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Wissenschaftlicher Beirat:

Virgilio Afonso da Silva, São Paulo


Klaus von Beyme, Heidelberg
Wolfgang Kersting, Kiel
Herfried Münkler, Berlin
Henning Ottmann, München
Walter Pauly, Jena
Pier Paolo Portinaro, Torino
Ryuichiro Usui, Tokyo
Loïc Wacquant, Berkeley
Barbara Zehnpfennig, Passau

Staatsverständnisse

Herausgegeben von
Rüdiger Voigt

Band 57

http://dx.doi.org/10.5771/9783845247717-2
Generiert durch Universität Passau, am 07.12.2016, 11:53:46.
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Rüdiger Voigt (Hrsg.)

Ausnahmezustand

Carl Schmitts Lehre von der kommissarischen Diktatur

Nomos

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© Titelbild: Bild Nr, RTR 3D1ZZ, in Lizenz der Bildagentur Thomson Reuters.
Die Bildunterschrift lautet: "Ein Demonstrant hat sich in Kairo Gewehrhülsen
auf die Finger gesteckt. Er sagt, sie seien von der Polizei".

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in


der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8487-0465-1

1. Auflage 2013
© Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2013. Printed in Germany. Alle Rechte,
auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der
Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.

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Editorial

Das Staatsverständnis hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder grundlegend
gewandelt. Wir sind Zeugen einer Entwicklung, an deren Ende die Auflösung der uns
bekannten Form des territorial definierten Nationalstaates zu stehen scheint. Denn die
Globalisierung führt nicht nur zu ökonomischen und technischen Veränderungen, son-
dern sie hat vor allem auch Auswirkungen auf die Staatlichkeit. Ob die „Entgrenzung
der Staatenwelt“ jemals zu einem Weltstaat führen wird, ist allerdings zweifelhaft. Um-
so interessanter sind die Theorien der Staatsdenker, deren Modelle und Theorien, aber
auch Utopien, uns Einblick in den Prozess der Entstehung und des Wandels von Staats-
verständnissen geben, einen Wandel, der nicht mit der Globalisierung begonnen hat und
nicht mit ihr enden wird.
Auf die Staatsideen von Platon und Aristoteles, auf denen alle Überlegungen über den
Staat basieren, wird unter dem Leitthema „Wiederaneignung der Klassiker“ immer wie-
der zurück zu kommen sein. Der Schwerpunkt der in der Reihe Staatsverständnisse
veröffentlichten Arbeiten liegt allerdings auf den neuzeitlichen Ideen vom Staat. Dieses
Spektrum reicht von dem Altmeister Niccolò Machiavelli, der wie kein Anderer den
engen Zusammenhang zwischen Staatstheorie und Staatspraxis verkörpert, über Thomas
Hobbes, den Vater des Leviathan, bis hin zu Karl Marx, den sicher einflussreichsten
Staatsdenker der Neuzeit, und schließlich zu den Weimarer Staatstheoretikern Carl
Schmitt, Hans Kelsen und Hermann Heller und weiter zu den zeitgenössischen Theore-
tikern.
Nicht nur die Verfälschung der Marxschen Ideen zu einer marxistischen Ideologie, die
einen repressiven Staatsapparat rechtfertigen sollte, macht deutlich, dass Theorie und
Praxis des Staates nicht auf Dauer von einander zu trennen sind. Auch die Verstrickun-
gen Carl Schmitts in die nationalsozialistischen Machenschaften, die heute sein Bild als
führender Staatsdenker seiner Epoche trüben, weisen in diese Richtung. Auf eine Ana-
lyse moderner Staatspraxis kann daher in diesem Zusammenhang nicht verzichtet wer-
den.
Was ergibt sich daraus für ein zeitgemäßes Verständnis des Staates im Sinne einer mo-
dernen Staatswissenschaft? Die Reihe Staatsverständnisse richtet sich mit dieser Frage-
stellung nicht nur an (politische) Philosophen, sondern vor allem auch an Studierende
der Geistes- und Sozialwissenschaften. In den Beiträgen wird daher zum einen der An-
schluss an den allgemeinen Diskurs hergestellt, zum anderen werden die wissenschaftli-
chen Erkenntnisse in klarer und aussagekräftiger Sprache – mit dem Mut zur Pointie-
rung – vorgetragen. So wird auch der / die Studierende unmittelbar in die Problematik
des Staatsdenkens eingeführt.

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Mit dem Forum Staatsverständnisse wird Interessierten zudem ein Diskussionsforum
auf der Website www.staatswissenschaft.de eröffnet, um sich mit eigenen Beiträgen an
der Staatsdiskussion zu beteiligen. Hier können z.B. Fragen zu der Reihe Staatsver-
ständnisse oder zu einzelnen Bänden der Reihe gestellt werden. Als Reihenherausgeber
werde ich mich um die Beantwortung jeder Frage bemühen. Soweit sich dies anbietet,
werde ich von Fall zu Fall bestimmte Fragen aber auch an die HerausgeberInnen der
Einzelbände weiterleiten.

Prof. Dr. Rüdiger Voigt

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Inhalt

Rüdiger Voigt
Ausnahmezustand. Wird die Statue der Freiheit nur kurzzeitig verhüllt,
oder wird sie auf Dauer zerstört? 9

Teil 1: Ideengeschichtliche Verortung

Stefano Saracino
Machiavellis dittatori und Carl Schmitts Diktatur 19

Norbert Campagna
Der absolute Staat und die Ausnahme bei Jean Bodin 45

Oliver Hidalgo
Der Leviathan zwischen „demokratischer“ Zähmung und „totaler“ Entgrenzung.
Schmitt, Hobbes und der Ausnahmezustand als staatstheoretische Herausforderung 58

Teil 2: Carl Schmitts „Ausnahmezustand“

Rüdiger Voigt
Ausnahmezustand. Carls Schmitts Lehre von der kommissarischen Diktatur 85

Dirk Blasius
Preußische Bindungen. Carl Schmitts „Ausnahmezustand“ in
verfassungsgeschichtlicher Perspektive 115

Andreas Anter/Verena Frick


Der verdrängte Carl Schmitt. Ernst-Wolfgang Böckenfördes
Diagnostik des Ausnahmezustandes 128

Reinhard Mehring
Das Leben als Ausnahmezustand. Carl Schmitts Repräsentation 144

7
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Teil 3: Globale und regionale Ausnahmezustände

Christian Kreuder-Sonnen
Die Entgrenzung des Ausnahmezustands: global und permanent? 163

Matthias Lemke
Am Rande der Republik. Ausnahmezustände und Dekolonisierungskonflikte
in der V. Französischen Republik 185

Jochen Kleinschmidt
Ausnahmezustand, organisierte Kriminalität und sozialer Wandel.
Beobachtungen zum Drogenkrieg in Mexiko 209

Pedro Villas Bôas Castelo Branco


Die Humanisierung des internationalen Rechts aus der Perspektive
des Ausnahmezustands 233

Autoren 263

8
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Ausnahmezustand

Wird die Statue der Freiheit nur kurzzeitig verhüllt,


oder wird sie auf Dauer zerstört?

Rüdiger Voigt

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“.1


„Es gibt für diesen Zustand ein anschauliches antikes Symbol, auf das auch Montesquieu
hingewiesen hat: die Statue der Freiheit oder die der Gerechtigkeit wird für eine bestimmte
Zeit verhüllt“.2

Der Ausnahmezustand ist das letzte Mittel eines Staates, um seine Rechtsordnung, seine
Sicherheit und letztlich seinen Bestand gegen massive Angriffe zu verteidigen.3 Er ist
nahe verwandt mit dem Belagerungszustand und dem Kriegszustand (im Grundgesetz:
Verteidigungsfall). Allerdings handelt es sich als ultima ratio um eine Maßnahme auf
Zeit, um in einem Staatsnotstand die Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung zu ge-
währleisten. Es liegt auf der Hand, dass die jahrzehntelange Geltung des Ausnahmezu-
stands, wie dies in manchen Ländern bis in die jüngste Zeit der Fall war, keinesfalls ge-
rechtfertigt ist. Vielmehr ist die Verhängung des Ausnahmezustands nur als vorüberge-
hende Maßnahme zur Bewältigung einer extremen, zeitlich begrenzten Gefahrenlage
akzeptabel. Ägypten ist zu den Zeiten von Präsident Hosni Mubarak nur ein Beispiel un-
ter Vielen, es ist aber typisch für den Einsatz dieser schärfsten Waffe der Regierung ge-
gen Unruhen, Aufstände und Bürgerkrieg. Der „permanente Ausnahmezustand“ wird
hier – wie auch in anderen Staaten – als „normale“ Technik des Regierens verwendet.4
In Ägypten war nach der Ermordung des damaligen Präsidenten Anwar al-Sadat im Jah-
re 1981 der Ausnahmezustand verhängt, im Februar 2011 nach dem Sturz Mubaraks
noch einmal ausgeweitet und am 31. Mai 2012, nach mehr als drei Jahrzehnten, endlich
aufgehoben worden. Nach der Absetzung Mohammed Mursi als Präsident hat das Mili-
tär im Sommer 2013 zwar offiziell die Macht an einen Übergangspräsidenten übertra-
gen, tatsächlich herrscht aber zumindest ein inoffizieller Ausnahmezustand, mit dem die
Führung der Muslimbruderschaft endgültig entmachtet werden soll,

1 Schmitt PTh, S. 13.


2 Schmitt Nomos, S. 67.
3 Wie aktuell das Thema ist, zeigt der Film „Ausnahmezustand“ (engl. Original: The Siege) aus dem
Jahre 1998, in dem eine Serie von Terroranschlägen zu einer teilweise Besetzung New Yorks durch
die US-Armee führt; dabei kommt es zu systematischer Folterung durch staatliche Stellen.
4 Agamben 2004, S. 9. Auch in Algerien war der Ausnahmezustand 19 Jahre lang (1992-2011) in
Kraft.
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Ein noch krasseres Beispiel für den „permanenten Ausnahmezustand“ bietet das Syrien
Bashar al-Assads, in dem seit März 2011 ein blutiger Bürgerkrieg herrscht. Zunächst
ging es lediglich um Massenproteste, in deren Verlauf Assad – nach 48 Jahren – den
von seinem Vater Hafiz al-Assad übernommenen Ausnahmezustand für Syrien aufhob.
Die folgenden Proteste wurden jedoch von den „Sicherheitskräften“ unter Einsatz schar-
fer Munition und Foltermethoden bekämpft. Oppositionelle verschiedener Gruppierun-
gen stehen seither als bewaffnete Freischärler in einem blutigen Bürgerkrieg im Kampf
gegen Regierungstruppen, die Panzer, schwere Artillerie und Bombenflugzeuge gegen
das syrische Volk einsetzen. Zudem droht das Eingreifen mächtiger Nachbarn wie z.B.
der Türkei, die über die stärkste Armee in der Region verfügt und das Erstarken der
Kurden jenseits ihrer Grenzen fürchtet. Aber auch der geostrategisch motivierte Interes-
senkonflikt zwischen den USA und Russland, der zur Blockade des UN-Sicherheitsrates
geführt hat, kann jederzeit eskalieren und zu direkten Interventionen führen.

1. Staatsnotstand und Ausnahmezustand

Für Carl Schmitt ist der Ausnahmezustand ein Thema, das ihn seit 1915 Zeit seines Le-
bens nicht mehr losgelassen hat. Im Ersten Weltkrieg arbeitet er nach seinem Assessor-
examen als Kriegsfreiwilliger in der Abteilung P 6 im Generalkommando in München
unter dem späteren bayerischen Justizminister Hauptmann Dr. Christian Roth. Schmitt
wird die Aufgabe übertragen, einen Bericht über das Belagerungszustands-Gesetz anzu-
fertigen und dabei zu begründen, dass der Belagerungszustand auch in die Nachkriegs-
zeit hinein verlängert werden müsse. Der Beauftragte kommentiert das selbstironisch
mit den Worten: „Ausgerechnet ich! Wofür mich die Vorsehung noch bestimmt hat“.5
Schmitt wünscht zwar eine Ausweitung der Diktaturgewalt nicht, vor dem Militarismus
gebe es aber keine Rettung und keine Hilfe. In seiner Probevorlesung an der Universität
Straßburg Die Einwirkungen des Kriegszustandes auf das ordentliche strafprozessuale
Verfahren aus dem Jahre 19166 konstatiert er folgerichtig, dass Deutschland während
des Weltkrieges kein liberaler Verfassungsstaat, sondern ein „exekutiver Verwaltungs-
staat“ sei.7
Auf dem Höhepunkt der Krise erscheint die Verhängung des Ausnahmezustands – zeit-
lich streng limitiert – zwar zur Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung der Ordnung
als gerechtfertigt. Dieser Zustand wird jedoch oft genug auch dann noch weiter auf-
rechterhalten, wenn sich die Lage wieder beruhigt hat. Die herrschenden Eliten haben in
diesem Fall die (verlockende) Möglichkeit, ihre Position auf Dauer zu stellen und ihre
Abwahl zu verhindern. Konsequenterweise bezeichnet daher Giorgio Agamben den

5 Zitiert nach Mehring 2009, S. 88.


6 Abgedruckt in: Hüsmert/Giesler (Hrsg.) 2005, S. 418-428.
7 Mehring 2009, S. 92; Schmitt behandelt darin vor allem das preußische Gesetz über den Belage-
rungszustand, das im gesamten Reichsgebiet mit Ausnahme Bayerns galt
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Ausnahmezustand auch in der Politik selbst demokratischer Regierungen „als das herr-
schende Paradigma des Regierens“.8 Diese These ist sicher zu überpointiert und keines-
falls überall und zu jeder Zeit angebracht. Es gibt aber – auch in Demokratien nach
westlichem Muster – besorgniserregende Entwicklungen, die durchaus in die von
Agamben bezeichnete Richtung deuten. „Wie weit darf eine demokratisch gewählte, an
das Recht gebundene Regierung gehen, um das Herrschaftsmodell zu verteidigen, das
gleichzeitig ihren Wesenskern ausmacht?“9 Daraus ergeben sich zunächst drei Fragen,
die mit dem Thema „Ausnahmezustand“ in besonderer Weise verbunden sind:
1. Wie kann man sicherstellen, dass nach dem Ende der Notsituation die Not-
stands-Diktatur beendet und die verfassungsgemäße Ordnung wieder hergestellt
wird?
2. Ist die Verfassung nach Ende des Ausnahmezustandes noch dieselbe (alte) Ver-
fassung wie vorher, oder hat sie sich – weniger im Wortlaut als in ihrer Bedeu-
tung – signifikant verändert?
3. Bedarf es überhaupt des offiziellen Ausrufens des Ausnahmezustandes, oder gibt
es auch so etwas wie einen „verdeckten Ausnahmezustand“, der sich gewisser-
maßen still und heimlich einschleicht, so dass die verfassungsgemäße Ordnung
nur noch eine „leere Hülle“ ist?

2. Alternativlose Politik und permanenter Ausnahmezustand

Damit ist die grundsätzliche Frage verbunden, ob der Ausnahmezustand in der Verfas-
sung geregelt werden soll oder nicht. Einerseits ist die zugrunde liegende extreme Notsi-
tuation kaum abschließend für alle möglichen Fälle juristisch zu erfassen. Andererseits
muss Alles vermieden werden, was dazu führt, dass in einer solchen Situation unter der
Fahne des „übergesetzlichen Notstandes“ weit reichende Einschränkungen der bürgerli-
chen Freiheit vorgenommen und womöglich auf Dauer gestellt werden. Eine „Verdrän-
gung“ (Böckenförde) des Ausnahmezustands kann also, so bequem sie auch auf den ers-
ten Blick erscheint, böse Folgen haben. Dagegen wiegen die Bedenken derjenigen weni-
ger schwer, die – meist unter Hinweis auf Art. 48 der Weimarer Reichsverfassung – da-
vor warnen, dass bereits die Normierung des Ausnahmezustands die Gefahr seiner
missbräuchlichen Verwendung heraufbeschwöre. Das erklärt vielleicht, warum das
Grundgesetz so einen „weiten Bogen“ um den Ausnahmezustand macht.

2.1 Reaktionen auf globale Krisen

Neben dem in die Vergangenheit gerichteten Blick bilden vor allem zwei Phänomene

8 Agamben 2004, S. 9.
9 Siehe den Beitrag von Matthias Lemke in diesem Band.
11
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den Hintergrund der heutigen Überlegungen zum Ausnahmezustand. Es ist dies zum ei-
nen die Krise des globalen Finanzsystems, mit der die Europäische (Währungs-) Union,
ihre Mitgliedstaaten, aber auch andere Staaten seit einigen Jahren konfrontiert sind. Die-
se Krise hat – auch ohne offiziell erklärten Ausnahmezustand – in wenigen Jahren das
politische System westlicher Demokratien grundlegend verändert. Der Einfluss der Par-
lamente ist besonders in den Staaten der Eurozone signifikant geschrumpft. Ständig
werden die Parlamentarier zu Eilentscheidungen zur „Rettung des Euro“ genötigt, deren
Umfang und Folgen sie nicht übersehen können. Wichtige Informationen werden den
Abgeordneten vorenthalten. Stattdessen werden sie mit üppigen Diäten und endlosen
Debatten um weniger wichtige Probleme „bei Laune“ gehalten. Hier zeigen sich deutli-
che Tendenzen einer exekutivischen Politik, bei der die wichtigsten Entscheidungen auf
einer „höheren“ politischen Ebene (z.B. im Europäischen Rat oder in bilateralen Ge-
sprächen) getroffen und dann als „alternativlos“ durch die Parlamente „gepeitscht“ wer-
den.10
Das zweite Phänomen ist der globale Terrorismus, der die Freiheit in den westlichen
Demokratien auf zweifache Weise bedroht. Zum einen richten terroristische Anschläge
– wie der auf das World Trade Center – z.T. großen materiellen Schaden an, überdies
bedrohen, verletzen und töten sie meist unbeteiligte Menschen. Zum anderen ist damit
auch ein emotionaler Schaden verbunden, der sich besonders in der Terrorangst der
Menschen niederschlägt und gravierende Folgen hat. Niemand kann sich noch auf der
Straße, auf dem Marktplatz oder auf dem Bahnhof so ungezwungen bewegen, wie vor
den Anschlägen des 11. Septembers 2001. Vielerlei staatliche Schutzmaßnahmen, wie
etwa die Videoüberwachung öffentlicher Plätze, scheinen unumgänglich zu sein.
Gleichzeitig nutzen bestimmte Kräfte in den in- und ausländischen Regierungen aber
auch die „Gunst der Stunde“, um freiheitsbeschränkende Maßnahmen, wie z.B. mit gi-
gantischen Datenverarbeitungssystemen (Stichwort: prism) Handy-Gespräche, Emails
sowie alle Daten auf privaten, geschäftlichen und staatlichen PCs abzugreifen zu recht-
fertigen. Diese Maßnahmen werden – unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – mit der
Terrorismusabwehr begründet, dienen tatsächlich jedoch der Ausspähung von Gesell-
schaft, Politik und der Wirtschaft. Die Reaktion der Bundesregierung auf das Bekannt-
werden der Spionagetätigkeit lässt kaum einen anderen Schluss zu als den der Kompli-
zenschaft mit US-Geheimdiensten. In der Konsequenz verschieben diese Machenschaf-
ten – von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen – nachhaltig das Gleichge-
wicht zwischen bürgerlichen Freiheiten und staatlicher (All-) Macht zu Gunsten der
Letzteren.11

10 Voigt 2013.
11 Voigt (Hrsg.) 2012.
12
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2.2 Permanenter Ausnahmezustand?

Befinden wir uns damit bereits in einem „permanenten Ausnahmezustand“,12 der zwar
nicht offiziell ausgerufen, aber längst in Kraft gesetzt worden ist, wie Giorgio Agamben
meint?13 Denn Eines scheint festzustehen: die endlose Krise lässt sich von den Herr-
schenden durchaus zur Erhaltung ihrer Macht instrumentalisieren:

„Heute ist die Krise zum Herrschaftsinstrument geworden. Sie dient dazu, politische und
ökonomische Entscheidungen zu legitimieren, die faktisch die Bürger enteignen und ihnen
jede Entscheidungsmöglichkeit nehmen“.14

Tatsächlich ist nicht nur die repräsentative Demokratie in Gefahr, sondern angesichts
immer neuer Maßnahmen zur „Aufrechterhaltung der Sicherheit“ sind auch die Bürger-
rechte, das Fundament westlicher Demokratievorstellungen, grundsätzlich von einer
schleichenden Aushöhlung bedroht. Hier liegt ein Schwerpunkt des vorliegenden Ban-
des. Darüber hinaus spielen die folgenden sieben Fragenkomplexe eine zentrale Rolle:

1. Zeitpunkt: Wann ist ein solcher Ausnahmezustand erreicht, und wann wird aus der
(potenziellen) Gefährdung eine akute Gefahr?
2. Machtfrage: Welche Institution stellt verbindlich fest, ob ein solcher Gefahrenzu-
stand eingetreten ist bzw. (später wieder) überwunden ist?
3. Instrumente: Welche Mittel zur Abwehr bzw. Bekämpfung der Gefahr sollen und
dürfen – für welchen Zeitraum und von wem – eingesetzt werden?
4. Vorsorge: Sind in der Verfassung Vorkehrungen getroffen worden, und reichen die-
se zur Gefahrenabwehr aus?
5. Maßstab: Ist es grundsätzlich zulässig, die verfassungsmäßige Ordnung oder Teile
davon (etwa bestimmte Grundrechte, wie z.B. Meinungs-, Presse-, Versammlungs-
freiheit oder das Parteienrecht) zeitweise außer Kraft zu setzen, um die Ordnung als
Ganze zu retten?
6. Permanenz: Gibt es einen „permanenten Ausnahmezustand“ (Agamben), in dem in
der Verfassung gewährleistete (Grund-) Rechte wegen einer latenten Gefahrensitua-
tion womöglich – heimlich aber dauerhaft – außer Kraft gesetzt sind?
7. Missbrauch: Sind angesichts des weltweiten Kampfes gegen den Terrorismus An-
zeichen dafür zu erkennen, dass Regierungen demokratischer Staaten Antiterror-
maßnahmen (auch) zur „Stabilisierung“ ihrer Herrschaft nutzen?

12 Siehe den Beitrag von Pedro V. B. Castelo Branco in diesem Band.


13 Agamben 2004, S. 13f.
14 Agamben 2013, S. 44.
13
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3. Die Beiträge im Einzelnen

Aus staatsrechtlicher, politikwissenschaftlicher und historischer Perspektive, aber auch


aus Sicht der praktischen Politik ist die Ausnahme ein überaus interessantes For-
schungsobjekt. Das schlägt sich natürlich auch in den Beiträgen dieses Sammelbandes
nieder. In ihnen wird ein breites Spektrum von Zugängen und Ergebnissen aufgezeigt.
Der Band ist in fünf Teile gegliedert, in denen das Generalthema „Ausnahmezustand“
aus verschiedenen Blickwinkeln von Rechts- und PolitikwissenschaftlerInnen sowie von
Historikern beleuchtet wird.
Nach einer Einleitung (Rüdiger Voigt), in der das Thema „Ausnahmezustand“ in histori-
scher wie in gegenwartsbezogener Perspektive umrissen wird, geht es im Ersten Teil um
die ideengeschichtliche Verortung. In drei Beiträgen wird diese Positionsbestimmung
anhand der Theorien von Niccolò Machiavelli über Jean Bodin bis zu Thomas Hobbes
vorgenommen und mit Carl Schmitts Konzept des Ausnahmezustands konfrontiert. Ste-
fano Saracino vergleicht in seinem Beitrag Machiavellis „dittatori“ und Carl Schmitts
Diktatur mit einander. Der absolute Staat und die Ausnahme bei Jean Bodin sind Ge-
genstand des Beitrags von Norbert Campagna. Und Oliver Hidalgo untersucht den
Ausnahmezustand als staatstheoretische Herausforderung am Beispiel von Hobbes‘
„Leviathan“, den Carl Schmitt auf eine ganz eigene Weise interpretiert hat.15
Der zweite Teil ist in vier Beiträgen dem Schmittschen Denken über Diktatur und Aus-
nahmezustand gewidmet. Rüdiger Voigt ordnet den Ausnahmezustand in Schmitts Leh-
re von der kommissarischen Diktatur ein. Dirk Blasius geht Carl Schmitts „Ausnahme-
zustand“ in verfassungsgeschichtlicher Perspektive (mit dem Schwerpunkt Preußen)
nach. Andreas Anter und Verona Frick münzen Ernst-Wolfgang Böckenfördes Wort
vom verdrängten Ausnahmezustand in das von dem „verdrängten Carl Schmitt“ um, in-
dem sie Böckenfördes eigene Diagnostik des Ausnahmezustands unter die Lupe neh-
men. Reinhard Mehring schließlich sieht Carl Schmitts bewegtes Leben in vier politi-
schen Systemen (Kaisereich, Weimar, 3. Reich, Bonn) selbst als Ausnahmezustand.
Im dritten Teil werden in vier Beiträgen globale und regionale Ausnahmezustände ana-
lysiert. Christian Kreuder-Sonnen geht besonders auf die Gefahr einer Entgrenzung des
Ausnahmezustands ein, die sowohl global als auch regional partiell bereits vollzogen ist.
Matthias Lemke behandelt den spannenden Umbruch Frankreichs, der über den Algeri-
enkrieg und die damit verbundenen Ausnahmezustände von der Vierten zur Fünften Re-
publik Charles de Gaulles führte. Am Beispiel des Drogenkriegs in Mexiko deckt Jo-
chen Kleinschmidt den Zusammenhang zwischen Ausnahmezustand, organisierter Kri-
minalität und sozialem Wandel auf. Den Abschluss des Bandes bildet der Beitrag von
Pedro Villas Bôas Castelo Branco, in dem sich dieser intensiv und kritisch mit Carl
Schmitts Konzept der „kommissarischen Diktatur“ auseinandersetzt und dabei den Vor-

15 Voigt (Hrsg.) 2009.


14
http://dx.doi.org/10.5771/9783845247717-9
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gang der „Humanisierung“ des internatio- nalen Rechts aus der Perspektive des Aus-
nahmezustands beleuchtet.

Literatur

Agamben, Giorgio, 2004: Ausnahmezustand: Homo sacer II.1. Frankfurt a.M.


Agamben, Giorgio, 2013: Die endlose Krise ist ein Machtinstrument. Ein Gespräch mit Giorgio
Agamben, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 119 vom 25.5.2013, S. 44.
Hüsmert, Ernst/Giesler, Gert (Hrsg.), 2005: Carl Schmitt. Die Militärzeit 1915 bis 1919. Tage-
buch Februar bis Dezember 1915. Aufsätze und Materialien, Berlin.
Schmitt, Carl, 1922: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität (9.
Aufl. 2009), Berlin (zit.: PTh).
Schmitt, Carl, 1916: Diktatur und Belagerungszustand, in: Zeitschrift für die gesamte Straf-
rechtswissenschaft, 38, S. 138-162, zugleich in: Hüsmert/Giesler (Hrsg.) 2005, S. 418-428.
Schmitt, Carl, 1997: Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum, 4.
Aufl. Berlin.
Voigt, Rüdiger (Hrsg.), 2009: Der Hobbes-Kristall. Carl Schmitts Hobbes-Interpretation in der
Diskussion, Stuttgart.
Voigt, Rüdiger (Hrsg.), 2012: Sicherheit versus Freiheit. Steht die Macht über dem Recht,
Wiesbaden.
Voigt, Rüdiger, 2013: Alternativlose Politik? Zukunft des Staates – Zukunft der Demokratie,
Stuttgart.

15
http://dx.doi.org/10.5771/9783845247717-9
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Teil 1:
Ideengeschichtliche Verortung

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Generiert durch Universität Passau, am 07.12.2016, 11:54:32.
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Machiavellis dittatori und Carl Schmitts Diktatur

Stefano Saracino

Die Krise der Parteiendemokratie, die Europa derzeit durchläuft, und das Szenario einer
postelektoralen Demokratie, in der plebiszitäre und direktdemokratische Partizipations-
formen ebenso wie der Protest auf der Straße und dessen Kanalisierung durch moderne
Volkstribunen an Bedeutung gewinnen, schlägt sich mittlerweile auch auf die Interpre-
tation politiktheoretischer Klassiker nieder. So interpretiert John P. McCormick in sei-
nem Buch Machiavellian Democracy (2011) Niccolò Machiavelli als Befürworter eines
radikal demokratischen, ja eines plebiszitär-volkstribunizischen Republikanismus, wes-
halb der Florentiner angesichts der besagten Entwicklung der gegenwärtigen Demokra-
tie ein brandaktueller Autor sei.1 Mit dem Szenario einer postelektoralen Demokratie
scheint aber auch das Gespenst der Diktatur zurückzukehren und damit die Auseinan-
dersetzung mit Carl Schmitt – der von Rudolf Augstein als „Machiavelli im Sauerland“
bezeichnet wurde2 – an Dringlichkeit zu gewinnen.
Die Berührungen mit Machiavelli sind nicht von so grundlegender Bedeutung für
Schmitts politisches Denken, wie die Berührungen mit Bodin und Hobbes.3 Allerdings
wird der Florentiner gerade in der ideen- und begriffsgeschichtlichen Auseinanderset-
zung Schmitts mit der Diktatur ausführlich behandelt und zitiert. Grund dafür ist Ma-
chiavellis eigene eingehende Beschäftigung mit dem altrömischen Notstandsorgan der
Diktatur in den Discorsi. Der vorliegende Beitrag verfolgt zwei Erkenntnisinteressen:
Einerseits soll einleitend Schmitts Analyse von Machiavellis Begriff der Diktatur in
Schmitts Die Diktatur (1921) rekonstruiert und in den größeren Kontext seiner Machia-
vellirezeption sowie seines diskursgeschichtlichen Umfeldes der Weimarer Zeit gestellt
werden. Dies soll andererseits aber nur der Ausgangspunkt sein, um darüber hinaus die
Frage zu behandeln, inwieweit sich Machiavelli aufgrund seiner Konzeption des Aus-
nahmezustandes und der Gründung politischer Ordnung – neben Bodin und Hobbes –
als Referenzpunkt für das Schmittsche Denken anbietet, auch unbeachtet von konkret
fassbaren Einflüssen. So soll auf die Konzeption republikanischer Ordnungsgründer

 Die Forschungen für diesen Aufsatz erfolgten im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs
„Politische Kommunikation von der Antike bis in das 20. Jahrhundert“ der Johann-Wolfgang-
Goethe Universität Frankfurt am Main.
1 McCormick 2011. McCormick hat sich auch mit Carl Schmitt auseinandergesetzt, s. McCormick
1997. Zu Schmitts Interpretation von Machiavelli McCormick 1997, S. 129-133.
2 Der Spiegel, Nr. 45, 1993, S. 75.
3 Galli 2013. Zu Bodin bei Schmitt vgl. den Beitrag von Norbert Campagna in diesem Band; zu Hob-
bes bei Schmitt vgl. den Beitrag von Oliver Hidalgo in diesem Band.

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(ordinatori, fondatori, datori di leggi) eingegangen werden, die Machiavelli in den Dis-
corsi anhand der „historischen“ Gründer Lykurg, Romulus, Kyros und Moses entwirft.
Dies bildet ein Theoriesegment im Werk Machiavellis, das für das Nachdenken über die
souveräne Diktatur Relevanz besitzt, dessen Relevanz allerdings von Schmitt nicht er-
kannt wurde.4 Es ergibt sich deshalb auch die Frage, wieso Schmitt Machiavelli nicht
als einen bedeutenden Referenzpunkt vom Range Bodins oder Hobbes ansieht: Neben
dem Einfluss Machiavellis auf Schmitt ist deshalb nach der intentionalen Verwendung
Machiavellis durch Schmitt zu fragen.

1. Machiavelli als Referenzdenker Carl Schmitts in Die Diktatur (1921)

Im Gegensatz zum heute gängigen Sprachgebrauch sieht Schmitt die Diktatur nicht als
Antipode der Demokratie, sondern als mit ihr vereinbar an. Vielmehr sieht er Demokra-
tie und Liberalismus als Antithesen an. Diktaturen kämen auch in der Staatsform der
Demokratie vor, als uneingeschränkte Form des Regierens, die sich zwar über die kon-
stitutionellen und deliberativen Entscheidungsverfahren demokratischer Systeme hin-
wegsetze, nichts desto trotz aber auf die Zustimmung des Volkes angewiesen sei und in
dessen Auftrag einen Not- oder Missstand (etwa die Erneuerung der Verfassung oder
die Wiederherstellung staatlicher Ordnung) zu bewältigen habe; sie beruhe häufig auf
„einer, gleichgültig wie, herbeigeführten oder unterstellten Zustimmung des Volkes, al-
so auf demokratischer Grundlage“.5 Begriffs- und realgeschichtlich betrachtet, ist für
Schmitt die moderne („souveräne“) Diktatur ein Kind des Revolutionszeitalters und mit
dem Aufkommen des Prinzips der Volkssouveränität eng verknüpft. Die souveräne Dik-
tatur unterscheidet sich wesentlich vom alten Rechtsinstitut der kommissarischen Dikta-
tur, das laut Schmitt in der europäischen Vormoderne vor allem den Fürstenstaat, aber
auch das republikanische Denken prägte.6
Die postulierte Vereinbarkeit der Diktatur mit der Demokratie ist mit Schmitts antilibe-
raler Ablehnung des Parlamentarismus und mit seiner Sympathie für eine plebiszitäre
Demokratie zu verbinden, in der sich ein möglichst homogenes Volkskollektiv und au-
toritäre Regierungsinstitutionen und -personen gegenüberstehen. Schmitt kann mit his-
torisch triftigen Gründen darauf verweisen, dass der Schutz des Individuums und indi-
vidueller Freiheitsrechte in der vormodernen Demokratie keine hervorragende Rolle

4 „Und wo Schmitt diese Seite wesentlicher Illegitimität moderner Politik im Begriff der »Tatkraft«
oder der verfassungsgebenden Gewalt erfasst, da leitet er seine begrifflichen Koordinaten von Sieyès
und Rousseau her und nicht von Machiavelli“ (Galli 2013, S. 140).
5 Schmitt 2006, S. xiii, vgl. zum Verhältnis von Demokratie und Diktatur Schmitt 2006, S. xvi.
6 Schmitt akzentuiert die Bedeutung des Beispiels des französischen Nationalkonvents für die Entste-
hung der souveränen Diktatur, s. Schmitt 2006, S. 144f., 197. Aus Schmitts Abhandlung zur Diktatur
geht hervor, dass die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts als Sattelzeit des Begriffs der souveränen
Diktatur angesehen wird, s. v.a. Kap. III-V.

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spielte, vielmehr ein Anliegen darstellt, das erst durch den Liberalismus im 19. Jahr-
hundert mit der Demokratie verbunden wurde.7 In rousseaustischem Sinne ist laut
Schmitt zur Ermittlung des (qualitativ nicht quantitativ verstandenen) Volkswillens das
Wahlergebnis nicht das beste Mittel. Vielmehr kann der Volkswille unterstellt werden.8
Dieses Demokratieverständnis lässt sich nicht nur mit Max Webers „plebiszitärer Füh-
rerdemokratie“ (die freilich auch starke Unterschiede zu Schmitts aufweist), sondern –
wie gezeigt werden soll – auch mit Machiavellis Konzeption einer republica bene
ordinata in Verbindung bringen. Die Organisation politischer Herrschaft mit dem Ziel
einer möglichst großen Handlungsfähigkeit der Republik und die Rolle entscheidungs-
fähiger und handlungsmächtiger politischer Führungspersonen hierbei, die im politi-
schen Denken Machiavellis tonangebend sind, lassen sich zudem nicht bloß mit Webers
„Verantwortungsethik“, sondern auch mit Carl Schmitts dezisionistischem Konstrukt
der Diktatur verbinden.9
Schmitts Beschäftigung mit der Diktatur lässt sich mit einem systematischen Gesichts-
punkt und auch aus dem politischen und geistigen Klima der frühen Weimarer Zeit er-
schließen. Der systematische Anknüpfungspunkt liegt in Schmitts Unterscheidung zwi-
schen der Substanz staatlicher Souveränität (etwa ausformuliert in einem Katalog von
Hoheitsrechten) und andererseits der Fähigkeit der souveränen Gewalt, diese tatsächlich
auszuüben. Diese Einsicht, bei der Sieyès Unterscheidung zwischen dem pouvoir
constitué und dem pouvoir constituant Pate gestanden hat, macht den Kern von
Schmitts Realismus aus; ein Realismus, der sich speist aus der historischen Diagnose
eines Niedergangs des Staates und einer Evasion des Politischen in der Moderne, die
dem staatlichen Anspruch auf dessen Monopolisierung zuwiderlaufe. Testfall für die
Fähigkeit der souveränen Gewalt, ihre substantiellen Kompetenzen auszuüben, und zu-
gleich Definitionsmoment der Souveränität ist für Schmitt bekanntlich die Handhabung
des Ausnahmezustandes.10 Andererseits lassen sich die Schriften Carl Schmitts aus den

7 Schmitt 2002, S. 24f. und 68f.


8 „Die einstimmige Meinung von 100 Millionen Privatleuten ist weder Wille des Volkes, noch öffent-
liche Meinung. Der Wille des Volkes kann durch Zuruf, durch acclamatio, durch selbstverständli-
ches, unwidersprochenes Dasein ebensogut und noch besser demokratisch geäußert werden als durch
den statistischen Apparat, den man seit einem halben Jahrhundert mit einer so minutiösen Sorgfalt
ausgebildet hat“ (Schmitt 1969, S. 22). Schmitt räumt in seiner Verfassungslehre allerdings ein, dass
diese Unterstellung auch auf Fehldeutungen und auf bewusster Manipulation gründen kann: „Die
Schwäche liegt darin, daß das Volk über die Grundfragen seiner politischen Form und seiner Organi-
sation entscheiden soll, ohne selbst formiert oder organisiert zu sein. Deshalb sind seine Willensäu-
ßerungen leicht zu verkennen, zu mißachten oder zu fälschen“ (Schmitt 1993, S. 83).
9 Eine auf Max Weber gründende Deutung Machiavellis als „konservativem Verantwortungsethiker“
bei Knoll 2003. Zur Präsenz einer republikanischen Notstandstheorie in den Discorsi, die von der
Forschung vernachlässigt wird, die an Machiavelli einseitig den Staatsräsontheoretiker und Wegbe-
reiter des frühneuzeitlichen, der Monarchie nahestehenden Staatsräsondiskurses erkennt, Saracino
2012a und McCormick 1993.
10 Schmitts Überlegungen zur Diktatur liegt die Unterscheidung zwischen der „Rechtsnorm“ und der
„Rechtsverwirklichungsnorm“ zugrunde, aus deren problematischem Verhältnis sich auch das Prob-

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Weimarer Jahren der inflationären Entwicklung dezisionistischen Staatsdenkens im
Diskurs der Zeit zuordnen, die mit Namen wie Hermann Heller, Friedrich Meinecke und
Ernst Jünger verbunden ist und in der sich sowohl die Handlungsschwächen als auch die
Anerkennungsschwierigkeiten des Weimarer Systems niederschlagen.11 Schmitts Unter-
suchung zur Diktatur aus dem Jahre 1921, der in der 2. Auflage von 1928 eine Erörte-
rung des Artikels 48 der Weimarer Verfassung zu den Ausnahmebefugnissen des
Reichspräsidenten angehängt wurde, steht im Zusammenhang mit den Erfahrungen aus
seiner Münchner Zeit und den Wirren der Münchner Räterepublik.
Das Erkenntnisinteresse des vorliegenden Beitrages liegt jedoch nicht in der Herausstel-
lung des Zusammenhangs zum politischen und intellektuellen Klima, aus dem Schmitts
Lehre von der Diktatur hervorgeht.12 Vielmehr liegt das Augenmerk auf der Bedeutung
frühneuzeitlicher Klassiker für die Genese von Schmitts theoretischen Positionen zur
Diktatur. Dass Machiavelli bei Schmitt nicht an die Bedeutung von Bodin und Hobbes
heranragt, ist bekannt. Hobbes ist zentraler Referenzdenker von Schmitt, wobei er den
englischen Philosophen, vor allem in den Weimarer Jahren, auf seinen Dezisionismus
reduziert; auf den Autor der rechtstheoretischen Position, die Hobbes in polemischer
Auseinandersetzung mit dem Politikverständnis des Langen Parlaments und des nach
der Abschaffung der Monarchie 1649 in England an Konturen gewinnenden Republika-
nismus entwickelt und die sich im Ausspruch kondensieren lässt: „auctoritas, non
veritas facit legem“ (Leviathan, 26).13 Die Hingabe zu Hobbes reicht so weit, dass sich
Schmitt in seinem Hobbes-Buch von 1938, nachdem er bei den Nationalsozialisten in
Ungnade gefallen war, und erneut nach dem Krieg mit dem englischen Philosophen, der
an seinem Lebensabend heftig angefeindet wurde, identifiziert und eine Parallele zwi-

lem der Souveränität ergibt. „Nur eine Literatur, die jeden Sinn für das juristische Grundproblem der
Staatslehre, den Gegensatz von Recht und Rechtsverwirklichung, verloren hat, kann hier in der Un-
terscheidung von Substanz und Ausübung der Souveränität eine unbeachtliche scholastische Spitz-
findigkeit entdecken. Ist Souveränität wirklich staatliche Allgewalt, und das ist sie für jede, eine Tei-
lung, d. h. Abgrenzung der Gewalten nicht restlos durchführende Verfassung, so ergreift die rechtli-
che Regelung immer nur den berechenbaren Inhalt der Ausübung, niemals die substantielle Fülle der
Gewalt selbst. Die Frage, wer über sie, d. h. den rechtlich nicht geregelten Fall entscheidet, wird die
Frage nach der Souveränität“ (Schmitt 2006, S. 191). Zu Sieyès Schmitt 2006, S. 139 und Pasquino
1988. Die Formel, dass souverän sei, wer über den Ausnahmezustand entscheide, findet sich in
Schmitts Politischer Theologie, s. Schmitt 1991 (1922), S. 13. Zu Schmitts Souveränitätsbegriff
Quaritsch 1996.
11 Krockow 1995.
12 Siehe hierzu Mehring 2009.
13 So in der Politischen Theologie, s. Schmitt 1991, S. 56 und auch in Die Diktatur, s. Schmitt 2006, S.
22. Ein umfassenderer Blick auf die politische Philosophie von Hobbes in Schmitts metaphoro-
logisch-mythologischer Studie von 1938 zum Sinnbild des Leviathans, die nicht mit antisemitischen
Spitzen spart (s. Schmitt 1995a). In einer Spätschrift deutet Schmitt Hobbes, aufgrund seiner für den
Staat verhängnisvollen Unterscheidung von privater Überzeugung und öffentlichem Bekenntnis, als
„Vollender der Reformation“ (s. Schmitt 1965). Zu Schmitts Hobbes-Interpretation siehe die Beiträ-
ge in Voigt 2009 und Oliver Hidalgo in diesem Band.

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schen seiner und Hobbes’ Biographie erstellt.14 Eine solche Verbundenheit auf persön-
lich-biographischer Ebene bestand allerdings auch zu Machiavelli, wenn man bedenkt,
dass Schmitt sein Haus und Rückzugsort in Plettenberg mit San Casciano titulierte, also
dem Namen des Landsitzes, auf dem Machiavelli ab 1513 sein Exil antreten musste.15
Auch für die theoretische und begriffsgeschichtliche Analyse der Diktatur ist Hobbes
fester Bezugspunkt, da er den Daseinszweck des Staates als permanente Kriegs- und
Rebellionsverhinderungsinstanz erfasst habe.16
Schmitts systematische Unterscheidung zwischen der kommissarischen und der souve-
ränen Diktatur fußt wiederum unmittelbar auf Bodins Interpretation der altrömischen
Verfassungsinstitution der Diktatur, die zur Bewältigung innen- oder außenpolitischer
Krisen und zur Wiederherstellung einer gestörten Ordnung mit Ausnahmebefugnissen
bevollmächtigt wurde. Bleibt Bodins Verständnis der Diktatur auch auf ihre alte (kom-
missarische) Ausbildung beschränkt, so setzt mit seinem Werk die Kontroverse darüber
ein, ob die Diktatur souverän sei, und es werde hierdurch der Pfad zur souveränen Dik-
tatur eingeschlagen.17 In seiner Politischen Theologie (1922) bescheinigt Schmitt Bo-
din, einen entscheidenden Beitrag zur Souveränitätslehre geleistet zu haben.18
Blickt man nun auf die Aussagen, die Schmitt in Die Diktatur (1921) zu Machiavelli
fällt, so scheint sich ein ambivalentes Urteil zu ergeben. Beim ersten Hinsehen scheint

14 Schmitt bezeichnet Hobbes als „Lehrer einer großen politischen Erfahrung; einsam, wie jeder Weg-
bereiter; verkannt, wie jeder, dessen politischer Gedanke sich nicht im eigenen Volk verwirklicht;
ungelohnt, wie der, der ein Tor öffnet, durch das andere weitermarschieren; und doch in der unsterb-
lichen Gemeinschaft der großen Wissenden der Zeiten, ›a sole retriever of an ancient prudence‹.
Über die Jahrhunderte hinweg rufen wir ihm zu: Non jam frustra doces, Thomas Hobbes!“ (Schmitt
1995a, S. 132).
15 Schmitt gibt nach 1945 in seinen Korrespondenzen „Plettenberg-San Casciano“ gelegentlich als Ab-
sender an.
16 „Darum ist der Staat bei Hobbes seiner Konstitution nach in dem Sinne eine Diktatur, als er, aus dem
bellum omnium contra omnes entstehend, den Zweck hat, diesen Krieg, der sofort wieder ausbre-
chen würde, wenn der Druck des Staates von den Menschen genommen wird, beständig zu verhin-
dern“ (Schmitt 2006, S. 22).
17 So lautet Bodins Urteil zur Frage, ob die römischen Diktatoren souverän gewesen seien: „Hieraus
folgt, daß der Diktator entgegen der Meinung vieler Autoren weder Fürst noch souveräner Magistrat
gewesen ist und in Wirklichkeit lediglich den Auftrag hatte, etwa einen Krieg zu führen, einen Auf-
stand niederzuschlagen oder eine Staatsreform durchzuführen oder neue Beamten zu bestellen. Der
Souveränität hingegen ist jede Begrenzung hinsichtlich der Machtbefugnis, der Aufgabenstellung
oder ihrer Dauer fremd“ (Bodin 1981, S. 206 = Six livres de la république I/8). Auch das Dezemvirat
ist für Bodin keine „souveräne Diktatur“ (ebd.). Wo Bodin die Wesensähnlichkeit zwischen Diktatur
und Dezemvirat hervorhebt, liegt für Machiavelli, wie noch eigens gezeigt wird, ein wesentlicher
Unterschied zwischen den dictatores und dem Notstandsregiment der decemviri. Schmitt stellt eben-
falls Bodins Leistung heraus, den außerordentlichen Charakter des Diktators (der auf der Basis der
Ordonanz seines souveränen Dienstherren, aber nicht auf der Basis des Gesetzes handelt) und jedes
weiteren außerordentlichen kommissarischen Staatsamtes herausgestellt und dessen Gegensatz zum
ordentlichen Magistraten/Beamten entdeckt zu haben, der sich auf dem Boden des Rechts bewege, s.
Schmitt 2006, S. 33-39.
18 Schmitt 1991, S. 15; zu Bodins Schmitt-Interpretation Campagna 2004, S. 69f. und Norbert Cam-
pagna in diesem Band.

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die Einordnung Machiavellis in die Masse der traditionellen (republikanischen) Ausei-
nandersetzungen mit dem alten Rechtsinstitut der Diktatur festzustehen, deren staats-
theoretische Relevanz für Schmitt gering ist:

„Die Diktatur erschien Machiavelli und der folgenden Zeit zu sehr als ein der freien römi-
schen Republik wesentliches Institut, als daß sie die beiden verschiedenen Arten der Dikta-
tur, die kommissarische und die souveräne, unterschieden hätten. Daher ist auch der absolu-
te Fürst für sie niemals Diktator. Der Principe, dessen Bild Machiavelli entworfen hat, ist
von späteren Schriftstellern gelegentlich ein Diktator genannt worden. Das widerspricht je-
doch der Auffassung Machiavellis. Der Diktator ist immer ein zwar außerordentliches, aber
doch verfassungsmäßiges republikanisches Staatsorgan.“19

Dass Machiavelli dem traditionellen Denken über die Diktatur zugehörig sei und seine
Reflexionen zur Diktatur zudem nicht sonderlich originell seien, betont Schmitt mehr-
mals. So sage man mit Recht von Machiavelli, „daß er niemals eine Staatstheorie aufge-
stellt habe“ (S. 5). Hiermit konform geht Schmitts Kritik an Meinecke, der Machiavelli
als Begründer der Staatsräson gedeutet habe.20 Machiavellis Bild der altrömischen Dik-
tatur sei zudem von Livius und damit von den „alten Diktatoren“ (nicht von der „revo-
lutionären Diktatur“ Sullas oder Cäsars) geprägt.21 Machiavellis Interesse gelte der Dik-
tatur als Substitut, das die strukturellen Vorteile der monarchischen Regierungsform
auch in der Republik gewährleiste (etwa die Schnelligkeit, Geheimhaltung und Einmü-
tigkeit politischen Handelns) (S. 6). Darin dass die Magistrate und Verfassungsorgane
der Republik auch unter der außerordentlichen Regierung eines Diktators bestehen blie-
ben, habe Machiavelli eine Garantie gegen Missbrauch erkannt; gewissermaßen als Re-
flex der typischen Abneigung des altrepublikanischen Denkens gegenüber der monokra-
tischen Verengung von Herrschaft. Machiavelli denke daher in Kategorien der „kom-
missarischen Reformationsdiktatur“, nicht der „souveränen Revolutionsdiktatur“ (S.
114).
Dieser eindeutige Befund hindert Schmitt jedoch nicht daran, Machiavelli auch durch-
aus eine prometheische Rolle für das Staatsdenken der Neuzeit allgemein und für das
Denken über die Diktatur im Besonderen zuzuschreiben. So bemerkt Schmitt in seiner
sorgfältigen Rekonstruktion von Machiavellis politisch-theoretischer Semantik und
Terminologie in der auf Livius gegründeten Auseinandersetzung mit der Diktatur eine
dezisionistische Pointe. So habe die Ermächtigung eines Diktators die Aufhebung des
gewaltenteilenden und aufgabenverteilenden Prinzips der Mischverfassung zur Folge
gehabt: Denn die Diktatoren vermochten völlig alleine zu entscheiden („deliberare per

19 Schmitt 1991, S. 7.
20 Diese Kritik findet sich in Schmitts Rezension von Meineckes Die Idee der Staatsräson (Schmitt
1940).
21 Hiergegen ist einzuwenden, dass Machiavelli explizit den Begriff der Diktatur im Kontext der
Selbstbevollmächtigungen Sullas und Cäsars behandelt, s. unten.

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se stesso“) (S. 6).22 Zudem stellt Schmitt die rezeptionsgeschichtliche Bedeutung des
Principe – und Schmitts Lektüre von Machiavellis Werk ist allgemein eher Principe-
lastig – für die neuzeitliche Staatstheorie heraus (S. 7, 12f.).23 Seinen wichtigsten Bei-
trag zur Genese der modernen Sichtweise auf die Diktatur habe Machiavelli allerdings
mit seinem technischen Politikverständnis, mit der Beschreibung einer Technik der
Machterhaltung geleistet. Hierin kündige sich die technisch-sachliche Aufgabe des Dik-
tators als (Rechts-)Verwirklicher an, für den der Erfolg und die Effizienz des Handelns
bestimmend seien (S. 8-11).24 Die Verbindung Machiavellis zum Rationalismus der Re-
naissancehumanisten scheint von Schmitt als bedeutende Prämisse seiner Technik der
Macht und seines technizistischen Denkens angesehen zu werden:

„Diese technische Auffassung [Machiavellis, S.S.] ist für die Entstehung des modernen
Staates wie für das Problem der Diktatur von unmittelbarer Bedeutung. Aus dem Rationa-
lismus dieser Technizität ergibt sich zunächst, daß der konstruierende Staatskünstler [sic.]
die staatlich zu organisierende Menschenmenge als ein zu gestaltendes Objekt, als Material
ansieht. Es entspricht den humanistischen Anschauungen, im Volk, der ungebildeten Masse
[…] etwas Irrationales zu sehen, das durch die ratio beherrscht und geführt werden muß. Ist
das Volk aber das Irrationale, so kann man nicht mit ihm verhandeln und Verträge schlie-
ßen, sondern muß es durch List oder Gewalt meistern. Der Verstand kann sich hier nicht
verständigen, er räsoniert nicht, sondern diktiert.“25

Schmitts Akzentuierung der rationalen, kühl abwägenden Technik der Macht als be-
deutsame Facette von Machiavellis politischem Denken steht im Kontrast zur „dämo-
nologischen“ Deutung Machiavellis in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts. Die „dämonologische“ Interpretation Machiavellis wird, von Weber ausge-
hend26, über Friedrich Meinecke und Gerhard Ritter27 zu einem dominierenden Deu-

22 Machiavelli betont, dass die Diktatoren, im Gegensatz zu anderen Regierungsträgern, sich mit nie-
mandem beraten mussten (consultare) und nicht von anderen Entscheidungsträgern (deliberare) ab-
hängig waren, vielmehr ohne jedes Hindernis ihre Entscheidungen ausführen konnten (esequire)
(Machiavelli 1996, S. 132).
23 In seiner kurzen Schrift zu Machiavelli anlässlich seines 400. Todestages schreibt Schmitt: „Jedes-
mal, wenn eine neue politische Idee dem staatlichen Leben neue Kräfte gab und die unzerstörbare
Kraft des Politischen sich von neuem zeigte, erschien auch das Bild dieses Florentiners“ (Schmitt
1995b, S. 102).
24 Zu Schmitts Beurteilung von Machiavellis Reflexion der Technizität der Macht McCormick 1997, S.
129ff. McCormick stellt ebenfalls Schmitts negative Perzeption von Technik und Technizität als ge-
genüber dem Politischen neutralisierende Kräfte heraus. Das technizistische Verständnis des Staates
gilt Schmitt als Kennzeichen der Staatslehre der Renaissance: „Die Staatslehre der Renaissance
übertrug die antiken Begriffe in ein neuzeitlich-technizistisches Verständnis der Staatsorganisation.
«Rationalismus, Technizität und Exekutive» kennzeichneten ihre «Richtung zur Diktatur»“ (Meh-
ring 2009, S. 120f.).
25 Schmitt 2006, S. 10. In Schmitts Rede vom „konstruierenden Staatskünstler“ scheint der Einfluss Ja-
cob Burckhardts greifbar zu sein. Laut Burckhardt komme in der Renaissance erstmals „der moderne
europäische Staatsgeist“ auf; mit ihm trete „ein neues Lebendiges in die Geschichte: der Staat als be-
rechnete, bewusste Schöpfung, als Kunstwerk“ (Burckhardt 1988, S. 4).
26 „Er [der Politiker, S.S.] lässt sich, ich wiederhole es, mit den diabolischen Mächten ein, die in jeder
Gewaltsamkeit lauern. […] Wer das Heil seiner Seele und die Rettung anderer Seelen sucht, der

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tungsmuster der Machiavellirezeption. Dieses Muster wandelt sich in der Kriegs- und
Nachkriegszeit (bei Gerhard Ritter und Dolf Sternberger) zur Chiffre für die Kritik am
Nationalsozialismus.28 Die Stellungnahmen zu Machiavelli in Der Begriff des Politi-
schen und in seiner kurzen Schrift zu Machiavelli von 1927, die er anlässlich des 400.
Todestages des Florentiners verfasst, lassen vermuten, dass Schmitt mittlerweile von
der Reduktion Machiavellis auf den Techniker der Macht abgerückt ist, vielmehr mit
Verweis auf dessen negative Anthropologie seinen Beitrag zur Ergründung des Politi-
schen unterstreicht.29
Schmitt kontrastiert in Die Diktatur Machiavellis technische Handlungslehre für den
principe nuovo (der den souveränen Diktator ankündige, aber eben noch nicht so be-
zeichne) mit dem antiquarischen Begriff der Diktatur aus Machiavellis Discorsi. Was
Schmitt allerdings verkennt, ist die Existenz eines dritten – für seine Lehre von der Dik-
tatur überaus relevanten – Theoriesegments, neben dem dittatore und dem principe
nuovo. So soll im Folgenden argumentiert werden, dass die (republikanische) Figur des
Ordnungsgründers bei Machiavelli der dezisionistischen Souveränitätslehre Schmitts
ebenso wie dem aus seinem Souveränitätsbegriff entspringenden Begriff der Diktatur
zupass kommt.
Schmitts Unterscheidung zwischen kommissarischer und souveräner Diktatur fußt auf
dem Verhältnis der Diktatur zur bestehenden Ordnung. Die kommissarische Diktatur
wird so konzipiert, dass sie außerhalb der Verfassung steht und die Verfassung außer
Kraft zu setzen vermag, aber dennoch durch ihren Zweck fest an sie gebunden bleibt:

„Die Diktatur ist wie die Notwehrhandlung immer nicht nur Aktion, sondern auch Gegen-
aktion. Sie setzt demnach voraus, daß der Gegner sich nicht an die Rechtsnormen hält, die
der Diktator als Rechtsgrund für maßgebend anerkennt. Als Rechtsgrund, aber natürlich
nicht als sachtechnisches Mittel seiner Aktion. Der Gegensatz von Rechtsnorm und Rechts-
verwirklichungsnorm, der das ganze Recht durchzieht, wird hier zu einem Gegensatz von

sucht das nicht auf dem Wege der Politik, die ganz andere Aufgaben hat: solche, die nur mit Gewalt
zu lösen sind. Der Genius oder Dämon der Politik lebt mit dem Gott der Liebe, auch mit dem Chris-
tengott in seiner kirchlichen Ausprägung, in einer inneren Spannung, die jederzeit in unaustragbarem
Konflikt ausbrechen kann. […] Und mit Bezug auf solche Situationen läßt Macchiavelli [sic.] an ei-
ner schönen Stelle, irre ich nicht: der Florentiner Geschichten, einen seiner Helden jene Bürger prei-
sen, denen die Größe der Vaterstadt höher stand als das Heil ihrer Seele“ (Weber 2006, S. 608). Ein
Verweis auf Webers Machiavelli-Deutung findet sich bei Schmitt in der kurzen Schrift zu Machia-
velli anlässlich seines 400. Todestages, s. Schmitt 1995b, S. 104.
27 Ritter (1947, S. 43, 224) kritisiert die technizistische Deutung Machiavellis in Schmitts Die Diktatur
explizit.
28 In diesem Rezeptionsstrang gilt Machiavelli als Entdecker des „dämonischen“ Wesens der Macht,
ihrer Abgründigkeit und ihres mit der (christlichen) Religion und Moral inkompatiblen Wesens. Zur
dämonologischen Leseweise Machiavellis bei Meinecke, Ritter und Sternberger und der Verarbei-
tung des Zeitgeschehens sowie der Reflexion des ambivalenten Wesens der Moderne in diesem Re-
zeptionsmuster Ottmann 2006, S. 53 und Lüddecke 2010. Webers Beitrag zu diesem Rezeptionsmus-
ter wird bei Ottmann und Lüddecke nicht thematisiert.
29 Schmitt 2002, S. 31, Anm. 7. Vgl. Schmitt 1995b, S. 104f.

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Rechtsnorm und sachtechnischer Aktionsregel. Die kommissarische Diktatur hebt die Ver-
fassung in concreto auf, um dieselbe Verfassung in ihrem konkreten Bestand zu schüt-
zen.“30

Die souveräne Diktatur stehe hingegen der bestehenden Verfassungsordnung grundsätz-


lich feindlich gegenüber, sie ist mit ihr inkommensurabel. Ihr Zweck ist die Überwin-
dung der alten und die Stiftung einer neuen Ordnung. Beurteilungsmaßstab für die sou-
veräne Diktatur ist (im Gegensatz zur kommissarischen) nicht das überkommene verfas-
sungsrechtliche Normensystem, sondern vielmehr die sie kennzeichnende Situation,
dass erst eine Ordnung geschaffen werden muss, die die Behauptung eines neuen recht-
lichen Normensystems ermöglicht:

„Die souveräne Diktatur sieht nun in der gesamten bestehenden Ordnung den Zustand, den
sie durch ihre Aktion beseitigen will. Sie suspendiert nicht eine bestehende Verfassung
kraft eines in dieser begründeten, also verfassungsmäßigen Rechts, sondern sucht einen Zu-
stand zu schaffen, um eine Verfassung zu ermöglichen, die sie als wahre Verfassung an-
sieht. Sie beruft sich also nicht auf eine bestehende, sondern auf eine herbeizuführende Ver-
fassung.“31

Auch der souveränen Diktatur liegt eine „Kommission“ zugrunde, wobei der Auftrag-
geber das Volk ist (hierin liegt auch die Antwort auf die Frage nach der
Unterscheidbarkeit von souveräner Diktatur und Souveränität). Ihr Zweck wird meist
durch eine geschichtsteleologsiche Perspektive bestimmt (etwa dem Fortschrittsglauben
als säkularisierte Form apokalyptischer Geschichtsauffassung in der Aufklärung).32
Folgt man dieser grundsätzlich unterschiedlichen Beziehung zur gegebenen politischen
Ordnung – einer ordnungswahrenden im Falle der kommissarischen, einer ordnungs-
verändernden und neu ordnenden, aber niemals konstituierten im Falle der souveränen
Diktatur –, so lässt sich Machiavellis ordinatore, also die im Kontext seines republika-
nischen Denkens entwickelte Figur des Gründers, der souveränen Diktatur zuordnen.
Um diese These zu erhärten, erscheint es erforderlich, zunächst auf Machiavellis Begriff
der Diktatur einzugehen.

30 Schmitt 2006, S. 133.


31 Schmitt 2006, 134.
32 „Zu jeder Diktatur gehört eine Kommission, und es fragt sich, ob es eine mit der Souveränität ver-
einbare Kommission gibt und wieweit es dem Begriff der Souveränität widerspricht, daß sie von ei-
nem Auftrag abhängig ist. Die Eigenart des pouvoir constituant ermöglicht eine solche Abhängig-
keit, weil sie es wegen des Charakters dieses pouvoir als eines nichtkonstituierten und niemals
konstituierbaren denkbar ist, daß der Inhaber der staatlichen Gewalt sich selbst abhängig macht, oh-
ne daß die Gewalt, von der er sich abhängig macht, konstituierter Souverän wird“ (Schmitt 2006, S.
134f.). Zur Verbindung der Auffassung der souveränen Diktatur als Kommission zu geschichtsphilo-
sophischen Elementen aufklärerischen Denkens Schmitt 2006, S. 143.

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2. Machiavellis „dittatore“ und die Reflexionen zum
republikanischen Notstandsinstitut in den Discorsi

Machiavellis Republikanismus ist gekennzeichnet durch die Fokussierung auf den casus
necessitatis und auf die Frage nach dessen Bewältigung und Überwindung. In Machia-
vellis Lebzeiten fallen nicht weniger als drei – gescheiterte – Verschwörungen (1478,
1513, 1522), die gegen die Herrscherfamilie der Medici gerichtet waren, sowie zwei er-
folgreiche Verfassungsumstürze (1494, 1527), die zur (vorübergehenden) Restitution
der republikanischen Ordnung geführt hatten, auf die allerdings im Jahre 1512 und end-
gültig 1530 die Restauration der Mediciherrschaft folgte. Machiavellis Fokus auf den
Not- und Ausnahmezustand ist aus historischer Sicht naheliegend.33 Im Unterschied zu
Schmitt ist die Bindung von Machiavellis politischem Denken an den Ausnahmezustand
frei von jedem apokalyptisch-heilsgeschichtlichem Pathos. Aus dem Horizont der anti-
ken zyklischen Geschichtsauffassung formuliert, fällt Machiavellis Gegenwartsdiagnose
im Vergleich zu den antiken und auch zu den ihm zeitgenössischen zyklischen Ge-
schichtstheorien deutlich reformoptimistischer aus. Dies ist eine logische Konsequenz
seiner Einschätzung, sein eigenes Zeitalter sei ein absoluter Tiefpunkt.34 Im Unterschied
zum Staatsräsondiskurs, der ab dem späten 16. Jahrhundert und damit fast ein halbes
Jahrhundert nach Machiavellis Tod von Italien und von Giovanni Boteros Schrift Della
Ragion di Stato (1589) ausgehend ganz Europa erfasst,35 aber auch im Unterschied zu
Schmitt gilt Machiavellis Interesse in der Auseinandersetzung mit dem Not- und Aus-
nahmezustand in den Discorsi nicht primär der Erhaltung des Staates (mantenere lo
stato), sondern der Erhaltung der Freiheit (mantenere la libertà).36
Machiavelli benennt für die Republik die Notwendigkeit, ein mit umfassenden exekuti-
ven Befugnissen betrautes Notstandsinstitut einzurichten. Sie ergibt sich aus seinem
Verständnis der Mischverfassung und ihrer gewaltenteilenden Eigenschaft, die aus Sicht
der Freiheit begrüßenswert sei, allerdings eine institutionelle Trägheit und Schwerfäl-
ligkeit (Machiavelli spricht von einem „tardo modo“) erzeuge, die im Not- und Aus-
nahmezustand der Republik zum Verhängnis werden könne.37 Dies zu kompensieren

33 Höchli erkennt in den Überlegungen Machiavellis zum Notstandsinstitut etwas wesentlich Neues im
Vergleich zum republikanischen Verfassungsdenken seiner Zeit, s. Höchli 2005, S. 547. Machiavel-
lis Vorstellungen zur Verfassungsordnung erachtet er ansonsten als nicht besonders originell.
34 Dazu Pocock 1975, S. 31ff. und Münkler 2004, S. 357-368.
35 Schmitt nimmt die umfangreiche italienische Staatsräsonliteratur zur Kenntnis, s. Schmitt 2006, S.
13.
36 Für das Ziel der Sicherung des Staates und der Sicherung von Herrschaft stehen die Schlagwörter
des „mantenere lo stato“ (diese Wendung begegnet im Principe häufig) oder des „ragionare dello
stato“ (diese Wendung findet sich in einem Brief an Francesco Vettori vom 9. April 1513, in: Ma-
chiavelli 1961, S. 239f.). Machiavelli spricht von „mantenere la libertà“ in den Istorie Fiorentine, s.
Machiavelli 1986, S. 399.
37 „Ohne eine ähnliche Einrichtung übersteht ein Staatswesen [città] nur schwer außergewöhnliche Er-
eignisse [accidenti istraordinari]. Der gewöhnliche Gang der Geschäfte ist in den Freistaaten

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war Zweck der altrömischen Diktatur. Diese Grunderkenntnis geht aus einer Kapitelse-
quenz der Discorsi (I/34-38, 40) hervor, die sich gegen den Vorwurf richtet, die Institu-
tion der Diktatur habe in Rom das Aufkommen der Tyrannis begünstigt.38 Um diesen
Vorwurf zu widerlegen, vergleicht Machiavelli in der besagten Textsequenz die Dikta-
tur mit dem Dezemvirat, und aus der eigenen Gegenwart mit dem Notstandsorgan der
Republik Venedig, dem Rat der Zehn.
Ein republikanisches Notstandsorgan ist aus Sicht Machiavellis (der in diesem, wie in
anderen Punkten Rousseaus Beschäftigung mit der Diktatur vorwegnimmt) auch not-
wendig aufgrund der Kontingenz und Unberechenbarkeit, die der Politik eigen sind. Es
soll für die Republik Lösungen zur Verfügung stellen, wenn schlicht unvorhersehbare
Eventualitäten und Ereignisse (accidenti) eintreffen.39 Die Diktatur gilt der Konfrontati-
on des Unvorhersehbaren. Das Notstandsorgan muss mit gesetzlicher Legitimation auch
ungesetzliche Mittel anwenden, zur Sicherung von leggi und libertà für die Republik
eben diese Normen vorübergehend suspendieren können, zur Vermeidung einer frem-
den oder hausgemachten tyrannischen Monokratie, das Amt des Diktators mit nahezu
monarchischer Gewalt ausfüllen.40 An der fundamentalen Aufgabe der Kontingenzbe-
wältigung arbeiten in der Republik aber nicht bloß die Diktatoren, sondern auch andere,
durch ihre Handlungsmächtigkeit und Fähigkeiten hervorragenden Einzelfiguren und
Führungsgestalten wie Heeresführer, Volkstribunen, Verschwörer und Ordnungsstifter,
auf deren Intervention die Republik nicht verzichten kann. Das Interesse Machiavellis
an der Rolle solcher Einzelfiguren für den Erhalt der Republik, man könnte sie auch als
„funktionale Monarchen“ bezeichnen, und ihres spannungsvollen Verhältnisses zum
Bürgerkollektiv (das sich in Ablehnung oder in Zustimmung äußert) wird bereits in der
Textarchitektur der Discorsi widergespiegelt.41

[republiche] langsam [modo tardo]; denn kein Rat, keine Behörde kann allein alles erledigen, in vie-
len Dingen brauchen sie sich gegenseitig. Durch den notwendigen Ausgleich der verschiedenen Wil-
lensrichtungen vergeht die Zeit, und so entsteht die größte Gefahr [pericolosissimi], wenn man einer
Sache abhelfen soll, die keinen Zeitverlust erlaubt. Die Freistaaten müssen daher in ihren Verfassun-
gen eine der Diktatur ähnliche Einrichtung haben“ (Machiavelli 1977, S. 96 = Discorsi I/34, vgl.
ebd., S. 105 = I/38).
38 Zur Verwendung des Begriffs der Tyrannis in dieser Kapitelsequenz Saracino 2012, S. 245-252.
39 Dass die Diktatur der Konfrontation des Unvorhersehbaren gilt, belegt Machiavellis Verwendung
des Begriffs accidenti im Kapitel, das die Diktatur behandelt, s. Machiavelli 1996, S.135f. (= Dis-
corsi I/34); vgl. Rousseau 1977, S. 135 (= Contrat Social IV/6); McCormick 1993, S. 896-898.
40 Vgl. hierzu Schmitt: „Daß jede Diktatur die Ausnahme von einer Norm enthält, besagt nicht zufälli-
ge Negation einer beliebigen Norm. Die innere Dialektik des Begriffes liegt darin, daß gerade die
Norm negiert wird, deren Herrschaft durch die Diktatur in der geschichtlich-politischen Wirklichkeit
gesichert werden soll. […] Rechtsphilosophisch liegt hier das Wesen der Diktatur, nämlich in der
allgemeinen Möglichkeit einer Trennung von Normen des Rechts und Normen der Rechtsverwirkli-
chung. Eine Diktatur, die sich nicht abhängig macht von dem einer normativen Vorstellung entspre-
chenden, aber konkret herbeizuführenden Erfolg, die demnach nicht den Zweck hat, sich selbst über-
flüssig zu machen, ist ein beliebiger Despotismus“ (Schmitt 2006, S. xvii).
41 Mit dem Gegensatz von publico consiglio und privato consiglio bzw. zwischen den Taten des popolo
Romano und von uomini particulari sowie mit der Unterscheidung von Innen- und Außenbereich

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Machiavelli möchte in den Discorsi die Verfassungsinstitution der Diktatur vor der ver-
breiteten Meinung in Schutz nehmen, sie sei Ursache der Tyrannis und Brandbeschleu-
niger im Krisenfeuer der späten römischen Republik gewesen. Der Missbrauch dieser
Institution durch Sulla und Cäsar scheint der Annahme, gegen die sich Machiavelli
wenden möchte, vordergründig recht zu geben:

„Von irgendeinem Schriftsteller werden diejenigen Römer verdammt, die in Rom die Ein-
führung der Diktatur erfunden haben, weil diese mit der Zeit die Ursache der Tyrannis
[cagione…della tirannide] in Rom geworden wäre. Er führt an, daß der erste Tyrann
[tiranno], den Rom gehabt hat, unter dem Titel eines Diktators geherrscht hat, und behaup-
tet, daß Cäsar, hätte dieser Titel nicht bestanden, nicht in der Lage gewesen wäre, seine Ty-
rannis [tirannide] mit einem rechtmäßigen Titel aufzuwerten.“42

Machiavelli beobachtet an der römischen Geschichte die hartnäckige und irrationale


Präjudizierung von bestimmten Institutionen und Amtstiteln, falls diese einmal durch
bestimmte historische Ereignisse in Verruf gekommenen waren. Der von Machiavelli an
anderer Stelle wahrgenommene, typisch römische Hass allein schon gegen das Wort rex
ist Beispiel hierfür. Machiavelli demonstriert diese Eigenschaft auch anhand der Abnei-
gung der Plebs gegen Titel und Amt der Konsuln als Folge der Ständekämpfe. Die Ab-
neigung gegen dieses – aus Sicht der Plebs – patrizische Amt und die Unfähigkeit, den
Titel von der tatsächlichen verfassungsrechtlichen Eigenschaft und Machtstellung des
Amtes zu abstrahieren, sei maßgeblich schuld gewesen an der unheilvollen Abschaffung
des Konsulats und der Bildung des Dezemvirats im Jahre 451 v. Chr.43 Machiavelli
überträgt diese Feststellung auch auf die landläufige Meinung, die Diktatur sei Ursache
der Tyrannis in Rom gewesen. Vor diesem Hintergrund ist die geradezu nominalistische
Sichtweise Machiavellis auf den dittatore zu verstehen:

„Denn weder der Name [nome] noch das Amt [grado] des Diktators brachte Rom in
Knechtschaft [serva], sondern die Macht [autorità], welche sich Bürger infolge der langen
Dauer des Heeresbefehls [lunghezza dello imperio] anmaßten. Hätte in Rom der Titel eines
Diktators gefehlt, so hätte man eben einen anderen genommen; denn die Macht [forze]
schafft sich leicht den entsprechenden Namen [nomi], doch nicht der Name die Macht. Man
sieht ja auch, daß der Diktator dem Staat immer Nutzen brachte, solange er verfassungsge-
mäß eingesetzt worden war und sich nicht aus eigener Machtvollkommenheit aufgeworfen
hatte. Nur Ämter, die auf ungesetzlichem Wege [per vie istraordinarie] erworben werden,

(dentro, fuori) bildet Machiavelli zwei analytische Achsen, die die Komposition des Werkes und die
thematischen Schwerpunkte der einzelnen Bücher bestimmen. Buch I untersucht nach diesem Sche-
ma die republikanische Ordnung Roms aus der Innenperspektive und der Sicht des Bürgerkollektivs;
Buch II hingegen das Handeln des republikanischen Kollektivs nach außen; Buch III thematisiert die
Bedeutung von Einzelfiguren im Innen- wie im Außenbereich des Staates, s. die zu den drei Büchern
der Discorsi einleitenden, über die Gliederung des Textes Auskunft gebenden Passagen in Machia-
velli 1977, S. 11, 163, 279.
42 Machiavelli 1977, S. 94 (= Discorsi I/34). Die kritische Ausgabe der Discorsi von Giorgio Inglese
vermutet Dionysios von Halikarnassos hinter dem im Zitat erwähnten unbekannten Autor, s. Ma-
chiavelli 1996, S. 247.
43 Machiavelli 1977, S. 109 (= Discorsi I/39).

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und Machtbefugnisse, die man sich unrechtmäßig anmaßt, bringen einem Freistaat Scha-
den, und nicht solche, die man auf gesetzlichem Weg [per vie ordinarie] erhält.“44

Diese Aussage verdeutlicht Machiavellis Haltung zur Macht von Titeln und Wörtern.
Sie werden von ihm in den dahinterstehenden politischen Machtverhältnissen aufgelöst.
Nicht der angemaßte Titel des dictator perpetuus verlieh Cäsar die Macht, die republi-
kanische Ordnung aufzulösen, sondern seine militärische Befehlsgewalt (imperium).
Sullas oder Cäsars faktischer und außerkonstitutioneller Machtstellung wurde durch den
Titel des Diktators lediglich ein Schleier der Legitimation verliehen. Diese nominalisti-
sche Haltung steht im Kontrast zur legitimationsstiftenden Bedeutung von Titeln, von
rechtmäßig erhaltenen Privilegien und Regalien, die in der Vormoderne kennzeichnend
ist, und, soweit man sie allgemein auf den Begriff der Tyrannis übertragen möchte, auch
in starkem Gegensatz zu Bartolus’ Konzeption des tyrannus ex defectu tituli. Anderer-
seits weist Machiavelli hier gewisse Ähnlichkeiten zu Hobbes und dessen nominalisti-
schem Sprachpositivismus auf, der die Sprache und die Wörter als Zeichen und Instru-
mente im Dienst der subjektiven Werturteile und Machtbegierden versteht. Der Gedan-
kengang in Discorsi I/34 bestätigt allerdings ebenfalls die Fähigkeit Machiavellis, zwi-
schen dem Herrschaftsträger und der öffentlichen Gewalt, zwischen seiner Herrschafts-
befugnis und seinem verfassungsrechtlichen Auftrag zu unterscheiden.45 Die Diktatur
stellt für den casus necessitatis eine eigene Verfassungsinstitution bereit. Ohne sie wür-
de im Notfall in der Republik dem außerkonstitutionellen Machtaufstieg der Weg ge-
bahnt (modi istraordinari) und damit die politische Ordnung – über kurz oder lang – zur
Disposition gestellt werden.46 Machiavellis Ausführungen versuchen nachzuweisen,
dass die erhebliche Machtfülle des Amtes des Diktators aus Sicht der Freiheit solange
nicht prekär ist, solange drei Prämissen gewährleistet sind: Dass das Amt zeitlich be-
schränkt ist, dass dem Diktator die Verfassungsorgane und Gewalten (Volkskommitien,
Senat und Konsuln) durch ihre bloße Existenz (nicht durch ihre verfassungsgemäße
Gewalt, die im casus necessitatis suspendiert wird), als kontrollierende Gegengewichte
gegenüberstehen, schließlich dass Bürgertugend vorhanden ist.47

44 Machiavelli 1977, S. 94f. (Discorsi I/34).


45 Zur Distinktion von öffentlicher Gewalt und Herrschaftsträger in Machiavellis Analyse der Diktatur
Maissen 2010, S. 62f.
46 „Fehlt einem Freistaat eine solche Einrichtung, so ist es unausbleiblich, daß er entweder bei Auf-
rechterhaltung der Verfassung [ordini] zugrunde geht oder, um nicht zugrunde zu gehen, die Verfas-
sung brechen muß. In einem Freistaat sollte nie etwas vorkommen, das die Anwendung ungesetzli-
cher Mittel [modi straordinari] nötig macht; denn wenn auch das ungesetzliche Mittel für den Au-
genblick vorteilhaft ist, so schadet doch das Beispiel. Die Gewohnheit aber, die Verfassung zu guten
Zwecken zu brechen, bewirkt, daß man sie unter diesem Deckmantel dann auch zu schlechten bricht.
Ein Freistaat wird daher niemals vollkommen sein, wenn er nicht in seinen Gesetzen alles vorgese-
hen, für jedes Ereignis nicht die entsprechende Abhilfe festgelegt und die Art und Weise bestimmt
hat, sie anzuwenden“ (Machiavelli 1977, S. 96 = Discorsi I/34).
47 „Erstens muß ein Bürger, damit er dem Staat Schaden zufügen und sich eine ungesetzliche Gewalt
[autorità istraordinaria] anmaßen kann, im Besitz vieler Vorzüge sein, die er in einem gesunden

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Unmittelbar im Anschluss an die Behandlung der Diktatur befasst sich Machiavelli mit
den Ereignissen um die Einrichtung des Dezemvirats in Rom (451 v. Chr.) und der dro-
henden Entartung dieser Institution zur Tyrannis unter der Anführerschaft des Appius
Claudius (Discorsi I/38, I/40; vgl. Livius III/33-54). Mit dem Beispiel des Dezemvirats
sollen die negativen Folgen veranschaulicht werden, die sich ergeben, falls die mit weit-
reichenden Befugnissen betraute (Notstands-)Institution nicht zeitlich und konstitutio-
nell eingehegt wird.48 In Vorwegnahme von Montesquieu formuliert Machiavelli die
Maxime, dass die unbeschränkte, unkontrollierte Gewalt einer politischen Institution die
Sitten der Bürger, v. a. der Amtsträger korrumpiert.49
Der Begriff der Tyrannis fällt im Kapitel (Discorsi I/40), das sich mit dem Dezemvirat
auseinandersetzt, was die Häufigkeit von Okkurrenzen in Bezug auf die Textlänge anbe-
langt, so häufig wie nirgends im gesamten Oeuvre des Florentiners: sage und schreibe
fünfzehn Mal.50 Die aus den Rudern geratene Auseinandersetzung zwischen Plebs und
Adel und der fehlende Wille zur gesetzlichen Beilegung politischer Konflikte tritt als
Hintergrund der Geschehnisse deutlich zutage. – die Notwendigkeit des Ausgleichs
zwischen dem Volk (popolo) und der Herrschaftselite (grandi) ist wohlgemerkt ein
zentraler ordnungsphilosophischer Gedanke im Werk Machiavellis 51 Der Erfolg des

Staatswesen [republica non corrotta] nie haben kann: er muß sehr reich sein [ricchissimo], muß sehr
viele Anhänger und Parteigänger [aderenti e partigiani] haben, die er unmöglich haben kann, wenn
die Gesetze beachtet werden. […] Zudem wurde der Diktator nur für eine bestimmte Zeit und nicht
für dauernd [a tempo e non perpetuo] gewählt, und nur zu dem Zweck, um die Ursache, derentwegen
er gewählt worden war, zu beseitigen. […] Doch er konnte nichts tun, was dem Staat hätte schaden
können [che fosse di diminuzione dello stato]; er konnte zum Beispiel nicht dem Senat oder dem
Volk seine Machtbefugnisse nehmen, er konnte die alten Einrichtungen des Staats [gli ordini vecchi
della città] nicht abschaffen und neue einführen“ (ebd., S. 95, Hervh. S.S.). Genau dies, die Ab-
schaffung der alten Ordnung und die Schaffung einer neuen, ist Aufgabe von Schmitts souveränem
Diktator.
48 War die Diktatur durch konstitutionelle Mechanismen eingehegt, trat das mit einer Rechtsreform be-
auftragte Dezemvirat an die Stelle der Verfassungsorgane. Konsulat und Volkstribunat wurden abge-
schafft, der Senat in seiner Arbeit gehemmt. Ferner überschritt die Einsetzung des Dezemvirats zu
einem zweiten Amtsjahr die von Machiavelli geforderte Annuität für außerordentliche, mit umfas-
senden Vollmachten ausgestattete Verfassungsämter (Machiavelli 1977, S. 97-99 = Discorsi I/35
und ebd., S. 110 = I/40).
49 „Dies lässt sich leicht beweisen, wenn man bedenkt, aus welchen Ursachen die Diktatoren pflichtge-
treu blieben und aus welchen die Dezemvirn pflichtvergessen wurden, und wenn man beachtet, wie
es gut organisierte Freistaaten [republiche … bene ordinate] hinsichtlich der Übertragung der Macht
auf lange Zeit gehalten haben, wie die Spartaner hinsichtlich der Übertragung auf ihre Könige und
die Venezianer auf ihre Dogen. Man wird dann sehen, daß für beide Ämter Wächter [guardie] be-
stellt waren, die dafür sorgten, daß diese ihre Macht nicht missbrauchen konnten. Ohne diese Vor-
schrift hilft es auch nichts, wenn der Volkskörper noch nicht verdorben ist; denn eine unumschränkte
Gewalt verdirbt die guten Sitten eines Volkes in kürzester Zeit und schafft sich Freunde und Anhän-
ger [amici e partigiani]“ (ebd., S. 98f. = I/35; vgl. ebd., S. 116f. = I/42).
50 Vgl. Saracino 2012, S. 251f.
51 Die Errichtung des Dezemvirats folgte auf „molte disputazioni e contenzioni seguite intra il Popolo e
la Nobilità […]“ (Machiavelli 1996, S. 147 = Discorsi I/40, 4). Für Machiavelli stehen sich in allen
politischen Gemeinwesen, in Republik und Fürstentum gleichermaßen, die naturbedingten Grund-

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Claudius Appius, der sich als Anwalt der Plebs an die Spitze des Gemeinwesens und
des Dezemvirats stellt, wird mit der gefährlichen Neigung des popolo verbunden, zur
Zügelung der grandi sich in die Arme eines tiranno zu flüchten.52 Im vorliegenden Ka-
pitel bringt Machiavelli das Beziehungsgefüge zwischen dem Freiheitsbegriff, der Ty-
rannis und seiner Theorie des Ausgleichs zwischen den Ständegruppen von popolo und
grandi auf den Punkt; der Abschnitt besitzt Definitionscharakter:

„Zu diesem Vorfall ist zu bemerken, daß in Rom das Übel der Tyrannenherrschaft
[tirannide] auf denselben Ursachen beruht, auf welchen die meisten Gewaltherrschaften in
Freistaaten [la maggior parte delle tirannidi nelle città] zurückzuführen sind; sie liegen in
dem übermäßigen Verlangen [desiderio] des Volks nach Freiheit [libertà] und in dem
übermäßigen Verlangen des Adels nach Herrschaft [comandare]. Wenn man sich nun über
ein Gesetz zu Gunsten der Freiheit nicht einigen kann, aber eine der beiden Parteien darauf
verfällt, eine Persönlichkeit herauszustellen, dann ist sofort die Gewaltherrschaft [tirannide]
da.“53

Machiavellis Untersuchung der Diktatur und des Dezemvirats möchte (mithilfe eines
regen Gebrauchs des Tyrannisbegriffs) klarstellen, dass ein Verfassungsorgan, vor al-
lem falls es mit besonderen Vollmachten versehen ist, konstitutionell einzuhegen ist.
Die Bürgertugend der Amtsträger ist ebenso unverzichtbares Desiderat. Der Gedanken-
gang verweist über die Frage des Notstandes und seiner Bewältigung durch ein Not-
standsinstitut hinaus auf Machiavellis rudimentäre Lehre von der Gewaltenteilung.

3. Machiavellis Gründer (ordinatore, fondatore) als souveräner Diktator?

Im Folgenden soll es darum gehen, an der Figur des republikanischen Gründers und
Ordnungsstifters aus Machiavellis Discorsi einige Aspekte zu beleuchten, die auf die
souveräne Diktatur verweisen. Leo Strauss hat darauf hingewiesen, dass in diesem
Werk die „perspective of founders“ einen wichtigen Platz einnimmt.54 Im Besonderen

neigungen und Anliegen des Volkes und der Herrschaftselite spannungsvoll gegenüber. Nicht in der
Aufhebung dieser Spannung, die für die Erhaltung der Freiheit notwendig sei, sondern im Ausgleich
zwischen popolo und grandi formuliert Machiavelli ein zentrales Desiderat der politischen Ordnung:
„Untersucht man das Streben des Adels und des Volks, so zeigt sich ohne Zweifel beim Adel ein
starkes Verlangen zu herrschen [desiderio grande di dominare], beim Volk aber nur das Verlangen,
nicht beherrscht zu werden [desiderio di non essere dominati], und folglich ein stärkerer Wille, in
Freiheit zu leben, da es weniger hoffen kann, die Freiheit zu mißbrauchen, als der Adel“ (Machiavel-
li 1977, S. 21 = Discorsi I/5); „Denn in jeder Stadt [città] finden sich diese zwei unterschiedlichen
Gesinnungen [dua umori diversi], was daher rührt, daß sich das Volk von den Großen weder beherr-
schen noch unterdrücken lassen will, die Großen aber das Volk beherrschen und unterdrücken wol-
len; aus diesen beiden verschiedenen Bedürfnissen [appetiti] entstehen in den Städten jeweils eine
von drei möglichen Wirkungen: entweder die Fürstenherrschaft, oder die Freiheit oder die Anarchie
[licenzia]“ (Machiavelli 1999, S. 75 = Principe IX). Die Anlehnung an das Mischverfassungstheo-
rem in Machiavelli 1977, S. 15 = Discorsi I/2.
52 Machiavelli 1996, S. 150f. = I/40, 31 ff.
53 Machiavelli 1977, S. 113 = Discorsi I/40.
54 Strauss 1958, S. 288.

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sollen folgende Aspekte dargelegt werden: 1. Die Feindseligkeit des ordinatore gegen-
über der alten, überkommenen Ordnung; 2. dessen konstruktiver Auftrag, eine neue
Ordnung zu stiften, der auf der Voraussetzung beruht, dass die politische Macht und
Entscheidungskompetenz in seiner Person gebündelt wird; 3. das nahezu dialektische
Verhältnis zwischen dem Ordnungsstifter und dem Volk (popolo), das sowohl beauftra-
gende Instanz ist als auch das zu formende Objekt der Ordnungsstiftung darstellt. Es er-
scheint unumgänglich, dass im Laufe der Darstellung dieser drei Gesichtspunkte Ma-
chiavellis Begriff der Ordnung kurz erläutert werden muss.
1. Im Werk des Florentiners finden sich unterschiedliche Bezeichnungen für den Grün-
der politischer Ordnung, wobei sein Sprachgebrauch und der jeweilige thematische
Kontext bereits auf die republikanische Konnotation dieser Figur, auf das Vorbild anti-
ker Verfassungsgeber und Städtegründer hinweist. Am charakteristischsten erscheint die
Bezeichnung „ordinatore“.55 Dass der Auftrag des ordinatore darin besteht, die alte
Ordnung abzuschaffen und zu zerstören, wird im Übergang zwischen Discorsi I/25 und
I/26 überdeutlich ausgesprochen. Machiavelli unterscheidet hier zwischen einem Modus
der Erneuerung, der sich an der alten Ordnung orientiert und – zumindest dem Schein
nach – das Alte im Verlauf des Erneuerungsprozesses bewahrt,56 von einer wirklichen
Erneuerung, die alles Bestehende von Grund auf ändert und neuordnet (rinnovare ogni
cosa). Machiavelli räumt ein, dass letzterer Modus tyrannischen Wesens sei, erachtet
eine solche Vorgehensweise jedoch für unverzichtbar, falls es sich um eine fundamenta-
le Erneuerung der politischen Ordnung handeln soll; und eine solche ist für den Floren-
tiner in Zeiten höchster corruzione im Staat unumgänglich. Diese Unumgänglichkeit
wird untermauert durch die Berufung auf das Beispiel des biblischen Königs David so-
wie durch ein Zitat aus dem Lukasevangelium:

„Wer ab er ein Regiment der Willkür ausüben will, das die Schriftsteller Tyrannis
[tirannide] nennen, muß alles Bestehende von Grund auf umstürzen [rinnovare ogni cosa],
wie im nächsten Kapitel gezeigt werden soll. […] Für jeden, der die Macht in einer Stadt
oder in einem Staat erobert hat [diventa principe, o d’una città o d’uno stato], ist – beson-

55 Siehe folgende Begriffsokkurrenzen von „latore/datore di leggi“, „ordinatore“, „fondatore“ in den


Hauptwerken Machiavellis: „savio datore di legge“ (Machiavelli 1986, S. 413 = Istorie Fiorentine
III/1); Romulus als „datore delle leggi“ (Machiavelli 1996, S. 293 = Discorsi II/1); Lykurg als „ordi-
natore prudente“ (ebd., S. 64 = I/2); „ordinatori di republica“ (ebd., S. 85 = I/9); „ordinatore d’un vi-
vere civile“ (ebd., S. 112 = I/19); „fondatore d’un vivere civile“ (ebd., S. 85 = I/9); „fondatore di una
republica“ (Machiavelli 1986, S. 641 = Istorie Fiorentine VII/1); Lykurg als „fondatore della repu-
blica Spartana“ (Machiavelli 1996, S. 302 = Discorsi II/3); Romulus als „re di Roma e fondatore“
(Machiavelli 1999, S. 42 = Principe VI).
56 „Wer einem Staat eine neue Verfassung geben will [riformare uno stato d’una città] und dabei möch-
te, daß sie gut aufgenommen und zur Zufriedenheit eines jeden erhalten wird, muß wenigstens den
Schein der alten Formen [l’ombra de’ modi antichi] beibehalten, damit das Volk glaubt, es hätte sich
nichts geändert, auch wenn die neuen Einrichtungen [ordini nuovi] mit den früheren nicht das ge-
ringste gemein haben. Denn die Masse der Menschen läßt sich mit dem Schein ebenso abspeisen wie
mit der Wirklichkeit, ja häufig wird sie durch den Schein mehr bewegt als durch die Wirklichkeit“
(Machiavelli 1977, S. 77 = Discorsi I/25).

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ders wenn sein Regiment noch auf schwachen Füßen steht und er sich noch nicht für die
bürgerliche Ordnung in der Form einer Alleinherrschaft oder eines Freistaats entschieden
hat [e non si volga o per via di regno o di republica a una vita civile] – das beste Mittel, sich
an der Macht zu halten, wenn er gleich von Anfang an alles im Staat von Grund auf neu ge-
staltet. Er muß eine neue Regierung mit neuen Titeln, mit neuen Machtbefugnissen und
neuen Personen bilden, er muß die Armen reich machen, wie es David getan hat, als er Kö-
nig wurde; ‚qui esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes’ [Lukas 1, 53]. Er muß
neue Städte bauen, die alten zerstören, die Einwohner von einem Ort an den anderen ver-
setzen, kurz, er darf nichts im Lande unangetastet lassen, damit es keinen Rang, kein Amt,
keinen Stand und keinen Reichtum gibt, den der Besitzer nicht ihm zu verdanken hat.“57

Das Unterfangen einer grundlegenden Ordnungserneuerung besitzt aufgrund des Arg-


wohns der Menschen gegenüber allem Neuen eine besondere Schwierigkeit und ver-
langt dem Ordnungsstifter nahezu übermenschliche Fähigkeiten ab. 58 Aus Sicht von
Machiavellis geschichtstheoretischer Annahme einer naturnotwendigen Degeneration
politischer Ordnung kann selbst der Umsturz einer Republik gerechtfertigt sein, wobei
er betont, dass ein solcher Umsturz nur in einer von Korruption bestimmten Republik
Aussicht auf Erfolg habe.59
2. Die auf die Destruktion des Alten folgende Konstruktion des Neuen wird am deut-
lichsten fassbar, wenn Machiavelli von der – eminent schwierigen – Aufgabe spricht,
nuovi modi e ordini in einem Gemeinwesen einzuführen. Der programmatische An-
fangssatz des ersten Buches der Discorsi benennt sogleich das Problem der Ordnungs-
stiftung:

„Neue Einrichtungen zu treffen oder neue Staatsordnungen zu schaffen [trovare modi e


ordini nuovi], ist bei der neidischen Natur der Menschen immer ebenso gefährlich gewesen
wie die Entdeckung unbekannter Meere und Länder; denn die Menschen neigen mehr dazu,
die Handlungen anderer zu tadeln, als zu loben.“60

Um die Reichweite der hier thematisierten Problematik zu erfassen, die der Gründung
einer politischen Ordnung inhärent ist, ist Machiavellis Verständnis von Ordnung in
seiner ganzen Komplexität im Blick zu halten. Den Begriff „ordine“ (Machiavelli
spricht meist im Plural von ordini) beim Florentiner auf den sicherheitspolitischen As-

57 Machiavelli 1977, S. 78f. = Discorsi I/25-26.


58 Machiavelli 1999, S. 45 = Principe VI; ders. 1977, S. 4 = Discorsi I/Einleitung.
59 So finden sich in den Discorsi Exkurse, die sich damit befassen, was ein „tiranno“ zu beachten hat,
falls er die Republik zu stürzen beabsichtigt, s. Machiavelli 1977, S. 59 und S. 310ff.
60 Machiavelli 1977, S. 5. Vgl. hierzu eine kongeniale Stelle aus dem Principe: „Diejenige, welche […]
durch ihre Tüchtigkeit [virtù] zu Fürsten werden, erwerben zwar die Fürstenherrschaft unter Schwie-
rigkeiten, behaupten sie aber mit Leichtigkeit. Die Schwierigkeiten, die sie bei der Erwerbung der
Fürstenherrschaft haben, entstehen zum Teil durch die neue Ordnung und die neuen Bräuche [nuovi
ordini e modi], die sie gezwungen sind einzuführen, um darauf ihren Staat und ihre persönliche Si-
cherheit zu gründen. Auch muß man bedenken, dass kein Vorhaben schwieriger in der Ausführung,
unsicherer hinsichtlich seines Erfolges und gefährlicher bei seiner Verwirklichung ist, als eine neue
Ordnung einzuführen; denn wer Neuerungen einführen will, hat alle zu Feinden, die aus der alten
Ordnung Nutzen ziehen, und hat nur lasche Verteidiger an all denen, die von der neuen Ordnung
Vorteile hätten“ (Machiavelli 1999, S. 45).

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pekt des Law and Order zu reduzieren, ist hierfür alles andere als hilfreich. Die Kom-
plexität des Ordnungsdenkens Machiavellis zeigt sich bereits an den metaphysischen
oder besser kosmologischen Prämissen der Erschaffung und Erhaltung von Ordnung,
die in der Sekundärliteratur oft vernachlässigt werden. So ist politische Ordnung zwar
die Frucht menschlicher Tüchtigkeit und Handlungsmacht (beides wird im Begriff virtù
impliziert), wird allerdings im Widerstreit zu kosmologischen Daseinsmächten erzeugt.
Als solche Mächte behandelt Machiavelli Fortuna, dann die von Machiavelli astrolo-
gisch konnotierten Einflüsse des Himmels („cieli“), schließlich die gleichermaßen von
den cieli und von der natura determinierten menschlichen Grundneigungen und Leiden-
schaften („umori“) der Menschen.61 Auch wäre es verfehlt, den Begriff „ordine“ auf
seine institutionelle und rechtliche Seite zu verkürzen. Das Gesetz, das Machiavelli vor
allem als strafandrohende und hiermit menschliches Verhalten disziplinierende Instanz
reflektiert, gewissermaßen als Äquivalent zur Furcht (timore) vor dem Fürsten im
monokratischen Regierungssystem, spielt natürlich eine für die Erhaltung der ordini es-
sentielle, jedoch eher unterstützende Rolle. Auch darf die Bedeutung einer Verfassungs-
institution wie der Mischverfassung und ihrer Eigenschaft, die ordnungszersetzenden
Gegensätze zwischen popolo und grandi auszugleichen, nicht darüber hinwegtäuschen,
dass Machiavelli die ordini in erster Linie personalistisch versteht; eher im Sinne einer
gelungenen politischen Lebensform der Einzelpersonen, als sittliche Konstitution des
Bürgers, mit Rousseau gesprochen als Normen, die ihren Sitz im Herzen und in der
Brust des Bürgers besitzen.62 Beispielsweise die Bereitschaft des Bürgers, in der Miliz
für das Gemeinwesen Dienst zu leisten, ist ein ordine, der die personalistische Note des
Begriffs verdeutlicht.63 Gleichermaßen zeigt sich dies in dem für Machiavellis Ord-
nungsdenken charakteristischen Begriffspaar von „materia“ und „forma“, das in seinen
Schriften häufig anzutreffen ist und der aristotelisch-scholastischen Philosophie ent-
stammt. Die gute Form des Gemeinwesens und der bürgerlichen Sitten wird durch die
ordini gestiftet und, angesichts ihrer naturnotwendigen Korruptionsanfälligkeit stabil
erhalten. Dieses Begriffspaar ist insgesamt typisch für die Dialektik von Ordnung/Blüte
und Unordnung/Verfall im Gemeinwesen, von anerzogener Tugend und natürlicher

61 Auf diese metaphysisch-kosmologische Konnotation von Machiavellis Ordnungsbegriff braucht hier


nicht im Einzelnen eingegangen werden, s. ausführlich Saracino 2012, S. 279-308. Zum astrologi-
schen Verständnis der „cieli“ und den Verbindungen von Machiavellis Ordnungsdenken zur medizi-
nischen Humorallehre Parel 1992.
62 So spricht Rousseau von einer Art Gesetz, „die wichtigste von allen, die weder auf Marmor noch auf
Erz, sondern in die Herzen der Bürger geschrieben wird; in ihr liegt die eigentliche Verfaßtheit des
Staates; sie kommt täglich zu neuer Kraft; sie belebt oder ersetzt die anderen Gesetze, wenn sie al-
tern oder verblassen, erhält ein Volk im Geist seiner Errichtung und setzt unmerklich die Macht der
Gewohnheit an die Stelle der Staatsgewalt. Ich rede von den Sitten und Gebräuchen und vor allem
von der Meinung“ (Rousseau 1977, S. 60 = Contrat Social II/12). Zu Machiavellis Verständnis der
ordini siehe Whitfield 1997.
63 Zum Bedingungsverhältnis zwischen der „buona milizia“ und dem „buono ordine“ des Gemeinwe-
sens Machiavelli 1977, S. 18f. = Discorsi I/4; vgl. Machiavelli 1999, S. 93f. = Principe XII.

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Korruption, die das Denken des Florentiners prägen.64 Machiavelli folgt somit dem ty-
pisch republikanischen Paradoxon, dass zur Schaffung guter Gesetze gute Sitten, zur
Erhaltung guter Sitten gute Gesetze erforderlich sind. Dass die ordini mit den leggi und
costituzioni nicht deckungsgleich sind, lässt sich in den Discorsi gut fassen.65 Diese Un-
terscheidung zwischen ordini und leggi ist Schmitts Unterscheidung zwischen der Sub-
stanz der Verfassung (die auf den politischen Grundentscheidungen eines Volkes fußt)
und der sich aus ihr ableitenden Verfassung als System kodifizierter Rechtsnormen ähn-
lich.66 Man beachte jedoch, dass Machiavelli bei der Entwicklung von Schmitts Verfas-
sungsverständnis keine Rolle spielt. Bestenfalls rückt er aufgrund des von ihm formu-
lierten Primats der Ordnung in den Blick.
Kehren wir zurück zur Figur des ordinatore: Machiavelli begreift den Akt der Grün-
dung von buoni ordini im Gemeinwesen als Leistung einer einzigen, in ihren Fähigkei-
ten überragenden Einzelfigur, in deren Händen für die Dauer des Gründungsaktes sämt-
liche politische Macht und Entscheidungsbefugnis gebündelt wird. Machiavelli grenzt
sich insofern scharf von jenen, für die Tradition politischen Denkens typischen Vorstel-
lungen vom Gründungsmoment im Gemeinwesen ab, die einerseits die religiös-
göttliche Inspiration und Legitimation der Ordnung akzentuieren oder aber die Grün-

64 Bezogen auf den sittlichen Zustand des Gemeinwesens macht Machiavelli vom Begriffspaar
„materia/forma“ bzw. vom Gedanken der Formgebung („imprimere la forma“) häufig Gebrauch:
„Prüft man weiter ihre [des Moses, Cyrus, Romulus, Theseus, S.S.] Taten und ihr Leben, so sieht
man, daß sie vom Glück [fortuna] nichts anderes erhalten hatten als die Gelegenheit [occasione];
diese bot ihnen den Stoff [materia], in den sie die Form [introdurvi…forma] prägen konnten, die ih-
nen vorschwebte“ (Machiavelli 1999, S. 43 = Principe VI); „Wenn sich also Rom in seiner Sitten-
verderbnis [corruzione] hätte frei erhalten wollen, so hätte es in gleicher Weise, wie es sich im Laufe
seiner Geschichte neue Gesetze [nuove leggi] gegeben hat, auch neue Staatseinrichtungen [nuovi
ordini] schaffen sollen; denn einem kranken Körper [suggetto cattivo] muß man andere Verhaltungs-
maßregeln und eine andere Lebensweise [altri ordini e modi di vivere] vorschreiben als einem ge-
sunden, und nicht jede Form [forma] taugt für jeden gleichwie gearteten Stoff [materia]“ (Machia-
velli 1977, S. 66 = Discorsi I/18); vgl. ebd., S. 313 = III/8.
65 „Wie nämlich zur Erhaltung guter Sitten [costumi] Gesetze [leggi] nötig sind, so sind auch zur Be-
achtung der Gesetze gute Sitten erforderlich. Zudem sind Einrichtungen [ordini] und Gesetze [leggi],
die bei der Gründung eines Staatswesens, als die Menschen noch gut waren, geschaffen wurden, spä-
ter, wenn die Menschen schlecht geworden sind, nicht mehr passend. Und wenn sich auch die Geset-
ze [leggi] je nach den Ereignissen in einem Staat ändern, so wandeln sich doch seine Einrichtungen
[ordini] nie oder nur selten. Deshalb genügen neue Gesetze [leggi] nicht, weil sie durch die Staats-
einrichtungen [ordini], die sich nicht ändern, ihre Wirkung verlieren“ (ebd., S. 64 = I/18); vgl. oben
das Zitat aus den Discorsi in Anm. 64.
66 Norbert Campagna definiert Schmitts Verfassungsverständnis folgendermaßen: „Die Verfassung ist
hier kein System von rechtlichen Normen, mittels derer man eine schon existierende Macht be-
schränken will. Sie ist vielmehr als das zu verstehen, was ein kollektives Subjekt als solches konsti-
tuiert. Sie ist also Form- und nicht Beschränkungsprinzip. Sie existiert im Modus des konkreten
Seins und nicht in demjenigen des abstrakten Sollens“ (Campagna 2004, S. 291). Ordnung als exis-
tentielle Grundlage der Verfassung(sordnung) werde verstanden als „Homogenität, als Überein-
stimmung aller bezüglich der fundamentalen Entscheidung hinsichtlich des politischen Seins der
Gemeinschaft“ (ebd.).

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dung als Werk eines Bürgerkollektivs oder gar als Leistung mehrerer Menschenge-
schlechter ansehen (etwa in Cicero, De republica, Buch II):

„Man muß es wohl als eine allgemeine Regel [regola generale] annehmen, daß niemals oder
nur selten ein Freistaat [republica] oder ein Königreich [regno] von Anfang an eine gute
Verfassung [ordinato bene] oder eine ganz neue [al tutto nuova], von den bestehenden Ein-
richtungen abweichende Form [fuora degli ordini vecchi] erhält, außer es geschieht durch
einen einzelnen Mann [ordinato da uno]. Dieser muß allein die Macht ausüben, und sein
Geist muß alle Einrichtungen des Staates bestimmen. Deshalb muß ein weiser Gesetzgeber
[prudente ordinatore], der die Absicht [animo] hat, nicht sich, sondern dem Allgemeinwohl
[bene comune], nicht seiner Nachkommenschaft, sondern dem gemeinsamen Vaterland
[patria] zu dienen, danach streben, die uneingeschränkte Macht [avere l’autorità, solo] zu
bekommen. Nie wird ein kluger Kopf einen Mann wegen einer außergewöhnlichen Hand-
lung [azione straordinaria] tadeln, die er begangen hat um ein Reich zu gründen oder einen
Freistaat zu konstituieren. Spricht auch die Tat [fatto] gegen ihn, so entschuldigt ihn doch
der Erfolg [effetto]. Und wenn dieser gut ist wie bei Romulus, so wird er ihn immer ent-
schuldigen. Denn nur wer Gewalt braucht um zu zerstören und nicht, wer sie braucht um
aufzubauen, verdient Tadel.“67

Zur Bewerkstelligung dieses Erfordernisses (der Machtbündelung in der Person des


Gründers), aber auch zur Überwindung der oben angeschnittenen Neuerungsaversion,
die im Menschen tief verankert ist, ist der ordinatore berechtigt, moralisch schändliche
und unrechtliche Herrschaftsmittel wie Grausamkeit, Gewalt, Betrug und Gesetzesbruch
anzuwenden, was einen Brückenschlag zur Handlungslehre des Principe ermöglicht
(zur Forderung, dass ein neu zur Macht gelangter Fürst die Eigenschaften des Fürsten
und des Löwen nachahmen müsse).68 Da der Zweck des ordinatore darin besteht, in ei-
ner Situation des Ordnungsverfalls und der sittlichen Degeneration die Grundvorausset-
zungen für die Geltung von rechtlichen und moralischen Normen erst zu schaffen, be-
sitzt er eigentlich ein vormoralisches und vorrechtliches Wesen. Er ähnelt hierin
Schmitts Diktator, dessen Aufgabe es ist, einen Zustand der Ordnungssicherung im
Staat herbeizuführen, auf dessen Grundlage der rechtlichen Norm ohne Gefahr zur Gel-
tung verholfen werden kann, sich „Normalität“ einstellen kann.69 Im Unterschied zu
Schmitt bemerkt Machiavelli jedoch durchaus den Widerspruch zwischen dem Erfor-

67 Machiavelli 1977, S. 36f. = Discorsi I/9.


68 Zur „tyrannischen“ Qualität des Handelns eines Gründers s. das Zitat aus Discorsi I/25 oben. In star-
kem Kontrast zur traditionellen Lehre von der Tyrannis spricht Machiavelli an anderer Stelle vom
„tiranno virtuoso“ (s. Machiavelli 1977, S. 169 = Discorsi II/2).
69 „Sowohl bei der souveränen wie bei der kommissarischen Diktatur gehört die Vorstellung eines
durch die Tätigkeit des Diktators herbeizuführenden Zustandes zum Begriff. Ihre rechtliche Natur
liegt darin, daß wegen eines zu erreichenden Zweckes rechtliche Schranken und Hemmungen, die
nach der Sachlage ein sachwidriges Hindernis für die Erreichung des Zweckes bedeuten, in concreto
entfallen“ (Schmitt 2006, S. 132); „Richtet sich die Rechtsnorm an alle Rechtsgenossen, so richtet
sich die Rechtsverwirklichungsnorm in erster Linie an die Inhaber der politischen Macht. Wer über
die politische Macht verfügt, muß die Bedingungen schaffen, unter denen die Rechtsgenossen sich
an die Rechtsnorm halten können. Sie müssen, anders ausgedrückt, die Normalität (wie-
der)herstellen, als jene Situation, in welcher die Norm – die Rechtsnorm – ohne Gefahr beachtet
werden kann“ (Campagna 2004, S. 21).

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dernis uneingeschränkter Macht des Ordnungsstifters und seiner negativen Anthropolo-
gie. Dass eine Herrschaftsperson moralisch und rechtlich verwerfliche Mittel für unei-
gennützige und gemeinwohlförderliche Zwecke wie die Schaffung von buoni ordini
einsetzt, erscheint Machiavelli unwahrscheinlich.70
3. Der ordinatore wird an der Qualität seines Werkes gemessen, daran, ob sich die von
ihm geschaffene Ordnung im Fluss der Zeit und angesichts der Korruptionsanfälligkeit
des Gemeinwesens und seiner Bürger widerständig zeigen wird. Für die Legitimität des
ordinatore ebenfalls essentiell ist, dass er nach Vollendung seines Werks und spätestens
mit seinem Ableben seine Herrschaftsposition aufgibt und auf eine dynastische Nach-
folge verzichtet.71 Machiavelli mag hier von Plutarchs Biographie des Lykurg beein-
flusst sein, der berichtet, dass der spartanische Verfassungsgeber nach Vollendung sei-
nes Werkes zu sterben beschloss und bis zu seinem Tod jegliche Nahrung verweigerte.
In dieser Forderung, die von Machiavellis Zeitgenossen und Discorsi-Kommentator
Francesco Guicciardini als restlos utopisch gebrandmarkt wurde, mag man bereits die
Unterscheidung von pouvoir constitué und pouvoir constitutive angelegt sehen, die auch
für Schmitts Begriff der Diktatur eine zentrale Bedeutung besitzt. Die Angewiesenheit
des ordinatore auf die Zustimmung des Volkes, die an die (implizite) demokratische
Zustimmungsbedürftigkeit des souveränen Diktators bei Schmitt erinnert, tritt am deut-
lichsten in Discorsi I/10 hervor: Machiavelli stellt den Herrscher in diesem Kapitel vor
die Wahl. Erweist er sich als Gründer und förderlicher Gestalter des Staates, egal ob es
sich um eine republica oder einen regno handelt, warten Akzeptanz und Stabilität in der
Gegenwart sowie ewiger posthumer Ruhm auf ihn. Tritt er hingegen als bloßer Gewalt-
herrscher und Verschlechterer der politischen Ordnung in Erscheinung, winken Unsi-
cherheit und Lebensgefahr im Hier und Jetzt sowie ewige Schande.72
Mit seinem Verständnis von Ordnung und ihrer Begründung durch die virtù, aber auch
durch die politische Macht eines Ordnungsstifters, dessen Werk sich am popolo orien-
tiert und der Beurteilung des popolo unterliegt, scheint Machiavelli für die Entstehung

70 „Da nun einerseits die Reorganisation der Verfassung [riordinare una città al vivere politico] einen
ausgezeichneten Mann [uomo buono] voraussetzt und andererseits die gewaltsame Eroberung [per
violenza] der Macht in einem Gemeinwesen einen schlechten Charakter [uomo cattivo] erfordert, so
wird äußerst selten der Fall eintreten, daß ein rechtschaffener Mann mit schlechten Mitteln [uno
buono per vie cattive] die Macht erobert, um einen guten Zweck damit zu verfolgen, oder daß ein
schlechter Mensch [uno reo], wenn er zur unumschränkten Macht im Staat gekommen ist, zum all-
gemeinen Besten handelt und die Absicht hat, die Macht gut anzuwenden, die er mit verwerflichen
Mitteln erobert hat“ (Machiavelli 1977, S. 67 = Discorsi I/18).
71 Machiavelli 1977, S. 36 = Discorsi I/9. Ist die Stiftung von Ordnung die Sache einer Einzelfigur, so
betrachtet Machiavelli andererseits die Erhaltung der neugegründeten Ordnung als Aufgabe eines
Bürgerkollektivs, s. ebd., S. 152 = Discorsi I/58. Auch Rousseaus législateur – in den Ausführungen
Rousseaus zum législateur ist die Lektüre Machiavellis beim Genfer Philosophen besonders deutlich
fassbar – findet keinen Eingang in die von ihm gestiftete Verfassungsordnung, s. Rousseau 1977, S.
44, Contrat Social II/7 und Kersting 2004.
72 Machiavelli 1977, S. 39-43.

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der souveränen Diktatur eine ähnliche Bedeutung zu besitzen wie Rousseau, die Schmitt
Machiavelli jedoch nicht zuspricht. Wie Schmitt bemerkt, ist Rousseaus Beitrag nicht so
sehr in seinem Kapitel zur Diktatur aus dem Contrat Social (IV/6) zu suchen, dort finde
man vor allem traditionalistische republikanische Rekapitulationen zur alten Diktatur,
sondern in einigen systematischen Innovationen seiner Staatstheorie: Etwa in der Auf-
fassung, dass die Souveränität des Staates ihren Sitz in der volonté générale habe oder
etwa mit der Annahme einer diktatorischen Gewalt, die die tugendhaften/aufgeklärten
Volkssubjekte über die unaufgeklärten Elemente im Volk ausüben („Zwang zur Frei-
heit“).73 Auch Schmitts Ausführungen zum législateur sind überaus aufschlussreich.
Der ohne jegliche Macht und Entscheidungsbefugnis und allein mit den Mitteln der re-
ligiösen Persuasion agierende Gesetzgeber Rousseaus bilde zwar in einer Hinsicht die
Antithese zum Diktator – wir haben gesehen, dass sich dies bei Machiavellis Ordnungs-
stiftern anders verhält, die in ihren Händen sämtliche Macht- und Entscheidungsbefug-
nisse bündeln. Obwohl Rousseaus machtloser Gesetzgeber sich antithetisch zur Diktatur
verhalte, verweise er aber dennoch auf die souveräne Diktatur als „pouvoir constituant“
und besitze eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Begriffs der Diktatur.74 Den in
diesem Zusammenhang erhellenden Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen
Machiavellis ordinatore und Rousseaus législateur ist Schmitt nicht nachgegangen.

Schlussbetrachtung

Es wäre verfehlt, Machiavellis Einfluss auf die Schmittsche Lehre von der Diktatur
ebenso wie Schmitts Verwendung Machiavellis bei der Entwicklung seiner souveräni-
täts- und staatstheoretischen Positionen eine allzu große Bedeutung beizumessen.
Schmitts Begegnungen mit Machiavelli sind flüchtig.75 Die Machiavelli-Lektüre
Schmitts ist zudem Principe-lastig, auch wenn er die Discorsi relativ gut kannte, wie
bereits seine Rekonstruktion von Machiavellis Verwendung des Begriffs „Diktatur“

73 Schmitt 2006, S. 114-123. „Stellt sich heraus, daß die Mehrheit der Korruption verfallen ist, so kann
die tugendhafte Minorität alle Gewaltmittel anwenden, um der vertu zum Siege zu verhelfen“ (ebd.,
S. 121).
74 „Der Legislator ist für Rousseau kein Kommissar. Nach dem Inhalt seiner Aufgabe ist er dasselbe
wie der für das 18. Jahrhundert typische Gesetzgeber, ein weiser und erhabener Mensch, dessen
„génie“ die Maschine des Staates montiert und in Gang bringt […] Der Inhalt der Tätigkeit des
Legislators ist Recht, aber ohne rechtliche Macht, machtloses Recht; die Diktatur ist Allmacht ohne
Gesetz, rechtlose Macht. Daß Rousseau sich dieser Antithese nicht bewußt war, macht sie nicht we-
niger bedeutungsvoll. […] Der Legislator ist nichts als noch nicht konstituiertes Recht, der Diktator
nichts als konstituierte Macht. Sobald sich eine Verbindung einstellt, die es ermöglicht, dem
Legislator die Macht des Diktators zu geben, einen diktatorischen Legislator und einen verfassung-
gebenden Diktator zu konstruieren, ist aus der kommissarischen die souveräne Diktatur geworden“
(ebd., S.126f.).
75 So betont auch Campagna, dass sich Schmitt nie wirklich systematisch mit Machiavelli befasst habe,
Campagna 2004, S. 12, vgl. Galli 2013.

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beweist. Eher als um eine systematische Auseinandersetzung, handelt es sich bei den
ausführlicheren Äußerungen Schmitts zu Machiavelli um eine Spiegelung Schmitts in
Machiavelli, die einer selbstrechtfertigenden Absicht dient. Die Beschäftigung mit dem
Florentiner in Die Diktatur ist allerdings hiervon auszunehmen. Schmitt möchte sich als
der missverstandene Machiavelli der Gegenwart verstanden wissen. Auch dort, wo
Schmitt insistiert, dass Machiavelli kein Machiavellist war, sondern ein Realist, der –
wie Schmitt selbst – auf der Grundlage einer negativen Einschätzung der menschlichen
Natur das Wesen des Politischen erkannte, so möchte er damit auch den Vorwurf des
„Machiavellismus“ abwehren, der im Ersten Weltkrieg seitens der westlichen Alliierten
Deutschland gemacht wurde.76 Diese propagandistische Semantik aus dem Krieg hallt
allerdings auf ähnliche Weise auch in Gerhard Ritters Kontrastierung von Morus und
Machiavelli, von insularem (englischem) Wohlfahrtsstaat und kontinentalem/machia-
vellistischen (deutschem) Machtstaat nach. Im Vergleich dazu spielen viele Äußerungen
Schmitts zu Hobbes zwar auch eine ähnliche selbstapologetische Rolle, allerdings ist
der englische Philosoph darüber hinaus der wichtigste systematische Referenzdenker
der Frühen Neuzeit für Schmitt. Es können drei Dimensionen der Machiavelli-Deutung
Schmitts unterschieden werden: 1. Die Deutung Machiavellis als Techniker der Macht
(v.a. in Die Diktatur von 1921), 2. die Deutung Machiavellis als Denker des Politischen,
dem vor allem in rezeptionsgeschichtlicher Hinsicht – nicht so sehr durch sein Werk –
Bedeutung zukomme, 3. das Bild vom menschlichen-missverstandenen Machiavel-
li=Schmitt (v.a. in Schmitts kurzer Schrift zu Machiavelli von 1927 und in späteren
Stellungnahmen zum Florentiner).77
Es lässt sich fragen, welcher Nutzen aus der Erkenntnis einer verpassten Chance für ei-
ne Begegnung Schmitts mit Machiavellis Verständnis von Ordnung und des Anfangs-
moments staatlicher Ordnungsbegründung zu ziehen ist. Schmitt erkennt zu Recht, dass
Machiavelli nie Verfassungstheoretiker und vielleicht nicht einmal Staatsdenker im en-
geren Sinne war.78 Machiavellis Bedeutung für das moderne Verfassungsdenken auf
unangemessene und anachronistische Weise zu übertreiben, ist zwar nicht zweckdien-
lich. Aus den vorangegangenen Überlegungen ergibt sich aber dennoch der Befund,
dass Schmitts Machiavellirezeption in dieser Hinsicht selektiv und reduktionistisch ist.
Schmitt hätte angesichts seiner Fragestellungen aus seinem Material, aus den Werken
Machiavellis, mehr machen können. Freilich ist Selektion und Reduktion in Rezepti-

76 „Wir erinnern uns der Weltpropaganda gegen den Macchiavellismus der Deutschen. Wer nach sol-
chen Erfahrungen heute den Principe liest, hat den Eindruck, einen ruhigen und verständigen Men-
schen zu hören, und fühlt, daß sich das Politische, das nun einmal ein unausrottbarer Teil der
menschlichen Natur ist, bei Macchiavelli von selbst versteht und noch nicht zum Diener anonymer
und unsichtbarer Mächte geworden ist“ (Schmitt 1995b, S. 104f.). Schmitt sieht sich selbst als Ver-
teidiger des Politischen gegenüber den entpolitisierenden Kräften der Moderne (den im vorliegenden
Zitat angesprochenen „anonymen und unsichtbaren Mächten“).
77 Diese Trias beruht auf Galli 2013, S. 134.
78 Vgl. die Beiträge in Knoll/Saracino 2010.

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onsvorgängen stets im Spiel. Schmitt betont den Techniker der Macht, den Realisten
und die tragische rezeptionsgeschichtliche Gestalt in Machiavelli. Seinen Republika-
nismus nimmt er – wenn auch am Rande – zur Kenntnis. Dies ist insofern von Belang,
als die Schmitt-Forschung neuerdings über die Möglichkeiten nachdenkt, Schmitt (und
vor allem einen Text wie Der Begriff des Politischen) dem Republikanismus zuzuord-
nen.79 Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Bestimmung des Politischen über die Po-
larität von Freund und Feind und als „äußersten Intensitätsgrad“ eines Gegensatzes zwi-
schen politischen Einheiten lässt sich mit dem neorepublikanischen Pathos der politi-
schen Identität des Bürgers verbinden. Die Identifikation des Bürgers mit dem Ge-
meinwesen und seine Aufopferungsbereitschaft werden der atomisierenden Auswirkung
der individualistischen Perspektive liberalen Denkens entgegengesetzt.80 Auch Schmitts
Kritik an der liberalen Neutralisierung des Politischen in der Polarität von Ethik und
Ökonomie (den „zwei heterogenen Sphären, […] von Ethik und Wirtschaft, Geist und
Geschäft, Bildung und Besitz“81) und seine Prognosen hinsichtlich einer Vereinnah-
mung des Politischen durch wirtschaftliche Interessen klingen aus der heutigen Perspek-
tive auf die Politik überaus aktuell und reizvoll. Man sollte allerdings nicht übersehen,
dass Schmitt diese Missstände aus der Perspektive seines autoritären, antiliberalen und
existenzialistischen Staats- und Ordnungsdenkens anprangert, wohingegen Machiavellis
Ordnungsdenken unter den Primat der republikanischen Freiheit gestellt wird. Machia-
velli und nicht Schmitt kommt deshalb als Referenzpunkt neorepublikanischen Denkens
inBetracht, das dem liberalen, individualistischen Freiheitsverständnis korrektiv zur Sei-
te gestellt werden kann und nicht dessen Stelle einnehmen oder gar das Primat der Frei-
heit für die Politik in Frage stellen will.

Literatur

Bodin, Jean, 1981: Sechs Bücher über den Staat, Bd. 1, übers. v. B. Wimmer, hrsg. v. P. C.
Mayer-Tasch, München.
Burckhardt, Jacob, 1988: Die Kultur der Renaissance in Italien, 11. Aufl., Stuttgart.
Campagna, Norbert, 2004: Carl Schmitt. Eine Einführung, Berlin.
Galli, Carlo, 2013: Schmitt und Machiavelli, in: De Benedictis, Angela/Corni, Gustavo/Mazohl,
Brigitte/Rando, Daniela/Schorn-Schütte, Luise (Hrsg.), Das Politische als Argument. Bei-
träge zur Forschungsdebatte aus dem Internationalen Graduiertenkolleg »Politische Kom-
munikation von der Antike bis in das 20. Jahrhundert«, Göttingen, S. 121-142.
Höchli, Daniel, 2005: Der Florentiner Republikanismus. Verfassungswirklichkeit und Verfas-
sungsdenken zur Zeit der Renaissance, Bern/Stuttgart/Wien.
Kersting, Wolfgang, 2004: Der Gesetzgeber, die Religion und die Tugend. Errichtung und Er-
haltung der Republik bei Machiavelli und Rousseau, in: Münkler, Herfried/Voigt, Rüdi-
ger/Walkenhaus, Ralf (Hrsg.), Demaskierung der Macht. Niccolò Machiavellis Staats- und
Politikverständnis, Baden-Baden, S. 121-142.

79 Dazu Mehring 2011, S. 146ff.


80 Dazu Viroli 1995 und Portinaro 2011.
81 Schmitt 2002, S. 69.

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Der absolute Staat und die Ausnahme bei Jean Bodin

Norbert Campagna

Einleitung

Mit seinem zuerst 1576 erschienenen Werk Les six livres de la république hat Jean Bo-
din einen grundlegenden Beitrag zur Herausbildung des modernen Souveränitätsbegriffs
geliefert.1 Auch wenn Bodin noch nicht den Rahmen eines die göttlichen und natürli-
chen Gesetze als verbindliche Grenze der politischen Macht anerkennenden Staates ver-
lässt,2 so entbindet er doch größtenteils den Staat vom Respekt der allein durch mensch-
liches Recht begründeten Freiheiten, Privilegien oder Rechte, gleichgültig ob es sich
dabei um positive Gesetze oder um Gewohnheitsrecht handelt. Wie Carl Schmitt es,
Bodin kommentierend, in seiner Verfassungslehre formuliert:

„Der Souverän kann, wenn Zeit, Ort und individuelle Besonderheiten es erfordern, Gesetze
ändern und durchbrechen. Darin äußert sich eben seine Souveränität. Immer sind es Vor-
stellungen wie: Annullierung, Kassierung, Durchbrechung, Dispense und Aufhebung be-
stehender Gesetze und Rechte, von denen Bodinus in dem Kapitel über die Souveränität
(Kap. 8, Buch I) spricht“.3

Wir finden hier den Gedanken eines primär für das Allgemeinwohl zuständigen Staates,
der jede bestehende menschliche Norm – auch die von ihm selbst gesetzte – und jedes
bestehende Privileg vor dem Hintergrund dieser Zuständigkeit beurteilen muss. Dieser
Staat muss nicht unbedingt leugnen, dass bestimmte Städte oder Stände Privilegien ha-
ben, aber die bloße Existenz dieser Privilegien oder ihr Alter reichen noch nicht aus, um
ihnen Legitimität und damit auch Unantastbarkeit zu verleihen. Sobald die Ausübung
eines Vorrechts dem Allgemeinwohl im Wege steht, darf diese Ausübung eingeschränkt
werden, und wenn es erforderlich ist, darf auch das Vorrecht als solches abgeschafft
werden, wie altehrwürdig auch seine Abstammung sein mag und wie sehr seine unmit-
telbaren Nutznießer an ihm hängen. Hier gilt das aus dem Römischen Recht stammende
Gesetz: Salus populi suprema lex esto. Alle bestehenden menschlichen Institutionen –
und hierzu zählen auch positive Gesetze – sollten prinzipiell einzig und allein einem
Zweck dienen, nämlich der Förderung des Allgemeinwohls, wobei dieser Dienst direk-
ter oder indirekter Natur sein kann. Eine indirekte Förderung liegt etwa dann vor, wenn
eine bestehende Institution als Hindernis für die Ausübung einer potentiell gemeinwohl-
schädlichen Macht angesehen werden kann. Indem die Institution die Macht bremst,
trägt sie indirekt zum Schutz des Allgemeinwohls bei.

1 Erinnert sei an die Religionskriege die den historischen Kontext des Werkes bilden.
2 Zu diesen vormodernen Elementen im Denken Bodins, siehe Goyard-Fabre 1997, S. 97ff.
3 Schmitt 1993, S. 49.
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Im 18. Jahrhundert wird Montesquieu behaupten, dass die politische Freiheit nur dann
auf Dauer gewährleistet werden kann, wenn die Macht die Macht hindert oder bremst.4
Eine freie Verfassung wird dementsprechend das institutionelle Gefüge des Staates so
gestalten, dass es keiner Instanz innerhalb dieses Gefüges möglich ist zu handeln, ohne
die Zustimmung einer anderen Instanz erhalten zu haben. Wie Montesquieu es selbst
erwähnt, könnte man geneigt zu glauben, dass in einem solchen System alles stillsteht,
da die unterschiedlichen Instanzen sich gegenseitig lähmen. Der Autor meint dann al-
lerdings weiter: „Aber weil sie, wegen des notwendigen Laufs der Dinge, dazu gezwun-
gen sind sich zu bewegen, werden sie gezwungen sein zusammen in dieselbe Richtung
zu gehen“.5
Wir können uns hier nicht mit der Frage befassen, was die Natur dieses Zwanges ist.
Auf jeden Fall kann er nicht im Sinne eines naturgesetzlichen Zwanges verstanden wer-
den, da Montesquieu selbst zugibt, dass die Menschen einen freien Willen haben und
dass sie somit nicht immer den Gesetzen folgen, die ihrer Natur entsprechen.6 Und ein
bloßer Blick auf die politische Geschichte vieler Staaten lehrt uns, dass überall dort, wo
eine Zusammenarbeit verschiedener Stände oder ihre Zustimmung verlangt war, es
mehr als einmal zu einer unüberwindlichen Konfrontation kam. In vielen Fällen handel-
te es sich um finanzielle Fragen: Die Stände oder Städte waren nicht bereit, dem König
jene Summen zu gewähren die er verlangte, und von denen er behauptete – zu Recht
oder Unrecht, sei einmal dahin gestellt –, sie seien notwendig für die Förderung des
Allgemeinwohls. In einer solchen Situation gab es für den König zwei Möglichkeiten.
Entweder er gab nach, oder er setzte sich über die anderen Instanzen hinweg. Wo er
letztere Entscheidung traf, entbrach neben dem oft militärischen auch ein rhetorischer
Konflikt: Dem König wurde vorgeworfen, das Allgemeinwohl mit Füßen zu treten und
sich in einen Tyrannen zu verwandeln, und der König warf seinerseits seinen Gegnern
vor, das Allgemeinwohl auf dem Altar ihrer Privilegien, also ihres Partikularwohls, zu
opfern.
Im 16. Jahrhundert bildet sich der Gedanke eines sozusagen nationalen Gemeinwohls
heraus, das über dem Partikularwohl der Stände und Städte steht und in dessen Namen
Letztere gegebenenfalls missachtet werden können.7 Mit dieser Herausbildung findet
auch eine Entwicklung auf dem Gebiet der Ausnahme statt. Ein den Gedanken des All-
gemeinwohls behauptender Staat kann keine ungerechten Ausnahmen zulassen, da diese
dem Allgemeinwohl widersprechen oder es sogar gefährden können. Wie lassen sich

4 Montesquieu 1979, S. 293.


5 Montesquieu 1979, S. 302.
6 Montesquieu 1979, S. 124.
7 Darin unterscheidet er sich wesentlich vom mittelalterlichen Staat, von dem es in der zuerst 1911 er-
schienenen klassischen Studie von Fritz Kern heißt: „Der mittelalterliche Staat ist als bloße Rechts-
bewahranstalt nicht befugt, in die Privatrechte zum Nutzen der Allgemeinheit einzugreifen“ (Kern
1992, S. 73).
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etwa Steuerprivilegien der Adligen rechtfertigen, wenn die anderen Stände unter einer
hohen Steuerlast leiden? Das Zeitalter, in dem sich die mächtigen Stände oder Städte
Vorrechte und damit Ausnahmen erkämpfen konnten, ist vorbei, und es beginnt ein
Zeitalter, in dem sich der sich als Vertreter eines die Partikularinteressen transzendie-
renden Allgemeininteresses bezeichnende König das Recht nimmt, sich von den die
Ausnahmen begründenden Gesetze und Gewohnheiten auszunehmen. Der absolute
Staat wäre somit ein die Ausnahmen mit Hilfe der Ausnahme bekämpfender Staat. Oder
anders formuliert: Der absolute Staat ist nicht an die Ausnahmeregelungen gebunden
und kann sich somit von diesen Regelungen ausnehmen. Der absolute König musste
sich von den Gesetzen ausnehmen, weil diese Gesetze selbst Ausnahmegesetze waren
und er die Gesamtheit repräsentierte. Fortan werden die Gesetze des Königs keine
privilegia mehr sein, sondern omnilegia.8 Man könnte auch sagen, dass fortan das Recht
den Vorrang vor den Rechten haben sollte.9
In diesem Beitrag werden zunächst zwei Extrempositionen vorgestellt, von denen Bodin
sich explizit abgrenzt, und zwar einerseits die Position derjenigen, die den Fürsten von
jeglichem Gesetz ausnehmen wollen, und andererseits die Position derjenigen, die für
eine absolute Freiheit des Volkes plädieren. Im zweiten Teil werden wir ganz kurz den
Kern der Bodinschen Souveränitätslehre vorstellen, wobei auch die normativen Grenzen
der absoluten Souveränität aufgezeigt werden. Im dritten Teil kommt die Frage der Pri-
vilegien zur Diskussion, bevor dann im vierten und abschließenden Teil, auch wieder
ganz kurz, die wichtigsten Rechtfertigungen für Ausnahmeregelungen, erwähnt werden.

1. Tyrannis und Anarchie : Zwei zu bekämpfende Formen der Ausnahme

Im Vorwort seines Hauptwerkes weist Bodin auf den pädagogischen Zweck des Buches
hin, was u.a. auch erklärt, wieso das Buch auf Französisch verfasst wurde. Die im Staate
entstehende Unordnung ist laut Bodin nicht so sehr auf die Bosheit als auf die Unwis-
senheit der Menschen zurückzuführen. Dementsprechend gilt es, diese unwissenden
Menschen aufzuklären,10 wobei zwischen zwei Kategorien von Unwissenden zu unter-
scheiden ist.

8 Wo bisher galt, dass das vom König erlassene und – zumindest theoretisch – auf das Allgemeinwohl
zielende Gesetz kein Privileg außer Kraft setzen durfte, wird fortan gelten, dass die Privilegien vor
den auf das Allgemeinwohl zielenden Gesetzen weichen müssen. Wo der König dringend Geld
braucht, soll etwa das Steuerprivileg einer Ortschaft oder eines Standes keinen Bestand mehr haben.
9 Wobei allerdings auch gesagt werden muss, dass es im 16. Jahrhundert noch nicht um Individual-
rechte geht, sondern um Kollektivrechte, also von Rechten die einer bestimmten sozialen Gruppe –
einem Stand oder einer Staat – zukommen.
10 Sehr häufig wird gesagt, dass der absolute Staat der Frühen Neuzeit nur die Angst der Untertanen
vor ihm als Gehorsamsmotiv kennt. Dabei wird übersehen, dass Bodin, wie später auch Hobbes,
großen Wert auf die Erziehung der Menschen legt.
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Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die glauben, dem Fürsten sei schlichtweg alles
erlaubt. Für sie besteht die Staatskunst oder -wissenschaft darin, dem Fürsten die
Schlauheit des Fuchses beizubringen. Bodin erwähnt in diesem Zusammenhang Ma-
chiavelli, dem er allerdings nicht bloß Unwissenheit, sondern Unglauben und Ungerech-
tigkeit vorwirft. Es scheint so zu sein, als ob Bodin zwar bereit ist, Machiavelli als einen
bösen Menschen zu betrachten, nicht aber diejenigen, die sich von Machiavellis Lehre –
oder was man dafür hielt – überzeugen lassen. Wenn man diesen Menschen zeigt, dass
Machiavelli Unrecht hat, dann werden sie sich von seinen Lehren entfernen und die
Prinzipien der wahren Staatswissenschaft, jener Fürstin aller Wissenschaften, akzeptie-
ren.
Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die glauben, dem Volk sei schlichtweg alles
erlaubt. Für sie besitzt das Volk eine absolute Freiheit in dem Sinne, dass es keiner ihm
übergeordneten politischen Macht unterworfen ist. Wo es einen König hat, der es re-
giert, darf dieser keine Entscheidungen ohne die Zustimmung des Volkes oder seiner
Vertreter treffen. In den Augen Bodins sind die Verteidiger dieser zweiten Position
noch gefährlicher als die der ersten, denn sie sind bereit, das Gemeinwesen in das Chaos
zu stürzen.
Bei diesen beiden entgegengesetzten Positionen geht es jedesmal um eine Ausnahme
bzw. um ein Ausnehmen. Für die Verteidiger der ersten Position soll der Fürst insofern
eine Ausnahme unter den Menschen bilden, als er im Gegensatz zu allen anderen Men-
schen vom Einhalten der natürlichen und göttlichen Gesetze ausgenommen ist. Gerade
darin sehen sie das Kennzeichen der eigentlichen Politik. So hat etwa Machiavelli in
den Discorsi behauptet, dass die für die Freiheit des Gemeinwesens kämpfenden Men-
schen keine Rücksicht auf irgendwelche normativen Vorgaben nehmen sollten, mögen
diese ihren Ursprung in der Religion, in der Moral oder in einer bestimmten Auffassung
des anständigen Lebens haben.11 Der für politische Zwecke kämpfende Mensch darf
sich aller zum Erfolg führenden Mittel bedienen, mag er auch dabei sein ewiges Seelen-
heil, seine moralische Integrität oder seinen guten Ruf opfern. Und im Weltbild Ma-
chiavellis finden wir keine notwendige Übereinstimmung zwischen den moralisch-
religiös zulässigen und den wirksamen Mitteln, denn bei Machiavelli wird das Weltge-
schehen nicht durch einen wohlwollenden und gerechten Gott gelenkt, sondern durch
die launische Göttin Fortuna.
Bodin zu Folge sind die Theoretiker der absolut ungebundenen Macht noch gefährlicher
als der absolute Fürst selbst, denn „sie zeigen dem Löwen seine Krallen und bewaffnen

11 „Wo man über das Heil der Heimat berät, darf Platz sein weder für das Gerechte noch das Ungerech-
te, noch für Mitleid, noch für das Grausame, noch für das Lobenswerte, noch für das Schändliche;
sondern, nachdem man alle anderen Gesichtspunkte hintangestellt hat, sollte man jenen Weg gehen,
der ihr das Leben rettet und sie in Freiheit bewahrt“ (Machiavelli 1992, S. 249).
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die Fürsten mit dem Schleier der Gerechtigkeit“.12 Sie geben, so könnte man sagen, dem
Fürsten ein gutes Gewissen, indem sie seine gegen das göttliche und natürliche Recht
verstoßenden Handlungen als Pflichten des Souveräns gegenüber dem Vaterland dar-
stellen.
Auch die Verteidiger der zweiten Position können als Menschen betrachtet werden, die
sich als Ausnahmen betrachten.13 In seiner Diskussion eines Volksstaates, d.h. eines
Staates, in dem das Volk die Souveränität besitzt, schreibt Bodin:

„[D]ie eigentliche Natur des Volkes besteht darin, volle Freiheit zu besitzen, ohne Bremse
und ohne Halt: und dass alle gleich seien, sowohl was die Güter, die Ehren, die Strafen, die
Belohnungen […]“.14

Wenn man, wie Bodin und die meisten Denker seiner Zeit, von einer hierarchisch orga-
nisierten Weltordnung ausgeht, die als normativ bindend für die Menschen angesehen
wird, dann kann die von den Anhängern der radikalen Demokratie verlangte Freiheit
und Gleichheit nur als Ausnahme –, als ein sich Ausnehmen – von dieser Weltordnung
betrachtet werden.15

2. Das Wesen und die Grenzen der Souveränität bei Bodin

Die Souveränitätslehre ist sicherlich das Kernstück von Bodins Six livres de la
république. Unter diesem Begriff der Republik versteht der Autor einen, um das franzö-
sische Original zu zitieren, „droit gouvernement de plusieurs mesnages, et de ce qui leur
est commun, avec puissance souveraine“.16 Eine Republik, also ein politisches Ge-
meinwesen, kann es zunächst einmal nur dort geben, wo sich mehrere Haushalte zu ei-
ner größeren Einheit zusammengeschlossen haben. Bodin zu Folge müssen sich zumin-
dest drei Haushalte zusammenschließen, damit man überhaupt von einem politischen
Gemeinwesen sprechen kann.17 Bei jedem dieser Haushalte lassen sich einerseits Inte-

12 Bodin 1986, I, S. 222.


13 Man könnte in diesem Kontext auch die Anabaptisten, wie etwa Hans Denck, erwähnen, die sich nur
durch das göttliche Gesetz der Liebe, nicht aber durch das staatliche Gesetz gebunden betrachteten.
Siehe hierzu Baylor 1998.
14 Bodin 1986, II, S. 123.
15 Im sechsten Buch vergleicht Bodin die Vor- und Nachteile eines Volksstaates. Was die Gleichheit
der Menschen betrifft, fällt auf, dass sie auf beiden Seiten auftaucht. Die Befürworter der Demokra-
tie behaupten, die Natur habe die Menschen gleich geschaffen, während ihre Gegner behaupten, eine
solche Gleichheit bestehe nicht von Natur aus (Bodin 1986, VI, S. 146f.).
16 Bodin 1986, I, S. 27.
17 Bodin 1986, I, S. 40. In einem vollkommenen Haushalt findet man fünf Kategorien von Personen:
Den Familienvater, die Kinder, die Sklaven oder Befreiten, die freiwilligen Diener oder Untergebe-
nen und die Ehefrau. Hieraus schließt Bodin, dass man zur Bildung eines politischen Gemeinwesens
mindestens 15 Personen braucht (3 Haushalte x 5 Mitglieder). Dabei ist allerdings nicht die Zahl an
sich wichtig, denn, so Bodin, ein Familienvater mit 300 Frauen und 600 Kindern ist noch lange nicht
Souverän eines politischen Gemeinwesens, sondern ist und bleibt der Souverän eines bloßen Haus-
halts. Seine Macht ist noch eine politische.
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ressen identifizieren, die er mit den anderen Haushalten teilt, und andererseits Interes-
sen, die ihm eigen sind. Diese Gemeinsamkeit der Interessen muss eine materielle Basis
haben, wie etwa ein gemeinsames Territorium, eine gemeinsame Geldreserve usw. Da-
mit dieser Zusammenschluss Dauer hat, und damit die gemeinsamen Interessen im Sin-
ne aller befriedigt werden können, bedarf es einer Lenkung, und diese Lenkung muss
zwei Bedingungen erfüllen, nämlich die Bedingung der Gerechtigkeit und die Bedin-
gung der Souveränität.
Die Souveränität definiert Bodin als „absolute und ewige Macht einer Republik“, und
behauptet, dass vor ihm noch niemand eine Definition der Souveränität gegeben hat.18
Bodins Definition behält zwei Charakteristiken als wesentlich zurück, wovon die erste
das Ausmaß der Macht, und die zweite ihre Dauer betrifft. Was diese letzte betrifft, so
stellt Bodin klar, dass von eigentlicher Souveränität nur dort gesprochen werden kann,
wo jemand die Macht für einen unbegrenzten Zeitraum besitzt, wo ihm also niemand
diesen Besitz streitig machen kann bzw. wo er nicht dazu verpflichtet ist, die Macht zu
einem vorher bestimmten Zeitpunkt wieder abzugeben. Insofern kann Bodin behaupten,
dass die Diktatoren in Rom nicht im wahrsten Sinne des Wortes souverän waren, da sie
ihre Macht nach einer bestimmten Zeit wieder abtreten mussten. Der Diktator war ei-
gentlich nur ein im Auftrag des souveränen Volks handelnder Kommissar, und die Tat-
sache, dass er auch nach der Ausübung seines Amtes nicht für Handlungen oder Ent-
scheidungen seiner Amtszeit zur Verantwortung gezogen werden konnte, genügt nicht,
um in ihm eine wirklich souveräne Instanz zu sehen.19 Die rechtliche Immunität für
Amtshandlungen ist zwar eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung für
den souveränen Charakter der Macht.
Neben diesem zeitlichen Aspekt erwähnt Bodin noch den absoluten Charakter der sou-
veränen Macht. Im Gegensatz zu anderen Autoren befasst Bodin sich nicht im Detail
mit der Frage, welche menschliche Instanz als ursprünglicher Träger der Souveränität
zu betrachten ist, und er lässt auch die Frage beiseite, wie dieser ursprüngliche Träger
der souveränen Macht überhaupt in den Besitz dieser Macht gekommen ist. Den Ideal-
fall sollte man sich allerdings so vorstellen, dass die Familienväter, die an der Spitze der
Haushalte stehen, zusammenkommen und darüber beraten, wer die die Haushalte len-
kende Macht innehaben und wie diese Macht funktionieren sollte. Hier sind zwei Fälle
möglich. Im ersten Fall verzichten die Familienväter ganz und definitiv auf jede Macht-
ausübung und übertragen die Macht auf eine bestimmte Person. Diese Person ist in den
Augen Bodins ein wirklicher souveräner Fürst, und er muss vom bloßen Stellvertreter20
unterschieden werden, der die souveräne Macht nur ausübt, ohne sie wirklich zu besit-

18 Im französischen Original heißt es: „la puissance absoluë et perpetuelle d’une Republique“ (Bodin
1986, I, S. 179).
19 Bodin 1986, I, S. 183. Zur Diktaturfrage, siehe auch Schmitt 1994.
20 Bodin spricht von einem „lieutenant“, also wortwörtlich: jemand der den Ort besetzt, und zwar an
Stelle desjenigen, der ihn eigentlich besitzt.
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zen.21 Entscheidet ein solcher Stellvertreter ultra vires, dann haben seine Entscheidun-
gen keine bindende Kraft, solange sie nicht durch die Familienväter22 ratifiziert wurden.
Verdeutlichen wir diesen Unterschied an einem ganz konkreten Fall, der zugleich auch
das Problem der Ausnahme berührt. Prinzipiell, so Bodin, sollte der Fürst das Privatei-
gentum seiner Untertanen respektieren, da dieses Privateigentum in die Privatsphäre
fällt und die Regierungsmacht sich laut Definition bloß über das erstreckt, was den
Haushalten gemeinsam ist. Nun kann aber der Fall eintreten, dass das Gemeinwesen nur
dadurch bewahrt werden kann, dass der Fürst in das Privateigentum seiner Untertanen
eingreift, indem er etwa ein Gesetz erlässt, dass sie alle ihre metallenen Gegenstände
abgeben müssen, damit Kanonen geschmiedet werden können, ohne die der Feind das
Gemeinwesen erobern wird.23 In einem solchen Fall müsste ein bloß stellvertretender
Fürst zunächst die Erlaubnis der delegierenden Instanz bekommen. Im Gegensatz dazu
kann ein absoluter Fürst ohne eine solche Erlaubnis handeln. Dies sollte er allerdings
nur dann tun, wenn eine absolute Notwendigkeit besteht.
Für Bodin ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass der absolute Fürst, wie er ihn konzi-
piert, zwar keinem anderen Menschen Untertan ist, dass er aber trotz seiner Machtfülle
immer noch ein Untertan Gottes bleibt. Die menschliche Souveränität ist somit in eine
sie radikal transzendierende Ordnung eingebettet, und auch wenn der Souverän sich
nicht vor seinen Untertanen zu verantworten hat, muss er sein Handeln vor Gott recht-
fertigen können. Wie Bodin ausdrücklich betont, erstreckt sich die Souveränität des
Monarchen nicht auf die göttlichen und natürlichen Gesetze. Wie jeder andere Mensch
auch, ist der Monarch den göttlichen und natürlichen Gesetzen unterworfen. Und nicht
nur diesen Gesetzen, wie Bodin es an einer Stelle kurz andeutet:

„[W]enn wir behaupten, dass derjenige die souveräne Macht besitzt, der gar keinem Gesetz
unterworfen ist, dann wird man niemanden auf Erden finden, der souverän ist: insofern alle
Fürsten der Erde den göttlichen und natürlichen Gesetzen unterworfen sind, und mehreren
menschlichen Gesetzen, die allen Völkern gemeinsam sind“24.

Als Jurist wird Bodin beim Erwähnen dieser menschlichen Gesetze wahrscheinlich an
das klassische ius gentium gedacht haben.25 Dieses ius gentium, wie wir es etwa bei den

21 Bodin 1986, I, S. 185-186.


22 Natürlich nur für den Fall, in dem die Familienväter die delegierende Macht sind.
23 Das Beispiel stammt von mir.
24 Bodin 1986, I, S. 190. An einer anderen Stelle heißt es, es gäbe wenige Fürsten, die in einem absolu-
ten Sinn souverän sind“ (Bodin 1986, I, S. 254). Die meisten Fürsten sind auf die Zustimmung der
Stände angewiesen, wie etwa der Kaiser, den Bodin im Kontext der eben erwähnten Stelle anführt.
Hierzu auch Schmitt in einem kurzen Text aus dem Jahr 1926: „Die absolute Monarchie war in
Wirklichkeit niemals, wenn man so sagen darf, ein absoluter Absolutismus gewesen“ (Schmitt 1995,
S. 98).
25 Zum ius gentium, siehe Bodin 1985, S. 21.
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großen römischen Juristen finden,26 ist nicht im Sinne eines Rechts zu verstehen, das
zwischen den verschiedenen Völkern gilt,27 sondern als ein Recht, das man bei allen –
zumindest bei allen zivilisierten – Völkern wiederfindet, und dessen Geltung nicht auf
ein menschliches fiat zurückzuführen ist, sondern das sich sozusagen von selbst überall
etabliert hat. Als ein Beispiel für eine Institution des ius gentium kann hier die Sklaverei
genannt werden. An und für sich scheint sie dem natürlichen Recht zu widersprechen,
da laut dem Neuen Testament alle Menschen von Natur aus gleich sind. Aber, so die
Argumentation, durch den Sündenfall hat sich etwas geändert, und die menschliche
Bosheit hat bestimmte Institutionen gerechtfertigt, die unter der Voraussetzung der
menschlichen Güte illegitim gewesen wären.
Neben den göttlichen und natürlichen Gesetzen und den Normen eines alle Völker um-
fassenden ius gentium, gibt es noch eine vierte Kategorie von Gesetzen, denen der Sou-
verän unterworfen ist, und zwar den sogenannten Fundamentalgesetzen. Diese Funda-
mentalgesetze sind von Land zu Land verschieden und bilden sozusagen das Fundament
der jeweiligen souveränen Macht. Ein solches Gesetz ist etwa in der Monarchie das
Thronfolgegesetz. Bei diesen Fundamentalgesetzen kann es keine legitime Annullie-
rung, Kassierung, Durchbrechung, keine legitimen Dispense und auch keine legitime
Aufhebung geben, um die fünf Akte wieder aufzugreifen, die Carl Schmitt an der ein-
gangs dieses Beitrags zitierten Passage erwähnt. Handelt ein Souverän trotzdem gegen
die Fundamentalgesetze, dann enden die rechtlichen Wirkungen seiner Handlung sofort
mit seinem Tod.28
An diese vier Arten von Gesetzen ist der Bodinsche Souverän bedingungs- und aus-
nahmslos gebunden. Was speziell die göttlichen und natürlichen Gesetze betrifft, macht
Bodin darauf aufmerksam, dass es erstens niemals einen guten Grund geben kann, sich
von ihnen auszunehmen, und dass es zweitens keine menschliche Instanz gibt – und
zwar nicht einmal den Papst –, die dazu ermächtigt wäre, den Fürsten vom Respekt die-
ser Gesetze auszunehmen29.
Bodin behauptet dann allerdings auch, dass der Fürst durch die Verträge gebunden ist,
die er mit seinen Untertanen schließt, und dass er sich selbst nicht durch seine absolute
Macht von ihnen ausnehmen darf. Und um diesen Gedanken zu bekräftigen, hebt Bodin
hervor, dass für die Theologen selbst Gott durch seine Versprechen gebunden ist.

26 Allerdings sind sich nicht alle Juristen einig. Während nämlich Tryphonius, Florentinus und Ulpian
einen Unterschied zwischen dem ius gentium und dem ius naturale machen, identifiziert Gaius sie.
Dazu Carlyle und Carlyle 1950, S. 37ff.
27 Zum Völkerrecht im modernen Sinn des Wortes wird das ius gentium erst im 17. Jahrhundert, auch
wenn man schon bei Vitoria erste Elemente einer solchen Auffassung finden kann. Zu Vitoria, siehe
etwa Campagna 2010.
28 Dazu etwa Spitz 1998, S. 80.
29 Bodin 1986, I, S. 215.
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Den eigentlichen Kern der Bodinschen Souveränitätslehre fasst folgende Behauptung
zusammen: „[D]er wichtigste Aspekt der souveränen Majestät und der absoluten Macht
liegt hauptsächlich darin, den Untertanen im allgemeinen Gesetze zu geben, ohne ihre
Zustimmung“30. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass der Fürst die Stände anhört,31 son-
dern nur, dass er auf ihre Zustimmung angewiesen ist, um bindende Gesetze zu erlas-
sen. Der absolute Fürst kann gültiges Recht auch ohne die Zustimmung der Stände
schaffen, und er kann sogar gültiges Recht schaffen, das gegen die Privilegien der Stän-
de oder sonstiger Körperschaften verstößt.

3. Das Problem der Privilegien

Welche Unterscheidungen den modernen Nationalstaat auch sonst noch von seinen
Vorgängern unterscheiden mögen, so besteht doch ein wichtiges Unterscheidungs-
merkmal darin, dass es im modernen Nationalstaat keine unabänderlichen Privilegien
gibt. Man spricht in ihm zwar noch manchmal von erworbenen Rechten, aber prinzipiell
stehen auch diese Rechte dem Gesetzgeber zur Disposition, wie alt und ehrwürdig sie
auch immer sein mögen.32
Zur Zeit Bodins war der Monarch mit zahlreichen Privilegien konfrontiert, die seinem
eigenmächtigen Handeln mehr oder weniger enge Grenzen setzten. Der Ursprung vieler
dieser Privilegien waren meist Entscheidungen seiner Vorgänger. Die Nutznießer der
Privilegien waren Provinzen, Städte, Stände oder gegebenenfalls sogar Familien, die es
irgendwann in der Vergangenheit geschafft hatten, einem Fürsten diese Privilegien ab-
zuringen. Ein Beispiel wäre hier die Magna Charta, durch die dem englischen Adel be-
stimmte Garantien gewährt wurden, etwa in Sachen Besteuerung.
In vielen Fällen wurden diese Privilegien durch einen Erlass zugestanden, der sich
selbst als „edict perpetuel et irrevocable“, also als ewig und unwiderruflich, bezeichne-
te, womit ganz klar zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass es keiner Macht auf Er-
den gegeben war, den betreffenden Erlass und die in ihm enthaltenen Garantien abzu-
schaffen.33 Auch wenn Bodin sich nicht prinzipiell gegen die Präsenz der eben ange-
führten Formel in den Erlassen ausspricht, so spricht er ihr doch nur eine eher symboli-
sche Funktion zu. Durch diese Formel wird dem Erlass eine größere Autorität verliehen,
aber von einer wirklichen Unwiderruflichkeit kann keine Rede sein. Es kann in einem

30 Bodin 1986, I, S. 204.


31 Bodin 1986, I, 198.
32 Ich sehe hier natürlich von den Menschenrechten ab, zumal diese nicht als erworbene, sondern als
natürliche Rechte betrachtet werden.
33 Bodin 1986, I, S. 212. Ein Beispiel wäre hier die Ley perpetua von Ávila, die zwar nicht in Kraft trat,
da Karl V. die Revolte der comunidades niederschlug, deren Zweck es aber war, dem Königshaus
bestimmte Garantien abzuringen, die ohne Zustimmung der Cortes nicht widerrufen werden konnten.
Dazu Peralta 2010.
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wohlgeordneten Staat keine menschlich zugestandenen Rechte geben, die im gesamten
Rechtskorpus insofern eine Ausnahme bilden, als kein Fürst sie mehr in Frage stellen
darf. Bodin zu Folge sind alle Erlasse prinzipiell widerruflich, und er sieht in dieser
Widerruflichkeit sogar eine Staatsregel.34 In seinen Augen besteht eine große Gefahr da-
rin, den Fürsten durch ein Versprechen an die Einhaltung der Erlasse seiner Vorgänger
zu binden. Diejenigen, die ein solches Versprechen von ihm verlangen,

„zerstören die souveräne Majestät, die doch heilig sein soll, und setzen sie herab, sie ver-
wandeln sie in eine Aristokratie oder in eine Demokratie: so kommt es denn auch vor, dass
der souveräne Monarch, wenn er sieht, dass man ihm das abnimmt, was ihm zukommt, und
dass man ihn den Gesetzen unterwerfen will, sich selbst am Ende nicht nur von den bürger-
lichen Gesetzen dispensiert, sondern auch von den göttlichen und natürlichen Gesetzen, da
er alle auf dieselbe Ebene stellt“.35

Prinzipiell gilt, dass der Fürst nicht durch die Erlasse seiner Vorgänger gebunden ist
und dass ihm auch kein Versprechen abverlangt werden kann, sich an diese Erlasse zu
halten. Ein solches Versprechen, wenn die Stände es dem Fürsten trotzdem abringen
würden, besäße keine bindende Kraft, denn seine Einhaltung könnte den Fürsten daran
hindern, eine Handlung auszuführen, die für die Bewahrung des Gemeinwohls wichtig
ist. Und die Bewahrung des Gemeinwohls ist die höchste Pflicht des Fürsten. Und wenn
er sich auch der Bewahrung oder Förderung des Partikularwohls annimmt, dann tut er
dies nur insofern, als das Partikularwohl zum Allgemeinwohl beiträgt. Wie Bodin be-
merkt, „die souveränen Fürsten im eigentlichen Sinne des Wortes versprechen nie, die
Gesetze ihrer Vorgänger einzuhalten, oder sie sind nicht souverän“36.
Um dem sich in diesem Kontext stellenden Problem zu entgehen, weist Bodin darauf
hin, dass ein Fürst eigentlich keine ewigen und unwiderruflichen Privilegien vergeben
sollte.37 Durch das Zugestehen unwiderruflicher Privilegien grenzt der Fürst nämlich die
Macht seiner Nachfolger ein, wozu er aber kein Recht hat. Insofern darf der Nachfolger
den Erlass widerrufen. Allerdings muss man hier zwischen zwei Ebenen unterscheiden,
und zwar einerseits der Ebene dessen, was dem Fürsten erlaubt ist, und andererseits der
Ebene dessen, was ratsam ist. Im Prinzip sollte der Fürst den status quo bewahren, es
sei denn, er hätte einen vernünftigen Grund, eine Ausnahme zu machen bzw. die beste-
hende Situation abzuschaffen und durch eine neue zu ersetzen. Bodin plädiert keines-

34 Bodin 1986, I, S. 211.


35 Bodin 1986, I, S. 209. Bodin bemerkt auch, dass ein Versprechen, die Gesetze einzuhalten, nie von
oben nach unten, sondern immer nur von unten nach oben gegeben werden kann (Bodin 1986, I, S.
206). Anders gesagt: In einer absoluten Monarchie kann das Volk dem Fürsten versprechen, die Ge-
setze einzuhalten, nicht aber der Fürst dem Volk. Der Fürst kann nur Gott ein solches Versprechen
abgeben.
36 Bodin 1986, I, S. 195.
37 Bodin 1986, I, S. 192. In einer Aristokratie oder in einer Monarchie dürfen solche unwiderruflichen
Privilegien vergeben werden.
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wegs für eine Politik der tabula rasa, sondern behauptet nur, dass auch erworbene
Recht nicht von einer möglichen Widerrufung ausgenommen sind.

4. Gerechtigkeit und Notwendigkeit

Wir hatten im zweiten Teil dieses Beitrags darauf hingewiesen, dass für Bodin mehrere
Normen des ius gentium dem Souverän nicht zur Disposition stehen. Um diesen Begriff
des ius gentium zu veranschaulichen und ihn vom Begriff des ius naturale abzugrenzen,
hatten wir die Institution der Sklaverei als Beispiel genommen.
Bodin selbst behandelt diese Institution im ersten Buch der Six livres, wobei er sie ver-
urteilt.38 Er verwirft alle Argumente, die gewöhnlich ins Feld geführt werden, um sie zu
legitimieren. In einem späteren Kapitel des ersten Buches kommt er noch einmal auf sie
zurück und schreibt dort:

„[W] enn das Recht der Völker unbillig ist, kann der Fürst in seinem eigenen Königreich
und durch seine Erlasse von ihm abweichen und seinen Untertanen verbieten, davon Ge-
brauch zu machen: so wie man es in diesem Königreich bezüglich des Sklavenrechts ge-
macht hat, und dies obwohl es allen Völkern gemein war, und er darf es auch in ähnlichen
Sachen tun, vorausgesetzt, er handelt dem göttlichen Recht nicht zuwider“.39

Die Tatsache, dass ein Gesetz mehreren, ja sogar allen Völkern gemeinsam ist, schließt
somit noch nicht das Recht des Fürsten aus, dieses Gesetz außer Kraft zu setzen, zu-
mindest was sein eigenes Königreich betrifft. Der französische König darf somit einen
Erlass verfassen, in dem er seinen Untertanen verbietet, Sklaven zu besitzen, und dies
obwohl, so wollen wir einmal voraussetzen, die Untertanen aller anderen Staaten das
Recht haben, Sklaven zu besitzen. Er darf sie also von einem Recht ausnehmen, das alle
anderen Menschen besitzen und das auch ein anerkannter Teil des ius gentium ist. Was
allen anderen Völkern erlaubt ist, muss deshalb nicht auch dem französischen Volk er-
laubt sein, denn über dem ius gentium steht das göttliche und das natürliche Recht, und
im Lichte dieser beiden Rechte ist die Sklaverei ungerecht.
Hier wird man vielleicht darauf hinweisen, dass Bodin kurz zuvor behauptet hatte, dass
trotz der absoluten Macht des Fürsten, „jedem der Besitz und das Eigentum seiner Güter
zukommt“,40 so dass also das Privateigentum dem Fürsten nicht zur Verfügung steht.41
Indem er die Sklaverei verbietet, enteignet der Fürst aber seine Untertanen, zumindest
diejenigen unter ihnen, die Sklaven hatten. Hierzu wäre zunächst zu sagen, dass nur ein
rechtmäßiger Besitz schützenswert ist, so dass der Fürst kein Unrecht begeht, wenn er

38 Bodin 1986, I, S. 107.


39 Bodin 1986, I, S. 228.
40 Bodin 1986, I, S. 223-224.
41 Erinnern wir hier daran, dass Bodin in seiner Definition der Republik an der Unterscheidung zwi-
schen dem Privaten und dem Öffentlichen festhält.
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die Sklaverei abschafft. Aufgrund seiner plenitudo potestatis darf der Fürst die Sklaven
befreien. Will er allerdings diese absolute Macht nicht benutzen, hat er die Möglichkeit,
die Sklavenbesitzer zu entschädigen. Durch das Versprechen einer Entschädigung wer-
den die Sklavenbesitzer vielleicht darin einwilligen, dass man ihnen das Halten von
Sklaven verbietet. Allerdings wird der Fürst diesen Weg nur dann gehen können, wenn
die Entschädigung kein zu großes Loch in die Staatsfinanzen gräbt.
Wichtiger als die Frage der Sklaven ist die Frage der Steuern, da sie eine sehr viel grö-
ßere Anzahl von Menschen betrifft. Hierzu heißt es bei Bodin, es liege „in der Macht
keines Fürsten auf Erden, dem Volk Steuern aufzuerlegen, rein weil es ihm gefällt, wie
ebenfalls nicht, sich das Gut eines anderen anzueignen“42. Insofern der Bodinsche Fürst
an die göttlichen und natürlichen Gesetze gebunden ist, unterliegt er auch der Pflicht,
nichts Unvernünftiges zu tun. Das Recht des Souveräns erstreckt sich auf alle Handlun-
gen, die vernünftig sind. So behauptet Bodin etwa, dass der Fürst die Meinung der
Stände missachten darf, wenn er die natürliche Vernunft und die Gerechtigkeit auf sei-
ner Seite hat.43 Hieraus wird man ableiten können, dass der Fürst durchaus das Recht
hat, Steuern ohne die Einwilligung seiner Untertanen zu erheben, allerdings nur dann,
wenn es einen vernünftigen Grund für die Steuererhebung gibt. Und ein solcher ver-
nünftiger Grund liegt nur dann vor, wenn eine absolute Dringlichkeit vorliegt.44

Schluss

Das politische Denken des Mittelalters kann, zumindest idealtypisch, als ein Denken des
status quo bezeichnet werden, und der Fürst wird dabei als Bewahrer dieses status quo
gesehen. Auf keinen Fall darf er eigenmächtig in die gegebene Rechtsordnung eingrei-
fen, auch nicht in Ausnahmefällen.
Der absolute Staat, wie er sich im 16. Jahrhundert herausbildet, behauptet für sich das
Recht, Ausnahmen zu machen und den gegebenen status quo auch ohne die Zustim-
mung der Stände oder Städte zu durchbrechen. Er versteht sich als eine Instanz, die das
Wohl der Allgemeinheit vertritt, und dieses Wohl steht über dem Partikularwohl der
Stände oder Städte. In diesem Beitrag habe ich versucht zu zeigen, wie Bodin versucht,
dem neuen absoluten Staat ein theoretisches Gerüst zu liefern. Dieses Gerüst muss zwei
Aufgaben gleichzeitig erfüllen, und zwar muss es einerseits die Ausnahmen von den
menschlichen Gesetzen rechtfertigen, und andererseits muss es zeigen, dass die göttli-

42 Bodin 1986, I, S. 201. Bodin sagt: „à son plaisir“. Von dieser Formel bzw. von der Variante „car tel
est notre bon plaisir“ hatte Bodin zuvor schon gesagt, dass der Fürst durch sie zu verstehen gibt, dass
die Gesetze ihre bindende Kraft für das Volk nicht schon dadurch erhalten, dass man gute Gerech-
tigkeitsgründe für sie anführen kann, sondern erst dadurch, dass der Fürst ihnen durch seinen Willen
eine bindende Kraft verleiht (Bodin 1986, I, S. 192).
43 Bodin 1986, I, S. 198.
44 Bodin 1986, I, S. 201.
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chen und natürlichen Gesetze ausnahmslos gelten. Wer Bodins Schriften sorgsam liest,
wird feststellen, dass das von ihm entwickelte theoretische Gerüst nicht frei von Wider-
sprüchen oder Inkohärenzen ist.45 Aber diesbezüglich ist er keine Ausnahme unter den
großen politischen Denkern, die vor der Aufgabe standen, einen epochalen Wechsel
theoretisch zu erfassen.46 Für diese Denker müssen die Notwendigkeiten der Gegenwart
mit den Garantien der Vergangenheit in Einklang gebracht werden. Und je drängender
die Notwendigkeiten sind, umso bereiter ist man, weitreichendere Ausnahmen bei der
Missachtung der Garantien der Vergangenheit zuzulassen.

Literatur

Baylor, Michael J. (ed.), 1998: The radical Reformation (reprint), Cambridge.


Bodin, Jean, 1985: Exposé du droit universel, Paris.
Bodin, Jean, 1986: Les six livres de la république, Paris.
Campagna, Norbert, 2010: Francisco de Vitoria. Leben und Werk. Die Kompetenz der Theolo-
gie in politischen und juridischen Fragen, Münster.
Campagna, Norbert, 2013: Staatsverständnisse im spanischen siglo de oro, Baden Baden.
Carlyle, Robert W. und Carlyle, Alfred J., 1950: A history of medieval political theory in the
West. Volume 1: From the second century to the ninth (4. Auflage), Edinburgh/London.
Chevallier, Jean-Jacques, 1993: Histoire de la pensée politique, Paris.
Franklin, Julian L., 1973: Jean Bodin and the rise of absolutist theory, Cambridge.
Goyard-Fabre, Simone., 1997: Les principes philosophiques du droit politique moderne, Paris.
Goyard-Fabre, Simone., 1999: L’Etat figure moderne de la politique, Paris.
Kern, Friedrich., 1992: Recht und Verfassung im Mittelalter, Darmstadt.
Machiavelli, Niccolò, 1992: Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, in: ders., Tutte le opere,
Firenze.
Mansfield Jr., Harvey C., 1993: Taming the prince. The ambivalence of modern executive pow-
er, Baltimore/London.
Mayer-Tasch, Peter-Cornelius, 2000: Jean Bodin. Eine Einführung, Berlin.
Montesquieu, Charles de, 1979: De l’esprit des lois I, Paris.
Peralta, Ramón., 2010: La ley perpetua de la Junta de Ávila. Fundamentos de la democracia
castellana, Madrid.
Schmitt, Carl, 1993: Verfassungslehre, 8. Auflage Berlin.
Schmitt, Carl, 1994: Die Diktatur, 6. Auflage Berlin.
Schmitt, Carl, 1995; „Absolutismus“, in: ders., Staat, Großraum, Nomos. Arbeiten aus den Jah-
ren 1916-1969, Berlin.
Spitz, Jean.-Fabien, 1998: Bodin et la souveraineté, Paris.

45 Viele Kommentatoren haben darauf hingewiesen, wie etwa Franklin 1973, Mansfield 1993,
Chevallier 1993 oder noch Mayer-Tasch 2000.
46 Zu dieser Position Bodins zwischen zwei Epochen, siehe Goyard-Fabre 1999, S. 24f.
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Der Leviathan zwischen „demokratischer“ Zähmung
und „totaler“ Entgrenzung.

Schmitt, Hobbes und der Ausnahmezustand als


staatstheoretische Herausforderung

Oliver Hidalgo

1. Das Ende des Staates und der weltpolitische Bürgerkrieg

Noch vor wenigen Jahren zählte es zu den Moden der wissenschaftlichen Publizistik,
die Idee des souveränen Staates als Auslaufmodell abzustempeln. Angesichts der „post-
nationalen Konstellation“ (Habermas) des Politischen nach dem Zusammenbruch des
Warschauer Paktes sowie der augenscheinlichen Unmöglichkeit, mit den herkömmli-
chen staatlichen Institutionen angemessen auf die ökonomischen, ökologischen und po-
litischen Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren, schien der „Abschied vom
Nationalstaat“1 nur mehr eine Frage der Zeit zu sein. Das „Regieren jenseits des Natio-
nalstaates“ wurde dabei nicht nur als (ambivalent bleibende) Notwendigkeit,2 sondern
mindestens ebenso als „Chance“3 begriffen, nicht zuletzt im Hinblick auf die sich ent-
wickelnden Formen von Global Governance oder gar einer Cosmopolitan Democracy.4
Als einer der Ersten, der die „Epoche der Staatlichkeit“ an ihrem „Ende“ wähnte (BP:
10),5 kann zweifelsohne Carl Schmitt gelten.6 Im Vorwort der Neuausgabe von Der Be-
griff des Politischen aus dem Jahr 1963 hatte Schmitt wie gewohnt pointiert formuliert:

„Der Staat als Modell der politischen Einheit, der Staat als der Träger des erstaunlichsten
aller Monopole, nämlich des Monopols der politischen Entscheidung, dieses Glanzstück eu-
ropäischer Form und occidentalen Rationalismus, wird entthront.“ (BP: 10)

Mit anderen Worten, das internationale System, in dem „nach innen geschlossen befrie-
dete“ politische Einheiten „nach außen geschlossen als Souverän gegenüber Souverä-

1 Siehe Albrow 1998.


2 In diesem Sinne etwa Beck/Grande 2004.
3 Zürn 1998.
4 Für diese optimistischen Entwürfe siehe etwa Held 1995 und 2006, Hewson/Sinclair 1999, Dryzek
2006 und Archibugi 2008. Skeptischere Positionen, insbesondere was die Demokratisierbarkeit
weltpolitischer Institutionen angeht, finden sich z. B. bei Dahl 1999, Lederer/Muller 2005, Ding-
werth 2007 und Grugel/Piper 2007.
5 Zu präzisieren wäre hier freilich, dass die oben genannten Ansätze fast durchweg von einer Komp-
lementarität zwischen nationalstaatlichen und transnationalen Strukturen ausgehen. Weiterhin be-
steht eine Tendenz, das „Ende des Staates“ mit dem „Ende der Souveränität“ gleichzusetzen (vgl.
Camilleri/Falk 1994). Für eine poststaatliche Souveränitätsvorstellung demgegenüber Hardt/Negri
2002.
6 Zu Schmitts Auffassung der Epochengebundenheit des Staates siehe auch VRA: 375-385.
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nen“ agierten und in dem „Staat und Souveränität“ die „Grundlage der bisher erreichten
völkerrechtlichen Begrenzungen von Krieg und Feindschaft“ bildeten (BP: 11f.), sah
schon damals einer ungewissen Zukunft entgegen.
Schmitt hatte freilich alles andere als eine globale Demokratie im Sinn, in deren Gefol-
ge sich innenpolitische und außenpolitische Dimension vermengen7 sowie nicht-
staatliche Akteure, NGOs und dergleichen das einstige Entscheidungsmonopol der Staa-
ten zugunsten einer friedlichen Weltordnung aufbrechen. Dass von der staatlichen Sou-
veränität nur mehr die Fassade der Begrifflichkeit überleben werde (BP: 10), laufe kei-
neswegs auf eine Beendigung von Freund-Feind-Gegensätzen hinaus. Das neue Vor-
wort zum Begriff des Politischen von 1963 weist vielmehr auf die sich herauskristalli-
sierende Dominanz einer alternativen Feindschaftsform – den Partisanenkrieg – hin.
Dieser vollziehe sich sowohl als Vorgang des defensiven Widerstands gegen fremde,
imperialistische Invasoren als auch als offensive Weltrevolution (BP: 18). Die Theorie
des Partisanen aus dem gleichen Jahr präzisiert die damit einhergehende Bedrohungs-
perzeption. Danach werde die (von souveränen Staaten zu leistende und infolge des
Verzichts auf eine „Diskriminierung und Diffamierung“ des Feindes mögliche) Hegung
des Krieges durch den irregulären Partisanenkampf und die darin verkörperte „äußerte
Intensität des politischen Engagements … wieder in Frage gestellt“ (TP: 92). Zu be-
fürchten sei nicht weniger als eine Logik der politischen Auseinandersetzung, in der
„immer neue, immer tiefere Diskriminierungen, Kriminalisierungen und Abwertungen
bis zur Vernichtung allen lebensunwerten Lebens“ führen und die Feindschaft so
„furchtbar“ wird, dass sie in ein regelrechtes „Vernichtungswerk“ sowie der Vorstellung
einer „absoluten Feindschaft“ mündet (TP: 95f.).8 Damit paraphrasiert Schmitt freilich
nur ein Szenario, das er bereits im Begriff des Politischen in der Fassung von 1932 als
Konsequenz einer weltpolitischen Situation beschrieben hatte, die den Feind nicht mehr
in den traditionell staatlichen, territorial abgegrenzten Kategorien verortet und relati-
viert, sondern in der es letztlich um die Zukunft der gesamten Menschheit geht. Diese
Stelle wird in der Theorie des Partisanen als Fußnote nahezu wörtlich zitiert:

7 In dieser Hinsicht bereits der Band von Czempiel 1969, in dem aus eben jenem veränderten Verhält-
nis von Innen- und Außenpolitik der „Anachronismus“ des Souveränitätsgedankens abgeleitet wird.
8 Die Eskalationslogik des Partisanenkampfes entfaltet Schmitt zuvor am Anfang seiner Schrift. Da-
nach befinde sich der moderne Partisan grundsätzlich außerhalb der „Hegung“ des Krieges, insofern
er als irregulärer Akteur „vom Feind weder Recht noch Gnade“ erwarte. „Er hat sich von der kon-
ventionellen Feindschaft des gezähmten und gehegten Krieges abgewandt und in den Bereich einer
anderen, der wirklichen Feindschaft begeben, die sich durch Terror und Gegen-Terror bis zur Ver-
nichtung steigert.“ (TP: 17) Jener „Teufelskreis von Terror und Gegenterror“ resultiere aus dem Um-
stand, dass der Partisanenkampf schließlich auch die attackierten, staatlich-regulären Truppen infilt-
riere, insofern man „mit Partisanen … als Partisan kämpfen“ müsse (TP: 20). Am Ende der Ge-
waltspirale stehe der Wandel „vom wirklichen zum absoluten Feind“ (TP: 91ff.). Zur Unterschei-
dung zwischen konventionellem, wirklichem und absolutem Feind siehe auch BP: 17-19.
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Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
„Solche Kriege (die sich als jeweils endgültig letzte Kriege der Menschheit ausgeben) sind notwen-
digerweise besonders intensive und unmenschliche Kriege, weil sie, über das Politische hinausge-
hend, den Feind gleichzeitig in moralischen und anderen Kategorien herabsetzen und zum un-
menschlichen Scheusal machen müssen, das nicht nur abgewehrt, sondern definitiv vernichtet wer-
den muss, also nicht mehr nur ein in seine Grenzen zurückzuweisender Feind ist. An der Möglichkeit
solcher Kriege zeigt sich aber besonders deutlich, dass der Krieg als reale Möglichkeit heute noch
vorhanden ist, worauf es für die Unterscheidung von Freund und Feind und für die Erkenntnis des
Politischen allein ankommt.“ (TP: 94, Anm. 52)9

Die Entgrenzung des Rechts und des Staates, welche die Intensität des Politischen in ei-
ne neue Dimension hinein steigert, evoziert demnach nach Schmitt gerade keine friedli-
che Weltordnung, sondern vielmehr eine Art weltweiten Bürgerkrieg (TP: 17).10 Im Ge-
genzug gerät auch wieder eine Kategorie ins Blickfeld, über deren „Entscheidung“ der
souveräne Staat sich ursprünglich definierte: der Ausnahmezustand.11 Hatte Schmitt
schon während der Weimarer Republik die „Tendenzen der modernen rechtsstaatlichen
Entwicklung“, sprich: des Liberalismus à la Kelsen oder Krabbe moniert, „den Souve-
rän in diesem Sinne zu beseitigen“ (PT: 14), scheint es jetzt nur umso folgerichtiger zu
sein, wenn – nach der endgültigen Verabschiedung des Ius Publicum Europaeum (NE:
Kap. IV) – auch die einstmalige „Überwindung des Bürgerkrieges durch den Krieg in
staatlicher Form“ (NE: 112-115) obsolet geworden ist. Nachdem der Staat – übrigens
ganz im Sinne der aktuellen Theorie des Liberalismus in den IB12 – von den pluralisti-
schen Gesellschaftsstrukturen vollständig durchdrungen ist und somit sein politisches
Entscheidungs- und Gewaltmonopol eingebüßt hat, ist die (festgestellte) Entfesselung
des Ausnahmezustandes in anderem Gewand nur eine allzu logische Konsequenz des
Schmittschen Denkens. Zu erinnern ist hier daran, dass Schmitt das Phänomen des tota-
len Krieges im Äußeren mit dem Bürgerkrieg im Inneren historisch aufs Engste verwo-
ben ansah (NE: 113).13 Nun, am Ende der staatlichen Epoche, das vom Sieg des Libera-
lismus/des liberalen Völkerrechts flankiert wird, ist nach Schmitt (wie schon im Begriff
des Politischen angemerkt) keineswegs die Überwindung von Krieg und politischen
Gegensätzen erreicht. Daran ändert es auch nichts, wenn das liberale Vokabular der

9 Im Original BP: 37. Siehe dort auch den „Hinweis“, dass dezidiert zwischen dem Feindbegriff, der
auf „Vernichtung“ und demjenigen, der auf „Abwehr“, Kräftemessen und „Gewinnung einer ge-
meinsamen Grenze“ aus ist, differenziert werden muss (BP: 119). Thematisch verbunden ist damit
ebenso die Studie über die Wendung zum diskriminierenden Kriegsbegriff (1938), die Suche nach ei-
nem neuen Nomos der Erde (1950) sowie die drei Corollarien, die der Neuausgabe von Der Begriff
des Politischen 1963 hinzugefügt wurden (BP: 97-115).
10 Der Partisan erweist sich in diesem Zusammenhang sowohl als alternativer Protagonist wie auch als
Antipode zu den universalistischen Bestrebungen, die Schmitt bereits in der Zeit der Weimarer Re-
publik mit dem völkerrechtlich abgestützten „Imperialismus“ der USA assoziierte (vgl. PB: 162-
180) – je nachdem, ob der Partisan als (offensiver) Akteur der (antiamerikanischen) Weltrevolution
oder aber als (defensiver) Widerstandskämpfer gegenüber der Interventionspolitik der USA bzw. der
Vereinten Nationen auftritt.
11 Hierzu selbstverständlich das berüchtigte Zitat aus der Politischen Theologie von 1922: „Souverän
ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ (PT: 13)
12 Siehe Moravcsik 1997.
13 Gemeint sind in erster Linie die Religionskriege der prä-westfälischen Ära.
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„Exekutionen, Sanktionen, Strafexpeditionen, Pazifizierungen“, der „internationalen
Polizei“ und „Maßnahmen zur Sicherung des Friedens“ sowie der Verpönung von Krieg
und Gewalt eben dies glaubend machen will (BP: 77).14 Stattdessen sei ein Rückfall in
die Logik des „Kreuzzuges“ zu verzeichnen, um auf Widerstände gegen die „mit Hilfe
ökonomischer Überlegenheit errungene imperiale politische Position“ zu reagieren
(BP: 77).
Es kann an dieser Stelle nicht unterbleiben, den skizzierten Diagnosen Schmitts15 ein
gehöriges Maß an Hellsichtigkeit zu attestieren. Seitdem die Rede von den Failing oder
Failed States angesichts der gescheiterten Staatenbildungsprozesse in der postkolonia-
listischen Ära in aller Munde ist und die „fragile Staatlichkeit“ abseits eines funktionie-
renden Gewaltmonopols offensichtlich das Gedeihen des transnational operierenden
Terrorismus begünstigt,16 scheint Schmitts Auffassung des globalen Staatenzerfalls die
politische Realität zu Beginn des 21. Jahrhunderts keinesfalls schlechter wiederzugeben
als die hoffnungsfrohe Erwartung der Global Democracy. Wenn man so will, hat
Schmitts Perspektive nicht nur die These von den „neuen“, asymmetrischen Kriegen im
Zeitalter der Globalisierung17 (die den Kriegen der Prämoderne auf vielfältige Weise
ähneln18) antizipiert, sondern auch die sich moralisch und rechtlich entgrenzenden Re-
aktionen der „liberalen“ Staaten im Spiegel seines Politikbegriffs erschreckend präzise
vorhergesagt. Begriffe wie der „Kreuzzug“ der Bush-Administration gegen den transna-
tionalen Terrorismus sowie die Herabsetzung des Feindes im Lager von Guantánamo
bzw. im Gefängnis von Abu Ghraib sind durchaus dazu angetan, Schmitts Thesen zu
unterfüttern.19 Das Gleiche gilt für die Kosmopolitismuskritik von Chantal Mouffe. Und
selbst Jürgen Habermas, dessen Weiterführung der Gedanken Kants zu einem liberalen
und interventionistischen Völkerrecht sich im Grunde rigoros vom Begriff des Politi-
schen abgrenzen will,20 räumt in seinen Argumentationsschritten21 explizit einen „wah-
ren Kern“ von Schmitts Einsichten ein. Implizit gibt er damit zu, dass Schmitts Gegen-

14 1932 ging Schmitt allerdings noch davon aus, dass das „Schicksal“ der Politik unausweichlich bleibt,
das heißt die oberflächlich bleibenden Entpolitisierungen durch die „liberale Ideologie“ den Staat als
solches nicht „ausrotten“ werden (BP: 76f.).
15 Im Jahr 1963 handelte sich im Zweifelsfall natürlich noch eher um eine Prognose (vgl.
Llanque/Münkler 2003, S. 19).
16 Vgl. Schneckener 2004.
17 Siehe v. a. Kaldor 2000 und Münkler 2002.
18 Dazu Beyrau/Hochgeschwender/Langewiesche 2007, insb. S. 14f.
19 Siehe dafür z. B. Norris 2005, Scheuerman 2006 und Hidalgo 2008.
20 Vgl. Habermas 1999a, S. 226ff.
21 Als da wären erstens der empirisch zu fundierende Zweifel an den Verdiensten des Jus Publicum
Europaeum für die Begrenzung des Krieges und die daraus resultierende Verteidigung des morali-
schen Universalismus sowie zweitens die (versuchte) Entlarvung des „Irrtums“, dass gegen die zuzu-
gebende „unheilvolle Wirkung“ einer „unvermittelten Moralisierung von Recht und Politik“ nur
die Säuberung der internationalen „Politik vom Recht“ und des „Rechts von der Moral“ etwas aus-
richten könne (Habermas 1999a, S. 227, 231, 233).
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position zur globalen Demokratie für deren Befürworter heute die eigentliche intellektu-
elle Herausforderung darstellt.22
Die Relevanz, die Schmitts Positionen im Hinblick auf die Internationalen Beziehungen
bzw. die globale Ordnung in den letzten Jahrzehnten erwachsen ist,23 führt – wie oben
angedeutet – vice versa dazu, dass auch die innenpolitischen Implikationen seiner
Schriften heute unvoreingenommener zu diskutieren sind, als dies in der Ära nach 1945
der Fall war.
Als Autor, der auf die Verwobenheit der inneren und äußeren Dimension von Schmitts
Politikbegriff konsequent rekurriert, ist vor allem Giorgio Agamben zu nennen. Dies
zeigt sich insbesondere daran, dass Agamben seine These vom Ausnahmezustand, der
sich „immer mehr als das herrschende Paradigma des Regierens“ erweise und sich „in
dieser Hinsicht als eine Schwelle der Unbestimmtheit zwischen Demokratie und Abso-
lutismus“ präsentiert, direkt von Schmitts konstatiertem „weltweiten Bürgerkrieg“ ab-
leitet.24 Es wird also unterstellt, dass die außenpolitischen Herausforderungen der Ge-
genwart ebenso die innenpolitischen Koordinaten massiv prägen oder verändern. Die
gleiche Perspektive – die außenpolitischen Determinanten provozieren radikale innen-
politische Konsequenzen – zeichnet bereits den Begriff des Politischen aus. Hier ist es
das „Pluriversum“ der Staatenwelt bzw. der politischen Einheiten (BP: 54-58), das von
der Staats- bzw. Politikgewalt „Fähigkeit“ und „Willen“ verlangt, „Freund und Feind zu
unterscheiden und nötigenfalls Krieg zu führen“ (BP: 38). Zugleich erfordert es, den
„inneren Feind“ zu bestimmen, weil die politische Kraft von Volksgruppen (die bis hin
zu Klassenkämpfen reicht) die kriegsfähige und -gewillte politische Einheit zu zerstören

22 Habermas 1999a, S. 233, 211, 220f. Dieser Gedanke ließe sich zur These erweitern, dass der Theo-
rienstreit in den IB in Zukunft zunehmend vom Gegensatz zwischen dem weltpolitischen Optimis-
mus Kants und dem Pessimismus bzw. politischen Existentialismus Schmitts geprägt sein wird. Da-
zu bereits Hidalgo 2012, S. 180, Anm. 33. Angesichts des realistischen Szenarios bevorstehender
Klimakriege (Welzer 2008) könnte das Ergebnis dieses Antagonismus dabei eher konträr zu den Re-
putationen Kants und Schmitts verlaufen. Wichtig wäre zudem die Einsicht, dass die aktuellen In-
strumentalisierungen Kants in Richtung eines liberalen Interventionismus (vgl. Téson 1992, Orend
2001) unfreiwillig eher der Schmittschen Logik Folge leisten, als Kants Gedankengebäude authen-
tisch wiederzugeben. Habermas selbst hypostasiert es richtigerweise als das eigentliche Merkmal des
Ewigen Friedens, sich Schmitts „Pointe des Weltbürgerrechts“ gerade zu verweigern, nämlich dass
letzteres „über die Köpfe der kollektiven Völkerrechtssubjekte hinweg auf die Stellung der individu-
ellen Rechtssubjekte durchgreift“ (Habermas 1999a, S. 210). Über Kant hinaus besteht Habermas
deshalb auf einer aktiven Politik des Menschenrechtsschutzes bis hin zu humanitären Interventionen,
wobei er die von Schmitt amalgamierten Begriffe „Bestialität“ und „Humanität“ auseinanderdividie-
ren will (siehe Habermas 1999a, S. 220 sowie BP: 55). Dazu auch Habermas 1999b. Inwieweit Ha-
bermas in seiner Einlassung auf die Schmittsche Terminologie damit allerdings wirklich den Kont-
rapunkt setzt, den er bezweckt, bleibt fraglich. Völlig unstrittig scheint hingegen, dass Schmitts
Vorwurf, auch Kant habe sich bereits eines Konzepts des liberalen Interventionismus bedient (NE:
140ff.), ins Leere geht. Zur Identifikation Kants als unmissverständlichen Gegner des bellum iustum
siehe Hidalgo 2012, S. 170-182.
23 Für einen Überblick siehe Odysseos/Petito 2007.
24 Agamben 2004, S. 9.
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vermag (BP: 46, 38). Eine politische Einheit, die „souverän“ über den „maßgebenden
Fall, auch wenn es der Ausnahmefall ist“, entscheidet (BP: 39), existiert wiederum le-
diglich aufgrund der Voraussetzung, dass es „die reale Möglichkeit des Feindes und
damit eine andere koexistierende, politische Einheit gibt“ (BP: 54). Ohne die Bedro-
hung durch den Feind – so könnte man sagen – haben Gruppen gar nicht die Kraft, sich
zu Staaten oder politischen Einheiten zusammenzuschließen. Aus dem gleichen Grund
ist ein „Volk“, das „nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Po-
litischen zu halten“, das heißt seine Feinde zu definieren und sich ihrer zu erwehren,
auch nicht imstande, das Politische zu eliminieren, sondern als politische Entität selbst
dem Untergang geweiht (BP: 54).
Jene folgenschwere Interdependenz zwischen Innen und Außen erklärt überdies, wes-
halb Schmitt so rigoros gegen die pluralistische Staatslehre des Liberalismus und deren
Aufweichung des Souveränitätsbegriffs polemisiert (BP: 40-45). Weil es der Pluralis-
mus zwischen den (äußeren) Feinden ist, der die politischen Einheiten erst schafft,
kann ein Pluralismus innerhalb der politischen Einheit für ihn nur deren Zerstörung
nach sich ziehen. Das Aufhören der „einen“ politischen „Gemeinschaft“, die Intensität
von „politischen“ Gegensätzen im Inneren raubt der politischen Einheit das Vermögen,
in der außenpolitischen Arena zu bestehen, das heißt für andere politische Entitäten
noch „Feind“ zu sein (BP: 45). Hier liegt auch der tiefere Grund dafür verborgen, wes-
halb sich die politische Einheit über die souveräne Entscheidung des Ausnahmezustan-
des konstituiert (PT: 13). In ihrem Inneren muss „vollständige Befriedung“ (BP: 46)
und Monopolisierung der politischen Gewalt herrschen, da allein diese beiden Merkma-
le den Willen und die Fähigkeit zur Definition der äußeren Feinde implizieren.
In die Radikalität von Schmitts Politik- und Staatsbegriff, der den Rechtsstaat und die
Geltung von Rechtsnormen von der vorherigen Dezision des Ausnahmezustandes ab-
hängig macht (BP: 46), ist die kompromisslose Ablehnung der liberalen Rechtstheorie25
also bereits eingelassen. Seine Haltung folgt unmissverständlich aus der Überzeugung,
dass die Idee des liberalen Pluralismus für gar nichts anderes steht als die Unterhöhlung
der Existenz von politischen „Einheiten“. Des Weiteren moniert Schmitt auf der interna-
tionalen Ebene die Tendenz, dass die liberalen Auflösungserscheinungen des Staates die
Chance auf eine Hegung oder Verrechtlichung der unvermeidlichen Möglichkeit des
Krieges verspielen und zunehmend für eine Irregularität politischer Auseinanderset-
zungen sorgen.
In diesem Zusammenhang ist es müßig, über das wahre Motiv von Schmitts Positionie-
rung zu spekulieren. Spiegeln die Bedenken gegen die destruktiven Kräfte des Libera-
lismus eine „echte“ Sorge wider oder doch nur eine kaum verhohlene „bellizistische

25 Hierzu allgemein Dyzenhaus 1998.


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Lebensphilosophie“?26 Entspringt das Eintreten für den autoritären Staat in erster Linie
einem anthropologischen Pessimismus (BP: 59ff.) oder der Kritik an der moralischen
Krise der bürgerlichen Gesellschaft, die sich dem Egoismus des Individuums ver-
schreibt?27 Ist der Unwille des Liberalismus, die Welt in Freunde und Feinde einzutei-
len, am Ende nur das Resultat seiner Unfähigkeit, höhere Werte als das ökonomische
Interesse anzuerkennen?
Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass Schmitt zeit seines Lebens allergisch auf die
Bemühungen der liberalen Theorie reagierte, den souveränen Staat zu „zähmen“ und ihn
anstatt auf ein homogenes auf ein pluralistisches Fundament zu stellen. Und unabhängig
davon, dass er in seiner Weimarer Zeit eher die (negativen) innenpolitischen Konse-
quenzen des Liberalismus im Visier hatte und sich während des Dritten Reiches sowie
in der Nachkriegszeit verstärkt auf die außenpolitischen Implikationen verlegte – der
Gegner blieb stets der gleiche.
Zum Verständnis von Schmitts politischem Denken sowie zur Einordnung seiner aktu-
ellen Konjunktur ist es deshalb notwendig, noch einmal dezidiert nachzuzeichnen, in
welcher Weise er sein Werk als Antwort auf die liberale Herausforderung konzipierte
und an welchen Sollbruchstellen er die prekären Einfallstore für den Liberalismus ver-
mutete. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich ermessen, inwieweit Schmitts Ausfüh-
rungen zum inneren und äußeren „Bürgerkrieg“ (als der unweigerlich evozierten politi-
schen Folgewirkung des Liberalismus) auf eine Problematik hindeuten, die die Politi-
sche Theorie bis heute zu beschäftigen hat. Als Anknüpfungspunkt für dieses Unterfan-
gen bietet sich der Hobbessche Leviathan an, da – wie zu zeigen ist – Schmitt von die-
sem Datum aus exakt die beiden alternativen Möglichkeiten taxierte, die (aus seiner
Sicht) entweder zum liberalen Desaster oder aber zu seinen eigenen Staats- und Politik-
vorstellungen führen. Die damit verbundene These lautet, dass Schmitt mit der von ihm
forcierten „Radikalisierung“ des Leviathan, die er gegen dessen liberale Fortschrei-
bungsoption ins Feld führt, tatsächlich auf eine Schlüsselfrage des demokratischen
Rechtsstaates aufmerksam gemacht hat, von der aus sich eine Taxonomie seiner Chan-
cen und Risiken ergibt. Wie so oft bei den Klassikern der Ideengeschichte ist dabei zu
trennen zwischen dem Problembewusstsein, das einen Autor auszeichnet, und den Lö-
sungsvorschlägen, die er selbst in diesem Kontext unternimmt. Demzufolge ist in den
Folgeabschnitten zu demonstrieren, dass mit Schmitt (und Hobbes) ein vertiefendes
Verständnis davon möglich wird, in welcher Weise der demokratische Rechtsstaat einst

26 So Habermas 1999a, S. 231.


27 In Römischer Katholizismus und politische Form verrät Schmitt eine solche moralische Grundlage
seines Politikverständnisses: „Zum Politischen gehört die Idee, weil es keine Politik gibt ohne Auto-
rität und keine Autorität ohne ein Ethos der Überzeugung“ (RK: 28). Dazu passend interpretiert Leo
Strauss die (aus seiner Sicht unvollständige) Liberalismuskritik im Begriff des Politischen dahinge-
hend, dass Schmitt das Politische vor allem deswegen bejahe „weil er in seiner Bedrohtheit den
Ernst des menschlichen Lebens bedroht sieht. Die Bejahung des Politischen ist zuletzt nichts anderes
als die Bejahung des Moralischen“ (Strauss 1988, S. 119).
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aus dem Leviathan hervorging, warum er sich im Ausnahmefall die Hobbessche Souve-
ränitätsfülle vorbehält (Kapitel 2) und wie dieses (theoretisch notwendig unterbestimm-
te) Modell von Schmitts antiliberalem Gegenbild des „totalen“ Staates herausgefordert
wird (Kapitel 3). Hieraus sind zuletzt einige wichtige Schlussfolgerungen für die staats-
theoretische Bedeutung des Ausnahmezustandes zu ziehen (Kapitel 4).

2. Die demokratische Zähmung des Leviathan

Die materiale Grundlage der Hobbesschen Staatstheorie ist ein Tauschgeschäft, das der
Autor des Leviathan den rationalen Vertragspartnern vorschlägt: Um sicher und behag-
lich leben zu können, sollen alle Individuen die allumfassende, bedrohliche Freiheit –
ihr ius in omnium – im anarchischen Naturzustand aufgeben (Lev. XIII: 95-97, XIV: 99)
und gegen die vom Staat gewährten Residuen der Freiheit einwechseln (Lev. XIII: 96,
XVII: 131). Obwohl Hobbes damit den autonomen Bereich der Individuen drastisch be-
schränken will, bilden die natürliche Freiheit und das Recht des Einzelnen nicht weniger
als den Ausgangspunkt seiner staatsphilosophischen Deduktionen. Im Staatszustand
bleibt das Individuum dann zumindest frei in allen Belangen, die der Souverän nicht zu
regeln beansprucht, und kann sich dort ungehindert entfalten (Lev. XXI: 165). Die be-
rühmte Formel, die Hobbes zur Illustration für diesen Sachverhalt findet, lautet, dass die
Freiheit des Bürgers im Staat im „Schweigen der Gesetze“ liegt (Lev. XXI: 170).
Selbst dieser begrenzte, vom Staat sanktionierte Freiraum steht allerdings unter dem
permanenten Vorbehalt des Souveräns, insofern dessen Autorität nicht nur die – im Sin-
ne Isaiah Berlins – negative Freiheit der Untertanen definiert, sondern letztere auch je-
derzeit zugunsten des primordialen Staatszwecks – der Bewahrung von Sicherheit und
Frieden – beschneiden oder aufheben kann. Der dahinter stehenden Paradoxie Rech-
nung tragend, könnte man demnach sagen, dass Hobbes den Bürgern ein Leben in Ruhe
und Sicherheit nur für den Fall in Aussicht stellt, dass deren neu gewonnene, reale Frei-
heit im Staat ihrerseits stets unsicher, das heißt der Willkür des Souveräns ausgesetzt
ist. Zu diesem Zugeständnis drängt der Leviathan die ihn autorisierenden Vertragspart-
ner, weil nach Hobbes das Recht und die Freiheit des Einzelnen der Sicherheit und Sta-
bilität des politischen Körpers stets untergeordnet sein müssen, damit der Staat durch
nichts und niemanden daran gehindert wird, die notwendigen Maßnahmen und Vorkeh-
rungen zum Schutz aller Untertanen zu ergreifen.
Auffällig ist, dass das von Hobbes forcierte Tauschgeschäft zwischen Freiheit und Si-
cherheit sowie der Konflikt zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft in den
Grundzügen zentrale Wesensmerkmale des sich später etablierenden demokratischen
Rechtsstaates aufweisen. Dass eine ungeregelte Freiheit des Einzelnen nicht im Interes-
se der Allgemeinheit liegt und die das Kollektiv repräsentierende Gewalt (welche bei

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Hobbes identisch mit dem Souverän ist) deswegen das Ausmaß der bürgerlichen Frei-
heit bestimmt, die mit der Sicherheit und Stabilität des Gemeinwesens kompatibel ist,
zählt zu den Chiffren, mit denen der Leviathan das heutige Staatsverständnis antizipiert
hat. Wie Hobbes es beschreibt, ist das Gesetz dabei als „künstliche Kette“ (Lev. XXI:
164) aufzufassen, die die Handlungen der Individuen lenkt und ihren Freiraum be-
schneidet sowie zugleich den freien Willen des Kollektivs repräsentiert. Das positive
Gesetz fungiert dadurch ebenso als Voraussetzung einer Freiheit, die die Freiheiten aller
Bürger aufeinander abstimmt.
Grenzen im Vergleich zum demokratischen Rechtsstaat besitzt der Leviathan hingegen
darin, dass Hobbes (für den die Idee der repräsentativen Demokratie noch nicht vor-
stellbar war, vgl. Lev. XIX: 145, 150-152) das Gesetz als Ausdruck der Autorität des
Souveräns verortete und letztere gerade von jeglicher Beteiligungs- oder Kontrollmög-
lichkeit durch das Volk abschneiden wollte. Das „Volk“ erscheint bei Hobbes nicht
einmal als handlungsfähige Entität. Stattdessen kann sich eine Menge von Individuen
nur unter der Bedingung zu einem politischen Körper zusammenschließen, wenn sie
„von einem Menschen oder einer Person vertreten wird“ (Lev. XVI: 125), weshalb die
ursprüngliche Zustimmung zum Staats- und Herrschaftsvertrag, sprich: die Herstellung
der politischen „Einheit“ mit dem Verzicht auf Selbstregierung und die Autorisierung
aller (künftigen) Handlungen des Souveräns zusammenfällt (Lev. XVII: 134). 28 Dass
unter diesen Vorzeichen das kollektive Interesse an der Sicherheit das individuelle
Recht auf Freiheit absorbiert, kann kaum noch überraschen.
Hobbes’ kontraktualistisches Argument, das er im Kapitel XVIII des Leviathan entfal-
tet, läuft zentral darauf hinaus, dass die Menge der Individuen ihren Vertreter, den Sou-
verän, freiwillig mit allumfassender Verfügungsgewalt ausstattet. Entsprechend existiert
bei Hobbes das Volk gar nicht als eine Rechtsperson, die bei Verfehlungen der Staats-
gewalt die Herrschaft in andere Hände legen könnte. Und indem die Vertragspartner de
facto alle Handlungen des Souveräns als eigene anerkennen müssen, kennt Hobbes’
Konstruktion nicht einmal ein Unrecht des souveränen Staates gegen die Untertanen
und ihre Freiheit (Lev. XVIII: 139). Der Zähmungsversuch, den John Locke ein paar
Jahrzehnte später gegenüber dem Leviathan unternimmt, ist daher primär darauf ausge-
richtet, die von Hobbes forcierte unumschränkte Autorisierung des Leviathan in ein
Vertrauensverhältnis (trust) zwischen dem Volk und seiner Regierung umzuwandeln.
Dazu wird nicht nur die Gewährleistung von Leben, Freiheit und Eigentum als oberster
Staatszweck festgelegt, um im Anschluss einen kontinuierlichen Maßstab für das Regie-
rungshandeln zu besitzen und den individuellen Verzicht auf Freiheit dauerhaft zu legi-

28 Dass die Souveränität beim Volk selbst liegen könnte, ist bei Hobbes zwar eine theoretische Option
(Lev. XIX: 146), wird danach jedoch aus politisch-praktischen Erwägungen im Hinblick auf die
mangelnde „Eignung“ der Volksgewalt zur Erreichung von Frieden und Sicherheit verworfen (Lev.
XIX: 146-154).
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timieren (ST §§ 87, 123-131), sondern ebenso die Aufteilung und gegenseitige Kontrol-
le von Legislative und Exekutive vorangetrieben (ST §§ 143-148).29 Insbesondere aber
unterscheidet Locke zwischen der Auflösung der Regierung (durch einschlägige Ver-
fehlungen bzw. den allgemeinen Vertrauensmissbrauch durch Exekutive und Legislati-
ve oder auch durch einen äußeren Umsturz, ST §§ 212-219, 221) und der Auflösung der
politischen Gesellschaft (ST § 211). Was Hobbes kongruent hält, treibt Locke auseinan-
der, um das Volk qua Widerstandsrecht als juridische Letztinstanz der politischen Aus-
gestaltung des Gemeinwesens zu installieren (ST § 220, 222-243). Schon zuvor ist der
demokratische Gehalt seiner Modifikation des Leviathan erkennbar, nämlich dann,
wenn er das Mehrheitsprinzip zur Lenkung des gegründeten politischen Körpers fordert
(ST §§ 95-99). Nicht zufällig ist dies auch die einzige Stelle, an der Locke sich explizit
auf den Hobbesschen Leviathan bezieht (ST § 98: 261). Dies macht zugleich evident,
dass Hobbes (trotz der ausführlichen Ablehnung des Staatsabsolutismus Robert Filmers
im First Treatise) die eigentliche theoretische Herausforderung der Schrift bezeichnet.
Bemerkenswerterweise folgt Locke seinem Vorgänger bis dahin, dass die Entstehung
der „politischen Gesellschaft“ als Form eines „behaglichen, sicheren und friedlichen
Miteinanderlebens“ von der Schaffung eines „einzigen“ und „mächtigen“ „politischen
Körpers“ abhängt, welcher „das Recht hat, zu handeln“ und alle Bürger
„mitzuverpflichten“ (ST § 95: 260, § 98: 261). Im Gegensatz zu Hobbes’ Plädoyer für
die Willenseinheit (Quis iudicabit?) in der Monarchie (Lev. XIX) beharrt Locke jedoch
darauf, dass Macht und Durchsetzungsstärke dieses „Leviathan“ gerade dem geschuldet
sind, dass das Mehrheitsprinzip im unvermeidlichen Aufeinanderprallen von „unter-
schiedlichen Meinungen und … gegensätzlichen Interessen“ eine Methode der Be-
schlussfassung vorgibt, die die virulenten Kräfte in die politischen Gesellschaft inte-
griert, anstatt den Willen des (repräsentierenden) Souveräns fälschlich mit der Zustim-
mung Aller gleichzusetzen (ST § 98: 261). Wovor Hobbes Angst hatte, dass die Debat-
ten in politischen Versammlungen nur Streit und Bürgerkrieg provozieren, avanciert bei
Locke also zum eigentlichen Geheimnis politischer Stabilität.
Mit jener demokratischen Zähmung des Leviathan verbunden war entsprechend die
Verlängerung der bereits vom Hobbesschen Staat sanktionierten Privatfreiheit in Rich-
tung politischer Partizipationsrechte. Im Gefolge von Locke und seinen liberalen Epi-
gonen etablierte sich somit ein Denken, das die mittelbare Beteiligung der Bürger an der
Staatsgewalt als beste Garantie dafür interpretierte, dass die erlassenen Gesetze ihren
Freiheitsraum nur in einer für sie „vertretbaren“ Weise beschneiden.

29 Von Locke und der konstitutionellen Monarchie in England lässt sich sodann die ideengeschichtliche
Weiterentwicklung zu Montesquieus Teilung der legislativen, exekutiven und judikativen Gewalt
(EL XI 6) sowie zum Ideal der checks and balances bei den Federalists verfolgen (FP XLVII: 292-
294, LI: 314).
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Andererseits sollte man nicht übersehen, wie intakt sich das ursprüngliche Hobbessche
Tauschgeschäft zwischen Sicherheit und Freiheit selbst nach der liberalen Entschärfung
durch Locke (sowie später durch Montesquieu, die Federalists oder auch Kant) präsen-
tiert: Volkssouveränität und politische Mitsprache, Gewaltenteilung und Abberufbarkeit
der Regierung richten sich grundsätzlich auch im demokratischen Rechtsstaat nicht da-
gegen, dass Autonomie und Selbstbestimmung des Einzelnen dort eine Grenze erfahren,
sobald das kollektive Sicherheitsbedürfnis berührt ist. Dabei ist es wichtig, zu betonen,
dass Hobbes seine politische Argumentation für die Autokratie (und gegen eine souve-
räne demokratische Versammlung bzw. eine Mischform der Regierung) allein deswegen
unternahm, weil ihm eine alternative Herstellung von Frieden und Sicherheit undenkbar
erschien (Lev. XVIII: 140, XIX: 146). Vor dem Hintergrund der (heute kaum noch zu
bestreitenden) Tatsache, dass der demokratische Rechtsstaat das Sicherheitsbedürfnis
seiner Bürger im Normalfall jedoch sehr wohl zu stillen vermag, wäre deswegen danach
zu fragen, woran Hobbes’ Theorie selbst unter den gegenwärtigen Bedingungen apodik-
tisch festhalten müsste. Die Antwort darauf ist zwar bis zu einem gewissen Grad speku-
lativ, drängt sich aber andererseits regelrecht auf: Was der Leviathan zuvorderst be-
zweckte, war, dem Staat unter allen Umständen den Vorbehalt einzuräumen, wirklich
alles unternehmen zu können, was er als notwendig für die Erhaltung des inneren Frie-
dens und der Sicherheit nach außen definiert. Den Bürgern umgekehrt das unter dieser
Prämisse größtmögliche Maß an Freiheit zu gestatten, müsste Hobbes’ Zielvorstellung
also nicht unbedingt widersprechen. Daran ändert es auch nichts, wenn sich historisch
im demokratischen Rechtsstaat ein weit größerer privater und politischer Autonomiebe-
reich entfalten konnte, als er Hobbes seinerzeit vorschwebte.30
Im Ergebnis lässt sich daraus folgern, dass sich aktuell nur der Geltungsbereich des Le-
viathan verschoben hat. Damit der Staat der ihm im Hobbesschen Sinne übertragenen
(und von Locke und seinen liberalen Nachfolgern bestätigten) Aufgabe, für ein „behag-
liches, sicheres und friedliches Miteinander“ zu sorgen (ST § 95: 260), trotz eines ge-
wachsenen Freiheitsraumes der Bürger unverändert nachkommen kann, wird ihm in der
europäischen Verfassungstradition entweder explizit oder implizit das Recht zugestan-
den, im Notfall bzw. im „Ausnahmezustand“ alle erforderlichen Maßnahmen dazu er-
greifen zu können.31 Davon betroffen sind u. a. massive Einschränkungen von bürgerli-
chen Grundrechten bis hin zur wenigstens temporären Aussetzung demokratischer Ent-
scheidungsprozeduren, um den jeweiligen Exekutiven qua kurzfristiger Machterweite-
rung die nötigen Handlungsspielräume zu verschaffen. Mithilfe eines Widerstands-
rechts, wie es etwa Art. 20 Abs. 4 des Grundgesetzes vorsieht, soll im Gegenzug ver-

30 Siehe dazu vor allem das Kapitel XXI des Leviathan „Von der Freiheit der Untertanen“.
31 In dieser Hinsicht wären konkrete Notstandsverordnungen und -gesetze, wie sie vor allem in Frank-
reich und Deutschland existieren, von Ländern wie Italien, der Schweiz, England oder auch den
USA zu unterscheiden, die den Umfang der im „Ausnahmezustand“ als legitim geltenden (Gegen-)
Maßnahmen „legal“ unterbestimmt lassen. Dazu Agamben 2004, S. 17.
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hindert werden, dass der Notstand am Ende der Abschaffung der Verfassung Vorschub
leistet.
Mit Hilfe der Rechts- und Denkfigur des Ausnahmezustandes bleibt eine Rückkehr zur
Logik des Leviathan folgerichtig stets im Bereich des Möglichen und sichert den im
Normalfall gewährten Freiheitsraum eigentlich erst ab. Nur weil der Staat im Notfall
seinen (Hobbesschen) Vorbehalt über das Ausmaß bzw. die Begrenzung der Freiheit zu-
rück erhält, wirkt der Zähmungsvorgang der souveränen Staatsgewalt, den Locke und
die Liberalen angestrengt haben, ebenso wünschenswert wie unbedenklich. Nur weil der
demokratische Rechtsstaat im Ausnahmezustand an die verfassungsrechtlich verbrieften
Freiheitsrechte nicht sklavisch gebunden ist, kann er diese Rechte überhaupt gewähren.
Jene Konstruktion kann sich deswegen gewiss sein, von der (mehrheitlichen) Zustim-
mung der Bürger bzw. des Volkes legitimiert zu werden. In dem Moment, in dem das
Überleben des Staates in Frage steht und etwa ein Bürgerkrieg zu verhindern ist, ge-
winnt das Argument von Hobbes gegenüber seiner regulären Entschärfung durch den
Liberalismus seine Überzeugungskraft zurück. Der Verfasser des Leviathan wäre mit
einer derartigen Fortschreibung seines Staatsentwurfs – im Normalfall gezähmt, im
Ernstfall restauriert – wahrscheinlich nicht einmal unzufrieden gewesen, hätte er die his-
torische Konsolidierung des demokratischen Rechtsstaates erlebt. Wer sich hingegen
aufs Äußerste unversöhnlich gegenüber der liberalen Fassung des Leviathan zeigte
(weil er dahinter den schleichenden Verlust der Kraft und des Willens vermutete, den
Ausnahmefall wirklich noch zu entscheiden), war ein anderer: Carl Schmitt.

3. Schmitt und die (anti-)liberalen Lehren des Leviathan

Schmitts Analyse der Hobbesschen Denk- und Begründungsmuster, die er in Der Levia-
than in der Staatslehre des Thomas Hobbes anstrengt, fällt dafür, dass es offensichtlich
große Parallelen in ihren Souveränitätslehren gibt,32 erstaunlich ambivalent aus. Am
klarsten kommt dieser Zwiespalt am Ende der Schrift zum Tragen, wo es heißt:

32 Siehe dazu vor allem eine Stelle in der Politischen Theologie, bei der Hobbes’ Autoritas non veritas
facit legem (Lev. XXVI) als beispielhaft für den von Schmitt verfochtenen Dezisionismus dargestellt
wird (PT: 39) – im Übrigen im strikten Gegensatz zu Lockes The Law gives Authority (PT: 38). Sie-
he auch den Hinweis zum Hobbes-Kristall (BP: 122), bei dem Schmitt dem Hobbesschen Credo der
Gesetz schaffenden Autorität sowie der daraus deduzierten Notwendigkeit einer (die Befehlsausfüh-
rung garantierenden) potestas directa zugleich die „Offenheit“ für die transzendente Wahrheit des
Christentums zubilligt. Die nötige Interpretation der Wahrheit (Quis interpretabitur?) fungiert hier
als eine Art Scharnier zwischen den Prinzipien der Veritas im religiösen und der Autoritas im politi-
schen Bereich. Zur Identifikation des Quis iudicabit? bzw. des Quis interpretabitur? als Zentrum der
politischen Lehre von Hobbes siehe auch den Rezensionsaufsatz Die vollendete Reformation. Zu
neuen Leviathan-Interpretationen (LSTH: 137-178).
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„Die von Hobbes geschaffenen geistigen Waffen haben seiner Sache nicht gedient. Die
Waffen aber sind, wie Hegel richtig sagt, das Wesen der Kämpfer selbst. Doch bleibt Hob-
bes auch in seinen Fehlschlägen ein unvergleichlicher politischer Lehrer. Es gibt keinen
zweiten Philosophen, dessen Begriffe soviel Wirkung, wenn auch zugleich soviel auf sei-
nen eigenen Gedanken zurückschlagende Fehlwirkung gehabt haben. Darin vollendet sich
seine für uns heute erkennbare und fortwährend fruchtbare Leistung, nämlich die des gro-
ßen Lehrers im Kampf gegen alle Arten der indirekten Gewalt.“ (LSTH: 131)

Was Schmitt Hobbes als „Fehlschlag“ vorhält, erschließt sich zunächst anhand des
Symbols des Leviathan selbst: Weil die Assoziation des Staates mit dem Seeungeheuer
aus dem Buch Hiob „in England seit 1660 dem monarchischen Absolutismus und damit
den Stuarts zugeordnet war“ (LSTH: 119f.), hing dem Entwurf alsbald der Verdacht an,
einen rückwärtsgewandten Staatsgedanken, ja geradezu das Gegenteil der sich entwi-
ckelnden britischen See- und Handelsmacht zu verkörpern.33 Darüber hinaus musste
nach Schmitt das Beschwören eines Symbols der Abschreckung, wie es Hobbes tat, um
„die Einheit des politischen Gemeinwesens“ als Vereinigung von „Gott, Mensch, Tier
und Maschine“ darzustellen, fast zwangsläufig intellektuellen Widerstand gegen die als
solche empfundene „naturwidrige Abnormität“ und „Ungeheuerlichkeit“ provozieren
(LSTH: 122f.). Das mythische Bild des Leviathan „überschattete“ entsprechend die
„klare Gedankenführung“ der Hobbesschen Staatskonstruktion und ermutigte dessen
Gegner bis zu dem Punkt, an dem das Seeungetüm schließlich „erlegt und ausgeweidet“
wurde (LSTH: 123f.).
Jener ideengeschichtliche Vorgang des gefangenen, an Land gezogenen und getöteten
Wals, der nicht zuletzt das Titelbild von Schmitts Schrift ziert, lässt sich unschwer als
das interpretieren, was wir oben als „Zähmung“ des Leviathan zum liberalen und demo-
kratischen Rechtsstaat beschrieben hatten. Für Schmitt bedeutete diese Art der Zäh-
mung eine unverhältnismäßige Beraubung der Kräfte und damit letztlich den „Tod“ der
Staatsmaschinerie. Dies erhellt nunmehr auch das eingangs dieses Abschnitts zitierte
Gesamturteil, das Schmitt seinem englischen Vorgänger widerfahren lässt: Der Levia-
than bedeutete sozusagen die eigentliche historische Chance des modernen Staates.
Durch seine Souveränität war nicht nur die Verhinderung des Bürgerkrieges nach innen,
sondern zugleich die Hegung des zwischenstaatlichen Krieges nach außen möglich ge-
worden, eben weil die „Einheit von Gott, Mensch, Tier und Maschine, die der Leviathan
des Hobbes darstellt“, die „totalste aller menschlich fassbaren Totalitäten“ bezeichnete
(LSTH: 124). Als der Leviathan jedoch daran scheiterte, sich als Staatsgedanke in der

33 Gepasst habe das Bild des „Leviathan“ allenfalls kurzfristig auf die Diktatur Cromwells und die von
diesem forcierte Verbindung zwischen zentralisiertem Staat und Seemacht (LSTH: 119). Auf dem
europäischen Kontinent konnte sich der Hobbessche Staatsgedanke hingegen zwar vor allem „im
französischen und preußischen Staat“ ausprägen, doch auch hier war das Bild des Seeungeheures auf
Dauer nicht geeignet, die dort „typisch territorialen Machtgestaltungen“ zu erfassen (LSTH: 119,
122).
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Geschichte zu behaupten, konnte am Ende nur die Auflösung der staatlichen Strukturen
im Ganzen erfolgen.
Schmitts Analyse des Untergangs des Hobbesschen Staates steht ergo in enger Verbin-
dung mit dem Untergang das Ius Publicum Europaeum sowie dem zu Beginn illustrier-
ten weltpolitischen Bürgerkrieg. Anspielungen auf die „angelsächsische Weltpropagan-
da“ sowie den vom früheren amerikanischen Präsidenten Wilson inszenierten „Kreuz-
zug der Demokratie“ (LSTH: 129) weisen hierauf explizit hin. Auch werkgeschichtlich
zeigt sich jene Verwobenheit von Innen- und Außenpolitik, indem das Hobbesbuch von
1938 eingerahmt wird von der Schrift Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interven-
tionsverbot für raumfremde Mächte (1937) sowie von einem Aufsatz über den Staat als
ein konkreter, an eine geschichtliche Epoche gebundener Begriff (1941).34
Für Schmitt hatte Hobbes seinen liberalen Häschern und (angeblichen) Missdeutern
freilich selbst die Einfallstore angeboten, die schließlich zur Zerstörung seines Staats-
entwurfs sowie zur Zerstörung des Staates insgesamt führten. Als prekär soll besonders
der „Angelpunkt der Staatskonstruktion des Hobbes“, nämlich die „Relation von Schutz
und Gehorsam“ entlarvt werden (LSTH: 113). Denn wo die Gehorsamspflicht gegen-
über dem Staat allgemein an das rationale Interesse der Bürger gebunden ist, dort droht
der „einheitliche Wille“ und der „einheitliche Geist“ (LSTH: 118) der staatlichen Orga-
nisation sukzessive unterhöhlt zu werden und schleicht sich das ein, was Hobbes im
Grunde eliminieren wollte: Heterogenität, Parteien, Pluralismus bis hin zu „unliberalen
Mächten“ (LSTH: 118), die den „konstitutionellen Rechts- und Verfassungsstaat“
(LSTH: 104), den Hobbes begründete und den seine liberalen Interpreten zum „positi-
vistischen Gesetzesstaat“ (LSTH: 118) weiterführten, für eigene Zwecke instrumentali-
sieren.35
Schmitts Lesart, die an die These von Leo Strauss erinnert, Hobbes sei der eigentliche
„Begründer“ des Liberalismus gewesen,36 bewertet die individuelle Rationalität der
Vertragspartner sowie die natürliche Freiheit des Einzelnen, auf denen der Leviathan
aufbaut, offensichtlich als dessen autoimmune Charakteristik. Hobbes’ „Unterscheidung
von Staat und individueller Freiheit“ (LSTH: 118) habe nicht nur einen gefährlichen
„Dualismus von Staat und staatsfreier Gesellschaft“ sowie einen „sozialen Pluralismus“
(LSTH: 117) hervorgebracht, sondern ermutigte andere Staatesdenker erst dazu, den
Freiraum von Individuum und Gesellschaft ständig zu vergrößern sowie dem Staat sei-
nen Macht- und Autoritätsumfang zu rauben.
Erschwerend kam für Schmitt hinzu, dass der Leviathan, der bekanntlich aus der Erfah-
rung der konfessionellen Bürgerkriege in England heraus konzipiert wurde, dezidiert

34 Siehe Anm. 6.
35 Hier spielt Schmitt im Zweifelsfall auf den Untergang der Weimarer Republik an.
36 Vgl. Strauss 1965, S. 182.
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von der individuellen Gewissensfreiheit ausgeht und deswegen seinen Fokus auf die äu-
ßere Konformität der Bürger mit den Entscheidungen des Souveräns reduziert. Eine in-
nere Distanz zum Staat wirkte dadurch grundsätzlich akzeptabel (Lev. XXXVII: 340)
und konnte schließlich in eine generelle Überlegenheit des Privaten gegenüber dem Po-
litischen münden (LSTH: 84-97). Dies antizipierte nach Schmitt nicht nur die besagte
Zähmung des souveränen Staates,37 sondern ebenso die Degeneration des technisch-
neutralen Befehlsmechanismus38 sowie den destruktiven Pluralismus der „indirekten
Gewalten“ (LSTH: 99-118).
Anders ausgedrückt, die Ausschlachtung der liberalen Grundmomente des Leviathan
besiegelte seinen Ruin. Als Totengräber aber hat Schmitt weit weniger Locke oder
Montesquieu im Visier, als vielmehr den „liberalen Juden“ Spinoza,39 der die „große
Einbruchstelle des modernen Liberalismus“ bzw. den „Todeskeim“ im Hobbesschen
Werk „sofort“ „erkannt“ habe (LSTH: 86). Mit Spinozas Theologisch-Politischem Trak-
tat sei daraufhin der ursprünglich „hintergründige Vorbehalt“ der individuellen Gedan-
ken- und Gewissensfreiheit bei Hobbes in den „formgebenden Grundsatz“ des Staates
verkehrt worden. Im Ergebnis sieht Schmitt die „Notwendigkeiten des öffentlichen
Friedens sowie das Recht der souveränen Staatsgewalt“ ihrerseits zu „bloßen Vorbehal-
ten“ verkommen (LSTH: 88).40 Neben Spinoza hätten später auch Moses Mendelssohn
(LSTH: 92ff.) und Julius Stahl (LSTH: 106-110) jene individualistische „jüdische Deu-
tung“ des Leviathan (LSTH: 124) vorangetrieben.41
Mit Spinozas Ausgehen von der individuellen Freiheit vollzog sich freilich auch eine
Denkbewegung, die Hobbes in seiner Furcht vor Chaos und Anarchie abwürgte (wie-
wohl er sie als theoretische Option generierte) und die Schmitt nicht ausreichend wür-
digt. Gemeint ist die Einsicht, dass eine (moderne) „demokratischen Regierung“ durch-

37 „Die Unterscheidungen von privat und öffentlich, Glaube und Bekenntnis, fides und confessio …
sind damit von Hobbes, AdV in einer Weise eingeführt, dass sich daraus im Laufe des folgenden
Jahrhunderts bis zum liberalen Rechts- und Verfassungsstaat alles weitere folgerichtig ergeben hat.“
(LSTH: 85)
38 Siehe dazu LSTH: Kap. 6.
39 Tatsächlich verdeutlichen die Spinoza-Biographie von Nadler 1999 oder Jonathan Israels umfassen-
de Studie zur radikalen Aufklärung (Israel 2001), dass Spinoza eine lange unterschätzte Schlüsselfi-
gur für das neuzeitliche politische Denken in Europa gewesen ist. Insbesondere bei Locke ist davon
auszugehen, dass die in seinem holländischen Exil zu Beginn der 1680er Jahre entstandenen Two
Treatises of Government die Auseinandersetzung mit den Werken Spinozas widerspiegeln.
40 Hier sei nochmals an die Interpretation in Abschnitt 2 erinnert, wo der bloße „Vorbehalt“ der Souve-
ränitätsfülle des Leviathan als weitgehend kompatibel mit der Hobbesschen Argumentationslogik
dargestellt wurde.
41 Die offenbar antisemitische Einstellung, die in dieser Perspektive Schmitts transparent wird, erhärtet
der Brief vom 18.7.1938 an Siegfried Leffler, in dem das Hobbesbuch als Beitrag zum „Kampf ge-
gen die jüdische Verfälschung des Christentums“ bezeichnet wird (zit. nach Mehring 2009, S. 385).
In politisch-theologischer Übersetzung tut sich zugleich eine Dichotomie auf, die den Dezisionismus
christlicher Denker wie Hobbes oder Donoso Cortés rigoros vom „jüdischen“ Liberalismus und
Atheismus à la Spinoza und Kelsen abstrahiert (Mehring 2009, S. 386).
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aus die Eigenschaft besitzen kann, „Widersinnigkeiten“ und Gewalteskalationen zu
vermeiden, die „gesunde Vernunft“ herrschen zu lassen und schließlich die natürliche
Freiheit in geringst möglicher Weise einschränken zu müssen, eben weil das Individu-
um sein natürliches Recht dort auf die „gesamte Gesellschaft“ überträgt, an der es parti-
zipiert und von der es deshalb fortan „zu Rate gezogen wird“ (Trac. theol.-pol. XVI:
238-240). Demgegenüber hat Schmitt offensichtlich nur die tendenzielle Schwäche der
(liberalen) Demokratie im Auge, sich ihrer Feinde angemessen zu erwehren. Seine ei-
genen Schlussfolgerungen angesichts der Erfahrungen von Weimar zielten deswegen
auf eine alternative, schwerlich als demokratisch zu bezeichnende Staatskonzeption ab:
den „totalen“ Staat.
Jene Alternative skizziert er u.a. in einem Aufsatz von 1937, der den vielsagenden Titel
Totaler Feind, totaler Krieg, totaler Staat (PB: 235-240) trägt und die Totalität des
Staates als angemessene Reaktion auf die (welt-)politischen Herausforderungen der Ge-
genwart beschreibt. Im Hobbesbuch ein Jahr darauf kommt Schmitt gleichwohl nur
mehr am Rande auf das Konzept des „totalen Staates“ zu sprechen. Dabei wendet er
sich explizit gegen die Deutung des Leviathan als „polemisches Schreckbild eines ‚tota-
litärenʻ Staates oder des Totalismus“ sowie die Verkennung seiner „rechtsstaatlichen
Elemente“, die etwa Ferdinand Tönnies eindeutig nachgewiesen habe. Liberale wie Lo-
cke oder auch der französische Katholik Joseph Vialatoux hätten den Hobbesschen
Staat fälschlich zum „grauenhaften Moloch oder Golem aufgedröhnt“ und dabei dessen
„individualistischen Charakter“ schlichtweg ignoriert (LSTH: 111-113).42 Im Rahmen
der Auseinandersetzung mit Vialatoux’ La Cité de Hobbes: théorie de l’état totalitaire
(1935) attestiert Schmitt dem Leviathan jedoch immerhin, dass ihm die „summarische
Vieldeutigkeit“ des Begriffs „total“ zugute käme. Mit diesem sei nicht nur die „weitge-
hende Vernichtung der individuellen Freiheit“ auszudrücken (die auf Hobbes eben nicht
zuträfe), sondern „auch manche, im Grunde nur relative Änderungen der überkomme-
nen Abgrenzungen des Spielraumes bürgerlicher Freiheit, Zentralisierungen, Wandlun-
gen des überlieferten Begriffes der ,Gewaltenteilungʻ, Aufhebungen früherer Trennun-
gen und Unterscheidungen, Totalität als Ziel und Totalität als Mittel usw“ (LSTH: 112,
Anm.). Diese evidente Relativierung des Wortes „total“ mag hier umso mehr als „Kehre
mit Hobbes“43 gesehen werden, als Schmitt sich in der gleichen Anmerkung auf den
Aufsatz seines Habilitanden Georg Daskalakis Der totale Staat als Moment des Staa-

42 Lobend wird demgegenüber René Capitants Replik auf Vialatoux erwähnt, die allerdings ebenfalls
eine Assoziation zwischen dem „monströsen Fabelwesen“ des Leviathan und der Inanspruchnahme
von Hobbes als „mystischen Totalisten“ herstellt (LSTH: 112f., Anm.). Eine weitere totalitäre Deu-
tung des Leviathan aus dem christlichen Bereich – Dietrich Brauns Der sterbliche Gott oder Levia-
than gegen Behemoth (1963) – wird von Schmitt später im Rezensionsaufsatz Die vollendete Refor-
mation (siehe Anm. 32) kritisiert.
43 Zu dieser Debatte Mehring 2009, S. 380ff.
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tes44 bezieht, welcher das Momentum der Totalität auf eine „Durchgangsstufe zu einer
neuen Ordnung“ beschränkt. Der „totale Staat“ erscheint dadurch als ein „Synonym“ für
den „Ausnahmezustand“,45 den es erst zu entscheiden gilt, für den Bürgerkrieg in innen-
und zunehmend auch außenpolitischer Hinsicht, dem ein Ende zu bereiten ist, bevor
sich auf seinen Trümmern der eigentliche Staat erheben kann.
Schmitts hauptsächliches Manko läge nach dieser Lesart bloß darin, die „Möglichkei-
ten“ unterschätzt zu haben, den Begriff des „totalen Staates“ „ideologisch aufzufül-
len“.46 Hinzu kommt, dass Schmitts Begriff des totalen Staates – entgegen des sponta-
nen Eindrucks, den dieses Vokabular in der Retrospektive vermittelt – seiner Reputation
im Dritten Reich gewiss nicht dienlich war. Wie Günter Maschke in seinem Nachwort
zum Hobbesbuch überzeugend belegt, waren die Assoziationen des „totalen Staates“
mit einem allumfassenden „Machtapparat“, der Degradierung des Volkes „zum Objekt
der Herrschaft“, der Parteienfeindlichkeit sowie mit den Relikten des Rechtsstaates im
Gegenteil eher ungeeignet, mit der völkisch-rassistischen Bewegung des Nationalsozia-
lismus zu korrespondieren.47 Die Polemiken, die Alfred Rosenberg 1934 im Völkischen
Beobachter und Roland Freisler im gleichen Jahr in der Deutschen Justiz gegen
Schmitts Konzept lancierten, werden vor diesem Hintergrund verständlich.
Und doch fällt es einigermaßen schwer, Schmitt als einen Etatisten einzustufen, dem in
erster Linie an einer Begrenzung des Politischen gelegen war und der auf seine Weise
„dem diktatorischen Souverän die Vernunft des Rechtsstaates unterjubeln“ oder „den
Golem dadurch zähmen“ wollte, dass er ihm die Zauberformel unter die Zunge schob,
die seinen Bann brechen konnte.“48 Dass sich Schmitts zeitweiliges Arrangement mit
dem Nationalsozialismus nicht einfach folgerichtig aus seinen Positionen und Begriffen
aus der Weimarer Zeit ergab und er staatstheoretisch auch viel eher als Befürworter der
(klassischen) Diktatur denn als totalitärer Denker zu verstehen ist, ändert nichts daran,
dass seine eigenwillige Perspektive der Begrenzung diejenige der Entgrenzung des Poli-
tischen gleichermaßen impliziert.
Dies zeigt sich zunächst daran, dass Schmitt das Politische über die Grenzen des mo-
dernen Macht- und Rechtsstaates hinaus verortet, und zwar historisch (antike Polis, altes
Reich, siehe SGN: 133ff.) ebenso wie systematisch („Der Begriff des Staates setzt den
Begriff des Politischen voraus“, BP: 20). Zwar erkennt Schmitt im Begriff des Politi-
schen von 1932 im Staat noch immer die maßgebliche Institution, die über Feindschaft
und Krieg entscheidet. Doch sind seine Diagnosen – wie in Abschnitt 1 erörtert – schon
damals von der zunehmenden innen- und außenpolitischen Gefährdung des staatlichen

44 Siehe Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie Bd. 31 (1938).


45 Maschke 2003, S. 235.
46 Maschke 2003.
47 Maschke 2003, S. 238f.
48 Siehe Schelsky 1979, S. 150 und Sombart 1978, S. 999 (beides zitiert nach Maschke 2003, S. 242).
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Politikmonopols geprägt. Die Ausführungen zum „totalen Staat“ des 20. Jahrhunderts
(BP: 24-26) sind deswegen nur vordergründig als ein diktatorisches Konzept zur „Ret-
tung“ Weimars in einer Situation des Ausnahmezustandes zu veranschlagen.49 Die Per-
spektive führt vielmehr deutlich über die liberale Republik in Weimar hinaus und strebt
nach einer politischen Einheit, die den Spieß umdreht und die Gesellschaft vollkommen
durchdringt.
Wirklich ersichtlich wird diese Stoßrichtung anhand von Schmitts Unterscheidung zwi-
schen einer quantitativen und einer qualitativen Variante des totalen Staates. Dabei geht
er davon aus, dass ein „demokratisch organisiertes Gemeinwesen“ unweigerlich zur ge-
genseitigen Durchdringung von Staat und Gesellschaft führt, so dass die – vom Libera-
lismus „neutral“ bzw. „unpolitisch“ gehaltenen Gebiete der „Religion, Kultur, Bildung,
Wirtschaft“ keinen Gegensatz zum Politischen mehr bilden können – insofern „alles
wenigstens der Möglichkeit nach politisch“ wird und der Staat kein „spezifisches Unter-
scheidungsmerkmal“ des Politischen mehr bereitzustellen vermag (BP: 24). Historisch
erklärt sich daraus eine Dialektik, die „vom absoluten Staat des 17. und 18. Jahrhun-
derts über den neutralen Staat des liberalen 19. Jahrhunderts zum totalen Staat der Iden-
tität von Staat und Gesellschaft“ führte (PB: 152).50
Von diesem Zeitpunkt an, der mit der Situation in der Weimarer Republik identisch ist,
blieben für Schmitt nur zwei Alternativen: Entweder der totale Staat „im Sinne der Qua-
lität und der Energie“ reißt (wieder) alle verfügbaren Machtmittel an sich, um „staats-
feindliche, staatshemmende oder staatszerspaltende Kräfte“ zu bekämpfen; oder aber
der totale Staat „in einem rein quantitativen Sinne, im Sinne des bloßen Volumens“ lässt
es (weiterhin) zu, dass die Parteien und organisierten Interessen ihn instrumentalisieren
und insbesondere im außenpolitischen Machtkampf schwächen (VRA: 359-362). Diese
Position beschränkt sich jedoch keineswegs auf ein Präsidialsystem, das mit Hilfe einer
neuerlichen Differenzierung von staatlichem und gesellschaftlichem Bereich die Autori-
tät des Staates restauriert.51 Eine Rückkehr zur Trennung der staatlichen von der gesell-
schaftlichen Sphäre scheint für Schmitt vielmehr ausgeschlossen (SGN: 77). Er drängt
insofern vorwärts und identifiziert den qualitativ totalen Staat mit dem faschistischen

49 Vgl. Maschke 2003, S. 241.


50 In diesem Zusammenhang wäre zu ergänzen, dass Schmitt zwar den Prozess der Demokratisierung –
ähnlich wie Tocqueville – als unumkehrbar einstufte (vgl. Campagna/Hidalgo 2007), nicht aber die
liberale Ausprägung der Demokratie. Zu Schmitts Kritik an der Verbindung von (politischer) Demo-
kratie und (ökonomischem) Liberalismus als dem eigentlichen Grundfehler der Weimarer Verfas-
sung siehe die Schrift über Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus (1923)
sowie die Verfassungslehre (1928).
51 Vgl. Mehring 2006, S. 53. Schmitt selbst will dies mit einer 1957 hinzugefügten Anmerkung nahele-
gen, indem er das historische Phänomen des „Totalitarismus“ als Konsequenz der quantitativen To-
talität sowie der Partei als Träger und Subjekt des Totalitären deutet (VRA: 366, Ziff. 3), was den
„totalen Staat“ umso stärker als Alternative zum Dritten Reich suggeriert.
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„stato totalitario“ (VRA: 361),52 was im Übrigen auch seinem Begriff des Politischen
entgegen kommt. Da jeder Konflikt potentiell den Intensitätsgrad des Politischen errei-
chen und es überall zum Ernstfall des (Bürger-)Krieges kommen kann, muss sich für
Schmitt die Substanz der politischen Einheit unter den Voraussetzungen der demokrati-
schen Ära endgültig jenseits des liberalen Dogmas eines autonomen Bereichs der Ge-
sellschaft bzw. des Individuums manifestieren.
Nicht nur die Gewissensfreiheit oder die Option der „schweigenden Gesetze“ bei Hob-
bes sind insofern gegen die Idee des „totalen Staates“ gerichtet; der Leviathan erweist
sich für Schmitt angesichts der Zustände in der Weimarer Republik schon allein deshalb
als zu „liberal“, weil auch er die Bedürfnisse des Einzelmenschen ins Zentrum der Be-
trachtung rückt und damit die politische Gemeinschaft nicht als einen das Individuum
transzendierenden Wert auffasst, der die Verfügung über das physische Leben der Bür-
ger legitimiert.53 Allen Parallelen zwischen Schmitts und Hobbes’ Souveränitätslehre
zum Trotz,54 ist insofern zu konstatieren, dass Schmitts Dezisionismus, der die – „nor-
mativ betrachtet, aus einem Nichts geborene“ (PT: 42) – Verbindlichkeit politischer
Entscheidungen aus keiner höheren Norm herleitet als der Autorität des Souveräns (PT:
54), an einer entscheidenden Stelle radikal mit dem Hobbesschen Vorbild bricht. Ge-
meint ist der naturrechtliche Vorbehalt, der die Gehorsamspflicht des Individuums im
Leviathan von vornherein auf die Gegenleistung beschränkt, dass der Staat die Selbster-
haltung seiner Untertanen sichert.55 Demgegenüber verkehrt Schmitt Hobbes’ Argument
in paradoxer Weise und leitet aus der innerstaatlichen Pazifizierungsleistung des Staates
geradewegs das Recht ab, „Todesbereitschaft und Tötungsbereitschaft“ von seinen Bür-
gern zu verlangen (BP: 46).
Die von Schmitt deklarierte „Totalität“ des Politischen verweigert also etwas, das der
Hobbessche Leviathan zwar nicht institutionell, wohl aber der Sachlogik nach gewährt:
die Begrenztheit der Ansprüche der politischen Gemeinschaft gegenüber dem Einzel-

52 Auch die Warnung vor einer legalen Abschaffung der Weimarer Republik in Legalität und Legitimi-
tät (1932) ist daher kaum mit einem Plädoyer pro Weimar zu verwechseln, sondern steht für die
souveräne Dezision als solche. Entsprechend konnte Schmitt die Verteidigung der Souveränität des
Reichspräsidenten aus Der Hüter der Verfassung (1931) später relativ problemlos durch die Souve-
ränität des Führers der NSDAP ersetzen (Der Führer schützt das Recht, PB: 199-203).
53 Schon Schmitts Frühschrift Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen von 1917 formu-
liert eine radikale Absage an den intrinsischen Wert des Individuums. Nicht der Staat habe dem Ein-
zelnen zu dienen, sondern umgekehrt. Im Begriff des Politischen polemisiert Schmitt dann gegen den
liberalen Individualismus als „Negation des Politischen“ (BP: 69), die andererseits freilich selbst ei-
nen verkappten, hochpolitischen Vorgang darstellt.
54 Siehe Anm. 32.
55 Auf die bekannten Schwierigkeiten von Hobbes, den Einzelnen auf Basis seiner Prämissen zum Ein-
satz seines Lebens für den Staat zu verpflichten (vgl. Lev. XXI: 168f.), braucht hier nicht näher ein-
gegangen zu werden.
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nen.56 Weil bei Schmitt dem Gebiet des Politischen per definitionem keine Grenzen ge-
setzt sind, konnte er sich innenpolitisch in die Idee des „totalen“ Staates und außenpoli-
tisch in den imperialistischen „Großraum“57 versteigen, die dem Hobbesschen Staats-
verständnis jeweils fundamental widersprechen.58 Demzufolge scheint es höchst frag-
lich, Schmitts Eintreten für den qualitativ totalen Staat als „Reinkarnation“ des Hobbes-
schen Staates aufzufassen.59 Nicht nur, dass sich aus seinen Texten keine Anhaltspunkte
für eine solche Rückwärtsgewandtheit ergeben, hatte – wie gesehen – der Todeskeim ja
im Leviathan selbst gesteckt. Was daher weitaus besser das Schmittsche Projekt des „to-
talen“ Staates am Ende der Weimarer Republik und zu Beginn des Dritten Reiches be-
schreibt, ist, aus dem (aus seiner Sicht) verhängnisvollen Sieg des Liberalismus im 19.
und 20. Jahrhundert die richtige Lehre zu ziehen und den individualistischen Grundzug,
den Hobbes einst initiierte, zu eliminieren. Diese Art der Radikalisierung des Leviathan
zum totalen Staat bildet m. E. auch noch die grundlegende Perspektive des
Hobbesbuches von 1938, das die Kritik an den liberalen Einfallstoren der Hobbesschen
Staatslehre eher präzisiert als abschwächt.
In der weiter oben diskutierten Fußnote (LSTH: 112, Anm.), die den Begriff des totalen
Staates modifiziert und relativiert hatte, könnten indes wirklich gewisse Anzeichen für
ein Umdenken Schmitts nach 1936 verborgen sein. Die bisherige Argumentationslinie
legt dazu allerdings nahe, dass es ihm nun umso weniger um eine Rückkehr des Levia-
than ging, als vielmehr um eine Art Befreiung von dem vorgegebenen Begriffsschema.
Auch der „totale“ Staat, der aus den Fehlern und Defiziten des Leviathan mindestens
ebenso viel hätte lernen sollen wie aus seinen Vorzügen, war ja in der Zwischenzeit ge-
scheitert60 und mit ihm überhaupt das letzte Aufbäumen des Staates, wie er Schmitt vor-
schwebte. Dass letzterer im Anschluss daran das historische Epochenende der Staatlich-
keit proklamierte, wird dadurch nur plausibler. Offenbar war es Zeit für neue Sichtwei-

56 Zum Unterschied zwischen der Totalität des Politischen bei Schmitt und einem staatsbezogenem Po-
litikverständnis, wie es sich bei Max Weber, aber eben auch schon bei Hobbes findet, siehe Mehring
1990.
57 Dazu die bereits erwähnte Schrift Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für
raumfreie Mächte (1937), bei der wenigstens die Option, sie als Postulat für eine Nichtintervention
der Alliierten gegenüber der Expansionspolitik des Dritten Reiches zu verstehen, schwerlich zu be-
streiten ist.
58 Insofern sollte man sich davor hüten, Schmitts „vernünftigen Begriff von Souveränität und Einheit“
(BP: 43) als Reminiszenz an Hobbes zu verstehen. Inwieweit es eher die Hegelsche Aufhebung der
Dialektik zwischen Individuum und Gesellschaft ist, die Schmitts damaligem Konzept des „totalen
Staates“ nahe kommt, kann hier nicht erörtert werden.
59 So allerdings Maschke 2003, S. 231, der damit überdies den (angeblichen) „Rettungsversuch“ für
Weimar auf den Begriff bringen will (Maschke 2003, S. 241).
60 Nach Hasso Hofmann fasste es Schmitt so auf, dass ihm und seinem Konzept des „totalen Staates“
im Dritten Reich die gleiche Verteufelung widerfuhr wie Hobbes zuvor im Verlauf der Politischen
Ideengeschichte (vgl. Hofmann 1964, S. 209).
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sen, und diese reichten allem Anschein nach viel weiter über das Dritte Reich hinaus,
als es die Rezipienten seinerzeit wahrnahmen.

4. Conclusio: Der Leviathan und der Ausnahmefall

Schmitts Adaption des Leviathan im Kontext der Weimarer Republik und ihres unrühm-
lichen Endes ist heute gegen den Strich zu lesen. Dass die liberale Weiterentwicklung
des Hobbesschen Staates zum demokratischen Rechtsstaat in dessen eigener Logik be-
gründet liegt, ist – wie die Geschichte nach dem II. Weltkrieg bestätigt hat – weit weni-
ger angetan, das Ende des Staates ausrufen zu müssen, als es Schmitt damals glaubte.
Und dass sich der Staat zur Sicherung seines eigenen Überlebens sowie nicht zuletzt zur
Garantie der bürgerlichen Freiheiten zumindest im Ausnahmefall eine Souveränitätsfül-
le bewahren muss, die mit dem Leviathan zu vergleichen ist, dies ist auch aufgrund der
bitteren Erfahrung von Weimar in die Idee der wehrhaften Demokratie eingeflossen, für
die sich Schmitt so weit ich sehe niemals wirklich erwärmen konnte.
Mit seiner Interpretation liefert Schmitt daher eher eine Folie, wohin sich der demokra-
tisch gezähmte Leviathan entwickeln, entgrenzen und radikalisieren könnte – nämlich
zum totalen Staat –, wenn trotz des unbestrittenen Bedarfs an souveränen Letztinstanzen
nicht gleichzeitig akzeptiert wird, dass damit die inhärente „Schwäche“ der Demokratie,
gegen ihre Feinde nicht ebenso kompromisslos vorgehen zu können wie Nicht-
Demokratien, keineswegs geheilt ist. Was Schmitt attackierte, worin er sogar den Tod
des Leviathan erkannte, nämlich dass die Souveränität des Staates nur mehr den Vorbe-
halt darüber umfassen soll, im Notfall alle Maßnahmen ergreifen zu dürfen, die zur Si-
cherung seiner Existenz bzw. zum Schutz der Bürger erforderlich sind, hält in Wirklich-
keit die Demokratie am Leben. Demgegenüber führt Schmitts Neigung, den gesamten
Rechtsstaat von der Ausnahme des existentiellen Notstands her denken, zu einer folgen-
schweren Radikalisierung bis hin zur Verfälschung des Hobbesschen Arguments und
seiner individualistischen Prämissen. Dass die „Regel“ angeblich „nur von der Aus-
nahme“ leben soll (PT: 21), ist des Guten zuviel.
Auf der anderen Seite ist Schmitt unbedingt Recht zu geben, dass die Figur des Aus-
nahmezustandes letztlich jenseits des Rechtsstaates und der rechtsstaatlichen Normen zu
verorten und vor allem durch Notstandsverordnungen nur unzulänglich zu erfassen ist
(PT: 13f.). Unter der Bedingung eines tatsächlich existentiellen politischen Ausnahme-
zustandes ist im Zweifelsfall erst nach der unmittelbaren Gefahrenabwendung die
Rechtmäßigkeit ergriffener Schutzmaßnahmen (die sich nicht einfach aus Gesetzestex-
ten ablesen lassen) zu überprüfen.61 Das Überleben des Rechtstaates bildet eine (wenn

61 Hiervon betroffen wären insbesondere Aktionen, die zum Tod von Menschen führen, die als eigent-
lich Unbeteiligte von den Abwehrmaßnahmen des Staates tangiert werden. Als Beispiel wäre etwa
die in Deutschland kontrovers diskutierte Frage zu nennen, ob bei Terrorismusgefahr die Streitkräfte
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auch nicht die einzige) Grundlage für die Anwendung von Rechtsnormen, weshalb die
temporäre Suspendierung des Rechts – ganz im Sinne Schmitts – im Extremfall das
Recht faktisch zu schützen vermag. Juristische oder ethische Bedenken gegenüber der
souveränen Dezision können daher im Ausnahmezustand nicht automatisch greifen.
Zur (demokratischen) Zähmung des Leviathan gehört es indes hinzu, was sowohl Hob-
bes wie auch Schmitt ihm ersparen wollten: den Souverän, der durch den Ausnahmezu-
stand als Grundlage allen positiven Rechts denkbar wird, an seine eigenen Entschei-
dungen zu binden, das heißt im Kontext des obigen Beispiels: die Rechtmäßigkeit sou-
veräner Ad-hoc-Entscheidungen im Ausnahmefall zumindest ex post zu überprüfen.62
Erst dadurch wird möglich, was manche Verteidiger Schmitts ihm ohnedies zubilligen
wollen: dass die Entscheidungs- und Verfügungsgewalt des Staates grundsätzlich zu
begrenzen ist, obwohl er sich im Ausnahmezustand rechtsstaatlicher Bindungen entledi-
gen kann.63
In der gegenwärtigen (weltpolitischen) Situation, welche vermuten lässt, dass ein mög-
licher Ausnahmezustand in demokratischen Rechtsstaaten weniger durch innere Revolu-
tionen oder Bürgerkriege als durch terroristische Attentate hervorgerufen wird, besitzt
Schmitts Position gleichwohl eine besondere Relevanz. Implizit lehnt sie ab, selbst das
noch zum Recht zu deklarieren, was die Grenzen des Rechtsstaates längst überschrei-
tet.64 Auch wenn es Schmitt nicht gerade darum ging, vor den Gefahren einer Constitu-
tional Dictatorship zu warnen, die die Grenzen des demokratischen Rechtstaates ständig

gesetzlich zum Abschuss entführter Passagierflugzeuge ermächtigt werden können. Das Bundesver-
fassungsgericht (1 BvR 357/05) erkannte in dem entsprechenden Gesetzesvorhaben der Bundesre-
gierung eine Kollision mit Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG in Verbindung mit der Menschenwürdegarantie
des Art. 1 Abs. 1 GG und erteilte damit der rechtsstaatlichen Verankerung eines solchen Ausnahme-
falles eine klare Absage. Wie jedoch im Fall eines tatsächlichen Flugzeugabschusses, der als ultima
ratio etwa gegen eine terroristische Attacke auf ein Atomkraftwerk o. ä. unternommen wird, die
„Schuld“ und „Verantwortung“ der politischen Entscheidungsträger bzw. der ausführenden Piloten
rechtsstaatlich zu bewerten wären, steht auf einem anderen Blatt.
62 Für Schmitts Politische Theologie wäre ein solcher Zusammenhang geradezu widersinnig, vergleicht
er doch den Ausnahmezustand mit dem Wunder in der Religion, das heißt mit der Gewissheit, dass
der Souverän wie Gott seine eigenen (Natur-)Gesetze stets überschreiten kann (PT: 43).
63 Man könnte auch sagen: Der Souverän steht – anders als Schmitt dies in der Politische Theologie
darstellt – weder prinzipiell „außerhalb der normal geltenden Rechtsordnung“, noch „gehört er zu
ihr“, weil er „zuständig für die Entscheidung“ ist, „ob die Verfassung in toto suspendiert werden
kann“ (PT: 14). Vielmehr scheint zuzutreffen, was Schmitt in seiner Schrift über die Diktatur als ihre
„kommissarische“ (im Gegensatz zur „souveränen“) Ausprägung bezeichnet: Dass die Norm „sus-
pendiert werden kann, ohne aufzuhören, zu gelten“ (D: 137). Dass der Souverän die Norm „im
Ausnahmefall“ angeblich „vernichtet“ (PT: 19), ist demgegenüber neuerlich ein typisches Moment
der gefährlichen Entgrenzung des Rechtsstaates, die Schmitt wie kaum ein anderer personifiziert.
64 Als Beispiel sei erneut das Lager in Guantánamo Bay genannt, das den ethisch höchst prekären Sta-
tus der Gefangenen mithilfe der Rechtskonstruktion des unlawful enemy combattant zu legalisieren
beanspruchte (vgl. Hidalgo 2008).
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neu austestet und dadurch schließlich auszuhöhlen droht,65 vertiefen seine Analysen
doch das Bewusstsein darüber, dass es politische Fälle gibt, die nicht zu normieren sind,
sondern der souveränen Entscheidung vorbehalten bleiben müssen. Jenes Gespür für
Ausnahme und Norm wird umso dringlicher, je mehr sich die Staaten räumlich
entgrenzen und dadurch die sicherheitspolitische Logik des Leviathan endgültig unter-
wandern.66

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65 Hier wäre nochmals an die beiden gegensätzlichen Rechtstraditionen des Ausnahmezustandes zu er-
innern, die Giorgio Agamben unterschied (siehe Anm. 31).
66 Zum Problem des Hobbesschen Leviathan, mit seinen Prämissen die besondere Herausforderung und
Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates durch den zunehmend transnational agierenden Terro-
rismus zu erfassen, siehe bereits Hidalgo 2009.
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Teil 2:
Carl Schmitts „Ausnahmezustand“

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Ausnahmezustand

Carl Schmitts Lehre von der kommissarischen Diktatur1

Rüdiger Voigt

„Der Ausnahmezustand hat für die Jurisprudenz eine analoge Bedeutung wie das Wunder
für die Theologie“.2
„Eine Art Apokalyptik, verbunden mit Warnungen vor neuen Imperialismen und neuen Fa-
schismen, beherrscht die zeitgenössischen Vorstellungen von Macht. Der Verweis auf die
unumschränkte Macht des Souveräns und den Ausnahmezustand, das heißt auf die allge-
meine Suspendierung des Rechts und das Hervortreten einer Gewalt, die über dem Gesetz
steht, dient als Erklärung für alles und jedes“.3

Jeder Staat kann in eine Notlage (Staatsnotstand) geraten, in der er – durch Verhängung
des Ausnahmezustands – das Recht für eine gewisse Zeit suspendieren muss, um mit al-
ler Macht gegen eine existentielle Bedrohung oder gar seine eigene Vernichtung anzu-
gehen. Carl Schmitt hat diesen Zustand als „kommissarische Diktatur“ bezeichnet. Eine
solche Lage tritt dann ein, wenn die von der Verfassung vorgegebene Ordnung in Ge-
fahr ist, zerstört oder zumindest grundlegend beeinträchtigt zu werden. Diese Gefahr
kann sowohl von innen als auch von außen kommen.4 Wohlgemerkt handelt es sich hier
nicht um eine bloße Krise, also um eine zugespitzte Situation, die als Höhe- und Wen-
depunkt einer gefährlichen Entwicklung empfunden wird. Eine solche Krise kann meist
mit einigem guten Willen im Rahmen des Rechts überwunden werden. 5 Vielmehr geht
es um einen gezielten, i.d.R. gewaltsamen Angriff auf die Verfassungsordnung, mit dem
diese beseitigt werden soll. Es wird also nicht nur der Herrschaftsanspruch der Regie-
rung, sondern darüber hinaus auch die Existenz des politischen Systems selbst in Frage
gestellt.6 Für das Auftreten einer solchen überaus brisanten Situation ist im 20. Jahrhun-
dert die schwierige – innen- wie außenpolitisch gefährliche – Phase zwischen den Welt-
kriegen in Europa ein Beispiel.7 Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland die
durch die Niederlage bewirkte politische Umbruchsituation durch die wirtschaftliche
Krise erheblich verschärft und entlud sich schließlich in gewaltsamen Auseinanderset-

1 Für seine Kommentare und Anregungen möchte ich Herrn Dr. Ulrich Müller, Administrativer Vor-
stand des Leibniz-Instituts für Astrophysik, Dank sagen.
2 Schmitt PTh, S. 43.
3 Hardt/Negri 2010, S. 19.
4 Folz 1962, S. 30.
5 Vgl. Voigt 2011.
6 Hans-Ernst Folz unterscheidet – unter Bezugnahme auf Johannes Heckel – von dem allgemeinen
Staatsnotstand den „Verfassungsnotstand“, bei dem lediglich ein Verfassungsorgan (z.B. das Staats-
oberhaupt) ausgefallen ist, Folz 1962, S. 73.
7 Hier soll nicht die Rede sein von Diktaturen in Afrika, Asien oder Lateinamerika.

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zungen, die bis an den Rand eines Bürgerkriegs führten. Während in anderen europäi-
schen Ländern wie Frankreich der Bürgerkrieg ebenfalls vermieden werden konnte,
brach er in Spanien offen aus. Im 21. Jahrhundert ist nach dem Zusammenbruch des
Sowjetsystems nunmehr weltweit eine permanente Krisensituation eingetreten, die ihre
vorläufigen Kulminationspunkte zum einen in dem weltweit agierenden Terrorismus,
zum anderen in der globalen Finanzkrise erreicht hat.
Im Folgenden wird die Thematik des Ausnahmezustands, den man auch als „Niemands-
land zwischen Öffentlichem Recht und politischer Faktizität, zwischen Rechtsordnung
und Leben“ bezeichnen könnte,8 in sechs Abschnitten behandelt. Auf der Grundlage der
von Carl Schmitt getroffenen Unterscheidung in kommissarische und souveräne Dikta-
tur wird im ersten Abschnitt die Dialektik der Diktatur (1.) behandelt. Als Beispiel für
die kommissarische Diktatur dient der Staatsstreich des Jahres 1958 in Frankreich mit
der sich daran anschließenden V. Republik, deren Gründer und erster Präsident Charles
de Gaulle war. Der Begriff des Ausnahmezustands (2.) ist nur scheinbar leicht zu defi-
nieren. Wie so oft liegt der Teufel im Detail: Da gerade die Nachkriegsdeutschen be-
sonders empfindlich auf diesen Terminus reagierten, der im Zentrum der Souveränitäts-
lehre Carl Schmitts steht („Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“),
versuchte man, den Begriff in der Hoffnung zu vermeiden, dass es schon nicht zum Äu-
ßersten kommen werde. Die unterschiedlichen Regelungen im Grundgesetz waren daher
– auch nach Übernahme der Verantwortung von den Alliierten im Jahre 1968 – eher
missverständlich und keinesfalls umfassend.9 Der Angriff von Terroristen auf das
World-Trade-Center am 11. September 2001 zwang letztlich die damalige Bundesregie-
rung allerdings zu einer ganzen Reihe Maßnahmen, von denen hier lediglich das Luft-
sicherheitsgesetz behandelt werden soll. Dieses Gesetz sollte die Voraussetzungen für
den Abschuss ziviler Flugzeuge durch die deutschen Streitkräfte im Katastrophenfall
regeln. In seinen zentralen Passagen wurde es jedoch vom Bundesverfassungsgericht
verworfen, weil letztlich in der Güterabwägung der Achtung vor dem Leben des Einzel-
nen ein höherer Stellenwert zugebilligt wurde als dem Notwehrrecht des Staates.
In einem weiteren Abschnitt geht es um den Zusammenhang von Staatskrise, Ausnah-
mezustand und Bürgerkrieg (3.). Am Beispiel der Staatskrise der Weimarer Republik
Anfang der 1930er Jahre, die zu einer zumindest partiellen Unregierbarkeit führte, wer-
den die Voraussetzungen und Möglichkeiten einer „kommissarischen Diktatur“ erörtert.
Im Vordergrund des 4. Abschnitts stehen die Finanzkrise und die Notkabinette einer-
seits sowie die Politik der europäischen „Rettungsschirme“ andererseits. Dabei wird ei-
ne Parallele zwischen den Präsidialkabinetten von Brüning, Papen und Schleicher in der
Endphase der Weimarer Republik und der Eurokrise gezogen, die zu den – freilich kurz-

8 Agamben 2004, S. 8.
9 Die Regelungen in einigen Landesverfassungen, auf die der Parlamentarische Rat nicht zurückge-
griffen hat, sollen hier nicht behandelt werden.

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lebigen – „Notkabinetten“ Monti (Italien) und Papadimos (Griechenland) geführt hat,
die jedoch beide gerade keine diktatorischen Vollmachten hatten und die eigentlichen
Probleme ihrer Länder nicht lösen konnten. Ein älteres – im Übrigen gut dokumentiertes
– Beispiel ist der (mögliche) Staatsnotstand in der Weimarer Republik (5.). Hier waren
die Notstandsplanungen um die Jahreswende 1932/33 bereits weit gediehen, um Hitlers
Ernennung zum Reichskanzler zu verhindern. Wäre damit die Machtübernahme der Na-
tionalsozialisten durch einen Verfassungsbruch auf Dauer zu verhindern gewesen?
Reichspräsident Paul von Hindenburg verweigerte schließlich die Auflösung des
Reichstags und die verfassungswidrige Vertagung seiner Wiedereinberufung auf unbe-
stimmte Zeit. Stattdessen wählte er die in parlamentarischen Regierungssystemen übli-
che Lösung, den Chef der stärksten Partei (Hitler) zum Reichskanzler zu ernennen und
verhinderte damit zunächst einen Bürgerkrieg. In teilweiser Anlehnung an Carl Schmitt
hat Giorgio Agamben von einem „permanenten Ausnahmezustand“ (6.) gesprochen, in
dem wir uns seiner Ansicht nach bereits seit geraumer Zeit befinden. Dabei münzt er
den Begriff der „wehrhaften Demokratie“, mit dem in Deutschland der Kampf gegen
die Feinde der Demokratie begründet wird, in den einer „geschützten Demokratie“ um,
der er die Qualität einer Demokratie rundheraus abspricht. Dieser Fragestellung ist im
Schlusskapitel vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklung in Deutschland
nachzugehen.

1. Dialektik der Diktatur

Bei dem Begriff „Diktatur“ denkt der neutrale Beobachter im Allgemeinen an ein
monokratisches und weitgehend monolithisches Staatsgebilde, in dem ein Herrscher
(Caudillo), eine Gruppe (Junta, Clique) oder eine Partei (Staatspartei) die absolute
Macht inne hat. Beispiele für ein solches Herrschaftsmodell finden sich auch in der Ge-
schichte des modernen Staates in großer Zahl. Diese spezielle Bedeutung von Diktatur,
die im Altertum mit dem Begriff „Tyrannis“ erfasst wurde, ist aber nicht die einzig
denkbare. Eine andere Denktradition geht letztlich auf Cicero zurück, der die Diktatur –
ganz im Sinne der römischen Republik – als zeitweilige Machtübertragung zum Zwecke
der Staatsrettung verstand. Hierauf bezieht sich Carl Schmitt bei seiner Denkfigur der
„kommissarischen Diktatur“. In seinen Schriften Die Diktatur. Von den Anfängen des
modernen Souveränitätsgedankens bis zum proletarischen Klassenkampf10 und Politi-
sche Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität11 ging es Carl Schmitt stets
auch um den Ausnahmezustand, den er bereits im Jahre 1916 aus gegebenem Anlass

10 Schmitt Diktatur.
11 Schmitt PTh.

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behandelt hat.12 Für Schmitt liegt die „innere Dialektik“ der Diktatur gerade in der „all-
gemeinen Möglichkeit einer Trennung von Normen des Rechts und Normen der
Rechtsverwirklichung“.13 Schmitt zufolge ist die Anwendung der Norm keinesfalls in
der Norm enthalten, denn andernfalls wäre das Prozessrecht nicht erforderlich. Diese
allgemeine Erkenntnis Schmitts ist in der Rechtssoziologie ohnehin nicht wegzudenken.
Worin liegt also das Besondere?

„Das spezifische Verdienst der Schmittschen Theorie liegt genau darin, dass sie eine solche
Verbindung zwischen Ausnahmezustand und Rechtsordnung möglich macht“.14

1.1 Kommissarische und souveräne Diktatur

Dabei unterscheidet Schmitt zwischen der „kommissarischen“ und der „souveränen“


Diktatur. Die kommissarische Diktatur hat die Funktion, einen Zustand zu schaffen, in
dem das Recht verwirklicht werden kann. Der kommissarische Diktator setzt die Ver-
fassung zeitweise außer Kraft, um ihren Bestand zu schützen. Der Ausnahmezustand
gehört in diese erstere Kategorie. Seine Ausrufung soll gerade verhindern, dass eine so
chaotische Situation entsteht, dass das politische System als Ganzes scheitert und – nach
einer Revolution oder einem Staatsstreich – ein neues System etabliert und ggf. eine
neue Verfassung verabschiedet werden muss. In der „souveränen Diktatur“ wird hinge-
gen nicht die alte Verfassung wieder hergestellt, sondern – z.B. nach einer Revolution,
einem Bürgerkrieg oder einem verlorenen Krieg – eine neue Ordnung und damit ein an-
deres politisches System geschaffen. Die alte Ordnung geht damit unter. Unter der Prä-
misse der Volkssouveränität ist es die verfassungsgebende Gewalt des Volkes (pouvoir
constituant), das sich z.B. mit Hilfe einer direkt gewählten Nationalversammlung eine
neue Verfassung gibt.
Richard Faber hat die Nützlichkeit der Unterscheidung zwischen „souveräner“ und
„kommissarischer“ Diktatur an einem Vergleich zwischen Hitler und Mussolini de-
monstriert:

„Nur letzteren konnte ein König – gestützt auf seine, die auf ihn vereidigte Armee – entlas-
sen bzw. gefangen setzen und so eine ‚bloß‘ kommissarische Diktatur beenden. Hitler war
souveräner, wenn nicht ‚total(itär)er‘ Diktator – cäsaristischer Provenienz“.15

Die oft chaotischen, in jedem Fall aber schwierigen Übergänge von einer Verfassung
zur nächsten lassen sich am französischen Beispiel illustrieren. Das liegt umso näher,

12 Muth 1971, S. 75-147 [76f.]; seit dem 31. Juli 1914 herrschte in Deutschland der Kriegszustand; seit
Februar 1915 dient Schmitt als Kriegsfreiwilliger bei einem Ersatzbataillon in München, vgl. Noack
1996. S. 37; Mehring 2009, S. 78.
13 Schmitt Diktatur, S, XVII.
14 Agamben 2004, S. 43.
15 Faber 1999, S, 70-90 [76].

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als die Ursprünge des Ausnahmezustands (in Gestalt des Belagerungszustands) auf den
Erlass der Konstituierenden Versammlung vom 8. Juli 1791 in Frankreich zurückge-
hen.16 Im Zuge der Französischen Revolution wurde – nach dem Scheitern der konstitu-
tionellen Monarchie – im Jahr 1792 die Erste Republik etabliert, diese endete faktisch
mit dem Staatsstreich Napoleons 1799 und einer neuen Verfassung, formell jedoch erst
1804 mit der Errichtung des Ersten Kaiserreichs. Der Zweiten Republik war nur eine
kurze Lebensdauer (1848-1852) beschieden, sie endete wiederum mit dem Übergang
zum Kaiserreich. Nach dem verlorenen Krieg gegen Deutschland wurde Kaiser Napo-
leon III. jedoch gestürzt und die Dritte Republik ausgerufen, die mit dem Waffenstill-
stand von 1940 im Krieg gegen Deutschland und der Gründung des État Français – be-
kannter unter der Bezeichnung Vichy-Regime – unter Marschall Philippe Pétain, dem
„Helden von Verdun“, endete.17 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1946 die Vierte
Republik durch eine neue Verfassung gegründet, der allerdings nur eine schmale Mehr-
heit (53,5% der abgegebenen Stimmen) der Franzosen zugestimmt hatte.

1.2 De Gaulle als kommissarischer Diktator

Diese Vierte Republik war durch den Mangel an stabilen Regierungsmehrheiten ge-
kennzeichnet. In der Krisensituation des Jahres 1958 gelang es – nicht zuletzt wegen des
Algerienkrieges (1954-1962) – einen Monat lang gar nicht, eine Regierung zu bilden.18
Der Druck des Militärs (Militärputsch in Algier am 13. Mai 1958, angedrohter Sturm
des Militärs auf Paris19) setzte dieser instabilen politischen Lage ein Ende und zwang
Staatspräsident René Coty, Charles de Gaulle durch die Nationalversammlung als Mi-
nisterpräsidenten einsetzen und ihm für sechs Monate diktatorische Sondervollmachten
zur Niederschlagung des Militärputsches in Algier erteilen zu lassen. In den Augen der
Aufständischen und auch vieler anderer Franzosen konnte nun nur noch ein Mann die
Nation retten: Charles de Gaulle, der „Retter des Vaterlandes“. De Gaulle setzte in ei-
nem Referendum eine neue Verfassung durch und wurde der erste Präsident der Fünften
Republik. General de Gaulle ist damit der Prototyp des „kommissarischen Diktators“,20
der seine Vollmachten nutzt, um eine neue Ordnung zu schaffen.

„De Gaulle hatte den Entschluss gefasst, kein Diktator zu werden, obwohl er […] die Mög-
lichkeiten hatte, eine Diktatur zu errichten. […] De Gaulle wollte weder einen Staatsstreich
begehen, um die Macht an sich zu reißen, noch eine Politik des Militarismus einführen. Er

16 Vgl. Agamben 2004, S. 11.


17 Frankreich hatte am 22.6.1940 die Niederlage gegen das Deutsche Reich anerkannt, und am
10.7.1940 verabschiedete die Nationalversammlung mit 596 zu 80 Stimmen ein Ermächtigungsge-
setz zur Änderung der Verfassung.
18 Siehe hierzu den Beitrag von Oliver Lemke in diesem Band.
19 Opération Résurection.
20 Aron 1959, S. 16f.

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wollte auf demokratischen und legalem Weg an die Macht kommen und die demokrati-
schen Prinzipien und Institutionen nicht aufgeben“.21

Anne Sophie Günzel geht mit dieser überaus positiven Einschätzung de Gaulles jedoch
fehl, denn den „Staatsstreich“ hatten Andere – nämlich hohe Militärs – für ihn began-
gen, die seines Wohlwollens sicher sein konnten. 221 Dabei verfolgte er eine überaus
riskante „Schaukelpolitik“. Insgeheim unterstützte er die putschenden Generale, um so
die Politiker unter Druck zu setzen. Öffentlich sicherte er den Politikern hingegen zu,
die Militärs an die Kandare zu nehmen, wenn sie ihm die geforderten Sondervollmach-
ten zugestehen würden. Über das Schicksal Algeriens, das für die Einen zum französi-
schen Mutterland gehörte, für die Anderen aber ein selbständiger Staat werden sollte,
hüllte er sich in Schweigen.23

1.3 Interkonstitutionelles Notstandsrecht

Die Verfassung der Französischen Republik vom 4. Oktober 1958 ist ein praktisches
Beispiel für die Ausgestaltung des interkonstitutionellen Notstandsrechts. Sie regelt das
Notstandsrecht in Art. 16 der Verfassung. Dieser Artikel gibt klare Anweisungen für
den Fall, dass höchste Gefahr für den Staat besteht. Wann dieser Fall eintritt, bleibt frei-
lich äußerst vage, so dass den Handelnden ein relativ großer Interpretationsspielraum
bleibt:

„Wenn die Institutionen der Republik, die Unabhängigkeit der Nation, die Integrität ihres
Staatsgebietes oder die Erfüllung ihrer internationalen Verpflichtungen schwer und unmit-
telbar bedroht sind und wenn gleichzeitig die ordnungsgemäße Ausübung der verfassungs-
mäßigen öffentlichen Gewalten unterbrochen ist, ergreift der Präsident der Republik nach
offizieller Beratung mit dem Premierminister, den Präsidenten der Kammern sowie dem
Verfassungsrat die unter diesen Umständen erforderlichen Maßnahmen.
Er gibt sie der Nation durch eine Erklärung bekannt.
Diese Maßnahmen müssen von dem Willen getragen sein, den verfassungsmäßigen öffent-
lichen Gewalten innerhalb kürzester Frist die Mittel zu sichern, die sie zur Erfüllung ihrer
Aufgaben benötigen“.

Als Sicherungsmaßnahme legt die Verfassung fest, dass während dieser Zeit die Natio-
nalversammlung nicht aufgelöst werden darf. Durch Verfassungsgesetz vom 23. Juli
2008 wurde allerdings ein Zusatz eingefügt, der dem Verfassungsrat – auf Ersuchen des
Präsidenten der Nationalversammlung, des Präsidenten des Senats, von sechzig Abge-
ordneten oder sechzig Senatoren – das Recht gibt, nach einer Frist von dreißig Tagen

21 Günzel 2007, S. 63.


22 De Gaulle zeichnete die Putschisten später sogar aus.
23 1962 entließ de Gaulle Algerien schließlich in die Unabhängigkeit und konzentrierte sich ganz auf
Europa als „französisches Projekt“.

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(und ggf. nach sechzig Tagen noch einmal und dann jederzeit) zu prüfen, ob die Bedin-
gungen für die außerordentlichen Vollmachten weiterhin erfüllt sind.

2. Der Begriff des Ausnahmezustands

„Denn nicht jede außergewöhnliche Befugnis, nicht jede polizeiliche Notstandsmaßnahme


oder Notverordnung ist bereits Ausnahmezustand. Dazu gehört vielmehr eine prinzipiell
unbegrenzte Befugnis, das heißt die Suspendierung der gesamten bestehenden Ordnung. Ist
dieser Zustand eingetreten, so ist klar, daß der Staat bestehen bleibt, während das Recht zu-
rücktritt“.24

Es geht also um den Ernstfall des Politischen, der jederzeit eintreten kann. Ausnahme-
zustand ist die Bezeichnung für eine außerordentliche Krisensituation, in der „so schwe-
re Gefahren für den Bestand eines Staates, seine Sicherheit und (Rechts-) Ordnung“
wirken, „daß deren Bewältigung mit den im Normalfall zu Gebote stehenden Mitteln
nicht mehr möglich ist“.25 Bestimmten Staatsorganen – meist der Exekutive – werden
dann i.d.R. außerordentliche Vollmachten zu einem festgelegten Zweck übertragen.26
Verwandte Begriffe sind Notstand (Staats- bzw. Verfassungsnotstand), Notstandsrecht
bzw. Notstandsdiktatur, Belagerungszustand27 und Kriegsrecht.28 Ziel und Zweck der
damit begründeten außerordentlichen Vollmachten ist es, ganz allgemein Gefahren ab-
zuwenden bzw. abzuwehren, die bereits eingetreten sind oder einzutreten drohen, sowie
im Besonderen der Existenzgefährdung des Staates – in Frankreich der Republik, in
Deutschland der freiheitlichen demokratischen Grundordnung – wirksam entgegen zu
treten. Tatsächlich hat „erst das politische Denken der Neuzeit den Notstand, den politi-
schen Ausnahmefall, zum Angelpunkt politischer Theoriebildung gemacht“.29 Seine
wichtigsten legitimatorischen Begründungen verdankt der neuzeitliche Staat nicht der
Regel, sondern der Ausnahme.30 Aus der staatsrechtlichen wie aus der politikwissen-
schaftlichen Perspektive ist die Ausnahme daher ein überaus interessantes Forschungs-
objekt. Ob sie allerdings die von Carl Schmitt postulierte Bedeutung hat, also wichtiger
als der Normalfall ist, erscheint zumindest als fraglich:

„Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. Das Normale beweist nichts, die Aus-
nahme beweist alles; sie bestätigt nicht nur die Regel, die Regel lebt überhaupt nur von der

24 Schmitt PTh, S. 18.


25 Klein 1992, S. 387.414 [388]; der Autor bezeichnet diese Definition selbst als weithin akzeptiert.
26 Vgl. Schubert/Klein 2011.
27 Im Belagerungszustand gehen die Befugnisse der Zivilbehörden üblicherweise auf militärische Stel-
len über, in der Bundesrepublik Deutschland trifft das hingegen nicht zu.
28 Vgl. Schmitt Nomos, S. 67; Foltz 1962, S. 36ff.
29 Münkler 1987, S. 187.
30 Münkler 1987, S. 51.

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Ausnahme. In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer
in Wiederholung erstarrten Mechanik.“ 31

Soweit es sich tatsächlich um den Schutz der verfassungsgemäßen staatlichen Ordnung


handelt, sind Maßnahmen im Rahmen des Ausnahmezustandes durchaus zu rechtferti-
gen, sofern sie dem Gebot der Verhältnismäßigkeit genügen und zeitlich befristet sind.
Geht es hingegen um den bloßen – womöglich dauerhaften – Machterhalt einer herr-
schenden Politikerkaste, ist die Verhängung des Ausnahmezustands niemals legitim.32
Ob sie legal, also nach den geltenden Gesetzen zustande gekommen ist, wäre freilich
eine andere Frage, wenn man bedenkt, dass die Herrschenden in aller Regel auch über
die nötigen Mehrheiten verfügen, Gesetze zu ihrem Vorteil zu verabschieden. Hans
Kelsen hatte dazu allerdings eine eindeutige Meinung, die höchsten Respekt verdient:

„Eine Demokratie, die sich gegen den Willen der Mehrheit zu behaupten, gar mit Gewalt
sich zu behaupten versucht, hat aufgehört, Demokratie zu sein. Eine Volksherrschaft kann
nicht gegen das Volk bestehen bleiben. Und soll es auch gar nicht versuchen, d.h. wer für
die Demokratie ist, darf sich nicht in den verhängnisvollen Widerspruch verstricken lassen
und zur Diktatur greifen, um die Demokratie zu retten“.33

2.1 Intra- oder extrakonstitutionelle Regelung

„Wenn das Eigentümliche des Ausnahmezustands die (totale oder partielle) Suspendierung
der Rechtsordnung ist, wie kann dann eine solche Suspendierung noch in der Rechtsord-
nung enthalten sein?“34

Verfassungspolitisch bildet bei allen Überlegungen zum Ausnahmezustand eine Prob-


lematik den Hintergrund, die kaum zu lösen ist, wie Giorgio Agamben mit seiner (rheto-
rischen) Frage deutlich macht. Es liegt auf der Hand, dass jeder, der bei Beratung und
Verabschiedung der Verfassung beteiligt ist, nur ungern daran denkt, dass eben diese
Verfassung einmal in ernste Gefahr geraten könnte. Dies ist vielmehr in aller Regel die
große Stunde der Euphorie und damit die Zeit der Optimisten. Die Mahnung der Vor-
sichtigen, man müsse Vorkehrungen für den „Ernstfall“ treffen, sind hingegen äußerst
unpopulär. Staats- und Verfassungsrechtler sind freilich Juristen, deren (oft undankbare)
Aufgabe es seit jeher ist, stets den Fall des Scheiterns eines Vertrages im Blick zu be-
halten und für diesen Fall Vorsorge zu treffen. Das gilt nicht nur für Ehe- oder Kaufver-
träge, sondern auch für Staatsversträge und für Verfassungen.35 Jede Verfassung spie-

31 Schmitt PTh, S. 21.


32 Das zeigt nicht zuletzt das Widerstandsrecht des Art. 20 Abs. 4 GG, das bei der Verabschiedung der
Notstandsverfassung als „demokratisches Gegengewicht“ eingeführt wurde. Es fragt sich allerdings,
ob dieses Widerstandsrecht im Falle eines Staatsnotstandes tatsächlich praktische Bedeutung erlan-
gen würde.
33 Kelsen 1932, S. 98.
34 Agamben 2004 – in Anlehnung an Schmitt PTh. S. 19.
35 Verfassung soll hier als „Verfassungsvertrag“ verstanden werden, vgl. Schmitt VL, S. 61 ff., Schnei-
der 1957, S, 116 ff.; typisch hierfür ist die Reichsverfassung von 1871, wo es in der Präambel heißt:

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gelt zum Zeitpunkt ihrer Verkündung sowohl die bestehende als auch die für die Zu-
kunft erwünschte politische Ordnung wider. Ihr liegt zumeist ein an Werten orientiertes
Modell gesellschaftlichen Zusammenlebens zugrunde. Ungeachtet der Frage, ob dieses
Modell der gesellschaftlichen Realität entspricht oder jemals entsprochen hat, ändern
sich die Gesellschaft und die in ihr für wichtig gehaltenen Werte doch regelmäßig im
Laufe der Jahre. Eine kluge, vorausschauende Verfassungskonstruktion lässt es zu, zu-
mindest gravierenden Veränderungen in der Gesellschaft durch Änderungen des Verfas-
sungstextes (Grundgesetzänderungen) oder ggf. durch Ergänzungen (Amendments in
der US-Verfassung) Rechnung zu tragen. Aber auch in diesen Fällen können sich Ver-
fassungsrecht und politisch-gesellschaftliche Realität so gravierend auseinander entwi-
ckeln, dass es zum großen Eklat kommt.36 Soll dann unter allen Umständen die beste-
hende Ordnung erhalten („zementiert“) werden, und wenn ja, wie?
Bei der Anordnung des Ausnahmezustands geht es um mehr als nur um eine außeror-
dentliche Befugnis,37 da sie – wie Volker Neumann im Anschluss an Carl Schmitt for-
muliert – die gesamte bestehende Ordnung zu suspendieren vermag“.38 Auch wenn die-
se Aussage sehr krass ist, geht es bei dem Ausnahmezustand doch um sehr viel. Dazu
gehören z.B. alle polizeilichen Maßnahmen (u.U. auch durch sog. Sicherheitskräfte), die
der Bekämpfung von Aufständen, Aufruhr und Katastrophen aller Art dienen sollen.
Dies kann sowohl innerhalb der Verfassung (intrakonstitutionell) als auch außerhalb der
Verfassung (extrakonstitutionell) geregelt sein. Häufig wird auf sog. Notgesetze oder
Notverordnungen (Art. 48 WRV) zurückgegriffen. In jedem Fall wird damit jedoch
zeitweise die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt, damit die Exekutive (Präsident bzw.
Regierung) in der akuten Bedrohungssituation möglichst effektiv handeln kann. Die
Frage ist jedoch, wie sichergestellt werden kann, dass diese besonderen Vollmachten,
mit denen zentrale Grundrechte eingeschränkt werden können, nicht zur langfristigen
Einschüchterung der Bevölkerung genutzt werden und nach dem Ende der Notsituation
die verfassungsmäßige Ordnung wieder hergestellt wird. Die Legitimität des Ausnah-
mezustandes hängt also ganz wesentlich von der Motivation der Herrschenden, von der
Dauer und der Verhältnismäßigkeit des Mitteleinsatzes sowie von der Existenz von
„Gegengewalten“ ab (checks and balances).

„Seine Majestät, der König von Preußen [es folgen die übrigen Fürsten] schließen eine ewigen Bund
zum Schutz des Bundesgebietes […]. Dieser Bund wird den Namen Deutsches Reich führen […]“.
36 Ein Beispiel für ein systembedingtes Hindernis ist der Grundsatzstreit zwischen US-Demokraten und
Republikanern um die Verschuldungsgrenze, der kaum auf der Grundlage der amerikanischen Ver-
fassung zu lösen ist.
37 Bezeichnenderweise verzichtete Bodin auf die Aufstellung von Rechtsregeln für den gerechtfertigten
Ausnahmezustand, weil dieser in seinem Begriff von Souveränität bereits enthalten war, Schilling
2005, S. 92.
38 Neumann 1980, S. 60.

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2.2 Instrumentarium zur Gefahrenbekämpfung

Der Verfassungsjurist wird eine Rechtslage vorziehen, die genau festlegt, wann, von
wem, unter welchen Voraussetzungen und mit welchem Verfahren so eingriffsintensive
Maßnahmen ergriffen werden dürfen, wie es die Herstellung des Ausnahmezustandes
darstellt. Was geschieht jedoch, wenn das in der Verfassung zur Verfügung stehende In-
strumentarium zur Gefahrenabwehr in Zeiten einer solchen (u.U. existentiellen) Bedro-
hung des Staates nicht ausreicht? Eine schnelle Änderung der Verfassung, die oft eher
für „Schönwetterzeiten“ als für Krisen konzipiert ist, kommt meist nicht in Frage. Sie
steht eher am Ende der Krise, vor allem dann, wenn sich andere als die herrschenden
Kräfte durchgesetzt haben. Vielmehr gilt hier die Erkenntnis Carl Schmitts: „In seiner
absoluten Gestalt ist der Ausnahmezustand dann eingetreten, wenn erst die Situation ge-
schaffen werden muss, in der Rechtssätze gelten können“. 39 Müssen in dieser akuten
extremen Notsituation also u.U. Maßnahmen ergriffen werden, die von der Verfassung
nicht gedeckt sind, womöglich, um deren Geltung wiederherzustellen? Wenn ja, wer
soll dazu befugt sein? Carl Schmitt ist hier mit seiner berühmten Formel „Souverän ist,
wer über den Ausnahmezustand entscheidet“,40 einen Weg gegangen, auf dem ihm nur
wenige Autoren gefolgt sind.41 Peter Schneider hat allerdings auf das darin sichtbare
„einzigartige Kunststück“ hingewiesen, „dem dürren Boden der Jurisprudenz ästheti-
schen Reiz abzugewinnen, obgleich er die Gebote der Fachlichkeit nicht übertritt“:42

„Ein solcher Satz weckt Spannung. Er schlägt ein. Er schockiert. Man wird, um der Überra-
schung Herr zu werden, willig, ja eifrig die nächstfolgenden [Sätze] lesen“.43

2.3 Souveränität und Ausnahmezustand

Diese berühmte Formel Carl Schmitts hat Hasso Hofmann in seinem Aufsatz „Souverän
ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ in ihrer außenpolitisch-völkerrechtli-
chen Wendung auf Staat und Verfassung der Bundesrepublik Deutschland angewandt.
Hofmann hat dabei das Schmittsche Motto zugrunde gelegt: „Die Ausnahme offenbart
das Wesen der staatlichen Autorität am klarsten“44 und ist zu interessanten Ergebnissen
gelangt. Nicht nur bei der Verabschiedung des Grundgesetzes im Jahre 1949 standen die
Westdeutschen unter den besatzungsrechtlichen Vorbehalten, die sich auf alle Fragen

39 Schmitt Diktatur.
40 Schmitt PTh, S. 13.
41 Ein Plädoyer gegen Schmitts Verständnis von Souveränität gibt Schliesky 2004, S. 108ff., vgl. auch
den Sammelband Pircher (Hrsg.) 1999.
42 Schneider 1957, S. 20.
43 Schneider 1957, S. 20.
44 Schmitt PTh, S. 19.

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der inneren und äußeren Staatssicherheit erstreckten.45 Vielmehr galt das auch für die
„erste Souveränitätserklärung“ im Jahre 1955,46 weil durch Art. 5 Abs. 2 des Deutsch-
landvertrages die alliierten Notstandsbefugnisse ausdrücklich aufrecht erhalten wurden.
Diese Befugnisse erloschen für das Bundesgebiet – nicht jedoch für Berlin47 – mit der
Verabschiedung der sog. Notstandsverfassung im Jahre 1968, die gegen beträchtlichen
Widerstand der westdeutschen Öffentlichkeit durchgesetzt wurde. Nur eine Große Koa-
lition aus CDU/CSU und SPD war mit ihrer erdrückenden Mehrheit im Bundestag zu
diesen Änderungen der Verfassung in der Lage. Es bedurfte allerdings erst des Zwei-
plus-Vier-Vertrages, Deutschland als Ganzes im Jahre 1990 – also genau 45 Jahre nach
dem Ende des Zweiten Weltkrieges – von den verbliebenen alliierten Vorbehalten zu
befreien. Bis dahin bestand lediglich eine eingeschränkte deutsche Souveränität.48 Seit
1990 liegen die Entscheidungen über den Ausnahmezustand sämtlich in der Hand deut-
scher Staatsorgane.49

2.4 Der verdrängte Ausnahmezustand

Der Parlamentarische Rat hat versucht, ohne eine Generalklausel für die Suspendierung
von Grundrechten im Grundgesetz auszukommen. Dabei konnte er sich zunächst auf die
Souveränitätsvorbehalte der Alliierten berufen. Allerdings wurden unter dem Stichwort
„wehrhafte Demokratie“ Bestimmungen in das Grundgesetz aufgenommen, die sich
auch im Ausnahmezustand als nützlich erweisen könnten.50 Dazu gehört das Partei- und
Vereinigungsverbot (Art. 21 Abs. 2 und 9 Abs. 2 Grundgesetz) ebenso wie die Verwir-
kung von Grundrechten (Art. 18 Grundgesetz). Als in den 1960er Jahren die Frage der
Ablösung der alliierten Notstandskompetenzen akut wurde, hatte man – freilich nur the-
oretisch – eine Aufspaltung des Gesamttatbestandes des Ausnahmezustands vorge-
nommen, die dann jedoch keinen Niederschlag im Grundgesetz fand.51 Zunächst wurde
unterschieden zwischen einem „Zustand der äußeren Gefahr“, der in den Zeiten des
„Kalten Krieges“ als permanent vorhanden angesehen wurde und einem „Zustand der
inneren Gefahr“, der nur punktuell, etwa zur Zeit des RAF-Terrors,52 bestand. Der Letz-

45 Die Militärgouverneure waren der Ansicht, dass sie selbst „letzten Endes für die Sicherheit verant-
wortlich“ seien, vgl. Klein 1992, S. 391.
46 Bereits 1951 hatten die Westalliierten formell den Kriegszustand mit Deutschland beendet, 1955
folgte die Sowjetunion.
47 Für Berlin galt von 1972 bis 1990 das Viermächte-Abkommen der Alliierten.
48 Die verbliebenen Truppen der britischen „Rheinarmee“ haben erst im Sommer 2013 – also 68 Jahre
nach dem Ende des 2. Weltkrieges – Deutschland verlassen, US-Truppen stehen hingegen nach wie
vor auf deutschem Territorium.
49 Wieweit diese Form der Souveränität tatsächlich geht, würde sich freilich erst im Falle eines echten
Staatsnotstandes erweisen.
50 Frankenberg 2010, S. 104.
51 Klein 1992, S. 392.
52 RAF = Rote Armee Fraktion.

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tere wurde durch einen „Katastrophennotstand“ ergänzt.53 Äußerlich klar erkennbar
wurde aber nur der „Verteidigungsfall“ als Zustand der äußeren Gefahr in einem eige-
nen Abschnitt des Grundgesetzes (Abschnitt Xa) geregelt.

„Die Regelungsstrategie ist dem Bemühen geschuldet, […] denkbare Ausnahmefälle


gleichsam als Regelbeispiele zu antizipieren, typisieren und möglichst grundrechtsscho-
nend in den Gesamtrahmen des Grundgesetzes einzuführen […]“.54

Als auf den innenpolitischen Notstand bezogener „Polizeiartikel“55 enthält Art. 91


Grundgesetz hingegen lediglich bestimmte Zuständigkeitsregelungen, die es der Bun-
desregierung erlauben, im Fall des Staatsnotstandes Landes- und Bundespolizei (früher:
Bundesgrenzschutz) gezielt zur Gefahrenabwehr einzusetzen.56 Daraus hat Ernst-Wolf-
gang Böckenförde den – durchaus plausiblen – Schluss gezogen, dass der Ausnahmezu-
stand in der Bundesrepublik „verdrängt“ worden sei.57 Dabei geht er – wie Carl Schmitt
– davon aus, dass sich das Ausnahmeproblem, das ja gerade durch seine Unvorherseh-
barkeit charakterisiert sei, durch eine antizipierte „Vergesetzlichung“ außergewöhnli-
cher Situationen nicht umfassend lösen lasse.58 Das rechtsstaatlich Machbare müsse
hingegen unbedingt im Grundgesetz geregelt werden, da andernfalls im Gefahrenfall die
Berufung auf den sog. „übergesetzlichen Notstand“ an die Stelle verfassungsrechtlicher
und damit rechtsstaatlicher Regelungen trete.59 Tatsächlich hat die bundesrepublikani-
sche Praxis bei der Bekämpfung der RAF Ende der 1970er Jahre gezeigt, dass die Beru-
fung auf einen „übergesetzlichen Notstand“ Überreaktionen der Exekutive – wie z.B.
die Einschränkung des Zugangs der Verteidiger zu ihren Mandanten – begünstigt, deren
Folgen bei Abklingen der Gefahr nur schwer zu beseitigen sind.60

2.5 Zwischen Recht und Politik

Der Begriff des Ausnahmezustands ist vor allem aus drei Gründen schwer bestimmbar.
Zum einen muss zunächst geklärt werden, ob sich die Frage überhaupt empirisch be-
antworten lässt: Liegt eine außerordentliche Krisensituation vor, die mit den herkömm-
lichen Mitteln nicht zu bewältigen ist und daher außergewöhnliche Maßnahmen ver-

53 Beispiel hierfür ist die Hamburger Flutkatastrophe von 1962, als sich der damals noch unbekannte
Innensenator Helmut Schmidt – ohne grundgesetzliche Ermächtigung – zum Oberkommandierenden
von ca. 2000 Bundeswehrsoldaten und Angehörigen der US-Streitkräfte macht, um der Flut Herr zu
werden.
54 Frankenberg 2010, S. 105.
55 Klein 1992, S. 392.
56 Es ist allerdings fraglich, ob die Polizei nach Personalstärke, Ausrüstung und Ausbildung dazu über-
haupt in der Lage ist.
57 Böckenförde 1978, S. 1881 ff.
58 Siehe hierzu den Beitrag von Andreas Anter und Verena Frick in diesem Band.
59 Vgl. Klein 1992, S. 388f.
60 Vgl. Kraushaar (Hrsg.) 2006.

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langt? Hier werden die politischen Meinungen – je nach Interessenlage – zumeist stark
auseinander gehen. Zum anderen ist zu berücksichtigen, dass der Begriff „Ausnahmezu-
stand“ im Grenzbereich zwischen Recht und Politik liegt und nahe verwandt ist mit Wi-
derstand, Aufruhr und Bürgerkrieg.61 Neben der Politikwissenschaft ist hier vor allem
die Staatsrechtslehre gefragt. Wer hat die Definitionsmacht darüber, ob die Krisensitua-
tion bereits als Staatsnotstand zu bewerten und damit der Ausnahmezustand gerechtfer-
tigt ist? Und drittens schließlich geht es um die Entscheidung darüber, ob die in der
Verfassung vorgesehenen Instrumente ausreichen, oder ob extrakonstitutionelle Maß-
nahmen ergriffen werden sollen. Sicher ist jedenfalls, dass man in dieser Situation nicht
so weitermachen kann wie bisher. Der Begriff selbst deutet vielmehr bereits darauf hin,
dass der regelgemäße Zustand nicht mehr besteht, solange die außergewöhnliche Notsi-
tuation anhält. Es bedarf also geeigneter Maßnahmen, um der Ausnahmesituation an-
gemessen begegnen zu können; es müssen aber auch rechtzeitig geeignete Vorkehrun-
gen getroffen werden, um die Rückkehr von der Ausnahme zur Regel zu ermöglichen.

2.6 Der Einsatz der Streitkräfte

Ursprünglich bezog sich der Ausnahmezustand auf äußere Gefahren, in diesem Zusam-
menhang wird von Belagerungszustand oder Kriegsrecht gesprochen. Dabei greift der
Staat auf seine Streitkräfte zurück, um die Gefahr abzuwehren. Ähnliches könnte auch
für Bürgerkriege und ggf. sogar für Aufruhr und Aufstände im Inland gelten. Das Mili-
tär gilt in entwickelten Demokratien aber als ungeeignet, diese Aufgabe im Innern zu er-
füllen. Stattdessen haben die meisten westlichen Staaten hierfür eine spezielle Polizei-
truppe, die sog. riot police (in anderen Ländern: Gendarmerie oder Carabinieri), aufge-
stellt. Sie ist besonders dafür geschult, Deeskalierungsstrategien anzuwenden und ggf.
mit speziell für solche Fälle entwickelten Waffen (non-lethal weapons) schnell und ef-
fektiv Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.62 Im Kampf gegen den Terrorismus ver-
wischen sich allerdings die Grenzen zwischen militärischem und polizeilichem Einsatz
immer mehr. Oft sind es eher polizeiliche Aufgaben, die von der UNO beauftragte Sol-
daten (gelegentlich auch Polizisten) in mehr oder weniger gescheiterten Staaten über-
nehmen. Überdies sind inzwischen innere Notlagen, wie z.B. Naturkatastrophen (Bei-
spiel: Hurrikan Katrina, 2010), hinzugekommen, die sich zumeist ohne menschliches
Zutun ereignen.
Der Einsatz der Streitkräfte im Innern war seit der Gründung der Bundeswehr stets um-
stritten. Allerdings waren die Rahmenbedingungen im Zeichen des Ost-West-Konflikts
auch ganz andere. Zunächst regelte ein eigener Artikel die Zulässigkeit des Einsatzes,
wenn auch wenig spezifisch, eher als Negativregelung und ohne den Begriff zu definie-

61 Agamben 2004, S. 7f.


62 Vgl. Voigt 2009, S. 101-116.

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ren.63 Dieser Art. 143 (alt) Grundgesetz galt bis zur Verabschiedung der Notstandsver-
fassung und fiel dann in dieser Form ganz weg.64 Er lautete:

„Die Voraussetzungen, unter denen es zulässig wird, die Streitkräfte im Falle eines inneren
Notstandes in Anspruch zu nehmen, können nur durch ein Gesetz geregelt werden, das die
Erfordernisse des Artikels 79 erfüllt“.

Von 1956 an verzichtete das Grundgesetz auch auf den Begriff „innerer Notstand“ ganz.
Lediglich der äußere Notstand war in dem Abschnitt Xa „Verteidigungsfall“ in den Ar-
tikeln 115a bis 115l Grundgesetz geregelt. Während Art. 35 Grundgesetz in erster Linie
die Katastrophenhilfe regelt, enthält Art. 91 Grundgesetz die eigentlichen Regelungen
für den inneren Notstand. Dieser Art. 91, der allerdings von den alliierten Militärgou-
verneuren bis zur Erteilung einer ausdrücklichen Genehmigung suspendiert war,65 lau-
tet:

„(1) Zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokrati-
sche Grundordnung des Bundes oder eines Landes kann ein Land Polizeikräfte anderer
Länder sowie Kräfte und Einrichtungen anderer Verwaltungen und des Bundesgrenzschut-
zes66 anfordern.
(2) Ist das Land, in dem die Gefahr droht, nicht selbst zur Bekämpfung der Gefahr bereit
oder in der Lage, so kann die Bundesregierung die Polizei in diesem Lande und die Polizei-
kräfte anderer Länder ihren Weisungen unterstellen und Einheiten des Bundesgrenzschut-
zes einsetzen. Die Anordnung ist nach Beseitigung der Gefahr, im übrigen jederzeit auf
Verlangen des Bundesrates aufzuheben. erstreckt sich die Gefahr auf das Gebiet mehr als
eines Landes, so kann die Bundesregierung, soweit es zur wirksamen Bekämpfung erfor-
derlich ist, den Landesregierungen Weisungen erteilen. Satz 1 und Satz 2 bleiben unbe-
rührt.“
In Ergänzung zu Art. 91 Grundgesetz regelt Art. 87a Abs. 4 Grundgesetz den möglichen
Einsatz der Bundeswehr:

„(4) Zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokrati-
sche Grundordnung des Bundes oder eines Landes kann die Bundesregierung, wenn die
Voraussetzungen des Artikels 91 Abs. 2 vorliegen und die Polizeikräfte sowie der Bundes-
grenzschutz nicht ausreichen, Streitkräfte67 zur Unterstützung der Polizei und des Bundes-
grenzschutzes beim Schutze von zivilen Objekten und bei der Bekämpfung organisierter
und militärisch bewaffneter Aufständischer einsetzen. Der Einsatz von Streitkräften ist ein-
zustellen, wenn der Bundestag oder der Bundesrat es verlangen“.

63 Klein 1992, S. 391.


64 Gültigkeit vom 20. März 1956/22. März 1956 bis zum 25. Juni 1968/28. Juni 1968.
65 Genehmigungsschreiben der Militärgouverneure zum Grundgesetz vom 12.5.1949, vgl. Frankenberg
2010, S. 103.
66 An die Stelle des Bundesgrenzschutzes ist seit dem 1.3.2005 die Bundespolizei getreten,
67 Die Streitkräfte werden hier als Hilfstruppe der Polizei tätig.

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2.7 Das umstrittene Luftsicherheitsgesetz

Die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center rückten auch in
Deutschland die Frage in den Vordergrund, ob die Bundeswehr, in erster Linie also die
Luftwaffe, eingesetzt werden dürfe, um Passagiermaschinen, die von Terroristen zu An-
schlägen missbraucht werden sollen, im äußersten Notfall abzuschießen. Das Luft-
sicherheitsgesetz vom 11. Januar 2005,68 mit dem Art. 35 Grundgesetz geändert werden
sollte, enthielt dazu eine entsprechende Regelung zum Einsatz der Streitkräfte:

㤠13 Entscheidung der Bundesregierung


(1) Liegen auf Grund eines erheblichen Luftzwischenfalls Tatsachen vor, die im Rahmen
der Gefahrenabwehr die Annahme begründen, dass ein besonders schwerer Unglücksfall
nach Art. 35 Abs. 2 Satz 2 oder Abs. 3 des Grundgesetzes bevorsteht, können die Streit-
kräfte, soweit es zur wirksamen Bekämpfung erforderlich ist, zur Unterstützung der Poli-
zeikräfte der Länder im Luftraum zur Verhinderung dieses Unglücksfalles eingesetzt wer-
den.
§ 14 Einsatzmaßnahmen, Anordnungsbefugnis
(1) Zur Vermeidung eines besonders schweren Unglücksfalles dürfen die Streitkräfte im
Luftraum Luftfahrzeuge abdrängen, zur Landung zwingen, den Einsatz von Waffengewalt
androhen oder Warnschüsse abgeben.
(2) Von mehreren möglichen Maßnahmen ist diejenige auszuwählen, die den Einzelnen und
die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten beeinträchtigt. Die Maßnahme darf nur so
lange und so weit durchgeführt werden, wie ihr Zweck es erfordert. Sie darf nicht zu einem
Nachteil führen, der zu dem erstrebten Erfolg erkennbar außer Verhältnis steht.
(3) Die unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ist nur zulässig, wenn nach den Um-
ständen davon auszugehen ist, dass das Luftfahrzeug gegen das Leben von Menschen ein-
gesetzt werden soll, und sie das einzige Mittel zur Abwehr dieser gegenwärtigen Gefahr
ist“.69

In einer Entscheidung des Jahres 2006 hat das Bundesverfassungsgericht (Erster Senat)
jedoch die Verfassungswidrigkeit von § 14 Abs. 3 Luftsicherheitsgesetz festgestellt. In
den Leitsätzen vom 15. Februar 2006 heißt es dazu:70

LS 2: „Art. 35 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 Satz 1 GG erlaubt es dem Bund nicht, die Streit-
kräfte bei der Bekämpfung von Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücksfällen
mit spezifisch militärischen Waffen einzusetzen“.
LS 3: „Die Ermächtigung der Streitkräfte, gemäß § 14 Abs. 3 des Luftsicherheitsgesetzes
durch unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ein Luftfahrzeug abzuschießen, das ge-
gen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll, ist mit dem Recht auf Leben nach Art.
2 Abs. 2 Satz 1 GG in Verbindung mit der Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG
nicht vereinbar, soweit davon tatunbeteiligte Menschen an Bord des Luftfahrzeugs betrof-
fen werden“.

68 BGBl. I, S. 78.
69 § 14 Abs. 3 des Luftsicherungsgesetzes ist verfassungswidrig und daher nichtig.
70 BVerfG, Urteil des Ersten Senats vom 15.2.2006 – 1 BvR 457/05.

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Damit galt – zunächst – der Grundsatz, dass der Einsatz der Bundeswehr in Deutschland
„mit spezifisch militärischen Waffen“ ausgeschlossen sei. In Abweichung von der
Rechtsauffassung des Ersten Senats hat das Bundesverfassungsgericht auf Antrag des
Zweiten Senats kürzlich jedoch in einer Plenarsitzung entschieden,71 dass der Einsatz
der Bundeswehr zur Gefahrenabwehr „bei Ausnahmesituationen katastrophischen Aus-
maßes, allerdings nicht bei Gefahren, die „von einer demonstrierenden Menschenmenge
drohen“, und nur als „ultima ratio“ zulässig sei.72

3. Staatskrise – Ausnahmezustand – Bürgerkrieg

„Machiavellis Theorie […] geht nicht von einer gegebenen Ordnung aus, die es zu bewah-
ren und zu verteidigen gilt, sondern macht das Ordnungsdefizit, die Krise, den politischen
Notstand zum systematischen Ort seiner Überlegungen“.73
Für die Herrschenden ist es von entscheidender Bedeutung, ob die bestehenden Span-
nungen innerhalb der Gesellschaft, die nicht zuletzt aus der unterschiedlichen Vertei-
lung von Reichtum, Aufstiegschancen und Mitwirkungsmöglichkeiten resultieren, so
kanalisiert und „befriedet“ werden können, dass sie sich nicht in unkontrollierbaren
Gewaltausbrüchen Bahn brechen, sondern letztlich „beherrschbar“ bleiben. In der Fra-
ge, was unter „Beherrschbarkeit“ verstanden werden soll, liegt freilich eines der wich-
tigsten Probleme, da dies nicht nur Verfahren, Instrumente und Methoden staatlichen
Handelns, sondern auch Umfang, Ausmaß und Intensität und damit letztlich die Legiti-
mität von Gewaltanwendung umfasst. Innenpolitisch geht es dabei um ein Zusammen-
wirken von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sowie außenpolitisch um die Rahmen-
bedingungen für den betroffenen Staat. Lassen die Anderen diesem Staat (relativ) freie
Hand bei der Krisenbewältigung, oder verschärfen interessierte Kreise die interne Krise
durch Druck von außen? Bleibt angesichts der Macht des globalen Finanzsystems über-
haupt ein Spielraum für nationale Krisenbewältigung? Kommt es umgekehrt womöglich
sogar zu Interventionen anderer Staaten, ggf. unter dem Deckmantel der „humanitären
Intervention“? Oder wird auch bei erkennbaren Menschenrechtsverletzungen – wie bei
dem Eingreifen Saudi Arabiens in die Bekämpfung der Unruhen in Bahrein – aus politi-
scher Rücksichtnahme selbst eine kritische Stellungnahme vermieden?

71 Eine Plenarentscheidung beider Senate ist immer dann erforderlich, wenn ein Senat (hier der Erste
Senat) von der Rechtsauffassung des anderen Senats abweichen will, § 16 Bundesverfassungsge-
richtsgesetz.
72 BVerfG, Beschluss des Plenums vom 3.7.2012 – 2 PBvU 1/11.
73 Münkler 1987, S. 189.

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3.1 Der drohende Bürgerkrieg

Nahezu jede Diskussion über den Ausnahmezustand ist von dem jederzeit – gewisser-
maßen am Horizont drohenden – „Horrorszenario“ eines Bürgerkrieges überschattet, der
unter allen Umständen vermieden werden soll. Das zeigte sich in der Staatstheorie be-
sonders deutlich im 17. Jahrhundert bei Thomas Hobbes,74 später in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts bei Carl Schmitt75 und zeigt sich heute – im Angesicht der globa-
len Finanzkrise – z.B. bei Giorgio Agamben.76 Wie kann vermieden werden, dass die
politischen Spannungen in einer Gesellschaft so eskalieren, dass daraus blutige und
womöglich bewaffnete Auseinandersetzungen werden? Diese Frage betrifft fast alle
Länder des „Arabischen Frühlings“. Und was ist zu tun, wenn der Konflikt bereits zum
Bürgerkrieg eskaliert ist? Gibt es eine allseits respektierte Instanz, also eine Person oder
eine Institution, die z.B. mit Hilfe des Ausnahmezustands die Ordnung wieder herstel-
len könnte? Reicht dafür die Autorität dieser Instanz, und reichen ihre Machtmittel hier-
für aus?
Eine weitere wichtige Frage ist die, mit welchen Konsequenzen der- oder diejenige nach
dem Ende des Ausnahmezustands zu rechnen hat, der/die die Ausnahmebefugnisse
wahrnimmt. Die Römer kamen im Laufe ihrer Geschichte oft in eine solche Situation
und waren daher mit ihr vertraut. Sie wählten dann – im Idealfall – für einen begrenzten
Zeitraum (6 Monate) einen Diktator,77 der allen anderen Magistratsbeamten (auch den
Konsuln) übergeordnet war und nicht strafrechtlich für das belangt werden konnte, was
er während seiner Amtszeit getan hatte. Die wichtigste Aufgabe des Diktators war es,
im Rahmen einer „kommissarischen Diktatur“ den Angriff eines starken äußeren Fein-
des durch Krieg abzuwehren oder einen Aufruhr im Innern niederzuschlagen, um an-
schließend die verfassungsgemäße Ordnung der Römischen Republik wieder herzustel-
len.78 Nach Ablauf seiner Wahlzeit verlor der Diktator sein Amt und damit seine Befug-
nisse.

3.2 Die Weimarer Staatskrise

Im Laufe der Geschichte hat es in vielen Teilen der Welt gravierende Staatskrisen und
Staatsnotstände gegeben, die nur noch durch außerordentliche Maßnahmen bekämpft

74 Hobbes 1999.
75 Schmitt Leviathan.
76 Agamben 2004.
77 Wegen der zeitlichen Begrenzung sprach Bodin diesem „Kommissar“ das Merkmal der Souveränität
ab, vgl. den Beitrag von Norbert Campagna in diesem Band.
78 Siehe hierzu: Agamben 2004, S. 52ff.

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werden konnten.79 In Deutschland bietet die Staatskrise der Weimarer Republik ein an-
schauliches Beispiel für den Verlauf einer Krise im Europa der Zwischenkriegszeit, die
– so scheint es – nur zu einer temporären oder aber zu einer dauerhaften Diktatur führen
konnte.80 Hätte sich der uns bekannte Verlauf der Geschichte durch das Ausrufen eines
zeitlich begrenzten Ausnahmezustands verhindern lassen? Die Weimarer Koalition, die
vor allem aus SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei 81 bestanden hatte
und gewissermaßen als „tragende Säule“ der Weimarer Republik fungierte, zerbrach in
der Weltwirtschaftskrise. Die ausländischen Kredite, auf die vor allem Gustav Strese-
mann seine Politik gegründet hatte, waren gestrichen worden, und die eigenen Steuer-
einkünfte gingen rapide zurück.82
Anfang der 1930er Jahre83 hatten die demokratischen Parteien ihre Mehrheit im Reichs-
tag verloren;84 auch die Präsidialkabinette Brüning (Zentrum), Papen (Zentrum85) und
Schleicher (parteilos), die mit Hilfe des präsidialen Notverordnungsrechts (Art. 48
WRV) regierten, waren gescheitert. Sie fanden im Reichstag keine Zustimmung mehr.
Reichspräsident Paul von Hindenburg stand daher vor einer schwierigen Entscheidung:
Sollte er den bereits ausgearbeiteten Staatsnotstandsplan in Kraft setzen86 und damit die
Verfassung brechen, oder sollte er Adolf Hitler als Parteichef der stärksten Fraktion im
Reichstag (NSDAP) mit der Regierungsbildung beauftragen? Hindenburg entschied
sich schließlich für die zweite Alternative, die immerhin den Gepflogenheiten des par-
lamentarischen Regierungssystems entsprach.87 Der Reichspräsident hätte das Abwei-
chen von der Verfassung nur mit dem Vorliegen eines Staatsnotstandes rechtfertigen
können.

79 So verhängte etwa der damalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi am 26. Juli 2008
einen landesweiten Notstand zur Bewältigung der starken Zunahme sog. Bootsflüchtlinge (es waren
10.611 Flüchtlinge im 1. Halbjahr 2008).
80 Siehe hierzu den Beitrag von Dirk Blasius in diesem Band.
81 Später: Deutsche Staatspartei.
82 Vgl. Neumann 1980, S. 101; insofern lassen sich gewisse Ähnlichkeiten mit der gegenwärtigen Krise
Europas konstatieren.
83 Am 27. März 1930 scheiterte die von Reichskanzler Hermann Müller (SPD) geführte Koalitionsre-
gierung aus SPD, DVP, Zentrum und DDP (Deutsche Demokratische Partei/Deutsche Staatspartei)
an der Frage einer Beitragserhöhung der Arbeitslosenversicherung um einen halben Prozentpunkt.
84 Bei der Reichstagswahl am 30. Juli 1932 ergab sich vielmehr eine (allerdings lediglich rechnerische)
Regierungsmehrheit für NSDAP und KPD.
85 Ab 1932 war Franz von Papen parteilos und von 1933-1934 Vizekanzler im Kabinett Hitler.
86 Das hätte aller Voraussicht nach allerdings den Einsatz der Reichwehr und der seit dem 20. Juli 1932
dem Reich unterstehenden preußischen Polizei und damit vermutlich den Bürgerkrieg bedeutet.
87 Berthold 1999, S. 28; die Reichsregierung des Jahres 1933 bestand aus 3 Mitgliedern der NSDAP,
darunter Hitler als Reichskanzler, sowie 2 Mitgliedern der DNVP und sechs Parteilosen, darunter
von Papen als Vizekanzler.

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3.3 Der Staatsnotstand als Alternative wozu?

Ob man jedoch die Zerrissenheit der (Weimarer) Gesellschaft und die – auch daraus re-
sultierende – Zerstrittenheit der politischen Parteien, die sich in den Ergebnissen der
Reichstagswahlen spiegelte, und die letztlich dazu führte, dass sich keine Mehrheit
mehr für eine Regierung der gemäßigten Kräfte fand, als „Staatsnotstand“ bezeichnen
kann, ist zumindest fraglich. Heinrich August Winkler hat die Behauptung aufgestellt,
dass gerade die Alternative des Staatsnotstandsplans – also die Auflösung des Reichs-
tags und die Vertagung seiner Wiedereinberufung auf unbestimmte Zeit 88 – einen Aus-
weg aus der Staatskrise gebracht und die Weimarer Republik am Leben erhalten hätte.89
Diese (spekulative) Behauptung spielt in der politischen Diskussion in Deutschland
immer noch eine nicht unwesentliche Rolle. Letztlich ist heute – mehr als achtzig Jahre
nach den Geschehnissen – jedoch nicht mehr eindeutig zu klären, ob sich in der Folge
ein autoritäres Militärregime auf Dauer etabliert hätte, oder ob man wirklich zeitnah zu
einer parlamentarischen Demokratie zurückgekehrt wäre.90 Die Voraussetzungen für die
zweite Alternative waren jedenfalls denkbar schlecht. Auf der anderen Seite ist es aber
auch keineswegs sicher, dass eine ähnlich bedrohliche Staatskrise mit dem heutigen In-
strumentarium des Grundgesetzes tatsächlich zu bewältigen wäre, wie die Mitglieder
des Parlamentarischen Rates 1949 aber offenbar geglaubt haben.

4. Finanznotstände und Notkabinette

Wirtschafts- und Finanznotstände, die oft auch einen Staatsbankrott einschlossen, hat es
im 20. Jahrhundert häufig gegeben.91 Besonders den Deutschen ist die Hyperinflation
der Jahre 1922 bis 1933 mit ihrem „Notgeld“ noch in abschreckender Erinnerung.92 Der
permanente Finanznotstand war im Übrigen eine der Ursachen für das Scheitern der
Weimarer Republik.93 Zur endgültigen Überwindung der Inflation trugen zwei Ermäch-
tigungsgesetze des Jahres 1923 entscheidend bei.94 Man kann Finanznotstände geradezu
als die am häufigsten vorkommenden Staatsnotstände bezeichnen.95 Allerdings waren
diese Notstände bis zum Inkrafttreten der Europäischen Währungsunion auch in Europa
regelmäßig auf einzelne Staaten und deren nationale Währung begrenzt. Dementspre-

88 Art. 25 Abs. 2 WRV legte für den Fall, dass der Reichspräsident den Reichstag aufgelöst hatte, ein-
deutig fest: „Die Neuwahl findet spätestens am sechzigsten Tage nach der Auflösung statt“.
89 Winkler 1993, S. 608.
90 Berthold 1999, S. 10.
91 Vgl. Kerber 2002.
92 Im November 1923 betrug der Umrechnungskurs für einen US-Dollar 4,2 Billionen Mark.
93 Agamben sieht darin eine Bestätigung, dass „in der Moderne politisch-militärischer Notstand und
ökonomische Krise tendenziell zusammenfallen“, Agamben 2004, S. 23.
94 Ermächtigungsgesetz vom 13.10.1923 (RGBl. I, S. 943) und vom 8.12.1923 (RGBl. I, S. 1179), vgl.
Folz 1962, S. 93f.
95 Folz 1962, S. 89f.

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chend eröffnet Art. 38 Abs. 1 der Verfassung der Fünften Republik der französischen
Regierung die Möglichkeit, in solchen Fällen Notprogramme zu erlassen. Freilich benö-
tigt die Regierung nach der Verfassung dazu eine (befristete) Ermächtigung zum Erlass
gesetzesvertretender Verordnungen (ordonnances) durch die Nationalversammlung.
Dies waren allerdings Regelungen, die auf der währungspolitischen Souveränität Frank-
reichs als Nationalstaat basierten. Durch die Übertragung der geldpolitischen Zustän-
digkeiten von der französischen Notenbank auf die Europäische Zentralbank ist die La-
ge bei einem nationalen Finanznotstand für Frankreich spätestens seit 2002 allerdings
erheblich komplizierter geworden.96

4.1 Notkabinette als Retter aus der Krise?

Eine in der Geschichte bereits mehrfach praktizierte Möglichkeit, die bestehende Ord-
nung – zumindest für einen gewissen Zeitraum – aufrecht zu erhalten, sind „Notkabinet-
te“, die nach dem Scheitern der „normalen“ Regierungen – oft auf Druck von außen –
etabliert worden sind. Sie sollen eine dauerhafte Diktatur („Tyrannis“) verhindern, ent-
puppen sich oft aber lediglich als Vorstufe zu dieser. In der Endphase der Weimarer
Republik gab es die drei Präsidialkabinette Brüning, Papen und Schleicher. Sie scheiter-
ten und führten schließlich zu einem nationalsozialistischen Regime in Deutschland.
Dieses sog. „Dritte Reich“ könnte man – mit Giorgio Agamben – selbst als Ausnahme-
zustand betrachten, der den Beginn eines „legalen Bürgerkriegs“ markierte. 97 Denn
durch Hitlers Notverordnung „zum Schutz von Volk und Staat“ wurden am 28. Februar
1933 die individuellen Freiheitsrechte der Weimarer Reichsverfassung auf Dauer außer
Kraft gesetzt. Ob dies durch die von Carl Schmitt beschworene Einsetzung eines
„kommissarischen Diktators“ zu verhindern gewesen wäre, ist allerdings fraglich.
Noch komplizierter wird diese Fragestellung, wenn man die gegenwärtige Krisensitua-
tion als Parallele heranzieht. Im Zeichen der europäischen Finanz- und Währungskrise
wurden zeitweilig Notkabinette in Italien (Regierung Monti) und Griechenland (Regie-
rung Papadimos) installiert. Sie hatten – teils gewollt, teils ungewollt – nur eine kurze
Lebensdauer und zeichneten sich einerseits durch eine gewisse Parteienferne,98 anderer-
seits durch technokratische Expertise aus. Lassen sich die Notkabinette von Papadimos
und Monti als „kommissarische Diktaturen“ verstehen? Beide Ministerpräsidenten wa-
ren zuvor Banker bzw. Notenbankpräsidenten und verkörperten den Typus des antipoli-
tischen Technokraten. Mario Monti, der die italienische Übergangs-Regierung vom 16.
November 2011 bis zu seinem Rücktritt am 21. Dezember 2012 leitete, gehörte dem in-

96 Ähnliches gilt natürlich für Deutschland ebenso wie für die übrigen Mitgliedsstaaten der Eurozone.
97 Agamben 2004, S. 8.
98 Bei Mario Monti ist das deutlicher zu sehen als bei Antonis Samaras, der durch Wahlen in sein Amt
gelangt ist; der parteilose „Nicht-Politiker“ Monti wurde am 9. November 2011 von Staatspräsident
Giorgio Napolitano zum Senator auf Lebenszeit ernannt.

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ternationalen Beraterstab der Investmentbank Goldman Sachs an und war zeitweilig ita-
lienischer EU-Kommissar. Loukas Papadimos, bis 2002 Gouverneur der Bank von
Griechenland, amtierte als griechischer Ministerpräsident noch kürzer, nämlich vom 10.
November 2011 bis zum 16. Mai 2012. Beide haben zwar Reformen angestoßen, schei-
terten aber – trotz aller Unterschiede im Einzelnen – letztlich an dem Widerstand der
etablierten politischen Parteien, die auf ihre eigenen Interessen fixiert waren. Tatsäch-
lich waren weder Papadimos noch Monti „kommissarische Diktatoren“, sie hatten we-
der die Macht noch die Zeit für durchgreifende Veränderungen, sie waren aber auch
keine Regierungschefs im üblichen Sinne.

4.2 Tatsächliche Unregierbarkeit

Das mit diesen „Notkabinetten“ verbundene Experiment, den Ausnahmezustand unter


allen Umständen zu vermeiden,99 ist freilich gescheitert. Die eigentlichen Ursachen der
Staatskrise konnten weder Monti noch Papadimos beseitigen. In Griechenland wurde
anschließend eine große Koalition aus (zunächst) drei Parteien unter Andonis Samaras
gebildet, die zwar über die erforderliche Mehrheit im Parlament verfügt, aber mit ihren
drastischen Sparmaßnahmen auf den erbitterten Widerstand des griechischen Volkes
und der Gewerkschaften trifft. Selbst dann, wenn Gesetze tatsächlich beschlossen wer-
den, fehlt es zudem immer noch an den erforderlichen Institutionen, die für eine effekti-
ve Implementation dieser Gesetze sorgen könnten. In Italien ist nach dem Rücktritt
Montis ein neues Parlament gewählt worden, das wiederum die Zerrissenheit der italie-
nischen Gesellschaft widerspiegelt. Beide Gesellschaften sind, wenn auch in unter-
schiedlichem Grade, im Grunde genommen unregierbar. Das politische System beider
Staaten wäre längst – nicht zuletzt unter der Last der Staatsschulden – zusammengebro-
chen, wenn die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union sowie – mit deren
Billigung – die Europäische Zentralbank nicht die Garantie für die Schulden bzw. im
Falle Griechenlands sogar eine direkte Finanzierung übernommen hätten.100 Die Unru-
hen in Griechenland und die Protestdemonstrationen in Italien zeigen freilich, dass eine
innenpolitische Befriedung als Voraussetzung einer nachhaltigen Stabilisierung der po-
litischen Ordnung auf diese Weise kaum zu erreichen ist. Im Gegenteil scheinen die
Menschen die Politik der „Rettungsschirme“, die mit z.T. drastischen Kürzungen im
Sozialbereich verbunden ist, eher als die Wurzel des Übels, denn als Heilmittel anzuse-
hen. Die Forderung der Geldgeber, vor der Auszahlung großer Geldsummen bestimmte
(Spar-) Auflagen zu erfüllen, wird als eine Art „Diktatur der Deutschen“ wahrgenom-
men. Die Frage, wer die Misere verursacht hat, also die „Schuldfrage“, wird – insbe-

99 Das gilt zumindest für Griechenland, das sich in einer Art permanentem „Staatsnotstand“ befindet.
100 Der Internationale Währungsfonds zieht sich allerdings ab 2014 aus der Finanzierung Griechenlands
zurück. Ein Schuldenerlass zu Gunsten Griechenlands und zu Lasten der europäischen (vor allem der
deutschen) Steuerzahler dürfte spätestens dann unausweichlich sein.

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sondere von den damals Verantwortlichen – hingegen längst verdrängt.101 An den ei-
gentlichen Ursachen, nämlich einem eklatanten Defizit an Staatlichkeit bei der Finanz-
marktregulierung, wird ohnehin nichts geändert.

5. Staatsnotstand in der Weimarer Republik

„Die Spannung zwischen der Legalordnung und der tatsächlichen Machtausübung durch
die Präsidialkabinette konnte auf zwei Wegen gelöst werden, entweder durch die Anpas-
sung der Legalordnung an die Machtverhältnisse oder durch die Umgestaltung der Macht-
verhältnisse, so daß eine sinnvolle Ausfüllung der Legalordnung hätte möglich werden
können“.102

Die Weimarer Republik hatte mit den ungeklärten Machtverhältnissen nach der durch
den Kieler Matrosenaufstand vom November 1918 ausgelösten Revolution auch innen-
politisch ein schweres Erbe übernommen. Das durch die Weimarer Reichsverfassung
manifestierte politische System stand – politisch wie wissenschaftlich – beständig auf
dem Prüfstand. Spätestens seit 1930 wurde in Deutschland sowohl auf Tagungen wie
auch in Publikationen vermehrt von der „großen Staatsreform“ gesprochen und ge-
schrieben. Um die Jahreswende 1932/1933 ging es dann ganz konkret um die Frage, ob
bereits ein Staatsnotstand vorliege, der entsprechende Maßnahmen rechtfertige, oder ob
es gar keinen „echten Staatsnotstand“ gebe. Dabei ging es zum einen um die wachsende
Unmöglichkeit, eine Mehrheit im Reichstag für Gesetzesvorlagen der Reichsregierung
zustande zu bringen, zum anderen um die zunehmenden Angriffe der Kampforganisati-
onen von KPD und NSDAP auf die bürgerliche Ordnung. In Berlin und anderen deut-
schen Großstädten lieferten sich Rotfrontkämpferbund und SA (Sturm-Abteilung) im-
mer häufiger blutige Straßenschlachten, in die oft auch die Polizei involviert war.103

5.1 Notstandsplanungen der Reichsleitung

Kurz vor dem Sturz Franz von Papens als Reichskanzler ließ Reichswehrminister Kurt
von Schleicher im November 1932 ein militärisches Planspiel durchführen, um zu prü-
fen, ob sich Reichswehr und preußische Polizei tatsächlich gegen einen gemeinsamen
Aufstand von NSDAP und KPD behaupten könnten. Der Leiter dieses Planspiels war

101 Sowohl der für die auf „getürkten“ Daten basierende Aufnahme Griechenlands verantwortliche da-
malige Ministerpräsident (1996-2004) Konstantinos Simitis, als auch der zwielichtige Ex-
Premierminister (zuletzt 2008-2011) Italiens Silvio Berlusconi schieben die Schuld an der wirt-
schaftlichen Misere ihrer Länder den wirtschaftstarken Staaten des Nordens, insbesondere Deutsch-
land, zu.
102 Neumann 1980, S. 116.
103 Auch die übrigen Parteien hatten Kampfbünde, wie z.B. „Stahlhelm“ (Deutsch Nationale Volkspar-
tei) oder „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ (SPD).

106
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Schleichers Vertrauter Oberstleutnant Eugen Ott, Leiter der Wehrmachtsabteilung im
Reichswehrministerium. Das Ergebnis war niederschmetternd:

„[…] habe sich bei sorgfältiger Abwägung gezeigt, daß die Ordnungskräfte des Reiches
und der Länder in keiner Weise ausreichten, die verfassungsmäßige Ordnung gegen einen
gemeinsamen Aufstand von Nationalsozialisten und Kommunisten aufrechtzuerhalten und
zugleich im Osten die Grenzen gegen einen dann zu erwartenden Aufstand der Polen zu
schützen. Es sei daher die Pflicht des Reichswehrministers, die Zuflucht der Regierung zum
militärischen Ausnahmezustand zu verhindern“.104

Am 3. Dezember 1932 wurde Papen als Reichskanzler gestürzt, und Schleicher trat an
seine Stelle. Sechs Tage später beschloss der Reichstag, Art. 51 WRV dahingehend zu
ändern, dass nicht mehr der Reichskanzler, sondern der Reichstagspräsident Stellvertre-
ter des Reichspräsidenten sein solle.105 Damit war Schleichers Ambitionen verfassungs-
rechtlich ein Riegel vorgeschoben worden.106 Gegen das am 31. Januar 1933 erwartete
Misstrauensvotum des Reichstags sollte der Reichstag nach dem Willen Schleichers
aufgelöst und die Neuwahlen – gegen den Wortlaut der Verfassung (Art. 25 WRV) –
ausgesetzt werden.107 Carl Schmitt war wegen seiner engen Kontakte zur Wehrmachts-
abteilung der Reichswehr offenbar unmittelbar in die Notstandsplanungen der Reichs-
leitung eingeschaltet.108 Ob allerdings Volker Neumanns Sicht der Dinge aus dem Jahre
1980, Carl Schmitt habe von 1929 an den „schleichenden Übergang zur Diktatur auf der
staatsrechtlichen Ebene“ vorbereitet,109 zutrifft, ist angesichts neuerer Forschungen frag-
lich. Tatsächlich fungierte Schmitt als einer der staatsrechtlichen Berater der Reichs-
wehr. Am 13. September 1932 hatte Oberstleutnant Ott eine Aussprache mit den drei
Staatsrechtslehrern Carl Schmitt, Karl Bilfinger und Erwin Jacobi. Auf die Frage, ob ei-
ne Verschiebung der Neuwahlen staatsrechtlich zu decken sei, bejahten alle Drei die
Frage:

„Wenn Verschiebung der Neuwahl begründet wird auf Verfassungseid (Schaden vom Vol-
ke abzuwenden) und begründet wird mit der schweren gegenwärtigen Notlage des deut-
schen Volkes, das unbedingt Ruhe braucht, so entsteht echtes Staatsnotrecht“.110

104 Huber 1964, Dok. Nr. 498, S. 619ff.; auf die Loyalität der Reichswehr konnte sich die Reichsregie-
rung ohnehin nicht verlassen.
105 Gesetz über Änderung der Reichsverfassung, in Kraft getreten am 17.12.1932 (RGBl. I, S. 547).
106 Vgl. Neumann 1980, S. 125.
107 Art. 25 WRV lautet: „Der Reichspräsident kann den Reichstag auflösen. […] Die Neuwahl findet
spätestens am sechzigsten Tage nach der Auflösung statt“.
108 Vgl. Huber 1988, S. 33ff.; Muth 1991, S. 75-147.
109 Neumann 1980, S. 107.
110 Zitiert nach Berthold 1999, S. 33.

107
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5.2 Der Reichspräsident in Beugehaft?

Reichspräsident von Hindenburg verweigerte diesem Vorhaben jedoch seine Zustim-


mung, und auch die demokratischen Parteien lehnten einen solchen Verfassungsbruch
ab.111 Ein Treffen maßgeblicher Reichswehroffiziere unter dem Vorsitz des Chefs der
Heeresleitung, General Kurt von Hammerstein, kam zu dem Ergebnis, dass Hindenburg
genötigt werden solle, Hitler nicht zum Kanzler zu berufen. Im Falle seiner Weigerung
sollte der militärische Ausnahmezustand verhängt und der Reichspräsident in der Fes-
tung Potsdam festgesetzt werden. Schleicher verwarf diesen Plan jedoch, am 28. Januar
wurde er entlassen,112 und am 31. Januar 1933 wurde Hitler zu seinem Nachfolger er-
nannt. Die Verfassung des Deutschen Reichs vom 11. August 1919 enthielt mit Art. 48
einen Notstandsartikel, der weitgehende Vollmachten für den Reichspräsidenten enthielt
und folgendermaßen lautete:

„Wenn ein Land die ihm nach der Reichsverfassung oder den Reichsgesetzen obliegenden
Pflichten nicht erfüllt, kann der Reichspräsident es dazu mit Hilfe der bewaffneten Macht
anhalten.
Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reich die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Si-
cherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der be-
waffneten Macht einschreiten. Zu diesem Zwecke darf er vorübergehend die in den Arti-
keln 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil
außer Kraft setzen.
Von allen gemäß Abs. 1 oder Abs. 2 dieses Artikels getroffenen Maßnahmen hat der
Reichspräsident unverzüglich dem Reichstag Kenntnis zu geben. Die Maßnahmen sind auf
Verlangen des Reichstages außer Kraft zu setzen.
Bei Gefahr im Verzuge kann die Landesregierung für ihr Gebiet einstweilige Maßnahmen
der in Abs. 2 bezeichneten Art treffen. Die Maßnahmen sind auf Verlangen des Reichsprä-
sidenten oder des Reichstages außer Kraft zu setzen.
Das Nähere bestimmt ein Reichsgesetz.“

5.3 Staatsnotrecht außerhalb der Verfassung

Von der „Diktaturgewalt“ dieses Notstandsartikels113 hatten bereits in den 1920er Jah-
ren beide Reichspräsidenten, Ebert und Hindenburg, ausgiebig Gebrauch gemacht.
Auch diese „äußerste Legalitätsreserve“ der Weimarer Verfassung114 half in der Krise
der Jahreswende 1932/33 jedoch nicht weiter. Sie enthielt nach herrschender Meinung
auch gar kein „Staatsnotrecht“ des Reichspräsidenten.115 Carl Schmitt hatte vielmehr

111 Auch Schmitt änderte seine Meinung im Herbst 1932 und stand dem Notstandsplan nun mit großer
Skepsis gegenüber, Berthold 1999, S. 34, 40f.
112 Es erwies sich nun, dass Schleicher – ebenso wenig wie sein Vorgänger Papen – über keinen Rück-
halt im Reichstag verfügte, vgl. Berthold 1999, S. 42.
113 Grau 1922; Schmitt 1924; Nawiasky 1925, S. 1ff.
114 Berthold 1999, S. 55.
115 Anschütz 1919, S. 279,

108
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stets ausdrücklich darauf verwiesen, dass ein Staatsnotrecht nicht innerhalb, sondern
außerhalb der Verfassung zu suchen sei:

„Das Staatsnotrecht beruht darauf, daß außerhalb oder entgegen Verfassungsbestimmungen


im extremen, unvorhergesehenen Fall irgendein staatliches Organ, welches die Kraft zum
Handeln hat, vorgeht, um die Existenz des Staates zu retten und das nach Lage der Sache
Erforderliche zu tun“.116

Letztlich geht es bei der Frage nach dem Ausnahmezustand um einen Grundwider-
spruch des modernen Staates, nämlich den zwischen Ordnung und Freiheit. Peter
Schneider hat im Rahmen seiner Untersuchungen zu Ausnahmezustand und Norm die
Frage aufgeworfen: Ist Souveränität – gleich welcher Art – im demokratischen Rechts-
staat überhaupt denkbar? Dabei gehe es um die Antinomie zwischen Freiheit und Staat,
die eine eindeutige Entscheidung verlange:

„Entweder ist die Freiheit oder dann ist der Staat das Höchste. […] Die Souveränität der
Freiheit ist also im Normalzustand, die Souveränität des Staates im Ausnahmezustand aktu-
ell“.117

Carl Schmitt hatte bereits 1922 konstatiert, dass eine Jurisprudenz, „die sich an den Fra-
gen des täglichen Lebens und der laufenden Geschäfte“ orientiere, „kein Interesse an
dem Begriff der Souveränität“ habe.118 Dieses Desinteresse an Souveränitätsfragen lässt
sich in der Tat bis in unsere Tage bei vielen Staatsrechtslehrern feststellen.

5.4 Übergesetzlicher Notstand als Rechtfertigung für Waffenlieferungen?

In der Bundesrepublik Deutschland verbietet Art. 26 Grundgesetz die Vorbereitung ei-


nes Angriffskrieges, derartige Handlungen – z.B. der Bundesregierung – sind verfas-
sungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen. „Zur Kriegführung bestimmte Waffen dür-
fen nur mit Genehmigung der Bundesregierung hergestellt, befördert und in Verkehr
gebracht werden“ (Abs. 2). Als Ausführungsgesetz zu Art. 26 Abs. 2 Grundgesetz ist
am 1. Juni 1961 das Kriegswaffenkontrollgesetz in Kraft getreten. Zu den Kriegswaffen
gehören u.a. alle Kriegsschiffe sowie U-Boote. Zuständig für die Genehmigung ist das
Bundeswirtschaftsministerium. Letztlich entscheidet aber der Bundessicherheitsrat, der
aus neun Mitgliedern (Bundeskanzlerin, Chef des Bundeskanzleramtes, Bundesminister
des Auswärtigen, der Verteidigung, der Finanzen, des Innern, der Justiz, für Wirtschaft
und für wirtschaftliche Zusammenarbeit) besteht, geheim tagt und keiner parlamentari-
schen Kontrolle unterliegt. Seit 1955 liefern die deutschen Bundesregierungen – gleich
welcher Couleur – jedoch Waffen (darunter auch U-Boote) – an Israel, um dessen Si-

116 Schmitt 1924, S. 83f.


117 Schneider 1957, S. 110, 111.
118 Schmitt PTh, S. 18.

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cherheit zu gewährleisten. Auch Bundeskanzler Willy Brandt genehmigte Waffenliefe-
rungen an Israel, was von den Beteiligten seinerzeit als „Rechtsbruch“ verstanden und
mit einem „übergesetzlichen Notstand“ gerechtfertigt wurde.119 Eigentlich unterliegen
Waffenlieferungen in Krisengebiete besonderen Restriktionen, für Israel wird jedoch ei-
ne Ausnahme gemacht. Als im Juni 2012 bekannt wurde, dass Deutschland U-Boote an
Israel liefert,120 die mit atomaren Marschflugkörpern ausgestattet werden können, wurde
öffentliche Kritik laut,121 die freilich keine erkennbare Änderung der Politik der Bun-
desregierung bewirkt hat.

6. Fazit: Der permanente Ausnahmezustand

Die Krisen des globalen Finanzsystems haben dazu geführt, dass der Handlungs- und
Entscheidungsspielraum der Staaten, aber auch der supra- und internationalen Instituti-
onen, signifikant geschrumpft ist. Unter Aufbietung enormer Geldmittel – aber mit nur
mäßigem Erfolg – wird in der Europäischen Währungsunion (Eurozone) mit Hilfe sog.
Rettungsschirme versucht, das Finanzsystem zu stabilisieren. Mit der Gefahr für die
Stabilität des Euro wird von den Regierenden eine Art „finanzpolitischer Ausnahmezu-
stand“ heraufbeschworen. Grundlegende Prinzipien der parlamentarischen Demokratie
bleiben dabei jedoch auf der Strecke, wenn Parlamente zu bloßen Akklamationsinstan-
zen für an anderer Stelle bereits entschiedene milliardenschwere „Rettungspakte“ de-
gradiert werden. Zudem haben die angewandten Strategien allenfalls eine mittlere
Reichweite, die in erster Linie die Eurozone umfasst. Auf die Aktionen anderer staatli-
cher Mitspieler (USA, Japan, China), fremder Notenbanken oder gar privater Investoren
haben Europäische Zentralbank oder vom Europäischen Rat veranlasste „Rettungs-
schirme“ zumindest keinen direkten Einfluss. Das globale Finanzsystem entzieht sich
weitestgehend den Einflussmöglichkeiten von Einzelstaaten und multi- oder internatio-
nalen Institutionen. Das ist aber keinesfalls zufällig oder eine Art „Unfall“, sondern
vielmehr von neoliberalen Kräften in den Regierungen westlicher Staaten – allen voran
die USA und Großbritannien – durchaus gewollt (gewesen).
In jüngster Zeit hat sich besonders Giorgio Agamben – in Anlehnung an Carl Schmitt
sowie an Walter Benjamin,122 der von dem „Ausnahmezustand als Normalfall“ spricht,
– mit dem Ausnahmezustand befasst und konstatiert, dass sich die westlichen Demokra-
tien in einem „permanenten Ausnahmezustand“ befinden. In seinen Schriften Homo

119 Der Spiegel Nr. 23 vom 4.6.2012, S. 20-33 [24].


120 Drei U-Boote der Kieler Howaldtswerke-Deutsche Werft sind bereits geliefert worden, drei weitere
sollen bis 2017 übergeben werden. Deutschland bezahlt ein Drittel der Kosten (135 Mill. €) und
stundet den israelischen Anteil bis 2015.
121 Günter Grass hatte in einem Gedicht Israel als eine „Bedrohung des Weltfriedens“ bezeichnet und
vor einem Krieg Israels gegen Iran gewarnt und war dafür scharf kritisiert worden.
122 Benjamin 1965.

110
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sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben123 und Ausnahmezustand: Homo
sacer II.1124 geht es ihm um das „Paradox der Souveränität“, nämlich dass der Souverän
zugleich innerhalb und außerhalb der Rechtsordnung steht. Hier ist unschwer der Bezug
zu Carl Schmitts Diktaturkonzept zu erkennen, der ja auch davon ausgeht, dass der
Ausnahmezustand letztlich außerhalb der Rechtsordnung angesiedelt ist und das Volk
als Souverän außerhalb der geltenden Rechtsordnung steht („souveräne Diktatur“),
wenn es sich eine neue Verfassung gibt. Agamben verortet den Ausnahmezustand zwi-
schen Demokratie und Absolutismus und konstatiert, dass dieser Zustand heute immer
mehr von der Ausnahme zur Regel125 und damit zu einer „selbstverständlichen“ Tech-
nik des Regierens geworden ist.126 Aus der Endphase der Weimarer Republik zieht
Agamben den Schluss,

„daß eine ‚geschützte Demokratie‘ keine Demokratie ist und daß das Paradigma der Ver-
fassungsdiktatur eher als Phase eines Übergangs funktioniert, der in fataler Weise zur Ein-
setzung eines totalitären Regimes führt“.

Die Frage, ob man Agambens Interpretation des Schmittschen Denkens – und die Ver-
knüpfung mit der Foucaultschen Biopolitik – zu folgen bereit ist, ist offen. Allerdings
sind Agambens Einwände durchaus ernst zu nehmen. Er knüpft damit nämlich an Kel-
sens berühmtes Diktum an: Wer die Demokratie will, darf nicht zur Diktatur greifen,
um die Demokratie zu retten. Denn es wird ihm nicht gelingen, die Demokratie zu ret-
ten, vielmehr wird er am Ende mit nichts Anderem als einer Spielart des breiten Spekt-
rums totalitärer Systeme konfrontiert sein. Wer die Demokratie aufs Spiel setzt, wird sie
verlieren, sie zurückzuholen ist hingegen kaum möglich. Die Konsequenzen aus dieser
Erkenntnis finden sich in der Debatte um die „Postdemokratie“. Als Hülle existiert die
Demokratie auch im „permanenten Ausnahmezustand“, es finden Wahlen statt, manch-
mal werden auch Regierungen abgewählt, aber es ändert sich nichts Grundlegendes.127
Chantal Mouffe weist unter Bezugnahme auf den Altmeister Niccolò Machiavelli ein-
dringlich auf die Gefahren des „Postpolitischen“ hin:

„Die postpolitische Perspektive ist durch die Behauptung definiert, wir seien in eine Ära
eingetreten, in der dieser potentielle Antagonismus [nämlich der zwischen den Herrschen-
den und den Beherrschten] verschwunden ist. Damit aber läuft sie Gefahr, die Zukunft de-
mokratischer Politik aufs Spiel zu setzen“.128

Ist das die Erklärung für die Merkwürdigkeiten unserer Zeit, dass wir uns in einer
„postpolitischen“ Phase befinden? Es wäre aber auch durchaus denkbar, dass der Ge-

123 Agamben 2002.


124 Agamben 2004.
125 Benjamin 1942, S. 697.
126 Agamben 2004, S. 8f.
127 Crouch 2008, S. 10; Rancière 2002.
128 Mouffe 2007, S. 14.

111
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genstand dieses – zugegebenermaßen sehr anspruchsvollen – Versuchs einer Beschrei-
bung lediglich die Spitze des Eisbergs ist. Wir können nur beschreiben, was wir sehen.
Für den Versuch des globalen Finanzsystems, die Weltherrschaft zu übernehmen,
scheinen wir aber keine Augen zu haben. Er entzieht sich offenbar der Wahrnehmung
durch unsere fünf Sinne. Das erlaubt es uns dann auch – im Lehnstuhl gemütlich vor
dem Kamin sitzend –, ernsthaft über die Frage zu lamentieren, ob die Beschaffung be-
waffneter Drohnen für die Bundeswehr die (von Deutschland ausgehende?) Kriegsge-
fahr erhöht, oder ob die Regelung des Ausnahmezustands im Grundgesetz den Einsatz
demokratievernichtender Instrumente durch die Herrschenden wahrscheinlicher macht.
Für eine Analyse der Gefahren für die Demokratie in der Gegenwart fehlt dann meist
der nötige Elan.

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Preußische Bindungen

Carl Schmitts „Ausnahmezustand“ in verfassungsgeschichtlicher Perspektive

Dirk Blasius

1. Der Ausnahmezustand als Rechtsproblem

Bei Carl Schmitt ist zwischen Einsichten und Absichten zu unterscheiden. Das gilt be-
sonders für eine seiner wirkungsmächtigsten Definitionen, die kategoriale Erfassung des
„Ausnahmezustandes“. 1922 veröffentlichte Schmitt unter dem Titel Politische Theolo-
gie „Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität“. Das erste Kapitel „Definition der
Souveränität“ leitete er mit dem Satz ein: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezu-
stand entscheidet.“1 Der ideengeschichtliche und rechtstheoretische Zuschnitt seiner
Überlegungen hat deren Rezeption stark beeinflusst. Giorgio Agamben greift auf
Schmitt zurück, wenn er einen dem Ausnahmezustand anhaftenden Widerspruch zu be-
nennen versucht. Wie könne durch eine Suspendierung der gültigen Ordnung deren Be-
stehen gesichert werden? Der Ausnahmezustand bleibt bezogen auf die geltende
Rechtsordnung, und es sei die Frage, ob er diese zum Einsturz bringe oder für den Fall
äußerster Not und der Gefährdung der Existenz des Staates nur eine Rechtslücke schlie-
ße.

„Wenn das Eigentümliche des Ausnahmezustands die (totale oder partielle) Suspendierung
der Rechtsordnung ist, wie kann dann eine solche Suspendierung noch in der Rechtsord-
nung enthalten sein? Wie kann eine Anomie in die Rechtsordnung eingeschrieben sein?“2

Ernst-Wolfgang Böckenförde, der bedeutende Staatsrechtler der Bundesrepublik, hat im


Rückgriff auf Carl Schmitt für einen rechtspolitischen Pragmatismus plädiert. Gelernt
habe er von Schmitt, so Böckenförde, „daß der Ausnahmezustand im Grunde dazu
dient, in der Krise eine bestehende Ordnung so weit möglich wieder zu stabilisieren.
Auch im Ausnahmezustand kann nicht alles gemacht werden, was man will. Auch er hat
eine Struktur, die dazu dient, über die Krise hinwegzukommen.“3 In seiner Freiburger
Antrittsvorlesung Der verdrängte Ausnahmezustand. Zum Handeln der Staatsgewalt in
außergewöhnlichen Lagen von 1978, die er Carl Schmitt zum 90. Geburtstag widmete,
vertrat Böckenförde die These,

„daß die Erhaltung der Integrität der rechtsstaatlichen Ordnung nicht durch eine vermehrte
Gesetzgebung (Problem der sog. Antiterrorgesetze) und schon gar nicht durch die Einfüh-
rung des ‚übergesetzlichen Notstandes’ im Verfassungsrecht erreicht werden kann, sondern

1 Schmitt 1922, S. 9.
2 Agamben 2004, S. 32.
3 Böckenförde 2011, S. 372.
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an die Anerkennung der Möglichkeit des Ausnahmezustandes und dessen verfassungsrecht-
liche Verankerung gebunden ist.“4

Böckenförde argumentierte von einer durch die Verfassungsordnung des Grundgesetzes


vorgegebenen „Verfassungsvorstellung“ aus, bezog aber auch eine „Verfassungstraditi-
on“ ein, die eine ausdrückliche Regelung des Ausnahmezustandes enthalten habe. 5 Hier
stellt sich die Frage nach der Stellung Carl Schmitts in dieser Tradition.
Der folgende Beitrag untersucht die „Rezeptionsfähigkeit“ (Böckenförde) von Schmitts
Lehre vom Ausnahmezustand.6 Methodisch wird ein Weg eingeschlagen, der histori-
sches und juristisches Interesse an Schmitt verbindet. Seine begrifflichen Umschreibun-
gen des Ausnahmezustandes werden auf die geschichtlichen Krisen bezogen, mit denen
er sich im Verlauf seines Lebens konfrontiert sah.

2. Von der „Diktatur und Belagerungszustand“ zur „Verfassungslehre“

Schmitts Grundgedanke von 1922, den Ausnahmezustand „im eminenten Sinne“ für die
juristische Definition der Souveränität auszuweisen, gewann am Ende der Weimarer
Republik eine eminente politische Bedeutung. Die „Frage nach der Souveränität“ warf
die „Frage nach dem Subjekt der Souveränität“ auf. Wer sollte zuständig sein für die
Entscheidung, ob in einem „extremen Notfall“ des Staates – und dieser war Anfang der
1930er Jahre eingetreten – „die Verfassung in toto suspendiert werden kann.“7 Carl
Schmitt stellte mit seinen „Lehren“ den Entscheidungsträgern der Weimarer Politik ein
gedankliches Gerüst zur Verfügung.

„Historisch-politisch-staatsrechtlich betrachtet laufen die Überlegungen offenbar auf eine


Überhöhung der Diktaturgewalt des Reichspräsidenten und Oberbefehlshabers der Wehr-
macht nach Art. 48 Abs. 2 WRV hinaus.“8

Ob Schmitt „in der Agonie der Weimarer Republik“ auf den Ausnahmezustand setzte,
um zur Normallage der Verfassungsordnung zurückzukehren, ist historisch umstritten.9
Seine Tagebücher der Jahre 1930 – 1934 relativieren seine Rolle als Rechtsberater der
drei Präsidialregierungen Brüning, Papen und Schleicher.

„Nach der Veröffentlichung der Tagebücher […] lässt sich seine juristische Ausdeutung des
Präsidialsystems schwerlich weiter als Verteidigung der liberalen Substanz Weimars lesen.
Man muss zwischen dem juristischen und dem politischen Denken unterscheiden. Politisch

4 Böckenförde 1978, S. 1881.


5 Böckenförde 1978, S. 1888.
6 Böckenförde 2011, S. 378.
7 Vgl. Schmitt 1922, S. 9 f.
8 Hofmann 2006, S. 273 f.
9 Oberreuter 2008.
116
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wünschte er niemals die Rückkehr zum parlamentarischen Gesetzgebungsstaat. Die Erwar-
tung einer Wiederkehr des faulen Liberalismus war Ende Januar 1933 abwegig.“10

In der auf das Ende der Weimarer Republik eingegrenzten politischen Diskussion des
Ausnahmezustandes gerät aus dem Blick, dass Carl Schmitts Begriffe weit in den Raum
der preußisch-deutschen Verfassungsgeschichte hineinreichen. Sein Werk spiegelt deren
Wendungen, Zuspitzungen und Fehlentwicklungen.
Carl Schmitts Begriff des Ausnahmezustandes fußt auf einem Sockel historischer Erfah-
rungen, die ihm der Erste Weltkrieg vermittelte. Im August 1916 entließ der Kaiser den
umstrittenen Chef der Heeresleitung Falkenhayn und verfügte die Ernennung
Hindenburgs zum Chef des Generalstabs und Ludendorffs zum Ersten Generalquartier-
meister. Mit der Bildung der dritten Obersten Heeresleitung verschoben sich in einer
kritischen Phase des Krieges die Gewichte im Verhältnis von politischer und militäri-
scher Führung. Es drohte ein „System militärischer Suprematie“, für das sich in der po-
litischen Öffentlichkeit der Name „Militärdiktatur“ einbürgerte. 11 Carl Schmitt, Privat-
dozent an der Universität Straßburg, griff in einem Artikel, der 1917 in der Zeitschrift
für die gesamte Strafrechtswissenschaft erschien, die Diskussion auf. Aus der Sicht der
Staatsrechtslehre handelte er das Thema „Diktatur und Belagerungszustand“ ab. 12 Man
kann diesen Beitrag als das erste Betreten eines politischen Problemfeldes werten, auf
dem er noch viele Schritte tun sollte. Schmitt arbeitete in historischer Perspektive „den
begrifflichen Gegensatz von Belagerungszustand und Diktatur“ heraus und verwies in
der historischen Einkleidung seiner Argumente auf die Grenzen militärischen Machtan-
spruchs gegenüber den Trägern der Zivilgewalt. Schmitt entwickelte seine These, dass
es „historisch ganz unberechtigt“ sei, „den Belagerungszustand als Rechtsinstitution mit
der Diktatur zu identifizieren“, hauptsächlich an der Gesetzgebung Frankreichs, die ei-
nen erheblichen Einfluss auf die „heute im Deutschen Reich geltenden Gesetze“ gehabt
habe.13 Die Revolution des Jahres 1848 ist in Schmitts Augen der Anlass gewesen, sich
der rechtlichen Behandlung des Staatsnotstandsproblems anzunehmen. Die französische
„loi sur l’état de siège“ vom 9. August 1849 wurde zum „Vorbild“ auch der deutschen
Gesetzgebungen.14 Besonders geht Schmitt auf „das preußische Gesetz vom 4. Juni
1851“ ein, „das durch Art. 68 der Reichsverfassung zum Reichsgesetz geworden ist.“15
So sehr sich Schmitt auch in den historischen Stoff vergräbt, dessen Relevanz für das
Problem des Ausnahmezustandes in der Gegenwart verliert er nicht aus dem Auge. Das
preußische Gesetz von 1851, schreibt Schmitt, dachte, „entsprechend den historischen
Verhältnissen seiner Entstehungszeit, mehr an eine Revolution als an einen Krieg“. Die

10 Mehring 2011, S. 65.


11 Huber 1978, Bd. V, S. 213 f.
12 Schmitt 1917.
13 Schmitt 1917, S. 138 f.
14 Schmitt 1917, S. 153; vgl. Boldt 1967, S. 47-53.
15 Schmitt 1917, S. 147; vgl. Boldt 1967, S. 60-73.
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revidierte Verfassung Preußens vom 31. Januar 1850 hatte in Art. 111 ein Gesetz in
Aussicht gestellt, das es ermöglichen sollte, „für den Fall eines Krieges oder Aufruhrs
bei dringender Gefahr für die öffentliche Sicherheit“ die in der Verfassungsurkunde ge-
nannten Grundrechte „zeit- und distriktweise“ außer Kraft zu setzen.16 Das Gesetz über
den Belagerungszustand wurde 1851 in der Preußischen Gesetzsammlung veröffent-
licht.17 Es traf Regelungen „für den Fall eines Krieges“, aber auch „in Friedenszeiten“
konnte „für den Fall eines Aufruhrs“ der Belagerungszustand erklärt werden. Die Zu-
ständigkeit zur Verhängung des Belagerungszustandes übertrug das Gesetz nicht dem
König, sondern dem preußischen „Staats-Ministerium“ (§ 2).18 Die Besonderheit dieser
Gesetzgebung bestand darin, dass die Erklärung des Belagerungszustandes ein strenger
Formalakt war.19

„Die Erklärung des Belagerungszustandes ist bei Trommelschlag oder Trompetenschall zu


verkünden, und außerdem […] durch Anschlag an öffentlichen Plätzen und durch öffentli-
che Blätter ohne Verzug zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. – Die Aufhebung des Bela-
gerungszustandes wird durch Anzeige an die Gemeindebehörde und durch die öffentlichen
Blätter zur allgemeinen Kenntniß gebracht.“ (§ 3)

Diese strenge Formulierung des konstitutionellen Belagerungszustandes blieb erhalten,


wenn auch die Bismarcksche Reichsverfassung die Zuständigkeitsnorm änderte. Das
Recht, den Reichsbelagerungszustand zu verkünden, hatte nun der deutsche Kaiser. Die
Verfassung des Deutschen Reichs vom 16. April 1871 legte in ihrem Titel über das
„Reichskriegswesen“ in Art. 68 fest, dass der Kaiser, „wenn die öffentliche Sicherheit
in dem Bundesgebiete bedroht ist, einen jeden Theil desselben in Kriegszustand erklä-
ren“ könne. „Bis zum Erlaß eines die Voraussetzungen, die Form der Verkündigung
und die Wirkungen einer solchen Erklärung regelnden Reichsgesetzes gelten dafür die
Vorschriften des Preußischen Gesetzes vom 4. Juni 1851.“20 Das preußische Gesetz
blieb bis zum Ende des Kaiserreichs Teil des Reichsstaatsrechts.
Die Verschachtelung von preußischem Recht und Reichsrecht hatte Schmitt vor Augen,
wenn er das „Ergebnis“ seiner Ausführungen festhielt:

„Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Belagerungs- oder Kriegszustandsge-
setze beabsichtigen nicht eine Vereinigung von Legislative und Exekutive. Der Militärbe-
fehlshaber bekommt intensive Exekutivbefugnisse, die vollziehende Gewalt konzentriert
sich ganz in seiner Hand, gesetzliche Schranken fallen fort. Aber seine Tätigkeit und Kom-
petenz bleibt innerhalb der Exekutive. […] Hier ist der maßgebende rechtliche Unterschied
zwischen dem Belagerungs- (oder Kriegs-) Zustand und der Diktatur zu sehen: beim Bela-
gerungszustand tritt unter Aufrechterhaltung der Trennung von Gesetzgebung und Vollzug
eine Konzentration innerhalb der Exekutive ein; bei der Diktatur bleibt der Unterschied von
Gesetzgebung und Vollzug zwar bestehen, aber die Trennung wird beseitigt, indem die

16 Huber 1961, Dokumente, S. 401-414, hier S. 413.


17 Huber 1961, S. 414-418.
18 Huber 1963, S. 61 f.
19 Vgl. Huber 1963, S. 1049.
20 Huber 1964, Dokumente, S. 290-305, hier S. 304.
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gleiche Stelle den Erlaß wie den Vollzug der Gesetze in der Hand hat – sei es, daß die Exe-
kutive auch die Legislative oder daß die Legislative auch die Exekutive übernimmt.“21

Carl Schmitt argumentiert an dieser Stelle ganz in der preußischen Tradition einer
rechtsstaatlichen Einhegung des Belagerungszustandes. Dessen „Unterarten“, den mili-
tärischen und sicherheitspolizeilichen Belagerungszustand, stellte er scharf der „Dikta-
tur“ gegenüber.22 Hier knüpft er an einen Rechtsgelehrten des 19. Jahrhunderts an, der
den eigenen wissenschaftlichen Weg immer wieder begleitet hat. Lorenz von Stein
(1815-1890) war für Schmitt eine Art Referenzfigur.23 Als Jurist und politischer Publi-
zist war er einer der produktivsten Köpfe seiner Zeit. In der mehrbändigen Verwaltungs-
lehre, an der Stein ab Mitte der 1860er Jahre arbeitete, behandelte er die zentralen Legi-
timationsprobleme der bürgerlichen Ordnung, die der Entwicklungsgang der bürgerli-
chen Gesellschaft aufwarf.24 Carl Schmitt wertete Steins Verwaltungslehre als einen
großartigen Versuch „konkreten Ordnungsdenkens“.

„Der liberalen Gewaltenteilungslehre, der Grundlage des liberalen Rechtsstaates und des
ihm zugeordneten normativistischen Positivismus, wird – bei Stein weit größer als bei
Gneist – deutsches Ordnungsdenken entgegengesetzt“, schrieb Schmitt 1934.25

Doch für Stein gehörten trotz seines am monarchischen Staat festhaltenden und dessen
Handlungsmöglichkeiten anmahnenden Denkens rechtsstaatliche Errungenschaften zur
Signatur seines Jahrhunderts. In den Teil seiner Verwaltungslehre, der das Polizeirecht
enthält, fügte er ein eigenes Kapitel über „Das Recht des Belagerungszustandes“ ein. Er
untergliederte dieses Recht in „Kriegszustand und bürgerlicher Belagerungszustand“.26

Für Stein bestand „kein Zweifel, daß derjenige Zustand, den wir den Belagerungszustand
[…] nennen, die äußerste sicherheitspolizeiliche Maßregel ist, deren Verhängung in der
Gewalt der Verwaltung liegt. Daß aber auch selbst für diesen Zustand ein objektiv gültiges
Recht zur Anerkennung gelangt ist, muß als einer der wesentlichsten Fortschritte der
staatsbürgerlichen Freiheit anerkannt werden.“27

Modellcharakter hatte für Stein das preußische Gesetz über den Belagerungszustand
vom 4. Juni 1851. Sein Urteil: „Das ausführlichste unter allen existirenden Gesetzen,
hart, aber klar.“ Der militärische werde hier vom „bürgerlichen Belagerungszustand“
geschieden, die „spezielle Suspension der einzelnen bürgerlichen verfassungsmäßigen
Rechte ist nothwendig.“28

21 Schmitt 1917, S. 154-156.


22 Schmitt 1917, S. 147.
23 Blasius 2001 u. 2007.
24 Stein 1866-1884 [1962].
25 Schmitt 1934, S. 47 f.
26 Stein 1867, S. 124-132.
27 Stein 1867, S. 124.
28 Stein 1867, S. 131.
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Auch Lorenz von Stein wird mit seinen die „Widersprüche und Balancierungen“ des
monarchischen Konstitutionalismus aufdeckenden Analysen in dem Werk zitiert, das
als Schmitts Hauptwerk gilt.29 Dass seine Verfassungslehre „den Typus einer rechts-
staatlich-demokratischen Verfassung mit einer bis auf den heutigen Tag überzeugenden
Systematik entwickelt hat“, wie Schmitt in der Vorbemerkung von 1954 zum unverän-
derten Nachdruck der 1928 erschienenen ersten Auflage schrieb, – dieser Einschätzung
muss freilich der Gesichtspunkt hinzugefügt werden, dass das Buch in einer Zeit schwe-
lender und offen ausbrechender Krisen des Weimarer Staates abgefasst wurde. Die
Rechtsfrage nach dem Ausnahmezustand stellt Schmitt 1928 anders als im Kriegsjahr
1917. In seiner Verfassungslehre wird sie auf den Krisenverlauf der Zwischenkriegszeit
bezogen. Der Akzent liegt jetzt auf der Entbindung „politischer Aktivität“, nicht mehr
auf „bürgerlich-rechtsstaatlichen Hemmungen der Staatsgewalt“, die, wie Schmitt
schreibt, im Laufe des 19. Jahrhunderts „den sog. Belagerungs-, Kriegs- oder Ausnah-
mezustand“ als „Rechtsinstitut“ etabliert hatten. Für Schmitt ist Ende der 1920er Jahre
die Zeit vorbei, in der die Vertreter des bürgerlichen Rechtsstaates den Ausnahmezu-
stand noch „misstrauisch perhorreszieren“ konnten.30 Auch die Balancierung im Ver-
hältnis von Diktatur und Belagerungszustand ist jetzt eine andere. Der Art. 48 Abs. 2
Satz 1 der Weimarer Verfassung hatte dem Reichspräsidenten das Recht eingeräumt,

„wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder
gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen
[zu] treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht ein- [zu]schreiten. Zu die-
sem Zwecke darf er vorübergehend die […] Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft
setzen.“31

Dieser Satz, so Schmitt, enthalte „die Regelung einer typischen Diktatur, zu deren We-
sen es gehört, daß a) der Diktator zu Maßnahmen ermächtigt wird, die von der Lage der
Sache bestimmt und weder Akte der Gesetzgebung noch der Justiz sind noch irgendei-
nes endgültig geregelten Verfahrens fähig sein können; daß ferner b) der Inhalt der Er-
mächtigung nicht tatbestandsmäßig im voraus beschrieben, sondern von dem Ermessen
des Ermächtigten abhängig ist.“32 Die Diktatur des Reichspräsidenten legt Schmitt als
„kommissarische Diktatur“ aus, die dem Zweck diene, „die öffentliche Sicherheit und
Ordnung, d.h. die bestehende Verfassung, zu schützen und zu verteidigen. Schutz der
Verfassung und Schutz jeder einzelnen verfassungsgesetzlichen Bestimmung ist eben-
sowenig dasselbe, wie Unantastbarkeit der Verfassung und Unantastbarkeit jeder ein-
zelnen verfassungsgesetzlichen Bestimmung.“33

29 Schmitt 1928 [1970], S. 309.


30 Schmitt 1928, S. 110.
31 Huber 1966, Dokumente, S. 129-156, hier S. 136.
32 Schmitt 1928 [1970], S. 111.
33 Schmitt 1928, S. 112.
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Im Begriff der „kommissarischen Diktatur“ lebt das klassische Modell des „bürgerli-
chen Belagerungszustandes“ fort. Auch in Preußen gehörte der Rückgriff auf den
„obersten Militärbefehlshaber“ zur Grundform des staatlichen Notstandsrechts. Man
muss dieses preußische Verfassungserbe als möglichen Motivstrang für Schmitts Enga-
gement in den Vorgängen um den sog. Preußenschlag ansehen.

3. Prägungen des „Ausnahmezustandes“ durch historische Lagen

Die Reichsregierung unter von Papen hatte, gestützt auf Art. 48 Abs. 1 und 2 der Wei-
marer Verfassung, die Regierung Preußens unter dem sozialdemokratischen Minister-
präsidenten Otto Braun am 20. Juli 1932 ihres Amtes enthoben. (Abs. 1) Carl Schmitt
verteidigte im Prozess „Preußen kontra Reich“ vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig im
Oktober 1932 das Vorgehen des Reiches.34 Die beiden Diktaturverordnungen des
Reichspräsidenten von Hindenburg, die „die Wiederherstellung der öffentlichen Sicher-
heit und Ordnung im Gebiet des Landes Preußen“ zum Ziel hatten, bewegten sich im
Rahmen der verfassungsmäßigen Vorgaben. Die Absetzungsverordnung wurde am 30.
Juni 1933 durch eine Folgeverordnung aufgehoben. Besonders die zweite Verordnung
des Reichspräsidenten vom 20. Juli 1932 „betreffend die Wiederherstellung der öffent-
lichen Sicherheit und Ordnung in Groß-Berlin und Provinz Brandenburg“ spiegelt die
Orientierung an den Normierungen des militärisch-polizeilichen Kriegs- und Belage-
rungszustands des 19. Jahrhunderts. Die „vollziehende Gewalt“ ging „auf den Reichs-
wehrminister über, der sie auf Militärbefehlshaber übertragen kann.“ Die „gesamte
Schutzpolizei des bezeichneten Gebiets“ wurde dem „Inhaber der vollziehenden Gewalt
[…] unmittelbar unterstellt.“ Die Grundrechtsartikel der Verfassung werden, heißt es in
§ 1, „bis auf weiteres außer Kraft gesetzt.“ Diese Verordnung wurde durch eine weitere
am 26. Juli 1932 aufgehoben.35
Carl Schmitt konnte die Gesamtaktion, unabhängig von den auf der Hand liegenden po-
litischen Implikationen, im Einklang mit dem „Sinn und Zweck des Ausnahmezustan-
des“ sehen, wie er ihn in seiner Verfassungslehre beschrieben hatte.36 Nach 1933 verfiel
Preußens Staats- und Rechtstradition zum Zitat in der Feier der nationalsozialistischen
Machterlangung. In einem „Rückblick“ auf den 20. Juli 1932, veröffentlicht am 23. Juli
1933 im Westdeutschen Beobachter, stehen zwei Sätze, die die Bruchstelle in Schmitts
historisch-politischem Denken genau benennen:

„Die militärisch-verwaltungsmäßige Technik des Preußenschlags vom 20. Juli 1932 war
meisterhaft. Aber ohne den Hintergrund der mächtigen nationalsozialistischen Bewegung

34 Preußen contra Reich vor dem Staatsgerichtshof 1933 [1976].


35 Huber 1992, Dokumente, S. 560-562.
36 Schmitt 1928 [1970], S. 26 f.
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wäre dieser Schlag nicht gelungen, und ohne, oder gar gegen diese Bewegung war der deut-
sche Staat nicht mehr zu halten.“37

Was war vom „deutschen Staat“ im NS-Staat übrig geblieben? In einer Nachbemerkung
zu einer 1931 erschienenen Publikation über Die staatsrechtliche Bedeutung der Not-
verordnung, insbesondere ihre Rechtsgültigkeit schrieb Schmitt 1958:

„Keine Verfassung kommt ohne Ausnahmezustand aus, mag dieser als kommissarische
Diktatur, politischer Belagerungszustand, Notstand, Regime außerordentlicher Vollmachten
oder wie immer benannt werden. Aber die spezifische Methode, mit der sich ein Regime
gegenüber dieser Lage verhält, ist enthüllend für seine konstitutionelle Organisation. Ein
absoluter Fürst bedarf keines Art. 48; der Machthaber eines totalitären Systems noch viel
weniger.“38

1933 hatte Carl Schmitt den Weg, den er von dem Aufsatz Diktatur und Belagerungs-
zustand zur Verfassungslehre gegangen war, verlassen. Die „Verfassung“ des Dritten
Reiches kam ohne die Typvarianten des Ausnahmezustandes aus. Wie das nationalsozi-
alistische Regime sich in einer schon früh eintretenden Lage des Ausnahmezustandes
verhielt, war enthüllend für seine totalitäre Organisation.
Carl Schmitt hat immer sein Wort in die Waagschale der Zeit werfen wollen, doch in
der ersten Hälfte des Jahres 1934 war dies besonders heikel. Eine Regimekrise braute
sich um das ungeklärte Verhältnis von SA und Reichswehr zusammen. Die Reichswehr
hatte sich früh zu Hitler bekannt, ihre Rolle wurde freilich durch den Rollenanspruch
der SA infrage gestellt. Der Stabschef der SA, Ernst Röhm, der seit Dezember 1933 als
Reichsminister ohne Geschäftsbereich dem Kabinett Hitler angehörte, warf die Rich-
tungsfrage der Politik auf und stellte sich damit gegen die Richtlinienkompetenz des
Reichskanzlers. Durch das rasante Anwachsen der Mitgliederzahl von siebzigtausend
im Jahr 1930 auf viereinhalb Millionen im Sommer 1934 war die SA unter der Führung
Röhms zu einem eigenständigen Machtfaktor geworden. Der von Hitler angestrebte
Gleichklang von Partei- und Staatsorganisation schien gefährdet. Besonders die
Reichswehr sah sich durch die Pläne Röhms, die SA zum Kern eines Milizheeres zu
machen, herausgefordert. Röhm bestand auf dem „Primat des weltanschaulichen Solda-
ten“. Der SA-Chef plante sicherlich keinen Putsch, doch mit seinen Sondervorstellun-
gen über den Fortgang der nationalsozialistischen Revolution und mit der gewaltigen
Macht im Rücken, „verkörperte er für den misstrauischen Hitler eine ständige potentiel-
le Putschdrohung.“39 In einer Rede vor dem Diplomatischen Korps und der Auslands-
presse brachte Röhm am 18. April 1934 seine Kritik und seine Forderungen unverblümt
vor:

37 Schmitt Juli 1933.


38 Schmitt 1958, S. 260.
39 Fest 1973 [1995], S. 641 f.
122
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„In einer unbegreiflichen Milde hat das neue Regiment in Deutschland bei der Machtüber-
nahme mit den Trägern und Handlangern des alten und noch älteren Systems nicht rück-
sichtslos aufgeräumt.“40

Die nationalsozialistische Revolution, das war in den Augen Röhms nicht die Verbin-
dung von preußischen Staats- und Rechtstraditionen mit der nationalsozialistischen Be-
wegung, nein, so beschloss er seine Ausführungen: „Die SA – das ist die nationalsozia-
listische Revolution!“
Röhms Konzept einer Permanenz-Revolution wurde von Hitler am 30. Juni 1934 ein
blutiges Ende bereitet. Carl Schmitt sah sich 1934 mit einer politischen Krise konfron-
tiert, die ihn nötigte, auf dem Boden eines „Neubaus des Staats- und Verwaltungs-
rechts“ zu agieren, für den er sich auf dem Leipziger Juristentag vom Oktober 1933 ve-
hement ausgesprochen hatte.41 Carl Schmitt war auf dem Deutschen Juristentag, der
vom 30. September bis 3. Oktober 1933 über 12.000 Richter, Staatsanwälte, Rechtsan-
wälte und Verwaltungsbeamte in den Leipziger Messehallen versammelte, kein beliebi-
ger Referent. Er besaß einen Ruf als Wissenschaftler und war in Spitzenämter des
„Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen“ aufgestiegen.42 Schmitt sprach am
3. Oktober, morgens 10 Uhr zum Thema „Der Neubau des Staats- und Verwaltungs-
rechts“. An diesem Tag notierte er in sein Tagebuch: „Leipzig 11 Uhr, großer Erfolg.“43
Den Erfolg bemaß Schmitt an der Aufnahme eines Vortrags, der die These von der Ex-
stirpation der Weimarer Verfassung untermauerte. Der Neubau des gesamten Staats-
rechts habe sich aus der neu eingetretenen historischen Situation ergeben. Die Macht-
übertragung an Hitler wird als Zäsur markiert. „Das gesamte öffentliche Recht des heu-
tigen Staates steht auf eigenem Boden. Die Weimarer Verfassung gilt nicht mehr.“44
Schmitts Ausführungen sind um ein rhetorisches Zentrum organisiert: die adversative
Charakterisierung von „früherer Rechtslage“ und der „rechtlichen Verfassungsgrundla-
ge des heutigen nationalsozialistischen Staates“. Die neue Gesamtstruktur der politi-
schen Einheit „Deutsches Reich“ sieht Schmitt durch ihre „Dreigliedrigkeit“ gekenn-
zeichnet:

„Der heutige deutsche Staat und sein Verfassungsrecht besteht in drei Elementen: Staat,
Bewegung, Volk. Diese drei Begriffe im richtigen Verhältnis zu sehen, ist die Vorausset-
zung jedes nationalsozialistischen Staats- und Verwaltungsrechts.“45

Schmitt stellte seinen staatsrechtlichen Neubauplan mit dem Gestus eines überlegen ar-
gumentierenden Wissenschaftlers vor, dessen Schlussfolgerungen Evidenz beanspru-
chen konnten.

40 Ursachen und Folgen, Bd. 10, S. 151 f.


41 Schmitt Oktober 1933.
42 Koenen 1995, S. 499-502.
43 Schmitt 2010, S. 305.
44 Schmitt Oktober 1933, S. 242.
45 Schmitt Oktober 1933, S. 245.
123
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„Wir sehen also Staat, Bewegung und Volk fortwährend in dieser dreifachen Einheit und in
einem Dreiklang. Die Gruppierung, die zwischen den drei Elementen notwendig ist, wird
dadurch hergestellt, daß die nationalsozialistische Bewegung nicht nur die staattragende –
als solche ist sie längst erkannt – sondern auch die volktragende Größe ist. Die Dreiheit –
Staat, Bewegung, Volk – wird demnach von der Bewegung getragen. Die Bewegung ist der
führende Teil. So erkennen wir das erste große Grundgesetz des heutigen nationalsozialisti-
schen Staates, das Gesetz des unbedingten Vorranges der politischen Führung, wie sie sich
in der nationalsozialistischen Bewegung unter ihrem Führer Adolf Hitler darstellt.“46

Zum Abschluss des Deutschen Juristentages traf auch Hitler in Leipzig ein und richtete
einen „Appell an die deutsche Justiz.“47 Der Führer, so berichtete der Völkische Be-
obachter, erläuterte

„die weltanschaulichen Grundlagen des Rechts und zeigte den Wandel auf, dem in der
Entwicklung der Völker auch die Rechtsauffassungen unterworfen sind. Er sprach insbe-
sondere über die rassische Bedingtheit des Rechtsbegriffes, die zu Erkenntnissen führe, die
für die Zukunft von entscheidender Bedeutung auch im internationalen Rechtsleben werden
würden. […] Aus der Einheit zwischen Volk und Staat ergebe sich klar und eindeutig die
Aufgabe der Staatsführung: Volkserhaltung, Rassenschutz und Rassenpflege. […] Die
Rechtsauffassung des liberalen Staates ende im Verfall eines Volkes, das am Staat und sei-
ner Justiz allmählich irre werde. Der totale Staat werde keinen Unterschied dulden zwi-
schen Recht und Moral. Nur im Rahmen seiner gegebenen Weltanschauung könne und
müsse eine Justiz unabhängig sein.“

Schmitt folgte am frühen Abend des 3. Oktober 1933 gebannt den Ausführungen des
Führers in der Leipziger Messehalle. In sein Tagebuch schrieb er: „Wunderbare Rede
Adolf Hitlers über den totalen Staat. Sehr getröstet.“48
Es ist diese Rede Hitlers, mit der Schmitt seinen berüchtigten Aufsatz in der Deutschen
Juristen-Zeitung vom 1. August 1934 Der Führer schützt das Recht. Zur Reichstagsrede
Adolf Hitlers vom 13. Juli 1934 eingeleitet hat.49 Die Herausgeberschaft der DJZ hatte
Schmitt erst im Mai 1934 übernommen. Die langatmigen Ausführungen Hitlers vor dem
Reichstag las er in der Berliner Ausgabe des Völkischen Beobachters vom 14. Juli 1934
nach.50 Die Frage nach dem „rechtspolitischen Sinn“ vom Schmitts Artikel, der die von
Hitler veranlassten politischen Morde rechtfertigte, könne, so Reinhard Mehring, nicht
dahingehend beantwortet werden, dass Schmitt „den Nationalsozialismus als Ausnah-
mezustand“ habe demaskieren und eine „Rückkehr zum Normalzustand“ fordern wol-

46 Schmitt Oktober 1933.


47 Völkischer Beobachter, 5. Oktober 1933, S. 2.
48 Schmitt 2010, S. 305.
49 Schmitt August 1934, Sp. 945-950. – Die beiden ersten Sätze des Aufsatzes lauten: „Auf dem Deut-
schen Juristentag in Leipzig, am 3. Okt. 1933, hat der Führer über Staat und Recht gesprochen. Er
zeigte den Gegensatz eines substanzhaften, von Sittlichkeit und Gerechtigkeit nicht abgetrennten
Rechts zu der leeren Gesetzlichkeit einer unwahren Neutralität und entwickelte die inneren Wider-
sprüche des Weimarer Systems, das sich in dieser neutralen Legalität selbst zerstörte und seinen ei-
genen Feinden auslieferte.“
50 Vgl. Mehring 2009, S. 667, Anm. 50; Hitlers Rede in: Domarus 1965, Bd. I, 1. S. 410-424.
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len. „Der stärkste Akzent des Artikels liegt auf der geschichtsphilosophischen Aus-
zeichnung des Geschehens und der Absolution Hitlers.“51
Wählt man beim Blick auf die Niederschlagung des vermeintlichen Putsches der SA die
verfassungsgeschichtliche Perspektive des Ausnahmezustandes, ergibt sich ein Zusam-
menhang zwischen dem Abstoßen des preußischen Verfassungserbes und der Entgren-
zung führerstaatlichen Handelns. Zwar einigte sich Hitler mit der Reichsregierung auf
das „Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr“ vom 3. Juli 1934, dessen einziger Ar-
tikel lautete: „Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30.
Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens“,
doch Schmitt konnte diesem „Regierungsgesetz“, das er referierte, wenig abgewinnen.52
Er hob die „Besonderheit von Regierungsakt und Führerhandlung“ hervor und sah sie
jenseits des überlieferten Staatsrechts mit seinen Beschreibungen des Ausnahmezustan-
des liegen. Dieses überholte Recht fessele mit seiner „angeblich lückenlosen Legalität“
Staat und Volk.

„Für den äußersten Notfall werden ihm vielleicht unter der Hand apokryphe Notausgänge
zugebilligt, die von einigen liberalen Rechtslehrern nach Lage der Sache anerkannt, von
anderen im Namen des Rechtsstaates verneint und als juristisch nicht vorhanden angesehen
werden. Mit dieser Art von Jurisprudenz ist das Wort des Führers, daß er als des Volkes
oberster Gerichtsherr gehandelt habe allerdings nicht zu begreifen. Sie kann die richterli-
che Tat des Führers nur in eine nachträglich zu legalisierende und indemnitätsbedürftige
Maßnahme des Belagerungszustandes umdeuten. Ein fundamentaler Satz unseres gegen-
wärtigen Verfassungsrechts, der Grundsatz des Vorranges der politischen Führung, wird
dadurch in eine juristisch belanglose Formel und der Dank, den der Reichstag im Namen
des deutschen Volkes dem Führer ausgesprochen hat, in eine Indemnität oder gar einen
Freispruch verdreht.“53

Konnte Schmitt noch 1933 davon sprechen, dass der „deutsche Staat“ sich am 20. Juli
1932 nur mit Hilfe der nationalsozialistischen Bewegung habe „halten“ können, war für
ihn 1934 diese „staattragende Bewegung“ von allen juristischen Hemmnissen historisch
freigestellt. „Der Führer aber macht Ernst mit den Lehren der deutschen Geschichte.“54
Die politische Ausnahmesituation, zu der die Röhm-Krise eskaliert war, entzog sich ih-
rer Erfassung durch die juristische Kategorie des Ausnahmezustands. Diese war ein
Grundbestandteil der preußisch-deutschen Verfassungsgeschichte. Ihr Erbe wertete
Schmitt 1933 als Erblast. In diesem Jahr, in dem die Weimarer Verfassung nicht mehr
galt, stufte er den Ausnahmezustand zu einer juristisch belanglosen Floskel herab.
Getilgt war freilich der Ausnahmezustand aus dem Leben des Rechtsgelehrten Carl
Schmitt nicht. Nach 1945 fand dieses Rechtsinstitut eine neue Würdigung. Juristisch
könne man, schrieb er 1958, auf dem Weg einer verfassungsgestützten Institutionalisie-

51 Mehring 2009, S. 353.


52 Gruchmann 1990, S. 450-454.
53 Schmitt, August 1934, Sp. 947.
54 Schmitt, August 1934, Sp. 946.
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rung mit dem „schwierigen Problem des Ausnahmezustandes fertig werden.“ Die ge-
schriebenen Verfassungen klassischer Staaten wie Frankreich und Preußen enthielten
„das Rechtsinstitut des klassischen Belagerungszustandes, d.h. einer kommissarischen
Diktatur mit gesetzlich umschriebenen Voraussetzungen und Befugnissen: förmliche
Erklärung des Belagerungszustandes, Suspendierung von Grundrechten, Übergang der
vollziehenden Gewalt auf den Militärbefehlshaber und Einsetzung von Sondergerichten.
So spiegelt sich negativ, aber dafür umso schärfer, in dem französischen Belagerungs-
zustandsgesetz vom 9. August 1849, im preußischen Gesetz über den Belagerungszu-
stand vom 4. Juni 1851 und in dem bayerischen Gesetz über den Kriegszustand vom 5.
November 1912 eine bestimmte Verfassungsstruktur.“55 Vielleicht war es die sich hier
zeigende Bindung an preußische Traditionen, die die Schriften Carl Schmitts nach 1945
für führende Vertreter des öffentlichen Rechts studierenswert machten.

Literatur

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55 Schmitt 1958, S. 261.


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Der verdrängte Carl Schmitt

Ernst-Wolfgang Böckenfördes Diagnostik des Ausnahmezustandes

Andreas Anter/Verena Frick

Als Ernst-Wolfgang Böckenförde im Mai 1978 seine Freiburger Antrittsvorlesung über


den „verdrängten Ausnahmezustand“ hielt, stand die allgemeine politische und verfas-
sungsrechtliche Debatte unter dem Eindruck der terroristischen Anschläge der RAF.
Der „Deutsche Herbst“ lag erst ein halbes Jahr zurück. Die Bundesrepublik befand sich
in einem „nicht erklärten Ausnahmezustand“.1 In dieser Lage richtete sich die rechtspo-
litische Diskussion auf die Frage der Effektivität wie auch die der Rechtmäßigkeit der
getroffenen Antiterrormaßnahmen. Insbesondere der Rückgriff auf den sogenannten
„übergesetzlichen Notstand“ aus § 34 StGB, um staatliches Handeln jenseits gesetzli-
cher Befugnisse zu rechtfertigen, wurde kontrovers diskutiert.2 Auch die damals bereits
existierenden Notstandsartikel des Grundgesetzes (Art. 80a GG, Art. 115a GG) boten
keine Abwehrmöglichkeit gegen terroristische Bedrohung, sie beziehen sich allein auf
den Verteidigungsfall, also auf eine Bedrohung von außen.3 Damit wurde indes rund ein
Jahrzehnt nach Verabschiedung der umstrittenen Notstandsverfassung offenkundig: das
Problem des Ausnahmezustandes war für die Bundesrepublik noch nicht erledigt.
Angesichts der als defizitär empfundenen Lage hatte Theodor Eschenburg bereits Ende
1977 eine Verfassungsänderung vorgeschlagen, die sich am Modell des Notstandsarti-
kels 48 der Weimarer Reichsverfassung orientieren solle.4 In der Tat verfügte die Wei-
marer Verfassung, die selbst in einer Bürgerkriegslage geboren wurde, scheinbar über
ein breiteres Notstandsinstrumentarium. Allerdings hatte der exzessive Gebrauch eben
dieses Instrumentariums nach verbreiteter Ansicht zum Untergang der Weimarer Re-
publik beigetragen, weshalb der Weimarer Notstandsartikel in der Publizistik der jungen
Bundesrepublik keine sonderlich gute Presse hatte. Diesem Eindruck trat Theodor
Eschenburg in seinem Beitrag entgegen: Man solle sich durch den schlechten Ruf des

1 Vgl. Kraushaar 2006.


2 In seiner Entscheidung zur Kontaktsperre hatte der Bundesgerichtshof die Heranziehung des § 34
StGB als Befugnisnorm für staatliches Handeln bejaht und damit eine Debatte in der Literatur ausge-
löst. Vgl. Entscheidung d. BGH vom 23. 9. 1977 (Kontaktsperre); NJW 30 (1977), S. 2172-2173.
Zur Literatur: Schwabe 1977; Lange 1978; Lübbe-Wolff 1980.
3 Vgl. Zippelius/Würtenberger 2008, S. 586ff.; Depenheuer 2008, S. 35ff.; Enders 2007; Hillgruber
2007; Schily 2005; Isensee 2004; Windthorst 2003; Esklony 2000, S. 143ff.; Hesse 1999, S. 300ff.;
Klein 1992; Graf Vitzthum 1992; Schröder 1978.
4 Eschenburg 1977.

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Art. 48 WRV nicht beirren lassen; der Notstandsartikel sei gegen die nationalsozialisti-
sche Bedrohung nur nicht scharf genug angewandt worden.5
Auch Ernst-Wolfgang Böckenförde wandte in seiner Freiburger Antrittsvorlesung den
Blick zurück in die Geschichte. Er blickte dabei jedoch weniger auf den umstrittenen
Weimarer Notstandsartikel, sondern auf dessen wichtigsten Interpreten, Carl Schmitt,6
den damals wie heute prominentesten Theoretiker des Ausnahmezustandes. Böckenför-
de plädierte mit Schmitt dafür, die Eventualität des Ausnahmezustandes nicht zu ver-
drängen. Stattdessen forderte er, aktiv die hierzu notwendigen verfassungsrechtlichen
Instrumente zu schaffen.7 Dabei verfolgte er eine doppelte Strategie: einerseits ging es
ihm um die Rehabilitierung der Positionen seines Lehrers Carl Schmitt und um deren
konstruktive Wendung; gleichzeitig führte Böckenförde mit der Thematisierung des
Ausnahmezustandes seine eigene rechtspolitische und rechtstheoretische Linie fort. Wie
aber sollten die Instrumente des Ausnahmezustandes beschaffen sein? Und inwieweit
waren und sind solche Instrumente tatsächlich verfassungsrechtlich geboten?

I.

Die Antrittsvorlesung Böckenfördes hatte über ihren aktuellen Anlass hinaus einen
deutlich programmatischen Charakter. Sie behandelt ein genuines Carl-Schmitt-Thema;
sie ist Schmitt zum 90. Geburtstag gewidmet; und sie demonstriert eine intime Ver-
trautheit mit dem Werk des betagten Jubilars. Schon der erste Satz ist eine Variation ei-
ner berühmten Schmitt-Sentenz.8 Dieser Eindruck bestätigt sich umso mehr, als es Bö-
ckenförde nach eigenem Bekunden darum ging, die Kategorien Carl Schmitts auf ge-
genwärtige Verfassungsfragen anzuwenden.9 Die Abhandlung ist existentiell grundiert,
denn sie zielt auf ein Kernproblem der Legitimität des demokratischen Rechtsstaates:
Wie kann der Staat auf außergewöhnliche Lagen, speziell auf Ausnahmezustände, rea-
gieren, ohne seine Rechtsstaatlichkeit einzubüßen?
Böckenförde denkt, ähnlich wie Schmitt, stets von der „Lage“ her. Diese Lage war von
der Herausforderung des Rechtsstaates durch den Terrorismus der RAF geprägt. Radi-
kalenerlass, Lauschwanzen, Kontaktsperre und die Entführung des Arbeitgeberpräsiden-
ten Hanns Martin Schleyer bestimmten die Diskussion. Im „Deutschen Herbst“ richtete

5 Eschenburg 1977.
6 Vgl. Schmitt 1924.
7 Böckenförde 1978a, S. 1882.
8 „Die Erhaltung des Rechts der Normallage setzt die Anerkennung des Ausnahmezustands voraus.“
(Böckenförde 1978a, S. 1882) Die berühmte Formel Schmitts lautet: „Der Begriff des Staates setzt
den Begriff des Politischen voraus.“ (Schmitt 1963, S. 20). Unzutreffend ist daher die Annahme
Günter Frankenbergs, der in diesem ersten Satz von Böckenfördes Abhandlung eine deutliche Dis-
tanzierung von Carl Schmitt erkennen will. Vgl. Frankenberg 2010, S. 149ff.
9 Vgl. Gosewinkel/Böckenförde 2011, S. 372.

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sich das Interesse der bundesdeutschen Staatsrechtslehre auf die Fragen der rechtsstaat-
lichen Bewältigung der terroristischen Bedrohung: die Frage des „übergesetzlichen Not-
standes“, das generelle Problem der Aufrechterhaltung rechtsstaatlicher Ordnung mithil-
fe sogenannter Antiterrorgesetzgebung, das Problem der Legitimität und Legalität der
getroffenen polizeilich-justiziellen Maßnahmen. Die Dialektik von „Legalität und Legi-
timität“ verweist indes auf ein von Carl Schmitt intensiv beackertes Feld,10 mit dem
auch Böckenförde bestens vertraut war – spätestens seitdem Schmitt dem damals
Zweiundzwanzigjährigen nach ihrem ersten persönlichen Zusammentreffen im Frühjahr
1953 ein Exemplar seiner gleichlautenden Schrift zum Geschenk machte.11
Der Stein des Anstoßes für Böckenfördes Beschäftigung mit dem Ausnahmezustand
waren Fälle staatlichen Handelns, in denen Eingriffe in bestehende Rechte allein mit
dem „übergesetzlichen Notstand“ (§ 34 StGB) gerechtfertigt wurden und dieses Han-
deln schließlich auch der richterlichen Überprüfung standhielt. So hatte der Bundesge-
richtshof nach der Schleyer-Entführung auf Antrag des Generalbundesanwalts im Sep-
tember 1977 nicht nur die Unterbindung des Kontakts zwischen den inhaftierten Terro-
risten und anderen Häftlingen und Besuchern gebilligt, sondern auch die Sperre des – in
§ 148 StPO garantierten – Kontakts zwischen den inhaftierten Terroristen und ihren
Verteidigern für rechtens erklärt. Der Bundesgerichtshof stütze sich in seinem Urteil
vom 23. September 1977 auf den „allgemeinen Rechtsgedanken, dass die Verletzung
eines Rechts in Kauf genommen werden muß, wenn es nur so möglich erscheint, ein
höheres Rechtsgut zu retten“.12
Böckenförde bezweifelte, dass der Grundsatz des übergesetzlichen Notstands „als
Rechtsordnung der Ausnahmelage Anwendung finden“ könne.13 Sein Argument lautete:
„Bei einer Anwendung im Verfassungsrecht gerät der ‚übergesetzliche Notstand’ zum
‚überverfassungsmäßigen Notstand’“, wodurch sich die Möglichkeit der umfassenden
„Durchbrechung oder partiellen Außerkraftsetzung“ der Verfassung bieten würde. Der
„übergesetzliche Notstand“ werde dann zum „Funktionsmodus der Bürokratie“. 14 Diese
Formel vom „Funktionsmodus der Bürokratie“ leuchtet in diesem Zusammenhang je-
doch nicht unmittelbar ein. Wie kann Notstand zum „Funktionsmodus“ werden? Der
Sinn der Formel erschließt sich erst, wenn man ihre Quelle aufsucht, und man findet sie
im Werk Carl Schmitts. Ohne das Zitat auszuweisen, greift Böckenförde an dieser Stelle
auf Schmitts Formulierung von 1938 zurück, wonach die „Legalität“ der „positivisti-
sche Funktionsmodus der Bürokratie“ sei.15

10 Vgl. Schmitt 1998.


11 Vgl. Gosewinkel/Böckenförde 2011, S. 359.
12 Vgl. Entscheidung d. BGH v. 23. 9. 1977 (Kontaktsperre); NJW 30 (1977), S. 2172-2173.
13 Böckenförde 1978a, S. 1882.
14 Böckenförde 1978a, S. 1883.
15 Schmitt 1938, S. 101. Schmitt bezog sich in diesem Kontext auf Max Webers Position, daß die Bü-
rokratie die eigentliche Trägerin des nach legalen Normen funktionierenden Staates sei: „Die Legali-

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Hinter dieser von Schmitt geliebten Formel verbirgt sich ein Aspekt seiner Kritik am
Parlamentarismus der Massendemokratie des 20. Jahrhunderts. Schmitt misst den Zu-
stand des Parlamentarismus an dem von ihm zugrunde gelegten Idealbild des Gesetzge-
bungsstaates der konstitutionellen Monarchie des 19. Jahrhunderts und sieht die Ent-
wicklung als Verfallsgeschichte, als „Zusammenbruch des parlamentarischen Gesetzge-
bungsstaates“.16 Zur Zeit der konstitutionellen Monarchie sei das Parlament Repräsen-
tant des einheitlichen Volkswillens gewesen und habe mit seinen Beschlüssen diese ma-
terielle Einheit zum Ausdruck gebracht. Damit seien Legitimität und Legalität in eins
gefallen: das Parlamentsgesetz habe von vornherein einen materiellen Gehalt, mithin ei-
nen Bezug zur Gerechtigkeit besessen.17 Anders in der Weimarer Republik: Aufgrund
der pluralistischen Aufspaltung des Parlaments repräsentierten seine Beschlüsse nicht
länger die Einheit des Volkes. Das Ergebnis sei ein Legalitätssystem, „das in einem ge-
genstands- und beziehungslosen Formalismus endet“.18 Legalität bezeichne nur noch
maschinenhaft eine „bestimmte Methode des Arbeitens und Funktionierens von Behör-
den“19 und die „Reduktion auf Berechenbarkeit des Funktionierens“.20
Den in dieser Argumentation enthaltenen Grundgedanken – freilich ohne dessen anti-
demokratische und antipluralistische Stoßrichtung – nimmt Böckenförde auf. Damit
wird vollends klar, was er mit der adaptierten Formel zum Ausdruck bringen möchte:
die Gefahr, dass mit Hilfe des „übergesetzlichen Notstands“ Legalität und Legitimität
der Verfassungsordnung auseinandertreten. Denn mit der Anerkennung des „überge-
setzlichen Notstands“ entstehe „eine perfekte, in sich offene Generalermächtigung zur
Bewältigung von Notständen/Notlagen, der gegenüber jede verfassungsrechtliche oder
gesetzliche Ausformung und Begrenzung von Befugnissen vorläufig wird.“21 Wer mit
dem Vorwurf der „Ermächtigung“ hantiert, greift jedoch zu einer scharfen Klinge. Denn
mit diesem Begriff verbindet sich unwillkürlich der Akt der nationalsozialistischen
Gleichschaltung, der endgültige Abschied vom Rechtsstaat: das Ermächtigungsgesetz
vom 24. März 1933. Der Schein der Legalität blieb zwar mit dem Ermächtigungsgesetz
vordergründig gewahrt, dennoch konnte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass das
Recht jegliche Legitimität verloren hatte.

tät ist der positivistische Funktionsmodus der Bürokratie.“ (Ebd.) – Erst drei Jahrzehnte später, in ei-
nem Rundfunkgespräch, versah Schmitt die Formel mit einem geistigen Eigentumsstempel und er-
läuterte seine Urheberschaft: „Einer der Sätze, die ich oft wiederholt habe ... lautet: Die Legalität ...
ist ein Funktionsmodus der Bürokratie“ (Schmitt/Schickel 1969, S. 25).
16 Schmitt 1998, S. 7.
17 Schmitt 1932b, S. 276f.
18 Schmitt 1998, S. 14.
19 Schmitt 1950, S. 444.
20 Schmitt 1978, S. 322.
21 Böckenförde 1978a, S. 1883.

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Die mögliche Instrumentalisierung des § 34 StGB berührt einen Kerngedanken von
Böckenfördes Rechtsverständnis. Für ihn ist das Recht wesentlich ein Schrankeninstru-
mentarium, das eine verlässliche Ordnung des Zusammenlebens errichtet und Freiheits-
sphären der Individuen untereinander verbindlich abgrenzt: „Freiheit als beständige, ge-
sicherte Freiheit gibt es erst durch Recht und im Recht, das Grenzen zieht.“22 Der Maß-
stab der Grenzfestlegungen des Rechts und damit gleichzeitig der Rechtsschöpfung
müsse stets die Freiheit sein. Um tatsächliche Rechtssicherheit zu gewährleisten, ziele
das Recht jedoch nicht nur auf normative, sondern auch auf soziale Geltung und so ge-
höre zum Recht „auch der Vollzug, die Durchsetzung, ein Sanktionsapparat“, 23 – kurz:
der Staat. Böckenförde betrachtet den Staat als „eminente politische Kulturleistung“ und
ordnende Instanz, „die stark genug ist, die Begrenzung und Regulierung der Sphären
individueller und gruppenmäßiger Ungebundenheit vorzunehmen und deren Befolgung
zu garantieren“.24 Die Verfassung stelle dem Staat gegenüber wiederum eine Schranke
dar und besitze als „umfassende und daher abschließende Regelung der Handlungsbe-
fugnisse staatlicher Organe ... eine verbindliche begrenzende Wirkung und Funktion“.25
Eine offene Generalermächtigung, wie Böckenförde § 34 StGB interpretiert, ist mit die-
sem Rechtsverständnis unvereinbar. Das telos des Rechts, die Freiheitsgewährleistung
durch Begrenzung, käme dem Recht abhanden, Legalität und Legitimität wären ge-
trennt.
Von diesem Standpunkt her erschließt sich, warum für Böckenförde die Rechtfertigung
von Ausnahmebefugnissen mit § 34 StGB eine „Preisgabe des Prinzips des Verfas-
sungsstaates“26 bedeutet. Seine Forderung lautete daher: Das Problem des Ausnahmezu-
standes müsse in der Verfassung selbst verankert werden. Sie dürfe dieses Problem je-
denfalls nicht verdrängen, sondern müsse sich der Frage der „Verfassungstheorie des
Ausnahmezustandes“ stellen.27 Andernfalls drohe ein staatliches Handeln „unter
Beiseitelassung der aufgestellten rechtlichen Grenzen“, was „den Übergang in einen
von Rechtsbindung freien Raum“ bedeute.28 Auch im Ausnahmezustand soll der Primat
des Rechts, und damit die Freiheitsorientierung der staatlichen Ordnung insgesamt,
nicht preisgegeben werden. Es geht also um „Legitimitätsverteidigung in der und durch
die Legalordnung“.29

22 Böckenförde 1999a, S. 234.


23 Böckenförde 1999b, S 214.
24 Böckenförde 1978b, S. 8 u. 11.
25 Böckenförde 1978a, S. 1883.
26 Böckenförde 1978a, S. 1884.
27 Böckenförde 1978a, S. 1884.
28 Böckenförde 1978a, S. 1885.
29 Böckenförde 1992, S. 278.

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II.

Wer das Augenmerk auf den Akt der „Verdrängung“ richtet und vor den negativen Fol-
gen der Verdrängung warnt, der greift auf einen Topos zurück, der weniger im Verfas-
sungsrecht als vielmehr in der Psychoanalyse beheimatet ist. Folgt man der Theorie
Sigmund Freuds, dann handelt es sich bei dem Akt der Verdrängung um einen alltägli-
chen Abwehrreflex, der einer Person dazu dient, eine als bedrohlich oder fremd emp-
fundene Wahrnehmung aus dem Bewusstsein zu entfernen. Freud betrachtete die Ver-
drängung als einen zwar alltäglichen, aber gleichwohl vergeblichen, wenn nicht gefähr-
lichen Vorgang. Denn sie führe nicht zum Vergessen des als bedrohlich Empfundenen,
sondern nur zur späteren Wiederkehr des Verdrängten, allerdings nunmehr in pathologi-
scher Form.30
Psychologische Theorien wie diese lassen sich gewiss nicht umstandslos auf verfas-
sungspolitische Prozesse übertragen; zumal Böckenfördes Abhandlung keine Anzeichen
einer Rezeption der Schriften Freuds erkennen lässt.31 Dennoch weist seine Argumenta-
tion eine bemerkenswerte Parallele zu Freuds Theorie auf. Sie tritt besonders deutlich
an jenen Stellen hervor, an denen Böckenförde vor einer Verdrängung des Ausnahme-
zustandsproblems in der bundesdeutschen Verfassungspolitik warnt und die rhetorische
Frage stellt: „Rächt sich hier eine verdrängte Wirklichkeit?“32 Böckenförde bejaht kon-
sequenterweise diese Frage. Damit argumentiert er ganz auf der Linie der psychoanaly-
tischen Theorie Freuds, vor allem im Blick auf die negativen Folgen des Verdrängungs-
akts. Worin die Pathologie besteht, hat er deutlich benannt.
Wenn Böckenförde hier mit einer „verdrängten Wirklichkeit“ argumentiert, taucht zu-
dem ein Grundproblem auf, das schon in der Weimarer Staatsrechtslehre intensiv disku-
tiert worden war: das Verhältnis von Rechtsnorm und Wirklichkeit. Der Ausnahmezu-
stand erscheint als realer Prüfstein dieses rechtstheoretischen Problems, denn „ange-
sichts einer unvorhergesehenen ernsten Gefahr, die den Staat fundamental, in seinem
Charakter als Friedenseinheit und Garant der Rechtsordnung betrifft“, entstehe eine
„grundsätzliche Diskrepanz zwischen den vorhergesehenen Befugnissen/Modalitäten
und einer erfolgreichen Wahrnehmung der Aufgabe in ihrem Kern“.33 Die Vorgänge
„des Lebens“,34 wie es Böckenförde an anderer Stelle beschrieb, holen in der Krise ge-

30 Freud 1915.
31 Jahrzehnte später, in seiner Dankesrede bei der Entgegennahme des Sigmund-Freud-Preises der
Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im Oktober 2012 in Darmstadt, bekannte er, noch
nie etwas von Freud gelesen zu haben. Seine Dankesrede bezog sich gleichwohl auf Freuds Abhand-
lung über Das Unbehagen in der Kultur.
32 Böckenförde 1978a, S. 1884.
33 Böckenförde 1978a, S. 1885.
34 Böckenförde 1986, S. 183.

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wissermaßen das Recht ein. Wie aber soll das Recht, das stets auf die Normallage aus-
gerichtet ist, darauf reagieren?
Die Antwort der „Reinen Rechtslehre“ Hans Kelsens fand bei Böckenförde keine Zu-
stimmung. Das Verhältnis von Rechtsnorm und sozialer Wirklichkeit sei von dieser
überhaupt nicht als genuines Rechtsproblem reflektiert worden. Entsprechend sei es für
sie lediglich eine Frage der normativen Kraft einer Verfassung, ob sich die staatlichen
Organe auch in schwierigen Zeiten an sie hielten.35 Von Standpunkt der „Reinen
Rechtslehre“ aus ist für das Problem der Rechtsgeltung vielmehr allein entscheidend,
dass das Recht im „Erzeugungszusammenhang einer gültigen Ordnung“ steht, was
nichts anderes bedeutet, als dass sich die Geltung „durch den Rekurs zu der die Geltung
aller Normen begründenden ersten Verfassung“ ableitet36 – für Böckenförde ein
„selbstbezogener Normativismus“.37 Exemplarisch scheint dafür Kelsens resignative
Haltung angesichts des drohenden Endes der Weimarer Demokratie zu stehen: „wer für
die Demokratie ist, darf sich nicht in den verhängnisvollen Widerspruch verstricken las-
sen und zur Diktatur greifen, um die Demokratie zu retten. Man muß seiner Fahne treu
bleiben, auch wenn das Schiff sinkt; und kann in die Tiefe nur die Hoffnung mitneh-
men, daß das Ideal der Freiheit unzerstörbar ist und daß es, je tiefer es gesunken, um so
leidenschaftlicher wieder aufleben wird.“38
Wenn Hans Kelsen dafür kritisiert wurde, die Wirklichkeit systematisch auszublenden
und die Normgeltung unabhängig von ihrer realen Befolgung zu denken, so gilt Umge-
kehrtes für Carl Schmitt, der sich als Theoretiker des Ausnahmezustandes den Vorwurf
gefallen lassen musste, die Normativität in einen falschen Gegensatz zur Existentialität
zu bringen.39 Böckenförde folgte weder Kelsen noch Schmitt. Er nahm stattdessen eine
vermittelnde Position ein, indem er – Hermann Heller paraphrasierend – von einer
wechselseitigen Bedingtheit von Rechtsnorm und Wirklichkeit im Sinne einer „korrela-
tiven Zuordnung“ sprach, um die Notwendigkeit einer Regelung des Ausnahmezustan-
des zu begründen.40
Schon bei seiner Bestimmung des Staates als „Handlungs- und Wirkungseinheit“ hatte
Böckenförde wiederholt auf Hermann Heller zurückgegriffen.41 Von Heller übernahm
er nun auch die Erkenntnis, dass die Dialektik der „normativen Kraft des faktisch Nor-
malen“ und der „normalisierenden Kraft des Normativen“ die Stabilität der Staatsver-

35 Böckenförde 1978a, S. 1884.


36 Kelsen 1934, S. 83.
37 Böckenförde 1978a, S. 1884.
38 Kelsen 1932, S. 237.
39 Heller 1983, S. 286.
40 Böckenförde 1978a, S. 1884; vgl. auch Heller 1983, S. 185.
41 Vgl. Böckenförde 1999c, S. 138; Böckenförde 1978b, S. 7. In seinem biographischen Interview gibt
Böckenförde an, dass Hermann Heller neben Carl Schmitt ein „Schlüssel zu meinem Denken“ sei.
Vgl. Gosewinkel/Böckenförde 2011, S. 378.

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fassung garantiere.42 Das Recht müsse demnach die Wirklichkeit in Gestalt außerrecht-
lich geformter Verhaltensweisen in sich aufnehmen, um schließlich gestaltend und steu-
ernd auf eben diese Wirklichkeit einwirken zu können und damit wiederum die Norma-
lität der Lage zu befestigen. Normen könnten also nicht unabhängig von der Wirklich-
keit gelten, die sie zu ordnen beabsichtigten. Das heißt aber auch: „Entfällt die voraus-
gesetzte Normallage, entfällt der Bezugspunkt für die intendierte Regulierungskraft der
Norm.“43
Mit seinen Schlussfolgerungen lag Böckenförde nun wieder ganz auf der Linie seines
Lehrers Carl Schmitt. Wolle das Recht nicht vor der veränderten Wirklichkeit kapitulie-
ren, bedürfe es rechtlicher Befugnisse, die auf diese Lage bezogen seien. Denn die „blo-
ße Verweigerung oder Verdrängung der Ausnahmelage bleibt eine Deklamation des rei-
nen Wollens, dem die Wirklichkeit entgleitet“.44 In rechtspolitischer Absicht entwickel-
te Böckenförde daher in seiner Antrittsvorlesung die Grundzüge eines Regelungsmo-
dells des Ausnahmezustandes unter dem Grundgesetz. Dabei orientierte er sich eng an
Schmitts Konzeption der kommissarischen Diktatur. Deren Grundidee hatte Schmitt
1921 in seiner Abhandlung über Die Diktatur beschrieben: „Gerade für die Republik
soll die Diktatur eine Lebensfrage sein. Denn der Diktator ist kein Tyrann und die Dik-
tatur nicht etwa eine Form der absoluten Herrschaft, sondern ein der republikanischen
Verfassung eigentümliches Mittel, die Freiheit zu wahren.“45 Der kommissarische Dik-
tator werde eingesetzt, um eine gegebene Verfassung vor Angriffen zu schützen, die auf
ihre Vernichtung zielten. Um dafür alle notwendigen Maßnahmen treffen zu können,
müsse er die geltende Verfassung suspendieren.46
Aus Schmitts Annahmen leitete Böckenförde die verfassungstheoretische Struktur des
Ausnahmezustandes ab. Zum Charakter der Ausnahme gehöre „das Unvorhersehbare,
die nicht vorab berechenbare Situation“, daher könne eine Bewältigung des Ausnahme-
problems nicht in einer antizipierten „Vergesetzlichung bestimmter außergewöhnlicher
Situationen“ im Sinne einer abschließenden Normierung konkreter Ausnahmetatbestän-
de bestehen.47 Folglich erschöpfe sich eine mögliche Regelung in einer relativen Gene-
ralklausel. Demgegenüber seien jedoch die Voraussetzungen und der Eintritt des Aus-
nahmezustandes sowie die Zuständigkeit zur Wahrnehmung der Ausnahmebefugnisse
einer Regelung fähig und bedürftig.48 Darüber hinaus müssten sich die getroffenen
Maßnahmen an ihrem Zweck messen und begrenzen lassen: „In der Orientierung auf die
Wiederherstellung des Normalzustands liegt die eigentliche Legitimation des Ausnah-

42 Heller 1983, S. 285. – Zu Hellers Positionen siehe Henkel 2011, S. 483ff.


43 Böckenförde 1978a, S. 1884, wiederum Heller paraphrasierend.
44 Böckenförde 1978a, S. 1885.
45 Schmitt 1921, S. 6.
46 Vgl. Schmitt 1921, S. 133.
47 Böckenförde 1978a, S. 1885.
48 Böckenförde 1978a, S. 1885f.

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mezustandes und seiner besonderen Maßnahmen und damit auch seine Begrenzung.“49
Der Ausnahmezustand habe lediglich „transitorischen Charakter“50 und das Ziel, sich
selbst überflüssig zu machen.
Im Zentrum von Böckenfördes Modellstruktur steht der Begriff der Maßnahme; er bil-
det das rechtsinhaltliche Unterscheidungskriterium von Ausnahmezustand und Normal-
lage. In seiner Interpretation des Art. 48 WRV hatte Carl Schmitt die Unterscheidung
von Norm und Maßnahme geprägt, um die unterschiedliche Rechtskraft der jeweils ge-
troffenen Entscheidungen deutlich zu machen.51 Böckenförde definierte in Anlehnung
an Carl Schmitt die Maßnahme als Ausdruck „sach- und zweckgerichteter Aktion, prak-
tisch-technischen Vollzugs und im Interesse eines konkreten Ziels“.52 Das Gesetz sei
dagegen eine an einem „Rechtsprinzip orientierte Rechtsregel“,53 die „einem Rechtsge-
danken dient und ihn vollziehbar macht“.54 Um die Integrität des Normalzustands zu er-
halten, müssten die Maßregeln des Ausnahmezustandes „von dem Recht der Normalla-
ge wesentlich und strukturell unterschieden bleiben“.55 Die Maßnahme habe Befehls-
charakter und nicht die Geltungskraft des Gesetzes. Daher überlagere und suspendiere
sie lediglich die Rechtsordnung, die weiter fortgelte und nur außer Anwendung sei.
Denn allein rechtsinhaltlich fehle es der Maßnahme bereits an „Rang und Würde des
Gesetzes“.56
Böckenförde bediente sich hier freilich Unterscheidungskriterien, die der Formtypik des
bürgerlichen Rechtsstaatsverständnisses des 19. Jahrhunderts entstammten. Demnach
kennzeichnete die Maßnahme eine spezifische Relation von Mittel und Zweck, mithin
eine punktuelle Regelung, während das Gesetz dazu bestimmt war, einen Lebensbereich
allgemeingültig zu ordnen und daher die Vorstellung einer gerechten Ordnung beinhal-
ten sollte.57 Ob diese Unterscheidung auch im demokratischen Sozialstaat des Grundge-
setzes noch Trennschärfe und Gültigkeit besaß, war umstritten.58 Ungeachtet dieser
Diskussion hielt Böckenförde damit aber vor allem an einer Konstante seiner Beschäfti-
gung mit dem Recht des demokratischen Verfassungsstaates fest, und zwar dass die Si-
cherung der Freiheit „zu einem guten Teil in Formen und Verfahren“ liegt.59

49 Böckenförde 1978a, S. 1886.


50 Böckenförde 1986, S. 185.
51 Vgl. Schmitt 1924, S. 247ff.
52 Böckenförde 1978a, S. 1889.
53 Böckenförde 1978a, S. 1889.
54 Böckenförde 1986, S. 186.
55 Böckenförde 1978a, S. 1886.
56 Böckenförde 1978a, S. 1889.
57 Vgl. Forsthoff 1955, S. 225.
58 Vgl. dazu Forsthoff 1955, S. 226f.; sowie die Berichte auf der Tagung der Staatsrechtslehrervereini-
gung 1956 von Menger/Wehrhahn 1957.
59 Gosewinkel/Böckenförde 2011, S. 366.

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Ein genauerer Blick in die Fußnoten offenbart indes, dass Böckenförde weite Teile sei-
ner Argumentation neben Schmitt noch auf einen zweiten Autor stützte: Konrad Hesse,
den Freiburger Doyen der Smend-Schule. Böckenförde führte Hesse unter anderem als
einen Kritiker der Notstandsverfassung an, als einen Befürworter einer klaren Trennung
von Ausnahmezustand und Normallage sowie von weiten Ausnahme-Ermächtigun-
gen.60 Hesse war als Sachverständiger an den Beratungen zur Notstandsverfassung be-
teiligt gewesen und äußerte sich schon früh zum Problem des Ausnahmezustandes unter
dem Grundgesetz.61 Er ließ bereits 1955 Sympathie für den umstrittenen Art. 48 WRV
erkennen, den er als „staatsrechtlich gebotene und rechtsstaatlich legitime Lösung des
Problems“62 bezeichnete – ungeachtet einer späteren vorsichtigen Relativierung dieser
Positionen im Hinblick auf die organisationsrechtliche Ausgestaltung dieser General-
klausel.63 Hesses Fazit gleicht demjenigen Böckenfördes: „An der Notwendigkeit, das
GG durch Einfügung einer Notstandsklausel sozusagen wetterfest zu machen, kann heu-
te kein Zweifel mehr bestehen. Eine Verfassung, die in Notzeiten nicht gehalten werden
kann, verfehlt ihren Sinn.“64
Die Kombination dieser beiden Referenzen ist insofern interessant, als es sich um zwei
Autoren handelt, die sich in ihren verfassungsrechtlichen Positionen konträr gegenüber-
standen und sich auch sonst nicht wohlgesonnen waren.65 Wenn sie aber nun bei Bö-
ckenförde als einzige Autoren herausgestrichen und direkt aneinandergerückt werden,
wirkt seine Antrittsrede wie der Versuch, Hesse und Schmitt zu verbinden – und somit
auch eine Brücke zwischen der Smend- und der Schmitt-Schule zu schlagen.66 Das
Freiburger Publikum dürfte darin gleichwohl eine feine Spitze erkannt haben, denn
noch zehn Jahre zuvor war Böckenfördes Berufung auf einen Freiburger Lehrstuhl an
der Intervention eines Smend-Schülers gescheitert.67 Gleichzeitig machte die Paralleli-
sierung der beiden Autoren auch deutlich, dass mit dem Ausnahmezustand möglicher-

60 Vgl. Böckenförde 1978a, Fn. 3, 40, 65, 68.


61 Vgl. Hesse 1955.
62 Hesse 1955, S. 744.
63 Hesse 1960.
64 Hesse 1960, S. 108.
65 Unter vielen Anhängern der Schmitt-Schule war Konrad Hesse nicht sonderlich beliebt. Für Roman
Schnur verkörperte er eine „Mischung aus Dummheit und Hochnäsigkeit“ (Roman Schnur an Carl
Schmitt am 16. April 1963, mitgeteilt bei Günther 2004, S. 133). Auch Böckenförde sparte an ande-
rer Stelle nicht mit sachlich-inhaltlicher Kritik an Hesses Verfassungsverständnis (Böckenförde
2011, S. 141ff.).
66 Zum Gegensatz zwischen diesen beiden Schulen: Günther 2004, passim.
67 Noch 1967 hatte wohl Wilhelm Hennis gegen die Berufung eines – neben Joseph H. Kaiser – weite-
ren Schmitt-Schülers opponiert. Zehn Jahre später dagegen war er es, der sich maßgeblich für die
Berufung Böckenfördes einsetzte und ihn sogar zur Bewerbung ermunterte. Mitgeteilt in:
Gosewinkel/Böckenförde 2011, S. 379. Kurz nach Böckenfördes Berufung veranstalteten sie in Frei-
burg bereits ein gemeinsames Seminar – über Carl Schmitt. Vgl. Hennis/Schlak 2013, S. 333.

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weise noch etwas anderes verdrängt worden war, nämlich die bleibenden Einsichten
Carl Schmitts.

III.

Eine „Verfassungstheorie des Ausnahmezustandes“, wie sie Böckenförde inauguriert,


steht jedoch großen Schwierigkeiten gegenüber, womöglich den größten Schwierigkei-
ten, die im Verfassungsrecht überhaupt denkbar sind. Denn sie berühren die Frage, wie
das schlechthin Nicht-Normierbare normiert werden kann. Böckenfördes Auskunft in
dieser Frage fällt letztlich skeptisch aus: „Es ist keine zureichende und daher abschlie-
ßende inhaltliche Regelung des Ausnahmezustandes möglich; zum Charakter der Aus-
nahme gehört das Unvorhersehbare, die nicht vorab berechenbare Situation, die daher
auch normativ nicht antizipierbar ist.“68 Damit ist der Ausnahmezustand „aber doch ein
Vorgang der Ent-grenzung“,69 wie Böckenförde einräumen muss. Denn eine wirksame
Regelung des Ausnahmezustandes kann nicht auf Generalklauseln verzichten. Die Not-
wendigkeit einer solchen Regelung scheint auf der Hand zu liegen: Da Notstandslagen
und Ausnahmezustände naturgemäß unvorhersehbar sind, ist es gar nicht möglich, sie
durch einen detaillierten Regelungskatalog zu normieren, zumal das Handeln in solchen
Lagen eo ipso durch seine Unvorhersehbarkeit codiert ist.70
Böckenfördes schärfste Kritikerin war die damals siebenundzwanzigjährige Freiburger
Doktorandin Gertrude Lübbe-Wolff. Insbesondere hielt sie seine Forderung nach einer
verfassungsrechtlichen Verankerung des Ausnahmerechts für abwegig und wandte ein,
dass seine These „keine Evidenz für sich in Anspruch nehmen kann“. Sie machte viel-
mehr deutlich, „daß die Gefahr der Perpetuierung eines rechtlich institutionalisierten
Ausnahmezustandes im Prinzip größer ist als die Gefahr, daß ein Zustand permanenter
Rechtlosigkeit aus einer Situation erwächst, in der unter dem exzeptionellen Hand-
lungsdruck einer Notstandssituation zu illegalen Mitteln gegriffen wurde, ohne daß zu
ihrer Rechtfertigung eine Notstandsermächtigung zur Verfügung gestanden hätte. Die
legale Ungebundenheit, die der rechtlich institutionalisierte Ausnahmezustand ermög-
licht, lädt dazu ein, es sich darin bequem zu machen.“71 Für Lübbe-Wolff gab es dage-
gen nur eine Lösung des Ausnahmeproblems: den Ausnahmezustand zu ignorieren und
keine Ausnahmeermächtigungen in der Rechtsordnung zur Verfügung zu stellen. Sie
mutete „Staatsorganen, die sich durch exzeptionellen Handlungsdruck zu Rechtsverlet-

68 Böckenförde 1978a, S. 1885.


69 Böckenförde 1986, S. 188.
70 Vgl. Eschenburg 1977; Böckenförde 1978a, S. 1885; Lübbe-Wolff 1980, S. 117.
71 Lübbe-Wolff 1980, S. 123.

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zungen gezwungen sehen, die offene Illegalität zu“ und sah die Rechtsordnung „gerade
dadurch am besten geschützt“.72
Zwar ließ Böckenförde den Einwand Lübbe-Wolffs nicht gelten. In seiner Replik, die
noch im selben Jahrgang in der Zeitschrift für Parlamentsfragen erschien, verteidigte er
das von ihm vorgeschlagene Modell: darin sei schließlich „die Ausnahmeermächtigung
von vornherein zeitlich eng begrenzt“, und sie werde daher nicht endlos perpetuiert, bis
sie vom Parlament widerrufen werde.73 Er warf seiner jungen Opponentin generell vor,
Weimarer Gegebenheiten als Argumente „gegen ein Regelungsmodell ins Feld zu füh-
ren, das gerade auf anderen Voraussetzungen beruht und selbst Vorkehrungen trifft,
dass Weimarer Entwicklungen sich nicht wiederholen können“.74 Böckenförde beharrte
darauf, dass eine Verweigerung rechtlicher Ausnahmebefugnisse unweigerlich ein Ein-
fallstor für den „übergesetzlichen Notstand“ ins Verfassungsrecht sei.75
Dennoch dürften jene generellen Schwierigkeiten einer Normierung des Ausnahmezu-
standes dazu geführt haben, dass Böckenfördes Vorstoß letztlich politisch nicht durch-
setzbar war. Zwar befand er sich zur damaligen Zeit in regelmäßigem Austausch mit
dem rechtspolitischen Ausschuss beim Parteivorstand der regierenden SPD und offen-
bar wurde Böckenfördes Auffassung zum Ausnahmezustand dort auch mehrheitlich ge-
billigt. Die gesellschaftspolitische Debatte über den Ausnahmezustand war jedoch zu
„heiß“, als dass die SPD mit einem ernsthaften Vorstoß für eine Grundgesetzänderung
an die Öffentlichkeit gegangen wäre.76 Böckenförde publizierte schließlich einen bereits
entsprechend ausgearbeiteten Regelungsentwurf als persönliche Ansicht in der Fest-
schrift für den SPD-Rechtspolitiker und damaligen Verfassungsrichter Martin Hirsch.77
Nichtsdestoweniger hielt Böckenförde an seiner Auffassung fest und bedauerte, dass
nicht begriffen worden sei, „daß der Ausnahmezustand im Grunde dazu dient, in der
Krise eine bestehende Ordnung soweit möglich wieder zu stabilisieren. [...] Auch er hat
eine Struktur, die dazu dient, über die Krise hinwegzukommen.“78 Dass man das Recht
der Normallage von dem der Ausnahmelage unterscheiden müsse, ist generell eine der
Grundmaximen der Schmitt-Schule. Für Ernst Forsthoff etwa war es schlicht ein „intro-
vertiertes“ Verfassungsdenken, diese Unterscheidung zu ignorieren. Für ihn war es,
ebenso wie für Carl Schmitt, ein methodisches Grundprinzip, auch in saturierteren Zei-
ten stets den Ausnahmezustand im Blick zu behalten. In den frühen sechziger Jahren
warnte Forsthoff daher die Rechtspolitik davor, angesichts der „weitgehenden Entpoliti-

72 Lübbe-Wolff 1980, S. 125.


73 Böckenförde 1980, S. 593.
74 Böckenförde 1980, S. 594.
75 Böckenförde 1980, S. 595.
76 Vgl. Gosewinkel/Böckenförde 2011, S. 428.
77 Vgl. Böckenförde 1981, S. 266ff.
78 Vgl. Gosewinkel/Böckenförde 2011, S. 372.

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sierung unter dem Grundgesetz“ den Fehler zu begehen, nunmehr „ausschließlich in
Normallagen zu denken“.79 Er hoffte mit dieser Bemerkung seinem alten Lehrer Carl
Schmitt, wie er ihm noch vor der Veröffentlichung schrieb, „einigen Spass machen“ zu
können,80 was ihm zweifellos auch gelang.

IV.

Noch fünfzehn Jahre später empfand Ernst-Wolfgang Böckenförde ein ähnliches Ver-
gnügen. Er betrachtete das Problem nun jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Wie
Forsthoff wehrte er sich zwar gegen ein introvertiertes Rechtsdenken, „das die eigenen
Voraussetzungen nicht reflektiert“, aber seine Pointe war eine gewissermaßen dialekti-
sche: „Wer meint, Ausnahmelagen nur dadurch begegnen zu können oder zu dürfen,
daß er sie gesetzlich normiert, schafft schließlich ein Recht der Normallage, das vom
Ausnahmezustand her bestimmt ist.“81 Darin ist eine entscheidende Änderung der
Blickrichtung gegenüber seinen ‚exzeptionellen’ Lehrern Schmitt und Forsthoff zu se-
hen. Während diese sich methodisch auf den Fixpunkt der Ausnahme kaprizierten, ging
es Böckenförde letztlich um die Verteidigung der Normallage.
Von dieser Orientierung blieb womöglich auch sein greiser Lehrer Carl Schmitt nicht
unbeeindruckt. Als der neunzigjährige Schmitt im Jahr 1978 seinen Aufsatz über „Die
legale Weltrevolution“ veröffentlichte, kam er einem Wunsch seines Schülers Ernst-
Wolfgang Böckenförde nach, das Problem von Legalität und Legitimität rückblickend
im Licht der Ereignisse von 1932/33 zu erörtern.82 Diese letzte Publikation Schmitts ist
werkbiographisch insofern von Bedeutung, als er sich hier von seiner ironisch-distan-
zierten Haltung gegenüber dem Staat der Bundesrepublik verabschiedet. Vielmehr ist
eine positive Hinwendung zu diesem Staat und seinen Problemen zu erkennen. Für die-
sen Einstellungswandel spielt sein Schüler Böckenförde womöglich eine weit größere
Rolle, als man es von einem weit jüngeren Schüler annehmen würde.

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79 Forsthoff 1963, S. 398. – Zu Forsthoffs Positionen siehe Meinel 2011, S. 430ff.


80 Forsthoff, Brief an Carl Schmitt vom 9. Juli 1963 (in: Forsthoff 2007, S. 191).
81 Böckenförde 1978a, S. 1888.
82 Vgl. Mehring 2007, S. 564.

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Das Leben als Ausnahmezustand

Carl Schmitts Repräsentation

Reinhard Mehring

1. Kompensative literarische Grenzüberschreitungen

Juristen haben ein enges Verhältnis zum Wort und sind häufig gute Schriftsteller. Der
bekannteste deutsche Fall ist Johann Wolfgang von Goethe. Aktuell wäre beispielsweise
der Böckenförde-Schüler und Ebrach-Teilnehmer Bernhard Schlink zu nennen, der mit
seinem Vorleser einen literarischen Welterfolg landete. Carl Schmitt waren literarische
Ambitionen auch nicht ganz fremd. So erwog er 1922 eine Schlüsselnovelle über sein
Eheleben als „treuer Zigeuner“ zu schreiben. Eine ganze Reihe veritabler Universitäts-
professoren schrieben Schlüsselromane über das Leben als Wissenschaftler. Aus der
Reihe der Campus-Romane ist Perlmanns Schweigen (1995) besonders gelungen. Der
Philosoph Peter Bieri, ein gebürtiger Schweizer, verfasste den umfangreichen Roman
unter dem literarischen Pseudonym Pascal Mercier. Perlmanns Schweigen war Bieris
erster Roman. Bieri war ein angesehener Philosoph aus der analytischen Schule, Profes-
sor für Philosophie in Bielefeld (1983), Marburg (1990) und Berlin (1993). An der Frei-
en Universität Berlin wurde er der Nachfolger seines akademischen Lehrers Ernst
Tugendhat. Philosophisch entfernte er sich in Berlin aber von der analytischen Schule1
und vertrat mit seinem Buch Das Handwerk der Freiheit2 eine recht konventionelle
Verteidigung des introspektiv evidenten Teilnahmestandpunkts individueller Willens-
freiheit. Perlmanns Schweigen, nach Bieris Wechsel an die Endstationsuniversität FU-
Berlin veröffentlicht, ist ein tragikomischer Roman über die Psychologie akademischer
Reputation, Kreativität und Originalität und die Diskrepanz zwischen akademischer
Selbstwahrnehmung und Außensicht.
Der international renommierte Linguistik-Professor Philipp Perlmann hat den akademi-
schen Betrieb eigentlich satt. Dennoch übernimmt er die Leitung eines elitären Sympo-
sions in einem Nobelhotel an der ligurischen Küste. Einen eigenen Vortragstext hat er
noch nicht. In der akademischen Konkurrenz mit einem amerikanischen Kollegen be-
schließt er deshalb unter äußerstem Druck, Tablettenmissbrauch, Eskapaden und Refle-
xionsschleifen, eine drohende Blamage durch die Übersetzung eines entlegenen russi-
schen Textes abzuwenden. Doch der plagiierte russische Kollege trifft überraschend
selbst als Teilnehmer am Symposion ein; Perlmann will ihn durch einen fingierten Au-

1 Bieri 2007, S. 333-344.


2 Bieri 2001.

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tounfall töten. Es kommt dann nach manchen Verwicklungen doch zu einer anderen Lö-
sung, und Perlmann steigt aus der Wissenschaft aus. Perlmanns Schweigen schildert mit
satirischer Schärfe die Innensicht der akademischen Konkurrenzen, Reputationskämpfe,
Disziplinierungs- und Ekstasetechniken, mit denen Perlmann seine professionelle Indif-
ferenz gegenüber den akademischen Formen und Anforderungen überspielt und sich
zum erwarteten Auftritt und Verhalten zwingt.
Der satirische Witz des Romans liegt nicht nur in der Diskrepanz zwischen Perlmanns
Selbstwahrnehmung und den akademischen Üblichkeiten und Ritualen, sondern auch in
der asymmetrischen Anerkennung, die Perlmann über die Mitwelt seiner Kollegen hin-
aus vom Romanleser erhält. Perlmann ist ein hochbegabter, brillanter Wissenschaftler.
Daran zweifelt niemand außer ihm selbst. Ein Plagiat hat er nicht im Mindesten nötig.
Jederzeit wäre er in der Lage, auch ohne Betrug den kollegialen Erwartungen zu ent-
sprechen und sein hohes Ansehen als Wissenschaftler zu bestätigen. Er braucht im
Rahmen eines solchen Symposions, der akademischen Camouflage einer Urlaubsreise,
eigentlich gar kein innovatives Manuskript. Seinen Rang als Wissenschaftler beweist er
dort praktisch nicht durch seinen akademischen Output, seinen originellen Vortrag,
sondern durch die Psychologie seines hohen Spiels um die akademische Reputation.
Zum Spiel gehört der konventionelle Schein, dass es um die Sache und nicht um den
sozialen Event oder persönliche Interessen und Beziehungen – freund-feindliche Kon-
kurrenzen, kultivierte Geselligkeit und Unterhaltung oder auch erotische Abenteuer –
geht. Max Weber schrieb in Wissenschaft als Beruf:

„Wer „nicht die Fähigkeit besitzt, sich einmal sozusagen Scheuklappen anzuziehen und
sich hineinzusteigern in die Vorstellung, daß das Schicksal seiner Seele davon abhängt: ob
er diese, gerade diese Konjektur an dieser Stelle dieser Handschrift richtig macht, der bleibe
der Wissenschaft nur ja fern. Niemals wird er in sich das durchmachen, was man das ‚Er-
lebnis’ der Wissenschaft nennen kann.“ (MWGA Bd. XVII, 80f)

Während Weber von der Identifikation mit Inhalten spricht, der manischen Leidenschaft
für die „Sache“, analysiert Bieri alias Mercier die Passion der Wissenschaft als obsessi-
ve Abhängigkeit von kollegialer Anerkennung. Goethe und Schiller schrieben ein Xeni-
on „Wissenschaft. Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern / Eine
tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.“3 Es bedarf komplexer Mobilisierungsstrate-
gien, um den akademischen Profi, der um die Spannung zwischen den akademischen
Formen und Inhalten, der Wissenschaft als Job und Berufung, weiß, zu einem rollen-
konformen Verhalten zu zwingen. Schließlich steigt Perlmann aus.
Der Umstieg aus der Wissenschaft in die Literatur ist ein Stück Kompensation. Man
überschreitet die Diskurspflichten und Argumentationslasten und löst so die Spannun-
gen zwischen den initialen Motiven, Zielen und Mittel der Wissenschaft. Was der Wis-

3 Goethe/Schiller 1981, S. 211.

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senschaft versagt bleibt, ist dem Dichter möglich. Die Problembestände, an denen die
Wissenschaft scheitert, die sie methodisch verstellt, bearbeitet die Literatur. Der Philo-
soph löst die Sinnfrage dichterisch, der Jurist findet fiktional die Gerechtigkeit, die ihm
der Rechtswegestaat versagen muss. Wenn Juristen Kriminalromane schreiben, Fälle lö-
sen, bleiben sie dem Recht auf der Suche nach Gerechtigkeit treu.

2. Schmitts Leben im Ausnahmezustand

Schmitt hat die innere Berufung als Universitätslehrer bis 1945 wohl niemals verlassen.
Den „Mandarinen“ des akademischen Betriebs und der strikten Selbstbeschränkung auf
den rechtsdogmatischen Positivismus aber stand er stets distanziert gegenüber. Den Sys-
temgrenzen der Universität und Wissenschaft suchte er schon durch seine starke politi-
sche Adressierung und Funktionalisierung seiner Wissenschaft zu entkommen. Vor al-
lem aber setzte er sein Leben durch vielfältige Aufgaben und Verwicklungen in Span-
nung. Schmitt lebte geradezu literarischen Mustern von Georges Bernanos oder Louis-
Ferdinand Célines Voyage au bout de la nuit nach. Ein Referenzautor ist Johann Arnold
Kanne, dessen Autobiographie Schmitt 1917 herausgab. Die biographischen Details4
seiner repressiven Selbstmobilisierung und Stilisierung seines Lebens als produktiver
Ausnahmezustand sind hier nur knapp zu rekapitulieren: Die frühen Düsseldorfer Tage-
bücher schildern ein desparates, exaltiertes Leben als Rechtsreferendar zwischen äu-
ßersten Geldsorgen, Liebesekstasen (Cari), Abhängigkeiten von einem dämonischen
„Geheimrat“ (Hugo am Zehnhoff), kafkaesker Wahrnehmung des juristischen Ausbil-
dungsbetriebs, Hass auf das konfessionelle und familiäre Herkunftsmilieu. Die Tagebü-
cher der frühen Münchner Jahre im Militärdienst belegen dann weitere Spannungen
zwischen dienstlichen Pflichten („Hauptmann“ Roth) und dem Leben als Bohèmien in
Künstler- und Intellektuellenkreisen, Furcht vor der Front und Hass auf den „Militaris-
mus“. Dazu kommt die ungelöste Spannung zwischen philosemitischen und antisemiti-
schen Strebungen. Später lebt Schmitt im ständigen Zwist und krasser Geringschätzung
der juristischen Kollegen, der Scham und Verzweiflung über das Scheitern seiner kata-
strophalen Mesalliance mit der Hochstaplerin, Demimonde und Halbweltdame Cari,
dem resultierenden Bruch mit der Kirche und dem katholischen Milieu, dem leisen Ge-
läster und höhnischen Spott der Kollegen, den politischen Dissonanzen innerhalb der
Zunft, dem Ressentiment gegen Versailles, Genf und Weimar. Mit der Beziehung zu
Duschka Todorović und der erneuten Ehe auf Kosten kirchlicher Exkommunikation
macht Schmitt zwar den Versuch eines Neuanfangs, bald auch durch seinen Wechsel
nach Berlin, doch die lebensgefährliche Erkrankung Duschkas, unmittelbar nach der
Hochzeit massiv ausbrechend, wirft ihn vollends aus der bürgerlichen Bahn in die priva-
te Verzweiflung, der Schmitt nun mit ständigen Affären und Prostituierten begegnet. Er

4 Dazu vgl. Mehring 2009, Mehring 2009a.

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stürzt sich ins Berliner Nachtleben, rutscht auf den Straßenstrich ab und greift zur Fla-
sche. Parallel radikalisiert er sich politisch und antisemitisch. Aus der Bohème wechselt
er in die nationalistischen Kreise der Konservativen Revolution über. An die Stelle der
alten Gefährten und Freunde Georg Eisler, Franz Blei und Ludwig Feuchtwanger tritt
nun der Umgang mit Rechtsintellektuellen wie Heinrich Oberheid, Ernst Jünger, Wil-
helm Stapel und Albrecht Erich Günther. Der antisemitische Affekt triumphiert. Auch
die Genesung von Duschka und die Geburt der Tochter Anima stabilisieren sein bürger-
liches Leben am Ende der Weimarer Republik kaum. Eheliche Treue und bürgerliche
Ruhe und Ordnung findet Schmitt auch damals nicht. Mit seiner nationalsozialistischen
Entscheidung sucht er 1933 dann auch seine innere Unruhe und Unzufriedenheit zu lö-
sen. Der Außenseiter will endlich Insider sein. Doch er begeht erneut den Fehler, die fa-
tale „Dummheit“, sich in falsche Gesellschaft zu begeben und mit einer Bande von
Räubern, Mördern und Irren zu paktieren. Paradigmatisch steht hier der jahrelange Um-
gang mit Hans Frank, dem späteren Generalgouverneur von Polen, den Schmitt später,
neben seiner ersten Ehe, rückblickend die größte „Dummheit“ seines Lebens nennen
wird. Zu nennen ist aber auch die Wahl prononciert nationalsozialistischer Mitarbeiter,
SS-Männer und NS-Verbrecher wie Herbert Gutjahr und Helmut Pfeiffer, und anderes
mehr.
Biedermeierlich gesprochen fehlte Schmitt die Menschenkenntnis; laienpsychologisch
gesprochen mag er als „narzisstische“ Persönlichkeit oder gar als „Borderliner“
(Kernberg) gelten.5 Nach heutigem Quellenstand dürfte es nicht sonderlich strittig sein,
Schmitts Charakter und „Fall“ allerlei Untugenden zu attestieren: Ressentiment, über-
spannten Ehrgeiz und Eitelkeit, Larmojanz, elitären Dünkel, Undank und mangelnde
soziale Reziprozität, Geringschätzung der Mitwelt, Verzerrung, Verleugnung und Ver-
drängung einfacher Tatsachen. Solche Psychologisierungen und Pathologisierungen
sind wohlfeil und billig. Dabei mag auch auf Schmitt zutreffen, was Hannah Arendt
1949 über Heidegger an Jaspers schrieb:

„Was Sie Unreinheit nennen, würde ich Charakterlosigkeit nennen, aber in dem Sinne, daß
er buchstäblich keinen hat, bestimmt auch keinen besonders schlechten. Dabei lebt er doch
in einer Tiefe und mit einer Leidenschaftlichkeit, die man nicht leicht vergessen kann“.6

Schmitts schwankender Charakter wurde oft beschrieben: so von Moritz Bonn.7 Löwith8
sprach 1935 von Okkasionalismus und Opportunismus. Schmitt unterschied rückbli-
ckend seinen katholisch-ästhetizistischen Habitus vom protestantischen Ethizismus und

5 Für mögliche Richtungen psychologischer und sozialpsychologisch-gruppensoziologischer Deutung


perspektivisch interessant u.a. Kernberg 1983; zur Sozialpsychologie rechtsintellektueller Gruppen
vgl. Breuer 1995; Breuer 2002.
6 Arendt am 29.9.1949 an Jaspers, in: Arendt/Jaspers 1993, S. 178.
7 Bonn 1953.
8 Löwith 1935, S. 101-123.

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Rigorismus.9 Er selbst beschrieb sich nicht als starken Charakter etwa im Sinne von
Kants Moralphilosophie (Tugend ist „moralische Stärke“ gegen „Widerstand“), sondern
eher als seismographisch beobachtenden Teilnehmer, der die Krise der Zeit zum Pathos
seines Lebens erhob. 1933 sagte er einmal: „Meine Arbeit erhält ihren Sinn dadurch,
dass ich nichts anderes bin als ein Organ dieses substanzhaften Rechts des konkreten
Volks“.10 1938 sprach er in seiner privaten Tischrede zum 50. Geburtstag von seiner
„Fähigkeit, sich betrügen zulassen“.11 Später sprach er von einer – biographisch teils
nachvollziehbaren – „merkwürdigen Passivität“ und meinte im Gespräch mit Spranger:

„Ich bin ein kontemplativer Mensch und neige wohl zu scharfen Formulierungen, aber nicht
zur Offensive, auch nicht zur Gegenoffensive. Mein Wesen ist langsam, geräuschlos und
nachgiebig, wie ein stiller Fluß, wie die Mosel, tacito rumore Mosella.“12

Fast jedes Wort mag man hier in Zweifel ziehen, war doch das „Gespräch“ auch eine
„Gegenoffensive“. Aber solche Fragen lassen sich kaum entscheiden. Beide Sichtwei-
sen lassen sich vertreten, weil sie nicht in eine Richtung eindeutig zu belegen oder zu
widerlegen sind. Das seismographische Wort vom „Organ“ scheint mir aber wichtig.
Schmitts Leben war eine Krisenbiographie. Der „Ausnahmezustand“ war ihm auch ein
biographisches Problem. Schmitt wollte die Krise der Zwischenkriegszeit intensiv er-
fahren und ein emphatischer Zeuge sein. In der Krise lässt sich nicht ruhig leben. Die
Politik ist das „Schicksal“. Zeitgenössisch hat damals insbesondere Eric Voegelin den
alten platonischen Gedanken von der paradigmatischen Spiegelung von Mensch, Staat
und Kosmos im Ordnungsdenken betont. Gerade Voegelins Werk stand Schmitt auch,
anders als die Sokratiker Kuhn oder Strauss, philosophisch nahe.

3. Schmitts kategoriale Selbsterfassung: Souveränität im Ausnahmezustand

Damit kommen wir zu Schmitts sozialer Konstruktion seines Lebens als Ausnahmezu-
stand. Die pathogenen Motive seien hier geschenkt. Eine psychopathologische Betrach-
tung ist, wie bei allen Menschen, aufschlussreich und erhellend; sie könnte Schmitt in
seinem Umgang mit den Hypotheken und „Dummheiten“ seines Lebens – u.a. Cari und
Hans Frank – auch ein Stück weit exkulpieren. Der „außergewöhnliche Mann“ (Walter
Jellinek)13 lebt nicht leicht alltäglich. Schmitt trug schweres Gepäck, nicht nur die psy-
chobiographischen Folgen mancher „Dummheiten“, sondern auch die soziale Hypothek
seiner Hochbegabung. Seine verfassungstheoretischen Kategorien sind auch ethische

9 Schmitt 1988, S. 13-21.


10 Schmitt 1975, S. 115.
11 Schmitt 1996, S. 10-11, hier: S. 11.
12 Schmitt 1950, S. 10; Schmitt zitiert hier den spätrömischen Dichter Decimus Magnus Ausonius mit
seinem um 370 entstandenen Flussgedicht „Mosella“. Dazu vgl. Dräger (Hrsg.) 2002.
13 Walter Jellinek am 29.5.1933 gutachterlich über Schmitt für die Nachfolge Anschütz, UA Heidel-
berg H-II 563/3.

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Perzeptionen seines Handlungsfeldes. Die biographische Lesart folgt dem Maßstab der
Selbstbeschreibung und ist deshalb die mildeste Form interner Kritik. Ihr Rationalitäts-
kriterium ist die interne Kohärenz von Denken und Tun. Eine starke Diskrepanz zwi-
schen den selbst gesetzten Handlungsgrundsätzen und dem Verhalten heißt dann „irrati-
onales“ Versagen gegenüber den eigenen Ansprüchen. Abstrahiert man von starken
psychologisierenden Deutungen und auch vom rechts- und sozialwissenschaftlichen
Sachgehalt von Schmitts Kategorien und liest sie distanzierend als „soziale Konstrukti-
onen“, so ist eine biographische Lesart statthaft.
In den letzten Jahren wurde in der philosophischen Ethik viel von Lebenskunst und Le-
bensführung gesprochen.14 Man knüpfte dabei oft an die handlungsanalytische Ethik des
Aristoteles an. Aristoteles unterschied formal zwischen bloßem Überleben und gutem
Leben und formulierte das bürgerliche Maß: die goldene Mitte zwischen den Extremen
und einen Primat der Vernunft. Auch das Scheitern aber mag als „Form des Glücks“
gewählt sein.15 Die Selbstbestimmung schließt auch den extremen Lebensentwurf ein.
Wir unterscheiden zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Zielen und geben oft mo-
mentanen Wünschen und Neigungen nach. Leben heißt Problemlösen. Handeln kämpft
mit Kontingenzen und droht im komplexen Gefüge immer zu scheitern. Schon Hegel
beschrieb die Verselbständigung der Folgen gegen die Intentionen einer Handlung.
Fichte sprach allgemein vom Streit zwischen „Ich“ und „Nicht-Ich“. Selbst bei Goethe
findet sich (im Divan) der Satz: „Lebt man denn, wenn andere leben?“16 Leben besteht
in der alltäglichen Lösung von Problemen, Aufgaben und Herausforderungen. Helmuth
Plessner, von Schmitt exponiert zitiert, sprach von der „Exzentrizität“ des menschlichen
Daseins, das sich an die Mitwelt verliert, um seine Freiheit in distanzierenden Akten zu-
rückzugewinnen. Lachen und Weinen markieren Grenzfälle exzentrischer Positionalität.
Heidegger sprach vom „Verfallen“ des eigentlichen Daseins an das „Man“, Hans Jonas
analysierte das gnostische Lebensgefühl mit Heidegger. Schon Nietzsche verwarf den
Eudämonismus des Glücks. „‚Was liegt am Glücke!’, antwortete er [Zarathustra], ‚ich
trachte lange nicht mehr nach Glücke, ich trachte nach meinem Werke.’“17
Schmitts Begriff des Ausnahmezustands muss hier nicht in allen Nuancen rekonstruiert
werden. Unstrittig hat dieser „Grenzbegriff“ heute große diagnostische Bedeutung. Die
Finanzkrise der EU, nicht nur eine Griechenlandkrise, erinnert nur zu deutlich daran.18
Weitere weltweite Krisenlagen und Erosionen der Staatlichkeit stoßen uns auf den Be-
griff. Freilich ist die Rhetorik des Ausnahmezustands auch ein rechtspolitisch intentio-

14 Aus der Masse der Literatur besonders lesenswert Rentsch 2000; vgl. auch Mehring 2001.
15 Seel 1995.
16 Goethe 1981a, S. 43.
17 Nietzsche 1966, Bd. II, S. 477.
18 Dazu vgl. Böckenförde 2011, S. 299-303.

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nales Krisenszenario. Günter Frankenberg19 hat diese Staatstechnik der Optik des Aus-
nahmezustandes für den juristischen Gegenwartsdiskurs eindrucksvoll analysiert. Gior-
gio Agamben warf das Stichwort mit Schmitt und Benjamin neu in die Debatte. Seine
Rekonstruktion eines „Gesprächs unter Abwesenden“ (H. Meier) ist allerdings ziemlich
fiktiv.20 Auch seine Implementierung der Unterscheidung von potestas und auctoritas in
die „Zone der Unbestimmtheit“ und „Anomie“ legt eine spekulative Dogmatik in
Schmitts Stichwort, die der Text kaum hergibt. Zutreffend schreibt Agamben, dass
Schmitt den Ausnahmezustand als Grenzbegriff „in einen Rechtskontext stellt“21 und
als Rechtsbegriff retten möchte. Die spekulative Auslegung, die Agamben sucht, war
Schmitt nicht ganz fremd. Der Ausnahmezustand begegnete ihm aber zunächst als mili-
tärischer Auftrag und biographische Erfahrung. Das Thema des Belagerungs- und Aus-
nahmezustands wurde ihm 1915 in München zunächst dienstlich gestellt. Schmitt war
damals wieder einmal über seine Lebensumstände ziemlich verzweifelt. Er litt unter
dem Heeresdienst, zweifelte und verzweifelte an seiner Frau, fürchtete sich vor der
Front und fühlte sich zwischen staatlicher „Autorität“ und Schwabinger „Anarchie“ hin
und her gerissen. Er wusste nicht genau, wo er stand, und empfand seine Tätigkeit in
der Heeresverwaltung als Verrat. Am 6. September 1915 notierte er in sein Tagebuch:

„Um 8 Uhr war ich bereit, Selbstmord zu begehen, in der Welt der Nacht und in der Stille
zu versinken, mit ruhiger Überlegenheit; dann dachte ich nur daran, in der Welt Karriere zu
machen. Einige Stunden später war mir alles gleichgültig und ich wollte gerne Soldat wer-
den – es ist zum Verrücktwerden, diese Zusammenhanglosigkeit; was soll ich tun? Ich wer-
de mich in einer Stunde vor Wut über meine Nichtigkeit erschießen.“ (TB II, 125)

Einen Tag später notierte er dann:

„Nachmittags: Bericht über das Belagerungs-Gesetz machen. Begründen, dass man den Be-
lagerungszustand noch einige Jahre nach dem Krieg beibehält. Ausgerechnet ich! Wofür
mich die Vorsehung noch bestimmt hat.“ (TB II, 125)

Das Thema des Belagerungszustandes kommt ihm als Auftrag entgegen. Schmitt soll
sagen, dass der Kriegszustand eine außerordentliche Ausweitung der exekutiven
Maßnahmebefugnisse auch in die Nachkriegszeit hinein erfordert. Das wird ein zentra-
les Thema seines späteren Werkes werden. Seine ganze Verfassungstheorie plädiert da-
für, dass das liberale System der Gewaltenunterscheidung nicht mehr zu halten ist und
die Exekutive das Recht für außerordentliche Maßnahmen braucht: für die Ausweitung
exekutiver Macht auf Kosten der Legislative, des klassischen Parlamentarismus und der
Jurisdiktion. 1915 aber, mitten im Krieg, nimmt Schmitt diesen Auftrag zunächst mit
Verwunderung auf. „Ausgerechnet ich! Wofür mich die Vorsehung noch bestimmt hat!“

19 Frankenberg 2010.
20 Eine solide philologische Quelle ist dagegen Schmitts Handexemplar von Benjamins Trauerspiel-
buch. Dazu Mehring 2011, S. 239-256.
21 Agamben 2004, S. 62, vgl. S. 42ff.

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Die Bemerkung ist ironisch, denn Schmitt weiß ja, dass es sein Vorgesetzter (Haupt-
mann Roth, der spätere bayerische Justizminister) war, der ihn beauftragte. Er deutet
damals noch an, dass er nicht geneigt ist, gegen die liberale Gewaltenunterscheidung zu
argumentieren, bejaht die Abkehr von rechtstaatlichen Verhältnissen noch nicht, so we-
nig er den Krieg bejaht. Andererseits ahnt er bereits, dass dem Thema der Diktatur, der
Transformation des liberalen Rechtsstaats in den Exekutivstaat, die Zukunft gehört. Es
wird Schmitts verfassungspolitisches Lebensthema. Und es klingt in diesen ersten For-
mulierungen schon die existentielle Stabilisierung an, die für den desparaten Bohèmien
im Auftrag liegt. Endlich hat Schmitt sein Lebensthema gefunden. Damit kann er sich
eine Form geben und als „Soldat“ über die Bürger und Bohèmiens triumphieren. So ist
seine Rede von der „Vorsehung“ nicht nur ironisch gemeint. In ihr steckt auch eine
existentielle Rettung: eine Ahnung künftiger Entwicklungen, die ihm ein Ziel geben, an
das er sich halten kann. Sofort will er das Thema als „Buch“ realisieren. Er schreibt
dann einen „Bericht über das Belagerungszustands-Gesetz“ und beginnt mit seinen be-
deutenden begriffsgeschichtlichen Studien zur Diktatur. In der Diktatur arbeitet Schmitt
den Schritt aus der „kommissarischen“ in die „souveräne“ Diktatur besonders prägnant
heraus. Die Politische Theologie stellt die Souveränität dann als „Grenzbegriff“ der
Staatslehre in politisch-theologisches Licht.
Schmitt definiert die Souveränität funktional: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezu-
stand entscheidet.“ (PT 11) Er macht die Frage nach der Souveränität so zu einer „Frage
nach dem Subjekt der Souveränität“ (PT 12, 16) Auch der Staatsbegriff wird dadurch
offen: Wenn das Subjekt der Souveränität offen ist und der Souverän den Staat konstitu-
iert, ist der Staat nicht vorab durch Institutionen definiert. Schmitt spricht aber in der
Politischen Theologie weiter relativ selbstverständlich vom Staat als „Subjekt der Sou-
veränität und der Rechtsordnung“. Er definiert den „Ausnahmezustand“ als Grenzbe-
griff, von einer Normalitätserwartung her, durch die

„Suspendierung der gesamten bestehenden Ordnung. Ist dieser Zustand eingetreten, so ist
klar, dass der Staat bestehen bleibt, während das Recht zurücktritt. Weil der Ausnahmezu-
stand immer noch etwas anderes ist als eine Anarchie und ein Chaos, besteht im juristi-
schen Sinne immer noch eine Ordnung, wenn auch keine Rechtsordnung.“ (PT 18f)

Schmitt hält also noch an einer juristischen Engführung seiner Souveränitätslehre fest,
die durch die Souveränitätsformel selbst nicht ganz gedeckt ist. Die Souveränitätsformel
ist auch für eine weitere Fassung des „Ausnahmezustands“ (als anarchisches Chaos) of-
fen. In politisch-theologischer Perspektive fasst Schmitt den Ausnahmezustand auch
selbst schon innerhalb seiner Broschüre weiter. „Der Ausnahmezustand hat für die Ju-
risprudenz eine analoge Bedeutung wie das Wunder für die Theologie“, schreibt er zu
Beginn seines titelgebenden Kapitels (PT 49). Schmitt kritisiert dann Kelsens
Immanenzmetaphysik der Parallelisierung des juristischen Gesetzesdenkens mit der
„Naturgesetzlichkeit“ (PT 54): also den strikten Allgemeinheitsanspruch von Kelsens

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Rechtsbegriff. Bekanntlich spielt er den Absolutismus, Personalismus und Dezisionis-
mus von Hobbes gegen diesen „Normativismus“ aus (PT 61f). Indem er auch den
christlichen Theismus betont, hier bald von der Hobbes-Dissertation seines Schülers
Werner Becker angeregt, nimmt er Hobbes gegen die naturrechtliche Letztvorstellung
einer „konkreten Unordnung“ in Schutz (DARD 24). Erst 1934 spielt Schmitt sein
„Ordnungsdenken“ aber deutlich gegen den atheistischen Dezisionismus der Unordnung
aus. In seinem theistischen Weltbild ist die Natur im Grunde gut. Der Theismus rettet
die Güte der Welt.
Der Ausnahmezustand ist ein von einer Normalitätserwartung her konzipierter Gegen-
und Grenzbegriff. Strikte Suspension aller Regularitäten und Regeln gibt es nicht. We-
nigstens die Naturgesetze gelten in der entgötterten Welt. Das politische Handlungsfeld
entsteht, historisch betrachtet, erst mit den alten Griechen als säkularer Raum22 mit der
Entmythologisierung des Weltbildes und einer Trennung von Gott, Mensch und Welt.
Eine Geburtsurkunde ist hier Platons geschichtsphilosophischer Mythos vom „Steuer-
mann“, der das Ruder fahren lässt und die schwachen und sterblichen Menschen aus der
„Obhut der Götter“ entlässt (Politikos 272-274). In metaphysikgeschichtlicher Perspek-
tive verkehrt sich die Formel geradezu: Was ungeheuer säkular klingt, der Ausnahme-
zustand, ist näher betrachtet eigentlich eine metaphysische Fiktion. Die entgötterte Na-
tur kennt keine Suspension aller Regeln und keinen radikalen Ausnahmezustand. Nur
den Menschen erscheinen Bedrohungslagen als katastrophale Ausnahmezustände. In der
Dramatisierung von Krisen liegt eine gefährliche Übertreibung. Doch die Lebenserfah-
rung sagt auch: Hinter dem Horizont geht es weiter. Ein säkulares Weltbild sieht die
Anthropozentrik des Ausnahmezustands letztlich nüchtern und zynisch. Das metaphysi-
sche Szenario der radikalen Endlichkeit hat Nietzsche prägnant und ironisch formuliert:

„In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausge-


gossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden.
Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der ‚Weltgeschichte’: aber doch nur eine
Minute.“23

Wir rechnen heute fast stündlich mit dem Ende der Zivilisation. Seit Jahrzehnten fliegen
aber Satelliten durchs Orbit und tragen noch bei erloschenen Funkkontakten gezielte In-
formationen vom menschlichen Dasein zu allen möglichen „vernünftigen Wesen“
(Kant). Die Menschheit rechnet heute wieder mit vernünftigen Wesen jenseits des Men-
schen.
Schmitts Souveränitätsformel dramatisiert die Möglichkeit eines amorphen Handlungs-
feldes jenseits aller Regeln. So ist sie selbst ein „säkularisierter theologischer Begriff“.
Die Politik sollte nicht mit gänzlich ungeregelten Zuständen rechnen, sondern von der

22 Dazu etwa Meier 1980.


23 Nietzsche 1966, Bd. III, S. 309.

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gegebenen Verfassung ausgehen, die sich zeigt und gilt. Nur wer die Regeln einigerma-
ßen kennt, kann sich entsprechend verhalten. So ist der Grenzbegriff des „Ausnahmezu-
stands“ politisch zunächst einigermaßen irritierend und nebulös. Er fingiert eine amor-
phe Regellosigkeit, die im sozialen Gefüge nicht wirklich existiert. Als Handlungsrat-
geber ist er damit ziemlich entmutigend und unpraktisch. Sein Erkenntnisgehalt liegt
eher im dramatischen Appell zum Umdenken. Die Formel weist auf veränderte Hand-
lungsumstände hin, auf die Notwendigkeit, sich auf eine neue Situation einzulassen und
deren Umstände im Handeln explorativ und riskant zu erschließen. Die Pointe der For-
mel liegt in der formalen und offenen Fassung. Die Souveränität ist funktional an die
Erfüllung einer Aufgabe und Funktion gebunden. Damit bindet Schmitt das Recht an
eine politische Ordnungsleistung oder Macht. Die Souveränitätsformel ist ein Stück
„Ordnungsdenken“. Das „Subjekt der Souveränität“, der Souverän, muss keine einzelne
Person sein, sondern kann auch eine herrschende Elite oder soziale Klasse sein. Die kol-
lektive Verantwortlichkeit für die ordnungsstiftende Leistung muss aber eindeutig ge-
geben sein. Diese ordnungs- und souveränsstiftende Leistung muss nicht in einer ein-
zelnen Maßnahme oder Tat bestehen und kann auch einen nachträglich zugerechneten
Handlungsverlauf betreffen. Wenn ein Feldherr etwa einen Konflikt entscheidet, Belisar
beispielsweise bei Karthago die Vandalen unter Gelimer besiegt,24 so kann dies einem
Oberbefehlshaber oder Kaiser (hier: Justinian) zugerechnet werden. Umgekehrt muss
der Prinz von Homburg nicht für seine eigeninitiativ rettende Tat belobigt werden. Der
Souverän muss nicht einmal als Mensch anerkannt werden. Auch Gott kann der Souve-
rän sein. So verstand sich Jean d’Arc als Gefäß oder Werkzeug Gottes. Transzendente
Mächte werden immer wieder als Herren der Geschichte gesehen. Konkrete Handlun-
gen erscheinen dann transpersonal als Vollzug einer „Vernunft in der Geschichte“.
Schmitts Souveränitätsformel erzwingt nicht den starken Personalismus und Elitismus
seines politischen Denkens. Der Souverän muss nicht ein Führer in Person sein. Sie
kann deshalb im je konkreten Souveränitätsbeweis unterschiedlich formuliert werden:
Der Feldherr erweist sich als Souverän, wenn und weil er die Schlacht entscheidet. Der
Kaiser bewährt sich als Souverän, wenn ihm sein Feldherr die Standarten zu Füßen legt.
Gott gilt als Souverän, wenn er geglaubt wird und ihm die Krieger den Sieg über die
Heiden betend danken.
Die Souveränitätsformel bezeichnet den Moment der Ordnungsstiftung als Akt der An-
erkennung von Handlungsmacht. Mit Max Weber gesprochen signalisiert sie den Um-
schlag von Macht in Herrschaft, d.h. sozial anerkannte Macht. Der Souverän gewinnt
die Initiative und das „Heft“ des Handelns zurück, gleichsam das Drehbuch oder die
Regiebeschreibung, und verfügt über die semantische Hoheit und Definitionsmacht über
die Situation: die Kompetenz-Kompetenz zur näheren Gestaltung der Lage. Er tritt da-

24 Dazu Mehring 2012, S. 32-45.

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mit, antik gesprochen, als Nomothet oder Legislateur auf und gewinnt eine gesetzgebe-
rische Macht und Funktion. Das muss keine diktatorische Vollmacht und Herrschafts-
praxis bedeuten. Vielmehr zeigt die diktatorische Souveränitätsgeste eher Schwäche an.
Der wahre Souverän hat rhetorische Machtdemonstrationen und Selbstverherrlichungen
nicht nötig. Der demonstrative Führerkult geht leicht ins Leere. Platon vergleicht den
Staatsmann (im Protagoras) mit einem Weber oder Webekünstler. Auch Schmitt ver-
gleicht das politische Handeln später, in der Jünger-Festschrift, gegen die Auslegung
des Dezisionismus als Ideologie des permanenten Gewaltstreiches, mit dem gordischen
Knoten, der nicht zerschlagen, sondern behutsam gelöst wird.
Ordnungsstiftung ist Verfassunggebung. Die souveräne Ordnungsstiftung verwandelt
den Ausnahmezustand in einen Normalzustand. Mit der Frage nach der Verfassungsfä-
higkeit einer politischen Einheit deuten sich Differenzierungen innerhalb des „Ausnah-
mezustands“ an. Es gibt Ausnahmezustande, die noch verfassungsfähig sind und „Ent-
wicklungspfade“ oder Normalisierungschancen haben; und es gibt chaotische Zustände,
deren Normalisierungschancen unabsehbar sind und die wenig Hoffnung lassen.25
Schmitt stellte dem Nationalsozialismus die Frage nach seiner Verfassungsfähigkeit mit
Lorenz von Stein. Bis zum 30. Juni 1934 glaubte er noch an die Verfassungsfähigkeit
des Nationalsozialismus und sprach deshalb auch von einer „Dreigliederung“ der „poli-
tischen Einheit“ und von „Ordnungsdenken“. Nach dem 30. Juni 1934 kamen ihm darü-
ber starke Zweifel. Seine Formulierungen im Artikel Der Führer schützt das Recht sind
bekannt und berüchtigt:

„Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Missbrauch, wenn er im Augenblick
der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft. […]
In Wahrheit war die Tat des Führers echte Gerichtsbarkeit. […] Das Richtertum des Füh-
rers entspringt der höchsten Rechtsquelle, der alles Recht jedes Volkes entspringt. In der
höchsten Not bewährt sich das höchste Recht und erscheint der höchste Grad richterlich rä-
chender Verwirklichung dieses Rechts. Alles Recht stammt aus dem Lebensrecht des Vol-
kes.“ (PB 200)

Diese Sätze markieren nicht ohne doppelten Boden und „esoterische“ Auslegungsmög-
lichkeiten die Suspension der Rechtsordnung und den Gesetzesbruch des „Führers“.
Schmitts Souveränitätsformel lädt mit ihrer rhetorischen Prägnanz und Offenheit zu
applikativen Variationen ein. Sie lässt sich auch ethisch auslegen und umformulieren:
Soverän ist (als souveräner Typ gilt), wer diverse Herausforderungen im Alltag (zu-
nächst und zumeist locker) besteht. Schmitt floh aus Routinen in die Herausforderung
und unterzog seinen Alltag damit gewissermaßen einem permanenten Souveränitätstest.
Seine Stilisierung des Lebens als Herausforderung war auch eine Probe auf die Mitwelt.
So machte er in seinem mitunter ziemlich fahrlässigen und chaotischen Umgang mit

25 Differenzierung für die einzelnen Länder der „arabischen Revolution“ etwa Perthes 2011.

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Geld bisweilen die Freundschaftsprobe: Ein Freund ist, wer Geld verleiht. Schmitt for-
derte mit den Kontingenzen des Handelns sein Glück heraus. Das hat auch eine religiöse
Dimension der Prüfung des guten Gottes. Alltagssprachlich wird die Semantik der Sou-
veränität meist mit einem individuellen Habitus und einer sozialen Performanz der Per-
sönlichkeit verbunden. Ein Mensch agiert souverän. Als souveräner Typ gelingt es ihm,
in diversen Situationen seine Kontenance zu bewahren. Er zeigt stoische Selbstbeherr-
schung und verliert auch in schwierigen Situationen nicht den zivilen Rahmen seiner
Verfassung. Er beherrscht sich und meistert alltägliche und außeralltägliche Situationen.
Niemandem gelingt das immer im Spiel um die Bedingungen und Kontingenzen der
endlichen Existenz. Wer das vorgibt, wirkt leicht arrogant. Der souveräne Habitus ist
sozialgeschichtlich und situationsgebunden zu betrachten. Fürstenspiegel, Hofmannsli-
teratur, bürgerliche „Knigge“, militärische Dienstanweisungen oder Proletkultratgeber26
definieren die Handlungsmaximen im sozialen Geflecht der Personen und Situationen
sehr unterschiedlich. Handlungssouveränität ist aber in allen diesen sozialpsychologi-
schen Charakterisierungen, Normierungen und Stilisierungen vorausgesetzt.
Das Spiel um die eigene Souveränität wird in situationsinadäquatem Verhalten zur Po-
se. Wer unter allen Umständen seine Souveränität bewahren möchte, hat sie schon ver-
loren. Ihm fehlt die Empathie für den Augenblick, und sein inadäquates Rollenverhalten
erscheint als „Maske“.27 Souveränes Verhalten ist ein Spiel um Grenzen. Der bürgerli-
che Alltag sucht praktische Herausforderungen durch Routinen zu minimieren. Die
Normalisierung, Verbürgerlichung, Veralltäglichung nimmt dem Leben dabei mit der
dynamischen Spannung bisweilen seinen Reiz, Kick, seine Vitalität oder auch sein
flüchtiges, in soziale Handlungsgefüge komplex verwobenes Charisma. Schon Weber
betrachtete die „Veralltäglichung“ als einen Verlust an „Charisma“. Schmitt verab-
scheute die bürgerliche „Sekurität“ und wollte dem Leben den Ernst der Herausforde-
rung bewahren. Soziologisch betrachtet lebte er freilich ziemlich bürgerlich: Er war Be-
amter, hatte Familie und war nicht kriminell auffällig. Er erfüllte die bürgerlichen Er-
wartungen und Pflichten und hatte auch einen weiten Bekannten- und Freundeskreis.
Sein „antibürgerlicher“ Gestus war seinem Leben nicht ganz kongruent. Gerade im
Verhältnis zu Ernst Jünger kompensierte Schmitt etwas. Otto Koellreutter mokierte sich
später über Schmitts Lob des Soldaten bei mangelnder Fronterfahrung. Eine „Erstar-
rung“ des bürgerlichen Lebens ist mit einiger Phantasie und Lebenslust kaum zu fürch-
ten. Im bürgerlichen Alltag erstarren nur diejenigen, die nicht darunter leiden. Dem
menschlichen Dasein geht die Spannung so leicht nicht aus. Sind elementare Probleme
gelöst, stellen sich neue. Kultur besteht im Spielraum der Selbstbestimmung über zu lö-
sende Probleme. Schon Aristoteles hat unübertrefflich gesehen, dass die Kunst und Kul-
tur des Lebens in der Verlagerung der Herausforderungen besteht. Wenn die Grundbe-

26 Aktuell etwa: Asserata 2003.


27 Plessner 1928.

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dürfnisse gesichert sind, wird der Mensch für andere Möglichkeiten frei. Wissenschaft
braucht Muße. Nur entwickelte Gesellschaften können sich bürgerliche Freiheit und
Muße leisten. Arnold Gehlen sprach später eindringlich von der „Entlastung“. 28 Der
Mensch muss vom permanenten Handlungs- und Bewährungsdruck entlastet werden
und bürgerliche Routinen stabilisieren, um einigermaßen kultiviert, produktiv und er-
folgreich sein Leben zu meistern. Schmitt wollte nicht die bürgerliche Sekurität und Sa-
turiertheit, aber auch nicht den Ausnahmezustand des permanenten Überlebenskampfes,
sondern die Freiheit für interessante und selbst bestimmte Herausforderungen. Ernst
Jünger gab dafür Stichworte vom „abenteuerlichen Herzen“ und „gefährlichen Leben“
aus.
Wenn hier in erster Annäherung gesagt wurde, dass Schmitt die Dynamik des Lebens in
die permanente Souveränitätsprobe setzte, so lässt sich das werkbiographisch genauer
differenzieren. Schmitts diverse semantische Angebote sind dabei eher Akzentverschie-
bungen dessen, was man insgesamt seine Repräsentation nennen könnte. Sein Werk bie-
tet eine ganze Reihe von Termini an, die diese Repräsentation umschreiben. Wichtig
sind hier etwa folgende:
1. Die Dialektik von Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit, die Schmitt 1914 im Wert
des Staates mit Hegel einführt.
2. Die Rede von der „Sichtbarkeit“ der Kirche in ihrer Unterscheidung von der
„unsichtbaren“ und der „konkreten“ Kirche (Die Sichtbarkeit der Kirche, 1917).
3. Die Dialektik von Ausnahmezustand und Normalzustand (Politische Theologie,
1922).
4. Die Dialektik von Identität und Repräsentation (Verfassungslehre, 1928) mit der
Formel von der Repräsentation als Sichtbarmachung eines „unsichtbaren Seins“
(vgl. VL 208f) und der brieflichen Feststellung gegenüber Voegelin, dass die
Identität eigentlich „kein Formprinzip“29 sei.
5. Die Unterscheidung zwischen einem liberalen Rechtsstaat und dem „unmittelbar
gerechten Staat“ des Nationalsozialismus; sie nimmt die frühere Unterscheidung
zwischen Zeiten der Mittelbarkeit und der Unmittelbarkeit wieder auf und
spricht apologetisch-euphemistisch vom Untergang der Legalität und der apoka-
lyptischen Gegenwartslage im Nationalsozialismus. (Der Führer schützt das
Recht; Was bedeutet der Streit um den ‚Rechtsstaat’?, 1934).
6. Die religiöse Rede von „Verzögerung“ und „Beschleunigung“ in der Figur des
„Kat-echon“ (Beschleuniger wider Willen, 1942)

28 Gehlen 1956.
29 Schmitt am 30.3.1931 brieflich an Voegelin.

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7. Die Unterscheidung zwischen einem protestantisch-ethischen und einem katho-
lisch-ästhetizistischen Habitus, die die Ästhetik der Existenz vom rigorosen
Charakter ablöst (Berlin 1907, 1945)
8. Die neuerliche Betonung der Macht und Ohnmacht in der Dialektik der Souve-
ränität (Gespräch über die Macht, 1954).
9. Die Theatralisierung des Dramas der Existenz durch den „Einbruch der Zeit in
das Spiel“ und die konstitutive Anerkennung zwingender „Tabus“ (Hamlet oder
Hekuba, 1956).
10. Die habituelle Identifikation mit dem Partisanen als riskanter Figur der Selbstbe-
stimmung (Theorie des Partisanen, 1963).
11. Das Insistieren auf der religiösen Selbstauffassung des „Theologen“ (Politische
Theologie II, 1970).
Rekapituliert man diese zentralen Kategorien der Selbstbeschreibung, so konvenieren
sie relativ bruch- und zwanglos in der Auffassung vom Leben als Herausforderung,
Probe und Spiel um die eigene Existenz. Plessners Kategorie der exzentrischen
Positionalität bezeichnet dies, auch aus Schmitts Sicht, ziemlich genau. Schmitt verpön-
te zwar die Rede vom Spiel und betonte den dramatischen Ernst seines Existenzvoll-
zugs. Eine vollständige Existentialanalyse der Daseinsbedingungen strebte er nicht an.
Auch eine umfassende soziologische Beschreibung der „absoluten Verfassung“ in der
Nachfolge von Montesquieu oder Tocqueville suchte er nicht. Wichtig ist aber, dass er
auf der Formierung des Daseins und seiner rollenkonformen Repräsentation bestand.
Man spricht heute gerne von der „Ästhetik der Existenz“. Soweit damit die Formierung
oder Gestaltung einer Rolle und Lebensform gemeint ist, stimmt Schmitt ihr zu. Gegen-
über dem „Ästhetizismus“ besteht er aber – weiter in Übereinstimmung mit Plessner –
auf der Differenz des „unsichtbaren Seins“ oder „Idee“ dieser Lebensform. Ethisch ge-
lesen meint Schmitts „Idee“ die Regeln und Prinzipien des Existenzentwurfes. Spran-
ger30 unterscheidet in seinen Lebensformen sechs „ideale Grundtypen der Individuali-
tät“: den „theoretischen“, „ökonomischen“ „ästhetischen“ und „sozialen“ Menschen,
den „Machtmenschen“ und den „religiösen Menschen“. Die Literatur ist damals reich an
solchen charakterologischen Typenlehren und idealtypischen Entwürfen der „Gestalten“
und Gestaltungen der Existenz. Schmitt betonte eine Dialektik der Repräsentation:

„Repräsentieren heißt, ein unsichtbares Sein durch ein öffentlich anwesendes Sein sichtbar
zu machen. Die Dialektik des Begriffs liegt darin, daß das Unsichtbare als abwesend vo-
rausgesetzt und doch gleichzeitig anwesend gemacht wird. […] In der Repräsentation […]
kommt eine höhere Art des Seins zur konkreten Erscheinung. Die Idee der Repräsentation
beruht darauf, daß ein als politische Einheit existierendes Volk gegenüber dem natürlichen
Dasein einer irgendwie zusammenlebenden Menschengruppe eine höhere und gesteigerte,
intensivere Art Sein hat.“ (VL 209f)

30 Spranger 1921.

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Schmitt nennt hier Ideen und „Worte wie Größe, Hoheit, Majestät, Ruhm, Würde und
Ehre“ (VL 201); er denkt an die monarchische Repräsentation, aber auch an die ethische
Idealisierung des Volkes als „Nation“.
Sein Begriff des Politischen fordert die „Selbstbehauptung“ der politischen Existenz
durch die Freund-Feind-Differenzierung im Kampf. Diese kämpferische Selbstbehaup-
tung dient der Endlichkeit und kreatürlichen Kontingenz des Daseins. Wenn der
Mensch unter Einsatz seines Lebens für sein Überleben und die Selbstbehauptung seiner
Existenz, seiner kollektiven politischen „Daseinsweise“ kämpfen soll, ist die Kontin-
genz des Daseins als ein unhintergehbares und unvordenkliches Faktum vorausgesetzt.
Vor jeder existentiellen Wahl einer Lebensform, im Jenseitsmythos von Platons Staat
schon großartig ausfabuliert, liegt die religiöse Selbstwahrnehmung und Anerkennung
der eigenen „Geworfenheit“ (Heidegger) oder des endlichen „Geschicks“. Dämon und
Tyche sind Goethes erste orphische „Urworte“ (HA I, 403ff). Als Kern der religiösen
Idee möchte ich, anlehnend an Hermann Lübbe,31 die Kontingenz der menschlichen Da-
seinsbedingungen bezeichnen. Schmitt inszeniert die Kontingenz seines Daseins im
Spiel der Souveränität. Er dramatisiert und inszeniert sein Leben nicht nur als perma-
nente Herausforderung, sondern auch als ein religiöses Geschehen. Tout ce qui arrive et
adorable, meinte er immer wieder. Goethe sprach von „Ehrfurcht“ und „Ergebung“ in
Gott.32 Man könnte auch von Gelassenheit sprechen oder psychoanalytisch von „Urver-
trauen“. Der Rheinländer sagt: Es kommt, wie es kommt. Das meint keinen fatalisti-
schen Handlungsverzicht, sondern die Akzeptanz der jeweiligen Lebensbedingungen als
gegebenes Gut.
Schmitt bekannte gelegentlich seinen Glauben an einen persönlichen Gott. Am 20. März
1947 schreibt er an seine Tochter Anima aus Nürnberger Haft: Ich „wurde gestern wie-
der verhaftet und schreibe aus meiner Zelle. Du sollst aber nicht traurig sein, sondern
fleissig beten. Meinetwegen braucht niemand traurig zu sein, denn Gott beschützt
mich.“33 Ähnliches schreibt er immer wieder. Wer prüft hier wen? Gott den Menschen?
Der Mensch den Gott? Schmitt sprach sein Vertrauen auf eine glückliche Fügung seiner
Lebensumstände religiös aus. Die Diskriminierungskosten seines Glücks kamen in sei-
nem persönlichen Verhältnis zu Gott, seinem Selbstgefühl von der eigenen Erwählung
und Rettung nicht vor. Sein guter Gott war nicht sehr gerecht.
Die doppelte Optik ist eine religiöse Rückversicherung. Wo der Normalzustand erodiert
und die Verfassungsfähigkeit infrage steht, trägt die religiöse Herkunftssubstanz noch.
Es kommt, wie es kommt. Wenn es schlecht läuft, bleibt die religiöse Interpretation der
Katastrophe. Auch das Tohuwabohu macht religiösen Sinn. Es ist, recht verstanden,

31 Lübbe 1986.
32 Goethe 1981b, S. 169.
33 Maschinenschriftlicher Durchschlag: Schmitt am 20.3.1947 an Anima (13453).

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immer noch in Ordnung. Das Ende ist da, aber es kommt als Erlösung. Schmitts „Dezi-
sionismus“ wurde zwar immer wieder als naturvergessener „Nihilismus“ gelesen: schon
von Waldemar Gurian,34 Helmut Kuhn, und Karl Löwith. Schmitt selbst bestand aber
auch auf einer religiösen und christlichen Lesart. Sein Schritt vom „Dezisionismus“
zum „Ordnungsdenken“ erfolgte nicht zuletzt unter dem Eindruck von Ernst Rudolf
Hubers Kritik; Huber überzeugte ihn von den komplexen Ordnungsvoraussetzungen der
„Dezision“. Andreas Urs Sommer dichtete Schmitt in seinem Lexikon der imaginären
philosophischen Werke für die Zeit nach 1936 einen politisch-theologischen Pamphlet
Der Belagerungszustand zu.35 Es lag demnach damals in der imaginären Logik von
Schmitts Werk, in dessen objektiven Möglichkeiten, den Ausnahmezustand ethisch zu
lesen und die „Biopolitik des Individuums“, so Sommer, in der Form eines Kommentars
zu Theresa von Avila zu bedenken. Sommer liest diesen „Belagerungszustand“, diese
fürsorgliche Selbstrepression, als eine rigide religiöse Askese der Sorge um sich. Ein
Lob der Askese findet sich bei Schmitt, dem ausschweifenden Bohèmien, schon im Be-
griff des Politischen. Dort kennzeichnet Schmitt die „kommende Elite“ durch eine
„Wiedergeburt“ urchristlicher „Askese“ und „Armut“ (BP 93). Tatsächlich empfand er
sein Leben im Ausnahmezustand eher als enorme Anstrengung und Strapaze denn als
das lose Glück liberalen Amüsements und „Unterhaltung“. Glücklich im alltagssprach-
lichen Sinn eines entspannten Lebensgenusses war Schmitts Leben, folgt man seiner au-
tobiographischen Selbstbeschreibung, vor und nach 1933 kaum je. Als religiös erfüllt
und sinnvoll aber betrachtete er es stets.

Literatur

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34 Gurian 1934/35, S. 566-576.


35 Sommer 2012, S. 33-35.

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Teil 3:
Globale und regionale
Ausnahmezustände

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Die Entgrenzung des Ausnahmezustands: global und permanent?

Christian Kreuder-Sonnen

1. Einleitung1
Das Konzept des Ausnahmezustands weist in seinem klassischen Verständnis zwei
Grundkonstanten auf. Erstens ist es der Idee der ‚Ausnahme‘ inhärent, dass die konstitu-
tionelle Ordnung lediglich zeitweise suspendiert wird, um einer besonderen Bedrohung
zu begegnen. Der Ausnahmezustand hat insofern konservativen Charakter, als dass alle
Sonderregelungen und Befugnisse konkret auf die Wiederherstellung des vor einem
Notstand bestehenden Status quo ausgerichtet sein müssen.2 Eine wahrlich kommissari-
sche Diktatur erfüllt daher in letzter Konsequenz die Kernfunktion der eigenen Über-
windung.3 Zweitens ist der Ausnahmezustand konzeptuell scheinbar unzertrennlich mit
dem Staat als maßgebliche politische Einheit verbunden. Schließlich handelt es sich um
ein verfassungsrechtliches Institut, dass das Überleben der staatlichen Ordnung im An-
gesicht existenzbedrohender Krisen sichern soll. Dies war nicht zuletzt bei dem
Etatisten Schmitt das Leitmotiv seiner politischen Theorie. Seither ist der Ausnahmezu-
stand als ‚Stunde der Exekutive‘, in der sich die Frage der Souveränität entscheidet,4
letztlich als rein staatstheoretisches Problem behandelt worden.
Die erste Grundkonstante ist spätestens durch Giorgio Agambens Überlegungen zum
‚permanenten Ausnahmezustand‘ fundamental infrage gestellt worden.5 Wenngleich die
Reinterpretation des Ausnahmezustands durch die Linse der Biopolitik und Gouverne-
mentalität als normale Regierungstechnik bei Agamben zu einer gewissen Widersprüch-
lichkeit führen muss, so ist die Gefahr der Festschreibung von Notstandskompetenzen
bzw. die Perversion der vorübergehenden zur dauerhaften Diktatur doch äußerst real
und aktuell.6 Eine solche Tendenz ist zu Recht schon der normativen Theorie Carl
Schmitts unterstellt worden, deren Telos – natürlich auch abhängig von seiner persönli-
chen Situation im historischen Kontext – immer zwischen Übergang und Transformati-
on changierte.7 Angesichts dauerhafter Risiken wie Terroranschlägen oder Zusammen-
brüchen des Finanz- und Wirtschaftssystems, die das Bild der Welt im 21. Jahrhundert

1 Dieser Aufsatz beruht in substantiellen Teilen auf meinen Ausführungen in Kreuder-Sonnen 2011;
2012.
2 Vgl. Ferejohn/Paquino 2004, S. 217.
3 Vgl. Gottfried 1990, S. 97.
4 Schmitt PTh, S. 14.
5 Agamben 2004.
6 Vgl. die Einleitung von Rüdiger Voigt zu diesem Band. Siehe auch Gross/Ní Aoláin 2006, S. 230.
7 Vgl. Gross 2000; McCormick 2004. Siehe grundsätzlich auch Quaritsch 1988.
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prägen, ist die zeitliche Entgrenzung notstandspolitischer Praktiken und Maßnahmen
eine ebenso logische wie problematische Folge.8
Die zweite Grundkonstante des Ausnahmezustands, seine Verhandlung im staatlichen
Kontext, ist hingegen bis heute zumindest unter Verfassungstheoretikern weitgehend
unbestritten. Allerdings hat Lynn Doty bereits richtigerweise darauf hingewiesen, dass
eine staatszentrische Perspektive möglicherweise zu beschränkt ist, um die aktuelle
Entwicklung von Notstandspraktiken zu verstehen und richtig einzuordnen.9 Während
ihr Augenmerk dezisionistischen Elementen ‚unterhalb‘ der staatlichen Regierungsebe-
ne gilt, ist eine Loslösung des Ausnahmezustands vom Staat aber vor allem auch in die
entgegengesetzte Richtung zu beobachten: zur Ebene internationaler Organisationen
(IOs). Die Globalisierung und die mit ihr einhergehende vermehrte transnationale Poli-
tikverflechtung und Komplexität haben nicht nur dafür gesorgt, dass grenzüberschrei-
tende Risiken und Krisen häufiger werden.10 Da in ihrem Fahrwasser auch die Problem-
lösungskompetenz internationaler Institutionen immer gefragter wurde, sind IOs vor al-
lem seit dem Ende des Ost-West-Konflikts zu autoritativen Akteuren mit großer Rege-
lungskompetenz in der internationalen Politik geworden.11 Im Angesicht globaler Be-
drohungssituationen, die nach globalen Antworten verlangen – so meine zentrale These
– können IOs daher nunmehr auch zum Lokus der Entscheidung über den Ausnahmezu-
stand werden und in einen annähernd diktatorischen Modus globalen Regierens verfal-
len.12
Diese doppelte Entgrenzung des Ausnahmezustands ist Gegenstand des vorliegenden
Beitrags. In einem ersten Schritt soll zunächst die These von der Globalisierung des
Ausnahmezustands eingehender beleuchtet werden. In Auseinandersetzung mit Ulrich
Becks Überlegungen zum ‚planetarischen Ausnahmezustand‘ der Weltrisikogesellschaft
soll gezeigt werden, wie eine Rückkehr der Schmitt`schen Ausnahmelogik in der post-
nationalen Konstellation möglich ist. In einem zweiten Schritt wird daraufhin am Bei-
spiel der Anti-Terror-Politik des UN-Sicherheitsrates (SR) gezeigt, wie internationale
Organisationen im Stile eines ‚Aktionskommissars‘ globale Notstandsmaßnahmen er-
greifen können, die nationales und internationales Recht verdrängen. Der dritte Teil soll
dann den Blick auf den Aspekt der zeitlichen Entgrenzung zurücklenken und insbeson-
dere der Frage nachgehen, inwiefern die Notstandspolitik des UN-Sicherheitsrates als
wirkliche ‚Ausnahme‘ oder doch als dauerhafte Transformation zu verstehen ist. Ab-
schließend soll ein Schlaglicht auf die Frage der Einleitung zu diesem Band geworfen
werden, ob die Statue der Freiheit nur kurzzeitig verhüllt oder auf Dauer zerstört wird.
Die Antwort, die sich aus dem vorliegenden Essay ableitet, lautet: weder noch. Eher ist

8 Vgl. Beck 2007; Maull 2011.


9 Doty 2007.
10 Boin/Rhinard 2008; Maull 2011.
11 Vgl. Zürn 2012.
12 Siehe auch Hanrieder/Kreuder-Sonnen 2013; Kreuder-Sonnen/Zangl 2013.
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davon auszugehen, dass neben der Statue der Freiheit dauerhaft die Statue der Sicher-
heit entsteht und als parallele Ordnung koexistiert.

2. Carl Schmitts postnationales Comeback

Verschiedene Aspekte der politischen Theorie und der Rechtstheorie Carl Schmitts fei-
ern seit einigen Jahren ein Comeback u.a. in den Rechts- und Politikwissenschaften.
Völkerrechtler und Wissenschaftler der Internationalen Beziehungen (IB) haben sich
dabei gleichermaßen und wenig überraschend auf diejenigen theoretischen Überlegun-
gen Schmitts konzentriert, die dieser zur internationalen Ordnung angestellt hat. Gerade
seine substanzielle Kritik am liberalen Interventionismus konnte hier auf fruchtbaren
Boden fallen.13 In der Auseinandersetzung mit dem US-geführten war on terror wurde
jedoch auch der von Schmitt verfassungstheoretisch besonders geprägte Begriff des
Ausnahmezustands wiederbelebt.14 So fanden sich einerseits bei amerikanischen
Rechtswissenschaftlern aus dem neokonservativen Lager etwa in Bezug auf Folter und
gezielte Tötungen vermehrt Rechtfertigungsmuster, die offensichtlich auf Schmitts Ar-
gumentationslinien zum Ausnahmezustand zurückgriffen.15 Andererseits diente die Be-
obachtung der tatsächlichen Umsetzung Schmitt‘scher Theoreme in der heutigen Politik
gleichermaßen als Kritikpunkt, war sein politisches Denken doch im höchsten Grade il-
liberal und anti-demokratisch.16
Hier soll nun ebenfalls die tatsächliche Manifestierung der Schmitt’schen Ausnahmelo-
gik in den Blick genommen werden – allerdings auf internationaler Ebene. Die bedenk-
liche Aktualität Carl Schmitts im war on terror beschränkt sich demnach nicht aus-
schließlich auf die Politik der Vereinigten Staaten, wie sie etwa im rechtlichen Nie-
mandsland Guantánamo sichtbar wurde,17 sondern erfasst mit den UN auch eine interna-
tionale Organisation, deren Ausrichtung und Funktionsweise dies vielleicht am wenigs-
ten hätten erwarten lassen.18
Doch wie ist es möglich, dass der Ausnahmezustand sich vom Staat löst und zur IO-
Ebene wandert? Inwiefern verändern sich die Vorzeichen vom Staats- zum globalen
Notstand und mit welchen Konsequenzen? Zur Beantwortung dieser Frage stellt Ulrich

13 Vgl. etwa die Beiträge in den Sammelbänden von Odysseos/Petito 2006, 2007. Des Weiteren sind
hervorzuheben Chandler 2008; Werner 2010; Teschke 2011; Vinx 2013.
14 Huysmans 2008.
15 Z.B. bei Yoo 2003; Posner/Vermeule 2005; Posner/Vermeule 2011.
16 Vgl. etwa Scheppele 2004.
17 Agamben 2004; Scheuermann 2006; de Benoist 2007; Otten 2008.
18 Für eine Diskussion der Einwände, die sowohl aus der Disziplin der IB als auch von Rechtstheoreti-
kern gegen eine solche Übertragung zu erwarten sind, vgl. Hanrieder/Kreuder-Sonnen 2013, S. 173-
175.
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Becks Arbeit zur ‚Weltrisikogesellschaft‘ einen geeigneten Ausgangspunkt dar.19
Grundlegend ist hier freilich das Konzept des ‚Risikos‘. Es drückt eine bestimmte Kon-
figuration von Wissen und Nicht-Wissen über eine potentielle Bedrohung aus, die ins-
besondere durch Donald Rumsfeld als „known unknowns“ bekannt geworden ist.20 Ist
das faktische Wissen über eine Bedrohung offensichtlich lückenhaft, gibt es aber Me-
thoden, um diese Unsicherheit zu reduzieren, so ist von einem Sicherheitsrisiko zu spre-
chen. In dieser Konstellation ist eine logische Begründung für den Einsatz aller Mittel
zur Verringerung des Nicht-Wissens bereits eingeschlossen: Je größer das Zerstörungs-
potential der (bekannten) Bedrohung, desto größer auch der Druck, alle erdenklichen
Maßnahmen zu ergreifen, um ihr vorzubeugen.21
In seiner Weltrisikogesellschaft erklärt Ulrich Beck dieses Phänomen mit dem Hinweis,
dass unter den Bedingungen der Risikogesellschaft die Angst zum bestimmenden Le-
bensgefühl werde und zu einem vernünftig scheinenden „Totalitarismus der Gefahren-
abwehr“ führe. In der ‚postnationalen Konstellation‘ sind diese Gefahren jedoch nicht
mehr von einem Land alleine zu bewältigen und daher keine innere Angelegenheit eines
Staates mehr. Insofern handelt es sich bei ihnen um neue globale Risiken,22 die zur Mit-
gliedschaft in einer „Weltgefahrengemeinschaft“ führen.23 Die so verstandene Globali-
tät der Risiken impliziert für Beck eine Art planetarischen Ausnahmezustand:

„Der Ausnahmezustand gilt nicht mehr innerhalb einer Nation, er gilt ‚kosmopolitisch‘ –
und stiftet dabei neue Konflikte, neue Gemeinsamkeiten und Handlungschancen für ganz
verschiedene Akteursgruppen“.24

Dieser Ausnahmezustand ist laut Beck örtlich entgrenzt, „weil er alle Nationen und
Kontinente er- und umfasst und die Systematik und Hierarchie internationaler Bezie-
hungen umschmilzt.“25 Mit diesem Befund der Denationalisierung des Ausnahmezu-
stands verbindet Beck einen Machtverlust für den Staat als Entscheidungsträger und
maßgebliche politische Einheit. Die durch globale Risiken ‚erzwungene Kosmopoliti-
sierung‘ ermögliche vielmehr vertiefte zwischenstaatliche Kooperation zur Problemlö-
sung mit globaler Reichweite. Während die Faktoren und Mechanismen der Entgren-
zung des Ausnahmezustands im Sinne veränderter Bedrohungskonstellationen von Beck
sicher treffend analysiert werden, so bleibt doch eine wichtige Frage unbeantwortet.

19 Vgl. Beck 2007.


20 In einer Pressekonferenz am 12. Februar 2002 sagte Rumsfeld: „there are known knowns; there are
things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there
are some things we do not know. But there are also unknown unknowns -- the ones we don't know
we don't know.” Siehe http://www.defense.gov/transcripts/transcript.aspx?transcriptid=2636 (abge-
rufen am 24.04.2013).
21 Vgl. Daase/Kessler 2007, S. 423-424.
22 Vgl. Grande/Zangl 2011.
23 Beck 2007, S. 27–28.
24 Beck 2007, S. 146.
25 Beck 2007, S. 148.
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Denn wenn angesichts globaler Risiken nationalstaatliche Souveränität an ihre Grenzen
stößt und demnach ‚der Staat‘ nicht länger allein über den Ausnahmezustand entschei-
det, wer tut es dann? Es scheint, als sehe Beck mit dem Ende der staatlichen Souveräni-
tät auch das Ende der Diktatur verbunden. Er übersieht dabei jedoch, dass ‚Souveräni-
tät‘ kein zwingendermaßen staatsbezogenes Element ist, sondern sich auf der IO-Ebene
wiederfinden kann. So hat auch Holzinger in Auseinandersetzung mit Beck gefragt, ob
„Ausnahmezustände in Zukunft nicht auf supranationaler Ebene verhandelt und ausge-
rufen werden und einer weltgesellschaftlichen Legitimation bedürfen […]“.26
Das Fehlen dieses Gedankens bei Beck scheint auch dafür verantwortlich zu sein, dass
er die heuristische Relevanz Carl Schmitts etwas vorschnell verwirft. Es ist zwar voll-
kommen richtig, dass der durch globale Risiken induzierte Ausnahmezustand in dieser
Form sicher nicht von Schmitt vorgedacht wurde. Für Schmitt war es undenkbar, dass
sich die Linien zwischen Freund und Feind (im Sinne von Staaten) verwischen und so
etwas wie einer internationalen Gemeinschaft Platz machen könnten. Im Angesicht ei-
ner Bedrohung wird bei Schmitt der Staat ermächtigt – erst im Ausnahmezustand stellt
er seine ganze Autorität unter Beweis. Beck sieht dieses Prinzip beim „kosmopoliti-
schen“ Ausnahmezustand nun ins Gegenteil verkehrt, denn anders als bei Schmitt unter-
stellt, „entsteht die Entmächtigung des Staates gerade aus der Ermächtigung des [globa-
len] Terrorrisikos“.27 Zwar ist diese Beobachtung richtig und von großer Bedeutung, sie
erfasst den Wandel jedoch nicht abschließend. Denn die verloren geglaubte staatliche
Autorität tritt letzten Endes auf der internationalen Ebene wieder in Erscheinung. Der
„Ort“ der politischen Dezision wird verlagert, ihre Logik und Wirkung bleiben jedoch
die gleichen. Die Entscheidungsmacht der Staaten verschwindet nicht, sie wird lediglich
relokalisiert bzw. supranationalisiert. Das ursprünglich nationale Konzept des Ausnah-
mezustands wird globalisiert, und die theoretischen Grundlagen des Schmitt’schen
Ausnahmezustands können unter geänderten Vorzeichen durchaus weiterbestehen.
Eine Globalisierung des Ausnahmezustands hat darüber hinaus auch Auswirkungen auf
die Frage seiner zeitlichen Entgrenzung. Denn während nationalen Gesellschaften –
insbesondere in konstitutionellen Demokratien – grundsätzlich ein nennenswertes Po-
tential zur politischen Mitbestimmung und Kontrolle der Regierung zugeschrieben wer-
den kann, so gestaltet sich eine solche Form der Einhegung gegenüber internationalen
Organisationen doch als deutlich schwieriger. Auch wenn die gesellschaftliche Politisie-
rung von IOs mit dem Grad ihrer politischen Autorität anzuwachsen scheint,28 so blei-
ben die vorhandenen Mechanismen öffentlicher Kontrolle doch vergleichsweise unbe-
deutend und können so kaum als effektives Korrektiv zur IO-Politik gesehen werden.
Zudem sind auf der IO-Ebene bedeutend weniger institutionelle checks and balances zu

26 Holzinger 2010, S. 106.


27 Beck 2007, S. 149, Herv. C.K.
28 Vgl. Zürn et al. 2012.
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finden als in Verfassungsstaaten. Da internationale Organisationen eine lange Zeit lang
als so schwach wahrgenommen wurden, dass sie gar kein Übel anrichten könnten, hat
man es größtenteils versäumt, Schutzmechanismen gegen exzessive IO-Autorität zu in-
stitutionalisieren.29 IOs fehlen daher viele der konstitutionellen Vorkehrungen, die in li-
beralen Staaten die Festschreibung und Verlängerung des Ausnahmezustands zumindest
erschweren. Souveräner Dezisionismus in internationalen Organisationen ist demnach
besonders anfällig dafür, auf Dauer gestellt zu werden.30
Im folgenden Abschnitt soll nun zunächst die Wiederkehr der Ausnahmezustandstheorie
Carl Schmitts auf globaler Ebene am Beispiel der Anti-Terror-Politik des UN Sicher-
heitsrates illustriert werden.

3. Der UN-Sicherheitsrat als Schmitt’scher ‚Diktator‘ im Anti-Terror-Kampf31

Im Zentrum der politischen Theorie Carl Schmitts steht die Frage nach dem Verhältnis
von Politik und Recht, von Legitimität und Legalität im Ausnahmezustand. Seine Ant-
wort ist klar und deutlich: „[D]er Staat bleibt, während das Recht zurücktritt.“32 Konkret
bedeutet das die teilweise Außerkraftsetzung der rechtlichen Ordnung in Form einer
Suspendierung von Grundrechten sowie einen Rechtsformenwandel vom parlamentari-
schen Gesetz zur exekutiven Maßnahme, der eine Auflösung der Trennung von Legisla-
tive und Exekutive zur Folge hat.33 Inwiefern kann man sagen, dass die Maßnahmen des
Sicherheitsrates zur Terrorismusbekämpfung diesem Schema folgen?
Die Institution des Sicherheitsrates nimmt in der Charta der UN (UNC) einen besonde-
ren Platz ein. Die Mitglieder der UN übertragen ihm die Hauptverantwortung bei der
Wahrung des Weltfriedens und binden sich grundsätzlich an seine Beschlüsse (Art.
24(1) und 25 UNC). Im Falle einer friedensbedrohenden Situation darf der SR gemäß
Kapitel VII UNC Zwangsmaßnahmen ergreifen, die unter normalen Umständen eine
Verletzung des Völkerrechts darstellen würden – etwa der Eingriff in die internen Ange-
legenheiten eines Staates (Art. 2(7) UNC). So gesehen ist der Rat – staatsanalog gedacht
– grundsätzlich mit Notstandsgewalten ausgestattet,34 die jedoch auch rechtlichen Be-
schränkungen unterliegen. Einerseits binden den SR z.B. fundamentale Menschen-
rechtsstandards. Andererseits gibt es Kompetenzgrenzen, die seiner Funktion als „Welt-
polizist“ entsprechen.35 Nachfolgend wird analysiert, wie der Sicherheitsrat mit seinen
Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung diese Grenzen überschritten und somit gleich-

29 Klabbers 2007, S. 161-162.


30 Vgl. Hanrieder/Kreuder-Sonnen 2013.
31 Die Ausführungen in diesem Abschnitt beruhen auf Kreuder-Sonnen 2011, S. 234-240.
32 Schmitt LL, S. 18.
33 Vgl. zum Überblick Gross 2000 und Holzinger 2010.
34 Schott 2007, S. 27; Chesterman 2009, S. 1512-1513.
35 Vgl. nur Happold 2003, S. 600; de Wet 2004.
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sam das Wesen seines Notstandsregimes von einem konstitutionellen zum einem
Schmitt’schen transformiert hat.

3.1 Individualsanktionen

Mit der am 15. Oktober 1999 einstimmig verabschiedeten Resolution 1267 (1999) und
ihren Folgeresolutionen 1330 (2000) und 1390 (2002) begründete der Sicherheitsrat ein
Sanktionsregime gegen den Terrorismus, das so nie dagewesen ist: es bindet alle Staa-
ten, es ist unbegrenzt in Zeit und Raum, es beschränkt direkt die Rechte von Individuen,
und es lässt den Staaten keine Möglichkeit zur Interpretation oder Anpassung in der
Umsetzung.36 Im Kern des Regimes steht eine schwarze Liste, die die Namen von Ter-
rorverdächtigen weltweit enthält. Als Konsequenz ihrer Listung wird den Betroffenen
ein Reiseverbot auferlegt und ihnen werden alle finanziellen Mittel eingefroren. Geführt
wird die Liste von einem Sanktionsausschuss (dem Al-Qaida and Taliban Sanctions
Committee oder 1267-Committee), das als Unterorgan des Rates eingesetzt wurde und
aus Diplomaten der Mitgliedstaaten des Sicherheitsrates besteht.37 Die zu listenden Per-
sonen werden dem Ausschuss von Staaten oder Regionalorganisationen vorgeschlagen,
woraufhin das Gremium im Konsens über die Aufnahme entscheidet.38 Während Be-
gründungen für einen Vorschlag mittlerweile in rudimentärer Form gegeben werden,
werden Beweise für die Verwicklung der Person in terroristische Aktivitäten grundsätz-
lich nicht vorgelegt.39 Einspruchsmöglichkeiten für die betroffenen Individuen waren
ursprünglich überhaupt nicht vorgesehen. Erst durch die Annahme der Resolution 1452
(2002) wurde ein formaler Prozess zur Streichung einer Person von der Liste, das soge-
nannte delisting-Verfahren, eingeführt.40
Die Frage nach Einspruchsmöglichkeiten und damit nach Rechtsmitteln und Rechts-
schutz ist von besonderer Bedeutung, weil die Individualsanktionen des Rates extrem
weitreichende Folgen für die Betroffenen haben und durch ihre unmittelbaren Auswir-
kungen auf Privateigentum, Privatleben, Arbeit und Sozialstatus zu schwerwiegenden
Rechtsgutseinbußen führen, die de facto als Strafe wirken. Dieser punitive, strafrechtli-
che Charakter der eigentlich präventiv ausgerichteten Sanktionen führt dazu, dass
grundsätzlich auf sie auch die völkerrechtlichen Rechtsschutzgarantien des Strafverfah-
rensrechts Anwendung finden müssten.41 Neben dem zwingenden Völkerrecht (ius
cogens) ist der SR als Organ der Vereinten Nationen insbesondere auch an die Ziele und
Grundsätze der Charta gebunden (Art. 1 und 2 UNC), die in Verbindung mit Art. 55

36 Hudson 2007, S. 209; Meerpohl 2008, S. 25.


37 Vgl. S/RES/1267 (1999), operative Absätze (op. Abs.) 4 und 6.
38 UN Security Council 2010, S. 4.
39 Hoffmann 2008, S. 546–547.
40 Meerpohl 2008, S. 261–264.
41 Macke 2010, S. 109–133; Cameron 2003, S. 191–192; Bianchi 2006.
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und 56 UNC u.a. den Respekt und die Einhaltung der Menschenrechte beinhalten.42
Völkerrechtliche Menschenrechtsverträge, die unter dem Dach der UN entstanden sind,
werden gemeinhin als autoritative Interpretationen bzw. als Ausformulierungen der in
der Charta noch vage gehaltenen Menschenrechtsverpflichtungen gesehen und gelten
daher auch für den Sicherheitsrat.43 Insbesondere der 1966 geschlossene Internationale
Pakt über Bürgerliche und Politische Rechte (IPBPR) ist für die hier behandelten Fra-
gen einschlägig, da er in Art. 14 und 15 das Recht auf ein faires Verfahren und die darin
enthaltenen Einzelrechte, wie etwa das Recht auf Information über die erhobene Ankla-
ge (Art. 14(3) lit. a), das Recht auf Beurteilung durch ein unabhängiges und unparteii-
sches, auf Gesetz beruhendes Gericht (Art. 14(1) Satz 2) oder den Anspruch auf Über-
prüfung des Strafurteils durch eine höhere Gerichtsinstanz (Art. 14(5)) verbürgt. Ein
genauerer Blick auf die Verfahrensgarantien in der quasi-Rechtsprechung des Rates
kann also Aufschluss darüber geben, inwiefern den Betroffenen diese Rechte einge-
räumt werden.
Der Prozess des delisting wurde zunächst so gestaltet, dass die Gelisteten darauf hoffen
mussten, dass ihr Anliegen vom Heimat- oder Wohnsitzstaat aufgegriffen und dem
Sanktionsausschuss vorgelegt wird. Sollte sich dieser dazu durchringen, ließ er sich auf
ein recht kompliziertes diplomatisches Verfahren ein: Bevor die Angelegenheit dem
Ausschuss überhaupt vorgelegt werden konnte, musste erst derjenige Staat von der Un-
schuld der fraglichen Person überzeugt werden, der ursprünglich die Aufnahme auf die
Liste beantragt hatte. Einmal im Ausschuss angelangt, galt (und gilt) jedoch weiterhin
das Konsens-Prinzip, so dass ein jedes Mitglied des Ausschusses mit einem einfachen
Veto das delisting-Verfahren blockieren konnte.44 Erst nach mehreren Jahren, in denen
insbesondere die Rechtsprechung europäischer Gerichte, auf die später noch näher ein-
gegangen wird, den Handlungsdruck auf europäische Regierungen erhöht hatte, wurde
das Sanktionsregime weiteren Reformen unterzogen.45 Nachdem 2006 zunächst ein
Focal Point im Sekretariat der UN geschaffen worden war, an den sich gelistete Indivi-
duen direkt wenden konnten46, wurde gemäß Resolution 1904 (2009) neuerdings eine
Ombudsperson berufen, die nun als unabhängige Juristin für die Überprüfung von
delisting-Anträgen zuständig sein soll.47 Auch wenn der Sicherheitsrat hier zweifelsoh-
ne einige positive Veränderungen vorgenommen hat, sind diese doch immer noch weit
davon entfernt, alle prozeduralen Defizite zu beheben, die ein ordentliches Verfahren
für die Gelisteten verhindern: „The Ombudsperson has no direct decision-making au-
thority on delisting requests, as his/her formal role is limited to the gathering and

42 Z.B. Mégret/Hoffmann 2003, S. 333.


43 Cameron 2005, S. 186; Hudson 2007; Halberstam/Stein 2009, S. 19.
44 UN Security Council 2006, S. 7.
45 Heupel 2009.
46 Vgl. S/RES/1730 (2006), op. Abs. 1, Annex.
47 Vgl. S/RES/1904 (2009), Annex II.
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presenting of information“.48 Die eigentliche Entscheidung fällt weiterhin das 1267-
Committee hinter verschlossenen Türen und im Konsens.
Einen grundsätzlich anderen Weg der Anfechtung haben einige Personen und Organisa-
tionen gewählt, deren Listung in der Europäischen Union vollstreckt wurde. Hier hat
der Fall des aus Saudi-Arabien stammenden Yassin Abdullah Kadi Aufsehen erregt, der
im Jahr 2002 als Terrorverdächtiger auf die Liste des 1267-Committee gekommen war.
Da Herr Kadi einen Großteil seines Vermögens in der Europäischen Union (EU) ange-
legt hatte, sah sich der Rat der EU gezwungen, eine Verordnung zu erlassen, die mit di-
rekter Wirkung in allen EU-Staaten die Maßnahmen aus Resolution 1390 umsetze.49
Der Betroffene sah sich jedoch als zu Unrecht beschuldigt an und strengte daher ein
Verfahren beim Europäischen Gericht erster Instanz (EuG) an, um die Verordnung auf
Basis der Gemeinschaftsgrundrechte anzufechten. Das EuG entschied jedoch, dass ihm
der Weg zur Prüfung des Gemeinschaftsrechts versperrt sei, da Verpflichtungen aus der
Charta (wozu auch SR-Resolutionen gehören) gemäß Artikel 103 UNC Vorrang vor eu-
ropäischem Recht hätten.50 Herr Kadi legte gegen das Urteil Rechtsmittel ein und be-
wirkte somit die Befassung mit dem Fall durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH).
Dieser hob schließlich im September 2008 die erstinstanzliche Entscheidung auf und
befand, dass es ihm zwar in jeder Hinsicht unmöglich sei, die Rechtmäßigkeit von Ak-
ten des SR zu überprüfen, dass es aber ohnehin „nur“ um die Kontrolle des Gemein-
schaftsrechtsaktes gehe und nicht um die der dahinterstehenden internationalen Über-
einkunft. Auf Grundlage dessen fand das Gericht dann tatsächlich, dass die EG-
Verordnung gegen die geltend gemachten Grundrechte verstoße, insbesondere gegen
den Anspruch auf rechtliches Gehör und das Recht auf effektive gerichtliche Kontrol-
le.51 Bezeichnenderweise räumte das Gericht der EU-Kommission allerdings eine drei-
monatige Umsetzungsfrist ein, an deren Ende Herr Kadi weiterhin auf der europäischen
Terrorliste geführt wurde. Zwar hatte man ihm diesmal die Möglichkeit gegeben, vorab
seinen Standpunkt darzulegen. Auch danach beschuldigte die Kommission ihn jedoch
immer noch einer Verbindung zu Al Qaida, ohne konkrete Beweise vorzulegen. Herr
Kadi steht trotz weiterer Verfahren bis heute auf der Liste.
Auch aus dieser Perspektive ist es also verfehlt anzunehmen, dass der Sicherheitsrat
nunmehr seinen Richter gefunden habe. Zwar birgt die Entscheidung des EuGH weitrei-
chende Implikationen für das Verhältnis zwischen der internationalen und der europäi-
schen Rechtsordnung52 und hat somit auch indirekt politischen Einfluss auf die Ent-
wicklung des Sanktionsregimes genommen. So ist wohl die Einführung der Ombuds-

48 Cortright/de Wet 2010, S. 10.


49 Vgl. Council Regulation 881/2002, Annex 1, 2002 O.J. (L 139/9) (EC).
50 Vgl. Lavranos 2007; Aust 2008.
51 de Sena/Vitucci 2009; Reinisch 2009.
52 So z.B. Godinho 2010.
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person eine mittelbare Folge dieses Urteils.53 Einen echten Rechtsbehelf für Individuen
gegenüber dem SR hat sie jedoch bei weitem nicht etabliert. Man muss sich dabei auch
immer wieder vor Augen führen, dass der Sicherheitsrat selbst im Falle der direkten
Kontrolle durch ein europäisches Gericht in keiner Weise an dessen Urteil gebunden
wäre und dass die Entscheidung nur Gültigkeit für einen kleinen Teil der Welt hätte.
Menschen und Organisationen, die auf der Terrorliste des Sicherheitsrates landen, sind
dieser Entscheidung also ohne effektiven Rechtschutz ausgeliefert. Beweise für die An-
schuldigungen werden ihnen nicht mitgeteilt, es findet keine Anhörung vor einem ge-
setzlichen Richter statt, die Entscheidung über Einsprüche fällt kein Gericht, sondern
das politische Gremium, welches selbst für die Listung verantwortlich war. Selbst das
Prinzip der Unschuldsvermutung und das Rückwirkungsverbot (Art. 15(1) Satz 1
IPBPR) werden ausgehebelt.54 Iain Cameron beschreibt diesen Prozess treffend wie
folgt:

„200 years of building up safeguards in criminal procedure at the national level [are] being
removed by what could only be described as an international law magic (black magic)
wand“.55

Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass der UN Sicherheitsrat mit dem hier besprochenen
Sanktionsregime auch heute noch tiefe Eingriffe in international anerkannte Menschen-
rechte vornimmt.56
Für den Aspekt der Suspendierung des Rechts ist demnach sehr deutlich die Analogie
zwischen Schmitts Theorie und der Praxis des Sicherheitsrates zu erkennen. Der
Schmitt’sche Ausnahmezustand sieht die teilweise Außerkraftsetzung von verfassungs-
mäßigen Grundrechten, insbesondere der Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit vor. Ange-
sichts des globalisierten Ausnahmezustands hat der UN Sicherheitsrat nun die internati-
onale Rechtsordnung in Teilen suspendiert. Der Notstand geht einher mit der Ausnah-
me, der faktischen Entrechtung der möglichen Feinde. Die Normen des Rechts treten
gegenüber den Normen der Rechtsverwirklichung zurück.57 Das 1267-Regime stellt in-
sofern ein Paradebeispiel für diktatorische Notstandsmaßnahmen im Sinne Schmitts dar.
Persönliche Freiheit und das Recht auf Eigentum werden auf Anordnung der ‚Exekuti-
ve‘ außer Kraft gesetzt, ohne dass die Betroffenen etwas dagegen unternehmen könnten.
Menschenrechte, die sie gegenüber staatlicher Willkür sogar im Ausnahmezustand
schützen sollen, verlieren angesichts von Durchgriffen des Sicherheitsrates ihre Wir-
kung.

53 Vgl. Heupel 2009.


54 Macke 2010, S. 286.
55 Cameron 2005, S. 194.
56 So im Ergebnis auch Cameron 2003; Bianchi 2006; Fassbender 2006; Hudson 2007; Macke 2010, S.
287.
57 Vgl. dazu Schmitt Diktatur, S. XVI sowie den Beitrag von Rüdiger Voigt in diesem Band.
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3.2 Gesetzgebung

Nur ungefähr zwei Wochen nach 9/11 nahm der Sicherheitsrat einstimmig Resolution
1373 (2001) an. Darin wird festgehalten, dass jeglicher Akt des Terrorismus eine Be-
drohung für den Weltfrieden darstellt.58 Um dieser abstrakten Gefahr zu begegnen, wer-
den ebenso abstrakte Maßnahmen ergriffen. Im Rahmen von Kapitel VII der UNC han-
delnd, verpflichtet der Rat alle Staaten u.a. dazu, ihre nationale Gesetzgebung so anzu-
passen, dass darin jegliche Form der direkten oder indirekten finanziellen wie logisti-
schen Unterstützung für Terroristen kriminalisiert wird und dass im weitesten Sinne ter-
roristische Handlungen als schwere Straftat behandelt und dementsprechend hart be-
straft werden.59 Zur Überwachung der Umsetzung dieser Vorschriften setzte der SR ei-
nen Ausschuss ein, das Counter Terrorism Committee (CTC), welches als Unterorgan
des Rates fungiert. Alle Staaten müssen dem CTC über ihre Fortschritte bei der Umset-
zung der Resolution laufend Bericht erstatten.60
Die drei Jahre später angenommene Resolution 1540 (2004) ist strukturell ganz ähnlich,
zielt aber mit der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen an nicht-staatliche
Akteure (also vor allem Terroristen) auf einen anderen Bedrohungskomplex. Dieser
wird in der Resolution ebenfalls generell als „threat to international peace and security“
bezeichnet. Vorausgegangen war der Befassung des SR mit dieser Thematik das Aufde-
cken des Proliferationsnetzwerkes um den pakistanischen Atomphysiker A.Q. Khan,
das international die Gefahr des nuklearen Terrorismus in den Vordergrund rückte. Die
Resolution verpflichtet alle Staaten neben einer Reihe weiterer Maßnahmen,

“[to] adopt and enforce appropriate effective laws which prohibit any non-State actor to
manufacture, acquire, possess, develop, transport, transfer or use nuclear, chemical or bio-
logical weapons and their means of delivery, in particular for terrorist purposes.”61

Auch hier soll die Implementierung der Vorschriften durch einen Unterausschuss des
SR, das 1540-Committee, überwacht werden, der die Berichte der Staaten entgegen-
nimmt und Vorschläge zur besseren Umsetzung macht.62
Die Besonderheit beider Resolutionen liegt gleichermaßen darin, dass erstmals in der
Geschichte des Rates ein Phänomen per se als Bedrohung des Weltfriedens eingestuft
wurde und natürlich insbesondere, dass dagegen abstrakt-generelle Maßnahmen ergrif-
fen worden sind, die jeden Staat unterschiedslos binden und sogar – was im Völkerrecht
besonders ungewöhnlich ist – mit der Möglichkeit der Sanktionierung verbunden sind.63

58 Vgl. S/RES/1373 (2001), 3. Abs. d. Präambel.


59 Vgl. S/RES/1373 (2001), op. Abs. 1 (b), 2 (e).
60 Cortright et al. 2007.
61 S/RES/1540 (2004), op. Abs. 2.
62 Heupel 2008, S. 18–20.
63 Szasz 2002, S. 901–902.
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Ähnlich wie internationale Konventionen, die jeweils in nationales Recht umgesetzt
werden müssen, haben die Staaten zwar Spielraum bei der Ausgestaltung der Normen,
können jedoch von der Substanz der auf internationaler Ebene beschlossenen Richtli-
nien nicht abweichen. Völkerrechtliche Verträge basieren jedoch durchweg auf dem
Konsens ihrer Unterzeichner, ein Grundsatz der sich für alle Quellen des Völkerrechts
aus der souveränen Gleichheit der Staaten gemäß Artikel 2(1) UNC ergibt und als fun-
damentales Prinzip die Geltung der Völkerrechtsordnung erst ermöglicht.64 Die Legisla-
tivtätigkeit des Sicherheitsrates basiert hingegen auf der Mehrheitsentscheidung eines
wenig repräsentativen Gremiums und stellt somit eine problematische Abweichung dar,
die auch als „vertikale Kompetenzüberschreitung“ beschrieben werden kann.65 Hier ist
richtigerweise einzuwenden, dass die Legalität dieser Resolutionen vor dem Hinter-
grund der weitreichenden Kapitel VII-Befugnisse des Rates und in Anbetracht des ge-
ringen Widerstandes der Mitgliedstaaten nur schwer gänzlich verneint werden kann.66
Art. 39 und 41 der UN-Charta können zwar durchaus so gelesen werden, dass sie Hand-
lungen des Sicherheitsrates auf konkrete Einzelmaßnahmen in spezifischen Situationen
beschränken,67 sie lassen jedoch auch Raum für anders lautende Interpretationen.
Demgegenüber kann allerdings auch noch eine „horizontale Kompetenzüberschreitung“
ausgemacht werden, deren Grundlage die Verteilung der Aufgaben und Befugnisse zwi-
schen den einzelnen UN-Organen gemäß der Charta ist. Dabei ist die Funktionszuwei-
sung von Generalversammlung (GV) und Sicherheitsrat von besonderer Bedeutung.
Schließlich ist es die GV, die gemäß Artikel 13(1)a. UNC für die fortschreitende Ent-
wicklung und Kodifizierung des Völkerrechts verantwortlich ist – eine Aufgabe, der sie
v.a. durch die Einrichtung der International Law Commission und die Schaffung zahl-
reicher multilateraler Verträge auch nachgekommen ist.68 Dem entspricht außerdem die
Zusammensetzung der GV als möglichst inklusives Gremium, das auf die formale
Gleichberechtigung aller Mitglieder abzielt und somit einer gesetzgebenden Versamm-
lung am nächsten kommt.69 Beim Sicherheitsrat handelt es sich hingegen eindeutig um
ein Gremium, das geschaffen wurde, um exekutive Aufgaben zu übernehmen, d.h. abs-
trakte Normen auf konkrete Situationen anzuwenden.70 Der SR wird demnach auch
richtigerweise zumeist als ‚Weltpolizei‘ bezeichnet.71 Es wird sichtbar, dass der SR mit
den Resolutionen 1373 und 1540 diese Grenze ganz klar überschritten hat. Er hat sich
eine Legislativkompetenz angeeignet, die – wenn überhaupt – der Generalversammlung
oblegen hätte. Fremuth und Griebel kommen daher zu dem Schluss, dass diese funda-

64 Elberling 2005, S. 351. Für wichtige Einschränkungen dieses Prinzips vgl. Tomuschat (1993).
65 Alvarez 2003, S. 875; Bantekas 2003, S. 326; Giegerich 2005, S. 43; Macke 2010, S. 218.
66 Talmon 2005.
67 Zimmermann/Elberling 2004, S. 72.
68 Macke 2010, S. 214.
69 Fremuth/Griebel 2007, S. 357.
70 Rosand 2004, S. 567.
71 Happold 2003, S. 600; Bianchi 2006, S. 882–883.
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mentale Erweiterung des eigenen Handlungsspielraumes de jure einer Charta-Änderung
bedurft hätte, der zwei Drittel aller Mitgliedstaaten hätten zustimmen müssen.72
Auch diese Wahrnehmung ist nicht unumstritten, und Befürworter der Legislativtätig-
keit behaupten, dass der SR – ganz im Gegenteil – genau seiner Rolle entsprechend ge-
handelt hat, nämlich die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die internationale
Sicherheit zu garantieren.73 Es ging hier jedoch auch weniger darum festzustellen, ob
diese Praxis des Rates nun einen Verstoß gegen geltende Normen des Völkerrechts dar-
stellt oder nicht, sondern erstens zu zeigen, dass die Resolutionen 1373 und 1540 eine
deutliche Abweichung und Überschreitung der bislang als normal geltenden „Not-
standsmaßnahmen“ des Sicherheitsrates und somit eine „exception to the exception“
darstellen.74 Zweitens ging es darum, einen rechtlichen Formwandel zu beschreiben, der
sich in einer eigenen Diffusion der normalerweise klar getrennten Rechtsakte des all-
gemeinen Gesetzes und der individuellen Verwaltungsanordnung zeigt, die man als „ge-
setzgeberische Maßnahme“ fassen könnte. Schließlich werden durch den Sicherheitsrat
Normen mit Gesetzescharakter per Anordnung erlassen. Darüber hinaus unterliegt auch
die Einhaltung und Umsetzung der eigens dekretierten Rechtsakte der Kontrolle des
Sicherheitsrates selbst. Vor dem Hintergrund der Auflösung der ursprünglich bestehen-
den Kompetenztrennung zwischen Sicherheitsrat und Generalversammlung zeigt sich
hier in der Praxis deutlich, was Carl Schmitt für den Souverän im Ausnahmezustand
forderte, nämlich dass „die Unterscheidung von Gesetz und Gesetzesanwendung, Legis-
lative und Exekutive, weder rechtlich noch faktisch eine Hemmung“ darstellen solle.75

4. Zwischen kommissarischer und souveräner Diktatur

Ich möchte mich im Folgenden der Problematik der Permanenz widmen, beziehe mich
dafür allerdings nicht auf Agamben, sondern weiterhin auf Schmitt. Hierzu schlage ich
eine analytische Lesart seiner Diktaturtypologie vor, wie sie vor allem im amerikani-
schen Diskurs verwendet wird. Diese weicht von der textnahen Interpretation von
Schmitts ideengeschichtlicher Herleitung des Begriffs der Diktatur bzw. der Typen der
kommissarischen und souveränen Diktatur ab,76 indem sie die souveräne Diktatur vom
Gedanken der revolutionären Volkssouveränität löst und sie im Sinne der Perversion ei-

72 Fremuth/Griebel 2007, S. 353. Darüber konnte der Sicherheitsrat sich de facto jedoch problemlos
hinwegsetzen, da kein UN-Organ eine direkte Kontrolle über ihn ausübt: Der Rat ist in keiner Ver-
fahrensart als Streitpartei an die Urteile des Internationalen Gerichtshofs (IGH), gem. Art. 92 UNC
das Hauptrechtsprechungsorgan der UN, gebunden, vgl. Akande 1997.
73 Z.B. Krieger 2006, S. 42.
74 Bianchi 2006, S. 891.
75 Schmitt LL, S. 74.
76 So z.B. Nippel 2011; vgl. auch den Beitrag von Rüdiger Voigt in diesem Band.
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ner zeitlich begrenzten kommissarischen zur dauerhaften und unbegrenzten souveränen
Diktatur reinterpretiert.77
Während es sich demnach bei der kommissarischen grundsätzlich um eine „konstitutio-
nelle Diktatur“78 handelt, die in der existieren Rechtsordnung verankert und ihren Re-
geln und Verfahren grundsätzlich unterworfen bleibt, so sieht die souveräne Diktatur „in
der gesamten bestehenden Ordnung den Zustand, den sie durch ihre Aktion beseitigen
will.“79 Das Ziel der kommissarischen Diktatur muss immer darauf gerichtet bleiben,
die bestehende Rechtsordnung zu verteidigen oder wiederherzustellen. Der kommissari-
sche Diktator kann im Notfall zwar Teile der Verfassung außer Kraft setzen, diese aber
nicht modifizieren oder gar durch eine neue Rechtsordnung ersetzen.

„Die Verfassung kann suspendiert werden, ohne aufzuhören zu gelten, weil die Suspension
nur eine konkrete Ausnahme bedeutet.“80

Demnach ist hier die Ausnahme durch die Norm definiert: Die herkömmliche bestehen-
de Rechtsordnung legt fest, wann und unter welchen Umständen ein mit außergewöhn-
lichen Befugnissen ausgestatteter Diktator notwendig wird. Sie umschreibt sowohl die
genauen Verfahren zur Ernennung des Diktators als auch die Konditionen der Amtsdau-
er und Beendigung.81
Zwar richtet auch der souveräne Diktator seine Aktionen noch immer am Ziel der
Überwindung des Notstandes aus, der zu erlangende Status ist jedoch nicht länger der
Status quo ante, sondern eine neue permanente Ordnung, die der Diktator selbst er-
schafft. Er wandelt sich dadurch von einem verfassungsmäßigen pouvoir constitué zum
pouvoir constituant.82 Im Gegensatz zum konstitutionellen usurpiert der souveräne Dik-
tator letztendlich die Herrschaft über den Staat, indem er die Prärogative mit Macht an
sich reißt und die gesamte legale Ordnung suspendiert. Er hat die Kompetenz, selbst
von allen rechtlichen Bindungen frei, neues Recht zu schaffen und das Staatsgefüge
nach eigenem Gutdünken umzugestalten. „The powers of the sovereign dictator are not
confined to the power to suspend, but also encompass the power to amend, revoke, and
replace.83 Er kann, so fasst Carl Schmitt selbst zusammen, „ohne irgendeine Begren-
zung als diejenige, die [er] sich selbst auferlegt, alle nach Lage der Sache erforderlich
erscheinenden Maßnahmen treffen.“84

77 Vgl. Gross 2000; McCormick 2004; Cohen 2008.


78 Rossiter 1948.
79 Schmitt Diktatur, S. 137.
80 Schmitt Diktatur, S. 137.
81 Vgl. Gross 2000, S. 1835.
82 Schmitt, Diktatur, S. 140-143.
83 Gross 2000, S. 1845.
84 Schmitt, Verfassungslehre, S. 59.
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Die Kriterien dieser Unterscheidung können wiederum herangezogen werden, um das
Notstandsregime des UN-Sicherheitsrates zu bewerten. Handelt es sich bei seinen Maß-
nahmen um eine zeitweise Suspendierung der Rechtsordnung zum Erhalt des Status
quo? Oder sollen sie die bestehende Ordnung verdrängen und durch dauerhafte Not-
standspolitik ersetzen?
Jean Cohen hat mit explizitem Bezug zu Carl Schmitts Diktaturtypologie argumentiert,
der Sicherheitsrat gehe in der Terrorismusbekämpfung klar über das kommissarische
Modell hinaus und handle insbesondere im Rahmen der Legislativtätigkeit als souverä-
ner Diktator. Denn während die zeitweise Suspendierung individueller Grundrechte
durch das 1267-Regime noch typisch sei für die kommissarische Diktatur, stehe der Er-
lass neuen und dauerhaften Rechts dem Konzept der souveränen Diktatur näher.85 Co-
hen begründet ihre Einschätzung vor allem mit dem Hinweis, die Gesetzgebung durch
den Sicherheitsrat habe zwei voneinander zu trennende Komponenten: einerseits den
Erlass bindender Rechtsnormen für die gesamte internationale Gemeinschaft, anderer-
seits aber auch eine materielle Veränderung der UN Charta, die dem Sicherheitsrat zu-
vor keine solche Kompetenz zugesprochen habe:

„general laws are being made by an executive body and constitutional change – an exercise
of constituent power – is being perpetrated by that same body insofar as it ascribes to itself
the competence and capacity to legislate for the world, thereby introducing a radically new
way of global law making“.86

Dieser Aspekt ist sicherlich ein bedeutendes Argument, das auch die Annahme von
Fremuth und Griebel unterstützt, zum Erlass abstrakt-genereller Maßnahmen durch den
Rat hätte es eigentlich einer Charta-Änderung bedurft. Es basiert jedoch auf der An-
nahme, dass der Sicherheitsrat sich aus seinen selbst geschaffenen Präzedenzfällen 1373
und 1540 nun eine grundsätzliche und umfassende völkerrechtliche Legislativkompe-
tenz ableiten würde. Zwar gibt es vereinzelt Anzeichen dafür, dass der Rat auch über
den Sonderfall der globalen Terrorismusbekämpfung hinaus gewisse Normen des Völ-
kerrechts verändert oder Staaten normalerweise freiwillige Vertragspflichten oktro-
yiert,87 es deutet jedoch insgesamt nur wenig darauf hin, dass der Rat für sich eine all-
gemeine Gesetzgebungskompetenz in Anspruch nehmen würde. Auch im Hinblick auf
die Äußerungen mehrerer Staaten in der Debatte um Resolution 1540, die deutlich den
Ausnahme-Charakter der Legislativtätigkeit betonten, scheint sich momentan eine Nor-
malisierung und Ausweitung dieser Praxis nicht abzuzeichnen.
In dieser Hinsicht ist ebenfalls auf die sektorale Begrenztheit der Diktatur des Sicher-
heitsrates zu verweisen. Diese bezieht sich auf einen vergleichsweise kleinen Teil der

85 Vgl. Cohen 2008, S. 463–464.


86 Cohen 2008, S. 464.
87 Vgl. Joyner 2012.
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globalen Sicherheitspolitik. Selbst im Bereich der Terrorismusbekämpfung ist der SR
nur einer unter mehreren Akteuren. Seine Maßnahmen sind zwar weitreichend, lassen
aber die internationalen Beziehungen in anderen Politikfeldern unberührt. Es liegt inso-
fern auch keine Suspendierung der gesamten bestehenden Ordnung vor, wie sie
Schmitts Ausnahmezustand kennzeichnen würde. Der Sicherheitsrat bestimmt nicht das
gesamte öffentliche Leben und diktiert auch nicht die grundsätzlichen Regeln des globa-
len Zusammenlebens. Seine Autorität ist vielmehr themenspezifisch.
Andererseits sind die Notstandsmaßnahmen des Rates jedoch auch nicht in der Weise
situationsspezifisch, d.h. begrenzt auf die Dauer einer spezifischen Bedrohungslage, wie
es in einer kommissarischen Diktatur vorgesehen wäre. Offensichtlich ist dies für die
vom Sicherheitsrat erlassenen Maßnahmen mit Gesetzescharakter. Sie haben die Staaten
dazu gezwungen, ihre innerstaatlichen Sicherheitsgesetze anzupassen und dadurch im
Zweifelsfalle auch zu verschärfen. Wie Kim Scheppele eingehend untersucht hat, konn-
ten somit vor allem auch autokratische Staaten unter Verweis auf die Resolutionen des
SR dauerhafte Anti-Terror-Gesetze intern durchsetzen und extern rechtfertigen, die die
Rechtsstaatlichkeit unterwandern und Menschenrechte missachten. Sie spricht daher
von einer internationalen Proliferation des Ausnahmezustandes.88
Doch auch im Hinblick auf die zunächst als typisch für die kommissarische Ausprägung
bezeichneten Individualsanktionen nach Resolution 1267 zeigt sich, dass die Maßnah-
men gegen Terrorverdächtige so vorübergehend nicht sind. Schließlich besteht das
Sanktionsregime bereits seit über einem Jahrzehnt und ein Ende des Terrorrisikos ist
lange nicht in Sicht. Insofern ist fraglich, inwiefern der SR hier darauf zielt, sich selbst
so schnell wie möglich überflüssig zu machen. Die halbherzigen Versuche, das Sankti-
onsregime durch die Einführung prozeduraler Regeln auf rechtsstaatliche Füße zu stel-
len, scheinen eher dazu geeignet, die Ausnahme zu normalisieren als vom Ausnahmezu-
stand in den Normalzustand zurückzukehren. Der Rat scheint die Maßnahmen und ihre
institutionelle Einbettung als festen Bestandteil seiner Anti-Terror-Politik zu betrachten.
Solange die USA ihr Interesse an einem multilateralen Vorgehen über den Sicherheits-
rat nicht verlieren und die politische Zweckmäßigkeit der Sanktionen nicht infrage ge-
stellt wird,89 ist davon auszugehen, dass sich diese außerkonstitutionelle Praxis fortsetzt.
Die Diktatur des Sicherheitsrates unterscheidet sich vom kommissarischen Diktator so-
mit unter zweierlei Gesichtspunkten. Zum einen bleibt sie in der Reichweite ihrer Maß-
nahmen hinter ihm zurück, da diese lediglich in einem spezifischen Problemkomplex
Anwendung finden und nicht die gesamte Ordnung suspendieren. Zum anderen gehen

88 Vgl. Scheppele 2006; 2011.


89 Eine solche Infragestellung kam kurzzeitig zumindest teilweise auf, als die USA im Frühjahr 2011
ihre Afghanistan-Strategie überdachten und eine Versöhnung mit den Taliban vorantreiben wollten.
Viele Taliban wurden in diesem Kontext von der Terrorliste gestrichen, um einen Kooperationsan-
reiz zu schaffen. Siehe z.B. http://m.faz.net/aktuell/politik/ausland/afghanistan-getrennte-sanktions-
listen-fuer-al-qaida-und-taliban-1651527.html (zuletzt abgerufen am 29.04.13).
178
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die Maßnahmen des Rates aber auch über die Kompetenzen eines kommissarischen
Diktators hinaus, da sie ihre Situationsgebundenheit verlieren und entweder im Sinne
allgemeiner Normen zeitlich unbegrenzt gelten oder sich die Suspendierung des Rechts
perpetuiert und normalisiert.

5. Fazit: Neben der Statue der Freiheit entsteht die Statue der Sicherheit

Der UN Sicherheitsrat hat zwar eine einzigartige Stellung im internationalen System,


die Übersetzung des Ausnahmezustands auf die IO-Ebene ist jedoch nicht auf den SR
beschränkt. So unterschiedliche Organisationen wie die EU oder die Weltgesundheits-
organisation (WHO) halten ebenso Beispiele parat. Zu denken wäre im Fall der WHO
etwa an die Selbstermächtigung des exekutiven Arms der Organisation in der SARS-
Krise 2002/2003, als die WHO ohne Autorisierung der Mitgliedstaaten Reisewarnungen
für betroffene Gebiete aussprach;90 oder an ihr Ausrufen des globalen Gesundheitsnot-
standes angesichts der angeblichen Schweinegrippe-‚Pandemie‘,91 die viele Staaten
weltweit dazu veranlasste, in großem Maße Impfstoffe und Medikamente anzuschaffen,
die schlussendlich keine Verwendung fanden.92 In der EU hingegen wird die aktuelle
Eurokrise nur allzu offensichtlich als überstaatlicher Notstand verhandelt, der nach dras-
tischen Maßnahmen auf europäischer Ebene verlangt. Die sogenannte ‚No-bailout-
Klausel‘ der Währungsunion wurde beispielsweise kurzerhand suspendiert, um milliar-
denschwere Hilfspakete zu schnüren.93 Der Europäische Rat ermächtigte sich zudem zur
Auferlegung schärfster Konditionalitäten gegenüber Portugal, Griechenland, Irland,
Spanien und zuletzt Zypern, die die wirtschafts- und fiskalpolitischen Strukturen der
Staaten fundamental restrukturierten, ohne deren demokratische Institutionen in ernst-
zunehmender Weise zu beteiligen. Selbst die Europäische Zentralbank (EZB) setzte sich
über die EU-Verträge hinweg, als sie im September 2012 bekanntgab, als Kreditgeber
letzter Instanz zu agieren und in unbegrenztem Maße Staatsanleihen hochverschuldeter
Staaten zu kaufen.94 Die direkte Finanzierung von Staaten durch die EZB ist durch die
Verträge ausdrücklich verboten.95
Beide Fälle sind strukturell mit dem des Sicherheitsrates vergleichbar. Einerseits sind
diese globalisierten Ausnahmezustände sektoral begrenzt und die Notstandsgewalten
deutlich schwächer als die eines Schmitt’schen Diktators. Andererseits fehlen auf globa-
ler Ebene die institutionellen Vorkehrungen zur Regulierung und Kontrolle des Aus-

90 Fidler 2004; Cortell/Peterson 2006; Hanrieder/Kreuder-Sonnen 2013.


91 Vgl. Doshi 2009, S. 603.
92 Deshman 2011, S. 1096.
93 Für eine rechtliche Analyse vgl. Ruffert 2011, S. 1785; Hentschelmann 2011.
94 Vgl. Buiter/Rahbari 2012, S. 6.
95 Siehe Art. 123(1) EUV: „[…] sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln
von diesen [Mitgliedstaaten] durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken.“
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Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
nahmezustands, wie sie in Verfassungsstaaten zu finden sind. Es ist daher zu beobach-
ten, dass ausgreifende und anfänglich als notwendige Ausnahmehandlungen deklarierte
Sicherheitspraktiken auf globaler Ebene wenig und selten effektiven Widerstand provo-
zieren. Diese können mithin mehr oder weniger unbemerkt und unbehelligt auf Dauer
gestellt und verstetigt werden. In Rückbezug auf die übergreifende Fragestellung dieses
Bandes, ob die Statue der Freiheit nur kurzzeitig verhüllt oder auf Dauer zerstört wird,
kann im Kontext internationaler Organisationen beobachtet werden, das eigentlich keine
der Alternativen die Begebenheiten richtig zu erfassen vermag. Denn auf der einen Seite
ist der globale Ausnahmezustand nicht im Begriff die Statue der Freiheit gänzlich zu
zerstören, gibt es doch gleichzeitig auch weiterhin Tendenzen einer liberalen Konstitu-
tionalisierung des Völkerrechts und der internationalen Politik.96 Doch auf der anderen
Seite kann man angesichts der Institutionalisierung und Perpetuierung globaler Aus-
nahmepraktiken auch nicht sagen, dass sie nur kurzzeitig verhüllt würde. Viel eher
müsste man – um bei dem Bild zu bleiben – eine eigene Statue der Sicherheit neben der
Statue der Freiheit entstehen sehen, die mehr oder weniger in den Vordergrund gerückt
werden kann. Illiberales und autoritäres Notstandsrecht von internationalen Organisati-
onen entwickelt sich zur Parallelordnung, die mit einer freiheitlich und zunehmend
rechtstaatlich organisierten internationalen Ordnung koexistiert.

Literatur

Agamben, Giorgio, 2004: Ausnahmezustand (Homo sacer II.1) (Edition Suhrkamp, Band 2366),
Frankfurt a.M.
Akande, Dapo, 1997: The International Court of Justice and the Security Council. Is there Room
for Judicial Control of the Political Organs of the United Nations?, in: International and
Comparative Law Quarterly 46, S. 309–343.
Alvarez, José E., 2003: Hegemonic International Law Revisited, in: American Journal of Inter-
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Am Rande der Republik

Ausnahmezustände und Dekolonisierungskonflikte


in der V. Französischen Republik

Matthias Lemke

„Wir wissen um den Wert von Verfassungen! In den letzten einhundertfünfzig Jahren ha-
ben wir uns siebzehn davon gegeben. Und die Natur der Dinge ist stärker als von Politikern
erlassene Verfassungstexte.“
Charles de Gaulle1

Die Natur der Dinge, die Charles de Gaulle hier als eine Art Kontingenzprinzip der po-
litischen Ordnung sowie der Planbarkeit kollektiv verbindlicher Entscheidungsfindung
entgegenstellt, ist, so lautet wohl die Schlussfolgerung aus dem Gesagten, stärker als es
das Gesetz jemals sein wird. Und dementsprechend scheint sie, historisch betrachtet und
wenig verwunderlich, der französischen Politik immer wieder in die Quere gekommen
zu sein. Hierfür mag die Vielfalt an Begriffen und Bestimmungen, über die das politi-
sche System Frankreichs zur Regulierung von Situationen jenseits der normalen Ord-
nung verfügt, als Indikator dienen: Der État d’urgence ist nur eines von mehreren funk-
tional grundsätzlich äquivalenten, in den konkreten Ausführungsbestimmungen mehr
oder weniger stark divergenten Instrumenten zur Regelung der Erweiterung der Exeku-
tivkompetenzen im Ausnahmezustand.2
Mit diesem auf Charles de Gaulle gestützten, halb historischen, halb anekdotischen Be-
fund liegt zwar noch kein Indiz für eine grundsätzliche Bejahung der These von Cindy
Skach vor, wonach semipräsidentielle Regierungssysteme, wie das der V. Republik, in

1 De Gaulle 1960, S. 246; vgl. dazu auch Léon Noël: „Das Verfassungsgericht legt diese Waffe in Ihre
Hände; es wünscht, dass Sie von ihr nur dann Gebrauch machen, wenn Sie nicht anders können.“
Léon Noël gegenüber Charles de Gaulle anlässlich der Erkennung auf Vorliegen der Voraussetzun-
gen für die Anwendung von Artikel 16 durch den Conseil constitutionnel am 23.4.1961, zit. nach
Hamon 1994, S. 12. Alle Übersetzungen vom Verfasser. In diesem Zusammenhang danke ich Chris-
tiane Cromm für ihre wertvolle Unterstützung.
2 Vgl. grundsätzlich Le Sénat 2006, S. 5: „Verkündet durch ein im Ministerrat beschlossenes Dekret
gibt er (i.e. der Ausnahmezustand, ML) den zivilen Behörden für das Gebiet, für das er verhängt
wurde, außerordentliche polizeiliche Machtbefugnisse bezüglich der Regelung der Freizügigkeit und
des Aufenthaltes von Personen, die Schließung von für die Öffentlichkeit zugänglichen Orten und
die Beschlagnahmung von Waffen. Das den Ausnahmezustand erklärende Dekret kann eine Auswei-
tung der polizeilichen Machtbefugnisse im Bereich der Durchsuchung und Kontrolle von Informati-
onsmedien vorsehen. Über den Zeitraum von zwölf Tagen hinaus kann die Verlängerung des Aus-
nahmezustandes nur durch Gesetz erfolgen.“; vgl. zur Terminologie im Zusammenhang mit den
Ausnahmezustandsbestimmungen der V. Republik Lemke 2010, S. 94ff.

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bestimmten Parteienkonstellationen vergleichsweise wenig Skrupel bei Überschreitun-
gen ihrer demokratischen Normen kennen. Wohl aber scheint das Überschreiten der
Verfassungsnorm in Frankreich deutlich mehr zu sein, als ein Randphänomen:

„My argument so far has been that the semi-presidential constitution, under certain party
conditions, may not be self-enforcing, but rather, may provide incentives for presidents
(and other actors) to transgress democratic boundaries.“3

Mit Blick auf die Einschätzung Raymond Arons, der hinsichtlich der Bestimmungen
von Artikel 16 der Verfassung der V. Republik noch deutlich alarmistischer als Cindy
Skach von einem „legal coup d’état“4 geschrieben hatte, soll im Folgenden zweigleisig
argumentiert werden: Die politische wie verfassungsrechtliche Ordnung Frankreichs hat
die Exekutive tatsächlich mit einem – im Vergleich zu anderen etablierten repräsentati-
ven Demokratien – bedeutenden Ausnahmepotenzial für die politische Praxis versehen.
Dieses Potenzial kommt indes, so die historische Einschränkung, nicht in kontingenten
Krisensituationen zum Einsatz, sondern tritt offenbar in ähnlichen, zeittranszendenten
Anwendungsszenarien gehäuft auf. Diese zeittranszendenten Anwendungsszenarien ste-
hen in der Geschichte der V. Republik ausnahmslos im Zusammenhang mit Dekoloni-
sierungsprozessen, sei es in den Kolonien oder im französischen Mutterland (la France
métropolitaine) selbst.
Ließen sich beide Argumente hinreichend belegen – das verfassungsrechtliche eines
sehr deutlich ausgeprägten Ausnahmepotenzials des französischen Semipräsidentialis-
mus und das politisch-kulturelle einer thematisch-situativen Verengung von Anwen-
dungsszenarien auf Dekolonisierungsprozesse – dann bliebe schließlich zu diskutieren,
ob das von Aron artikulierte Unbehagen an dieser pragmatischen Krisenintervention be-
rechtigt ist, eben weil die Republik als System der repräsentativ-demokratisch verfass-
ten Rechtsgeltung hier an den Rand des Nicht-Rechts beziehungsweise der exklusiven
Rechtsgeltung gedrängt wird. Oder aber ist der von de Gaulle mit Blick auf Machiavel-
lis necessità proklamierte Pragmatismus für das Überleben der Republik, ist mithin also
der Rückgriff des Rechts auf das Nicht-Recht doch unerlässlich, um möglichst langfris-
tig die Stabilität der Republik für alle Staatsbürger zu garantieren? Machiavelli hatte
hierzu bereits in den Discorsi (1531) sehr eindringlich festgehalten:

„Meine Meinung ist, daß Republiken, die in äußerster Gefahr nicht zur diktatorischen oder
einer ähnlichen Gewalt Zuflucht nehmen, bei schweren Erschütterungen zugrunde gehen
werden.“5

Das aus dieser Position ersichtliche Dilemma einer als Rechtsstaat begriffenen moder-
nen Demokratie enthält eine nachgerade klassische Aktualität: Wenn die Demokratie

3 Skach 2005, S. 356.


4 Aron 1960, S. 23.
5 Machiavelli 1990, S. 185.

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und mit ihr der Rechtsstaat als das zukunftsweisende Modell kollektiv verbindlicher
Entscheidungsfindung gelten soll, wo genau verlaufen dann die Grenzen des in der De-
mokratie zum Selbsterhalt noch Zulässigen? Oder anders formuliert: Wie weit genau
darf eine demokratisch gewählte, an das Recht gebundene Regierung gehen, um das
Herrschaftsmodell zu verteidigen, das gleichzeitig ihren Wesenskern ausmacht? Vor der
Erörterung dieser Fragen stehen jedoch der Überblick über die Rechtslage zum Aus-
nahmezustand in der V. Republik sowie eine historische Rekonstruktion der Situatio-
nen, in denen es tatsächlich zur Anwendung des Ausnahmezustandes gekommen ist.

Der Ausnahmezustand in der Verfassung der V. Französischen Republik


– eine Rekonstruktion

Die politisch-historische Rekonstruktion von Regelung und Anwendung des Ausnah-


mezustandes in der V. Republik erfordert eine Betrachtung auf drei Ebenen. Da die V.
Republik und ihre Verfassungsordnung als Nationalstaat nicht voraussetzungslos und
zudem gegenwärtig in den supranationalen Staatenverbund der Europäischen Union
eingebunden sind, gilt es, neben der historischen Dimension des Ausnahmezustandes in
Frankreich auch dessen nationalstaatliche Normierung sowie die darüber hinaus gehen-
den supranationalen Rückkopplungen für den Umgang mit Exekutivexpansionen in Kri-
sensituationen, die aus der Einbindung Frankreichs in einen europäischen Vertragskon-
text resultieren, in den Blick zu nehmen.
Beginnt man bei den europäischen Verflechtungen nationaler Gesetzgebung, dann las-
sen sich der Ausnahmezustand und seine rechtliche Verregelung in Frankreich zunächst
aus der Zusammenschau einer nationalstaatlichen und supranationalen – europäischen –
Normsetzungspraxis im Umgang mit Krisensituationen begreifen. So kann die eingangs
behauptete erhöhte Bereitschaft zu einer Politik der Normsuspendierung und Exekutiv-
expansion im französischen Semipräsidentialismus anhand des Umgangs Frankreichs
mit der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten,
die als ursprüngliche Europaratsinitiative mittlerweile Bestandteil des Unionsrechts ist,
exemplarisch illustriert werden. Ziel der auf die Festschreibung von Menschenrechten
ausgerichteten Vereinbarung war unter anderem die weitest mögliche Unterbindung von
Normsuspendierungen sowie die Einhegung der damit einhergehenden Erweiterung von
Exekutivkompetenzen, und zwar insbesondere dann, wenn diese geeignet scheinen,
habeas-corpus-Rechte zu erodieren. Die Konvention, die Frankreich am 3.5.1974 ratifi-
ziert hat, erlegt den Regierungen der Unterzeichnerstaaten auf, grundsätzlich solche
Praktiken zu unterlassen, die von ihrer Anlage her geeignet sein könnten, die jederzeiti-
ge Geltung der Schutzansprüche der Bürger vor Übergriffen durch den Staat zu unter-
minieren. Allerdings sieht Artikel 15 der Konvention (unter dem Titel „Abweichen im

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Notstandsfall“) zwei Einschränkungen vor, nämlich den „Kriegsfall“ und den nicht nä-
her spezifizierten „anderen öffentlichen Notstand“:

„Wird das Leben der Nation durch Krieg oder einen anderen öffentlichen Notstand bedroht,
so kann jede Hohe Vertragspartei Maßnahmen treffen, die von den in dieser Konvention
vorgesehenen Verpflichtungen abweichen, jedoch nur, soweit es die Lage unbedingt erfor-
dert und wenn die Maßnahmen nicht im Widerspruch zu den sonstigen völkerrechtlichen
Verpflichtungen der Vertragspartei stehen.“6

Zusätzlich zu diesen Abweichungsbestimmungen im Kriegs- oder Krisenfall, wie sie die


Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten vor-
sieht, hat Frankreich nach Ratifikation der Konvention und mit Blick auf die eigenen
gesetzlichen Bestimmungen für den État d’urgence eine Verzahnung der beiden
Rechtsquellen vorgenommen:

„Die aufgelisteten Umstände für das Inkrafttreten von Artikel 16 der Verfassung, von Arti-
kel 1 des Gesetzes vom 3. April 1978 und des Gesetzes vom 9. August 1849 für die Ausru-
fung des Belagerungszustandes, von Artikel 1 des Gesetzes Nr. 55-385 vom 3. April 1955
für die Ausrufung des Ausnahmezustandes und die die Anwendung der in diesen Texten
vorgesehenen Bestimmungen erlauben, müssen als konform mit dem Gegenstand des Arti-
kels 15 der Konvention verstanden werden.“7

Durch diese Verzahnung der eigenen Verfassungsbestimmungen über den État


d’urgence mit denjenigen der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrech-
te und Grundfreiheiten ist in rein rechtlicher Perspektive eine umfassende Interventi-
onssouveränität der französischen Regierung im Krisenfall sichergestellt, ohne dass eine
Bindung durch inter- oder supranationale Verträge diese souveräne Handlungskompe-
tenz einzuschränken vermag. In politischer Hinsicht stellt die Ratifikation der Europäi-
schen Konvention dennoch eine Hürde hinsichtlich der Enthemmung von Praktiken der
Normsuspendierung dar. Denn die politische wie institutionelle Nähe der Mitgliedsstaa-
ten der Europäischen Union (respektive der Europäischen Gemeinschaft) und deren
Selbstverständnis als repräsentative Demokratien bedingt gleichsam eine Beobachtung
der nationalstaatlichen Politiken durch die europäische Öffentlichkeit. Diese Verknüp-
fung von Politik und Öffentlichkeit stellt zwar keine vertraglich festgelegte Normset-
zungspraxis dar, wie sie für die Verregelung des Ausnahmezustandes auf nationaler
Ebene gegeben ist. Dennoch scheint sie als Kontroll- und Bewertungsmechanismus
trotz ihrer bloß politisch-kulturellen Verankerung geeignet, in kontroversen Fällen der

6 Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten, Artikel 15, Absatz 1;
zu den internationalen Bemühungen der Einhegung von Exekutivrechten und dem Schutz von Bür-
ger- und Menschenrechten im Zusammenhang mit Ausnahmesituationen, etwa in Form der Paris
Minimum Standards of Human Rights Norms in a State of Emergency, vgl. Chowdhury 1989.
7 Houillon 2005, S. 23. Zur politischen Konsequenz dieser Verzahnung heißt es dort: „Dadurch sind
die Bestimmungen, die auf Grundlage des Inkrafttretens des Ausnahmezustandes ergriffen werden
können, nicht der Gesamtheit der Verpflichtungen unterworfen, wie sie von der Europäischen Kon-
vention zum Schutz der Menschen- und Freiheitsrechte aufgezählt werden.“

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Normsuspendierung und Exekutivexpansion – zumindest der Theorie nach – einen er-
heblichen Rechtfertigungsdruck auf die Exekutive ausüben zu können. Durch diesen
Kontrolldruck erhöht sich wiederum die Chance, das Exzesse der Normsuspendierung
und damit verbundene, nachhaltige, also länger andauernde oder auf Dauer gestellte
Aushöhlungen der Grund- und Menschenrechte tendenziell eher unterbleiben.
Nimmt man die Rechtssetzungspraxis für den Ausnahmezustand in nationalstaatlichem
Maßstab in den Blick – für den die Kontrollmechanismen der politischen Öffentlichkeit
in wohl noch stärkerem Maße vorausgesetzt werden können, als dies für eine europäi-
sche Öffentlichkeit der Fall ist – dann ergibt sich folgendes Bild. Neben den Verflech-
tungen mit supranationalen Normen weist Frankreich auf nationalstaatlicher Ebene ein
komplexes Instrumentarium konstitutioneller und davon abgeleiteter gesetzlicher Be-
stimmungen zur Anwendung des Ausnahmezustandes auf. Dieses Geflecht von Be-
stimmungen liefert einerseits die verfahrenspraktische Grundlage für die Praxis der
Normsuspendierung, auf deren Komplexität und Fluidität Charles de Gaulle in der ein-
gangs zitierten Pressekonferenz bereits im Frühstadium der V. Republik hingewiesen
hatte und die für die Genese des politischen Systems Frankreichs überhaupt – also seit
1789 – so typisch ist. Mit der Existenz verfassungsrechtlich verankerter und durch das
Parlament auszugestaltender Bestimmungen für die Handhabung des Ausnahmezustan-
des deutet sich neben der politischen Öffentlichkeit mit der Legislative ein weiterer Ort
für die Entwicklung politisch relevanter Begründungen hinsichtlich der Ausweitung von
Exekutivkompetenzen jenseits der Exekutive an. Für die Anwendung des Ausnahmezu-
standes in Frankreich bedeutet das, dass neben dem Präsidenten und der Regierung, de-
nen ob des semipräsidentiellen Charakters des politischen Systems der V. Republik oh-
nedies eine herausgehobene politische Funktion zukommt, nunmehr auch die Assemblée
Nationale und damit also Parlamentsdebatten zu Orten der Begründung von Normsus-
pendierungen werden. Der Ausnahmezustand und die Verfügungsmacht über ihn hält
somit Einzug in das französische Parlament, wobei diese Diversifizierung von Mitbe-
stimmungsrechten eine missbräuchliche Verwendung der Erweiterung der Exekutiv-
kompetenzen zusätzlich einschränkt.
Neben dem Hinweis auf die Wechselhaftigkeit der französischen Verfassungsgeschichte
eröffnet de Gaulle mit seiner oben zitierten Aussage noch eine weitere, dafür aber eine
sehr grundsätzliche Perspektive auf die Bedingungen der Krisenreaktionskompetenzen
politischer Systeme überhaupt. Deren politische wie rechtliche Qualität als demokra-
tisch verfasste Republiken, wie sie hier ja zur Disposition steht, wird im Krisenfall in
doppelter Hinsicht, nämlich exogen – also durch den aufgetretenen, konkreten Notfall
selbst – wie eben auch endogen – also durch die gegen den Notfall selbstbestimmt ge-
troffenen Maßnahmen – in Frage gestellt. Das für den Normalfall Geltung beanspru-
chende Ordnungsangebot einer Verfassung korrespondiert ständig, so kann de Gaulles
Klage über die permanente Instabilität der eigentlich Stabilität suggerierenden Verfas-

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sungsordnung gedeutet werden, mit einer in ontologischer, nicht in territorialer Sicht
äußerlichen Unordnung. Sowohl die Ordnung als auch ihre Negation scheinen für de
Gaulle aufeinander bezogen zu sein, sie sind zwei Seiten einer Medaille. In diesem Be-
ziehungsverhältnis überwiegt jedoch offensichtlich der Einfluss der Nicht-Ordnung, je-
ne stärkere Natur der Dinge (de Gaulle), die im Renaissancedenken Machiavellis noch
necessità geheißen hatte und der sich die politische Ordnung anzupassen und unterzu-
ordnen habe. Denn sie stellt die jederzeit präsente Umwelt und den von dieser Umwelt
ausgehenden Druck dar, gegen den sich die Ordnung ebenso permanent zu behaupten
hat. „Die Notwendigkeit“, so schreibt François Saint-Bonnet, „verweist hier auf eine
Tatsache, die an die Norm, an das Normale aneckt.“8 Die Ordnung wäre demnach per-
manent einer latent übermächtigen Unordnung ausgeliefert, durch die sie sich perma-
nent in Frage gestellt sieht.
Wenn die Herausforderung der politischen Ordnung sich demnach permanent und latent
als stärker erweist als die politische Ordnung selbst, dann verwundert die weitreichende
Auslegung des Ausnahmezustandes, des État d’urgence in der Verfassung der V. Re-
publik vom 4.10.1958, kaum.9 Hinsichtlich des im Krisenfall „zu mobilisierenden juris-
tischen Arsenals“10 heißt es dort:

„(1) Wenn die Institutionen der Republik, die Unabhängigkeit der Nation, die Integrität ih-
res Territoriums oder die Ausübung ihres internationalen Engagements unmittelbar und
schwerwiegend bedroht sind und das reguläre Funktionieren der verfassungsmäßigen öf-
fentlichen Institutionen unterbrochen ist, ergreift der Präsident der Republik, nach erfolgter
offizieller Absprache mit dem Premierminister, den Präsidenten der Kammern des Parla-
ments und dem Verfassungsgericht, die angesichts dieser Umstände erforderlichen Maß-
nahmen. [...].
(3) Diese Maßnahmen müssen von dem Willen getragen sein, den verfassungsmäßigen öf-
fentlichen Institutionen unverzüglich die Mittel für die Erfüllung ihrer Aufgaben zu sichern.
[...].
(6) (Verfassungsgesetz Nr. 2008-724 vom 23. Juli 2008) Nach dreißig Tagen der Anwen-
dung von Ausnahmekompetenzen kann das Verfassungsgericht vom Präsidenten der Natio-
nalversammlung, dem Präsidenten des Senats, sechzig Abgeordneten oder sechzig Senato-
ren dazu aufgefordert werden zu untersuchen, ob die im ersten Absatz formulierten Bedin-
gungen weiterhin erfüllt sind. Es erklärt sich innerhalb der kürzesten möglichen Frist durch
eine öffentliche Bekanntmachung. Es unternimmt diese Untersuchung von Rechts wegen
und erklärt sich unter den gleichen Bedingungen nach Ablauf von sechzig Tagen der An-
wendung von außerordentlichen Machtbefugnissen und zu jedem Zeitpunkt nach Ablauf
dieser Frist.“11

8 Saint-Bonnet 2001, S. 1.
9 Zum Entstehungskontext und zur Schwierigkeit der Begriffsbestimmung des État d’urgence nach
Artikel 16 vgl. Voisset 1969, S. 1-4.
10 Houillon 2005, S. 12.
11 Constitution de la République Française du 4 octobre 1958, modifié en dernier lieu par la loi
constitutionnelle No2008-724, Artikel 16; ferner wird in Art. 16 bestimmt, dass die französische Na-
tion von der Verhängung des Ausnahmezustandes zu informieren und dass die Auflösung der Natio-
nalversammlung während der Dauer des Ausnahmezustandes unzulässig sei.

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Dieser Versuch einer législation d’exception (François Saint-Bonnet), deren Ähnlichkeit
mit den Regelungen von Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung mitunter betont
wird,12 erweist sich in zweierlei Hinsicht als problematisch. Auch wenn der französi-
sche Gesetzgeber hier bemüht ist, die Anwendung von Praktiken der Normsuspendie-
rung in Gesetze zu fassen, so geschieht das nach wie vor mit einem Vokabular, das hin-
sichtlich seiner Schlüsselbegriffe (Bedrohung, erforderliche Maßnahmen et cetera) ext-
rem interpretationsbedürftig bleibt. Angesichts der infrage stehenden Rechtsgüter – die
demokratisch-republikanische Staatsform sowie die jederzeitige Garantie personenbe-
zogener Grund- und Freiheitsrechte – scheint eine solche Auslieferung von Grundrech-
ten an die situative Deutungsmacht einer politischen Autorität fragwürdig.13 Wiewohl
auch die Unmöglichkeit gegeben ist, eine politisch relevante Krise in all ihren tatsächli-
chen Erscheinungsformen a priori zu definieren, was die Offenheit der Definition wie-
derum unumgänglich macht. – Allzumal dann, wenn Exekutive und Legislative sich erst
einmal ganz grundsätzlich auf die Bereitschaft zur Normsuspendierung eingelassen, sie
also als politisch notwendige Maßnahme möglichst permanenter souveräner Selbstbe-
stimmung begriffen und akzeptiert haben.
Wenn darüber hinaus der Exekutive mit jenem „mysteriösen und zweifelhaften [...] obs-
kuren und beunruhigenden“14 Instrument des État d’urgence angesichts qualitativ nicht
näher spezifizierter „Bedrohungen“ möglichst weitreichende Reaktions- und Gestal-
tungsspielräume eröffnet werden,15 so die implizite Verfahrenslogik der hier zitierten
Auszüge aus Artikel 16 der Verfassung vom 4.10.1958, dann vergrößert sich damit auch
die tatsächliche Chance der Exekutive zur erfolgreichen Aufrechterhaltung der System-
integrität nach der Überwindung des Krisenfalls. Allerdings steht eine solche Strategie
in diametralem Widerspruch zum Wesenskern republikanisch-demokratischer Herr-
schaft, wonach die Ausübung von Herrschaftsmacht zum Zweck der Vermeidung von
ungewollten, übermäßigen Machtallokationen immer zu kontrollieren und zu limitieren
ist.
Anhand dieser beiden interpretatorischen wie strategischen Probleme, die sich an die
Bestimmungen von Artikel 16 anschließen, wird deutlich, dass die Beurteilung der De-
mokratieverträglichkeit von Praktiken der Normsuspendierung16 analytisch zwei sehr

12 Vgl. etwa Le Sénat 2006, S. 11, Fußnote 1.


13 Vgl. Saint-Bonnet 2001, S. 24: „Wie auch immer die konkrete Beschaffenheit einer Krise aussehen
mag, ein außerordentliches Regime wird von der Autorität ausgerufen, die die Situation als Krise
einstuft.“
14 Voisset 1969, S. 1.
15 Vgl. Voisset 1969, S. 14: Der Anwendungsbereich außerordentlicher polizeilicher Machtbefugnisse
ist folglich extrem weit und man muss sogleich unterstreichen, dass das zur Zeit der Ausarbeitung
der Verfassung weit weniger der Fall war.“
16 Die spezifische Brisanz, die der Ausnahmezustand im Kontext demokratischer Regime entfaltet,
rührt aus der Tatsache, dass demokratisch verfasste Staaten für sich grundsätzlich auch die Qualität
der Rechtsstaatlichkeit in Anspruch nehmen. Vgl. hierzu etwa Dyzenhaus 2008, S. 33: „According to

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unterschiedliche Dimensionen politischen Handelns zu berücksichtigen hat. Einerseits
die hier präsente, instrumentelle oder immanente Dimension der tatsächlichen Abarbei-
tung eines – in der frühen Verfassungslogik primär äußeren17 – Krisenfalls und darüber
hinaus diejenige teleologische oder finalitätsbezogene Dimension, die den Zweck und
damit gleichsam auch den legitimatorischen Kern der Normsuspendierungspraxis in
sich trägt, nämlich den angestrebten Erhalt von Demokratie und Republik über die Krise
hinaus. Aus dieser binären Dimensionalität politischen Handelns ließe sich – nebenbei
bemerkt – eine analytisch akzentuierte Definition des Ausnahmezustandes ableiten:
Immer dann, wenn politische Kriseninterventionen so beschaffen sind, dass sich in ih-
nen die vorgenannte immanente und die finalitätsbezogene Dimension überlagern, liegt
grundsätzlich eine Situation des Ausnahmezustandes vor.18 Als entscheidend für die
Beurteilung der demokratischen Qualität der Maßnahmen im Ausnahmefall jedenfalls
erweist sich angesichts des hier vorgestellten, massierten Arsenals verschiedenster Ver-
fahrens- und Handlungsoptionen die Finalitätsdimension. Mit anderen Worten: Die
Anwendung nicht-demokratischer Mittel im Ausnahmezustand stellt per se eine Ge-
fährdung der demokratisch-republikanischen Kultur dar. Die Möglichkeit einer reakti-
ven Eskalation in der Krisenintervention nach dem Motto viel hilft viel, die ihrerseits die
permanente Garantie der Geltung oder der Wiederherstellung der Geltung der Verfas-
sung zu ihrem zentralen Zweck erhebt, stellt dabei – auch mit Blick auf ihre grundsätz-
liche Offenheit gegenüber einer a priori nicht determinierten Varianz an Handlungsop-
tionen der Exekutive – keine genuine Innovation der V. Republik dar. Die Möglichkeit
einer reaktiven Eskalation, ungeachtet des Versuchs ihrer konstitutionellen Kodifizie-
rung, steht historisch weit über die V. Republik hinaus – etwa in den Federalist Pa-
pers19 – für die angenommene Notwendigkeit einer demokratisch verankerten „Diktatur
als heroischem Regime der Krise“.20
Die gegenwärtige Praxis dieses Heroismus und die aus der Anwendung unmittelbar fol-
gende Etablierung eines außerordentlichen Rechtsregimes in der IV. wie auch in der V.
Republik nimmt – mitsamt der bis in die zweite Hälfte der Französischen Revolution
zurückreichenden politischen Tradition der Normsuspendierung – auf zwei Gesetze Be-
zug. Einmal auf das Gesetz No55-385 vom 3.4.1955, das den Ausnahmezustand im Sin-
ne des État d’urgence als Rechtsinstitut regelt. Dieses Gesetz ist damit der juristische
Ort, an dem alle verfahrenspraktischen und rechtlich relevanten Fäden der politischen
Entwicklung des Ausnahmezustandes in Frankreich zusammenlaufen, auch die, die ih-

Carl Schmitt, the limits of law exposed by emergencies debunk not only legal theory, but also what
we might think of as the political theory of liberal democracy, since Schmitt rightly took liberal de-
mocracy to be committed to the rule of law.“
17 Vgl. Voisset 1969, 17f.
18 Vgl. hierzu auch Saint-Bonnet 2001, S. 8.
19 Vgl. Lemke 2011, S. 371f.
20 Barthélemy 1931, S. 111.

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ren Ausgangspunkt bereits in der Zeit vor der Verabschiedung des Gesetzes hatten. Da-
rüber hinaus handelt es sich um den oben bereits angesprochenen Artikel 16 der Verfas-
sung vom 4.10.1958,21 dessen Regelungen für den Semipräsidentialismus der V. Repub-
lik, nicht aber für das parlamentarische System der IV. Republik gelten. Ausgehend von
diesen beiden zentralen Punkten im Netz der französischen Ausnahmebestimmungen
können demnach – aufgrund der vielfältigen juristischen wie politischen Bezugnahmen
auf das Gesetz No55-385 sowie auf Artikel 16 – die verfassungsrechtlichen Grundlagen
in ihrer historischen Entwicklung rekonstruiert werden.
In einer historisch-genealogischen Rekonstruktion – die hier natürlich nur angerissen
werden kann – wird ein grundsätzliches politisches wie juristisches Bedürfnis deutlich,
an dem sich die Gesetzgebung über außerordentliche Exekutivmaßnahmen in Frank-
reich schon in der Zeit der III. Republik orientiert hat. Dieses Bedürfnis betrifft die Un-
terscheidung zwischen den Gesetzen und ihrer Geltung einerseits und der Schaffung
oder Garantie eines Zustandes, in dem Gesetze überhaupt erst Geltung erlangen können,
andererseits:

„Zuerst regieren und verwalten: danach das Gesetz ausführen – was bedeutet: zuerst leben,
und danach regelkonform leben, immer unter normalen Umständen, soweit wie möglich
unter unnormalen Umständen.“22

Anhand dieser souveränen politischen Leitunterscheidung, die eine existenziell begrün-


dete Gewichtung und damit einhergehend eine Bevorzugung des biologischen gegen-
über dem politischen – und wertend könnte man auch formulieren: die eine Bevorzu-
gung des archaischen gegenüber dem zivilisierten – Leben vornimmt, lässt sich die
Notwendigkeit des Ausnahmezustandes im Kontext des Rechtsstaates plausibilisieren.
Konkret bestünde diese Notwendigkeit im französischen Fall in der Bereitstellung eines
Instrumentariums, das es dem Staat angesichts der ständigen potenziellen Lücke zwi-
schen Recht und Wirklichkeit ermöglicht, das Recht den Tatsachen anzupassen und die
Lücke zwischen beiden immer wieder neu zu schließen.
Historisch lässt sich dieses politische Bedürfnis auf den Begriff des Belagerungszustan-
des, den État de siège, zurückführen, der die reale Situation einer existenziellen Bedro-

21 Der hinsichtlich der möglichen außerordentlichen Exekutivreaktionen weiterreichende État de siège,


also der Belagerungszustand, ist in Artikel 36 der Verfassung geregelt und bezieht sich auf Gefähr-
dungen, die aus einem militärischen Angriff von außen oder aber aus einer bewaffneten Erhebung im
Innern resultieren. Vgl. hierzu Le Sénat 2006, S. 5: „Der Belagerungszustand, vorgesehen von Arti-
kel 36 der Verfassung und im Falle einer unmittelbaren Gefahr, die aus einem äußeren Krieg oder
aus einem bewaffneten Aufstand resultiert, ist im Wesentlichen durch eine Übertragung von polizei-
lichen Machtbefugnissen an das Militär gekennzeichnet. Er wird vom Ministerrat angeordnet, aber
seine Verlängerung über eine Dauer von zwölf Tagen hinaus bedarf der Autorisierung durch das Par-
lament.“
22 Maurice Hauriou, zit. nach Saint-Bonnet 2001, S. 9.

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hung einer belagerten Stadt durch eine äußere militärische Streitmacht beschreibt. 23 Ge-
gen diese Bedrohung galt es die Stadt und ihr Verfassungsgefüge militärisch und prak-
tisch zu verteidigen. Im Zuge der Französischen Revolution wurde der Begriff insofern
ausgeweitet, als er von einem rein militärischen zu einem politischen Begriff avancierte.
Der État de siège bezog sich fortan nicht mehr auf die durch Maßnahmen von außen in-
duzierte existenzielle Bedrohung, sondern auch auf Bedrohungen aus dem Inneren:

„This expansion of the notion of state of siege created the dichotomy between état de siège
réel (state of siege in its original sense) and the état de siège fictif (‘constructive’ state of
siege)”.24

Der État de siège fictif wurde somit zu einem Rechtsinstrument, das es durch seine Ver-
ankerung in der Verfassung erlaubte, ex ante Maßnahmen zu definieren, die bei tatsäch-
lichem Eintreten einer existenziellen Bedrohung der Verfassungsordnung zu ergreifen
sein würden, mit dem Ziel, die Bedrohung abzuwenden oder die Krise zu beenden und
die Geltung der Verfassungsordnung aufrecht zu erhalten oder wieder herzustellen. Der
État de siège fictif erscheint somit als eine erste „legal crisis institution“25 und damit als
ein die Exekutive juristisch bindender Vorläufer des État d’urgence:

„The vital point is that the state of siege is not a condition in which law is temporarily ab-
rogated, and the arbitrary fiat of a ‘commander’ takes its place. It is emphatically a legal in-
stitution, expressly authorized by the constitutions and the various bills of rights that suc-
ceeded each other in France, and organized under this authority by a specific statute.“26

In der Zusammenschau ergibt sich mit Blick auf die eingangs formulierte These, wo-
nach der Ausnahmezustand im Rahmen des französischen Semipräsidentialismus in der
V. Republik ein gesteigertes Anwendungspotenzial aufweist, ein ambivalenter Befund.
Denn einerseits verfügt Frankreich mit der Verfassung von 1958 (Artikel 16) und dem
Gesetz No55-385 vom 3.4.1955 tatsächlich über zwei explizite Regelungsmechanismen
für den Ausnahmefall auf nationalstaatlicher Ebene, die der Exekutive entsprechend ei-
ner von ihr vorzunehmenden Interpretation einer Lage als Gefahrenlage erweiterte
Handlungskompetenzen eröffnen.
Die gesteigerte Bereitschaft zur Überschreitung demokratischer Normen, von der Cindy
Skatch mit Blick auf den französischen Semipräsidentialismus – und unter der Ein-
schränkung bestimmter Parteienkonstellationen – geschrieben hatte, wäre mit Blick auf
die Gesetzeslage also potenziell gegeben. Die entscheidende sich nun stellende Frage
lautet: Welchen Gebrauch hat die Exekutive von diesen ihr zur Verfügung stehenden
Möglichkeiten tatsächlich gemacht?

23 Für die folgenden Ausführungen vgl. grundsätzlich auch Rossiter 1948, S. 79-129.
24 Aoláin/Gross 2006, S. 27.
25 Aoláin/Gross 2006.
26 Radin 1942, S. 634, 637.

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Ausnahmezustände und Dekolonisierung: Eine historische Fallanalyse

Dieser signifikanten, de jure gegebenen Konzentration von Deutungs- und Handlungs-


macht bei der Exekutive im Krisenfall steht indes für die Zeit der späten IV. und der ge-
samten V. Republik nur eine geringe Fallzahl von Anwendungen gegenüber – insge-
samt geht es um drei Szenarien, wobei diese Zählung aus der jeweiligen Zusammen-
schau der Komplexe Algerien / Algerienkrieg, Neukaledonien und Pariser Banlieue re-
sultiert.

Tab. 1: Ausnahmezustände in der V. Republik: Anwendungsfälle.

Ausnahmezustand im Datum der Ausrufung angewandte Gesetzesgrundlage,


Zusammenhang mit ... (Erstausrufung) Geltungsbereich (lokal)
Algerien / Algerienkrieg 7.8.1955* Loi No55-385, Algerien
13.5.1958* Loi No55-385, Algerien
23.4.1961 Article 16, Algerien
6.10.1961 Article 16, Paris (Île de France)
Neukaledonien 12.1.1985 Loi No55-385, Loi No85-96
Banlieue Parisienne 8.11.2005 Loi No55-385, Gebiete in städtischen Ballungs-
räumen entsprechend der Bestimmungen in
Dekret No2005-1387
Quelle: eigene Darstellung; Zeichenerklärung: * = späte IV. Republik.

Dass es sich bei den Anwendungsfällen um nationale Krisensituationen handelt, war


zudem politisch jeweils weitgehend unbestritten. Aus Sicht der historischen und juristi-
schen Rekonstruktion ergibt sich somit das Bild einer sehr ausdifferenzierten
Verregelung des Ausnahmezustandes, die insofern zu funktionieren scheint, als Aus-
nahmezustände die Existenz der Verfassung bislang nicht zu erodieren vermochten.
Angesichts der politischen Begründungspraktiken von Ausnahmezuständen, wie sie bis-
lang in Frankreich nach 1945 und besonders nach 1955/58 zur Anwendung gekommen
sind, lässt sich eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit feststellen. Alle für die IV. und V.
Französische Republik beobachtbaren Praktiken der Normsuspendierung stehen in un-
mittelbarem oder aber zumindest in mittelbarem Zusammenhang der Exekutive mit der
kolonialen Vergangenheit Frankreichs.
Was hinsichtlich des konkreten Engagements Frankreichs im Zusammenhang mit dem
Algerienkrieg (1954–62) und den Konflikten anlässlich der Bestrebungen zur
Unabhängigwerdung Neukaledoniens (1984–88) noch beinahe als selbstevident er-
scheinen mag, bedarf angesichts der Ausschreitungen, die im Herbst und Winter
2005/06 zunächst die Pariser Banlieue und in der Folge mehr als 300 Gemeinden in
ganz Frankreich ergriffen haben, einer eingehenderen Erklärung. In einem Editorial von

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Le Monde findet sich, in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Erklärung des État d’urgence
vom 18.11.2005 durch den Conseil des ministres, der unter Rückgriff auf jenes Gesetz
No55-385 verhängt worden war, das seinerseits erstmalig in der IV. Republik von der
Regierung Edgar Faure im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg zur Anwendung ge-
kommen war, folgender Hinweis:

„Exhuming a 1955 law sends to the youth of the suburbs a message of astonishing brutality:
that after 50 years France intends to treat them exactly as it did their grandparents.“27

Nimmt man diese sich über recht genau fünfzig Jahre erstreckende historische Analogie
der Ereignisse in Algerien zu jenen in den Vororten der französischen Städte an, wie sie
Le Monde hier insinuiert, dann mündet diese Annahme in einen aus demokratisch-
republikanischer Perspektive beunruhigenden Befund. Wenn das politische Wunder
(Carl Schmitt) des Ausnahmezustandes der Konstruktion eines Feindbildes, eines Au-
ßen bedarf, dann wäre die politische Praxis der IV. und V. Republik hierfür insofern ein
empirischer Beleg, als mit den Kolonien beziehungsweise mit den aus den Kolonien
stammenden Migranten in der französischen Gesellschaft ein strukturelles Äußeres ge-
geben ist, das die Implementierung von Normsuspendierungen durch die Exekutive of-
fensichtlich begleitet oder gar erleichtert. Dass die Jugendlichen, die im Rahmen der
Vorortunruhen verhaften wurden, zwar mehrheitlich algerischer, marokkanischer oder
tunesischer Abstammung sind, jedoch ebenso mehrheitlich über einen französischen
Pass verfügen und also französische Staatsbürger sind, verkompliziert die Diagnose da-
hingehend, dass die hier offenkundig greifenden Mechanismen der Ausgrenzung so sub-
tiler Natur sind, dass sie offensichtliche Rechtstatbestände – wie eben das Vorliegen der
französischen Staatsbürgerschaft – zu überdecken beziehungsweise zu ignorieren ver-
mögen.28
Im Rahmen der Analyse der politischen Begründungen von Praktiken der Normsuspen-
dierung wird es angesichts dieser Ausgangslage also immer auch darum gehen müssen
zu reflektieren, inwieweit sich die französische politische Elite, wenn sie die Kompe-
tenzen der Exekutive durch das Instrument eines État d’urgence erweitern will, diese
strukturelle Desintegration zu Nutze macht.

27 Le Monde, zit. nach Aoláin/Gross 2006, S. 201.


28 Erhärtet wird dieser Befund noch durch den Umstand, dass im Zusammenhang mit den Studieren-
denprotesten des Jahres 1968 – die eben nicht von den Angehörigen einer wie auch immer gearteten
Minderheit ausgingen – auf die Verhängung eines État d’urgence verzichtet worden ist, obschon die
Gewalttätigkeit im Rahmen dieser Proteste verglichen mit den Vorortunruhen aus 2005 einen sol-
chen Schritt durchaus gerechtfertigt hätte. Zudem besteht eine Analogie zum amerikanischen Fall
Korematsu vs. United States, in dessen Zusammenhang das Minderheitsurteil von Justice Black zu
der Einschätzung gekommen war, das Regierungshandeln beruhe auf rassistischen Motiven. Vgl.
hierzu ausführlich Lemke 2011, S. 375ff.

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Algerien

Der Algerienkrieg (1954–62) hat wie kein anderes Ereignis nach 1945 die politische wie
auch die konstitutionelle Verfasstheit Frankreichs berührt, insofern er als Katalysator
den im Rahmen einer römischen Diktatur (Raymond Aron29) durch Charles de Gaulle
maßgeblich gestalteten Verfassungswechsel von der IV. zur V. Republik eklatant be-
schleunigt hat. Der Prozess der Unabhängigwerdung Algeriens – und in ähnlicher Aus-
richtung auch der vorangegangene Indochinakrieg von 1946-195430 – führt damit auf
bedrückende Art und Weise vor, wie mit der IV. Republik ein Rechtsstaat in Form einer
parlamentarischen Demokratie, der nicht zuletzt aufgrund einer manifesten Instabilität
in der Exekutive nicht mehr hinreichend zwischen Normalität und Ausnahme zu unter-
scheiden vermag, eben weil die Ausnahme eine Tendenz zur Usurpation der Normalität
entfaltet, scheitert.
Im Zeitfenster von 1954 bis 1962 überlagern sich also zwei Krisen. Zum einen die in-
nen- oder verfassungspolitische, die in der politischen Fragilität und Diskontinuität der
Exekutive wie auch der Legislative der IV. Republik gründet und die schließlich in der
von Charles de Gaulle initiierten Verfassung der V. Republik aufgeht; und zum anderen
jene außen- oder kolonialpolitische «crise extrêmement grave»31 über den Umgang mit
den Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens. Der Übergang von der IV. zur V. Repub-
lik – das von Raymond Aron mit Blick auf die Person Charles de Gaulle verwendete
Vokabular macht das deutlich – kann mit Recht als Verfassungserosion bezeichnet wer-
den. Für diese Ablösung einer Verfassungsordnung gilt es im Folgenden exemplarisch
aufzuzeigen, welche Begründungsmuster der Implementierung des Ausnahmezustandes,
zugrunde liegen. Der verfassungsrechtliche Übergang von der IV. in die V. Republik
tritt darüber in den Hintergrund und ist nur insofern von Belang, als die Krise in Algeri-
en die Ausformulierung der Bestimmungen über den Ausnahmezustand in der Verfas-
sung der V. Republik, Artikel 16, mit induziert hat.32
Die argumentative Plausibilisierung des Ausnahmezustandes und seiner Verhängung
durch Charles de Gaulle in der Zeit des Algerienkrieges rekurriert immer wieder auf die

29 Vgl. Aron 1959, S. 16f.: „Die von der Regierung des General de Gaulle innerhalb der sechsmonati-
gen römischen Diktatur durchgeführten Reformen sind zu zahlreich und zu komplex, um sie auf ei-
nigen wenigen Seiten zusammenfassen zu können.“ An anderer Stelle bezeichnet Aron de Gaulle in
ähnlicher, wohl an die Begrifflichkeit bei Rousseau angelehnter Diktion als „dictateur-législateur“.
Vgl. Aron 1959, S. 169.
30 Vgl. Aron 1959, S. 131f.: „In historischer Perspektive erscheinen die zwölf Jahre der IV. Republik
von diesen zwei Konflikten beherrscht, die man koloniale nennen könnte, aber die, durch ihre Trag-
weite, für Frankreich zu nationalen Konflikten geworden sind.“
31 De Gaulle 1958.
32 In diesem Zusammenhang ist grundsätzlich interessant Blanchard 2006, der außerordentliche Poli-
zeimaßnahmen in den Blick nimmt, und – mit für die Geschichte des Konflikts und seiner (schuli-
schen) Aufbereitung – Kohser-Spohn/Renken 2006.

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Herstellung einer Situation der Äußerlichkeit, die sich vor dem Hintergrund der Ausei-
nandersetzungen in Algerien relativ einfach herstellen ließ. Während die Anhänger des
Präsidenten und seiner Politik auf der einen Seite standen, bildeten die Gegner de Gaul-
les und also die Befürworter des Verbleibs Algeriens bei Frankreich die andere Seite.
Durch die solcherart über Jahre wiederholte Erzählung der kriegerischen Unruhe sowie
einer bis hin zur Spaltung entlang der Algerienfrage reichenden inneren Instabilität
Frankreichs – die im Zusammenhang mit dem sogenannten Putsch der Generäle vom
21.–26.4.1961 an einen Höhepunkt gekommen war – war eine politische Atmosphäre
geschaffen, die am 22.4.1961 in die Verhängung des Ausnahmezustandes nach Artikel
16 mündete. In seiner Rede am 23.4.1961 lieferte Charles de Gaulle eine knappe Be-
gründung der Expansion der Exekutivkompetenzen, die immer wieder auf die oben be-
schriebene Gegnerschaft Bezug nimmt:

„Denn die immense Anstrengung der Wiederaufrichtung Frankreichs, angefangen vom Bo-
den des Abgrundes, dem 18. Juni 1940, dann weitergeführt bis, trotz allem, der Sieg errun-
gen, die Unabhängigkeit gesichert, die Republik wiederhergestellt war; seit drei Jahren
wieder aufgenommen, um den Staat zu erneuern, die nationale Einheit zu erhalten, unsere
Macht und unseren Rang nach außen wieder herzustellen, unser Werk in Übersee hin zu ei-
ner notwendigen Dekolonisierung weiter zu verfolgen, all das droht sich, selbst am Vortag
des Erfolges, wegen des schändlichen und dummen Abenteuers der Aufständischen in Al-
gerien als vergeblich zu erweisen.“33

Auf der einen Seite des Konflikts steht de Gaulle als einzig legitime Verkörperung der
nationalen Integrität des freien Frankreichs, des Frankreichs nach Vichy, der Staatsrai-
son sowie der französischen Würde nach innen wie nach außen; auf der anderen Seite
stehen vier schändliche und dumme „Generäle in Rente“, die mit ihrem Beharren auf
dem kolonialen Anspruch Frankreichs an Algerien die V. Republik in ein „nationales
Desaster“34 zu führen versuchen. Und auch wenn der Putsch der Generäle letztlich er-
folglos gewesen ist – er hat doch den Algerienkrieg auf das französische Festland getra-
gen und zu einer weiteren Eskalation der von den Befürwortern wie Gegnern der algeri-
schen Unabhängigkeit vorgetragenen Maßnahmen geführt.
Eine der unmittelbaren Folgewirkungen noch im Jahr 1961 war die Zunahme von At-
tentaten durch die Front de Libération Nationale (FLN), die im Rahmen ihres Unab-
hängigkeitskampfes zunehmend französische Polizisten und Gendarmen in Frankreich
zu überfallen und zu töten begonnen hatte. Als Reaktion auf dieses Vorgehen verhängte
Maurice Papon,35 damals Präfekt der Pariser Polizei, für die Stadt Paris eine Ausgangs-
sperre für Franzosen algerischer Herkunft, die ihrerseits im Verdacht standen, mit der
FLN zu kooperieren. Mit der seit dem Putsch der Generäle gestiegenen Verunsicherung

33 De Gaulle 1961.
34 De Gaulle.
35 Papon war während des Vichy-Regimes Nazi-Kollaborateur und wurde später wegen Kriegsverbre-
chen zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt.

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auf Seiten der sich selbst als Inkarnation der Staatsraison begreifenden Exekutive und
der allgemeinen Konfusion ging eine Aussonderung eines Teils der Pariser Bevölkerung
einher. Diese aus politischer Unsicherheit geborene Segregation kulminierte im Massa-
ker von Paris am 17.10.1961. Im Verlauf einer von der FLN organisierten Demonstrati-
on für die Unabhängigkeit Algeriens36 mit insgesamt zwischen 28.000 und 50.000 Teil-
nehmern wurden – je nach Zählung – zwischen 2 (offizielle Angabe der Pariser Polizei
am 18.10.1961) bis hin zu 384 (Schätzung Jean-Luc Einaudi37) Menschen unter ande-
rem durch die Pariser Polizei getötet. Zudem internierte die Polizei – teilweise über
mehrere Tage – circa 6.000 bis 9.000 Personen in Sportstadien oder Konzerthallen, et-
was im Palais de Sports oder im Stade Pierre de Coubertain.
Die Ereignisse rund um das Massaker von Paris sind hier deswegen so relevant, weil sie
– ganz gleich, welche Zahlen nun näher an der Realität sind – eine Brutalität im Vorge-
hen der Polizei gegenüber einem Teil der Bevölkerung offenbaren, die durch die im
Rahmen des Algerienkrieges latent wirksame Segregationserzählung noch befördert
wurden. Mit anderen Worten: Die sich in Folge der Regierungspolitik zunehmend etab-
lierende Vorstellung der Unabhängigkeit Algeriens führt zu einem de facto Ausschluss
der algerischstämmigen Franzosen aus dem französischen Souverän. Algerier – auch
wenn sie de jure französische Staatsbürger sind – werden somit zu einem außenstehen-
den, zudem zu einem als feindlich konnotierten Akteur, der eine Behandlung durch die
Staatsorgane erfährt, die an Maßnahmen im Rahmen einer kriegerischen Auseinander-
setzung erinnern.

Neukaledonien

Ähnlich wie im Zusammenhang mit Algerien beinhaltet auch der Neukaledonien-


konflikt den Prozess der Segregation einer Kolonie von ihrem Mutterland. In der von
Jean-Yves Faberon und Guy Agniel herausgegebenen rechtswissenschaftlichen Analyse
des verfassungsrechtlichen Status von Neukaledonien38 nach der Verhängung des Aus-
nahmezustandes zwischen 1985 findet sich der Ausdruck einer „souveraineté parta-
gée“.39 Wenn hier von geteilter Souveränität die Rede ist, dann verweist diese Begriff-
lichkeit auf das Ergebnis des Konflikts über die politische Selbstbestimmung der – je
nach Perspektive – ehemaligen Kolonie. Wegen des vormaligen Status’ Neukaledoniens
als Territoire d’outre-mer – heute ist die Inselgruppe nach Artikel 76 und 77 der franzö-

36 Für den Ablauf der Ereignisse vgl. die Studie von House/MacMaster 2008.
37 Vgl. Einaudi 1991.
38 Aktuelle Informationen zur politischen und wirtschaftlichen Situation Neukaledoniens liefert der
Country Report New Caledonia, der von der Economist Intelligence Unit herausgegeben wird.
39 Vgl. Faberon/Agniel 2000.

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sischen Verfassung eine Collectivité sui generis40 – steht die geteilte Souveränität als
Ausdruck für einen massiven Eingriff in das französische Selbstverständnis als einheit-
liche Nation.
Wie im vorangegangenen Algerienkrieg und wie später im Rahmen der Vorstadtunru-
hen steht auch die Anwendung des Ausnahmezustandes in Neukaledonien im Zusam-
menhang mit der Schaffung einer Situation der Äußerlichkeit, die ihrerseits auf der Bin-
nendifferenzierung des französischen Souveräns beruht. Dabei ist die für die Binnendif-
ferenzierung ursächliche Gruppe – die Front de libération nationale kanak et socialiste
(FLNKS) – ähnlich eindeutig identifizierbar, wie im Algerienkrieg die FLN. Deren
Boykott der örtlichen Wahlen bildete 1984 den ersten von zahlreichen weiteren Schrit-
ten im von der FLNKS geführten Kampf um die politische Unabhängigkeit Neukaledo-
niens. Innerhalb weniger Monate spitzte sich dieser Kampf bis zu einem drohenden
Bürgerkrieg zu, auf den die französische Regierung am 12.1.1985 mit der Verhängung
eines Ausnahmezustandes sowie einer Ausgangssperre für die Dauer von sechs Mona-
ten reagierte.
Im Hintergrund – das machen Plenardebatten in der Assemblée Nationale deutlich –
verlief bereits seit mehreren Jahren die eigentliche Konfliktlinie zwischen der Durchset-
zung der nationalen Interessen Frankreichs im Pazifikraum und dem Zugeständnis der
souveränen Selbstbestimmung an die indigenen Bevölkerungen der kolonialen Besit-
zungen – im Falle Neukaledoniens der Kanaken. Der Abgeordnete Roch Pidjot vertritt
dabei die Position des Rechts auf kanakische Selbstbestimmung:

„Die Legitimität des kanakischen Volkes, sein qua Geburt erworbenes und aktives Recht
auf Unabhängigkeit werden von dem heute in dritter Lesung vorgelegten Text verhöhnt.
Tatsächlich bleibt das kanakische Volk, als Ureinwohner, fremd in seinem eigenen Land,
denn der Kolonialherr verfügt durch dieses Statut über alle Rechte auf die Selbstbestim-
mung und Unabhängigkeit des kolonisierten Volkes.
Die einzige Sorge Frankreichs besteht darin, sich im Pazifikraum zu halten. Dazu bevorzugt
es die Interessen von Europäern und anderen Emigranten. Es verhöhnt damit seine eigenen
Ankündigungen von vor 1981, die von der sozialistischen Partei, der kommunistischen Par-
tei und der Erklärung von Nainville-les-Roches hinsichtlich des qua Geburt erworbenen
und aktiven Rechts des kanakischen Volkes auf Unabhängigkeit gemacht wurden. [...].
Darüber hinaus bleibt Frankreich bis in seine Denkstruktur hinein Kolonialmacht. Und ich
schäme mich für euch wegen dieser Verachtung, wegen dieser Herabwürdigung, die ihr
ständig unter Beweis stellt, wenn ihr von meinem Volk sprecht.“41

Die Herstellung einer Situation der Äußerlichkeit, wie sie insbesondere im letzten Satz
anklingt, erscheint hier – auch wenn sie unterschiedlich bewertet werden mag – jedoch
in der Sache in keiner Weise als kontrovers, sie ist über den Begriff der indigenen Be-
völkerung bereits etabliert. Demgegenüber vertritt der Abgeordnete Jacques Toubon als

40 Dementsprechend ist zwischen 2014 und 2019 ein Plebiszit darüber abzuhalten, ob Neukaledonien
komplett in die Unabhängigkeit entlassen werden soll.
41 Journal officiel de la République française 1984, S. 4229.

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Mitglied der Opposition (RPR) die paternalistisch eingefasste Notwenigkeit der Wah-
rung der nationalen Integrität, der Wahrung der Einheit der Republik und ihrer ‚Kinder’:

„Den Text, der von der Nationalversammlung angenommen werden wird, empfinden wir
durchweg und in vielerlei Hinsicht als beunruhigend [...], aber ich will hoffen, dass die Art
wie die Zentralregierung die Forderungen der einen wie der anderen, egal welcher Rasse
oder welcher politischen Überzeugung sie angehören, aus welcher wirtschaftlichen, sozia-
len oder kulturellen Situation innerhalb des Landes sie stammen, auf demokratische Weise
aufgenommen hat, diejenigen, die in den letzten Tagen extreme Positionen eingenommen
haben, dazu bewegen wird, wieder vernünftig zu werden und in Betracht zu ziehen [...],
dass es für Neukaledonien und für seine Bewohner außerhalb Frankreichs, außerhalb der
Französischen Republik keine Zukunft geben wird.“42

Anhand dieser beiden Debattenbeiträge wird deutlich, dass die politische Zukunft Neu-
kaledoniens noch Mitte 1984 völlig umstritten war – das Bemühen Frankreichs um die
Wahrung seiner Kontrolle des Dekolonisierungsprozesses indes war es nicht. Insofern
besteht das Spezifikum der Situation in Neukaledonien darin, dass mit der Unabhängig-
keitsbewegung der FLNKS ein Akteur die politische Bühne betreten hat, der mit seinen
politischen Aktivitäten einen zunehmenden Kontrollverlust der Zentralregierung über
Neukaledonien herbeigeführt hat. Der eigentliche Kern des Konflikts besteht damit
nicht in der Frage der Modalitäten des Unabhängigkeitsprozesses oder der Zuerkennung
von Rechten gegenüber indigenen Bevölkerungsgruppen, sondern ausschließlich in der
Infragestellung der Durchsetzung souveräner, nationaler Interessen Frankreichs. Der
äußere Feind – die FLNKS – wird, weil sie die nationale französische Durchsetzungsfä-
higkeit zu unterminieren droht, mit einer Ausweitung der Exekutivbefugnisse der Ver-
treter der Pariser Zentralregierung in dem von ihr beanspruchten Gebiet konfrontiert.
Weit ab vom französischen Festland erscheint der Ausnahmezustand hier als ein prag-
matisches Kontroll- und Machtinstrument französischer Außenpolitik, das sich – so
steht zu vermuten – auch deswegen so unbedenklich anwenden lässt, weil es gegen ei-
nen äußeren Feind um die Aufrechterhaltung souveräner nationaler Interessen geht.

Banlieue Parisienne

Die Anwendung des Ausnahmezustandes im Zusammenhang mit den Unruhen in den


französischen Vorstädten 2005/06 war zunächst insofern signifikant anders als die bei-
den vorgenannten Fälle, die in der Hauptsache immer auf ein territoriales Äußeres des
französischen Festlandes bezogen blieben, als die mit seiner Ausrufung verbundenen
Maßnahmen rein territorial betrachtet den französischen Staat unmittelbar betrafen. Der
Ausnahmezustand und Frankreich, so könnte man zugespitzt formulieren, kamen einan-
der näher.

42 Journal officiel de la République française 1984, 4230.

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Anlässlich der Ausschreitungen in den Pariser Vororten zwischen dem 8.11.2005 und
dem 4.1.2006, die sich in Folge des Todes zweier Jugendlicher am 25.10.2005 während
deren Flucht vor der Police Nationale43 entzündeten, rief die französische Regierung
den Ausnahmezustand in La France métropolitaine aus.44 Auch wenn das Instrumenta-
rium der Ausweitung der Exekutivbefugnisse explizit auch für den innenpolitischen Be-
reich gedacht war, so erscheint seine Anwendung im französischen Kernland keines-
wegs als ein wie selbstverständlich wählbares Instrumentarium im Arsenal der Exekuti-
ve. Allerdings vermag eine zunehmende Ausweitung der als akzeptabel betrachteten
Anlässe für die Verhängung von Ausnahmezuständen enthemmt wirken, der Expansion
von Exekutivkompetenzen und mit ihr die Beschneidung von habeas-corpus-Rechten
für bestimmte Zielgruppen wird hoffähig. Für eine solche Einschätzung sprechen zwei-
erlei Gründe, einmal ein wahltaktischer, und zudem ein historisch-genealogischer. Be-
trachtet man die Entscheidung zur Suspendierung von habeas-corpus-Rechten, die lokal
und damit implizit stark auf bestimmte Personengruppen (männliche Jugendliche mit
Migrationshintergrund) zugeschnitten war, aus einem wahltaktischen Kalkül heraus,
dann entsteht eine win-win-Situation. Zunächst werden die Einwohner der betroffenen
Pariser Vororte ohnehin nicht zum Wählerreservoir der Regierung zählen, die die fragli-
che Entscheidung umgesetzt hat, wenn sie denn überhaupt noch zur Wahl gehen. So
kann davon ausgegangen werden, dass der mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes
einhergehende Imageschaden im Sinne einer Negativauslese der Politik weitgehend fol-
genlos an der Exekutive vorüberzieht. Und nicht nur, dass sie in einer Wahl keine
Stimmen verlieren wird, sie wird im Gegenteil bei ihrer eigenen Wählerklientel punk-
ten, die in der Zielgruppe der Ausnahmezustandsregelung eine Projektionsfläche für tat-
sächliche oder vermeintliche Missstände ausgemacht hat. Insofern ist aus wahltaktischer
Sicht die Entscheidung zur Suspendierung von Grundrechten angesichts der Unruhen
nur folgerichtig. Eine solche, rein immanente, situative Erklärung würde aber die politi-
sche Dimension der Ausrufung des Ausnahmezustandes verkennen. Denn sie könnte
nahelegen, dass der Ausrufung des Ausnahmezustandes eine offene, keineswegs aber
eine tendenziell zwingende Entscheidungssituation vorausgegangen ist. Tatsächlich
reiht sich der Ausnahmezustand von 2005 in eine lange Reihe ähnlich gelagerter Ent-
scheidungen in der Geschichte der V. Republik ein. In diesem Zusammenhang sei noch
einmal an das bereits vorgestellte Zitat aus Le Monde erinnert:

„Exhuming a 1955 law sends to the youth of the suburbs a message of astonishing brutality:
that after 50 years France intends to treat them exactly as it did their grandparents.“45

43 Zur Entwicklung des Instruments der Polizei im Kontext souveräner Staatlichkeit und Regierung vgl.
Foucault 2004, S. 449ff.
44 Vgl. hierzu die Dekrete No2005-1386 (Ausrufung des Notstandes) und No 2005-1387 (Definition
derjenigen Gebiete und Großstädte, in denen der Notstand gilt).
45 Le Monde, zit. nach Aoláin/Gross 2006, S. 201.

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Worauf Le Monde hier verweist, ist eine Reduktion der möglichen Differenz in politi-
schen Entscheidungsprozessen. Statt einer situativen Offenheit im Rahmen der instituti-
onellen Ordnung spielen offensichtlich historisch ererbte Muster der Zuschreibung von
Äußerlichkeit für die tagespolitische Entscheidungsfindung eine Rolle. Dies führt de
facto zu einer verminderten Rechtsgeltung für Personengruppen, deren tatsächlicher
Grad an Integration in die politische wie soziale Kultur Frankreichs als relativ unter-
durchschnittlich vermutet wird. Somit entsteht eine politische Pfadabhängigkeit zuguns-
ten einer Bereitschaft zur Exklusion von als außen stehend oder als abseitig wahrge-
nommenen de jure Staatsbürgern, die auch für künftige Situationen die potenziellen
Entscheidungsspielräume der Politik weiter verengen dürfte.
Das qualitativ Neue an der Situation des Jahres 2005 besteht also einerseits in der Ver-
mengung des Instruments des Ausnahmezustandes mit dem wahltaktischen Kalkül, wo-
durch dem Souverän jenseits der Banlieue eine Ausschließung des Souveräns in der
Banlieue angeboten wird. Dieses Angebot funktioniert, weil der Souverän – auch hierin
liegt übrigens eine Parallele zum U.S.-amerikanischen Fall Korematsu vs. United States
von 194446 – binnendifferenziert und die Teile dann gegeneinander ausgespielt werden
können. Die Adressaten der Politik des harten Durchgreifens können als Wähler ge-
wonnen werden, die Adressaten des harten Durchgreifens selbst waren nie Teil dieser
Kalkulationen. Darüber hinaus greifen klassische Reaktionsmuster, die auch in anderen
Dekolonisierungskonflikten aus Sicht der Exekutive bereits funktioniert haben. Anstatt
ein ernsthaftes Integrationsangebot zu formulieren, werden Repressionsmaßnahmen ge-
gen Gruppen von Personen durchgesetzt, die von der Exekutive offenkundig nicht als
Bürger – und dementsprechend nicht als schutzwürdige Mitglieder der politischen Ge-
meinschaft der Republik – betrachtet werden können. Sie können deswegen nicht als
solche betrachtet werden, weil die politische Kultur der V. Republik seit ihrem Beste-
hen auf der Wahrnehmung eines politischen wie rechtlichen Gefälles zwischen sich
selbst und seinen (ehemaligen) Kolonien gründet. Eine solche Asymmetrie in der
Wahrnehmung setzt sich dann auch in der Sprache der Amtsträger der Republik fort,
was sich anhand der entsprechenden Äußerungen von Nikolas Sarkozy – damals noch
französischer Innenminister – belegen lässt. Sarkozy, der spätere Amtsnachfolger von
Jacques Chirac als französischer Staatspräsident, profitierte unter anderem auch deswe-
gen so massiv von der Situation, weil er die latent bestehenden Konfliktlinien zwischen
Mutterland und ehemaligen Kolonien so zugespitzt formuliert hat. Im Rahmen eines
Besuches in La Courneuve (Département Seine Saint-Denis, nördliche Banlieue Pari-
sienne) – schon vor dem Ausbruch der eigentlichen Unruhen des Jahres 2005 – kündigte
Sarkozy am 29. Juni 2005 gegenüber Einwohnern und im Beisein mehrerer Fernseh-

46 Vgl. hierzu auch ausführlicher Lemke 2013 (i.E.).

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teams an, die Staatsmacht werde das Problem des zunehmenden Vandalismus und der
Gewaltkriminalität mit dem „Hochdruckreiniger“ beseitigen:

„Der Begriff ‚kärchern’ ist der Begriff, der sich hier aufdrängt, weil das gesäubert werden
muss.“47

Fortan konnte sich Sarkozy eines Images als Law-and-Order-Mann sicher sein, der eine
Politik der Tolérance Zéro betrieb. Subjekt – hier im Wortsinne – seiner Tolérance Zéro
waren jene, meist aus Nordafrika stammenden, vielfach von Armut, Arbeits- und Per-
spektivlosigkeit sowie von Ausgrenzung betroffenen jungen Männer, denen, obschon
sie französische Staatsbürger sind, nur sehr schwer ein Zugang zum Leben in Frank-
reich jenseits der Banlieue offen stehen würde. Für Sarkozy waren sie jene „racaille“,
jenes Gesindel, jener Abschaum, den er mit dem Hochdruckreiniger zu beseitigen ge-
dachte.
Noch deutlich verquerer – und in Teilen auch subtiler – wird die Begründungslage,
wenn man die Regierungserklärung von Premierminister Dominique de Villepin vom
8.11.2005 heranzieht,48 in der dieser die Verhängung des Ausnahmezustandes vor der
Assemblée Nationale gerechtfertigt hat. In seiner Argumentation verknüpft de Villepin
zwei Ebenen – einmal das Bemühen der Regierung um die Wiederherstellung der öf-
fentlichen Ordnung und zum anderen das damit einhergehende Gleichheitsgebot aller
Franzosen als Staatsbürger („l’exigence républicaine“49). Diese argumentative Strategie
ist insoweit bemerkenswert, als dass sie gezielt verschleiert, was de facto den Kern der
hegemonialen Krisenerzählung ausmacht. Während Dominique de Villepin in seinem
Teil der Regierungserklärung relativ neutral von „organisierter Kriminalität“ spricht,
von der im Rahmen eines „Kampfes“ „Unordnung“, „Gewalt“, „Tristesse“ und eine
weit verbreitete „Unsicherheit“ in „zerstörten Stadtvierteln“50 ausgeht, formuliert er –
auch hierin wenig kontrovers – das Ziel seiner Politik. Ihm geht es, weil „Sicherheit
über alles geht“51 darum, die „Ruhe und den zivilen Frieden wieder herzustellen“. 52 In-
teressant ist hier das Adjektiv zivil, das einerseits als nicht-kriegsbezogen, andererseits
aber auch im Sinne von zivilisiert verstanden werden kann.
Welche Variante der Begriffsbedeutung gemeint sein könnte, wird dann im Fortgang
der Debatte im Rahmen des Auftritts von Nicolas Sarkozy deutlich, der in seiner Funk-
tion als Innenminister im Rahmen der gleichen Sitzung der Assemblée Nationale vor
den Abgeordneten Stellung nimmt. Bei Sarkozy verliert sich – im Unterschied zu den

47 France 2, 29.6.2005.
48 Vgl. Journal officiel de la République française 2005.
49 Journal officiel de la République française 2005, S. 6483.
50 Journal officiel de la République française 2005, S. 6478, 6483.
51 Journal officiel de la République française 2005, S. 6478.
52 Journal officiel de la République française 2005, S. 6479.

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Ausführungen de Villepins – die Neutralität bei der Bezeichnung des für die Unruhen
und damit für die Verhängung des Ausnahmezustandes ursächlichen Akteurs. Anstelle
von organisierter Kriminalität spricht Sarkozy von einem vielseitigen Frankreich, von
„la France multiple“,53 was bei ihm jedoch die interessante Doppeldeutigkeit des bin-
nendifferenzierten Souveräns wieder eröffnet. Damit ist jene Ausschließung sprachlich
erneut eingeführt, die de Villepin so vehement versucht hatte auszublenden. Und ent-
sprechend drastisch fallen die Bezeichnungen Sarkozys aus, wenn es um die Benennung
der Vorstadtbewohner als Verursacher der Unruhen geht: hier handele es sich um „Ban-
den“, um „Aufständische“54 im Sinne nicht zivilisierter Horden.55
Dass eine solche Bezeichnung der Beteiligten, der vermeintlich kollektiv ursächlichen
Gruppen von Jugendlichen maghrebinischer Herkunft in ganzen Stadtteilen, den Aus-
nahmezustand von 2005 und 2006 in der Banlieue Parisienne und darüber hinaus in den
Kontext der Dekolonisierungskonflikte der V. Republik rückt, ist evident. Allzumal es
sich dabei nicht etwa um eine ex post konstruierte Bedeutungszuschreibung handelt,
sondern um eine Feststellung aus der Debatte selbst heraus. So hatte der Abgeordnete
François Asensi (PCF) in seinem Redebeitrag in Reaktion schon auf Dominique de
Villepin festgestellt:

„Ihre Regierung erneuert nach fünfzig Jahren eine der dunkelsten Seiten in der Geschichte
unseres Landes: die eines Kolonialkrieges.“56

Das von Sarkozy explizit so bezeichnete Gesindel jedenfalls wurde, in der Zeit vom
8.11.2005 bis zum 4.1.2006, derjenige, sozusagen subjektivierte Ort,57 an dem die Ex-
pansion der Exekutivmacht als nachgelagerter Kolonialisierungskonflikt vollzogen wer-
den konnte. Was bleibt, ist offizielle Statistik, doch wie so oft sind Zahlen wenig aussa-
gefähig, wenn es um politische oder soziale Phänomene geht. Was etwa bedeuten die im
Zuge der Verhängung des Ausnahmezustandes durchgeführten mehr als 2.800 vorläufi-
ge Festnahmen in den betroffenen städtischen Gebieten? Belegen sie den ‚Erfolg‘ dieser
Praxis?

53 Journal officiel de la République française 2005, S. 6494.


54 Journal officiel de la République française 2005, S. 6492.
55 Vgl. hierzu Journal officiel de la République française 2005: „Der Innenminister (i.e. Nikolas Sar-
kozy, ML): Anstelle des Begriffs der ‚Asozialität’ bevorzuge ich den des Aufruhrs, der Aufrührer
und der Randalierer.“
56 Journal officiel de la République française 2005, S. 6488; Asensi führt weiter aus: „Es ist also der
Liberalismus, auf den wir heute mit dem Finger zeigen, und nicht unser Gesellschaftsmodell. Wenn
das letztere nicht funktioniert, dann liegt das an einer Politik, die einen alle Formen von Solidarität
zerstörenden Liberalismus propagiert oder begleitet hat. Diese Politik hat unsere Republik und ihre
Werte ihres Sinns beraubt.“
57 Zu den kulturellen Mechanismen der Ausgrenzung, zu denen auch die (meist unfreiwillige, gleich-
wohl aber stigmatisierende) Wahl des Wohnortes gehört, vgl. paradigmatisch Bourdieu 1979.

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Erosion der Republik

Wohl kaum. Für Sarkozy war die Befürwortung und die damit einhergehende Enthem-
mung der Normsuspendierung im Kontext seiner Politik der Tolérance Zéro ein Bau-
stein für die bei der Präsidentschaftswahl 2007 letztlich erfolgreiche Integration des La-
gers der rechten Mitte. Doch könnte – mit Blick auf die eingangs zitierten Äußerungen
von Raymond Aron und Charles de Gaulle – dieser Erfolg teuer erkauft worden sein.
Denn die Selbstverteidigung der Republik unter Rückgriff auf den Ausnahmezustand
hat, wie besonders anhand des Beispiels der Vorstadtunruhen von 2005/06 deutlich ge-
worden ist, insofern einen immensen Schaden angerichtet, als die Integration des Sou-
veräns und somit die der Französischen Republik selbst, zumindest brüchig geworden
ist.
Mit Blick auf die Frage nach den etwaigen Grenzen des Selbsterhalts und den dafür von
einer demokratisch verfassten Republik einsetzbaren Mitteln ergibt sich unter Berück-
sichtigung der hier vorgestellten Szenarien ein ernüchternder Befund. Denn das Bemü-
hen um die ständige Aufrechterhaltung der Rechtsgeltung im Rahmen der demokrati-
schen Republik ist – zumindest seit 1958 – keineswegs mit kontingenten Krisenszenari-
en konfrontiert gewesen, wie Charles de Gaulle das mit seinem Verweis auf Machiavel-
lis necessità nahegelegt hatte. Das beachtliche Arsenal von verfassungsrechtlichen Mit-
teln zur Ausweitung von Exekutivkompetenzen ist immer wieder im Zusammenhang
mit Dekolonisierungsprozessen angewendet worden, was dem postulierten Bedarf einer
breiten Handlungskompetenz der Exekutive insoweit widerspricht, als dass die tatsäch-
lichen Anwendungen einer radikalen Ursachenverengung unterliegen.
Diese politisch gewollte Kontingenzreduktion funktioniert über den Mechanismus der
argumentativen Herstellung einer Situation der Äußerlichkeit.58 Diese Position des Au-
ßen wird dann zusätzlich als Bedrohung beschrieben, auf die die Exekutive aus Gründen
der Staatsraison zu reagieren hat. Die eigentliche demokratisch-republikanische Spreng-
kraft dieses Prozesses besteht darin, dass die als Bedrohung beschriebene Äußerlichkeit,
auf die dann in der Folge Maßnahmen des Ausnahmezustandes angewendet werden, auf
einer Binnendifferenzierung des französischen Souveräns gründen. Alle Anwendungs-
beispiele des Ausnahmezustandes am Rande der Republik unterminieren damit eine
zentralen Wert des republikanischen Denkens überhaupt – nämlich die Gleichheit aller
Bürger vor dem Gesetz.
Angesichts dieses Befundes greifen sowohl die Diagnose von Cindy Skatch als auch die
von Raymond Aron zu kurz: Zwar verfügt Frankreich in der V. Republik unbestreitbar
über ein weit ausgreifendes Instrumentarium an Ausnahmekompetenzen zugunsten der
Exekutive. Wegen seiner beständigen Anwendung in Dekolonisierungskonflikten geht

58 Vgl. hierzu auch Lemke 2013 i.E.

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die Wirkung dieses Arsenals qualitativ jedoch über den von Aron befürchteten legali-
sierten Staatsstreich hinaus. Die gegenwärtige Praxis des État d’urgence in Frankreich,
so ließe sich resümieren, dient nicht der Rettung der demokratisch verfassten Republik
– auf lange Sicht führt sie deren politische Kultur an den Rand ihrer Existenz und viel-
leicht auch darüber hinaus.

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Ausnahmezustand, organisierte Kriminalität und sozialer Wandel

Beobachtungen zum Drogenkrieg in Mexiko

Jochen Kleinschmidt

1. Der Krieg gegen die Drogen und der Begriff des Ausnahmezustands

Der Begriff des Ausnahmezustands in seinen von Giorgio Agamben und Carl Schmitt
geprägten Bedeutungen ist mittlerweile ein in sozialwissenschaftlichen Forschungen
recht gängiges Interpretament. Neben dem ,Krieg gegen den Terror‘ oder dem polizei-
lich-paramilitärischen Umgang mit illegaler Einwanderung wird auch der sog. ,Krieg
gegen die Drogen‘, der als Bündel innen-, außen- und sicherheitspolitischer Maßnah-
men 1971 vom amerikanischen Präsidenten Richard M. Nixon ausgerufen wurde und
trotz semantischer Modifikationen prinzipiell bis heute in verschiedenen Formen an-
dauert, häufig als Phänomen eines Ausnahmezustands gefasst.1 Typischerweise wird
dabei der Ausnahmecharakter dieser Maßnahmen so verstanden, dass der Rückgriff auf
den Kampf gegen den Handel mit illegalen Narkotika Verstöße gegen die Norm der
territorialen Integrität solcher Staaten legitimieren könne, in denen die Akteure des
transnationalen Drogenhandels bedeutende physische und soziale Infrastrukturen unter-
halten. Die Bekämpfung des Drogenhandels sei also zu betrachten als eine imperiale
Herrschaftstechnik, die eine Vielzahl von Eingriffen in die politische Autonomie von
Staaten des globalen Südens durch die des Nordens, gemeint sind hier meist die USA,
ermögliche. Eine solche imperiale Logik wird auch oft bei den aktuellen Ereignissen in
Mexiko im Kontext der historisch stark asymmetrischen Beziehungen zwischen den
USA und Mexiko unterstellt.2
These dieses Beitrags ist es, dass eine solche Verwendung des Konzepts des Ausnahme-
zustands allenfalls einen unterkomplexen Blick auf die vielschichtigen Konfliktphäno-
mene im heutigen Mexiko bietet. Ein angemessenes Verständnis für diese kann nicht
aus einer stark verallgemeinernden Imperialismuskritik, sondern nur durch einen
historisch informierten Blick auf die Kontextualisierung des Drogenhandels in den sich
wandelnden politischen und sozialen Strukturen Mexikos gewonnen werden. Damit
wird im Anschluss eine differenziertere Einschätzung der Begrifflichkeit des Aus-

1 Hudson 2011, S. 127.


2 Eine repräsentative Fassung dieser Interpretation findet sich etwa bei Kienscherf 2012, S. 21f. Dabei
werden aber auch die Grenzen dieses einfachen, imperialen Modells des Drogenkriegs deutlich,
wenn etwa die Unterstützung der kolumbianischen Sicherheitskräfte im Rahmen des Plan Colombia
als konstitutiv für einen Ausnahmezustand im Rahmen der Drogenbekämpfung beschrieben werden;
vgl. hierzu Weiss 2012.
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nahmezustands im Bezug auf diese Phänomene ermöglicht. Als vorläufiges Ergebnis ist
festzuhalten, dass Ausnahmezustände als vorübergehende oder permanente Suspension
bestehender rechtlicher und politischer Normen sehr viel mehr auf die innerstaatliche
mexikanische Ordnung zu beziehen sind als auf das bilaterale Verhältnis zwischen
Mexiko und den USA – auch wenn ihre Ausprägungen in vielfacher Hinsicht durch
letzteres konditioniert werden.
Die Verwendung der Begrifflichkeit im Kontext des Drogenhandels bezieht sich allge-
mein auf dessen häufige Verbindung mit verschiedenartigen Gewaltakteuren – von be-
waffneten Straßengangs und Beschaffungskriminalität im Bereich der Endkonsumenten
bis hin zur Kontrolle der Drogenproduktion durch Insurgenten oder parastaatliche
Akteure und zu internationalen militärischen Interventionen gegen diese. Wenn so in
bestimmten Gebieten die staatliche und internationale Rechtsordnung bis hin zu deren
struktureller Irrelevanz unterlaufen wird, wäre eine Bezeichnung als Ausnahmezustand
zunächst sehr plausibel. Dies ist ein weithin bekanntes und vielfach untersuchtes
Phänomen – man denke etwa an die politische und mediale Aufmerksamkeit, die hier-
zulande die partielle Finanzierung der afghanischen Taliban durch den Opiumhandel
erfährt.3 Überraschenderweise jedoch scheinen die gewalttätigen Prozesse, die meist
unter Bezeichnungen wie ‚Drogenkrieg in Mexiko‘ beziehungsweise auf Englisch
‚Mexican drug war‘ zusammengefasst werden,4 relativ wenig sozialwissenschaftliche
Aufmerksamkeit im Sinne theoriegeleiteter Forschung zu erfahren. Dies verwundert ob
ihrer beträchtlichen Ausmaße – mit weit über 60.000 Todesopfern seit 2006 und einem
vermutlich auch gegenwärtig allenfalls stagnierenden Niveau stellt die Gewalt in
Mexiko einen der größeren nicht-internationalen bewaffneten Konflikte der Gegenwart
dar, in den verwendeten Gewaltformen ähnelt sie durchaus den Insurgenzen in Syrien
oder Afghanistan.5 Zudem ereignet er sich in einer der 15 größten Volkswirtschaften der
Welt, in einem OECD-Mitgliedsstaat sowie in direkter Nachbarschaft zur Supermacht
USA.
Diese weitgehende Nichtbeachtung steht in auffallendem Kontrast zu der großen Zahl
an Zeitschriftenaufsätzen und Monographien, die sich etwa dem im Vergleich doch
sowohl lokal sehr begrenzten als auch politisch wenig folgenreichen Konflikt zwischen
Zapatisten und staatlichen wie auch nichtstaatlichen Akteuren im mexikanischen Bun-
desstaat Chiapas widmen. Auch die dem Drogenkrieg zugesprochene außen- und
sicherheitspolitische Relevanz für die USA – das US Joint Forces Command sprach
einem potenziellen Kollaps des mexikanischen Staates die gleiche Relevanz wie dem

3 Vgl. z.B. Shelley/Picarelli 2005.


4 Auch wenn einige Gesichtspunkte gegen die simple Einordnung als „Krieg“ sprechen, übernehme
ich i.F. diese gängig gewordene Vokabel. Im Spanischen wird meistdie Sammelbezeichnung el
narco für alle mit dem Drogenhandel in Verbindung stehenden Phänomene verwandt.
5 Miroff/Booth 2012; vgl. auch Sánchez 2010; Pacheco 2009, S. 1021. Die meisten theoretisch
anspruchsvollen Arbeiten stammen von mexikanischen Autoren, z.B. Astorga 2003.
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denkbaren Zerfall Pakistans zu, und der damalige Direktor der CIA nannte Mexiko
neben der Auseinandersetzung um das iranische Nuklearprogramm als zentrale sicher-
heitspolitische Herausforderung der Regierung Barack Obamas – sowie eine enorme
(und oft hochgradig sensationalistische) Medienpräsenz haben offensichtlich nicht zu
verstärktem analytischem Interesse an den Gewaltphänomenen in Mexiko geführt. 6
Eine denkbare Ursache für diese geringe Beachtung könnte in der mittlerweile hoch-
gradigen Spezialisierung und der damit einhergehenden disziplinären Zersplitterung der
sozialwissenschaftlichen Gewaltforschung liegen: neben die klassische sicherheits-
politische Forschung mit ihrem Fokus auf staatliche Strategien in internationalen
Konfliktsituationen ist eine Terrorismusforschung getreten, die Terrorismus nicht nur
anhand seiner Gewaltformen, sondern vor allem auch über seine ideologisch-politische
Intention definiert – und die insbesondere nach dem 11. September 2001 einen mög-
licherweise zu eng gefassten Schwerpunkt auf spektakuläre Einzeloperationen sowie die
Verwendung von Massenvernichtungsmitteln setzt.7 Im deutschen Sprachraum beson-
ders ausgeprägt ist die normativ vorgehende Friedensforschung, die sich aber –
historisch bedingt durch ihre Institutionalisierung im Kontext des Ost-West-Konflikts
und später über ihre selbstdefinierte Rolle als kritische Gegendisziplin gegenüber der
sicherheitspolitischen Praxis der OECD-Staaten – auf internationale oder globale Groß-
konflikte sowie seit den 1990er Jahren auf humanitäre Interventionen, ‚state building‘
und andere aktuelle Probleme staatlicher Sicherheitspolitik konzentriert.8 Darüber
hinaus hat sich im Kontext der sogenannten „neuen Kriege“ eine umfangreiche For-
schung zu kriegerischen Auseinandersetzungen und Gewaltökonomien in völlig oder
nahezu staatsfreien Gebieten entwickelt, die sich insbesondere für die „Privatisierung
und Kommerzialisierung“ kriegerischer Gewalt in diesen Kontexten interessiert.9
Diese in der Politikwissenschaft verankerten Perspektiven haben jenseits aller Unter-
schiede gemeinsam, dass sie Gewalt als kollektives soziales Phänomen analysieren,
welches sich als makrosozialer Prozess zwischen wie auch immer konstituierten
Gemeinwesen abspielt. Ihnen gegenüber steht in der kriminologischen Gewaltforschung
eine Disziplin, die ihr Forschungsinteresse strikt auf Gewalt zwischen Individuen
begrenzt, der in Ermangelung einer – abgesehen vielleicht von mikropolitischen Prozes-
sen innerhalb krimineller Gruppen – kollektiven Dimension jegliche politische Rele-
vanz abgesprochen wird.10 Das Problem bei der Erfassung der Gewaltphänomene in
Mexiko ist nun m.E. darin zu suchen, dass diese gewissermaßen zwischen den Stühlen
der hochspezialisierten Strömungen der sozialwissenschaftlichen Gewaltforschung

6 Grayson 2010, S. 267.


7 Zur Kritik dessen bereits frühzeitig Pillar 2001, S. 4f.
8 Vgl. Weller 2004, S. 61f.
9 Münkler 2004, S. 33f.
10 Thome 2004, S. 315.
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sitzen:11 Als prinzipiell kommerzielle Akteure eingestuft, scheint die Gewalt der Kar-
telle für die politikwissenschaftliche Forschung nicht hinreichend politisch motiviert zu
sein.12
Auf die Terminologie des Ausnahmezustands bezogen bedeutet dies, dass die Gewalt-
akteure nicht der Sphäre des Politischen zugerechnet werden und eine bestehende
normative Ordnungen in Frage stellende Position somit nicht zuerkannt bekommen. Bei
den Akteuren der Gewaltökonomien in zerfallenden Staaten, für die mit der Rhetorik
der ,failed states‘ eine Art Ausnahmebegrifflichkeit zur Verfügung steht, wird zwar
ebenfalls oft eine primär wirtschaftliche Orientierung erkannt – diese operieren aber
meist im Rahmen proto-territorialer Herrschaftsausübung und streben in vielen Fällen
zumindest der Form halber die Insignien politischer Herrschaft an, darüber hinaus
werden sie über externe Interventionen und im Rahmen der Entwicklungshilfe für inter-
nationale Akteure relevant.13 Andererseits ist die Vorgehensweise der Kartelle (bzw. die
Reaktion des mexikanischen Staates) – wie bereits angedeutet – zu sehr dem von
Terroristen oder Insurgenten ähnlich (bzw. zu militarisiert), um einen Gegenstand für
die kriminologische Forschung, die zudem meist einen nationalen oder regionalen
Fokus auf die Staaten des globalen Nordens aufweist, darzustellen. Im Folgenden soll
herausgearbeitet werden, dass der Charakter der mexikanischen Drogenkartelle als
Gewaltakteure – im Gegensatz zu den von der Politikwissenschaft und der Kriminologie
entwickelten Modellen, die letztlich vor dem Hintergrund der Modernisierungs-
erfahrungen in Europa und den USA entstanden sind – auf einer einem Ausnahme-
zustand gleichkommenden, aber regularisierten Praxis der Herrschaftsausübung in von
diesen Erfahrungen deutlich abweichenden sozialen und politischen Strukturen beruht.

2. Zur Geschichte der Kartelle als Gewaltakteure

Der grenzübergreifende Schmuggel zählt bereits seit der spanischen Kolonialherrschaft


im damaligen Vizekönigreich Neuspanien zu den bedeutenden Wirtschaftsfaktoren im
heutigen Mexiko, wobei sich der Schmuggel historisch aufgrund der Nähe zu den USA
als Ziel und Herkunft geschmuggelter Güter stets im Norden des Landes konzentrierte.
Während der kolonialen Epoche diente er zunächst der Überwindung von durch das
merkantilistische Regime des Mutterlandes verursachten Knappheiten. 14 Seine Bedeu-

11 Dies gilt sehr weitgehend für die ausländische Forschung – in Mexiko selbst sind der Drogenhandel
und die mit ihm assoziierten Gewaltphänomene Gegenstand der Arbeit einer Reihe auf ihn
spezialisierter Forscher.
12 Wenn in diesem Text der Begriff ‚Kartell’ für die mit Herstellung, Transport und Verkauf von
illegalen Narkotika befassten Organisationen verwendet wird, stellt dies natürlich nicht eine
Gleichsetzung mit Kartellen im volkswirtschaftlichen Sinne dar. Eher handelt es sich um Syndikate
im Sinne regionaler Monopole, und ihre Aktivitäten gehen weit über den ökonomischen Bereich
hinaus,, vgl. auch Cook 2007, S. 1.
13 Vgl. z.B. Schlichte 2005, S. 84f.
14 Sadler 2000, S. 162.
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tung wuchs noch beträchtlich nach der Unabhängigkeit Mexikos und der Westausdeh-
nung der USA im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, so dass etwa im Jahr 1850 zwei
Drittel der im nordöstlichen Mexiko gehandelten Waren Schmuggelgut waren – und
bereits damals operierten die Schmuggler häufig mit Rückendeckung durch die
politische Führung der nördlichen Bundesstaaten. Durch die Bürgerkriege sowohl in
den USA als auch einige Jahre später in Mexiko kam es zeitweise zu einem zusätzlichen
Aufschwung des Waffenhandels.15
Nach dem Verbot des Opiumimports in den USA im Jahr 1909 wurde der Opiumhandel
zu einem weiteren Rückgrat der Grenzlandökonomie, wobei er – zunächst von chinesi-
schen Immigranten etabliert und dominiert – bald von Bauern und Schmugglern in den
weitgehend gesetzlosen Bergregionen der Bundesstaaten Sinaloa und Durango über-
nommen wurde. Durch die im folgenden Jahr ausbrechende Mexikanische Revolution
mit ihren zehn Jahre währenden Kampfhandlungen vor allem in Nordmexiko nahm das
Geschäft häufig die Form des Tausches von Opium gegen Kriegswaffen an. Nach dem
Abflauen der Kämpfe und der politischen Restabilisierung Mexikos unter dem Einpar-
teienregime der später so benannten Partei der Institutionellen Revolution (PRI) entstan-
den durch die Prohibition in den USA neue Gelegenheiten,16 und bereits in dieser Phase
wurden die Aktivitäten der Drogenhändler von manchen lokalen politischen Autoritäten
gedeckt.17
Von besonderem Interesse dürfte hier sein, dass die Übernahme des Opiumgeschäfts
von den Chinesen im Kontext von antichinesischen Pogromen erfolgte, bei denen zahl-
reiche Angehörige der Minderheit ermordet, andere misshandelt und aus dem Norden
Mexikos vertrieben wurden. Diese Pogrome verschärften sich ab 1924 mit der Prä-
sidentschaft des mit rechtsextremen Positionen sympathisierenden Präsidenten Plutarco
Elías Calles, mehrere xenophobe Bewegungen betrieben systematische ,ethnische
Säuberungen‘, die bis in die 1930er Jahre teils offizielle Regierungspolitik wurden. Die
Assoziation der chinesischen Bevölkerung mit dem Opiumkonsum diente dabei einer-
seits als Rechtfertigung für Diskriminierung und Vertreibung, zum anderen wurde ihre
Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben von vielen Geschäftsleuten begrüßt – dies traf
auch auf das Geschäft mit illegalen Drogen zu. Die – wie in den USA – mit rassistischer
Rhetorik einhergehende Prohibition von Schlafmohn und anderen Narkotika war also
keineswegs einfach ein US-amerikanischer Oktroi, sondern auch in Mexiko eng mit
ökonomischen Interessen dortiger Akteure verknüpft.18 Die Strukturierung der illegalen
Ökonomie erfolgte im Zuge einer durch eine extralegale Politik der Ausnahme
herbeigeführten Gewaltwelle, in deren Rahmen sie in die zentralistischen Machtverhält-
nisse des Landes eingegliedert wurde.

15 Ebd., S. 163.
16 Sadler 2000, S. 164-166.
17 Astorga 2000, S. 67.
18 Osorno 2009, S. 58-62.
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Der Grundstein für die heute bestehende Drogenindustrie wurde schließlich auch mit
der inoffiziellen Förderung des Schlafmohnanbaus in Nordmexiko zur Gewinnung von
Schmerzmitteln für das Sanitätswesen der US-Streitkräfte im 2. Weltkrieg gelegt. In der
Nachkriegszeit sorgte dann der massiv ansteigende Marihuana- und Heroinkonsum in
den USA für ein rasantes Wachstum, der Anbau von Hanf und Schlafmohn breitete sich
von Sinaloa und Durango auf die umgebenden Bundesstaaten aus.19 Mit dem ökono-
mischen Wachstum gewannen auch die politischen Aspekte des Drogenhandels an
Bedeutung, und in einem rudimentären Feudalsystem wurde es üblich, dass lokale
Funktionäre ‚plazas‘ – Gebiete und Korridore für den Anbau, die Weiterverarbeitung
und den Transport illegaler Substanzen – vergaben. Immer noch wurden aber sowohl
Anbau als auch Transport zunächst von zahlreichen kleinen, meist auf Familienbasis
operierenden und nur gelegentlich gewaltsam konkurrierenden Organisationen durch-
geführt, die sich in einem Verhältnis hierarchischer Abhängigkeit von den herrschenden
Lokal- und Landespolitikern befanden. Sie dienten diesen auch gelegentlich zur
Diskreditierung von Rivalen als in illegale Geschäfte verwickelt. In dieser Zeit scheint
es zur Etablierung einer regelgeleiteten Praxis gekommen sein, der gemäß territoriale
Abgrenzungen und das Leben Unschuldiger zu respektieren sowie der Verkauf an
Konsumenten innerhalb Mexikos und gewalttätige Auseinandersetzungen in Groß-
städten untersagt waren. Dispute wurden von Stellvertretern der Gouverneure der
jeweiligen Bundesstaaten entschieden.20 Hier finden sich Anzeichen für einen
andauernden Ausnahmezustand im schmittianischen Sinn: Die politische Souveränität
bestand tatsächlich darin, die Gültigkeit bestimmter Gesetze fallweise außer Kraft zu
setzen und die sich daraus ergebenden ökonomischen Gewinnchancen in kliente-
listischen Netzwerken zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft zu verteilen.
Ab den siebziger Jahren kam es jedoch zu einer zunehmenden Professionalisierung und
Monopolisierung des Geschäfts – ein Prozess, der eng mit der Person Miguel Angel
Félix Gallardos und dem Aufblühen des Handels mit kolumbianischem Kokain verbun-
den war. Félix Gallardo begann seine Karriere als Kriminalpolizist in Sinaloa und
wurde Ende der 1960er Jahre zum Leibwächter des dortigen Gouverneurs Leopoldo
Sánchez Celis. Er organisierte seine – später nach seiner Operationsbasis im Bundes-
staat Jalisco auch als ‚Guadalajara-Kartell‘ bezeichnete – Gruppe nach kolumbiani-
schem Vorbild gemäß betriebswirtschaftlicher Regeln und verwaltete zentral die
Kontakte zu den Lieferanten nach Kolumbien. Auch zahlreiche Anführer späterer mexi-
kanischer Kartelle stammen aus dem Umfeld Gallardos oder sind – wie im Fall der
Familie Arellano Félix, die seit Jahren die Anführer des Tijuana-Kartells stellen, –
direkt mit ihm verwandt.21 Trotz der nach wie vor bestehenden Unterordnung unter
staatliche Strukturen kam es aber ab dieser Epoche, ermöglicht durch die durch den

19 Pacheco 2009, S. 1026.


20 Grayson 2010, S. 29f.
21 Astorga 2000, S. 73f.
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beginnenden Handel mit kolumbianischem Kokain erworbenen enormen Geldbeträge,
zu einem allmählichen Aufbau eigenständiger Machtbasen der führenden Figuren des
Kartells, die in vielen Fällen ihre Heimatorte mit „Elektrizität, Trinkwasser, Kanali-
sation, Straßen, Schulen“ und anderen Annehmlichkeiten ausstatteten, sich somit zu
einer Art parastaatlichem Wohlfahrtsstaatssurrogat aufschwangen und damit vermutlich
die umfassende Loyalität der Bevölkerung in ihren jeweiligen Gebieten genossen –
entsprechend dürfte die Bedeutung der politischen Protektion geschwunden sein bzw.
sich in manchen Fällen auf lokaler Ebene sogar in ihr Gegenteil verkehrt haben. 22 Ab
dem Ende der 1970er Jahre kam es dann auch zu einem massiven Verfall der ‚ritter-
lichen‘ Regeln der Nachkriegszeit.
Einer der Hauptfaktoren dürfte dabei der überwältigende Druck amerikanischer Behör-
den auf die mexikanische Regierung gewesen sein, angesichts der massiven Heroin-
schwemme in den USA weiträumige militärische Operationen gegen Opiumanbau-
gebiete einzuleiten, das zunehmend unabhängige Agieren der Kartelle könnte ebenfalls
eine Rolle gespielt haben. Das Resultat war die „Operation Condor“, die 1976 begann
und den Einsatz von Tausenden Soldaten sowie die Verwendung von Herbiziden vor
allem in den gebirgigen Regionen von Sinaloa mit sich brachte.23 Dabei hatten die
eingesetzten Truppenteile nicht nur mit dem ungeheuren Ausmaß der Opiumfelder,
sondern auch mit dem schwer bewaffneten Widerstand ihrer Besitzer zu kämpfen –
zahllose Menschenrechtsverletzungen, die geographische Zerstreuung der Kartelle und
der Opiumbauern sowie vor allem eine weitreichende Delegitimierung des Staates in
den betroffenen Gebieten waren die Folge.24 Hier wäre auf den ersten Blick die An-
nahme eines imperialen Ausnahmezustands gerechtfertigt.
Zum ersten Mal in der Geschichte Mexikos hatte das Gewaltniveau das gemeinhin für
‚rein kriminelle‘ Gewalt als typisch angesehene Maß überschritten und zum Teil
durchaus aufstandsähnliche Formen mit schweren Gefechten und abgeschossenen Hub-
schraubern angenommen. Trotz des vorübergehenden Erfolgs der Operation – abzulesen
an gestiegenen Preisen für Heroin und gesunkenen Zahlen von Drogentoten in den USA
– dürfte das Resultat mittelfristig extrem kontraproduktiv gewesen sein: die
Organisationen verteilten sich auf verschiedene neue Operationsbasen, Félix Gallardo
etwa machte Guadalajara zum neuen Mittelpunkt des Drogenhandels, der durch die mit
kolumbianischem Kokain erwirtschafteten enormen Profite schnell rekonstituiert wer-
den konnte. Fast symbolisch scheint die Tatsache, dass dem Verantwortlichen für die
Operation Condor, einem Beamten der Bundesstaatsanwaltschaft, Jahre später selbst
eine zentrale Rolle bei dieser Reorganisation nachgewiesen werden konnte.25 Neben
dem amerikanischen Einfluss waren es wohl auch in der Operationsweise des Drogen-

22 Ebd., S. 133. Übersetzungen: J.K. Zum Konzept der Parastaatlichkeit siehe von Trotha 2000.
23 Craig 1980, S. 347.
24 Ebd., S. 354f.
25 Astorga 2003a.
215
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handels selbst liegende Faktoren, die eine weitere, durch ausnahmeartige Maßnahmen
erreichte Reorganisation attraktiv erscheinen ließen. Mit dem erweiterten finanziellen
Handlungsspielraum der Kartelle wurde der Zugriff auf Finanzplätze und legale wirt-
schaftliche Infrastruktur notwendig, der wiederum eine geographische Ausdehnung auf
Gegenden wie eben Guadalajara und andere Großstädte bedingte. Um deren Destabili-
sierung zu verhinern, wurde eine weitere Zentralisierung der politischen Kontrolle des
Geschäfts notwendig, die unter anderem durch eine personelle Eingliederung der Füh-
rungsebene insbesondere des Guadalajara-Kartells in den Bundessicherheitsdienst DFS
erreicht wurde.26
Diese Zentralisierung ermöglichte zunächst ein ungestörtes Funktionieren der Schatten-
wirtschaft in Verbindung mit einer Minimierung des Gewaltniveaus. Die mexikanischen
Organisationen waren damit auch für die US-amerikanischen Behörden weitgehend
unauffällig, man konzentrierte sich auf die kolumbianischen Kartelle von Medellín und
Cali, deren karibische Schmuggelroute aber allmählich zugunsten des Transports über
Mexiko an Relevanz verlor. Dieser Zustand vorübergehender relativer Normalität
wurde aber schon 1985 wieder durchbrochen: Ein amerikanischer DEA-Agent hatte in
Guadalajara auf eigene Faust Ermittlungen angestellt und wurde schließlich von
Agenten des dortigen Kartells gefoltert und ermordet. Nun war es neben amerikani-
schem Druck auch die mexikanische Staatsführung, die eine derartige Selbstermächti-
gung nicht zulassen wollte – das monolithische Kartell von Guadalajara wurde
zerschlagen, wobei es in einigen Fällen ausreichte, die Anführer bei ohnehin verein-
barten Treffen mit Offizieren des DFS einfach zu verhaften.27
Die plazas wurden daraufhin neu aufgeteilt und nun an eine Vielzahl von Gruppen
verteilt, um eine riskante Machtansammlung wie zuvor im Kartell von Guadalajara zu
vermeiden. Anfang der 1990er Jahre nahm die grundlegende Organisationsform der
Kartelle in Mexiko somit allmählich die Gestalt an, die sie zu Beginn der heutigen Aus-
einandersetzungen besaß – eine Handvoll von netzwerkförmigen Organisationen, die
jeweils über regionale Schwerpunkte verfügen, in denen sie weitreichenden Einfluss auf
Behörden und Politik nehmen können und vielfach einen gewichtigen Wirtschaftsfaktor
darstellen.28 Der Unterschied zur Situation vor der Operation Condor bestand vor allem
in der nun geographisch polyzentrischen Struktur der kriminellen Landschaft, die
bedingt war durch den ökonomischen Schwerpunktwechsel von in relativ wenigen
Regionen selbst produziertem Heroin und Marihuana hin zu aus Kolumbien importier-
tem Kokain sowie später auch zu Amphetaminen. Die Positionierung außerhalb ländli-

26 Grayson 2010, S. 74.


27 Grillo 2011, S. 65-69.
28 Campbell 2009, S. 22f.
216
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cher Gebirgsregionen gab den Kartellen zudem weiterhin bessere Möglichkeiten des
Zugriffs auf Verkehrs- und Finanzinfrastrukturen.29
Diese gewannen insbesondere deswegen an Bedeutung, weil aufgrund von massiven
Operationen der US-Marine die Schmuggelroute über die Karibik immer riskanter
wurde und die mexikanischen Kartelle somit zur praktisch einzigen Option für den
Transport aus Kolumbien wurden – eine Entwicklung, die durch das NAFTA-Frei-
handelsabkommen begünstigt wurde, welches das Handelsvolumen zwischen Mexiko
und den USA vervielfachte und die Kontrolle der Grenzübergänge erschwerte. In jedem
Fall begannen die mexikanischen Organisationen gegenüber den kolumbianischen ab
den 1990er Jahren zu dominieren.30 Ihr Einfluss auf staatliche Strukturen reichte immer
noch bis in die oberste Ebene der Politik, so wurde etwa der Bruder des Präsidenten
Salinas de Gortari, Raúl Salinas, wegen seiner Verstrickungen in die organisierte
Kriminalität zu einer Freiheitsstrafe verurteilt (und später freigesprochen); der Leiter
des Nationalen Instituts für Drogenbekämpfung, Generalleutnant José de Jesús
Gutiérrez Rebollo, wurde der Zusammenarbeit mit dem Amado Carrillo Fuentes, An-
führer des Kartells von Juárez, überführt.31 Dabei existieren unterschiedliche Beurtei-
lungen der Frage, ob in diesen Fällen die Kartelle politische Strukturen für ihre eigenen
Zwecke penetriert hatten oder ob mächtige politische Akteure die Patronage über den
Drogenhandel für politische Zwecke nutzten, so wie etwa der besagte Raúl Salinas den
Polizeioffizier González Calderoni mit der Bespitzelung von politischen Gegnern
beauftragte.32

3. Systemwandel und der Beginn des Drogenkrieges

Schließlich erlitt die enge Vernetzung von Staat und Kartellen einen endgültigen Bruch
durch das Ende der Einparteienherrschaft der PRI, welches im Jahr 2000 mit der Wahl
von Vicente Fox Quesada zum mexikanischen Präsidenten besiegelt wurde. Bereits
zuvor hatte dessen bürgerlich-konservative Partei PAN die Regierung in einigen nördli-
chen Bundesstaaten übernommen, und in eben diesen Staaten begannen die bisherigen
Gebietskonflikte zu kriegsähnlichen Auseinandersetzungen zu eskalieren. 33 Damit ein-
hergehend kam es zur zunehmenden Militarisierung der Kartellstrukturen: hatte man
zuvor die Exekution von internen Rivalen oder Abtrünnigen zahlenmäßig wenigen Auf-

29 Astorga 2001, S. 429.


30 Grayson 2010, S. 56f.
31 Grillo 2011, S. 84; 91. Dieser Fall wurde in Steven Soderberghs Film Traffic recht plausibel
fiktionalisiert.
32 Astorga 2001, S. 429.
33 Der enge kausale Zusammenhang wird nicht zuletzt dadurch demonstriert, dass die Gewalt in
solchen Bundesstaaten, in denen die PRI an die Macht zurückkehrte, temporär wieder zurückging –
anscheinend aufgrund der Reaktivierung alter Regeln im Rahmen von Patronagenetzwerken. Vgl.
O’Neil 2009, S. 65.
217
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tragsmördern (sicarios) überlassen und sich bei Streitigkeiten mit konkurrierenden
Organisationen auf die Dienste korrumpierter Polizisten oder Militärs verlassen, so kam
es nun zu einem enormen Bedeutungsgewinn regelrechter Privatarmeen. Die bekann-
testen unter ihnen sind nach wie vor die sogenannten Zetas – sie entstanden 1997, als
eine von einem ehemaligen Angehörigen der militärischen Spezialeinheit GAFES
(Grupo Aeromovíl de Fuerzas Especiales)34 gebildete Gruppe ein Angebot vom
Anführer des Golf-Kartells Osiel Cárdenas Guillén annahm, seine Leibwächter zu
werden.35
In vielerlei Hinsicht kann dieser Seitenwechsel als Datum für den allmählichen Beginn
des gegenwärtigen Konflikts angesehen werden, auch wenn das bereits erwähnte
Tijuana-Kartell mit der Rekrutierung von Polizisten und Mitgliedern von Jugendbanden
in bewaffnete Formationen vermutlich schon vorher eine Eskalation einleitete.36 Andere
Organisationen bedienten sich wiederum der Dienste desertierter Soldaten der Kaibiles,
einer Spezialeinheit des Militärs im benachbarten Guatemala, die bereits aus dem dor-
tigen Bürgerkrieg in der 1980er Jahren berüchtigt waren.37 Mit dem Amtsantritt des
PAN-Präsidenten Calderón 2006 wurden angesichts eskalierender Auseinandersetzun-
gen und vor allem des äußerst defizitären Funktionierens der Polizeibehörden,38 vor
allem auch in den betroffenen Regionen, wiederum die mexikanischen Streitkräfte mit
der Eindämmung des Problems beauftragt. Auch wären die zuvor existierenden Polizei-
einheiten auf rein taktischem Niveau vermutlich nicht zur Auseinandersetzung mit den
Kartellen befähigt gewesen: Die Ausrüstung und Ausbildung dieser paramilitärischen
Einheiten ist mittlerweile umfassend und denen der meisten anderen irregulären
Gewaltakteure der Gegenwart – auch hierarchisch organisierten und paramilitärisch
operierenden Insurgenten wie etwa den Taliban – weit überlegen, so verfügen sie nach
Angaben von General Barry McCaffrey unter anderem über in Einheiten von Zuggröße
eingesetzte

„Nachtsichtgeräte, Fernmeldeaufklärung, verschlüsselte Funkverbindungen, […], Hub-


schrauber und moderne Transportflugzeuge, automatische Waffen, Panzerfäuste, 66 mm-
Panzerabwehrraketen, Minen und Sprengfallen, schwere Maschinengewehre, 12,7 mm-
Scharfschützengewehre, Unmengen an Handgranaten und die modernsten vollautomati-
schen 40 mm-Granatwerfer.“ 39

34 Dieses war und ist von Aufgaben, Ausrüstung und Ausbildung her in etwa zu vergleichen mit dem
deutschen KSK oder den amerikanischen Special Forces.
35 Brands 2009, S. 8.
36 Stewart 2010.
37 Otero 2005.
38 Müller 2006, S. 508f. Bereits 1998 wurde mit der Policía Federal Preventiva (PFP) aus
verschiedenen Polizei- und früheren Armeeeinheiten eine neue Bundespolizeibehörde geschaffen,
die nach einem Professionalisierungsprozess schließlich federführend bei den Operationen gegen die
Kartelle werden sollte.
39 Zitiert bei Quinones 2009, S. 78. McCaffrey ist ehemaliger ‚Drug Czar‘ der amerikanischen
Regierung.
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Im dreiseitigen Konflikt zwischen Streitkräften und Kartellen sowie der Kartelle
untereinander hatte sich der Schwerpunkt mittlerweile auf den Kampf dieser gegen die
Staatsgewalt verlegt – etwa drei Viertel aller Kampfhandlungen sind Regierungsstatis-
tiken zufolge letzterem Typ zuzurechnen.40 Dabei war es den staatlichen Kräften zwar
gelungen, zumindest eines der großen Kartelle zu zerschlagen – namentlich das der
Gebrüder Beltrán Leyva – und drei weitere deutlich zu schwächen. Allerdings sind auch
neue Organisationen entstanden, insbesondere die sogenannte Familia Michoacana
(‚Familie von Michoacán‘), die sich meist durch eine erheblich höhere Gewaltbereit-
schaft auszeichnen und dementsprechend von Bundespolizei und Militär prioritär
bekämpft werden.41 Dies führte wiederum zu Vorwürfen, die PAN-Regierung bevor-
zuge das von Joaquín „El Chapo“ Guzmán Loera geführte Sinaloa-Kartell, um die
Gewalt durch Herstellung einer monopolartigen Situation einzudämmen.42 Derartige
Vorwürfe sind aber in vielen Fällen auch Resultat der äußerst professionellen Infor-
mationskriegsführung mancher Kartelle, die etwa im Bundesstaat Tamaulipas bezahlte
Demonstrationen gegen die Militärpräsenz organisierten.43 Der zuvor nur fallweise
gewalttätig ausartende Ausnahmezustand des Drogenhandels in den Grenzregionen
Mexikos ist nun zu einem permanent eskalierenden bewaffneten Konflikt geworden, der
sich längst nicht mehr auf die geographische Peripherie beschränkt, sondern auch in
urbanen Zentren wie Monterrey stattfindet.

4. Kartelle als ökonomisch motivierte Gewaltakteure?

Allgemein kann die organisatorische Struktur des Handels mit illegalen Rauschmitteln
drastisch unterschiedliche Formen annehmen, wobei das Spektrum von lose gekop-
pelten und fallweise kooperierenden Kleingruppen bis hin zu hierarchisch gesteuerten
und geradezu bürokratisch arbeitenden Großunternehmen reicht. Dabei sind alle auf
diesem Markt tätigen Organisationen zumindest potenzielle Gewaltakteure, und zwar
schlicht aufgrund der Tatsache, dass sie ihre Geschäfte gezwungenermaßen unter
Ausschluss des Rechtsweges tätigen und somit im Fall von Zahlungsausfällen und
Ähnlichem eine eigene Erzwingungskapazität benötigen. In mikropolitischer Hinsicht
operieren Drogenhändler gewissermaßen stets in einer Art Ausnahmezustand – sie
müssen Regeln durchsetzen, die keineswegs den politisch gesetzten Normen ent-
sprechen. Die dabei tatsächlich auftauchenden Gewaltformen sind aber primär danach
zu unterscheiden, an welchem Ort in der klandestinen Versorgungskette sie auftau-
chen.44 An der Quelle – also an den Produktionsstätten von Narkotika, die in vielen

40 Bravo/Mercado 2010.
41 Stewart 2010.
42 Burnett/Peñaloza 2010.
43 Castañeda 2009, S. 165.
44 Plausibel wäre natürlich zunächst eine Unterscheidung nach der Art der gehandelten Rauschmittel
(Marihuana, Kokain, Amphetamine, Heroin etc.). Diese wäre aber im hier untersuchten Fall nicht
219
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Fällen wie bei Marihuana, Kokain oder Heroin eine landwirtschaftliche und damit
flächenmäßig ausgedehnte Komponente aufweisen – sind dementsprechend partisanen-
artige,45 also auf quasi-territoriale Kontrolle abzielende Gewaltformen wahrscheinlich,
wie sie etwa im Rahmen der o.g. Operation Condor auftauchten oder heute in
Kolumbien, Afghanistan und umkämpften Regionen Burmas zu beobachten sind.46
Diese können sowohl zwischen Organisationen konkurrierender Produzenten als auch
zwischen diesen und staatlichen oder internationalen Polizei- und Militäreinheiten
auftreten.
Dabei fällt auf, dass der Drogenhandel in solchen Fällen oftmals lediglich eine unter
mehreren Finanzierungsquellen für die ihn beschützenden Kräfte darstellt, deren
Konfliktbereitschaft auf andere, bereits unabhängig von ihrer Finanzierung durch
Narkotika gegebene Faktoren zurückzuführen ist. In fast allen Fällen sind die an der
Quelle, also durch die Herstellung von Drogen oder lediglich ihrer Ausgangsprodukte
zu erzielenden Gewinne vergleichsweise gering (typischerweise zwischen 10 und 20
Prozent des mit dem fertigen Produkt zu erzielenden Umsatzes), 47 so dass eine rein
kommerzielle Motivation von ‚Narco-Insurgenten‘ hier meist auszuschließen ist –
schließlich könnte eine solche auch nicht die in Gebieten wie Afghanistan oder
Kolumbien zu beobachtende und durch ökonomische Kalküle nicht herbeizuführende
Durchhaltefähigkeit der jeweiligen bewaffneten Gruppen erklären.48 Vielmehr dürfte
der durch die Verteidigung von Drogenanbaugebieten bei der dadurch versorgten
Bevölkerung zu erzielende Legitimitätsgewinn eine mitentscheidende Rolle spielen. 49 In
diesen Fällen wäre demnach das Vorhandensein von gewaltsamen Konflikten und die
dadurch entstehenden staatsfreien Gebiete Ursache für das Entstehen von Drogenanbau-
gebieten bzw. von Organisationen, die um diese kämpfen, und nicht umgekehrt.
Einer entgegengesetzten Logik folgen diejenigen Gewaltformen, die am anderen Ende
der Versorgungskette auftauchen, also in den Gegenden, in denen Drogen konsumiert
werden. Diese befinden sich typischerweise in den wohlhabenderen Regionen der
OECD-Welt und verfügen dementsprechend meist über relativ gut funktionierende
Polizei- und Justizorgane, so dass gegenüber dem Drogenhandel von hohem Verfol-
gungsdruck auszugehen ist.50 Unter diesen Umständen ist die Verteilung an den End-
kunden meist in Form kleiner, wenig hierarchisch strukturierter und oft stark fluktu-
ierender Netzwerke organisiert. Diese vermeiden generell den Einsatz von massiver
Gewalt im Sinne von Terrorismus oder Insurgenz – sie wären zu einer koordinierten

weiterführend, da die mexikanischen Kartelle mit praktisch allen gängigen Narkotika handeln und in
ihrem Angebot auch relativ flexibel sind. Vgl. Miró 2003, S.5.
45 Vgl. Schneckener 2006, S. 37.
46 UNODC 2009, S. 33.
47 Decker/Chapman 2008, S. 51, 56.
48 Gutiérrez 2003, S. 21.
49 Felbab-Brown 2009, S. 17.
50 UNODC 2009, S. 17.
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Auseinandersetzung um territoriale Monopole auch kaum in der Lage und würden sich
dadurch einem übergroßen Festnahmerisiko aussetzen. Bei diesen Akteuren sind
schwere, d.h. vor allem bewaffnete Gewaltverbrechen vergleichsweise selten.51 Zur
Sicherstellung der Loyalität untergeordneter Mitglieder dienen anstelle der Gewalt-
drohung in vielen Fällen familiär oder ethnisch verankerte Normen, die häufig die
einzige Option zur langfristigen Etablierung kooperativer Beziehungen darstellen.
Gegenüber staatlichen Organisationen stellt Unauffälligkeit das Hauptziel dar. 52 Damit
entsprechen die kleinteilig vernetzten Akteure des Konsumentengeschäfts am ehesten
dem klassischen Bild der rein kommerziell orientierten und jenseits von unterwelt-
typischen Loyalitätsnormen ideologiefreien Kriminalität. Dieses konnte sich in der
frühen sozialwissenschaftlichen Forschung zu organisierter Kriminalität gewissermaßen
als Leitbild etablieren, welches aber durch die ‚privilegierte‘ Beobachtung der in bereits
relativ weit modernisierten Regionen bestehenden Strukturen – vor allem der ameri-
kanischen und italienischen Mafia – eine gewisse Befangenheit zugunsten ‚ordent-
licher‘, funktional differenzierter Strukturen aufweist.53
An den Grenzübergängen zu den USA, wo die Chance zur Erzielung von Milliarden-
umsätzen durch die Kontrolle der Umschlagplätze für illegale Narkotika besteht, sind
hingegen seit Jahren intensive Gewaltkonflikte zu beobachten.54 Eine für diese Terri-
torialkonflikte typische Gewaltform ist die gezielte Ermordung von auf der Gehaltsliste
des gegnerischen Kartells stehenden Polizei- und Sicherheitsbeamten, um diese durch
von der eigenen Seite zu beeinflussende Personen zu ersetzen und somit die Herrschaft
über die Schmuggelroute zu übernehmen. Obwohl eine Auseinandersetzung mit der
Staatsgewalt nicht intendiert wird, kommt es naturgemäß zu Reaktionen auf die Tötung
von Staatsdienern – und somit zu den bekannten Auseinandersetzungen mit ihrem
angesichts der involvierten Geldsummen und den einfach zu erwerbenden Waffen-
arsenalen inhärenten Eskalationspotenzial.55 Dieses wird zudem noch dadurch verstärkt,
dass der geographische Zugang zum US-Markt über eine relativ geringe Zahl von stark
genutzten Grenzübergängen in den amerikanisch-mexikanischen Zwillingsstädten ver-
läuft – insbesondere Tijuana/San Diego, Nogales/Nogales, Ciudad Juárez/El Paso,
Nuevo Laredo/Laredo, Reynosa/Hidalgo und Matamoros/Brownsville sind von Be-
deutung. Wichtig sind daneben auch bestimmte Hafenstädte wie Acapulco oder Lazaro
Cárdenas als Transitpunkte sowie Städte wie Culiacán in Sinaloa, die bedeutende
Mohn- und Marihuanaanbaugebiete dominieren – letztere Stadt ist außerdem
Herkunftsort vieler Kartellanführer. Im Allgemeinen bilden sich die größten und stabil-

51 Vgl. Heber 2009, S. 18. Hinzu kommt das durch die erheblichen Kosten illegaler Narkotika
verursachte Problem der – unter Umständen gewaltsamen – Beschaffungskriminalität, welches aber
nicht den im Drogenhandel aktiven Organisationen direkt zugerechnet werden kann.
52 Mörbel 1999, S. 47.
53 McMullin 2009, S. 78.
54 Dávila 2009.
55 Pacheco 2009, S. 1032.
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sten Kartelle um einen oder mehrere dieser strategischen Punkte, in denen dieser
ökonomischen Logik folgend auch die blutigsten Konflikte stattfinden, während klei-
nere Organisationen eher taktische Allianzen eingehen und Handlangerdienste ver-
richten.56 Die sowohl quantitative als auch qualitative Eskalation der Gewalt an diesen
Orten wird im ökonomischen Ansatz dann meist mit dem enormen Bedeutungszuwachs
der mexikanischen Drogenroute gegenüber der früher von den großen kolumbianischen
Organisationen genutzten karibischen Route erklärt – so wuchs der über Mexiko
laufende Anteil des in die USA geschmuggelten Kokains von 50 Prozent im Jahr 1991
auf etwa 90 Prozent im Jahr 2004.57 Hinzu kommt, dass aufgrund des demokratischen
Wandels Vereinbarungen der Kartelle mit lokalen Politikern aufgrund deren
Abwählbarkeit zu einer geringeren Haltbarkeit tendierten, und die Bundesregierung der
von 2000 bis 2006 regierenden bürgerlich-konservativen PAN eine deutlich geringere
Toleranz gegenüber jeder Form von Delinquenz zu einem zentralen Thema ihrer Politik
machte, so dass fast gleichzeitig mit dem Wachsen der Profitchancen auch ein
Ansteigen des Verfolgungsdrucks zu erwarten war.58 Die Ungewissheit über die
Verteilung zukünftiger Gewinnmöglichkeiten wird damit zur strukturellen Ursache des
Drogenkriegs erklärt.59
Die ökonomische Erklärung der überbordenden Gewalt beruht somit auf der Vor-
stellung, dass die mexikanischen Kartelle in einer Situation erheblich höherer Gewinn-
erwartungen für die ungewisse Hoffnung auf eine Monopolisierung des Drogenhandels
im Grenzgebiet zu den USA das Risiko einer direkten Konfrontation mit der Staats-
gewalt zu tragen bereit waren – eine Konfrontation, die in früheren Zeiten aus
kommerziellen Motiven stets gemieden wurde.60 Sie hat allen zur Verfügung stehenden
empirischen Indikatoren zufolge extrem negative Konsequenzen für die wirtschaftliche
Situation der involvierten Organisationen. Die Auswirkungen des verstärkten Abfan-
gens von Lieferungen in Mexiko sind schwer zu ermitteln – deutliche Steigerungen des
Straßenpreises in den USA bei gleichzeitig stagnierender Nachfrage lassen allerdings
auf eine erhebliche Angebotsverknappung schließen. Als noch wirksamer könnten sich
die Einschnitte durch das erstmalige dezidierte Vorgehen mexikanischer Behörden
gegen Geldschmuggel und -wäsche erweisen.61 Enorme personelle Verluste werden in
dem Versuch der Zetas offensichtlich, illegale Einwanderer zur Arbeit für ihre Organi-

56 Brands 2009, S. 6f.


57 O’Neil 2009, S. 66.
58 Vor allem in Medienberichten werden die gewalttätigen Auseinandersetzungen häufig auch auf
Konflikte um innermexikanische Konsumentenmärkte zurückgeführt. Eine umfassende Widerlegung
der These von der Bedeutung des mexikanischen Verbrauchermarkts findet sich bei Aguilar/-
Castañeda 2009, S. 18-31.
59 Brands 2009, S. 6.
60 Pacheco 2009, S. 1027.
61 Aguilar/Castañeda 2009, S. 48 f.; Pacheco 2009, S. 1040.
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sation zu zwingen.62 Am deutlichsten allerdings wird die teils prekäre ökonomische
Situation zumindest einiger Kartelle an der Tatsache, dass sie sich mehr und mehr an
anderen Sektoren krimineller Aktivitäten wie etwa Produktpiraterie, Entführungen und
Menschenschmuggel und Erpressungen beteiligen – Berichten zufolge hat etwa das
früher bedeutende Tijuana-Kartell einen nahezu vollständigen Wandel vom Drogen-
zum Entführungsgeschäft vollzogen, ähnliche Tendenzen scheinen sich teils bei den
Zetas anzudeuten.63 Es handelt sich dabei um Kriminalitätsformen, deren Profitraten so
gering sind, dass sie noch Anfang der 2000er Jahre von den großen Kartellen so gut wie
keine Beachtung fanden – sie hätten allenfalls das Entdeckungsrisiko bei den eigentlich
profitablen Schmuggeloperationen gesteigert.64 Unter ökonomischen Gesichtspunkten
ist ihr Verhalten somit kontraintuitiv.

5. Narcocultura als Lebenswelt und Gewaltkultur

Mexikanische Soziologen befassen sich im Gegensatz zu traditionellen, rationali-


stischen Paradigmen der Sicherheitsforschung zuzurechnenden ausländischen Forschern
eher mit den lebensweltlichen Umständen des Drogenhandels, für die Autoren wie Nery
Córdova den Begriff der narcocultura prägten. Gemeint sind damit diejenigen
symbolischen und kulturellen Formen der sozialen Vergemeinschaftung, welche jene
Sektoren der mexikanischen Gesellschaft verregeln, die ihr Auskommen in der gefähr-
lichen und von bürgerlichen Normen und Gesetzen nicht erfassten Drogenökonomie
finden.65 Sie nimmt die Form einer milieuspezifischen Subkultur an, die demographisch
bedeutende Teile der Bevölkerung beeinflussen dürfte und der bereits aufgrund dieser
Tatsache über den ökonomischen Aspekt hinaus politische und sozialstrukturelle
Relevanz zukommt: in den gebirgigen Regionen des Nordwestens stellt der Drogen-
handel teilweise die einzig mögliche Einkommensquelle dar, da in Abwesenheit
jeglicher Infrastruktur und mit für die Landwirtschaft denkbar ungeeignetem Terrain
andere Wirtschaftszweige nicht Fuß fassen könnten.66 Für das gesamte Land geht die
mexikanische Bundesregierung von einer Zahl von rund 500.000 direkt mit dem
Drogenhandel befassten Personen aus, wobei von diesen etwa 300.000 mit der
Herstellung und Verarbeitung, etwa 160.000 mit Transport und Verteilung sowie als
Informanten und die restlichen 40.000 als Anführer – und somit auch mit den
verschiedenen Formen der Gewaltanwendung – beschäftigt sind.67 Über finanziell ab-

62 Deren Verweigerung einer Mitarbeit führte zu dem bisher blutigsten Einzelereignis des Drogen -
kriegs, dem Massaker von San Fernando an 72 Migranten aus Süd- und Mittelamerika im
Bundesstaat Tamaulipas. Berichten zufolge greift die Praxis der Zwangsrekrutierung immer mehr
um sich, was auf eine deutliche Schwächung der Kartelle hinweisen würde. Vgl. Gómez 2010.
63 Ravelo 2009, S. 15, 21.
64 Cook 2007, S. 6.
65 Córdova 2010, S. 8f.
66 Ebd., S. 117.
67 Merlos 2008.
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hängige Familienmitglieder und die scheinlegale Peripherie der Kartelle – von denen
einige über enorme Imperien insbesondere im Immobilienbereich, aber auch in ver-
schiedenen Industriebranchen verfügen68 – dürfte die Zahl der indirekt Abhängigen
noch bedeutend höher liegen, wobei die Symbolik und Ästhetik der narcocultura noch
weit über diese hinausreicht und insbesondere in den letzten Jahren geradezu
popkulturelle Anziehungskraft entfaltet. Der hier gemeinte Sinn des Begriffs beschränkt
sich aber auf die lebensweltlichen Praxen und Sinndeutungen, die im spezifischen
Bereich des Drogenhandels in Mexiko zum „Erwerb soziokultureller Identität“
beiträgt.69
Grundsätzlich erfüllt die narcocultura diese identitätsbildende Funktion, indem sie eine
moralisch affirmative, ästhetisch attraktive Beschreibung des Lebensstils im Milieu der
Kartelle erbringt und dabei ein minimales Maß an Erwartungssicherheit in einer
annähernd anarchischen Umwelt generiert sowie vor allem einen positiven Selbstbezug
ermöglicht.70 Ihr typisches Narrativ findet sich in den narcocorridos („Drogen-
schlagern“) – volkstümlichen Musikstücken, die insbesondere in Nordmexiko fast
allgegenwärtig sind – und verläuft meist ungefähr folgendermaßen: Der narco als
archetypischer Vertreter dieser Symbolwelt wird zum „Antihelden“ stilisiert, der es –
aus ärmlichen Verhältnissen stammend – im Drogengeschäft durch Geschick, Glück
und Charisma, vor allem aber durch strikte Loyalität gegenüber seinen Komplizen
sowie durch rücksichtslose Gewalt gegenüber Außenstehenden zu Erfolg bringt. Er ist
gewissermaßen eine subkulturelle Verkörperung des Ausnahmezustands. Die Ver-
folgung durch Behörden, Rivalen und die US-amerikanischen Grenzbehörden erträgt er
gelassen und sieht dabei furchtlos dem (meist frühen) Tod ins Auge. Motiviert wird er
weniger durch Eigennutz, sondern durch die Liebe zu seiner Familie und seinem
Heimatdorf – beide unterstützt er finanziell großzügig – was ihn aber nicht daran
hindert, einen ausgesprochen glamourösen Lebensstil mit zahlreichen Eskapaden zu
führen.71 Die über den Tod hinausgehende Kompensation besteht für ihn in der letzten
Ruhe in einer Grabstättenarchitektur, deren Entfaltung dekadenter Pracht in der
modernen westlichen Welt ohne Beispiel sein dürfte. In dem Mausoleum eines
bedeutenden Kartellchefs, Amado Carrillo Fuentes, werden an seinem Todesdatum
jeden Monats katholische Messen gefeiert.72 Vor allem bei den Anführern der älteren
Generation wird oft von einer enormen Religiosität berichtet, sie manifestierte sich in
den sogenannten narcolimosnas – „Narco-Almosen“: so finanzierte etwa die bereits
erwähnte Familie Arellano Félix in Tijuana ein hervorragend ausgestattetes Gebäude für
ein Priesterseminar. Der Bischof des Bundesstaates Aguascalientes rechtfertigte seiner-

68 Vgl. Ravelo 2009a, S. 147.


69 Meyer 2002, S. 43.
70 Córdova 2004, S. 10f.
71 Ebd.; Montoya Arías 2008, S. 53-61.
72 Dávila 2009a, S. 138-144.
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seits öffentlich die Annahme solcher Spenden mit dem altbekannten Argument des
Pecuniam non olet. Hohe Mitglieder des Klerus dienten aufgrund derartiger Verbin
dungen als Mittler zur Bundesregierung.73
Aber auch die weniger orthodoxen Inkarnationen der narcocultura sind geprägt von
zahlreichen quasi-religiösen Bezügen, die wiederum in engem Bezug zur sozialen
Identität der – in diesem Fall meist niederrangigeren – Kartellmitglieder stehen. Die
meiste Beachtung wird der kultartigen Verehrung des mythischen Räubers und
Insurgenten Jesús Juárez Mazo – bekannt unter dem Namen Jesús Malverde – zuteil,
der vor allem im Bundesstaat Sinaloa und in den umliegenden Gebieten als
Volksheiliger und Archetyp des ‚wohltätigen Banditen’ (und als popkulturelle Ikone des
machismo) dient. Ebenso wie im narcocorrido wird auch hier die Figur des Antihelden
gefeiert, der sich im gewaltsamen Widerstand gegen staatliche Autoritäten beweist und
schließlich ums Leben kommt.74 Dieser Aspekt der traditionellen narcocultura ist
geprägt von einem todesbejahenden Immanentismus, der für die Chance auf einen
schnelllebigen, exzessiven Lebensstil die damit einhergehenden Gefahren und ganz
explizit auch ein gewaltsames Ende akzeptiert; so wie in dem diese Haltung
zusammenfassenden Sprichwort „más vale vivir cinco años como rey que cincuenta
como güey“ – ‚lieber fünf Jahre wie ein König leben denn fünfzig wie ein Ochse’.75
Vermutlich handelt es sich bei dem Malverde-Kult um das Resultat indigen-
katholischer Synkretismen in Sinaloa, wo er bereits vor dem Aufkommen des
Drogenhandels Teil einer Gegenkultur marginalisierter Bevölkerungsteile darstellte.76
Ähnlich verhält es sich mit dem wachsenden Kult der Santa Muerte (des ‚heiligen
Todes‘), die in manchen Fällen auf Altären als weibliches Gegenstück zu Jesús
Malverde auftritt und die typischerweise vor wichtigen Vorhaben – etwa vor größeren
Schmuggeloperationen, aber mehr und mehr auch von nicht in den Drogenhandel
involvierten Personen – durch Geschenke und Riten günstig gestimmt werden soll.77

6. Kriminalität und Ausnahmezustand im Modernisierungsprozess

Neben die traditionellen Elemente der narcocultura sind in den letzten Jahren neuartige
Phänomene getreten, die im Kontext mit dem sowohl extensiven als auch intensiven
Anwachsen der Kartellgewalt zu sehen sind. Einige Analysten bezeichnen diesen Pro-
zess als eine Art „Prätorianerrevolte“ der bewaffneten Teilorganisationen der Kartelle,
die sich in mehreren Fällen gegen ihre ursprünglichen Dachorganisationen wandten und

73 Pérez-Rayón 2006, S. 145-150.


74 López 2009, S. 133f.
75 Pérez-Rayón 2006, S. 155. Tatsächlich beträgt aktuellen Untersuchungen zufolge die durchschnitt -
liche Karrieredauer eines mexikanischen Auftragsmörders nur etwa drei Jahre, sie endet typischer -
weise tödlich oder – in relativ wenigen Fällen – durch Inhaftierung, so Rios 2010.
76 López 2009, S. 133f.
77 Vgl. Villarreal 2009.
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diesen gegenüber gewaltsam die Vorherrschaft beanspruchten – die bekanntesten
Beispiele sind die bereits genannten Zetas sowie die Organisation der Gebrüder Beltrán
Leyva, deren Anführer Arturo im Dezember 2009 medienwirksam von der mexika-
nischen Marineinfanterie erschossen wurde.78 Noch deutlicher wird der veränderte
Charakter des Konflikts im Fall der Familia Michoacana, die über die drastische
Gewaltbereitschaft hinaus auch Züge einer extremistischen Sekte trug: die Angehörigen
werden bei Bibelstunden in die Theologie des evangelikalen amerikanischen Predigers
John Eldredge indoktriniert und zum Verzicht auf Drogen und Alkohol gezwungen. Die
Rekrutierung neuer Mitglieder erfolgt im Rahmen der Missionierung insbesondere unter
Strafgefangenen und Patienten in Suchtkliniken. Anstelle einer Gewinnbeteiligung oder
Einzelzahlungen für geleistete Dienste erhalten sie einen regelmäßigen, recht groß-
zügigen Sold, müssen aber weiter an der religiösen Indoktrination teilnehmen.79
Entstanden ist die Familia Michoacana vermutlich aus Gruppen von Vigilanten, die
ihre Region vor dem Eindringen der Zetas beschützen wollten – bis heute beanspruchen
sie eine Rolle als Verteidiger ihres Bundesstaats gegen Kriminelle, so werden etwa
Diebe und Drogenverkäufer öffentlich verprügelt oder hingerichtet. Daneben verteilen
sie Berichten zufolge auch Bibeln in öffentlichen Gebäuden und vergeben Kleinkredite
an Landwirte und Kleinunternehmer – hier tritt wieder der parastaatliche Charakter
mancher Kartelle hervor – dennoch handelt es sich, gemessen an ihrer Größe, um die
wohl gewalttätigste Gruppe in Mexiko.80
Bei diesen neuen ‚paramilitärischen‘ Kartellen handelt es sich ganz offensichtlich nicht
mehr um die sich auf finanziellen Gewinn (und soziale Anerkennung) konzentrierenden
Gruppen der 70er oder 80er Jahre. Diese ordneten die Gewaltanwendung zum Einen der
kommerziellen Logik und darüber hinaus wie oben beschrieben impliziten gewaltlimi-
tierenden Regeln unter, allenfalls kam es zu eher atavistischen, duellartigen Racheakten
bei empfundenen Vergehen gegen die persönliche Ehre. Die neue Logik ist eine der
kollektiven Gewaltausübung, der Vergeltung und Gegenvergeltung. 81 Dies wird auch in
einer neuartigen Ästhetik der Gewalt sichtbar: anstelle der alten cowboyartigen Klei-
dung mit diversen Luxusaccessoires nebst Maschinenpistolen mit Goldrand werden bei
getöteten oder gefangengenommenen Kartellmitgliedern mittlerweile häufig uniform-
artige Kleidungsstücke – inklusive Einheitsabzeichen und die Kartellzugehörigkeit
symbolisierende Wappen – gefunden, in einigen Fällen auch mit diesen gekennzeich-
nete Standarten und Fahrzeuge.82 Diese Veränderung der Symbolik scheint auf einen
tiefgreifenderen Wandel in der Selbstwahrnehmung der Akteure hinzudeuten: vom teuer
gewandeten, radikal individualistischen, smarten Aufsteiger, der seinen eigenen finan-

78 Logan/Sullivan 2010.
79 Grayson 2009.
80 Grayson 2009a.
81 Jimenez 2007, S. 17.
82 Gómez 2010a.
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ziellen Gewinn verfolgte und einem basalen Ehrenkodex gehorchte, hin zum unerbitt-
lichen paramilitärischen Kämpfer gegen die Staatsgewalt, der auch terroristische
Gewaltformen nicht scheut. Geblieben ist indes das Phänomen der Inkaufnahme des
eigenen Todes bei Aktionen gegen Konkurrenten und staatliche Kräfte, die von einem
Analysten bereits mit der Todesverachtung nahöstlicher Selbstmordattentäter verglichen
wurde.83 Insofern ist die Rede von „Narco-Terrorismus“ durchaus mehr als lediglich
eine rhetorische Strategie zur Gewinnung von US-amerikanischer finanzieller Unter-
stützung im Kampf gegen die Kartelle.84 Vielmehr erfasst der Begriff durchaus einen
neuen Aspekt sowohl in der Praxis als auch in der Selbstbeschreibung dieser Organi-
sationen. Sie wird auch sichtbar an dem Wandel der Botschaften, die durch die bereits
erwähnten narcomantas verbreitet werden: enthielten diese noch vor einigen Jahren
meist Botschaften, die auf die behaupteten Verfehlungen konkurrierender Gruppen oder
einzelner Mitglieder der eigenen Organisation hinwiesen, so sind neben diese in letzter
Zeit Botschaften getreten, die regionale Herrschaftsansprüche gegenüber der Staats-
gewalt geltend machen und zum Teil explizite politische Entscheidungen einfordern. 85
In einem Text, dessen Veröffentlichung in einer Regionalzeitung durch Gewalt-
drohungen erpresst wurde, wurde ein „Pakt“ der Regierung mit der Kartellen für
notwendig erklärt.86
Mit diesem explizit gegen die Legitimität der mexikanischen Staatsgewalt gerichteten
Fokus einiger Kartelle erscheint eine Erklärung der terroristischen Gewaltformen durch
Synmorphie – also eine zweckfreie, nicht strukturell bedingte, reine Imitation von
zeitgleich etwa im Nahen Osten auftauchenden Gewaltformen – als eher zweifelhaft.87
Eher dürfte es sich um eine Reaktion auf den strukturellen Wandel der mexikanischen
Gesellschaft handeln, der die vormalige Integration der Kartelle in ökonomische und
vor allem politische Strukturen prekär werden lässt. In der „postrevolutionären“ Epoche
– also unter dem Einparteienregime der PRI – kam dem politischen System Mexikos
jenseits des Treffens kollektiv bindender Entscheidungen eine „Hyperfunktion“ der
Garantie der übergreifenden sozialen Ordnung im Sinne der Bestimmung des ökono-
mischen Status von Gruppen und Personen sowie der Entscheidung jeglicher sozialer
Konflikte zu.88 Diese Dominanz politischer Entscheidungen insbesondere gegenüber
rechtlichen Codierungen lässt sich mit Marcelo Neves als typisches Phänomen der
„peripheren Moderne“ beschreiben, in dem an die Stelle von für die „zentrale Moderne“
typische Form der funktionalen Differenzierung – und dementsprechend der rechtlich
vermittelten und dementsprechend generalisierten Erwartungen und Erwartungserwar-
tungen – die Inklusion (bzw. dementsprechend die Exklusion) von Personen durch

83 Campbell 2009, S. 27.


84 So aber z.B. Schneiker 2009, S. 85.
85 Vgl. Córdova 2008, S. 23.; Ramirez 2008.
86 Jiménez 2010.
87 Eine solche Erklärung bevorzugt etwa Pacheco 2009, S. 1032f.
88 Millán 2008, S. 164.
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personalisierte Machtstrukturen tritt.89 Eben darin liegt ein ständiger, generalisierter
Ausnahmezustand im Sinne der überrechtlichen Verfügungsgewalt über Inklusion und
Position in derartigen klientelistischen Netzwerken.
Die klassischen Kartelle (von Tijuana, Juárez, Sinaloa usw.) fungierten in diesem Sinne
als Mechanismen zur politischen Inklusion peripherer Gebiete und vor allem illegaler
ökonomischer Gewinnmöglichkeiten in klientelistische Verteilungs- und Herrschafts-
strukturen und konnten insofern – unabhängig von der gelegentlichen Verhaftung von
Kartellanführern, die ihre Grenzen überschritten hatten – mit einer gesicherten sozialen
Funktion und stabilen Rahmenbedingungen für ihre Aktivitäten rechnen. Mit der Demo-
kratisierung des mexikanischen politischen Systems wurde die Inklusion der Kartelle in
die staatlichen Strukturen mehr und mehr hinfällig. Innerhalb der Eigenlogik ausdiffe-
renzierter politischer und rechtlicher Systeme ist für die proto-feudale Struktur der
klassischen Kartelle als regionaler Integrationsmechanismen kein Platz mehr – rechtlich
treten sie als Delinquenten, politisch als illegitime Konkurrenz um Entscheidungs-
kompetenzen in Erscheinung. Somit stehen die Kartelle unter dem bereits beschriebenen
Transformationsdruck, sich entweder zu kleinteiligeren, weitgehend unauffälligen Netz-
werken der organisierten Kriminalität zu entwickeln – oder aber die Konfrontation zu
suchen, um ihren Herrschaftsanspruch offen durchzusetzen. In der Terrorismus-
forschung wurde in anderen empirischen Kontexten bereits die Bedeutung der Gewalt
nach außen zur Erhaltung der internen Macht- und Solidaritätsstrukturen hervor-
gehoben, und eben diese Erklärung scheint auch für die Gewalt der mexikanischen
Kartelle an Plausibilität zu gewinnen.90 Der Terrorismus der Kartelle wäre dann zu
deuten als der Versuch, ungeachtet der gesellschaftlichen Evolution Mexikos die eigene
– auf die Bedingungen der Sozialstruktur der peripheren Moderne angewiesene –
Organisationsweise zu erhalten. Der permanente Ausnahmezustand wird gefährdet
durch den Einbruch der durch funktionale Differenzierung und unpersönliche Macht-
ausübung gekennzeichneten Moderne.
Ungeachtet der Eskalation der Gewalt kann von einem Kollaps des mexikanischen
Staates aber keine Rede sein – im Gegenteil, in zahlreichen Regionen des Landes ist der
Konflikt kaum zu bemerken.91 Trotz gelegentlicher wirtschaftlicher Krisenerscheinun-
gen und den Betrugsvorwürfen um die Präsidentschaftswahlen 2006 und 2012 werden
die demokratischen Institutionen allgemein als stabil betrachtet.92 Eher könnte es sich
bei der ausufernden Gewalt um die temporäre Nebenfolge eines insgesamt recht
erfolgreich verlaufenen Modernisierungsprozesses handeln. Mit dessen Fortschreiten

89 Neves 2007, S. 206f.


90 Abrahms 2008, S. 95f.
91 Die Mordrate in Mexiko ist insgesamt immer noch wesentlich niedriger als im allgemein als
Erfolgsmodell betrachteten Brasilien, in manchen Bundesstaaten ist sie niedriger als in Kanada;
siehe The Economist 2010. In Mexico City stellt sich die Sicherheitslage immer noch als erhebliche
Verbesserung gegenüber der Straßenkriminalität der 1980er Jahre dar.
92 Grayson 2007, S. 291.
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werden für die Kartelle zwei Optionen sichtbar: entweder sie passen sich an die
veränderten Rahmenbedingungen an, indem sie ihre regionalen Herrschaftsansprüche
zugunsten rein profitorientierter, klandestiner Tätigkeit zurückstellen – zugunsten eines
konsensualen Modells, welches sich am deutlichsten in der aktuellen Entwicklung des
Sinaloa-Kartells abzuzeichnen scheint. Dieses hat sich angesichts der Verluste der
gewaltbereiteren Organisationen und der Konzentration der staatlichen Kräfte auf diese
allmählich zum dominanten Faktor im eigentlichen Kerngeschäft der Kartelle ent-
wickelt.93 Die Alternative wäre eine Transformation hin zu regionalen Gewaltakteuren,
die durch Terrordrohungen gegen Politiker und Bevölkerung ihre Machtposition
sichern, dabei aber auch parastaatliche Ordnungsleistungen erbringen müssen – wie sich
dies in der Operationsweise der Familia Michoacana, die sich mittlerweile unter staat-
lichem Druck radikalisiert hat und nunmehr unter der Bezeichnung „Tempelritter“
firmiert, äußert. Unter demokratisch-normativen Aspekten wäre die erste Option
vermutlich in jedem Fall vorzuziehen – solange jedenfalls die Prohibition bestimmter
Rauschmittel andauert, ist angesichts der zu erzielenden Gewinne mit der Existenz des
Drogenhandels zu rechnen. Die Frage für Mexiko ist gegenwärtig, wie sich unter den
Bedingungen demokratischer Politik und sich entwickelnder Rechtsstaatlichkeit die
Nebenfolgen seiner Aktivitäten minimieren lassen.
Die Regierung des 2012 gewählten Präsidenten Enrique Peña Nieto hatte angekündigt,
anstelle des militarisierten Kampfs gegen die Kartellorganisationen und der gezielten
Jagd auf deren Anführer den Blick auf die allgemeine öffentliche Sicherheit zu richten –
mithin also einen Schritt weg vom Ausnahmezustand zu tun und normale, rechts-
staatliche Kriminalitätsbekämpfung zum Maßstab des Erfolgs zu machen. 94 Die
Erfolgsaussichten dieser Politik sind gegenwärtig recht unklar – sie verfehlt vermutlich
auch die in diesem Beitrag rekonstruierte Handlungslogik der kriminellen Organisatio-
nen, die für die Kontinuität ihrer profitablen Geschäfte eben auch das stabile Arran-
gement mit politischen Akteuren suchen müssen. Ein solches kann es aber unter der
Voraussetzung von Rechtsstaatlichkeit und regelmäßiger demokratischer Machtwechsel
auf allen politischen Ebenen nicht dauerhaft geben – die mexikanischen Kartelle sind
Produkte und Verteidiger eines postkolonialen, vordemokratischen Ausnahmezustands,
und der blutige Prozess ihres Verschwindens letztlich Teil einer politischen Moder-
nisierung, die sich in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Bereichen strukturell
ähnlich, wenn auch unblutig abspielt. Die Möglichkeiten der Politik, auf diesen gesell-
schaftlichen Wandel steuernd oder auch nur beschleunigend einzugreifen, dürften
begrenzt sein. Gleichzeitig hat sich mit der Stabilität der mexikanischen politischen
Institutionen und der durchaus zufriedenstellenden wirtschaftlichen Entwicklung aber
gezeigt, dass auch demokratische Staaten mit einem geographisch und sozialstrukturell

93 Vgl. Carrasco 2010, S. 13.


94 Althaus 2013.
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begrenzten Ausnahmezustand umgehen und diesen eventuell sogar als Treiber für
weitergehende, dringend benötigte institutionelle Reformen im Sicherheits- und Justiz-
bereich nutzen können.

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Die Humanisierung des internationalen Rechts
aus der Perspektive des Ausnahmezustands

Pedro Villas Bôas Castelo Branco1

1. Einleitung: Humanisierung und Ausnahme

Die Globalisierung2 des Kriegs gegen den Terror, der Wirtschaftskrisen, der Massenar-
beitslosigkeit, der Umweltschäden wird häufig als Ausnahmezustand bezeichnet. Heute
ist es zum Gemeinplatz geworden, vom wirtschaftlichen Ausnahmezustand,3 vom glo-
balen Ausnahmezustand, vom ständigen Ausnahmezustand,4 vom universellen Kriegs-
zustand,5 vom ständigen Bürgerkrieg,6 etc. zu reden. Durch die kontinuierlichen wirt-
schaftlichen, humanitären und ökologischen Krisen und die Häufigkeit der Kriege und
terroristischen Aktionen sind die Grenzen zwischen Normalität und Anormalität durch-
lässig geworden. Das Verblassen der Linien, welche die Grenzen zwischen Nomos und
Gesetzlosigkeit, zwischen Regulärem und Irregulärem, zwischen Vorhersehbarem und
Unvorhersehbarem zu ziehen fähig wären, offenbaren tiefgreifende Veränderungen in
der globalen Politik. Diesem Eindruck – dessen Beschreibung das Bild einer Welt proji-
ziert, der es an einem Minimum an Normalität, Ordnung und Stabilität fehlt – steht ein
Szenario gegenüber, das von den Ideen einer humanistischen Quelle des internationalen
Rechts entworfen wird. Ihre zentrale These besagt, dass das Auftreten neuer Akteure
und neuer Normen auf der Bühne der Weltpolitik die Bewegung der Humanisierung des
internationalen Rechts und den Prozess der Internationalisierung der Menschenrechte
angestoßen habe.
Um diese Veränderungen zu untersuchen sollen im Folgenden diese beiden Denkrich-
tungen miteinander zu konfrontieren. Deren erste wird von Autoren vertreten, deren Ar-
beiten sich Gedanken über die Ausnahme machen und diesen Begriff anwenden, um die
Dynamik des Kampfes um die Errichtung einer Ordnung in der Weltpolitik zu verste-
hen. Diese Denkrichtung nenne ich „Ausnahmetheorie”.7 Sie wird, unter anderen, von

1 Übersetzung aus dem Brasilianischen von Markus André Hediger.


2 Hier drängt sich Virilios Frage auf: „Totalität oder Globalität? Man kommt nicht umhin sich zu fra-
gen, was hinter dem Ausdruck der Globalisierung steckt, der ununterbrochen wiederholt wird.”
3 Siehe Bercovici 2004, S. 149-180. In dieser Arbeit legt der Autor seine These dar, wonach an der Pe-
ripherie ein permanenter wirtschaftlicher Ausnahmezustand herrschte. Siehe diesbezüglich auch
Reiner Hanks Artikel „Der Ausnahmezustand Europas”, in Frankfurt Allgemeine vom 12.08.2012.
4 Es existieren diverse andere Ausdrücke, deren Semantik einen dem Ausnahmezustand ähnlichen
Sinn aufweisen, so z.B. die globale Wirtschaftskrise, der globale Zustand, der permanente Notstand
etc.
5 Castelo Branco 1983, S. 17.
6 Negri 2003, S. 74.
7 Selbstverständlich weist das Denken dieser Autoren große Unterschiede auf, was sie aber alle ge-
meinsam haben, ist die Bedeutung, die sie dem Antagonismus beimessen, wonach es unmöglich ist,
den Extremfall der existenziellen Konflikte aus der politischen Praxis und Reflexion fernzuhalten.
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Carl Schmitt, Giorgio Agamben, Alain Benoist, Reinhart Koselleck, Gilberto Bercovici
und Chantau Mouffe vertreten. Für die zweite Denkrichtung, die ich hier die humanisti-
sche8 nennen werde, stehen Jürgen Habermas, John Rawls, Norberto Bobbio, Cançado
Trindade, Celso Lafer, Thomas Buergenthal, Flávia Piovesan und Andere. Ihr wesentli-
ches Merkmal ist die Verteidigung der Humanisierungsbewegung des internationalen
Rechts und der Internationalisierung der Menschenrechte. Die Humanisierung ist das
zentrale Element einer Vorstellung der internationalen Beziehungen, welcher der Glau-
be an die Substitution des klassischen jus gentium durch ein neues jus gentium zugrun-
de liegt, dessen fundamentales Merkmal die Erhebung des Prinzips der Würde des Men-
schen zum vorrangigen Zweck der Konkretisierung des internationalen Rechts ist. Die
Würde des Menschen oder die Aufwertung der Menschheit als Ziel an sich wäre demzu-
folge ein ethischer Imperativ, der in der Lage wäre, die Normierungen des internationa-
len Rechts zu definieren und abzugleichen und den juristischen Entscheidungen der in-
ternationalen Gerichtshöfe das rechte Maß an die Hand zu geben. In der humanistischen
Perspektive erscheint das Individuum als Subjekt von Rechten und Pflichten internatio-
naler Ordnung und als Hauptdarsteller auf der Bühne des neuen jus gentium, indem sie
die Menschheit zu einem Ziel an sich erhebt.
Diese Bekräftigung und Anerkennung der juristischen internationalen Persönlichkeit
und Fähigkeit des Individuums beruht auf dem Kantschen Ideal, dessen Drehpunkt in
der Übertragung der Metaphysik auf die Konkretisierung des Rechts besteht. Somit um-
schreiben „die Menschenrechte [...] also genau den Teil einer aufgeklärter Moral, der
ins Medium des zwingenden Rechts übersetzt und in der Gestalt effektiver Grundrechte
politische Wirklichkeit werden kann.9 So wäre es also möglich, eine Brücke zwischen
der Autonomie des Willens des freien und vernünftigen Subjekts und der mit dem
Zwangsrecht bewaffneten Heteronomie zu bauen.10 Die Einführung moralischer Werte
im Recht bedeutete also ihre Legitimierung auf der Grundlage eines universalisierbaren
Fundamentes, das in der Lage wäre, de Humanisierung des internationalen Rechts anzu-
stoßen und die Ausmerzung von Antagonismen zu beschleunigen. Man könnte jedoch
auch hervorheben, dass

die Einführung der moralischen Perspektive einen Konfliktkatalysator darstellt: wer als
bösartig eingeschätzt wird, ist es immer in irgendeiner Beziehung und nie nur in einigen
Augenblicken. Da es sich um einen Vereinfachungsprozess handelt, verallgemeinert die
Moral den Konflikt, da für sie die symbolisch verallgemeinerte Form des Guten und des
Bösen genügt, unabhängig von der Komplexität der zur Debatte stehenden Person.11

8 Ungeachtet der unterschiedlichen Nuancen im Denken dieser Autoren, gründen sie alle das Recht
auf universellen moralischen Werten und leugnen den unvernünftigen, agressiven und unergründli-
chen Charakter des Menschen.
9 Habermas 2011, S. 22.
10 Kant 2004, S. 65f.
11 Luhmann 2010, S. 53.
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Vom Standpunkt der Ausnahmetheoretiker aus gesehen ist das moralische Fundament,
auf dem die Theorie der Humanisierung des internationalen Rechts gründet, die „Hefe“,
die die Intensität der Konflikte übermäßig steigern und den Andern seiner menschlichen
Natur oder seines alter egos berauben kann. So gesehen, steht hinter der universalisie-
renden Denkrichtung der Menschenrechte die Unnachgiebigkeit in Bezug auf den Un-
terschied und den Ausschluss der Qualität des Menschlichen von den biologischen Le-
bewesen, deren gegensätzliche Stimmen „ein neues und wahres internationales Recht
der Menschheit“ ablehnen.12 Deshalb muss jede Art der Verleugnung wahrer universel-
ler moralischer Werte13 mit aller Schärfe kriminalisiert und überwunden werden. Je
mehr man also die Bewegung der Internationalisierung der Menschenrechte und die
Humanisierung des internationalen Rechts ausweitet, umso mehr vergrößern und ver-
schärfen sich die Gegensätze. Deshalb dreht sich die aktuelle Debatte im Bereich der
Weltpolitik um das Problem der humanitären Intervention, deren theoretische Grundla-
ge auf der Vorstellung des in einem System universeller moralischer Werte verankerten
Rechts beruht. Die militärische Intervention, die sich euphemistisch als „humanitär“
ausgibt, erfolgt in zunehmendem Masse ohne UN-Mandat, was einem Ausschluss der
Einrichtungen ihrer eigenen Charta gleichkommt. Ihre Anwendung stellt die Aufhebung
der grundlegendsten Normen, die auf dem Prinzip der Nicht-Intervention in nationalen
Angelegenheiten der UNO-Mitgliedstaaten gründen. Der Ausnahmezustand, dem die
Normen der Charta unterworfen werden, beruft sich auf ein absolutes moralisches Fun