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Mönche und Nonnen in buddhistischen Klöstern – bunter

als die grauen Kutten vermuten lassen

Eine kurze historische Einführung

Ein chinesischer König schickte einen buddhistischen Mönch mit Statuen und buddhistischen
Schriften im Jahr 372 n.Chr. nach Korea in das Reich Goguryeo, das nördlichste der drei
Reiche, in das Korea damals geteilt war. Einige Jahre später kam ein indischer Mönch aus
dem Jin-Reich (265-420) in China und der Buddhismus begann sich in Baekje auszubreiten.
Erst im 5./6. Jahrhundert erreichte diese ursprünglich aus Indien stammende Religion und
Philosophie das südliche Shilla-reich. Der koreanische Buddhismus war sehr stark vom
chinesischen geprägt, doch viele koreanische Mönche machten sich nach Indien auf und
übersetzten Schriften aus dem Pali und Sanskrit, den Sprachen in denen die buddhistischen
Schriften zumeist verfasst waren. Viele koreanische Mönche wurden aber auch in China
ausgebildet und verbrachten dort Jahre bevor sie wieder nach Korea zurückkehrten. Der
chinesische Buddhismus war stark durch den indischen geprägt. Das Kushana-Reich (1.-4.
Jhdt n.Chr.) erstreckte sich von Indien über Afghanistan bis in das heutige West-China
(Xinjiang-Provinz) und dominierte die Seidenstraße und garantierte eine ungehinderte
Verbindung von Indien bis nach Korea.

Buddhismus war im koreanischen Mittelalter sehr stark mit dem Staat verbunden und viele
buddhistische Rituale dienten dem Schutz des Reiches. Im 7. Jahrhundert wurden die drei
Reiche unter der Führung von Shilla vereinigt (Vereinigtes Shilla-Reich: 668-935 n.Chr.). Das
stark zentralistische Bone-rank-System, das dem Maitreya-Kult huldigte, bekam in dieser Zeit
Konkurrenz. Lokale Eliten auf dem Land gewannen Macht und unterstützten die neu
aufkommende Zen-Schule. Ihre Macht wurde also auch durch den Buddhismus gegenüber
dem aristikratischen Zentralismus zur Schau gestellt. Das ist der Grund, warum es in dieser
Zeit zu sehr vielen Zen-Klöstergründungen am Land kam.

Auch in der Goryeo-Dynastie hatte der Buddhismus eine staatsstabilsierende Funktion und
der Zen-Buddhismus hatte starke Verbindungen und auch die Unterstützung des Militärs.
Buddhistische Rituale wurden gegen militärische Angriffe durchgeführt, der Druck der
Tripitaka Koreana, dem koreanischen buddhistischen Kanon, im 11. Jahrhundert verdankt
sein Entstehen dem Einfall der Kitan-Armee. Der Einfall der Mongolen im 13. Jahrhundert
war der Anlass des Drucks der zweiten Tripitaka Koreana, deren Herstellung 16 Jahre
dauerte und heute im Kloster Haeinsa in der Nähe von Daegu besichtigt werden kann.
Während in der Goryeo-Dynastie ein reger buddhistischer Austausch mit der Außenwelt
bestand (man denke an die stark verzierten und ornamentierten Buddha-Statuen dieser Zeit,
die ihr Aussehen dem tibetischen Buddhismus zu verdanken hat, aber auch dem
buddhistisch-philosophischen Austausch), wurde Buddhismus gegen Ende der Goryeo-
Dynastie mehr und mehr mit Gier und Korruption in Verbindung gebracht. Die Klöster
besaßen viel Macht und Ländereien (diese waren steuerfrei, deswegen ‘schenkten’ viele
Bauern ihr Land dem Kloster um dadurch Steuererleichterungen zu bekommen; auch heute
besitzen Klöster noch viel Land, auf dem teilweise Dörfer errichtet wurden; diese dürfen ihre
Häuser verkaufen, nicht jedoch das Land selbst) und konterkarierten die Bedeutung des
chinesischen Zeichens für Kloster (寺, Betonung im Koreanischen: sa), das aus zwei
Komponenten besteht: klein und Land. Die darauffolgende Choseon-Dynastie wurde von der
neokonfuzianistischen Philosophie beherrscht, die dem Buddhismus offen feindlich
gegenüberstand. Mönche durften teilweise die Städte nicht betreten und Klöstergründungen
fanden nur auf dem Land statt. Doch der Buddhismus wurde unter der Landbevölkerung
weiter in Ehren gehalten und König Sejong, der im 15. Jahrhunder die koreanische
Silbenschrift Hangeul erfand, ließ die ersten buddhistischen Bücher in dieser Schrift drucken,
um sie auch den weniger gebildeten Leuten zukommen zu lassen, die das klassische
Chinesisch, in dem alle wichtigen Regierungsdekrete, Literatur, wissenschaftliche und
philosophische Schriften verfasst waren. Durch die Abgeschlossenheit der Choseon-Dynastie
verlor man den Kontakt zu anderen buddhistischen Schulen aus de Ausland und
konzentrierte sich auf die Rechtfertigung neokonfuzianistischer Philosophien und verlagerte
seine Tätigkeit auf die im Konfuzianismus so wichtigen Ahnenverehrung. In der Nähe vieler
Königsgräber findet man deswegen buddhistische Schreine oder Klöster. Um ihre Stellung in
der Choseon-Dynastie zu verbessern wurden im 16. Jahrhundert gegen die japanische
Invasion Mönchsarmeen organisiert, die auch sehr erfolgreich waren. Daraufhin wurden
Mönche als Provinzgeneräle eingesetzt, doch schon bald waren das nur mehr symbolische
Posten ohne wirkliche Macht. In den letzten zwei Jahrhunderten der Choseon-Dynastie
wandte sich der Buddhsimus dann mehr und mehr dem Volk zu und inkorporierte
taoistische und schamanistische Götter, die im Volksglauben stark verankert waren, wie z.B.
der Berggott Sansin, den man mit seinem Tiger in fast allen Klöstern, oft auch in einem
eigenen Schrein, bewundern kann.

Jetzt könnte man noch über Rituale und Normen verschiedener Sekten reden, doch mir ist
es ein Anliegen Persönlichkeiten und Individuen zu präsentieren, Mönche und Nonnen mit
ihren Gefühlen, ihren Träumen, ihren persönlichen Eigenschaften und Wünschen als
Menschen darzustellen. Ich kenne alle hier beschriebenen Mönche und Nonnen seit Jahren
persönlich und möchte hinzufügen, dass diese Auswahl nicht verallgemeinert werden kann
und darf. Keiner der Erwähnten wurde mit Klarnamen genannt.
Von den Drogen zum Glauben

Gak-seong Seunim hat südkoreanische Eltern, wuchs jedoch in den USA auf und fühlt sich
kulturell als Amerikaner. Drogenmissbrauch und eine Schlägerei mit einem Polizisten, der ihn
seiner Herkunft wegen diskriminierte, brachten ihn fast ins Gefängnis (er wurde aber nicht
verurteilt, sonst hätte er laut den monastischen Regeln, die schon vor 2200 Jahren in der
Vinaya niedergeschrieben wurden und auch heute noch Gültigkeit haben, nicht ordiniert
werden können). Der Richter gab ihm noch eine Chance und man einigte sich auf einen
einjährigen Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster südkoreanischer Prägung auf Hawai.
Danach entschied er sich in einem südkoreanischen Kloster seine Laufbahn als Mönch
fortzusetzen. Der Anfang war alles andere als leicht. Seine Koreanischkenntnisse waren sehr
begrenzt, das Leben im Kloster sehr strikt und konservativer als die ohnehin nicht sehr
offene Gesellschaft Südkoreas, wie er meinte. In den Staaten hatte er mit der koreanischen
Kultur nur peripher zu tun, er wollte sich integrieren und nicht wie seine Eltern enden, die
noch immer nur gebrochenes Englisch sprachen und sich hauptsächlich mit anderen
koreanischen Expats trafen. Er war sehr froh mich als Ansprechpartner gefunden zu haben
und sein Vater-Mönch (uensa-seunim, der Mönch, der sein Lehrer ist und für ihn
verantwortlich ist und ihn unterstützt) hatte dafür auch Verständnis. Eines Abends hatte er
ein weltliches Tief und wir trafen uns bei mir zu Hause. Wir plauderten über Buddha und die
Welt und über seine Anpassungsprobleme. Als Novize darf er mit niemandem sprechen, er
darf das Kloster nicht verlassen und die koreanische Klosterküche würde seinem Magen
gewaltig mitspielen. An diesem Abend tranken wir zusammen ein paar Flaschen Bier. Da
Gak-seong Seunim aber normalerweise nicht trank, entleerte er später seinen Mageninhalt in
meine Sockenlade. Als ich ihn am nächsten Tag darauf ansprach, wollte er nicht glauben,
dass er die mittlere Naturkatastrophe verursacht hatte. Mit rotem Kopf wusch er meine
Socken aus.

Einige Monate später zog er nach Seoul in ein anderes Kloster, in dem auch andere
Ausländer als Mönche lebten und lernte Koreanisch und buddhistische Philosophie. Ich war
erstaunt wie schnell er sich eingelebt hatte und sein Koreanisch wurde von Tag zu Tag
besser.

Gelehrter und Normenbrecher


Hyeon-muk Seunim lebte 15 Jahre lang in Pune in Indien, 4 Autostunden von Mumbai (im
Westen besser unter dem alten Namen Bombay bekannt). Das Deccan College war unter
südkoreanischen Mönchen sehr beliebt, die dort die Sprachen Sanskrit oder Pali studierten.
Während Zen-Buddhismus in Europa als sehr hippe und moderne Interpretation des
Buddhismus sehr beliebt ist, gibt es einige Mönche, die dem Frühbuddhismus anhängen.
Dieser gilt als die reinste Form des Buddhismus (In diesen Büchern wird unter anderem
festgehalten, dass es im Buddhismus keinen Gott gibt, doch diese Tradition ist heutzutage
nur noch in der Philosophie zu finden, in der buddhistischen Praxis hat sich das nicht
durchgesetzt.) und wurde vor 2200 Jahren in Pali niedergeschrieben. Die zenbuddhistischen
alten Schriften in Ostasien sind in klassischem Chinesisch verfasst (es gibt natürlich neue
buddhistische Texte in den Landessprachen, z.B. Japanisch und Koreanisch) und entsprechen
nicht immer der wahren Lehre Buddhas. Meine Frau, die an der Pune Universität
buddhistische Philosophie studierte, lernte Hyeon-muk Seunim dort kennen und er lud uns
in das Silsang Kloster ein, das mit einer alternativen Community verbunden ist. Das war
dann der Ort, wo wir uns in Südkorea niedergelassen haben und noch heute dort wohnen.

Schon als Jugendlicher hat sich Hyeon-muk Seunim mit Philosophie und Religion beschäftigt
und entschied sich dann sehr früh für eine Laufbahn als Mönch. Er studierte viele Jahre in
Südkorea und Indien und erklärte die buddhistische Philosophie mit Witz und tiefem Wissen.
Er gründete mit anderen Mönchen eine Schule für Mönche im Silsang Kloster und Mönche
aus ganz Südkorea fanden sich hier ein. Er vertritt einen pragmatischen Buddhismus und
verabscheut Rituale. Nach einer Vorlesung über Ahimsa (das Verbot Lebewesen zu töten)
kam er in sein Zimmer und erschlug ein paar Gelsen. “Buddha hat mit Ahimsa nicht
gemeint, dass man sich von Gelsen stechen lassen und sich mit Malaria anstecken soll.
Dieses Gebot muss man lebenspraktischer praktizieren,” erklärte er uns.

Rituale und Verbote kümmerten ihn nicht. Er war auf sein deviantes Verhalten sogar stolz
und betonte, dass er Kaffee trank, Zigaretten rauchte und auch gerne mal ein Bier oder
einen Schnaps genoss. Es verwundert Südkoreaner nicht unbedingt, wenn Mönche
manchmal in Maßen Alkohol konsumieren. Es ist teilweise auch ein Zeichen von bewusster
Nonkonformität und ein Zeichen für die Sinnlosigkeit von Ritualen. Der 1981 erschiene
Roman ‘Mandala’ von Kim Seong-dong behandelt dieses Thema und auch Korruption in
Klöstern (aud Deutsch im Pendragon Verlag erhältlich). Zwei französiche Touristinnen fanden
sein Verhalten gar nicht cool, sonder eher verstörend. Sie stellten sich Mönche als asketisch
und immer meditierend dar, die mit gesenktem Kopf ruhig durch das Kloster schlichen.
Diesem Ideal entsprach Hyoen-muk Seunim nicht wirklich.

Musik und Philosophie – enfant terrible auf der Suche nach der Erleuchtung
Hyeon-cheong Suenim wollte dem weltlichen Alltagsleben entfliehen. Sein Unternehmen,
das Nummerntafeln herstellte, zeigte ihm die Grenzen seines ökonomischen Talents auf und
er beschloss die spirituelle Unendlichkeit auszutesten. Er liebt philosophische Diskussionen,
interessiert sich für Plato und tibetischen Buddhismus, Hinduismus, Islam, Christentum und
zog auf einer Veranstaltung ein christliches Mönchsgewand über. In seiner CD-Sammlung
trifft westliche Klassik auf pakistanische Sufi-Musik und psychedelische Bands – musikalischer
Underground erreicht den Overground des irdischen Daseins. Bei einem Liederabend einer
lokalen alternative Schule trat er als Sänger auf und interpretierte “Highway to Hell” von
AC/DC in der Mönchskutte.

Sein Interesse an dem buddhistischen Philosophen Nagarjuna (2. Jhdt n. Chr.) brachte in
nach Pune um Sanskrit zu studieren. Doch schon bald verschob sich sein Interesse und er
lauschte den Klängen des indischen Musikinstruments Sitar in der heiligen Stadt Varanasi
am Ganges und las Jack Kerouac in Manali und rauchte dazu einen Joint zu den Klängen
von Just a Poke der Gruppe Sweet Smoke. Er genoss seine Freiheit. Nach einem Jahr kehrte
er frühzeitig zurück und versuchte seinem Leben im Kloster eine neue Richtung zu geben.
Das Ausbrechen aus der strengen Klosterdisziplin wurde ihm eher von Laienbuddhisten als
von Mönchen selbst angekreidet. Er unterrichtete in einem buddhistischen Seminar und
verdiente sich ein wenig Geld. Damit reiste er nach China und radelte von Beijing bis nach
Xian, flog nach Kolkata (vormals Calcutta) und weiter gings mit dem Rad bis nach Varanasi.
Von dort fuhr er mit einem Zug 40 Stunden nach Pune, wo ich zu der Zeit mit meiner
Familie gelebt habe und wir besuchten buddhistische Höhlen am Dekkan-Plateau. Wieder
zurück in Südkorea schrieb er sich in eine Klosterschule ein und studiert seit dem fleißig
klassisches Chinesisch.

Mönche im weltlichen Leben – wir gründen eine Familie

Auch Mönche sind nur Menschen und so unterbrechen zwischenmenschliche Beziehungen


die klösterliche Unschuld. Zumeist sind es Mönche die eine Frau kennenlernen und dann
dem klösterlichen Leben den Rücken zukehren und ein neues Leben beginnen. Dieses
Phänomen ist in Südkorea bekannt und des öfteren mit Fehlschlägen assoziiert. Oft kennen
Mönche nur das Leben im Kloster, mussten nie für ihren Lebensunterhalt aufkommen und
haben keine Ausbildung. Mu-ka Seunim lernte seine spätere Frau in Pune kennen, die dort
studierte. Seine ruhige und ausgeglichene Art haben sie fasziniert, kein Macho-Gehabe oder
Angebereien der anderen südkoreanischen Männer, erzählte sie. Bald zogen sie zusammen
und Frau Lee Ji-hae brachte zwei Söhne zur Welt. Nach dem Studium zogen sie wieder nach
Südkorea und wurden nach der Geburt eines dritten Sohnes von der harschen Realität
eingeholt. Finanzielle Sorgen plagten sie und Mu=ka Seunim konnte keine Arbeit finden. Er
begann zu trinken, alleine. Der Computerkurs den er in Daegu besuchte, bescherte ihm erst
nach langem Suchen einen Arbeitsplatz. Zu diesem Zeitpunkt war die Ehe schon sehr
zerrüttet und sie lebten getrennt. Während andere Ex-Mönche nach einem Scheitern oft
wieder in eon Kloster zurückkehren, stahl sich Mu-ka Seunim nicht aus der Verantwortung
und schickte seiner Familie regelmäßig Geld und besuchte auch seine drei Söhne.

Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten. Go-hyeon Seunim lebte in einem kleinen Kloster, als
er sich in eine Frau verliebte und heiratete. Nach der Hochzeit bekam er eine Anstellung als
Tempelangestellter in seinem früheren Kloster und sorgt seit dem für seine Frau und deren
gemeinsamen Kind, mit denen er in einem kleinen Haus im benachbarten Dorf wohnt. Sie
sind glücklich und ich treffe sie immer wieder im Supermarkt beim Einkaufen.

Der Umweltaktivist und Tierschützer

Sein Bild (Cheon-hwa Seumin, 65) kennen viele Südkoreaner aus Tageszeitungen und
Fernsehen, auch außerhalb der buddhistischen Gemeinde. Mit seiner flotten Wollmütze ist er
sehr engagiert und hat schon viele soziale Projekte organisiert. Er hat durch seine Initiative
eine Community im Bundesland Chollabukdo gegründet, die heute eine der bekanntesten
und größten Zurück-aufs-Land-Communities ist. Neben dem Kloster wurde eine alternative
Schule gegründet, die ihre Schüler noch in Containern unterrichtete. Der Bauernhof der
Produkte aus biologischer Landwirtschaft herstellte, verkaufte seine Produkte an das Kloster,
in der die Schüler der alternativen Schule ihre Mahlzeiten einnahmen und war auch
Anlaufstelle für Städter, die dem Stadtleben entflohen waren und sich eine neue Existenz auf
dem Land aufbauen wollten. Es war eine Symbiose und war der soziale Treffpunkt für viele
Neuzugänge aus der Stadt. Als wir in der Community ankamen und am Anfang kein Haus
fanden, lebten wir eine Zeit lang im Tempel und wurden dort auch verköstigt – alles gratis.

Korruption macht auch vor Klostermauern nicht halt

Als Abt ist man nicht nur das geistliche sondern auch das weltliche Oberhaupt eines
Klosters. Er hatte die Finanzgebarung inne und es gab praktisch keine Kontrollinstanz. Als
Pu-pae Suenim (65) plötzlich einen neuen Jeep fuhr, kam zwar das Gerücht der
Unterschlagung von Geldern auf, da aber Mönche oft sehr finanzstarke Spender haben,
blieb es zuanfangs bei den Gerüchten. In sehr vielen Klöstern wäre wahrscheinlich einfach
nichts passiert, da außer dem Abt niemand Einblick in die Finanzen hat, doch Silsangsa mit
der alternativen Community und einem Netzwerk, das sich über den Tempel hinaus
erstreckt, war kein gut Ort um Geld zu unterschlagen. Eine interne Untersuchung deckte
seine Machenschaften auf und er wurde aus dem Kloster entfernt. Mit ihm ging auch seine
Geliebte, die im Tempel als Tempelangestellte gearbeitet hat.

Einige Jahre später besuchte ich eine Eremitage. Eremitagen sind kleine Klöster, oft nur aus
einem Tempel und einem Wohnhaus bestehend, das mit einem Hauptkloster verbunden ist
und von diesem ein paar Kilometer, meistens höher in den Bergen, entfernt gelegen ist. Die
meisten Klöster haben vier oder fünf Eremitagen, in die sich oft Mönche und Nonnen
zurückziehen um in Ruhe meditieren zu können. Plötzlich sah ich eine Frau, die mir bekannt
vork und meine Frau und lud uns zu einer Tasse Tee ein. Der Orden hatte offensichtlich
schützend seine Hand über das schwarze Schaf gehalten (vielleicht sollte man in diesem
buddhistischen Kontext eine andere Metapher verwenden, z.B. schwarzer Elefant). Er erzählte
uns etwas von einer Auszeichnung, die er erhalten hatte, wir tranken unseren Tee und
verabschiedeten uns.

Der Übersetzer

Übersetzungen haben in der buddhistischen Geschichte eine lange Tradition. Das erste
Jahrtausend unserer Zeitrechnung war ein sehr umtriebiges für buddhistische Mönche von
Zentralasien über Süd- und Südostasien bis nach Ostasien. Hyecho aus dem 8. Jahrhundert
ist der wohl bekannteste koreanische Mönch der nach Indien reiste. Kompetente Übersetzer
waren sehr gefragte Leute und viele Mönche reisten von China zu Fuß nach Indien, dem
gelobten Land des Buddhismus, um Schriften zu kopieren, übersetzen und mit in ihre
Heimatländer zu nehmen. Dieser rege kulturelle Austausch beschränkte sich nicht nur auf
den Buddhismus, auch Mythologie (vergleiche meinen Artikel über Dokkaebi deren
Aussehen auf indische Höllenbewohner zurückgeht), astronomisches Wissen und auch
andere Wissenschaften aus so entfernten Gebieten wie dem arabischen Raum erreichten die
koreanische Halbinsel. Hae-san Seunim ist in diese Reihe von gelehrten Mönchen
einzureihen. Er lebte fast 20 Jahre in Indien und studierte Pali. Er gilt heute in Südkorea al
seiner der besten Übersetzer. Unter anderem übersetzte er den Pali-Kanon Samyutta Nikaya
ins Koreanische. Buddhistische Mönche übersetzen nicht nur buddhistische Texte, sondern
auch hinduistische wie z.B. die Upanishaden und führen dadurch eine 2000 Jahre alte
Tradition fort. Der Blick über den eigenen Tellerrand ist dafür verantwortlich, dass z.B. viele
Sanskrittexte, die in Indien schon lange verloren gegangen sind, noch in anderen Sprachen
wie z.B. dem klassischen Chinesisch existieren. Die Siddham-Schrift wurde in Indien zwischen
dem 5. und 12. Jahrhundert verwendet und man sieht sie auch heute noch in Japan
(Shingon-Sekte) und Südkorea, während sie sich in Indien weiterentwickelt hat. Der rege
Austausch zwischen Süd- und Ostasien endete so blieb diese Schrift in der alten Form
erhalten. Die Deckenbeschriftung des Mihwang Klosters in Haenam, Südkorea aus der Mitte
des 8. Jahrhunderts ist ein sehr berühmtes Beispiel. In Japan werden heute noch
hinduistische Götter verehrt, die im heutigen Indien gar nicht mehr existieren. Die tantrische
Shingon-Sekte verehrt die Gottheit Goma (frühere indische Bezeichnung Havan oder Homa)
und die Tendai-Sekte hat Rituale, die der hinduistischen Agni-Verehrung in vielen Details
stark ähnelt.

Hae-san Seunim ist ein sehr ruhiger und eher schüchterner Mönch, aber immer freundlich
und hilfsbereit. Er entspricht dem zurückgezogen lebenden asketischen Mönch, der sich
ganz seinen Studien widmet und sich auch der Meditation hingibt. Doch Meditation ist nicht
unbedingt ein Garant für eine ausgeglichene Person, der immer ein Lächeln um den Mund
spielt. Ji-ok Seunim verbrachte drei Jahre hintereinander in Meditation, was ihn aber nicht
davon abhielt regelmäßig seine indische Haushälterin (60) in Pune, Indien anzuschreien,
wenn sie zwanzig Minuten zu spät kam. Da er in Pune genau über uns wohnte, konnte ich
die häuslichen Eskapaden mitverfolgen. Sie kam dann öfters weinend zu uns und beklagte
sich über ihn. Als ich ihn einmal darauf ansprach, meinte er lapidar, man müsse das ewige
Zuspätkommen einfach abstellen.

Nonnen

Koreanische buddhistische Sekten betreiben nicht sehr viel Sozialarbeit, das wird den
christlichen Kirchen überlassen, die sich unter anderem sehr stark den nordkoreanischen
Flüchtlingen widmen. Die Jungto-Sekte unter der Führung des charismatischen Pomnyun
Seunim bildet hier eine Ausnahme. In unserem Dorf befindet sich ein kleiner Tempel dieser
Sekte, der oft von einer rüstigen Nonne (62), Mu-ju bhikuni Seunim. besucht wurde. Sie
spricht Hindi und Englisch und hat mehr als 20 Jahre im Ausland gearbeitet, sehr lange
davon in der Nähe von Bamiyan in Afghanistan und in Bodh Gaya in Bihar, Nordindien, nicht
weit von der berühmten buddhistischen Universität Nalanda, die im 5. Jahrhundert errichtet
wurde. Sie hat dort aufopferungsvoll Kindern und Menschen in Not geholfen ohne zu
missionieren, das hat mich sehr beeindruckt.

Go-do Bhikuni Seunim verbrachte viele Jahre meditierend in Klöstern in Myanmar. Myanmar
ist unter Mönchen und Nonnen, aber auch Laienbuddhisten, die meditieren möchten, sehr
beliebt. Dort wird Goenkas Vipassana-Meditation gelehrt, der die Ansicht vertritt, dass
Buddha keine Religion sondern einen Weg zur universellen Befreiung gelehrt hat, der über
die Grenzen der verschiedenen buddhistischen Sekten weit hinaus geht. Myanmar ist
sozusagen erste Anlaufstelle für Meditation, während man in Indien buddhistische
Philosophie oder Geschichte studiert. Heute lebt Go-do Bhikuni Seunim in Silsangsa, wo sie
jeden Sonntag mit den Kindern aus den umliegenden Dörfern spielt. Derzeit plant sie am
Klostergelände einen Spielplatz zu errichten. Eine einzigartige Idee, ich habe noch nie auf
einem Klostergelände einen Spielplatz gesehen, Gymnastikräume und Volleyballfelder für
Mönche sind hingegen keine Seltenheit. Da unsere Tochter Maya dieses Dharma-Meeting
auch besucht, bin ich bei der Errichtung des Spielplatzes mit den Vätern anderer Kinder
beteiligt.

Ausländische Mönche

Es gibt in Südkorea einige ausländische Mönche aus verschiedenen Ländern. Hyon-gak


Seunim ist einer der bekanntesten, er hat unter anderem die Zen-Schriften von Seung-sahn
Seunim editiert, die im englischsprachigen Verlag Shambala Publications veröffentlicht
wurden. In Japan gibt es z.B. einen deutschen Mönch, Abt Muho, der das Kloster Antaiji als
Klostervorsteher und Zenmeister leitet. Sein Buch Zazen oder der Weg zum Glück wurde im
Rowohlt Verlag herausgegeben.

Doch ich möchte Ihnen zwei Mönche aus Indien vorstellen, die seit zwei Jahren in einem
Kloster in Südkorea wohnen, Tannu aus Ladakh an der Grenze zu Tibet und Tenzin aus
Sikkim, dem ehemaligen unabhängigen Königreich das zwischen Nepal und Bhutan liegt und
seit den 1970er Jahren zu Indien gehört. Beide wurden von Sa-ra Seunim nach Suedkorea
eingeladen. Die Umstellung fiel ihnen nicht sehr leicht. Koreanisches Essen ist sehr scharf,
sauer der Fermentation wegen und vegetarisch. Mönche aus den hohen Gebirgslagen wie
Ladakh und Tibet essen Fleisch, also fühlten sie sich ständig hungrig und schlichen in der
Nacht unerlaubterweise in die Klosterküche und kochten sich Fertignudelgerichte. Nach
einigen Monaten hatten sie plötzlich Pickel im Gesicht, Fertignudeln (ramen oder lamyeon
auf Koreanisch) sind eben keine Nahrungsmittel die man über einen längeren Zeitraum
essen sollte. Der Tagesablauf in einem Kloster in Indien unterscheidet sich sehr stark von
dem in Südkorea. In Ladakh gibt es sehr viele Rituale die in Haushalten in den umliegenden
Dörfern durchgeführt werden. Das bringt Abwechslung und auch ein gutes Essen. In dem
Kloster in Südkorea, das noch dazu sehr abgeschieden gelegen war, war es sehr still, sie
hatten kaum etwas zu tun außer Koreanisch zu lernen. Der Mönch Mu-si Seunim, den sie in
Indien kennengelernt haben und der sie nach Südkorea mitnahm, hatte Verständnis für ihre
Situation, da er selbst jahrelang in Indien und Thailand verbracht hatte und war sogar froh
darüber, dass ich mit den beiden etwas unternahm. Manchmal kochte meine Frau indische
Fleischgerichte wie Tandoori Chicken, ein anderes Mal besuchten wir umliegende Städte
oder hörten miteinander alte Hindilieder. Bei einem Besuch in einer größeren Stadt gestand
mir Tannu: “Die Ausflüge mit den Mönchen sind so langweilig, wir besichtigen ständig
Klöster. Wir wohnen doch in einem Kloster, das ist also nichts Besonderes. Dann fahren wir
in die Berge und sie zeigen uns Landschaften. In Indien wohnen wir am Land in den Bergen
und hier in Südkorea auch, wir wollen Städte sehen , etwas Neues, verstehst du?”

Nach einem halben Jahr verschwand Sa-ra Seunim plötzlich. Er hat sich von niemandem
verabschiedet, nur dem Abt des Klosters kurz Bescheid gegeben und seitdem haben wir
nichts mehr von ihm gehört. Es wird vermutet, dass er in Indien oder China in einem Kloster
studiert. Das ist für Mönche hier in Südkorea eigentlich nichts Ungewöhnliches. Der oben
erwähnte Hyeon-cheong Suenim, ein guter Freund von mir, teilte mir drei Tage vor seinem
Auszug mit, dass er das hiesige Kloster verlassen werde und für mindestens zwei Jahre in
einem anderen Kloster studieren würde. Für Tannu und Tenzin hatte das große
Konsequenzen, weil der Mönch, der nun für sie verantwortlich war, Mu-si Seunim, strict den
Regeln folgte und die beiden den Tempel alleine bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr
verlassen durften. Inzwischen ist dieser Mönch jedoch auch Geschichte und die beiden
Mönche haben sich eingelebt, sprechen schon ganz passables Koreanisch, lernen
buddhistische Chants und sind mehr in das Klosterleben eingebunden.

Tipps um buddhistische Klöster und das Klosterleben genauer kennenzulernen

Der westliche Besucher hat die Möglichkeit an einem Tempel-Stay-Programm teilzunehmen


(zwischen 20 und 40 Dollar pro Nacht, dauert normalerweise 2 Tage), bei dem man die
klösterlichen Teezeremonien, Rituale und das Alltagsleben der Mönche kennenlernen kann.
In einigen Tempeln werden auch Führungen auf Englisch angeboten. Möchte man tiefer in
das Klosterleben eintauchen, kann man auf Anfrage als freiwilige Aushilfe, z.B. in der Küche,
mithelfen. Essen und Unterkunft sind dann kostenlos.