linguistik und struk-
turaler Anthropologie bringt frischen Wind und neue Perspekti-
ven in die indologischen Studien, die nun über die bislang gelei-
stete monographische Gebietserfassung hinausgehen. Um Louis
Dumont bildet sich eine ganze Gruppe, bestehend aus der Philo-
sophin und Brahmanismus-Spezialistin Madeleine Biardeau, die
214 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

ab 1960 an der EPHE lehrt, dem amerikanischen Wirtschaftswis-


senschaftler Daniel Thorner und dem Sanskritisten Robert Lin-
gat, der 1962 an der EPHE auf einen Lehrstuhl für Recht und In-
stitutionen Südostasiens berufen wird: »Es handelt sich um eine
begrenzte, hochqualifizierte und interdisziplinäre Gruppe abseits
des französischen Indologenmilieus.« 52
Freilich, mit seinen hohen Anforderungen vereinigt dieser in-
dologische Pol keine Massen auf sich, und als Louis Dumont sich
eines Tages vor fünfundzwanzig Zuhörern wiederfindet, vermu-
tet er sogleich eine Verwechslung durch eine mißliche Namens-
gleichheit: »Sie haben sich vertan, ich bin nicht René Dumont,
sondern Louis Dumont.« 5 3 Innerhalb der Anthropologie nimmt
die Indologie noch immer eine gesonderte, marginale Stellung
ein, da sie mehr als andere Forschungszweige der Vorherrschaft
der Sanskrit-Philologen unterliegt. Die Bresche, die Louis Du-
mont zeitgleich mit der von Lévi-Strauss geschlagen hat und die
eine ähnliche Programmatik verfolgt, hilft den Indologen aus ih-
rem Ghetto heraus und ermöglicht ihnen bessere Kontakte zu
den Fachleuten für andere Kulturgebiete.

Der technische Pol : Leroi-Gourhan

Infolge der Berufung von André Leroi-Gourhan zum Nachfolger


des 1956 verstorbenen Marcel Griaule auf den (einzigen) Lehr-
stuhl für Ethnologie an der Sorbonne wirkt Mitte der fünfziger
Jahre noch ein weiterer Pol am Erfolg der Anthropologie mit.
1959 wird ein zweiter Lehrstuhl eingerichtet, den Roger Bastide
einnimmt, und 1960/61 wird, ebenfalls unter der Verantwortung
von André Leroi-Gourhan, die Studienordnung für prähistori-
sche Archäologie festgelegt. So gesehen, ergänzt sein Beitrag
die kulturellen Ausrichtungen Lévi-Strauss', der 1987 auf einem
Kolloquium die methodologische Entsprechung ihrer jeweiligen
Verfahren anerkannte. 54
Der Ruf der Tropen 215

Zu André Leroi-Gourhans großen Neuerungen gehört auch


die Bevorzugung der Synchronie, weniger nach dem Saussure-
schen Modell wie bei Lévi-Strauss als vielmehr in seiner Gra-
bungsmethode, die horizontal angelegt ist. Ende der vierziger
Jahre hatte sich um diesen Punkt eine Kontroverse zwischen H o -
rizontalisten und Vertikalisten entfacht. Mit seinem Begriff der
décapage, des Schichtenabziehens, vertritt André Leroi-Gourhan
den Standpunkt, »die Erde so abzutragen, daß man die Dinge in
der Horizontale sprechen läßt« 55 . Ferner findet man den für das
strukturalistische Programm bezeichnenden Ehrgeiz der Totali-
sierung wieder. André Leroi-Gourhans ethnographischer Kul-
turbegriff hat weniger die einzelnen Manifestationen einer Kultur
zum Gegenstand als vielmehr die Beziehungen ihrer verschiede-
nen Zweige, die zusammengenommen ein kohärentes Gefüge er-
geben. Hélène Balfet, die Leroi-Gourhans Schülerin war und
auch seine technischen Kurse am Musée de l'Homme übernahm,
als er 1956 an die Sorbonne berufen wurde, schlug eine Brücke
zwischen den beiden Polen in der Anthropologie, da sie gleich-
zeitig die Lehrveranstaltungen von Lévi-Strauss besuchte.
Dennoch sind diese beiden Ausrichtungen der anthropologi-
schen Forschung einander im wesentlichen fremd geblieben, ge-
gensätzlich in der jeweiligen Bestimmung des Verhältnisses von
Arbeit und Sprechen. André Leroi-Gourhan erklärt beides aus
der aufrechten Haltung des Menschen, mit der die Hand für die
Aufgaben der Arbeit und zum Greifen ausgebildet werden
konnte, während andererseits der Mund für das Sprechen frei
wurde. Nun gibt es aber keine Arbeit ohne Sprache, wie Marxens
berühmter Text über die Biene und den Baumeister am Anfang
des Kapitals zeigt [dritter Abschnitt, fünftes Kapitel: »Arbeits-
prozeß und Verwertungsprozeß«, A.d.Ü.]. Was die Tätigkeit
des Baumeisters charakterisiert und auszeichnet, ist, daß er sein
Haus im Kopf gebaut hat, bevor er es in die Tat umsetzt. Doch
soll man den Schnitt bei der Arbeit oder bei der Sprache anset-
zen? An dieser Frage scheiden sich die Standpunkte von Lévi-
216 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Strauss, der den Akzent auf die Sprache legt, und von Leroi-
Gourhan, der die Praxis höher bewertet.
Unbeschadet dieser unterschiedlichen Ausrichtungen haben
die verschiedenen Pole eine Dynamisierung der anthropologi-
schen Forschung bewirkt: Die Dispositive, die sie aufstellt, blei-
ben dreißig Jahre erfolgreich. Der strukturalistische Ehrgeiz
scheint diese Forschergemeinde über die Eigenheiten von Fach-
gebieten und verschiedenen Persönlichkeiten hinaus zusammen-
gehalten zu haben. Den Kontext bildet ein Dritte-Welt-Pathos
vor dem Hintergrund des beginnenden Algerienkriegs, des aus-
gehenden Indochinakriegs und der Konferenz von Bandung.
Frankreich, das die koloniale Frage lange Zeit ignoriert hat, ent-
deckt plötzlich eine dramatische Realität, die ins Bewußtsein der
Menschen dringt und ihr schlechtes Gewissen weckt. Für eine
junge Generation, die sich in ihrer Herkunftsgesellschaft unwohl
fühlt, bedeutet dies mehr als eine Aufforderung zur Reise, ein
Ruf der Tropen. Ein ehrgeiziges und strenges Programm bietet
sich ihr an. Das strukturalistische Programm scheint die Versöh-
nung einer entzauberten Sensibilität mit der Vernunft zu verspre-
chen.
Die Vernunft verrückt :
das Werk von Michel Foucault

Als man sich in der Anthropologie nach dem Anderen des We-
stens fragt und die primitiven Gesellschaften der langwährenden
Ignoranz des eurozentrischen Denkens entrissen hat, wirft der
Philosoph Michel Foucault das Problem der Kehrseite der westli-
chen Vernunft auf und schreibt eine Geschichte des Wahnsinns.
Hinter der siegreichen Vernunft spürt er den verdrängten Mani-
festationen des Irreseins nach. Indem der Philosoph das Sezier-
messer bei den Ideen ansetzt, begibt er sich von vornherein an die
Grenzen des westlichen Denkens, an die Grenzen seiner eigenen
Geschichte.
Abermals verblüffen die zeitlichen Überschneidungen. Michel
Foucault beginnt mit der Niederschrift von Wahnsinn und Ge-
sellschaft 1956, bald nach Erscheinen der Traurigen Tropen und
der Konferenz von Bandung, und publiziert das Werk 1961, kurz
vor den Übereinkommen von Evian und der algerischen Unab-
hängigkeit. A priori ist das Zusammentreffen dieser politischen
und kulturellen Ereignisse rein zufällig, zumal Michel Foucault
seinerzeit nichts von einem Dritte-Welt-Aktivisten an sich hat.
Und doch wird Wahnsinn und Gesellschaft sofort zum Symptom
des Bruchs mit einer Geschichte des abendländischen Subjekts,
dem der Autor das Bild seines vergessenen und verdrängten, aus
der Ausschließung hervorgeholten Doppels entgegenhält: den
Wahn. So fügt es sich, daß auch das den Rahmen der französi-
schen Politik verlassende algerische Volk an einer Geschichte des
Ausschlusses trägt.
Pierre Nora, der gerade Les Français d'Algérie1 veröffentlicht
hat, erkennt sofort den Zusammenhang zwischen der Abrech-
218 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

nung mit dem französischen Ethnozentrismus in Nordafrika und


dem von Michel Foucault aufgezeigten Ethnozentrismus der
Vernunft. Er schreibt Michel Foucault, dessen Herausgeber bei
Gallimard er später sein wird, von seiner Begeisterung. Michel
Foucault läßt das Vergessene, das Verdrängte der Vernunft aufer-
stehen und eröffnet damit eine neue historische Sensibilität, die
keine Helden mehr braucht — die sind müde — und auch keine
Glorifizierung der Verdammten — die Dialektik hat sich 1956 dis-
kreditiert —, sondern sich den Vergessenen der Geschichte zu-
wendet. Nach ihren Spuren sucht er hinter den Mauern, in die die
Vernunft sie eingesperrt hat. So hat Michel Foucault »neue Ge-
biete erschlossen, indem er das Gefängnis wie das Asyl in die Re-
flexion einbezieht — als theoretische wie politische Spielein-
sätze« 2.
Wie Lévi-Strauss es ermöglichte, die primitiven Gesellschaften
als unterschiedlich zu denken, und er sie, indem er sie dachte, ins
Feld der Vernunft zurückgewann, folgt Michel Foucault einem
ähnlichen Abenteuer, bei dem der Wahn zur Vernunft zurück-
kommt, um sie zu befragen und ihre Kraftlinien und Schwach-
stellen zu erhellen. Michel Foucault geht den Unternehmungen
des Verdrängens nach, den gekünstelten Rationalisierungen des-
sen, was als inintelligibel erscheint, den Travestierungen des
Sinns; er zertrümmert die Maskierungen, mit denen sich die
Macht im Wissen tarnt, und illustriert blendend den Zeitgeist:
»Das Leben, das unserem Leben fehlt, spielt sich also an den H o -
rizonten ab, und zwar den geographischen Horizonten (Exotik)
oder den historischen Horizonten (abenteuerliche Vergangen-
heit oder sogar utopische Zukunft), oder es spielt sich auf den
Gipfeln und in den Niederungen des erlebten Lebens ab.« 3
Ein Aufsuchen der Schranken, ein Denken der »Grenze«, das
ist das neue Wagnis, das Foucault den Philosophen verspricht.
Bald nimmt er einen wichtigen Platz in der entstehenden struktu-
ralistischen Galaxie ein, in der er einen doppelten Vorzug ge-
nießt: das Prestige seiner Disziplin, der Philosophie, und die Fä-
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 219

higkeit, seinen Gegenstand zu historisieren, womit er dem Struk-


turalismus eine geschichtliche Perspektive eröffnet, von der Lévi-
Strauss' »kaltes« Paradigma nichts ahnen ließ.
Michel Foucault verspricht also jener Philosoph des Begriffs
zu werden, den Georges Canguilhem in ihm gesehen hat, auch
wenn er sich 1961 noch gar nicht den Strukturalisten zurechnet.
Woher kommt dieser neue Anspruch, der, seinerzeit nicht einzu-
ordnen, die Fachgrenzen einzureißen und die phänomenologi-
sche Phase in der Geschichte der Philosophie in Frankreich zu
beenden scheint ? Michel Foucault, der in seinem unermüdlichen
Streben nach Aufspürung des Wahren Vorurteile und Gedan-
kenschablonen bloßlegt, bietet ein Denken, das sich streng be-
scheiden will: Weit entfernt, sich zum Sprachrohr dessen zu ma-
chen, was man denken muß, versucht er, die Umrisse dessen zu
ziehen, was denkbar ist. Auch er ist ein Philosoph der Reise, der
Reise zur Kehrseite der Vernunft, ein »Gräber in den Niederun-
gen« unserer Zivilisation wie Nietzsche.
Ein einzigartiger Philosoph, der seine Einmaligkeit ausdrück-
lich beanspruchte und jedes Etikett spöttisch von sich wies, da er
sich von jeder Verklammerung oder Zuordnung freizuhalten
suchte, einschließlich, wie André Gides Held Nathanael, der zu
sich selbst. Wie Nathanael muß Michel Foucault, der ständig von
sich selber abrückende Aufrührer, wieder in den Zusammenhang
der jeweiligen Etappe seines Denkens und Lebens gestellt wer-
den, eines Lebens, das er wie ein Kunstwerk erschaffen wollte.
Die Rekonstruktion dessen, was Michel Foucault einmalig
macht, wird zeigen können, inwiefern er am Strukturalistischen
Paradigma teilhat und inwiefern er sich davon unterscheidet. Da-
bei möchten wir jede Reduktion seines Denkens auf einen Epo-
chenkern vermeiden und es gleichwohl mit ihm in Beziehung
bringen.
220 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Die Geburt eines Sterns

Michel Foucault hat die schwierige Frage des Zusammenhangs


zwischen Schreiben und Leben aufgeworfen. Er war mit Äuße-
rungen über sich selbst sehr zurückhaltend, was ihm Jean-Paul
Aron kurz vor seinem Tod vorgehalten hat. Geboren am 15. Ok-
tober 1926 in einer konservativen, gläubigen Familie des gediege-
nen Provinzbürgertums von Poitiers, entstammt Michel Foucault
väterlicher- wie mütterlicherseits einem alteingesessenen Ärzte-
milieu. Sein Vater ist ein angesehener Chirurg in einem Johanni-
terkrankenhaus. Seine Mutter Anne, geborene Malapert, stammt
aus Vendeuvre-du-Poitou, etwa zwanzig Kilometer von Poitiers
entfernt, wo sie ein wunderschönes Haus besitzt, das »das
Schloß« genannt wird. Wie Jacques Marie Lacan wird auch er eine
Hälfte seines Vornamens streichen, »»weil seine Initialen P.-M. F.
ergaben, wie bei Pierre Mendès France<, sagte Mme Foucault« 4 ;
ernstlicher steht zu vermuten, daß es die Opposition gegen den
Namen-des-Vaters war, der ihn »Paul« ablegen ließ, den Vorna-
men seines Vaters.
Dieses biographische Detail ist bedeutsam für die künftigen
Orientierungen des Sohnes-Philosophen und seine »durchge-
hende Verneinung der Dimension der Väterlichkeit, der Dimen-
sion des Namens; dies ist einer der Schlüssel zu seiner subjekti-
ven Haltung« 5 . Daher auch eine verwickelte und konfliktreiche
Geschichte mit der Psychoanalyse im allgemeinen und mit
Jacques Lacan im besonderen, denn Michel Foucault will nicht
zugestehen, daß es im Diskurs einen Ort der Wahrheit des Sub-
jekts geben sollte. Die Faszination für die Ausstreichung, für die
rhetorische Fi^ur des Oxymorons (der notwendigen Verbindung
zweier antinomischer Termini) in seinem Werk scheint den väter-
lichen Horizont zwanghaft zu wiederholen, den er zerstören
will, ohne dies wirklich zu erreichen. Beharrlich pocht er auf die
Illusion, daß niemand hinter seiner Stimme spreche, daß es für
seine Schriften keine Signatur gebe. Damit hat er teil an der Nega-
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 221

tion des Autors, wie sie der strukturalistischen Kritik eignet, aber
auch an dem literarischen Erneuerungsunterfangen von Georges
Bataille, Maurice Blanchot bis Pierre Klossowski. Der Name des
Vaters war also eine Last; und Michel Foucault überwarf sich
bald mit ihm: »ein Bruch, der in diesem Milieu schwer auszuhal-
ten ist. Er sagte mir oft, wenn man schon nicht Arzt werde, müsse
man wenigstens Professor an der Sorbonne sein.«6
Auch wenn Michel Foucault nicht die medizinische Laufbahn
einschlägt, ist er geprägt vom Modell der Medizin als einem
Prisma, durch das die Humanwissenschaften in ihren sichtbaren
Spuren, ihren verschiedenen Positivitäten zu erfassen sind — je-
doch von der Kehrseite, von der negativen Seite her, so wie ein
Arzt versucht, mit Hilfe der Pathologie durch Heilung der
Krankheit die Gesundheit wiederherzustellen. Foucault schuf ein
»medizinisches Paradigma des humanwissenschaftlichen Vorge-
hens« 7. Nach einer problemlosen Schulzeit am Lycée Henri IV
bis zur Tertia bringen ihn seine Eltern in einer religiösen Einrich-
tung, dem Collège Saint-Stanislas unter, um seinen immer kriti-
scheren, ja kaustischen Geist zu bändigen. Dort absolviert er die
Oberstufe : »Er hat uns schwer beeindruckt, in seiner ätzenden
Art zog er sämtliche Lehrsätze in Zweifel.«8
Dieses Moment bildet einen weiteren biographischen Schlüs-
sel für das Verständnis des Werks von Michel Foucault, das von
der dramatischen Erfahrung des Krieges entscheidend geprägt
ist. Sehr verschlossen, hat Foucault nie öffentlich über sich ge-
sprochen; später äußerte er sich über diese Epoche in einer das
Schweigen predigenden kanadischen Indianerzeitschrift, die in
ungefähr zehn Exemplaren vertrieben wurde. Diesen Indianern
bekannte er, daß er sich an die Zeit des Heranwachsens als vom
Krieg und folglich vom Tod geprägte erinnert : »Was mir auffällt,
wenn ich an meine Kindheitseindrücke zurückzudenken versu-
che, ist, daß beinahe alle meine Gefühlserinnerungen mit der po-
litischen Situation zusammenhängen. [...] Ich meine, daß die
Kindheit der Jungen und Mädchen meiner Generation von diesen
222 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

großen historischen Ereignissen gestaltet worden ist. Die Dro-


hung des Krieges war unser Horizont, unser Existenzrahmen.
Dann ist der Krieg wirklich ausgebrochen. [...] Das ist vielleicht
der Grund, weshalb ich von der Geschichte und dem Zusammen-
hang zwischen persönlicher Erfahrung und jenen Ereignissen, in
die wir verfangen sind, fasziniert bin. Ich glaube, das ist der Aus-
gangspunkt meines theoretischen Begehrens.« 9
Die Reflexion über den Krieg ist ein wesentlicher Bestandteil
seiner Arbeit, sie begründet in seinem Werk ein zentrales Para-
digma, das sich um Begriffe wie Strategie und Taktik der Macht,
Brüche und Kräfteverhältnisse dreht. In seiner Auffassung von
Herrschaft, vom Vermögen jedes einzelnen, auf allen Ebenen ge-
sellschaftlicher und privater Tätigkeit auf das Verhalten des ande-
ren einzuwirken, gibt Michel Foucault der Problematik des Krie-
ges einen zentralen Stellenwert, denn hier liegt die Stätte der
Begegnung mit dem Tod. Das ist übrigens das Arbeitsfeld, dem
er sich nach seiner Geschichte der Sexualität widmen wollte und
das er Ende der siebziger Jahre am Collège de France in Angriff
nahm. Er erwähnt diese künftige Forschungsarbeit in einem Ge-
spräch anläßlich seiner Einladung an die Katholische Universität
von Löwen: »Wenn Gott mir Leben verleiht, wäre, nach dem
Wahnsinn, dem Verbrechen und der Sexualität, das letzte Thema,
das ich untersuchen möchte, das Problem des Krieges und die In-
stitution des Krieges in dem, was man die militärische Dimension
der Gesellschaft nennen könnte.« 10
Doch kommen wir zurück auf den jungen Michel Foucault. Er
tritt also in Poitiers in die hypokhâgne ein und bereitet sich auf den
Aufnahmewettbewerb an der École normale supérieure in der Rue
d'Ulm vor. Beim ersten Mal fällt er knapp durch und beschließt
daraufhin, den Wettbewerb in Paris vorzubereiten, wo er sich 1945
niederläßt und wieder ein Lycée Henri IV besucht, diesmal im
Herzen der Hauptstadt. Seine damaligen Mitschüler sind André
Wormser, François Bédarida, Robert Mausi und François Furet.
Bewirkt durch den Unterricht von Jean Hyppolite, der seine
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 223

Schüler mit Hegel bekanntmacht, zeichnet sich dort Foucaults


Entscheidung für die Philosophie ab. Seinen Lehrer wird er an
der ENS wiedersehen und später sogar seine Nachfolge am Col-
lege de France antreten. »Diejenigen, die unmittelbar nach dem
Kriege die khâgne besucht haben, erinnern sich der Vorlesungen
von Hyppolite über die Phänomenologie des Geistes: In dieser
Stimme, die sich unaufhörlich zurücknahm und verbesserte, so
als ob sie im Raum ihrer eigenen Bewegung nachsänne, hörten
wir nicht nur die Stimme eines Lehrers, wir vernahmen etwas von
der Stimme Hegels [...].« n Jean Hyppolite, der Übersetzer der
Phänomenologie des Geistes, gibt Hegels Denken eine Moderni-
tät zurück, die bis dahin unter dem Ruf einer romantischen
Philosophie verschüttet lag. Seine 1947 verteidigte thèse, Genèse
et structure de la phénoménologie de l'esprit, wird in Les Temps
Modernes als großes Ereignis begrüßt und gibt dem Hegelianis-
mus einen fundamentalen Stellenwert im philosophischen Den-
ken der Nachkriegszeit in der Tradition Kojèves und Jean Wahls
zurück. Noch 1975 schickt Michel Foucault Jean Hyppolites Frau
ein Exemplar seines Buches Überwachen und Strafen mit der
Widmung: »Für Madame Hyppolite, in Erinnerung an den, dem
ich alles verdanke.« 12 Im übrigen hat Michel Foucault einen sei-
ner Haupttexte, Nietzsche, la généalogie, l'histoire, für einen
Sammelband zu Ehren Jean Hyppolites verfaßt, der auch Bei-
träge von Georges Canguilhem, Martial Gueroult, Jean La-
planche, Michel Serres und Jean-Claude Pariente enthält. 13

Die Geisteskrankheit

Michel Foucault tritt als vierter seines Jahrgangs 1946 durch das
große Tor in der Rue d'Ulm. Indes verhilft ihm dieser Erfolg
nicht dazu, psychisch ins Lot zu kommen: 1948 unternimmt er
einen Selbstmordversuch. Seine Homosexualität auf glückliche
Weise zu leben, ist damals nicht leicht, und Foucault kommt mit
224 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

der Institution der Psychiatrie in Berührung. Auf Freud war er


schon sehr frühzeitig, in Poitiers, durch den mit Freud korre-
spondierenden Arzt Doktor Beauchamp gebracht worden. Über
die Vorlesungen in der Rue d'Ulm hinaus besucht er auch ver-
schiedene psychologische Institute in Paris und macht Praktika in
Sainte-Anne. Zu diesem Zeitpunkt ist er völlig für die Psycholo-
gie eingenommen und spezialisiert sich auf die Psychopatholo-
gie : »Der Wahnsinn schien ihn zu faszinieren, und er brachte von
seinen Visiten in der Klinik unzählige Anekdoten über die Welt
des Eingesperrtseins mit« 14 , erinnert sich Jacques Proust.
Diese Ausbildung, die Curriculum und Inhalt der klassischen
spekulativen Philosophie überschreitet und den Kontakt zu ei-
nem ganz eigenen, zugleich theoretischen und praktischen Wis-
senskontinent gestattet, arbeitet den späteren Verschiebungen
vor. Diese treten sogar recht bald auf, denn Michel Foucaults er-
stes Buch, Maladie mentale et personnalitéVon 1954, ist der Psy-
chopathologie, den Konzepten der Psychoanalyse und der Lek-
türe der sozialen Repräsentationen des Wahnsinns gewidmet.
[Eine zweite, stark veränderte Fassung erschien 1962 unter dem
Titel Maladie mentale et psychologie, auf der die deutsche Über-
setzung, Psychologie und Geisteskrankheit, Frankfurt/M. 1968,
fußt. Vgl. D. Eribon, Michel Foucault, Frankfurt/M. 1991, S. 119,
A.d.Ü.] Es ist eine Auftragsarbeit von Louis Althusser für die von
seinem Freund Jean Lacroix herausgegebene Reihe »Initiation
philosophique« im Verlag PUR Michel Foucault besucht damals
auch Vorlesungen an der Sorbonne bei Daniel Lagache und bei
Jean Hyppolite, der 1949 berufen worden ist. In der ENS hört er
Jean Beaufret, der über Heidegger liest, Jean Wahl und Jean-
Toussaint Desanti, doch »am nachhaltigsten beeindruckt die jun-
gen Studenten natürlich die Vorlesung von Merleau-Ponty« 15 .
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 225

Auf der Suche nach den Grenzen des Denkens

Besonders prägend an der École wird für Michel Foucault die Per-
sönlichkeit Louis Althussers, der seit 1948 caïman [im Studenten-
jargon Tutor, der die Studenten auf die agrégation vorbereitet,
A.d.Ü.] ist. Der große gedankliche Apparat zu Anfang der fünfzi-
ger Jahre war der Marxismus, und Althusser weiht seine Hörer,
darunter Michel Foucault, in das Denken von Marx ein. Er führt
ihn sogar in die Reihen der KPF : »Ob Liebäugelei oder Beitritt
und danach Rückzug, das weiß ich nicht mehr genau«, sagt sein
Parteigenosse Maurice Agulhon, doch sein Kollege in Lille, Oli-
vier Revault d Allonnes, erinnert sich, daß er Michel Foucault wei-
nen sah, als dieser 1953 vom Tode des »Väterchens der Völker«,
Stalin, erfuhr.16 Es war die Zeit, in der die ENS in zwei Gruppen
zerfiel, die »talas« (diejenigen, die zur Messe gingen) und die
Kommunisten und linken Christen, die in die KPF eintraten.
Obwohl die gesamte École 1950 auf Michel Foucaults trium-
phalen Erfolg bei der agrégation gefaßt war, fällt er nach Ablegen
der schriftlichen Prüfung und erfolgter Zulassung zum mündli-
chen Examen durch. So braucht er ein weiteres Jahr Vorbereitung
zur Wettbewerbsprüfung. Bei diesem zweiten Durchgang ge-
mahnt ihn ein entscheidendes Wegzeichen gleichsam an sich
selbst und seine Bestimmung: Bei der Auslosung der mündlichen
Themen zieht er ein ungewöhnliches Thema, für dessen Durch-
setzung Jean Hyppolite, der Mitglied des Prüfungsausschusses
war, sich schwer hatte ins Zeug legen müssen: »Sexualität«. Der
Zufall des Loses gibt also bereits Michel Foucaults künftig größ-
tes Arbeitsgebiet zu erkennen.
Dem frischgebackenen agrégé bleibt der Leidensweg am Lycée
erspart, da er nach einem Jahr in der Fondation Thiers zum Assi-
stenten an der Universität Lille berufen wird. Er bleibt indes in
Paris und unterrichtet zur gleichen Zeit in der Rue d'Ulm, wo er
auf Antrag von Louis Althusser caïman in Psychologie wird. Da-
mals schließt er Freundschaft mit einer ganzen Gruppe kommu-
226 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

nistischer ENS-Studenten: Gérard Genette, Jean-Claude Passe-


ron, Paul Veyne, Maurice Pinguet und Jean Molino. Foucault be-
kommt den Spitznamen »le Fuchs«, weil er schlauer ist als die an-
deren und weil Füchse die tiefsten Gänge graben. Bereits 1953
»ging er jede Woche ins Hôpital Sainte-Anne, um ein Seminar zu
besuchen, das der damals unbekannte Jacques Lacan dort begon-
nen hatte, dem er grenzenlose Bewunderung entgegenbrachte.
Gelegentlich ließ er Andeutungen über das spekuläre Bild und
das Spiegelstadium fallen : Das war seinerzeit der Gipfel des Raf-
finements.« 17 Sein Freund Maurice Pinguet erinnert an die Be-
deutung, die für Michel Foucault die Entdeckung Nietzsches
hatte: »Hegel, Marx, Heidegger, Freud — das waren 1953 seine
Bezugsachsen, als es zur Begegnung mit Nietzsche kam. [...] Ich
sehe noch Foucault am Strand von Civitavecchia die Unzeitge-
mäßen Betrachtungen lesen. [...] Von 1953 an zeichnete sich die
Achse eines Gesamtprojekts ab : Eine ethische Entscheidung von
nietzscheanischem Geist krönte eine genealogische Kritik der
Moral und der Wissenschaft.«18
Anfang der fünfziger Jahre ist Foucault auch ein eifriger Leser
der Literatur. Besonders fasziniert ihn die Schreibweise von Mau-
rice Blanchot, die fortan ihre Spuren in seinem Stil hinterläßt,
namentlich was den systematischen Gebrauch des Oxymorons
angeht. »Damals träumte \jch davon, Blanchot zu sein«, wird
er später Paul Veyne anvertrauen. 19 Diese literarische Sensibili-
tät führt Michel Foucault auf die Spuren von Samuel Beckett,
Georges Bataille, Raymond Roussel und René Char. Eine Faszi-
nation für das Denken des Außerhalb, für ein Denken der Grenze
faßt in ihm Fuß. Und seine literarische Kost verrät seine Urangst
vor dem Tod, die ein psychoanalytisches Wissen, das ihm nie
ganz entsprach, nicht zu besänftigen vermochte.
Frühzeitig mit Freud und dann mit Lacan vertraut, läßt sich
Foucault, dem Louis Althusser an der Rue d'Ulm von einer frei-
willigen Internierung abgeraten hatte und dem Daniel Lagache
eine psychoanalytische Behandlung empfahl, später auf das
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 227

Abenteuer der »Therapie« ein, wobei er sich jedoch nicht länger


als drei Wochen auf die Couch gelegt hat. Sein Verhältnis zur Psy-
choanalyse wird stets zwiespältig bleiben, eine Mischung aus
Faszination und Abstoßung. Zwar ist es Foucault zu verdanken,
daß 1968 in Paris-VIII-Vincennes der Fachbereich Psychoanalyse
eingerichtet wird, aber er spöttelt über jene, die »ihre Ohren ver-
mieten« 20, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Das Exil

Das Denken des Außerhalb, die Suche nach den Grenzen führt
Foucault 1955 ins Ausland. Er wählt das Exil und geht im August
1955 nach Uppsala, und zwar auf Vermittlung von Georges Dumé-
zil, den er noch nicht kennt, der aber seinen schwedischen Freun-
den einen geeigneten Mann für den Posten des Französisch-Lek-
tors empfehlen sollte, den er selber in den dreißiger Jahren
innegehabt hatte. Da Georges Dumézil den Kontakt zur ENS ver-
loren hat, bittet er Raoul Curien um Rat, der ihm mit den Worten :
»Das ist der intelligenteste Mensch, den ich kenne« 21 von Michel
Foucault erzählt. Daraufhin bietet Georges Dumézil die Stelle
Foucault an, und der willigt ein. Drei Jahre wird er in Schweden
verbringen, und aus der nachträglichen Begegnung der beiden
Männer wird eine intellektuelle und persönliche Freundschaft er-
wachsen, »die sich bis zu seinem Tod uneingeschränkt gehalten
hat« 22 .
Für Michel Foucaults Teilnahme am strukturalistischen Aben-
teuer hat gewiß Georges Dumézil als Auslöser gewirkt. Bislang
ist sich Foucault noch nicht im klaren, welche eigenständige Spur
er auf seiner Suche, bei seiner unablässigen Bewältigungsarbeit
der existentiellen Angst verfolgen soll, noch steht er unschlüssig
an der Wegekreuzung von Philosophie, Psychologie und Litera-
tur. Zwar hatte es bereits den Schock von 1953 gegeben, Stalins
Tod, und die Entdeckung eines Ersatzmanns: Nietzsche. Die Be-
228 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

gegnung mit Dumézil, deren Bedeutsamkeit er immer wieder be-


tonen sollte, verschafft ihm das Fundament, das ihm zur Errich-
tung seiner Genealogie noch fehlt. So bekennt er im Vorwort zu
Wahnsinn und Gesellschaft sunt Verpflichtung: »Bei dieser ein
wenig einsamen Aufgabe gebührt allen, die mir dabei geholfen
haben, meine Dankbarkeit. An erster Stelle M. G. Dumézil, ohne
den diese Arbeit nicht unternommen worden wäre.« 23 In Le
Monde erklärt er, daß unter den Einflüssen, die auf ihn einwirk-
ten, Georges Dumézil die Hauptrolle gespielt habe: »Und zwar
durch seinen Strukturgedanken. Wie Dumézil es bei den Mythen
getan hat, habe ich versucht, strukturierte Erfahrungsnormen zu
entdecken, deren Schema sich — abgewandelt — auf verschiede-
nen Ebenen wiederfinden sollte.« 24 In Schweden, im Anderswo,
verfaßt Michel Foucault seine thèse. Er spürt den Erscheinungs-
formen des Wahnsinns in der Carolina rediviva nach, der großen
Bibliothek von Uppsala, in der er eine reichhaltige Sammlung von
medizinischen Büchern des 17. und 18. Jahrhunderts findet. Dar-
aus wird er seinen Honig ziehen, um der Welt des Schweigens
seine Stimme zu leihen.

Die thèse

Am 20. Mai 1961 findet in dem Salle Louis-Liard der Sorbonne


ein großes Ereignis statt. An diesem hohen Ort, wo die wichtigen
thèses ihre Weihen bekommen, in diesem Wissenstempel soll der
Philosoph Michel Foucault seine thèse über einen Gegenstand
verfechten, der sich in einem solchen Rahmen unangebracht aus-
nehmen mag: den Wahnsinn. Der »Betreuer« dieser thèse ist
Georges Canguilhem, und er hat seinen Studenten gesagt : »Da
müssen Sie hin.« 25 Pierre Macherey wohnt, wie viele andere in
dem vollbesetzten Saal, dem Ereignis bei. Als er den Salle Louis-
Liard betritt, kennt er nicht einmal Foucaults Namen, aber er ver-
läßt die universitäre Zeremonie aufs nachhaltigste beeindruckt.
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 229

Fortan kauft er alle Bücher von Michel Foucault noch am Tage ih-
res Erscheinens: »Etwas Unerhörtes ist dort geschehen: Die
Mitglieder des Prüfungsausschusses waren überwältigt.« 26 Und
doch sind die Ausschußmitglieder gestandene Akademiker. Den
Vorsitz führt Henri Gouhier, der bekannte Philosophiehistori-
ker, Professor an der Sorbonne seit 1948. Ihm sitzen Georges
Canguilhem sowie Daniel Lagache, Jean Hyppolite und Maurice
de Gandillac bei. »Um über den Wahnsinn sprechen zu können,
bedürfte es des Talents eines Dichters«, schließt Michel Foucault.
»Aber Sie haben es«, antwortet ihm Canguilhem. 27
Michel Foucault problematisiert in seiner thèse den Wahrheits-
anspruch eines besonderen wissenschaftlichen Diskurses: des
psychiatrischen Wissens, und untersucht seine Gültigkeits- und
Möglichkeitsbedingungen. Bewußt pflanzt er sein Periskop ins
Herz der abendländischen Geschichte, um die siegreiche Ver-
nunft zu befragen: »Könnten wir nicht im Fall einer so >unge-
wissen< Wissenschaft wie der Psychiatrie auf >sicherere< Weise
das Gewirr der Wissens- und Machtwirkungen aufdecken?« 28
Um die herkömmlichen Grenzlinien verschieben zu können,
geht Foucault von einem tabuisierten Gegenstand aus, vom Ver-
drängten der abendländischen Vernunft schlechthin, vom Bild
ihres Anderen, und beschreibt so Orte und Arten der Geltend-
machung eines noch wenig gesicherten psychiatrischen Wissens.
Im Zuge dieses Verfahrens setzt er seinen Gegenstand in eine hi-
storische Perspektive. Die historische Analyse spiele eine »instru-
mentelle Rolle« 29 , sei ein Werkzeug innerhalb des politischen
Feldes, ein Mittel, der Sakralisierung der Wissenschaft zu entge-
hen. Der aufs Historische gewandte Diskurs muß sich fragen,
welches die Kraft einer Wissenschaft ist, muß erfassen, was in ihr
nicht-wissenschaftlich ist, und herausfinden, »wie in unserer
Gesellschaft die Wahrheitswirkungen einer Wissenschaft gleich-
zeitig Machtwirkungen sind« 30 .
Der Gegenstand der Untersuchung, der Wahnsinn also, muß
von der Vielzahl der Diskurse befreit werden, die ihn gefangen-
230 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

halten: Alle szientifisch auftretenden — juristischen, medizini-


schen, polizeilichen — Wissensformen werden reihum in den Zeu-
genstand gerufen, um begreifbar zu machen, auf welche Weise sie
diese Figur des Anderen der Vernunft entstehen lassen. Dieses
Freilegenwollen des Gegenstands von den sedimentierten Dis-
kursschichten, die ihn überlagern, entspricht völlig der damaligen
strukturalistischen Thematik in ihrer Suche nach den diversen
Nullpunkten des Schreibens, der Sprache, der Verwandtschaft, des
Unbewußten. Foucaults Projekt schreibt sich in diesen Blickwin-
kel ein, wenn es sich vornimmt, »in der Geschichte jenen Null-
punkt der Geschichte des Wahnsinns aufzusuchen, wo er undiffe-
renzierte Erfahrung, noch ungesonderte Erfahrung der Sonderung
selbst ist«31. Diese Arbeit über die dunklen Grenzen der Vernunft
will dem hinter den Rationalisierung erheischenden Diskursen lie-
genden Wahnsinn selbst wieder zu Leben und Stimme verhelfen :
»Ich habe nicht versucht, die Geschichte dieser Sprache zu schrei-
ben, vielmehr die Archäologie dieses Schweigens.«32

Dem Schweigen wieder eine Stimme geben: der Wahnsinn

Michel Foucault will also dem aus der Geschichte ausgeschlosse-


nen, dem von der Vernunft vergessenen Wahn wieder das Wort
erteilen. Wie in einer Dichtung errichtet er seine Geschichte auf
bestimmten Gründungsmythen: »Das Werk Foucaults [gehört]
in Wirklichkeit zum Bereich der Fiktion« 33 , wobei die positiven
Behauptungen mit einem kritischen, ja nihilistischen Angriff auf
die konstituierten Wissensformen und die im Aufbau befindli-
chen Grenzen wetteifern. Foucault zeichnet einen Verlauf nach
und führt den Leser zurück zum Narrenschiff der mittelalterli-
chen Epoche als einem dem Argonautenzyklus entlehnten Sa-
genstoff, aber auch einer tatsächlichen Realität der mittelalterli-
chen Stadt, die sich der Irren entledigte, indem sie sie, noch vor
der Errichtung der Asyle im 18. Jahrhundert, den Fährleuten
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 231

übergab. Der Wahnsinn hatte nicht immer denselben Status : Erst


Gegenstand der Ausschließung, wurde er später mittels Einsper-
rung erfaßt.
Michel Foucault konstatiert ein Umschlagen. In der Renais-
sance war die Figur des Irren von der der Vernunft nicht zu tren-
nen; Erasmus entdeckte damals einen der Vernunft inne-
wohnenden Wahn, und Pascal schrieb: »Die Menschen sind so
notwendig verrückt, daß nicht verrückt sein nur hieße, verrückt
sein nach einer anderen Art von Verrücktheit.« 34 Im 18. Jahrhun-
dert hingegen behauptet der Rationalismus seinen Anspruch,
seine Objekte abzugrenzen, und sondert den Wahnsinn aus, der
in der Methode seine Vernunft richtig zu leiten, wie Descartes sie
bestimmt hat, auf die Seite des Irrtums, des Negativen, des täu-
schenden Traums verwiesen ist. Der Wahn, ausgeschlossen vom
Gebiet der Vernunft, entsteht nun als gesonderte, negative Figur.
Er wird sogar zur entscheidenden Trennstelle zwischen der Welt
der Vernunft und jener der Unvernunft, die die alte Trennung
zwischen Gut und Böse ablöst. Als Welt des Un-Sinns muß der
Wahn abtreten, um dem rationalen Denken Platz zu machen.
Zum Schweigen gebracht, eingemauert in der Kerkerwelt, hat der
Wahnsinnige noch keinen eigenen Platz, sondern wird zusam-
men mit den Bettlern interniert. Das 17. Jahrhundert, das Jahr-
hundert der Vernunft, hat demnach auf die fortwährende Angst
vor dem Wahn mit Einschließung reagiert. Der Wahn wird zur
Bedrohung, und das Verschwinden des Wahnsinnigen wird zur
Bedingung für die Herrschaft der Vernunft. Er gerät nun in die
große Bewegung der Einsperrung, die Michel Foucault mit dem
königlichen Edikt vom 27. April 1656 ansetzt, dem Datum, an
dem das Hôpital général gegründet wird, das die Bettler einsam-
melt, um sie zur Arbeit anzuhalten: »In gewissem Sinne schlie-
ßen die Mauern der Internierungshauser das Negativ dieser mo-
ralischen Gemeinschaft ein.« 35 An dieser Stelle sichtet Foucault
eine Diskontinuität, einen unvermittelten Wechsel der Diskurs-
praxis, der ein neues Verhältnis zum Wahnsinn ebenso wie zur
232 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Armut einführt. Während der Arme bis dahin als mögliches Erlö-
sungsobjekt und zugleich Bedingung des Reichtums in eine gei-
stige Positivität aufgenommen war, wird er nun als Quell der Un-
ordnung und Zeichen der Strafe Gottes in die Negativität
verwiesen. Von der Gesellschaft geächtet, muß der Arme so un-
sichtbar gemacht werden wie der Verrückte.
Michel Foucault bewegt sich an den Grenzen des Gesellschaft-
lichen, ohne sich je auf eine Sozialgeschichte einzulassen, die ei-
nen globalen Zusammenhang der abendländischen Gesellschaft
wiederherzustellen unternähme. In dieser Hinsicht siedelt er sich
bereits beim Strukturalismus an, der der Sphäre des Diskursiven
größtmögliche Eigenständigkeit gegenüber den sozialen Kontin-
genzen einräumt. Foucault weigert sich, das von ihm erkannte
Umschlagen des Diskurses in ein globales Erklärungsschema ein-
zufügen, das eine Beziehung zwischen dem beschriebenen Ver-
drängungsphänomen und der historischen Mutation einer Ge-
sellschaft hätte herstellen können, die von einer Vorherrschaft
des Religiösen zu einer Vorherrschaft des Ethisch-Ökonomi-
schen übergeht, welche in den mentalen Strukturen und den in-
stitutionellen Praktiken des modernen Zeitalters Fuß faßt.
Die Wahnsinnigen unterstehen im klassischen Zeitalter der
Zuständigkeit der Justiz und noch nicht der Medizin. Der Inter-
nierungsbeschluß ist kein ärztlicher, sondern ein juristischer Akt.
Der Irre wird »an [dem] Treffpunkt zwischen sozialem Dekret
der Internierung und juristischer Erkenntnis eingeordnet [...], die
die Fähigkeit der juristischen Personen unterscheidet« 36 . Gewiß,
der Irre ist kein Gefangener wie die anderen, er unterscheidet sich
vom Bettler, aber seine eigentümlichen Äußerungen werden als
Symptome tiefer Animalität aufgefaßt, die beim Vernunftmen-
schen als Untergrenze des Menschseins zurückgedrängt ist. So
ketten die Kerkermeister die als gefährlich eingestuften Irren in
den Verschlagen von Bicêtre an.
Im 18. Jahrhundert kommt es in der Beziehung zum Wahnsinn
insofern zu einem erneuten Bruch, als nunmehr streng den Ver-
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 233

rückten vorbehaltene Häuser errichtet werden. Das ist die Ge-


burtsstunde des Asyls als des spezifischen Orts des Wahnsinns,
der nun, anders als im Hôpital général, in seiner Singularität
kenntlich wird. Dieser institutionelle Bruch geht der Betrachtung
des Wahnsinnigen als eines zu behandelnden Kranken voraus:
»Eine neue Dimension hatte eingeführt, ein neuer Raum abge-
grenzt und gleichsam eine andere Einsamkeit instituiert werden
müssen, damit mitten in diesem zweiten Schweigen der Wahn-
sinn schließlich reden konnte.« 37 Jetzt lauscht man der Rede der
Irren, um darin die Äußerung dieser oder jener verzeichneten Pa-
thologie zu finden. Ein gänzlich neues Wissen wird nun von der
Medizin übernommen: »Es handelt sich dabei um die Apotheose
der ärztlichen Person. [...] Seit dem Ende des achtzehnten Jahr-
hunderts war die ärztliche Bescheinigung für die Internierung der
Irren nahezu obligatorisch geworden. Im Innern des Asyls selbst
aber nimmt der Arzt eine wichtige Stellung ein, die sich danach
bemißt, in welchem Maße er die Internierung ärztlich ausrich-
tet.« 38 Der Übergang von der Unterschiedslosigkeit zur Spezifi-
zierung des Wahnsinns, seine Wiedereinsetzung in die Zeitlich-
keit, die Berücksichtigung sowohl des neuen Blicks als auch der
neuen Praktiken, die die Geburt des Wahnsinns als eigene Figur
impliziert, das dialektisch gefaßte Verhältnis zwischen Wissen
und Macht mit der Ersetzung der juristischen durch die medizi-
nische Macht: dies sind die großen Linien des Foucaultschen
Vorgehens, keine einfache Genealogie des Wahnsinns, sondern
die Analyse des Übergangs einer Gesellschaft, die auf der Macht
des Gesetzes fußt, zu einem System, das sich auf die Norm stützt,
die zum Sonderungskriterium der Individuen geworden ist und
eine ganz andere Diskursökonomie impliziert.
Die Medikalisierung des sozialen Körpers entspricht diesem
Normierungsprozeß, dieser Trennung von Norm und Pathologi-
schem. Neuer König ist jetzt der Arzt, der im Herzen dieser Son-
derung steht und ihre Grenzen zieht. Diese Problematisierung
der verschiedenen Wahrnehmungen von den Grenzen zwischen
234 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Normalem und Pathologischem steht dem Werk von Georges


Canguilhem nahe, der bereits die Grundlagen für eine strukturale
Geschichte der Wissenschaften geschaffen hatte. Foucaults thèse
ist eine bemerkenswerte und blendende Illustration für die
Fruchtbarkeit dieser Methode.

Wahnsinn und Unvernunft

Um verteidigt werden zu können, muß eine thèse damals ge-


druckt vorliegen, es gilt also, einen Verleger zu finden, der bereit
ist, ein fast tausend Seiten zählendes Manuskript zu veröffentli-
chen. Michel Foucault legt seine Arbeit Brice Parain vor, der sie
bei Gallimard herausbringen könnte. Er ist recht zuversichtlich,
zumal Parain die Bücher Georges Dumézils publiziert hat, doch
mußte bereits Lévi-Strauss zum Verlag Plön gehen, nachdem
Parain es abgelehnt hatte, Die elementaren Strukturen der Ver-
wandtschaft zu verlegen. Foucault widerfährt die gleiche katego-
rische Ablehnung. Jean Delay schlägt ihm daraufhin die von ihm
betreute Reihe bei PUF vor, »aber Foucault sähe es eben gern,
wenn sein Buch dem Ghetto der akademischen Arbeiten ent-
käme« 39. Er will es Lévi-Strauss gleichtun, der es mit den Trauri-
gen Tropen geschafft hat, über die Spezialistenkreise hinauszuge-
langen und ein breites intellektuelles Publikum zu erreichen.
Auch Michel Foucault versucht also sein Glück bei Plön, wo er
Jacques Bellefroid kennt. Der reicht die thèse zur Lektüre an Phi-
lippe Ariès, der die Reihe »Zivilisationen gestern und heute« her-
ausgibt. Dies ist der erste von zahlreichen Kontakten, die der
Philosoph zur Geschichtswissenschaft knüpft. Fruchtbare For-
men der Zusammenarbeit werden daraus erwachsen, aber auch
Mißverständnisse und Gespräche, in denen man aneinander vor-
beiredet. Die entscheidende Begegnung mit Philippe Ariès im
Jahr 1961 ist im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. Was hat der
Erschütterer von Vorurteilen, der nietzscheanische Nihilist Mi-
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 235

chel Foucault mit dem ultrakonservativen, royalistischen Histori :


ker Philippe Ariès gemein, der ehemals bei der Action française
aktiv war? Was dieses Zusammentreffen mit dem Autor der
Geschichte der Kindheit möglich macht, ist eine ähnliche Emp-
fänglichkeit für Mentalitätenphänomene, eine ähnliche unter-
schwellige Aufwertung der vormodernen Zeiten, eine gewisse
nostalgische Empfindsamkeit gegenüber der unschuldigen Welt
vor der disziplinarischen Sonderung, wo im selben Schwung Ver-
rückte und Vernünftige, Kinder und Greise auf der Basis von Ge-
selligkeit und Gastlichkeit zusammengelebt haben sollen.
Dank Philippe Ariès, dem Michel Foucault später eine Würdi-
gung zukommen läßt, kann Wahnsinn und Gesellschaft bei Plön
erscheinen : »Eines Tages erhielt ich ein dickes Manuskript : eine
Philosophie-Dissertation über die Beziehungen zwischen Wahn-
sinn und Vernunft im Zeitalter der Klassik von einem mir unbe-
kannten Autor. Das Buch faszinierte mich. Aber man mußte
Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um es den neuen Chefs
aufzuzwingen [...].«40
Während Michel Foucault in Schweden seine thèse vorberei-
tete, hatte er zweimal Roland Barthes zu Gast, mit dem er bei
seinen jeweiligen Parisaufenthalten freundschaftlich verkehren
sollte. Gleich bei Erscheinen des Buches begrüßt Roland Barthes
die erstmalige Anwendung des Strukturalismus auf die Ge-
schichte : »Die von Michel Foucault beschriebene Geschichte ist
eine strukturale Geschichte. Sie ist struktural auf zwei Ebenen:
in der Analyse und im Entwurf.« 41 Roland Barthes erkennt auf
Anhieb den Zusammenhang zwischen den Arbeiten von Lévi-
Strauss, Lacan, Foucault und seinen eigenen, ohne daß es dabei ir-
gendeine gemeinsame Ausarbeitung gäbe. In Foucaults Arbeit
sieht er die Errungenschaften der modernen Ethnologie bestä-
tigt, denn Foucault vollzieht bei seiner Untersuchung eines The-
mas, das bisher als rein medizinischer Sachverhalt betrachtet
wurde, eine Verschiebung von der Natur zur Kultur. So wie Lévi-
Strauss die Verwandtschaftsbeziehungen als Allianzphänomen
236 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

analysiert und Lacan das Unbewußte wie eine Sprache struktu-


riert sieht, rührt das literarische Schreiben für die neue Literatur-
kritik aus einem Erlernen, aus einem Herstellen, das nichts mit ei-
nem irgend gearteten Schöpfergenie zu tun hat. Michel Foucault
»hat sich dagegen verwahrt, den Wahnsinn als eine nosographi-
sche Realität zu betrachten« 42 . Barthes' Lesart von Foucaults
Werk hält sich im wesentlichen an seine Zugehörigkeit zu einer
allgemeinen Sémiologie, zur Konstruktion weitgespannter »Se-
manteme«, deren Gegenstand die Untersuchung der Formen ist:
Diesbezüglich sei der Wahnsinn immer nur eine achronische
Form, die es unter Abzug jeder Substanz, jeden transzendenten
Gehalts ausfindig zu machen gelte.
Auch Maurice Blanchot begrüßt Michel Foucaults Buch, in
dem er seine Erfahrung im Schreiben über die Grenzen und in der
Definition eines neuen literarischen Raumes wiedererkennt:
»Jenseits der Kultur eine Beziehung zu dem vorbereiten, was die
Kultur verwirft: Sprechen an den Rändern, Auswärtigkeit von
Schrift — unter diesem Gesichtspunkt sollten wir dieses Buch le-
sen und nochmals lesen.« 43
Schließlich wird Michel Foucault von der literarischen Avant-
garde gut aufgenommen, dem schließen sich einige Historiker 44
und Epistemologen 45 an. Doch im wesentlichen bleibt der er-
hoffte Publikumserfolg aus, und das Buch findet kein wirkliches
Echo, weder bei den Philosophen (in Les Temps Modernes und
Esprit wird es nicht besprochen) noch bei den Psychiatern, die
Foucaults Arbeit bloß als literarische und metaphysische Stil-
übung betrachten. Die bescheidene Auflage von Wahnsinn und
Gesellschaft verrät, daß man Die Ordnung der Dinge abwarten
muß, bis Michel Foucault nachhaltigen öffentlichen Widerhall
findet. Die Erstauflage vom Mai 1961 beträgt dreitausend Exem-
plare, mit einer mäßigen Nachauflage von eintausendzweihun-
dert weiteren im Februar 1964.46 Michel Foucaults Werk verfehlt
also zunächst seine Zielvorgabe; die psychiatrische Lehre fühlt
sich von dem Philosophen in keiner Weise angesprochen: »Le-
Die Vernunft verrückt: das Werk von Michel Foucault 237

diglich auf einem nicht-praktischen Gebiet haben somit Fou-


caults Bücher Niederschlag finden können« 47 , schreibt Robert
Castel. Dieser Niederschlag war ein doppelter: Zum einen wurde
zum epistemologischen Einschnitt ermutigt, und zweitens wurde
die Geisteskrankheit, zum positivistischen Begriff gewendet, als
das Andere der Vernunft wieder in ihre Alterität eingesetzt. Fou-
caults Arbeit, die 1961 als originelle, aber akademische thèse auf-
genommen wurde, bekam indes aus zwei Gründen eine zweite
Bestimmung: durch den Mai '68 und durch das Interesse, das sie
bald bei den angelsächsischen Antipsychiatern Ronald Laing und
David Cooper erweckte. Erst Ende der sechziger Jahre also ent-
spricht das Buch einer kollektiven Sensibilität, einer Forderung
zur gesellschaftlichen Veränderung, und wird zur Inspirations-
quelle der Protestbewegungen gegen die Asylpraktiken.

Ausschluß oder Integration?

Die strukturale Methode Michel Foucaults gründet auf einer Sub-


stanzeinbuße des Wahnsinns selbst, der zu einer befangenen und
fluktuierenden Diskursen ausgelieferten Figur wird. In einer sol-
chen Perspektive verliert der Wahnsinn jegliche Konsistenz, jegli-
che Substanz und verschwindet gleichsam in den Falten einer op-
pressiven Vernunft. Erst später, im Jahre 1980, warten Marcel
Gauchet und Gladys Swain mit einer Gegenthese zu Foucaults
Darstellung auf, deren Argumente auf einer minutiösen Nachfor-
schung der historischen Tatsachen beruhen. 48 Die Autoren revi-
dieren Foucaults Chronologie. Nicht auf das klassische Zeitalter
(Stichjahr 1656) datiere die Einsperrung, sondern in Wahrheit auf
das 19. Jahrhundert. Insbesondere aber verstehen sie die Dynamik
der Moderne nicht als eine Logik der Ausschließung des Wahns,
der Alterität, sondern im Gegenteil als eine Logik der Integration.
Der Fehldiagnose Michel Foucaults liege eine illusionäre
Einschätzung der Vormoderne als Gesellschaft der Toleranz
238 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

zugrunde, in der alle Unterschiede akzeptiert würden. Marcel


Gauchet und Gladys Swain zeigen dagegen, daß der Wahnsinnige
damals nur insofern akzeptiert war, als er als Ausdruck einer
untermenschlichen Spezies betrachtet wurde: »In diesem kultu-
rellen Rahmen (definiert durch natürliche Ungleichheits- und
Hierarchieprinzipien) schließt die absolute Differenz nicht die
Vertrautheit aus.« 49 Wenn der Wahnsinn in der Moderne zum
Problem wird und der Einsperrung anheimfällt, geschieht dies
eben nicht aus Abstoßung, sondern im Gegenteil aus der Berück-
sichtigung des Wahnsinnigen als Alter ego, als Artgenosse und
nicht als Anderes der Vernunft: »Im modernen Zeitalter hinge-
gen ist die Identität de jure und die Distanz lediglich de facto.« 50 .
Die Geschichte des Wahnsinns in der modernen demokrati-
schen Gesellschaft scheint also eher eine Geschichte der Integra-
tion als eine Geschichte der Ausschließung zu sein. Auch Marcel
Gauchet sieht eine Gefahr in der Konzentration des Asyls, doch
im Unterschied zu Michel Foucault siedelt er sie eher auf der
Ebene der Normierungsperspektive, der Integrationsutopie an als
in einer Ausschließungspraxis. Im Jahre 1961 sah Michel Foucault
mit der Vernunft keineswegs eine fortschrittliche Vision verbun-
den. Im Gegenteil, die Dekonstruktion der Vernunft soll die rätsel-
hafte Figur ihres — gepriesenen — Anderen aufscheinen lassen und
das Reich der Aufklärung erschüttern, um dessen oppressive und
disziplinierende Grundfesten desto deutlicher bloßzulegen.
Zur Rede steht hier eine radikale Kritik der Modernität und ih-
rer Kategorien. Wahnsinn und Gesellschaft gibt sich vor allem als
Symptom einer Epoche, als die ersten Gehversuche eines neuen,
der abendländischen Geschichte angepaßten strukturalen Ver-
fahrens, als Aufwertung des Verdrängten. Die Suche nach der
Wahrheit spielt sich damals im Ungesagten ab, in den weißen
Flecken, in den Schweigezonen einer Gesellschaft, die sich ent-
hüllt durch das, was sie verbirgt. Deshalb ist der Wahnsinn in sei-
ner doppelten Wahrnehmung durch eine historische Anthropo-
logie und durch die Psychoanalyse ein idealer Gegenstand.
Die Krise des Marxismus :
Tauwetter oder Frost?

Das Jahr 1956 wird für einen Großteil der französischen Intelli-
genzija das Jahr der Brüche, es bildet die Hefe für die Kinder von
1966 — und es ist die Geburtsstunde des Strukturalismus als des
intellektuellen Phänomens, das den Marxismus ablöst. Anstelle
des Optimismus der Libération, der sich in der existentialisti-
schen Philosophie geäußert hat, tritt eine ernüchterte Beziehung
zur Geschichte. Mit der Enthüllung von Stalins Verbrechen durch
den neuen Generalsekretär Nikita Chruschtschow auf dem XX.
Parteitag der KPdSU ist seit Anfang 1956 eine neue Periode ein-
geläutet — sie endet mit der Niederschlagung der ungarischen
Revolution durch sowjetische Panzer.
Der Schock ist so gewaltig, daß er in der Linken den kritischen
Blick auf das sowjetische Modell hoffähig macht. Die kommuni-
stische Ideologie ist über die historische Realität gestrauchelt,
und was sich einmal als Hoffnung auf eine glückliche Zukunft
darstellte, läßt den Schrecken der Folterlogik einer totalitären
Macht erkennen. Noch haben die Wellen des Erdbebens Billan-
court nicht erreicht, und die KPF bleibt einstweilen mächtigster
politischer Apparat, aber die Intellektuellen, deren Arbeit sich
aus der Wahrheitssuche, aus der Kritik des falschen Scheins be-
gründet, kommen nicht umhin, ihre bisherigen Analysemuster in
Frage zu stellen. Trauer um die verlorenen Hoffnungen prägt die
gesamte Periode der Jahre 1956 bis 1968. Man wendet sich nun
dem zu, was der Veränderung standhält und gegen politischen
Voluntarismus gefeit ist. In der kollektiven Sensibilität treten die
Invarianten, die Unverrückbarkeiten in den Vordergrund.
Demgegenüber erlebt Europa in diesen Jahren jedoch die
240 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

schnellste ökonomische Transformation seit Ende des 18. Jahr-


hunderts: »Man lebte damals in einer ungeheuren Wahrneh-
mungsverschiebung: Die Bedeutung der >trente glorieuses< [der
dreißig Wirtschaftswunder) ahre nach dem Weltkrieg bis zur Öl-
krise, A.d.Ü.] wurde erst begriffen, als sie zu Ende waren, denn
während sie abliefen, glaubte man, es passiere gar nichts.« 1 War
bisher die russische Revolution als Fortführung der Französi-
schen Revolution, 1917 im Kielwasser von 1789 als Vollendung
des modernen Demokratie-Ideals gesehen worden, so trugen
sich nun die französischen Intellektuellen mit einer Neubeurtei-
lung der Ideale und Werte der Aufklärung und der Revolution
von 1789. Viele von ihnen lasten nun den Bolschewismus und
sein unheilvolles Schicksal den Idealen der Aufklärung an.
In dieser kritischen Nachlese der Werte der westlichen Demo-
kratie faßt das Phänomen des Strukturalismus Wurzeln. Die fran-
zösische Intelligenzija gründet ihre Reflexion nicht mehr auf
Werte wie Autonomie, Freiheit oder Verantwortung: »Die Er-
satzerklärungen haben dazu geführt, daß der Primat der Totalitä-
ten vor den Subjekten in den Vordergrund rückte.« 2 Eine Kritik
an der Moderne und am formalen Charakter der Demokratie
entwickelt sich, nicht mehr im Namen eines verebbenden Mar-
xismus freilich, sondern ausgehend von Heidegger, von Nietz-
sche. Sie zeigt sich indirekt darin, daß man in der Geschlossenheit
des Textes und seiner inneren Architektonik Zuflucht sucht.
Wenig später, im Jahre 1958, macht General de Gaulle der seit
Kriegsende herrschenden strukturellen Instabilität ein Ende und
schart erstmals Fachleute als Minister um sich. Damit signalisiert
er die Verlegung der politischen Kompetenz von der Ecole nor-
male supérieure in die École nationale de l'administration. Die In-
stitution, die einst den Nachwuchs der Humaniora verkörperte,
macht derjenigen Platz, die die Technokraten ausbildet. Die Rue
d'Ulm, die dann 1966 das Epizentrum des strukturalistischen
Erdbebens sein wird, reagiert, indem sie sich zum Forum des
wissenschaftlichen Diskurses höchsten Grades aufschwingt und
Die Krise des Marxismus : Tauwetter oder Frost ? 241

damit den Moment hinauszuzögern versucht, bei der Ausbil-


dung der Eliten der Republik auf den zweiten Rang verwiesen zu
sein. Seit 1958 ist das technische Denken an der Macht: »Meiner
Meinung nach hatte der Strukturalismus deshalb so viel Erfolg,
weil er dem technischen Denken zuarbeitete. Er hat ihm einen
philosophischen Anstrich gegeben, einen logischen Anstrich,
eine Vernunftbegründung, eine Art Kraft. Zwischen dieser Zeit
und dem Strukturalismus gab es keine Liebesheirat, sondern eine
Vernunftehe.« 3

Die Ära der Brüche: 1956

Als die Hohepriester mit dem »Väterchen der Völker« ins Ge-
richt gingen, brach das Glaubensgebäude zusammen. Insofern
bot sich vielen angesichts der Agonie des institutionellen Marxis-
mus der Strukturalismus als Rettungsanker an: »Es war eine Art
zeremonielles Massaker. [...] Dadurch wurde einmal gründlich
saubergemacht, mit eisernem Besen ausgekehrt, gut durchgelüf-
tet : ein Akt der Hygiene. Man kann sich die Duftnote des Deo-
dorants oder des Putzmittels nicht immer aussuchen; oft riecht
es zum Kotzen, aber es reinigt.« 4 Für Intellektuelle, die keine
Schattenspiele mehr treiben können, beginnt eine Ära der Brü-
che.
Roger Vailland geht auf Abstand und hängt das Stalinporträt
in seinem Büro ab. Claude Roy wird aus der KPF ausgestoßen,
weil er »das Spiel der Reaktion, der Feinde der Arbeiterklasse
und des Volkes betrieben« 5 habe. Selbst Jean-Paul Sartre, der seit
den fünfziger Jahren untadeliger Weggefährte der KPF gewesen
ist, veröffentlicht im Express vom 9. November 1956 einen
Brandartikel über Ungarn, der die unwiderrufliche Scheidung
auslöst. Die vielen Kritiken machen deutlich, daß man gegen die
Partei recht haben kann, auch wenn dies dem Übeltäter ständige
Schmähungen und Verleumdungen einträgt. Doch stoßen diese
242 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Einschüchterungsmittel bald an ihre Grenzen, zumal viele durch


den antikolonialen Kampf gegen den Algerienkrieg unter Beweis
stellen werden, daß die Bezichtigung des Renegatentums eine
Lüge ist. Für zahlreiche westliche Intellektuelle sind also 1956 die
Kriegsnachwehen zum großen Teil weggefegt, lange bevor die
Ereignisse von 1989 das Auskehren im Osten beendet haben. Wie
aber kann man angesichts dessen Marxist sein ?
Die Geschichte bietet keine Hoffnung auf eine bessere Zu-
kunft mehr, aber man befragt ihre Verwerfungen, um zu verste-
hen, wo in ihr die Keime der Barbarei steckten. Der Riß von 1956
»hat dazu geführt, daß wir nicht länger dem Hoffen verpflichtet
waren« 6 . Anstatt sich vom fortwährenden Strom der Geschichte
getragen zu fühlen, muß der Intellektuelle nach Foucaults Auf-
fassung die Felder der Möglichkeiten und der Unmöglichkeiten
in einer gegebenen Gesellschaft erkunden, ohne die Ankunft ei-
nes Messias zu erwarten, wie ihn die Partei als Wegweiser zur Er-
langung des Heils auf Erden verkörpert. Doch bevor man sich
überhaupt wieder einen Forschungsbereich und eine Identität
aufbauen kann, muß man mit einer Partei brechen, die als soziale
Heimat, als Adoptivfamilie mit ihren Riten und Gebräuchen
diente — mit einem ganzen Habitus also.
Pierre Fougeyrollas verläßt 1956 die K P F : »Seinerzeit unter-
richtete ich im Lycée Montaigne in Bordeaux, ich war Mitglied
des Regionalbüros der KPF für die Gironde, und ich trat aus
wegen der Ungarnfrage. Als ich 1958 nach Paris zurückging,
schloß ich mich der Gruppe Arguments an.« 7 Auch Gérard
Genette verläßt die KPF 1956: »Dann habe ich eine dreijährige
Entgiftungskur bei Socialisme ou barbarie durchgemacht, wo
ich mit Claude Lefort, Cornelius Castoriadis und Jean-François
Lyotard in Kontakt stand. Um zum Nichtmarxisten zu werden,
nachdem ich acht Jahre lang Stalinist war, bedurfte es einer star-
ken Kraft, und Socialisme ou barbarie war eine, die gründlich
aufmischte.« 8 Wie Olivier Revault dAllonnes, der auch dabei
war, sagt: »Mit dem Jahrgang 1956 könnte man einen Verein
Die Krise des Marxismus : Tauwetter oder Frost ? 243

aufmachen.« 9 Er war der KPF 1953 in Lille beigetreten, wo er


sich beim Kampf gegen den Indochinakrieg in Gesellschaft von
Michel Foucault wiederfand.
Anläßlich der Unterstützung des polnischen Oktobers ent-
deckt Jean-Pierre Faye 1956 fasziniert die Zugkraft des Pro-
gramms von Lévi-Strauss. Er wohnt im Salle Louis-Liard an der
Sorbonne einem großen feierlichen Empfang für die polnischen
Abgeordneten bei, den die U N E S C O unter der Schirmherr-
schaft von Fernand Braudel organisiert hat. Die Versammlung
endet mit einer Sensation, dem Eintreffen des Siegers des polni-
schen Aufstands und ehemaligen Opfers der stalinistischen Säu-
berungen, Gomulka. Da ergreift Lévi-Strauss »das Wort und er-
klärt, daß die Struktur die Königin sei, und die drei künftig
maßgeblichen Wissenschaften seien die Ökonometrie, die struk-
turale Sprachwissenschaft und die Anthropologie, die wenige
Monate später, mit Erscheinen eines weiteren Buches, struktural
werden sollte«10. Jean-Pierre Faye interessiert die Funktions-
weise der Mythologien in der modernen Welt, insbesondere seit
dem Bruch von 1930 in den Vereinigten Staaten, aber auch seit der
Depression, die Wien 1873 ereilt hatte. Der strukturale Weg von
Lévi-Strauss erscheint ihm vielversprechend für eine Erklärung
der mannigfaltigen Wechselbeziehungen zwischen einer Mytho-
logie und einer Konjunktur, im Verhältnis zwischen Struktur und
Fluktuationen.

Der Strukturalismus als Ausweg aus der Krise des Marxismus

Für andere beginnt mit dem Rekurs auf Lévi-Strauss der Über-
tritt zur Anthropologie, zum Beispiel bei den ausgescherten
kommunistischen Philosophen, die man den Viererklub nennen
könnte : Alfred Adler, Michel Cartry, Pierre Clastres und Lucien
Sebag. Alle vier treten 1956 aus der KPF aus und verlegen sich
von der Philosophie auf die Anthropologie, wobei diese Wahl
244 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

nicht von der Entwicklung der politischen Situation zu trennen


ist : » 1956 ist für uns alle ein Schlüsseldatum.« n
Alfred Adler beschreibt seinen intellektuellen Werdegang, der
ihn vom Existentialismus zum Strukturalismus geführt hat. 12
Nachdem er mit achtzehn Jahren der KPF beigetreten ist, führt
ihn das politische Engagement ins Fahrwasser des Marxismus.
Indes bleibt er eher am Rand und definiert sich nicht wirklich als
Marxist, sondern eher als Kommunist im Sinne eines moralischen
Engagements. Im Verlauf seines Philosophiestudiums wird er
durch die Lehrveranstaltungen Hyppolites auf Hegel aufmerk-
sam : »Der Hegel-Marxismus hat uns eine intellektuelle Substanz
gegeben, insofern es ja in erster Linie auf die politischen Ent-
scheidungen ankam, und er hat uns auch einen Inhalt für unseren
Kampf gegeben.« 13 Doch dann kommen die Ereignisse von 1956
dazwischen, und die KPF gerät in Mißkredit, auch wenn es erst
1958 zum Ausschluß kommt: »1956 ist schlechthin die Bedin-
gung für die Wahl der Ethnologie.« u Seither ist keine Entspre-
chung zwischen ethisch-politischem Engagement und hegelia-
nisch-marxistischer Spekulation mehr möglich, und Alfred Adler
besucht Claude Leforts Seminar über Die elementaren Strukturen
der Verwandtschaft. Die Vierergruppe blendet das Werk von
Lévi-Strauss, das den Vorzug der Entideologisierung, des apoliti-
schen Diskurses hat : »Wir entdeckten die Traurigen Tropen. Ich
weiß noch, wie verrückt Pierre Clastres auf das Buch war; er hat
es vier oder fünf Mal gelesen.«15
Infolge dieser Konversion interessiert sich die Gruppe für al-
les, was an der Entstehung des strukturalen Paradigmas mitwirkt,
und zehrt davon mit um so größerer Begeisterung, als eine ka-
thartische Aufarbeitung der Vergangenheit zu leisten ist. Die vier
vertiefen sich also in die Arbeiten der strukturalen Linguistik und
besuchen überdies ab 1958 das Seminar von Jacques Lacan in
Sainte-Anne. Ihr Entdeckungshunger treibt sie zwischen 1958
und 1963 zu einer umfangreichen theoretischen Ausbildung in
Ethnologie in Verbindung mit weiteren Disziplinen und führt
Die Krise des Marxismus : Tauwetter oder Frost ? 245

auch zum Aufbruch ins Gelände. Zu diesem Zeitpunkt teilt sich


die Gruppe : Lucien Sebag und Pierre Clastres beschäftigen sich
mit den amerikanischen Indianern, Alfred Adler und Michel Car-
try brechen nach Afrika auf: »Die wahren Ureinwohner findet
man nur in Lateinamerika, sagten wir zum Spaß.«16 Die Entdek-
kung, die sie anstreben, reicht in der Tat tiefer als die Sehnsucht
nach Exotik; für sie kommt es darauf an, Gesellschaften zu fin-
den, die sich dem Einheitsschema des Hegel-Marxismus entzie-
hen, Gesellschaften, die in den stalinistischen Lehrbüchern feh-
len.
Der Entdeckergeist wird auch durch die Enttäuschung gegen-
über der spekulativen Philosophie und der Geschichtsschreibung
gefördert, deren Schaffenszyklus mit der Entkräftung des Hegel-
Marxismus abzulaufen schien. Im Gegensatz zu den rein spekula-
tiven Diskursen, die aus sich selbst heraus funktionieren, bot das
Werk von Lévi-Strauss ein echtes intellektuelles Abenteuer. »In
den Traurigen Tropen schreibt Lévi-Strauss, daß man viel Zeit
aufbringen muß, um den Namen eines Clans zu finden. Wenn
man das las, wurde einem klar, daß hier jemand etwas Neues
brachte.« u Der Aufbruch ins Feld, das Heraustreten aus dem
Zentrum der eigenen Geschichte sind die entscheidenden Nach-
wirkungen des Erdbebens von 1956.

Tauwetter

Im Zuge eines ideologischen Tauwetters schmolz also seit 1956


die Vulgata in sich zusammen. Freilich hatte es da Wegbereiter ge-
geben, namentlich die Gruppe Socialisme ou barbarie, der man-
che sich 1956 anschließen. Sie wurde bereits 1949 auf Betreiben
vor allem von Cornelius Castoriadis und Claude Lefort gegrün-
det. Eine umfassende, radikale Kritik von links wird erarbeitet,
um das stalinistische Modell, das bürokratische und totalitäre Sy-
stem zu analysieren.
246 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Castoriadis und seine Gruppe halten den Strukturalismus für


keine Alternative zur Vulgata, sondern lediglich für ihre Anpas-
sung an die Herrschaftsweise des modernen Kapitalismus, der
1958 den Sieg davonträgt. Es ist der Diskurs, der der Wissen-
schaft unumschränkten Vorrang einräumt. »Während im Namen
der Wissenschaft die Menschen immer stärker unterdrückt wer-
den, versucht man ihnen einzureden, daß sie nichts seien und die
Wissenschaft alles.«18 Die Gruppe bezichtigt diese neue struktu-
ralistische Schule, die lebendige Geschichte zu entleeren und so-
mit das technokratische Denken ins intellektuelle Feld einzulas-
sen.
1956 entsteht eine neue Strömung, die sich rund um die Zeit-
schrift Arguments organisiert. Sie schlägt eine Revision des Mar-
xismus vor, aber auch eine Verdeutlichung der Widersprüche der
Modernisierung. Gegründet und herausgegeben wird die Zeit-
schrift von Edgar Morin, um ihn herum Kostas Axelos, Jean Du-
vignaud, Colette Audry, François Fejtö, Dionys Mascolo, Ro-
land Barthes und Pierre Fougeyrollas. Sie ist der Inbegriff des
Tauwetters, das den Parteijargon durch ein fragendes, mehrdi-
mensionales Denken ablöst: »Der Frühling des Jahres 1956 zog
ein. Windstöße der Hoffnung erreichten uns aus Polen, aus Un-
garn, aus der Tschechoslowakei. Die Geschichte zögerte zwi-
schen Flut und Ebbe. [...] Wir merkten, daß der vermeintliche
Fels unserer Doktrin nur Packeis war.« 19
Die Zeitschrift wird von Edgar Morin und Franco Fortini ge-
gründet, der bereits in Italien die Zeitschrift Ragionamenti her-
ausgab: »In den Jahren davor war ich eine politische Halbleiche,
ich war partei- und entscheidungslos, und ich war froh, in Italien
Freunde zu treffen [...], mit denen ich einen Dialog führen
konnte.« 20 Es handelt sich um eine offene Gruppe, die sofort eine
umfassende Ideendebatte initiiert und sich im Unterschied zu
den Parteiorganen als ein reines Ideenlabor oder -bulletin posi-
tioniert. Arguments befaßt sich mit politischen Problemen, mit
der technischen Zivilisation und betreibt Sprachreflexion im
Die Krise des Marxismus: Tauwetter oder Frost ? 247

Sinne des Versuchs einer kritischen Radikalität jenseits der diszi-


plinaren Einschnitte und der Partei-Scheuklappen. Die beiden er-
sten Jahrgänge der Zeitschrift sind der Trauerarbeit gewidmet,
der endgültigen Ablösung von der KPF ; dann werden die The-
men weniger politisch, gibt es Ausgaben zur Liebe, zum Univer-
sum, zur Sprache. »Während der sechs Jahre Arguments herrsch-
te eine glückliche Einheit von Fühlen und Denken, wie es sie selten
gibt.« 21
Diese Suche nach einem neuen Weg nimmt 1962 ein vorzeiti-
ges Ende: »Mit einem lachenden und einem weinenden Auge
wird die Zeitschrift Arguments von ihren Kapitänen versenkt.« 22
Dieses Ende ergibt sich einerseits durch die Abwesenheit derjeni-
gen, die die Zeitschrift ausmachten: Pierre Fougeyrollas ist in
Dakar, Jean Duvignaud in Tunesien; vor allem aber ist nicht mehr
zu übersehen, daß unterdessen eine andere Denkströmung ver-
breitet ist, die in den beginnenden sechziger Jahren triumphiert —
der Strukturalismus: »In den Universitäten herrschte ein Den-
ken, das die wissenschaftliche Lösung für alle Probleme bereit-
hielt, der Strukturalismus. Also war es aus. Wir waren erneut
Abweichler geworden. Wir waren besonnen genug, das einzu-
sehen.« 23

Frosteinbruch?

Edgar Morin sieht im Erfolg des Strukturalismus den Einbruch


des Frosts nach dem Tauwetter. Das struktural-epistemische
Denken ersetzt den totalisierenden Marxismus mit gleich großer
Gewißheit auf Wissenschaftlichkeit, denn es gehorcht den Geset-
zen der klassischen Wissenschaft. Es hantiert mit Determinismus
und Objektivierung und schließt das Subjekt als zu aleatorisch
und die Geschichte als zu kontingent aus zugunsten eines den
Naturwissenschaften an Strenge ebenbürtigen Modells: der
strukturalen Linguistik. Und die Temperaturen sinken bald wei-
248 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

ter, als man Moskau gegen Peking, Hanoi oder Havanna auszu-
tauschen beginnt. Nach den Entbehrungen der stalinistischen
Phase war das Bedürfnis nach Verwissenschaftlichung der H u -
manwissenschaften ebenso verständlich wie das Bedürfnis, sich
an neue Sicherheiten zu klammern. Die Aufwertung der Struktu-
ren erlaubte nun zum einen, sich die anhaltende Kluft zwischen
Freiheit und Determination zu erklären, zwischen der histori-
schen Aufgabe der Veränderung und dem Unvermögen, die
Menschen von deren Notwendigkeit zu überzeugen: »Durch
den Begriff der unbewußten Struktur konnten wir dank Saussure
und Jakobson Entwicklungen ergründen, die sich nicht gemäß
den Transformationen von Klassen oder sozialen Verhältnissen
vollzogen, sondern außerhalb des bewußten Willens.« 24 Zum an-
deren ermöglichten Anthropologie und strukturale Linguistik,
auf andere Weltanschauungen, andere Repräsentationssysteme
einzugehen: »Dies hat uns zu einer Auffrischung der dialekti-
schen Sichtweise verholfen, die wir bis dahin als eine Form der
Überwindung von Gegensätzen zu betrachten neigten, während
der Gedanke der Vervielfältigung immer feinerer Vermittlungen
sie uns zu erneuern schien.« 25
Der wahre Nutznießer der Krise von 1956 ist also der Struktu-
ralismus, dessen Programm, wie wir sahen, schon weitaus früher
abgesteckt war, reichen doch seine Wurzeln bereits auf den An-
fang des Jahrhunderts zurück. Durch dieses Paradigma konnte
man auf einem spezifischen Gebiet des Wissens ein bestimmtes
Niveau von Wissenschaftlichkeit und Operationalität für sich
geltend machen und gleichzeitig den Horizont der Universalität,
der dem Engagement von einst zugrunde lag, bewahren, ohne ihn
jedoch auf irgendeinen Voluntarismus der Weltveränderung zu
beziehen, sondern in Beschränkung auf den Versuch, ihn besser
zu verstehen, sowie unter Einbeziehung der Figuren der Alterität
und des Unbewußten.
Der strukturale Weg der
französischen Ökonomieschule

Unter den Humanwissenschaften war einzig die Ökonomie nicht


auf die fünfziger Jahre angewiesen, um der Erforschung der
Strukturen Rechnung zu tragen. Zwar sucht sie anders als die
übrigen Humanwissenschaften ihr Modell nicht in der Lingui-
stik, dafür haben aber die Ökonomen bei der Formalisierung ihrer
Arbeiten einen Vorsprung und können somit anderen nach
Strenge und Wissenschaftlichkeit strebenden Disziplinen als Vor-
bild dienen. So entlehnt etwa Lévi-Strauss von den Ökonomen
den Modellgedanken, um den szientifischen Aspekt der struktu-
ralen Anthropologie durchzusetzen.
Die Ökonomie wird nicht die Rolle einer Pilotwissenschaft
übernehmen, die dem Strukturalismus zum Sieg verhilft. Aber sie
ist in der Mathematisierung, wie sie für die Mehrzahl der Sozial-
wissenschaften zu diesem Zeitpunkt zwingend ist, am weitesten
vorgedrungen. Obwohl also ein Austausch stattgefunden hat —
und davon zeugen die Anregungen, die Lévi-Strauss aus der
Modelltheorie bezog —, stehen die Ökonomen in den sechziger
Jahren doch etwas abseits der großen Debatten um das struk-
turalistische Paradigma. Diese tendenzielle Außenseiterposition
erklärt sich daraus, daß man seinerzeit eher auf eine Ausweitung
des phonologischen Modells sann, sie rührt aber auch aus einer
institutionellen Aufgliederung der Humanwissenschaften, bei
der die Wirtschaftswissenschaftler mit den Juristen zusammen-
gelegt und von den Geisteswissenschaftlern getrennt sind : »Die
Rue Saint-Jacques bildete gleichsam einen tiefen Graben, der
Ökonomen und Geisteswissenschaftler voneinander trennte. Die
Kontakte zu den Historikern hingegen wurden im Rahmen der
250 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Sechsten Sektion der EPHE geknüpft.« * Durch die Ablehnung


des Vorschlags von Fernand Braudel im Jahre 1958, eine Hoch-
schule für Sozialwissenschaften zu gründen, und den Beschluß,
die philosophischen und humanwissenschaftlichen Fakultäten
von den rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten zu
trennen, entsteht eine Absonderung, die es den Ökonomen ver-
wehrt, das strukturale Paradigma zu beflügeln.
Die Wirtschaftswissenschaft hat gleichwohl in starkem Maße
axiomatisierte Resultate hervorgebracht, auch wenn sie die epi-
stemologischen Bedingungen ihrer eigenen Disziplin kaum re-
flektierte. Die MikroÖkonomie ist in den fünfziger Jahren anhand
des Begriffs vom allgemeinen Gleichgewicht zu einer nahezu
vollständigen Axiomatisierung gelangt, die sich als durchformali-
sierte Struktur darstellt. Man kann darin auf dem Feld der ökono-
mischen Disziplin »eine Form von Strukturalismus [sehen], die
die logischen Bedingungen der Wissenschaftlichkeit anhand der
Kriterien logischer Aussagenkonstituierung verifiziert und zu
Resultaten von universeller Tragweite gelangt« 2 . Gerade der Er-
folg dieser Axiomatisierung und ihre praktische Anwendbarkeit
haben dazu beigetragen, daß eine Problematisierung der Ergeb-
nisse der MikroÖkonomie hinausgezögert wurde, die sich im gro-
ßen und ganzen jeder kritischen Reflexion ihrer Postulate enthal-
ten hat.

Das Bündnis von Staat und Struktur

Auch die nach dem Krieg einsetzenden Transformationen der


Beziehungen zwischen Staat und Markt in Frankreich werden
den Strukturbegriff in der Ökonomie verankern, und zwar auf ei-
ner vorwiegend pragmatischen Ebene. Diesmal denkt man auf
makroökonomischer Ebene über staatliche Eingriffsmöglichkei-
ten nach: »Es ist das Goldene Zeitalter des Keynesianismus.« 3
Doch gegenüber der marginalistischen angelsächsischen Tradi-
Der strukturale Weg der französischen Ökonomie schule 251

tion, die den Eingriff des Staates weitgehend begrenzte, ist der
Fall Frankreichs besonders gelagert: Bei der Befreiung greift der
aus dem Conseil national de la Résistance hervorgegangene Staat
in die makroökonomischen Modelle ein, um die Mechanismen
der französischen Wirtschaft durch Planungen, Bodenpolitik,
Verstaatlichungen usw. von Grund auf umzugestalten.
Es geht darum, auf die Strukturen der Nationalökonomie ein-
zuwirken, um deren globale Fließbewegungen, die Nachfrage
und damit das Produktionsniveau zu modifizieren. Der Staat gilt
zu diesem Zeitpunkt als Initiator des Wiederaufbaus und der
Modernisierung der Wirtschaft. Als solcher nimmt er sich der
großen Strukturumwandlungen an. Diese Ausgangslage sorgt für
einen dem allgemeinen Zusammenrücken förderlichen Aufbruch
und ermöglicht die Konstituierung »einer eigenständigen franzö-
sischen Ökonomieschule« 4 . Begünstigt durch die unausweich-
liche Verzahnung der ökonomischen und sozialen Probleme,
kommt damals eine Bündelung der Energien auf einem Feld zu-
stande, das sonst eher zur Vereinzelung der Forschungen neigt.
Einer der Hauptpole dieses Zusammenschlusses ist La Revue
économique mit François Perroux, Jean Weiller, Jean Lhomme
und den Brüdern Marchai. Auch Fernand Braudel gehört dem
Herausgeberkomitee an — ein Symbol für den Dialog, den die
Historiker der Annales und die Ökonomen aufgenommen ha-
ben. Der Nachkriegsstaat setzt eine ganze Reihe neuer Verwal-
tungsorgane ein, um die Strukturreformen durchzuführen und
die öffentlichen Behörden kurz- und mittelfristig zu instruieren.
Die Konjunkturabteilung im INSEE [Institut national de la sta-
tistique et des études économiques, A.d.U.] wird eingerichtet,
dann, im Jahre 1952, die Programmabteilung des Fiskus (Service
des études économiques et financières: SEEF), die sich später in
der Direction de la prévision et du plan mit ihren beiden Organen
C R E D O C [Centre de Recherche et de Documentation sur la
Consommation, A.d.U.] und CEPREMAP [Centre d'Études
Prospectives d'Économie Mathématique Appliquées à la Planifi-
252 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

cation, A. d. Ü.] umwandelt. Diese Aufnahme des ökonomischen


Wissens durch den Staat »hat zwei Hauptwege genommen: die
Einrichtung des staatlichen Rechnungswesens und die Aufstel-
lung makroökonomischer Prognosemodelle« 5 .
Infolge des engen Bündnisses des Staates mit den Theoretikern
und Praktikern der Makroökonomie wächst der Abstand zur uni-
versitären Welt der Humaniora, der Geisteswissenschaftler. In den
Stäben, denen Leute wie Claude Gruson, Pierre Uri, Alfred Sauvy,
François Perroux angehören, ist der universitäre Anteil gegenüber
den Ingenieuren, die eine der grandes écoles absolviert haben,
und den Ministerialräten deutlich in der Minderheit. Somit
werden volkswirtschaftliche Prognosemodelle im Rahmen der Erfor-
schung eines sektoriellen Gesamtzusammenhangs des Produk-
tionsapparates auf höchster Verwaltungsebene erstellt. 6
Die Aufwertung des strukturalen Verfahrens schlägt sich also
durchaus bei den Ökonomen nieder, allerdings ausgehend von
Horizonten, die den universitären Geisteswissenschaftlern im
allgemeinen fernliegen, ein Abstand, der durch die Formalisie-
rung ihrer Arbeit weiter zunimmt. Trotzdem sind einige Brücken
geschlagen worden, die einen Dialog zwischen den Ökonomen
und den übrigen Humanwissenschaften ermöglicht haben. Dabei
hat François Perroux die entscheidende Rolle gespielt.

Der Mann, bei dem sich die Ströme kreuzen: François Perroux

Seit 1955 Professor am Collège de France, hatte François Perroux


1944 das ISEA (Institut de sciences économique appliquée) ge-
gründet. Seine Zeitschrift Les Cahiers de l'ISEA öffnet sich mit
Artikeln von Lévi-Strauss, Gilles Gaston-Granger und anderen
der philosophischen, insbesondere epistemologischen Reflexion.
Nun verläuft bei François Perroux der Einfluß in beide Richtun-
gen; während er von Merleau-Ponty den Begriff der verallgemei-
nerten Ökonomie übernimmt, trägt er andererseits zur Verbrei-
Der strukturale Weg der französischen Ökonomieschule 253

tung des strukturalen Modells bei den Ökonomen bei. Den Libe-
ralen und ihrem Kult eines freien Marktes mit freier Preisgestal-
tung hält Perroux die Operationalität des Strukturbegriffs entge-
gen: »Die Struktur einer ökonomischen Gesamtheit bestimmt
sich aus dem Netz der Beziehungen, welche die einfachen und
komplexen Einheiten untereinander verbinden, und aus der
Reihe der Proportionen zwischen dem Fließen und den Bestän-
den der elementaren Einheiten sowie den objektiv relevanten
Kombinationen dieser Einheiten.« 7
In den dreißiger Jahren haben die Europäer, als Reaktion auf
die Krise von 1929, in der politischen Ökonomie massiv das
strukturale Paradigma eingesetzt. Doch man kann noch vor die-
ser Ausbreitung des Strukturalismus in der politischen Ökono-
mie mit Henri Bartoli davon sprechen, daß »der soziologische
Strukturalismus und der ökonomische Strukturalismus zeitgleich
mit der Geburt der Soziologie und der politischen Ökonomie
auftreten« 8 . Diese Strukturidee entsteht bereits im 17. Jahrhun-
dert, als eine Wechselbeziehung zwischen den verschiedenen
ökonomischen Gegebenheiten hergestellt wird, die als Bausteine
eines das Wirtschaftsleben lenkenden globalen Zusammenhangs
begriffen werden.
Schon Auguste Comte hatte die Physiokraten unter die Weg-
bereiter der »gesellschaftlichen Physik« eingereiht. Später hat
Marx sich bemüht, die Funktionsgesetze des Kapitals über struk-
turelle Begriffe wie Produktionsweisen, Gesellschaftsformatio-
nen und gesellschaftliche Produktionsverhältnisse zu bestimmen.
Er hat versucht, die bloße Beschreibung des Beobachtbaren zu
überwinden, um die innere Organisation der kapitalistischen
Produktionsweise zu erfassen. Wenn Marx den Strukturbegriff
als theoretisches, rein konzeptuelles Modell einsetzt, vergißt er
darüber aber nicht dessen Kehrseite, die Verknüpfung des Mo-
dells mit der ökonomischen Realität des Entwicklungsstands der
Produktivkräfte in einem gegebenen gesellschaftlichen System.
Umgekehrt stammt die Struktur, von der nach 1945 in der fran-
254 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

zösischen Ökonomieschule die Rede ist, eher vom Empirischen,


vom Beobachtbaren her als von der theoretischen Ebene: Diese
Begriffsbestimmung steht den Historikern näher als den Anthro-
pologen. Das gilt unzweifelhaft für François Perroux, der die
Struktur über die Proportionen von Fließen und Bestand der ele-
mentaren Einheiten definiert, oder für R. Clemens, der sie in
»den Wertverhältnissen und -beziehungen von Kosten, Preisen,
Einkommen und Währung in einem gegebenen Milieu« 9 sieht.
In den dreißiger Jahren bereits hatte der Deutsche Ernst Wage-
mann systematisch den Strukturgedanken angewandt und eine
Definition geliefert, die von den Ökonomen insbesondere ab
1936 in Frankreich im Zusammenhang mit den Strukturreformen
der Volksfrontregierung übernommen worden ist. Darin wird
die Struktur als »das Bleibendere« 10 angesehen: Sie ist das, was
schnellen Bewegungen standhält, was die Konjunktur ermöglicht
und sie bestimmt, ohne mit ihr eins zu sein. Sie ist durch die Lang-
samkeit ihrer — im allgemeinen zyklischen — Rhythmen gekenn-
zeichnet, die von tiefgreifenden Mechanismen bewirkt werden.
Diese Sicht von der Struktur als Invariante oder Variante mit
schwachem Ausschlag greift François Perroux auf, der unter
Strukturen »Gesamtheiten von Quantitäten in verlangsamter Be-
wegung, Gesamtheiten von verhältnismäßig stabilen Steuerungs-
oder Verhaltensweisen« n versteht. Der statischen Strukturauf-
fassung François Perroux' stellt André Marchai auf einen 1959
von Roger Bastide geleiteten Kolloquium eine dynamische Per-
spektive entgegen. 12 Sein Ansatz fußt auf einer Relativierung der
gültigen Wirtschaftsgesetze je nach Strukturtypus bzw. zwischen
zwei strukturellen Schwellen innerhalb eines ökonomischen Sy-
stems, in dem sich eine mehrdimensionale Kombinatorik entwik-
kelt. 13
André Marchai hat das Wiederaufleben des Strukturbegriffs in
der zeitgenössischen Wirtschaftstheorie hinterfragt.14 Er führt es
zurück auf den Erklärungsbedarf der Ökonomen für die großen
historischen Mutationen des Kapitalismus im 20. Jahrhundert:
Der strukturale Weg der französischen Ökonomieschule 255

den Übergang vom Konkurrenzkapitalismus zum Monopol-


kapitalismus, die Krise von 1929, die Entkolonisierung. Das
Zusammentreffen aller dieser Umwandlungen erforderte die
Überwindung von Modellen, die von allen exogenen, mit dem
gesellschaftlich-politischen Umfeld verflochtenen Anteilen be-
reinigt waren.

Der Versuch einer ökonomischen Anthropologie

In diese Perspektive globaler Konfrontation schreibt sich die Ar-


beit von André Nicolai ein, der seine thèse 1957 verteidigt hat.15
Die Reflexion über die Struktur reicht bei ihm bis ins Jahr 1948
zurück, als er die Abschlußklasse am lycée absolvierte. Er be-
schäftigt sich damals mit der Auseinandersetzung zwischen
Tarde und Durkheim, in der er ein Problem erkennt, das im Mit-
telpunkt seiner ganzen späteren Arbeit stehen wird : das strittige
Dilemma zwischen dem Vorrang der Verhaltensweisen (Tarde)
und dem der Strukturen (Durkheim). André Nicolai meint seit-
her, daß »beide zum Teil recht haben, da die Gesellschaft unwei-
gerlich aus tätigen Kräften besteht und diese tätigen Kräfte zu-
gleich von der Gesellschaft getätigt scheinen«16. Eine von diesem
Widerspruch ausgehende Reflexion führt zur Überschreitung
des ökonomischen Gesichtspunkts im engen Sinn, und André
Nicolai entdeckt 1955 begeistert die Traurigen Tropen. Er
schreibt sich nicht nur für Wirtschafts-, sondern auch für Politik-
wissenschaften ein und hört an der Sorbonne bei Piaget, Lagache,
Merleau-Ponty, Gurvitch und anderen Vorlesungen in Psycholo-
gie, Soziologie und Philosophie. Somit steht er Ende der fünfzi-
ger Jahre im Zentrum eines strukturalen Kreuzstroms. Auf dem
Feld der Ökonomie ist er ein vorzeitiger Strukturalist, der mit
seiner Aufgeschlossenheit für alle Humanwissenschaften und
seiner Absicht, eine strukturale Wirtschaftsanthropologie zu
gründen, aus dem Rahmen fällt.
256 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Die Ökonometrie

Zwischen konkreter Realität und Struktur gibt es jedoch eine


Zwischenstufe, wie sie am ausgeprägtesten die Wirtschaftswis-
senschaftler entwickelt haben : das Modell als notwendiges Bin-
deglied, das weitestgehende Formalisierung erlaubt. Auf dieser
Stufe geht die Ökonomie, indem sie Ökonometrie wird, in eine
durchformalisierte Sprache über: »Das Konstruieren mathemati-
scher Modelle ist zu einem der prestigeträchtigsten Zweige der
ökonomischen Wissenschaft geworden, zu ihrem größten Wohl
und, warum soll man es nicht aussprechen, zu ihrem größten
Wehe.« 17
Die Gründung der Econometric Society datiert von 1930, die
ökonometrischen Modelle sind jedoch hauptsächlich nach 1945
entwickelt worden. Perfektioniert wurden sie im Zuge histori-
scher Ereignisse, etwa anläßlich »der großen Luftbrücke über
West-Berlin« 18 . Als Stalin 1948 der Westberliner Bevölkerung alle
Wege bis auf den Luftweg versperrte, mußte für die Organisation
eines durchgehenden Flugverkehrs zur Versorgung West-Berlins
ein ökonometrisches Modell entwickelt werden. Im Zuge der
Verallgemeinerung von derlei operativer Forschung wurde bei
den ökonomischen Modellen verstärkt von der Mathematik in
Gestalt der angewandten Statistik Gebrauch gemacht. Der Fort-
schritt, den man bei der Erhebung statistischer Daten erzielte,
trug zur erfolgreichen Anwendung der ökonometrischen Me-
thoden bei. Diese operative Nutzbarkeit und Fähigkeit, in einer
rein formalen Sprache Auskunft von der Realität zu geben, haben
Lévi-Strauss in den Bann gezogen. Vornehmlich auf dieser Zwi-
schenstufe, in der Modellbildung also, wirken die Ökonomen
der fünfziger Jahre am strukturalistischen Paradigma mit, erst
recht, wenn sie eine Realität der Struktur geltend machen, die im
wesentlichen nichts anderes tut, als Dauerhaftigkeiten Rechnung
zu tragen. Auf genau dieser ökonometrischen Ebene lassen sich
auch verschiedene Aporien erkennen, sie gleichen den Schran-
Der strukturale Weg der französischen Ökonomieschule 257

ken, die dem Formalismus in den Humanwissenschaften ganz


allgemein gewiesen sind: »Die Mathematisierung spornt das in-
tellektuelle Vorgehen nicht nur dazu an, sich des Realen zu entle-
digen und gleichsam einem Deduktionsrausch voller Verachtung
für geduldige Tatsachenbeobachtung und voller Begeisterung für
die Analyse zu frönen, sondern setzt ihm darüber hinaus sehr
enge syntaktische Grenzen.« 19
Im Zuge der Übernahme des ökonometrischen Verfahrens ha-
ben zahlreiche Wirtschaftswissenschaftler ihre Erkenntnisinstru-
mente derart hypostasiert, daß sie diese am Ende für die Restitu-
tion der Realität selbst ausgeben. Alles, was nicht meßbar ist, fällt
bei ihnen der Bedeutungslosigkeit anheim. Ebenso nachzuweisen
ist eine für das strukturalistische Paradigma kennzeichnende Ent-
leerung der Historizität, denn eine Prognose ist mit diesem
Schema erst dann möglich, wenn sich das Modell, von ein paar
quantitativen Abweichungen abgesehen, in gleicher Weise wie-
derholt. Auch hier droht also die Gefahr, einen Analyseapparat
aufzubauen, der bloß zur Reproduktion des immer Gleichen
taugt, eine wahre Selbstregulierungsmechanik, die alle menschli-
che Praxis außerhalb des Ausgangsschemas und alle Historizität
des Handelns in die Bedeutungslosigkeit entläßt. Gilles Gaston-
Granger hat diese Gefahr frühzeitig erkannt : Sie entspringt der
Illusion, die der Formalismus verschafft, und »rührt daher, daß
man den einmal auf dem Wege axiomatischer Abstraktion ermit-
telten Themen ein ontologisches Vorrecht vor den Operationen
verleihen will, die jene überhaupt erst hervorbringen« 20 .
Wie schön ist die Struktur!

In den ausgehenden fünfziger Jahren, noch bevor man von Struk-


turalismus spricht, wird in den Humanwissenschaften die Bezug-
nahme auf die Strukturen allgegenwärtig. Zu diesem Zeitpunkt
ziehen einige Vertreter dieser konvergierenden Forschungs-
richtungen eine vorläufige Bilanz über die Anwendung dieses
Konzepts. Dabei entsteht eine erste große interdisziplinäre Aus-
einandersetzung, in der das fortschreitende Schwinden der Fach-
grenzen zum Tragen kommt, das sich bereits bei einer Vielzahl
von Forschern bemerkbar macht. Da ja der Mensch der gemein-
same Gegenstand zahlreicher Disziplinen ist, stellt der aufkei-
mende konzeptuelle Ansatz, der die Erforschungen der Intentio-
nalität und des Bewußtseins ablöst, die Verwirklichung eines
gemeinsamen Programms für das gesamte Wissensfeld der Hu-
manwissenschaften in Aussicht und definiert so das ehrgeizige
Ziel einer paradigmatischen Einheit.
Im Jahr 1959 finden zwei wichtige Zusammenkünfte statt:
Zum einen organisiert Roger Bastide im Januar ein großes Kollo-
quium zum Strukturbegriff1, zum anderen führen Maurice de
Gandillac, Lucien Goldmann und Jean Piaget den Vorsitz über
das Colloque de Cerisy, das die Gegenüberstellung von Genese
und Struktur zum Thema hat. 2 An den Stätten der Erneuerung
wie dem Musée de l'Homme, der Sechsten Sektion der EPHE
sowie manchen Lehrveranstaltungen des Collège de France ge-
hört die ständige Bezugnahme auf den strukturellen Binarismus
mittlerweile zum obligaten Pensum jeden Forschers. Alle Welt
forscht damals jenseits der Sememe und Mytheme, der Wörter
auf »-em«.
Wie schön ist die Struktur! 259

Auf dem von Roger Bastide organisierten Kolloquium findet


eine breite Auseinandersetzung über die Anwendung des Struk-
turkonzepts in den verschiedenen Disziplinen statt. Etienne
Wolff ist der Auffassung, daß der Begriff für die Biologie stich-
haltig sei : »Das Lebewesen umfaßt eine ganze Strukturenhierar-
chie.« 3 Er definiert mehrere Größenordnungen der biologischen
Struktur: die Anordnung der Zellen zu Geweben, die der
Gewebe zu Organen sowie die »Ultrastrukturen«, die dank des
Elektronenmikroskops beobachtbar geworden sind. Ist demnach
wohl zu definieren, auf welcher Beobachtungsebene man sich be-
findet, so bleibt der Übergang von einer Struktur zu einer ande-
ren rätselhaft und fällt in den Bereich der theoretischen Spekula-
tion. Emile Benveniste hält ein Referat zur Linguistik, aus dem
deutlich hervorgeht, daß diese Disziplin eine tragende Rolle bei
der Verbreitung des Paradigmas gespielt hat, das für diese bahn-
brechende Wissenschaft bereits nicht mehr das der »Struktur«
ist, sondern, adjektivisch gewendet, »struktural« und sich damit
anschickt, zum Strukturalismus zu werden. Benveniste erinnert
an die Initiatoren des Programms : Saussure, Meillet, den Prager
Linguistenkreis mit Jakobson, Karcevskij und Trubetzkoy. Letz-
terer definierte bereits 1933 die Phonologie folgendermaßen:
»Die heutige Phonologie ist vor allem durch ihren Strukturalis-
mus und ihren systematischen Universalismus gekennzeichnet.« 4
Lévi-Strauss vertritt die Auffassung, daß sich dank der An-
thropologie jene entscheidende Umwandlung habe vollziehen
können, die es erlaubte, die strukturalen Anordnungen im Inner-
sten des Sozialen selbst aufzudecken. Er verwirft in einer polemi-
schen Wendung gegen George-Peter Murdock die Möglichkeit,
strukturale Untersuchung und Erforschung von Prozessen in ei-
nem zu betreiben, eine Konzeption, die er, »zumindest in der
Anthropologie, einer naiven Philosophie« 5 zuweist. Daniel La-
gache erinnert daran, daß sich der Strukturalismus in der Psycholo-
gie als Reaktion gegen den Atomismus und rund um die Psycho-
logie der Form, die Gestaltpsychologie, konstituiert hat: »Unter
260 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

dieser Perspektive ist der Strukturalismus eines der dominieren-


den Merkmale der zeitgenössischen Psychologie geworden.« 6
Robert Pages ruft die vieldeutige Verwendung des Strukturbe-
griffs in der Sozialpsychologie ins Gedächtnis und den ausgiebi-
gen Gebrauch, den Jacob Levy Moreno in der Soziometrie von
ihm gemacht hat. Henri Lefebvre hält ein Referat über die Ver-
wendung der Struktur bei Marx, worin er ihn, aus dem Vorwort
der Kritik der politischen Ökonomie (1859) zitierend, als den gro-
ßen Vorläufer der vonstatten gehenden Revolution erscheinen
läßt. Selbst Raymond Aron schreibt sich in diesen strukturalen
Horizont ein, wenn er der Politikwissenschaft ein höheres be-
griffliches Abstraktionsniveau wünscht. Im Bedauern, daß die
Strukturen, von denen man spricht, noch allzu sehr der konkre-
ten politischen Realität Tribut zollten, äußert er den Wunsch, daß
»wir in einer späteren Abstraktionsstufe vielleicht die wesentli-
chen Funktionen jeder politischen Ordnung aufdecken wer-
den« 7. Weitere Kolloquiumsteilnehmer zeigen jeweils die Ergie-
bigkeit des strukturalen Ansatzes in ihrer Disziplin auf: Pierre
Vilar in der Geschichte, Lucien Goldmann in der Geschichte des
Denkens, François Perroux und André Marchai in den Wirt-
schaftswissenschaften.

Die Weihen von Cerisy: der genetische Strukturalismus

Im Schloß von Cerisy-la-Salle, einem Bau aus dem 16. Jahrhun-


dert, findet die zweite große Auseinandersetzung von 1959 statt.
Diesmal geht es weniger darum, welche Disziplin in der Anwen-
dung des Strukturbegriffs am weitesten gediehen ist, als viel-
mehr, ihm den Begriff der Genese gegenüberzustellen. Die Orga-
nisatoren des Kolloquiums siedeln ihre Arbeiten im Fahrwasser
des strukturalistischen Bruchs an, lehnen aber die Perspektive ei-
ner sozialen Statik ab und versuchen vielmehr, zwischen dynami-
schen Wirkungsmöglichkeiten und Dauerhaftigkeit, Geschichte
Wie schön ist die Struktur! 261

und strukturaler Kohärenz zu vermitteln. Sie vertreten einen ge-


netischen Strukturalismus: »Der genetische Strukturalismus ist
mit Hegel und Marx zum ersten Mal als tragende Idee in der Phi-
losophie aufgetaucht.« 8 Den zweiten Moment in der Genese die-
ser neuen Methode setzt Lucien Goldmann mit der Entwicklung
der Phänomenologie und vor allem der Gestaltpsychologie an.
Kurz zuvor hatte Lucien Goldmann den genetischen Struktu-
ralismus in einer bemerkenswerten Studie über Pascals Gedan-
ken, das Theater Racines und deren Zusammenhang mit dem
Jansenismus angewandt. 9 Er setzte diese Texte in Beziehung
zu den umfassenderen signifikativen Strukturen, das heißt den
verschiedenen Strömungen des Jansenismus und den sozialen
Antagonismen der damaligen Gesellschaft. Im Gegensatz zu
Lévi-Strauss hält also Lucien Goldmann die Erforschung der
Strukturen und die der Genese für vereinbar und öffnet damit der
strukturalen Bestimmung einen anderen, weniger geschichtsver-
schlossenen Weg. Ein weiterer Vertreter des genetischen Struktu-
ralismus und Mitorganisator des Kolloquiums, Jean Piaget, kriti-
siert sowohl die Gestaltpsychologie ob ihres Verharrens im
Statischen wie auch den Lamarekismus, der jede Struktur aus-
schließt. Aufgrund seiner Arbeiten zur Kinderpsychologie tritt er
für die Untrennbarkeit von Genese- und Strukturbegriff ein: »Es
gibt keine angeborenen Strukturen: Jede Struktur setzt eine
Konstruktion voraus.« 10
Der dritte Organisator, Maurice de Gandillac, erhebt kritische
Einwände gegen Jean-Pierre Vernants Referat über Hesiods My-
thos von den Geschlechtern. Gleichfalls einer entschieden geneti-
schen Sichtweise verschrieben, hält er Vernant vor, in Hesiods
Mythos von den Geschlechtern zu viel Gewicht auf die Binnen-
struktur zu legen, was zu Lasten der Geschichtlichkeit gehe : »Ich
frage mich, ob man die Ausgrenzung der Zeitlichkeit so weit trei-
ben kann, wie Sie es in der Deutung des Mythos von den
Geschlechtern getan haben.« n Jean-Pierre Vernant, der ebenfalls
Geschichte und Struktur zu vereinbaren sucht, entgegnet, daß bei
262 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Hesiod Zeitlichkeit voll zum Tragen komme, aber eben eine an-
dere als die lineare und unumkehrbare unseres Zeitalters.

Der Hegemonieanspruch der strukturalen Anthropologie

Als Austragungsort für die Konfrontation von Struktur- und Ge-


nesebegriff fördert dieses Colloque de Cerisy sehr früh eines der
maßgeblichen Themen der Debatten zutage, die das strukturale
Paradigma in seinem Verhältnis zur Geschichte künftig auslösen
wird. Die Debatte Strukturalismus versus Geschichte ist grundle-
gend. Zweierlei steht dabei auf dem Spiel: der umstrittene Platz
der Geschichtswissenschaft und das Verhältnis zur Historizität
in seiner abendländischen Ausprägung. Somit stellt der Struktu-
ralismus für die Historiker eine doppelte Herausforderung dar.
Als Lévi-Strauss 1958 eine Reihe von Artikeln noch einmal in
einer als Manifest angelegten Textsammlung mit dem Titel Struk-
turale Anthropologie herausbringt, stellt er an den Anfang einen
Aufsatz aus dem Jahre 1949, in dem er die Zusammenhänge zwi-
schen Ethnologie und Geschichte definiert.12 Lévi-Strauss stellt
seinen Beitrag in die Tradition der Herausforderung durch die
Durkheimsche Soziologie, die François Simiand 1903 formuliert
hatte ; er konstatiert, daß die Geschichte sich seither nicht erneu-
ert habe, während die Soziologie eine Metamorphose durchge-
macht habe, indem sie insbesondere eine erstaunliche Weiterent-
wicklung der ethnologischen Studien ermöglichte.
Lévi-Strauss übergeht den von den Annales vollzogenen
Bruch des Jahres 1929, zweifellos in polemischer Absicht, um
eine Disziplin zu diskreditieren, die in seinen Augen zur Mono-
graphie und zur Idiographie verurteilt ist. Er zeigt, worin die
Anthropologie sich von der Evolutionstheorie unterscheidet:
durch einen Bruch mit dem biologischen Modell und das Postulat
einer radikalen Diskontinuität zwischen Natur und Kultur. Ge-
wiß streitet Lévi-Strauss die Gültigkeit der Geschichte nicht ab,
Wie schön ist die Struktur! 263

und in dieser Hinsicht macht er kurzen Prozeß mit der funktio-


nalistischen Schule, insbesondere mit Malinowski, weil sie die
historischen Gegebenheiten allzu leichtfertig zugunsten der
Funktionen abgetan habe: »Denn zu sagen, eine Gesellschaft
funktioniere, ist eine Banalität; aber zu sagen, alles in einer Ge-
sellschaft funktioniere, ist eine Absurdität.« 13 Gegenüber der
Geschichtsübertreibung der diffusionstheoretischen Methode
und der Geschichtsnegierung der Funktionalisten schlägt Lévi-
Strauss für die strukturale Anthropologie einen dritten Weg vor.
Er zeigt, daß Ethnographie und Geschichtsschreibung ver-
wandt sind durch ihren Gegenstand — die Alterität, das ganz An-
dere im Raum bzw. in der Zeit —, durch ihr Ziel — Überführung
des Besonderen ins Allgemeine — und hinsichtlich ihrer methodi-
schen Erfordernisse — der Quellenkritik; sie gleichen einander
also. Wenn die Ethnographie und die Historiographie demnach
miteinander arbeiten müssen, so kommen in den Beziehungen
zwischen Ethnologie und Geschichte die Unterschiedlichkeiten
zweier Disziplinen zum Zuge, deren Perspektiven verschieden
und komplementär zugleich sind, denn »die Geschichte ordnet
ihre Gegebenheiten in bezug auf die bewußten Äußerungen, die
Ethnologie in bezug auf die unbewußten Bedingungen des sozia-
len Lebens« 14 . Was dem Ethnologen den Zugang zum Unbewuß-
ten gestattet, ist, wie wir gesehen haben, das linguistische und
insbesondere das phonologische Modell.
Aus diesem Perspektivenunterschied ergibt sich, daß allein die
Ethnologie Anspruch auf einen wissenschaftlichen, nomotheti-
schen Entwurf erheben kann, der sich durch den Übergang vom
Besonderen zum Allgemeinen definiert, den nur die Übertra-
gung vom Bewußten auf das Unbewußte zu leisten imstande ist.
Der Ethnologe muß sich also die historischen Materialien ebenso
aneignen, wie er seinen Honig aus den ethnographischen Erhe-
bungen zieht, aber er als einziger darf beanspruchen, »zu einem
Katalog unbewußter Möglichkeiten zu kommen, von denen es
nicht beliebig viele gibt« 15 . Der Gegensatz, den man traditionell
264 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

zwischen Ethnologie und Geschichte anzuführen pflegt und der


auf der Unterscheidung zwischen zwei Quellentypen, zwischen
der Untersuchung schriftloser Gesellschaften und solcher mit
Schriftkultur, beruht, ist in Lévi-Strauss' Augen nur zweitrangig.
Der wesentliche Unterschied liegt in der Ausrichtung des wissen-
schaftlichen Projekts, nicht im Untersuchungsgegenstand. Man
ahnt, welche Herausforderung der Entwurf von Lévi-Strauss für
die Historiker bedeutet, zumal Lévi-Strauss die Ethnologie nur
als ersten Schritt zu einer ultimativen Synthese betrachtet, die al-
lein eine Sozial- oder Kulturanthropologie verwirklichen kann,
die auf eine umfassende, von den Hominiden bis zur Neuzeit rei-
chende Kenntnis vom Menschen abzielt. Im übrigen stellt die
Strukturale Anthropologie ein zusammenhängendes Ganzes von
Artikeln vor, die von der Stellung der Anthropologie in den So-
zialwissenschaften handeln, von den Beziehungen zwischen
Sprache und Verwandtschaft, von den Darstellungen in der Kunst
Asiens und Amerikas, von Magie und Religion; sehr verschie-
dene Gegenstände also, die dem vorzugreifen scheinen, was Lévi-
Strauss als »diese >kopernikanische Wende<« bezeichnet, »die
darin besteht, die Gesellschaft als ganze durch eine Kommunika-
tionstheorie zu interpretieren« 16 .
Damit erhebt die Anthropologie in ihrer strukturalistischen
Version auf dem Gebiet des Wissens vom Menschen einen He-
gemonieanspruch, und Lévi-Strauss' Definition ist umfassend
genug, um alle Ebenen der sozialen Realität abzudecken: Es
»öffnet sich der Weg für eine Anthropologie, die als allgemeine
Theorie der Beziehungen begriffen wird« 17 . Diese Perspektive
erlaubt es dem Anthropologen, seine Analysemodelle von der
formalen Sprache schlechthin, der Mathematik, zu entlehnen.
Durch Anordnung vollständiger Variantenreihen in Form einer
Permutationengruppe unternimmt es das strukturalistische Pro-
gramm, das Gesetz der untersuchten Gruppe überhaupt zu erfas-
sen. Die Struktur der Gruppe wird in diesem Analyseschema
über die Prozedur der Wiederholung erfaßt, anhand der Inva-
Wie schön ist die Struktur! 265

riante, der die Funktion zukommt, die Struktur des Mythos jen-
seits der Verschiedenartigkeit seiner Äußerungsweise zutage zu
fördern. Auch hier unterscheiden sich Geschichtsschreibung und
Ethnologie hinsichtlich ihrer Modellbildungsmöglichkeiten. Die
strukturale Ethnologie kann eine mechanische Modellbildung
beanspruchen: »Die Ethnologie arbeitet mit einer >mechani-
schen<, das heißt umkehrbaren und nicht-kumulativen Zeit« 18 ;
während die Geschichte sich auf eine einmalige, kontingente Zeit
zurückbeugen muß, die der Statistik bedarf: »Dagegen ist die
Zeit der Geschichte >statistisch<«19.
Kalte Gesellschaften sind mechanischen Maschinen verwandt,
die die zu Anfang erzeugte Energie endlos nutzen, wie zum Bei-
spiel die Pendeluhr; heiße Gesellschaften ähneln thermodynami-
schen Apparaturen wie der Dampfmaschine, die mit Temperatur-
unterschieden arbeiten. Sie erzeugen mehr Leistung, verbrauchen
dafür aber mehr Energie, die sie nach und nach zerstören. Die
heiße Gesellschaft strebt nach immer breiteren und zahlreicheren
differentiellen Unterschieden, um voranzukommen und frische
Energiequellen aufzutun. Hingegen soll die Zeitfolge in kalten
Gesellschaften deren Institutionen möglichst wenig beeinflussen.
Eine so radikale und verunsichernde Herausforderung wie durch
Lévi-Strauss haben die Historiker noch nicht erfahren, stützt die
strukturale Anthropologie sich doch auf die sich am modernsten
und leistungsfähigsten darstellenden Entwicklungen der Hu-
manwissenschaften. Nachdem er die Anthropologie entschlos-
sen auf den Boden der Kultur gestellt hat, genießt Lévi-Strauss
gegenüber den Historikern den Vorteil, einen theoretischen H o -
rizont geltend zu machen, der eines Tages die Entzifferung der
hirninternen Strukturen ermöglichen soll. Es gibt bei ihm eine
Art strukturalistischen Materialismus : Je nachdem legt er einmal
den Akzent auf die Struktur als Analyseraster, während er sie in
anderen Momenten als direkt der Materie zugehörig betrachtet :
»Claude Lévi-Strauss ist ein Materialist. Er sagt es immer wie-
der.« 20
266 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Lévi-Strauss zufolge kann sich also die strukturalistische An-


thropologie grenzenlos fortentwickeln. Sie erlaubt die Überwin-
dung der traditionellen Spaltung von Natur und Kultur, wie sie
auch ihre Überlegungen auf die gesamte menschliche Gattung
ausweiten kann. Damit bedeutet das strukturalistische Manifest
von 1958 eine doppelte Herausforderung an die Geschichts-
schreibung und die Philosophie. Die Philosophie, deren erstes
Reflexionsfeld im Verständnis des menschlichen Geistes liegt,
sieht ihren Fragegegenstand durch eine Anthropologie streitig
gemacht, die behauptet, am Ende ihres langen Weges an die men-
talen Bereiche und deren innere Strukturen heranzukommen,
und zwar im Namen eines Verfahrens, das sich als wissenschaft-
lich darstellt. Den größten Vorstoß in der Geschichte der An-
thropologie hat Lévi-Strauss dadurch bewirkt, daß er »in erster
Linie über Beziehungen gearbeitet hat. Der Strukturalismus hat
ja gezeigt, daß dies ein überaus ergiebiger Weg ist. Indem man
mehr über die Beziehungen als über die Gegenstände arbeitet,
entkommt man dem, was lange Zeit das Hemmnis der Anthro-
pologie war: der Typologie, der typologischen Klassifikation.«21

Die Ontologisierung der Struktur

Claude Roy bezeichnete 1959 das Unterfangen von Lévi-Strauss


als moderne Variante der »alten, unermüdlichen Gralssuche der
Argonauten des Intellekts, der Alchimisten des Geistes: die Su-
che nach der großen Entsprechung, das Streben nach dem Ur-
schlüssel«22. Er sieht in ihm den großen Lama, den Schamanen
unseres 20. Jahrhunderts. In dieser Suche nach dem Stein der Wei-
sen ist bei Lévi-Strauss die Verbitterung über eine zum Alptraum
gewordene Geschichte zu erkennen, eine Enttäuschung, die der
Gegenwart zu entkommen sucht. Jean Duvignaud hingegen sieht
in Claude Lévi-Strauss »den Vikar der Tropen« 23 , der den sehn-
süchtigen Traum des savoyischen Vikars (Jean-Jacques Rous-
Wie schön ist die Struktur! 267

seaus) von der ursprünglichen Reinheit der ersten Menschen auf


seine Fahne geschrieben hat.
Auf die Kritik, die Jean Duvignaud 1958 gegenüber dem struk-
turalistischen Verfahren äußert, dem er eine pluralistische Unter-
suchung der Gesellschaft entgegenstellt, antwortet Lévi-Strauss
mit einem Brief, in dem er seinen Standpunkt verteidigt, ja radi-
kalisiert: »Ich weiß nicht, was die menschliche Gesellschaft ist.
Ich befasse mich mit bestimmten dauerhaften und universellen
Modi der menschlichen Gesellschaften, mit bestimmten isolier-
baren Analyseebenen.« 24 Zu den kritischen Einlassungen Du-
vignauds bezüglich des Problems, welches Statut die Freiheit und
welchen Platz die kollektive Dynamik im anthropologischen
Entwurf habe, erwidert Lévi-Strauss im selben Brief: »Die Frage
ist nicht stichhaltig. Das Problem der Freiheit hat auf der Beob-
achtungsebene, auf die ich mich begebe, nicht mehr Sinn, als sie
es für denjenigen hat, der den Menschen auf der Ebene der orga-
nischen Chemie studiert.« 25
Das Subjekt ist demnach für Lévi-Strauss, der hier zum episte-
mologischen Modell der Naturwissenschaften greift, ein für alle-
mal aus der strukturalistischen Anthropologie verbannt. Dem-
nach kann der Mensch nur seine Ohnmacht, seine Nichtigkeit
gegenüber Mechanismen feststellen, die er allenfalls einsehbar
machen kann, über die er jedoch nicht zu bestimmen vermag. In
dieser Hinsicht ist Lévi-Strauss der szientistischen Illusion der
Positivisten nahe, für die die theoretische Physik den Inbegriff
der Wissenschaftlichkeit darstellte.
Ähnlich weist die strukturale Anthropologie, indem sie ihr
Modell aus der Phonologie bezieht, jede Form des sozialen Sub-
stantialismus und Kausalismus zugunsten der Arbitraritätsauf-
fassung zurück. Ihr Augenmerk richtet sich eher auf die Mäander
der neuronalen Vernetzung, in der der ontologische Schlüssel, die
wahre Struktur der Strukturen zu liegen scheint.
268 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Lévi-Strauss' linguistisches Gerüst : ein strategischer Wert

Georges Mounin hat anhand von Lévi-Strauss' Struktureller


Anthropologie zu bestimmen versucht, welches Verhältnis die
Anthropologie zwischen 1944 und 1956 zur Linguistik einge-
nommen hat. Er befragt die Geltung der von Lévi-Strauss ange-
wandten linguistischen Begriffe. Als Linguist kommt er zu dem
Schluß, daß die Anleihe bei der Phonologie in diesem Band
hauptsächlich die Begriffe Struktur und Opposition betrifft, die
»nichts spezifisch Linguistisches an sich haben« 26 . Umgekehrt
wird Lévi-Strauss durch seine Verwerfung des anthropologischen
Funktionalismus daran gehindert, diese Begriffe mit dem der
Funktion zu verbinden, der in der Phonologie an zentraler Stelle
zu finden ist. Die Gleichsetzung der Phoneme mit Bedeutungs-
elementen ist linguistisch nicht stichhaltig: »Das Phonem gestal-
tet nicht das Signifikat des Monems mit, sondern nur dessen Si-
gnifikanten.« 27 Freilich, wenn Lévi-Strauss die Ausgangspunkte
für einen Isomorphismus zwischen Verwandtschaftsstrukturen
und Sprachstrukturen vervielfacht und sogar sagt: »Das Ver-
wandtschaftssystem ist eine Sprache« 28 , so bleibt er doch als An-
thropologe jedem Reduktionismus zugunsten der Linguistik ab-
geneigt; 1945 rät er zur Besonnenheit »bei der Übertragung der
analytischen Methoden des Sprachforschers« 29 , und 1956 ver-
wahrt er sich gegen den Vorwurf, er versuche, »die Gesellschaft
oder die Kultur auf die Sprache zu reduzieren« 30 .
Von Georges Mounin als verworren, ungeschickt und voller
Zurücknahmen dargestellt, ist diese Bezugnahme Lévi-Strauss'
auf die Linguistik im Gegenteil höchst geschickt, denn Lévi-
Strauss hat nicht die Absicht, Linguist zu werden, sondern sich
der Schubkraft der linguistischen Methodik zu bedienen, um das
viel umfassender angelegte Programm der strukturalen Anthro-
pologie voranzutreiben. Fernand Braudel hat diese Intention,
Spieleinsätze und Risiken sehr wohl verstanden, obwohl er von
einem anderen Horizont kommt. Darauf bedacht, der Ge-
Wie schön ist die Struktur! 269

schichte unter den Sozialwissenschaften den ersten Platz zu er-


halten, und im Bewußtsein der Wucht, mit der Lévi-Strauss' Her-
ausforderung die beherrschende Stellung zu schwächen droht,
die die französische Historikerschule der Annalesin der Sechsten
Sektion der EPHE innehat, über die er seit dem Tod von Lucien
Febvre im Jahre 1958 den Vorsitz führt, antwortet Fernand Brau-
del Lévi-Strauss in dem Ende 1958 in den Annales erschienenen
programmatischen Artikel »Économies, sociétés, civilisations«.
Darin schlägt er als gemeinsame Sprache aller Sozialwissenschaf-
ten, deren Bündnis der Historiker leitet, die longue durée vor,
also die Untersuchung langer Zeitabläufe.31 Diese Replik oder
Parade seitens der Historiker hat den historiographischen Dis-
kurs beträchtlich zur Strukturalisierung hin geöffnet.

Der Weg der Historiker zur Struktur

Die Historiker hatten ihre Interessenschwerpunkte schon verla-


gert, ehe sie vor die strukturalistische Herausforderung gestellt
wurden. Marc Bloch und Lucien Febvre verfolgen mit der Grün-
dung der Zeitschrift Annales d'histoire économique et sociale im
Jahre 1929 bereits die Absicht, sich das Durkheimsche Programm
zu eigen zu machen, woraus eine Konzentration auf längere Zeit-
abläufe resultiert, auf Tiefenphänomene, auf die großen tragen-
den Unterbauten, die die positivistische Schule allzu leichtfertig
zugunsten einer kurzatmigen, strikt politisch-militärischen Ge-
schichte vernachlässigt hatte.
Durch die Woge der Strukturen akzentuiert sich diese Umlen-
kung der Aufmerksamkeit noch, die dazu tendierte, die Verände-
rungen gering zu bewerten, und sich nun auf die unbewegten
Zeitstrecken richtet. Seit seiner thèse im Jahre 1947, Das Mittel-
meer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps IL, hatte
Fernand Braudel den Blick des Historikers verlagert, indem er
den Helden der Epoche, Philipp IL, auf einen untergeordneten
270 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

Platz verwies und das Fernrohr des Historikers vielmehr auf die
unbewegten Strecken, die Beständigkeiten des geohistorischen
Rahmens der mediterranen Welt lenkte.
In der Nachfolge François Simiands, also der Durkheimschen
Schule, hatte seinerseits Ernest Labrousse in seiner thèse de lettres
im Jahre 1943, La Crise de l'économie française à la fin de L'Ancien
Régime, die revolutionäre Krisis von 1789 in eine dreifache Zeit-
lichkeit zurückgestellt, das heißt in jahreszeitliche Abweichun-
gen, verschränkt mit zyklischen Schwankungen, die wiederum in
Langzeitbewegungen {mouvements de longue durée) eingefügt
sind. Aufgrund dessen konnte er der ökonomischen Konjunktur-
theorie François Simiands eine strukturelle Konjunkturtheorie
zur Seite stellen: »Der Wirtschaftshistoriker ist über die Häufig-
keit der Wiederholungen verblüfft.«32 Dennoch gerät bei einem
solchen Verfahren das Ereignis nicht aus dem Blick. Vielmehr
wird es als Ankunftspunkt deutlich, den die statistischen Kurven
erklären sollen: »Unsere Geschichtsschreibung ist zugleich so-
ziologisch und traditionell.« 33 Ernest Labrousse leitet in den
fünfziger Jahren die Sorbonne und betreut eine Vielzahl histori-
scher Arbeiten im Sinne einer um die Strukturphänomene be-
mühten Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
In diese Perspektive einer dialektisch gewendeten Auffassung
von Konjunktur- und Strukturelementen schreibt Pierre Vilar
seine eigenen Forschungen über Katalonien ein. 1952 Schüler der
ENS, veröffentlicht er 1962 seine thèse1* und leitet im Sinne von
Labrousse an der Sorbonne ein Seminar zum Strukturbegriff:
»Das ganze Geschichtsproblem besteht darin, das Strukturelle
und das Konjunkturelle zu kombinieren. Ich habe also viel über
Strukturen nachgedacht. Claude Lévi-Strauss hat mich interes-
siert, als er zeigte, daß er strukturell logische Verhältnisse beob-
achtete.« 35 Entlehnt also der Historiker von der Anthropologie
eine logische und abstrakte Dimension, so verbleibt er nichtsde-
stoweniger innerhalb eines konkreten, beobachtbaren Inhalts
und betont auf seinem Untersuchungsfeld die Krisenphänomene
Wie schön ist die Struktur! 271

als Entzündungsherde, als Kristallisationspunkte der strukturel-


len Gegebenheiten im Sinne einer Dynamisierung derselben.
Diese rigorose Forschung, die zugleich auf einer soliden statisti-
schen Grundlage ruhte und einen globalen Anspruch vertrat, war
in den fünfziger Jahren von Ernest Labrousse geprägt: »Man
drängte sich darum, von ihm ein Diplomthema gestellt zu be-
kommen: Maurice Agulhon, Alain Besançon, François Dreyfus,
Pierre Deyon, Jean Jacquart, Annie Kriegel, Emmanuel Le Roy
Ladurie, Claude Mesliand, Jacques Ozouf, André Tudesq«, be-
richtet Michelle Perrot 36 , für die Labrousse den Inbegriff der
Modernität darstellte und die ihm im Frühjahr 1949 ein feministi-
sches Thema vorschlug, was ihren Lehrmeister zum Schmunzeln
brachte. Er riet ihr statt dessen zu einer Studie über die Arbeiter-
bewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Für Michelle Perrot verkörpert Ernest Labrousse das Bemü-
hen um Strenge, die Anstrengung, den allzu verbreiteten Impres-
sionismus in der historischen Disziplin zu überwinden: »Bei
Labrousse gab es das Bestreben, eine Kausalität, Gesetze wieder-
zufinden, was auf einer zugleich positivistischen und marxisti-
schen Linie lag.« 37 Bei einer solchen Perspektive waren die la-
broussianischen Historiker für das strukturalistische Phänomen
und die anthropologische Herausforderung der ausgehenden
fünfziger Jahre zwangsläufig sehr empfänglich. Sie befanden sich
bei der Lektüre von Lévi-Strauss auf vertrautem Terrain, auf einer
ähnlichen Suche nach Invarianten, auch wenn dessen Objekt na-
turgemäß ein anderes war: »Bei Lévi-Strauss steht ein Satz, den
ich übrigens in meiner thèse: Les Ouvriers en grève, France (1871-
1890), übernommen habe, zu Beginn des >Structures< überschrie-
benen Teils, und der darauf hinausläuft, daß, wenn es irgendwo
Gesetze gibt, es sie überall geben muß — ein Kernsatz für die Hu-
manwissenschaften.« 38
272 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

Die historische Anthropologie : Jean-Pierre Vernant

Mit Jean-Pierre Vernants Referat 1959 beim Kolloquium von Ce-


risy bekommt das strukturalistische Vorgehen eine noch direk-
tere Fortsetzung. Vernant, der 1937 die agrégation in Philosophie
erhält, kommt im Grunde erst spät, nämlich 1948, nach Grie-
chenland. Doch verliert er dieses Forschungsgebiet als Gräzist
nicht aus den Augen. Schüler von Louis Gernet und Ygnace Mey-
erson, erkennt Jean-Pierre Vernant das Dreigestirn Emile Benve-
niste, Georges Dumézil und Claude Lévi-Strauss als seine weite-
ren Lehrmeister an. Seine Forschungen stellt er in die Perspektive
einer Psychohistorie. Ihn interessieren die mentalen Formen, das,
was er den »inneren Menschen« nennt, und so fragt er sich, was
es mit der Arbeit, dem technischen Denken, der Wahrnehmung
der Kategorien Raum und Zeit in der Vorstellung und Bilderwelt
des archaischen und klassischen Griechenland auf sich hat:
»Mensch heißt immer Symbolik. Das soziale Leben funktioniert
nur über symbolische Systeme, und in diesem Sinne bin ich radi-
kal strukturalistisch.« 39
Kurz nach dem Erscheinen der Strukturalen Anthropologie re-
feriert Vernant in Cerisy über die Struktur des Hesiodischen My-
thos von den Geschlechtern. Die Studie wird wenig später veröf-
fentlicht. 40 Ihr Augenmerk ist ausdrücklich ein Strukturales, und
sie erweist sich als doppelt befruchtet von den Auseinanderset-
zungen, die Jean-Pierre Vernant mit Georges Dumézil zum Be-
griff der Dreifunktionalität führt, und von der Umwälzung, die
Lévi-Strauss in seiner Studie über die amerikanischen Indianer-
mythen vollzogen hat.
Dessen Analyseschema versucht er auf die griechischen My-
then anzuwenden und führt damit eine maßgebliche methodolo-
gische Verschiebung durch, wegweisend für eine ganze ertragrei-
che Schule, die sich um Vernant versammelt und eine historische
Anthropologie des alten Griechenland begründet. Zur Erhellung
des Werks, das er analysiert, forscht er nicht, wie die klassischen
Wie schön ist die Struktur! 273

Gräzisten, nach einer Datierung der herausgearbeiteten Überlie-


ferungen, sondern befaßt sich damit, die Grundartikulationen
und den Code darzulegen, auf denen der zu untersuchende My-
thos beruht. Der Mythos von den Geschlechtern eröffnet He-
siods Poem Werke und Tage. Wie eine Théogonie erzählt es, wie
die archaische Ordnung Griechenlands sich durch aufeinander-
folgende Schlachten der Göttergenerationen entfaltet, bis Zeus
sich der Oberhoheit bemächtigt, um eine unverrückbare Ord-
nung aufzustellen. Hesiods Dichtung präsentiert sich also in
chronologischer Form, als Geschlechterfolge vom goldenen über
das silberne und das eherne bis zum eisernen Geschlecht, vor
dem das der göttlichen Helden steht.
Jean-Pierre Vernant unterzieht diesen Mythos einer Reduktion
und einer Verschiebung. Zunächst geht er davon aus, daß die fünf
Zeitalter im Grunde genommen der funktionellen Dreiteilung ent-
sprechen, »deren Einwirkung auf das religiöse Denken der Indo-
europäer Georges Dumézil gezeigt hat«41. Demnach wäre also das
dreigliedrige Schema der gedankliche Rahmen, in dem Hesiod den
Mythos von den Geschlechtern neu interpretiert hat. Vor allem
übernimmt Vernant jedoch den Binarismus, das oppositive
Schema von Lévi-Strauss, um nachzuweisen, daß sich die Zeit im
Hesiodischen Mythos von den Geschlechtern nicht in einer chro-
nologischen Folge abspielt, sondern gemäß einem »System von
Antinomien« 42 . In jedem Zeitalter wiederholt sich eine binäre
Struktur, die dike (Recht, Gerechtigkeit) gegen hybris (Vermessen-
heit) setzt. Auf dieser Ebene trägt die Erzählung Hesiods der di-
daktischen Absicht gegenüber seinem Bruder Rechnung, dem
Bauern Perses, an den er sich wendet, um ihm das Los der Arbeit
und die Achtung der dike zu predigen; eine Lektion, die für alle so-
zialen Kategorien der griechischen Gesellschaft gilt.
Diesen Nachweis konnte Jean-Pierre Vernant nur über eine
Neuordnung des Sagenstoffes führen, um so die in Hesiods
mythischem Diskurs wirkenden Hauptprinzipien hervortreten
zu lassen: »Das Gegensatzpaar dike/hybris wird über eine drei-
274 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

gliedrige Ordnung des Dumézilschen Typus zum Klingen ge-


bracht.« 43 Vernant sieht in Hesiods Gründungsmythos ein Plä-
doyer für die Gerechtigkeit, das notwendig geworden war, weil
Griechenland sich damals in einer Übergangsperiode befand, in
der die Griechen herauszufinden suchten, was gerecht sei und
was nicht, in der die alten Formen der dike sich nicht mehr von
selbst verstanden.
Vernant verfällt demnach keinem rein formalen oder achroni-
schen Ansatz, denn er bezieht diesen Mythos ja auf eine konkrete
geopolitische Situation, worin er »das Vorzeichen einer Welt
[sieht], in der das Gesetz der polis, der politische nomos, das
Grundelement sein wird« 44 . Damit schafft er eine Korrelation
zwischen der Analyse des mythischen Diskurses und dem histo-
risch-sozialen Kontext, der ihm symptomatischen Wert gegeben
hat, und vereinbart auf diese Weise Geschichte (Genese) und
Struktur. Später kommt Vernant aufgrund der gegen ihn geäu-
ßerten Kritiken noch einmal auf die Akzentuierung der Drei-
funktionalität in der Binnenstruktur der Erzählung zu sprechen:
»Dreifunktionalität würde ich nicht mehr sagen, denn das funk-
tioniert zwar bei den ersten beiden Zeitaltern (dem goldenen und
silbernen), die in der Tat die Hoheit repräsentieren, und beim
ehernen Geschlecht und dem der Helden, die für den Krieg ste-
hen, nicht so allerdings beim eisernen Geschlecht, das komplexer
ist als die dritte Funktion, die Produktion. Es handelt sich dabei
ja um die Zeit Hesiods, die somit nicht topisch ist.« 45 Jean-Pierre
Vernant hat also in seine Analyse der Hesiodischen Erzählung
von den Geschlechtern die Historizität wieder einführen und das
fünfte Zeitalter in der chronologischen Folge der vier anderen be-
trachten müssen. Damit gesteht er ein, in der Strukturalisierung
des historischen Blicks zu weit gegangen zu sein; aber durch
seine Neuordnung der Hesiodischen Erzählung hat er es ermög-
licht, die für die Analyse der Denkkategorien im archaischen
Griechenland wesentliche Dichotomie dike versus hybris, Recht/
Gerechtigkeit versus Vermessenheit, dialektisch zu fassen.
Wie schön ist die Struktur! 275

Akademische Weihen für Lévi-Strauss

Als Lévi-Strauss am 5. Januar 1960 seine Inauguralvorlesung am


Collège de France hält, geht das Kapitel vom heroischen Zeitalter
des Strukturalismus zu Ende, und es öffnen sich weite Perspekti-
ven für den intellektuellen Siegeszug des Paradigmas. Der Einzug
Lévi-Strauss', der damals die Strenge des strukturalistischen Wis-
senschaftsprogramms verkörpert, ist ein Symbol für dessen Er-
folg, für die offizielle Würdigung der Ergiebigkeit des sich voll-
ziehenden Aufbruchs, der damit zu Beginn der sechziger Jahre
entscheidende Anerkennung erhält.
Die ehrwürdige Institution des Collège de France vollzieht da-
mit auch eine kleine innere Revolution, da sie erstmalig einen
Lehrstuhl für Sozialanthropologie einrichtet. Zwar hatte Marcel
Mauss am Collège gelehrt, doch wenn er auch über Anthropolo-
gie las, hatte er doch einen Lehrstuhl für Soziologie.
In seiner Antrittsvorlesung definiert Lévi-Strauss sein Projekt
in der Nachfolge Ferdinand de Saussures als desjenigen, der eine
Sémiologie angekündigt hatte. Das wahre Objekt dieser sozialen
Anthropologie bedeckt ein sehr weites Feld, das vom Leben der
Zeichen innerhalb der Gesellschaft. Lévi-Strauss bekennt, was er
der strukturalen Linguistik verdankt, die er in seinem anthropo-
logischen Programm als Grundfeste der Wissenschaftlichkeit
einsetzt. Die Allgemeinheit seines Programms äußert sich vor al-
lem in seinem Bemühen, sich nicht zugunsten der symbolischen
Natur seines Gegenstands vom Sozialen, von der Realität abkop-
peln zu lassen: »Die Sozialanthropologie [...] trennt nicht zwi-
schen materieller Kultur und geistiger Kultur.« 46 Im übrigen er-
kennt er am neuronalen Horizont den Ort, an dem der Schlüssel
verborgen liegt, der den Zugang zu den Triebkräften des symbo-
lischen Universums eröffnet: »Das Auftauchen der Kultur wird
für den Menschen ein Geheimnis bleiben, solange es ihm nicht
gelingt, auf biologischer Ebene die Veränderungen in der Struk-
tur und der Funktion des Gehirns zu bestimmen.« 47 Über diese
276 Die fünfziger Jahre: die epische Epoche

wissenschaftliche Zielsetzung hinaus verdeutlicht die Inaugural-


vorlesung auch einen besonderen Moment des historischen Be-
wußtseins in Frankreich beziehungsweise »das schlechte Gewis-
sen des Westens. Claude Lévi-Strauss hat auf verblüffende Weise
das große Thema der Dritte-Welt-Sentimentalität angestimmt,
und in diesem Wind haben sich die Segel des strukturalistischen
Schiffleins gebläht.« 48 Das Ende seiner Inauguralvorlesung
bestätigt Pierre Noras Einschätzung, denn Lévi-Strauss erklärt
hier, wo von seinen Worten gleichsam ein brenzliger Geruch aus-
geht: »Gestatten Sie mir also, liebe Kollegen, daß, nachdem ich
zu Beginn dieser Vorlesung den Meistern der Sozialanthropolo-
gie gehuldigt habe, meine letzten Worte jenen Wilden gelten,
deren unerklärliche Zähigkeit uns noch das Mittel liefert, den
menschlichen Tatsachen ihre wahren Dimensionen zuzuweisen:
Männer und Frauen, die in dem Augenblick, da ich spreche, Tau-
sende von Kilometern von hier entfernt in irgendeiner von
Buschfeuern zerfressenen Steppe oder in einem regennassen
Wald zum Lagerplatz zurückkehren, um eine schmale Kost mit-
einander zu teilen und gemeinsam ihre Götter zu beschwören
[...].«49 Lévi-Strauss beschließt diese Erinnerung an seine Felder-
fahrung mit dem Wunsch, innerhalb des Collège de France Schü-
ler und Zeuge der Indianer der Tropen zu bleiben, die durch un-
sere Zivilisation der Auslöschung entgegensehen — der letzte
Mohikaner.
Bedeutet der Lehrstuhl am Collège de France die höchsten
Weihen für Claude Lévi-Strauss, so darf dies nicht darüber hin-
wegtäuschen, daß die einflußreichen Forscherteams eher an der
Universität zu finden sind und daß das Collège allein nicht dazu
verhelfen kann, aus der Isolation herauszukommen und Schule
zu machen. Doch Claude Lévi-Strauss ruft sofort ein Laborato-
rium für Sozialanthropologie ins Leben, das gleichzeitig vom
CNRS, vom Collège de France und von der EPHE abhängt. Er
ist also unverzüglich von einem Forscherkollektiv umgeben, das
in den Genuß des Prestiges des Collège de France kommt. Ihm ist
Wie schön ist die Struktur! 277

klar, daß man sich zur Verwirklichung eines derart ehrgeizigen


Programms solider institutioneller Grundlagen versichern muß.
In diesem Rahmen gründet er 1961 eine neue Zeitschrift,
L'Homme, um in Frankreich ein professionelles Fachorgan auf
der Höhe des englischen Man oder des US-amerikanischen Ame-
rican Anthropologist IM schaffen. Mit der Wahl seiner beiden Mit-
herausgeber macht Lévi-Strauss deutlich, welchen Ehrgeiz das
wissenschaftliche Projekt der Sozialanthropologie verfolgt und
auf welches Programm er sich dabei stützt. Es handelt sich um
zwei weitere Professoren am Collège de France: Emile Benve-
niste vertritt die strukturale Linguistik, auf die, als Modell der
Wissenschaftlichkeit schlechthin, Lévi-Strauss sein Werk auf-
baut; und Pierre Gourou repräsentiert als Geograph und Tropen-
forscher die gediegene Vitalität der französischen Geographie-
schule in der Tradition Vidais. In diesem Zusammenhang verteilt
Lévi-Strauss auch — wie bereits die Durkheimianer zu Beginn des
Jahrhunderts es versucht hatten — die Karten einer Geographie-
schule neu, die schon seit langem an Bedeutung verloren und ihre
Geschicke an die der .Awratf/es-Historiker gebunden hatte. Damit
das Team nicht nach einem »Collège-de-France-Club« aussieht,
erweitert Lévi-Strauss bald die Leitung der Zeitschrift um André
Leroi-Gourhan, Georges-Henri Rivière und André-Georges
Haudricourt. Bezeichnend für diese Gruppe sind jene, die fehlen,
insbesondere die Historiker, deren Arbeitsweise sich seit der
Entstehung der Annales dem anthropologischen Programm er-
heblich angenähert hatte. Aufschlußreich ist Lévi-Strauss' Kom-
mentar zu den institutionellen Kämpfen, die sich diese beiden
Disziplinen liefern: »Im Jahre 1960 konkurrierten Geschichts-
wissenschaft und Ethnologie, die sich inzwischen sehr nahe ge-
kommen sind, noch, wenn ich so sagen darf, miteinander um die
Aufmerksamkeit des Publikums.« 50
Die im selben Jahr geführten Gespräche mit Georges Char-
bonnier verdeutlichen den Ehrgeiz seines Programms und den
Wandel, den er sich für die Humanwissenschaften erhofft, die
278 Die fünfziger Jahre : die epische Epoche

sich von den Naturwissenschaften inspirieren lassen, ja nach-


gerade mit ihnen verschmelzen sollen: »Man [kann] den Eth-
nologen in der Tat als Naturwissenschaftler bezeichnen oder
zumindest als Forscher, der auf die gleiche Art vorgeht wie der
Naturwissenschaftler.« 51
Das Überschreiten des Rubikons und der Einzug auf dem Feld
der Naturwissenschaften bedingen ein bestimmtes Verhältnis
zum Fortschritt, zur Geschichte und zum Menschen, das auf de-
ren Reduktion angelegt ist, um eine quasi-mechanische Modell-
bildung geltend zu machen, die in einem Wiedererkalten der
Zeitlichkeit ansetzt und eine Bedeutung zu erfassen sucht, die
sich dem einzelnen entzieht und sich ohne sein Wissen gemäß
einer Zeitenlogik errichtet. Diese strukturalistische Herausfor-
derung von seiten der Humanwissenschaften hat während der
fünfziger Jahre eindrucksvoll ihre Fruchtbarkeit unter Beweis ge-
stellt, indem sie sich den verschiedenen Erscheinungsformen des
Andersseins widmete. Seine Verheißungen verhelfen diesem Pro-
gramm in den sechziger Jahren zu seiner Blütezeit.
Teil II : Die sechziger Jahre
1963-1966: die Belle Époque
Die Anfechtung der Sorbonne :
Alt und Neu im Widerstreit

Auf der Schwelle der sechziger Jahre herrscht in der Gelehrtenre-


publik die alte Sorbonne noch immer unumschränkt. Ihre Vor-
machtstellung erleichtert nicht eben die Kritik an ihrer Ausrich-
tung. Im literarischen Bereich verwaltet sie das Erbe einer
Methode, die im 19. Jahrhundert aufgrund ihres Bemühens um
historische und philologische Präzision als streng und modern
gegolten hatte. Doch trotz dieses weit zurückliegenden Bruchs
blieb der Hort der Gelehrsamkeit taub für die epistemologische
Herausforderung, die sich in den fünfziger Jahren zu manifestie-
ren begann. Angesichts des triumphierenden Positivismus und
des Atomismus seiner Methode bedeutet die strukturalistische
Herausforderung einen regelrechten Grabenkrieg gegen das
Mandarinentum, gerüstet mit jüngeren wissenschaftlichen Mo-
dellkonstruktionen holistischer Herkunft.
Die Fermate erreichen diese Kämpfe im Mai 1968 mit dem Zu-
sammenbruch des alten Lehrgefüges. Das Gewicht der Sorbonne
hatte die Protestierenden in eine Außenseiterposition gezwun-
gen und sie dazu getrieben, sich nach Stützpunkten, Nahtstellen
und neuen Bündnissen zwischen den Disziplinen umzusehen, die
Definition eines ambitionierten Programms in Angriff zu neh-
men und sich nach möglichst umfassender Vertretung in akade-
mischen Lektoraten und Berufungskommissionen umzutun, um
die eingesessenen Mandarine auszumanövrieren und ins Abseits
zu stellen. Diesbezüglich »trat die strukturalistische Linguistik«
auf institutioneller Ebene »gegenüber dem herrschenden Modell
als Anfechtung und Modernität auf« \ In diesem Modell war die
Sprachreflexion auf eine völlig nebensächliche, ja buchstäblich
282 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

»primäre« Rolle verwiesen, denn sie blieb auf den Spracherwerb


in den unteren Klassen der Elementarschule beschränkt. Sobald
die Sprachbeherrschung für erreicht galt, konnte man zur Krö-
nung kommen, dem eigentlichen literarischen Studium, das frei-
lich von den Funktionsmechanismen der Literatur völlig abge-
schnitten war und auf rein ästhetischen Betrachtungen fußte.
Man betrieb eine radikale Trennung zwischen der linguistischen
Kenntnis, die sich allenfalls über das Erlernen einer Fremdspra-
che erwerben ließ und als bloße technische Fertigkeit diente, und
der vermeintlich höherwertigen Arbeit mit dem literarischen Er-
zeugnis schöpferischer Genies: »Im traditionellen Aufbau des
Literaturstudiums stand die Arbeit an der Sprache in Abhängig-
keit, in untergeordneter Position zur Arbeit am literarischen
Text.« 2

Die Rückkehr von André Martinet

Die einzige bemerkenswerte Ausnahme an der Sorbonne bildete


André Martinets Vorlesung in allgemeiner Sprachwissenschaft.
Als Martinet 1955, international hoch angesehen, aus den USA
wiederkehrt, bekommt er, dessen ungeachtet beargwöhnt, an-
fangs eine kleine Enklave zugewiesen, um ihn kaltzustellen. Er
sieht sich mit einer Lehrveranstaltung im alten Institut für
Sprachwissenschaft betraut, in einem kleinen Saal für höchstens
dreißig Studenten. Die Nachfrage sprengt bald den zu engen
Rahmen; zudem muß André Martinet auf Anhieb dreißig thèses
von Afrikanisten betreuen, die nach Beschreibungsmöglichkei-
ten für ihre Sprachen suchen. Da die Wände nicht versetzt wer-
den können, muß die Universitätsverwaltung Martinet stufen-
weise einen geräumigeren Saal stellen, und so kündet seine
Wegstrecke innerhalb der Mauern der Sorbonne von der zuneh-
menden Vorliebe für die Linguistik im Lauf der sechziger Jahre.
Im folgenden Jahr teilt man ihm den Hörsaal Guizot zu, der ihm
Die Anfechtung der Sorbonne: Alt und Neu im Widerstreit 283

nur zwei Jahre reicht. 1960 unterrichtet er im Hörsaal Descartes,


der bis zu vierhundert Studenten faßt: »1967 war der Hörsaal
Descartes zu klein geworden und man gab mir Richelieu, wo
sich, unter Nutzung der Erweiterungen, bis zu sechshundert
Leute unterbringen lassen.« 3
Der Hörsaal Richelieu, das ist die Weihestatt! Auch wenn
Martinet über seine immense Belastung klagt — seine Veranstal-
tung gehört nun zum Pflichtprogramm des modernen Semiolo-
gen, zumal er nicht nur wegen seiner einhellig anerkannten Qua-
litäten als Pädagoge in Frankreich die Ausnahme bildet. Hier
findet eine ganze Studentengeneration das Rüstzeug für die Kri-
tik am Mandarinentum, die die gesamten sechziger Jahre bestim-
men wird : »Man ist jung, man ist gegen die Alten, und es trifft
sich, daß die Avantgardebewegung der Strukturalismus ist : Also
nichts wie hin zum Strukturalismus.« 4 Dabei bedeutet das struk-
turalistische Programm für die junge Generation einen Klärungs-
prozeß und fungiert gleichzeitig als vorläufige Moral, eine Moral
der Vorläufigkeit im Sinne Descartes'.
Beim Protest gegen die Mandarine zielen die Attacken auch
hier hauptsächlich gegen jede Erscheinungsform des schwammi-
gen Psychologismus, wie ihn die traditionellen Historiker pfle-
gen, »eine wahre Seuche an der französischen Universität, nicht
nur bei den Literaten, auch bei den Philosophen« 5 .

Ein einzelner Neuerer: Jean-Claude Chevalier

Als junger Assistent im Fach Französische Grammatik verteidigt


Jean-Claude Chevalier 1968 seine thèse, La Notion de complé-
ment chez les grammairiens (Der Begriff des Komplements bei
den Grammatikern). 6 Im Vorwort führt er behutsam den Termi-
nus der Epistemologie ein, in Anführungsstrichen, als verwende
er ein in seinen Kreisen noch anrüchiges Wort. Wieder findet sich
in dieser Doktoratsthese der Zentralbegriff der Epoche, der Be-
284 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

griff des Einschnitts. Diese aufrührerische Euphorie, deren Jean-


Claude Chevalier sich als eines »hygienischen Vergnügens« 7 er-
innert, strebt auf theoretischer Ebene nach einem begrifflichen
Bruch, nach Eröffnung eines neuen Feldes. Dieses Denken des
kommenden Bruchs bringt eine Aufwertung vergangener Ein-
schnitte mit sich. So erkennt Jean-Claude Chevalier am Horizont
des Jahres 1750 eine Diskontinuität bei den Grammatikern, die
bis dahin nur den Terminus der Herkunft verwendet hatten und
von da an den Begriff des Komplements benutzten: »Man geht
von einem morphologischen System zu einem semantischen Sy-
stem der Syntax über, was eine beachtliche Veränderung dar-
stellt.« 8
Dennoch fühlte sich Chevalier damals nicht als Neuerer; ihm
schien, er habe eine redliche Arbeit in historischer Grammatik
geleistet. Nur ohne sein Wissen konnte man aus ihr die gleiche
epistemologische Reflexion herauslesen wie bei einem Louis
Althusser oder einem Michel Foucault. Schon damals markiert
Julia Kristeva in der Zeitschrift Critique Chevaliers Arbeit als
bemerkenswertes Dispositiv des Einschnitts, der die gesamte
intellektuelle Avantgarde in den Bann zog.

Todorov steht vor dem Nichts

Einmal abgesehen von der Ausnahme Martinet, der lediglich die


Funktionsweise der Sprache lehrt, findet eine Reflexion über die
Literatur auf der Grundlage der neuen Methoden der struktura-
len Linguistik an der Sorbonne überhaupt nicht statt. Die Ver-
zweiflung, die den jungen Bulgaren Tzvetan Todorov bei seiner
Ankunft in Frankreich 1963 befällt, illustriert das.
Nach Abschluß seines Studiums an der Universität von Sofia
suchte Todorov in Paris einen institutionellen Rahmen zur Ent-
wicklung dessen, was er eine Theorie der Literatur nannte — eine
Reflexion über den literarischen Gegenstand, die nicht von exo-
Die A nfechtung der Sorbonne : Alt und Neu im Widerstreit 285

genen, psychologischen oder soziologischen Elementen aus-


ginge. Ebensogut hätte er eine Nadel in einem Heuhaufen suchen
können. Mit einem Empfehlungsschreiben des Dekans der gei-
steswissenschaftlichen Universität von Sofia versehen und einer
positiven Antwort gewiß, nimmt er Verbindung zum Dekan der
Sorbonne auf, um zu erfahren, was sich auf diesem Gebiet an der
Sorbonne tut : »Er schaute mich an, als käme ich von einem ande-
ren Stern, und erklärte mir äußerst kühl, in seiner Fakultät be-
treibe man keine Literaturtheorie, und es käme nicht in Frage,
daß man sie betreibe.« 9 Verdutzt nimmt Todorov an, es läge ein
Mißverständnis vor, und fragt, ob es statt dessen einen Ausbil-
dungsgang in Stilistik gebe, worauf der Dekan ihn auffordert, er
möge sagen, in welcher Sprache. So redet man weiter aneinander
vorbei, und Todorov ist zusehends unbehaglich zumute, denn
»ich konnte ihm ja nicht sagen, in französischer Stilistik, da ich
mir vor ihm ein fragwürdiges Französisch zusammenstotterte. Er
hätte mir entgegnet, ich solle doch erst einmal die Sprache ler-
nen.« 10 Selbstverständlich war die Rede von allgemeiner Stilistik,
und der Dekan bestätigt Todorov das Nichtvorhandensein eines
solchen Forschungsgebiets.
Erst durch eine Verkettung von Zufällen wird Todorov
schließlich bei seiner Suche nach einer französischen Reflexion
über das, was später Poetik heißen wird, doch noch fündig.
Nachdem er mit Hilfe einer Empfehlung seines Vaters, seinerseits
Bibliothekar in Sofia, mit der Direktorin der Sorbonne-Biblio-
thek bekannt geworden ist, tröstet er sich mit intensiver Lektüre.
Diese Bibliothekarin macht ihn mit den Arbeiten ihres Neffen
François Jodelet bekannt, eines Assistenten der Psychologie an
der Sorbonne. Der sagt ihm, er kenne einen anderen Assistenten
an der Sorbonne, der im literarischen Bereich arbeite, Gérard
Genette: »Ich habe mich also mit Genette getroffen. Er begriff
sofort, was ich suchte, und teilte mir mit, daß jemand in diese
Richtung arbeite: Roland Barthes, so daß ich dessen Seminar
besuchen müsse.« n
286 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Die Unzufriedenheit der Philologen

Immerhin konnte man an der Sorbonne den Strukturalismus in der


Anglistik kennenlernen. So kam Marina Yaguello 1963 zum Zeit-
punkt der Berufung von Antoine Culioli, der bislang Assistent in
Nancy gewesen war, ans Anglistische Institut. Durch Culiolis Ar-
beit über das Altenglische und den Vokalwandel gewann man nicht
nur Zugang zu einem synchronischen Verfahren, sondern auch zu
einem »ganz und gar strukturalistischen in dem Sinne, daß die Ver-
änderung eines Vokals die des gesamten Systems nach sich zog« 12 .
Doch diese linguistische Ausbildung wendet sich nicht an die
große Masse der Studenten, die sich an der Sorbonne in französi-
scher Philologie eingeschrieben haben. Die mit den damaligen
Literaturlehrveranstaltungen unzufriedene Französischstudentin
Françoise Gadet etwa gerät ganz zufällig in eine Veranstaltung
von Antoine Culioli. Sie soll für einen verhinderten Kommilito-
nen mitschreiben und ist fasziniert: »Ich sagte mir, hier herrscht
wirklich Strenge, hier gibt es einen Anspruch.« 13 Sie entscheidet
sich bei der licence de lettres für ein Zertifikat in Linguistik, be-
gegnet Martinet und schwenkt von der Literatur auf die struktu-
rale Linguistik um. Für Françoise Gadet heißt Strukturalismus
Wahl der Strenge : »Wenn man in den sechziger Jahren die Atmo-
sphäre an der Sorbonne erlebt hat, dann ist einem klar, daß es
keine anderen Orte gab, wo man hingehen konnte. Wenn man
gesehen hat, was für ein Friedhof sie war, dann versteht man
die Begeisterung für den Strukturalismus.« 14 Literatur lehrten
seinerzeit unter anderem Gérard Castex, Jacques Deloffre, Ma-
rie-Jeanne Durry, Dichterin und Apollinaire-Spezialistin, und
Charles Dédéyan, ein armenischer Fürst, der vergleichende
Literaturwissenschaft vortrug. Allesamt gewissenhafte Professo-
ren, vertrieben sie indes mit einer einzigen Vorlesung ihre Zuhö-
rer : »Ich habe das bei Dédéyan erlebt, da waren fünfhundert Stu-
denten bei der ersten Sitzung, und bei der zweiten waren es noch
drei« 15 , erzählt Philippe Hamon, der ebenfalls, wie viele seiner
Die Anfechtung der Sorbonne: Alt und Neu im Widerstreit 287

Generation, Mitte der sechziger Jahre die Linguistik wählte:


»Zum ersten Mal konnte eine sogenannte Humanwissenschaft so
etwas wie Strenge erreichen; es war ein klarer, nachweisbarer,
nachvollziehbarer, reproduzierbarer Diskurs.« 16 Auch Elisabeth
Roudinesco, die 1964 ihr Studium der Literaturwissenschaft an
der Sorbonne aufnahm, war sehr unzufrieden. Rasch begriff sie,
daß ihren Interessenschwerpunkten in dem Unterricht, den sie
erhielt, in keiner Weise entsprochen wurde: »Wenn man Philo-
logie studierte, lautete die entscheidende Frage: Hast du den
letzten Barthes gelesen? Ansonsten lehrte man uns dummes
Zeug.« 17 An der Sorbonne gab es somit in der Philologie einen
sehr ausgeprägten Schnitt zwischen zwei Redeweisen, zwischen
zwei Arten von Interessenschwerpunkten, und die wachsende
Kluft zwischen Lehrenden und Studenten wurde zur Quelle vie-
ler Frustrationen, allerdings auch zum Pulverfaß, das alsbald ex-
plodieren sollte. Diese Unzufriedenheit wird auch von den Phi-
losophen geteilt: »Die Sorbonne, das ist die absolute Leere«,
erzählt François Ewald 18 , unzufrieden mit seinen damaligen Pro-
fessoren, mit Raymond Aron, der Jean-Paul Sartres Kritik der
dialektischen Vernunft mit sardonischem und überheblichem Lä-
cheln entgegentrat.
Das Gefühl siderischer Leere ist so groß, daß François Ewald
mit seinem Freund François George plant, nach dem Vorbild der
Cahiers pour l'analyse eine eigene Zeitschrift herauszugeben, die
Cahiers pour l'époché heißen soll, aber nie zustande kommt. Sie
sollte einem Gespür vom Ende der Geschichte Ausdruck verlei-
hen, der Idee einer in der Abenddämmerung liegenden Welt, wie
sie der neuen strukturalistischen Sensibilität entspricht, mit der er
bald in Berührung kommt, da er die Macher der Cahiers pour
l'analyse an der Rue d'Ulm kennt und an der Sorbonne die Ver-
anstaltungen Jacques-Alain Millers sowie die Seminare von Lacan
besucht: »In dieser Hinsicht bin ich ein Kind des Strukturalis-
mus. Ich bin mit der Lektüre von Bachelard und Canguilhem, mit
der französischen Epistemologie großgeworden.« 19
288 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Die Dynamik der Sozialwissenschaften, ihr regelrechtes Auf-


bersten in den sechziger Jahren entspricht also einer Erwartung.
Muß man somit die Vereinnahmung von Seiten mancher Litera-
ten, Historiker und Philosophen als Ausdruck einer kindlichen
Wachstumskrise von Wissenschaften sehen, die sich um Institu-
tionalisierung bemühten und sich deshalb besonders rigoros ge-
bärdeten? »Ich würde eher von einer Alterskrankheit der Sozial-
wissenschaften sprechen, denn ich sehe nicht, worin sie etwas
eröffnet hätten«, antwortet Roger-Pol Droit 20 , der in der Hin-
wendung zum Strukturalismus den Wendepunkt eines von der
Soziologie und Anthropologie verfolgten Durkheimismus er-
blickt, der mit einem Vierteljahrhundert Verspätung in der Lin-
guistik der dreißiger Jahre ein Instrument der Objektivierung ge-
funden hätte: »Es handelt sich also eher um ein Nachspiel, in
dem die Sozialwissenschaften wahrscheinlich so etwas wie den
Ausdruck ihrer Modernität gefunden haben.« 21 Sicherlich läßt
sich dieser Erneuerungsdrang mit einer früheren Durkheimschen
Bestrebung in Beziehung setzen, da aber diese Tradition keinen
durchschlagenden Erfolg verbuchen konnte, stellt sich ihr mittels
der Linguistik erneuertes Programm gegenüber der verände-
rungsfeindlichen Sorbonne als fortschrittlich dar.

Die Brennpunkte der Modernität

Die Aufbruchbewegung der sechziger Jahre verfolgt die Strategie,


die universitäre Zentralinstitution zu erschüttern. Die Innovation
kommt von der Peripherie ; sie umringt Paris von der Provinz aus
oder pflanzt sich in die Enklaven der Hauptstadt ein : »Diese Uni-
versität war unfähig, aus sich heraus etwas Neues zu vollbrin-
gen.« 22 Bereits im Zweiten Kaiserreich hatte der Philosoph Cour-
not festgestellt, daß Frankreich bis zur Renaissance mit einer
blühenden Universität ausgestattet gewesen sei, aus der die Refor-
mation hätte entspringen können, die schließlich die Entwicklung
Die A nfechtung der Sorbonne : Alt und Neu im Widerstreit 289

der Universitäten Nordeuropas mit sich brachte. Seither hat man,


um am Habitus des Homo academicus zu rütteln, jedesmal eine
neue Institution gründen müssen: das Collège de France, die
ENS, die EPHE, das CNRS. Das Geschehen der sechziger Jahre
setzt also die Tradition fort, nach der eine Reform des Systems
sich nur über eine Revolution zustande bringen läßt. Selbst auf
dem Höhepunkt des strukturalistischen Paradigmas darf das von
Verlagsstrukturen, Zeitschriften und Presse entfachte Getöse
nicht darüber hinwegtäuschen, daß die traditionelle Institution
nach wie vor die zentrale Legitimitätsposition einnimmt. »Der
Strukturalismus war nie vorherrschend ; das zu behaupten, wäre
irrig, und zwar insbesondere auf literarischem Gebiet.« 23
Dennoch wird eine im Umbruch befindliche Forschung insti-
tutionelle Rahmenbedingungen finden, um eine intensive Arbeit
mit neuer Ausrichtung zu betreiben. Immer radikaler setzt man
die Strukturalität des Textes anstelle der Untersuchung der Ge-
nese, wird der Werkbegriff durch den Funktionsbegriff abgelöst,
greift man in der literarischen Analyse die Perspektive der russi-
schen Formalisten auf, die sich um das Konzept der Textimma-
nenz bewegt. Ein Programm bündelt verschiedene Forschungen,
die gemeinsam auf das linguistische Modell bauen, um das schöp-
ferische Subjekt aus seiner bislang für wesentlich gehaltenen
Rolle zu entlassen und im selben Zuge der strukturalen Totalität
des Textes den Primat zuzuerkennen. Die innere Rationalität des
Textes muß sich der Subjektivität des Autors entziehen, da sie
sich ohne sein Wissen zur Aussage bringt. Die Kritik, sei es im
Namen der Logik oder der Ästhetik, fließt in eine vorwiegend
deskriptive Sicht des literarischen Werkes ein, die die verschiede-
nen Ähnlichkeits- und Unterschiedsebenen miteinander in Be-
ziehung setzt — eine eigentlich linguistische Arbeitsweise mithin.
Das Dezennium, das 1960 beginnt, ist also in Frankreich eine be-
sonders unruhige Zeit, »in der man fasziniert das (hauptsächlich
strukturalistische) Modell der Linguistik und seine methodologi-
schen Anstrengungen entdeckt« 24 .
290 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Eine der Hochburgen dieser strukturalistischen Erneuerung


ist Straßburg mit dem romanischen Philologen Georges Straka.
Der Freund von Greimas publiziert vor allem semiotische Arbei-
ten in der 1963 gegründeten Zeitschrift Les Travaux de lingui-
stique et de littérature (Tralili), die in tausend Exemplaren aufge-
legt und von Klinksieck vertrieben wird. Straka organisiert
Kolloquien, versammelt französische und ausländische Lingui-
sten in Straßburg und verbreitet ihre Forschungen dank des Ver-
lags Klinksieck und der Ausstrahlung der Straßburger Universi-
tät, die 1929 die große historiographische Revolution der Annales
miterlebt hatte.
Die andere Stätte der Innovationen und Konvergenzen ist die
Fakultät von Besançon. Die Regsamkeit dieses Universitätszen-
trums hängt damit zusammen, daß die jüngeren Wissenschaftler
sich einer abgelegenen Universität zuwandten, wobei Besançon
einen besonders fernen, abgeschotteten Ort bedeutete. Dort
treffen junge Forscher wie Bernard Quémada, Georges Matoré,
Henri Mitterand und Louis Hay aufeinander, die gleichsam zur
Zusammenarbeit verurteilt sind. Hier ist die Ausrichtung bewußt
interdisziplinär, werden Brücken zwischen den Lehrenden an der
geisteswissenschaftlichen und der naturwissenschaftlichen Fa-
kultät gebaut, um die Labormethoden in den Humanwissen-
schaften zur Anwendung zu bringen : »Der interdisziplinäre Dia-
log wurde überall geführt, ob im Zug oder im Restaurant. Henri
Mitterand, der immer einen Sinn fürs Praktische gehabt hat,
sagte, gäbe man Les Cahiers du rapide 59 heraus, stünden sie
garantiert auf einem weit höheren Niveau als die Mehrzahl
der institutionalisierten Zeitschriften.« 25 In Besançon, diesem
Zentrum des Austauschs, dominiert der Lerneifer und das Neu-
erungsstreben: »Was uns interessierte, waren alle diese neuen
Dinge, die aufkamen.« 26 Die Werke von Barthes, Greimas oder
Lévi-Strauss finden in dieser Zeit intellektueller Hochspannung
besonders begeisterte Aufnahme. Dem Germanisten Louis Hay
steht der Grammatiker und Philologe Henri Mitterand zur Seite,
Die A nfechtung der Sorbonne : A It und Neu im Widerstreit 291

der sich des Erscheinens der thèse von Jean Dubois, Le Vocabu-
laire politique et social en France de 1849 à 1879 (Paris 1962), als ei-
nes besonders wichtigen Moments erinnert. Diese thèse hat eine
ganze Generation dazu angespornt, nach einer Parallele, nach ei-
ner wechselseitigen Entsprechung der Diskursstrukturen jenseits
der Klassenstrukturen und der Strukturen des Vokabulars zu for-
schen. Durch diese Dynamik überwandt Besançon die Abschot-
tung und bündelte so weit verstreute Fachleute wie Jean-Claude
Chevalier in Lille, Jean Dubois erst in Rouen, dann in Paris, Grei-
mas in Poitiers usw., bevor diese Kräfte weithin ausstrahlten.
Natürlich weichen die einzelnen Forschungsaspekte deutlich
voneinander ab. Barthes, die Bezugsgröße der Epoche, interes-
sierte sich eher für die Codes, die in einem Werk wirken, wäh-
rend Greimas hinter dem Text die Systematik wiederzufinden
hoffte, die die Funktionsweise des menschlichen Geistes be-
stimmt. Doch gab es jenseits der Unterschiede die »Situation des
Kritikers als Erforscher der Immanenz« 27 , wie es ein Schüler
Hjelmslevs, der Kopenhagener Professor Knud Togeby, aus-
drückte: Er hatte 1965 Les structures immanentes de L· langue
française veröffentlicht, und so ist der Begriff der Immanenz bald
zur Losung für die junge Generation der nouvelle critique gewor-
den.
Der Osten Frankreichs segelt also entschieden voraus, und der
Wind bläst kräftig, denn auch Nancy entwickelt sich seit 1960 zu
einem dynamischen Forschungszentrum im Zuge der Einrich-
tung der Société de traduction automatique durch Bernard
Pottier, die bereits 1961, anläßlich eines Kolloquiums zu diesem
Thema, Naturwissenschaftler und Linguisten anlockt. Dieser
Zweig der Sprachanalyse überzeugt berufsmäßige Wissenschaft-
ler von der Linguistik. So auch den Ingenieur Maurice Gross vom
Rechenzentrum des Laboratoire central de l'armement: »Ich
hatte nicht die geringste Vorstellung, was ein Linguist war. Ich
wußte nicht einmal, daß es so etwas gab.« 28 Über die Beschäfti-
gung mit maschineller Übersetzung wird Maurice Gross zum
292 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Linguisten und geht im Oktober 1961 nach Harvard, wo er


Noam Chomsky kennenlernt. Die Zeit ist reif für Arbeitsgrup-
pen, für ein Aufbrechen der Forschungsbereiche, die das »Seins-
verfehlen« des Zentrums an der Peripherie wettzumachen versu-
chen.
Anfang der sechziger Jahre stellt die KPF noch eine einflußrei-
che politische Kraft dar, und die Zahl der Intellektuellen ist groß,
die als aktive oder passive Mitglieder in ihren Reihen stehen. Ein
bedeutender kommunistischer Linguist, Marcel Cohen, leitet
eine marxistische Forschungsgruppe, in der sich zahlreiche struk-
turalistische Linguisten wiederfinden. Diese Gruppe versammelt
sich regelmäßig bei einem ihrer Mitglieder, und um Marcel Co-
hen herum trifft man Jean Dubois, Antoine Culioli, Henri Mit-
terand und André-Georges Haudricourt. Doch bald führen so-
wohl die politische Entwicklung wie auch Marcel Cohens für
allzu restriktiv erachtete Auffassung der linguistischen Arbeit die
Mitstreiter in die Diaspora: »Cohen hatte eine Vorstellung von
Marxismus, die von der Soziologie und von Durkheim geprägt
war. [...] Die Amerikaner waren bei ihm immer sehr schlecht an-
gesehen.« 29 Bei aller Anerkennung der Wichtigkeit dieser
Gruppe betont André-Georges Haudricourt den sektiererischen
Charakter Cohens : »Der wackere Cohen war sehr totalitär, für
ihn gab es die Partei und die anderen.« 30 Die Gruppe beschäftigte
sich mit den russischen Formalisten der zwanziger Jahre, mit der
sowjetischen Linguistik, der von Vinogradov, und zwar hinsicht-
lich des Aufbaus einer Sprachsoziologie, die deutlich von der
strukturalistischen Perspektive abwich. Daher rührte das rasche
Verschwinden der Gruppe, trotz ihrer Bedeutung als fruchtbarer
Begegnungsort.
Die A nfechtung der Sorbonne : Alt und Neu im Widerstreit 293

Der Aufruhr wächst

Das vielförmige Aufbersten der Wißbegierden kann sich nicht


immer in der offiziellen Société de linguistique de Paris (SLP)
zum Ausdruck bringen. Es bedarf anderer Übermittlungskanäle,
und deshalb konstituiert sich 1960 in Paris die Société d'études de
la langue française (SELF). Gründer sind drei Hörer der Vorle-
sung von Robert-Léon Wagner: Jean-Claude Chevalier, Jean
Dubois und Henri Mitterand. Robert-Léon Wagner, Professor an
der École des hautes études, hat für die Verbreitung der struktu-
ralen Linguistik in Frankreich eine entscheidende Rolle gespielt.
Der Mediävist, von Haus aus Philologe, hat als erster Benveniste,
Jakobson, Hjelmslev in seinen Seminaren bekannt gemacht: »Er
hat Keime gelegt.« 31
Die SELF entstand als Reaktion auf eine sarkastische Bemer-
kung von Michel Riffaterre, der in den USA forschte und sich
von Jean-Claude Chevaliers Privatbibliothek enttäuscht gezeigt
hatte. Chevalier beschloß daraufhin, einen Freundeskreis ins Le-
ben zu rufen, dessen Mitglieder ihre Erkenntnisse austauschen.
Allmonatlich versammelt sich eine kleine Gruppe, um Referate
von Semantikern wie Greimas, Lexikologen wie Guilbert oder
Dubois, Syntaktikern wie Chevalier oder Stilistikern wie Me-
schonnic zu hören. Kurz darauf erscheinen die Beiträge dann als
Artikel. Dieser »Wohlfahrtsausschuß von Habenichtsen« 32 wird
bald bedeutsam. Er löst sich 1968 nicht auf, weil er gescheitert
wäre, sondern weil seine Katalysatorrolle inzwischen vom Um-
fang der durch ihn in Gang gesetzten Bewegung überholt worden
ist.
Von den anderen Zusammenschlüssen Mitte der sechziger
Jahre seien erwähnt : das Enseignement pour la recherche en an-
thropologie sociale (EPRAS) an der École des hautes études, wo
Greimas 1966 mit Unterstützung von Oswald Ducrot und Chri-
stian Metz auf zwei bis drei Jahre hin einen Versuchsstudiengang
für Graduierte einrichtet, und die Gründung der Association in-
294 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

ternationale de linguistique appliquée (AFLA) im Jahr 1964, bei


deren Seminaren bis zu zweihundert Besucher zusammenkom-
men : »Das Seminar von Nancy schleuste 1967 unglaublich viele
Forscher durch. Der zukünftige Stab von Vincennes war nahezu
vollständig vertreten.« 33
Eine weitere Stätte der Erneuerung war die Sechste Sektion
der E P H E , insbesondere mit dem Seminar von Roland Barthes,
der 1964 einen Kurs über die Küche gab. Kurz zuvor, 1962, war er
Leiter eines Forschungsbereichs mit dem Titel »Soziologie und
Sémiologie der Zeichen und der Symbole« geworden. Neben der
besonders regen Tätigkeit der Literaturwissenschaftler stimu-
lierte auch das Werk von Lévi-Strauss zu neuen Fragestellungen.
So fand dessen Strukturale Anthropologie bei ihrem Erschei-
nen 1958 aus drei Gründen Eingang ins literarische Milieu 34 :
durch die Ergiebigkeit des phonologischen Modells in einer hu-
manwissenschaftlichen Disziplin, durch die achronische Lektüre
des Ödipus-Mythos und durch die Formel von der Transformier-
barkeit der Mythen. Zwei Jahre später schaltet sich Lévi-Strauss
mit einem aufsehenerregenden und polemischen Artikel über »La
morphologie du conte de Vladimir Propp« 3 5 direkt in literarische
Fragen ein. Und 1962 bringt er seine berühmte, gemeinsam mit
Roman Jakobson verfaßte Studie zu Baudelaires Sonett Die Kat-
zen heraus, worin die Autoren zeigen, daß das Sonett vollständig
von den phonetischen Möglichkeiten bestimmt wird, die Baude-
laire zu Gebote standen. 36 Diese Streifzüge von Lévi-Strauss auf
dem Feld der Literatur zeigen das Vermögen der Methode, im
Namen einer allgemeinen Sémiologie auf breitem Gebiet Anwen-
dung zu finden ; für die frisch zur Linguistik konvertierten Lite-
raturwissenschaftler sind sie Bestätigung für Wissenschaftlich-
keit und Aussichtsreichtum ihres Programms.
Auch Jean Roussets Werk Forme et signification bekräftigt
1962 die immanentistische Orientierung der literarischen Neue-
rer. Im Untertitel seines Buches hebt er den Begriff der Struktur
heraus. 37 Dem Denken und Schreiben Paul Valérys verpflichtet,
Die A nfechtung der Sorbonne : Alt und Neu im Widerstreit 295

der zum literarischen Hauptbezugspunkt einer neuen Ästhetik


werden sollte, greift Rousset die Idee auf, daß die Form die Ideen
befruchtet: »Die Struktur des Werkes ist erfinderisch.«38 Jean
Rousset sieht in seiner kritischen Arbeit von jedem subjektiven
Urteil ab, um sich desto eingehender der Herausarbeitung der
formalen Strukturen zuzuwenden. Seine Lehren, gewichtig im
Programm des literarischen Strukturalismus, fußen nicht auf der
Linguistik, sondern auf einer erneuerten Literaturkritik und Rhe-
torik-Reflexion wie der Leo Spitzers und Gaétan Picons. Spitzers
stilistischen Studien entlehnt er eine der großen Ideen des literari-
schen Strukturalismus der sechziger Jahre : die Untersuchung ei-
nes einzelnen Werks, das als vollständiger Organismus betrachtet
und in seinem inneren Zusammenhang, sich selbst genügend, er-
faßt wird : »Madame Bovary bildet einen unabhängigen Organis-
mus, ein Absolutes, eine Gesamtheit, die sich durch sich selbst
versteht und erhellt.« 39
Jean Rousset bricht mit einer Kritik, die sich als jenseitig des
Werkes zeigt, indem sie es dermaßen in seiner Kontextualität und
seiner Genese auflöst, daß alles da ist — bis auf die Gegenwart des
Werkes selbst. Auf diese Wiedereinsetzung der Literarizität des
Werks beruft man sich gegen die Statthalter der traditionellen Li-
teraturwissenschaft. Diese neue Kritik sucht sich ihr Rüstzeug
zunächst in der Jungschen Psychoanalyse, bei den Archetypen
und dem Imaginären Jungs, wobei sie sich zudem von den An-
schauungen Gaston Bachelards anregen läßt, sodann bei der the-
matischen Kritik Jean-Pierre Richards und bei Georges Poulets
systematischer Reflexion der Zeitlichkeit. In einer zweiten Phase
bedient sie sich dann der Linguistik, so daß sie sich mit einem
streng wissenschaftlichen Programm schmücken kann.
1964 : der Durchbruch
für das semiologische Abenteuer

Im Jahre 1964 wird die unumschränkte Herrschaft der Sorbonne


gebrochen. Der Aufruhr an der Peripherie führt zum ersten gro-
ßen Sieg, ermöglicht durch die spektakulär gestiegenen Studen-
tenzahlen im Bereich der Geistes- und Humanwissenschaften,
eine Folge des Babybooms.
Als 1964 die Universität von Nanterre gegründet wird, bedeu-
tet das für viele Neuerer die Gelegenheit, eine universitäre Posi-
tion vor den Toren von Paris zu besetzen, während die Linguisten
Bernard Pottier und Jean Dubois damals ins Zentrum der Institu-
tion vordringen. Immer stärker zeigt sich eine Verlagerung aus
den peripheren Orten wie der EPHE hinein in die geisteswissen-
schaftlichen Fakultäten. Was sich bereits in Straßburg und Besan-
çon bemerkbar gemacht hatte, nimmt natürlich in der Pariser Re-
gion ganz andere Ausmaße an. Überdies bietet sich damit einer
allgemeinen Sprachwissenschaft, die nicht länger der einen oder
anderen Abteilung für Sprache oder traditionelle Philologie un-
terstellt ist, die Gelegenheit, ihren Marsch durch die Institutionen
anzutreten. Damit kann die Linguistik, die nunmehr als das ge-
meinsame Anliegen aller erscheint, die es mit Sprache zu tun ha-
ben, ein Publikum gewinnen, das weit über den engen Kreis der
Fachlinguisten hinausreicht.
Jean Dubois spielt dabei eine maßgebliche Rolle, zumal er
gleich drei Ämter innehat : Er ist Herausgeber bei Larousse, or-
dentlicher Professor an einer Pariser Universität und Angehöri-
ger der Berufungskommission am CNRS, eine Position, die ihm
Kontakte zu Louis Guilbert, Robert-Léon Wagner, Algirdas Ju-
lien Greimas, Bernard Quémada und anderen eröffnet. Er kann
1964 : der Durchbruch für das semiologische Abenteuer 297

also Forschungsarbeiten anleiten, Ernennungen an der linguisti-


schen Abteilung von Nanterre vornehmen und eine ganze Gene-
ration von Linguisten in den Stand ordentlicher Professoren er-
heben. Außerdem steht er in enger freundschaftlicher Beziehung
zu Roland Barthes, der seinen Bruder Claude Dubois im Sanato-
rium kennengelernt hatte. Über politische und ausbildungsmä-
ßige Divergenzen hinaus — Bernard Pottier war rechts und lehrte
Spanisch, während Dubois in der KPF war und Französisch
lehrte — behielt die Verbundenheit mit einer Gemeinschaft struk-
turalistischer Linguisten die Oberhand: »Eines Tages holte Pot-
tier uns ab und sagte, ihr müßt uns helfen, Martinet ist an der Sor-
bonne in Gefahr, und so machten Dubois und ich uns auf, ihn zu
retten.« l
Jean Dubois leitete Forschungsgruppen, denen Linguisten wie
Claudine Normand, Jean-Baptiste Marcellesi und Denise Maldi-
dier angehörten. Zudem gelang es ihm, Fachleute anderer Diszi-
plinen für die Linguistik zu gewinnen wie Joseph Sumpf, den er
1967 in Nanterre als Assistent für Soziolinguistik am Fachbereich
Sprachwissenschaft einstellte. Sumpf hatte seit 1963 am CNRS in
der Bildungssoziologie gearbeitet und am Centre d'études socio-
logiques unter der Leitung von Liliane Isambert. Er besuchte da-
mals das Seminar von Pierre Naville, in dem die Notwendigkeit
der Formalisierung diskutiert wurde, um an die Strukturen her-
anzukommen. In diesem Seminar saßen neben den Soziologen
auch Anthropologen wie Claude Meillassoux und Colette Piot:
»Den Begriff der Formalisierung hat Naville von Saussure und
Piaget bezogen, was aber nicht heißt, daß darauf sein Hauptau-
genmerk lag.« 2
Joseph Sumpf soll die Funktion des Philosophieunterrichts im
französischen Schulsystem erforschen. Im Hinblick darauf er-
stellt er seinen Corpus, eine stattliche Menge von Gesprächs-
protokollen und Aufsätzen, und sucht Jean Dubois auf, um sich
zu erkundigen, wie er dieses Material analysieren soll : »Jean Du-
bois hat mich auf die Linguistik gebracht, die von Harris, und auf
298 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

dieser Basis hat er mich dann in Nanterre eingestellt.« 3 Hier dient


der Strukturalismus als ein besonderer Ansatz zur Analyse eines
Dokumentenbestands, einer Gesamtheit von Zeichen, von Spu-
ren, aus denen heraus eine innere Kohärenz gefunden werden
muß.
Es ist das, was Michel Foucault 1965 vor tunesischem Publi-
kum als »Deixologie« bezeichnet hat, eine Analyse der inneren
Regelzwänge (contraintes internes) des Dokuments als solches:
»Es geht darum, das Determinationssystem des Dokumentes als
Dokument zu finden.« 4 Diese »Deixologie« als essentielle Ebene
der humanwissenschaftlichen Praktiken fundiert »die methodo-
logische Bedeutsamkeit, die epistemologische Bedeutsamkeit,
die philosophische Bedeutsamkeit des Strukturalismus« 5 . Eines
der Charakteristika dieser Umwälzung liegt im Bestreiten des
traditionellen Einschnitts zwischen dem, was unter ein literari-
sches Werk fällt und von der Kritik eingeordnet und abgesegnet
wird, einerseits, und den übrigen Schreibtatsachen andererseits.
Jede Spur (trace) findet als Dokument eigener Ordnung Berück-
sichtigung. Das entsakralisierte Werk ist nur noch Sprachtatsa-
che, eine bloße Schreibfalte (pli d'écriture), zu der eine andere
Schreibtatsache hinzutritt. In einem solchen diskursiven Ge-
menge treten die Grenzen zwischen den Disziplinen zurück, um
der eigentlichen linguistischen Analyse Platz zu machen. Und da
diese sich auf die Saussureschen Grundprinzipien zurückbesinnt,
macht sie, zu Lasten eines zeitlichen Ansatzes, die literarische
Analyse in ihrer Synchronie geltend. Das Werk wird nicht mehr
als Ausdruck seiner Zeit, sondern als Raumfragment in der in-
neren Logik seiner Funktionsweise begriffen. Diese Logik des
Werks erschließt sich nicht mehr aus exogenen, kontextuellen
Kausalitätsbeziehungen, sondern aus einem Feld syntagmati-
scher oder paradigmatischer Kontiguitätsbeziehungen, die keine
Kausalitätsverhältnisse mehr bedingen, sondern lediglich solche
des Kommunizierens der verschiedenen Codes rund um eine be-
stimmte Zahl von Polen.
1964 : der Durebbruch für das semiologisebe Abenteuer 299

Communications Nr. 4 : ein semiologisches Manifest

In der vierten Nummer der Zeitschrift Communications wird in


diesem Jahre, 1964, die Ausbreitung des linguistischen Modells
auf dem literarischen Feld als das kommende Programm vorge-
stellt. Tzvetan Todorov schreibt seinen ersten Artikel in französi-
scher Sprache: »La description de la signification en littérature«.
Darin erarbeitet er eine Stratigraphie der Analyseebenen. Er un-
terscheidet die phonematische Distribution, in der die inhaltliche
Ebene nicht zum Zuge kommt, die grammatikalische Ebene, die
er als die der Inhaltsform definiert und die in der Literatur eine
entscheidende Rolle für die Bedeutung spielt, und schließlich die
Inhaltssubstanz, die unter die Semantik fällt. Dieser Ansatz ver-
steht sich als radikal formalistisch, und wenn Todorov in der Lite-
ratur Spuren anderer, aus dem sozialen oder nationalen Leben
einfließender Bedeutungssysteme anerkennt, so »bleibt die Un-
tersuchung dieser Systeme selbstverständlich außerhalb der lite-
rarischen Analyse im strengen Sinn« 6 .
Claude Brémond fragt ebenfalls nach den Aussichten und
Grenzen der formalen Analyse, und zwar konkret anhand von
Wladimir Propps Werk Morphologie des Märchens (München
1972). Sich auf Propp stützend, verteidigt er die Fundamente ei-
ner eigenständigen Sémiologie der Erzählung, die die traditionel-
len Inhaltsanalysen ersetzen soll. Ausgehend von einem Corpus
von etwa hundert russischen Volksmärchen, hatte Propp jedes
Märchen auf der Basis eines Verzeichnisses von einunddreißig
Funktionen transkribiert, die es nach seiner Auffassung gestat-
ten, den Handlungen sämtlicher Märchen des untersuchten
Corpus erschöpfend Rechnung zu tragen. Claude Brémond
verteidigt die formale Analysemethode mit ihrem deskriptiven
Blickwinkel gegen die Statthalter der traditionellen Literaturge-
schichte : »Versessen darauf, die Fragen der genetischen Filiation
zu lösen, vergessen sie, daß Darwin erst nach Linné möglich
wird.« 7
300 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Propps Methode ist für Claude Brémond besonders anregend,


und er denkt über die Bedingungen ihrer Verallgemeinerung nach.
Allerdings macht er sich dabei einen Teil der 1962 von Lévi-Strauss
formulierten kritischen Einwände zu eigen. So sagt er sich von
Propps finalistischem Postulat los, das diesen zwar zu einer voll-
kommeneren Umsetzung des untersuchten Materials ins Modell
führt, um den hohen Preis jedoch der Opferung der Teile für das
Ganze, die sich aus der Reduzierung der Märchenmotive auf ihre
invariante Funktion ergibt. Claude Brémond schlagt für die me-
thodische Annäherung an die Narration eine Differenzierung der
Analysemaßstäbe vor : auf der einen Seite die Arbeit des Klassifi-
zierens, der vergleichenden Untersuchung der verschiedenen For-
men von Narrativität, auf der anderen Seite die Inbezugsetzung
nicht der Formen untereinander, sondern der »narrativen Schicht
einer Botschaft mit den sonstigen Bedeutungsschichten« 8 .
In dieser Nummer der Communications erscheint auch Ro-
land Barthes' Aufsatz »Elemente der Sémiologie«, in dem er ein
Seminar verarbeitet, das er an der Sechsten Sektion der EPHE
gibt. Dieser Artikel ist für ein breiteres Forscherpublikum be-
stimmt, daher gibt er sich als Manifest für eine neue Wissen-
schaft: die Sémiologie. Diese theoretische Darstellung bildet
übrigens den Rahmen für Barthes' eigene Forschungen, denn zur
selben Zeit verfaßt er Die Sprache der Mode. Zu jener Zeit erlebt
Barthes einen wahren »methodologischen Rausch« 9 und stellt
seine eigene Schreibtätigkeit zurück zugunsten einer Forschung,
die sich als wissenschaftliche Arbeit versteht. In dieser Spannung
zwischen dem Semiologen und dem Schriftsteller durchläuft
Barthes damals die stärkste Negation seiner Schriftstellernatur,
seiner Subjektivität, die er im Namen der Wissenschaft opfert:
»Es gibt zwei Phasen bei Roland Barthes. In der ersten glaubte er
an die Notwendigkeit und Möglichkeit, eine Wissenschaft vom
Menschen zu schaffen. Weshalb sollte nicht, so wie sich im 19.
Jahrhundert die Naturwissenschaften konstituiert hatten, das 20.
Jahrhundert das Jahrhundert der HumanWissenschaften sein?« 10
1964 : der Durchbruch für das semiologische Abenteuer 301

Die in Communications Nr. 4 erschienenen »Éléments de sé-


miologie« liefern ein didaktisches Exposé, worin die Lehren
Saussures und Hjelmslevs im Hinblick auf die Errichtung dieser
neuen Wissenschaft vorgestellt werden. Barthes übernimmt die
Saussureschen Begriffspaare Sprache (langue)/Sprechen (parole),
Signifikant/Signifikat, Syntagma/System und schreibt sich inso-
weit in eine strikte strukturalistische Orthodoxie ein. Diesen Di-
chotomien fügt er Hjelmslevs Umverteilung der Saussureschen
Termini hinzu: den Sprachbau (die Sprache im Saussureschen
Sinne), die Norm (die Sprache als materielle Form) und den
Sprachgebrauch (die Sprache als Summe der Gewohnheiten einer
bestimmten Gesellschaft). Diese Trilogie gestattet es Hjelmslev,
den Begriff langue radikal zu formalisieren und das Saussuresche
Paar langue/parole durch das Paar Sprachbau/Sprachgebrauch zu
ersetzen.
Was Barthes an dieser linguistischen Revolution festhält, ist
ihre allgemeine Tragweite für die Errichtung einer neuen Wissen-
schaft, und im Hinblick darauf kehrt er den Vorschlag Saussures,
der die Sémiologie an den Horizont der Entwicklung der Lin-
guistik stellte, um. Er definiert also im Gegenteil das Programm
einer Sémiologie als Untereinheit der Linguistik.11 Zum Nach-
weis ihrer Leistungsfähigkeit zitiert er sämtliche Anstrengungen
herbei, die diesbezüglich in den verschiedenen Disziplinen unter-
nommen worden sind. Diese künftige, noch zu errichtende Wis-
senschaft der Sémiologie stellt sich als die Wissenschaft von der
Gesellschaft dar, soweit sie sich signifiziert: »Die soziologische
Bedeutung des Begriffs Langue/Parole liegt auf der Hand.« 12
Dennoch sieht Barthes die ersten positiven Zeichen für eine
Verwirklichung der Sémiologie nicht in der Soziologie, die sich
gegen den Begriff der Immanenz sperrt, sondern vielmehr in der
Geschichtswissenschaft, wie sie unter der Ägide von Fernand
Braudel mit seiner Unterscheidung Ereignis/Struktur von den
Annales praktiziert wird, ferner in der Anthropologie von Lévi-
Strauss, der das Saussuresche Postulat vom unbewußten Charak-
302 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

ter der Sprache (langue) übernommen hat, sowie in der Psycho-


analyse von Lacan, »für den der Wunsch selbst wie ein Bedeu-
tungssystem gegliedert ist« 13 . Die universale Semantisierung der
Gebräuche zeitigt ein Reales, das sich definiert als das, was intel-
ligibel ist. Die Soziologie wird nun mit einer Sozio-Logik in eins
gesetzt, und die Bedeutung resultiert aus dem Prozeß, der Signi-
fikant und Signifikat vereint, sowohl in seiner Saussureschen wie
in seiner Hjelmslevschen Version.
In dieser noch zu errichtenden Sémiologie schreibt Barthes
vier Disziplinen eine Antriebsrolle zu: »Wirtschaftswissenschaft,
Linguistik, Ethnologie und Geschichtswissenschaft bilden ge-
genwärtig ein quadrivium von Pilot-Wissenschaften.« 14 Die Sé-
miologie muß ihre Scheidelinien, ihre Grenzen ziehen; sie wird
auf dem Relevanzprinzip aufbauen, das heißt auf dem Bedeu-
tungsfeld der an sich selbst untersuchten Objekte, also von einer
Situation der Immanenz ausgehen. Dazu muß der Corpus homo-
gen sein und per Definition sonstige Systeme, psychologischer,
soziologischer und anderer Art, ausklammern. Die zweite Aus-
richtung dieser Wissenschaft ist ihr Ahistorizismus : Der Corpus
sollte diachronische Elemente weitestmöglich ausgrenzen; »er
sollte mit einem bestimmten Zustand des Systems, mit einem
>Ausschnitt< der Geschichte zusammenfallen« 15 . Das bei dieser
Bedeutungssuche verwendete Instrumentarium findet Barthes
hauptsächlich in einer konnotativen Linguistik, die an Hjelmslevs
Gegensatz Denotation/Konnotation anknüpft, den Barthes be-
reits in den Mythen des Alltags angewandt hatte.
Um dem ehrgeizigen Projekt der Errichtung eines semiologi-
schen Programms mehr Gewicht zu verleihen, stellt Barthes,
ebenfalls im Jahre 1964, noch einmal die Essenz seiner Chroni-
stentätigkeit der Jahre 1953 bis 1963 in einem Sammelband zu-
sammen, dem er den Titel Essais critiques gibt. Aus ihm läßt sich
eine im Aufbau befindliche, tastend erarbeitete Sémiologie her-
auslesen, ein wahres wissenschaftliches Bastelwerk, das sich
mehr als seine ersten Arbeiten auf die Problematik des Zeichens
1964 : der Durchbruch für das semiologische Abenteuer 303

konzentriert. Sie greift auf verschiedene Modelle zurück, bei-


spielsweise auf den Binarismus Jakobsons oder Trubetzkoys
Analyse in Termini differentieller Positionen. »Zu diesem Zeit-
punkt also, zwischen 1962 und 1963, [...] macht sich bei Barthes
die innere Revolution bemerkbar.« 16

Barthes definiert die strukturalistische Tätigkeit

In diesem Sammelband definiert Barthes, was er unter Struktura-


lismus versteht. Das Phänomen läßt sich in keine Schule fassen,
da dies eine gar nicht bestehende Forschungsgemeinschaft und
Solidarität zwischen all diesen Autoren voraussetzte. Wie also
den Strukturalismus bestimmen? »Der Strukturalismus ist [...] im
wesentlichen eine Tätigkeit [...]. Das Ziel jeder strukturalisti-
schen Tätigkeit [...] besteht darin, ein >Ob]ekt< derart zu rekon-
struieren, daß in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen
Regeln es funktioniert (welches seine >Funktionen< sind). Die
Struktur ist in Wahrheit also nur ein simulacrum des Objekts
[...].«17 So gibt es gleichwohl einen gemeinsamen Horizont in
dieser Tätigkeit, der über die Verschiedenheit der auf der Suche
nach dem strukturalen Menschen begriffenen Disziplinen und
die Einzigkeit des jeweiligen Forschers hinausgeht. Der struktu-
rale Mensch definiert sich dadurch, daß er Bedeutung herstellt,
und das Verfahren besteht darin, sich im wesentlichen für den be-
deutungsherstellenden Akt zu interessieren anstatt für seinen In-
halt selbst. Die strukturalistische Tätigkeit wird als »eine Tätig-
keit der Nachahmung« 18 ins Auge gefaßt, als eine Mimesis, die
nicht auf einer Analogie der Substanz, sondern der Funktion
gründet. Als Vorläufer für diese Verschiebung der Forschung zi-
tiert Roland Barthes gleichermaßen die Werke von Claude Lévi-
Strauss, Nicolai Trubetzkoy, Georges Dumézil, Wladimir Propp,
Gilles Gaston-Granger, Jean-Claude Gardin und Jean-Pierre Ri-
chard. Überdies erlaubt es diese Tätigkeit, die Sonderung zwi-
304 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

sehen künstlerischer, literarischer und wissenschaftlicher Arbeit


zu überwinden. In dieser Hinsicht stellt Barthes jene Tätigkeit,
die sich der Linguistik bedient, um eine Wissenschaft von der
Struktur zu errichten, auf eine Ebene mit der Schreibweise von
Butor, der Musik von Boulez, der Malerei von Mondrian, deren
Kompositionsweisen ebenso am Simulakrum des Objekts teilha-
ben wie die semiologische Arbeit.
In einem stark von Saussure geprägten Ansatz definiert
Barthes den Strukturalismus nicht als eine bloße Reproduktion
der Welt, so wie sie ist, sondern als Erzeuger einer neuen Katego-
rie, die sich weder auf das Reale noch auf das Rationale zurück-
führen läßt. Die strukturalistische Tätigkeit verweist auf das
Funktionale, auf die Untersuchung der Bedingungen des Denk-
baren, dessen, was Bedeutung allererst möglich macht, und nicht
den einzelnen Inhalt. Bedeutung ist eine Kulturtatsache, die zur
Naturalisierung neigt, und genau dieser Prozeß ist von der Sé-
miologie aufzuschlüsseln. Mit seiner Absicht, die sogenannte na-
türliche, scheinbar unverrückbare Bedeutung ins Wanken zu
bringen, zeigt dieses Programm eine radikal kritische Funktion
gegenüber der herrschenden gesellschaftlichen Ideologie an.
Aufgabe des Semiologen ist also nicht, eine dem untersuchten
Werk zugrundeliegende, in ihm bereits vorhandene Bedeutung
zu entziffern, sondern von den Regelzwängen der Ausarbeitung
der Bedeutung, von den Bedingungen ihrer Geltung Rechen-
schaft abzulegen. Die Dekonstruktion der Ideologie, der eta-
blierten Bedeutung und deren Pluralisierung sind lauter For-
men eines radikalen Historizismus, den man bei Michel Foucault
systematisiert und mit einem Ahistorizismus kombiniert se-
hen kann, wie er dem Postulat des Synchronischen eigen ist. Für
Barthes ist der Strukturalismus keine wirkliche Schule, vielmehr
ein wirklicher Bruch in der Entwicklung des Bewußtseins : »Der
Strukturalismus kann historisch als der Übergang vom symboli-
schen Bewußtsein zum paradigmatischen Bewußtsein definiert
werden.« 19 Dieses neue paradigmatische Bewußtsein äußert sich
1964 : der Durchbruch für das semiologische Abenteuer 305

durch ein komparatistisches Verfahren, das nicht von der Bedeu-


tungsfülle ihrer Substanz ausgeht, sondern auf der Ebene ihrer
Form ansetzt. Und die Wissenschaft par excellence dieses para-
digmatischen Bewußtseins, das Modell der Modelle ist für
Barthes die Phonologie: »Sie ist es, die durch das Werk von
Claude Lévi-Strauss hindurch den strukturalistischen Aufbruch
definiert.« 20

Die Bestimmung zur Kritik

Diese Bewußtseinsveränderung kann nicht allein auf eine Ver-


schiebung zwischen Disziplinen im Feld der Sozialwissenschaft
zurückzuführen sein; sie ist auch Ausdruck einer Periode, in der
der Intellektuelle, der Schriftsteller seinen kritischen Blick, seine
Revolte nicht auf die gleiche Weise in Anschlag bringen kann wie
unmittelbar nach dem Krieg. Der Gegenstand der Revolte hat
sich gewandelt, er besteht nicht mehr in der Idee einer globalen
Subversion der sozialen Ordnung. Fortan betrifft die Revolte
»wirklich das Ganze, das Gewebe unserer Evidenzen, das heißt
das, was man die westliche Zivilisation nennen könnte« 21 . In ei-
ner Destabilisierung der herrschenden westlichen Werte, einer ra-
dikalen Kritik der kleinbürgerlichen Ideologie, der Meinung, der
Doxa wird sich die Barthesche Kritik wie die sämtlicher Struktu-
ralisten üben. Dieses paradigmatische Bewußtsein oder Bewußt-
sein der Paradoxie, das auf Erschütterung der Doxa abhebt, voll-
zieht sich über die Durchleuchtung und Demontage der Logiken
und Modelle, der Seins- und Erscheinungsweisen der ideologi-
schen Konstruktionen. Gegenstand der Kritik ist also das Über-
Ich, das die Denkweisen der herrschenden Rationalität bilden,
und was diese konnotieren. Dafür ist freilich eine strenge Er-
kenntnis der Funktionsweise der Sprache Voraussetzung.
Diese Angriffsrichtung scheint wirksamer als die bloße Zu-
rückweisung der vergangenen Werte im Namen avantgardisti-
306 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

scher literarischer Prinzipien, die dann bald ins bestehende Sy-


stem integriert zu werden drohen: »Jede Avantgarde wird sehr
leicht und sehr schnell vereinnahmt. Vor allem in der Literatur.« 22
Die Konsumgesellschaft, die sich im Laufe der fünfziger Jahre
breitgemacht hat, hat eine derartige Warenrotationskapazität,
daß auch die Kulturgüter ihrem Gesetz unterworfen sind, und
der Kreislauf, der vom radikalen Bruch zum Handelsobjekt
reicht, ist noch nie so schnell gewesen. Ihr Selbstregulierungsme-
chanismus ist die Assimilation, und so »gibt es einen Surrealis-
mus in den Schaufenstern von Hermès oder der Galeries La-
fayette« 23 .
Die technische Gesellschaft, die Gesellschaft kultureller Mas-
senkonsumtion erschwert es also, ihren Maschen zu entkommen
und Revolte oder Verweigerung zu äußern, sie läßt dies geradezu
illusorisch werden. Das ist sicherlich einer der Gründe, weshalb
die Sémiologie als ein zur Wissenschaft und zur Kritik bestimm-
ter Diskurs, als Zuflucht, als Freistatt erschien. Wer kein Rim-
baud, Bataille oder Artaud zu sein vermag, dem gestattet sie, die
Herrschaftsmechanismen zu demontieren und damit eine unein-
nehmbare, nicht zu vereinnahmende Position der Extraterritoria-
lität zu besetzen, einen Außenstandpunkt, der im Namen der
wissenschaftlichen Positivität auftritt. Die Subversion der Spra-
che vollzieht sich nun durch die Sprache selbst und muß als erstes
die Trennwände niederreißen, die die verschiedenen Gattungs-
grenzen zwischen Roman, Dichtung und Kritik festlegen. Alle
diese Ausdrucksformen unterliegen der Textualität und damit ein
und demselben Analyseraster, dem des paradigmatischen Be-
wußtseins: »Ich glaube, daß man sich jetzt zu einer tiefgreifende-
ren Revolte anschickt als früher, und zwar genau deshalb, weil sie
sich wahrscheinlich zum ersten Mal gerade auf das Instrument
der Revolte selbst erstreckt, welches die Sprache ist.« 24 In diesem
Sinne fühlt sich Barthes als jemand, der die Arbeit des Schriftstel-
lers mit anderen Mitteln weiterführt. Nie ist daher über der Span-
nung zwischen dem Schriftsteller und dem Semiologen, die man
1964 : der Durchbruch für das semiologische Abenteuer 307

bei ihm erkennen kann, der literarische Horizont ausgeblendet


worden, auch wenn seine Objekte zeitweilig die Küche oder die
Kleidung gewesen sind und seine Sprache die technische Sprache
der Linguistik. Die Sémiologie erscheint als moderne Möglich-
keit, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Literatur zu machen.
Im Jahre 1964 weckt dieses Programm wachsende Begeisterung.
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens

Der semiotische Strukturalismus stellt sich zugleich als der am


stärksten formalisierte Zweig des Strukturalismus dar, als der-
jenige, der den »harten« Wissenschaften, der mathematischen
Sprache am nächsten kommt. Mit Sicherheit ist seine Ambition
die weitreichendste, denn so wie Algirdas Julien Greimas, der
Vordenker des Programms, sie versteht, begnügt sich die Semio-
tik nicht mit einem Dasein als Zweig des linguistischen Stammes,
sie soll vielmehr das gesamte Feld der Humanwissenschaften um-
fassen: »Ich habe seit je, von Beginn an eine Semiotik im Auge
gehabt, die über die Linguistik hinausgeht, welche nur einer ihrer
Teilbereiche ist.« 1 Insofern bleibt Greimas der Saussureschen
Konzeption treu, als er sowohl die Anthropologie als auch die Se-
mantik, die Psychoanalyse wie die literarische Kritik darunter zu
versammeln gedenkt.
Die Nähe zu den Mathematikern und Logikern äußert sich bei
einigen Linguisten auch auf institutioneller Ebene, durch ihre
Mitwirkung an den Lehrveranstaltungen des Institut Poincaré an
der Pariser Fakultät der Wissenschaften. So hält Antoine Culioli
dort seit 1963 ein Seminar in formaler Linguistik ab. Algirdas Ju-
lien Greimas unterrichtet dort ebenso wie Bernard Pottier, Jean
Dubois und Maurice Gross. Greimas' Seminar handelt von der
Semantik, einem Gebiet, das bislang nicht zum traditionellen
Feld der Linguistik gezählt wurde: »Hier haben sich dann nach
und nach Nicolas Ruwet, Oswald Ducrot und Marcel Cohen
zusammengefunden, etwas später auch Tzvetan Todorov. Eine
weitere wichtige Persönlichkeit war Lucien Sebag, der unglückli-
cherweise in dem Sommer starb, als wir ein gemeinsames Seminar
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 309

ins Auge gefaßt hatten. Wir hatten vor, eine Verbindung zwi-
schen Anthropologie, Semantik und Psychoanalyse herzustellen.
Er hat sich das Leben genommen, und ich habe das Lacan nicht
verziehen.« 2
Greimas' Strukturale Semantik, die 1966, im Jahr aller struktu-
ralistischen Erfolge, erscheint, ist im Grunde aus dem Seminar
hervorgegangen, das er 1963/64 am Institut Poincaré abgehalten
hat. Der Nachdruck, mit dem Greimas für eine allgemeine Se-
miotik eintritt, die alle Bedeutungssysteme umgreifen soll, führt
zur Öffnung der linguistischen Arbeit für alle anderen Felder.
Auch die Tatsache, daß die beiden Lehrmeister der Linguistik in
Frankreich, Martinet und Greimas, aneinander vorbeireden, läßt
eine andere Ausrichtung deutlich erkennen : »Wenn ich Greimas
lese, finde ich mich nicht mehr zurecht. Die Sémiologie driftet ja
in alle Richtungen ab.« 3 Martinet setzt ganz auf die Beschreibung
der Funktionsweise der Sprache (langue) und setzt damit der lin-
guistischen Arbeit enge Grenzen. Dem entgegnet Greimas:
»Martinet ist ein dicker Bauer, der sich gut auf seinem Acker aus-
kennt. Wenn jemand sich mit Musik oder Malerei befassen
wollte, schickte ich ihn zu Martinet, der ihm dann sagte: b e -
schäftigen Sie sich mit Phonetik, und kommen Sie in einem Jahr
wieder.< Nicht gerade berückende Aussichten!« 4
Der Roland Barthes der Elemente der Sémiologie nimmt sehr
deutlich Greimas' Perspektive einer allgemeinen Semiotik ein,
auch wenn er mit der Stelle an der Sechsten Sektion der EPHE
seinem Lehrmeister aus Alexandria in institutioneller Hinsicht
zuvorgekommen ist und 1965 mit Hilfe von Lévi-Strauss dafür
sorgt, daß Greimas dort eine Berufung erhält. Sobald dieser Stu-
diendirektor geworden und die Strukturale Semantik erschienen
ist, schafft sich die Semiotik in Frankreich institutionelle Grund-
lagen, abermals dank der Unterstützung von Lévi-Strauss, der
mit der Erarbeitung eines strukturalistischen Programms vorne
liegt und bereits fester etabliert ist.
Im Jahre 1966 formiert sich eine Forschungsgruppe um Grei-
310 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

mas als semio-linguistische Sektion des Laboratoire d'anthro-


pologie sociale der E P H E und des Collège de France, also bei
Lévi-Strauss und seinem Anthropologenstab. Dort findet man
Oswald Ducrot, Gérard Genette, Tzvetan Todorov, Julia Kri-
steva, Christian Metz, Jean-Claude Coquet und Yves Gentil-
homme versammelt. 5 Parallel zur Forschungstätigkeit wurde
anspruchsvoller Semiotikunterricht erteilt, der sich auf allge-
meine Sprachwissenschaft, Mathematik, Logik, Grammatik und
Semantik stützte.

Die strukturale Semantik : der Greimassismus

Angesichts der besonderen Schwierigkeiten, ihren Gegenstand


und ihre spezifischen Methoden zu konstituieren, und wegen
ihres späten Auftretens am Ende des 19. Jahrhunderts ist die
strukturale Semantik »immer die arme Verwandte der Lingui-
stik« 6 gewesen. Gerade deshalb verankert Greimas die Semantik
auf dem allerformalsten Terrain, dem der Mathematiker und der
Logiker, denen »die Linguistik Rechnung tragen muß« 7 . Das
linguistische Modell, dessen er sich bedient, um seine struktu-
rale Semantik zu errichten, findet sich bei Saussures formali-
stischstem Erben, Hjelmslev: »Claude Lévi-Strauss hat einmal
gesagt, ehe er sich ans Schreiben begebe, lese er jedesmal drei
Seiten aus Marxens Achtzehntem Brumaire. Für mich sind das
Seiten von Hjelmslev.« 8
Im Rückgriff auf den Diskontinuitätsbegriff der Mathematik
stellt Greimas zwei verschiedene Analyseebenen einander ent-
gegen: auf der einen Seite der Untersuchungsgegenstand, die
Sprache (langue), auf der anderen Seite die linguistischen Instru-
mente, die eine Metasprache darstellen. Unter einer Hjelmslev-
schen Perspektive wird sich nun alles auf der Ebene zweier
Metasprachen ansiedeln: einer deskriptiven, in der die Bedeutun-
gen in der Sprache {langue) formuliert werden, und einer metho-
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 311

dischen Metasprache. Immer noch Hjelmslev folgend, schließt


dieser Ansatz gegenüber den Saussureschen Distinktionen neue
Instrumente, neue Bezeichnungen ein. Greimas differenziert
zwischen den Phemen des Signifikanten und den Semen des Si-
gnifikats, die er als zwei verschiedenen Seiten zugehörig betrach-
tet. Die Einheit Signifikant/Signifikat ist somit in Frage gestellt
und in zwei heterogene Ebenen aufgespalten: »Einmal in der
Kommunikation realisiert, ist die Verbindung von Signifikat und
Signifikant also dazu bestimmt, in dem Augenblick aufgelöst zu
werden, in dem man die Analyse der einen oder der anderen Seite
der Sprache (langage) nur ein kleines bißchen vorantreiben
möchte.« 9 Ausgehend von dieser kleinsten distinktiven Einheit,
der des Semens, können nun Lexeme, Paralexeme, Syntagmen
usw. aufgebaut werden.
Als eine weitere Entlehnung aus der Logik soll der Begriff der
Isotopie die Zugehörigkeit ganzer Texte zu homogenen semanti-
schen Ebenen zum Vorschein bringen, die als strukturelle Reali-
täten der sprachlichen Äußerung gedeutet werden können: »Der
Wert dieser Techniken läßt sich [...] für die Humanwissenschaf-
ten mit der algebraischen Formalisierung in den Naturwissen-
schaften vergleichen.«10 Dieses Modell soll also die Human-
wissenschaften in die Lage versetzen, den gleichen Grad an
Wissenschaftlichkeit zu erreichen wie die sogenannten harten
Wissenschaften. Dazu muß die strukturale Semantik sich von je-
der humanistischen Perspektive trennen und sich der Anschau-
ungen entledigen, um sie durch Prozeduren der Verifikation zu
ersetzen. Dies induziert eine Vereinheitlichung der Intentionali-
tät des Sprechers, indem diese in einer Hierarchie kontextueller
Verschränkungen aufgelöst wird.
Wie bereits bei Saussure, doch bei Greimas noch verstärkt, ist
damit der Ahistorizismus des Verfahrens impliziert, das darauf
aus ist, dem Realen eine zeitlose und ordnende strukturelle Reali-
tät abzugewinnen, unabhängig vom signifizierten Inhalt und
dem kontextuellen Rahmen: »Wir haben das Recht zu der An-
312 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

nähme, daß das achronische Organisationsmodell der Inhalte,


das wir so in sehr weit voneinander entfernten Gebieten antref-
fen, eine allgemeine Tragweite besitzen muß. Seine Indifferenz
gegenüber den investierten Inhalten [...] zwingt uns, es als ein
metasprachliches Modell anzusehen.« n Somit will Greimas die
ereignishafte Kontingenz der menschlichen Geschichte überwin-
den zugunsten einer strukturellen, jeder empirischen Spur entle-
digten Geschichte. In diesem semiotischen Projekt, dem am
stärksten szientistischen der strukturalistischen Phase, ist die ma-
thematische Terminologie allgegenwärtig und fungiert als uner-
läßliches Modell: »Algorithmus von Prozeduren«, »Regeln der
Äquivalenzenbildung«, »Konversionsregeln« usw.
Dieses logisch-szientifische Verfahren findet sich übrigens in
den beiden Projekten wieder, die diesem szientistischen Struktu-
ralismus am nächsten stehen, denen von Lévi-Strauss und Lacan.
Der im strukturalistischen Paradigma rekurrente Begriff des Ein-
schnitts steht hier in der Semiotik an zentraler Stelle, da er die
Scheidung zwischen zwei von unterschiedlichen Realitäten her-
rührenden Strukturen herstellt, doch »wie läßt sich von einer im-
manenten Theorie der Sprache zu einer immanenten Theorie der
Bedeutung im allgemeinen übergehen? Wie, mit anderen Wor-
ten, aus dem Binarismus der Zeichen den der Bedeutung erschlie-
ßen?« 12
Antwort auf diese entscheidenden Fragen gibt Claude Bré-
mond 13 , der in Greimas' Lektüre von Wladimir Propp zwei Ana-
lysestufen unterscheidet. Den ersten Moment bildet ein indukti-
ves Vorgehen, das vom Modell der Morphologie des Märchens
ausgeht: »Greimas hat die Sequenz der von Propp vorgeschlage-
nen Funktionen überdacht, um daraus — und dieser Gedanke ist
verdienstvoll — ein besser strukturiertes System von Grundoppo-
sitionen zu entwickeln.« u Greimas lieferte einige nützliche Ana-
lyseinstrumente, indem er zum Beispiel Propps Figuren anhand
ihrer operationalen Ebene in Akteure und Aktanten unterschied,
wodurch er für den Mythos ein Aktantenmodell mit sechs Ter-
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 313

mini aufbauen konnte, das leistungsfähiger ist als das Sieben-Fi-


guren-Schema Propps.
Doch Greimas beschränkt sich nicht auf dieses erste Stadium
der theoretischen Ausarbeitung; bald geht er zu einer zweiten,
deduktiven Abstraktionsetappe über, auf der er a priori die Exi-
stenz eines transzendenten Prinzips ansetzt, von dem aus man
die verschiedenen Stufen hinabsteigen kann, die zu dessen kon-
kreten, textuellen Manifestationen führen. Diese deduktive Vor-
gehensweise definiert sich anhand von zwei Zentralbegriffen:
dem semiotischen Viereck als elementarer Bedeutungseinheit
und der semiotischen Generierung der signifikativen Objekte.
Claude Brémond hält dieses Viereck für »völlig unergiebig«, es
rühre in Wahrheit aus einer »mystischen Vorstellung, einem tran-
szendenten Prinzip« 15 . Nichts berechtigt in seinen Augen zu ei-
ner Konstruktion, die von einer Extrapolation des Proppschen
Modells ausgeht und als Modell der Modelle für jeden Text im
allgemeinen und sodann für jeden möglichen, geschriebenen
oder ungeschriebenen Text dienen soll: »Letztlich läßt man da-
mit die Reichhaltigkeit des ganzen Universums auf einem Steck-
nadelkopf, auf diesem schlichten Postulat beruhen.« 16
Das vom Aristotelischen Viereck — dem Viereck der konträren
und der kontradiktorischen Gegensätze — abgeleitete semioti-
sche Viereck dient sodann als Matrix, um eine unbegrenzte Zahl
narrativer Strukturen zu erklären: »Es ist der krasseste Fall von
unwiderlegbarer Theorie im Sinne Poppers.« v Durch die An-
wendung des Vierecks wird der Erzählung, sei sie filmisch oder
textuell, zuallermeist eine Ausgangsstruktur aufgesetzt, die inso-
fern stets treffend erscheint, als man ohne Verifizierungsarbeit an
ihre vier Ecken setzen kann, was man will: »Ich fand die Anwen-
dung des semiotischen Vierecks immer etwas skandalös. Ich
denke, daß man das Recht hat, es zum Schluß der Analyse einzu-
setzen, keinesfalls aber zu Beginn.« 18 Das semiotische Viereck
gestattet es, die Distanzierung der empirischen Welt, des Refe-
renten zu radikalisieren zugunsten eines intelligiblen Kerns, der
314 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

sich als unsichtbarer Generalschlüssel zu jeder bedeuteten Reali-


tät darstellt. Die Bedeutung wird also unmittelbar aus einer
Struktur hergeleitet, die ihr immanent ist.
Paradoxerweise hat dieses semiotische Programm, das sich als
das umfassendste darstellte, da es ja die Lehren Propps, Lévi-
Strauss' Mythenanalyse und Hjelmslevs Prolegomena miteinan-
der verknüpfte, nicht die erhofften Resultate erbracht. Ganz im
Gegenteil, der Greimassismus hat sich bald in wachsender selbst-
bezüglicher Abstraktheit abgekapselt; er fungierte als Orthodo-
xie einer zusehends schwindenden Gemeinde und wandte die
ausgeklügeltsten Mittel akribischer Logik auf, um damit zu ziem-
lich enttäuschenden, ja oftmals tautologischen Ergebnissen zu
kommen: »Ich weiß noch, daß ich Gutachter für die höchst um-
fangreiche thèse eines sehr bekannten Greimas-Schülers war, die
von der Ehe handelte. Er kommt zu dem Schluß, daß die Ehe eine
binäre Struktur sei. Auf eine gewisse Weise ist das richtig, aber
sind für eine solche Schlußfolgerung unbedingt tausend Seiten
Analyse nötig?« 19 War dem Greimassismus auch keine große Zu-
kunft beschieden, so ist doch Greimas selbst im strukturalisti-
schen Enthusiasmus der sechziger Jahre einer der größten Hoff-
nungsträger gewesen: »Die Strukturale Semantikwar ein geniales
Buch, randvoll von Ideen, ein Hauptwerk der Epoche«, meint
Jean-Claude Coquet 20 , der Greimas an der Universität von Poi-
tiers kennenlernte, wo er ein Jahr lang mit ihm unterrichtete, ehe
dieser Poitiers verließ.
Als Greimas aus Poitiers wegging, hinterließ er einen Schüler,
der eine diplôme d'études supérieures vorbereitete, zu deren Be-
treuung er sich an Jean-Claude Coquet wandte : »François Ra-
stier war sehr eng mit Greimas verbunden, der ihn als seinen gei-
stigen Zögling ansah. Rastier hat mir eröffnet, was strukturale
Semantik hieß. So habe ich gelernt, Greimas zu verstehen, und
ich war fasziniert von seiner intellektuellen Gewandtheit und
Überzeugungskraft.« 21 Die seinerzeit am weitesten verbreitete
Linguistik war diejenige, die es auf das Subjekt und auf die Ge-
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 315

schichte abgesehen hatte. Vor diesem Hintergrund nahm Grei-


mas sich dementsprechend als der Radikalste und daher Wissen-
schaftlichste aus, ein Erfolg, der die andere Ausrichtung der
strukturalen Linguistik, die von Emile Benveniste vertretene, in
den Schatten gestellt hat. Das von Greimas übernommene
Hjelmslevsche Modell fußt nämlich auf der Erstellung eines so-
genannten »normierten«, »objektivierten« Textes. Damit diese
Bereinigung eines szientifischen Objekts glückt, schaltet Grei-
mas alle dialogischen Manifestationen, alle Formen, die sich auf
ein Subjekt (das Ich, das Du) beziehen, aus. In diesem Stadium
erzielt er somit normgerechte Aussagen in der dritten Person.
Des weiteren normiert er die Texte dadurch, daß er alle Zeitbe-
züge zugunsten eines durchgehenden Präsens beseitigt. Sprachli-
che Merkmale, die zur Unterscheidung von Vorher und Nachher
dienen, geraten dabei zum vagen Hinweis auf eine ferne Vergan-
genheit: »Daher Greimas' Interesse an Märchen, an mythischen
Erzählungen, über die es sich leichter arbeiten ließ.« 22 Doch diese
vierfache Negation, die des Ich (des Subjekts), des intersubjekti-
ven Dialogs, des Jetzt in der Zeit und des Hier im Raum, scheitert
bald daran, daß die zur Erklärung anstehenden narrativen Struk-
turen zugunsten einer Ontologisierung der Struktur verküm-
mern müssen.
Wird die Semiotik fähig sein, das vereinheitlichende Pro-
gramm der Wissenschaften vom Menschen zu verwirklichen ? Ihr
wissenschaftlicher Imperialismus steht außer Zweifel, und so
wird die erwähnte Zusammenarbeit an einem Forschungsinstitut
mit einem weiteren Unternehmen globalen Anspruchs — der
strukturalen Anthropologie — nur von kurzer Dauer sein.

Barthes als Semiotiker

Zwischen 1960 und 1964 hat Greimas in Roland Barthes einen


Schüler, der sich bereits erhebliches Ansehen erworben hat. Da-
316 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

mais nährt Barthes sich von Greimas' Theorie, um die Berufung


zum Schriftsteller zugunsten eines strengen und wissenschaftli-
chen Diskurses zu unterdrücken. Von intuitivem Wesen, ist
Barthes darauf angewiesen, seine Empfindungen zu rationalisie-
ren, und in Greimas findet er denjenigen, der in der Rationalisie-
rung am weitesten geht. »Man kann nichts von Barthes verstehen,
wenn man nicht begreift, daß, selbst wenn er in der höchsten Ab-
straktion zu denken scheint, dies in Wahrheit eine affektive Aus-
wahl bemäntelt.« 23 Das binäre Modell Saussures paßt ihm wie
angegossen, denn sein Denken ist immer dichotomisch. Es setzt
nämlich einen aufgewerteten gegen einen abgewerteten Pol, das
Gute gegen das Schlechte, was ihm gefällt, gegen das, was ihm
mißfällt, den Geschmack gegen die Abscheu vor dem Abge-
schmackten, den Schriftsteller gegen den Schreiber. Wenn er auch
später dem Ausdruck seiner Affekte freien Lauf lassen wird, so
bleiben diese Anfang der sechziger Jahre, als er die Prinzipien ei-
nes semiologischen Programms, den Thesen Greimas' verwandt,
noch im verborgenen.
Die theorielastige, szientistische Phase des damaligen Barthes
läßt sich auch mit der Sorge um akademische Würden erklären.
Wenn ihm auch eine glanzvolle Laufbahn geglückt ist, sind ihm tra-
ditionelle Universitätsdiplome verwehrt gewesen. Der Wunsch
nach Anerkennung begründet seine Arbeitsethik, und hinter dem
Bild des Dilettanten, als der er bei den Spezialisten gilt, verbirgt
sich strenge arbeitsame Askese: »Er war von Grund auf das
Gegenteil eines Bohémiens, mit einer typisch kleinbürgerlichen
Lebensführung und dem unbedingten Wunsch, nicht von un-
vermuteten Geschehnissen erschüttert zu werden.« 24 Anfang der
sechziger Jahre arbeitet Barthes an dem Werk, das er gerne zu sei-
ner thèse d'État (Habilitationsschrift) gemacht hätte, Die Sprache
der Mode. Auf der Suche nach einem Betreuer begibt er sich in
Greimas' Begleitung zu André Martinet: »Ich hätte beinahe Die
Sprache der Mode als thèse betreut. Ich habe mein Einverständnis
gegeben, ihm aber gleichzeitig gesagt, daß dies keine Linguistik
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 317

sei.«25 Angesichts solch geringer Begeisterung sucht Barthes


Lévi-Strauss auf und bittet ihn, die Betreuung seiner thèse zu
übernehmen. Wieder begleitet Greimas ihn und erwartet in ei-
nem Bistro nebenan wie ein banger Vater das Ergebnis der Unter-
redung: »Barthes kam nach einer halben Stunde wieder und sagte,
daß Lévi-Strauss abgelehnt hätte.« 26 Seine Mißbilligung betraf die
allzu beschränkte Spannweite des Projekts, da sich Barthes' Arbeit
lediglich auf das geschriebene System der Mode und nicht auf die
Mode im allgemeinen erstreckte. Barthes dagegen vertrat die An-
sicht, daß auf diesem Gebiet ausschließlich das Geschriebene
signifikant sei. Diese Meinungsverschiedenheit setzte Barthes'
Hoffnungen auf akademische Anerkennung ein Ende. Doch das
Buch, der Ertrag einer langwierigen Arbeit von 1957 bis 1963, kam
1967 bei Seuil heraus. Barthes lag ganz besonders viel an ihm; es
hatte für ihn den Wert einer thèse, auch wenn er den Titel nicht er-
halten hatte: »Wir haben seinen Text drei Mal zusammen durchge-
sehen und jedesmal überarbeitet« 27 , bezeugt sein geistiger Vater.
Es handelt sich also sowohl in theoretischer wie affektiver
Hinsicht um einen Höhepunkt von Barthes' Beziehungen zu
Greimas. Das Buch ist von ihm geprägt und präsentiert sich von
vornherein als eine methodologische Arbeit, die sich — und des-
halb der Zwist mit Lévi-Strauss — nicht auf die getragene Klei-
dung, sondern nur auf die versprachlichte Kleidung (vêtement
parlé) anwenden läßt. Im wesentlichen bearbeitet Barthes das Sy-
stem der Mode in einer Hjelmslevschen Perspektive als Meta-
sprache. Der Übergang von der realen über die verbildlichte zur
»geschriebenen« Kleidung vollzieht sich mittels shifters (Ver-
schieber), ein Begriff, den Barthes von Jakobson übernimmt, al-
lerdings in einem speziellen Sinn, da er hier auf keine besondere
Mitteilung verweist. Die shifters »dienen [dazu], eine Struktur in
eine andere zu transponieren — also, wenn man so will, von einem
Code zum anderen überzugehen« 28 . So definiert Barthes drei
Operatoren, die dies möglich machen : Der wichtigste shifter ist
der »Schnittmusterbogen«, der zweite das »Nähprogramm«, und
318 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

die dritte Übersetzung ist jene, »die es erlaubt, von der ikoni-
schen zur gesprochenen Struktur, von der Darstellung der Klei-
dung zu ihrer Beschreibung überzugehen« 29 .
Die formalistischen Vorgaben einer Normierung der funktio-
nellen Sprachgebräuche haben Barthes dazu veranlaßt, der »ge-
schriebenen« Kleidung den Vorrang zu geben, weil nur sie eine
immanente Untersuchung zuläßt, die keine Rücksicht auf parasi-
täre praktische Funktionen zu nehmen braucht: »Aus diesen
Gründen haben wir hier die gesprochene Struktur für die Unter-
suchung gewählt.« 30 Anschließend definiert er seinen Corpus,
der in Modejournalen des Jahrgangs 1958/59 besteht, wobei er
die Zeitschriften Ε lie und Le Jardin des modes vollständig auswer-
tet. Barthes schreibt seine Studie in eine strikte Saussuresche Or-
thodoxie ein, indem er die Unterscheidung langue/parole wieder-
gibt durch die Opposition zwischen der abgebildeten Kleidung,
die er der parole zuordnet und die daher für den wissenschaftli-
chen Blick ungeeignet ist, und der »geschriebenen« Kleidung, die
der langue zugehört und somit ein mögliches Objekt der Wissen-
schaft darstellt.
Barthes' Analyse fußt auf der von Hjelmslev aufgestellten O p -
position: »Das Problem, das sich mit der Überlagerung zweier
semantischer Systeme in einer einzigen Aussage stellt, ist haupt-
sächlich von Hjelmslev behandelt worden.« 31 Er übernimmt also
die Trennung zwischen Ausdrucksebene (A) und Inhaltsebene
(I), die durch eine Relation (R) verbunden werden. Daraus ergibt
sich an zwei Gelenkstellen eine Zerlegung des Systems, entweder
in Denotations- und Konnotationsebene oder in die Ebene der
Objektsprache und die der Metasprache. Die Mode wird einem
Formalisierungsverfahren, also einer Aushöhlung der Substanz
unterzogen, und über diese Bewegung erfaßt Barthes ihr Wesen.
Sie erscheint als Signifikantensystem, als eine vom Signifikat ab-
geschnittene klassifikatorische Tätigkeit. »Der Mode [gelingt]
gewissermaßen eine unmittelbare Heiligung des Zeichens: das
Signifikat ist vom Signifikanten getrennt [...].«32 Sie funktioniert
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 319

gemäß einer doppelten Setzung : Einerseits läßt sie sich, da sie ein
»naturalistisches« System ist, als logisches System darstellen: Die
populäre Presse praktiziert eine naturalisierte Mode, sie über-
nimmt Bruchstücke der Welt und verwandelt sie in Träume von
der Stange. Auf der anderen Seite praktiziert eine »vornehmere«
Presse eher die reine, ideologischer Substrate entledigte Mode.
Wenn Barthes am Ende dieser langen Studie einsichtig macht,
daß das volle Signifikat den Signifikanten der Entfremdung dar-
stellt, findet er zu Schlüssen soziologischer Ordnung zurück,
ohne in die Fallstricke des Soziologismus zu geraten. Sein »Sy-
stem der Mode« ist der Ertrag einer taxonomischen Sémiologie.
Das Neue daran ist das Aufbieten dieser großen klassifikatori-
schen Leistung, um das Subjekt in der Sprache aufzulösen.
Ironische Aufnahme findet das Werk bei Jean-François Revel,
der seine These mit folgendem Syllogismus veranschaulicht: Die
Ratte knabbert am Käse ; Ratte ist ein Silbengebilde ; also knab-
bert das Silbengebilde am Käse. »Gewiß, der strukturalistischen
Ratte ist nichts unmöglich. Aber kann die >geschriebene< Ratte
noch Käse fressen? Das mögen uns die Soziologen sagen.« 33
Aber die Resonanz ist überwiegend sehr freundlich. Raymond
Bellour führt ein Gespräch mit Barthes in den Lettres françaises^',
und Julia Kristeva sieht einen neuen Schritt getan zur Entmystifi-
zierung der Sémiologie von innen heraus, durch sich selbst:
»Barthes' Arbeit unterläuft die Strömung, die die moderne Wis-
senschaft beherrscht: das Zeichendenken.« 35
Kristeva begrüßt an Barthes' Buch ein radikales Ins-Gericht-
Gehen mit der Metaphysik der Tiefe und dem zwischen Signifi-
kant und Signifikat gesetzten Einschnitt zugunsten der Bezie-
hungen der Signifikanten untereinander — in Übereinstimmung
übrigens mit Lacans Saussure-Lesart und seiner Signifikanten-
kette. Barthes' Sprache der Modellen eine ganze Generation glau-
ben, daß dasselbe Vorgehen auch auf andere Felder angewandt
werden könnte; denn wenn Barthes aus der »geschriebenen«
bzw. beschriebenen Mode Vesteme hatte isolieren können,
320 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

warum dann nicht Gusteme und sonstige distinktive Einheiten


auf allen Ebenen der sozialen Praxis ausfindig machen?
Obwohl also Barthes 1967 sofort ein spektakuläres Echo her-
vorrief und man sich eifrig über sein Werk hermachte, nimmt er
selbst bald von seinen eigenen Aussagen und Ambitionen Ab-
stand. Während er Greimas das Terrain der Semiotik überläßt,
findet Barthes bald zu seiner Tätigkeit als Schriftsteller zurück
und weist diese als Perspektive eines Strukturalismus auf, der kei-
nen Sinn hätte, wenn es seinem Unterfangen nicht gelänge, die
wissenschaftliche Sprache von innen zu unterwandern : »Die lo-
gische Fortsetzung des Strukturalismus kann nur sein, der Litera-
tur nicht mehr als Analysegegenstand, sondern als Schreibtätig-
keit beizukommen. [...] Daher bleibt dem Strukturalisten nichts
anderes übrig, als sich in einen Schriftsteller zu verwandeln.« 36
Mit dem literarischen Horizont, den Barthes 1967 aus seinem
methodischen Anspruch auferstehen läßt, wird auch eine andere
Wiedergeburt möglich, die zum Prinzip selbst der Barthesschen
Schreibweise wird — das Lustprinzip.
In einem Gespräch mit Georges Charbonnier erwidert
Barthes auf die Frage, ob angesichts der Schwärmerei der
Öffentlichkeit für das formale Denken das Buch des Jahres ein
mathematisches Werk sein werde und von daher die Human-
wissenschaften sich bald selbst aufzehrten, also nur eine vor-
übergehende Erscheinung wären: »Die letzte zu durchlaufende
Entwicklungsstufe besteht darin, daß sie [die Humanwissen-
schaften] ihre eigene Sprache in Frage stellen und ihrerseits
ein Schreiben werden.« 37 Wenngleich Barthes den befreienden
Aspekt der verallgemeinerten Formalisierung nicht bestreitet, die
triumphierende Verbannung jegliches Referenten zur Bedeu-
tungslosigkeit, die Verzahnung von Schreibweise und Formali-
sierung in der Nachfolge Maliarmes nicht leugnet, erkennt er
doch an, daß »die literarische Schreibweise eine Art referentieller
Illusion bewahrt, die ihr Würze gibt« 38 . Diese Würze, das Schrei-
ben als Figur des Begehrens des anderen, die Erotik der Sprache,
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 321

die nicht vom Realen, sondern von der Illusion des Referenten
ausgeht, diese ganze Ästhetik der Barthesschen Schreibweise be-
reitet schon seit 1967 eine radikale Wende vor, die nach 1968 zur
Entfaltung kommen wird.

Die Ideologie der Strenge

Hjelmslev hat das semiotische Programm in Frankreich inspi-


riert, aber auch andere Einflüsse sind in diesem Goldenen Zeit-
alter des formalen Denkens zusammengetroffen. Spektakulären
Erfolg hat etwa eine eigene Epistemologie der Mathematik, der
Bourbakismus. Freilich stellt sich die mathematische Struktur bei
Bourbaki in antididaktischer Gestalt dar, als eine Art Verstellung
des Ursprungs — im historischen und empirischen Sinne — des
mathematischen Wissens: »Die Logik der Darlegung und der
Kontext der Beweisführung gewinnen erdrückend Oberhand
über den Kontext der Erkenntnis und den des tastenden Versu-
chens oder der Forschung. Die gesamte empirische, tastende Di-
mension der Mathematik wird systematisch ausgeschaltet zu-
gunsten einer rein formalistischen Darstellung.« 39 Dieser Ansatz
hat indes gerade auf didaktischem Gebiet Anfang der sechziger
Jahre eine große Reform des Mathematikunterrichts zur Folge
gehabt, die Einführung der sogenannten modernen Mathematik
— eine verheerende Reform, der ihr Urheber selbst abschwor.
Die bourbakistische Ideologie hat sicherlich stark zur Ausprä-
gung der strukturalistischen Mentalität und Tätigkeit beigetra-
gen, dem, was Pierre Rémond als Ideologie der Strenge bezeich-
net hat. Der Bourbakismus ließ das mathematische Gebäude
als einen Prachtbau erscheinen, dessen Glanz so manchen ab-
schreckte: »Die Verknüpfung, die Verkettung, die Fügung der
Sätze ist darin als eine Art subjektlose, objektive Notwendigkeit
gegeben, deren innere Stimmigkeit es zu analysieren gilt, ohne
deshalb die eigentlichen historischen Prozesse des mathemati-
322 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

sehen Erkennens in den Blick zu nehmen.« 40 Die Faszination für


dieses Modell ist eine typisch französische und entspricht dem
Rang, den der für die Pariser Semiotikschule bedeutendste Lin-
guist, Louis Hjelmslev, der Mathematik zuerkannte. So traf sich
die Semiotik mit ihrer Erforschung der zwischen Sendestationen
ausgetauschten Codes und Nachrichten und ihrer Bemühung um
immer größere Formalisierung der Kommunikationsphänomene
mit dem Bourbakismus.
Das andere Vorbild, aus dem der Strukturalismus seine Be-
griffe und Methoden schöpft, ist das kybernetische Modell, das
im Zeitalter der Massenkommunikation zunehmend zum Tragen
kommt. Es liefert den Rahmen für besonders weitgespannte For-
schungen und bildet einen interdisziplinären Kreuzungspunkt,
an dem Begriffe aus der Algebra, der Logik sowie der Informa-
tions- und Spieltheorie zusammenkommen.
Daher bietet es sich auch als mögliche Brücke zwischen den ma-
thematischen Wissenschaften und den Humanwissenschaften an,
als die Stelle, an der das gemeinsame Ideal der Intelligibilität, das
sich im semiotischen Programm verkörpert, verwirklicht werden
kann. Es besteht also eine osmotische Beziehung zwischen einem
Formalisierungsdrang, der in der mathematischen Sprache die Aus-
drucksform einer Kappung des Referenten findet, und der aus dem
Osten kommenden Entwicklung formalistischer Untersuchungen
zu Malerei, Musik, Literatur und Architektur. So erklärt sich auch
die spektakuläre Verbreitung hochformalisierter Werke: »Es war
eine Zeit, in der sich Lacan und Chomsky genauso gut verkauften
wie San Antonio. Ich wohnte in Puteaux und erinnere mich noch,
daß ich meine Bücher im Laden an der Pont de Neuilly kaufen ging.
Dort habe ich mir Les Idéalités mathématiques von Desanti und die
Schriften yon Lacan geholt.«41
Diese formalen Modellbildungen erheben den Anspruch, jede
Grenze zwischen mathematisch-logischer Formalisierung und
den Wissenschaften vom Menschen zu tilgen. Jean Piaget ist ein
besonders markanter Vertreter der Bestrebung, die Psychologie
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 323

in eine bruchlos auf die Mathematik zurückgehende Tradition


einzuschreiben. Er erstellt zu diesem Zweck ein Kreisschema des
szientifischen Wissens, das auf eine einheitliche Interdependenz-
konzeption der verschiedenen Wissenschaften hinausläuft, in der
Mathematik, Physik, Biologie und Psychologie wie in einem Zir-
kel verbunden sind. 42 Die Semiotiker waren regelrecht fasziniert
von logischen Formalisierungen, die sie auf die Sprache anwand-
ten. Die Anleihe beim Logizismus, der Paradigmentransfer auf
das Feld der Linguistik war um so verlockender, als auch die Lo-
giker selbst sich mit sprachlichen Problemen befaßt hatten. Die
Reflexion über sprachliche Operationen etablierte sich, und die
Logiker waren insofern im Vorteil, als sie eine fast vollkommene
Formalisierung erreicht hatten: »Die Verlockung war also groß,
zu versuchen, diese logischen Formalisierungen für die Sprache
zu adaptieren, aber ich halte das für eine Art Selbstentmündi-
gung.« 43
Ohne die Notwendigkeit zur Formalisierung und Modellbil-
dung in Abrede zu stellen, glaubt Oswald Ducrot, daß dieses Ziel
aus einem linguistikeigenen Konzept heraus verwirklicht werden
muß, das sich nicht darauf beschränken darf, aus der Sprache Ur-
teile in Termini von »wahr« und »falsch« zu extrahieren. Auch
wenn es in der Sprache durchaus eine Tendenz gibt, wahre Sätze
zu bilden und diese zu einem Vernunftschluß zu verknüpfen, ist
doch auch anderen Dimensionen Rechnung zu tragen, die von
den Logikern ausgeblendet werden: »Mich hat diesbezüglich
eine Bemerkung von Antoine Culioli beeinflußt, der einmal ge-
sagt hat: >Die Wahrheit? Kenn' ich nicht.<«44

Die logische Wende Lacans

Mitte der sechziger Jahre, genauer gesagt im Jahre 1965, löst auch
auf dem Feld der Psychoanalyse der Logizismus das Saussuresche
linguistische Modell ab. Lacans Text »Die Wissenschaft und die
324 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Wahrheit« illustriert die Kehre, die er unter dem Einfluß der


École normale supérieure und Jacques-Alain Millers vollzieht.
Miller versucht, von Frege ausgehend, auf den Begriff der struk-
turalen Kausalität zurückzukommen, den Althusser in seiner
Marx-Lektüre in den Vordergrund stellt, und damit Lacans Be-
griff der suture (Naht) eine Anwendungsgrundlage zu geben.
Gottlob Frege hat mit seinem Werk Die Grundlagen der Arith-
metik (1884) die moderne symbolische Logik begründet und da-
bei die empiristische Methode einer Kritik unterzogen. Die Sym-
bolsprache muß von jeglicher Bezugnahme auf ein bewußtes
Subjekt Abstand nehmen: »Logisch ist, was außerhalb jeder An-
schauung gedacht oder konstruiert ist; logisch ist, was so allge-
mein ist, daß es allen Sprachen angehört, und man sich keine
Sprache vorstellen könnte, die dessen ledig wäre.« 45 Es liegt auf
der Hand, worin Lacans Interesse am Werk eines Logikers liegen
mag, der das psychologische Subjekt ausschließt.
Wie Elisabeth Roudinesco ausführt, leitet Jacques-Alain Mil-
ler, wenn er die Fregesche Konzeption der Null und ihrer Sukzes-
soren [G. Frege, Die Grundlagen der Arithmetik, § 77 ff., A.d.Ü.]
mit der Signifikantentheorie bei Lacan verknüpft, eine Umdeu-
tung des Lacanismus ein, die zwei Konsequenzen hat, eine politi-
sche und eine theoretische : »Auf theoretischer Ebene besteht sie
darin, den Lacanismus zum Modell par excellence eines Freudia-
nismus zu machen, der per se den Idealen der Psychologie ent-
kommen kann. [...] Auf politischer Ebene erlaubt es diese Um-
deutung, qualifizierte Gegner als Abweichler gegenüber einer
Doktrin zu bezeichnen, die für die wissenschaftliche Normierung
in ihrer allmächtigen Einzigkeit steht.« 46 Nachdem er sich den
Aufschwung der Humanwissenschaften zunutze gemacht hat, um
mit Hilfe der Saussureschen Linguistik das Subjekt zu dezentrie-
ren, radikalisiert Lacan abermals seine Freud-Lektüre, um einer
Rolle als Baumeister der Humanwissenschaften zu entgehen und
der damit verbundenen Gefahr auszuweichen, einen neuen Hu-
manismus des vollen Subjekts zu begründen.
Das Goldene Zeitalter des formalen Denkens 325

Die Logik von Kurt Gödel mit ihrem Theorem der Unvoll-
ständigkeit [Beweis der Unvollständigkeit einer widerspruchs-
freien axiomatischen Zahlentheorie (1931): Eine mathematische
Theorie, die die Arithmetik umfaßt und die widerspruchsfrei ist,
kann nicht alle in ihr wahren Aussagen beweisen. A.d.Ü.] erlaubt
ihm, die Wahrheit als einen Begriff zu fassen, der sich der integra-
len Formalisierung entzieht : »Er folgert, daß die Erfahrung des
cartesischen Zweifels dem Sein des Subjekts eine Trennung zwi-
schen dem Wissen und der Wahrheit auferlegt.«47 Diese logische
Wende kündigt den Übergang vom Ich-Thema {moi-thème) zum
mathema an und bildet den Ausgangspunkt für Lacans vielfältige
topologische Kunstgriffe. Manche halten diese Formalisierung
für weniger auf die Psychoanalyse in ihrer Praxis gemünzt als
vielmehr auf ihre Vermittlung. Es handele sich vor allem um ein
didaktisches Bemühen um methodisch strenge Ausarbeitungen:
»Es ist deutlich, daß Lacan diese Objekte nicht als mathematische
Objekte benutzt. Ihr Status ist ein rein metaphorischer.« 48 An-
dere halten die topologische Wende für sehr viel wesentlicher; sie
erlaube es Lacan, die Struktur des Subjekts wieder in den Griff zu
bekommen: »Für ihn ist die Struktur des Subjekts topologisch,
er hat es so gesagt.« 49
Diese Struktur, die man jahrhundertelang durch die Figur
der Kugel, durch die Vollständigkeit darzustellen vermeinte,
fällt in Wirklichkeit ins Asphärische und Unvollständige. Aus
dieser Subjektauffassung erwachsen die vielfältigen topologi-
schen Kunstgriffe, die Kugel zu wenden und einzukerben, um die
wahre Struktur des Subjekts als eine in den topologischen Kno-
ten fundamental gespaltene zu erfassen.
Über ihre Differenzen hinaus stehen Claude Lévi-Strauss, Al-
girdas Julien Greimas und Jacques Lacan Mitte der sechziger
Jahre für den am ausgeprägtesten szientistischen Strukturalis-
mus, der sich am radikalsten auf die Suche nach einer verborge-
nen Tiefenstruktur begibt, seien es nun die mentalen Bereiche als
Struktur der Strukturen bei Lévi-Strauss, das semiotische Viereck
326 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

bei Greimas oder die asphärische Struktur des Subjekts bei La-
can. Sie sind die drei Galionsfiguren des im Zenit stehenden for-
malen Denkens. Es ist ihr Ziel, die Humanwissenschaften mit
gleichem Recht in der Republik der Wissenschaften ansässig zu
machen wie die Naturwissenschaften.
Die großen Zweikämpfe

Barthes/Picard

Der homerische Kampf, der die Spieleinsätze der Epoche inso-


fern am besten verdeutlicht, als dabei neue Kritik und alte Sor-
bonne aufeinandertrafen, ist sicher das Wortgefecht, das Roland
Barthes und Raymond Picard sich über Racine, den Klassiker der
Klassiker geliefert haben, der dabei zum Objekt des Streits, ja des
Skandals geworden ist.
Würde die alte Sorbonne sich ausgerechnet von denjenigen
entmachten lassen, die keinerlei Wertunterscheidung zwischen
dem Zeitungsgeschreibsel und den Juwelen der Nationalliteratur
trafen? Die Provokation war zu augenfällig, als daß eine Reaktion
hätte ausbleiben können; die französische Philologie war belei-
digt. Die Auseinandersetzung wird zu einem besonders markan-
ten Zeitpunkt, Mitte der sechziger Jahre, und auf einem beson-
ders beliebten Gebiet ausgetragen, dem der Tragödie. Dabei
begegnen sich zwei Widersacher ganz verschiedener Couleur:
Raymond Picard gehört der altehrwürdigen Sorbonne an, woge-
gen Roland Barthes aus einer modernen, aber marginalen Institu-
tion heraus spricht. Damit gewinnt diese Auseinandersetzung die
Qualität der großen Racineschen Dramen. Dieser Kampf wird
Epoche machen, und die einschlägigen Lager werden sich auf ihn
berufen, um ihre Schützengräben zu ziehen; er wird zum Aus-
gangspunkt der gespaltenen Identität einer Literaturgeschichte,
die fortan in zwei einander fremde Sprachen zerfällt.
Bereits 1960 hat Roland Barthes im Club français du livre
UHomme racinien und in den Annales1 einen Aufsatz über Ra-
328 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

eine veröffentlicht. Erfolg verbuchen beide Studien — und eine


dritte zum selben Thema — jedoch 1963, als sie unter dem Titel
Sur Racine im Verlag Le Seuil erscheinen. Daß die neue Kritik sich
mit dem Nouveau roman befaßt, mochte vom Standpunkt der
Sorbonne noch angehen, daß sie sich aber am Dichter der Klas-
sik, der Tradition vergreift, um an ihm die fragwürdigen Kriterien
ihres Analyserasters auszuprobieren, ein Gemisch linguistischer
Methoden, psychoanalytischer Blickrichtung und anthropologi-
scher Ambition, das grenzt an einen Skandal. Übrigens greift
Barthes die Tradition frontal und direkt an: »Wenn man Litera-
turgeschichte betreiben will, muß man vom Individuum Racine
absehen.« 2
Daß Barthes' Artikel in den Annales publiziert wird, ist auf-
schlußreich für die Tradition, in die er sein Herangehen an die Li-
teraturhistorie einschreibt, denn er beruft sich gegen die Vertreter
des literarischen Positivismus auf Lucien Febvre. Er macht sich
Febvres Kampf gegen die historisierende Geschichtsschreibung,
gegen die Vorrangigkeit des Ereignisses zu eigen, um für die not-
wendige Trennung zwischen der Geschichte der literarischen
Funktion und der Geschichte der Literaten einzutreten. Zu die-
sem Zweck greift Barthes auch auf Febvres Problemstellung zu-
rück: die Lage des Schriftstellers in seinem Milieu, im Zusam-
menhang mit seinem Publikum zu untersuchen und, allgemeiner,
die Tatsachen kollektiver Mentalität, also das, was Febvre die
mentale Ausstattung einer Epoche genannt hat: »Anders gesagt:
Literaturgeschichte ist nur möglich, wenn sie soziologisch wird,
wenn sie sich für die Tätigkeiten und Institutionen, nicht aber für
die Individuen interessiert.« 3
Barthes teilt die Idee der Annales, daß der Kritiker aktiven An-
teil nimmt und sich deshalb nicht damit begnügen kann, Doku-
mente zu sammeln und Quellenmaterial zusammenzutragen,
ohne sie zu befragen und ihnen neue Hypothesen zuzumuten.
Ebenso wie die Geschichte für Lucien Febvre nicht einfach Gege-
benheit war, weshalb er für eine Problemgeschichte eintrat, muß
Die großen Zweikämpfe 329

für Barth.es der Literaturkritiker eine paradoxe Einstellung ge-


winnen, das Werk den eigenen zeitgenössischen Vernehmungen
unterziehen und somit seinerseits an der unbegrenzten Tragweite
des literarischen Werkes teilnehmen. Barthes unterzieht also Ra-
cine einer zugleich analytischen und Strukturalistischen Lektüre.
Der Autor ist nun kein Kultobjekt mehr, sondera ein Terrain zur
Erforschung der Geltung neuer methodischer Ansätze.
Barthes sucht nach der Struktur des Racineschen Menschen,
und diese enthüllt sich vornehmlich über eine minutiöse Dialek-
tik des Raums, über eine Logik der Plätze. So setzt er den Innen-
raum, den des Zimmers, der mythischen Höhle, die vom Vorzim-
mer — dem szenischen Ort der Kommunikation — getrennt ist
durch die Tür als Transgressionsobjekt, gegen das Außen, das
drei Räume faßt: den des Todes, den der Flucht und den des
Ereignisses : »Zusammengenommen ist die Racinesche Topogra-
phie konvergent. Alles läuft auf den tragischen Ort zu, aber alles
verfängt sich darin.« 4
Von dieser Topo-Logik ausgehend, sieht Barthes die tragische
Einheit sich nicht so sehr in der individuellen Einmaligkeit der
Racineschen Personen verwirklichen als vielmehr in der Funk-
tion, die den Helden als Eingeschlossenen definiert: »Derjenige,
der nicht hinaus kann, ohne zu sterben: seine Grenze ist sein
Vorrecht, die Gefangenschaft seine Auszeichnung.« 5 Diese funk-
tionelle, binäre Opposition, die inneren und äußeren Raum ab-
grenzt, erlaubt auch die Unterscheidung zweier Formen des
Eros : die Liebe, die in der Kindheit wurzelt, die schwesterliche
Liebe, deren Erscheinungsformen friedvoll sind, und Eros als Er-
eignis, brutal, plötzlich, mit unheilvollen, verheerenden Folgen,
Quell der Entfremdung, die Barthes für Racines wahres Thema
hält : »Die Racinesche Verworrenheit ist wesentlich ein Zeichen,
das heißt ein Signal und eine Androhung.« 6
In diesem mythischen Kampf von Schatten und Licht, der die
Racineschen Helden antreibt, entfaltet sich eine dialektisch ge-
wendete Logik der Plätze in Termini der Kontiguität und der
330 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Hierarchie. Der Racinesche Held entsteht durch seine Fähigkeit


zum Bruch; er wird geboren aus seiner Abtrünnigkeit und er-
scheint sodann als Geschöpf Gottes, Produkt des unsühnbaren
Kampfes zwischen dem Vater und seinem Sohn. Stimmig zeigt
Barthes, daß Racine das Ereignis, das außerhalb des Bühnenge-
schehens stattfindet, durch den Logos ersetzt, durch die verbale
Kommunikation als Quelle der Zerrüttung. Sie selbst ist Ort der
Tragik, die in der Sprache sich entfaltet und verzehrt. Barthes fin-
det also bei Racine die dem Strukturalismus eigene Verselbständi-
gung der Sprache wieder: »Die grundlegende Realität der Tragö-
die ist also dieses Sprechhandeln {parole-action). Seine Funktion
ist evident: Sie besteht darin, die Machtbeziehung zu vermit-
teln.« 7
Diese Analyse der Racineschen Tragödie, die Jakobsons Bina-
rismus ebenso in Anschlag bringt wie die Freudschen Kategorien
oder den strukturalen synchronischen Ansatz, fordert den ge-
lehrtesten Racinianer der Sorbonne, den Verfasser von La Car-
rière de Jean Racine und Herausgeber von Racines Werken in der
»Bibliothèque de la Pléiade«, großen Werkspezialisten Raymond
Picard zu einer besonders heftigen Reaktion heraus. 1965 publi-
ziert er ein Buch mit dem vielsagenden Titel Nouvelle Critique ou
nouvelle imposture (Neue Kritik oder neuer Betrug). Picards Re-
plik richtet sich vor allem gegen das Überwiegen der psychoana-
lytischen Entschlüsselung, deren sich Barthes bedient, um das
Racinesche Theater verständlich zu machen. Picard ist bemüht,
den Helden, deren verhinderte heimliche sexuelle Leidenschaften
Barthes enthüllt hat, wieder einen züchtigen Schleier überzuwer-
fen : »Man muß Racine wieder lesen, um sich davon zu überzeu-
gen, daß seine Personen andere sind als die von D. H. Lawrence.
[...] Barthes hat beschlossen, eine hemmungslose Sexualität auf-
zudecken.« 8 Picard schmäht den Systematismus von Barthes'
Vorgehensweise und denunziert sein Einbekenntnis, über Racine
nicht das Wahre sagen zu können, kurz, er spricht ihm das Recht
ab, sich überhaupt über einen Autor zu äußern, dessen ausgewie-
Die großen Zweikämpfe 331

sener Kenner er nicht ist. Für Picard ist Barthes »das Werkzeug
einer Kritik aus dem Bauch« 9 , die sich mit pseudowissenschaftli-
chem Jargon schmückt, um Albernheiten und Absurditäten von
sich zu geben, und das Ganze auch noch im Namen des biologi-
schen, psychoanalytischen, philosophischen usw. Wissens. Die-
ses Verwirrspiel der Kritik bezichtigt Picard der Tendenz zur
Verallgemeinerung, der Neigung, den konkreten Einzelfall für
eine zum Universalen berufene Kategorie zu halten. In dieser mo-
dernistischen Undeutlichkeit, für Raymond Picard eine Mi-
schung aus Impressionismus und Dogmatismus, »ließe sich alles
und jedes sagen«10.
Es handelt sich also um eine regelrechte Gegenattacke Picards,
den Barthes' Racine-Studie gar nicht persönlich im Visier hatte,
der sich jedoch zum Sprachrohr einer Sorbonne macht, die sich
von solchen strukturalistischen Umtrieben behelligt fühlt und
den zum Idol gewordenen Barthes gerne an den Pranger gestellt
sähe, bevor man zur Einstampfung seiner Schriften schreitet.
Barthes ist übrigens überrascht von der Heftigkeit der Polemik,
die da gegen ihn angestrengt wird : »Ich war auf Picards Angriff
nicht gefaßt. Ich hatte die universitäre Kritik nie angegriffen, ich
hatte sie bloß gekennzeichnet, benannt.« n Er schreibt diese At-
tacke dem Umstand zu, daß für die Literaturexamina einiges auf
dem Spiel steht. In dieser Hinsicht ist die neue Kritik gefährlich,
weil sie die Absolutheit, die Unantastbarkeit der Auswahlkrite-
rien eines kanonisierten Wissens in Frage stellt, das sich in der
Gewißheit seiner Werte und Methoden etabliert hat. In der Ver-
teidigung eines kontrollierbaren, an der Elle einer unverrückba-
ren Wahrheit meßbaren Wissens sieht Barthes den Grund für die
Angriffe.
Selbstverständlich ergreift die gesamte Strukturalistengenera-
tion gegen die Sorbonne Partei : »Menschlich stehen wir noch im-
mer auf Barthes' Seite. Ich würde von heute aus nicht sagen, daß
Picard intellektuell vollkommen im Unrecht war, aber er war
vollkommen im Unrecht mit seiner Aggressivität. Da Barthes
332 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

und Greimas keine agrégés waren, konnten sie nicht an der Uni-
versität lehren. Barthes' thèse war abgelehnt worden, und den
Linguisten war keine Universitätslaufbahn möglich, was viele
bedrückte. Sie waren Opfer eines regelrechten Verbots. Die
Romanisten standen damals überwiegend rechts und waren von
akademischen Rücksichtnahmen geprägt.« 12 Picards Entgegnung
verdeutlicht die In-sich-Geschlossenheit des akademischen Dis-
kurses und beweist erneut dessen Unwillen, sich neuen Fragestel-
lungen zu öffnen.
Der Ästhetikprofessor Olivier Revault d'Allonnes zählt die
Punkte und plädiert für ein Unentschieden. Zwischen dem sozio-
logischen Standpunkt von Lucien Goldmann, dem psychoanaly-
tischen von Charles Mauron, dem biographischen von Raymond
Picard und dem strukturalistischen von Roland Barthes will er
keine Entscheidung treffen: »Sie haben alle Recht. All dies ist in
der Phädra vorhanden, und gerade daran erkennt man vielleicht
die großen Werke. Sie enthalten Schichten, um Adornos geologi-
sche Metapher aufzugreifen.« ° Einstweilen wird Picards Buch,
wie Louis-Jean Calvet zeigt, in der Presse freundlich aufgenom-
men. Jacqueline Piatier ergreift in Le Monde seine Partei und
spricht von den »erstaunlichen Interpretationen, die Roland
Barthes über die Tragödien Racines vorgelegt hat« 14 . Das Journal
de Genève labt sich an Picards Gegenangriff: »Roland Barthes:
K. o. in hundertfünfzig Seiten« 15 . Anfangs zeigt Barthes sich an-
geschlagen, denn er verträgt keine Polemik. Seinem Freund Phi-
lippe Rebeyrol vertraut er an: »Weißt Du, das, was ich schreibe,
ist etwas Spielerisches, und wenn man mich angreift, bleibt davon
nichts mehr übrig.« 16 Doch die polemische Debatte, die Picard in
die Öffentlichkeit getragen hat, kommt wie ein Bumerang zur
Sorbonne zurück.
Bald findet eine Generation enthusiastischer Studenten Gele-
genheit zur Anfechtung des akademischen Wissens, als Barthes
im Jahr 1966, auf dem Höhepunkt des strukturalistischen Para-
digmas, mit Kritik und Wahrheit auf Picard antwortet. Das Er-
Die großen Zweikämpfe 333

scheinen des Buches wird mit großem Getrommel angekündigt;


der Band trägt eine Bauchbinde mit der Aufschrift: »Muß man
Barthes verbrennen?« Die Dramatisierung wird also bis zum äu-
ßersten getrieben, so daß Barthes gleichsam in der Rolle der dem
Scheiterhaufen trotzenden Jungfrau auftritt. Das bietet eine erst-
klassige Gelegenheit, eine intellektuelle Gemeinde für das ambi-
tionierte Programm der Elemente der Sémiologie zu entflammen
und damit ein breites Publikum zu gewinnen. Barthes antwortet
diesmal selbst polemisch.
Er beklagt : »Im Staat der Literatur wird die Kritik nicht weni-
ger gezügelt als die Polizei« 17 . Barthes wertet Picards Kritik als
Ausdruck der extrem traditionellen Literaturgeschichte, die sich
an einen verschwommenen Begriff vom »Wahrscheinlichen der
Kritik« klammert, das sich von selbst versteht und daher keines
Beweises bedarf. Der Begriff bemäntelt drei Bezugsgrößen: die
Objektivität des Kritikers, seinen Geschmack und die Klarheit
der Darlegung. Barthes kennzeichnet die so beschaffene Litera-
turkritik als alte Kritik : »Diese Regeln stammen nicht aus unserer
Zeit; die beiden letzteren stammen aus dem Jahrhundert der
Klassik, die erste aus dem Jahrhundert des Positivismus.«18 Er
geht auch mit dem Postulat ins Gericht, daß die Literaturkritik
auf der Ebene der Literatur zu bleiben habe. Auf diesem Gebiet
verläßt Barthes in gewisser Weise die Immanenzproklamationen,
um den Inhalt zu verteidigen, die exogenen Elemente, die die all-
gemeine Ökonomie des literarischen Textes erhellen sollen und
den Rückgriff auf die Geschichte, auf die Psychoanalyse, auf eine
ganze anthropologische Kultur erfordern. Gegen das positivisti-
sche Verfahren stellt Barthes den kritischen Akt als Akt des
Schreibens im vollen Sinne des Wortes — als Arbeit über die Spra-
che. Indem er so die Figur des Schriftstellers mit der des Kritikers
zusammenführt, untergräbt er die Konturen, die Beschränkun-
gen, die Verbote, durch die die Trennung in verschiedene Schreib-
gattungen begründet wurde.
Barthes' Verteidigungslinie gegen Picard ist eine doppelte:
334 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Zum einen beansprucht er die Rechte des Kritikers als Schriftstel-


ler, Sinnträger, wahrhafter Schöpfer in seiner aktiven Eigenlek-
türe des Werks, und zum anderen sieht er sich als Vertreter eines
wissenschaftlicheren Diskurses, der die Schreibweise nicht mehr
als Dekorum, sondern als Quelle von Wahrheit betrachtet. Unter
diesem Gesichtspunkt stützt Barthes sich auf die gesamte struk-
turalistische Strömung und zieht die Arbeiten von Lacan ebenso
heran wie die von Jakobson, Lévi-Strauss und anderen. Kraft der
Dekonstruktionsarbeit der Humanwissenschaften ersetzt er die
traditionelle Literaturgeschichte durch eine »Wissenschaft von
der Literatur« 19 , als deren Sprecher er auftritt. Sie definiert sich
nicht als Wissenschaft von den Inhalten, sondern als Wissen-
schaft von den Bedingungen des Inhalts, also dessen Formen.
Das Modell für diese Wissenschaft findet Barthes in der Lingui-
stik: »Ihr Vorbild wird die Linguistik sein.« 20 Die Sprache ist
demnach das wahre Subjekt, das sich an die Stelle des Begriffs
vom Autor setzt. Die Suche nach einer verborgenen und letztgül-
tigen Werkbedeutung ist vergebens, weil sie sich auf einen Begriff
vom Subjekt stützt, der in Wahrheit eine Absenz ist: »Was man
auch von einem literarischen Werk sagen mag, es bleibt ihm im-
mer [...] Redeweise, Subjekt, Absenz.« 21
Indem er eine neue geschichtliche Ära ankündigt, die sich auf
die Einheit und die Wahrheit des Schreibens gründet, spricht
Barthes das Bestreben einer Generation aus, die im Aufbrechen
des kritischen Diskurses der Humanwissenschaften eine Schreib-
weise erblickt, die die eigentlich literarische Schöpfung einholt.
Er entblößt und destabilisiert einen akademischen Diskurs, der
sich demgegenüber taub stellt. Auch nach 1966 sind von dieser
Fehde noch ferne Echos zu vernehmen, und die Grobheit von
René Pommiers Äußerungen 22 macht deutlich, welcher Einbruch
in das akademische Wissen Barthes' gelungen ist — gleichsam eine
Schwalbe, die den Frühling von 1968 ankündigt.
Die großen Zweikämpfe 335

Lévi-Strauss/Gurvitch

Die zweite Konfrontation der sechziger Jahre spielt sich zwi-


schen Lévi-Strauss und einem Teilbereich der Soziologie ab, der
von der markanten Persönlichkeit Georges Gurvitchs geprägt ist
und sich gegen die Vereinnahmung durch den Strukturalismus
wehrt, auch wenn ihm der Begriff der Struktur selbst nicht fremd
ist. Sie zeigt eine weitere Front der damaligen Auseinanderset-
zungen an, die für Lévi-Strauss, der unbedingt die Soziologen ge-
winnen muß, wenn er alle Wissenschaften von dem Menschen
um eine struktural gewordene Anthropologie verbünden will,
von wesentlicher Bedeutung ist. Daher ist die Polemik zwischen
Lévi-Strauss und Gurvitch wegen ihres entscheidenden theoreti-
schen und institutionellen Gewichts äußerst lebhaft. Im Mittel-
punkt steht dabei der Strukturbegriff.
Gurvitch legt 1955 seine Konzeption der sozialen Struktur
dar. 23 Ebenso wie Murdock definiert er sie als ein Phänomen, das
die Idee einer Kohärenz der sozialen Institutionen anzeigt. Als
Phänomen kann der Strukturbegriff zu anderen Termini in Bezie-
hung, in Gegensatz gebracht werden. So müssen für Gurvitch die
sozialen Klassen unterschieden werden, insofern sie strukturiert
sind und insofern sie organisiert sind. Die sozialen Strukturen
unterliegen Destrukturierungs- und Restrukturierungsvorgän-
gen; sie sind also in einen Prozeß, in eine Dialektik eingebunden.
Für Gurvitch überschreitet das soziale Phänomen als solches die
Struktur und darf daher nicht auf sie reduziert werden: »Es ist
sehr viel reicher als sie [die Struktur], und seine Fülle schließt
stärker das Unerwartete ein.« 24 Gurvitch kritisiert demnach den
Strukturalismus sowohl als einen Reduktionismus, der den
Reichtum des Realen ausdünnt, wie auch als eine Statik, die die
gesellschaftsimmanente Bewegung erdrückt.
Lévi-Strauss antwortet besonders scharf: »Mit welchem Recht
erhebt sich Gurvitch hier zu unserem Zensor? [...] Weil er ein rei-
ner Theoretiker ist, interessiert er sich nur für den theoretischen
336 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Teil unserer Arbeiten.« 25 Soll man dem Einmaligkeitscharakter


des Ereignisses den Vorrang geben oder den Dauerhaftigkeiten
der Struktur ? Diese rekurrente, schon seit Durkheim und Tarde
aufgeworfene Debatte der Soziologie tritt erneut in den Brenn-
punkt der Konfrontation zwischen Lévi-Strauss und Gurvitch,
die ein in den sechziger Jahren vielzitierter Aufsatz von Gilles
Gaston-Granger beleuchtet. 26
Der Epistemologe Granger definiert stimmig die Alternative,
in der die sinnliche Erfassung der Welt und die intelligible Kon-
zeption des wissenschaftlichen Schemas einander entgegenzuste-
hen scheinen. Dazu hält er Gurvitchs Vorgehensweise gegen die
von Lévi-Strauss: »Für Gurvitch ist die Struktur in gewisser
Weise ein Sein; für Lévi-Strauss ist sie nur ein Modell.« 27 Da Gur-
vitch das mathematische Handwerkszeug, die Modellbildung
verwirft, betrachtet er die Struktur als ein Phänomen, während
sie für Lévi-Strauss ein Erkenntnisinstrument darstellt. Granger
bezeichnet Gurvitchs Vorgehensweise als aristotelisch, wohinge-
gen Lévi-Strauss »die Partei einer Mathematik vom Menschen« 28
vertrete. Zwar weist Granger auf die Gefahr einer Hypostase des
Erkenntnisinstruments hin, das zum Erkenntnisgegenstand
der Sozialwissenschaften werden kann, entscheidet aber im Be-
wußtsein um diese Klippe: »Man muß dieses Risiko eingehen.« 29
Granger ergreift also Partei für das strukturale Vorgehen, selbst
wenn er einen kritischen Abstand wahrt, indem er Lévi-Strauss
vorhält, von Analysemodellen zu Schemata von universeller Be-
stimmung überzugehen und damit Gefahr läuft, wieder eine On-
tologisierung seiner Begriffsbildungsinstrumente einzuführen.
Im Abstand von dreißig Jahren meint Granger, freimütiger als
damals — denn er hatte Gurvitch nicht allzusehr kränken wol-
len —, daß dieser »neben Lévi-Strauss unendlich klein war und
eine leere Scholastik betrieb« 30 . Was Lévi-Strauss angeht, so hatte
Granger ihn lediglich vor der Gefahr gewarnt, die Strukturen für
existierend zu halten, für Seinsweisen, die, wie bei Piaton, wirkli-
cher wären als die Wirklichkeit. Nichtsdestoweniger erhoffte er
Die großen Zweikämpfe 337

sich von ihm die Konstituierung einer großen strukturalen Sozio-


logie oder Anthropologie, die den Schlüssel für ein wissenschaft-
liches Verständnis des Menschen in der Gesellschaft liefern sollte.
Unter diesem Gesichtspunkt sieht Granger die Tragweite von
Lévi-Strauss' Programm heute allerdings weniger optimistisch:
»Ich glaube, daß Lévi-Strauss' Werk nicht das erbracht hat, was
ich mir von ihm versprochen hatte.« 3I
Grangers strenges Urteil über Gurvitch läßt dessen Bedeut-
samkeit für eine Vielzahl von Soziologen und Anthropologen au-
ßer acht. Sicher, er war eine etwas megalomanische Persönlichkeit
von gleichsam naturwüchsiger Eitelkeit, die ihn glauben ließ,
allein sein Werk sei ernst zu nehmen. Diesem sich zu widmen
würde übrigens seinem späteren Assistenten Roger Establet zu-
kommen: »Ich sollte über sein Werk lehren.« 32 Gurvitch war be-
rüchtigt für seinen Dogmatismus : »Wenn er sagte, es gebe vier-
zehn Tiefenstufen, dann waren es weder dreizehn noch fünfzehn,
und er verwies ironisch auf Durkheim, der derer nur drei gefun-
den hatte.« 33 Doch hinter solchen dogmatischen Proklamationen
verbarg sich eine anrührende, von der Geschichte verletzte und
von verzehrender Leidenschaft getriebene Persönlichkeit. Gur-
vitch wohnte in der Rue Vaneau in der Wohnung, in der Marx bei
seinem Aufenthalt in Frankreich gelebt hatte, und war in Paris ein
Exulant, der, stets hoffend, in die Sowjetunion zurückkehren zu
können, nur Bücher sammelte. Die Bedingungen, die er in unab-
lässiger Verhandlung mit den sowjetischen Behörden für seine
Rückkehr stellte, machen ihn besonders sympathisch. Er wollte
auf russisch zu den Arbeitern am Fabrikausgang sprechen dürfen
und darüber hinaus ungehindert die russischen Archive konsul-
tieren, um eine Geschichte der russischen Revolution zu schrei-
ben an dem Ort, wo er Volkskommissar gewesen war. Er war also
ein Soziologe, der immer von dem Terrain abgeschnitten bleiben
sollte, das er gerne beackert hätte, und als er endlich 1964 seine
Einreisegenehmigung bekam (wobei er allerdings auf Anraten
seiner Frau auf die Forderung einer russischen Ansprache an die
338 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Arbeiter verzichtet hatte), verhinderte der Tod die Verwirkli-


chung seines Wunsches.
Gurvitch ist in diesem Zeitraum der fast charismatische An-
führer von Forschern gewesen, die sich der strukturalistischen
Welle mehr oder weniger widersetzten; zu ihnen gehörten Sozio-
logen wie Jean Duvignaud oder Pierre Ansart, Philosophen wie
Lucien Goldmann oder Henri Lefebvre und Anthropologen wie
Georges Balandier. Die meisten wollten übrigens nicht in eine di-
rekte Auseinandersetzung mit Lévi-Strauss eintreten. Die Alter-
native stellt sich eher zwischen den beiden Galionsfiguren der So-
ziologie, Raymond Aron und Georges Gurvitch. Doch selbst in
dieser Gurvitch-Gruppe hat der Strukturalismus die Arbeitsthe-
men beeinflußt und auf die methodologischen Entscheidungen
gewirkt.
Da ist natürlich Lucien Goldmanns Empfänglichkeit für einen
Strukturalismus, den er als genetisch, als für die Geschichte offen
bezeichnet. Auch bei den Soziologen der Gruppe macht sich die-
ser Einfluß bemerkbar, etwa bei Pierre Ansart, der bei Gurvitch
eine thèse vorbereitete und dennoch für den strukturalistischen
Beitrag aufgeschlossen war: »Ich erinnere mich an den ersten Tag,
an dem ich etwas vom Strukturalismus hörte. Es war in einer Vor-
lesung, die Georges Davy uns gehalten hatte, als er gerade von
der Verteidigung von Lévi-Strauss' thèse kam. Er gab uns eine
sehr spannende Stunde über die Elementaren Strukturen der Ver-
wandtschaft, die er uns als eine einzigartige intellektuelle Mög-
lichkeit vorstellte.« 34 So nahm sich Pierre Ansart in seiner thèse
complémentaire — die er übrigens 1969, nach Gurvitchs Tod, ver-
teidigte — einer ausgesprochen strukturalistischen Problematik
an. In Anlehnung an Goldmanns Vorgehen versuchte er, anhand
des Anarchismus die Strukturiertheit einer Denkweise in ihren
homogenen Beziehungen zu den ökonomischen, praktischen
Strukturen und zu den Weltanschauungen ihrer Zeit darzustel-
len : »Für uns, die wir unseren Weg suchten, nahm sich der Struk-
turalismus als außerordentlich fruchtbar für die Arbeit aus.« 35
Die großen Zweikämpfe 339

Auch wenn der Strukturalismus auf diese Gruppe linker So-


ziologen Einfluß ausübte, unterlag er doch einer heftigen Kritik,
die in ihm die Enthüllung einer technischen Gesellschaft auf dem
Wege der Entmenschlichung erblickte. So vor allem bei einem
Kolloquium in Royaumont im Jahre 1960, wo Jeannine Verdès-
Leroux, Sonya Dayan, Pividal, Tristani, Claude Lefort und an-
dere sich Gurvitchs Kritik am Strukturalismus anschlössen. Ins-
besondere der Gurvitch nahestehende Jean Duvignaud hat den
Strukturalismus mit der ihn hervorbringenden Gesellschaft in
Bezug gesetzt: »Viele sind in diesen Konflikt geraten, denn da
war mehr als der äußere Anschein. Die Frage war, ob eine Gesell-
schaft sich von innen heraus verändern kann.« 36 Für Duvignaud
bildet der berühmte epistemologische Einschnitt, der den ideolo-
gischen Strukturalismus zur offiziellen Lehre der Universität und
der Intelligenzija erhebt, den Einschnitt zwischen den herrschen-
den Gesetzen der Technostruktur und denen eines etwaigen glo-
balen Wandels : »Ich würde also sagen, daß Lévi-Strauss' Denken
sich bewahrheitet hat, ja evident geworden ist, weil es, nach dem
Umweg über die Wildnis, die Strukturen des zweiten Industrie-
zeitalters wiedergefunden hat.« 37 Jean Duvignaud stellt die
Hypothese auf, daß die Vernachlässigung der Geschichte bei
Lévi-Strauss weniger aus der Feststellung eines Reproduktions-
verhältnisses, einem Erkalten der Zeitlichkeit bei den sogenann-
ten kalten Gesellschaften der Tropen rühre, sondern vielmehr aus
der Vorahnung der in der postindustriellen Gesellschaft vonstat-
tengehenden Entwicklungen, bei denen derzeit die Kommunika-
tion über die Veränderung siegt.

Ein Buchereignis : Das wilde Denken

Auch die beiden monstres sacrés der französischen Intelligenzija,


Jean-Paul Sartre und Claude Lévi-Strauss, sind Gegner im Geiste.
Wie erinnerlich, hatte letzterer das Erscheinen der Kritik der dia-
340 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

lektischen Vernunft aufmerksam vermerkt, doch vorerst keine


Einwände gegen die Sartresche Philosophie erhoben : nicht weil
er das Terrain der Philosophie geräumt hätte, sondern weil er eine
ernste und polemische Erwiderung auf eigenem Terrain, dem der
Anthropologie, vorbereitete. Diese Entgegnung nimmt er in ein
Buch auf, das als ein Hauptwerk in die Geschichte der Anthropo-
logie eingehen wird und wie Das Ende des Totemismus 1962 er-
scheint: Das wilde Denken. Sie bildet darin das Schlußkapitel,
»Geschichte und Dialektik«. Lévi-Strauss beschränkt sich nicht
auf eine Erwiderung auf die Sartreschen Thesen; er will vor allem
die Denkweise der kalten Gesellschaften erklären : Er vertieft die
Erörterung, die er in Rasse und Geschichte angerissen hatte, wo-
bei er diesmal versucht, über Inhaltsunterschiede hinaus die Uni-
versalität der Mechanismen des Denkens aufzuzeigen. Er nimmt
hier eine entscheidende Verschiebung gegenüber den Thesen von
Lucien Lévy-Bruhl vor, der die vom Partizipationsprinzip ge-
prägte prälogische Mentalität der primitiven Gesellschaften der
vom Kontradiktionsprinzip gesteuerten logischen Mentalität der
Zivilisierten gegenübergestellt hatte.
Entgegen der anthropologischen Tradition behauptet Lévi-
Strauss : »Das wilde Denken ist in demselben Sinne und auf die-
selbe Weise logisch, wie es unser Denken ist [...].«38 Das wilde
Denken, das lange Zeit für den primären Ausdruck des Affekti-
ven ausgegeben wurde, wird hier aufgefaßt über die Spannweite
der Zwecke, die es sich zuweist, sowohl analytisch als auch syn-
thetisch ; es verfährt wie unser abendländisches Denken mit den
Mitteln des Verstandes und fußt auf einem System von äußerst
mannigfaltigen Unterscheidungen und Gegensätzen.
Dennoch gibt es durchaus zwei Denkweisen, die sich jedoch
nicht hierarchisch klassifizieren lassen, sondern sich von zwei
strategischen Ebenen her definieren. Das wilde Denken rührt aus
einer Logik des Sensiblen und verwirklicht sich in Zeichen und
nicht in Begriffen, es bildet ein geschlossenes, endliches System,
das von einer vorgegebenen Anzahl von Gesetzen gesteuert wird.
Die großen Zweikämpfe 341

Dem geschlossenen, zirkulären System des wilden Denkens stellt


Lévi-Strauss dann das offene System des wissenschaftlichen Den-
kens gegenüber, das ein anderes Verhältnis zur Natur aufweist.
Das wilde Denken ist einem Denken verwandt, in dem Wörter
und Dinge miteinander in einem Reduplikationsverhältnis ver-
bunden sind. Es ist eine Wissenschaft vom Konkreten, aber des-
halb nicht spontan oder verworren, wie man lange Zeit geglaubt
hat. Es findet sich bevorzugt bei Alltagsverrichtungen der primi-
tiven Gesellschaften: Jagd, Früchtepflücken, Fischfang. »Der
Reichtum an abstrakten Wörtern ist eine Eigenschaft nicht nur
der zivilisierten Sprachen« 39 . Lévi-Strauss berichtet von der
Ratlosigkeit der Ethnographen angesichts des Kenntnisschatzes
der Indianerstämme, angesichts ihrer Befähigung, ihre Tier- und
Pflanzenwelt zu unterscheiden, zu klassifizieren und darzustel-
len. So haben die Hopi-Indianer dreihundertfünfzig Pflanzen
verzeichnet und die Navajo über fünfhundert. Dieses Denken des
Konkreten führt Klassifikationen in sorgsamer Bemühung um
Identifizierung durch, damit dieses Wissen mit Hilfe eines gan-
zen Systems von Vorschriften und Verboten im Alltagsleben an-
wendbar wird.
In dem Werk Das Ende des Totemismus veranschaulicht Lévi-
Strauss die Hauptthese des Wilden Denkens. Er zeigt, daß die
Anthropologen bislang auf eine Aporie gestoßen sind, wenn sie
sich darauf beschränkten, im Totemismus Ähnlichkeiten zwi-
schen der Tier- oder Pflanzenwelt und der Menschenwelt festzu-
stellen. Der Wert der totemischen Klassifizierung liegt im Gegen-
teil in einer Strukturhomologie zwischen zwei Reihen, wobei die
eine natürlich und die andere sozial ist. »Die totemische Illusion
kommt also in erster Linie von einer Verkehrung des semanti-
schen Feldes, von dem Phänomene des gleichen Typus abhän-
gen.« 40 Der Totemismus spielt die Rolle, die binären Oppositio-
nen zu integrieren; er soll kenntlich machen, was der Integration
im Wege stehen könnte. Die natürlichen Arten werden ausge-
wählt, nicht weil sie eßbar, sondern weil sie denkbar sind.41 Es
342 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

besteht also eine Osmose zwischen Methode und Realität, eine


Homologie zwischen dem menschlichen Denken und dem Ge-
genstand, auf den es sich bezieht. So verwandelt sich die ethno-
graphische Forschung in logische Konstruktion und kann da-
durch die Stufe der Anthropologie, also die der Erforschung der
Grundgesetze des menschlichen Geistes erreichen.
Lévi-Strauss setzt sich hier von der funktionalistischen Inter-
pretation Malinowskis ab, der lediglich die naturalistische, utili-
täre, affektive Ebene herauslöst, wenn er erklärt, die Konzentra-
tion des Interesses auf die Pflanzen- und Tierwelt spiegele die
Tatsache, daß die erste Sorge der primitiven Gesellschaften die
Ernährung sei. Für Lévi-Strauss muß die Erklärung auf einer
Ebene gesucht werden, die tiefer geht als ein einfacher Identitäts-
mechanismus, indem sie nämlich bei der Interferenz Natur/Kul-
tur ansetzt: »Der Totemismus schafft eine logische Äquivalenz
zwischen einer Gesellschaft natürlicher Arten und einer Welt so-
zialer Gruppen.« 42 Es ist also stets diese Grenzlinie zwischen Na-
tur und Kultur, auf der der Strukturalismus vorankommt und der
sich sein Projekt verdankt.
Dem Wilden Denken wird sofort eine überwältigende Auf-
nahme zuteil, was dazu beiträgt, daß das strukturale Programm
über die anthropologischen Fachkreise hinausstrahlt. Der Erfolg
ist so groß, daß eine Journalistin von France-Soir jene Leser vor-
warnt, die durch die Umschlagabbildung der Stiefmütterchen
hätten zum Kauf von Lévi-Strauss' Buch verlockt werden kön-
nen: Das schöne Blumenbouquet, das da in den Schaufenstern
der Buchhandlungen ausliegt, könnte an ein Werk der Botanik
denken lassen, so daß sich die Journalistin zu dem Hinweis be-
müßigt sieht, es handele sich um einen sehr anspruchsvollen Es-
say. Claude Roy vergleicht die Bedeutung von Lévi-Strauss' Buch
mit Freuds Psychopathologie des Alltagslebens: »Freud hat auf ge-
niale Weise bewiesen, daß unsere Unvernünftigkeiten ihre ver-
nünftigen Gründe haben, die das Bewußtsein nicht gewahrte.
Und jetzt erbringt Lévi-Strauss den tiefreichenden und neuarti-
Die großen Zweikämpfe 343

gen Beweis, daß das scheinbare Chaos der primitiven Mythen


und Rituale in Wirklichkeit einer Ordnung und Prinzipien ge-
horcht, die bislang unsichtbar geblieben waren.« 43
In einer ausführlichen Studie in der Zeitschrift Critique geht
Edmond Ortigues von einer Methodenanalogie zwischen Claude
Lévi-Strauss und Paul Valéry aus. Der Dichter wie der Ethnologe
hätten das gleiche formale Ansinnen: »Eine Familie im Geiste:
ein ähnliches Übergehen der Geschichte, ein gleiches Insistieren,
die Sensibilität des Intellekts gegen die Intelligenz der Emotio-
nen zu verteidigen.« 44 Jean Lacroix widmet dem Buch seine Ru-
brik in Le Monde und begrüßt darin das Zustandekommen eines
strikt wissenschaftlichen Werks, hält aber Abstand zu dem, was
er die »auf die rigoroseste Weise atheistische Philosophie dieser
Zeit« 45 nennt und was mitunter einem Vulgärmaterialismus
gleichkommt, der in mathematischen Aussagen den Widerschein
der freien Verstandestätigkeit erblickt. Le Monde räumt dem
Ereignis ungewöhnlich viel Platz ein, denn zu dem Artikel von
Lacroix vom November 1962 kommen noch der Artikel von Yves
Florenne im Mai 1962 und das Gespräch mit Lévi-Strauss am 14.
Juli 1962. Claude Mauriac bespricht das Werk im Figaro, während
Robert Kanters seine Begeisterung im Figaro littéraire kundtut
und scharfsinnig vermerkt, daß »die Humanwissenschaften
heute die Quellen der Kunst von morgen sind« 46 .
Die strukturalistische Gemeinde äußert sich in Gestalt von
Roland Barthes' lobender Besprechung beider Werke von Lévi-
Strauss. Barthes feiert die Ersetzung einer Soziologie der Sym-
bole durch eine Soziologie der Zeichen und die Einführung einer
Sozio-Logik, die an das globale semiologische Projekt anschließt.
Lévi-Strauss' Verdienst besteht für Barthes in der Ausdehnung
der menschlichen Freiheit auf einen Bereich, der ihr bislang ent-
ging: »Die Soziologie, zu der Claude Lévi-Strauss auffordert,
[...] ist eine Soziologie des eigentlich Menschlichem : Sie gesteht
dem Menschen das unbegrenzte Vermögen zu, die Dinge bedeu-
ten zu lassen.« 47
344 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Lévi-Strauss/Sartre

Das wilde Denken bildet einen jener seltenen Momente, in denen


ein Buch in seiner Unumkehrbarkeit, durch seine Tragweite und
seine Fähigkeit, unsere Sicht der Welt und der anderen zu verän-
dern, ein wirkliches Ereignis bedeutet. In dieses Kernstück des
strukturalistischen Dispositivs rückt Lévi-Strauss seinen Angriff
gegen Sartre ein — ein gezielter, zeitlich versetzter und besonders
polemischer Gegenstoß gegen dessen Kritik der dialektischen Ver-
nunft Nicht nur Sartres Charisma wird ins Visier genommen, son-
dern auch der Rang der Philosophie als Königsdisziplin und der
der Geschichtsphilosophie, dem Historizismus eingeräumte Vor-
zugsplatz, der sich nun vom strukturalen Horizont verjagt sieht.
Die Geschichte ist nichts anderes als eine Erzählung, verurteilt zur
Idiographie. Lévi-Strauss beanstandet die Art, mit der Sartre sie in
eine vereinheitlichende, totalisierende Perspektive hebt: »Im Sy-
stem Sartres spielt die Geschichte genau die Rolle eines Mythos.« 48
Das Gelebte, die Ereignisse, das historische Material, alles unter-
stehe dem Mythos. Von diesem Postulat her versteht Lévi-Strauss
nicht, warum die Philosophen, und Sartre vornean, sich darauf ver-
steifen, der Geschichte diese Vorrangstellung einzuräumen. Diese
Faszination wird als der Versuch gewertet, ein kollektives Zeitkon-
tinuum wiederherzustellen, entgegen dem Vorgehen des Ethnolo-
gen, das sich in der räumlichen Diskontinuität entfaltet. Ein sol-
ches Kontinuum ist für Lévi-Strauss rein mythisch und illusorisch,
und sei es nur durch die Wahl einer bestimmten Region, einer be-
stimmten Epoche usw., die es von Seiten des Historikers voraus-
setzt. Er kann also nur Geschichten konstruieren, ohne je zu ir-
gendeiner signifikanten Globalität zu gelangen: »Eine wahrhaft
totale Geschichte würde sich selbst neutralisieren: ihr Produkt
wäre gleich Null.« 49 Deshalb gibt es keine geschichtliche Totalität,
sondern nur eine Vielheit von Geschichten, die nicht an ein zentra-
les Subjekt, den Menschen gebunden sind. Geschichte kann daher
nur parteilich sein und »partiell« bleiben.50
Die großen Zweikämpfe 345

Dies ist eine regelrechte Schmähschrift gegen die Geschichts-


philosophie: Ihre »angebliche historische Kontinuität ist nur mit-
tels trügerischer Einzeichnungen gesichert«51. Die Historizität
sei der letzte Zufluchtsort eines transzendentalen Humanismus,
und Lévi-Strauss fordert die Historiker auf, sich der zentralen
Stellung des Menschen, ja sogar der historischen Disziplin selbst
zu entledigen: »Die Geschichte führt überallhin, unter der Be-
dingung allerdings, daß man aus ihr heraustritt.« 52
Der mit der Menschheit in eins gesetzten Geschichte hält
Lévi-Strauss das wilde Denken als zeitlos entgegen, das die Welt
zugleich als synchronische und diachronische Totalität erfassen
will. Sartre antwortet diesem Sturmangriff nicht direkt, aber in
seiner Zeitschrift analysiert Pierre Verstraeten Lévi-Strauss'
Schrift unter dem Titel: »Claude Lévi-Strauss ou la tentation du
néant« (Lévi-Strauss oder die Versuchung des Nichts). Er ist der
Auffassung, daß »Lévi-Strauss willentlich die Bereiche der Sé-
miologie und die der Semantik (oder der Linguistik) verwechselt,
indem er systematisch die Prinzipien der Semantik auf jedes se-
miologische Feld anwendet« 53 . So hat Lévi-Strauss die Macht der
Dialektik unter Beweis gestellt, allerdings negativ, indem er die
Nichtigkeit aufdeckt, die in ihr nach seiner Auffassung die histo-
rische Zeitlichkeit darstellt. Verstraeten verweist also das Imagi-
näre von Lévi-Strauss auf seinen eigenen Untersuchungsgegen-
stand zurück, so wie Lévi-Strauss der Sartreschen Philosophie
den Rang eines Mythos zugemessen hatte. Dieser unterschwel-
lige Kampf zwischen den beiden monstres sacrés der Epoche en-
det mit dem Triumph von Lévi-Strauss' strukturalem Programm,
also mit der Niederlage des von Sartre verkörperten Historizis-
mus.
346 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

Ricœur/Lévi-Strauss

Auch die Debatte mit der Zeitschrift Esprit ist durch Das wilde
Denken ausgelöst worden. Als Vertreterin einer Philosophie
des Subjekts fühlt diese sich unmittelbar angesprochen und an-
gefochten. Zur Vorbereitung einer Lévi-Strauss gewidmeten
Nummer der Zeitschrift setzt der Herausgeber, Jean-Marie
Domenach, eine Gruppe von Philosophen mehrere Monate auf
das Studium von dessen Werk an. Aufsätze von Jean Cuisenier,
Nicolas Ruwet und anderen nehmen sich Das wilde Denken vor,
und das Heft schließt mit einer Debatte zwischen Lévi-Strauss
und dem Stab, der über sein Werk gearbeitet hat. Bei der schriftli-
chen Wiedergabe hat Lévi-Strauss einige Äußerungen gestrichen,
so etwa: »Meine Formel ist die von Royer-Collard: Das Gehirn
sondert Gedanken ab, wie die Leber Bilis absondert« 54 , und je-
der Wiederaufnahme der Diskussion, von zahlreichen Zeitschrif-
ten aus dem Ausland mehrfach angefragt, hat er sich widersetzt.
Dennoch rechnet ihm Jean-Marie Domenach die Teilnahme an
diesem Streitgespräch hoch an : »Ich bin ihm dankbar, daß er an
dieser Debatte teilgenommen hat, denn ich bewundere seine in-
tellektuellen Fähigkeiten.« 55
In dieser Kontroverse treffen hauptsächlich zwei divergierende
Ausrichtungen aufeinander, die Paul Ricceur in seinem Aufsatz
»Structure et herméneutique« darlegt. Die Wissenschaftlichkeit
der strukturalen Arbeit über die Codes, die in Sprachen und My-
then Verwendung finden, bestreitet Ricceur nicht, Einspruch er-
hebt er jedoch gegen die Grenzüberschreitung, die darin besteht,
begründungslos zur Stufe der Verallgemeinerung, der Systemati-
sierung überzugehen. Für Ricceur gilt es, zwei Herangehensebe-
nen deutlich voneinander zu unterscheiden: Die erste Ebene baut
auf die linguistischen Gesetze auf und bildet die unbewußte,
nichtreflexive Schicht, einen kategorialen Imperativ, der nicht
notwendig auf ein bewußtes Subjekt bezogen werden muß. Die-
se Ebene veranschaulicht sowohl die binären Oppositionen der
Die großen Zweikämpfe 347

Phonologie als auch die der elementaren Strukturen der Ver-


wandtschaft, anhand derer Ricœur übrigens die Gültigkeit von
Lévi-Strauss' Analysen anerkennt: »Das strukturalistische Un-
ternehmen [scheint mir] so lange vollkommen legitim und vor je-
der Kritik geschützt zu sein, als es der Bedingungen und damit
auch der Grenzen seiner Gültigkeit bewußt bleibt.« 56
Mit dem Wilden Denken verallgemeinert Lévi-Strauss sein
Verfahren insofern, als dieses ebensogut wie in den Tropen in den
gemäßigten Breiten funktioniert und zum logischen Denken in
einer homologen Beziehung steht. Nun setzt Ricœur das totemi-
sche Denken dem biblischen Denken entgegen, insoweit dieses
ein umgekehrtes Verhältnis von Diachronie und Synchronie
impliziert. Der Objektivität eines formalisierten Sinns stellt er
keinen Sinn-Subjektivismus entgegen, sondern das, was er das
Objekt der Hermeneutik nennt: »Das heißt, die von diesen suk-
zessiven Wiederaufnahmen eröffneten Sinndimensionen; dabei
stellt sich nun die Frage : Bieten alle Kulturen so viel zum Wieder-
aufgreifen, zum Neuformulieren, zum Überdenken?« 57 Ricœur
kennzeichnet den Übergang von der strukturalen Wissenschaft
zur strukturalistischen Philosophie als »kantische Philosophie
ohne transzendentales Subjekt, ja [...] absoluten Formalismus« 58 .
Als Alternative bietet er eine Hermeneutik auf, die dem Stadium
der formalen Entschlüsselung zwar durchaus Rechnung trägt,
sich aber zum Ziel setzt, das Verstehen des anderen mit dem Ver-
stehen seiner selbst zusammenfallen zu lassen im Durchlaufen
der Phase der Sinninterpretation, durch ein Denken, das sich un-
aufhörlich denkt und überdenkt.
Die Kennzeichnung der »kantischen Philosophie ohne tran-
szendentales Subjekt« wird von Lévi-Strauss in seiner Erwide-
rung aufgegriffen und übernommen, er akzeptiert also die Ter-
mini, verwirft aber die Suche nach einem Sinn des Sinnes : »Wir
können nicht zugleich versuchen, die Dinge von außen und von
innen zu verstehen.« 59 Lévi-Strauss verortet vielmehr die wissen-
schaftliche Etappe seiner Arbeit im Stadium der notwendigen Ta-
348 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

xonomie der Gesellschaft, und dies erfordert, sich den Vorstoß


auf andere, noch nicht ausreichend abgesteckte Gelände zu versa-
gen.
Die Ära der großen Debatten geht mit einer weitgreifenden
Infragestellung und Problematisierung der disziplinaren Grenzen
einher. Die Begegnungen zwischen den Disziplinen führen dazu,
daß viele das Feld wechseln, ihre Analyseinstrumente und Zu-
ständigkeitsbereiche vervielfachen. Das neue Glaubensbekennt-
nis heißt Interdisziplinarität. Um ein guter Strukturalist zu sein,
geziemt es sich, Linguist und Anthropologe zu werden und dem
Ganzen ein Quentchen Psychoanalyse und Marxismus hinzuzu-
fügen. Es ist eine besonders fruchtbare und spannende Periode, in
der Menschen und Begriffe in Bewegung geraten, Grenzen über-
schreiten und die Befestigungen umgehen — Vorzeichen eines
eher ideologischen denn szientistischen Strukturalismus. Für die
Eroberung von Machtpositionen und die Erschütterung der alten
Sorbonne erwies sich derlei Geschmeidigkeit als dienlich. Sie mag
an Paul Ricœurs Mißerfolg am Collège de France, wo er im N o -
vember 1969 Michel Foucault unterlag, nicht unbeteiligt gewesen
sein.
Die Vervielfachung dieser Begegnungen und Auseinanderset-
zungen nötigt die Einzeldisziplinen oftmals dazu, ihre Position
neu zu bestimmen. André Green unternimmt dies in der Psycho-
analyse, deren Praxis er unter dem Gesichtspunkt des gängigen
Gegensatzes von Geschichte und Struktur untersucht. 60 Er ver-
wirft sowohl Sartre, der der Psychoanalyse jegliche theoretische
Grundlage abspricht, als auch Lévi-Strauss, der aufgrund seines
Panlogizismus vom Menschen nichts als dessen physisch-chemi-
sche Struktur in Betracht zieht. Die Arbeit Freuds verteidigend,
behauptet Green die Untrennbarkeit von Geschichte und Struk-
tur in der psychoanalytischen Praxis : »Die Geschichte ist nicht
denkbar ohne die Wiederholung, die ihrerseits auf die Struktur
verweist; die Struktur ist, was den Menschen betrifft, nicht denk-
bar ohne dessen Beziehung zu seinen Erzeugern, den Konstitu-
Die großen Zweikämpfe 349

enten des Symbolischen, woraus sich ein Zeitlichkeits-Zeitlosig-


keitsverhältnis ergibt, das die Dimension der Geschichte impli-
ziert.« 61 Angesichts der Mißhelligkeiten und Reibungen, durch
die es zu Bannflüchen und Ausschließlichkeitsmodellen kommt,
erscheint André Greens Standpunkt eines wohltemperierten
Strukturalismus als die Position des Weisen, der dem Überspan-
nen des Bogens rechtzeitig entgegentritt.
Die signifikanten Ketten

Die Abspaltung

Von der Abspaltung im Jahr 1953 bis zu seiner Exkommunikation


1963 hat Lacan durch enge Anbindung an das in vollem Auf-
schwung begriffene strukturalistische Paradigma seine Positionen
ausbauen können. Dieser Anknüpfungspunkt wurde in dem Au-
genblick bedeutsam, als die Verhandlungen um den Beitritt der
1953 gegründeten Société française de psychanalyse zur Interna-
tional Psychoanalytical Association (IPA) scheiterten. Denn
rasch wurde der Verzicht auf die Lacanschen Behandlungsmetho-
den zur Bedingung erhoben, ja schlicht der Ausschluß Lacans
selbst, der zum Haupthindernis für die allgemeine Versöhnung
geworden war.
Der verfemte Lacan ruft seine Getreuen zusammen und grün-
det 1964 die École française de psychanalyse, die sich bald darauf
in École freudienne de Paris umbenennt, indessen ein anderer
Teil der Société française de psychanalyse (SFP), der sich um
Jean Laplanche gruppiert, 1963 unter dem Namen Association
psychanalytique de France die Aufnahme in die IPA erwirkt. Wie
in der trotzkistischen Bewegung werden Abspaltungen und Tren-
nungen das Ferment der lacanianischen Bewegung. Denn die
Spaltung derjenigen, die immerhin zehn Jahre gemeinsam in
der SFP verbracht haben, ist nicht nur durch das Ersuchen um Ab-
segnung seitens der International Psychoanalytical Association,
sondern noch durch mancherlei andere Streitigkeiten verursacht.
Zum einen mehren sich ob der Praxis der Kurzsitzung beunru-
higende Meldungen über die Auslastungsrate der Wartezimmer ;
Die signifikanten Ketten 351

zum anderen löst die Mixtur aus individueller, sogenannter Lehr-


analyse und Unterricht auch Bedenken hinsichtlich der Risiken
solcher Genrevermengung aus: »Doch vor allem die Tatsache,
daß sich Lacan nicht im geringsten bereitfand, von seinen Prakti-
ken abzusehen, förderte auf einmal deren Bedeutsamkeit zutage.
[...] So war das, was in unseren (in meinen) naiven Augen für ne-
bensächlich gegolten hatte, zum Hauptpunkt geworden.«* Als
Folge davon fand sich die Mehrzahl der Anhänger von Lacans
theoretischen Thesen in einer anderen Organisation als der sei-
nen zusammen.
Die Gefahr der Vereinzelung, der Marginalisierung wird nun
zu Lacans Hauptsorge. In der Überzeugung, wer nicht für ihn
sei, sei zwangsläufig gegen ihn, betreibt er eine Politik des »Wer
mich liebt, der folge mir«, doch um sie zum Erfolg zu führen,
muß er so viel Höhe gewinnen, daß sein Charisma obsiegen
kann. Exiliert, verpönt, endgültig aus seiner Kirche ausgestoßen,
identifiziert sich Lacan mit Spinoza, der ebenfalls Opfer einer
zweistufigen Exkommunikation geworden war: einer der excom-
municatio maior entsprechenden Cherem am 27. Juli 1656, ge-
folgt von der Cbammata, also der Unmöglichkeit, in die jüdische
Gemeinde von Amsterdam zurückzukehren. 2 Um das Bild des
Märtyrers vollständig zu machen, verläßt Lacan zudem seine
Lehrstätte im Hôpital Sainte-Anne.
In diesem Augenblick steht Lacan alleine da, ohne Colombey-
les-Deux-Eglises als Zufluchtsort, doch der Verfasser der Rede
von Rom kehrt als Held auf die Bühne zurück : »Ich gründe, so
allein, wie ich es in meiner Beziehung zur psychoanalytischen Sa-
che stets gewesen bin, die Ecole française de psychanalyse«, ver-
kündet er am 21. Juni 1964. Er gewinnt Fernand Braudels und
Louis Althussers Beistand für die Einrichtung eines Ablegers der
Sechsten Sektion der EPHE an der École normale supérieure.
Durch diesen Ortswechsel kann er seine Hörerschaft beträchtlich
ausweiten und, dank der Bürgschaft der Philosophen, eine maß-
gebliche strategische Position auf dem intellektuellen Feld beset-
352 Die sechziger Jahre. 1963-1966: die Belle Époque

zen. Nun willigt er in François Wahls dringendes Ersuchen ein,


den Hauptteil seines schriftlichen Werks zu publizieren, was er
bisher stets abgelehnt hatte, so daß 1966 bei Seuil die Schriften er-
scheinen.
Lacan ist für seine Theoriepolitik auf Unterstützung angewie-
sen. Nach einem abschlägigen Bescheid von Paul Ricceur 3 lädt er
zur Inauguralsitzung seiner Lehrveranstaltung im Salle Dussane
der École normale supérieure Lévi-Strauss ein, der, wiewohl La-
cans Stil nicht gerade nach seinem Geschmack ist, der Einladung
Folge leistet. Lacan schafft es somit, sein Scheitern bei der IPA
und die Schwächung seiner Bewegung infolge der Spaltung in
ruhmreiche Stärke zu verwandeln, symbolisiert durch seinen Un-
terricht an der Ecole normale supérieure, wo sich fünf Jahre lang
das intellektuelle Paris tummelt, um den Schamanen der Mo-
derne zu sehen und seine Rede zu vernehmen: »Aus der interna-
tionalen psychoanalytischen Bewegung ausgestoßen, wird das
Lacansche Werk also im französischen Abenteuer des Struktura-
lismus an wichtiger Stelle stehen.« 4

Der Signifikant

Die Spur des Strukturalismus in der Lacanschen Theorie des Un-


bewußten ist namentlich am zentralen Stellenwert abzulesen, den
d