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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde

Haupttermin

AUFGABE I

Materialien

M1 Grundgesetz

M2 Aus: Ijoma Mangold, Das neue Subproletariat


In: Süddeutsche Zeitung vom 09. Februar 2005

Die Bundesrepublik hat – historisch einmalig – eine Phase hoher sozialer Homogenität
erlebt. Es gab auch in den fünfziger bis achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
Armut, aber auch die Armen waren an der Wohlstandsdynamik des Landes beteiligt, sie
wurden gebraucht und sie waren Teil des Bildes der Gesellschaft von sich selbst. Damals
5 sprach der Soziologe Schelsky von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Diese Zeit
ist vorbei. Deutschland ist eine Klassengesellschaft.
Das neue Subproletariat ist im strengen Sinne eine Klasse, weil es eine hohe Menge an
Eigenschaften teilt, durch die man es als homogene Gruppe beschreiben kann. Ihm gehört
an, wer so gering qualifiziert ist, dass der immer anspruchsvoller werdende Arbeitsmarkt
10 keine Verwendung für seine Arbeitskraft hat. Die Industrien, die früher in großer Zahl
schlecht ausgebildete Hilfsarbeiter einsetzen konnten, sind durch die Globalisierung in
andere Länder abgewandert. Nur durch Bildung kann man heute an der Gesellschaft
partizipieren. Aber genau darin ist – wie mittlerweile allgemein bekannt – Deutschland so
schlecht wie kaum eine andere Industrienation: diejenigen am Bildungssystem
15 partizipieren zu lassen, die nicht selbst aus Familien mit Bildungserfahrung stammen.
Für das neue Subproletariat gibt es damit keine Perspektive eines sozialen Aufstiegs.
Dafür, dass man es in Wahrheit aufgegeben hat, stellt man es mit Sozialleistungen ruhig.
Das wiederum zeigt sich an den sehr einheitlichen Lebensformen des Subproletariats.
Liest man die entsprechenden Untersuchungen der empirischen Sozialforschung, stellt
20 sich ein einheitliches Bild dar: Die neuen Unterschichten sind kinderreich, aber sie kennen
kaum mehr stabile Familienverhältnisse. Sie schauen eklatant mehr Fernsehen als der
Bundesdurchschnitt und sie rauchen mehr (...). Sie ernähren sich ungesund und das
bevorzugt durch teures Fast Food. Sie sind oft übergewichtig, haben motorische Probleme
und betreiben weniger Sport als der Gesellschaftsdurchschnitt. Dafür geben sie große
25 Summen für Unterhaltungselektronik aus und sterben in der Regel zehn Jahre früher als
der Rest der Gesellschaft.
Das, was die Unterschichten von der Gesellschaft ausschließt, hat also wenig mit
materieller Unterversorgung zu tun. (...) Es sind die Prinzipien der Lebensführung, die in
erschreckender Weise divergieren.

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin

M3 Schichtung der Bevölkerung nach relativen Einkommenspositionen


Aus: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2004, S. 629

Verteilung der monatlichen Haushaltsnettoeinkommen


Deutschland insgesamt 1991 1994 1997 2000 2001 2002
(Mittelwert gesamt = 100%)

Relativer Wohlstand 13,0 12,3 11,1 12,2 12,9 12,5


(> 150%)
Gehobene Einkommenslage 10,5 10,8 10,0 10,7 9,6 9,9
(125 – 150%)
Mittlere Einkommenslage 39,4 41,6 44,0 43,4 44,2 41,0
(75 – 125%)
Prekärer Wohlstand 26,9 25,7 25,7 24,5 23,9 25,5
(50 – 75%)
Relative Armut 10,1 9,6 9,2 9,2 9,4 11,1
(0 – 50%)

M4 Bildungsbeteiligung 17-jähriger Jugendlicher nach sozialer Herkunft1


Aus: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2004, S. 493

Bildungsbeteiligung 17-jähriger Jugendlicher nach sozialer Herkunft im Jahr 2002


Hauptschule Realschule Gymnasium Gesamtschule
Insgesamt 24 34 37 5

Nach sozialer Herkunft1


Obere Dienstklasse2 10 17 71 2
Untere Dienstklasse3 21 42 32 5
Ausführende 27 28 45 0
nichtmanuelle Berufe4
Arbeiterelite5 32 41 22 5
Facharbeiter(*) 37 29 24 8
Un- und angelernte 42 25 23 10
Arbeiter
Versorgungsklasse6 28 40 24 8

1 Nach Beruf des Haushaltsvorstandes


2 Höhere Beamte, Leitende Angestellte, Selbständige mit Angestellten
3 Gehobene Beamte, mittlere Angestellte
4 Übrige Angestellte
5 Arbeiter mit Leitungsfunktion wie Meister
6 Empfänger von Sozialtransfers
(*) Differenz zu 100% ergibt sich aus Rundungsverlusten

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin

Aufgaben:
Verrechnungspunkte:

1. Der Autor von M 2 spricht von einem „neue[n] Subproletariat“ (Z. 16)
in der Bundesrepublik.
Arbeiten Sie aus dem Text die Merkmale heraus, die dieses Sub-
proletariat kennzeichnen. 8 VP

2.a) Analysieren Sie die Entwicklung der Einkommensverteilung nach M 3. 12 VP

b) Prüfen Sie, ob sich die These von der Entwicklung eines neuen Sub-
proletariats (M 2) mit den Daten aus M 3 belegen lässt. 6 VP

3. Überprüfen Sie anhand von M 4, ob sich der in M 2 beschriebene


Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung
belegen lässt. 10 VP

4. In M 2 werden verschiedene Gesellschaftsmodelle angesprochen.


Beschreiben Sie eines davon, und beurteilen Sie, inwieweit solche
Modelle geeignet sind, die Struktur einer Gesellschaft abzubilden. 12 VP

5. In M 2, Z. 12f. heißt es: „Nur durch Bildung kann man heute an der
Gesellschaft partizipieren.“
Erörtern Sie diese Aussage. 12 VP
_____
60 VP

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin

AUFGABE II

Materialien

M1 Grundgesetz

M2 Aus: Ulrich Rose, Abseits der Politik


In: Badische Zeitung vom 25.09.2004

Die Szene wiederholt sich mittlerweile an jedem Wahlabend. Kaum liegen erste
Hochrechnungen und Trendmeldungen vor, da wird in getragener Tonlage die Abkehr der
Bürger von der Politik konstatiert, wird raunend gar eine Krise der Demokratie
beschworen. Belege dafür, so scheint es, gibt es reichlich: immer mehr Wahlenthaltungen,
5 Abkehr von den etablierten Parteien, Erfolge der Schnauze-voll-Extremisten.
Nicht, dass diese Diagnosen gänzlich falsch wären. Aber sie übersehen, wie politisch
lebendig es zugeht in der Republik – abseits der etablierten Politik, der Partei-
gremienroutine und der Ortsvereinsödnis. Zwar ziehen sich viele ins Private zurück, doch
wachsen bei immer mehr Menschen die Bereitschaft und der Wille, sich einzumischen, die
10 Dinge mitzugestalten. Das hat viele Facetten. (...) Im Schatten der so genannten großen
Politik etabliert sich die Bürgergesellschaft, die „civic society“. (...) Gemeint ist irgendwie
die Eigenverantwortung der Bürger, aber auch deren Anspruch, sich einzumischen,
beteiligt zu sein, mitzuentscheiden. So entsteht, mühselig genug, nicht nur eine neue
Kultur bürgerlicher Teilhabe, sondern zugleich auch eine Kultur der Vielfalt. Eine, in der
15 sich Einzelne nicht mehr dauerhaft verpflichten, sondern oft genug nur für einzelne
Projekte, aus ganz konkretem Anlass zusammenfinden. (...)
Die Bürgergesellschaft, die sich im Zwischenraum zwischen dem Privaten und dem
Staatlichen entwickelt, betreibt damit auch so etwas wie die Rückeroberung der
Gesellschaft. Gegen einen Staat, der in immer mehr Bereiche immer weiter vordringt,
20 dessen Bürokratie das Netz der Vorschriften und Bevormundungen immer dichter knüpft,
schaffen engagierte, verantwortliche Bürger ein Gegengewicht. Eines, das nicht zwangs-
läufig ein Gegensatz sein muss, sondern eines, das die in die Jahre gekommenen
politischen Institutionen ergänzt. So erfährt die angeblich entpolitisierte Gesellschaft genau
von dieser Ebene her eine neue Politisierung. Deren Akteure aber begnügen sich immer
25 weniger damit, gnädig oder auch ungnädig angehört zu werden. Sie fordern zu Recht,
auch mitzuentscheiden, abzustimmen in den Fragen, die sie angehen. Und zwar nicht nur
an Wahltagen.

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin

M3 Aus: Ingo Moll, Die Parteiendemokratie in Deutschland ist nicht am Ende


In: Neue Züricher Zeitung vom 07.09.2004

Die politischen Parteien in Deutschland sind nicht attraktiv. Vor allem die großen
Volksparteien CDU/CSU und SPD leiden unter Mitgliederschwund, einem negativen
öffentlichen Image und sinkendem Vertrauen in ihre Fähigkeit, die anstehenden Probleme
zu bewältigen. Neue Netzwerke gesellschaftlichen Engagements bilden sich heraus:
5 Initiativen, „Nischen-NGOs“, akademische „Think-Tanks“. (...)
Die öffentliche Debatte in Deutschland ist durch diese Netzwerke ohne Zweifel reicher
geworden. Fatal wäre es jedoch, daraus einen Gegensatz zwischen den vermeintlich
altbackenen, unbeweglichen und bürgerfernen Parteien einerseits und den modernen,
flexiblen, an praktischer Problemlösung interessierten und bürgerschaftlich fundierten
10 Organisationen andererseits zu konstruieren. (...) Während sich die mediale Wahr-
nehmung von Parteipolitik auf die Parteispitze konzentriert und wenig trennscharf Partei,
Staat und Fraktion präsentiert, ist die parteipolitische Realität eine andere: Sie vollzieht
sich im Falle der SPD beispielsweise in mehr als 12.000 Basisorganisationen, die sich
insbesondere mit den konkreten Problemen am Ort beschäftigen. Das ist bürger-
15 schaftliches Engagement par excellence. (...)
Gesucht wird eine neue Balance von Bürgerinitiative und Partei, von Öffentlichkeit und
Privatheit. Dabei haben die politischen Parteien die Idee der „Bürgergesellschaft“
zumindest programmatisch längst entdeckt: Stichworte wie Eigenverantwortung und
Selbstvorsorge sind längst feste Bestandteile der alltäglichen politischen Debatten. Es ist
20 klar geworden, dass die gesellschaftlichen Verteilungsfragen ohne bürgerschaftliche
Subsidiarität nicht mehr zu lösen sind. (...)
Gleichzeitig bemühen sich die Parteien, ihre Arbeitsweisen auf die veränderten
Bedürfnisse bürgerschaftlichen Engagements einzustellen. Die Stärkung von situativen
oder thematisch begrenzten Mitwirkungsmöglichkeiten jenseits einer verbindlichen
25 Mitgliedschaft, die Öffnung der Strukturen der Gremien und die Professionalisierung der
eigenen Funktionsträger stehen hier auf der Agenda. Vermutlich werden sie die
Geschwindigkeit der eigenen Veränderung erhöhen müssen, denn sie werden auch in
Zukunft gebraucht: Das „Politische“ verschwindet nicht. Die Fragen nach der Zuteilung von
Lebenschancen und Realisierung von Chancengerechtigkeit müssen auch in der
30 „Bürgergesellschaft“ geklärt werden. (...)
Partei und „Bürgergesellschaft“ sind keine Gegensätze. Sie sind aufeinander angewiesen.
Sie stehen aber auch in einem Spannungsverhältnis zueinander. (...)

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin

Aufgaben:
Verrechnungspunkte:

1. M 2 beschäftigt sich mit der Bürgergesellschaft in der Demokratie.


Arbeiten Sie heraus, was der Autor darunter versteht. 8 VP

2. Beschreiben Sie, wie der Autor von M 3 das Verhältnis von Bürgerge-
sellschaft und politischen Parteien sieht. 8 VP

3. Vergleichen Sie mit Hilfe geeigneter Kriterien bürgergesellschaftliche


Gruppierungen und politische Parteien im Hinblick auf ihre Mitwirkung
am politischen Willensbildungsprozess. 12 VP

4. Erläutern Sie, welche anderen Möglichkeiten der Partizipation außer dem


Engagement in politischen Parteien das Grundgesetz (M 1) vorsieht. 10 VP

5. Stellen Sie – unter Berücksichtigung von M 2 und M 3 – Symptome und


Ursachen der behaupteten „Krise der Demokratie“ (M 2, Z. 3) dar. 10 VP

6. Erörtern Sie, inwieweit die Bürgergesellschaft geeignet ist, der „Abkehr


der Bürger von der Politik“ (M 2, Z. 2f.) entgegen zu wirken. 12 VP
_____
60 VP

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin – Lösungshinweise – Aufgabe I
Bearbeitet von Wilhelm Deeg

AUFGABE I
1. Das neue Subproletariat ist für den Autor von M 2 eine homogene Gruppe mit
spezifischen gemeinsamen sozialen Merkmalen und Lebensformen und kann somit
im strengen Sinne als Klasse bezeichnet werden. Merkmale dieser Klasse sind für
ihn: geringerer Qualifikation folgen Ausschluss vom Arbeitsmarkt (vgl. Z. 9f.), sozial
bedingte Bildungsdefizite (vgl. Z. 14f.), Kinderreichtum, instabile Familienverhältnisse
(vgl. Z. 21) und „keine Perspektive eines sozialen Aufstiegs“ (Z. 16). Die empirische
Sozialforschung habe Besonderheiten in der Lebensführung festgestellt wie über-
durchschnittlichen Fernsehkonsum, ungesunde Ernähung, Übergewichtigkeit, zu
wenig Bewegung, hohe Ausgaben für Unterhaltungselektronik und geringere
Lebenserwartung (Z. 21ff.).

2.a) M 3 stellt die Entwicklung der Verteilung der Bevölkerung nach relativen Ein-
kommensgruppen im Zeitraum von 1991 bis 2002 dar. Als Maßstab wird die
prozentuale Abweichung vom Mittelwert verwendet.
Erwartet wird keine bloße Wiedergabe der Zahlen, sondern dass die wesentlichen
Veränderungen der Entwicklung erkannt und dargestellt werden.
Im Vergleich der Jahre 1991 und 2002 ist eine Zunahme bei der „mittleren
Einkommenslage“ (1,6%) und bei der „relativen Armut“ (1,0%) festzustellen.
Demgegenüber hat der „relative Wohlstand“ in dieser Zeit um 0,5%, die „gehobenen
Einkommenslagen“ um 0,6% und der „prekäre Wohlstand“ um 1,4% abgenommen.
Über den ganzen Zeitraum waren die Veränderungen bei „mittlerer Einkommens-
lage“ mit Werten über 2% am größten, bei „relativer Armut“ am geringsten.
Signifikant sind die Veränderungen zwischen 2001 und 2002: Die „mittlere
Einkommenslage“ nimmt um 3,2% ab, aber die Einkommenslagen „prekärer
Wohlstand“ und „relative Armut“ legen um 1,6% bzw. 1,7% zu. Dies hat auch zur
Folge, dass sich die Reihenfolge der einzelnen Gruppen verschiebt: „gehobene
Einkommenslage“ und „relative Armut“ tauschen die Plätze.

2.b) Der Autor von M 2 vertritt die These von der Entwicklung eines neuen Sub-
proletariats. M 3 zeigt, dass die einkommensschwachen Schichten seit 2001, wenn
auch gering, so doch zugenommen haben. Dies würde die These von M 2
bestätigen.
M 2 führt als Beleg für seine These spezifische soziale Merkmale und Lebensformen
an. Sie lassen sich mit der Tabelle nicht prüfen. Dazu müssten Daten zu
Lebensstilen dieser Gruppe herangezogen werden. Darum sollte das Ergebnis der
Überprüfung binär sein.

3. M 2 behauptet in Z. 13ff., dass es in Deutschland einen Zusammenhang zwischen


sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung gibt. So partizipieren besonders diejenigen
nicht am Bildungssystem, die aus bildungsfernen Familien stammen. M 4 stellt die
Bildungsbeteiligung 17-jähriger Jugendlicher nach sozialer Herkunft im Jahre 2002
dar. Daraus ergibt sich im Sinne der Aufgabenstellung folgendes:
24% aller Jugendlichen besuchten Hauptschulen, 34% Realschulen und 37%
Gymnasien. Die Obere Dienstklasse war mit mehr als zwei Drittel ihrer Kinder im
Gymnasium und mit nur 10% in der Hauptschule vertreten. Dagegen besuchten zu

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin – Lösungshinweise – Aufgabe I
Bearbeitet von Wilhelm Deeg

42% Kinder aus der Schicht der un- und angelernten Arbeiter die Hauptschule und
nur zu 23% das Gymnasium. Umgekehrt fanden sich die meisten Jugendlichen aus
sogenannten bildungsfernen Familien in der Hauptschule.
Dies belegt die Aussage von M 2 mit der Einschränkung, dass hier fehlende
Angaben über den prozentualen Anteil der einzelnen Schichten an der Gesamt-
bevölkerung das Ergebnis noch transparenter machen könnten.
Auffällig ist, dass Jugendliche aus der Versorgungsklasse zu 40% die Realschule
besuchen und damit mehr als aus der Gruppe der un- und angelernten Arbeiter. Dies
widerspricht aber nicht der These, da die Empfänger von Sozialtransfers auch aus
bildungsnahen Schichten stammen können, so z.B. qualifizierte Empfänger von
Arbeitslosenhilfe oder Berufsunfähigkeitsrente.

4. In M 2 werden – je nach Interpretation – drei Gesellschaftsmodelle angesprochen:


„die nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Z. 5), die „Klassengesellschaft“ (Z. 6) und
die durch Prinzipien der Lebensführung geprägte milieuorientierte Schichtungs-
gesellschaft (Z. 19). Eines der Modelle ist zunächst zu beschreiben.
Beschreibungsmerkmale sind Kriterien der Zuordnung zu bestimmten sozialen
Gruppen (Klassen, Schichten, Milieus) sowie die Möglichkeit zur horizontalen und
vertikalen Mobilität.
Das Klassenmodell teilt die Gesellschaft in zwei antagonistische Klassen ein. Sie ist
eine dichotomische Gesellschaft. Kriterium ist der Besitz oder Nichtbesitz (Marx) von
Produktionsmitteln. Mobilität zwischen diesen Klassen findet vorwiegend als sozialer
Abstieg statt. Schichtenmodelle differenzieren die Gesellschaft nach Bildung, Beruf,
Einkommen und Sozialprestige. Horizontale und vertikale Mobilität sind möglich.
Milieumodelle erweitern diese Kriterien um subjektive Kategorien wie Verhaltens-
weisen, Lebensstile und Wertorientierungen, wobei sich die einzelnen Milieus
teilweise an ihren Rändern überschneiden. Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft ist
das Ergebnis sozialer Auf- und Abstiegsprozesse, die zu einem Abbau der
Klassengegensätze führte, zu einer sozialen Nivellierung der Gesellschaft in einer
breiten Mittelschicht mit verhältnismäßig einheitlichem Lebensstil (Schelsky).
Bei der Beurteilung sollte dargestellt werden, was Modelle zur Sozialstruktur leisten
und wo ihre Schwächen liegen. Allgemein bieten Modelle ein vereinfachendes
Grundraster unter einem bestimmten Bezugspunkt. Die Auswahl der Kriterien ist
normativ und unterliegt Veränderungen. Damit sind die Modelle zeitlich und inhaltlich
begrenzt aussagekräftig. Sie bieten andererseits eine Arbeitsgrundlage zur
Verdeutlichung sozialer Unterschiede und sozialer Veränderungen.

5. Der Schüler/die Schülerin soll hier den Zusammenhang zwischen Bildung und
Teilhabe an der Gesellschaft erörtern.
Bildung kann man dabei als das verstehen, „was Menschen befähigt in ihrer Welt zu
leben“ (Bildungsplan Baden-Württemberg 2004). Partizipation an der Gesellschaft
bedeutet Teilhabe am wirtschaftlichen, kulturellen, politischen und sozialen Leben
einer Gesellschaft.
Als Argumente für diese These könnten z.B. angesprochen werden: Moderne
Gesellschaften verlangen als „Wissensgesellschaften“ zunehmend kognitive,
personale und soziale Kompetenzen, d.h. Wissen und Können werden zum
entscheidenden Faktor. Höhere Bildung bedeutet in der Regel höhere soziale
Stellung, höheres Einkommen und damit bessere Konsum- und Lebenschancen,

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin – Lösungshinweise – Aufgabe I
Bearbeitet von Wilhelm Deeg

mehr Lebensqualität. Sie verschafft mehr Arbeitsplatzssicherheit und berufliche


Zufriedenheit. Körperliche Arbeit wird geringer, die Lebenserwartung steigt. Das
zeigen empirische Studien und die Tatsache, dass ältere Menschen bis ins hohe
Alter z.B. noch beruflich, geistig oder im sozialen Bereich aktiv sind. Diese
Argumentation kann modifiziert werden. Globalisierung und Verlagerung von
Arbeitsplätzen ins Ausland verunsichern. Wachsende Belastung im Job bedeuten
Stress mit oft negativen Folgen – physisch und psychisch.
Als Gegenargumente könnten z.B. angesprochen werden: Auch Menschen mit
geringerer Bildung haben die Möglichkeit, sich in gesellschaftlichen Gruppen wie
Kirchen, Vereinen etc. zu engagieren. Die Bereiche Sport und Unterhaltung bieten
Menschen mit besonderen Fähigkeiten bisweilen die Möglichkeit, eine heraus-
ragende Position in der Gesellschaft einzunehmen.
Andere Argumente sind anzuerkennen, wenn sie der Aufgabenstellung entsprechen.

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin – Lösungshinweise – Aufgabe II
Bearbeitet von Renate Renner

AUFGABE II
1. Der Verfasser von M 2 nimmt eine verbreitete Bereitschaft einer zunehmenden Zahl
von Bürgerinnen und Bürgern wahr, sich „abseits der etablierten Politik“ (Z. 7) zu
engagieren. Die so entstehende „Bürgergesellschaft / civic society“ (Z. 11) versucht
er im Folgenden zu definieren. Im Bewusstsein der grundsätzlichen begrifflichen
Unschärfe („Gemeint ist irgendwie...“, Z. 12) führt der Verfasser neben der Eigen-
verantwortung der Bürger (vgl. Z. 12) als weitere Merkmale den Anspruch der
Bürger, „sich einzumischen“, auf Teilhabe und Mitentscheid (vgl. Z. 13) und die
Entwicklung einer „Kultur der Vielfalt“ (Z. 14) an. Dies alles ist geprägt durch ein auf
ein konkretes Projekt bezogenes, zeitlich begrenztes Engagement Einzelner (vgl. Z.
15f.). In der Bürgergesellschaft sieht der Verfasser ein Gegengewicht gegen einen in
immer weitere Lebensbereiche vordringenden Staat (vgl. Z. 19ff.), das als Ergänzung
der „in die Jahre gekommenen politischen Institutionen“ (Z. 22f.) fungieren und so
der Entpolitisierung entgegenwirken könne (vgl. Z. 23f.).
Eine bloße Paraphrase des Gesamttextes wird der Aufgabenstellung nicht gerecht.

2. Der Verfasser von M 3 sieht zwischen Bürgergesellschaft und Parteien keinen


Gegensatz, sondern ein Spannungsverhältnis, in dem beide Teile auf einander
angewiesen seien (Z. 31f.). Er hält es für fatal, die Bürgergesellschaft als modern,
flexibel und pragmatisch agierend zu charakterisieren, die Parteien hingegen als
rückständig, unbeweglich und bürgerfern darzustellen (Z. 7ff.). Seiner Meinung nach
zeigt sich nämlich in der parteipolitischen Realität in den Basisorganisationen der
großen Parteien ein vorbildliches bürgerschaftliches Engagement (Z. 12ff.). Worauf
es ankomme, sei „eine neue Balance von Bürgerinitiative und Partei (Z. 16).
Die Bürgergesellschaft habe längst Eingang in die politischen Debatten der Parteien
gefunden. Diese müssten sich jedoch noch stärker als bisher dem bürgerschaftlichen
Engagement öffnen (Z. 17ff.), um auch in Zukunft ihre Funktion erfüllen zu können,
nämlich politische Fragen zu klären, z.B. nach der „Zuteilung von Lebenschancen“
und „Realisierung von Chancengerechtigkeit“ (Z. 28f.).

3. Geeignete Kriterien, mit deren Hilfe die Mitwirkung von bürgergesellschaftlichen


Gruppierungen und politischen Parteien am politischen Willensbildungsprozess
verglichen werden können, sind u.a. deren Rechtsstellung, Aufgaben und Aktivitäten,
Ziele, Organisation, innere Ordnung, Finanzierung sowie Fragen der Mitgliedschaft.

Bürgergesellschaftliche Gruppierungen
Bürgerschaftliches Engagement gründet auf den Grundrechtsartikeln 8 GG
(Versammlungsfreiheit) und 9 GG (Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit) bzw. bei
vereinsmäßiger Organisation auch auf dem BGB. Die Aufgaben und Aktivitäten
variieren entsprechend den – i.d.R. partikulären – Zielen und reichen von bürger-
schaftlicher Selbsthilfe über die Sensibilisierung der Öffentlichkeit oder staatlicher
Institutionen für das eigene Anliegen bis hin zu massiven Protestformen; sie sind
demzufolge eher außerinstitutionell und mitunter auch unkonventionell.
Ihre Organisation kann dauerhaft angelegt und formell bestimmt, aber auch zeitlich
begrenzt und informell sein. Die Finanzierung erfolgt über private Beiträge. Die Art
der Mitgliedschaft richtet sich nach der Organisationsform.

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin – Lösungshinweise – Aufgabe II
Bearbeitet von Renate Renner

Politische Parteien
Die politischen Parteien hingegen wirken nach Art. 21 GG an der politischen
Willensbildung des Volkes mit. Dies wird im Parteiengesetz näher ausgeführt. Ihre
Aktivitäten sind eher konventionell bzw. institutionell ausgerichtet und beziehen sich
inhaltlich auf die in einem Programm fixierte politische Gesamtkonzeption, formal auf
die Wahrnehmung politischer Mandate und die Mitarbeit in Parteigremien auf den
verschiedenen Politikebenen. Die Organisation ist auf Dauer angelegt und beruht auf
Statuten. Ihre innere Ordnung muss demokratischen Grundsätzen entsprechen. Über
die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel müssen sie Rechenschaft ablegen. Die
Finanzierung erfolgt neben privaten Beiträgen auch über staatliche Mittel. Die
Mitgliedschaft steht allen Bürgerinnen und Bürgern unter bestimmten Voraus-
setzungen offen und ist in der Regel fest.

Die volle Punktzahl kann nur vergeben werden, wenn von der Schülerin/dem Schüler
ein den angelegten Kriterien angemessenes Vergleichsergebnis formuliert wird.

4. Folgende im Grundgesetz verankerte Möglichkeiten der Partizipation sind zu


erläutern: Jeder hat nach Art. 5 GG das Recht, sich ungehindert zu informieren und
seine Meinung frei zu äußern. Des Weiteren genießen die Bürgerinnen und Bürger
nach Art. 8 GG Versammlungsfreiheit. Art. 9 GG gibt ihnen das Recht, Vereine und
Gesellschaften zu gründen. Dieses Recht wird in Abs. 3 ausdrücklich zur Wahrung
der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen für jedermann gewährleistet. Das
Petitionsrecht nach Art. 17 GG gibt jedem das Recht, sich mit Bitten und
Beschwerden an Behörden und Parlamente zu wenden.
Über die Grundrechte hinaus wird nach Art. 20, Abs. 2 GG die Staatsgewalt vom
Volk in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Legislative,
Exekutive und Judikative ausgeübt. Art. 29 GG regelt die Neugliederung des
Bundesgebietes durch Volksentscheid. Darüber hinaus kann die Schülerin/der
Schüler ausführen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger auf das Widerstandsrecht
nach Art. 20, Abs. 4 GG als Ultima Ratio berufen können.

5. Als Symptome der behaupteten „Krise der Demokratie“ können unter Bezugnahme
auf M 2 bzw. M 3 der tendenzielle Rückgang der Wahlbeteiligung, die Abkehr von
den so genannten etablierten Parteien (M 2, Z. 5), der Mitgliederschwund und
Ansehensverlust der großen Volksparteien (M 3, Z. 2f.) sowie Wahlerfolge von
Protestparteien (M 2, Z. 5) ausgeführt werden. Darüber hinaus können z.B. Ergeb-
nisse der Demoskopie über die Einschätzung der Problemlösungskompetenz der
Parteien oder Wahl- bzw. Parteienforschung (Rückgang der Stammwähler,
Überalterung der Parteien etc.) dargelegt werden.
Als Ursachen der Krise können u.a. die oft geringe programmatische Unterscheid-
barkeit der Parteien, die Parteispendenskandale, die als unzureichend empfundene
innerparteiliche Demokratie, die „Machtversessenheit“ der Parteien und des Staates
(M 2, Z. 19f.), die Personalisierung der Wahlkämpfe im Zeichen der „Mediokratie“, die
Auflösung der traditionellen sozialen Milieus sowie die spezifischen Probleme im
Gefolge der deutschen Einheit dargestellt werden.

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Abitur 2006 – Gemeinschaftskunde
Haupttermin – Lösungshinweise – Aufgabe II
Bearbeitet von Renate Renner

Da eine eindeutige Zuordnung zu Symptomen bzw. Ursachen nicht in jedem


Einzelfall möglich ist, sind beide Zuordnungen zu akzeptieren: So kann z.B. die
Einschätzung der Problemlösungskompetenz der Parteien sowohl Ursache als auch
Symptom sein.

6. Die Schülerin/der Schüler könnte in ihrer/seiner Erörterung von den Aussagen des
Verfassers von M 2 ausgehen, z.B. von der konstatierten „Rückeroberung der
Gesellschaft“ (M 2, Z. 18f.) und der Schaffung eines Gegengewichts gegen einen
tendenziell bevormundenden Staat (M 2, Z. 19ff.) durch die Bürgergesellschaft als
Motive und Motivation für politisches Engagement.

Von der Schülerin/dem Schüler wird erwartet, dass sie/er sich kritisch mit diesen
Argumenten auseinandersetzt sowie eigenständig über den Text hinausgehende
Aspekte heranzieht. Beispielsweise könnte angeführt werden, dass bürgergesell-
schaftliche Organisationen auf Grund ihrer Bürgernähe geeignet sind, politisches
Interesse zu wecken und politisches Engagement zu fördern. Andererseits könnte
auch argumentiert werden, dass die politisch relevanten Entscheidungen auf
Bundesebene sich dem Einfluss dieser Organisationen weitgehend entziehen und
somit kaum Motivation zu politischer Beteiligung zu erreichen ist.

Die Schülerin/der Schüler kann in den Ausführungen sowohl vom abstrakten


Argument als auch vom konkreten Beispiel ausgehen; in jedem Fall muss sie/er
abschließend zu einer begründeten Beurteilung kommen.

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