Sie sind auf Seite 1von 42

Vorvort

Das vorliegende Werk ist Teil einer Reihe von Publikationen eines rnehrjahrigen Forschungsprojekrs »Sigmund Freud
in den Tropen «, das die Entwicklung der Psychoanalyse in der portugiesischsprachigen Welt (Portugal, Mosarnbik,
Goa, Brasilien etc.) zum Gegenstand hat. Das erste Mal im deutschsprachigen Raum und rnôglicherweise weltweir wird
hier die l Oü-jãhrige Geschichte der Psychoanalyse in Brasilien in Form von Beitragen bekannter WissenschaftlerInnen
dargestellt. Die unterschiedlichen Perspektiven der Beitrage geben Einblick in die Vielfalt dieses
Forschungsgegenstandes. Wir danken dem Psychosozial-Verlag, vor allem Frau Vogr, für die sorgfaltige Betreuung
dieses Buches.
Niterâi, Berlin, Kõln imJuni 2014
Chirly dos Santos-Stubbe, Peter Theiss-Abendroth, Hannes Stubbe

Die brasilianische Psychoanalyse im historischen, kulturellen und sozialen Kontext


Eine Einleitung
Bis heute bestimmen Stereotype und Projektionen in einem erstaunlichen Umfang den Blick des deutschsprachigen
Mitteleuropas auf die brasilianische Nation. Jenseits des Fußballfeldes wird sie allenfalls noch als eine
Wirtschaftsrnacht von wachsender Bedeutung wahrgenommen - immerhin verfügte sie 2013 nach den Angaben des
Internationalen Währungsfonds über die siebtgrößte Volkswirtschaft der Erde. Wissenschaft und Kultur Brasiliens gelten
hingegen als defizitär. So hat das Land trotz seiner 200 Millionen Einwohner noch keinen einzigen Nobelpreis
gewonnen. Was kann es da über seine Psychoanalyse schon zu sagen geben? Wenn die Psychoanalyse
Lateinamerikas im deutschsprachigen Raum Gehör findet, so handelt es sich dabei meistens um spanischsprachige
Autoren aus Argentinien oder Chile; diese haben ihrerseits keine Hemmungen, für den ganzen Kontinent zu sprechen,
wie jüngst jirnenez (2014) - ein chilenisches Beispiel - zeigte. Deshalb mag das Ansinnen der an diesem Band
beteiligten Autoren und Herausgeber, einen Einblick in die portugiesischsprachige Hälfte Lateinamerikas zu geben,
zunächst einmal überraschend erscheinen. Es speist sich jedoch aus der Kenntnis der ungeheuren kulturellen,
ethnischen und auch intellektuellen Vielfalt des Landes. So ist zwar allgemein bekannt, dass europäische, afrikanische
und indigene Elemente in die» brasilianische Mischung« einflossen, weniger jedoch über die japanischen, arabischen
oder - im Fall der Psychoanalyse natürlich von herausragender Bedeutung - jüdischen Beiträge. Und auch die
europäischen Ursprünge, wie übrigens auch die afrobrasilianischen und die indigenen, sind vielfältig. Zwar hinterließen
die französische Kolonisation im späten 16. und die holländische im 17. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen
Brasiliens kaum tiefe Spuren, aber bis heure wird das Land stark von den Einwanderungswellen Spaniern und
Italienern gibt es beispielsweise relevante Gruppen osteuropäischer oder auch deutscher Herkunft, die ab 1814 in
mehreren Wellen in das Land kamen. So besitzen schätzungsweise zwischen fünf und knapp 20 Millionen Brasilianer
mindestens einen deutschen Vorfahren. Die Datenlage variiert hier: Der Zensus von 2000 spricht von zwölf Millionen
Brasilianern, die mindestens einen deutschen Vorfahren besaßen! Andererseits wird, bezogen auf die deutsche
Einwanderung nach Brasilien, von 19,9 Millionen Personen gesprochen, was ca. 10% der Bevölkerung entspräche.
Wenn von Brasilien die Rede ist, gilt es, neben der ethnischen Vielfalt und der geografischen Diversität das enorme
Ausmaß sozioökonomischer Ungleichheit im Auge zu behalten. Diese Widersprüchlichkeit der brasilianischen
Gesellschaft macht natürlich auch vor der Psychoanalyse nicht Halt. Die Brasilianische Psychoanalytische Gesellschaft
war einerseits die erste Lateinamerikas, und Brasilien ist in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung gut
vertreten; andererseits führt eine typisch brasilianische Neigung zu Kompromiss und Synkretismus dazu, dass auch die
Lebenshilfe religiöser, insbesondere evangelikaler Vereinigungen unter dem Terminus »Psychoanalyse« fungiert. Auf
der einen Seite schließt der ungleiche Zugang zu den Ressourcen von Bildung und Gesundheitswesen die Mehrheit der
Brasilianer von der Möglichkeit aus, je in ihrem Leben eine psychoanalytisch begründete Psychotherapie zu machen.
So stellten Füchtner- Chrys6stomo und Fiichtner (1980, S. 818) fest: »Es gibt viele Analytiker, deren Stundenhonorar
dem gesetzlichen Mindestlohn eines Arbeiters gleichkommt, den ca. 70% der Arbeitnehmer in Brasilien crhalten.« Auch
ein Vierteljahrhundert später hat sich die Situation nicht grundlegend geändert: Der Mindestlohn beträgt in Säo Paulo
810R$ (267€), im Rest des Landes 724R$ (239€). Das Honorar für eine analytische Sitzung beträgt im Schnitt 280R$
(92€) und kann bei einem renommierten Analytiker Mitte des Jahres 2014 aufbis zu 700R$ steigen (231€). Zum
Vergleich: Der Internationale Währungsfond berechnete für 2013, dass 78% der brasilianischen Bevölkerung über ein
Monatseinkommen pro Kopf von unter 1120R$ (390€) verfügten. Auf der anderen Seite ist die Psychoanalyse im
Alltagsleben weit verbreitet und ein selbstverständlicher Teil der cultura popular geworden. Psychoanalytiker waren
einerseits als ärztliche Helfer der Folterknechte während der Diktatur tätig, und ihre Institutionen litten keinerlei
Beeinträchtigungen durch die Militärs. Andererseits gehörten sie auch zur Opposition, und mit Maria Rita Kehl zählt
gegenwärtig eine unerschrockene Psychoanalytikerin zu den sieben Mitgliedern der »Wahrheitskommission«
(»Comissao Nacional da Verdade «), die trotz zahl zahlreicher Hindernisse um die Aufklärung der Verbrechen jener
»bleiernen Jahre« kämpft. Zum einen scheint die Psychoanalyse bei ihrer Rezeption in Brasilien einer ähnlichen
Medikalisierung wie in den USA unterworfen worden zu sein, da sie in den Anfangsjahren nahezu ausschließlich von
Ärzten praktiziert wurde, die sogar Psychologen lange Zeit aus der Ausbildung fernzuhalten versuchten. Zum anderen
beeinflusste sie schon früh die Bewegung des brasilianischen Modernismus und steht heute im Bereich der Geistes-
und Sozialwissenschaften hoch im Kurs. Insofern sind viele Aussagen über die brasilianische Psychoanalyse nur
teilweise zutreffend; häufig könnten auch gegenteilige Positionen mit einigem Recht vertreten werden. Die Erfahrungen
in der interkulturellen Psychotherapie belegen praktisch, was auch anderweitig schon theoretisch erkannt wurde: In der
Darstellung derartiger Sachverhalte greifen auktoriale Erzählungen mit dem Anspruch vermeintlicher Objektivität
zwangsläufig zu kurz. So wirft der vorliegende Band auch einen durchaus deutsch eingefärbten Blick auf sein Thema.
Unter den acht Autoren der sieben Beiträge befinden sich drei Deutsche, die immerhin alle, wenn auch für
unterschiedlich lange Zeit, in Brasilien gelebt und gearbeitet haben, sowie fünf Brasilianer, die ihrerseits teilweise auch
im Ausland, überwiegend in Frankreich, gelebt haben beziehungsweise leben. Wie bereits aus den Titeln ersichtlich
wird, handeln zwei der Beiträge explizit von den deutsch-brasilianischen Beziehungen. Dabei ist der Blick einmal ein
historischer, einmal ein klinischer. Die strukturierende Leitidee durch die vielgestaltige Thematik bildet ein
wissenschaftsgeschichtlicher Ansatz. Dementsprechend nimmt dieser Band seinen Ausgangspunkt bei Hannes Stubbe.
Der Autor spricht in dem ersten Beitrag über einen Fund, den er »schwer auffindbar in einem dunklen Archiv der
Medizinischen Fakultät in Rio de Janeiro « machte: bei der ersten psychoanalytischen Publikation in portugiesischer
Sprache, einer medizinisch-psychiatrischen Promorionsschrift, verteidigt in Rio im Dezember 1914. Er stellt diese
Pionierleistung ausführlich vor und positioniert den Versuch einer Übertragung Freud'scher Konzepte auf die
Verhältnisse der Tropen in den breiten kulturellen Kontext der »alten Republik« Brasiliens. Hans Füchrner stellt fest,
dass anders als in der Gegenwart die frühe Rezeption der Psychoanalyse nicht durch eine Sprachbarriere behindert
wurde. In seinem Beitrag referiert er über die Geschichte der brasilianischen Psychoanalyse unter dem Aspekt des
deutschsprachigen Einflusses. Er berichtet von einer heute unvorstellbaren Vertrautheit der brasilianischen Pioniere mit
dem deutschen Idiom, von deren Korrespondenzen mit Sigmund Freud, von deutschsprachigen Emigranten
verschiedener Epochen und schließlich vom schwierigen Kampf um deutsch-portugiesische Freud-Übersetzungen, die
nicht den verzerrenden Umweg über eine Drittsprache nehmen. Cristiana Facchinetti und Rafael Dias de Casrro
schildern die frühe Institutionalisierung der brasilianischen Psychoanalyse an hand des Wirkens des Psychiaters Juliano
Moreira im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Seine stark am deutschsprachigen Diskurs orientierten Ansichten
versprachen eine Antwort auf die damalige Krise der brasilianischen Psychiatrie, innerhalb derer psychoanalytisches
Denken dank seinem Engagement eine ebenso offene Aufnahme fand wie später in der Bewegung für eine nationale
mentale Hygiene, einem brasilianischen Spezifikum der InOer Jahre. Der vierte Beitrag entstammt der Feder von
Marina Massimi und beschließt die historisch orientierte Sektion dieses Bandes. Ihr weitgespannter Bericht beginnt mit
der Bedeutung des heilenden Wortes bei einigen indigenen Völkern und endet in der Gegenwart mit dem Bemühen
zeitgenössischer Analytiker, nach dem Rückzug in die Intimität des Sprechzimmers während der Epoche der
Militärdiktatur den öffentlichen Raum wieder zurückzugewinnen. Auf diesem langen geschichtlichen Weg untersucht sie
unter anderem die Berührung der brasilianischen Psychoanalyse mit der Bewegung des Modernismus in der Kunst, mit
der Pädagogik und der Ethnologie. Peter Theiss-Abendroth dreht die Blickrichtung um und fragt nach den Spuren
Brasiliens in der deutschen Psychoanalyse. Anstelle theoretischer Konzepte nimmt er Migranten in den Blick, die
aufgrund der Bedingungen von Regel- und Geserzlosigkeit in ihrer Heimat traumatisiert sind. Da sie aus
sozioökonomischen Gründen kaum einen Zugang zur Psychotherapie finden konnten, suchen sie diesen nun in
Deutschland. Dabei begegnet ihm in der Außenwahrnehmung des deutschen Versorgungssystems dessen
weitgehende Durchregulierung, die sich in Anbetracht ihres schützenden, triangulierenden Effektes als
therapieförderlich erweisen kann. Andre Martins weist selbstbewusst eine eurozentristische Perspektive auf die
brasilianische Psychoanalyse zurück und begibt sich auf die Suche nach dem Autochthonen. So untersucht er die den
verschiedenen Schulen zugrunde liegenden anthropologischen Konzepte und stellt sie in einen philosophie-historischen
Zusammenhang. In einer Gegenüberstellung von Freud und Lacan auf der einen und Winnicott auf der anderen Seite
kommt er zu dem Ergebnis, dass Winnicotts Betonung des kreativen Spiels mit einer vom Autor postulierten und an
Beispielen aus der Musik belegten brasilianischen Mentalität besonders gut und zwanglos einhergeht. Abschließend
geht der Aufsatz von Francisco Capoulade dem offenkundigen Paradox nach, warum die Psychoanalyse sich in
Brasilien so ungewöhnlich gut entwickelt hat, obwohl zentrale Faktoren doch dagegensprechen – schließlich handelt es
sich bei den Brasilianern um eine triebfreundliche Gesellschaft mit ausgeprägten magisch-religiösen Praktiken und
schwachen demokratischen Institutionen. Anstelle einer abschließenden Antwort verweist er auf ein im Werden
begriffenes dreiteiliges Dokumentarfilmprojekt, das den sprachlich-kulturellen Transformationsprozessen nachspürt,
welche die Psychoanalyse bei ihrer Rezeption in Brasilien erfahren hat. Diese offene und suchende Haltung entspricht
auch der Intention des vorliegenden Bandes. Eine minutiöse Lektüre seiner Beiträge wird bestimmt auf Widersprüche
und ungeklärte Fragen stoßen, vor allem aber auf Forschungsdesiderate. So hoffen wir, auf ein bis dato im
deutschsprachigen Raum wenig bekanntes Feld aufmerksam gemacht und fruchtbare Diskussionen angestoßen zu
haben. Schließlich gibt es keinen von uns, der nicht auch durch eine gewisse brasilianische Schule des Denkens
gegangen wäre, die Konzilianz und das Bestehenlassen von Widersprüchen lehrt.

Die Herausgeber im Juli 2014

CAP 1.

Sigmund Freud in den Tropen


Das Abenteuer' der frühen Psychoanalyse (1914) in Brasilien
Hannes Stubbe
Eine persönliche Einführung
Seit nunmehr über 30 Jahren befasse ich mich mit der (Wissenschafts-) Geschichte,Kultur, Psychiatrie, Psychologie
und Ethnologie in Brasilien, einemLand, in dem ich über zwölf Jahre lehrend und forschend zugebracht habe undüber
das ich promoviert und habilitiert wurde. Ich verdanke der Begegnung mitdem tropischen Brasilien sehr viel: Wenn man
sich im jugendlichen Alter auf Brasilien wirklich einlässt, so erfährt man eine tiefe seelische Wandlung, eineArt, wie
Platon sich im Hinblick auf das Höhlengleichnis ausgedrückte. Die katholischen Portugiesen sprachen hierbei von
einem» purgat6rio«. In diesem Sinne behauptete bereits Antonil (1650-1716): »Brasil 0 inferno para os negros, 0
purgat6rio para os brancos e 0 paralso para os rnularos «. Mich faszinierte nicht nur die »tropische Melancholie«, die
den Samba durchklingt, das schnelle tägliche Verwelken der tropischen Blürenprachr, die häufige Todesnähe (ich lebte
anfänglich während der knebelnden und folternden Militärdiktatur in Brasilien und mit einer Inflation von über 1000%),
die »rristes tropiques« (Levi-Strauss, 1969) (meine Bücher Verwitwung und Trauer im Kulturvergleich und Formen der
Trauer entstanden in Brasilien), sondern auch die Lebensfreude und Herzlichkeit der Brasilianer, die »cordialidade« -
Eros und Thanatos. Als »Lateiner« mit französischen Vorfahren war mir diese »humanidade« zwar gut bekannt, aber
ich glaubte zunächst, es gebe sie nur in der griechisch-römischen Antike, und man müsste sie aus den toten Büchern
meines Humanistischen Gymnasiums herausimaginieren, bis ich erlebte, dass sie in Brasilien wirklich existiert, und
zwar inallen Schichten, und von den Positivisten im Stadtteil Gloria (RJ) sogar als »Humanidade« religiös verehrt wird.
Welcher Ort könnte passender für die Psychoanalyse sein, die sich mir in Freiburg durch meinen verehrten Lehrer, dem
Entwicklungspsychologen und Psychoanalytiker Prof. Dr. Dr. Walter Schraml erschloss und die ich später während
meiner sozialpsychiatrischen und kinderpsychotherapeutischen Tätigkeit vertiefte? Wie die portugiesischen Entdecker
näherte ich mich anfangs auf Frachtschiffen vom Meer her Brasilien – entlang der Küste mit ihrer damals noch grünen,
reichhaltigen Serra do Mar. Zu Beginn befasste ich mich mit den indigenen Kulturen des Landes, später mit den
Afrobrasilianern und schließlich mit dem portugiesischen Weltreich in Asien und Afrika.
Während meiner Vorlesungs- und Vortrags tätigkeit in Brasilien bemerkte ich das Interesse meiner jungen Studentinnen
und Studenten an der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Als »Alernäo «, der die Sprache Freuds beherrscht, erwarteten
sie von mir einführende und tiefergehende Erkenntnisse. Freuds Psychoanalyse in einer fremden Kultur und Sprache
zu lehren, erforderte eine mühsame Übersetzungsarbeit, und zwar in kultureller, historischer, soziologischer,
linguistischer und schließlich psychologischer Hinsicht. Diese Problematik verglich mein akademischer Lehrer Schraml
mit der Schwierigkeit, einem Menschen, der nur die Elementarmathematik beherrscht, die höhere Mathematik zu
erklären. So wurde ich automatisch zur Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse und im Besonderen zur
Geschichte der Psychologie und Ethnologie in Brasilien und Lateinamerika hingeführt. Da ich in den zahlreichen
historischen Darstellungen der Psychoanalyse in Brasilien (z.B. Stubbe, 1980, 1987, 1997, 2001a, 2011; Perestrello,
1986, 1987; Rocha, 1989; Paramo-Orrega, 1993; Campos, 2001; Roudinesco & Pion, 2004, S. 127fE.; Massimi et al.,
2004; Sociedade Psicanalitica do Rio de Janeiro: Homepage, 2011 etc.) keine wissenschaftshistorisch befriedigenden
Angaben über die medizinische Dissertation von Pinto (1914) fand, entschloss ich mich dazu - durch einen Hinweis von
Loureneo Filho, dem
Mitbegründer der ersten Psychoanalytischen Gesellschaft Säo Paulos neugierig geworden -, selbst in diesen
»rropischen Urwald der Gerüchte, narzisstischen Selbstdarstellungen, Vorurteile, Hypothesen und Deutungen«
einzudringen, um im Rahmen der Situation Brasiliens um 1900-14 die erste publizierte Rezeption der Psychoanalyse in
der portugiesischsprachigen Welt zu beschreiben, zu kommentieren und herauszugegeben (vgl. Stubbe, 2011). Kann
hieraus ein brasilianisch- deutscher Dialog entstehen? Das vorliegende Buch stellt einen Anfang dar.

Zur Entwicklung der Psychoanalyse in Brasilien


Die Psychoanalyse Sigmund Freuds war bereits um 1914 ein globales Phänomen. Freud verweist in »Zur Geschichte
der psychoanalytischen Bewegung« (1914) aufihre außereuropäischen Entwicklungen in Britisch-Indien, Südamerika,
Russland und den USA. Darüber hinaus korrespondierte er mit Asiaten und Brasilianern (vgl. Stubbe, 1997). Im
Allgemeinen werden Freud und Lateinamerika beziehungsweise Brasilien mit Folgendem assoziiert:
1. Freud verglich sich mit Kolumbus (vgl. z.B. Freud, 1914, FN. 82), weil er den Kontinent des Unbewussten entdeckt
habe;
2. er führte Selbstexperimente mit Kokain durch und publizierte hierüber (vgl. Roudinesco & Pion, 2004, S. 560);
3. er rauchte täglich bis zu 20 (bevorzugt Havanna-)Zigarren, ebenso wie der südamerikanische Medizinmann (Stubbe,
1976; Berthelsen, 1987, S. SO), und
4. er erhielt 1938 ein Asylangebot aus Mexiko (Paramo-Ortega, 1992, S. 27). Des Weiteren besaß er spanische
Sprachkenntnisse (Ellenberger, 1973). Was wäre wohl aus einer» Psychoanalyse im lateinamerikanischen Exil«
gewordenr- 1997 habe ich folgendes heuristisches Entwicklungsschema der dynamischen Psychiatrie beziehungsweise
Psychoanalyse in Brasilien vorgeschlagen (Stubbe, 1997): Der indigene Schamane (»paye«) als
»Procopsychoanalynker« und Repräsentantb der indigenen Psychologie (vgl. Ackerknecht. 1963; Sigerist, 1963; Levi-
Strauss, 1969, S. 217ff., 221ff.; Stubbe, 1976, 1987, 1997,2010,2012); es handelt sich hierbei um eine »instinktive
Psychoanalyse«, von der schon Pfister (1932) spricht. Auch die bis heute praktizierten afrobrasilianischen
Erhnorherapien (vgl. Stubbe, 2012, 2014) gehören in diesen Bereich. Die Entwicklung der Psychoanalyse in Brasilien
lässt sich in mehrere Phasen aufteilen: Am Anfang stand die Phase der Aufklärungszeit. Hier war vor allem das Werk
von Francisco de Mello Franeo (1757-1821) bedeutsam, weil er bereits eine dynamische Sicht vertritt und
psychosomatische Zusammenhänge darstellt (vgl. z. B. Bibliographia Brasiliana, Bd. 1, 1983, S. 320- 322; Stubbe,
1987, S. 90f.; Massimi, 1991)3.
Um 1899 folgte die Phase der Vorläufer, Pioniere, Autodidakten und Propagandisten der Psychoanalyse
beziehungsweise der dynamischen Psychiatrie, zu der beispielsweise Moreira, Austregesilo, Rocha, Roxo, Medeiros e
A1buquerque, Porro-Carrero, Ramos, Pereira da Silva gehörten (vgl. Perestrello, 1986; Stubbe, 1997). Die
medizinische Dissertation von Pinto (1914) war die erste psychoanalytische Doktorarbeit und zugleich die erste
Publikation über die Psychoanalyse in der portugiesischsprachigen Welt. Es ist an der Zeit, sie als einen wichtigen
Markstein in der Geschichte der dynamischen Psychiatrie und Psychoanalyse in Brasilien anzuerkennen. Bis 1937
lassen sich mehr als 100 schriftliche Quellen zur Psychoanalyse Freuds in Brasilien nachweisen (vgl. Stubbe, 1997).
Hierzu gehörten auch Freuds Korrespondenzen mit einigen Brasilianern (vgl. Stubbe, 1997, 1998c, S. 77-95). Rocha
(1989, S. 58) weist zu Recht daraufhin, dass erst die Einführung der Psychoanalyse in Brasilien das Interesse der
Psychiatrie für Neurosen erweckt habe. In diesem dritten Abschnitt (vgl. die »Liga Brasileira de Higiene Mental «, ab
1923) wurden zudem rassenpsychiatrische? und eugenisch Konzepte in der brasilianischen Psychiatrie propagiert (vgl.
Costa, 1976; Stubbe, 2012, S. 186ff.). Der Beginn der Institutionalisierung'' und die Expansion der Psychoanalyse in
Brasilien ab 1937 (Ausbildungsinstitute, Lehranalysen, Zeitschriften, Lehrstuhl, Gesellschaften, Spaltungen'' etc.)
markierten einen weiteren Entwicklungsschritt. Im September 1936 kam die im Berliner Psychoanalytischen Institut
(1920-1933) ausgebildete Dr. med. Adelheid Lucy Koch (1896-1980) als »Exile « nach Säo Paulo, wo sie als»
psicanalista rnäe « (Uchöa, 1981, S. 168)7 mit der Ausbildung der brasilianischen Psychoanalytiker begann (vgl.
Uchöa, 1981; Rocha, 1989; Perestrello, 1986, 1987; Stubbe, 1997; Füchtner, 2008). Die europäische Psychologie, die
durch Missionare, Ärzte und Philosophen in Brasilien eingeführt wurde (daneben existierte eine
Ethnopsychologie/indigene Psychologie der »Indianer«, Afrobrasilianer und Portugiesen), trat in Brasilien um 1900 in
eine neue Phase ein. Sie lässt sich als Beginn der empirischen und akademischen Psychologie bezeichnen (vgl.
Stubbe, 1987, 2001a). Während dieser Zeit kam es zur Institutionalisierung der Experimentellen Psychologie (z. B.
1900 in Roxo: 1906 in Bornfirn. 1907 in Medeiros ecc.) und im Jahre 1912 sogar zu einer psychologiehistorischen und
kritischen Darstellung durch den Philosophenn Raimundo de Farias Brito (1862-1917)8. Erst ab 1934 wurde die
Psychologie zu einem Pflichtfach in einigen höheren medizinischen Kursen (vgl. Horta, 2008, S.86f.).

Genserico Aragäo de Souza Pinto - ein vergessener Pionier der Psychoanalyse in Brasilien

Die Psychiater Juliano Moreira (1873-1933) und Antönio R.L. Austregesilo (1876-1961) interessierten sich schon relativ
früh für die Psychoanalyse. So kam es schließlich dazu, dass sie die medizinische Doktorarbeit des cearenser Arztes
Genserico Aragäo de Souza Pinro über Da Psicoanalise {a sexualidade nas neuroses]? anregten und betreuten. Diese
(äußerst schwierig aufzufindende) Dissertation aus der Anfangszeit des Ersten Weltkrieges (1914-1918) gilt als die
erste publizierte Arbeit über die Psychoanalyse in der portugiesischsprachigen Welt (vgl. Stubbe, 2011). Loureneo
Filho!? betont zu Recht, dass Pintos Arbeit »foi 0 primeiro trabalho a versar as ideias de Freud, näo so no Brasil, rnas,
em lingua portuguesa« 11 (0. J., S. 269). Damit war Brasilien das erste portugiesischsprachige Land der Welt, das die
Psychoanalyse offiziell in die Medizin einführte: Eine erstaunliche Reise vom schneebedeckten kaiserlichen Österreich
in das tropisch republikanische Brasilien.

Die Dissertation von Genserico Aragäo de Souza Pinto (1914)

Die für das damalige Brasilien ausgesprochen innovative medizinische Doktorarbeit des aus Sobral in Ceara
stammenden Pinto (geboren 1888; Todesjahr unbekannt) 12,also eines »nordestino«~Binnenmigranten, umfasst
insgesamt 129 Seiten. Seine Arbeit enthält gleich zu Anfang eine Übersicht über die damaligen Mitglieder der»
Faculdade de Medicina do Rio de Janeiro«, in der sich bekannte brasilianische Psychiater wie Brandäo+', Austregesilo
und Roxo befanden. Es folgen Seiten mit einer Widmung an den verstorbenen Vater Guilhermino Augusto de Souza
Pinto, dem Bildl4 Prrf. Dr. Sigmund Freud. Fundador da »Psicoanalise« und einem eineinhalbseitigen Text mit
Danksagungen (vor allem an Austrogesilo und Moreira):
»A idea de escrever a nossa rese de doutoramento sobre a Psicoanalise foi-nos sugerida
pelo prof. Ausrregesilo, nosso eminente mestre, a cujo lado trabalharnos sem
descontinuar durarite os trez ultirnos anos de nosso curso. (... ] A ele devemos a parte
principal na confeccäo d'esre trabalho, ja nos mostrando a verdadeira orienracäo
sientifica, ja nos franqueando a sua biblioteca [... [« (Die Idee, unsere Doktorarbeit
über die Psychoanalyse zu schreiben, stammt von Prof. Austregesilo, unserem herausragenden
Meister, an desssen Seite wir ununterbrochen während der letzten drei
Jahre unserer Ausbildung gearbeitet haben. (... ] Ihm verdanken wir den Hauptanteil
an der Ausführung dieser Arbeit; er zeigte uns die wahre wissenschaftliche Orientierung
und ermöglichte uns den freien Zugang zu seiner Bibliothek [... ]).
»Ao notavel psiquiatra e psicoanalisra (sie! Anm. des Verf.) prof. Juliano Moreira
somos irnensarnenre gratos pelo grande interesse que tornou pelo presente
trabalho« (Dem bedeurenden Psychiater und Psychoanalytiker Prof. Juliano Moreira
sind wir außerordentlich dankbar für sein großes Interesse, das er an der
vorliegenden Arbeit hatte) (Pinto, 1914, S. I).
Es folgt das Inhaltsverzeichnis (» Indice«) (S. IV) mit folgender Gliederung der Arbeit:
Proemio (S. V) (Vorwort), Consideracöes geraes - Sintese e evolucäo das ideas de
Freud (S. 5ff.), Asexualidade infantil (5. 18ff.), Os desvios da sexualidade (5. 33ff.),
Da eriologia das nevroses (S. 39ff.), Das »nevroses atuaes « (S. 46ff.), Das psiconevroses
- 0 recalcamento das tendencias sexuaes (S. 59ff.), Da histeria (S. 64ff.), Das
obsessöes e fobias - Da cpilepsia (5. 74ff.), A psicoanalise corno rnerodo
cerapeutico
(5. 87ff.), Observacöes (5. 97), Proposicöes (5. 113-128), Errata (5. 129).

Im Vorwort stellt Pinto fest, dass die Psychoanalyse Freuds 15 um 1905 ihren definitiven Charakter als Forschungs-
und therapeutische Methode erlangt habe. Er zählt kurz ihre Rezeption in allen »kultivierren Ländern« (»paizes cultos «]
auf: Österreich, Deutschland, die Schweiz (hier erschienen die ersten kritischen Arbeiten), England und die USA (er
nennt in diesem Zusammenhang: jenes, Gordon, Scott, Williams, Fraser, Eder, Frink, Waterman, Brill) , Russland,
Italien, Ungarn und die Niederlande-'', Es hätten auch Kongresse stattgefunden und Gesellschaften 17 sowie
Zeitschriften seien gegründet worden. Frankreich!" sei das letzte Land gewesen, dass seine Neugier manifestiert habe
und lange Zeit im Hinblick auf die »revolucäo sienrifica de Freud« 19 (wissenschaftliche Revolution Freuds) indifferent
gewesen sei. Es gebe aber bereits Arbeiten von Ladame, Regis und anderen-", In Brasilien existiere laut Pinto keine
publizierte Arbeit über die Psychoanalyse, denn »0 desconhecimento da psicoanalise e aqui quasi total« (die
Unkenntnis über die Psychoanalyse sei hier gleichsam total) (Pinto, 1914, S. VI). Das Interesse für die Freud'sche
Lehre sei aber bei einigen brasilianischen Psychiatern wie Moreira, Austregesilo und Rox021 geweckt worden. Moreira
habe verschiedene Konferenzen für die »Sociedade de Neurologia e Psiquiatria do Rio de Janeiro« vorbereitet, aber
nur eine sei realisiert worden.P Auch Austrogesilo sei trotz seiner umfangreichen wissenschaftlichen Interessen noch
kein »adepto incondicional e absolutista da teoria de Freud «, habe aber klinische Erfahrungen mit »neuropathischen
von psychosexuellen Störungen abhängigen Zuständen«. Der Pädiater Figueira23 sei jedoch auch hinsichtlich der
infantilen Sexualität von der Freud'schen Lehre überzeugt.
Es folgt die wichtige Feststellung, die Pintos Erstlingsanspruch klar dokumentiert:
»Näo ha, entretanto, d'esscs ilustres sientistas nacionaes nenhum estudo impresso
sobre 0 assunto; assim a nossa rese representa 0 primeiro trabalho dado a publicidade
no Brasil« (Esgibt, unterdessen, von diesen bekannten nationalen Wissenschaftlern
keine gedruckte Untersuchung über diesen Gegenstand; so stellt unsere Doktorarbeit
die erste Arbeit dar, die in Brasilien der Öffentlichkeit übergeben wird) (Pinte,
1914, S. VII).
Pinto betont anschließend, er habe keine perfekte und komplette Arbeit vorgelegt, sondern mit seiner Schrift den
Zugang zu den Freud'schen Theorien im Lande erleichtern wollen. Die Traumdeutung, Assoziationen, Handlungen und
Gesten des Alltagslebens habe er nicht minutiös behandeln können, da er sich auf die Neurosen und ihre Symptomatik
sowie die sich daraus ergebenden psychischen Behandlungen konzentriert habe.
Im ersten Kapitel (Allgemeine Betrachtungen) über die »Synrhese und Entwicklung der Freudschen Ideen« referiert
Pinto kurz die Vorstellungen hinsichtlich des Sexualinstinkts-? seit GaIFS, mit dem eine neue physiologische
»Gehirnrheorie « (» teoria cerebral «) beginne. Bereits Hippokrates (ca. 430- 360 v.Chr.)26 habe in seinen
Ausführungen über die Hysterie sexualätiologische Vorstellungen geäußert. Es sei dann aber Freud (als »psicologo e
neuriatra-s F? gewesen, der im Zeitraum von 1894-1914 eine wissenschaftliche Grundlage für die Sexualität als
ätiologischen Faktor der Neurosen geschaffen und den ausdrucksstarken Begriff
»Psicoanalise-e-" als Psychologie und Methode mit vielerlei Aspekten kreiert habe. Die Theorie von Freud stellt Pinto
anhand der Ausführungen Regis'29 dar.
Joseph Breuer (1842-1925)30 wird aufgrund seiner kathartischen Methode als »precursor« (Vorläufer) der
Psychoanalyse" bezeichnet. Pinto geht in diesem Zusammenhang auf die gemeinsame Schrift Ȇber den psychischen
Mechanismus hysterischer Phänomene« (1893) von Freud und Breuer sowie auf das Konzept der »traumatischen
Hysterie « von jean Martin Charcot (1825-1893)32 ein. Die Vorstellung, dass die» Hysteriker an ihren Erin nerungen
leidcn «, finde sich schon in den Arbeiten der »Würzburger Schule-x-", zum Beispiel bei Frank-", Forej35 sowie Charcot,
aber erst Breuer habe daraus eine therapeutische Methode gemacht.
Freud habe anschließend die Bedeutung der Sexualität im Ursprung und Verlauf der hysterischen Symptome erkannt.
Die Hysterie, die Zwangsvorstellungen und die Phobien seien Abwehrneurosen (» nevroses de 'defesa«), über die
Freud 1894 publiziert habe. 1895 habe er dann die Neurasthenie und Angstneurose ohne sexu elles Kindheitstrauma
sowie die Neuropathien mit einer psychogenen Geschichte und solche ohne herausgearbeitet. Zwei Prinzipien in
Freuds Lehre seien dabei hervorgehoben worden: das totale Vergessen der sexuellen Gründe und die unbewussten
sexuellen Tendenzen/Triebe. Freud habe sich anfänglich der Hypnose= bedient bis er die Mängel dieser Methode
erkannt und ein neues Verfahren entwickelt habe: »interrogatorio minucioso e paciente, destinado a arrancar do seio do
psiquismo inconsciente as reminiscencias que ai se fixaram« (Eine minutiöse und geduldige Befragung, die darauf
abzielt, dem Unbewussten die dort fixierten Erinnerungen zu entreißen) (PintO, 1914, S. 15). Seine Theorie habe er
schließlich
mit der Traumdeutung, der Assoziationsmethode und den Handlungen und Gesten des Alltagslebens vervollständigt.
Nach einer kurzen Zusammenfassung der Freud'schen Lehre hebt Pinto noch einmal die zentrale Rolle der Sexualität
hervor und weist darauf hin, dass Freud die Psychoanalyse auch auf die Religion, Soziologie, Moral, Justiz, Literatur,
Metaphysik und sogar auf die Psychosen angewandt habe. In den letzten Jahren (1911-1913) seines Studiums des
Unbewussten habe sich Freud mit der Assoziationsrnerhode '? und der Struktur der Träume befasst38.
Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Pinto mit der infantilen Sexualität. Die zentrale Rolle der Sexualität sei von Bleuler
als »Pansexualismus-s " bezeichnet worden. In der Darstellung der Freud'schen Lehre der i~fantilen Sexualität folgt
Pinro wiederum den Ausführungen Regis'. Die Sexualität äußere sich beim Menschen bereits nach der Geburt, ein
Phänomen, das Henry Havelock Ellis (1859-1939) als »Auto-Erotismus« (1898)40 bezeichnet habe. Der zentrale
Freud'sche Begriff »Libido-x+' finde sich bereits 1895 im Neurologischen Centralblatt unter der Bezeichnung »gozo
sexual psiquico« (psychischer Sexualgenuss). Nach den Ausführungen
von Regis, Monter, Ladame und anderen habe Freud diesen Begriff Jedoch allgerneiner gefasst. Es folgt eine Definition
der Libido aus den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905, Kap. 1). Für Carl Gustav Jung (1875-1961) sei
Libido42 die Grundlage all unserer Lieben und Wünsche, eine vitale Kraft, deren Grundlage die sexuelle Attraktion sei.
Körscherv spreche von einem »fome
sexual ingenua (sern mallcia)« und Bleuler von einem genitalen Appetit mit allen positiven Trieben. Löwenfeld+'
verstehe darunter einen »rnornentanen sexuellen Appetit«, den man vom Sexualinstinkt unterscheiden müsse. Die
sexuelle Qualität komme in »erogenen Zonen«45 zum Ausdruck. Pinto zählt einige Manifestationen der kindlichen
Sexualität auf wie Daumenlutschen. kindliche Masturbation, manuelle Erregung des Anus etc. und geht dann in der
individuellen sexuellen Entwicklung auf die »Latenzperiode « oder »Aufschubperiode« sowie auf die »Sublirnation der
Libido « ein. Darauf folgte eine Periode der Regression mit Erscheinungen wie onanistische Praktiken, Pollutionen,
nächtliches Bettnässen, aber auch Verführungen. Das Kind sei »polyrnorph pervers«. Pinto stellt danach die ödipalen
Liebesbeziehungen und den Ödipuskomplex in der Kindheit dar sowie die verschiedenen Formen der Partial triebe wie
»Schaurrieb«, Bemächtigungstrieb etc. und gibt Beispiele der infantilen Sexual theorien. In seinem jüngsten Werk
Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre (1913) habe Freud den interessanten Fall des »kleinen Hans«46
geschildert. Aus »nervösen« Kindern würden später Neuropatherr'? mit einer Vielzahl an perversen Symptomen. Es
folgt eine Beschreibung der weiteren psychosexuellen Entwicklung von der Pubertät mit ihrer noch indifferenten
sexuellen Orientierung bis zur ziel- und objektgebundenen Erwachsenensexualität. Die kolossale Bedeutung und
Wichtigkeit, die Freud und seine Schule der infantilen Sexualität einräume, aber bisher von der klassischen Psychologie
ignoriert worden sei, wird von Pinto hervorgehoben.
Im dritten Kapitel werden die Abweichungen von der normalen Sexualität bearbeitet. Die normale sexuelle Entwicklung
sei störungsanfällig. So würden die Keime zweier pathologischer Zustände bereits in der Kindheit angelegt: der
Psychoneurose und der sexuellen Perversion (auf die sich Pinte hier beschränkt). Diese basierten nach Freud auf
Störungen der sexuellen Entwicklung. Perversionen seien Zustände eines psychosexuellen Infantilismust'', der im
Erwachsenenalrer zum Ausdruck komme. Perverse seien weder degenerierte'? noch erblich vorbelastete Menschen.
Man könne die Perversionen je nach Objekt oder Ziel einteilen, bezüglich des Objekts zum Beispiel in Inversion
(Homosexualität), Narzissmus>", Pädophilie und Animalität (»animalidade«, Sex mit Tieren), deren Psychogenese im
Weiteren dargestellt wird. Perversionen bezüglich des Ziels kämen häufiger als zum Beispiel die anatomische
Transgression, der sexuelle Fetischismus>', der Sadismus 52 oder der Masochismus (s, unten) vor.
Im vierten Kapitel behandelt Pinto die Ätiologie der Neurosen und beginnt mit einem Zitat Anseregesilos (»Debilidade
nervosa «, 1914) über die Problematik der unklaren Ätiopathogenese der Neurosen. Am Anfang seiner Darstellung
nimmt er Bezug auf Charcot, der die Ursachen psychonervöser Zustände in zwei Gruppen einteile: Heredität und»
agents provocateurs« (wie zum Beispiel Traumatismen, Unfälle, Erschäpfungen etc.). Freud, ein Schüler von Charcot,
habe sich später hiervon distanziert und eine pansexualistische Konzeption entwickelt.
Ausgehend von den Arbeiten Heinrich Wilhelm Erbs (1840-1921)S3 und Jean- Alfred Fourniers (1832-1914)S4 habe
Freud vier Gruppen ätiologischer Faktoren unterschieden:
1. Die Heredität,
2. die spezifische Ursache,
3. die konkurrierenden Ursachen und
4. die zufälligen Ursachen, die am Beispiel der Tuberkulose exemplifiziert werden.
Die Heredität spiele für Freud mit Ausnahme vielleicht der Angstneurose, wie er sie im Jahre 1895 dargestellt habe,
kaum eine Rolle. Ladame habe festgestellt, dass Freud niemals eine hereditäre Neurose dargestellt habe. Am Ende
des Kapitels findet sich bei Pinto eine übersichtliche schematische Abbildung der Aktualneurosen und Psychoneurosen
mit ihren jeweiligen Unterformen. Im fünften Kapitel widmet sich Pinto den Akrualneurosen=, die aufgrund ihrer gleichen
Ätiologie häufig miteinander verbunden seien. So sei der Neurastheniker zwar nicht selten ein ängstlicher Mensch, aber
auch eine Verbindung mit den Psychoneurosen sei häufig. Zum Beispiel werde die Angstneurose oftmals mit der
Hysterie assoziiert (Angsrhysrene). Die entscheidende Ursache der Neurasthenie nach Freud sei die Masturbation. Die
moderat nach der Pubertät ausgeübte Onanie habe nach psychoanalytischer Auffassung keine pathogene Wirkung, sie
könne aber eine Tendenz zur Hypochondrie, übertriebenen Skrupeln, sozialen Schüchternheit, Unentschlossenheit etc.
bewirken. Bezüglich der unterschiedlichen medizinischen Auffassungen über die Masrurbarion/Onanie= weist Pinto in
der Fußnote auf das Werk von Forel La question sexuelle (1905) und die sexologischen Schriften von Erb, Ellis,
Oppenheirn, Bloch, Moll, Marcuse etc, (ohne Titelnennungen)S7 hin. Ebenfalls in portugiesischer Sprache liege ein
Werk von Monizs8 vor: A vida sexual. Val. JI (1901102). Im Weiteren behandelt Pinto die Diagnose der »eigentlichen
Neurasthenie « nach Freud. Als Neurastheniker würden auch die Hypochonder, die Zyklothymen und Cenestopathen>?
bezeichnet, wie sie von Duprc=' und Camus sowie jüngst von Austregesilo und seinem Assistenten Esposel (»Les
Ccnesthopaties « in L'Encepbnle, 1914) dargestellt worden seien. Pinto wendet sich dann der Symptomatik und
Ätiologie der Angstneurose und ihren verschiedenen Unterformen nach Freud zu, wie zum Beispiel der virginalen
Angst, der Angst der Witwen etc. Anschließend nimmt er Bezug auf dessen Publikation im Neurologischen Zentralblatt
(1895)61. Im sechsten Kapitel werden die Psychoneurosen und die Verdrängung (»recalcarnenro «)62 der sexuellen
»Tendenzen« (gemeint sind wohl Triebe, s. oben) als ein Grundprinzip der Psychoanalyse thematisiert. Zu Anfang hebt
Pinto die Rolle der Zensur (»censura«)63 und die sich hieraus ergebenden Konflikte hervor. Der Widerstand (»
resisrencia e.P" setze sich hartnäckig dem Aufsteigen unbewusster, schmerzhafter Vorstellungen beziehungsweise
früherer traumatischer Erfahrungen ins Bewusstsein entgegen. Wenn sie ihre Rolle nicht erfülle, spreche Freud von
einer misslungenen (»falhado«) ·Verdrängung. Dies wird
an hand des Modells eines Überdrucktopfes exemplifiziert. Die verdrängten Tendenzen könnten nicht über natürliche,
sondern nur über abnorme (die Krankheit, das heißt die Psychoneurose) Wege abgeleitet werden. Die Psychoneurosen
seien demnach verdrängte infantile sexuelle Tendenzen. Mit der Verdrängung hänge auch die infantile Amnesie
zusammen. Allein die Psychoanalyse mit ihren» perfekten Methoden und ihrer außerordentlichen Scharfsinnigkeit«
könne diese verdrängten »Tendenzen« wieder ins Bewusstsein bringen. Die Psychoneurosen würden auch
Abwehrneurosen (»nevroses de defesa« )65 genannt, da sie das Individuum mithilfe von Fantasien und Imaginationen
von einer grausamen und harten Realität distanzierten. Da die infantile Emotionalität in all ihren Modalitäten erscheine,
handele es sich bei der Psychoneurose um eine Regression in die Kindheit. Das Verdrängungsprinzip lasse sich
sowohl auf krankhafte Erscheinungen wie Zwangserscheinungen, Phobien, Hysterie, Halluzinationen, Delirien etc, als
auch auf normal-psychische Erscheinungen wie den Traum, Stimmungsschwankungen etc. anwenden.
Im siebten Kapitel behandelt Pinto die Hysterie=, die als die wichtigste und häufigste Neurose eine zentrale Rolle in der
»Neuriatria« spiele. Von ihr hätten auch die Freudschen Studien ihren Ausgang genommen. Die »kathartische Merhode
«, das »Ernbryo der Psychoanalyse«, sei aus den Untersuchungen Breuers geboren worden. Im Krankheitsbild der
Hysterie habe Freud ebenfalls das Prinzip der Verdrängung vorgefunden. Als Ursache hierfür habe Freud in seinen
ersten Psychoanalysen gezwungenermaßen ein durch Erwachsene bedingtes sexuelles Trauma in der Kindheit
(hauptsächlich zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr) konstatiert. Zum Beispiel würden manche Ammen-? die
Kinder sexuell stimulieren oder Pädophile würden sie verführen. Später habe Freud diese Trauma- Konzeption jedoch
aufgegeben und sie als reine Imagination der Patienten erklärt.68 Die Hysterie sei die Resultante eines Kampfes
zwischen der Macht der Libido und der erotischen Verdrängung. Die somatischen Symptome bestünden aus Paralysen,
Anästhesien, Kontrakturen etc. und würden von Freud durch die Konversion (»conversäo«)69 erklärt. Andere Autoren
interpretierten diese Störungen durch einen Mangel an Synthese der verschiedenen Persönlichkeirskomponenten/". Für
Freud korrespondiere das betroffene Organ beim Erwachsenen mit einer erogenen Zone des Kindes (»teoria da dupla
funcräo« (alle Organe besitzen eine organische und eine erogene Funktion; Letztere falle häufig der Verdrängung
anheim)). Insbesondere der Mund (» boca« ) (Essen, Kauen, Küssen?", Saugen, Sprechen erc.) und das Auge
(»olho«)72 (»Schaulust«) könnten als Beispiele dienen. Anorexia, Mutismus, Erbrechen, Pharyngospasmus
(Schlundkrampf) sowie Arnblyopie (Schwachsichtigkeit ohne organische Ursache) etc, seien solche pathologischen
Erscheinungen. Freud habe zwei erklärende Prinzipien geschaffen: »transporte« (die Verschiebung auf ein anderes
Organ)73 und »subdeterminismo« (die Überdeterminierungder hysterischen Symptome). Die Suggestibilität, die
Unstetigkeit des Charakters (»versatilidade«) und der sexuelle Widerwille (» repulsao sexual «] charakterisierten den
mentalen Zustand der Hysteriker. Ferenczi?? habe die Suggestibilität mit dem Masochismus/> und den affektiven
väterlichen Tendenzen in Verbindung gebracht. Den hysterischen Anfall habe Freud als Coitusäquivalent (»equivalente
do coito «) interpretiert. Dieser entwickele sich durch physische (organische Zunahme der Libido) und psychische
Faktoren (Erinnerungsassoziationen). Der Anfall habe wegen seiner fantastischen Imaginationen eine große Ähnlichkeit
mit dem Traum und werde von einer entsprechenden Mimik und Gestik begleitet. Diese der Zensur unterworfenen
Fantasien folgten verschiedenen Prinzipien wie der Verdichtung (» condensacäo « ), der Identifikation (» idenrificacäo
«},der Verkehrung von Vorstellungen in das Gegenteil (»deslocamento antagonista das represenracöes «) und der
»Verkehrung des Zeitpunkres« der Mimik (»deslocamento dos tempos da rnirnica «}, Das hysterische Delirium." sei das
Resultat einer Explosion der unbewussten Tendenzen und die hysterische Amnesie sowie die hysterischen Stigmata
seien das Resultat der Verdrängung (der Erinnerungen). So blieben sie für den Patienten, seine Familienangehörigen
und den Arzt zunächst unverständlich.
Im achten Kapitel beschäftigt sich Pinto mit Zwangsvorstellungen", Phobien78 und der Epilepsie/".
Zwangsvorstellungen und Phobien würden dabei eine zweite Gruppe der Psychoneurosen darstellen und oftmals
verwechselt oder zusammengefasst werden. Bei den Phobien handele es sich nicht um unabhängige neuropathische
Zustände, vielmehr seien sie oftmals mit anderen Zuständen verbunden, wie zum Beispiel der Angstneurose, der
Aktualneurose oder den hysterischen Zuständen. Freud habe die Phobien früher in zwei Gruppen eingeteilt:
allgemeine/alltägliche Phobien (»fobias cornuns «) und Gelegenheitsphobien (» fobias de ocasiäo «). Später habe er
ihnen eine größere Bedeutung eingeräum t, indem er sie als Psychoneurosen beziehungsweise als Neuropathien mit
einer Geschichte oder einem psychischen Inhalt (» nevropatias de historia ou conreudo psiquico «), ausgestattet mit
einem einfachen Mechanismus der unbewussten Symbolisierung, verstanden habe. Phobien seien nicht nur Ausdruck
eines banalen Angstzustandes, sondern auch verdranzter erotischer Triebe (inzestuöser I:> , sadistischer,
masochistischer) sowie einer Regression. In Bezug auf die Zwangsvorstellungen betont Pinro, dass sich die Originalität
der Freud'schen Konzeption in fast all ihren Punkten von der Majorität der Autoren unterscheiden würde. Regis und
Pieres zum Beispiel verstünden hierunter »Empfindungen oder parasitäre Gedanken, die sich dem Ich aufdrängten und
sich an seiner Seite entwickelten, und trotz der Anstrengungen sie zurückzudrängen, eine Vielfalt der psychischen
Dissoziation schaffen «80. Den von Freud geschaffenen Begriff der »Zwangsneurose « (»nevrose de obsessäo «)
müsse man zudem von der »Psychasthenie-x''!
Janers unterscheiden. Die Freud'sche Zwangsvorstellung (»obsessäo«) finde sich bei sexuell frühreifen Personen (mit
ihrer größeren Intcnsitar der Libido) mir einer ausgeprägten Emotionalität gegenüber den Eltern. Die Charakteristika der
»obsessäo « wie zögerliches Verhalten, Gefühle der Minderwertigkeit, Abscheu gegen sich selbst ete. seien Folgen der
Zensurtätigkeit in ihrem Kampf gegen die Libido. Als Hauptmechanismus der »obsessäo « stellt Pinto das Prinzip der
(psychisierenden) »substiruicäo « (Ersatzbildung)82 heraus, analog zur (somatisierenden) Konversion bei der Hysterie.
Bedeutsam sei auch ein wichtiges Gesetz der Psychoanalyse: die »deslocamento afetivo« (affektive Verschiebungs").
Freud habe die kindlichen Ursprünge der »obsessäo « herausgearbeitet (aggressive, sadistische sexuelle Handlungen
stehen hierbei im Vordergrund) und die Schwierigkei ten der Zensur, die frühen sexuellen Tendenzen durch Sublimation
zu zähmen, beschrieben. Nach einer ruhigen Latenzperiode würden sich dann in der Pubertät die Zwangssymptome
definitiv herausbilden. Der Ödipuskornplex'" (» ocdipus-cornplex «), zusammengesetzt aus Liebe und Hass85, sei das
prinzipielle ätiologische Element der »obsessäo «. Hieraus gehe auch die Ambivalenz (» ambivalencia« )86 hervor, die
sich jedoch mehr oder minder stark bei allen Neuropathien finde. Die »rransfiguracäo « (Umwandlung) und die
Verdrängung der kindlichen sexuellen Instinkte bis hin zur Neurose sei ein langwieriger Prozess. Hierbei spielten
weitere Mechanismen wie die Generalisierung (» generalisac;äo«), Verschiebung, Intervall (»intervalo«), Ersatzbildung
und »elipse « (Auslassung, Mangel) eine Rolle. Um diese besser zu verstehen, führt Pinto ein Fallbeispiel von Freud
an, das Regis in der Zeitschrift L'Encephale (1913, S. 467) zitiert habe: Eine junge Frau ist von der zwanghaften Angst
befallen, ihrem verstorbenen Vater im Jenseits Unglück zu bringen, würde sie einen gewissen Herrn X heiraten. Pinto
stellt dann die Klasse der gemischten Neurosen (» nevroses rnixtas «) vor, die hinsichtlich ihrer Pathogenie ein
organisches und ein neuropathisches Element (aktuelle Störungen des Sexualapparates. psychogenetisch: kindliche
sexuelle Traumen beziehungsweise Verdrängungen) enthalten. Die wichtigste unter ihnen sei die Epilepsie, bei der
einstimmig eine organische Verletzung diagnostiziert wurde. So hätten die Untersuchungen von Chaslin''? eine
Sklerose im Kortex als Ursache ergeben. Dubois88 habe aus diesem Grund vorgeschlagen, die Epilepsie ganz von der
Liste der Neurosen zu streichen. Einige Schüler Freuds hätten darüber hinaus den Versuch unternommen, die
Psychoanalyse auf den psychischen Inhalt der Epilepsie, des »rnorbus sacer « (hippocraticus)89, anzuwenden. Die
interessantesten Studien bezüglich der (intensiven und kaum verdrängten) Sexualität bei Epileptikern stammten von
Maeder?? und Morichau-Beauchanr?'. Stekel'" und Sadger93 hatten ebenfalls psychoanalytische Studien über
epileptiforme Krisen vorgelegt und eine Ähnlichkeit mit der Hysterie festgestellt. Viele andere Neurosenformen seien
von Freuds Schülern studiert worden, die aber in Pintos »einfachen« (»simples «] Arbeit nicht betrachtet werden
konnten. Nur die »sexuelle Anasthesie« (» anestesia sexual« )94 als typisch weibliche Neurosenform sei isoliert
worden. Diese stehe in Zusammenhang mit masturbatorischen Praktiken und werde im Allgemeinen mit der Hysterie
assoziiert. Pinto hält sie jedoch eher für ein psychasthenisches Symptom und nicht für ein eigenes Krankheitsbild. Die
sexuelle Impotenz (» impotencia sexual« ), eine typisch männliche Psychoneurose, sei vor allem von Steiner'" bei
Psychasthenikern und »emotiven« Menschen untersucht worden. Ihre Psychogenese sei der »obsessäo« völlig ähnlich,
sodass die Impotenz
vielleicht sogar eine Form der» obsessäo« darstelle. Im neunten Kapitel behandelt Pinto die Psychoanalyse als
therapeutische Methode.
Er beginnt mit der Feststellung:
»0 metodo de Freud s6 dara bons resultados nas rnäos de um especialisra completo,
e cujas qualidades moraes Ihe emprestem a calma, a paciencia e a dedicacäo indispensaveis
ao tratarnento da doente, que em geral dura longos mezes e mesmo anos
inteiros « (Pinto, 1914, S. 93).
Am Ende dieses Kapitels stellt Pinto fest, dass sich alles bisher Gesagte ausschließlich auf die Anwendungen der
Freud'schen Lehre hinsichtlich der Behandlung von »Neuroparhien psychischen Inhalts « oder »Psychoneurosen «
beziehe, und dabei die »Akrualneurosen « vernachlässigt worden seien. Die Therapie dieser Klasse von Neuropathien
sei viel einfacher und gründe auf dem Prinzip der normalen sexuellen Praxis. Wir wüßten bereits, dass die
Neurasthenie und die Angstneurose ein Resultat anormaler sexueller Gewohnheiten wie »ejaculatio praecox«, häufiger
Pollutionen, sexueller Schwierigkeiten etc, seien. Aber auch andere wichtige Faktoren moralischer und gefühlsmäßiger
Art müssten hierbei beachtet werden, was die Behandlung der Aktualneurosen trotz ihrer Einfachheit erschwere.
Im letzten nicht nummerierten (zehnten) Kapitel widmet sich Pinto den »Observacöes « (den klinischen
Beobachtungen) beziehungsweise fünf Fallgeschichten- den ersten psychoanalytischen Krankengeschichten in
Brasilien.
Das Krankengut entstammt vor allem dem »Hospital da Misericordia«?? (200 enferm.). Er beschreibt die
Krankengeschichten einer 30-jährigen spanischen Einwanderin und Witwe sowie einer 32-jährigen portugiesischen
Einwanderin und Witwe (beide leiden unter Hysterie und beklemmender Angst, »histeria e angusria «}, einer
Hysterikerirr (eine Krankengeschichte, die der» psicoanalista «(Pinto, 1914, S. 104) Moreira beisteuerte) mit positiver
Wassermann-Reaktion 100, einer 28-jährigen verheirateten französischen Einwanderin (Angstneurose) und eines 24-
jährigen strenggläubigen Studenten (Neurasthenie) 101. Aufschlussreich ist auch die geschilderte Symptomatik: );0>
Hysterie und ängstliche Beklemmungen (x-Histeria e angustia «): unregelmäßige Atmung (teilweise Dyspnoe),
Hitzewallungen, Leere im Kopf, leichter halluzinatorischer Zustand, unruhiger Schlaf mit vielen ängstlichen Träumen,
die zum Aufwachen und Aufstehen führen, ständige Unruhe, Schmerzen an verschiedenen Körperteilen, Anorexie,
Amnesien, hysterische
Attacken, ängstlicher Gesichtsausdruck, Sehstörungen, Herzsensationen, Koordinationsstörungen, gas tri tische
Schmerzen, Amaurose etc.; );0> Angstneurose (» Neurose de angustia «): übertriebene Erregbarkeit, Melancholie,
Lebensüberdruss, unerklärliche Schuldgefühle und Schlaflosigkeic'P-,);0> Neurasthenie (»Neurastenia«): nächtliche
Pollutionen, Schwäche- und Erschöpfungszustand, Überarbeitung, Blähungen, Dyspepsie, Onanie.
Auffällig ist die Anzahl der Immigrantinnen und Verwitweten 103. Interessant ist auch, dass bei allen Patientinnen eine
biografische Anamnese und täglich längere Gespräche durchgeführt wurden, wobei der Sexualität (als dem
entscheidenden ätiologischen Faktor) eine hervorragende Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die Behandlung der
Patientinnen wird als »rratamento psicoterapeutico « (5. 100), als Herstellung eines »transporte afetivo positivo « (5. 10
1), als »rraramento psicoanalitico « (5. 105) und als informative Sexualberatung (auch des Ehemanns) charakterisiert.
Ihr Ziel ist die Aufgabe der Masturbation beziehungsweise die Aufnahme einer »normalen« nicht frustrierenden
genitalen Betätigung mit einern Partner (5. 107, 109). Von freien Assoziationen oder Traumberichten beziehungsweise
-deutungen und dem Liegen auf dem» divä «104 ist nicht die Rede.
Auch wurden keine langfristigen Katamnesen durchgeführt. Am Ende seiner Dissertation (5. 113ff.) Iistet Pinto
Prüfungsthemenvorschläge
für die einzelnen medizinischen Fachgebiete auf" wie zum Beispiel für die Bereiche Medizinische Naturgeschichte,
Medizinische Chemie, Deskriptive Anatomie, Histologie, Physiologie, Mikrobiologie, Pharmakologie, Materia Medica,
Klinik etc., die Dr. Brito e Silva, der Untersekretär der Medizinischen Fakultät Rio de Janeiros am 16.12.1914 prüfte. Im
Zusammenhang mit dem Disserrationsthema sind hier vor allem drei Kategorien interessant.
1. »Terapeutica«, die Pinto wie folgt beschreibt: »die klassischen Hauptmethoden der Psychotherapie sind die
Persuasion, Suggestion und Hypnose. Freud betrachtet alle drei wegen ihrer Oberflächlichkeit für unwirksam. Die
psychoanalytische Methode scheint gegenwärtig als einzige fahig zu einer definitiven und radikalen Heilung zu sein «
(Pinte, 1914, S. 120).
2. »Clinica de Doencas Nervosas«: »Nach dem Konzept von Freud sind die Neurosen immer Ausdruck von sexuellen
Trumatismen. Diese Traumatisrnen können aus der Kindheit stammen und in das Unbewußte verdrängt werden, oder
aktuelle Funktionsstörungen des Genitalapparates
sein. Im ersten Fall nennen wir sie -Psychoneurosen e oder Neuropathien »psychischen Inhalts c, im zweiten Fall,
-Akrualneurosen- oder Neuroparhien ohne >psychischen Inhalt<<< (ebd., S. 127f.).
3. »Clinica psiquiatrica«:
»Die Anwendung der Psychoanalyse bei Psychosen bedeutet eine sehr wichtige und relativ neue Erweiterung der
Freud'schen Lehre. Ihre Prozesse unterscheiden sich in gewisser Weise, von der Anwendung der Analyse der
Mentalität der Neuroparheu. Die Dementia praecox'P>, die Paranoia106 und die manisch-depressive Psychose'v? sind
bisher das hauptsächliche Beobachtungsfeld Freuds und seiner Schüler« (ebd., S. 128).

Diskussion
Es ist wirklich überraschend, bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges (1914) 108 der Zeit des grausamsten Auswuchs
des »imperialen Zeitalrers « (Hobsbawn, 1989) und der »Urkatastrophe des XX. Jahrhunderts« (Kennan, 1990) – eine
solch umfangreiche und systematische Darstellung der im europäischen »Zentrum « Wiens (vgl. Zweig, 1996; Tögel,
1997; Piramo-Orrega, 2006, 5. 337ff.)
entstandenen Psychoanalyse in der ca. 10.000 km entfernten damaligen südamerikanischen »Peripherie «, Rio
de]aneiro, vorzufinden: aus der »Welt von
Cesrem-s-?? in die »Neue Welt«ll0 der Zukunft (»Brasil pais do Iuturo «).
Im Großen und Ganzen werden die klinischen Erkenntnisse, die Begrifflichkeit (vgl. Laplanche & Pontalis, 1983
[französisch 1967]; Perers, 1997; Roudinesco & PIon, 2004) und theoretischen Gedankengänge Freuds (bis ca. 1914)
von Pinro korrekt widergegeben. Da dies manchmal aus der (kritischen) Sicht französischer Ärzte wie zum Beispiel
Regis, Hesnard, Pi tres, Janet erc.!!' geschieht,
wird nicht immer ersichtlich, welche Originalwerke Freuds (seine Titel werden oftmals in deutscher Sprache zitiert) Pinro
wirklich zurate zog. Aufgrund der prekären Situation der damaligen Bibliotheken in Brasilien liefert vielleicht eine
Bestandsanalyse der Privatbibliothek Ausrregesilos (die von Pinro genutzt wurde) mehr Klarheit (vgl. Pinto, 1914, S.
1).112Pinto konzentriert sich in seiner Doktorarbeit auf die klinisch relevanten Aspekte der psychoanalytischen
Neurosenlehre und versucht, eine Ordnung (»ordem «) in das Chaos und Labyrinth der psychischen Störungen zu
bringen. Mit seiner Arbeit, die im Dienst des Fortschritts (»progresso«) der brasilianischen Medizin stand, legte er die
damals modernste dynamische Psychopathologie 113vor. Das war in der »Kraepelinschen Ära der Psychiatrie (1899-
1920)« (Menninger, 1968, S. 439) eine wirkliche Pioniertat.
Wie war es möglich, dass die Wiener Psychoanalyse Eingang in diese tropische Gesellschaft Südamerikas fand, die
erst am l3. Mai 1888 die Sklaverei abgeschafft hatte und zu einer Republik (1889) geworden war? Positiv und fördernd
wirkte sich vor allem die wissenschaftlich-kulturelle und ökonomische »dependencia« 114Brasiliens auf die Rezeption
der Psychoanalyse aus (s. oben). Die brasilianischen wissenschaftlich-kulturellen und medizinischen Eliten um 1900/14
lassen sich dementsprechend durch folgende Eigenschaften charakterisieren: Herodianismus 115,Xenophilie,
Philoneisrnus und Transozeanismus (der ständige Blick nach Europa).116 Wie Herodes geistig in Rom und im
Hellenismus und physisch inJudäa lebte, so lebten auch die brasilianischen Eliten geistig-bewusst in den Metropolen
der herrschenden europäischen Weltzivilisationen (vor allem in der französischsprachigen Welt Europas). Der
brasilianische Philosoph joäo Cruz Costa (1953, 1956) vertrat sogar die Ansicht, dass die übermäßige Bewunderung für
das Fremde (Philoneismus) sowie das bestehen de Desinteresse der führenden Eliten für die brennenden Probleme
des eigenen Landes möglicherweise das Resultat einer Art Minderwerrigkeirskornplex'J? sei. Joaquim Aurelio Barreto
Nabuco de Araujo (1849-1910), einer der brillantesten brasilianischen Intellektuellen seiner Zeitl18, schreibt in seiner
Autobiografie Minha formarao (1900):
»Das Gefühl in uns ist brasilianisch, die Imagination europäisch. Alle Landschaften der Neuen Welt, der Urwald
Amazoniens, die argentinische Pampa sind für mich wertlos gegenüber einer Wegstrecke auf der Via Appia, einer
Wanderung auf der Straße von Salerno nach Amalfi, einem Stück des Seine-Ufers im Schatten des alten Louvre« (zit.
nach Stubbe, 1987, S. 111f.)119.
Die Rezeption der Psychoanalyse wurde seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und besonders im 20.
Jahrhundert durch die starke europäische Einwanderungl20 begünstigt, die das geistige Klima Brasiliens für neue
europäische Ideen sowie für neue kulturelle und wissenschaftliche Bewegungen öffnete.121 Auch die Psychoanalyse
war eine solche neue und moderne wissenschaftliche Lehre (»psicanalise modernista «] (vgl. Facchinetti, 2003).
Andererseits standen Widerstände und beträchtliche Schwierigkeiten der Aufnahme der Psychoanalyse in Brasilien im
Weg. So erschwerte die deutsche Sprache den Zugang zu den Schriften Freuds erheblich, vor allem da die erste
Überserzung'P ins Spanische im Jahre 1923 erschien. Einige Lateinamerikanisten und Brasilianisten sprechen in
diesem Zusammenhang von einer sogenannten lateinischen Mauer (vgl. Stubbe, 1997, S. 23), einer kulturellen Barriere
zwischen
der deutschsprachigen und der hispanoamerikanischen beziehungsweise portugiesischsprachigen Welt. Der
wissenschaftlich-kulturelle Import aus Europa verlief in Brasilien zur Zeit Pintos fast ausschließlich über die französische
Sprache (vgl. Garraux, 1962; Araujo, 1973)123, das heißt im Falle der Psychoanalyse über einen komplexen
Übersetzungsprozess von Wien via Paris nach Rio de Janeiro/Säo Paulo.
In seiner Schrift »Die Widerstände gegen die Psychoanalyse« (1925) macht Freud auf verschiedene
Widerstandsfaktoren aufmerksam, wie zum Beispiel auf die Angst vor dem Neuen, den Begriff des »Unbewussten «, die
Ablehnung der Psychogenese durch die traditionelle Medizin/Psychiatrie, die Ablehnung der (Sexual- )Trieblehre, die
Lehre vom Ödipuskomplex, den wachsenden Antisemitismus und die beträchtliche Selbstkränkung des Menschen
(nach der Kopernikanischen und Darwinschen Kränkung), nicht mehr »Herr im eigenen Haus« zu sein. Alle diese
Widerstände lassen sich mehr oder minder in der Geschichte der Psychoanalyse in Brasilien nachweisen (vgl. Rocha,
1989, S. 37ff.). Auch die wichtige Rolle der römisch-katholischen Kirchel24 in Brasilien muss in diesem Zusammenhang
hervorgehoben werden. Die bemerkbare kritische Haltung Pintos gegenüber der Psychoanalyse, die an einigen Stellen
seiner Dissertation sichtbar wird, könnte ein Zugeständnis an seine Lehrer (zum Beispiel an Austregesilo), die
französischen Autoren oder an die Lehre der katholischen Kirche bezüglich der menschlichen Sexualität sein. Der
Vorwurf des sogenannten Pansexualismus ist bereits in nuce bei ihm erkennbar. Die bewundernde Verehrung und
Akzeptanz der Lehre Freuds iiberwiegr jedoch in seiner Dissertation, denn von den oben genannten Widerständen ist
kaum etwas zu bemerken.
Diese Widerstände gegen Freuds Theorien und seine Person sollten jedoch nicht mit einigen ökonomischen, kulturellen
und sozialen Gegebenheiten Brasiliens, die eine behindernde Wirkung besaßen, verwechselt werden. Zunächst
müssen wir uns verdeutlichen, dass noch im Jahre 1920 bei einer Gesamtbevölkerung von 17,5 Millionen Einwohnern
11,5 Millionen (das heißt 64% der Bevölkerung, darunter insbesondere Frauen) nicht lesen und schreiben konnten (vgL
IBGE, 1958, 1987). Dieser Anteil lag in ländlichen Regionen, in denen 1914 die überwiegende Mehrheit der
Bevölkerung lebte, noch höher. Aber auch unter den alphabetisierten Bürgern war nur ein sehr geringer Prozentsatz in
der Lage, akademische Bücher zu lesen. Bloß eine kleine (vor allem großstädtische) Minderheit von Medizinern,
Juristen, Pädagogen, Theologen, Militärs und Ingenieuren, für die eigene Hochschulen (» Faculdades «) existierten,
konnte solche anspruchsvollen (oftmals französischen) Bücher erwerben, studieren und verstehen. Ein zweites
Charakteristikum war die außerordentliche Jugendlichkeit der brasilianischen Bevölkerung, das Resultat einer hohen
Geburtenrate sowie einer geringen Lebenserwartung. So waren im Jahre 1920 ca. 50% der Bevölkerungjünger als 16
Jahre und kamen dahe als potenzielle Psychoanalyse-Leser kaum infrage Brasilien war und ist ein multiethnisches
Land mit einem enormen afrikanischen, »indianischen« und gemischten (»pardo«) Bevölkerungsanteil.ln diesem
Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die aus Wien importierte Psychoanalyse überhaupt der kulturellen, religiösen,
ökonomischen, sozialen und psychischen Realität dieser Gruppen entsprach.
»Dies bedeutet, daß die Geschichte der Gruppierungen, die im Zeitabschnitt von 1899 bis 1937 die Rezeption der
Psychoanalyse in Brasilien betrieben, - dies lässt sich ganz allgemein für die Durchsetzung aller wesentlichen
Transformationen in der sogenannten Dritten Welt im 20. Jahrhundert sagen (vgl. Hobsbawn, 1995, S. 256) - die
Geschichte einer winzigen großstädtischen Elite in Brasilien ist « (Stubbe, 1997, S. 25).
Erst die spätere Ethnopsychoanalyse und kulturvergleichende (transkulturelle) Psychiatrie'F' stellte sich diesen Fragen
ernsthaftl26• Roudinesco & PIon (2004), sich auf Gilberto Freyre (1900-1987) berufend, heben mit Recht hervor, dass
Brasilien (und dies gilt insbesondere für die Jahre 1900-1914) unter der rigiden patriarchalischen Ordnung zwei
antagonistische Gesichter besaß. So blühte einerseits das humanistische Ideal einer positiven Kirche (» igreja
posirivista «) 127, die alle wichtigen Reformen inspirierte (Abolition, Republik etc.), während auf der anderen Seite eine
Kultur weiterlebte. die aus der Verbindung zwischen der afrikanischen Sklavin - der Konkubine (» escrava« ) - und
ihrem Besitzer _dem »Senhor« - hervorgegangen war. Diese Vermischung erklärt die besondere
Bedeutung der Sexualität und später der Bisexualität in der brasilianischen Gesellshaft, »in .der die Anziehungskraft
schwarzer Frauen auf die Söhne guter Familien auf die enge Beziehung des weißen Kindes zu seiner schwarzen
Arnme zurückgeht: eine körperliche und sinnliche Sexualität« (Roudinesco & PIon, 2004, S. 129). Die Vermutung von
Roudinesco und PIon, Polygamie sei in Brasilien
verbrei~eter als in Europa, scheint ein exotisierendes Vorurteil zu sein. Richtigrst dagegen Ihre Feststellung bezüglich
der besonderen Religiosität der Brasilianer und des grassierenden Polytheismus, übrigens auch innerhalb des
»carolicismo popular«. Die alten therapeutischen Traditionen der Trance und der Besessenheit, wie sie zum Beispiel in
den indigenen Religionen (Kosmotheismus), im Candornbie oder in der Umbanda verbreitet sind, konnte die
Psychoanalyse jedoch nicht verdrängen. Es wäre aus diesem Grund sinnvoll, in Zukunft eine»I~terk~lturelle
Psychoanalyse« (vgl. z.B. Reichmayr et al., 2003) oder allgemeiner eine »Interkulturelle Psychotherapie«, wie ich sie
bereits 1980 forderte (Stubbe, 1980, S. 89, 1995a), zu entwickeln 128.
Bisher existiert noch keine quellen kritische Geschichte der Psychoanalyse beziehungsweise dynamischen Psychiatrie
in Brasilien, die den modernen Anforderungen der Wissenschaftshistorik gerecht würde. Ökonomische, kulturelle und
soziale Aspekte bleiben bei den bisherigen Darstellungen im Allgemeinen unberücksichtigt. Die Vorliebe für eine »Big-
rnan-x-Historiografie führte oftmals zur Vernachlässigung der Sozial- und Institutionsgeschichte (vgl. z. B.Levine, 1983).
Frauen scheinen in der psychoanalytischen Bewegung der Frühzeit in Brasilien überhaupt keine Rolle gespielt zu
haben. War der selegierende machistische Blick der Historiker hierfür veranrwortlichtt '? Datierungen eines
Frauenstudiums. zum Beispiel der Medizin, gibt es erst seit 1930 (vgl. Azevedo, 1963, S. 639f.).130 Lernten die
Psychiater und Psychoanalytiker das Wichtigste nicht von ihren Patientinnen und Patienten? Erst in den InOer Jahren
nahm das Interesse für die Psychoanalyse in Brasilien zu. Freud korrespondierte in dieser Zeit mit einigen
Intellektuellen (vgl. Stubbe, 1997, S. 26[' 51; Stubbe, 1998c) - zunächst vor allem mit Medizinern (Psychiatern,
Neurologen, Kinderärzten) -, die gerade die Psychoanalyse rezipierten. Die Aufnahme der Psychoanalyse muss vor
dem Hintergrund großer sozialer, politischer und geistiger Transformationen sowie (katholischer, pädagogischer etc.)
Reformbewegungen beziehungsweise Revolutionen in der brasilianischen Gesellschaft betrachtet werden (vgl.Stubbe,
1997). Die Historiografie der Psychiatrie und Psychoanalyse muss dies
berücksichtigen.
Pintos Arbeit ist ein bisher kaum beachteter'>' wichtiger Markstein in der Geschichte der dynamischen Psychiatrie und
Psychoanalyse in Brasilien. Diese Arbeit befand sich bisher schwer auffindbar in einem dunklen Archiv der
Medizinischen Fakultät in Rio de Janeiro, das heißt gleichsam in einem unbewussten Bezirk der brasilianischen
Medizin-, Psychologie- und Psychoanalysegeschichte.
Wir sind froh, sie wieder an das Tageslicht des Bewusstseins gebracht zu haben (vgl. Stubbe, 2011).

CAP. 2
Der Einfluss der deutschsprachigen Psychoanalyse und Psychoanalytiker auf die Psychoanalyse in Brasilien
Hans Füchtner

Bei diesem Thema Freud an erster Stelle zu nennen, ist heutzutage gar nicht so selbstverständlich, wie man annehmen
könnte. Die Sprachbarriere ist dafür nicht der einzige Grund. Seit Lacan zu Beginn der 1970er Jahre von brasilianischen
Psychoanalytikern zur Kenntnis genommen wurde, wuchs sein Einfluss sehr rasch und führte zur Gründung einer
Vielzahllacanianischer Gruppierungen. Unter der Losung »Zurück zu Freud« lasen ihre Mitglieder, überwiegend
Psychologen, meist nur noch Lacan, Für Interessenten war in diesen Kreisen eine psychoanalytische Ausbildung (»
modo lacaniano «) relativ leicht zugänglich. Das bedeutete eine Verbreitung der Psychoanalyse in weiten Bereichen
Brasiliens.' Von der Mitte der 1930er bis zum Ende der l%Oer Jahre blieb die Entwicklung der Psychoanalyse auf kleine
Gruppierungen in den Städten Rio de Janeiro, Säo Paulo und Porto Alegre beschränkt. Neben den Gesellschaften der
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) gab es nur ganz wenige andere psychoanalytische
Gesellschaften. So existierten in Rio seit 1953 die »Sociedade Psicanalicica Iracy Doyle« (SPID) und ebenfalls seit den
1950er Jahren einige Tiefenpsychologische Kreise (» Circulos Psicanalicicos «), die Ableger von Igor Carusos Wiener
Arbeitskreis für Tiefenpsychologie waren.? . Man kann in Bezug auf die 1970er Jahre geradezu von einem
»Lacanfieber « sprechen. Der nüchtern trockene Freud galt vielen als veraltet. Und bis heute interessieren sich die
brasilianischen Lacanianer kaum für die Geschichte der Psychoanalyse in ihrem Land. Für sie ist es wohl im
Wesentlichen nur die Geschichte der IPA-Analytiker, von der sie sich distanzieren. Aber auch die mehr oder weniger
orthodox gebliebenen Analytiker zeigen kein großes Interesse an ihr.' Dabei würde ihnen die Geschichte einige
Anregungen für ihre eigene Sicht der Psychoanalyse in der heutigen Gesellschaft bieten.

Brasilianische Pioniere der Psychoanalyse mit Deutschkenntnissen


Freud wurde in Brasilien bereits früh, das heißt Ende des 19.Jahrhunderts, erstmals erwähnt. Brasilien ist somit eines
der ersten Länder, in denen Freud zitiert wurde. Der Umstand, dass die Psychoanalyse ursprünglich eine nur in
deutscher Sprache zugängliche Spezialität war, behinderte ihre Rezeption in Brasilien anfangs nicht entscheidend. Das
ist das Verdienst zweier herausragender Psychiater, Juliano Moreira und Julio Pires Porto-Carrero, die beide des
Deutschen mächtig waren. Später allerdings - nicht erst mit der Rezeption Lacans - erschwerte nicht nur die
Sprachbarriere die Verbreitung der Psychoanalyse, sondern auch das traditionell besonders an Frankreich orientierte
intellektuelle und wissenschaftliche Leben. In Frankreich hatten die Erkenntnisse des deutschen Juden Freud wenig
Ansehen. Die von Regis und Hesnard publizierte Darstellung der Freud'schen Theorie, deren ambivalente Einstellung
und erhebliche Mängel von Freud und Ferenczi kritisiert wurden, war in Brasilien lange Zeit die am leichtesten
zugängliche und bekannteste psychoanalytische Veröffentlichung (Regis & Hesnard, 1914).4
Es war der Arzt und Psychiater Juliano Moreira (1873-1933), der Freud 1899 als Erster in einer Vorlesung in Bahia
erwähnte. Moreira war eine beeindruckende Persönlichkeit.> Als Kind armer Schwarzer wurde er 1873, also 15 Jahre
vor Abschaffung der Sklaverei in Brasilien, geboren. Sein Studium verdankte er der Herrschaft, bei der seine Mutter als
Hausangestellte arbeitete und die ihn ins Haus aufnahm,6 Bereits im Alter von 13 Jahren immatrikulierte er sich an der
medizinischen Fakultät Bahias. Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums im Jahre 1891 lehrte er an derselben
Fakultät und erwarb klinische Erfahrungen in der Psychiatrie. 1903 wurde er in Rio de Janeiro Professor für Psychiatrie
und DIrektor des Nationalen Krankenhauses für Geisteskranke (»Hospital Nacional dos Alienados«), Er setzte in seiner
Klinik tiefgreifende Reformen durch. So ließ er beispielsweise Gitter entfernen, Zwangsjacken abschaffen, bauliche
Veränderungen vornehmen, die den Kranken das Leben erleichterten, und er führte neue Behandlungsformen wie die
Beschäftigungstherapie ein, Zudem richtete er eine Abteilung ein, in der die Psychiater Carneiro Ayrosa und Murillo de
Campos psychoanalytisch orientiert arbeiteten, Aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung reiste er ab 1895 mehrfach nach
Europa. Diese und spätere Reisen, auch nach Japan und Nordafrika, nutzte er, um mit namhaften Psychiatern Kontakte
herzustellen und ihre Kliniken kennenzulernen. Während seiner Europareisen nach der Jahrhundertwende nahm er an
zahlreichen internationalen Kongressen teil und wurde Mitglied in mehreren internationalen Vereinigungen. Er besuchte
psychiatrische Kliniken und Irrenanstalten in Deutschland, England, Schottland, Belgien, Holland, Frankreich, Italien,
Österreich und der Schweiz. Bei RudolfVirchow erweiterte er zudem seine Kenntnisse in anatomischer Pathologie, Sein
besonderes Interesse galt der deutschen Psychiatrie. Da er mehrere Sprachen beherrschte, konnte er zu mehreren
prominenten Kollegen leicht eine enge Beziehung herstellen. So beispielsweise zu Emil Kraepelin, der damals große~
internationales Ansehen genoss, Paul Flechsig, Richard von Kraffe-Ebing,
FnednchJolly, Eduard Hitzig, aber auch zu französischen Kollegen wie Valentin Magnan und anderen.
Trotz seiner engen Beziehungen zu deutschen Kollegen, insbesondere zu Kraepelin,. der die Psychoanalyse strikt
ablehnte, interessierte und engagierte sich Morelra vor allem für die Psychoanalyse, 1914 erwähnte er gegenüber der
Brasilianischen Gesellschaft für Neurologie die Methode Freuds. Diese Mitteilung und die DIssertation Da psicandlise -:
A sexualidade nas nevroses von Genserico Ximenesde Aragäo Sousa Pinto? kennzeichnen den Beginn der ersten
Phase der Psychoanalyserezeption in Brasilien." Unter den zahlreichen Publikationen Moreiras gibt es keine weitere
Arbeit. in der er sich direkt mit der Psychoanalyse auseinanderserzt.? Gelegentlich versuchte er jedoch. seine
Psychoanalysekenntnisse in der Praxis anzuwenden (vgl. Pinto 1914/2011). 1928 war er Mitbegründer der –
kurzlebigen - Brasilianischen Psychoanalytischen Gesellschaft in Rio. ein Ableger der ein Jahr zuvor in Säo Paulo
gegründeten ersten brasilianischen psychoanalytischen Gesellschaft. der »Sociedade Brasileira de Psychanalyse«. Er
wurde ihr erster Präsident. Generalsekretär dieser psychoanalytischen Gesellschaft war Julio Pires Porto-Carrero
(1887-1937). Der in Olinda (Pernambuco) geborene Porto-Carrero studierte in Rio de Janeiro Medizin. Vor seinem
Studium unterrichtete er bereits an der Schule seines Vaters. Unter dem Einfluss von Moreira, mit dem er sich
befreundere", wandte er sich der Psychoanalyse zu und lernte Deutsch. um Freud im Original lesen zu können. Er war
der erste Brasilianer. der ab 1924 offiziell als Psychoanalytiker arbeitete. das heißt er bezeichnete sich als solcher.
1929 wurde der sowohl musisch als auch sprachlich begabte Porto-Carrero Professor für Rechtsmedizin an der
juristischen Fakultät. In demselben Jahr veröffentlichte erseine Ensaios de Psychanalyse, die er dem Gelehrten (»
sabio «] Freud in Verehrung und Dankbarkeit für seine Aufgeschlossenheit sowie seine Bemühungen widmete (Porro-
Carrero, 1929). Er schickte Freud sogar ein Exemplar. der ihm für das Buch dankte und die Vermutung äußerte. Porto
Carrero habe gewiss schon viel Spott und Widerstand erfahren. Er solle sich davon jedoch nicht beirren lassen. Da er
selbst die Erfahrung gemacht habe. dass es auch sehr stimulierend sein könne. an etwas zuarbeiten. was einen in
Gegensatz zur Masse bringe (ebd .• S. 24).11 Die
Aufsatzsammlung beginnt mit Porto-Carreros Einführungsvorlesung »Psychanalyse- A sua historia e 0 seu conceito «
(» Psychoanalyse - ihre Geschichte und ihr Begriff«) zu einem Kurs über Psychoanalyse und Erziehung. den er 1928
zusammen mit Deodaro de Moraes abhielt. In der Folge setzte er sich mit Themen wie Sexualität. schulische und
pädagogische Fragen. Alkoholismus. Selbstmord. Klinische Aspekte der Psychoanalyse. Rechtsmedizin. Kriminologie
etc. auseinander.
Auch in den folgenden Jahren veröffentlichte Porto-Carrero eine Reihe von Büchern und Aufsätzen zur Psychoanalyse
(Porto-Carrero. 1929. 1932a. 1932b. 1932c. 1932d. 1933a. 1933b. 1940). Er übersetzte Freud-Texre, hielt Vorträge und
propagierte die Psychoanalyse in Radiosendungen. Porto-Carrero war zwar der Meinung. die Methoden der
Psychoanalyse ließen sich nur durch ihre Anwendung verstehen und ausschließlich in Europa erlernen. aber er ging auf
dieses Problem. das ihn selbst betraf, nicht weiter ein (Porto-Carrero. 1932d). Kenntnisreich und kritisch erörterte er
dagegen die Auffassungen von Adler. Jung. Rank, Stekel und anderen. .Das Engagement von Moreira und Porto-
Carrero galt einerseits der Verbreitung der Psychoanalyse als Wissenschaft. andererseits sahen sie in ihr eine Disziplin
zur Förderung der gesellschaftlichen Hygienisierung. In den 20er und 30er Jahren sorgten sich die brasilianischen
Psychiater und Ärzte sehr um die moglische Gesundheit ihrer Gesellschaft. Neben einer winzigen reichen Oberschicht
von GroßgrundbeSitzern gab es in dem noch ganz agrarischen Land inden Städten eine sehr kleine Mittelschicht und
eine größere Schicht elender. Beruflich unqualifizierter und völlig ungebildeter Menschen. die zum Teil noch Sklaven
gewesen waren. Die Mittelklasse fürchtete sich vor diesen städtischen Massen. Grund hierfür waren nicht nur die
häufigen Epidemien und Seuchen.
sond~rn auch die Auffassung vieler Psychiater und Ärzte. sie seien wegen ihrer »rassischen Mischungen« degeneriert..
192~ wurde die »Liga Brasileira de Higiene Mental« (LBHM) gegründet.
111 der SIch auch Moreira und Porto-Carrero engagierten. Letzterer war hier von 1928 bis 1933 Vizepräsident und von
1934 bis zu seinem Tod Präsident. Moreira und Porto-Carrero nutzten die Psychoanalyse mit dem Ziel. die
brasilianische Gesellschaft zu erziehen. zu zivilisieren und vor Dekadenz zu schützen. Beide befürworteten eine
rigorose ErZiehung durch öffentliche Institutionen und
räumten dem Staat zu diesem Zwecke quasi totalitäre Befugnisse ein. Dazu gehörten auch eugenische und
prophylaktische Maßnahmen. Porto-Carrero betonte immer wieder. dass die Bedürfnisse und Interessen des
Individuums denen der G~ttung. der Gesellschaft. der Nation und des Staates untergeordnet werden mussten (Mokrejs.
1989) 12. Obwohl er mit den deutschsprachigen psychoanalytischen Diskussionen seiner Zeit vertraut war, sah er
keinen Widerspruch zwischen der Psychoanalyse und ihrer Nutzung für solche Ziele.
Zu den bedeutendsten brasilianischen Ärzten und Psychiatern, die aufgrund ihrer Deutschkenntnisse einen guten
Zugang zu deutschsprachigen psychoanalytischen Veröffentlichungen hatten und die Verbreitung der Psychoanalyse in
Brasilien besonders wirksam förderten, gehörte auch Arthur Ramos (1903-1949).13 Seine Vertrautheit mit den stets
aktuellsten psychoanalytischen Veröffentlichungen von Abraham bis Zulliger ist geradezu verblüffend. Er
berücksichtigte zahlreiche
Autoren wie Aichhorn, Bernfeld, Hug Hellmuth, Spielrein. Winterstein und viele andere, von denen bis in die Gegenwart
kaum ein brasilianischer Analytiker gehört hat.!? Auch französisch- und englischsprachige Publikationen waren ihm
nicht fremd.
Ramos wurde in Alagoas geboren, sah sich jedoch als Bahianer (Perestrello, 1992). In Salvador studierte er Medizin
und praktizierte hier einige Jahre lang. Ab 1934 lebte er in Rio, wo er - bald nach der Revolution von 1930 - als Leiter
der Technischen Abteilung für Orthophrenie und Mentale Hygiene einen Posten in der für Erziehung und Kultur
zuständigen Verwaltung des Bundesdistrikts übernahm. Zudem wurde er zum Professor für Sozialpsychologie ernannt.
Nach seiner Vortragsreise 1941 in die USA gründete er die Brasilianische Gesellschaft für Anthropologie und
Ethnografie, deren erster Präsident er wurde. 1945 bewarb
er sich erfolgreich um den Lehrstuhl für Anthropologie an der Universität von Brasilien in Rio. Ende der 1940er Jahre
wurde er zum Leiter der Abteilung für Sozialwissenschaften der UNESCO berufen. Im Alter von nur 46 Jahren starb er
kurz darauf in Paris.
Schon als Schüler interessierte sich Ramos für die afrobrasilianische Kultur in Bahia und verfasste hierüber eine Reihe
von Manuskripten.P Seine Doktorarbeit in Medizin Primitivo e loucura (1926) war bereits in wesentlichen Punkten
psychoanalytisch orientiert. Er setzt sich darin mit den Zusammenhängen zwischen ähnlichen psychologischen
Erscheinungen bei »Wilden« - da dieser Begriff negativ konnotiert war, bezeichnete er sie in Anlehnung an Levy-Bruhl
als »Primitive « -, psychisch Kranken, Kindern und bestimmten Phänomenen der Kunst auseinander. Er schickte seine
Arbeit Freud, der ihm in englischer Sprache bedauernd antwortete, diese aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht
lesen zu können, aber dennoch vermute, Ramos habe das Thema insgesamt gemeistert.
Es schikt, als habe Ramos Freud daraufhin eine Übersetzung geschickt, denn Im Marz 1928 schrieb Freud ihm, er finde
seine Resultate» sehr interessant und durchaus in Übereinstimmung mit den Erwartungen, die sich auf die bisherigen
psychoanalytischen Arbeiten gründen ließen« (Teixeira, 1992). Es wäre interessant zu wissen, wie gründlich Freud den
Text von Ramos zelesen hat. Ramos beruft sich darin keineswegs nur aufFreud, sondern neben Lucien Levy-Bruh]
auch auf eine Reihe anderer Theoretiker wie Adler, Jung und Bleuler, mit dem Ramos ebenfalls korrespondierte, sowie
insbesondere auf den italienischen Psychiater Eugenio Tanzi.16 Spätere Veröffentlichungen zeigen deutlich, das~ sich
Ramos in seiner psychoanalytischen Sichtweise an Adler und Jung orientierte. Er sah Freud als Pionier der kausalen
Ursachenerklärung psychischer Ph~nomene an, die jedoch Adlers finalistischer Erklärungen bedurften. Auf Jung berief
er Sich, wer! er der Meinung war, man müsse das Individuum vom Studium der .Gattung her verstehen. Ohne eine
ethnische kollektive Psychologie sei das IndlVlduum nicht zu verstehen. In dieser Perspektive entwickelte er den Begriff
des »Folkloreunbewussten « (» inconscienre folcl6rico«), über das bestimmte archaische Dispositionen weitergegeben
werden, die in psychischen Störungen und anderen Manifestationen des Psychischen zum Ausdruck kommen.
Ungeachtet seiner eklektizistischen Psychoanalyserezeption sahen ihn seine Kollegen als orthodoxen Psychoanalytiker
an. In pädagogischen Fragen verpflichtete er Sich der Bewegung der mentalen Hygiene.'? Kein anderer
Wissenschaftler seiner Zeit behandelte so viele verschiedene wissenschaftliche Bereiche wie er: Ethnologie,
Anthropologie, Soziologie, Sozialpsychologie, Kriminologie, Pädagogik, Psychiatrie, Folklore und natürlich
psychoanalytische Theorie. Es ist im Wesentlic~en ihm zu verdanken, dass er in all diesen Bereichen durch seinen
psychoanalytischen Ansatz erstarrte medizinisch-physiologistisch-rassistische Positionen psychologiSierend
aufbrechen konnte (Duarte, 1999/2004). In den Jahren ab 1937 beschäftigte er sich zunehmend mit Ethnologie und ließ
hierbei die Psychoanalyse
unberücksichtigt.18 Stattdessen wandte er sich nordamerikanischen kulturalistischen Auffassungen zu. Eine Rolle
spielte hierbei möglicherweise der Umstand, dass die Psychoanalyse in dieser Zeit immer deutlicher zu einer Spezialität
wurde und nach allgemeiner Auffassung nicht ohne praktische Erfahrungkompetent angewandt werden konnte. Obwohl
Rarnos die Interpretationen des kollektiven nationalen Lebens seiner Zeit entscheidend beeinflusste, geriet er
unverständlicherweise schon bald nach seinem frühen Tod weitgehend in Vergessenheit. 19 Dank ihrer guten
Deutschkenntnisse konnten Moreira und Porto-Carrero in Rio de Janeiro sowie Ramos, zunächst in Bahia und dann
ebenfalls in Rio, die Entwicklung der Psychoanalyse in Europa laufend rezipieren und sie in die wissenschaftlichen
Diskussionen ihrer Zeit ihren Überzeugungen entsprechend einbringen. Hierzu gehörte auch das Engagement für die
hygienistische Reform der brasilianischen Gesellschaft. Da es noch keine große städtische Mittelschicht gab, die sich
für die Psychoanalyse interessierte, bestand ihr Publikum nicht aus der breiten Öffentlichkeit, sondern aus den
wissenschaftlich gebildeten Kollegen. Auch in Säo Paulo gab es unter den Pionieren der Psychoanalyse einige, die
diese in deutscher Sprache rezipieren konnten. Der bedeutendste von ihnen war der Psychiater Francisco Franeo da
Rocha (1864-1933). Sein Einfluss war für die Entwicklung der Psychoanalyse in Säo Paulo sehr wichtig, allerdings
beschränkte er sich auf sein berufliches Milieu und intellektuelle Kreise, während die Psychoanalyse von Akademikern
und Künstlern der modernistischen Bewegung in den 1920er Jahren auf eine recht eigenwillige Art und Weise rezipiert
wurde (Araujo, 2000).20 Die Modernisten orientierten sich ausschließlich an französischen Auseinandersetzungen mit
der Psychoanalyse. Dies hatte zur Folge, dass da Rocha - der großen Wert auf die Lektüre der Originalwerke Freuds
legte - in dem Vorwort seines Buches A doutrina de Freud mit Bedauern erklärt, auch französischsprachige
Veröffentlichungen benutzt zu haben, da es aufgrund des Krieges kaum möglich war, deutsche Publikationen zu
bekommen (Rocha, 1930). Franeo da Rocha wurde 1864 in Amparo im Staate Säo Paulo geboren. Sein
Medizinstudium absolvierte er in Rio de Janeiro und Säo Paulo. Schon zu Beginn seiner Arbeit als Arzt beschäftigte er
sich mit Geisteskranken. Er setzte sich für einen menschlicheren Umgang mit ihnen ein und entwickelte eine Art
Beschäfrigungstherapie, bei der die Würde der Kranken respektiert werden sollte. Zu diesem Zweck gründete er ein
Zentrum, aus dem später das psychiatrische Krankenhaus Juqueri hervorging, das größte Lateinamerikas. Da Rocha
war der erste Professor für Neuropsychiatrie der Medizinischen Fakultät von Säo Paulo.
In seiner Antrittsvorlesung 1919 setzte er sich mit Freuds Theorien auseinander, allerdings war er mit der Praxis der
Psychoanalyse nicht vertraut. Auch er orientierte sich an eugenischem Denken. Nachdem er 1920 das Buch Pan-
sexualismo na doutrina de Freud veröffentlicht hatte, wurde er von seinen Psychiaterkollegen verdächtigt, den Verstand
verloren zu haben. 1925 erhielt einer von ihnen sogar. den Auftrag, ihn zu besuchen, um in einem Gespräch diese
Vermutung zu klaren (Sagawa, 0.]., S. 31). Da Rocha hielt die Sexualität für das Kernstück der Freudschen Theorie. Da
man in den folgenden Jahren zunehmend über dieses Thema diskutierte, wurde das Buch schließlich ein großer
Publikumserfolg.21 Als ihn sein junger Kollege Durval Bellegarde Marcondes (1899-1981) später arauf aufmerksam
machte, dass Freud seine Theorie keineswegs als pansexualistisch verstand, änderte er den Titel seines Buches in A
doutrina de Freud (Rocha 1930). ' Die aus da Rochas Amrittsrede stammenden Ausführungen zu Freud wurden al~
Artikel mit dem Titel »Do delirio em geral« in der Tageszeitung 0Estado de Sao Paulo veröffentlicht. Dieser Artikel
weckte das Interesse des Medizinstudenten Marcondes, der ihn im ersten Semester las. 1927 gründete er gemeinsam
mit da Rocha und einigen anderen Kollegen die erste psychoanalytische Gesellschaft Lateinamerikas, die »Sociedade
Brasileira de Psychanalyse« (SBP). Da Rocha wurde Präsident und Marcondes Sekretär dieser Gesellschaft. Ein Jahr
später wurde ein Ableger in Rio gegründet. In demselben Jahr (1928) veröffentlichten sie die erste und einzige Ausgabe
der Revista Brasileira de Psychanalyse mit Beiträgen von da Rocha, Marcondes, Porto-Carrero und anderen. Freud
dankte Marcondes für die Zusendung eines Exemplars und gratulierte ihm zur Gründung der Zeitschrift. Er fügt hinzu,
er habe sich eine kleine portugiesische Grammatik und ein deutsch-portugiesisches Wörterbuch gekauft, um damit
während seines Urlaubs die Zeitschrift lesen können (abgedruckt in Freud, 2006). Die psychoanalytische Gesellschaft,
die sogar von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) anerkannt wurde, überlebte nur ca. drei
Jahrelang. Ein Grund hierfür war Marcondes' Überzeugung, man könne nicht ohne ehranalyse Psychoanalytiker
werden. Zu dieser Einsicht kam er nach der Lektüre des Heftes zum zehnjährigen Bestehen des Berliner
Psychoanalytischen Instituts, das Eitingon ihm zugeschickt hatte. Seine anschließenden Bemühun- Hcn einen oder
mehrere Lehranalytiker nach Säo Paulo zu holen, blieben jedoch /.Ihrelang vergeblich. Erst 1936 gelang es ihm, die
noch relativ unerfahrene lind als Lehranalytikerin formal nicht qualifizierte Adelheid Koch zu verpflichten.22 Die
Analytikerin kam mit dem Segen der IPA als jüdische Emigrantin aus Nazideutschland. Mit ihr begann ein neues Kapitel
in der Geschichte der Psychoanalyse in Brasilien. Zu den ersten Pionieren der Psychoanalyse, die sie unermüdlich
propagierten, gehörte auch Gastao Pereira da Silva (1897-1987).23 Anders als Juliano Moreira, Porto-Carrero, Arthut
Ramos und Franeo da Rocha war er nicht Teil der damaligen wissenschaftlichen und intellektuellen Elite. Er wurde in
Rio de Janeiro geboren und arbeitete jahrelang als einfacher Landarzt in den Staaten Minas Gerais und Rio de Janeiro,
hier vor allem in Miracema. Ende der 1920er Jahre ließ er sich in Rio nieder. Als ihm eines Tages Freuds Vorlesungen
zur Einfohrung in die Psychoanalyse in die Hände fiel, war er von dieser neuen Wissenschaft fasziniert (Silva, G. P. d.,
1985).24 Dass er selbst das Talent besaß, psychoanalytisch zu arbeiten, wurde ihm nach der Rezension des
Journalisten Medeiros e Albuquerque (1867-1934), der selbst der Psychoanalyse aufgeschlossen gegenüber stand,
klar. Dieser kritisiert in seiner Buchbesprechung scharf den von da Silva geschriebenen Roman Sangue, Historia de um
Crime Sexua/.25 A1buquerque besaß mit großer Wahrscheinlichkeit selbst Deutschkenntnisse. Er nahm Kontakt zu
Freud auf und schickte ihm seinen Vortrag »A psicolojia de um neurolojista - Freud e as suas teorias sexuais«, den er
1919 in der Poliklinik von Rio deJaneiro gehalten hatte.26 A1buquerque setzte sich immer wieder für die
Psychoanalyse ein. In seiner Rezension lobt er trotz der deutlichen Kritik an dem Buch den »psychologischen Inhalt des
Romans«. Auf diese Weise entdeckte der Journalist laut da Silva einen potenziellen Psychoanalytiker in ihm. Er sah in
dem genannten Aufsatz Albuquerques ein Vorbild für den Umgang mit psychoanalytischem Wissen. Daraufhin war es
sein Wunsch, die Psychoanalyse aus akademischen Zwängen zu befreien und sie in ansprechender und verständlicher
Sprache weiterzuverbreiten. Dieses Anliegen wurde zu seiner Lebensaufgabe. Er verstand sich als Erzieher der
Massen. Sein Lehrstuhl sollte das Volk sein, das der Erziehung, der Bildung und der Orientierung bedurfte, und zwar
auch außerhalb der Schulen. Aus diesem Grund begann da Silva, ohne seine klinische Praxis aufzugeben, die
Psychoanalyse über sämtliche Medien wie Zeitschriften, Zeitungen, Bücher, Theater und Radiosendungen der
Öffentlichkeit nahezubringen (QueirozJunior, 1957, S. 23f). Bereits sein erstes Buch Para compreender Freud (1931)
wurde ein Publikumserfolg und erschien in mehreren Auflagen (Silva, G.P.d., 1931/1964). Da Silvas Wichtigstes
Anliegen war, Freuds Theorien bekannt zu machen. Dem ersten Buch folgten weitere, wie zum Beispiel A psicandlise
em 12 liröes, Que e Psicandlise?, Como se interpretam os sonbos, Novos aspectos da psicandlise und andere (Silva,
G. P. d., 1934, 1959b, 1943, 1968). Die beiden erstgenannten Veröffentlichungen schickte er an Freud, Para
compreender Freud (1931/1964) zum Teil in deutscher Übersetzung. Freuds Dank ermutigte ihn. Da Silva verstand
seine Bemühungen, Psychoanalysekenntnisse zu verbreiten, als notwendige Aufklärung. Das belegen Titel wie Como
se interpretam ossonhos, 0tabu da virgindade, Crime ePsicoandlise und andere (Silva, G. P. d., 1943/1948, 1933a): Er
wandte die Psychoanalyse auch auf viele spezielle Themen an, wie zum Beispiel Kriminologie, Politik, Parapsychologie,
Religion, Erziehung, Massenpsychologie etc. Er betrachtete Biografien berühmter Philosophen, Künstler, Politiker und
»berührnrer Kranker « aus psychoanalytischer Perspektive (» Psicanalise dos Cenios «, »Doentes Celebres« ) (Silva,
G. P. d., o.J.-b). Besonders ausführlich setzte er sich mit den Biografien von Lenin und Cetulio Vargas, die in der
brasilianischen Politik wichtigste Person zwischen 1930 und 1954, auseinander (Silva, G. P. d., 1933a, o.J.-a). Die
zahlreichen Buchveröffentlichungen da Silvas sind kaum zu überblicken. Hinzu kam eine Vielzahl von Artikeln in
Zeitungen und Zeitschriften. Mit seiner 89 Folgen langen Radiosendung In der Welt der Traume, die in den 1930er
Jahren im Radio Nacionallief. erreichte er ein breites Publikum. In dieser Sendung wurden die von Zuhörern
eingesandten Träume in kleine Sketche verwandelt und interpretiert. Nur Sendungen mit Liebesgeschichten als Sujet
hatten fast ebenso viele Folgen. Genauso erfolgreich waren die von ihm erfundenen Radionovelas, eine Art
psychoanalytischer Hörspiele.F Er bot auch einen Fernkurs mit dem Thema Psychoanalyse an, der vor allem der
Verbreitung von psychoanalytischem Wissen dienen sollte und als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht war. Seine Arbeit als
Arzt war ebenfalls stets psychoanalytisch ausgerichtet. Eine Lehranalyse hielt er für unnötig und von der
Psychoanalyse, die nach den Vorschriften der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ab der zweiten Hälfte
der 1930er Jahre in Säo Paulo und der zweiten Hälfte der 1940er Jahre in Rio de Janeiro verbreitet wurde, hielt er sich
fern. Seine Kritik gegenüber diesen Psychoanalytikern richtete sich vor allem gegen deren Arbeitsmethoden. Die nur
medizinisch, therapieorientiert ausgerichtet und zu elitär waren, sowie gegen deren Geldgier. Die Analytiker reagierten
auf diese Vorwürfe mit Ignoranz. Porto- Carrero kritisierte ihn allerdings wegen seiner Popularisierungsversuche der
Psychoanalyse. Er ärgerte sich darüber, dass da Silvas Publikationen ohne seine Zustimmung vor der Fakultät an
Studenten verkauft wurden, die seine Vorlesungen, so da Silva, nicht verständlich genug fanden (Silva, G. P. d., 1959a,
S. 10). Da Silva orientierte sich im Wesentlichen an Freud, erkannte aber auch die Bedeutung von Freud-Nachfolgern
beziehungsweise dissidenten wie Adler, Stekel und vor allem Jung an. In seiner politischen Auffassung war er
überzeugter Vargas Anhänger. Eine Zeit lang faszinierten ihn auch Lenin und der Sozialismus, allerdings distanzierte er
sich bald wieder davon, da die Psychoanalyse im Sozialismus keinen Platz hatte. Es ließen sich an dieser Stelle noch
eine ganze Reihe anderer Aktivitäten da Silvas nennen, durch die er versuchte, das Ansehen der Psychoanalyse auch
auf indirekte Weise bei einem breiten Publikum zu steigern. Die Bedeutung von da Silvas Einsatz für die Verbreitung
der Psychoanalyse ist von den orthodoxen Analytikern bisher nicht ausreichend gewürdigt worden. Die zur IPA
gehörenden und die kulturalistischen Psychoanalytiker sowie die Gefolgsleute von Igor Caruso führten bis Anfang der
1970er Jahre in kleinen Gruppierungen ein sehr unauffälliges Leben. Sie vertraten die Psychoanalyse als medizinisch-
psychotherapeutische Spezialität und publizierten nur sehr wenige Aufsätze und Bücher. Zu den Themen, über die da
Silva Beiträge veröffentlichte und mit denen er das Interesse des Publikums weckte und seine Aufgeschlossenheit
bewirkte, hatten sie nichts zu sagen. Der »Psychoanalyseboom« der 1970er Jahre wäre ohne da Silvas Propagierung
der Psychoanalyse wohl kaum so rasch und so weit in der brasilianischen Gesellschaft zustande gekommen.
Marcondes wurde zu einer der zentralen Figuren in der Geschichte der Psychoanalyse in Säo Paulo (Sagawa, 2002),
nachdem er die Etablierung der institutionaliserten Psychoanalyse nach den Vorschriften der IPA erreicht hatte. Auch in
späteren Jahren war er ein unermüdlicher Organisator der Psychoanalyse. Er wurde 1899 in Säo Paulo geboren. Nach
seiner 1924 abgeschlossenen medizinischen Ausbildung begann er seine ärztliche Tätigkeit im Schulwesen von Säo
Paulo. Sein Leben lang engagierte er sich im Besonderen für die mentale Hygiene von Kindern. Ab 1925 arbeitete er
als Psychiater und vertiefte seine Psychoanalysekenntnisse, deren Methoden er sich in seiner Arbeit bediente. Der
unter anderem musisch begabte Marcondes interessierte sich auch für Literatur. Dementsprechend fühlte er sich mit
der Bewegung des Modernismus verbunden. Zudem machte er sich als Poet und Literaturkritiker einen Namen. 1926
veröffentlichte er die Studie 0simbolismo estetico na Literatura - ensaio de uma orientaoio para a critica literdria
baseada nos conhecimentos flrnecidos pela psycboanalyse. 28 Während dieser Zeit nahm er erstmals Komakt zu
Freud auf, dem er sein Buch schickte. In seiner AntWOrt drückte Freud sein Bedauern darüber aus, dass er Marcondes
Sprache nicht beherrsche. Er könne aber aufgrund seiner Spanischkenmnisse erkennen, dass Marcondes das
Interesse seiner Landsleute an der Psychoanalyse wecken möchte. Dafür sei er Marcondes aufrichtig dankbar und er
wunsche Ihm dafür weiterhin viel Erfolg (Freud, 2006; dort auch zum Folgenden). Dieser Bnefwechsel mit Freud wurde
nach der Gründung der Brasilianischen Gesellschaft und der ein Jahr später folgenden Publikation der Revista
Brasileira de Psicandlise fortgesetzt. Freud bedankte sich auch im Jahre 1931 für ein Exemplar des Werkes Fünf
Vorlesungen, das Marcondes gemeinsam mit jose Barbosa Correa, einem ärzrlichen Kollegen an der Klinik der
Medizinischen Fakultät in Säo Paulo, ubersetzre.t? Das Buch ist später etwas verändert in die brasilianische Imago
Edition der Freud'schen Werke (Band 11) aufgenommen worden. Marcondes soll auch noch andere Freud-Texte
übersetzt haben.'? Neben seiner Arbeit als Psychoanalytiker und Professor für klinische und SOZialpsychologie leitete
er als Psychiater der Abteilung für mentale Hygiene in der Schulverwaltung von Säo Paulo ab 1938 eine Kinderklinik für
psychisch gestörte Schüler, bis diese 1974 .lUfgel~st wurde. Sein unermüdliches Engagement für den Aufbau der
psychoanalytischen Gesellschaft von Säo Paulo war für die Psychoanalyse von großer Bedeutung. Gemeinsam mit
Adelheid Koch und deren ersten Analysanden gründete er 1944 die erste Psychoanalytische Gruppe Säo Paulos. Die
»Sociedade Brasil~ira de Psicanalise de Säo Paulo« (SBPSP) wurde im Jahre 1951 als psychoanalyrische Gesellschaft
anerkannt. Es ist bemerkenswert, dass sich Marcondes rrorz seiner Position als erster psychoanalytisch arbeitender
Psychiater in Säo Paulo bei der fast gleichaltrigen Koch einer Analyse unterzog. Kein anderes Gründungsmitglied der
Gesellschaft von 1927 tat dies. Marcondes selbst verspürte dagegen rue den Wunsch, Lehranalytiker zu werden. Kochs
erster Analysand überhaupt in Brasilien war Darcy de Mendonca Uch6a (1907 -2003 ).31Zu seinen Publikationen lässt
sich anmerken, dass er ebenfalls mit der deutschen Sprache vertraut war. Er zitiert ganz selbstverständlich zahlreiche
deutsche Psychoanalytiker (vgl. Uchöa, 1939). Auch er interessierte und engagierte sich schon früh für die
Psychoanalyse. Sein erster Aufsatz zu diesem Thema war »0 valor terapeutico da psicanalise nas neuroses« von 1937
(Oliveira, 2006; dort auch zum Folgenden). Er gehörte 1944 zusammen mit Marcondes zu den Gründungsmitgliedern
der SBPSP und war mehrfach Präsident dieser Gesellschaft. In den 1940er Jahren bildete er sich in den USA weiter
und lernte hier Franz Alexander und die Menninger Klinik kennen. Ab 1959 arbeitete er als Lehranalytiker und 1964
setzte er sich als Bewerber um den Lehrstuhl für Psychiatrie und medizinische Psychologie an der »Escola Paulista de
Medicina« durch. Dieser Erfolg war insofern von erheblicher Bedeutung, als der bisherige Lehrsruhlinhaber ein
Psychoanalysegegner war, dem Marcondes 1936 bei seiner damaligen Bewerbung unterlegen war. Zu den ersten
Analysanden von Koch gehörte auch der Paulista Flavio Rodrigues Dias (1899-1994), der ebenfalls Deutsch verstand
(Carnpos, 2001; zum Folgenden siehe auch Oliveira, 2006, S. 21lf.). Nach seiner medizinischen Ausbildung hielt er sich
ab 1929 einige Zeit in Europa auf, so zum Beispiel in Paris, Wien und besonders in Berlin, um sich als Kinderarzt zu
spezialisieren. Nach seiner Rückkehr ließ er sich als Kinderarzt in Säo Paulo nieder. Von der Psychoanalyse hatte er
schon 1923 erstmals gehört. Als er nach seiner Rückkehr aus Europa Marcondes kennenlernte, ließ er sich von ihm
dazu überreden, bei Koch eine Analyse zu beginnen. Er unterstützte Marcondes bei seinen Bemühungen, einen
Lehranalytiker nach Säo Paulo zu verpflichten. 1945 wurde er ordentliches Mitglied der SBPSP. Ein weiterer
Mitbegründer der psychoanalytischen Gesellschaft von 1927 war der Psychiater Osorio Thaumaturgo Cesar (1895-
1979), der wohl ebenfalls deutsche Sprachkenntnisse besaß.32 Er wurde in joäo Pessoa (Parafba) geboren und
absolvierte seine medizinische Ausbildung zunächst in Säo Paulo und anschließend in Rio de Janeiro. Nach Abschluss
seines Medizinstudiums 1925 arbeitete er in der psychiatrischen Juqueri Klinik. Er gehörte zu den
Gründungsmitgliedern der Psychoanalytischen Gesellschaft von 1927 und der von Rio de Janeiro 1928. Cesar setzte
sich bereits früh mit den Beziehungen zwischen Psychiatrie, Kunst und Psychoanalyse auseinander. 1926 schickte er
Freud seinen Beitrag »A Arte Primitiva dos Alienados: Manijestacäo Esculprorica com Caracter Simb6lico Feiticista
num Caso de Syndroma Paranoide«, der 1925 in den Memorias do Hospital [uqueri erschienen war, in französischer
Übersetzung (Piccinini, 2008). Freud dankte ihm in seiner Antwort vom 10. Januar 1927 und bot Ces ar an, wenn er
eine »deutsche Übertragung« seiner neuen Arbeit zuschicken wolle, werde diese in der Zeitschrift Imago »eine
bereitwillige Aufnahme finden «. Cesar ging aufdieses Angebot ein. Im November 1927 bedankte sich Freud für den
Eingang des Manuskripts am 19. April, das er sofort an die Zeitschrift weitergeleitet habe. 1929 veröffentlichte Cesar
eine Studie über den künstlerischen Ausdruck von Geisteskranken (»Expressäo Artistica dos Alienados - Estudos dos
Sfmbolos na Arte «}, Er schickte Freud ein Exemplar, der ihm den Erhalt bestätigte und sich für das Interesse an der
Psychoanalyse in Brasilien bedankte. Cesar unterhielt auch einen Schriftwechsel mit C. G. Jung.33 In den 1930er
Jahren bildete er sich in mehreren europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, und in der UDSSR weiter. 1931
ging er eine Beziehung zu der Malerin Tarsilo do Amaral ein, die er später heiratete. Seine psychoanalytische
Orientierung beeinflusste offensichtlich seine Frau, die wie er selbst Kommunistin war. Deutlich wird dies besonders in
ihren Bildern mit sozialen Motiven. Gemeinsam besuchte das Paar 1932 die Sowjetunion. Cesar wiederholte diese
Reise später noch einmal. Bis zu seinem Ruhestand 1965 arbeitete er 40 Jahre in der KlinikJuqueri.

Der Einfluss deutschsprachiger Psychoanalytiker

Eine ganze Reihe von deutschsprachigen Psychoanalytikern hielt sich mehr oder
weniger lange in Brasilien auf. Einige von ihnen spielten als Lehranalytiker und beim Aufbau der institutionalisierten
Psychoanalyse eine zentrale Rolle. Durch ihre praktische Tätigkeit übten sie einen erheblichen Einfluss auf die
Entwicklung der Psychoanalyse in Brasilien aus. Ich gehe darauf nur am Rande ein, da ich in meinen weiteren
Ausführungen vor allem den folgenden Aspekt berücksichtige: Inwieweit beeinflussten diese Analytiker die Theorie der
Psychoanalyse in Brasilien? Das ist allerdings nur in wenigen Fällen klar erkennbar. Wilhe1m Stekel (1868-1940) war
der einzige aus der ersten Generation der Freud-Schüler, der Brasilien im Jahre 1936 aufgrund einer Vorrragsreise
besuchte (Mühlleitner, 1992).34 Es gibt zahlreiche portugiesische Übersetzungen seiner Werke. Darüber hinaus
nahmen ihn die Pioniere der Psychoanalyse in Brasilien zur Kenntnis und zitierten ihn. Adelheid Koch (1896 1980)
arbeitete in Säo Paulo ab 1937 zwar mehrere Jahre als einzige Lehranalytikerin und baute die psychoanalytische
Gesellschaft auf, aber zu Beginn ihrer Arbeit war sie noch sehr jung und im Grunde nicht ausreichend qualifiziert.t>
Während ihrer Ausbildung am Berliner Institut ab 1929 stellten Otto Fenichel als ihr Lehranalytiker sowie Therese
Benedek und Salomea Kempner als Kontrollanalytiker die für sie zentralen Persönlichkeiten dar. Ob sie bereits damals
von Melanie Klein beeinflusst wurde, die ab 1926 nicht mehr dem Berliner Institut angehörte, ist nicht erkennbar.
Dagegen wurde dieser Einfluss im Laufe der Jahre in Säo Paulo ganz deutlich. Koch reiste 1948 nach London, um an
Seminaren von Klein teilzunehmen und sich von ihr supervidieren zu lassen. Diese Orientierung war der Leitung der
IPA suspekt. Als sie im Jahre 1950 den griechischen, von August Aichhorn ausgebildeten Psychoanalytiker Theon
Spanudis (1922-1986) nach Säo Paulo vermittelte, spielte auch eine Rolle, dass dieser die Klein'schen Theorien sehr
skeptisch beurteilte.V Spanudis hat sich jedoch schon 1957 ganz aus der Psychoanalyse zurückgezogen und als
Kunstkritiker gearbeitet. Von da an dominierten in der SBPSP die Kleinianer uneingeschränkt. In späteren Jahren kam
noch der Einfluss von Wilfred Bion hinzu. Diese theoretische Orientierung teilte auch Hans Thorner (1905-1991), der
häufig als Lehranalytiker in der SBPSP gastierte, lehrte und super vidierte. Thorner wurde in Meissen geboren. Er verlor
1933 seine Stelle als Neurologe in Berlin und floh nach London. Dort machte er zunächst eine Analyse bei Frieda
Fromm- Reichmann und wurde 1938 Mitglied der »British Psychoanalytical Society «. Später unterzog er sich selbst
einer Analyse bei Klein und BionY Er arbeitete zudem in privater Praxis und als Lehranalytiker. Nach seinem
Ruhestand zog er in die USA, wo er 1991 starb. In der ersten Hälfte der 1950er Jahre arbeitete auch Gertrude Ticho
(1920-2004), geborene Höllwarth, zunächst als Analyrikerin und ab 1953 als Lehranaly.tikerin in der SBPSP (Oliveira,
2006, S. 230).38 Sie machte ihre psychoanalytische Ausbildung in Wien bei Otto Fleischmann und nach dessen
Emigration in die USA bei Alfred Winterstein. 1951 wurde Höllwarrh Mitglied der WPV und gmg nach Säo Paulo. Mitte
der 1950er Jahre zog sie nach Topeka in den USA. Dort heiratete sie 1956 den Wiener Juristen und Psychoanalytiker
Ernst Ticho (1915-1997), mit dem sie ihre Ausbildung bei der WPV absolviert ~atte. Sie arbeitete gemeinsam mit ihrem
Mann an der Menninger-Klinik. Daruber hinaus war sie als Lehranalytikerin tätig und von 1969 bis 1974 Direktorin des»
Topeka Institute for Psychoanalysis«. Nach ihrem Umzug nach Washingron lehrte sie 20 Jahre lang an der »George
Washingron Universiry« und arbeitete als Lehranalytikerin am »Washingron Psychoanalytic Institute«. Mit ihrer
theoretischen Auffassung passte sie nicht nach Säo Paulo, da sie keine Kleinianerin, sondern eine Vertreterin der Ich-
Psychologie und der Objektbeziehungstheorie war.39 Koch nahm es beim Aufbau ihrer psychoanalytischen
Gesellschaft mit denfo~malen bürokratischen Vorschriften sehr genau. Da sie zu Beginn ihrer Arbeit als Analytikerin
und Lehranalytikerin noch sehr jung und unerfahren war, bemühte sie sich, Fehler zu vermeiden. Allerdings befolgte
auch der psychoanalytisch erfahrenere Werner Kemper (1999-1975), der 1948 nach Rio de Janeiro kam, um dort eine
IPA-Gesellschaft aufzubauen, oft penibel die Vorschriften der Internationalen Vereinigung. Andererseits setzte er immer
wieder seine persönlichen Interessen und die seiner Frau ohne Rücksicht aufberufsspeZifische ethische Aspekte durch.
In seiner theoretischen Orientierung blieb er im Wesentlichen ein orthodoxer Freudianer, der andere Auffassungen als
Anregungen und Ergänzungen schärzte.4o I:> Zu Beginn des Aufbaus der Psychoanalyrischen Gesellschaft von Rio de
janeiro (SPR]) bekam Kemper, der zu diesem Zeitpunkt die portugiesische Sprache kaum beherrschte, Unterstützung
von Luiz Guimaräes Dahlheim (I908-1988).41 Dahlheim wurde in Brasilien als Sohn einer brasilianischen Mutter und
eines deutschen Vaters geboren, wuchs aber ab dem vierten Lebensjahr in Deutschlan auf. In Berlin ging er zur Schule
und er schloss hier seine medizinische Ausbildung ab. Da sein Großvater Jude war, wurde ihm die Niederlassung in
eigener Praxis verboten. Aus diesem Grund entschloss er sich 1935 trotz fehlender Sprachkenntnisse dazu, nach
Brasilien zurückzukehren. Als Kemper 13 Jahre später nach Rio kam, sprach Dahlheim bereits sehr gut Portugiesisch,
auch wenn er seinen starken deutschen Akzent sein Leben lang behielt. Als Dolmetscher und Übersetzer wurde er
zunächst zu Kempers wichtigstem Mitarbeiter. Bevor Dahlheim bei ihm in die Analyse ging, ließ er sich von dessen
Ehefrau analysieren. Es heißt, er habe sich Jahre später für die Verbreitung von Heinz Kohuts Selbstpsychologie
engagiert. Anna Kamin Kemper (1905-1979), die ihren Gatten Werner Kemper nach Brasilien begleitete, vertrat im
Gegensatz zu ihrem Mann in ihrer Praxis keine orthodoxe Haltung. Ausschlaggebend war für sie die therapeutische
Wirkung. Ihr Werdegang als Analytikerin war ohnehin sehr ungewöhnlich.P Ohne eine abgeschlossene Schulbildung
machte sie eine Ausbildung zur Grafologin und arbeitete als solche einige Zeit im Reichsinstitut für psychologische
Forschung und Psychotherapie in Berlin. Sie eignete sich einige Psychoanalysekenntnisse an und knüpfte mithilfe ihres
Ehemanns gute Kontakte zu mehreren Psychoanalytikern. Ihr Wunsch, Psychoanalytikerin zu werden, wurde von ihrem
Gatten in Brasilien tatkräftig unterstützt, sodass sie ihr Ziel schließlich erreichte. Das gelang ihr dann in Brasilien mit
massiver Unterstützung ihres Mannes und wenig skrupulösen Manövern. In ihrer theoretischen Orientierung ist ein
gewisser Einfluss von Schulrz-Hencke erkennbar, mit dem die Familie Kemper eng befreundet war. So teilte sie
beispielsweise seine Geringschätzung bezüglich der Libidotheorie. In den von ihr verwendeten Termini wird Schultz-
Henckes Einfluss ebenfalls deutlich. So sprach sie von »Gehemmtheit« und »inrentionalem Verhalren« und nahm eine
frühe »intentionale präorale Phase« an. Da Kamin Kemper in der IPA-Gesellschaft als sehr umstritten galt, verließ sie,
bald nachdem ihr Mann 1967 allein nach Deutschland zurückgekehrt war, die Gesellschaft. Sie tat sich mit Igor Caruso
zusammen, der 1968 einmal mehr zu Besuch nach Brasilien gekommen war. Caruso gründete 1947 in Wien einen
Tiefenpsychologischen Arbeitskreis, von dem es später in mehreren Ländern Ableger gab. 1966 schlossen sie sich in
der Internationalen Föderation Tiefenpsychologischer Arbeitskreise zusammen. Carusos theoretische Orientierung
weist erhebliche Wandlungen auf Im katholischen Brasilien interessierte man sich zeitweise für ihn, weil er
Psychoanalyse und christliche Religion miteinander zu vereinbaren versuchte. Diese Auffassungwurde allerdings 1968
nicht von Katrrin Kernper geteilt. In den 1960er Jahren wandte sich Caruso freudomarxisrische Auffassungen und den
sozialen Aspekten der Psychoanalyse zu. Besonders sein Interesse für Letzteres kam Kempers Einstellung entgegen.
Sie brauchte Unterstützung, um eine eigene Gesellschaft aufbauen zu können. In Zusammenarbeit mit Caruso und
Malomar Lund Edelweiss (1917-2010), dem Präsidenten des Tiefenpsychologischen Arbeitskreises in Belo Horizonte,
sowie einigen ihrer Schüler initiierte sie 1969 die Gründung eines Tiefenpsychologischen Arbeitskreises in Rio, des
»Circulo Psicanalitico do Rio de Janeiro«.43 Im März 1970 verließ sie offiziell die SPRJ. Kattrin Kernper wusste damals
zweifellos nicht, dass Caruso in der Nazizeit als psychologischer Gutachter an der Ermordung von Kindern im Rahmen
eines Kinder-Euthanasieprogramms beteiligt war. Mittlerweile ist dieser schreckliche Tatbestand einigen Mitgliedern des
existierenden Circulos bekannt, auch wenn er von ihnen nicht thematisiert wird. Caruso gilt im Gegenteil noch immer als
Psychoanalytiker, der auch während der NS-Zei't der Psychoanalyse treu geblieben ist. Seine falschen Angaben
bezüglich seines psychoanalytischen Werdegangs werden noch heute verbreirer.+' Die meisten Mitglieder des Cfrculos
gehen diesem Problem aus dem Weg, indem sie auf ihren Homepages nicht mehr auf die Geschichte ihrer Gesellschaft
eingehen." Kar! Edelweiss (1911-1981), der sich bei Caruso in Wien einer Analyse unterzog, widmete sich später
wieder ganz der Hypnose. Obwohl Kar! Weissmann in der Geschichte der brasilianischen Psychoanalyse nur eine
unhdeutende Rolle spielte, muss er hier erwähnt werden, denn Freud schickte kurz vor seinem Tod seinen letzten Brief
an ihn nach Brasilien. In diesem bedankte er sich für die Zusendung von Weissmanns Buch 0 Dinbeiro na VidaEr6tica
(abgedruckt inJones, 1953/1984, Bd. 3, S. 537; Weissmann, 1937). Einmal mehr konstatierte Freud, dass ihm die
Lektüre portugiesischer Werkeschwer falle. Während er Texte auf Spanisch leicht lesen könne, verwirre ihn die
portugiesische Sprache gerade aufgrund ihrer Ähnlichkeit. Seine Versuche seien stets erfolglos geblieben. In seinem
Brief erwähnte Freud auch da Silva, mit dem sich Weissmann gemeinsam für die Psychoanalyse einsetzte. Da Silva
bezeichnete Wei~smann gelegentlich als seinen Schüler. Als junger Mensch wanderte dieser aus Osterreich nach
Brasilien ein und nahm später die brasilianische Staatsbürgerschaft an. Bevor er mit der Psychoanalyse in Berührung
kam, war er als Sprachlehrer für Deutsch und Englisch tätig. In einem langen Vorwort zu Weissmanns Buch Das Geld
im erotischen Leben beschreibt da Silva seine Faszination für die Psychoanalyse, wegen der er Psychoanalytiker
wurde. Er publizierte weitere psychoanalytisch orientierte Bücher, interessierte sich aber gleichzeitig und später
ausschließlich für die Hypnose. Von verschiedenen Autoren wird er als Pionier der wissenschaftlichen Hypnose in
Brasilien bezeichnet. 1953 ernanntman ihn zum Psychologen an einer der wichtigsten Strafanstalten Brasiliens in Belo
Horizonte. Sein Umgang mit der psychoanalytischen Theorie war stets problematisch. Als 1964 in Brasilien das Militär
mit Unterstützung der USA putschte und unter dem Vorwand, eine kommunistische Gefahr zu beseitigen, eine lange
andauernde Diktatur errichtete, veröffentlichte Weissmann ein Buch mit dem Titel Masoquismo e Comunismo (1964). Er
legt hierin dar, wie der Kommunismus den Masochismus stimuliert, ausnutzt und künstlich perpetuiert. Im
Kommunismus sieht er die soziale Form des Masochismus, den institutionalisierten Masochismus. Jeder Kommunist ist
demnach ein sozialer Masochist. Auch wenn der» Psychoanalyseboom « in Brasilien längst vorbei ist, blieb sie stets in
den Köpfen der Menschen präsent. So gehören noch immer einige psychoanalytische Begriffe zum Allgemeinwissen
der Brasilianer. »Freud explica« ist in Brasilien ein »geflügeltes Wort«. Während der anfänglichen Verbreitung von
psychoanalytischem Wissen fiel es aber selbst interessierten Ärzten und antellektuellen schwer, zwischen seriösen und
unseriösen Publikationen und Propagandisten der Psychoanalyse zu unterscheiden. Sogar Freud war in den Augen
seiner Gegner ein Scharlatan. Aus diesem Grund erregte im Jahre 1931 in Säo Paulo ein gewisser Maximilian
Langsner Aufsehen, der vorgab, ein aus Wien kommender Psychoanalytiker zu sein. Er arbeitete als Psychotherapeut
und kündigte die Gründung eines Sanatoriums an. Gleichzeitig trat er bei publikumswirksamen Spektakeln auf, um hier
seine außerordentlichen telepathischen, magnetistischen, autosuggestiven und »langneristischen« Fähigkeiten zu
demonstrieren. So bewies er, dass er ein Auto mit verbundenen Augen steuern konnte. Er bezeichnete sich selbst als
intimen Freund Freuds, der in ihm einen der machtvollsten Vertreter der Psychoanalyse sehe. Diese direkte Berufung
auf Freud gab den Ausschlag für die Entscheidung Marcondes' - der seine Bemühungen gefährdet sah, der
Psychoanalyse wenigstens unter den Ärzten Anerkennung zu verschaffen – sich im Oktober 1931 in einem Brief an
Freud zu wenden.w Nach der Schilderung des Sachverhalts, bat er ihn ..um eine Stellungnahme, damit er
gegebenenfalls falsche Behauptungen in der Offentlichkeit klarstellen könne. Freuds Antwort war knapp, aber deutlich.
Er ermächtigte Marcondes, der Öffentlichkeit in einer ihm b~liebigen Form zu erklären, dass er einen Dr. Maximilian
Langsner aus Wien nicht kenne und erst aus Marcondes' Brief von dessen Existenz erfahren habe.
Übersetzungen
In der Geschichte der Psychoanalyse in Brasilien war es offensichtlich besonders in den Anfängen für ihre Verbreitung
sehr wichtig, dass es brasilianische Fachle.ute gab, die Deutsch lesen konnten, und dass deutschsprachige
Psychoanalytiker am Aufbau der psychoanalytischen Institutionen einen wesentlichen Anteil hatten. Die Tendenz, die
Psychoanalyse für gesellschaftshygienische Ziele zu Insrrumenralisieren, spielt heute keine Rolle mehr und
deutschsprachige Psychoanalytiker werden nicht mehr gebraucht. Aufgrund zahlreicher Veröffentlichungen der
internationalisierten Psychoanalyse besitzen deutsche Texte mittlerweile einen unbedeutenden Stellenwert.
Kandidaten, die sich für eine psychoanalytische Ausbildung interessieren, müssen in der Regel Englischkenntnisse
nachweisen. Nach wie vor ist es jedoch von großer Wichtigkeit, Freuds Werke möglichst exakt kennenzulernen.
Dementsprechend soll hier zum Schluss die Frage berücksichtigt werden, ob dies auch ausschließlich
portugiesischsprachigen Menschen ermöglicht wird. Die erste veröffentlichte Übersetzung eines Freud-Textes erschien
1926 in der modernistischen Zeitschrift ARevista. Hierbei handelte es sich um die ersten viereinhalb Seiten der
Vorlesung »Über Psychoanalyse« (Freud, 1909), die in Brasilien meist mit dem Untertitel »Fünf Vorlesungen« zitiert
wird. Der Übersetzer dieses Textes ist der Arzt lago Pimenrel.F Sein Vorhaben, die gesamten Vorlesungen in den
folgenden Ausgaben abzudrucken, scheiterte an der Auflösung der Zeitschrift. Die erste vollständige Übersetzung eines
Freud-Textes ist somit die bereits erwähnte der Fünf Vorlesungen von Marcondes und Correa aus dem Jahre 1931. In.
Den folgenden Jahren erschienen weitere Übersetzungen von Freuds Publikationen. Einige von ihnen wurden direkt
aus dem Deutschen übersetzt, zum Beispiel von Porro-Carrero48, andere wiederum aus dem Französischen. Im Jahre
1950 veröffentlichte der Verlag Delta diese und weitere Übersetzungen aus dem Spanischen als »vollständige
Werksausgabe« in 18 Banden.t? Diese Ausgabe fand jedoch keinen großen Zuspruch.P 1974, also in der Zeit des
»Psychobooms«, brachte der Verlag Imago die brasilianische Standard Edition der Freud'schen Werke auf den Markt.
Sie wurde 1987 leicht überarbeitet. Lange Zeit galt sie als die portugiesische Standardausgabe von Freuds Schriften.
Dies war und ist zum Teil noch heute problematisch, da es sich hierbei um eine Übersetzung der englischen Standard
Edition handelt, die darüber hinaus ebenfalls Übersetzungsfehler aufweist. Zu den Mängeln der englischen Ausgabe,
die schon Bruno Bettelheim kritisierte, kommen noch erhebliche sprachliche Unzulänglichkeiten der portugiesischen
Übersetzung (Bettelheirn, 1983/1986) hinzu.>' Für Brasilianer, die sich mit Freuds Werken vertraut machen wollten, gab
es neben spanischen und französischen Übersetzungen bis vor Kurzem keine portugiesischsprachige Alremative.
Inzwischen hat sich die Situation etwas verändert, denn gegenwärtig wird andrei Übersetzungen aus dem Deutschen
gearbeitet. Der Imago Verlag in Rio de Janeiro hat seit 2004 drei Bände mit Schriften von Freud herausgebracht, die
von Luiz Alberto Hanns übersetzt wurden. In Säo Paulo übersetzt gerade Paulo Cesar de Souza für den Verlag
Companhia das Letras die Werke Freuds. Seit 2010 sind bereits sieben Bände erschienen. Auch in Porto Alegre
veröffentlichte der Verlag L&PM seit 2010 zwei Bände mit Freud-Texten, die von Renato Zwick übersetzt wurden. Um
ein größeres Publikum zu erreichen, wurden diese Bände als Taschenbuchausgaben erausgegeben. Darüber hinaus
gibt es im Verlag Autenrica die Absicht, ausgewählte Werke Freuds zu veröffentlichen. Es Iiezen bisher zwei Bände vor.
Bei dem ersten As pidsäcs e seus destinos (Triebe und ~riebschicksale) handelt es sich um ei zweisprachige Ausgabe.
Übersetzter ist hier Pedro Heliodoro Tavares. Der zweite Band Sobre a concepoio das aJasias (Zur Au./fossung der
Aphaszen) wurde von Brirro Rossi übersetzt. Alle diese Übersetzungsvorhaben sind seriös und lösen als
konkurrierende Unternehmungen, angesichts der großen Schwierigkeiten, Freud zu übersetzen, interessante
Diskussionen aus. Die Sprachbarriere, das heißt die Schwierigkeit, ICh die deutsche Sprache anzueignen, um Freud im
Original lesen zu können, hat somit eine positive Auswirkung, denn sie führt zu nützlichen Debatten darüber, was Freud
gemeint haben könnte und wie es sich am besten übersetzen lässt.

CAP 3.,
Die Psychoanalyse als psychiatrisches Werkzeug
Die Rolle Juliano Moreiras (1900-1930)
Cristiana Facchinetti & Rafael Dias de Castro
Die Arbeit des Arztes Juliano Moreira (1873-1933) nimmt in der Historiografie der brasilianischen Psychiatrie eine
hervorragende Stellung ein (vgl. Pacheco e Silva, 1940; Leme Lopes, 1965; Porto-Carrero, 2002; Uchöa, 1981; Engel,
2001; Vasconcelos, 1998; Oda & Dalgalarrondo, 2000; Oda, 2011; Venancio, 2005; Jacobina & Gelman, 2008), In
diesen Werken wird vor allem seine Bedeutung in Bezug auf die Einführung des deutschen Organiszismus in Brasilien,
die Entwicklung sowie die nationale und internationale Anerkennung, die die lokale Psychiatrie erreichte,
hervorgehoben. Unser Artikel versucht jedoch einen anderen wichtigen BeitragJuliano Moreiras zu beschreiben, der in
der Historiografie bisher wenig bearbeitet wurde, nämlich seine Rolle im Prozess der Insriturionalisierung' der
Psychoanalyse in Brasilien. Unser Beitrag besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil geben wir in einer knappen Übersicht
den Institutionalisierungsprozess der seelischen Medizin (»medicina rnenral «] im Laufe des 19. Jahrhunderts wieder,
der sich in dem ersten spezialisierten Asyl im Land konkretisierte. In der Folge beschreiben wir die Rolle Moreiras in der
Umgestaltung der lokalen Psychiatrie und seine Förderung neuer (neuro-) psychiatrischer Theorien, insbesondere
solcher aus dem deutschsprachigen Raum. So verstehen wir, dass diese theoretische Kursschwenkung und seine
Offenheit gegenüber deutschen Novitäten auf dem medizinisch-seelischen Felde (» medico-mental «) auch für das
Interesse Moreiras an der Psychoanalyse verantwortlich waren. Abschließend behandeln wir seine Beteiligung bei der
Einführung und Institutionalisierung der Psychoanalyse in Rio de Janeiro.

Die Institutionalisierung der Psychiatrie in Brasilien im 19. Jahrhundert Der Prozess der Medikalisierung des
Irrsinns/Wahnsinns (» loucura «] begann in Brasilien in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts und konkretisierte sich
in einem kaiserlichen Dekret, das die Errichtung eines spezialisierten Asyls in Rio deJaneiro, der damaligen Hauptstadt
Brasiliens, vorsah (Brasil, 1841). Im Jahre 1852 wurde ein solches als »Hospicio Pedro II« eingeweiht (Teixeira, 1997).2
Dieser Prozess konsolidierte sich aber insbesondere ab 1881 mit der Errichtung des Lehrstuhls für Klinische Psychiatrie
und psychische Erkrankungen (» Clinica Psiquiatrica e Molestias Menrais« ) an der Medizinischen Fakulruat in Rio de
Janeiro (Jac6-Vilela er al., 2004) und mit dem Beginn der eigentlichen Versorgung der psychiatrisch Kranken im Jahre
1890 kurz nach Gründung der Republik.' Rio de Janeiro wurde zu einem Epizentrum des Wissens und der Diffusion des
»lrrenwesens « (» alienismo«) im Lande. Aber trotz zahlreicher Anstrengungen behielt das Asyl gegen Ende des
19.Jahrhunderts seine weniger medikalisierte Struktur: Seine Räumlichkeiten blieben außerhalb der medizinischen
Notwendigkeiten und seine hygienischen Bedingungen ließen stets zu wünschen übrig. Außerdem erreichte das
theoretische und therapeutische Gerüst der »psychologischen Medizin« (» medicina psicologica«) nicht den
erforderlichen Stand, un1 als Spezialität innerhalb der medizinischen Fachgebiete Anerkennung zu finden. Stattdessen
wurde sie immer stärker wegen ihres Mangels an Wissenschaftlichkeit kritisiert (Castel, 1976, S. 27Sf.;Messas, 2008,
S. 66f.). Die Kritik an dem neuen Wissen entwickelte sich zunehmend dramatischer, sodass man sich am Ende des
19.jahrhunderts in dieser Gesellschaft, die von Pessimismus gekennzeichnet war, für dringliche strukturelle
Veränderungen aussprach. Seit der Dekade ab 1880 erreichte die Theorie der Degeneration eine beherrschende
Stellung im Land als Metapher für die Erklärung der Gesellschaft (Schwarcz, 2004, S. 61). In Verbindung mit der
Theorie der Polygenie, die von verschiedenen menschlichen »Rassen« W1 terschiedlicher evolutionarer Stufen
ausgeht, bildete das Konzept der Degeneration den Schlüssel für die Diagnostik und die Vorausschau der Risiken für
den zivilisatorischen Prozess der »Mestizen« und »barbarischen« Bevölkerung und zeigte ernsthaft die Grenzen für die
Modernisation der Nation auf (Oda, 2000, S. 139f.). Inmitten der pessimistischen Einstellung der Intellektuellen begann
man im Laufe der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, nach neuen Lösungen zu suchen." Unterstützt durch die
neuen Entdeckungen von Louis Pasteur und experimentellen Forschungen in Verbindung mit einem erzieherischen und
prophylaktischen Projekt, entwickelten sich Antworten für eine Regeneration der Bevölkerung (Lima & Hochman, 1996,
S. 506). Durch die Erweiterung des medizinischen Blickwinkels> begann ein Teil der Psychiater das' Rassenkonzept
der Degeneration zu hinterfragen und nach neuen Lösungen für die Behandlung der Kranken zu suchen sowie sich für
die Suche nach einer Prophylaxe der »Geisteskrankheit« (»doen~a menral «) zu öffnen.

Ein Unbekannter erobert die Haupstadt


Juliano Moreira und das Hospfcio Nacional de Alienados In diesem Kontext wurde die Versorgung der
Geisteskranken (» Assistencia a Alienados «) umorganisiert (Brasil, 1903). Jose joaquirn Seabra (1855-1942),6 der
Alves? war, verpflichtete in diesem Zeitabschnitt den jungen baianisehen Arzt Moreira für das »Hosplcio Nacional«.Im
Alter von 30 Jahren war Moreira" ein junger Arzt, der außerhalb des näheren Umkreises der Haupstadt Rio de Janeiro
an der »Faculdade da Bahia« ausgebildet worden war. Aus diesem Grund war sein Eintritt in die Direktion des
wichtigsten Asyls des Landes aufgrund der Empfehlungen renommierter Ärzte wie Teixeira Brandäo", Märcio Nery'?
(aus dem damaligen Bundesdistrikt Rio de Janeiro), Franeo da Rochall oder Nina Rodrigues'? bereits an sich
ungewöhnlich. Die Tatsache, dass er ein» mulato« war - der Sohn einer Sklavin und eines armen Portugiesen -, war
noch überraschender (Oda & Dalgarrondo, 2000, S. 178). In erster Linie entstand diese Gelegenheit aus politischen
Gründen: Eine schwere Krise zwischen den religiösen Gruppen 13, der öffentlichen Meinung und der Direkrion des
»Hospicio Nacional« entfernte Teixeira Brandäo von der Direktion des Asyls und der medizinischen Versorgung. Die
politische Krise vertiefte sich noch durch sein Ausscheiden und erreichte ihren Höhepunkt schließlich aufgrund
gravierender Denunziationen über Unregelmäßigkeiten in der Institution. So bildete sich eine
Untersuchungskommission unter dem Ministerium der Justiz und des Binnenhandels gegen Ende des Jahres 1902 mit
der Konsequenz des Ausirerens des damaligen Direktors Antonio Dias Barros (Oda, 2011, S. 723). .. Zweitens gab es
eine theoretische Krise. Die große Mehrheit der brasilianischen Arzte war Anhänger des französischen »Irrenwesens«
(»alienismo«), das eine reaktive und psychogenetische Konzeption der »Geisteskrankheit« vertrat (Portocarrero, 2002,
S. 35). Diese theoretische Perspektive, die in Europa bereits im 19:Jahrhundert hinterfragt worden war, betonte die
Schwäche des psychiatrischen Wissens und seine Widersprüchlichkeit. Dadurch wurde es erschwert, ihm eine
genügend wissenschaftliche - physiologische - Rationalität zu geben, um die» Geisteskrankheir « (»loucura«) als
Krankheit zu begründen. Inmitten der »Debatten um den Einfluß der Zivilisation auf die Herausbildung von
Geisteskrankheiten, die Bedeutung der Erziehung, die Degenerationen und die verschiedenen Formen der
Versorgung« (Portc-Carrero, 2002, S. 36) nahm die theoretische Krise Gestalt an. Schließlich ergibt sich die dritte und
nicht minder wichtige Frage: Im Jahre 1902 stellte sich der neue Präsident der Republik Rodrigues Alves der
gewaltIgen Aufgabe, den Bundesdistrikt (»Distriro Federal «, DF) dahingehend zu reformieren, dass er moderner und
hygienischer werde. Dies beinhaltete nicht nur bauliche Veränderungen in der Stadt, sondern auch den Aufcraz an die
Ärzte, die mit den experimentellen und Laboruntersuchungen von Louis Pasreur (1822-1895) und Roben Koch (1843-
1910) vertraut waren, die sich in der Stadt verbreitenden Epidemien zu bekämpfen (Benchimol, 1990). In diesem
Umfeld wurde Moreira als jemand bekannt, der die (Modernisierungs- )Initiativen des Staates stärker unterstützte und
die neuen Anstregungen um die öffentliche Versorgung der» Geisteskranken« bereicherte (Venäncio, 2005, S. 61).
Aufgrund seiner Doktorarbeit, die mit der Höchstnote der Medizinischen Fakultät von Bahia (1891) ausgezeichnet
wurde, erhielt Moreira ein Auslandssripendiurn, durch das er in den Jahren 1895 bis 1902 verschiedene Kurse in
Europa absolvierte. So kam er in diesem Zeitraum unter anderem in Kontakt mit den Ideen von Emil Kraepelin (Passos,
1975) und Sigmund Freud (Porto-Carrero, 1929,2002).14 Nach seiner Rückkehr besuchte er die psychiatrischen
Institutionen aller brasilianischer Bundesstaaten (Jacobina & Gelman, 2008, S. 1078) und beschrieb in seinen
Publikationen in der Gazeta Medica da Bahia zwischen 1901 und 1902 ein Panorama der Allgemeinmedizin und der
nationalen Psychiatrie (Moreira, 1908). In diesen Artikeln stellte Moreira unter anderem fest, dass es nur ein einziges
Hospital mit einem Laboratorium im ganzen Land gebe. Er hielt ein Plädoyer für die experimentelle Wissenschaft, für
Institute mit »Apparaten für die wissenschaftliche Arbeit«, fürexperimentelle Laboratorien und für den an klinischer
Forschung orientierten medizinischen Unterricht (Jacobina &Gelman, 2008, S. 1OlSE). Seine Artikel wurden auch in
diversen anderen wissenschaftlichen Publikationsorganen veröffentlicht und bewirkten, dass Moreira einen großen
Bekanntheitsgrad erlangte (Peixoto, 1933). Um die Sackgasse der internen politischen Konflikte zwischen den Ärzten
des Hospiz und der Medizinischen Fakultät (Engel, 2001, S. 255ff.) zu umgehen, wurde die Nominierung eines
baianischen Arztes bevorzugt, der von außerhalbdes Epizentrums der wissenschaftlichen und politischen Dispute in Rio
de Janeiro stammte, wodurch die Indikation der wissenschaftlichen Position Moreira zugute kam. Dadurch konnte er
sich bestärkt fühlen um sich mit dem neuen Modell des Staates abzustimmen Als Konsequenz daraus wurde Moreira
für die Direktion des» Hospfcio Nacional de Alienados« nominiert und später zum Generaldirkror der Versorgung der»
Geisteskranken« (» Assistencia a Alienados «) (1911-1930) ernannt. Moreiro erhielt als großer Propagandist der»
deutschen Kliniken« für» Geisteskrankheiten « (»doen<;:as mentais «] (Moreira, 1910, S. 376) und als Leiter
verschiedener Gruppen in Brasilien Unterstützung für die Reformen der Versorgung und der Institutionen des
Bundesdistriktes (DF). So verbreitete er den Einfluss der deutschsprachigen Psychiatrie aufbrasilianischem Boden
(Facchinetti &Mufihoz, 2013, S. 246). Mit seinem Eintritt in das Hospiz begann die Diskussion der theoretischen und
therapeutischen Basis unter neuen Parametern und ihre Umsetzung mit dem höchstmöglich erscheinenden Grad an
Wissenschaftlichkeit in die Praxis. Dies bewirkte wiederum ihre Einfügung in das System der Versorgung der
»Ceisreskranken «. Moreira bekämpfte mit Unterstützung des Organizismus einige Zeit die rassischen (Moreira, 1905)
sowie klimatologischen Thesen (Moreira & Peixoto, 1906) als ätiologische Basis der »Geisteskrankheiten« und stellte
die Wissenschaft als grundlegend für die Regeneration der Bürger heraus (Moreira, 1922). Allmählich garantierten er
und die von ihm gebildete Gruppe die Hegemonie der deutschen organizistischen Psychiatrie. In Abstimmung mit
diesem Diskurs und der sanitären Bewegung, die behauptete, dass die Degenaration ein Ergebnis des Fehlens an
Gesundheit und an Erziehung der Bevölkerung sei, sowie in Übereinstimmung mit den internationalen
wissenschaftlichen Netzwerken, gewann der Diskurs der Prophylaxe eine zunehmend größere Bedeutung in der
Psychiatrie, speziell seit der Dekade ab 1920 (Boarini, 2003). Die Krankenversorgung horte auf sich nur innerhalb der
Hospize abzuspielen, sondern bezog nun alle »Psychoparhen, Geisteskranken oder nicht « (Brasil, 1927) mit ein.I> So
vervielfältigten sich die Aufgaben der Psychiatrie (Facchinetti, 2001). Aufgrund dieser Veränderungen war zum Beispiel
auch die Institutionalisierung der »Liga Brasileira de Higiene Mental« (1923-1947) (Brasilianische Liga für
Psychohygiene) möglich. Es gab nun eine Mirverantwortung der Psychiater nicht allein für die Behandlung, sondern
auch für die Prophylaxe der Vagabunden, Prostituierten, Alkoholiker und Geisteskranken (Venäncio & Facchinetri,
2005, S. 103), die der Bildung eines gesunden Volkes entgegenstehen würden (Ramos da Silva, 1997,5.103). Von
zentraler Bedeutung für die Zukunft der Nation wurden ebenfalls Kindheit und Mutterschaft angesehen und so zum Ziel
der Aufmerksamkeit und Fürsorge der Psychiatrie. Die Erweiterung der Funktionen der psychiatrischen Wissenschaft
war auch verantwortlich für die Suche nach neuen theoretischen Direktiven und praktischen Konzepten, die dazu
beitragen könnten, die Bevölkerung dergestalt zu erziehen, dass sich der Brasilianer regeneriert und sich der Fortschritt
des Landes beschleunigt (Silva, 1997, S. 108). Dadurch würde sich die Möglichkeit ergeben, die höhere Stufe der
zivilisierten Nationen zu betreten. So inkorporierten einige Psychiater der »Liga Brasileira de Higiene Mental«, die in
mehrere nationale Modernisierungsprojekte bezüglich der Bildung eines Ideal-Brasilianers involviert waren, die
psychoanalytische Theorie in ihr Arbeitsfeld als Werkzeug (»ferramenta«) für ihre Projekte. Eine solche Artikulierung, in
der Moreira als Ehrenpräsident der Liga eine zentrale Rolle spielte (»v6rtice«), war das Resultat der seit 1910
unternommenen Bemühungen, als viele der von Freud behandelten Fragen Gegenstand der Debatten der psychiater
Rio de Janeiros waren, und zwar sowohl in theoretischer als auch in praktischer Hinsicht.

Juliano Moreira und das neue Werkzeug der psychiatrie: die psychoanalyse
In der Historiografie wird Moreira traditionell als der erste Propagandist der Psychoanalyse in Brasilien16
hervorgehoben. Gemäß den Autoren verschiedener Zeitperioden, wie zum Beispiel Porto-Carrero17, Perestrello18,
Ponte (1999) und Stubbe (2011), »beschäftigte er sich seit 1899 mit dieser Materie an seinem Lehrstuhl in Bahia« (.
Porto-Carrero ' 1928 , 1934 ,.S 26) . vwvzas wi.r aurCgrun d d0- kumentarischer Quellen nachweisen können, ist, dass
Moreira tatsächlich einer der ersten brasilianischen Psychiater gewesen ist, der sich mit der Psychoanalyse'? befasste,
denn sie war seit 1910 Gegenstand von Studien und Debatten in der von Ihm gegründeten Gesellschaft. Die Dekade ab
1910 war auch der Zeitraum in dem die psycho.analytische Technik im »Hospital Nacional« eingeführt wurde und als
rhcorerisch-merhodologische Grundlage für die Thesen (x-reses «, dr. Doktorarbeiten) der Medizinstudenten diente. . In
Übereinstimmun.g mit Moreir~ gewann die Psychoanalyse »ganz allmählieh neue Anhanger, nicht nur in Osterreich,
sondern auch in Deutschland England und vor a.llem in den USA« (Moreira ' 1920 ,.S 366) . D ementsprec h en d
behauptete ~orelra, ~ass auch Brasilien nicht außerhalb dieser Bewegung stehen bleiben konne. Semen anfänglichen
Bemühungen schlossen sich zunächst die Psychiater Antönio Austregesilo (1876-1960)20 und Henrique ROX021an. .
Moreira stellte fest, dass die Verzögerung, mit der sich die »Pest«22 in Brasilien ausgebreitet hatte, der Tatsache
zuzuschreiben war, dass »die Kollegen, dem Gesetz des geringsten Widerstandes folgend, abgewartet hatten, bis die
Ideen und Lehren zuerst durch den französischen Filter geflossen waren, ehe wir uns anschließend dazu herabließen,
sie gegen das Licht zu betrachten « (Moreira, 1920, S. 365). Auf diese Weise betonte er den starken Einfluss der
wissenschaftlichen Kultur, den Frankreich im Land noch immer ausübte, gleichzeitig erlaubt es uns aber auch einen der
Gründe wahrzunehmen, weshalb die Psychiatrie in Brasilien den psychoanalytischen Ideen so lange Widerstand
geleistet hatte, genauso wie es mit ihren französischen Kommentatoren+' geschehen war. Um die Widerstände der
lokalen Psychiatrie zu überwinden, die bis zu diesem Zeitpunkt nur sehr selten und meist kritisch auf Freud und seine
Arbeiten hingewiesen hatte, ergriff Moreira die Initiative und führte diese Debatte in die Versammlungen der
»Sociedade Brasileira de Psiquiatria, Neurologia e Medicina Legal« ein. So begann man das Freud'sche Werk zu
studieren (Atas de reuniao,1914, S. 243). Die Versammlungen dieser Gesellschaft fanden seit ihrer Gründung unter der
Präsidentschaft von Moreira im »Hospfcio Nacional de Alienados« statt. Und an gerade diesem Ort konnte man auch
die ersten Kennzeichen dieser Neueinführung beobachten. Zum Beispiel trug in der Sitzung vom 25. April 1914 der
Pädiater Fernandes Figueira-" eine Arbeit vor, die die tiefen Gefühle behandelte, jene halberloschenen im tiefsten
Inneren seiner kleinen Patienten schlummernden, um dann festzustellen, dass diese sich nur mithilfe der »Laterne des
Minenarbeiters der Psychoanalyse« (ebd.) offenbaren würden. Scheinbar verbreitete sich so ein Bild von der Theorie
Freuds als ein wichtiges und erfolgreiches Werkzeug, mit dem sich tiefere Geheimnisse - unbewusst oder bewusst von
den Patienten verborgen - erkunden und entdecken ließen. Seine Darstellung wurde bereitwillig aufgenommen und von
den anwesenden Mitgliedern, unter ihnen Moreira, Roxo und Ausrregesilo, diskutiert. Vier Monate später, in der Sitzung
der Gesellschaft am 13. August 1914, war es an Austregesilo sich zu äußern,
»indem er argumentierte, dass die Psychoanalyse ein Gegenstand von höchster Wichtigkeit sei, der unter uns diskutiert
werden müsse. Er schlug vor, dass in einer der nächsten Sitzungen der Gesellschaft jeder, der sich mit ihr befasse,
über seine Beobachtungsfälle, die gebrauchte Methode und die erhaltenen Resultate berichten solle« (Aras de
reuniiio,1914, S. 268f.).
Bei dieser Gelegenheit informierte Moreira die Gruppe darüber, dass er eine Arbeit über dieses Thema verfasst habe
und dass er sie in einer der nächsten Versammlungen vortragen wolle, »in der von der Gesellschaft veranstalteten
Serie « (ebd.). Daraufhin wurde er inständig von Professor Anseregesilo dazu gedrängt, der Gruppe seine Arbeit
vorzustellen, um eine Debatte über das Thema unter den Mitgliedern der Gesellschaft in Gang zu setzen (ebd.), Der
Vortrag Moreiras fand in der nächsten Sitzung am 24. September 1914 statt (Aras de reuniäo, 1914, S. 275).
Unglücklicherweise wurde dieser Essay nicht publiziert, sondern nur in der Versammlung verlesen.ö Sechs Jahre nach
diesem Ereignis - infolge einer kritischen Rezension zu Rochas Artikel »0 pansexualismo na Doutrina de Freud« (1920),
der in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht worden war, war ein regelrechter Tunmit unter den Medizinem=
entstanden - gab Moreira bekannt, die Gesellschaft dächte daran, »eine kritische Zeitschrift herauszugeben, die sich
nur darauf beschränken sollte, die Ideen des verehrten Wien er Professors zu verbreiten « (Moreira, 1920: S. 366).
Aufgrund der finanziellen Kürzungen der damaligen Regierung, die ein Ende der finanziellen Unterstützung für
wissenschaftliche Zeitschriften, die wie die Archivos Brasileiros de Neuriatria e Psiquiatria/? in der Psychiatrie bereits
institutionalisiert waren, bedeutete, kam man unterdessen zu dem Enrschluss, dieses Unternehmen sei nicht
realisierbar. Dabei stellte man zudem fest, dass »der Internatsjahr-Student Professor Anseregesilos die Psychoanalyse
zum Thema seiner Inauguraldissertation gemacht hatte« (ebd., S. 367).28 Moreira bezieht sich hier auf die
medizinische Doktorarbeit von Genserico Aragäo de Souza Pinto mit dem Titel Da psicandlise: a sexualidade nas
nevroses, die im Dezember 1914 verteidigt und mit Auszeichnung beurteilt wurde.t? Diese Arbeit, die auf der Seite nach
der Danksagung ein Foto von Freud zeigt (mit der Beschreibung »Prof. Dr. Sigmund Freud - Fundader da Psicanalise:
Sigmund Freud – Begründer der Psychoanalyse), wurde von Antönio Austrogesilo betreut. Pinto dankte diesem für
»den mächtigen intellektuellen Einfluss und für die erhaltene moralische Stärkung während der glücklichen drei Jahre«
(Pinto, 1914, S. I). Seit 1911 widmete Pinto demnach seine Studien unter der Betreuung (»orienta~ao«) von
Ausrregesilo der Psychoanalyse. Im selben Teil seiner Arbeit dankte Pinto »dern bekannten Psychiater und
Psychoanalytiker Professor Juliano Moreira für das große Interesse, das er an der Arbeit hatte « (ebd.). Die ersten
Seiten der in zehn Abschnitte gegliederten Doktorarbeit sind, so Pinto, denjenigen gewidmet, die die Methoden Freuds
in Brasilien zur Anwendung gebracht hatten: Juliano Moreira, Henrique Roxo, Antonio Austregesilo und Fernandes
Figueira. Und es ist Pinto selbst, der uns darüber informiert, dass »vonseiten dieser berühmten Wissenschaftler, kein
gedrucktes Werk über das Thema vorliegt, sodass unsere Doktorarbeit die erste Arbeit ist, die der Öffentlichkeit
übergeben wird« (ebd., S. 7). Für die Ziele dieses Beitrages ist das letzte Kapitel dieser Doktorarbeit mit dem Titel
»Beobachtungen« (»observa~öes«) noch relevant: Hier präsentiert nämlich der Forscher klinische Fallstudien auf der
Basis der Freud'schen Theorie aus dem »Hospital Nacional de Alienados «. Unter diesen befindet sich auch ein
klinischer Fall Moreiras, den wir später darstellen werden.
Im Jahre 1922 diskutierte dann Ausrrcgesilo das Thema in einer wiss;= senschaftlichen Zeitschrift. Mit dem Titel
»Psychoanalyse bei den Nerven- ~nd Ceisreskrankheiren , (»Psicanalise nas doencas mentais e nervosas« ) sprach d
Aufsatz wiederum den Widerstand der lokalen Psychiater gegenüber der Psyc~=~ analyse an. Nach dem Autor habe
die Psychoanalyse »weder Ausübung n~ch Sanktion durch die brasilianischen Kliniker erfahren, denn diese empfinden
. natu.r. l'1Ch es H emmnis, sich d ie psychoanalytische Praxis anzueignen« (Austre ~e1e1- 1 silo: 1922, S. 87). Für ihn
liegt es daran, dass »die Dinge hier weniger leicht s'!d als 111den ang~lsächsischen Ländern, in denen sexuelle Fragen
nicht einen sO~ch pejorativen WIderhall 111den Sitten und Vorstellungen der Individuen haben \.y' bei uns« (ebd., S.
105) .30 ie Bereits zu diesem Zeitpunkt war es möglich, die teilweise Ausbreitung ~er Psychoanalyse in der
»psychischen Medizin« (?medicina menral «) zu erk~n_ nen: Austregesilo lässt uns zum einen wissen, dass die
brasilianischen Klini~er zunehmend die psychoanalytischen Studien und die Methode Freuds akzeptier~ Zum anderen
zeigten die gemachten Mitteilungen und organisierten Konfer~~~ zen »von Juliano Moreira, Henrique Roxo, Genserico
Pinto und dem Au~ dieser Arbeir «, die das neue Wissen propagierten, dass sie »die Akzeptanz ~r .' '::1- nIger der
bedeutendsten neuropsychiatrischen Praktiker des Landes gewonn hatre , (Ausrregesilo, 1922, S. 87). Aber wie sehr
Ausrregesilo auch die Psycihoanalyse als Instrumentdes Zuganges zu den »abnormen Zuständen« lobt, c{iendurch das
Unbewusste des Patienten (ebd., S. 90) aufrechterhalten werden u'l.d die Ihre Wurzeln in der Sexualität haben (ebd., S.
87), er stellt dennoch fest, d,\ die Freud-Studiengruppe der »Sociedade de Neurologia, Psiquiatria e MediciLegal- sich
noch einige Vorbehalte bezüglich der Freud'schen Methode bewah habe. Gemäß des Autors besteht das Übel der
Lehre in den persönlichen u~~ exklusiven Formeln, mit denen Freud »die klassischen Konzepte bezüglichd~r
Psychoneurosen reformieren« wollte (ebd., S.l11). Die Arbeit von Austrogesilo wurde von Moreira kommentiert, der die
Psyhoanalyse »verteidigte«, indem er sagte, dass Freud in einigen Arbeiten :(\1 ~elgenversuchte, dass »in der antiken
wie auch modernen Literatur offenkundig; übere111StImmungen mit seinen Ideen bestehen « (Moreira zit. nach
Austregesil\j 1922, S. 114). Er betonte außerdem noch, dass der große Verdienst von Freud i~ der Systematisierung
eines Apparates von Techniken und Theorien in einer eil)_ 'I.igartigen und in sich kohärenten Perspektive bestehe.
Aber er hob auch hervot , dass es nicht »unbedingt notwendig ist, ein orthodoxer Parteigänger der Ideen Freuds zu
sein, um sich ihrer vorteilhaft zu bedienen « (ebd., S. 113). Und so wurde die Psychoanalyse - unter der teilweisen
Nutzung ihres theoretischen Apparats - als Werkzeug allmählich in die Praxis des »Hospicio Nacional« integriert.
Die Psychoanalyse in der klinischen Praxis Ein von Moreira behandelter Fall
In seiner Doktorarbeit beschreibt Pinto die Fallgeschichte der Mme. X, die von Moreira behandelt worden war. Laut ihm
»fühlte sich die Paticntin schwer krank« und präsentierte »unvermeidbares Erbrechen, intensive Schwindelzustände,
absolute Anorexie, Kopfschmerzen etc, Es ergab sich das perfekte klinische Bild eines Gehirntumors und eine solche
Diagnose wurde noch gestützt durch die positive >Wassermann-Reaktion< ihres Blutes«. Aber Moreira, »mit dem
Scharfsinn eines Psychoanalytikers, misstraute dem funktionalen Charakter der Krankheit, und mit großer Geduld und
viel Geschick, gelang es ihm die wahre Realität aufzudecken« (Pinte, 1914, S. 104ff). »[H]ier die Fakten: Madame X
reiste zum Zwecke einer Behandlung mit ihrem Mann auf einem Schiff nach Europa. Dort angekommen, wurde Mme. In
einem Krankenhaus aufgenommen, um eine wichtige Operation an ihren Genitalien durchführen zu lassen. Der
Ehemann, befreit von dem Zusammenleben mit seiner Garrin, kam zu dem Entschluss, sich eine Geliebte zu nehmen,
was nach einer gewissen Zeit auch zur Kenntnis von Mme. X kam. Sie entschloss sich natürlich, auf die baldige
Rückreise nach Rio de Janeiro zu drängen, um den Kummer, den ihr der untreue Ehemann verursacht hatte, zu
vermeiden. Ihre Rivalin hatte unterdessen Instruktionen erhalten mit dem nächsten Schiff in die Hauptstadt Brasiliens
nachzufolgen, wo der Ehemann von Mme. X sie erwarten wollte, um sein illegitimes Liebesverhältnis wieder
aufzunehmen. Das unheilvolle Ergebnis des Abenteuers ließ nicht auf sich warten; eines Tages, als sie mit dem Auto
durch eine der Straßen der Stadt fuhr, sah sie, zu ihrer schrecklichen Überraschung, ihren Ehemann, wie er sich an
einer Ecke mit genau derselben Frau, die er aus Europa kannte, unterhielt, was seiner Ehefrau einen großen Schmerz
bereitete. Man kann sich die Intensität des Traumas (traumatisrno) vorstellen; sie hatte gerade noch die Kraft dem
Chauffeur zu befehlen, sie nach Hause zu fahren. Dort angekommen, habe sie sich elend ins Bett zurückgezogen, und
von da an die o. g. Symptome gezeigt. Der Professor Juliano Moreira begann mit einer psychoanalytischen Behandlung
und die Kranke befindet sich nun auf dem Wege der Besserung. Der vorliegende Fall, in dem auch eine hysterische
Blindheit (» amaurose cegueira «) in Erscheinung trat, ist wirklich interessant und zeigt den großen Wert der
Psychoanalyse. In der Tat, wenn es nicht die Feeudsehe Orientierung von Prof. Moreira gegeben hätte, hätte er
niemals mit solcher Schnelligkeit und Sicherheit, die Ursache und Natur des Leidens offenlegen können, besonders in
Fällen wie diesem, in dem es (ich vergaß es zu sagen) keine hysterische Vorgeschichte gab« (ebd.). Der Fall betont
einige fundamentale Elemente der Aneignung der Psychoanalyse, wie sie in der Institution durchgeführt wurde: Bei der
Kranken handelte es sich um eine vornehme Frau der Gesellschaft, die ein gehobenes kulturelles und intellektuelles
Niveau besaß, das damals für grundlegend gehalten wurde, um eine »tiefe Analyse« (»analise profunda«) (Pinte, 1914,
S. 90) zu erlauben. Außerdem wies der Bericht gehäuft die klassischen Elemente der Hysterie auf, was uns an die
ersten klassischen Fälle der Hysterie, die im 19. Jahrhundert noch von Freud (1896, 1975) analysiert wurden, erinnert:
Ein traumatisches Ereignis, das körperliche Symptome verursacht, ohne dass irgendeine organische Läsion vorliegt,
wie zum Beispiel die Blindheit im oben genannten Fall. Der hysterische Globus (» bolo histerico «, »globus hysrericus
«), der die Nahrungsaufnahme verhindert und sogar der chirurgische Eingriff an den Genitalorganen, obwohl nicht im
Einzelnen geschildert, suggeriert ein sexuelles Unbefriedigtsein seitens der Frau. Es handelt sich also um eine Lektüre,
der das erste topische Modell Freuds-" zugrunde liegt und die durch die Vorstellung einer Auseinandersetzung
zwischen dem Bewusstsein und der verdrängten Libido gekennzeichnet ist (Pinro, 1914, nach tubbe, 2011, S. 36).
Nach Pinto ist es mithilfe der freien Assoziation möglich, latente Inhalte in das Bewusstsein zu bringen, die es ihm
erlauben, diese zu beurteilen und dem Leiden somit ein anderes Ziel als die Kranheitssyrnpromatik zu bieten. Es bleibt
nur der Zweifel bestehen, ob solche Inhalte verdrängt wurden oder un ter Zensur standen, insbesondere weil viele
dieser damaligen Autoren annahmen, dass die Methode der freien Assoziation dazu dienen würde, den Patienten dazu
zu bringen, die Geheimnisse, die er verbirgt, freizügig zu bekennen (Ponte, 1999, S. SM). Aber die Methode der freien
Assoziation war nicht der einzige durch die Brasilianer der damaligen Zeit angeignete Ausschnitt (» recorte« ). Speziell
im Laufe der 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts gewann die psychoanalytische Theorie, mit der wachsenden Bedeutung,
die der Erziehung und Gesundheit beigemessen wurde, einen immer größeren Raum auf dem Felde der Prävention,
und sie ging dazu über, an der Modernisierung der Nation mitzuarbeiten. Und über eben diese neue Einbeziehung (»
enquadre«) werden wir im Folgenden sprechen.
Die Psychoanalyse als Werkzeug zur Heilung der Nation
Die Liga Brasileira de Higiene Mental
Seit ihrer Gründung32 nahmen wichtige Leser Freuds an der »Liga Brasileira de Higiene Mental«33 (1923-1947) teil:
Moreira, Roxo und Austregesilo, alle in den Statuten der Institution zu »Ehrenpräsidenten« erklärt. Die Psychoanalyse
der Liga war anfänglich auf die »Abnormen« (»anormaes«) ausgerichtet. Um diese zu behandeln, wurde arn Sitz der
Gesellschaft im Oktober 1926 ein psychoanalytischer Dienst (» servico de psicanälise.«) eingerichtet: Die Einrichtung
des psychoanalytischen Behandlungsraumes der Liga wurde mit größter Sorgfalt vorgenommen, um ihm dem Aspekt
eines medizinischen Behandlungszimmers zu nehmen. Sogar die Ornamente und Farben wurden danach ausgesucht,
ob sie schwerlich gefühlmäßige Situationen suggerieren, diesich in den assoziativen Fluss einflechten könnten (Porto-
Carrero, 1926, 1929, S.27E). Diese Sorgfaltigkeit war nicht allein ästhetischer Art, denn» allein schon der Blick auf eine
Wand mit Rissen reicht aus, um den Vorstellungsfluss eines mit wenig Abstraktionsvermögen ausgestatteten Kranken
abzulenken« (ebd., S. 29). Mit dem Ziel ihre Pläne vorzubereiten und in die Praxis umzusetzen, unterhielt die Liga
ungefähr seit 1925 auch in ihren Filialen »Studien-Sektionen«, die ab 1929 dazu übergingen, »das Studium und die
Entwicklung der neuen Verfahren der Angewandten Psychologie und Psychoanalyse voranzutreiben« (Estarutos da
Liga Brasileira de Higiene Mental, 1929, S. 40). Aber die Psychoanalyse erlangte noch einen anderen Platz in der Liga:
als Instrument für die Diagnose und Behandlung der eigenen Nation, die als primitiv und unfähig erachtet wurde, sich in
das »Konzerr der Nationen« emporzuheben. In Übereinstimmung mit dem Forscher jose Franco Reis ist die
Psychoanalyse tatsächlich einer der Diskurse, die mit den Programmen der Liga präzise abgestimmt war. Sie wurde
als eine der mächtigsten technischen Lösungen angesehen, als grundlegend, um die Rolle der Psychiater zusammen
mit der des interventionistischen Staates in Position zu bringen (Reis, 1994, S.237). In diesem Prozess begann man die
Psychoanalyse auch als Methode zur Diagnostik der Realität des Landes und mittels der wissenschaftlichen Erziehung
als eine Therapie für seine Entwicklung zu benutzen, die man für fähig hielt, »abnorme« Inhalte zu verdrängen und
Triebe (»impulsos«) mithilfe der Sublimation auf idealisierte kulturelle Ziele zu richten (Facchinetti, 2012, S.46ff). Es
verstärkte sich die Vorstellung, dass die Psychoanalyse den Psychiatern der Liga bei ihrem prophylaktischen Projekt
mittels der Erziehung insbesondere bei den Kindern helfen könnte, die Entstehung zukünftiger Gesetzesbrecher
und/oder Abweichler (»desviantes«) zu vermeiden. Außerdem könnte sie auch bei der größeren Kenntnis über das
Milieu und die Gesellschaft behilflich sein die man intervenieren wollte, was die Möglichkeit der Interpretation der
Kollektiv- Psychologie des brasilianischen Menschen, ihre »Toterns und Tabus« und ihre eigentümlichen
Charakteristiken, mit sich brachte: alles dies unter der Perspektive eines prophylaktischen Programms der psychischen
Hygiene (» higiene rnental «). Das Programm der Integration der Psychoanalyse in dieser Mission richtete sich an
Schulen, um dort eine wissenschaftlich begründete Sexualerziehu~gzu entwickeln, an Institutionen für Straffällige und
Kriminelle zur Besserung »dieser kleinen Unglücklichen«, an die Sexualerziehunp der Masse durch die Psychoanalyse
über Zeitungen und Radios sowie an Toxikomane, sexuell Perverse, Suizidanten und Neurotiker im Allgemeinen. Es
diente darüber hinaus zu Experimenten im experimentalpsychologischen Laboratorium der Liga34 (Porto- Carrero,
1929[1926], S. 39f.). In diesem gesamten Prozess erlangte die Psychoanalyse eine größere Akzeptanz. Dergestalt war
in der zweiten Hälfte der 20er Jahre des 20. jahrhunderrs das Statut der Psychoanalyse für die »Seelenärzte«
(»medicos mentais «) bereits ein anderes, indem ihre bedeutendere Wichtigkeit an der Seite des Staates
begrüßtwurde, wie uns Porto-Carrero bestätigt: Indem die Psychoanalye verdrängte Komplexe erforscht, die die kleinen
Neurotiker, die Drogensüchtigen, die Ängstlichen, die »Eigenrurnlichkeiten« des Charakters etc, hervorbringen, kehrt
sie sozusagen an den Grenzen des Wahnsinns (»loucura«). Wenn wir auf das achrgeben, was die Liga durch die
Psychoanalyse in der Erziehung in den Primärschulen, der Arbeitgeberschaft der Minderjährigen, der kleinen
Gesetzesübertreter - die heute einem speziellen Tribunal übergeben werden - beeinflussen kann, sehen wir, dass
bereits eine breite Aktionssphäre existiert, in der wir handeln können (Porto-Carrero, 1929[ 1926], S.27f.).

Das Vorkämpfertum Juliano Moreiras bei der Gründung der Sociedade Brasileira de Psicanalise in der Sektion
Rio de Janeiro
Nach einer Periode größeren Misstrauens gegenüber der Psychoanalyse schien sich schließlich der Widerstand der
Psychiater innerhalb des »Hospicio Nacional « und der »Liga Brasileira « (die im Inneren der »Colönia de Alienados
Gustavo Riedel« untergebracht war), der größten damaligen Institutionen für »Geisteskranke« (»alienados«) im
»Distrito Federal«, aufzulösen. Genau in diesem Moment entstand die Möglichkeit, einen neuen Schritt hin zur
Institutionalisierung der ·Psychoanalyse in Rio de Janeiro zu machen, wie wir aus einer Zeitungsnachricht des Correio
da Manhti vom 6. Juni 1928 aus Rio de Janeiro erfahren: »Auf Einladung der Sociedade Brasileira de Psychanalyse de
Säo Paulo versammelten sich im Hospital Nacional de Psicoparas einige Psychoanalytiker dieser Hauptstadt, unter
dem Vorsitz Prof. Juliano Moreiras, um in Verbindung mit jener Gesellschaft einen Nukleus für das Studium der
Psychoanalyse zu gründen« (Editorial, 1928, S. 5). Mit der Gründung des Nukleus in Rio de Janeiro wurden auf
Vorschlaz von Marbcondes und Rocha " folgende Grundsätze für das Funktionieren der Gesellschaft als Ganzes
festgelegt:
»1. Die Sociedade Brasileira de Psychanalyse wird ihren Hauptsitz in Rio de Janeiro haben und in verschiedenen
Bundesstaaten Brasiliens Sektionen unterhalten.
2. Als Bindeglied wird sie einen allgemeinen Präsidenten besitzen, alle zwei Jahre wieder wählbar, eine regelmäßig
erscheinende Fachzeitschrift, die Revista Brasileira de Psychanalyse, deren erste Nummer bereits durch die genannte
Gesellschaft in Säo Paulo publiziert wurde. 3. Jede Sektion wird einen regionalen Präsidenten haben und in ihrer
Organisation und internen Führung autonom sein.
4. Die Organisation der Fachzeitschrift wird an ihrem Hauptsitz gestaltet, zu dem alles Publikationsmaterial gesandt
werden sol!.
5. Im Falle, dass die Fachzeitschrift außerhalb des Hauptsitzes gedruckt wird, soll der Sekretär der Sektion, wo der
Druck geschieht, mit der Drucklegung beauftragt werden.
6. Von dem Monatsbeitrag soll jede Sektion einen gewissen Anteil, für alle Sektionen den gleichen, für die Kosten der
Publikation der Fachzeitschrift tragen« (Editorial, 1928, S. 5). . Wie man bemerkt, wurde die im Jahre 192736 in Säo
Paulo gegründete »Sociedade Brasileira de Psychanalyse« »mit großer Freude« von Moreira aufgenommen.
Er »versammelte das gesamte klinische Personal des Hospitals « (Marcondes zir. nach Sagawa, 1992, S. 89), indem er
in Rio de Janeiro nicht nur im Jahre 1928 einen Nukleus schuf, sondern auch den Hauptsitz der Gesellschaft in diese
Stadt verlegte. Trotz des Hauptsitzes in Rio de Janeiro »bestand Moreira darauf, dass Franeo da Rocha als allgemeiner
Präsident der Gesellschaft weitermachen sollte. Und er, Juliano selbst, bleibt als Präsident der Sektion dort in Rio«
(Marcondes zir. nach Sagawa, 1992, S. 89), während Porto-Carrero als Vizepräsident fungierte (Editorial, 1928, S. 5).
Eine der ersten Inititiariven der gerade gebildeten Gesellschaft war es, Freud ihre Gründung mitzuteilen. Als Anwort
aufMarcondes Schreiben schrieb Freud einen Brief mit folgendem Inhalt: »Sehr geehrter Kollege, ich danke Ihnen
immens für Ihren minutiösen Bericht über die hoffnungsvollen Ereignisse in Ihrem Land. Dr. Porto-Carrero hat mir auch
diesbezüglich geschrieben und ich wiederhole Ihnen die Bitte, die ich an ihn gerichtet habe. Ich würde es schätzen,
wenn die Herren zusammen eine Darstellung über diese Ereignisse erarbeiten und sie an die -Internar. Zeitschrift für
Psychoanalyse- (Revista Internacional de Psicanalise) und an den Präsidenten Dr. Max Eitingon richten würden, damit
so das Interesse für die neue brasilianische Gruppe geweckt werden kann« (Freud, 1994 [1928], S. 90). Der Brief
Freuds an Porto-Carrero enthielt tatsächlich die gleiche Bitte mit noch mehr Details: »Wie merkwürdig dass im fernen
Brasilien eine psychoanalytische Bewegung mit einem Male fertig dasteht wie Athene aus dem Haupt des Zeus, mit
gesellschaftlicher Propaganda und natürlich auch Opposition. Letztere darf nicht fehlen, es freut mich dass Sie ihre
Notwendigkeit einsehen. Es ist wie in der analytischen Technik. Ohne Überwindung von Widerständen giebt [sicl] es
keinen Erfolg. Und nun eine grosse Bitte. Es liegt mir viel daran dass Ihre Gesellschaft sich bald innerhalb der
Internationalen heimisch fühle und diese ebenso vertraut mit den Vorgängen werde. Zu diesem Zwecke kann nichts
mehr beitragen alswenn Sie für die Zeitschrift einen Bericht abfassen, der ungefähr das enthält, was in Ihren u [sicl] Dr
Durval Marcondes Briefen an mich enthalten ist, die Geschichte der Gründung Ihrer Gesellschaft, dasVerhältnis der
beiden Gruppen in Rio und S. Paulo u [sicl] Ihr Bemühungen in der Sociedadc de Educacao. [...] Der Bericht soll an
unseren Präsidenten Dr M. Eitingon geschickt werden, natürlich in französ. wenn es Ihnen am bequemsten ist« (Freud,
1928).
Nach einem Briefwechsel von Freud und Eitingon wurde die »Sociedade Brasileira de Psicanalise « im Jahre 1929
durch die »International Psychoanalytic Association « (IPA) als »Study Group« anerkannt. Im folgenden Jahr schrieb
Max Eitingon wiederum an die Gruppe mit der Bitte, dass sie sich gemäß der durch den Kongress von Bad Homburg im
Jahre 192537 festgelegten Richtlinien organisieren möge. Diese Bitte fiel mit großen Strukturveränderungen im
damaligen Brasilien zusammen. Aus politischer Sicht waren die Machtkämpfe verschiedener dominanter 'ruppen im
Verlauf dieser Dekade die Regel. Die Meinungsverschiedenheiten lind Kämpfe wurden noch durch die
Weltwirtschaftkrise, verursacht durch den Zusammenbruch der New Yorker Börse im Oktober 1929, verschärft. Das
Ende dieser turbulenten Periode war durch einen Staatsstreich gekennzeichnet, der etulio Vargas38 im Oktober 1930
an die Präsidentschaft brachte und die traditionellen Oligarchen vom Epizentrum der Macht verlegte und eine neue
Phase der politischen und sozialen Geschichte Brasiliens einleitete (Ferreira & Pinto, 2006, S. llf). I Auf dem Felde der
»Assisrencia aos Psicopatas « (Versorgung der »Geisteskranken «) machten sich die Auswirkungen der Krise durch
den Verlust wichtiger Alliierter von Moreira wie zum Beispiel].]. Seabra bemerkbar. Mit der Regierung Vargas verlor
Moreira im Jahre 1930 selbst alle seine Ämter und wurde zwangspensioniert (Pacheco c Silva, 2009). Rocha war
ebenfalls bereits in Pension gegangen (Sagawa, 1992, S. 83). Durch die Veränderungen der politischen Richtung und
das Fehlen der Direktoren der beiden Sektionen der Gesellschaft entstand eine neue Krise in der jungen »Study
Group«.
Während die wenigen Mitglieder aus Säo Paulo davon ausgingen, dass die Anerkennung ihrer Gesellschaft durch die
IPA grundlegend für ihr Überlebensei, war die enger mit dem Staat verbundene Gruppe des »Distrito Federal«, die die
Psychoanalyse als Werkzeug ihrer Disziplin benutzte, wenig geneigt den Orientierungen der IPA zu folgen. Mitten im
Konflikt trennten sich die beiden Sessionen. Obwohl die Historiografie im Allgemeinen bestätigt, dass Marcondes die
Gesellschaft geschlossen und nach Mitteln gesucht habe, ausländische psychoanalytische Ausbilder herzubringen, um
sie nach den Richtlinien der IPA wieder zu eröffnen, sprechen wichtige Indizien dafür, dass der Sitz in Rio weiterhin
funktionierte: gemäß der anfänglichen Ziele zur Verbreitung der Psychoanalyse mittels Vorträgen und Kursen und dem
Ziel, die Übersetzungsarbeit der Gesammelten Werke von Freud zu leisten (Porto-Carrero, 1932).

Zusammenfassung
In seinem Nachruf für Moreira stellte der Psychiater Murillo de Campos fest, dass Moreira der Erste war, der im Jahre
1914 eine Konferenz zur Verbreitung der Psychoanalyse abhielt, »indem er zeigte, dass es dem Psychiater nicht
erlaubt sei, seine Ungewissheiten gering zu schätzen, wie groß auch die Kritiken seien, die ihnen gemacht würden. Die
Toleranz Juliano Moreiras der Psychoanalyse gegenüber beschränkte sich nicht au f ihre Verbreitung: Er ließ sie im
Hospital Nacional de Psicoparas zu, wie jede andere Methode der Diagnostik und Therapie« (Campos, 1933, S. 8). Wie
oben demonstriert, war Juliano Moreira ein wichtiger Verbreiter. eifrig Lernender und Erörterer der psychoanalytischen
klinischen Praxis im »Distrit Federal«. Außerdem war er sehr aktiv bei der Gründung der Sektion der »Sociedade
Brasileira de Psychanalyse« in Rio de Janeiro und konsolidierte so dieerste Verbreitung der Theorie Freuds im
medizinisch-mentalen (» rnedico-mental« ) Umfeld Brasiliens. An dieser Stelle lohnt es sich, daran zu erinnern, dasser
sich unabhängig von seinem Einsatz zugunsten der Verbreitung der Theorie und der psychoanalytischen Methoden im
Land selbst niemals als Psychoanalytiker bezeichnete. Somit wurden die Grenzen seines Interesses deutlich, narnli
hdie teilweise Anpassung ihres Inhalts. Die Psychoanalyse sollte nach seinem Y, rschlag verstanden werden, und zwar
als ein» sehr reicher Beitrag der zahlreich '11Schüler Freuds«, und dazu dienen, die Werkzeuge der Psychiatrie zu
erweitern.
Die Ärzte sollten sie studieren und in orthodoxer Weise oder gar nicht anwenden (Moreira, 1920, S. 366).
Übersetzung: H Stubbe

CAP. 4
Die Bedeutung der Psychoanalyse in der Geschichte der Psychologie in Brasilien
Marina Massimi

In diesem Artikel beleuchten wir die Einführung der psychoanalytischen Perspektive im Kontext der brasilianischen
Kultur des 20. Jahrhunderts in einer historischen Sicht, mit dem Versuch die Faktoren, die diesen Prozess ermöglicht,
vereinfacht und/ oder erschwert haben, darzustellen. Wir möchten in diesem Artikel der Hypothese nachgehen, ob die
Vereinnah- Illung der Psychoanalyse, wie sie in Brasilien durchgeführt wurde, im Rahmen eines bereits existierenden
Wissens geschah. Aus unserer Sicht war dieses Wissen durch einige Einzigartigkeiten gekennzeichnet, die sich
bezüglich der Art und Weise, wie sich das Verständnis der Psychoanalyse in Brasilien herausbildete, als entscheidend
erwiesen. Es handelte sich hierbei um ein therapeutisches Wissen, d,ISauf die Nutzung des Wortes zentriert war (und
das bereits in den indigenen Kulturen als auch den missionarischen Predigten vorhanden war). Im Hinblick IllIf die
Behandlung psychischer Erkrankungen stand dieses Wissensrepertoire 111der Tradition der »Medizin der Seele«, die
sich im Laufe der Kolonialzeit 111ILand verbreitet hatte und sich mit den Kenntnissen der »philosophischen Arzte« am
Ende des 18. Jahrhunderts verbunden hatte. Darüber hinaus soll It,rgehalten werden, dass im 19. Jahrhundert seitens
der Medizin der Versuch unrcrnornmen wurde, sich im soziokulturellen Kontext als die Wissenschaft des ~knschen zu
konstituieren. Dieser Versuch basierte auf philosophischen Aussa- II, die wesentlich durch deterministische Prozesse
auf einer organischen Basis I~~lgclelegt wurden. Aus unserer Perspektive bildeten diese Faktoren insgesamt einen
Rahmen Ir die bereits vorhandenen Ideen. Daraus entwickelten sich die Überschnei- ,1\llIgenund Interpretationen, die
im 20. Jahrhundert für die Einbeziehung der rcud'schen Psychoanalyse in Brasilien kennzeichnend waren.

1. Das Wort als Pharmakon in den kulturellen Traditionen des kolonialen Brasiliens
Die therapeutische Funktion des Wortes ist nach Sigmund Freud eine der Grundpfeiler der psychoanalytischen
Intervention: In dem Text »Psychische Behandlung (Seelenbehandlung) « aus dem Jahre 1905 behauptet er:
»Psychische Behandlung heißt demnach Seelenbehandlung. [... ] Behandlung von der Seele aus, Behandlung -
seelischer oder körperlicher Störungen - mit Mitteln, welche zunächst und unmittelbar auf das Seelische des Menschen
einwirken. Ein solches Mittel ist vor allem dasWort, und Worte sind auch das wesentliche Handwerkszeug der
Seelenbehandlung« (Freud, 1972[ 1905], S. 289). Die Entdeckung der therapeutischen Funktion des Wortes ist das
Ergebnis eines historischen Prozesses. In der Konzeption der Philosophen und Mediziner der klassischen Antike
bewirkt die seelische Heilung durch die Philosophie ihre Unterwerfung unter die Rationalität der Diskurse (das
griechische Wort »logos« bedeutet Vernunft sowie Rede und Wort). Die Heilung der Seele - im Sinne einer inneren
Bildung der Seele selbst – impliziert die Nutzung des Wortes, zum Beispiel wird in einem Dialog sowohl das eigene
Innere als auch das des externen Gesprächspartners reflektiert. Dies geschah, wie Augustinus es formuliert, mit dem
folgendenen Effekt: »[D [ie Wörter gewannen bei den Menschen den höchsten Stellenwert für den Ausdruck jeglicher
Gedanken, immer wenn jemand diese ausdrücken wollte « (1991, S. 96). Im modernen Zeitalter liegt das Vertrauen in
die Macht der Wörter als Instrument zur Persuasion und Verhaltens änderung in der Erkenntnis und der Anwendung der
Rhetorik und ihrer Einflüsse auf die psychische Dynamik – die durch die aristotelisch-thomistische philosophische
Psychologie sowie die nachfolgende Überprüfung der Lehre von Augustinus von Hippe ermöglicht wurde - begründet
(Massirni, 2005). Diese lange theoretische Aufwertungstradition des Wortes und der praktischen Überprüfung seiner
Macht bildete die Basis für die therapeutische Nutzun in der Psychiatrie, Psychoanalyse und Psychologie. Evident
wurde dies auch im Kontext der brasilianischen Kultur, da sie aufgrund der mündlichen Betonung der indigenen
Kulturen noch prägnanter und entscheidender war. Im kolonialen Brasilien, wo die Mehrheit der Bevölkerung illiterar
war, war der Rückgriff auf die orale Sprache als Vermittler von Ideen und als »rherapeu- tisches« Vehikel vorrangig.
Darüber hinaus wurde die Sprache als Hilfsmittel für Heilungen in der kulturellen Tradition der indigenen Bevölkerung
hoch bewertet. Seit dem 16. Jahrhundert schrieben Reisende und Missionare in ihren Berichten und Briefen den
Indigenen den dramaturgischen Umgang mit dem Wort zu.

1.1 Das Wort in den indigenen Kulturen (culturas indigenasl


Im Kontext der brasilianischen Kultur verstärkte sich das Vertrauen in die Macht des Wortes aufgrund der Bedeutung,
die es in der Sprache und im Diskurs der indigenen Traditionen besaß. Eine der ältesten Auskünfte über die
Bedeutsarnkeit der Nutzung der Wörter in den indigenen Kulturen stammt aus dem Jahre 1593 aus der Feder eines
reisenden Paters, der die Jesuiten besuchte, nämlich des Portuguiesen Fernäo Cardim (1548-1625). Der Bericht
verdeutlicht die Besonderheiten der indigenen Rhetorik und unterstreicht den hohen Stellenwert der sprachlichen
Erzählungen der Ureinwohner. Cardim berichtet, dass er im Dorf »do Espirito Sanro « (des Heiligen Geistes) nach dem
Empfang der Principais! zusammen mit zwei anderen Besuchern, dem Pater Cristoväo de Almeida und dem Bruder
Barnabe Telho, durch einen Menschenzug tanzender und Flöte spielender Ureinwohner in die Kirche begleitet wurde:
Nach dem Gebet bat ihn der Pfarrer, eine Rede in der prache zu halten, die ihnen am meisten gefallen und
Befriedigung bringen würde. In jener Nacht predigten die einheimischen Principais über das Leben des Pfarrers so wie
es ihnen gefiel, und zwar wie folgt: In einer Hängematte liegend predigten sie mitten in der Nacht für ungefähr eine
halbe Stunde. Dann standen sie auf und liefen langsam Schritt für Schritt durch das ganze Dorf. Auch die Predigt wurde
ganz bedächtig und ohne Hast vorgetragen. Mehrmals wiederholten sie dies, immer die Wörter betonend. In diesen
Predigten erzählten sie von der Arbeit, dem Gewitter und den Todesgefahren, die der Pfarrer erlitten hatte, um sie zu
besuchen und zu trösten, denn er kam von so weit her. Gleichzeitig begannen sie mit der Huldigung Gottes für die
erhaltene Gnade und trugen aus Dankbarkeit Geschenke für den Pfarrer herbei. Man müsse sie, so Cardim, mit ihren
Sachen, Enten, Hühnern, Ferkeln sowie ihrem Maniokmehl und ihren »beijus «- mit einigen Wurzeln und Erdgemüse
sehen (1980, S. 146). Die Dorfvorsreher, die den Diskurs des missionierenden Predigers annahmen, übersetzten ihn in
die eigene Sprache, um diesen der Gemeinde zu übermitteln: Auf diese Weise legimitierten sie die Anwesenheit des
Priesters und stellten sich gleichzeitig als unersetzbare Mediatoren zwischen ihn und das Volk. In demselben Dokument
gibt Cardim zahlreiche Informationen bezüglich des Stellenwertes der Kunst des Diskurses unter den Ureinwohnern. Es
wird berichtet, dass in jeder» oca «3 ein Principal lebte, der seine Autorität vor allem durch die Nutzung des Wortes und
somit als Vermittlungsorgan geltend machte, um die Gruppe zur Arbeit oder zum Krieg zu motivieren. Er wurde von
allen sehr respektiert. Nach Cardim wurden solche »Anfeuerungen« in der »oca« in Form einer Predigt durchgeführt: In
der Hängematte liegend hielt der Dorfvorsteher mitten in der Nacht eine halbe Stunde lang eine Rede. In der
Morgendämmerung stand er schließlich auf und ging seinen Diskurs weiter fortführend durch das ganze Dorf »mit lauter
Stimme, ganz regelmäßig und oft die Wörter wiederholend« (ebd.). Cardim berichtet, dass es unter den indigenen
»Principais « und Predigern »einige alte mit bedeutenden Namen und unter ihnen mit großer Autorität gab, die berühmt
waren in der ganzen »sertao c", dreihundert bis vierhundert Meilen und rnehr « (ebd.). Es wird betont, dass die
Ureinwohner eine gute Sprache derart schätzten, dass sie diese Männer die »Herrn der Sprache« nannten. In ihren
Händen hielten sie den Tod und das Leben, die sie nach ihrem Willen und ohne Widerspuch überall hintrugen. Wenn
sie überprüfen wollten, ob ein Individuum die Fähigkeit der Rhetorik besaß, kamen »viele zusammen, um zu sehen, ob
sie ihn überfordern könnten, redeten mit ihm die ganze Nacht, manchmal sogar zwei, drei Tage lang, ohne zu
errnüden« (ebd., S. 152f.). In der Beschreibung von Cardim wird seine eigene Überraschung in Bezu auf die Bedeutung
der Nutzung des Wortes für die indigene brasilianische Bevölkerung deutlich. Hier ergibt sich eine unerwartete
Verbindung zwischen der unbekannten Kultur dieser Bevölkerung und der unermesslichen Anstrengung der
Kommunikation in der europäischen Kultur der damaligen Zeit. In anderen Briefen von Geistlichen, die in Brasilien
verfasst wurden, beziehen sich die Autoren mit einer relativen Häufigkeit auf die Tatsache, dass die Kraft des Wortes
des Missionars ein fundamentales Element darstellt, um die Indigenen zu
überzeugen und um ihr Vertrauen zu gewinnen. In zahlreichen Situationen wird dem Wort eine therapeutische Macht
zugeschrieben, die den Redner geradezu in die Lage versetzt, über die Naturelemente zu herrschen.

Das Wort in der Predigt und die psychologischen Wurzeln der Rhetorik aus der Perspektive der Jesuiten
In der brasilianischen Kultur finden sich seit dem 16.Jahrhundert verschiedene Formen des Experimentierens mit der
Macht des WortesS, die eine Übertragung des Wissens, der Handlungen sowie der Überredung anstreben, mit dem Ziel
Glaubensinhalte und Verhaltensweisen zu verändern und so die einzelnen Personen und die Gesellschaft zu erreichen.
Unter diesen Formen spielte die Predigt (» pregacäo «) eine besonders wichtige Rolle. Im Kontext der kolonialen
Gesellschaft Brasiliens war die Predigt eine verbreitete und von der Bevölkerung sehr geschätzte Tätigkeit. Im sozialen
Umfeld finden sich seit der frühen Zeit der Kolonisierung in den Schreiben und Briefen der Reisenden und Missionare
Berichte und Beschreibungen von Predigten. Die Predigt erlangte eine sehr wichtige Funktion in der kulturellen
Übertragung von Konzepten, Tätigkeiten und Glaubensweisen der klassischen, mittelalterlichen und Renaissance-
Tradition des Okzidents und zugleich strebte sie durch die Macht des Wortes eine Veränderung des Habitus und der
Mentalität der Individuen und sozialen Gruppen an. Auf diese Weise wurde sie in Brasilien in einem zeitlichen
Kontinuum vom 16. bis ins 18.Jahrhwldert praktiziert und muss daher in einer Perspektive interpretiert werden, die die
dynamische Wechselbeziehung zwischen Predigern und Adressaten berücksichtigt: Tatsächlich nimmt die Predigt die
Charakteristiken einer »teilnehmenden Tätigkeit an, die die sozialen Horizonte durchquert« (Chartier, 1988, S. 134) und
in der die Volkskultur (» cultura popular «) mit der gelehrten Schriftkultur konvergiert. Eine solche Tätigkeit durchläuft
verschiedene Stufen der Aneignung - gemäß der Intervention der »schöpferischen Erfindung im eigentlichen Kern der
Rezeptionsprozesse« (cbd., S. 136) -, indem kulturelle Dinge, Texte und Ideen übermittelt und von den Zuhörern in
ihrer Gesamtheit oder von einzelnen Gruppen verschiedenen Interpretationen und Verwendungen unterworfen werden.
Neben der Funktion der kulturellen Übermittlung, stellt die Predigt eine Art Experimentallaboratorium der Macht des
Wortes dar - da sie mit dem psychoanalytischen und psychologischen Verständnis der therapeutischen Wirksamkeit
des Wortes in Beziehung steht und es sich um das moderne Zeitalter handelt, muss sie prinzipiell auf die Anwendung
der rhetorischen Kunst zurückgeführt werden: Denn das Wort sollte entweder hinsichtlich seiner Macht der kulturellen
Übertragung oder hinsichtlich seiner evokativen und kathartischen Fähigkeit der Affekte betrachtet werden. In diesem
Sinn ist das Wort ein Heilmittel zur Erlösung, enthalten in den Begriffen des allgemeinen Konzepts der Gesundheit, wie
es von der Medizin der Seele postuliert wird: Gesundheit des beseelten und geistigen Körpers des Individuums und
Gesundheit des politischen und sozialen Körpers. Das Wort – im Sinne seiner doktrinären, persuasiven, evokativen und
enthüllenden Dimensionen - wird als das wahre Pharmakon im Individuum begriffen, mithilfe dessen es lernt, gut zu
leben und zu sterben. Die Beharrlichkeit bezüglich des so konzipierten Sich-um-sich-selbst-Sorgen (»cuidado de si
rnesmo «] hat ihren Ursprung in der soktatischen Philosophie und wurde später durch den Stoizismus und die
christlichen Philosophien (Gilson, 1995) weitervererbt. Diese Art von Sorge geht auf spezifische Kompetenzbereiche
zurück: Anfänglich entstammte sie den beiden Wissensgebieten Philosophie und Medizin, und mit der Ankunft des
Christentums war sie später auch im Bereich der Theologie (und der Spiritualität) zu finden. Während das forschende
Interesse bezüglich der Totalität des Objektes auf der einen Seite der philosophischen Methode vorbehalten war, war
es andererseits in der klassischen und mittelalterlichen Tradition der Arzt, der das Universum als Ganzes kannte: die
Musik, die Astrologie, die Metereologie sowie die Beziehungen zwischen den Göttern und den Menschen. Indem man
diese allgemeine Sichtweise auf das Menschsein anwendet, wird offenkundig, dass das Um-sich-selbst-Sorgen gemäß
dem Ideal des Sokrates? alle Dimensionen der Existenz impliziert. In der gleichen Weise identifizierte Aristoreles die
Gesundheit oder Erlösung des Menschen mit der Realisation der Glückseligkeit7, da »die Glückseligkeit eine gewisse
Aktivität der Seele ist gemäß ihrer perfekten Exzellenz« (Aristoteles, 1, 13, 1l02a, S. 82, Anm. d. Übers.), die durch die
Tugend der Klugheit erreicht wird. Diese basiert auf der Erkenntnis und der Wahl des »richtigen Mittelmaßes«, ein
Prinzip, das die Aristotelische Ethik mit der Hippokratischen Medizin gemein hat. Die Tugend als Mittelmaß zwischen
den Lastern (Mangel oder Exzess) wird in der Praxis erworben. In der von Thomas von Aquin gegebenen Definition der
Person, die auch von Boetius wieder aufgenommen wurde, legt er fest, dass »diese Seele, dieses Fleisch und diese
Knochen zur Vernunft (razäo] dieses Menschen gehören« (Tomäs, 2001, I, Q. 29, Art. 2, S. 527). Im Hinblick auf den
therapeutischen Plan betont er die Wichtigkeit der Sorge für jedes Individuum nach dem individuellen Prinzip. Die
Bewahrung und Wiederherstellung der Gesundheit und schließlich die Heilung implizieren auch die Existenz eines
Agens, das heilt und das die Person beschützt beziehungsweise es setzt eine therapeutische Beziehung sowie einen
therapeutischen Ort voraus. Der Prediger vereinigt also in sich ein Spektrum von vielfältigen Kompetenzen, die auf die
Sorge und die Heilung ausgerichtet sind. Er handelt in einer vereinheitlichenden Weise und behält hier stets die Einheit
des subjektiven Trägers der Gesundheit und die Erfordernisse der Sorge im Auge, und zwar indem die Dimensionen
des Somatischen und des Seelischen, der physischen und der seelischen Gesundheit umfasst werden. Er hat es nicht
nur mit Seelen, sondern auch mit Körpern zu tun, die als in einem individuellen, sozialen und kosmischen Plan
eingebunden verstanden werden (Massimi, 2005). Dies erklärt die doppelte Funktion, die das exemplarische Modell der
heiligen luso-brasilianischen Rede besitzt, welche Pater Antönio Vieiraf dem Prediger zuschreibt. In seiner »Serrnäo da
Sexagesima«, die er im]ahre 1655 in der Königlichen Kapelle (»Capela Real« ) predigte, nachdem er von seiner
Mission in Säo Luls do Maranhäo zurückgekehrt war, definiert Vieira den Prediger einerseits als »einen Arzt der
Seelen« (»medico das almas «), denn die Wirkung der Predigt soll nicht dem Ergötzen der Zuhörer dienen, sondern
ihrer Heilung, »indem jedes WOrt des Predigers eine Ermutigung für das Herz des Zuhörers ist « (Vieira. 2001, S. 51).
In einer Predigt aus dem Jahre 1669, vorgetragen vor der Königlichen Kapelle in Lissabon am dritten Mittwoch der
Fastenzeit (» terceira quarta-feira da Quaresrna«}, stellt Vieira den Prediger andererseits als einen wahren Arzt der
Wunden des geistigen Körpers und auch des sozialen und politischen Körpers vor: »[Z]ur Verpflichtung dieses Stuhls
(das ist die Medizin der Seelen) soll er nur über die Krankheit disputieren und das Heilmittel verschreiben« (ebd., S.
101). In diesem Zusammenhang wird das Wort des Predigers als wirksames und für das Seelenheil – der durch eine
rationale Seele beseelten individuellen Körper - bestimmtes Pharmakon verstanden, wie auch für die durch den Geist
Gottes beseelte Gemeinschaft, die zugleich die kirchliche (den mystischen Leib) und die politische Gemeinschaft (die
Res-publica, den Leib des Königs und den Leib des Volkes) schafft. Diese therapeutische Verwendung des Wortes ist
das Ergebnis eines langen Prozesses des Experimentierens und der durch die Tradition festgelegten Form der Kunst
der in der Rhetorik kondensierten Rede. In der Neuzeit wurde die Ausübung der rhetorischen Kunst zu einem
Experimentierfeld für die Möglichkeiten des Wortes. Diese Entwicklung stellte auch eine Voraussetzung für ihren
Gebrauch innerhalb der Therapie dar. In diesem Kontext durchlaufen das Erlernen und die Ausübung der
kommunikativen, persuasiven und therapeutischen Funktionen des Wortes einen langen und sorgfältigen formativen
Prozess: Das Angebot der jesuitischen Rhetorikklassischen und mittelalterlichen Ursprungs fügt sich in das Bemühen
um eine Assimilation der humanistischen Kultur ein, verwirklicht in der scholastischen Philosophie des 16.Jahrhunderts.
Außerdem ist die Pädagogik des Wortes im Bereich der Gemeinschaft der Jesuiten in der Wertschätzung der
klassischen Wortkunst wie auch in den» Geistlichen Übungen« verankert, wo die Kraft des Wortes nicht nur in der
logischen Argumentation besteht, sondern auch in der Imagination, im Gedächtnis, in den Affekten, in den Sinnen und
im Körper. In Einklang mit dieser Tradition bildete sich die Verwendung des Wortes in der Predigt im kolonialen
Brasilien heraus, in einem fruchtbaren Feld des Experi mentierens mit der Macht des Verbums, sei es bezüglich des
beförderten Inhalts. sei es bezüglich der Form der Übertragung. Somit ist einer der relevanten Aspekte des
psychologischen Wissens in dci Neuzeit die Artikulation als Form der Selbsterkenntnis, funktional zur Kontrol le der
eigenen Handlungen, die sich in der Möglichkeit des Subjekts begründ 'l, seine innere Erfahrung zu repräsentieren:
Man setzt die Existenz einer tief gehen den Relation zwischen psychischen Phänomenen und Worten voraus. So betont
es der Prediger Mateus da Encarnacäo Pinna, der die Affekte und Leidenschal ten des menschlichen Herzens als
sprießenden Quellgrund der Worte auffasst,

Das experimentieren mit den therapeutischen möglichkeiten durch die Nutzung der Sprache im Kontexte der Mediz des
18. Und 19 Jahnhubderts...

Verbindung zwischen Seele und Körper und die daraus entstehende Korrelation zwischen beiden Funktionen: »[Ejs ist
unmöglich, einen Schnitt in einer Seele, die unabhängig von der Körperveränderungwäre«, zu tun (ebd., S. 12).
Seelische Störungen lassen sich nach Franeo »alle körperlich« (ebd., S. 22) begründen. In dieser Perspektive
übernimmt das Wort eine beschreibende Funktion der Symptome und der Verschreibung der Medikamente, mehr als
die Therapie von sich aus leisten kann. Die wissenschaftliche Medizin des 19. JahrhundertS entdeckte den Bereich
der» moralischen Therapie«, deren Zielsetzung die Behandlung der »Erkrankungen des Geistes« war (Massirni, 1990).
Sie nutzte hierbei sowohl pharmakologische Heilmittel als auch den Dialog und die sensible Nutzung des Wortes. Die
vorgelegten Thesen - die Voraussetzung für den Abschluss des medizinischen Studiums an den Fakultäten in Rio de
Janeiro und Salvador (ebd.) - deuten auf die sichtbaren Interessen einer Therapie hin, die auf die Anwendung des
Wortes hin ausgerichtet ist. Der Einfluss der deutschen Phrenologen Franz Joseph GaU (1758-1828) und Johann
Spurzheim (1776-1832) und der französischen Psychiater Philippe Pinel (1745-1832) und Jean Etienne Dominique
Esquirol (1772-1840) wird hier erkennbar. Besondere Bedeutung in der Ätiologie der »Erkrankungen des Geistes« ist
die Zuschreibung der affektiven Faktoren. Es handelt sich hierbei um ein häufig gewähltes Thema für verteidigte
»Thesen« (Abschlussarbeiten) an den Fakultäten in Bahia und in Rio de Janeiro. Die Verfasser dieser Arbeiten
erkennen, dass e - obwohl dieses Thema seit Langem Objekt der Erforschung in unterschiedlichen Disziplinen ist -
riesige Unterschiede zwischen den Konzepten einer traditionellen Sicht und einer Betrachtung der modernen
Wissenschaft gibt: »[W] ir als Ärzte verstehen die Leidenschaften nicht so, wie die Früheren sie verstanden haben [...]
hier folgen wir dem Verständnis von bekannten Ärzten und Philosephen « (]. L. Costa, 1848, S. 13). Sie beschreiben die
Dynamik der Emotionen im Gehirn, definieren sie als eine Irritation des Nervensystems und weisen auf analoge
Phänomene in der Tierwelt hin. La Cour betont, dass »dern erfahrenen Arzt die passende Regulierung d I' moralischen
Ebenen obliegt« (1863, S. 6). Nach Murtinho »kann nur der Einfluss eines direkten und klaren Verständnisses mit
Effizienz über einen unruhigen und irritierten Geist handeln« (1839, S. 38) und diesem so »eine Veränderung der
Empfindungen und Eindrücke « (ebd., S. 29) ermöglichen, die durch star ke Leidenschaften entstand. Der Arzt darf nie
»die Realität der Beschwerden verneinen, denn dies »wird nichts anderes hervorrufen, als die Verzweiflung d 'S
Leidenden noch mehr zu erregen und eine Antipathie [... ] und ein Misstrau '11 zu bewirken« (ebd., S. 36). Dem Arzt
wird eine Vorbereitung abverlangt, um der »Unruhe und den Schmerzen der Seele« zu begegnen (Camargo, 1845, S.
12). Die seelische Dynamik wird durch die tiefen Affekte determiniert. Aus diesem Grund soll der Arzt »in die Tiefe des
Herzens des Menschen sehen, um Erkenntnis zu gewinnen über die zahlreichen Leidenschaften, die ihn bewegen und
sich in ihm stauen, die Emotionen und diversen Impulse, die ihn bewegen und ausrichten, die Neigungen, die er mit
sich trägt, die unterschiedlichen Richtungen seines Willens und diejenigen, die sich von diesen lenken lassen und auf
alle Bedingungen des Lebens Einfluss nehmen « (Lapa, 1844, S. 136). Deshalb soll auf die» Therapie oder
Moralmedizin « rekurriert werden: »~rzt soll sich üben in der Kunst des Lesens auf dem Zifferblatt des geheimnissvollen
Herzens, in der Prüderie, in der Ehe oder suchen wo Verbrechen sich verstecken vor den wachen und versierten Augen
eines Physiognomikers« (Figueiredo, 1836). Im Laufe des 19.Jahrhunderts beobachtet man eine Veränderung im
Verstand- 111S der (Moral- )Behandlung. Zunächst verstand man darunter eine Therapie für Verha~tensstör.un~en mit
einer Vielzahl von physikalischen Behandlungsmöglichkeiten (beispielsweise die starke Stimulation der sensorischen
Organe, eine von Bontempo. der im Jahre 1815 als Dozent in Rio de Janeiro arbeitete, vorgeschlagene Methode) sowie
chemischen und pharmakologischen (der Begriff wird später verwendet, um therapeutische Methoden zu definieren, die
ausschließlich psychologischer Natur sind). Derselbe Bontempo betont, dass die Verfahren »glückliche Ergebnisse in
England und Frankreich« erbrachten (1815, S. 152). Der Arzt soll dennoch das Wort einsetzen, um den Kranken zu
befragen, und genau seine Antworten studieren. Nach einer gewissen Zeit »wird wieder über Themen gesprochen
werden, an die bereits erinnert wurde, mit der Intention zu sehen, ob die Antworten dieselben sind, ob diese sich
drehen, ob die Erinnerung beständig bleibt oder nicht; und letztendlich, um zu erkennen, ob es eine Ordnung oder
Verwirrung der Ideen gibt« (Ferreira Pacheco, 1834, S. 8). ~arüber hinaus soll der Arzt »den Habitus beobachten, die
Bewegungen studieren, den Ausdruck der Physiognomie; soll den Zustand des Pulses, den Herz- ~chlag, die
Atmungsbewegungen unrersuchen « (Araujo Ribeiro, 1842, S. 6). Die letzte Etappe der Diagnostik beinhaltet die
Nachforschung, das heißt die Rekonstruktion der Lebensgeschichte des Patienten anhand der Aussagen von
Verwandten, Freunden, Nachbarn und Bekannten. Camargo macht darauf aufmerksam, dass »alles, was den Geist der
Kranken verschlimmern kann, entfernt werden soll«. Dafür ist es notwendig, »das Vertrauen des Kranken zu gewinnen,
sich für seine Leiden zu interessieren und durch Ruhe seine Ängste zu verringern, das Gefühl einer sanften Freude
anstatt der Traurigkeit zu erwecken, die Hoffnung an statt der Verzweiflung« (Camargo, 1845, S. 43). »[Mjit seinen
subtilen Worten, mit seinem ruhigen Cesichtsausdruck « vermittelt der Arzt dem Patienten die Sicherheit, die er selbst
besitzt, und benutzt als Behandlungsmittel, um die Erkrankung zu heilen, »das genaue Wort, das gezeigte Talent bei
der Untersuchung und Gesprächsführung mit dem Kranken, die Genauigkeit, die er einsetzt, um die notwendigen
Aspekte zu ordnen, flößen Vertrauen in die Seele und in das Herz des Erkrankten [...] ein. Und gerade durch dieses
Verständnis wird der Arzt »die wahre Effizienz< seiner Behandlung gewahr« (La Cour, 1863, S. 15). Die Person des
Arztes ist in diesem Kontext vergleichbar mit der des Geistlichen: »[D]ie Bekundungen und der Umgang mit der
Autorität des Arztes und des Klerus [sind] von großem Wert, um schon in der Seele das Vertrauen hervorzurufen [...]
und so die Betroffenen zu beruhigen und zu errnuntern « (ebd., S. 9). Die folgende Aussage stammt ebenfalls von La
Cour: »[W]enn der Kranke sich der Traurigkeit und Verzweiflung hingibt, muss der Arzt in sich selbst die Wege zum
Trösten und zur Wiederherstellung der Hoffnung suchen. Immer wieder muss er die Last des Patienten mittragen und
die Wurzel seines Verdrusses - ohne Indiskretion - zu erfahren versuchen, durch das breite und offene Bekenntnis und
damit verbunden eine tiefe Freundschaft zeigen, die benutzt wird, um nützliche Ratschläge zu geben. Blickend auf die
moralischen Gründe, die den Kranken betreffen, ist es nicht unmöglich diese einzuschränken oder gar vollkommen zu
zerstören « (ebd., S. 9f.). Hierbei ist es wichtig, dass der Arzt »das vollkommene Vertrauen des Patienten für sich
einnimmt « (ebd.). So beispielsweise bei der Behandlung der Hipochrondrie. Leal schlägt vor, dass der Arzt »auf die
hervorgerufene gehobene Stimmung des Kranken zurückgreift, um ihn Schritt für Schritt zu einem angemessenen und
einem exakteren Bild seines Zustandes zu führen « (1848, S. 24). Macedo empfiehlt, dass der Arzt »alle Störungen und
alle Geheimnisse der Sensibilität seines Kranken lernt [... ] er soll das Stöhnen verstehen und vorhersagen, was dieses
ausdrücken will und aus welcher .Quelle es entspringr « (1844, S. 41). Einige Verfasser heben die Bedeutung der
Ubung dieser »Richtung der Seele« ab der ersten Lebensjahre hervor (Tavares de MeIlo, 1841). Nach Meinung des
baianischen philosophischen Arztes Eduardo Ferreira ~ran~a (1809-1857) steht die »moralische Behandlung« (»
terapia moral«) den Atzren zu, von denen auch die Vervollkommnung der menschlichen »Rasse « (»ra~a«) abhängt,
die ebenfalls als Philosophen agieren sollen (Franca, 1834). Gemäß Francs werden durch die Sprache »unsere
Gedanken durch Sizenale übermitteil', so wie die Signale die Gedanken interpretieren und anzeigen« (ebd., 1834,1973,
S. 467) und das WOrt macht so »die Duplizirär « des menschlichen Wesens offenkundig, indem die Signale dem
Körper (der Materie) zugehören und die Gedanken den Geist anzeigen. Wenn »natürlicherweise die verschiedenen
Zustände der Seele durch Signale des Körpers ausgedrückt werden und sich die Korrespondenz zwischen der Moral
und der Physis klar zeigr « (ebd., 1973 S. 463), dann dienen die Worte dazu, »um unsere Ideen zu fixieren «. und
fungieren zudem als »Stutze des Gedächtnisses« (ebd., S. 470). Dergestalt eröffneten sich auf dem fruchtbaren Terrain
der brasilianischen Medizin des 19.Jahrhunderts bedeutsame Wege zum therapeutischen Gebrauch des Wortes, die
von der Psychiatrie und Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts sowie der modernen Psychologie durchlaufen werden.
Bezüglich der Konzeption der Medizin, die den ganzen Menschen einschließlich der Kenntnis der mentalen Prozesse
umfasst, scheinen die Ärzte den Lektionen Pinels zu folgen, der das Prestige des Arztes in der Rolle »eines
Operateurs, gleichsam eines magisches Heilers, und die Figur des Wundertätigen hervorhebt« (Foucault, 1978, S.
499). Gleichzeitig forderte man vom Arzt die Kenntnis der inneren Welt seiner Patienten und suchte nach Mitteln, um
diese zu erhalten. Es ist somit evident, dass diese Suche sich auf einem für die Freud'sche Konzeption fruchtbaren
Boden abspielte, da sich gerade seine Theorie als wissenschaftlich begründeter und klinisch erprobter Ansatz anbot.
Außerdem müssen wir hervorheben, dass bereits einige Konzepte wie die der unbewussten psychischen Akrivirär? in
der brasilianischen Kultur des 19. Jahrhunderts vorhanden waren. Unter anderem weisenwir auf das Werk Machado de
Assis (1839-1908) hin. Peres und Massimi 2004 stellten auf grund einer Analyse verschiedener Erzählungen (»contos«)
Assis' Textpassagen heraus, in denen er »subjektive Zustände seiner Personen« beschreibt. So hebt er hervor, »dass
hinter verschiedenen bewussten Tendenzen verborgene unbewusste Zwecke existieren «. Tatsächlich stellt dieser
Schriftsteller »ständig Personen dar, die mit einem konflikrhaften, konfusen und für sie selbst wenig transparenten
Bewußtsein behaftet sind « (Peres &Massimi, 2004, S. 136) und an anderer Stelle bezieht er sich auf die »Konzeption
eines Unbewussten, das mit der musikalischen Inspiration « und der künstlerischen verbunden ist. Zusammenfassend
lässt sich festellen, dass »das Konzept des Unbewußten und der unbewußren Kräfte, die das Individuum bewegen, auf
brasilianischem Boden durch die Literatur verbreitet wurde, noch vor dem eigentlichen Erscheinen der Psychoanalyse«
(ebd.).

2. Die Anfänge der Psychoanalyse im ärztlichen Umfeld Brasiliens


Gilberto Santos da Rocha bestätigt, dass im 20. Jahrhundert »das psychoanalytische Wissen peux a peux in die
städtische brasilianische Mentalität Eingang fand« und »irn Szenario der Psychotherapie, Literatur, Erziehung und in
den Kursen der Gerichtsmedizin Wichtigkeit« erlangte (G.S.d. Rocha, 1989, S. 1). Seiner Ansicht nach ereignete sich
außerdem die Einführung der Psychoanalyse in den brasilianischen Kontext erst, nachdem die »brasilianische
Psychiatrie zur Schülerin der Erklärungen und Anwendungen der Kraepelinschen Theorie geworden war, die die
Ansicht vertrat, dass man alle Antworten für die psychischen Störungen im Organismus finde « (ebd.). Da sich dieses
Paradigma bezüglich der Prävention der seelischen Gesundheit der Bevölkerung als unzureichend erwies, die
Nachfrage aber immer größer wurde, wuchs das Interesse an den psychoanalytischen Theorien als mögliche
Alternativen. Innerhalb der Diskussion über die Einführung der Psychoanalyse in Brasilien differenziert Roberto Yutaka
Sagawa (2004) zwischen der Rolle der Vorläufer und der Rolle der Pioniere. Hier galten die Psychiater als Vorläufer,
die sich in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts für die Psychoanalyse als Ansatz der psychopathologischen Klinik
interessierten und vorschlugen, die Freud'sche Analyse autodidaktisch zu studieren (und manchmal auch zu
praktizieren). Diese Ärzte lasen die Freud'schen Werke in deutscher Sprache. Unter den Vorläufern ragten einige
Persönlichkeiten heraus: Der Erste von ihnen war Juliano Moreira, der als erster Universitätsprofessor an der
Medizinischen Fakultät die psychoanalytische Theorie zitierte und etablierte. Er wurde im Jahre 1891 an der
»Faculdade de Medicina da Bahia« ausgebildet und anschlie- ßend Lehrsmhlinhaber an dieser Institution. Aus dem
Jahre 1899 stnrnrnr . 'in . erste Vorlesung!", in der er die Freud'schen Theorien darstellte. Nach einer Reis' durch
Europa zog er nach Rio de Janeiro, wo er Inhaber eines Lehrstuhls an der »Faculdade de Medicina« und im Jahre
1903 Direktor des »Hospital Nacional de Alienados« wurde. Moreira trug ganz entscheidend zur Entwicklung der
brasilianischen Psychiatrie bei (P. R. M. Ribeiro, 1999; G. S. d. Rocha, 1989). Ein anderer wichtiger Name ist Genserico
de Souza Pinro. Er schrieb und verteidigte am 26.12.1914 die erste akademische Dissertation in Brasilien, die der
Psychoanalyse gewidmet war. Der Titel der 1914 veröffentlichten Arbeit lautet Da Psicoanalise (A sexualidade nas
nevroses). In diesem Text wird Freud als »Theoretiker, der bestrebt ist, definitiv die wissensschaftlichen Grundlagen der
Sexualität als ätiologisches Element der Neurosen festzulegen« (zit. Nach Mokrejs, 1993, S. 86), vorgestellt. Pinto
beruft sich auf eine lange medizinische Tradition, die bereits vor Freud existierte. Er beginnt mit Hippokrares, der seiner
Meinung nach bereits die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen betonte. In der Folge legt er Freuds
klinische und theoretische Lehre dar, die laut Pinto bedeutender ist als die des Meisters Charcot, denn er stellt fest,
dass die wirksamen Erreger der Neurosen nicht so sehr mit der Vererbung, sondern vielmehr mit dem Sexualinstinkt
zusammenhängen. Darüber hinaus definiert er eine therapeutische Methode, die »absolut originell ist und sich von allen
bisher verwendeten psychischen Methoden unterscheider « (Pinro, zit. nach Stubbe, 2011, S. 87). Tatsächlich handelt
es sich um »die einzige wirklich unfehlbare Methode, die eine völlige und definitive BeSeitigung dieser Symptome
erreichr« (ebd.). Im Schlussteil der Dissertation versucht Pinto die Effektivität der psychoanalytischen Interpretation an
einigen von ihm begleiteten klinischen Falldarstellungen zu demonstrieren. Verwunderlich ist, dass der Autor dem
Konzept des Unbewussten wenig Bedeutung zuspricht. Der Pernambukaner Antonio R. L. Ausrregesilo, seit 1909
Professor an der »Faculdade de Medicina do Rio de Janeiro« der Medizinischen Klinik, publizierte im Jahre 1919 ein
Buch mit dem Titel Psiconeuroses e sexualidade (Psychoneurosen und Sexualität), in dem er die psychoanalytischen
Vorstellungen diskutierte. In seinen späteren Veröffentlichungen entwickelte Austregesilo eine eigentümliche
Interpretationsweise der Freud'schen Theorien, indem er sie mit seinen eigenen durch eine biologistische Sicht des
menschlichen Seins geprägten Vorstellungen vermischte. Im Jahre 1922 hielt er auf dem »Congresso de Neurologis e
Psiquiatria « einen Vortrag mit dem Titel »Psicanalise nas dcencas nervosas e mentais « (»Psychoanalyse bei den
Nerven- und Geisteskrankheiten«). Hier definierte er die Psychoanalyse als »Mcthode mit welcher der Kliniker versucht,
in der Seele des Kranken die Affekte oder Wünsche herauszureißen, die ihn im alltäglichen Leben quälen und deren
affektive Zustände ihre Wurzeln in der Sexualität haben« (zit. nach Mokrejs,1993, S. 117).In diesem Kontext besteht die
Aufgabe des Klinikers darin, »in den psychosexuellen Komplexen oder Systemen die Hauptpunkte zu suchen, ihre
Existenz im Unbewußten zu erkennen und sie auszumerzen als wären sie Parasiten oder Neubildungen von Zellen in
irgendeinem Gewebe« (ebd.). Aus therapeutischer Sicht schlägt Ausrregesilo eine Methode vor, die sich sehr von der
analytischen unterscheidet: das »konzentrierte Geständnis« (»confissäo concentrada « ). Dabei handelt es sich um
Nachforschungen, die der Arzt über das Sexualleben des Patiencen anstellt. Der Patient nimmt in diesem Prozess eine
passive Rolle ein, während dem Arzt die Aufgabe der klinischen Interpretation der Erkrankung zukommt. Mokrejs
charakterisiert die Sichtweise Ausrregesilos als »psychotherapeurischen Synkretismus«, die sich durch eine
philosophische positivistische Position, wie sie in dem Buch Viagem interior (1934) (Innere Reise) beschrieben wird,
begründen lässt. Das Gute des menschlichen Lebens liegt hiernach in der biologischen, evolution ären Kraft, die die
Menschheit auf grund des Mechanismus der natürlichen Selektion zum Fortschritt führt. Medeiros e Albuquerque, Autor
des Buches Hipnotismo (1923) (Hypnotismus), fügte in der dritten Auflage ein Kapitel über die Psychoanalyse hinzu
und schlug eine Versöhnung zwischen der Psychoanalyse und der hypnotischen Methode vor. Sein Bruder Maurfcio de
Medeiros widmete sich tiefer gehend den psychotherapeutischen Studien: Er erwähnt Freud bereits in einer Konferenz
im Jahre 1919 (Mokrejs, 1993 ).lm Laufe seiner Tätigkeit entwickelte Medeiros eine eigene durch Eklektizismus
gekennzeichnete psychotherapeutische Richtung, die auch von der Psychoanalyse beeinflusst wurde, sich aber in
vielen Punkten von dem Freud'schen Ansatz unterscheidet. Ein anderer wichtiger Autor im Hinblick auf die Aneignung
der Psychoanalyse in Rio de Janeiro ist Henrique de Brito Belford Roxo, Dozent für Psychiatrie an der »Faculdade
Nacional deMedicina«, der seine erste von der Psychoanalyse inspirierte Arbeit »Sexualidade e demencia precoce«
(1919) (»Sexualität und Dementia praecox«) auf dem »Segundo Congresso Brasileiro de Neurologia, Psiquiatria e
Medicina Legal« (2. Brasilianischen Kongress für Neurologi " Psychiatrie und Gerichtsmedizin) vorstellte. In seinem
Text bringt er sein Vertrauen zum Ausdruck, dass mithilfe der analytischen Methode eine Diagnostik dieser Krankheit
möglich sei. Er betont zudem die Wichtigkeit der Verwendun ' der Traumdeutung, der Technik der freien Assoziationen
und die Beobachtung der Gesten und Reaktionen des Patienten. In seinem lvfanual de Psychiatria (1921) (Handbuch
der Psychiatrie) definiert Roxo die Psychoanalyse als »Unterscchungsrnerhode, die darauf ausgerichtet ist, den
Gegenstand des abartigen (aiheio) Denkens aufzudecken «, indem man »die affektiven Strebungen (rendencias) und
i~re Wirkungen analysiert, in denen sich fast immer eine Abweichung des Sexualinsrinkres auffinden läßt« (zir, nach
Mokrejs, 1993, S. 106). Seiner Ansicht nach ist das sexuelle Begehren zwar bewusst, aber bleibt dem Patienten
dennoch aufgrund moralischer Befürchtungen verborgen. Aus diesem Grund muss der Arzt wie ein Beichtvater und
Berater handeln, um die Offenheit des Patiencen zu befördern. Erneut handelt es sich um eine partielle Akzeptanz der
Psychoanalyse, zentrierr auf die »Dokrrin des Pansexualismus«. Und wiederum ist das Weltbild und die
Wissenschaftsauffassung dieser Akzeptanz der Positivismus. Nach Roxo soll die psychiatrische Wissenschaft keine
Konzepte verwenden, die sich auf die Seele beziehen, da sie mit der Metaphysik verbunden seien. Wissenschaftlichkeit
muss seiner Ansicht nach in den Bahnen der Anatomie und Physiologie gedacht werden, den Fundamenten der
Medizin. In Säo Paulo hielt Francisco Franeo da Rocha, der Lehrstuhlinhaber für Neuropsychiatrie, im Jahre 1919 eine
Einführungsvorlesung, welche die Theorie Freuds zum Thema hatte. Diese Vorlesung wurde in Form eines
Zeitungsartikels im Estado de Sdo Paulo unter dem Titel »Do delirio em gerai« (Über das Delirium Allgmeinen)
veröffentlicht. Im Jahre 1920 publizierte F. F.d. Rocha A doutrina pansexualista de Freud (Die pansexualitische Lehre
von Freud), ein Werk, ~as ~roße wissenschaftliche Verbreitung fand. In diesem brachte er seine eigenrumliehe
organiziscische Sicht der Freud'schen Konzeption der Sexualität, den sogenannten Pansexualismus, zur Darstellung.
Auf Anregung von Durval Marcondes korrigierte er bereits in der zweiten Auflage, die im Jahre 1930 erschien, dieses
Verständnis der Psychoanalyse als Pansexualismus. Allgemein gesprochen eigneten sich die Vorläufer das Werk
Freuds in einer eigemümlichen Weise an, bestimmt von ihrer eigenen Sicht der Welt und der Wisse,nschaft. Es handelt
sich sozusagen im Allgemeinen um eine Assimilierung Freud scher Ideen 1Ileine synkretistische Form. Hinzu kommen
persönliche Erfahrungen bezüglich der psychotherapeutischen Methoden sowie die therapeutische Tradition der
Medizin des 19. Jahrhunderts und die positivistischen Konzepte, die Im damaligen Brasilien stark verbreitet waren. G.
S. d. Rocha spricht von einem »Eklektizismus der Techniken« (1989, S. 37) als Charakteristik der Aneignung der
Psychoanalyse in Brasilien in den ersten Jahrzehmen des 20. Jahrhunderts. Mokrejs bemerkt dazu, dass der
Eklektizismus der brasilianischen Psychiater in einer kritischen Position bestand und dass in dieser Atmosphäre »die
Psychoanalyse, obwohl sie nicht in ihrer Ganzheit akzeptiert wurde, dennoch Unruhe bzgl. der Relevanz hinsichtlich der
Zukunft der Psychiatrie erweckte« (Mokrejs, 1993, S. 104). Sie kennzeichnet diese Periode als eine vom Eklektizismus
geprägte, allerdings sei es nicht möglich, von »einem brasilianischen psychoanalytischen Denken« (ebd., S. 15) zu
sprechen. In dieser eklektischen Diffusion der psychoanalytischen Ideen überwog ihrer Ansicht nach »ein
therapeutisches und moralisches Pathos« (ebd.), ein Faktum, das im Hinblick auf die vorliegende Tradition in diesem
Bereich während des 18. und 19. Jahrhunderts verstanden werden kann, worauf wir uns oben bereits bezogen haben
und das möglicherweise auch die Aneignung der Freud'schen Ideen kennzeichnet. Sagawa (2004) hebt hervor, dass es
unter den Pionieren bei den Ärzten in Rio deJaneiro und Säo Paulo bezüglich der Aneignungen und Anwendungen der
Psychoanalyse Unterschiede gab. Im Falle Rio de Janeiros versuchten die Ärzte, die Psychoanalyse bei ihren im
psychiatrischen Krankenhaus internierten Patienten anzuwenden. Außerdem wurde die Diffusion der Freud'schen Ideen
durch die Tatsache erleichtert, dass in dieser Stadt bereits eine konsolidierte Medizinische Fakultät existierte, während
in Säo Paulo in der damaligen Zeit eine analoge Institution erst geschaffen wurde. Als F.F. d. Rocha die Psychoanalyse
später in das Curriculum der Mediziner aufnahm, wurde auch in Säo Paulo unter den jungen Ärzten ein großes
Interesse für die Freud'sche Theorie und Praxis geweckt. Auf diese Weise wurde der junge Arzt Marcondes, der sich
nicht nur auf die Rolle eines Verbreiters der psychoanalytischen Theorie beschränkte, sondern sich auch für die
psychoanalytische Klinik interessierte, zu einem Pionier. Tatsächlich hatte Marcondes das Ziel, die Psychoanalyse
klinisch als ein' therapeutische Methode zur psychologischen Untersuchung zu etablieren. widmete sich aus diesem
Grund vollständig der Ausübung der klinischen Psychoanalyse in seiner Privatpraxis. Seit er im Jahre 1919 den oben
genannten Artik ·1 F.F. d. Rochas in der Zeitung 0Estado de Sao Paulo gelesen hatte - zu dieser Z 'il befand er sich
noch im ersten Ausbildungsjahr an der Medizinischen Fakultät «, begeisterte er sich für dieses Arbeitsgebiet. Nach
Abschluss seiner medizinisch 'JI Ausbildung entschloss er sich im Jahre 1925 dazu, Psychoanalytiker werden. 111
seiner Praxis wandte er die psychoanalytische Technik als Therapieform an. 1111 Jahre 1926 bewarb sich Marcondes
ohne Erfolg um eine Stelle als Dozent i'rl Literatur am Staatlichen Gymnasium mit der These 0simbolismo estetico na
li//' ratura. Ensaio de uma orientacdo para a critica literdria, baseada nos conhecimentus ornecidos pela Psicandlise
(Der ästhetische Symbolismus in der Literatur. Ein Es.II/)1 zur Orientierungfor die literarische Kritik, begründet auf den
Erkenntnissen tlrl Psychoanalyse}. Er schickte ein Exemplar seiner Arbeit an Freud und erhielt '/seiner Überraschung
am 18. November 1926 eine Antwort. Freud bedankte sich für die Bemühungen des Autors, »sich deErkenntnisse der
Psychoanalyse fürdie belletristische Literatur bedient und allgemein das Interesse seiner Landsleur für unsere junge
Wissenschaft geweckt zu haben«. Er versprach ihm auch, dass »er seine kontinuierliche Verbindung mit dem Thema
für reichhaltig und lohnenswert in ihren Enthüllungen halte« (Marcondes, 1979, S. 85). ImJahre 1931 übersetzte
Marcondes zusammen mit jose Barbosa Correia Fünf Lektionen über Psychoanarysell von Freud aus dem Deutschen
(G.S.d. Rocha, 1989). Marcondes war wie die meisten Pioniere Mitglied einer Gruppe von Medizinern und anderer
Berufsgruppen, die sich für die Psychoanalyse als wissenschaftliche Theorie interessierten und sich auch für den
Prozess der psychoanalytischen Ausbildung engagierten. Ihr Ziel war es, den Freud'schen Ansatz in einer rigorosen
Weise zu erlernen und sich in ihrem Beruf ganz der Psychoanalyse zu widmen. Dergestalt waren sie die ersten
Psychoanalyriker.ldle gemäß der Freud'schen Methode ausgebildet und die Gründer der ersten psychoanalytischen
Gesellschaften in Brasilien wurden. Die erste Gesellschaft wurde im Jahre 1927 unter der Präsidentschaft von F. F. d.
Rocha gegründet. Ihre Aufgabe bestand vor allem in der Verbreitung der Freud'schen Theorie im Rahmen von
wissenschaftlichen Events und mittels der Kommunikationsmedien. Es gab in Säo Paulo und in Rio de Janeiro unter
der Leitung von juliano Moreira zwei Sitze. Mit der Gründung wurde auch die erste Ausgabe der Revista Brasileira de
Psychanaryse publiziere, von der ein Exemplar an Freud geschickt wurde. Dieser beglückwünschte Marcondes in
seinem Antwortschreiben vom 27. Juni 1928 zu dieser Initiative und teilte ihm mit: »die Wirkung dieser Sendung [sei]
gewesen [... ], dass ich mir eine kleine portugiesische Grammatik und ein portugiesisch-deutsches Lexikon gekauft
habe. Ich will sehen, ob ich damit die Revista während der Ferien selbst lesen kann« (zir, nach Sagawa, 2004, S. 42).
Außer Mareendes standen noch andere mit Freud in Briefkonrakr, wie zum BeispielJulio Porto-Carrero oder Gastäo
Pereira da Silva.

3. Aneignungen der Psychoanalysein der brasilianischen Kultur


Ein wichtiges Dokument der Aneignung der Freud'schen Theorie durch die modernistische Bewegung (»movimemo
modernista«) ist das »Manifesto Antropofigico« (»Anthropophagisches Manifest «) von Oswald de Andrade (1890-
1954), das im Umfeld der »Semana de Arte Moderna« (\'V'oche der Modernen Kunst) in Säo Paulo im Jahre 1922
deklariert wurde. Dieses modernistische Manifest stellte eine kulturelle Provokation dar, da es im brasilianischen Raum
eine neue Form des Denkens und der kulturellen Konzeption etablierte. In seinem Verständnis sui generis des
Freud'schen Werkes Totem und Tabu (l912-13a) suchte O.d. Andrade die Rückkehr zu einer Urzeit, in der der Mensch
noch nicht den sozialen Gesetzen unterworfen war. Zum primitiven Menschen, zum Totem und seiner uralten
Vergangenheit zurückzukehren, käme einer Anthropophagie gleich, die als »Gegengift für die Pest der gebildeten
Völker « (Helena, 1995, S. 175) aufgefasst wurde. Tatsächlich interpretierte O.d. Andrade, wie Nunes (1979 und Reale
(1994) hervorheben, die Anthropophagieals Weg hin zum politischen und sozialen Ideengut des Geistes der
künstlerischen und literarischen Revolution des Modernismus. Nach O.d. Aridrade ermöglicht das Konzept der
Anthropophagie ein adäquates Bild, um den Prozess der kulturellen Assimilierung, die in der Bildung der brasilianischen
Identität stattfand, zum Ausdruck zu bringen. Dieser Prozess - der weit davon entfernt war, ein passiver zu sein - stellt
eine kritische Position gegenüber dem kulturellen Erbe dar, das auf einer Operation des Verhandelns zwischen den
Kulturen basiert, und hier wird »als rituelle Erneuerung, das Verschlingen der primitiven Kulturen « erlaubt um »sie zu
absorbieren und in der Begegnung mit dem eigenen Ursprung zu transformieren« (Murra, 2007, S. 19). Es muss
hervorgehoben werden, dass die modernistische Bewegung, zu der O. d. Andrade gehörte, von den europäischen
Avantgarden (Futurismus, Dadadaismus und Expressionismus) tief gehend beeinflusst wurde und in diesem Sinne
können wir sie nicht gänzlich als ein ursprüngliches Produkt des brasilianischen Wesens betrachten: »[D 1ie modcr
nistische brasilianische Bewegung hatte verschiedene Zweige, aber alle besaßen als Hauptthema die Infragestellung
der überlieferten Kultur « (ebd.). Nach Sagawa »lieferte die Freud'sche Psychoanalyse den modernistischen
Schriftstellern eine neue Sichtweise bzw. Konzeption, vor allem der persön 11 chen psychologischen Konflikte und des
schöpferischen literarischen Prozesses. (1985, S. 23). Dergestalt kann »man das neue von der Psychoanalyse inspirire
Vokabular in üppiger Form in den literarischen Manifestationen der ersten Etappe des brasilianischen Modernismus
finden« (ebd.). Sagawa zitiert als ß~'spiel das »äußerst interessante Vorwort« von Mario de Andrade, in dem VOllder
Tradition anerkannte Begriffe wie» Inspiration « durch Begriffe wie» Un hlwusstes«, Unterbewusstsein « , »Sublimation«
und» Instinkt « ersetzt wurden Interpretationen psychoanalytischen Inhalts im anthropologischen und ethnologischen
Bereich finden sich in den Werken des baianischen Arztes Arthur Ramos (1903-1949), wie zum Beispiel in seiner
Doktorarbeit über Primitivo e loucura (das Primitive und die Verrücktheit) aus dem Jahre 1926 und seiner
Habilirationsschrift Sordicie nos alienados. Ensaio de uma pSicopatologia da imundície (Schmutz bei den
>Geisteskranken<. Essay über eine Psychopathologie der Unsauberkezt) zur Erlangung der Privatdozentur (»Livre
docente-s ) an der Medizinischen Fakultät von Bahia aus dem Jahr 1928. In diesen Arbeiten empfahl er eine
psychoanalytische Lesart hinsichtlich des Phänomens der Inkontinenz bei »Geisteskranken«, und zwar im Sinne einer
Fixierung der Libido auf die infantile Phase. Ramos gab auch psychoanalytisch orientierte Interpretationen der
brasilianischen Literatur, wie im Falle der Gedichte von Augusto dos Anjos (1926). Im Jahre 1931 publizierte Ramos »A
angustia: ensaio clinico e psicoanalitico« (»Die Angsr. ein klinischer und psychoanalytischer Essay«), das er 1937 als
Teil des Buches Loucura e crime (Geisteskrankheit und Verbrechen) wieder veröffentlic~ te: Darin interpretiert er die
Angst als Resultat einer Gleichgewichtsstörung ZWischen Eros und Thanatos, Todestrieb und Lusttrieb (» pulsöes de
morre e pulsöes de prazer«). Er bezieht sich dabei auf die Freud'sche Analyse, indem er von einer Möglichkeit spricht,
die Aggressivirär zu kanalisieren. In seiner Schrift Psiquiatria e psicandlise (Psychiatrie und Psychoanalyse) behandelt
Rarnos seine klinische Erfahrung unter dem Blickwinkel der Psychoanalyse und bemüht sich um eine Humanisierung
der psychiatrischen Behandlung. Der Sozialpsychologle 12 Widmete Ramos sein Werk Introduaio d psicologia social
(Einfohrung in die Sozzalpsychologie) (1936), das im Rahmen eines Kurses entstand, den er an der Universität von Rio
de Janeiro gegeben hatte und in dem er Konzepte von Freud wie auch von Adler und Jung besprochen hatte. In seiner
Schrift 0 negro brasiieiro. Etnografia religios« e psicandlise (Der brasilianische >Neger<. Religiöse Ethnografie und
Psychoanalyse) (1934) bietet Ramos eine psychoanalytische Lesart der religiösen afrikanischen Traditionen an. Er geht
dabei von der Voraus- ~ctzung aus, dass diese Herangehensweise »ein neues Licht auf das Verständnis der primitiven
Seele werfen wird« (Rarnos, 1988[1934], S. 208). Ausgehend von der bestätigten Existenz eines» volkstümlichen
brasilianischen Unbewusstcn « (»inconsciente folklorico brasileiro«)13 interpretiert Ramos im Lichte der Theorien
Freuds und Jungs »gewisse Manifestationen des Lebens und mentale Gewohnheiten des Primitiven: den Totemismus,
das Tabu, den Animismus und die Magie« (ebd., S. 209). Bei der Betrachtung der kulturellen Manifestationen der Tupi-
Guarani, der Bantu und der Yoruba verwendet Ramos von der Psychoanalyse abgeleitete Parameter: Er hebt zum
Beispiel hervor, dass die Bantu einen entwickelte ren Charakter besitzen würden als die Tupi-Guarani, da »sie in
früheren Entwicklungsphasen fixiert geblieben seien« (ebd., S. 214). Ramos interpretiert die Tänze des Candornble und
die brasilianischen Macumbas als »Formen der Erotisierungdes Körpers « (»erotiza<;ao do corpo «) (ebd., S. 288). In
seinem Bemühen die »Kollektiv-Psyche des Brasilianers« (»psique coletiva do brasileiro « ) psychoanalytisch zu
verstehen, stellt er fest, dass» Brasilien vom Fetischismus durchtränkt lebt« (ebd., S. 296)14, und zwar in der Art, dass
»nur die langsame Arbeit der wahren Kultur - einer Kultur, die die magische Illusion unseres emotionalen Lebens
zerstört - den Aufstieg zu fortgeschritteneren Etappen mit einer Substitution der prälogischen Elemente in rationale
Elemente [gestatten werde]« (ebd., S. 296). Ramos publizierte auch Educacdo ePsicandlise (Erziehung und
Psychoanalyse) (1934), in dem Buch schlägt er eine Pädagogik auf psychoanalytischer Basis v r und entwickelt »eine
sehr gut begründete Darstellung der Freud'schen Theori .und der Individualpsychologie Alfred Adlers« (Abräo, 2002, S.
100). 1939 erschien A crianca problema. A higiene mental na escolaprimaria (Das Problemkind, Die psychische
Hygiene in der Primarscbulel.i> Nach Abräo besteht der Beitrag von Ramos in diesem Bereich tatsächlich» in seinem
Verdienst vom rhetorischen Feld zur Praxis übergegangen zu sein und eine Modalität für die Behandlung (arendimento)
des Kindes, begründet auf psychoanalytischen Prinzipien, eingc führt zu haben« (Abräo, 2002, S. 99). Die Arbeit von
Ramos führte uns so in eint, andere Art der Aneignung der Psychoanalyse innerhalb der brasilianischen Kul tur ein: die
Anwendung der Ideen und Methoden Freuds auf die Erziehung, .in geistiges Universum, das tief gehend geprägt ist von
der Suche nach wissenschuf liehen Methoden, die dieses Gebiet verbessern und es gemäß der Konstitution der
brasilianischen Nation funktional gestalten können. Deutlich wird dies S' I Ende des 19. Jahrhunderrs in der Bewegung
der »Neuen Schule« (»movillll'lI to escola nova «) und im Interesse für die funktionalistische nordamerikanische
Psychologie. Die von Freud vorgeschlagene Psychoanalyse mit ihrer stark wissenschaftlichen Prägung erschien in
diesem Kontext wie eine weitere Möglichkeit, die ausgelotet werden sollte. Die ersten Texte über die Psychoanalyse
und die Erziehung in Brasilien haben die kindliche Sexualirär!" und die Wichtigkeit der unbewussten Faktoren als ihren
Ausgangspunkt - Konzepte, die die Sicht der traditionellen Pädagogik infrage stellen und die auf dem Willen und der
bewussten Motivation als Motor des Bildungsprozesses basieren. Zum ersten Mal diskutierte Deodate de Moraes 1927
psychoanalytische Ideen in seinem Buch A Psicandlise na educacdo (Die Psychoanalyse in der Erziehung), das in Rio
de Janeiro publiziert wurde und sich an Primarlehrer richtete, um »diese mit der neuen Form des Verständnisses der
menschlichen Psyche bekannt zu machen« (Abräo, 2002 S. 90). Moraes, ein Schulinspektor im Bundesdistrikt und Ex-
Lehrer der »Escola Normal« in Säo Paulo, hebt in seinem Text die Rolle der unbewussten Prozesse in der kognitiven
Dynamik hervor und betont die Grenzen des logischen und bewussten Denkens. Er weist zudem auf die Notwendigkeit
der Sexualerziehun<Y seit der frühen Kindheirdle in den Schulen unterrichtet werden sollte, sowie die Wichtigkeit der
Sublimierung bezüglich des edukativen Prozesses hin. Moraes versucht auch Missverständnisse auszuräumen, die
durch ein falsches Verständnis der Freud'schen Terminologie entstanden sind. Ein weiterer von Freud'schen Ideen
geprägter Text stammt von Renato jardirn, »Psicanalise e educacäo « (»Psychoanalyse und Erziehung«), in dem die
Psychoanalyse durch eine kuriose Mischung aus funktionalistischer und behavioristischer Sicht als eine theoretische
Erklärung des Verhaltens verstanden wird und sich an dem Konzept orientiert, nach dem das Ziel der Erziehung in der
Anpassung des Individuums an die Umwelt besteht. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag des
baianischen Kinderarztes Hosannah de Oliveira, der einige der Psychoanalyse gewidmete Artikel in den Jahren 1932
(»0 cornplexo de Edipo ern pediatria«; Der Ödipus-Komplex in der Pädiatrie) und 1933 (»Higiene mental dos
lactentes«; Psychische Hygiene der Stillenden) publizierte. In seinen Texten hebt H. d. Oliveira den Beitrag der
Psychoanalyse für die Pädiatrie hervor, da das Augenmerk des Arztes nicht länger allein auf den physischen Zustand
des Kindes gerichtet ist, sondern in Erweiterung auch »auf die Begleitung und Orientierung der seelischen Emwicklung
seiner kleinen Patienten« (1933, zir, nach Abräo, 2002, S. 105). Mit der Gründung der »Liga de Higiene Mental « (Liga
für seelische Hygiene) durch Gustav Riedel in den Jahren 1922-23 in Rio de Janeiro wird die Psychoanalyse in Hinblick
auf ihre Funktion der Prophylaxe betrachtet, bei der Suche nach einer Verbesserung der individuellen und kollektiven
Gesundheit der Brasilianer, im Rahmen einer eugenischen damals herrschenden Sicht. Im Umfeld der Liga spielt außer
des Einflusses von Roxo Julio Pires Porto-Carrero eine besondere Rolle. In seiner von der Eugenik geprägten
Herangehensweise hebt er die Bedeutung der sexuellen Aufklärung bei der Prävention von »emotionalen Traumen« (»
traumas ernotivos «] hervor, denn sie bilden eine Basis für »zukünftige sexuelle Perversionen und Neurosen«, die das
Ergebnis des Prozesses der rassischen Vermischung (»miscigenac;:äo racial «] sind (»Profilaxia dos males da emocäo
« [»Prophylaxe der Emorionssrörungen «], 1934; zit. nach Mokrejs, 1993, S. 148). Porto-Carrero verwendet die
Psychoanalyse als Werkzeug, um das vorherrschende Erziehungsmodell kritisch zu hinterfragen. So schreibt er zum
Beispiel: »[I]hr werdet sehen, wie die Psychoanalyse euch die Augen öffnen wird, um die Erlesenheit und Mängel eurer
Pädagogik zu verstehen « (1928; zit. nach Abräo, 2002, S. 93). Er fasst die Psychoanalyse »als Instrument im Dienste
der Eugenik« (ebd., S. 94) auf, ganz im Sinne der allgemeinen Tendenz der brasilianischen Psychiatrie der damaligen
Epoche (JF. Costa, 1989). Noch einmal zeigt sich hier deutlich der Eklektizismus, der den Prozess der Aneignungder
psychoanalytischen Ideen durch die brasilianischen Ärzte und Intellektuellen in den ersten Dekaden des 20.
Jahrhunderts kennzeichnet, sowie die positivistischen und evolutionistischen Annahmen, die sich auf den
verschiedenen Stufen zu diesen Aneignungen herausbilden. Der Freud'sche Ansatz wird im Bereich eines kulturellen
Modernisierungsprojektes des »Brasilianers« verwendet, das den Gebrauch wissenschaftlicher, effizienter, technischer
und im großen Rahmen verwertbarer Instrumente nötig macht. Die Situation wird sich erst dann ändern, wenn sich im
Land eine psychoanalytische Schule bildet, die eine spezielle Ausbildung auf diesem Gebiet ermöglicht.

5. Die psychoanalytischeAusbildung der Brasilianer Eine entscheidende Veränderung ereignete sich 1930, als in
Brasilien ein Sys tern der psychoanalytischen Ausbildung geschaffen wurde. In den 1920er Jahr ·n schufMax Eitingon
(1881-1943) im Berliner Psychoanalytischen Institut (BI I) ein System der psychoanalytischen Ausbildung, das von der
»Internarional Psy choanalytic Association« (I PA) I? anerkannt wurde. Dieses System bestand nach Freuds Vorschlag
aus einer Lehranalyse, einer Supervision zweier klinischer Fälle sowie aus theoretischen und technischen Seminaren.
Diese Initiative definierte und regelte die Kriterien der Ausbildung der neuen Gesellschaft für Psychoanalyse und der
neuen Psychoanalytiker. So entstand das Institut für Psychoanalyse. Ab diesem Zei tpunkt unternahm Marcondes
verschiedene Versuche, um einen durch das Institut ausgebildeten Psychoanalytiker nach Brasilien zu holen. Dieser
sollte die Ausbildung der brasilianischen Psychoanalytiker in die Hände nehmen. Im Jahre 1936 gelang es Marcondes
schließlich durch die Hilfe von Ernest Jones mit Adelheid Koch 18 in Kontakt zu treten, die im September 1936 nach
Brasilien kam. Sie war von Otto Feniche!, einem Psychoanalytiker des Berliner Instituts, analysiert worden und ihre
ersten Schüler waren Flavio Dias, Darcy de Mendonca Uchoa, Virginia L. Bicudo und Durval Marcondes. Der
Anfangsgruppe schlossen sich in den 1940er Jahren Lygia Arnaral, Isaias Melsohn und Frank J Philips an. Die Gruppe
wurde 1944 offiziell durch die IPA als »Grupo Psicanalfrico de Säo Paulo« (Psychoanalytische Gruppe von Säo Paulo)
anerkannt. In den 1940er Jahren kamen noch zwei weitere europäische Psychoanalytiker nach Brasilien, Niels Hack
und Theon Spanudis (1915-1986)19, von denen nur Letzterer in Brasilien blieb. 1951 gelang auf dem Internationalen
Kongress in Amsrerdarn schließlich die definitive Anerkennung der Psychoanalytischen Gruppe als Niederlassung der
IPA: So wurde die »Sociedade Brasileira de Psicanalise de Säo Paulo« geboren. Ab den 1950er Jahren wuchs die
Nachfrage nach einer psychoanalytischen Ausbildung in Brasilien beträchtlich, sodass auch in anderen Städten die
Suche nach einer autochthonen psychoanalytischen Ausbildung begann. In Rio de Janeiro wurden mit der Ankunft von
Mark Burke (1900-1975) und Werner Kemper (1899-1976)20 im Jahre 1948 die ersten Lehranalysen durchgeführt.
Diese Anfänge wurden jedoch durch einen Streit zwischen den beiden Fachleuten gestört, der zur Spaltung der beiden
Psychoanalytikergruppen führte. In der Folgezeit machten deshalb einige »Cariocas« (Bewohner Rio de Janeiros) ihre
Analysen in Argentinien. 1954 kam Decio Soares de Souza nach Rio de Janeiro. Der Inhaber eines Lehrstuhls für
Psychiatrie in POrto Alegre war ein in der Psychoanalytischen Gesellschaft Englands ausgebildeter Analytiker und
Mitglied dieser Gesellschaft. (»Kleinianer«) in Rio deJaneiro eingeführt. In den 1930er Jahren hörte der Medizinstudent
Cyro Martins in Porto Alegre einen Vortrag über Psychoanalyse von Martins Gomes, einem Professors der
Medizinischen Fakultät. Aufgrund seines Interesses für die psychoanalytische Ausbildung initiierte er nach dem
medizinischen Examen im Jahre 1933 zusammen mit zwei anderen Kollegen (Mario Martins und Mello Silva) einen
psychoanalytischen Ausbildungsgang sowie die Gründung der »Sociedade de Psicanalise de Porto Alegre«. M. Martins
und seine Ehefrau Zaira absolvierten ihre Ausbildung in Buenos Aires, wo sie von 1944 bis 1947 blieben. 1951 ging
Cyro Martins ebenfalls nach Buenos Aires, um dort seine psychoanalytische Ausbildung zu machen, und kehrte im
Jahre 1955 nach Porto Alegre zurück mit einem Mitgliedstitel der Psychoanalytischen Gesellschaft Argentiniens
(»Asociaci6n Psicoanalirica Argentina «, APA). In diesem Sinn ist die Geschichte der Psychoanalytikergruppe inRio
Grande do Sul aufgrund ihrer Nähe zu Argentinien, wo sich die Psychoanalyse sehr schnell ausgebreitet hatte,
gekennzeichnet. Eine der wichtigen Initiativen, um diese Entwicklung zu konsolidieren, war der Besuch des
bedeutenden argentinischenPsychoanalytikers Pichon-Riviere (1907-1977) im Jahre 1953. Er war der erste
ausländische Psychoanalytiker, der diese Stadt besuchte. 1957 wurde das »Centro de Estudos Psicanaliticos de Porto
Alegre« mit dem Ziel gegründet von der IPA als Studiengruppe anerkannt zu werden. Das geschah schließlich
tatsächlich im August des Jahres 1961, nämlich unter dem Patronat der »Sociedade Psicanalitica do Rio de Janeiro«
auf dem 22. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Edinburg. Auf dem 23. Internationalen
Psychoanalytischen Kongress 1963 in Stockholm wurde die Gruppe als eine an die IPA angeschlossene Gesellschaft
anerkannt: die »Sociedade Psicanalitica de Porto Alegre«. Die ersten von Adelheld Koch ausgebildeten
Psychoanalytiker betätigten sich in verschiedenen Bereichen. Eine herausragende Rolle bezüglich der Verbreitung der
Psychoanalyse in der brasilianischen Gesellschaft spielte Virginia Bicudo, v r allem durch ihre Teilnahme an einem
Radioprogramm, durch Vorträge im Au ditorium der Zeitung Folha da Manhd und durch wöchentliche Artikel in eben
dieser Zeitung (in der Rubrik »Nosso Mundo Menta]« ) (Sagawa, 2004). So festigte sich in den 1950er Jahren die
Psychoanalyse hauptsächlich 1111 ter den Ärzten entsprechend der Ausbildung ihrer Adepten in der klinisch ·11
Freud'schen Methode. Weitere wichtige Faktoren, die zu einer Konsolidierung der Psychoanalyse im Lande führten,
waren die Gründung von Niederlassung ·11 der IPA und die berufliche Reglementierung der klinischen Praxis auf
nationaler

6. Die Institutionalisierung der Psychoanalyse in Brasilien Der Prozess der Konsolidierung der Psychoanalyse
erhielt einen starken Auftrieb durch die Gründung von psychoanalytischen Institutionen. Am 6. Mai 1967 wurde die
»Associacäo Brasileira de Psicanälise « gebildet, die sich mit den vorherigen Gesellschaften »Sociedade Psicanaliticas
de Säo Paulo, do Rio deJaneiro e de Porto Alegre« zusammenschloss. Seit dem Jahre 1967 wurden im Abstand von
zwei Jahren ein Brasilianischer Psychoanalytischer Kongress sowie ein Vor-Kongress abgehalten, die als
Diskussionsforum bezüglich der psychoanalytischen Ausbildung dienten. Nach 40-jähriger Unterbrechung erschien ab
1967 auch wieder die Revista Brasileira de Psicandlise, die 1927 erstmalig publiziert worden war. Die Fachzeitschrift
war dazu bestimmt, die nationale Produktion der Psychoanalyse zu verbreiten. Die »Associacäo Brasileira de
Psicanalise« unterhielt auch Verbindungen zu anderen Psychoanalytikern in Lateinamerika, und zwar über ihre
Teilnahme an der FEPAL (»Federacrao Psicanalitica da Arnerica Latina «), dem Assoziativorgan der
psychoanalytischen Gesellschaften Lateinamerikas Ab den 1960er Jahren war die Psychoanalyse weitläufig durch
Kultur und Gesellschaft Brasiliens dahingehend assimiliert, dass durch die Anerkennung des Berufes des Psychologen
im Jahre 1962 nun auch eine signifikante achfrage nach psychoanalytischer Ausbildung vonselten anderer
nichtärztlicher Berufsgruppen stattfand.

Zusammenfassung
Während der Militärdiktatur schlossen sich die Psychoanalytiker in ihren Sprechzimmern ein. So entstand das Bild des
Psychoanalytikers, der sich von jeglichem sozialen und politischen Kontext isoliert (vgl. Sagawa, 2004, S. 54). In allen
Tätigkeitsbereichen der Psychoanalyse, inklusive der Kinderpsychoanalyse, fand eine solche Ausrichtung auf die
Privatpraxis statt (vgl. Abräo, 2002, S. 221). Im Hinblick auf den gegenwärtigen Stand der Psychoanalyse, die sich
gegenüber der brasilianischen Gesellschaft und ihren Problemen verschließt, muss gemeinsam mit Sagawa (2004, S.
55f.) nach der Eigenart der brasilianischen Aneignung der Psychoanalyse gefragt werden. Dies betrifft insbesondere die
Frage, ob der Import der englischen, französischen und nordamerikanischen Psychoanalyse eine brasilianische
»Resultante« erzeugen kann. Zwar gibt es die Psychoanalyse be- reits in Brasilien, aber hat auch eine brasilianische
Psychoanalyse mit eigenen wissenschaftlichen und nationalen Werken Bestand? Wir sind davon überzeugt, dass zur
Beantwortung dieser Frage die Historiografie der Psychologie – beginnend bei den indigenen Kulturen bis hin zu den
Beiträgen der Vorläufer und der Institutionalisierung der Psychoanalyse - einen wesentlichen Beitrag leisten kann.
Tatsächlich versuchten diese Vorläufer Freuds Sichtweise in die Gesellschaft mit ihren Problemen und in die lokale
Kultur zu integrieren. Im Rahmen ihrer theoretischen und klinischen Untersuchungen und Experimente verwirklichten
sie eine aktive und synkretistische Aneignung der Psychoanalyse, und das in einer Form, die, wie wir sahen, sowohl in
Verbindung mit der Weltanschauung der damaligen Epoche als auch mit den traditionellen psychologischen
Kenntnissen der Kolonialzeit stand. Außerdem wurden neben der Assimilierung der Freud'schen Theorien noch andere
analytische und psychopathologische Ansätze (wie zum Beispiel von Jung oder Adler sowie die phänomenologisch-
existenzielle Psychiatrie von Jaspers, Minkowski und Binswanger) in die Betrachtung miteinbezogen - Ansätze, die
früher trotz ihres wissenschaftlichen und therapeutischen Wertes teilweise oder ganz missachtet wurden (wie im Fall
von Adler und anderen). Offensichtlich geht es hier nicht darum, den Weltanschauungen und der Wissenschaft der
Vorläufer beizustimmen (die, wie wir sahen, geprägt waren vonIdeologien, Menschenbildern und
Wissenschaftskonzepten, die heute hinterfragt werden), sondern die Fähigkeit zu einem offenen, kreativen und
kritischen Gespräch wiederzuerlangen. Darüber hinaus gilt es, das historische Bewusstsein für die Integration der
Psychoanalyse in den kulturellen Kontext, der vorausging und der die Formen prägte, die Ziele und die Grenzen ihrer
Aneignung in Brasilien, zu bewahren, wie wir in diesem Text offenzulegen versuchten. Wenn Sagawa mit seiner Ansicht
recht hat, dass der Prozess der Institutionalisierung der Psychoanalyse in Brasilien frühzeitig den Prozess ihrer
kreativen Assimilierung stabilisierte, so ist es jetzt wünschenswert, eine kulturelle und wis senschaftliche Offenheit und
intellektuelle Neugier einzunehmen. Cegenwartij; existieren positive Beispiele hierfür, wie die Debatten um den Prozess
der Mi gration im Lichte der psychoanalytischen Kategorien und um die kulturellen Herausforderungen der Gegenwart,
wie sie im Forschungszentrum für Psycheanalyse und Gesellschaft an der» Pontificia Universidade Cat6lica de Säo
Paulo « im Jahre 2002 befördert wurden (Carinhato et al., 2002). In diesem Rahmen schlug Pacheco Filho vor, den
Dialog und die Begegnung zwischen den versch i . denen Kulturen in Form des psychoanalytischen Prozesses zu
führen. Er ist d 'I' Meinung, dass die Stärke der kritischen Distanzierung der Personen von d 'li Werten, kristallisierten
Konzepten und abgewehrten, individuellen Erfahrungen anhaftenden rigiden Positionen, die durch eine analytische
Therapie ermöglicht wird, analog sei »zu einem Versuch, keine tabu la rasa des Schatzes der seit langen Zeiten
gemachten kulturellen Erwerbungen der Völker zu machen. Simultan solle man aber nicht ängstlich zurückschrecken
vor der Aufgabe, nach den Möglichkeiten der Erneuerungen und den Notwendigkeiten der Transformationen zu fragen«
(ebd., S. 264). Das Hinaustreten des brasilianischen Psychoanalytikers aus dem begrenzten Raum seines
Behandlungszimmers bietet ihm ohne Zweifel die Gelegenheit, die subjektiven Dynamiken seiner Patienten besser zu
verstehen, zugleich trägt es in einer signifikanten Weise zum Verständnis und zur Positionierung der gegenwärtigen
brasilianischen Realität bei. Es eröffnet sich ihm in dieser Weise der Weg zu einer kritischen und ursprünglich
brasilianischen Reinterprerarion des psychoanalytischen Ansatzes.
Übersetzung: Chirly dos Santos-Stubbe

CAP 5.
Aus der Anomie in die Richtlinienpsychotherapie
Brasilianische Identitäten auf der Couch eines deutschen Psychoanalytikers
Peter Theiss-Abendroth
Auf Spurensuche nach der brasilianischen Psychoanalyse in Deutschland
Der vom nationalsozialistischen Terror zerrissene Traditionszusammenhang der deutschsprachigen Psychoanalyse
konnte nach dem Zweiten Weltkrieg nur dadurch wiederhergestellt werden, dass die analytischen Diskurse anderer
Länder mit besonderer Intensität rezipiert wurden, Was noch vor einigen Jahrzehnten als eine gewisse Abhängigkeit
erschienen sein mag, lässt sich heute als eine besondere Offenheit der deutschen gegenüber der internationalen
Psychoanalyse nachvollziehen, Dabei geht der Horizont weit über den englischsprachigen Kulturkreis hinaus: Auch das
psychoanalytische Denken verschiedener romanischer Länder trifft hierzulande auf große Aufmerksamkeit und führte
teilweise zur Bildung besonderer Cornmunirys. Die Suche nach Spuren der brasilianischen Psychoanalyse im
deutschsprachigen Diskurs verläuft jedoch enttäuschend. Selten ist hierzulande von ihr die Rede, selbst kommt sie fast
nie zur Sprache.' Dies ist ein auffälliges Phänomen und widerspricht ihrer internationalen Bedeutung, der Reichweite
der Psychoanalyse innerhalb der brasilianischen Gesellschaft und auch den offenkundigen Kennziffern der
ökonomischen Potenz dieses Landes. Denn Brasilien verfügt heutzutage über die siebtgrößte Volkswirtschaft der Erde
(Deutschland über die viertgrößte) und Schätzungen zufolge über den 'lweitgrößten Psychotherapiemarkt (Deutschland
über den drittgrößten) (Alfred Pritz, Wien, rnündl. Mitteilung, April 2013). Der Psychotherapeut, häufig ein
Psychoanalytiker, gehört in Brasilien mit einer für deutsche Vorstellungen ungewöhnlichen Selbstverständlichkeit zum
Leben der urbanen Mittelschiehren. Diese soziologische Differenzierung ist allerdings bedeutsam. Denn die breite
Mehrheit der Bevölkerung gehört zu den unteren sozioökonomischen Schichten und kann sich eine Psychotherapie bei
psychischen Problemen nicht leisten. Sie erhält allenfalls Zugang zu einer psychiatrischen Basisversorgung im Rahmen
des»plano de saude e., des öffentlichen Gesundheitssystems. Die Suche nach der analytischen Psychotherapie führt in
Brasilien also unmittelbar zur sozialen Frage.

Zur (Selbst-)Verortung der brasilianischen Psychoanalyse


Während die seit 2003 herrschenden Mitte Links-Regierungen die soziale Ungleichheit des Landes benennen und trotz
aller Kritik mit einigem Erfolg auch bekämpfen, werden sie der ubiquitär steigenden Gewalt keineswegs Herr. Das eng
damit verbundene Phänomen der Anomie öffentlicher wie privater Beziehungen wird Von Autoren verschiedener
Ausrichtung als Kernmerkmal der brasilianischen Gesellschaft benannt (Füchtner, 2003; vgl. Sant'Anna, 2006). Di .
Schriftsrellerin Andrea del Fuego bringt die Situation in ihrer Heimat mit folgenden Worten auf den Punkt: »Es gibt keine
Polizei, an die wir uns wenden können, es gibt keinen Staat, der die Bürger schützt, wir sind vollkommen un geschützt
(jessen, 2013, S. 10) «. Ungleichheit und Anomie sind auf vielfältig' Weise miteinander verknüpft. Hier interessiert vor
allem das Phänomen, dass auch die Anornie selbst ungleich in der brasilianischen Gesellschaft verteilt ist. Wer sich
eine gehobene Wohnanlage leisten kann, wird durch ein System v 11 Wachmannschaften und Prozeduren der
EinlasskontrolIen an entsprechend '11 Schleusenvorrichtungen vor der Konfrontation mit den Gefahren der öffendi ehen
Sphäre geschützt. Ähnliches gilt für den Arbeitsplatz und - so weit ~I~ möglich - die Verkehrsmittel auf den
dazwischenliegenden Wegen. Dabei nimmt die brasilianische Psychoanalyse keine neutrale Position ein. Ihre
Selbstverortung lässt sich beispielsweise an der Wahl von Einkaufszentren als Veransraltungsoru für Konferenzen
ablesen: Die öffentlichen Angelegenheiten der» res publi :1- finden hier, im »shopping«, kein Gehör und keinen
Resonanzraum mehr. EilH'~ von vielen möglichen Gegenbildern zu dieser Exklusivität, also ein Beispiel I 11 die
Situation ein.es Menschen, der in Brasilien der Regellosigkeit nicht end 0111 men kann, liefern mehrere meiner aus
verschiedenen brasilianischen Großstäd 11'11 stammenden Patienten: Sie schrecken davor zurück, ihre in Favelas
lebenden i\ I1 gehörigen zu besuchen, da sie erwarten, dort als reiche »Deutsche « erknmu und zur Erpressung eines
Lösegeldes entführt zu werden. Für diese oft vielfach traumarisierten Patienten war das Leben innerhalb
unberechenbarer und unvorhersehbarer Beziehungsgeflechte Gewohnheit. Kritisch muss man daher fragen: Ist
Psychoanalyse dort überhaupt noch möglich, wo Mörderisches längst den Fantasieraum verlassen und seinen Platz im
Alltag eingenommen hat? Bedarf psychoanalytisches Arbeiten nicht des Schutzraumes und der Realität von Sicherheit
als notwendiger Voraussetzung? Das Ringen um den sozialen Ort der Psychoanalyse ist älter als ihr Nachweis in
Brasilien. Diese Frage trug bereits erheblich zur Kontroverse von 1911 zwischen Freud, der vorrangig Patienten der
Oberschicht behandelte, und Adler mit seiner aus allen Schichten zusammengesetzten Klientel bei.? Jener Dissens
fand keine Lösung und mündete bekanntlich in die erste große Spaltung in der Geschichte der Tiefenpsychologie. Doch
spätestens seit den Erfahrungen im Dritten Reich dürfte sich der Standpunkt einer vermeintlich apolitischen, als reine
Wissenschaft außerhalb der konkreten gesellschaftlichen Umstände anzusiedelnden Psychoanalyse als illusionär
erwiesen haben (vgl. Federn, 1999). Für die brasilianische Psychoanalyse hat Hans Füchtner ihre unheilvolle Nähe zur
Militärdiktatur und die damit einhergehenden Deformierungen eindrücklich beschrieben (Füchrner, 2003, 2010; vgl.
dagegen den kulturanthropologischen Ansatz von Stubbe, 1980).

Brasilianer im deutschen Sprechzimmer


Auch wer brasilianische Patienten außerhalb Brasiliens psychotherapeutisch behandelt, entkommt der binären Logik
ihrer sozialen Herkunft nicht: Das Gegenüber war in seiner Heimat entweder ein Ein- oder ein Ausgeschlossener. Für
jene Patienten, die auch in Brasilien grundsätzlich über einen Zugang zu professionellen Behandlungsmöglichkeiten
verfügen, birgt die Situation in Deutschland wenig Neues. Sie mögen vielleicht irritiert sein aufgrund der starken
Einbindung der analytischen Psychotherapie in die deutsche Versorgungsstruktur: die AUSrichtung auf ein
medizinisches Modell von Krankheit und Heilung, das Eindringen des symbolischen Dritten in den analytischen Raum,
wie es das System von Antragsstellung auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse, gutachterlieher Prüfung und
Zuteilung von Stundenkontingenten mit sich bringt. Vielleicht stören diese Prozeduren ein wenig die gewohnte oder
erwartete Intimität. Jedoch lassen sich diese Friktionen durch eine klare, dem Unbewussten verpflichtete analytische
Haltung erfahrungsgemäß gut überwinden Grundsätzlich anders stellt sich die Behandlungssituation mit Patienten aus
der Unterschicht dar, für die allein die Möglichkeit eines therapeutischen Raumes eine bis dato undenkbare Erfahrung
bietet. Wie erwähnt haben die meisten von ihnen in Brasilien erhebliche Traumatisierungen erlitten, überwiegend
sexueller Natur. Diesen Aspekt habe ich an anderer Stelle bereits ausführlich dargestellt (Theiss-Abendroth, 2012, 20l3,
2015). Häufig handelt es sich um Heiratsmigrantinnen (vgl. Binder, 2010), mitunter auch um homosexuelle Männer in
eingetragenen Lebenspartnerschaften mit Deutschen. Regelhaft dient hier die Emigration nach Deutschland einer auf
Idealisierung beruhenden Spaltungsabwehr und der damit verbundenen Hoffnung, die traumatischen Erfahrungen zu
Hause zurücklassen zu können. Denn es existiert nicht nur in der deutschen Öffentlichkeit ein Stereotyp von Brasilien
als einem tropischen Paradies; auch umgekehrt dient Deutschland als Projektionsfläche idealisierender Zuschreibungen
von Wohlstand und Ordnung. Zu Therapiebeginn sind sowohl die Partnerschaft als auch die damit verknüpfte
Spaltungsabwehr bereits regelmäßig zusammengebrochen. Der Patient beziehungsweise die Patientin sucht dann im
Therapeuten das nächste zu idealisierende Objekt. Dieser muss bereit sein, eine derartige Projektion vorläufig
anzunehmen, um sich dann im besten Fall erneut und auf angemessen realitätsbezogene Weise entidealisieren zu
lassen (vgl. Akhtar, 2007). Doch hier soll auch eine andere, stärker psychosozial ausgerichtete Perspektive auf jene
Behandlungen aufgezeigt werden, welche ihrerseits intrapsychisch an die bestehenden Über-Ich-Strukturen anknüpft.
Diese Strukturen reflektieren Erfahrungen mit anomen Machrverhaltnissen, insbesondere Willkürerfahrungen innerhalb
einer immer noch patriarchalischen Gesellschaft. Konkret bedeutet dies, dass es sich bei den Schlägern,
Missbrauchern und Vergewaltigern in aller Regel um die Väter, älteren Brüder oder entsprechenden
Übertragungsfiguren wie zum Beispiel Jugendgruppenbetreuer handelte, Personen also, denen eine definitorische
Macht über Recht und Unrecht zugestanden wird. Die psychologische Entwicklungsaufgabe, ein abstraktes,
apersonales, kohärentes und zugleich ausreichend flexibles Über-Ich zu entfalten und möglichst nahtlos in die
Gesamtpersönlichkeit zu integrieren, wird dadurch behindert. In kleinianischer Terminologie bedeutet dies, dass das
Über-Ich seinen verfolgenden, archaischen Charakter behält und die Einnahme der depressiven Position und die damit
verbundene Fähigkeit, Reue und echte Dankbarkeit zu empfinden, zu Therapiebeginn in der Regel außerhalb der
eigenen Grenzen liegt. Hier wie dort, das heißt in der brasilianischen wie in der deutschen Lebenswelt drohen Strafe
und Vergeltung: Auf der einen Seite können beispielsweise massive Selbstvorwürfe stehen, die Ursprungsfamilie durch
den Weggang im Stich gelassen zu haben, ihnen nicht genug Geld zuzusenden oder Ähnliches; auf der anderen Seite
finden sich häufig überzogene Ängste vor den Anforderungen der hiesigen Ausländerbehörde, die sich etwa in
apokalyptischen Prüfungsängsten anlässlich der für ~ine Visumsverlängerung verlangten Sprachtests äußern können.
Eine derartige Ubertragungsbereitschaft zeigt sich auch im therapeutischen Erstkonrakr, wo der Behandler als Helfer
und zugleich Richter wahrgenommen wird, den man nur durch Unterwerfung gnädig stimmen kann. In meiner
Sprechstunde drückt sich dies bei zahlreichen Patienten der Unterschicht durch ein mehr oder weniger versehentliches
Beharren auf der Anrede »0 scnhor « aus, was eine Formalität hnlich dem Siezen darstellt, aber natürlich auch seinen
Wortsinn »der Herr« mit allen Implikationen von Herrschaft beibehalten hat. Hier besitzt die Konfrontation mit der
hypernomen Realität der deutschen Verwaltung einschließlich der Gesundhei tsbürokrarie einen enormen und für viele
Patienten nach einer gewissen Zeit sehr entlastenden Effekt. In den zahlreichen Regulierungen des deutschen Alltags
mit ihrem für alle Beteiligten gleichermaßen bindenden Charakter findet sich das Schutz bietende Dritte.Während
Mitglieder der Mittelschicht häufiger über ein höheres psychisches Integrationsniveau verfügen und die triangulierende
Bedeutung von Sprache unmittelbar erfassen, steht diesen benachteiligten Patienten eher weniger
Symbolisierungsfähigkeit zur Verfügung. Sie tendieren dazu, in der therapeutischen Situation eine Wiederholung jener
dyadischen Intimität zu erleben, die sie einst zahlreichen Formen von Willkür aussetzte. Das Über-Ich auf seiner Seite
zu wissen, als Subjekt Rechte zu besitzen sowie im deutschen Sozialsystem Ansprüche erwerben und geltend machen
zu können, diese Erfahrung allein besitzt eine kurative Wirkung. In diesem Sinne stellen die innerhalb der deutschen
Richtlinienpsychotherapie geltenden und andernorts oft problematischen, dem Wesen der Psychoanalyse
zuwiderlaufenden Regularien hier bereits einen Aspekt der Therapie selbst dar. Diese Erfahrung kann den
Ausgangspunkt für eine Nachreifung des Über-Ichs im oben beschriebenen Sinne innerhalb des dergestalt erkennbar
abgegrenzten therapeutischen Raumes bilden. In wohlwollender Weise vermittelt, mit Respekt für die spontanen
Triebäußerungen, kann ein zunehmend abstraktes System von Regeln im weiteren Therapieverlauf zu einem
Kristallisationspunkt stabilerer innerer Strukturen werden. Mit solchen Differenzierungsvorgängen hauptsächlich im
Über-Ich geht auch eine Veränderung im damit eng verbundenen Ich-Ideal einher. Das Selbstbild der duldsamen und
unterwürfigen Frau - oder auch des dunkelhäutigen Mannes - verliert an Bedeutung zugunsten des Wunsches nach
Selbstbestimmung und damit verbundenen beruflichen Kompetenzen. Fast immer wird auf die eine oder andere Weise
nach Qualifikationsmöglichkeiten gesucht: beginnend mit einer Verbesserung der deutschen Sprachkenntnisse bis hin
zu ganzen Berufsausbildungen, meistens in psychosozialen Feldern. So wächst täglich für jeden Einwohner
Deutschlands die Wahrscheinlichkeit, an seinem Lebensende von einer brasilianischen Pflegekraft betreut-zu werden.
Auch wenn die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten endgültigv~llt sind, suchen diese Menschen beispielsweise im
Freizeitbereich nach dem systematischen Erwerb von Kompetenzen. Die Auswirkungen auf das Selbstwerterleben
können hierbei gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das »ernpoderamenro-e ' findet damit auch jenseits des
Politischen seine individuelle Wirklichkeit. Dieser Prozess, der sich ebenfalls als Identifikation mit einem typisch
(mittel- )europäischen Autonomieideal verstehen lässt, wird jedoch häufig als ein Verlust von Bindung und Bezogenheit
erlebt. So wird innerhalb der brasilianischen Gemeinde die gegenseitige Attribuierung, »deutsch « geworden zu sein,
ausschließlich negativ belegt und mit Kleinlichkeit und Egoismus gleichgesetzt.

Zusammenfassung
Ausgehend von der Suche nach Berührungsflächen zwischen brasilianischer lmd deutscher Psychoanalyse habe ich
über einige Erfahrungen berichtet, die ich. I deutscher Psychoanalytiker mit brasilianischen Patienten gesammelt habe.
M ·1 ne Untersuchung wird von dem Anliegen getragen, die psychosoziale mit ell'l intrapsychischen Perspektive zu
verbinden. Sie geht von dem Begriffspaar d 'I Anomie und der Hypernomie aus. Mit Anomie beschreibe ich die
grundlegeIl den Beziehungserfahrungen brasilianischer Patienten aus der Unterschiehe 11I zugegebenermaßen
verkürzter Weise; die Hypernomie wird von den meisten ßril silianern als Charakteristikum der deutschen Gesellschaft
erlebt und benannt. SI wirkt in Form der Psychotherapierichtlinien unmittelbar in den Behandlunu raum hinein und wird
im Allgemeinen als störender und anti analytischer F~kl\11 des deutschen Behandlungssystems kritisiert. Das Über-Ich
gilt in der klassis ·111Ii Ich-Psychologie als »das Scharnier zwischen Innen- und Außenwelt«. Ihm habe ich in meiner
Darstellung eines prototypischen Behandlungsverlaufs meine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Erkenntnis,
dass sowohl Therapeut als auch Kostenn'ager einem Normengerüst unterworfen sind, eröffnet dem Patienten einen
Ausweg aus seinen von Willkür und Unberechenbarkeit geprägten Erfahrungsmustern. DIe dyadische Position, in der
zwei Personen innerhalb eines extremen Machtgefälles etwas miteinander aushandeln, wird ersetzt durch eine von
apersonalen Normen triangulierte Situation. Diese neue Beziehungserfahrung kann den Ausgangspunkt für ein
Nachreifen innerer Strukturen bilden und zumindest einen ersten Raum für die SymboliSierung der präverbal
gespeicherten traumatischen Erlebnisse aufschließen. Allerdings ist dieser beschriebene Prozess nicht frei von
Ambivalenzen und kann auch als eine neue Anpassung an die kulturell bereitliegenden Wertvorstellungen des
aufnehmenden Landes wie überhöhte Autonomie und Individuation erlebt werden.

CAP 6.
Winnicott und die Psychoanalyse in der brasilianischen Kultur
Andre Martins
1. Einführung
Die Psychoanalyse setzte sich bei ihrer Ankunft in Brasilien als Theorie wie auch als klinische Lehre (zunächsr
Sigmund Freuds und spärer Melanie Kleins) nichr nur wegen ihres überraschenden und revolutionären Charakrers,
sondern auch auf grund ihrer »Wissenschafrlichkeir« durch. So harre Freud es sich vorgesrellr (Freud, 1933a, S. 35,
Vorlesung» Über eine Welranschauung«). Dieser Anspruch nahm jedoch pseudowissenschafrliche Züge an und
enrwickelre sich, ähnlich wie auf der ganzen Welr, zu einer zunehmend aurorirären klinischen Ausbildung. Die Folge
war eine Abhängigkeir des Analysanden vom Analyriker. Besondersdie analyrischen Ausbildungskandidaren sind
hiervon berroffen, da sie sich einer»Lehranalyse« unrerziehen müssen mir allen offenkundigen polirischen und
finanziellenImplikarionen (Kuperrnann, 1996).Lacans Ausrrirr aus der IPA rrug sicherlich dazu bei, die Psychoanalyse
aus ihrerVerflechrung mir einer gewissen institutionellen Machr zu befreien. Allerdingsprägren neben anderen Fakroren
die Anforderung, den Jargon seiner Theoriezu beherrschen, und die von Lacan vorgeschlagene, provokarive Beziehung
desAnalyrikers zum Parienren, in welcher der Analyriker sich in der Posirion vermeinrlichen Wissens befand, eine neue
Überrragungsbeziehung des Parienren aufden Analyriker mir ebenfalls verhängnisvollen Konsequenzen (Godin,
1990).Die Erablierung der Freud'schen Theorie und Behandlungsrechnik vollzogsich in Brasilien (ähnlich wie die von
Lacan und Klein) unrerdem Anspruchwahren Wissens. Dieser serzre sich mir derselben Autoritär von außen nach
innendurch, vom Ausland ins Landesinnere, mir der sich bereirs auf zahlreichen Gebierendas aus Europa Kommende
den Brasilianern aufgedrängr harre, und zwar alsetwas, das aus einer überlegenen Kultur und von einer höheren
Wahrheit stammt.Wie es für eine Beziehung zwischen Zentrum undPeripherie typisch ist, sollteBrasilien auf allen
symbolischen (kulturellen) Feldern und auch in der Psychoanalysedas lernen, was die Europäer lehrten. Apriori wurde
davon ausgegangen,dass das Wissen des Zentrums besser, entwickelter,vertrauenswürdiger,sichererund genauer sei
als das vor Ort erzeugte Wissen. Dabei muss man im Auge behalten,dass dieses Verhältnis nicht nur die Theorie selbst
betraf, sondern auch ihrenInhalt. Im Fall der Psychoanalyse ist damit eine Seinsweise gemeint, die sich derindividuellen
psychischen Verfassung des brasilianischen Patienten letztendlich in moralischer Form wie ein Ich-Ideal oktroyierte.
Diese als Ideal vorgezeigte oderangenommene Seinsweise wurde als eine psychische »Wahrheit« dargestellt, die
behauptete, die Normalität sei neurotisch und für den zivilisatorischen Prozess erforderlich. »Ich bin so, wie von der
Autorität oder vom vermuteten Wissen beschrieben, und nicht so, wie ich bin.« - was praktisch bedeutete: »Ich bin, wie
ich bin, aber ich sollte so sein, wie diese wissenschaftliche Erkenntnis meint, dass ich sein sollte.« Ich kann nicht genau
bestimmen, inwieweit diese Lesart zutreffend ist, aber ich verstehe die Beziehung der Mehrheit der Analytiker zur
Theorie in dieser Weise. Die Folge ist, dass auch ein Großteil der Patienten diese Einstellung zur klinischen Praxis
einnimmt. Wahrscheinlich ist ein derartiges Verhältnis von Unterwerfung unter und Ehrfurcht vor solch einer Theorie in
jedem Land anzutreffen. Die historisch von Kolonisierung und Abgelegenheit geprägte Eigenart Brasiliens scheint die
Akzeptanz einer europäischen Theorie, die sich zutiefst von der existenziellen Realität vor Ort unterscheidet, jedoch zu
befördern und zu verstärken. Es muss betont werden, dass eine Überlagerung von Theorie und Kultur für jedes Land
Gültigkeit besitzt. Beispielsweise ist allgemein bekannt, dass Lacan gewiss durch die Betonung der Sprache und ihrer
Struktur einen enormen Beitrag zur Akzeptanz der Psychoanalyse in Frankreich leistete. Vor dem Hintergrund der
cartesianischen Logik sowie des Strukturalismus des 20. Jahrhunderts stieß sein Ansatz in der französischen Kultur auf
erhebliche Resonanz. Ich möchte behaupten, dass ganz im Gegensatz zur lacanianischen Theorie, die in Brasilien bloß
unterwürfig akzeptiert wurde, die theoretischen wie klinischen Überlegungen Winnicotts aufgrund ihrer starken Affinität
zur brasilianischen Kultur auf fruchtbaren Boden trafen. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der brasilianischen
Psychoanalyse eignete man sich eine Theorie und eine Behandlungstechnik nicht aus Ehrfurcht vor angeblich
überlegenen Kenntnissen aus dem Ausland an, sondern mittels Identifikation. Weder kam Winnicotts Theorie
überraschend, noch wurde sie aufgrund einer vermeintlichen Rärselhaf tigkeit akzeptiert. Ganz im Gegenteil: Sie war
intuitiv nachvollziehbar, erklärte, was wir empfanden, was uns sinnvoll erschien und was uns bisher noch keine Theorie
hatte aufzeigen können. So dient sie uns zur Lehre und zur Selbstvervollkommnung. Zugleich steht Winnicotts
Behandlungspraxis mit den spezifischen Eigenschaften der brasilianischen Kultur in offenbarer Übereinstimmung. In
diesem Aufsatz möchte ich dementsprechend meine Überlegungen dazu darstellen, wie sich die winnicottianische
Theorie und Praxis mit ihren paradigmatischen Unterschieden zu der freudianischen und der lacanianischen Theorie
auf die psychische Realität der brasilianischen Kultur auswirken.

2. Das Begehren als Mangel oder als Lebenskraft


Platon versus Spinoza
ln Jenseits des Lustprinzips (Freud, 1920g, S. 62) weist Freud daraufhin, dass er das Begehren so versteht, wie Platon
es in seinem Symposion (ca. 380 v. Chr.) beschreibt: als das Begehren dessen, was man nicht besitzt. Lacan widmet
seinerseits ein ganzes Seminar der Analyse dieses platonischen Textes im Sinne seiner eigenen Theorie (Lacan,
2008). Auch für ihn resultiert das Begehren aus einem für den Menschen konstitutiven Mangel. Es wird von der Suche
nach einer Vollständigkeit angetrieben, die durch die Eroberung des Objektes nur vermeintlich erreicht wird.
Demzufolge verläuft die Begegnung mit dem Objekt stets und unvermeidlicherweise frustrierend, weil es die ersehnte
Vollständigkeit niemals herstellen wird. Ohne diese Zusammenhänge zu kennen, sucht das Subjekt immer wieder nach
neuen, idealisierten Objekten. Gefangen in dieser ergebnislosen und unbefriedigenden Suche, kann es sich bestenfalls
damit einen Spaß machen, so wie man sich über ein Symptom lustig macht. Dieses begehrte Objekt wird als »Objekt
klein a« oder »der kleine andere« (frz. »aurre«) bezeichnet: Wir projizieren in den anderen das Objekt unserer
Vollständigkeit, welches jedoch immer nur ein (kleines) anderes sein wird. Angesichts dieser Unmöglichkeit bleibt uns
nur die Akzeptanz und Hinnahme unserer eigenen Kastration. Wir müssen verstehen, dass das gesuchte Objekt in
Wahrheit der »große Andere« (»I'Autre« mit großem A) ist. Dieser unerreichbare Andere bedeutet die eigentliche
Vervollständigung. Diese kann im (großen) Anderen nur erahnt werden, welcher seinerseits sprachlich und wegen des
ursprünglichen Signifikanten, was der Phallus oder auch der Name des Vaters ist, männlich organisiert ist. Der
symbolische (große) Andere, auf den die anderen, die Objekte klein a, verweisen, lindert Frus- tration, die aus dem
unausweichlichen Fehlen von Vollständigkeit entsteht. Diese Linderung geschieht, indem der (große) Andere das
Subjekt aus dem idealisierten Imaginären herausholt und darauf hinwirkt. dass die Akzeptanz der Kastration in eine
erfindungsreiche Form des Sich-Einfügens in die Welt des symbolischen Universums mündet. I Für Winnicott1 wird das
Begehren nicht durch den Mangel motiviert. Das Baby verfügt über eine expansive Lebenskraft, die sich als spontane
Handlung ausdrückt und sich von Anfang an mit seiner von den physiologischen Instinkten angetriebenen Motilität
vermengt. Es handelt sich hierbei um einen spontanen Akt, durch den das Baby in seiner Umwelt nach etwas
Nützlichem sucht. Er wird mehr oder weniger spontan bleiben, entsprechend dem Vertrauen, das der Säugling in die
Umwelt und daraus folgend auch in sich selbst besitzt und in Abhängigkeit davon, was er in den ersten Phasen seines
Lebens empfunden hat. Je spontaner das Begehren ist, desto weniger resultiert es aus dem Mangel und desto mehr
aus der Bewegungsfreude. Es ist unvermeidlich, hierin ein Echo der Philosophie Spinozas und seines Konzeptes des
»Conatus« als einer Kraft zu erkennen (Spinoza, 1675,Ethik). Wenn wir feststellen, dass es im Leben des Erwachsenen
den Mangel und das Begehren als dessen Ausdruck gibt, dann handelt es sich hierbei bloß um ein imaginäres Gefühl,
das nur gemeinsam mit der gleichfalls imaginären Idee von Vollständigkeit Bestand hat. Beide sind imaginär, und nicht
nur das Begehren nach Vollständigkeit. Bei Freud und besonders bei Lacan ist der Mangel essenzieller Bestandteil des
Begehrens, das heißt, beide sind außerstande, ein Begehren zu konzeprualisieren, welches nicht aus einem
Mangelzustand resultiert.Mit Winnicott (und auch mit Spinoza) können wir Illusion (in der Terminologie Spinozas als»
verstümmelte und verwirrte Vorstellungen« bezeichnet), Vollständigkeit sei möglich, oder der Idea- lisierung, das
begehrte Objekt bringe eine sonst unerreichbare Befriedigung. Das meint Lacan damit, wenn er sagt, wir begehren das
Begehren des anderen. Spineza spricht in diesem Zusammenhang vom Begehren als einem passiven Affekt, der durch
äußerliche Gründe motiviert wird. Während Lacan uns Hilfsmittel gegen die Gefangennahme durch unser eigenes
unausweichliches Begehren vorschlägt, beschreibt Winnicott (wie auch Spinoza) einen anderen Typus des Begehrens,
bei dem wir tatsächlich Befriedigung, Selbsrverwirklichung und einen Zugewinn an Macht finden, ohne dass wir nach
Vollständigkeit oder einem Ideal streben müssen. Diese unterschiedlichen Konzeptionen des Begehrens haben
unmittelbare Implikationen für die Behandlungstechnik. Angesichts eines Patienten, der daran leidet, das Begehren des
anderen zu begehren - was insbesondere im Kapitalismus, im Liberalismus und im Konsumismus der Gegenwart der
Fall zu sein scheint -, verfügen Freud und Lacan für die Handhabung der Therapie nur über das klinische Konzept, die
Kastration zu akzeptieren, vor dem Hintergrund einer bedürftigen und deswegen mangelhaften conditio humana,
gefangen zwischen der Resignation und dem Taumel des Leidens, das aus den Frustrationen herrührt. Mit Winnicott
(und uch Spinoza) können wir uns hingegen auf die Suche nach der inneren Kraft des Patienten begeben, die in
Nierzsches Begriffen zweifellos seinem stärksten Willen entspricht, nach den Wünschen, die ihn erfüllen, nach seinem
Potenzial oder auch seinem wahren Selbst. Auf diese Weise verstehen wir, dass das Gefühl existenzieller Leere (der
Nihilismus) nichts Natürliches darstellt, sondern die Auswirkung eines Vertrauensverlustes in sich selbst und, im
projektiven Modus, in das Leben. Dieser Vertrauensverlust resultiert aus Beziehungsproblemen mit der primären
Umwelt, die den emotionalen Reifungsprozess beeinträchtigen. Während eine Klinik des Mangels gegen das Leiden an
der Kastration zu kämpfen sucht, bemüht sich eine winnicottianische Klinik der pflegenden Sorge, geeignete
Umweltbedingungen anzubieten, damit der Patient wieder das Vertrauen gewinnt, sich selbst zu verwirklichen.

3. InstinktundTrieb

Das gespaltene Subjekt oder das vielfältige Individuum Nach der Ansicht Freuds und Lacans sind Tiere nicht in der
Lage, etwas zu begehren, da sie nur ihren Instinkten folgen. Diese unterscheiden sich von den spezifisch menschlichen
Trieben dadurch, dass sie in der Begegnung mit dem Objekt Befriedigung finden. Die vom Mangel motivierten Triebe
werden hingegen niemals befriedigt und erzeugen einen Triebiiberschuss, der stets nach Entladung strebt. Wie wir
bereits sahen, besteht für Winnicott prinzipiell kein großer Unterschied zwischen menschlichen und tierischen
Instinkten, da auch die physiologischen Instinkte des Menschen sofortige Befriedigung finden'. Diese lassen sich auch
als Es-Triebe bezeichnen, die das Individuum mit symbolischer Bedeutung belegt -die Tiere tun dies wahrscheinlich
nicht. Sie werden also nicht durch den Mangel motiviert. Wenn wir in Zusammenhang mit Winnicott überhaupt von
einem Trieb sprechen können - obwohl er diesen Begriff selbst nie benutzt, da er sich auf Übersetzungen Freuds ins
Englische stützt, in denen »Trieb « als» instinct« wiedergeben wird -, dann wäre dies im Sinne eines einheitlichen
Triebs (im Gegensatz zum Triebdualismus würde Freud ihn als Triebmonismus bezeichnen) ein Lebensinstinkt, der
einen unausweichlichen und mehr oder weniger erfolgreichen emotionalen Reifungsprozess nach sich zieht. Freud
betrachtet den Triebdualismus als ein notwendiges Konzept, ohne das die im Seelenleben beobachtbaren triebhaften
Antagonismen sich nicht erklären ließen (Freud, 1914c, 1920g). Dieser Dualismus findet seinen Niederschlag in Lacans
Konzept des gespaltenen oder geteilten Subjekts. Generell können wir sagen, dass die verschiedenen Freud'schen
Dualismen im Kern eine Trennlinie ziehen zwischen der Natur und der Kultur, zwischen einer vermeintlich animalischen
und einer spezifisch menschlichen Seite, der wilden und der zivilisierten, zwischen dem Es und dem Ich und Über-Ich,
dem Lustprinzip und dem Realitätsprinzip, dem Todestrieb und dem Lebenstrieb. Nun bedürfen die psychischen
Antagonismen und Konflikte keineswegs des Dualismus zu ihrer Erklärung. In Freuds Epoche dachte man noch nicht
an Vielfalt oder Negentropie. In der Tat ließ Freud das Verhältnis der Psyche zu ihrer Umwelt außer Acht und auch, wie
daraus in Wechselwirkung mit Denkstilen oder Wertesystemen affektive Schwankungen entstehen. Denn er konzipierte
das menschliche Wesen nicht als vielfältig, relational und Resultat von Interaktionen. Vielmehr verstand er es noch als
psychischen Apparat beziehungsweise wie Claude Bernard (1984[1865]) als ein inneres Milieu (»milieu interieur «}, das
sich mit Macht in sich verschließt und mit dem anderen nur als etwas völlig außerhalb seiner selbst Liegendem in
Beziehung tritt. Die Identifikationsprozesse fänden demzufolge mit etwas Externem statt, wenngleich über Affinitäten
vermittelt, und nicht mit etwas konstitutiv Gemeinsamen. Statt menschliche Wesen als voneinander isoliert zu
betrachten, was die Frage aufwirft, wie sie sich vereinen, können wir sie als von Anfang an miteinander vereint denken -
schließlich stammt das Baby von der Mutter - und müssen uns umgekehrt die Frage nach einer guten Trennung stellen.
So zeigt uns die klinische Beobachtung, dass Hass und Groll dann auftreten, wenn die anfängliche symbiotische Einheit
verweigert wurde. Gerade dann verlaufen Trennungen besonders problematisch, weil für eine gute emotionale
Entwicklung des Kindes und zukünftigen Erwachsenen am Anfang eine Vereinigung mit der Umwelt-Mutter stehen
muss. Diese Vereinigung sollte allerdings in Richtung der Autonomieentwicklung und der gelingenden Trennung
hingeführt werden. Statt sich auf Dualismen zu stützen, konzeptualisiert Winnicott den psychischen Konflikt, indem er
von den Beziehungen des Babys - und später des Kindes und des Erwachsenen - mit der Umwelt ausgeht, in
Abhängigkeit davon, inwieweit das Baby seine grundlegenden Bedürfnisse erfüllt bekam und Vertrauen in sich und den
anderen aufbauen konnte. Im Leben des Kindes und auch des Erwachsenen entstehen Konflikte aus unserer größeren
oder kleineren Schwierigkeit, mit Widrigkeiten, Hindernissen und Begrenzungen umzugehen. Von einer einzigen
Lebenskraft ausgehend, die agiert und auf Interaktionen mit der Umwelt reagiert, entwickelt sich eine Psyche, die mehr
oder weniger ausgeprägte Abwehrmechanismen braucht. Das bedeutet zugleich: Sie ist auch mit mehr oder weniger
reichhaltigen Ressourcen zur Überwindung dessen ausgestattet, was sich unseren Wünschen und damit kreativen
Gesten in den Weg stellt. Eine einzige Lebenskraft, ein einziger Lebensimpuls: Gewiss würde Freud Winnicott
vorwerfen, einen Triebmonismus zu entwerfen und die Vielfalt der Realität und der Erfahrung nicht anzuerkennen.
Allerdings reduziert gerade der Dualismus die Vielfältigkeit auf ihren kleinsten Nenner, auf die Zahl zwei, und mündet so
in eine Vereinfachung von Komplexität. Gerade indem Winnicott von einer einzigen Lebenskraft ausgeht, die sich in
ständiger und konstitutiver Interaktion mit der Umwelt befindet, eröffnet er uns eine Verständnismöglichkeit für die
immense Komplexität des Psychischen, seiner Konflikte, seiner Abwehr und seines Begehrens. Wenn das Individuum
sich psychisch über seine Interaktion mit der Umwelt herausbildet, dann findet auch seine Eingliederung in die Kultur
von Geburt an statt. In dieser Perspektive stellt die Kultur nichts anderes als eine Modifikation der Natur dar. Es gibt
auch kein theoretisches Stadium, das durch einen Einschnitt - wie bei einer Kastration oder wie bei Ödipus - beendet
wird, was die Einfügung in das kulturelle Stadium markieren würde. Der in der Idee des gespaltenen Subjektes
implizierte Riss erweist sich demzufolge als Sonderfall, der nur die Erfahrung beziehungsweise die psychische Struktur
der Neurose reflektiert. Wir könnten uns an dieser Stelle fragen, warum wir überhaupt den Begriff des »Individuums «
benutzen, der etymologisch auf das Unteilbare zurückgeht, wenn der Mensch in dieser Konzeption doch ein
»Vielfältiger« ist? Warum bezeichnen wir ihn nicht wie Lacan als Subjekt? Nun, gerade weil seine Vielfalt seiner Einheit
nicht entgegensteht, im Sinne einer.komplexen Einheit, die in keinem Widerspruch mit der Tatsache steht, dass uns
sowohl unser Körper als auch unser Ich psychisch in der Interaktion mit dem anderen vereinen. Der Begriff des
»Subjektes «? gehört Lacans Theorie an, und zwar nicht im Sinne dessen, was »zugrunde liegt«, sondern dessen, was
sich »unterzieht « oder »unterwirft«; dies bezieht sich insbesondere auf die herrschende Welt der Symbole, auf das
Gefängnis der Sprache sowie den Referenzpunkt des Phallus.

4. Todestrieb oder Aggressivität, Kreativität und Umweltbeziehung


Der Todestrieb (Martins, 2009) zählt zu den wenigen von Freud vorgeschlagenen Konzepten, die Winnicott nicht
akzeptiert – er interpretiert und definiert häufig auf direkte oder indirekte Weise die Freud'schen Konzepte neu. Diese
Position veranschaulicht gut den fundamentalen Unterschied zwischen Freuds und Lacans Theorie auf der einen sowie
jener Winnicotts auf der anderen Seite. Denn es erscheint Winnicott so sinnlos wie ein Zirkelschluss, einen Trieb, der
auf di . Destruktivität oder Zerstörungskraft abzielt und in Gewalttaten und im Krieg Gestalt annimmt, als einen
ursprünglichen oder primären Trieb zu postulieren. Dies bedeutet aber keineswegs, Winnicott ginge von einer
ursprünglich '11 Gutherzigkeit oder gar einem Lebenstrieb im Freud'schen Sinne aus, Ganz im Gegenteil: Er führt die
Idee einer Genese der Liebe, des Zorns oder des Hass " ein. Sein Konzept der Aggressivität ist für den
Verstehenszugang entscheidend (Winnicott, 1988). Um dies nachvollziehen zu können, ist hier eine kurze Zusam
menfassung seiner Vorstellung von der emotionalen Entwicklung des Säugling~ erforderlich. Winnicott beschreibt ihn
als Psyche-Soma, wobei die Psyche die schon s ' I der Fetalperiode bestehende psychische Ausformung der
somatischen Aktivir.it darstellt. Der Säugling selbst weiß noch nicht, dass er existiert. Er ist nur dh Quelle von
Empfindungen und von unbewussten, zugleich damit einhergeh '11 den Ausformungen dieser Empfindungen. Indem er
sich spontan bewegt, Stü({, er auf die Umwelt, die er von sich selbst noch nicht unterscheiden kann. Die Mn tilitar ist
also sein erster Akt der Expansion, der schrittweisen Entdeckung der Umwelt und ipso .fo.cto seiner selbst. Während
der motorische Akt auf Umweltwiderstände trifft, schreitet die allmähliche Entdeckung des anderen und seiner selbst
voran. Die Aggressivität entspricht hierbei der Expansion und ihrer widerständigen Beziehung angesichts der
Umweltwiderstände. Die Umwelt stellt der Expansionskraft notwendigerweise Hürden entgegen, und das Baby
widersetzt ~ich seinerseits der Umwelt. Was Winnicorr als spontane Handlung bezeichnet, Ist gleichbedeutend mit
Aggressivität und Impulsivität. Dem Menschen ist ursprünglich kein Todestrieb. kein Zerstörungs-, Zersetzungs- oder
Auflösungstrieb zu eigen, sondern ein Expansionstrieb (sofern wir den Triebbegriff überhaupt beibehalten wollen). Wir
könnten ihn »Lebenstrieb « ~ennen, wenn dieser Begriff nicht bereits mit jener Bedeutung aufgeladen ware, die Freud
ihm als Gegenspieler des Todestriebes gab. Was Winnicott als »Lebenskrafr« bezeichnet, bedeutet einfach nur einen
Entwicklungsimpuls. Freud postulierte ein Axiom zur Erklärung der menschlichen Bosheit und des Krieges (wie er
Einstein in einem Brief schrieb (Freud, 1933b)). Aber jede Art.von Zerstörung, Desintegration oder sogar Gewalt ist
jedoch ein mögliches Schicksal der Reaktionen des Säuglings, des Kindes, des Jugendlichen oder des Erwachsenen
auf sein Umfeld und das Ergebnis der Interaktion des Individuums mit der Umwelt, wenn sich diese ihm gegenüber
feindlich zeigt. Die scheinbar grundlos auftretende Gewalt eines Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen stellt in
Wahrheit eine Verschiebung und Kondensation jener Gewalt dar, die in der Phase des Bemuttertwerdens oder in einer
anderen früheren Situation erfahren wurde und in der gegenwärtigen Situation auf grund einer unbewussten, mehr oder
weniger paranoiden bzw. deliranten ' Assoziation wieder aufkeimt. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass der
Gewaltakt für den Täter mit ein.
em ~ustg~fühl verbunden ist, bedeutet das nicht, dass dieses ihm ursprünglich eigen 1St.Vielmehr resultiert das bei
einer aggressiven Handlung empfundene Vergnügen nicht aus einer (Selbst- )Verwirklichung, sondern aus einer
momentanen Erleichterung, einem Racheakt: Dessen eigentliches Ziel ist nicht das Gegenüber; vielmehr Sieht der
Angreifer in ihm einen Repräsentanten seines Schmerzes und seines Leidens. Die Rache wird als genussvoll erlebt,
weil sie sich gegen ein Objekr flehtet, das den vermeintlichen Quell der eigenen Leidenserfahrung darstellt. Deren
Ursprung liegt jedoch nicht im (gegenwärtigen) anderen, sondern in den Spuren, die ein (früherer) anderer in der
Psyche des Angreifenden hinterließ. Deshalb gelingt es der Gewalt niemals, die Spuren des Erlittenen auszulöschen.
Ein Gewaltakt kann notwendigerweise nur einen flüchtigen Genuss bieten, der zu seiner Wiederholung bald neuer
Sündenböcke bedarf. Daher ist dieser Genuss reaktiv, imaginär und niemals ursprünglich, sondern immer bloß eine
rückwirkende Antwort auf Situationen, in denen wenig psychische Ressourcen zur Überwindung von Hindernissen zur
Verfügung standen: eine Abwehr eigener Schwächen. Im Menschen gibt es weder eine Neigung zum Leben noch eine
Neigung zum Tode; genauso wenig besteht eine Neigung zur Güte oder zur Bosheit. Es gibt die Tatsache des Lebens,
das sich als Entwicklung erweist und mehr oder weniger expansiv oder erfüllend verlaufen kann. Wenn die primäre
Umwelt, vor allem die Mutter oder Pflegeperson, ausreichend gut ist, die Erfahrung von Kontinuität gewährleistet und
die spontane Handlung ohne Vergeltung oder Einschränkung aufnimmt, entwickelt sich der Säugling mit einem Selbst-
und Weltvertrauen und erwirbt so die erforderlichen psychischen Ressourcen, um mit den Widrigkeiten des Lebens
umzugehen und es mit seinen Licht- ~d Schattenseiten zu lieben. Bekommt er es dagegen mit einer feindseligen
Umgebung zu tun, dann wird er ein grundsätzlich defensives Beziehungsmuster zu seiner zukünftigen Umwelt und
seinen Mitmenschen entwickeln, mehr» reagieren« als »sein « (Winnicott, 2008, S. 79-96), sich angesichts von
Schwierigkeiten bedroht und gefährdet fühlen und zu katastrophischen, maßlosen und gewalttätigen Reaktionen
neigen. Die Gewalttat stellt eine Regression zu einem Zeitpunkt in der Kindheit dar, als die Person noch das Gefühl
hatte, über keine Mittel für den Umgang mit einer erlittenen Aggression zu verfügen. Sobald sie nun einer analogen
Aggression gegenübersteht - auch wenn sie inzwischen über andere Ressourcen für den Umgang mit der Situation
besitzt - fühlt sie sich dennoch so, als ob sie diese nicht besäße, und reagiert aufkatastrophische Weise.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass überhaupt keine Notwendigkeit für die Annahme eines Todestriebes zur
Erklärung irgendeines Aspektes psychischen Funktionierens oder Handelns besteht. Das Postulat des Todestriebes,
die Verdinglichung und Hypostase einer affektiven Reaktion, basiert in Freuds Texten bestimmt auf seinem
Hobbesianismus. Wie allgemein bekannt ist, betrachtete Hobbes (Leviathan, 1651) den Wunsch nach Inbesitznahme
als Prinzip der menschlichen Natur. Dessen Zeitgenosse Spinoza lehnte hingegen den Antrieb, fremde Güter in Besitz
zu nehmen, und das Bild vom Menschen als des Menschen Wolf (» Homo homini lupus est.«), der sich folglich im
Kriegszustand aller gegen alle befindet, als Notwendigkeit der men- schlichen Natur ab. Vielmehr treten diese
Neigungen dann auf, wenn Menschen sich bedroht fühlen und keine Möglichkeit haben, anders damit umzugehen. Der
große Unterschied zwischen Hobbes und Spinoza besitzt durchaus denselben Rang wie jener zwischen Freud und
Winnicott. Vom Standpunkt der Philosophie Spinozas her gesehen, missversteht Hobbes eine mögliche
Reaktionsweise des Menschen auf seine Umwelt als dessen Ursprung. Gleichermaßen vermutet Freud als Ursprung
einen Impuls, der in Wahrheit abgeleitet ist, bedingt durch Umweltverhältnisse und die Entwicklung jedes einzelnen.
Diese beiden Lesarten des Menschlichen ergeben sich aus zwei verschiedenen (man könnte sagen: ontologischen)
Konzeptionen der Genese des Individuums. Hobbes und Freud - mit seiner Vorstellung des Todestriebs, aber auch der
Existenz des psychischen Apparats - verstehen es als ein getrenntes, isoliertes Individuum, das sich der Kultur
unterwerfen muss, um den anderen zu respektieren, der für ihn eine potenzielle Bedrohung darstellt. Spinoza und
Winnicott konzipieren es als etwas, das sich in Wechselwirkung mit der Umwelt körperlich und seelisch entwickelt und
entfaltet, und zwar dergestalt, dass niemand isoliert ist, sondern sich vielmehr gemeinsam mit dem und durch den
anderen konstituiert. Diese Beziehungskontinuität will gepflegt werden, weil von ihr eine gute Trennung abhängt, in der
sich der Respekt vor der Autonomie dessen zeigt, der sich mit uns vereint.

5. Kreativität als Sublimation und Überschreitung oder als Spontanhandlung und Spiel Die neurotische
und die Borderline-Normalität
Von der Vorstellung eines isolierten Menschen, dem eine zerstörerische Triebkraft innewohnt, ausgehend, begreifen
Freud und Lacan die Kreativität als etwas Reaktives, als Sublimation sexueller Impulse oder auch als Überschreitung
ins Feld des Symbolischen. Für Winnicott bedeutet Kreativität etwas Spontanes, vorausgesetzt, die Umgebung erweist
sich als ausreichend aufnahmebereit und das Individuum unterdrückt seinen Ausdruckswunsch nicht (Souza, 2007).
Sein Verständnis beschreibt Kreativität nicht als Originalität in vergleichenden oder sozialen Begriffen, sondern als
kreative, spontane Geste. Im Neurosenmodell muss das Leben gewissen Regeln folgen, ohne die es vermeintlich gar
nicht möglich wäre. Im Gegensatz dazu geht Winnicott davon aus, dass sich die seelische Gesundheit des Menschen
aus der Fähigkeit ergibt, zu spielen und Übergangsphänomene zu erleben. Mit diesem Begriff bezeichnet Winnicott die
Tatsache, dass alles objektiv und zugleich subjektiv wahrgenommen werden kann. Eine objektive Wahrnehmung
resultiert aus dem Überschneidungsbereich subjektiver Wahrnehmungsakte. In diesem Sinne bezeichnen wir als
Realität, was de facto eine geteilte Realität ist. Eine neurotische Sichtweise interpretiert die Welt gefühlsmäßig so, als
ob sie, wie sie sich darbietet, die einzig mögliche wäre, die einzig gangbare Form menschlichen Zusammenlebens.
Seine Einmaligkeit und kreativen Impulse zu unterdrücken, heißt in winnicottianischer Perspektive zu vergessen, dass
die Objekte Übergangscharakter besitzen, dass das Leben ein Übergangsphänomen ist und dass alles Objektive aus
der Gemeinsamkeit von Subjektlvitaren und einzigartigen Kreationen entspringt. In anderen Worten: Unterwürfigkeit und
übertriebene Anpassung gegenüber der Realität in ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit, sei es im persönlichen oder im
sozialen Umfeld, hieße sozusagen nicht spielen zu können oder zu vergessen, dass leben spielen bedeutet, und zwar
nicht als Realitarsfluchr, sondern als spezifische Konstitution der Wirklichkeit (Winnicott, 2006b). Wenn wir
verstehe6,dass der Sinn, den wir der Welt verleihen, nur auf einer Vereinbarung beruht, dann gewinnt das Spiel eine
neue Bedeutung: Wir begreifen und empfinden, dass das wirklich Wertvolle außerhalb sozialer Regeln erlebt und
erfahren wird und dass diese Regeln es begünstigen oder behindern können: die Affekte, die Beziehungen, die
Fähigkeit, sich von etwas berühren zu lassen oder das Leben zu teilen, gute Momente zu erleben beziehungsweise in
Winnicotts Begrifflichkeit, sich lebendig, aktiv und kreativ zu fühlen. Immer wenn wir ein einziges aktuelles Kriterium als
ausschließlichen Wertmaßstab nehmen - seien dies die Schwankungen der Börse, die Produktivität eines Landes oder
einer Firma, die von irgendeiner Doktrin aufgestellten moralischen Prinzipien - akzeptieren wir eine Art des Spielens als
einzig mögliche, so als ob sie nichts Spielerisches sei, sondern eine ernste Angelegenheit der Unterdrückung des
Lebens, ohne welche dieses undurchführbar wäre und im Desaster endete. Wenn jemand nicht zu spielen vermag,
dann stellt sich ihm sein Spiel als absolute Realität dar und nicht nur als eine angenommene Fantasie. Winnicott betont
jedoch nicht die Fantasie, sondern die kreativen Freiräume, Beziehungen und Wertvorstellungen der Welt auf der Basis
individueller und kollektiver Beiträge neu zu erfinden. Diese entspringen dem wahren Selbst, der spontanen Geste und
der Freude daran, auf kreative Weise das umzuformen, was sich uns zeigt Neurotisches Spielen hingegen gibt es bloß
als Ausweichen und Ablenkung oder als Überschreitung einer gültigen Norm, die dadurch nur bestätigt und erträglich
gemacht wird. So wie ich Winnicott verstehe, umfasst die Beziehung zu Normen als momentan gültigen Spielregeln
auch die Fähigkeit, diese umzuformen, ohne sie im eigentlichen Sinne zu überschreiten. Das psychische Modell dieses
Konzeptes stammt weder von der Neurose noch von der Perversion oder gar der Psychose. Historisch betrachtet,
gewöhnte sich die Psychoanalyse daran, die Normalität als neurotisch zu begreifen, indem sie von einigen Stellen in
Freuds Werk (Freud, 1937c) und vor allem von Lacans Konzept vorbestehender psychischer Strukturen ausging. Diese
Idee der neurotischen Normalität wurde sogar zum Allgemeingut und als unumstößliche kulturelle Tatsache akzeptiert.
Schließlich lehrt Freud in seinen Texten für den Fall, dass wir die neurotische Kontrolle nicht akzeptieren und uns ihr
nicht unterwerfen, uns dann nur noch der gefährliche Pfad in Richtung der Psychose und des Kontrollverlustes bleibt,
von den Trieben zum Niedergang gebracht. Im Kontrast zu dieser Vorstellung stellt Winnicott in seinem Text
»Klassifikation: Gibt es einen psychoanalytischen Beitrag zur psychiatrischen Klassifikation?« couragiert fest, dass »von
der Normalität nicht nur eine Stufenleiter bis in die Psychoneurose, sondern auch bis in die Psychose besteht « und
weiter: »Es kann sein, daß zwischen Normalität und Psychose eine engere Verbindung besteht als zwischen Normalität
und Psychoneurose, das heißt, in bestimmten Hinsichten. Zum Beispiel hat der Künstler eine Fähigkeit und den Mut,
mit primitiven Prozessen in Kontakt zu sein, die zu berühren der Psychoneurotiker nicht ertragen kann, und die
gesunden Leuten zu ihrer eigenen Verarmung vielleicht entgehen« (Winnicott, 2006a, S. 171f). Damit verhalf er der
Psychoanalyse u einem bis dato unbekannten Konzept von Freiheit: eine kreative Normalität, die in radikaler Opposition
zur Neurose steht, und zwar in ihren merapsychologischen, klinischen und existenziellen Aspekten sowie sozialen und
politischen Irnplikarionen. Wenn wir davon ausgehen, wie unter Psychoanalytikern üblich, dass Freuds Psychoanalyse
auf dem Neurosenmodell beruht, während die lacanianische jenem der Perversion folgt, dann können wir behaupten,
Winnicotts Psychoanalyse basiere auf dem Borderline-Modell oder, in anderen Worten, auf den psychoseartigen
Elementen nicht-psychotischer Patienten. Nicht selten merkt Winnicott die psychischen Vorteile psychotischer Elemente
gegenüber jenen der Neurose an. So können wir mit ihm fesrhalren, dass sich die Normalität oder besser die seelische
Gesundheit in zahlreichen Aspekten und abhängig von ihrem Ausmaß von der Neurose unterscheidet. Wir wollen zwei
wichtige Punkte in Winnicotts Konzeption unterstreichen: Erstens hält er die Kunst und generell den Kontakt mit
primitiveren seelischen Vorgängen für existenziell bereichernd, viel mehr als die neurotischen Abwehrformationen. Und
zweitens sind für ihn Neurose und Psychose keine festen Strukturen, sondern Extrempunkte einer Abstufung, die von
einem zum anderen geht. Auch wenn die psychoanalytische Tradition sich die Idee, die Normalität sei neurotisch, zu
eigen machte, hatte doch Freud selbst diese Abstufung und Mischung zwischen den neurotischen und psychotischen
Anteilen der seelischen Verfassung des Menschen anerkannt. Er sah darüber hinaus, dass sich gerade in dieser
Mischung Normalität und psychische Gesundheit antreffen lassen, viel mehr als in einer akzentuierteren Neurose. In
»Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose« (Frcud, 1924e) hält Freud fest: »Norrnal oder »gesund , heißen wir
ein Verhalten, welches bestimmte Züge beider Reaktionen vereinigt, die Realität so wenigverleugnet wie die Neurose,
sich aber dann wie die Psychose um ihre Abänderung bernuhr « (ebd., S. 365) Und weiter: »Der scharfe Unterschied
zwischen Neuro~nd Psychose wird aber dadurch abgeschwächt, daß es auch bei der Neurose an Versuchen nicht fehlt,
die unerwünschte Realität durch eine wunschgerechtere zu ersetzen « (ebd., S. 367). In »Die endliche und die
unendliche Analyse« (Freud, 1937c) stellt Freudfolgende Betrachtungen an: »[E]in solches Normal-Ich ist,wie die
Normalität überhaupt, eine Idealfiktion. Das abnorme, für unsere bsichten unbrauchbare Ich ist leider keine. Jeder
Normale ist eben nur durchschnittlich normal, sein Ich nähere sich dem des sychotikers in dem oder jenem Stück, in
größerem oder geringerem Ausmaß, und der Betrag der Entfernung von dem einen und der Annäherung an das andere
Ende der Reihe wird uns vorläufig ein Maß für die so unbestimmt gekennzeichnete Ichveranderungsein « (ebd., S. 80).
Im Gegensatz zum strukturellen Konzept Lacans räumt nicht nur Winnicott, sondern auch Freud selbst ein, dass es sich
bei der Psychose und der Neurose um zwei Extreme handelt mit einer Abstufung zwischen ihnen. So können wir
seelische Gesundheit als eine Mischung neurose- und psychoseartiger Spuren betrachten, als eine bestimmte
Borderline- oder Übergangskonzeption. Der große brasilianische Psychoanalytiker Nahman Armony unterbreitet,
entwickelt und vertieft diese Konzeption in seinen Büchern Borderline, uma outra normalidade [BorderLine, eine andere
Normalität] (Armony, 2010) und 0 homem transicional [Der Übergangsmensch ] (Armony, 2013).

6. Der Geist des Kapitalismus, der hobbesianische Liberalismus und die negative Freiheit Oder: Die
positive Freiheit und das Gefühl, lebendig zu sein
Der Geist des Kapitalismus (Weber, 1905: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus) unter der Ägide
einer negativen Freiheit (Berlin, 2006) bedarf einer Moral, die die kreative Freiheit seiner Mitglieder reguliert, indem sie
deren Werte in eine einzige und hegemoniale Form des Begehrens kanalisiert und materielles Wohlergehen mit Glück
verwechselt. Dieser Geist vereint sich mit dem hobbesianischen Liberalismus, der wie dargestellt von einer Auffassung
desMenschen als eines von den anderen isolierten Wesens ausgeht. In dieser Betrachtungsweisemuss der Mensch
von einem souveränen Gesetz oder einem Leviathan zurückgehalten werden, um den Nächsten in seinem Anderssein
zu respektieren. Seine Wünsche einer Normalität und einem Schema zu unterwerfen, sie zugunsten der Bequemlichkeit
zu kanalisieren im Austausch für Arbeit, Produktivität und Leistung, das ist zu einer erfolgreichen Formel sozialer
Kontrolle geworden. Als die Freud'sche Psychoanalyse von den revolutionären Bewegungen der I%Oer Jahre
aufgenommen wurde, kam ihr eine befreiende Rolle zu, vor allem wenn sie als Anklage der sexuellen Unterdrückung
als Ursache der nervösen Zivilisationskrankheit gelesen wurde (Freud, 1908d). Lacan spielte die Bedeutung der
sozialen Bewegungen Frankreichs vom Mai 1968 herunter, indem er sie als Ruf nach Auferlegung eines väterlichen
Ge;etzes deutete." Mit ihm scheint die Psychoanalyse unserer Tage die gegenteilige Rolle eingenommen zu haben,
indem sie gerade das Fehlen von Normalität anklagt. Sie tut so, als ob diese fehlende Normalität nicht nur für den
Zusammenbruch der viktorianischen neurotischen Moral, sondern auch für die Perversion der Gegenwart verantwortlich
wäre, und ignoriert die Bedeutung, welche die Vergötterung des Marktes als einzigen Wertes besitzt (Dufour, 2007). Bei
Winnicott stellt eine positive existenzielle Freiheit als Grundlage seiner Theorie das Ziel der psychoanalytischen Kur
dar. Gemeint ist nicht eine Freiheit des Handelns, die das Gemeinwohl oder das Zusammenleben außer Acht lässt,
sondern eine innere Freiheit, die sich auf kreative Weise zum Wohl der Gemein- schaft ausdrückt, indem sie einen
Beitrag für ein besseres kollektives und soziales Leben leistet. Während Freud das Es als »Heimat« der Triebe ansieht,
die das Ich von der Realität und seiner Zentrierung abziehen, sodass die Psychoanalyse einen Kompromiss zwischen
dem vom Es repräsentierten Lustprinzip und dem vom Ich und vom Über-Ich repräsentierten Realitätsprinzip suchen
muss, schlägt Winnicott seinerseits als klinischen Horizont den wahrhaften Ausdruck des Selbst vor und verortet
seelische Krankheit in der unkreativen Unterwerfung unter die Wertvorstellungen der Kultur. Es ist nicht so, dass es für
Winnicott etwa eine kreative Unterwerfung gäbe, aber er kennt eine kreative Umwandlung der kulturellen Ideale. Wir
könnten diesen klinischen Horizont in die Nähe Lacans rücken, insofern dieser die Unterordnung des Begehrens unter
das Begehren des (kleinen) anderen kritisiert. Für Lacan handelt es sich bei dem, was sich dem Begehren des (kleinen)
anderen gegenüberstellt, allerdings nicht um Kreativität, eine Transformation oder einen individuellen Beitrag, sondern
um eine vorangegangene, erfolgreiche Anpassung - sei sie mit einem Übertritt (in die symbolische Ordnung im Sinne
Lacans) verbunden oder nicht - des Begehrens des Subjektes an jenes des (großen) Anderen, an das Gesetz.
Vielleicht könnte man folgende Überlegung anstellen: Während Lacan es sich zur Aufgabe macht, das Begehren des
(kleinen) anderen in sich selbst zu bekämpfen, ist Winnicott mehr daran gelegen, dem Ausdruck des eigenen
Begehrens Wert beizumessen, was unvermeidlicher Weise zur Entwertung des Begehrens des anderen führt - ein
Unterschied in der Betonung, aber vor allem eine Veränderung der metapsychologischen Grundlegung und ihrer
Implikationen. Anstelle einer Reaktion auf die Deutungen des von einem Standpunkt angeblichen Wissens
sprechenden Analytikers schlägt die Behandlungstechnik Winnicotts vor, den Boden psychischen Vertrauens
wiederherzustellen, um die Erfahrung einer Beständigkeit des Seins zu begünstigen. Bei Winnicott nimmt die
Psychoanalyse wieder gestärkt und auf neuer Basis ihre Rolle als immanente Praxis aktiven Widerstandes gegenüber
einer Vereinheitlichung von Wertvorstellungen und Affekten ein.

7. Winnicott und der brasilianischekulturelle Boden


Sobald uns klar ist, dass die Neurose psychisch vom Vorgang der Verdrängung charakterisiert wird, folgt für uns
daraus, dass die brasilianische Gesellschaft nicht entsprechend dem Neurosenmodell strukturiert ist. Selbstverständlich
gibt es in jedem Land und in jeder Kultur Neurotiker. Wenn wir jedoch mit den Mitteln der Metapsychologie ein
umfassendes Bild zeichnen wollen, können wir es mit dem in einer Kultur vorherrschenden Ich-Ideal als einem von
ihren Mitgliedern geteilten Wert vergleichen. Man mag die Behauptung aufstellen, dass das viktorianische Zeitalter mit
seinem extremen Moralismus die Verbreitung der Neurose beeinflusste und dass die Gegenwart von einem hohen
Auftreten von Borderline-Fällen gekennzeichnet wird. In diesem Sinne können wir auch in Betracht ziehen, dass eine
Kultur mit ihren intrinsischen Werten, ihren sozialen Gepflogenheiten und ihrer Weltsicht einen bestimmten psychischen
Ausdruck begünstigt. Wie jenseits der unvermeidlichen stereotypen Zu schreibungen bekannt ist, besitzen wir in
Brasilien eine Mischlingskultur mit einer Bereitschaft, Unterschiede aufzunehmen, und einer Rassenmischung sowie
ökumenische und synkretistische Glaubensvorstellungen. Infolge der Woche der Modernen Kunst von 1922
veröffentlichte Oswald de Andrade 1928 sein Anthropophagisches lvfaniJest (de Andrade, 1990). Er ließ sich von der
kannibalistischen Kultur der brasilianischen Indios inspirieren, die ihre kriegerischen Rivalen aus Respekt aufaßen, um
ihre Eigenschaften zu erlangen. De Andrade unterbreitete mit deutlicher Wertschätzung (das heißt in Wahrheit
bejubelte geradezu) die kreative Inkorporation fremder Kulturen, wofür er den Begriff des »kritischen Verschlingens«
prägte. Diese Hauptbewegung der brasilianischen Moderne beeinflusste andere kulturelle Bewegungenwie die Bossa
Nova und den Tropikalismus; sie verleiht damit etwas einen Ausdruck, was man als brasilianisches soziales Subjekt
bezeichnen kann und was in der Gesellschaft irgendwie präsent ist, unvermuteter Weise sogar bei jenen Menschen, die
sich für diese Weltsicht gar nicht aktiv entschieden haben. Diese Strömungen stellen so etwas dar wie einen
erkenntnistheoretischen und kulturellen Boden oder auch geschichtliche und Umweltbedingungen der Psyche. Dies
findet sich in' allen Kulturen wieder. Es gibt einen gemeinsamen kulturellen Boden, der die psychische Verfasstheiz der
einzelnen Mitglieder einer Kultur durchdringt, unabhängig davon, ob das zugehörige Individuum dem kulturell
übermittelten und weitergereichten impliziten edankengut zustimmt oder nicht. Der brasilianische kulturelle Boden
gleicht dem fruchtbaren Boden der tropischen Wälder, die vor Leben überfließen, auch ohne bestellt zu werden. Die
Mischung der Ethnien, zunächst von Europäern mit Indios und Afrikanern, verleiht Brasilien eine Identität, die nicht
feststehend ist und paradoxerweise keine kern hafte Identität bietet. Sie definiert sich aus ihrer Immanenz heraus, ohne
ihren Mitgliedern etwas abzuverlangen. Die Anthropophagie, die Assimilation und die Inkorporation belegen die Stärke
der brasilianischen Identität in ihrer Kom- plexität: Während andere Völker darum kämpfen, ihre Identität beizubehalten,
bemühen die Brasilianer sich nicht im Geringsten darum, irgendeine Identität aufrecht zu erhalten. Vielmehr hat sie mit
Leichtigkeit Bestand, wenn sie die Kulturen verdaut, die hier eintreffen, indem sie sie keineswegs zurückweist, sondern
inkorporiert und vermischt. Das führt dazu, dass sich in Brasilien bereits die erste Generation von Kindern
eingewanderter Eltern völlig brasilianisch und integriert fohlt, ohne dass von ihnen verlangt wurde, ihre Wurzeln
preiszugeben, während beispielsweise in einigen europäischen Ländern die Immigranten zu Fundamentalisten und
Integralisten werden - bestimmt weil sie den Eindruck gewinnen, sie müssten ihre kulturellen Ideneiearen aufgeben.
Menschen aller Herkunft sind willkommen und werden spontan zu Brasilianern, auch wenn sie die Sprache nur mit
starkem Akzent und unvollständig beherrschen. Diese kulturelle Anthropophagie mit der ethnischen und kulturellen
Vermischung, der Aufnahme verschiedener Rassen und dem religiösen Synkretismus erzeugt einen immanenten
kulturellen Nährboden, der meiner Meinung nach weit entfernt ist von jenen Wertvorstellungen, die allgemein die
typischen Bedingungen für eine Neurose bilden. \ Der Ödipuskomplex beschreibt die Entwicklung einer psychischen
Struktur von Verdrängung und Neurose (Freud, 1923b). In idealen und aus heuristischen Zwecken sicherlich
vereinfachenden Begriffen könnten wir die Behauptung aufstellen, dass ein in einer symbiotischen Beziehung mit seiner
Mutter lebender Junge, dessen Vater emotional abwesend ist, diese symbiotische Beziehung erweitern und vertiefen
will. Im Vater sieht er daher einen Rivalen, mit dem er um die ausschließliche Liebe der Mutter kämpft. Zu diesem Bild
kommt noch die viktorianische Moral hinzu, der zufolge die Mutter moralisch und sexuell dem Vater unterworfen ist.
Auch wenn sie gehorchen mag, ist sie mit dieser Situatio unzufrieden und zieht in irgendeiner Form die Beziehung zum
Sohn jener zum Ehemann vor. Dieser unterbindet dann die symbiotische Beziehung, und beim Sohn führt die Kastration
zu einem Verdrängungsvorgang. Der Sohn verinnerlicht die kulturellen und die väterlichen Ideale, indem er begreift,
dass ein Gesetz und ein Verbot für ein befriedigendes Funktionieren der Gesellschaft notwendig sind. Auf diese Weise
entsteht in ihm ein Über-Ich, das so brutal und fordernd ist, wie sein Freiheitswille stark war. (Die weibliche Neurose
richtet sich am Hysteriemodell aus.) Aber Verdrängung wovon? In erster Linie natürlich von sexuellen Triebregungen.
Aber es gehört auch noch sehr viel mehr dazu wie etwa die Unterdrückung des Glaubens an die eigene Kreativität und
Einzigartigkeit. Die Kastration weist auf den Einschnitt in der Potenz hin - nicht nur auf den Respekt vor Grenzen im
Allgemeinen, sondern insbesondere auf jene bestimmte Form, die sich aus der Annahme ergibt, Grenzen seien
untlexibel, weil ohne sie das Leben nicht möglich wäre. Die Neurose, die Verdrängung und die Kastration stellen sich in
dieser Sichtweise als etwas dar, ohne das wir eine Psychose, Grenzenlosigkeit, Abhängigkeit, ein Delirium,
Regellosigkeit und Selbstverlust erleiden. Neurotisches Leiden ist der Preis, den man dafür zahlt, psychotisches Leiden
zu vermeiden. Lacan beschrieb eine dritte Form psychischer Entwicklung, die weder mit der Neurose noch der
Psychose genau übereinstimmt: die Perversion (Lacan, 1987). Wir können sie als eine Verdrängungsstruktur
verstehen, bei der das Subjekt die Verdrängung, das heißt die Preisgabe seines Begehrens, nicht akzeptiert. Da dieses
Begehren jedoch als gefährlich, verboten und moralisch inakzeptabel und die Verdrängung als für die Lebensführung
unerlässlich hingestellt werden, manipuliert das Subjekt die anderen unbewusst, um seine Ziele eines grenzenlosen
Genusses zu erreichen, eines nicht authentischen Vergnügens, das eigentlich mehr eine Reaktion auf und eine Revolte
gegen die von ihm so empfundene Ungerechtigkeit des Verbotes darstellt. Seit der Zeit Freuds stieß außer der
Neurose, der Psychose und der Perversion eine weitere psychische Entwicklungsform auf Aufmerksamkeit. Da diese
weder zur Neurose gehörte noch zu den eigentlichen Charakteristika der Psychosen passte, wurde sie als Grenzfall
oder Borderline bezeichnet. Wir könnten es vielleicht so sagen: Während der Perverse wegen seines Aufstandes gegen
die stattgefundene Verdrängung ein ungehorsamer Neurotiker ist, ist der Borderliner jemand, bei dem die Verdrängung
es nicht geschafft hat, eine psychische Struktur auszubilden, der aber auch nicht die Fragmentierung des Psychotikers
aufweist. Wir wollen diese Metapsychologie auf heuristische Weise vertiefen, diesmal allerdings mit Winnicorrs Hilfe.
Wie wir bereits sahen, erkannte Winnicott in der Psychose Eigenschaften und Aspekte, die gesünder sind als jene der
Neurose. Diese Eigenschaften sind bei einigen Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeit ohne das intensive Leid
der Psychose mithin leichter beobachtbar, In Winnicorrs Beschreibung der emotionalen Entwicklung und Reifung des
Säuglings passt sein Bild von seelischer Gesundheit weder zur Neurose noch zur Psychose, und viel weniger noch zur
Perversion - und zwar bezogen auf die primitiven und kreativen Elemente im Menschen. Wenn dem Baby eine
empfangsbereite Umwelt – beginnend bei der Umwelt-Mutter - begegnet, ergeben sich, wie schon festgestellt,die
Grenzen allmählich und nicht etwa unvermittelt durch den Ödipuskomplex. Sie ergeben sich aus der eigentlichen
Handhabung des Säuglings, aus den eigentlichen Umrissen des »holdings« und aus dessen unvermeidlichen milden
und eventuell auch größeren Mängeln, solange diese kein traumatisches Ausmaß annehmen. Ein Kind mit einem
solchermaßen integrierten Selbst und einem auf soliden Grundfesten errichteten Ich bedarf keiner väterlichen
Kastration, um in die Sphäre der Kultur einzutreten. Seine Ich-Ideale sind eigentlich Selbstideale. Winnicott beschreibt
dies als den Wunsch, die eigenen Erzeugnisse mit jenen der Kultur zu teilen getragen von der Überzeugung, dass
diese Beiträge für die Gemeinschaft genauso hilfreich seien wie die der anderen für einen selbst. Dergestalt erscheint
die Kultur nicht als Zivilisation, sondern vielmehr als potenzieller Raum für Übergangsphänomene und für die Interaktion
zwischen den kreativen Innenwelten eines jeden einzelnen innerhalb einer von allen geteilten Wirklichkeit. Das
Hineinwachsen des Kindes in die Kultur findet von Anfang an und auf allmähliche Art statt ohne irgendeine
Notwendigkeit von Kastration oder Verdrängung. Die Abwesenheit einer strukturellen Verdrängung bildet den Garanten
der Kreativität, das heißt des Kontaktes mit den Ursprüngen des Seelenlebens und dem schöpferischen Erleben.
Winnicott beschreibt diese Übergangserfahrung als etwas, das ein Gefühl von Lebendigkeit und Sinnhaftigkeit im Leben
ermöglicht. \ Beispielsweise einer ungeliebten Arbeit nachzugehen, wie es ein Modell zivilisatorischer Erfordernis und
der Stolz des viktorianischen Zeitalters zugunsten eines reibungslosen Funktionierens der Gesellschaft war, wird von
einem Menschen mit einer Borderline-Störung kaum oder gar nicht toleriert. Dieser hat das Gefühl, das Leben sei viel
mehr wert, wenn das Realitätsprinzip dem Lustprinzip nicht entgegensteht und auch nicht dessen Aufschub bedeutet,
sondern wenn diese beiden Prinzipien eng miteinander verflochten sind. Obwohl in Brasilien alle Menschen arbeiten, in
der Regel auch viel und zudem häufig in einem Bereich, den sie nicht mögen, wie in allen Ländern, besteht ein
allgemeines Gefühl, dass harte Arbeit sich nicht lohnt, nicht den Aufwand und nicht den Preis des Lebens. Diese den
Tropen und der tropischen Lethargie zugeschriebene Trägheit war einst Zielscheibe für die Klagen der Europäer, die
hier eintrafen. Heute jedoch ist sie Gegenstand der Bewunderungjener Europäer, die hierherziehen. Sie kommt in der
Popmusik> spontan zum Vorschein ohne dieAbsichten einer Karikatur, eines Klischees oder eines Stereotyps. Auch
wenn die Lieder nicht wirklich die Realität wiedergeben, so zeigen sie doch einen Wunsch, einen gemeinsamen Wert
und eine Geisteshaltung auf. Sie bringen die Empfindungen ihrer Komponisten zum Ausdruck, und weil sie auch die
Gefühle ihrer Zuhörer treffen, sind sie so erfolgreich. Viele sind aus demselben Geist heraus geschrieben, und ich
zitiere hier einige aus den 1970er und 80er Jahren, die bis heute zu den erfolgreichsten brasilianischen Stücken zählen.
Sie sagen beispielsweise: »Geh' mir nicht mit diesem Gequatsche von einem Job auf die Nerven; ich will meine Ruhe.«
(Ndo quero dinheiro [Ich will kein GeldJ von Tim Maia, 1971); »Geh' arbeiten, Penner, bring deine Papiere in Ordnung,
sternpel' dein Herz ab, verlier' nicht eine Minute, verlier' den Verstand! Du kannst die Mulattin vergessen, du kannst das
Billard vergessen; versuch' an die Zukunft zu denken, bring' deine Versicherung auf Stand; du kannst deine Krawatte
zuschnüren, geh' dich aufhängen, ergib dich, mach' dich kaputt, geh' arbeiten!« (Vcti trabalhar vagabundo [Geh'
arbeiten, Penner] von Chico Buarque de Hollanda, 1973); »Geld bindet mich nicht fesr« (Beleza pura [Reine Schönheit]
von Caetano Veloso, 1979); »Ich habe schon Autos gefahren, ich habe schon Kapital aufgezehrt, ich habe entschieden,
dass mir das Geld meinen Frieden nicht wert ist. Ich bin nicht zum Arbeiten geboren, ich bin nicht zum Leiden geboren,
ich habe verstanden, dass es im Leben viel Wichtigeres gibt als zu gewinnen. Lasst uns tanzen, solange noch Zeit ist,
uns dem Leben hingeben.« (Jlamos dancar [Lasst uns tanzen] von Ed Motta, 1988). Es mag gemeinhin so empfunden
werden, dass wiederkehrende oder bürokratische oder generell Arbeit in einem ungeliebten Bereich eine Last darstellt.
Doch in Brasilien erlebt man sie nicht nur als eine Last, sondern als möglicherweise unnötiges Leiden, auch wenn sie
dafür einen Ausgleich bringt und für die meisten Menschen unumgänglich ist, die sich ihr dennoch zu entziehen
versuchen, um sich mit etwas Lohnenderem zu beschäftigen. Wir können sehen, wie Chico Buarque in seinem Lied die
Arbeit eines Krawartcntrager, ritisiert, der ein gegenwärtiges Vergnügen zugunsten einer zukünftigen Sicherheit aufgibt;
Tim Maia lehnt insbesondere einen Job, eine Lohnarbeit ab; Caetano stellt klar, dass Geld für ihn keinen so großen
Wert bedeutet, dass er sich aufirgendetwas festnageln lassen würde; und Ed Motta sieht keinen Vorteil darin, seinen
Seelenfrieden für materielle Besitztümer herzugeben, die der Kapitalismus als weltweit begehrenswert hinstellt. In
diesem Sinne erlaube ich mir einige Kommentare. Die Fabel Die Grille und die Ameise': endet in einer brasilianischen
Version nicht mit der moralischen Be- lehrungvonseiten der Ameise, die geschuftet hatte, um für die Kälte des Winters
gerüstet zu sein, sondern mit den Worten der Grille, die zur Freude der Ameise aufspielt. Diese bezahlt die Grille für
ihre künstlerische Anstrengung mit dem Ertrag ihrer eigenen, harten Arbeit. Man berichtet, General De Gaulle habe
1962 als französischer Präsident gesagt: »Brasilien ist kein ernsthaftes Land.« 7 Ob dieser Satz nun tatsächlich fiel
oder nicht: Wenn etwas schief geht, kritisieren sich die Brasilianer unter Berufung auf ihn, doch zugleich sind sie stolz
auf dieses Image, weil sie den Mangel an Ernsthaftigkeit assoziieren mit ihrer Fähigkeit, zu spielen und als wirklich
wertvoll das zu schätzen, was keinen Preis besitzt: den Genuss des Lebens frei von Schuldgefühlen. Man erzählt sich
einen Witz über die Einwohner des Bundesstaates Bahia, der sie als bequemlich erscheinen lässt: Ein Herr aus Bahia
fragt seine Gartin, ob es im Haus noch Antidot gegen Schlangen gebe. Sie bejaht, und er bittet sie, es ihm zu bringen,
weil sich eine Schlange seiner Hangernarte nähert. Die Moral der Ges~ hichte lautet, d~ss er seine wohlige R.uhe nicht
aufge~en ~löc~te unl~ das Risi~o eines Schlangenbisses. der durchaus seinen Genuss beemtrachngen könnte, dafür
hinnimmt. Die Redewendung, dass »der Bahianer nicht geboren Jird, sondern Premiere feiert«, kommt nicht von
ungefähr: als ob das Leben eine Bühne, eine Kunst, ein Theater oder - um es mit einem Begriff aus Winnicotts Theorie
zu sagen - ein Spiel wäre. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Brasilien in der weltweiten Wahrnehmung durch seine
Musik, seinen Fußball, seinen Karneval und seine Strände herausragt, aber auch mit seinem »jeitinho « (einer
informellen Art, die Regeln auszuhandeln, ohne dass jemand allzu großen Schaden nimmt), seinem
Einfühlungsvermögen, seiner Zuneigung und seiner Herzlichkeit (Buarque de Holanda, 1995, insb. Kap. V: »Der
herzliche Mensch«). Die brasilianische Kultur wird vom Wunsch geprägt, in keinen Konflikt verwickelt zu werden: nicht
in Kriege (was die Diplomatie als soft power bezeichnet) und nicht in Meinungsverschiedenheiten. Diese Fähigkeit zum
Zeitvertreib, zum Spiel und zum Empfinden von Freude mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten und negativen
Seiten (Martins, 2013a, b) (die, allgemein gesagt, mit der WirtSchaft, der Korruption und der städtischen wie auch
ländlichen Gewalt zu tun haben) lässt sich weder mit der Neutose noch der Psychose noch der Perversion auf einen
Nenner bringen. Für Brasilien liegt die kulturelle und politische Herausforderung im weiten Sinne darin, seine
Selbstwahrnehmung zu schärfen, um dem Begehren des (kleinen) anderen und der peripheren Position, an der es sich
psychologisch befindet, zu entkommen. Diese nannte der brasilianische Dramaturg Nelson Rodrigues den
»Straßenköterkomplex« (Rodrigues, 1993, S. 51f.). Die Entwicklung sollte dahin zielen, sich dem Begehren des
(kleinen) anderen zu entziehen, aber nicht, um sich dem Begehren des (großen) Anderen anzupassen - denn dieser
stellt das europäische ontologische, metapsychologische und kulturelle Modell dar, das ein von der Verdrängung
aufrechterhaltenes symbolisches Gesetz voraussetzt -, sondern um eine schöpferische, synkretistische und
integrierende Beziehung mit der Welt einzugehen. In zahlreichen Interviews sprechen Europäer und Nordamerikaner
davon, dass Brasilien sich aufgrund seiner einzigartigen Kultur und seines besonderen affektiven Zugangs zu den
übergeordneten Fragestellungen, die alle Länder bewegen, zu einem Vorbild für die Welt entwickeln kann,
vorausgesetzt, es gelingt ihm, seine inneren Probleme zu überwinden. Deren Lösung wird sicherlich nicht von einer
Nachahmung der wirtschaftlich erfolgreichen Modelle der Ersten Welt ermöglicht werden. Wir hatten damit keinen
Erfolg, da unsere Kultur und unsere grundlegendsten Werte mit dem Produktivitäts modell dieser Länder und vor allem
mit dem dafür zu entrichtenden Preis nicht vereinbar sind. Doch selbst wenn die Nachahmung erfolgreich verliefe,
geschähe dies zum Preis des Verlustes unserer am tiefsten verwurzelten kulturellen Eigenschaften, die Brasilien zu
einem Gegenentwurf zur neoliberalen Welt und zu einem Alternativmodell der Emotionalität und des In-der-Welt-Seins
werden lassen. Was abgesehen von der Wirtschaft bei den kulturellen Werten auf dem Spiel steht und was sich in der
psychoanalytischen Praxis widerspiegelt, versteht sich - weil es
gelebt und gespürt wird - als existenzielle Freiheit, als seelische Gesundheit, als Sehnsucht nach Frieden und Eintracht,
nach Kunst und nach einem lebendigen und kreativen Gefühl in der Erfahrung des Lebens.
Übersetzung: P Theiss-Abendroth 175
CAP 7
Geschichte und Geschichten (Hest6rias) der Psychoanalyse Ein kinematografischer Essay über die Geschichte
der Psychoanalyse in Brasilien
Francisco Capoulade

Auf den ersten Blick scheint die Beziehung zwischen der Psychoanalyse und dem brasilianischen Volk (»povo «)
irgendwie Nonsens zu sein, etwas, das sich weder zusammenfügt noch leicht verbinden lässt, etwas Bizarres bezüglich
der Erlesenheit oder in anderer Weise ausgedrückt: Die Notwendigkeit einer Psychoanalyse scheint für ein Volk, das
seine Sexualität frei und offen und ohne Verdrängung auslebt und den Karneval als größte Ausdrucksform der
Triebrealisation besitzt - wobei die Triebe eben keine Probleme für uns sind -, wenig Sinn zu machen. In diese
Kategorie gehören auch die Herzlichkeit und Höflichkeit, unbezweifelbare Kennzeichen eines Volkes, das bekannt dafür
ist, einen Fremden und Reisenden besser aufzunehmen als einen der Ihrigen. Und es nimmt ihn nicht in irgendeiner
Weise auf, sondern immer mit Freude. Das wird an dem Lachen der Gesichter in jeder möglichen Hautfarbe erkennbar,
die ein Ergebnis der paradiesischen Mischung der Leiber ohne Sünde und Schuld sind. Körper, von denen man sagt,
sie seien von Peitschenschlägen, Ketten, Handschellen und anderen Folterinstrumenten gekennzeichnet gewesen.
Dies ist aber eine andere Sache. Man erlaube mir von Wundern (»milagres«) meines Landes und Volkes zu sprechen.
Die brasilianische Bevölkerung ist ein glückliches Volk und demonstriert dies geradezu mit seinen Füßen. Brasilien der
Sinhös, Peles, Cartolas, Noel Rosas, Garrinchas, Bete Carvalhos, Rivelinos, Ary Barrosos, Romarios, Ronaldos und
vieler anderer: Samba und Fußball, eine perfekte Mischung. Möglicherweise ist unsere Fußballtradition im Ausland
bekannter als der Samba, denn wir waren fünfmal Fußballweltmeister. Im Jahre 1958 gewannen wir in Stockholm das
erste Mal die Fußballweltmeisterschaft. Wir waren zu jenem Zeitpunkt und sind noch immer das erste Fußballteam, das
eine europäische Mannschaft auf europäischem Boden geschlagen hat. Ja, wir sind im wahrsten Sinne das Vaterland
der Fußballspieler. Auf meinen Reisen durch die Welt stellte ich immer wieder fest, dass man in Zusammenhang mi t
Brasilien und seiner Freude unausweichlich auch von Fußball spricht. Das ist berechtigt, denn der Fußball ist eine
nationale Leidenschaft, etwas, das man im Leib spürt, das jeden Brasilianer durchströmt, wie auch der Samba. Es ist
eine Kraft, die uns jeden Sonntag und auch an anderen Wochentagen zum heiligen Tempel des Fußballs trägt, in die
Stadien. Sei es durch das Fernsehen, sei es in loco, wir bewegen uns dort voller Begeisterung. Bei jedem Dribbling, bei
jedem Pass, bei jedem Abspiel, bei jedem Tor vibrieren wir in einer unerklärlichen Weise. Manchmal begeht eine
Minderheit wenig liebenswürdige Handlungen und dies kann einigen Streit in den Stadien und sogar auf den Straßen
auslösen. Aber dies ist ein anderes Thema. Wir können auch gut unsere Hände und Arme gebrauchen. Wir geben uns
die Hände in unserem religiösen Verhalten (»profissoes de fe«). Wir umarmen uns brüderlich in den Kirchen,
Kultzentren, während des Gottesdienstes, auf den Plätzen und in den Tempeln. Wir vermischen die Heiligen und die
»orixas «, die Trommel und die Gitarre, die Saite und die Kette, und beten alle gemeinsam ( an. Wo, mein Gott, ist dies
in dieser Welt möglich? Die Arme vereinigen sich ohne Vorurteile, alle mit Glauben und Glut im Herzen. Ein wirklicher
religiöser Synkretismus. Manchmal erheben sich jedoch einige (kleine) Stimmen mit der Absicht, diesen Typ des
Handelns anzuklagen. Da dies aber keine weitreichenden Konsequenzen hat, lassen wir dieses also problemlos
beiseite (»pra la «}, Wenn gewisse Engpässe und Probleme auftreten, erweist sich das brasilianische Volk im
Allgemeinen als sehr kreativ. Es erfindet innovative Lösungen für konflikthafte Situationen und für scheinbar unlösbare
Probleme. Es fällt ihm leicht, »sich zu drehen und wenden« (»se vira «), Die Menschen in Brasilien besitzen immer
»jeito «! (Geschick, Talent etc.) für alles, den berühmten »jeitinho brasileiro «. Ein gutes Beispiel dafür ist der Ausdruck
»para ingles ver«? (damit es der Engländer sehen kann, das heißt, sie wollen es dem Außenstehenden, dem Anderen
zeigen). Obwohl es keine offizielle Version über seinen Ursprung gibt, ist die des Philologen joäo Ribeiro (1860-1934)
die bekannteste, da sie sehr klar die Inkraftsetzung von etwas gemäß der äußeren Erscheinung, aber ohne völlige
Übereinstimmung damit hervorhebt, das heißt, dass man eine Situation tarnt, als ob alles in Ordnung wäre. Es ist wahr,
dass dies auch übertrieben werden kann, wie wir bei der Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien
beobachten können. Der» kleine« Fehler in der Planung des (Wieder- )Aufbaus der Stadien - in einer klaren und
objektiven Politik der Investierung in Bildung, Freizeit, Sport und Mobilität, durch die ein solches internationales Ereignis
entwickelt werden könnte - zeigt sich darin, dass strukturelle Veränderungen in den bestehenden Projekten, das heißt in
dem bereits errichteten Modell, vorgenommen werden, an die man zu Beginn der Planung dieses Ereignisses
überhaupt nicht gedacht hatte. So wird eine Reorganisation nach Art des »jeitinho brasileiro « durchgeführt - etwas, das
selbstverständlich von allen Brasilianern genutzt wird. Manchmal stellen einige Mitbürger dieses Prozedere, diese Form
der Zusammenhänge infrage, aber das ist nur jeder Fünfhundertste. Man kann stundenlang am Stück über die
verschiedenen Aspekte des brasilianischen Volkes schreiben. Es ist außerdem ein' freudiger Genuss, da es einige
angenehme Erinnerungen in mir hervorruft. Da hier aber wenig Platz zur Verfügung steht und der Zweck ein anderer ist,
möchte ich nur noch einen Punkt vorstellen: die Fähigkeit zu lachen. Das brasilianische Volk hat die Fähigkeit, über
seine Probleme zu lachen und Witze über das eigene Missgeschick sowie über das der Mitbürger zu machen, denn
schließlich ist GOtt ein Brasilianer und wird uns im letzten Moment retten. Wir sind ruhig, denn alles wird letztendlich gut
enden und zudem können wir spielen. Ich muss bekennen, dass mich diese Praktik schon oftmals gerettet hat. Über
mich selbst zu lachen, über meine eigenen Makel und Fähigkeiten, erscheint mir wie eine Erleichterung. Aber auch über
die anderen zu lachen, ist ein wesentlicher Teil dieses Themas. Dies ist bekanntlich sehr unterhaltsam und bewirkt,
dass wir uns näherkommen können. Da wir als Brasilianer unterhalb der Äquatorlinie leben, auf einer Erde, auf der alles
wächst, was man pflanzt, warum also nicht lachen? Außerdem besitzen wir die schönsten Frauen und die fesselndste
Musik und nicht zu vergessen, die paradiesischsten Landschaften, Strände, Gebirge, Landstriche etc. Das alles
wenigstens auf den ersten Blick. Man verzeihe mir diesen Exzess an Ironie, aber diese Ausdrucksweise ist auch ein
»jeito « des Brasilianers. Diese mythische Karikatur des brasilianischen Volkes findet man üblicherweise in kurzen
Unterhaltungen im Ausland und ich sage selbst in Brasilien. Ich erinnere mich an einen französischen Freund, der mir
kürzlich sagte, nachdem ich ihm von diesem Essay erzählt hatte, »dies ist der brasilianische Mythos«. Ich dachte sofort,
»ich stimme zu «. Die Menschen betrachten Brasilien und sein Volk im Allgemeinen aus der Sicht dieses anfänglichen
und konstituierenden Mythos. Dieser ist weder gänzlich wahr noch unwahr, denn man kann in ihm viele sehr lebendige
Elemente unserer brasilianischen Kultur vorfinden. Es existieren jedoch tiefer gehende Fragen, wenn wir uns
tatsächlich entscheiden, die Verfassung (» conscicuicäo« ) des brasilianischen Volkes zu erforschen, mit dem Ziel zu
enthüllen, was verborgen ist. Auf diese Weise ergibt sich die Möglichkeit einer neuen symbolischen und körperlichen
Ordnung, um in einem unabgeschlossenen Versuch die Verdrängung zu überwinden, die wir uns attribuieren. Es ist
überhaupt nicht leicht, zu diesen Fragen zu gelangen. Darcy Ribeiro (2008) hat bereits sehr klar darauf hingewiesen,
dass uns ein Verständnis für die Dimension der selbst erlebten Geschichte fehlte und noch fehlt beziehungsweise für
die sehr eigemümlichen Ereignisse sowie für das eigene Volk, das sie erlebte. Diese Aussage steht in völliger
Übereinstimmung mit seiner Position, wie sich das brasilianische Volk heraussgebildet hat. Es handelt sich um die in
Brasilien realisierte Mischung: Denn »wir sind hervorgegangen aus--d-e-m Zusammenfluss, aus dem Zusarnrnenprall,
aus der Verschmelzung«, um die Worte D. Ribeiros zu verwenden, »des portugiesischen Invasors mit den
waldbewohnenden und Landbau betreibenden Indigenen und den Afrikanern, von denen einige zur Sklaverei verführt
wurden« (Ribeiro, 2008, S. 17). Mischung (»mistura«) ist ein Schlüsselbegriff, um die Konstitution des brasilianischen
Volkes zu verstehen. Man kann dies auch im Denken Sergio Buarque de Holandas, in seinem Werk Ratzes do Brasil
(Wurzeln Brasiliens), beobachten. In der Auffassung Riberos können wir jedoch besser die funktionale Disposition jeder
einzelnen Person in diesem historischen Prozess verstehen. Dies führte ihn zu der Feststellung, dass das Ergebnis
einer solchen Konstitution eine einzigartige nationale Erhnie ist, differenziert durch die sich bildenden Matrizen und
reguliert durch einen einzigartigen kulturellen Synkretismus, der die kulturelle Vielfalt, die am Anfang dieses Prozesses
bestand, wiederspiegelt. In diesem Sinne scheint es, dass Gilberto Freyre den durch die Kolonisierung geprägten
Charakter des Brasilianers infrage stellt. In seinem Werk Casa Grande e senzala (1933,2003) sehen wir, dass Freyre
versucht, auf eine neue Konzeptionsweise die Erfahrung der Gewalt, durch die wir gebildet wurden, zu verteidigen. Die
Autokolonisation (» aucocolonizacäo« ) ist ein von ihm verwendeter Term inus, mit dem er zum Ausdruck bringen will,
dass sich die Art und Weise, die der Brasilianer fand, um diese Gewalt zu überwinden, in anderen Begriffen bewegt - in
sehr charakteristischen, wie man beiläufig sagt, und extrem mehrdeutigen. Unsere Sprache, die von unserem
Ausbeuter stammt, ist außerdem ein gutes Beispiel dafür. Wir eigneten uns die portugiesische Sprache an, ihre
grammatische Struktur und einen Großteil ihres Wortschatzes, der durch eine komplett andere den indigenen und
afrikanischen Sprachen und Dialekten entstammenden Lexik ergänzt wurde und den man auch nach besonders
eigentümlichen grammatischen Regeln verwendete. Dergestalt ist schließlich unsere Sprache eine andere, eben das
brasilianische Portugiesisch oder wie es die Vertreter der Avantgarde sagen, einfach die »brasilianische« Sprache. Das
Aushalten dieser Ambiguität beziehungsweise dieses unsicheren Lebens, das weder den auferlegten Prozess der
Kolonisation verneint noch bestätigt, reflektiert ein wenig die Art und Weise, wie das brasilianische Volk mit der gegen
sie gerichteten Gewalt fertig wurde und wird, oftmals eben diese gleichermaßen reproduzierend. Einen signifikanten
Teil dessen kann man im verschleierten Vorurteil gegenüber Afrobrasilianern (»negros«), Frauen und Homosexuellen
bei so vielen anderen Mitbürgern beobachten. Die Mühe ist es wert, diesen Sachverhalt ein anderes Mal ausführlich zu
besprechen. Was das physische Brasilien betrifft, das Gilberto das» richtige Brasilien« (»Brasil direto «] nannte
beziehungsweise das Brasilien der tropischen Urwälder, der sommerlichen Meere, der Wasserfälle, des
Mondenscheins im Serräo, das von nationalen Künstlern so sehr in ihren Liedern und Gedichten gepriesen wurde, so
kommt hier diese reale Brutalität wie ein fundamentales Element hinzu oder um es anders zu sagen: als
konstituierendes Element des Daseins des brasilianischen Volkes. Diese Denkrichtung findet sich auch bei D. Ribeiro.
In seinem Buch 0povo brasileiro (Das brasilianische Volk) heißt es nämlich, die zugrunde liegende ethnische Einheit
sei keinesfalls uniform, und zwar in dem Sinne, dass unterschiedliche Kräfte auf sie eingewirkt haben. Zudem ist die
Geografie Brasiliens unermesslich und sehr vielfältig und sie erfordert eine besondere regionale Anpassung durch die
Brasilianer, was wir die ökologische Macht (»forc,:a«) nennen können. Diese Macht lässt sich, so D. Ribeiro, in zwei
weitere Bereiche aufteilen, nämlich in den der Ökonomie, die sich gemäß der Eigenart und der typischen Lebensweise
jeder Region unterscheidet, und der Migration, die in diese strömende soziale Masse eintrat und einen Beitrag mit
neuen menschlichen Kontingenten lieferte. Diese ganzen spannungsreichen Kräfte erlauben schließlich keine
Einheitlichkeit und verhindern oftmals das Verständnis dafür, was das brasilianische Volk ausmacht. All diese
Gedanken erlauben uns sowohl den oben angeführten brasilianischen Mythos als auch das portugiesische und
allgemein das europäische Verständnis, das sie bezüglich des brasilianischen Volkes haben, infrage zu stellen. Da die
Besonderheiten von solch tiefem Format sind, übersteigern sie völlig das eurozentrische Verständnis für die Neuheit
der »Rassen« - und Kulturmischung. Doch gerade diese Mischungen könnten einen großen Beitrag Brasiliens für die
Welt bedeuten. Nichtsdestotrotz handelt dieser Essay weder von der Identität des brasilianischen Volkes, noch bestätigt
er, dass eine solche Identat wirklich existiert. Die hier angestellten Betrachtungen intendieren vor allem, den Kontext mit
einer wichtigen Diskussion, die gegenwärtig stark an Bedeutung gewinnt, herzustellen. Es geht nämlich darum, wie die
Psychoanalyse grosso modo in Brasilien und von den Brasilianern rezipiert wurde. So werden wir uns nicht mit den
Bedingungen ihres Erscheinens und ihrer Entwicklung in Europa aufhalten, sondern wir werden versuchen Fragen
aufzuzeigen, die wir in dem weiteren Verwirklichungsprozess eines Dokumentarfilmes über die Psychoanalyse in
Brasilien bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt für wichtiger erachten. Bevor ich Einzelheiten in Bezug auf die
Verwicklungen dieser Filmproduktion schildere, will ich noch einige kleine Gedanken äußern, die uns zu den
Hauptfragestellungen geführt und schließlich zu diesem in Brasilien noch nicht veröffentlichten Projekt ermuntert haben.
Einige brasilianische Autoren haben schon diese und andere Fragen bezüglich der Geschichte der Psychoanalyse in
Brasilien diskutiert. Viele bereits existierende Produktionen dienten uns zu Beginn als Material für dieses filmische
Forschungsprojekr. In diesem Sinne halten wir es für sinnvoll mit den Betrachtungen der französischen
Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco über die Bedingungen der Durchsetzung der Psychoanalyse in einem Land
zu beginnen. Gemäß Roudinesco (1999) benötigt die Psychoanalyse hierfür wenigstens zwei wichtige
Voraussetzungen: erstens eine nicht totalitäre Gesellschaft, einen Rechtsstaat, der eine freie Assoziation des Bürgers
beziehungsweise der Worte garantieren kann, und zweitens die Substituierung der religiös geprägten Interpretationen
der »Verrücktheit « (»loucura«) durch eine psychiatrische Deutung. Diese beiden Bedingungen versuchen einem
gewissen Rigorismus zu folgen, um die Formen des Eindringens der Psychoanalyse in andere, nicht deutschsprachige
Kulturen aufzuhellen und zugleich ein Muster dafür zu bilden, wie ihre Entwicklung in einer neuen Kultur gemessen
werden kann. Wir müssen uns jedoch fragen, in welchem Maß diese Voraussetzungen als Parameter der Verifizierung
dienen können, damit wir uns in letzter Instanz Gewissheit verschaffen können - diese strebt man doch an, wenn man
Wissenschaft betreibt -, nämlich über die Wahrscheinlichkeit der Psychoanalysen in dieser Welt. Aber ist es möglich zu
verstehen, das gemäß der beiden oben genannten Bedingungen die Psychoanalyse in Brasilien existiert
beziehungsweise bereits existierte? Wenn wir zum Beispiel das Kriterium betrachten, das eine Substituierung des
Magisch-Religiösen durch einen psychiatrischen Bereich für die Interpretation der» Verrücktheit« (» loucura« ) verlangt,
gehen wir das Risiko folgender Behauptung ein: In Brasilien ist ein solcher Austausch niemals deutlich sichtbar und in
einer klaren Form geschehen, selbst in den heutigen Zeiten nicht, in denen die Wissenschaft zroße Fortschritte
zernacht und einen großen Raum in der Kultur durch die Kommunikationsmedien erlangt hat. Das bedeutet, die
Psychiatrie, die sich im vorigen Jahrhundert durch Juliano Moreira in Brasilien als eine unabhängige klinische Disziplin
etabliert hat, ist dennoch nicht mit der Aufgabe der religiösen Praktiken gleichzusetzen - die im Allgemeinen vom
Synkretismus durchdrungen sind -, um die wissenschaftlichen Erklärungen als wahrscheinlich anzunehmen. Auch hier
zeigt sich wieder eine besondere Art der Mischung, in der sich der Brasilianer aller Formen der Erklärung bedient, um
irgendwie sein Leiden oder das seiner Nächsten zu beenden oder wenigstens abzumildern. Die Menschen in Brasilien
sind nämlich in religiöses, mystisches und spirituelles Volk (Boff, 2014). An diesem Punkt müssen wir den
synkretistischen Charakter des brasilianischen Volkes hervorheben der nur die unterschiedlichsten
Glaubensrichtungen, sondern auch die verschjederisten und oftmals antagonistischen sozialen Positionen miteinander
verbindet, mit dem Ziel einen Glauben (»cren<;:a«) zu bilden, der zur gleichen Zeit geteilt, gemischt und kombiniert ist
(Dunker, 2008). Mit anderen Worten, das brasilianische Volk scheint sich der Wissenschaft in den vorschriftsmäßigen
Proportionen zu bedienen, wie es sich der Religionen bedient, denn die Wissenschaft verlangt auch Glauben (»fe«). Die
zweite Bedingung bezüglich der Notwendigkeit eines Rechtsstaates, der die freie Zirkulation der Worte garantiere,
scheint in ihrer Anwendung auf das brasilianische Volk ebenfalls etwas kompliziert zu sein, da im vorigen Jahrhundert
viele politische Dispute und Spannungen durch die Institutionen der Macht in Brasilien eröffnet wurden. Solche
Momente, in denen der Kongress geschlossen die Stimmen manchmal endgültig - zum Schweigen gebracht wurden,
diente der Demütigung eines Volkes, das Geringschätzung gewohnt ist. Wenn wir also diese zweite Bedingung als
zwingend anerkennen, gehen wir wiederum das Risiko ein, in Brasilien kein günstiges Terrain für die Entstehung der
Psychoanalyse vorzufinden. So kann man das Entstehen solchen Wissens im Laufe von mehr als einem Jahrhundert
dennoch nicht verifizieren. Es ist nicht gedankenlos, wenn uns Professor Dunker (2008) in seiner unermüdlichen Suche
nach einem Verständnis der psychoanalytischen Praxis in Brasilien, die er die Archäologie der Klinik nennt, die folgende
pertinenre Frage stellt: »Warum und wo scheint die Psychoanalyse [gemäß dieser Kriterien] zweifelhaft zu sein«, und
warum »hat [sie] sich dennoc so stark verbreitet?« Dieser Frage beabsichigen wir in der Präsentation des
kinematografischen Projektes zu folgen. Sie zeigt die Richtung, die die Psyche- analyse in ihrer besonderen
brasilianischen Aneignung genommen hat, und somit die unausweichlichen Spannungen auf, die darin konzentriert sind
und im gesamten Prozess der Filmdokumentation sichtbar wurden. In der Behandlung des Themas »die Psychoanalyse
und das brasilianische Volk« können viele Wege gewählt werden. Der Weg, den wir beschreiten wollen, begünstigt in
gewisser Weise die Differenzen zwischen der europäischen und brasilianischen Kultur, denn die klare Zielrichtung
besteht in einem nächsten Schritt darin, den Vergleich zugunsten des Prozesses der Konstitution des brasilianischen
Volkes zu vernachlässigen. Aus dieser Perspektive heraus stellen wir folgende Frage: Wie wurde die Psychoanalyse
von den Brasilianern im Laufe von mehr als einem Jahrhundert» aufgenommen «, »inrerpretierr « und» praktiziert«? Mit
anderen Worten: Es geht mir darum zu erforschen, wie eine Wissenschaft – geschmiedet von den gültigen
wissenschaftlichen Parametern und dem Wunsch SigmundFreuds, konstituiert in einer viktorianischen Kultur am Ende
des 19.Jahrhunderts mit all ihren puritanischen Eigenheiten und in Verbindung mit der Präsenz einer gefestigten
patriarchalen Autorität - ihren Ort in einer durch die »Mächtigen« vergewaltigten und von »Waisen« bevölkerten
Gesellschaft finden konnte? Von hier nehmen viele weitere, zum Teil entscheidende Fragen ihren Ausgang, um diesen
charakteristischen Prozess der Psychoanalyse in Brasilien zu verstehen. Hieraus wurde das kinematografische Projekt
Hestorias da psicandlise geboren, dessen Forschungsziel darin besteht, das Wort den Brasilianern selbst zu
überlassen,die Teil dieses Prozesses waren (oder noch sind) wie oftmals auch ihre ausländischen Brüder, die diesen
historischen Prozess begleiten oder fortsetzen. Was in letzter Instanz damit beabsichtigt wird, ist die Erforschung des
brasilianischen »jeito des Psychoanalysierens«. Unterdessen dürften sich einige Leser gefragt haben, warum es
»Hestorias « und nicht »Historias« heißt? Wir prägten den Terminus »Hestorias «, um die doppelte Dimension, die wir
mit diesem filmischen Projekt bezwecken, zum Ausdruck zu bringen, nämlich die Geschichte (» historia «) zu
diskutieren und darzustellen. Vorerst geschieht dies als eine systematische Studie der vergangenen Ereignisse sowie
als oral übermittelte Geschichten (»estorias«3), die sich ständig in einer charakteristischen und sich erneuernden Form
wiederholen und vielfältige Realitäten konstruieren. Außerdem liegt die Hervorhebung auf dem »Es «, das hier auf das
neutraledeutsche Pronomen »es«4 Bezug nimmt (das Freud gebrauchte, um das Unbewusste zu bezeichnen), was
dem neuen Terminus inen nz besonderen Charme verleiht. Es soll auch daran erinnert werden, dass die Mehrheit der
Linguisten der portugiesischen Sprache nur den Gebrauch des Wortes »hisrorla« empfiehlt.Dennoch Stützt sich der
Terminus »estoria «, der von joäo Ribeiro imJahre 1919geschaffen und durch Guimaraes Rosa im Jahre 1962
unsterblich gemacht wurde,auf einen Brasilianismus, den wir wieder erneuern wollen. Zum jetzigen Zeitpunkt unserer
kinematografischen Erfahrung besteht dieses Projekt aus drei Filmen mittlerer Länge Episoden), die zum Ziel eine
Untersuchung,vor allem der Eigentümlichkeiten der psychoanalytischen Praktik und Lektüre in Brasilien, haben werden.
In Anbetracht der schon genannten Fragestellungen wird versucht, die Zeugnisse der involvierten Personen zu hören
und in Umlauf zu bringen, und zwar in einem gewissen Rahmen des historischen Prozesses. Zur gleichen Zeit kann
man die Frage stellen: Gibt es eine brasilianische Psychoanalyse oder haben wir nur die europäischen Autoren
reproduziert? Ausgehend von solchen Fragen können wir bereits sehr interessante Antworten beobachten und im
Hinblick auf gewisse Strukturen des psychoanalytischen Denkens in Brasilien, die in gewisser Weise eine brasilianische
psychoanalytische Erfahrung signalisieren, sind diese manchmal sogar konflikrhafr. In1 Denken von Freyre zum
Beispiel finden wir eine bedeutende Manifestation dieser brasilianischen Eigentümlichkeit. Er stellt nämlich fest, dass
die brasilianische Psychoanalyse eine instinktive Psychoanalyse (»psicanalise instintiva «5) ist. Bevor Gegenstimmen
sich entschließen, jeglichen Typ von Kritik auf den Begriff »Instinktiv« abzufeuern, ist es notwendig, den großen
Stellenwert, den dieser Terminus in unserer brasilianischen Erfahrung einnimmt, zu verstehen. Der Begriff »Insrinkt «
(»instinto«) ist im Brasilianischen überfüllt mit Bedeutungen, die über eine Exklusivität biologischer Prägung
hinauslaufen. So erinnert Professor Andre Carone in seinem Interview zu Recht daran, dass Machado de Assiss sich
selbst dieses Begriffes in einer weiten und charakteristischen Weise in einem Essay mit dem Titel» Instinto de
nacionalidade« (»Nationalinstinkt «) bediente. Und mehr von dieser eigentümlichen Erfahrung der Aneignung können
wir den Worten Paulo Cesar de Souzas entnehmen, auch aus einem der schon realisierten Interviews für diese
Dokumentation. Hier stellt er folgende Behauptung auf: »Trieb (pulsao) haben die Engel, mein lieber, wir haben
Insrinkte « (zitiert aus seinem einem Freund gewidmeten Buch). Es ist evident, dass dieser Typ der Aneignung nicht die
anderen ausschließt, die sich auf das gleiche Objekt beziehen, zum Beispiel die Verwendung des Begriffes» pulsäo «7
(Trieb), der eine immense Verbreitung in der brasilianischen psychoanalytischen Tradition besitzt. Auf dieser Ebene der
Fragen versuchen wir in der ersten Episode »Leser Freuds « (»Leitores de Freud «), eine interessante Biskussion
bezüglich der Übersetzungen der Werke Freuds ins Brasilianische und die Konsequenzen einer solchen Lektüre sowie
die Art und Weise darzustellen, wie die Brasilianer das Freud'sche Denken in Anbetracht der großen durch
Synkretismus gemischten kulturellen Herausforderungen in Kunst und Wissenschaft verstanden. Einige
Psychoanalytiker und Spezialisten haben sich bereits geäußert und bereicherten mit ihren Aussagen die Debatte.
Leitores de Freud wurde im Juni 2013 aufgenommen und dauert durchschnittlich 50 Minuten. Die anderen beiden
Episoden sind bereits in Arbeit und beinhalten die Frage, in welcher Beziehung die Psychoanalyse zu den Künsten in
Brasilien steht, sowie ihre Rolle in den dunklen Kapiteln unserer politischen Geschichte, die von Gewalt und Diktaturen
durchdrungen war. Ich möchte diesen kurzen Essay mit einer Anspielung auf den Denker und auch Psychoanalytiker
Freyre beenden, der hier bereits oftmals zitiert wurde und der in der brasilianischen Psychoanalyse immer eine Art
großer Spionage (»espionagem «) sah. Solchgearteter Spionage, deren Rolle in einer Unbequemlichkeit und in einer
Beunruhigung liegt, die ausgehend von dem, was er Autokolonisation (»autocolonizas:ao«) genannt hat, die
Konstruktion einer neuen einzigartigen und pluralen Erfahrung innerhalb der geografischen und vielfältigen kulturellen
Dimensionen des brasilianischen Volkes erlaubt. In diesem Rahmen beabsichtigt dieses kinematografische Projekt
anhand der allgemeinen Voraussetzungen unseres Volkes vorzugehen, um den psychoanalytischen Prozess in
Brasilien zu verstehen. Wir sind der Meinung, dass die Rezeption der Psychoanalyse durch eine Kultur immer mit
Risiken und großen Transformationen verbunden ist, sodass die Psychoanalyse scheinbar immer stirbt, sobald sie in
eine neue Kultur eintritt und wieder aufersteht im Rahmen einer neuen Sprache, einer anderen Psychoanalyse. Oder
derselben? Aber dies ist eine andere »Iiestoria «.