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Erich JJnger

Politik und Metaphysik

Herausgegeben von Manfred Voigts

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N. d'i. . v e n t a r i o

Königshausen & Neumann


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CIP-Titelauf nähme der Deutschen Bibliothek

Unger, Erich:
Politik und Metaphysik / Erich Unger. Hrsg. von Manfred
Voigts. — Würzburg : Königshausen u. Neumann, 1989
ISBN 3-88479-421-3

) Verlag Dr. Johannes Königshausen + Dr. Thomas Neumann, Würzburg 1989


Umschlag: Hummel / Homeyer
Druck: Königshausen + Neumann
Alle Rechte vorbehalten
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(Fotokopie, Mikrokopie) bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags
Printed in Germany
ISBN 3-88479-421-3
Inhalt

Erich Unger
Politik und Metaphysik

H . G . Adler

Erinnerung an den Philosophen Erich Unger

Manfred Voigts
Nachwort

Bibliographischer Anhang
P o l i t i k und M e t a p h y s i k .

Ein einziger Gedanke, eine einzige bestimmte Umschaltung der Daseins-


Empfindung soll sowohl in dieser programmatischen Ausführung als in allen von
ihr fortgehenden Darlegungen zum Bewußtsein gebracht werden. Dieser Oedanke
betrifft das Auseinander oder das Zusammen zweier Äußerungsweisen des Lebens,
betrifft hier die Beurteilung einer Beziehung, in der wir nichts weniger als einen
Lebenspunkt — oder als einen nodus letalis — alles menschlich Existierenden sehen.
J e d w e d e E i n r i c h t u n g und jedes p o r t b e s t e h e n von u n k a t a s t r o -
p h a l e n M e n s c h e n - O r d n u n g e n — jede u n k a t a s t r o p h a l e P o l i t i k — ist
u n m e t a p h y s i s c h n i c h t m ö g l i c h . Politik und Metaphysik sind die beiden
Äußerungsbereiche, deren Zusammenrücken in Frage steht Wie ist das möglich?
Die jeden Augenblick unumgänglich zu "realisierende praktische Notwendigkeit
— Politik — und eine noch nicht einmal theoretisch auch nur im entferntesten
erledigte Angelegenheit — Metaphysik —, wie kann das anders als literarisch
zusammengebracht werden? Wie kann man ein Greifbares und ein Ungreifbares,
ein Endliches und konkret Bestimmbares wie jede politische Wirklichkeit mit einem
Unabsehbaren * vereinheitlichen«? Und wie kann von solcher »Einheit" gar eine
Linie zur Auflösung harter, konkreter - sozialer Problematik führen, anders als in
einer schwimmenden Unwirklichkeit?
Und dennoch glauben wir dieses abenteuerlichste Verfahren zugleich als das
realste und nüchternste, ja als das einzige aufweisen zu können, wofern es nur
gelingt, einesteils für den Endgültigkeitscharakter, der in temporären und scheinbar
noch so variablen Perioden beschlossen liegt, den Blick zu öffnen, anderenteils
die beiden fraglichen Begriffe so weit zu präzisieren, daß sie exakt zu handhaben
sind. Das erste bedeutet eine rechnungsmäßige Aufrollung und Abschätzung der
objektiven Möglichkeiten staatlichen und sozialen Geschehens, das zweite den
Zugang zur Praxis.
Es gilt vorerst, die Art der Geistesverfassung anzugeben, von der aus diese-
ja nur überblickhafte Überlegung allein mitzumachen ist, ohne im Vorhinein an
tausend Einwänden zu ersticken, denen der weitere Rahmen vorbehalten ist. Das
ist diejenige Einstellung, die ein Maximum an Hoffnungslosigkeit enthält: aus-
allen E l e m e n t e n und F a k t o r e n der g e g e n w ä r t i g e n o d e r v e r g a n g e n e n

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P o l i t i k und M e t a p h y s i k .

Ein einziger Oedanke, eine einzige bestimmte Umschaltung der Daseins-


Empfindung soll sowohl in dieser programmatischen Ausführung als in allen von
ihr fortgehenden Darlegungen zum Bewußtsein gebracht werden. Dieser Oedanke
betrifft das Auseinander oder das Zusammen zweier Äußerungsweisen des Lebens,
betrifft hier die Beurteilung einer Beziehung, in der wir nichts weniger als einen
Lebenspunkt — oder als einen nodus letalis — alles menschlich Existierenden sehen.
J e d w e d e E i n r i c h t u n g und j e d e s F o r t b e s t e h e n v o n u n k a t a s t r o -
p h a l e n M e n s c h e n - O r d n u n g e n — jede u n k a t a s t r o p h a l e P o l i t i k — ist
u n m e t a p h y s i s c h n i c h t m ö g l i c h . Politik und Metaphysik sind die beiden
Äußerungsbereiche, deren Zusammenrücken in Frage steht Wie ist das möglich ?
Die jeden Augenblick unumgänglich zu "realisierende praktische Notwendigkeit
— Politik — und eine noch nicht einmal theoretisch auch nur im entferntesten
erledigte Angelegenheit — Metaphysik —, wie kann das anders als literarisch
zusammengebracht werden? Wie kann man ein Greifbares und ein Ungreifbares,
ein Endliches und konkret Bestimmbares wie jede politische Wirklichkeit mit einem
Unabsehbaren »vereinheitlichen«? Und wie kann von solcher »Einheit" gar eine
Linie zur Auflösung harter, konkreter - sozialer Problematik führen, anders als in
einer schwimmenden Unwirklichkeit?
Und dennoch glauben wir dieses abenteuerlichste Verfahren zugleich als das
realste und nüchternste, ja als das einzige aufweisen zu können, wofern es nur
gelingt, einesteils für den Endgülligkeitscharakter, der in temporären und scheinbar
noch so variablen Perioden beschlossen liegt, den Blick zu öffnen, anderenteils
die beiden fraglichen Begriffe so weit zu präzisieren, daß sie exakt zu handhaben
sind. Das erste bedeutet eine rechnungsmäßige Aufrollung und Abschätzung der
objektiven Möglichkeiten staatlichen und sozialen Geschehens, das zweite den
Zugang zur Praxis.
Es gilt vorerst, die Art der Geistesverfassung anzugeben, von der aus diese-
ja nur überblickhafte Überlegung allein mitzumachen ist, ohne im Vorhinein an
tausend Einwänden zu ersticken, denen der weitere Rahmen vorbehalten ist. Das
ist diejenige Einstellung, die ein Maximum an Hoffnungslosigkeit enthält: aus-
allen E l e m e n t e n und F a k t o r e n der g e g e n w ä r t i g e n o d e r v e r g a n g e n e n
p o l i t i s c h e n E r f a h r u n g j e m a l s eine e t h i s c h b e f r i e d i g e n d e O r d n u n g
m e n s c h l i c h e n Z u s a m m e n d a s e i n s e n t s t e h e n zu s e h e n o h n e den
A n s p r u c h d a r a u f a u f z u g e b e n o d e r ( w a s ' d a s s e l b e ist) in die F e r n e zu
v e r t a g e n — — eine Einstellung, die also in denkbarster Kraßheit das Gegen-
einander dieses Dilemmas, das Problem in seiner wirklichen Gespanntheit spüren
läßt. Somit wendet sich dieser Gedankengang zuerst an die, welche in den
politischen Fakten dieses Menschenalters keine ethisch-produktiveren Kräfte finden
als in denen der vergangenen und für die „Geschichte" nur den Sinn hat »Ge-
schichte des Fehlschlagens". Geschichte als das von der ethischen Norm Ab-
stechende ist ein Ablauf, dessen Stigma Mißlingen ist (während Mythos ein
Ablauf ist, dessen Stigma Gelingen ist).
Die hieraus folgende fundamentalste Voraussetzung alles Weiteren ist: jede
scheinbare »Annäherung" an einen irgendwie »idealen Zustand" als ein Auf-
der-Stelle-treten zu durchschauen und jedes dahin-zielende Manöver auf das schärfste
abzulehnen. »Annäherung" ist der j e d e r Generation freistehende Einwand gegen
das Ansinnen, eine Idee oder einen ethisch geforderten Inhalt in i h r e m Menschen-
alter und restlos zu realisieren. Hier spielt die moralische Empfindung dafür
hinein, ob ein endgültiger ethischer Status gleichsam ein »hohes Verdienst" der
Menschheit vorstelle, folgeweise ein Ziel, nach dessen Erreichung eine Vollkommen-
heit statuiert sei, die einem andauernd »vorschwebt", die also nicht anders als in
fernster Zukunft gedacht werden kann, weil man offenbar sich nicht vorstellen
kann, was man nach Verwirklichung von »Idealzuständen" mit der Welt noch
anfangen sollte — - es spielt, sagten wir, hier die moralische Empfindung dafür
hinein, ob die Welt in einem Erfüllungsstadium aufhöre oder — anfange. In der
Tat fehlt das zur Konkretisierung jeder Absicht vorher notwendige » E r f a h r u n g s -
bild im Geiste" für die Situation . nach Idealzuständen, und d a r u m sind, sie
»unerreichbar". Ganz ernsthaft aber ist Kampf, Streit, Disharmonie und ihre Be-
seitigung ein Inhalt, ein Erfahrungsgehalt, während eine Endgültigkeit scheinbar
keinen weiteren Raum läßt — es sei denn für Wiederholungen. Den Idealzustand'
sofort zu denken — das ist ein anderer Ausdruck für lächerliche und undiskutier-
bare Absurdität für diejenige Daseinsempfindung, der d a m i t das E n d e der
T a g e g e g e b e n schiene. Umgekehrt aber ist derjenigen Geistesverfassung, die
auch n a c h einer vollkommenen Situation Inhalte anzugeben vermag, der Ideal-
zustand kein Endpunkt, überhaupt keine Angelegenheit, der man sich in endlosen
Generationen „annähert" — — sondern eine unausweichliche Voraussetzung, deren
Erfüllung kein „Verdienst", sondern deren Nichterfüllung das Maximum an ethischer
und sonstiger Minderwertigkeit vorstellt, das in der Welt überhaupt aufzutreiben ist
Diese Ansicht wird vorausgesetzt Diese Ansicht aber wird von einer Bewegung
geteilt, welche die Aufrichtung ethisch normhafter Zustände ebenfalls für eine bloße
Voraussetzung ansieht, aber nicht in der Lage ist anzugeben, für welche Inhalte sie
die Voraussetzung ist Das ist der K o m m u n i s m u s und A n a r c h i s m u s jeder
Schattierung. Kommunismus sieht wenigstens das Zeit-Problem sozialer Verände-
rungen in der hier bejahten Überzeugung, daß Menschen nicht nötig haben; sich als
O b j e k t menschlichen Geschehens anzusehen, menschlichen Dingen wie naturhaften
gegenüberzustehen, gleichsam sich (wie man sein soll) dem — sich (wie man ist)
unterzuordnen er sieht den ethisch geforderten Status, den ganzen, und nicht
nur ein Stückchen seiner als a u g e n b l i c k l i c h e Forderung an, d. h. er bezieht
eine eventuelle Ruhepause im Erreichen nicht schon im V o r h i n e i n in sein
P r o g r a m m ein, insofern er es garnicht erst auf einen Bruchteil, auf ein »Scherflein"
und eine .Annäherung" einstellt — —. Die annäherungsweise Erlangung eines
im Geiste »vorgesetzten« Zustandes ist das Erzeugnis einer n a c h h e r i g e n An-
schauung des Weges von der Absicht bis zu ihrer Konkretisierung: die r ü c k -
s c h a u e n d e Betrachtung einer Linie, die zu einem erreichten Punkte führt, kann
Annäherungs-Abschnitte feststellen aber die A b s i c h t kann diese Annäherungs-
Punkte nicht wirklich einbeziehen, sonst stellt sie garnicht echt, sondern nur
scheinbar auf den Zielpunkt, in Wahrheit auf den ersten Zwischenpunkt ab. Be-
zieht schon die Absicht oder der Wille die Ruhepausen zwischen den Etappen
in das Programm ein, so bejaht er mehr als zulässig die Widerstände der wider»
strebenden Materie, die auf alle F ä l l e zu verneinen seine einzige Aufgabe ist —-
eine Verneinung, deren speziellen Modus zu finden die Aufgabe der Vernunft ist.
Das »Annäherungs "-Verfahren ist mithin eine Übertragung der historischen Denk-
weise auf teleologische Verhältnisse. Rein ethisch ist im Verlaufe der rationalen
Geschichte nach der zuvor angenommenen Perspektive keine Annäherung an einen
ideengemäßen Zustand jemals zu konstatieren (das beweist allein die Tatsache
daß es ein »vernünftiges" Geschichtsprinzip empirisch-wissenschaftlich d. h. anders
als in philosophischer Spekulation nicht gibt) — — rein c a u s a l i t e r sind nur
Annäherungen an irgendwelche mehr oder weniger willkürlich herausgehobenen
Geschichtssituationen festzustellen. Folglich streichen wir sowohl aus logischen
wie empirischen Gründen das Prinzip des Annäherungs-Verhaltens aus dieser
Einstellung.
Die hier nur als Resultat formulierte Erkenntnis der völligen Unbrauchbar-
keit aller tatsächlichen politischen Gebilde und Tendenzen für irgendeine unheil-
lose Ordnung, sofern sie von unpathetischer und realer Berechnung erwartet werden
kann, hat sich zuvor unter eben diesen Gebilden und Tendenzen umblicken müssen.
Sie hat vor allem feststellen müssen, daß jede sogenannte P a r t e i das Stigma des
Unzulänglichen in eminenter Weise trägt. Schon deshalb, weil j e d e ein Bruch-
stück von Richtigem enthält: — ein Bruchstück, das sich dennoch nicht mit den
anderen zur ganzen Wahrheit »zusammensetzen" läßt. Dieses „Zusammensetzen«
nämlich ist ja Ursache wieder einiger Parteien: der »vermittelnden" - — und
gerade diese zeigen in ganzer Schärfe die Unmöglichkeit, entgegengesetzte Prin-
zipien, wie auch immer, einander zu akkomodieren. Daher denn auch die extremsten
Ausdrücke der Parteiung, die u l t r a - k o n s e r v a t i v e und die u l t r a - r e v o l u t i o n ä r e ,
logisch genommen die diskutabelsten sind. Immerhin halten diese beiden Prin-
zipien einander mit Recht die schwersten Fehler vor, die man nimmermehr dadurch
vermeidet, daß man, wie die »Mittel"-Partei jeder Art tut, beide Prinzipien da-
durch »eint«, daß man beide — aufgibt. Sollte nämlich in der Tat die Wahrheit
darauf angewiesen sein, Entgegengesetztes zu vereinen, so könnte diese Vereinigung
niemals auf Kosten des Entgegengesetzten geschehen, vielmehr wäre sie wohl oder
übel genötigt, einen Ausdruck darzustellen, der zwar eine E i n h e i t vorstellt, in
der aber das ehemals Entgegengesetzte jedes voll und ganz a u f r e c h t erhalten
ist. Das dürfte, wenn auch nicht unlösbar, so doch schwieriger sein, als zu „ver-
mitteln", indem man die zu vermittelnden Forderungen — fallen läßt oder was
dasselbe ist, sich nicht „festlegt". Vor die Aufgabe gestellt, zwischen der Bedingung,
ein Dreieck zu zeichnen und der entgegenstehenden Bedingung, gleichwohl eine
Figur, deren Winkelsumme größer als zwei rechte sei, zu zeichnen der Aufgabe,
in dieser Alternative zu .vermitteln", entzieht man sich nicht, indem man ein Viereck
zeichnet, sondern man kann ihr nur gerecht werden, wenn man die g a n z e
E b e n e der Planimetrie v e r l ä ß t , und ein sphärisches Dreieck zeichnet. Dieses
.die ganze Ebene verlassen" hat, wie sich herausstellen wird, für jeden Fall schein-
bar unvereinbaren Widerstreits eine mehr als gleichnishafte Bedeutung.
Jede Parteideduktion enthält ein Gemenge von Richtigem und Falschem, je
nachdem, ob sie prinzipielle oder konkrete Gegebenheiten meint, wobei in anti-
podischen Parteien Irrtümer oder Unterschlagungen faktisch schematisch überkreuz
zu ordnen sind. Ist etwa die Wert-Ungleichheit der Menschen eine kaum
bestrittene Tatsache und die aus ihr folgende Notwendigkeit des G e g l i e d e r t -
s e i n s von Menschen-Gesamtheiten eine schwer abweisbare Forderung, so wird
diese p r i n z i p i e l l e Forderung, deren Evidenz konservative Parteien für sich aus-
zunutzen pflegen, sofort zu einer Absurdität, wenn die k o n k r e t e Gliederung in
Augenschein genommen wird, die nach allen andern als Wert-Maßstäben vor-
genommen zu sein scheint, und deren gleichfalls evidente Unsinnigkeit von jeder
Art v o j k s h e r r s c h a f t l i c h e r Bestrebung dazu mißbraucht wird, d a s . P r i n z i p zu
leugnen und eine G l e i c h h e i t zu stabilieren, die zwar insofern wirklich ist, als
sie den konkreten Klassifizierungsstatus Lügen straft, außerhalb desselben aber
weder !voihanden noch ethisch legitimiert ist
In Wahrheit aber löst sich alle Parteitheoretik, wenigstens was die gegen-
wärtigen Kulturvölker angeht, für den auf moralische oder philophische Funda-
menticrung Ausgehenden auf in ein vorgeschobenes Gerede zur Stützung der
allein motivierenden wirtschaftlichen Interessen. »Die Wirtschaft" ist der bei
weitem umfangreichste und plausibelste Erkiärungsgrund fast sämtlichen politischen
Verhaltens, der Schlüssel zu jeder Maßnahme jeder Partei, zu jeder Äußerung,
mag sie auch noch so abstrakt anheben. Mehr oder weniger offen auch partei-
theoretisch zugestanden, besteht das »wirtschaftliche Interesse" der Saturierten in
Verteidigung des Erreichten, der »Ordnung", Konservativismus, das der Enterbten
im Umstürzen des Bestehenden, revolutionärer Bewegung, das der Dazwischen-
stehenden in geringer Umänderung. Das Problem jeder Partei besteht bloß darin,
ihr Privatinteresse so a l l g e m e i n g ü l t i g als irgend möglich zu formulieren,
gegebenenfalls sogar faktische Kompromisse zu schließen, an deren Ende jedoch
jedesmal die bestimmende Absicht einer bestimmten wirtschaftlichen Schicht steht.
Das wirtschaftliche Interesse ist mit einer solchen Wucht auf allen Wegen
moderner Politik entscheidend, daß der Feststellung kaum Widerspruch begegnen
wird: daß, unerachtet des Bestehens eines Komplexes nicht-wirtschaftlicher Beweg-
gründe, es doch die A u s n a h m e ist, wenn das wirtschaftliche Interesse nicht
die Richtung anweist.
Politik — das heißt h e u t e im w e s e n t l i c h e n : W i r t s c h a f t Wir wollen
nicht »den Geist« gegen »das Materielle" in dem Sinne ausspielen, daß wir „dem
Materialismus" die üblichen Vorwürfe machen und ihm gegenüber auf die ideellen
»Güter« des Lebens weisen und eine Rettung in einer »Abkehr« vom Materiellen
und im »Geistigen« eine »Zuflucht« erblicken. Wir haben keineswegs die Ab-
sicht, eine Alternative: Körper o d e r Geist aufzustellen. Wir wagen sogar die
Äußerung, daß wir kaum der Wichtigkeit, die dem Materiellen, mehr oder weniger
»übertragen«: körperhaften Interesse der Menschen zuerkannt wird, Abbruch tun
wollen. Wir wollen nur feststellen, daß dieses Interesse nicht vertreten und nicht
wahrgenommen werden kann von ihm selbst. Wir wollen eine der Grund-
tendenz heutiger Politik widersprechende und ihr ungeheuerlich erscheinende Um-
kehrung zum Ausdruck bringen: als völlig selbstevident scheint heute zu gelten,
daß niemand anders als der Interessierte s e l b s t sein Interesse wahrnehme. Wir
wollen dem die Möglichkeit entgegenstellen, daß der Interessierte selbst absolut
unzuständig sei, sein Interesse zu vertreten, wenn er sich inmitten eines Interessen-
chaos befindet. Aber, wird man entgegenhalten, die Unzuständigkeit des Inter-
essierten selbst wird ja korrigiert durch das G e g e n - I n t e r e s s e , das, gleichviel
nach welchem Vertretungssystem, seinem Umfang entsprechend in die »Regierung«
gelangt — in der sich Interessen und Gegen-Interessen so » a u s g l e i c h e n « müssen,
daß der objektiven Gerechtigkeit Genüge geschieht Hierzu ist zu sagen: das,
was heute »Regierung« heißt, ist — selbst im gerechtesten Falle — der Schau-
platz des v e r k ü r z t e n Interessenkampfes und das verkürzte Bild der M a c h t -
q u a n t e n , die im Staate unverkürzt toben. Woher sollte aus dieser bloßen
V e r k ü r z u n g ein ethisches Moment gewonnen werden, d. h. wie sollte durch die
Umwandlung des direkten Widerstreites der Wirtschaftsschichten in den ihrer Ver-
treter der Charakter des K a m p f e s beseitigt werden, in dem der Stärkere siegt,
der Schwächere unterliegt Der Charakter des Kampfes soll garnicht beseitigt
werden, das Zeichen des »friedlichen Kampfes« ist das K o m p r o m i ß , auf das
sich die Partner einigen müssen, wird behauptet werden. Nun, der „friedliche
Kampf" oder das Kompromiß, das Hauptelement heutiger Politik, ist der latente
offene; Kompromiß ist immer, muß immer aufgeschobene Vergewaltigung sein —
Kompromiß ist die momentane Einigung zweier Feinde, weil die Überlegenheit
des einen nicht ausreicht; Kompromiß ist das, wenn auch noch so sehr alle offene
Gewalt verschmähende, dennoch in der Mentalität der Gewalt liegende Produkt,
weil die zum Kompromiß führende Strebung nicht von s i c h aus, sondern von
außen, eben von der Gegenstrebung, motiviert wird, weil aus jedem Kompromiß,
wie freiwillig auch immer aufgenommen, der Zwangscharakter nicht weggedacht
werden kann. »Besser wäre es anders", ist das Grundempfinden jeden Kom-
promisses. Das Kompromiß oder die Resultante aus einander widerstrebenden
wirtschaftlichen und politischen Tendenzen ist zwar der Ausdruck der augenblick-
lichen Kraft-Verteilung, aber nie der Ausdruck einer ethisch normierten Situation.
Denn diese ist nicht mit dem Kompromiß identisch, es sei denn, daß man als
Maßstab des Rechts Macht oder Machtausgleich setzt. Dann aber trägt das »Recht«
zugleich die Verantwortung für alle Katastrophen, die die Macht-Verschiebung
bedingt, und wir, die wir das gänzliche Fernsein irgendwie vernichtender Um-
wälzungen als d;as Symptom einer moralischen Ordnung aufstellten, können diese
Identifikation von Recht und Macht nicht vornehmen lassen — können somit den
Kampf, auch nicht den »friedlichen«, das K o m p r o m i ß , in keinerlei Gestalt als
Vertreter der Gerechtigkeit fungieren lassen.

Wir müssen dem Begriff des »Kräfte-Ausgleichs«, des Kompromisses, hier


wenigstens andeutungsweise die Vorstellung einer anderen Möglichkeit entgegen-
stellen, gemäß der ein Kräftekomplex sich verhalten kann: es können Kräfte, sich
subtrahierend oder verstärkend, sich irgendwie m e c h a n i s c h „ausgleichen" - und
es können Kräfte sich so »ausgleichen«, daß sie ein »System« bilden. Das Kräfte-
System ist das Gegenstück des Kräfte-Kompromisses. Ein Kräfte-Kompromiß
im Sinne des Ausgleichs oder der Kraft-Resultante gibt es überall in der Natur,
auch in jeder noch so gewillkürten und chaotischen Konstellation — das Kräfte-
System nur im Falle des »Organismus». Beim Kräfte-Ausgleich wirkt.jede Kraft
rein von sich aus und wird erst im T r e f f p u n k t von den anderen beeinflußt,
gehemmt oder gefördert, der Ausgleich wirkt m e c h a n i s c h — beim Kräfte-System
wirkt jede Kraft so, als ob die anderen von v o r n h e r e i n in sie einbezogen wären,
wirkt jede Kraft so, als ob eine Realität des A u f - E i n - M a l aller beteiligten Kräfte
vor jeder einzelnen existent und wirksam gewesen wäre, eine Realität des
Z u s a m m e n , von der aus eine die einzelnen Kräfte differenzierende und ordnende
Tendenz ausgegangen wäre - als ob jede Kraft gleich, im Beginn, im
E n t s t e h u n g s p u n k t die Wirkung und Beeinflussung aller anderen erfahren
hätte — so entstehen sie gleich geordnet, — der Ausgleich wirkt o r g a n i s c h .
Dieses Moment der Beeinflussung vor der Entstehung, der g a n z e n Realität
v o r der einzelnen, l i e g t nicht i n n e r h a l b des B e r e i c h s der einzelnen
Kräfte — weil diese eben als Einzelheiten Verselbständigungen sind, die sie
nicht hätten werden können, wenn sie nicht n a c h e i n a n d e r als Elemente der
»Entwicklung" auf den Plan getreten wären, um irgendwann mechanisch auf ein-
ander zu prallen weil eben diese Einzelkräfte Verselbständigungen sind, die sie
nicht hätten werden können, wenn sie als im V o r h i n e i n , g l e i c h z e i t i g einander
bestimmende Tendenzen aufgetreten wären, die sich wie O r g a n e l e m e n t e hätten
zueinander einstellen müssen. Der Schauplatz eines solchen ursprünglichen
Zusammen der Einzelkräfte aber wäre im Anbeginn ein geistiger gewesen: —
ihr organisches Gefügtsein wäre in einer C o n c e p t i o n vorerst existent gewesen.
Die Ganzheit ist aus dem ganzen Umkreis der Teile nicht zu ermitteln,
weil die Teile v e r s e l b s t ä n d i g t e Teile sind.
Exemplifizieren wir diesen allgemeinen, in groben Umrissen angegebenen
Gedankengang auf den konkreten Sachverhalt, so ergibt sich:
Die Tendenzen der Wirtschaftswelt zeigen sich als im Konflikt befindlich.
Also sind es selbständige Kräfte, die sich bestenfalls im Zustande m e c h a n i s c h e n
Ausgleichs halten.
Aus diesen Selbständigkeiten aber läßt sich ihre ursprüngliche Ganzheit
oder ein Analogon ihres organhaften Zusammen deshalb nicht mehr ermitteln,
weil die Tendenzen als Konflikt ermöglichende d. i. als Selbständigkeiten e i n e
a n d e r e G e s t a l t und e i n e a n d e r e R i c h t u n g angenommen haben, als sie im
Zustande ihrer organischen Verbundenheit aufgewiesen hätten.
Aus keiner Kombination oder Permutation der Partei-Tendenzen kann eine
normative Ordnung des Wirtschaftsganzen je sich ergeben, weil das, was ihnen
Wirtschaft heißt, mehr oder weniger eine Konjunkturformel sein muß und das,
was in W a h r h e i t Wirtschaft ist, nicht aus den Einzelerscheinungen der erkrankten
Wirtschaftswelt ableitbar ist, sondern, wie jede organische Ganzheit, selbst wieder
nur aus einer a u ß e r h a l b ihrer liegenden Zweckvorstellung begriffen und
vollzogen werden kann.
Das heißt:
Das P r o b l e m der W i r t s c h a f t - das Hauptthema aller menschlichen
Kämpfe — ist i n n e r h a l b seines e i g e n e n G e b i e t s nicht zu lösen.
Aber es ist auch mit- «dem Geist" nicht zu lösen..
Es ist in letzter Zeit in Deutschland und außerhalb der Versuch gemacht
worden, die politische Chaotik dadurch zu reparieren, daß man sich auf die
Forderung Piatons besann und das von Natur aus selbstverständliche Gebot, daß
der »Vernunft" auch die »Herrschaft" zukomme, dadurch in die Realität zu
übersetzen trachtete, daß man »den Geistigen" auch irgendwie die M a c h t
zuzuerteilen gedachte.
Dieser rein logisch unbezweifelbar einwandfreie Gedanke war und muß nur
deshalb zu völliger Sterilität verurteilt bleiben, weil die intensivst erforderliche
Einsicht fehlte, daß ein solcher Versuch zwar einer richtigen Idee entsprechen
würde, diese a b e r a b s o l u t f o r m a l sei.
Denn so sicher »der Geist" der Inbegriff aller Lösungen aller Fragen ist, so
sehr hängt jede k o n k r e t e Lösung von einem ganz bestimmten Inhalt dieses
sonst ganz formalen Inbegriffs ab und so sicher ist dieser Inhalt n i c h t : die
faktische Gesamtheit der empirisch vorhandenen »Geistigen*. Durch deren
S a m m l u n g würde für den Geist bestenfalls etwas wie eine »Atmosphäre" ge-
schaffen, bessere »Arbeitsbedingungen« — ein Vorteil, der hundertfach zu teuer
bezahlt wäre durch die so bestechende wie alles vernichtende Vorstellung, daß
die so gesammelten Geistigen sich nur angelegentlichst mit Politik zu befassen
brauchten, damit die Leitung menschlicher Angelegenheiten in der Tat den denkbar
besten Händen anvertraut sei. Hier werden nämlich die relativ mehr oder minder
Geistigen, bestimmte empirische Personen, an die Stelle gesetzt, die logisch, „dem
Geist" zukommt, eine Verwechselung, die durch das banale Sophisma: »der Geist"
existiere eben nur in einzelnen konkreten Personen, gestützt wird. Die Banalität,
daß geistige Realitäten ohne empirische Träger nicht vorstellbar sind, wird dazu
benutzt, um zu dem Schluß zu verführen, daß man »Geist« »sammle«, wenn man
die Träger addiert Da nun aber jede mögliche »Sammlung«, Potenzierung des
»Geistes" als solchen völlig die Angelegenheit eines psychischen Innen ist und
somit auf einer gänzlich anderen Ebene vor sich geht als die Beziehungen der
physischen »Geistigen" — nämlich auf einer psychischen oder D e n k ebene und
nicht auf einer irgendwie »äußeren" — so erhellt zunächst, daß eine Sammlung
der Geistigen zur Steigerung des »Geistes« bestenfalls eine Beziehung hat wie
etwa eine gute »Arbeitsstube" zur Lösung eines Gedankenganges. Geist muß
»gesammelt« > werden, um nach a u ß e n zu treten. Völlig richtig. Aber diese
Sammlung geschieht nicht in d e r j e n i g e n Sphäre, in der sich die physiologischen
•Verkörperungen" geistiger Begebenheiten aufhalten. Aber, so argumentiert der
sogenannte Aktivismus, es kommt auf Potenzierung des Geistes als solchen ja
garnicht oder höchstens insofern an, als es zur Bewältigung p r a k t i s c h e r Probleme
vonnöten ist Dazu ist zu sagen: es ist jene gänzlich f o r m a l e Auffassung von
Geist, welche die Gleichsetzung von »Geist« und »Geistigen" möglich macht. Die
Geistigen sind Personen, welche eine B e z i e h u n g zum »Geist«, d. i. zum äußersten
. denkbaren Steigerungspunkt geistiger Bewegungsmöglichkeiten, aufweisen. Diese
Beziehung äußert sich weitaus am häufigsten unpolitisch. Es ist nun auf keine
Weise einzusehen, wie jene unpolitische Beziehung zum Geist dazu fruchtbar
gemacht werden sollte, gerade politische Werte zu produzieren. Diese Art
»Geistigen« sind quoad Politik um nichts zuständiger als politische Fachleute,
denen aber diese unpolitische Beziehung zum Geist fehlt. Und diejenigen
Geistigen, die eine politische Beziehung zum Geist aufweisen, sich also politisch
betätigen, werden, wie dargetan, durch Z u s a m m e n s c h l u ß ihre geistige Be-
g a b u n g nicht vertiefen. Aber es soll nichts vertieft werden, meint der Aktivis-
mus, es soll g e w i r k t werden. Man besinne sich: zum W i r k e n gehört ein
Angriffspunkt, der ein Berührungspunkt ist zwischen Wirkendem und Material.
Wenn zwischen einer geistigen Norm oder einer geistigen Haltung einerseits und
den Faktoren der Erfahrungswelt andererseits ein Abstand klafft, der eine direkte
Berührung nicht zuläßt, so kann m o m e n t a n nicht g e w i r k t werden wenn
man die geistige Haltung nicht verläßt und „Realpolitik" treibt. (Ein umfassendes
Beispiel bietet etwa die Geschichte der Sozialdemokratie) Diese Realpolitik ist
das, was allenthalben bereits betrieben wird, und sie stellt schon den Abstieg
dar aus jenen der Menschheit ja nicht unbekannten geistigen Haltungen. Der
Aktivismus w 11 noch einmal verkürzt dieses Herabsteigen ad oculos demonstrieren.
.Geist" heißt ja gerade: Nicht-Wirkung, wenn praktisches K o m p r o m i ß er-
forderlich, heißt: Bewahren des R i c h t u n g s p u n k t e s bis zur Wirkungs-Möglichkeit.
Geist, der wirkt — ist unversehens „Realpolitik" und unterscheidet sich in nichts
von der betriebenen. Geist ziplt nicht ü b e r h a u p t auf Unwirksamkeit und
Esoterik, sondern nur so lange als Wirkung — Zugeständnis bedeutet. Und daß
o h n e Zugeständnisse ein angriffsloses Visavis von Norm und Erfahrung besteht,
kann kaum bestritten werden.
Aber man vergegenwärtige sich doch einmal: was bedeutet denn diese viel
gebrauchte Vorstellung „geistig", wenn es sich um Bearbeitung politischer oder
wirtschaftlicher Materie handelt? Was heißt „geistige Behandlung" sozia'er Proble-
matik? Hier sind zwei Faktoren: die politisch-wirtschaftlichen Gegebenheiten und
das geistige Vermögen. Dem geistigen Vermögen kann einzig und allein die
Aufgabe zufallen, diese Gegebenheiten in einer Weise zu o r d n e n , nach Ursache
und Wirkung in tausenderlei Gestalt einzuteilen und diese Geteiltheiten so zu
rangieren, daß die also hergestellte Ordnung reibungslos läuft. Das aber
versucht die politische Überlegung seit Menschengedenken. Aber es muß „geistig"
versucht werden. Was bedeutet geistig? Bedeutet es „durch einen geistigen
Menschen"? — und es können nur die bisher Unpolitisch-Geistigen gemeint sein —
so ist wahrhaftig die Hoffnung gering, etwa von einer Befähigung zur Gefühls-
gestaltung die Ordnung wirtschaftlicher Phänomene zu erwarten. Denn der dem
so Befähigten eigene Grad von „Kultur«, von „Menschlichkeit", welcher der
Politik „gut täte«, ist es ja gerade, der den also Ausgezeichneten u n p o l i t i s c h
macht, weil zwischen seiner geistigen Einstellung und den Tatsachen jener Riß
klatft, der ihn ahnen oder wissen ließ, daß seine „Menschlichkeit" auf dem Wege
vom unwirksamen Geist zu den Bedingungen der Wirtschaftswelt sich in Nichts
verwandle, — — oder, aufrecht erhalten, sich in jenen w e i t e r h i n unwirksamen
Beschwörungen der Allgemeinheit ausdrückt, die man aus den Äußerungen der
„politischen Dichter" kennt, und die maßlos verschieden sind und sein müssen
von der äußersten politischen Produktivität, die das G a n z e der sozialen Komplexe
begreift. Denn es läßt sich zeigen, daß gewisse normative, p s y c h o l o g i s c h und
ethisch begründete Einzel-Forderungen, die zu den Situationen der aktuellen
politischen Welt kontrastieren, - daß solche Einzelforderungen, wie sie von
geistigen Menschen, die sich der Politik zuwenden, auszugehen pflegen, sich zwar
in einem Einzel-Gesetz formulieren ließen, — - daß aber die Durchführung solchen
Gesetzes die g a n z e aktuelle politische Welt revolutionierte, und von einer Einzel-
Schwierigkeit zu prinzipiellen führt, weil nicht zwei Einzelheiten, nicht Symptome,
sondern ganze Ebenen gegeneinander stehen. Das bedeutet, daß hier nichts
geschieht, wenn Dichter oder Wissenschaftler sich sammeln und politisch werden —
hier, wo der politische Genius selbst beansprucht wird. Die äußere „Sammlung"
der Geistigen aber als das Moment „geistiger" Politik einzustellen, ist, abgesehen
davon, daß es genau so anfechtbar, wie der Gedanke des Parlamentarismus
ü b e r h a u p t - ist, wie ausgeführt, jene Verwechslung, welche „Internationale des
Geistes* sagt und „Internationale der Schriftsteller" bedeutet.

Oder heißt „geistig« eine besondere M e t h o d e der Behandlung politischen


Materials? Dann könnte es nur den Sinn eines l o g i s c h e n Verfahrens haben.
Hier aber ist nicht das Gebiet der reinen Logik, da durch Begriffe und Schlüsse
„richtig" und „falsch" entschieden wird. Daß die Linien der Kausalität, nicht wie sie
verlaufen, sind logisch regelbare Angelegenheiten, und die Logik ist so durch und
durch Allgemeinwissenschaft, daß sie für ein Spezialgebiet zu einem S o n d e r -
v e r f a h r e n gestalten zu wollen, zu einem leeren Prunken mit einer unkonkretisier-
baren Über-Berechtigung werden muß.
Das Prädikat „geistig" als Attribut der Politik bezeichnet also eine leere
Wünschbarkeit und eine ethische Forderung wie das Postulat „gut" — so lange
unter den Bedeutungen, die ihm seine Erfinder gaben, kein reales Agens zur
Bewältigung höchst drastischer und gefährlicher Notlagen enthalten ist. Es ver-
flüchtigt sich zu einem formalen Erfordernis.
Geist als solcher ist nichts Hinzukommendes, heißt nur das formal richtige
Umgehen mit den Gegebenheiten, und die Unmöglichkeit, eine katastrophenlose
Ordnung dieser herzustellen, kann an den G e g e b e n h e i t e n liegen oder an dem
Nicht-Vorhandensesin anderer. Wie eine Aufgabe unlösbar sein kann, wenn die
Zahl der bekannten Fakioren zu klein und die der unbekannten zu groß ist, so
kann die Unlösbarkeit des politisch-wirtschaftlichen Problems daran liegen, daß
die Faktoren, ; die in Ordnung gebracht werden sollen, so, wie, sie sind, nicht
a u s r e i c h e n . Nicht, als ob neue wirtschaftliche Fakten zu eruieren seien - es
könnte sein, daß das g e s a m t e Wirtschafts-Gefüge deshalb nicht in Ordnung
gebracht werden kann, weil es als ein in sich geschlossenes, r u h e n d e s Ganzes
betrachtet und in Angriff genommen wird, während es in Wirklichkeit eine (als
Ganzes) a b h ä n g i g e G r ö ß e ist.
In dem bloß-wirtschaftlichen Material finden sich diejenigen Elemente, welche
machen, daß alle anderen zueinander »passen«, nicht, und in der zu dieser Wirt-
schaftswelt gehörenden geistigen finden sie sich auch nicht
Denn — und dies ist ein Sachverhalt von einer vielleicht anfangs befremd-
lichen, indessen kaum zu überschätzenden Bedeutung -: Diese W i r t s c h a f t s -
welt und diese — scheinbar doch ganz heterogene — »geistige« Welt mit-
samt allen ihren das Wirtschaftsdasein revolutionierenden Forderungen, m i t s a m t
allen ihren scheinbar materie-femen Betätigungen — — b e d i n g e n e i n a n d e r .
Das will sagen: wenn das g e i s t i g e V e r h a l t e n , das wir als in einem Um-
kreise herrschend beobachten können, der weif über den Unterschied von »Ge-
bieten" oder »Strömungen« oder »Richtungen" innerhalb des Geisteslebens hinaus-
geht, nicht ein b e s t i m m t e s S t i g m a aufwiese (zu dessen bloßer Sichtbarmachung
schon die Aufstellung eines anderen Types geistiger Möglichkeit notwendig ist
und hier versucht werden soll), das es in der Tat aufweist, so könnte diese
äußere Ordnung der Dinge nicht diese t o t a l e U n b e r ü h r b a r k e i t von geistiger
Motivation aufweisen, die sie in der Tat aufweist Da das Prinzip der „Herr-
schaft des Geistes" in f o r m a l e r Weise richtig ist, so muß diese vollkommene
Unangreifbarkeit der materialen, politischen, wirtschaftlichen Welt durch den „Geist"
daran liegen, daß es keine i n h a l t l i c h e geistige Wesenheit gibt, — wie weit
man auch diesen tatsächlich vorhandenen Bereich geistiger Gegebenheiten durch-
läuft die diesen äußeren Komplex sogleich zu bewegen vermöchte.
Da sich vom Geist her nichts faktisch ändert, so muß geschlossen werden:
Dieses W i r t s c h a f t s c h a o s und d i e s e g e i s t i g e Welt passen zusammen.
Es findet sich in dieser kein eingreifendes Motiv (außer dem allgemeinen, formalen).
Woran liegt das?
Es liegt daran, daß die maßgebende geistige Einstellung, die durchgängig
ist und die mit dem konkreten Dasein dieser Epochen übereinstimmt, die ist: daß
alle geistige Wirkung keine a u g e n b l i c k l i c h e nach Art der k ö r p e r l i c h e n ,
sondern eine an Unsichtbarkeit grenzend ferne und allmähliche ist: daß mithin
geistige Faktoren nur nach langen Abläufen irgendwie merkbar und wertbar,
materielle Faktoren aber augenblicklich und sofort einsetzbar und wirkend gewertet
werden: daß somit allem Geistigen eine zeitliche N a c h t r ä g l i c h k e i t eigen sei,
der die Regelung des Körperlichen zeitlich v o r a n z u g e h e n habe: daß Körper-
haftes überall die Notwendigkeit m o m e n t a n e r R e g e l u n g zeige, demgegenüber
Geistiges jedweden unbestimmten Aufschub vertrage.
Diese Auffassung ist im innersten identisch mit jener, daß das Geistige nur
der „ Ü b e r b a u " der materialen Welt sei, deren eigentlich bestimmende Mächte
in ihr selbst lägen.
Aber die gegenteilige, .idealistische" Perspektive, daß der »Geist" es sei, der
die bewegende Kraft bedeute, macht es sich zu leicht, wenn sie die Wirkung
dieses bewegenden Agens »schließlich und endlich" einmal in mehr oder weniger
ferner Zukunft erwartet — —. Denn mit der Aberkennung der s o f o r t i g e n
Wirkungsfähigkeit des Geistigen m u ß dieses wohl oder übel zum unnotwendigen
» Ü b e r b a u « werden, mögen auch die .Idealisten" noch, so intensiv das Gegenteil
behaupten. Was nicht in bestimmten Sachlagen sofort »da ist", ist überhaupt
nicht da, muß bei der Ordnung der wichtigsten Sachlagen unausweislich ver-
nachlässigt, d. i. zum „Überbau" werden.
Der Geist, als etwas N i c h t - A u g e n b l i c k l i c h e s an Wirkungsfähigkeit ver-
standen, ist das Stigma, das diese gesamte" geistige, kulturelle Welt zeichnet und
sie zu etwas der augenblicklichen Eingriffs-Fähigkeit und »Notwendigkeit des
k ö r p e r h a f t e n Daseins" N a c h g e o r d n e t e m macht und zu etwas allen Ver-
renkungen und Erkrankungen dieses körperhaften „wirtschaftlichen" Daseins ein-
griffsunfähig Gegenüberstehendem, zu etwas — im Effekt — dazu Passendem.
Aber man wird entgegenstellen: das sei nicht das Stigma d i e s e r geistigen
Welt, das sei. das Stigma des Geistes ü b e r h a u p t , als solchen — auf eine andere
Weise als mehr oder weniger allmählich und ferne zu wirken, sei sämtlichen
Mitteln des Geistes überhaupt unmöglich — Geist heiße im Gegensatz zu Körper:
Fernwirkung.
Darauf antworten wir: Sollte dies so sein, sollte diese „Fernwirkung" auch
zeitlich unumstößliches Gesetz sein, so gilt es, sich darauf gefaßt zu machen,
daß die körperhaften, materiellen Bewegungen vom Geist ü b e r h a u p t niemals
eingeholt werden.
Es gibt keinerlei exakten Anhalt dafür, daß sich nicht ständig und ewig körper-
hafte Notwendigkeiten vor geistige Erfordernisse drängen und diese in infinitum
hinausschieben, es gibt — abgesehen von einem transzendentalen Dogma von
ewiger Weltverbesserung — keinerlei Garantie, mit Sicherheit aber keinerlei hand-
h a b b a r e s Moment dafür, daß unter dieser Perspektive nicht das Chaos in
Permanenz erklärt wird samt allen theoretisch ungeheuerlichen Konsequenzen, die
bis zur Selbstaufhebung jeder Geltung führen.
Man gewöhne sich, in Alternativen zu denken, und hüte sich, „Unmöglich-
keiten" zu stabilieren, deren antipodisch entsprechende „Möglichkeit" nur zu Ende
geführt, noch nicht einmal — d e n k b a r ist.
Wir werden also, von undenkbaren Folgerungen genötigt, eine Weile bei der
Erwägung von Möglichkeiten zu verharren haben, die, wenn auch zu einem Teil
als Aussichtslosigkeiten verschrieen, dennoch eigentlich niemals — wie es doch
bei echten Aussichtslosigkeiten sein müßte — zu Gleichgültigem und zu Nichts
geworden sind, sondern, wenn auch problematisch, immer dringend dagewesen
sind: der Möglichkeit einer unmittelbaren und augenblicklichen geistigen Wirk-
samkeit, einer Eventualität, die allerdings aus einer Realitätsempfindung stammt,
die unter den Kräften, die diese Kulturwelt ausmachen, nicht anzutreffen ist
Die Möglichkeit geistiger Momentanwirkung ist mithin unerläßlich
oder: es ist logische Anarchie zu gewärtigen.
Es entsteht die Frage nach dem Paradigma einer solchen Wirkung. Es
zeigt sich, daß nur ein Fall eines sogleich sichtbaren Effekts geistiger Einwirkung
bekannt ist: der der physiologischen Beherrschung des Körpers durch geistige
Momente auf dem ganzen übrigen Felde des „Geistes" aber nichts der-
gleichen bekannt ist.
Es gibt also eine solche Gegebenheit, aber sie gehört nicht in die Politik.
Gibt es nun im ganzen Umkreis des außerphysiologischen Bereichs keinen
Anhalt für eine Eingriffsmöglichkeit des Geistes in die Dinge der menschlichen
Außenwelt nach Art des Körpers?
Wir müssen antworten: es gibt keinen wenn nicht „die Natur",
das N a t u r g e g e b e n e des psychophysiologischen Phänomens — m o d i f i z i e r b a r ,
b e h a n d e l b a r ist.
Hier ist ein kritischer Punkt von kaum überschätzbarer Wesentlichkeit: eine
Stelle, an der „Tatsachen" auf ihre „Tatsächlichkeit" hin zu überprüfen sind. Daher
ein Punkt jahrhundertelangen Stockens.
Worauf kommt es an?
Es muß dem Wirken des Geistes die Möglichkeit gegeben sein, mit der
gleichen Unmittelbarkeit, mit der gleichen unzweifelhaften, unmetaphorischen
Drastik und Plötzlichkeit da zu sein wie dem des Körpers — — sonst verbürgt
nichts das Aufhören seiner ewigen Nachträglichkeit
Augenblicklich einsetzbar aber ist nichts absolut Körperloses. Der Geist
oder eine geistige Gegebenheit als s o l c h e ist nicht augenblicklich einsetzbar.
Um die Dinge des Außen anzugreifen wie ein Arm, wie eine Maschine oder
wie ein Zahlmittel genügt nicht ein — im Vergleich zur übrigen Erfahrungswelt:
gestaltloses Etwas, wie es selbst die bestimmteste Überlegung ist und das deut-
lichste Gefühl.
Selbst die g e n a u e s t e Reflexion und die intensivste Empfindung verlieren,
den widerstrebenden Reflexionen und Empfindungen, die die Erfahrungskörper-
lichkeit auf ihrer Seite haben, im Kampfe ausgesetzt, ihren undurchbrochenen
Umriß, ihre Härte, die absolute Bestimmtheit, die im Geiste Ersatz des Körper-
haften bedeutet sie verlieren ihre unantastbare Eindeutigkeit und damit ihr
Wesen und ihre Ersetzbarkeit.
Hier ist keine Mathematik: also gibt es keine Unbezweifelbarkeit, die ver-
möge anschauungsmäßiger Logik durchdringt. Mathematik nämlich heißt Geist
und Körperhaftes, d. i. g e s e t z m ä ß i g e A n s c h a u u n g .
Etwas der Mathematik Entsprechendes ist notwendig.
Gesetzmäßige Anschauung ist die Betätigung des Geistes auf der Ebene der
S i n n e , ist »reine« Sinnlichkeit.
Gibt es also zu dem Gebiet der nichtindividuellen Realitäten keine Sinnen-
haftigkeit, kein Feld gesetzmäßiger Anschauung, keine Sinne — so ist der »Geist"
ewig ein, im buchstäblichsten Sinne: »losgelöster« Schemen, der ewig dem Zwang
der körperhaften, sogenannten „Wirklichkeit" weichen muß.
Diese Alternative gilt es sich in ihrer ganzen Kraßheit zu vergegenwärtigen:
es wird zur Auflösung der Probleme der Menschen-Ordnung, zur Aufhebung der
ganzen zwischenindividueilen Pathologie nicht weniger verlangt als eine Modi-
fizierbarkeit des Naturgegebenen: der psychophysischen Sinnlichkeit
Man mag das für unmöglich erklären — aber man sei sich zunächst darüber
klar, daß man damit i m p l i c i t e fast alles für absolut unmöglich erklärt, das aus
der unaufhörlichen Katastrophe des Völkerdaseins herausführen könnte — man
sei sich dann bewußt, daß man damit nicht nur jedes politische Beginnen, dessen
Notwendigkeit doch unausweichlich ist, dennoch für zweck- und ^ sinnlos erklärt
— daß man einen ewigen Irrsinn damit von diesem Augenblick an statuiert.
Ehe man sich zu dergleichen entschließt, sieht man wohl auch eine soge-
nannte Unmöglichkeit noch einmal genauer an. —
Um die Verantwortung für die Behauptung der Unerläßlichkeit eines Aben-
teuers, wie es die Bewältigung eines bis heute sicherlich nicht durchdrungenen
Feldes darstellt, übernehmen zu können, ist. vorerst klarzustellen, wie denn über-
haupt ein sozialer Problemkomplex mit einem — (mit Einschränkung gesagt):
naturwissenschaftlichen zusammenhängen könne, sodann, wie sie derart verknotet
sein können, daß hier eine leben- und todbedingende Verbindung liege.
Wir wollen zuerst mit einigen dogmatischen Worten angeben, welche Be-
ziehung hier gemeint ist
Politik gilt gemeinhin als die Aufgabe der konkreten Ordnung von Menschen-
gesamtheiten unter einstweiliger Beiseitesetzung der naturwissenschaftlichen und
philosophischen Möglichkeiten des Menschen.
Politik betraf gleichsam nur die Ordnung des physiologischen Nebenein-
ander, indessen die psychische Sphäre, die kulturelle, der Bereich der „Bestimmung
des Menschen«, als Reservat des E i n z e l n e n angesehen war. ..
Letzteres war darum auch nicht „bindend", es lag außerhalb des „Staates".
Die Ideen, die der Einzelne sich über seine personale Existenz machte, waren für
die Welt des Staates höchstens insofern da, als er ihnen irgendeine kulturelle
Institution überließ, und damit war dieses Gebiet neben dem staatlichen bestimmt,
das seinerseits von e i g e n e n Faktoren kausiert wurde.
D e r U r s a c h e n - u n d d a m i t der Z i e l p u n k t a l l e r g e g e n w ä r t i g e n
Politik l i e g t , im Kern, i m m e r n o c h in d e r R e g e l u n g d e s p h y s i s c h e n
A u s g l e i c h s , sei es der E i n z e l n e n , sei es d e r V ö l k e r g e s a m t h e i t e n
untereinander.
Die Politik blickt auf Vielheit, der Einzelnen oder der Völker, und will sie
rangieren.
Nach Erreichung dieser Ordnung hätte die Politik als s o l c h e kein Programm
mehr, sie würde, heute vor eine solche Frage gestellt, antworten: alles « F e r n e r e »
werde sich »dann« ergeben, es handle sich heute um den Zwang der augen-
blicklichen »Wirklichkeit" und nicht um eine entlegene »Möglichkeit".
Unter Zugrundelegung des hier ausgeführten Gedankens, der die Umkehrung
von all dem ist und der sagt: daß sich diese sogenannte „Wirklichkeit" durchaus
nicht „verwirklichen", durchaus praktisch auf keine Weise einrichten lasse, ohne
jene „Möglichkeit" v o r h e r einbezogen zu haben — daß Politik, für sich ge-
nommen, spezialisiert, abgetrennt, als „Politik" gehandhabt, mit Katastrophen-
politik ewig identisch sein müsse, daß jene realitätferne Möglichkeit vorher ge-
regelt zu haben augenblicklich p r a k t i s c h unerläßlich sei, daß es also einen Fehler
von unabsehbaren Konsequenzen bedeute, das teleologische Gebiet neben statt
vor das staatliche zu lokalisieren, a u ß e r Kausalnexus statt in den b e s t i m m e n d e n
Kausalnexus zu setzen, und zwar nicht, wie gewöhnlich geglaubt wird, um des
Kulturellen, sondern um des Physiologischen willen — unter Zugrundelegung
dieser Erwägung müssen wir also ein anderes Bild von „Politik" gewinnen.
Es wird hier, das sei wiederum unterstrichen, keine »idealistische" Politik
gegen eine materialistische gefordert — nicht »Geist* gegen „Materie" ausgespielt,
sondern eine wei.tergespannte Vorstellung des psychophysischen Verhältnisses
gegen eine zu enge.
Der Begriff von Politik, den wir im Auge haben, ist genötigt, alle Ungelöst-
heit, die sich zunächst in einem psychischen Innen abspielt, einzubeziehen und
auf irgendeine Weise v o r der P r a x i s zur Entscheidung zu bringen, nicht nur
um der sogenannten „Kultur" willen (der etwa eine rein materielle Sphäre
g e g e n ü b e r s t ü n d e ) , s o n d e r n g e r a d e und erst r e c h t um d i e s e r m a t e r i e l l e n
S p h ä r e willen.
Diese materielle Sphäre, die heute so verzweifelt umkämpft wird, schätzen
wir nicht etwa als zu groß, wir urteilen, daß sie zu klein sei, und daß ihr Erweiterung
not tue. Es müssen mehr und andere materielle Angelegenheiten in den Ge-
sichtskreis der Politik gebracht werden, um die Regelung der physischen Welt
zu ermöglichen — das politische Unternehmen scheitert, wie in manchem anderen
Fall, nicht an der Größe, sondern an der Kleinheit seines Umfanges. Die
Erweiterung und Einbeziehung heute als apolitisch angesehener Komplexe bringt
nämlich eine V e r s c h i e b u n g des W e r t a k z e n t e s herbei, der auf den einzelnen
materieilpolitischen Tatbeständen ruht: sie verhindert Überbewertungen, die im
zwischenmenschlichen Organismus zu psychischen Verknotungen und fixen
Gebilden werden, von denen Sterilität und Auflösung ausgeht Um konkret zu
sein: eine so ungeheure Bedeutung das rein wirtschaftliche Interesse immerhin für
den Einzelnen haben mag, so gibt es dennoch auch für diesen Werte, hinter die
es, selbst bei krassestem Materialismus, zurücktritt Das sind alle n a t u r h a f t e n
Momente im Dasein des Einzelnen (Anfang, Ende, Fortsetzung, naturhafte Bedrohung
u. s. f.), die ja sogar das Urmotiv auch seines wirtschaftlichen Interesses sind,
aber, wie bekannt, nur zu einem geringen Bruchteil durch dieses letztere zu
sichern sind. Diese naturhaften Momente aber sind im wesentlichen außerhalb
der Vielheits-Existenz, sie gehen den Einzelnen an. Sie gelten als gemeinschafts-
gemäß, d. i. als politisch irrelevante Fakta. Es gilt, daß »naturgesetzlich" die
Kausalreihe der Biologie und die der Soziologie nebeneinander nicht ineinander
laufen. Die soziologische Tendenz kann auf die biologische nur vermittels dieser
einwirken. Ließe sich nun dennoch ein nicht vermittelter Zusammenhang
aufdecken zwischen diesen naturhaften Gegebenheiten und der Vielheits-Tatsache,
so erhielte die letztere mit einem Schlage eine dringende Realität für den Einzelnen,
und aus einer bloßen »Vorstellung", die die Einzelnen zusammenfaßte, würde
plötzlich realiter und drastisch das, was jeder Nationalismus nur m e t a p h o r i s c h
meinen kann (und z.T. meinen muß, weil d i e j e n i g e Vielheit, auf die er abzielt,
meistens als solche tot ist). Wird also die „Natur" von der Vielheit erfaßt, so
sind die Einzelnen einer solchen Vielheit in der Intensität ihres (z. B. wirtschaft-
lichen) Gegeneinander e i n g e s c h r ä n k t , aus körperhaftem Interesse in ihrem
Widerstreit von sich selbst aus begrenzt, weil die eigene physiologische Lebendig-
keit von einem Gesamtheitsmoment völlig unmetaphorisch mit bedingt ist.
D i e s e r Z u s a m m e n h a n g , der n a t u r g e m ä ß w e d e r ein „ r e i n g e i s t i g e r "
n o c h ein bloß b i o l o g i s c h - k a u s a l e r sein kann (denn beide erfüllen die
a n g e g e b e n e n B e d i n g u n g e n nicht) ist — e x i s t i e r e n d o d e r nicht, conditio
sine q u a non und die einzige einer k a t a s t r o p h e n l o s e n O r d n u n g . Denn
nur so kann niemals das körperhafte Interesse des Einzelnen bis zur Explosions-
gefahr gegen die Gesamtheit oder Teile von ihr gerichtet sein.
Die Frage eines solchen Zusammenhangs aber ist aller auf „Einzelsinnlichkeit"
abgestellten Wissenschaft unzugänglich. Es gilt im Ausmaß dieses Gedanken-
ganges nicht, das Bestehen dieser Verbindung evident zu machen, es gilt, das
Abhängigkeitsverhältnis aller soziologischen Fragestellung von dem Oegebensein
oder Nichtgegebensein jener Verbindung aufzuzeigen und methodologisch darzutun,
daß dieses Problem real ist, der Ausfall seiner Lösung alles entscheidet, und daß
seine umfänglichste Inangriffnahme und Fortführung Anfang und Zentrum aller
wirkliche!? Politik ist, daß alles übrige „politische" Tun letzten Endes und nicht
nur letzten Endes ein sinn- und erfolgloses Umherirren sein muß.
Dieses P r o b l e m ist nämlich n i c h t s a n d e r e s als ein A u s d r u c k des
p s y c h o p h y s i o l o g i s c h e n , und wir haben auch hier die Möglichkeit, aus einer
scheinbaren Häufung von Schwierigkeiten — da die Fragwürdigkeiten zweier
Bereiche auf einer Zone zusammentreffen — Vprteil zu ziehen, weil so neue
Faktoren in die Rechnung eintreten.
Das wollen wir in größter Zusammendrängung andeuten:
Wir können nämlich vermuten und werden es bestätigt finden, daß die un-
erhörte Widerstandskraft der psychophysiologischen Verkettungsfrage zu einem
großen Teil davon bedingt ist, daß wir dauernd eine psychische Größe mit
Materialität i n n e r h a l b des E i n z e l i n d i v i d u u m s in Verbindung zu bringen
trachteten, das möglicherweise gamicht den Treffpunkt bildet, oder nur von der
physiologischen Seite aus gesehen bilden müßte, nicht notwendig aber von der
psychischen Seite aus. Denn der Geist und sein Organismus sind insofern
unhomogen und in keine Kommensurabilität zu bringen, weil der Körper in einen
biologischen Vielheits-Nexus eingestellt ist, wofür sich in allen Elementen des
„naturgegebenen" Bewußtseins kein Analogon und kein Anhalt findet. Infolge-
dessen empfindet das Bewußtsein, dem nur begreifbar sein kann, was aus ihm
selbst deduzierbar ist, den Körper als etwas a u ß e r h a l b s e i n e r Entstandenes, als
ein buchstäblich „Hetero-genes". Dieses Bewußtsein ist für den Körper in
gewissem Sinne zu kurz. Es gibt scheinbar kein Bewußtseinselement, das mir
die Konstruktion meines Körpers vermittelt. Während es für den G e b r a u c h
meines Körpers Anschauungsformen des Geistes gibt, gibt es für seine A n l a g e
scheinbar nichts dergleichen. Für Körper von a u ß e n gibt es Formen, für Körper
von innen nicht. Die Einzel-Sinnlichkeit reicht l o g i s c h (nicht etwa historisch)
nicht so weit wie die Genetik des eigenen Körpers, und sie kann nicht so weit
reichen, weil es für das restlose Begreifen der eigenen Materialität — womit in der
Tat das psychophysiologische Problem gelöst wäre — nicht auf die zyklisch-biolo-
gische, sondern auf die einmalig-kausale Genese ankommt. Einmalig-kausale
Genese bedeutet, im Gegensatz zu der sich immer wiederholenden biologischen
causa, in der ein Ablauf bereits vorgezeichnet ist, die causa zu dieser Vorzeich-
nung — die Konstruktions-Ursache, weiche nicht gemäß naiver Vermutung eine
Einzel-Ursache, nur am » A n f a n g " , sondern eine Q u e r - oder Konzentrations-
Ursache wäre. Ein Anschauungsmoment für die einmalig-kausale Genese aber
kann in dem Umkreis einer Einzel-Sinnlichkeit unmöglich anzutreffen sein, denn
diese ist wiederum keine kommensurable psychische Größe für den Umfang eines
Ereignisses wie das einer ailen biologischen Kreislauf konzentrierenden Kausalität

So kommen psychische und physiologische Data nicht zusammen d. i. so


bleibt das psychophysiologische Problem unhandlich w e g e n der v ö l l i g e n Un-
g e k l ä r t h e i t des V i e l h e i t s m o m e n t s .
Die R e a l i t ä t einer V i e l h e i t s e x i s t e n z ist a l s o d e r Punkt, von dem
in g l e i c h e r W e i s e das p s y c h o p h y s i o l o g i s c h e wie im t i e f s t e n Grunde
das s o z i o l o g i s c h e Problem a b h ä n g t , und damit ist die Unerläßlichkeit einer
Entscheidung der naturwissenschaftlichen Grenz-Aufgabe für ein die wirkliche Macht
der Überlegung einsetzendes politisches Beginnen gegeben.
Die historisch verstandene „Politik" beurteilt alles so, als ob es nur den
Einzelnen in n-facher Wiederholung gäbe, und übersieht, daß dieser Wiederholung
ein Sinn zukommen muß, demzufolge die V i e l h e i t als s o l c h e eine ebenso
originäre Existenz-Geltung haben könnte als „ E i n z e l h e i t " . Vielheit ist nicht als
das bloß „geistige Band" der „allein realen" Einzelnen, sie ist selbst als Realität
zu verstehen, deren Sinn zu ermitteln ist Soll nun nicht die logisch wie ethisch
gleich gefährliche Loslösung der Zweck- und Sinnhaftigkeit von der Frage der
Existenz stattfinden, wobei es für die Systematik, die eine transzendente Realität
einsetzt, nur darauf ankommt, nicht diese mit empirischer Realität zu vermengen,
denn diese ist für die Sinnfrage belanglos, jene entscheidend — — d.h. sollen
also nicht Beziehungen zwischen psychischen Einheiten ohne das Fundament einer
Wirklichkeit statuiert werden, so bleibt entweder die Dogmatik des entschiedenen
Materialismus, nach der der faktischen Vielheit einzig im quantitativen Verstände
ein Sinn zukommt, oder es gilt die nachstehende Möglichkeit:
Da A d d i t i o n in geistigem Betracht nicht möglich ist, so kann, soll Vielheit
auf der Ebene der psychischen Realität überhaupt eine Bedeutung haben, unter
Ausschluß des oben Dargestellten die Existenz von Vielheit auf dieser Ebene
gleichfalls nur die Möglichkeit einer Steigerbarkeit bedeuten. Diese Intensivierung
kann aber nicht, wie durch physiologische Anhäufung, in die Breite gehen und
von der zahlenmäßigen Vervielfachung abhängen, sie kann, da Bewußtsein ein
prinzipielles „Innen" von unbegrenzter Ausschließlichkeit ist, nur in einer Erweiter-
barkeit dieses Innen liegen, d. h. in e i n e r E i n b e z i e h u n g u r s p r ü n g l i c h
f r e m d e r p s y c h i s c h e r F a k t o r e n in eine e i n z i g e B e w u ß t h e i t
Alle philosophischen Fragwürdigkeiten, und nicht nur die philosophischen,
wie wir dartun wollen, laufen im psychophysiologischen Problem zusammen, das
quer durch jede beliebige Systematik, von der materialistischsten bis zur illusio-
nistischen, einen Riß durch das Denken treibt, den weder diese noch jene, noch
eine parallelistische Schematisierung zu heilen vermögen, und der sich der jeweiligen
Erklärungshypothese hartnäckig als die Beziehungslosigkeit aufdrängt, die zwischen
einer Begebenheit, deren Körperhaftigkeit zum mindesten ungreifbar ist, der
psychischen, und ihrem physischen Parallelvorgang oder — bei anderer Dogmatik —
zwischen der Empfindung des Bewußtseins und der Empfindung der Ausdehnung
klafft (denn dadurch, daß ich beides subjektiv fasse und es etwa „Empfindungen"
oder ähnlich nenne, habe ich wieder den auseinanderstrebenden Inhalt solcher
Empfindungen keineswegs überbrückt).
Da nun in dem Umkreis der bekannten Bewußtheiten ein Zusammentreffen des
psychischen und des materiellen Moments noch nicht zu finden ist, so muß dies
darauf zurückzuführen sein, daß dessen Inhalt, der, wohin auch immer durch ein
Schema gewendet, im Prinzip derselbe bleibt, als solcher zu klein ist
Bei einer methodologischen Untersuchung, welche Faktoren denn nun unter den
zunächst l o g i s c h systematischen Elementen eines Bewußtseins fehlen oder als
solche verkannt sein könnten, würde man auf die Frage der direkten Beziehung
von verschiedenen Bewußtseinseinheiten stoßen. Diese scheint zu fehlen. Wenigstens
vermöchten wir für sie im Gegensatz zu der direkten Beziehung von Bewußtsein
und eigener Materialität, d. i. Körper, im Gegensatz sogar zu der direkten Beziehung
zwischen Bewußtsein und fremder Materialität, ohne weiteres keine Form anzugeben.
— Ich bin mir fremder Materie unmittelbar gewiß und sollte es fremder Bewußt-
heit nur durch deren Vermittlung sein? (Der Einwand, ich wäre des eigenen
Bewußtseins auch nur „mittels" der Materialität, nämlich der eigenen, gewiß, trifft
deshalb nicht, weil diese Gewißheit sowohl des eigenen Bewußtseins wie der
fremden Materialität sich bis zu einem Modus der „ W a h r n e h m u n g " — wenn
auch der inneren — verdichtet, auf den allein es hier ankommt; die externe Be-
wußtheit als solche aber könnte in dem angenommenen Fall lediglich „erschlossen"
werden, und es ist logisch-systematisch zumindest nicht einzusehen, warum die
Perception fremder Bewußtheit an der Wahrnehmbarkeit — wenn auch nicht
„von .außen" — nicht teilhaben sollte, die ja auch „mittels" der Materialität vor
sich gehen könnte: aber als E m p f i n d b a r k e i t , nicht als — Syllogismus.) Die
Perception eines Phänomens, das meiner Personalität der Struktur nach n ä h e r
sein muß, als das der fremden Materialität, sollte gleichwohl auf e n t f e r n t e r e
Methode als die Perception dieser Materialität vor sich gehen? Nun, eine ge-
nauere Untersuchung würde zeigen, daß, wenn dem so wäre, der Solipsismus
recht hätte und ein jeder sich nur einer Unzahl von fremden Automaten gegen-
über fühlte.
Dieses Minus an Umkreis des Einzelbewußtseins deutet ebenfalls auf die
transzendente Realität der Vielheit im Sinne einer — da es „Bewußtsein von
außen" als solches nicht geben kann — Potenzierung einer einzelnen Bewußtseins-
größe, in deren Erweiterungskreis alsdann diejenigen körperhaften Momente fallen
müßten, die außerhalb der unmodifizierten psychischen Einheit liegen: wie schon
angedeutet, die genetischen. Es leuchtet ein, daß für die Konception gerade des
genetisch-konstruktiven Elements des Organismus die Vorstellung einer sozusagen
psychischen Gesamteinheit logisch unerläßlich ist; denn nur in dieser ist überhaupt
das geistige Komplement das g e i s t i g e Parallelfaktum zu der eine biologische
Einmaligkeit zum Ausdruck bringenden einmaligen Körper-Kausalität vorhanden,
aus der allein dessen Konstruktion begreifbar werden kann. Da es sich hierbei
keineswegs um eine bloß-logische, sondern durchaus um eine der Exaktheit der
Sinneserfahrung adäquate, unmittelbare Erfahrung handelt, so ist zumindest der Be-
griff gegeben, in dem oben von einer Erweiterung der „gesetzmäßigen Anschauung",
also der Behandelbarkeit eines Naturgegebenen, die Rede war. Naturgegeben
kann nämlich nicht notwendig unveränderlich bedeuten, am wenigsten dann, wenn
die Naturgegebenheit in sich so zwiespältig ist, daß sie das Vorhandensein eines
e c h t e n Problems zuläßt Denn es ist nicht angängig, alles Problemhafte in uns
zu verlegen, gleich als ob diesem »Uns" noch ein zur Fehlerlosigkeit fähiges
Subjekt entspräche. Dies ist nicht immer der Fäll, am wenigsten aber bei den
der „Unlösbarkeit" verdächtigen Problemen. Diese bedeuten einen Fehler in
„unserer Natur", von dem nicht gesagt ist, daß er nicht korrigierbar wäre: aber
ein anderes ist ein logischer oder verstandesmäßiger, ein anderes ein Sinnenfehler,
der wiederum nicht mit einer „Täuschung" zu verwechseln ist, sondern eine Be-
grenzung der Sinnenhaftigkeit ausdrückt, der wir uns nur auf Grund einer anderen
überhaupt bewußt werden können: sodaß jede wahre Problem-Empfindung nur auf
Grund des Keimes einer anderen („erweiterten" oder wie immer) Sinnlichkeit über-
haupt erst zu begreifen ist.
Wir stehen vor folgenden Möglichkeiten:
Ist das psychophysiologische Problem lösbar, so gelingen im Prinzip
zwei Dinge:
Erstens: Das Bewußtsein bestimmter physiologischer Einzelindividuen ist
keine konstante Größe, sondern einer Modifizierbarkeit durch psychische Faktoren
einer Vielheit zugänglich, für die ein unmetaphorischer psychophysiologischer
Zusammenhang existent ist
Zweitens: Mit eben dieser Potenzierung, deren materialreiche Technik Thema
eines ganzen Wissenschaftsbereichs ist, ist ein Vorrücken in der Erfahrbarkeit der
eigenen Materialität, d. i. des Körpers, nach der Richtung seines Zustandekommens
hin gegeben, d. h. ein Zusammentreffen und Ineinsrücken des Bewußtseins mit den
genetischen d. i. den konstruktiven Kräften des Organismus (die sonst weit außer-
halb des Bewußtseins lagen); das bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger als
das Prinzip, sie zu h a n d h a b e n , als eine Verschiebung der Zugänglichkeitsgrenze
bis in vorher verschlossene Gebiete.
Hiermit hätten wir das Paradigma jener erweiterten Sinnenhaftigkeit, die
geistige Leistungen von momentaner Wirksamkeit einzusetzen hätte, deren politische
Relevanz wir nochmals in konkreto aufzuweisen haben.
Aller Fortgang der Philosophie liegt in einer gesteigerten Analysierbarkeit der
eigenen Materialität oder des Bewußtseins von ihr. Und wie die Exaktheit der
Mathematik und mit ihr die Gesetzlichkeit der ganzen p h y s i k a l i s c h e n W e l t aus
einem bestimmten Status u n s e r e r Sinnenhaftigkeit folgt, so ist, um zu einer
gesetzmäßigen Anschauung der s o z i o l o g i s c h e n Welt zu gelangen, eine gesteigerte
Erfahrbarkeit.der e i g e n e n Materialität notwendig, weil nur in dieser oder, wenn
man will, in der „reinen Form" derselben alle Exaktheit beschlossen liegt.
Diese Beziehung von unmodifizierter Sinnenhaftigkeit und objektiver Natur
(im engeren Sinne) einerseits und von modifizierter »Anschauung« und der
„Seinesgleichen-Welt" (d. i. der naturhaften Wertung der Wiederholung des
Einzelnen) andererseits ist auch systematisch evident (man mißverstehe übrigens den
Terminus »Anschauung« nicht, der ja z. B. auch Z e i t als Form der „ A n s c h a u u n g "
umfaßt). Die Naturerfahrung ist gestaltet, als ob es nur einen Einzelnen gäbe,
die Vielheitstatsache ist für sie irrelevant, sie wird entscheidend für die soziologische
Problematik. Die diesem Komplex gewidmete Wissenschaft aber stellte sich so
ein, als ob der Natur-Begriff vor diesem Komplex zu Ende sei, und ließ eine
entwurzelte Normation o h n e Entscheidung über ein Existenz-Fundament einsetzen
(die an anderer Stelle wohl begriffene Notwendigkeit transzendenter Realität hier
übersehend), gleich als ob die » e i g e n e N a t u r " ein gelöstes Problem sei. (Daß
nebenbei die Autonomie der Normation oder die Willensfreiheit durch die Kenntnis
der Gesetzmäßigkeit eines Erfahrungsbereichs aufgehoben werden sollte, ist am
allerwenigsten dann zu begreifen, wenn eine Gesetzmäßigkeit zwar vorhanden
ist, aber aus der Personalität selbst stammt.) Natur-Erfahrung ist so gestaltet, als
ob es nur einen Einzelnen gäbe. Abgesehen von dem höchst beachtenswerten
Faktum der sogenannten „Allgemeingültigkeit", in dem bereits ein i n t e n s i v e r
Ausdruck für die Möglichkeit e x t e r n e r Bewußtheit liegt, bedeutet Natur-Erfahrung
dennoch im wesentlichen eine Erfahrung meiner selbst, so weit ich ein biologisch-
Einzelner bin. Die Perception der Vielheit aber bedeutet ebenfalls die Perception
meiner selbst, nur nicht biologisch-einzeihaft, sondern biologisch-einmalig, arche-
typisch-kausal. Es ist (mythologisch ausgedrückt) der Unterschied zwischen
Zeugung und (»Schöpfung« oder) Konstruktion. Der Körper, soweit er willkür-
liches Erfahrungsinstrument ist, gehört dem biologisch Einzelnen — der Körper
seiner K o n s t r u k t i o n nach gehört zu einer Einheit, in den die biologische
Vervielfachung rückgängig gemacht ist.
Wenn somit das Thema der soziologischen Wissenschaft, die Vielheit, für
die Aufhellung des eigentlichsten Natur-Problems relevant wird, also in die Natur-
wissenschaft hineingezogen wird, so darf angenommen werden, daß damit die
soziologische Fragestellung von d i e s e r naturhaften Wertung der Vielheit ent-
scheidend beeinflußt werden wird.
Der Staat wird Natur, die Antithese hört auf, nicht im banalen Rousseau-
schen Sinne durch Rückkehr zu einem v e r f l o s s e n e n Status, sondern durch
Weitertreiben b e i d e r Pole, nicht nur des Staates, s o n d e r n auch d e r — psycho-
physiologischen — N a t u r über ihren gegenwärtigen Endpunkt Nichts als- diese
gesteigerte Perception meiner selbst aber ist es, die einen Fortgang in Richtung auf
das konstruktive Element und eine modifizierte gesetzmäßige Anschauung bedeutet.
So wie unsere unmodifizierte Sinnenhaftigkeit die physikalische Welt ergibt,
so ergibt die modifizierte in gleicher Weise die Erfahrbarkeit bis dahin trans-
zendenter Verhältnisse ("über diese physikalischen d. i. über die biologisch-einzel-
haft-eigenen Grenzen hinaus), buchstäblich metaphysischer Verhältnisse, zu denen
auch — so wenig man es bisher glauben mochte — die soziologischen gehören.
Alles endlose Mißlingen des soziologischen Problems ruht darauf, daß man
es zu kurz fassen wollte und sich nicht in die gewaltige Unternehmung meta-
physischer Untersuchung, die allerdings nicht rein-spekulativ zu bewältigen ist, ver-
stricken wollte. Aber es gibt dennoch keinen anderen Ausweg.
Der Mensch ist diejenige Form, die in der Systematik der Ganzheit dabei
angekommen ist, daß er seine e i g e n e n Verhältnisse nur u n i v e r s a l regeln kann.
Darum ist Metaphysik für ihn kein an sich nicht lebensnotwendiger Luxus und
Überbau, es ist seine eigene, ihm typische und leben- und todentscheidend
unerläßliche Methode, mit sich und seinesgleichen auszukommen.
Das Tier ist fertig, der Mensch unfertig: er muß über die Gesamt-Problematik
hinweg, um sich auch nur mit sich und seinesgleichen einrichten zu können.
Ein vernunftgemäßer Ausdruck der Typenvielfalt der Tierwelt ist bisher ver-
schlossen. Zum Fressen und' Zeugen und Dasein bedarf es ihrer nicht Jeden-
falls aber können wir annehmen, daß der Sinn ihrer Existenz, welcher er auch
immer sein mag, einlinig und schwankungslos ist Die Vieldeutigkeit und Mehr-
Linigkeit menschlicher Existenz aber kann nicht verstanden werden, wenn es nicht
Beziehungslinien aller Totalität sind, die in ihm zusammenlaufen. Er kann sich
nicht für eine einlineare Richtung entscheiden, ohne sich tierhaft zu verhallen,
der Struktur seiner Vielheit entgegenzuhandeln und sich und seinesgleichen nicht
zur Ruhe kommen zu lassen.
Nicht als ob sein W e s e n die bloße soziologische Ordnung wäre, aber selbst
diese ist außerhalb seines telos nicht zu erreichen.
Weil alles in ihm auf Gesamtheit abgestellt ist, so kommt er nicht aus, wenn
er dominierende Einzelbereiche für sich, a b g e s o n d e r t , regeln will, er kommt
m a t e r i e l l nicht aus, wenn er nicht diese Materialität in seine Gesamttendenz
einstellt, wenn er sie nicht an ihren Ort stellt, der ganz allein universal, d. i.
metaphysisch, zu bestimmen ist.
Somit ist Metaphysik nicht entlegene Theorie, sondern, sogar ob lösbar oder
nicht, der erste Schritt aller Praxis.
Freilich nicht eine Metaphysik der körperlosen Abstraktion, nicht eine vom
Körper abgelöste Spekulation, welche den Ausgangspunkt aller Philosophie, die
p s y c h o - p h y s i o l o g i s c h e Verknüpftheit unter den Füßen verloren hat, nicht eine
entwurzelte Dogmatik, die direkt an makrokosmische Fragwürdigkeiten heran-
will, die allerdings so lange zu leeren Hülsen und unerfahrbaren Formeln werden
müssen, als der W e g zu ihrer Erfahrung außerhalb der Überlegung bleibt, als
die psychophysiologische Problematik nicht angegriffen, sondern dahingestellt
wird nicht all dies, sondern eine Transzendental-Wissenschaft, die, sich vor
Unmöglichkeits-Erklärungen hütend, aus der disproportionierten Beleuchtung der
Körper-Erfahrung und des theoretischen Bewußtseins eine wechselweise Aufhellung
und ein experimentales Eindringen versucht
Metaphysik in diesem Betracht bedeutet also keine l o g i s c h e Nicht-Erfahrung,
die Unmöglichkeit, auf metaphysischem Felde je etwas auszurichten, wird nicht
schon in seine Definition gelegt als prinzipielle Nicht-Erfahrbarkeit - wobei
man sich dann nicht wundern kann, wenn in der Tat nichts ausgerichtet und eine
Unmöglichkeit bewiesen wird — Metaphysik bedeutet nicht l o g i s c h e , sondern
nur gleichsam-historische Nicht-Erfahrung. Wir sagen „gleichsam-historisch",
weil Metaphysik und Empirie dennoch nicht in e i n e m Z^it-Bewußtsein auf-
einander folgen, wie sonst ein „Fortschritt" (dies eben ließ sie als prinzielle Gegen-
sätze erscheinen), sondern weil sie aufeinander folgen wie zwei Bewußtseins-Modi.
Und im Maße der Transgression in die selbsteigene Unbekanntheit muß
eine Aufdeckung e x t e r n e r Beziehungen fortschreiten, so notwendig, als Außen
und Innen ein korrelatives Ganzes bilden.
Um nun überhaupt eine Vorstellung von dem geben zu können, was in den
Bewußtseinskreis eines also gesteigerten Anschauungs-Vermögens eintreten könnte,
müssen wir seine M ö g l i c h k e i t , da ja seine W i r k l i c h k e i t a u ß e r h a l b der hier
allein möglichen theoretischen Demonstrationen liegt, zunächst so lange setzen,
als wir die Konsequenzen dieser Möglichkeit im System dieses Gedankenkreises
als systematisch-bedenkenfrei erweisen müssen. Das heißt: aus dieser Möglich-
keit einer Steigerung müssen sich Konsequenzen e r g e b e n , die geeignet sind, das
zu leisten, was sonst auf keine Weise zur Ordnung des soziologisch-menschlichen
Problems geleistet werden kann.
Welche gegenwärtig hauptsächlich verschlossene Erscheinung nun müßte
durch jene Erweiterung einiges Licht erhalten? Zunächst die, die vorausgesetzt
werden muß, um solche Ausdehnung des Gesichtsfeldes überhaupt erst zu ermög-
lichen: der psychophysiologische Zusammenhang einer b e s t i m m t e n Vielheit,
der über den rein generativen hinausgeht. Und zwar insofern, als er durch einen
psychischen Konnex ergänzt wird, der zu körperhafter Wirkung gebracht werden
kann, weil die mit dem psychischen Moment der Vielheit zusammenhängende
Intensivierung eines Bewußtseins-Inhalts ein Vordringen in die eigene psycho-
physiologische Verknüpftheit gestattet. Diese körperhafte Wirkung aber würde
beweisen, daß es sich hier nicht um einen „rein g e i s t i g e n " Zusammenhang
unter den empirischen Repräsentanten einer solchen Vielheit handeln kann, um
eine bloß-psychische Beziehung, wie sie in jeder „Kultur-Gemeinschaft" auch
vorkommt, um nichts Übertragenes und nichts nur schattenhaft-Wirkliches, sondern
um eine unmetaphorisch-reale Verbindung, die — außerhalb des biologisch-zeit-
lichen, längsfolgenden: des generativen — einen Nexus quer durch die Zahl
der zu einer solchen Vielheit gehörenden darstellt.
Die E x i s t e n z e i n e r s o l c h e n E i n h e i t e i n e r b e s t i m m t e n e m p i r i s c h e n
Vielheit ist das G r u n d e l e m e n t u n d die B e d i n g u n g k a t a s t r o p h e n l o s e r
soziologischer Ordnung.
Die Realität der Gesamtheit ist keine in der „logischen Luft" über den
Einzelnen schwebende, durch einen theoretischen Machtspruch zur „Realität"
ernannte Metapher, wie die Begriffsbildungen der Romantiker von „Volksgeist"
und dergleichen, sondern die Realität der Gesamtheit ist eine Erscheinung am
E i n z e l n e n , eine am E i n z e l n e n empirisch und logisch aufzuzeigende Modifi-
zierbarkeit, ist die am Einzelnen empirisch auftretende und in ihm sich lokali-
sierende, erscheinende Potenz einer Gesamtheitsgröße.
Diese Einheit, deren Realitätsindizien zur Erscheinung zu bringen sind und
die doch nicht nur in die Psyche (das wäre die metaphorische), sondern bis zu
deren Treffpunkt mit der Physis des Einzelnen reicht, kann verfallen, sich lösen
und aufhören, ohne diese Physis mitzureißen. „Letzten Endes", d. h. auf dem
U m w e g über die s o z i o l o g i s c h e V e r h e e r u n g , reißt sie sie mit Ja, diese
Generationen überdauernden Explosionen in den Völkern beweisen den voll-
ständigen Verfall solcher Einheiten. Was heute lebt, ist, was die sogenannten
Kulturvölker anlangt, in der Tat nur der Einzelne in n-facher Wiederholung, und
oberhalb seiner hat die reale Einheit so gut wie aufgehört zu existieren und an
ihre Stelle ist die metaphorische, die „ h i s t o r i s c h e " , d.i. lebendig-tote, gefolgt, in
deren künstlichen Schranken und in deren erstorbenen Grenzen sich die Völker
in Krämpfen winden. Denn es ist etwas verloren gegangen, wovon vielleicht
das, was heute, in mediumistisch-umgedeutetem Treiben, „der Kreis" genannt
wird, eine schwächliche Vorstellung geben kann.
Stellen wir nun die wesentlichsten Konsequenzen einer s o l c h e n realen
V e r b i n d u n g zusammen, so ergibt sich zunächst das Hervortreten einzelner em-
pirischer Individuen, nämlich derjenigen, in deren Bewußtheit intensiv eine Steige-
rung zum Ausdruck kommt Diese Steigerung aber ist keine r e i n - i n t e r n e
A n g e l e g e n h e i t , wie etwa der gesteigerte Gesichtskreis der „Philosophen" bei
Piaton, welche deshalb nach ihm den „Staat" regieren sollen, solche Potenzierung
muß nach a u ß e n t r e t e n , weil sie, wie dargetan, eine gesteigerte Beherrschung
des psychophysiologischen Apparats bedeutet Sie muß sich als eine — über die
bis dahin normalerweise vorhandene psychophysiologische Einwirkungsmöglichkeit
hinausliegende Fähigkeit der Handhabung körperlicher Phänomene äußern.
Ein solches Vorrücken im Bereiche der organischen Beziehungen bedeutet,
soweit der medizinische und naturwissenschaftliche Forschungskreis in Frage
steht, Selbst- und Endzweck.
In dem uns vorliegenden Felde soziologischer Problematik aber hat es die
nicht abzuschätzende Bedeutung einer L e g i t i m a t i o n .
Einer Legitimierung nämlich für diejenigen Individuen, deren psychische
Intensität einer Steigerung über die normale Ebene fähig ist.
Mit diesem Kennzeichen, das den Priester der alten Völker zum Arzt und
Regenten machte, ist nämlich jenes soziologisch unerläßliche Kriterium eines
objektiven Ranges der Menschen gegeben, an dessen Mangel alle Gemein-
schaft scheitert. Denn alle Chaotik staatlichen und gemeinschaftlichen Daseins,
alle- sinn- und regellosen und verzweifelten Organisierungsversuche, alles Durch-
und Gegeneinander der Einzelnen springt aus der völligen Dunkelheit, die über
jedem Anhalt, jedem Anzeichen ruht, die Menschen naturhaft, d. i. mit all-
gemeingültiger Exaktheit und widerstandausschließender sinnenhafter Evidenz, zu
gruppieren.
Ein objektives Kriterium menschlicher Rangordnung kann nicht intern und
innerlich sein und wenn tausendmal der psychische Wert der entscheidende
ist — — es muß die Physis e r g r e i f e n .
In der primitivsten Ordnung menschlicher Gemeinschaft war das Prinzip
der Stufenfolge soziologischen Organisiertseins nur p h y s i s c h oder vornehmlich
physisch: der Stärkste seines Stammes der Mächtigste. Das war objektiv und
sinnenfällig.
Der n u r - p s y c h i s c h e Maßstab, nur-geistige Wertunterschied bedeutet aber
das Fehlen jeden s o z i o l o g i s c h e n K l a s s i f i z i e r u n g s - P r i n z i p s , weil er,
wenn auch zweifellos existent, so doch intern ist.
Darum kommt der platonischen Staats-Konception und allen den anderen
ihr folgenden, die, einer nicht abzuweisenden Empfindung Genüge leistend, den
psychischen Wert als Maßstab anthropologischer Ordnungen ansetzen, bei for-
maler Gültigkeit eine restlose Unwirklichkeit zu.
Einen anderen Ausweg (auf den jene tieferen Geister nicht verfielen) aus dem
hoffnungslosen Dilemma: einerseits eine Wertdifferenz unter Menschen anerkennen
zu müssen, andererseits diese Differenz unmöglich allgemeingültig formulieren zu
können, bildet der gewaltsame Entschluß: die unleugbare Wertdifferenz aus dem
Staatsleben dennoch einfach z^t streichen und die Menschen gleich zu setzen, weil
man sie nicht klassifizieren kann. Daß aber, wenn Ungleichheit Realität ist, Gleich-
heit Chaos bedeutet, daß damit der Staat zur Anarchie oder zum Zuchthaus
wurde, sah man nicht oder wollte es nicht sehen.
Außer dem physischen und außer dem unrealisierbar-psychischen Kenn-
zeichen, d. i. der totalen Abwesenheit eines solchen, aber gibt es das auf dem
W e g e über die P s y c h e wieder p h y s i s c h sichtbar werdende Kriterium, und
dieses ist das einzige, keinem logischen Einwand unterworfene, mit der ganzen
Evidenz der Sinne auftretende, d. i. mit der Unwiderstehbarkeit physischer Gewiß-
heit wirksame Organisierungsprinzip menschlicher Gesamtheiten.
Damit ist aber erst die physische Seite der Umgestaltung der psychophysio-
logischen Situation getroffen und vor allem noch nicht der Inhalt dessen um-
schrieben, w o f ü r jene Legitimierung das Zeichen ist. Denn der physiologischen
Erweiterung entspricht notwendig ein Vortragen der psychischen Bewußtheit
sowohl des körperhaft-eigenen wie — auf Grund jener hinlänglich erkannten Ver-
knüpftheit zwischen sinnenhaften Elementen und Verstand einerseits und der
„Natur" andererseits — wie des k ö r p e r l i c h - f r e m d e n O b j e k t s , das heißt der
Erkenntnis-Grenze überhaupt dies aber nicht im Sinne einer privaten, von
der Empirie abgelösten, und somit für eine Gesamtheit unverbindlichen Speku-
lation, sondern als eine eben durch das gegebenenfalls auftretende Ergreifen
physiologischer Verhältnisse sich als exakt ausweisende O r i e n t i e r u n g in bis
dahin m e t a p h y s i s c h e n Beziehungen.
Damit ist folgendes gegeben: eine geistige Leistung, die, obzwar die Struktur
eines scheinbar fernen Außen zum Thema habend, dennoch in engstem Anschluß
an eine sinnenhaft organische Evidenz steht, und in ununterbrochener Verbindung
bis an ein körperlich-fundamentales Interesse reicht und es trifft, das noch pri-
m ä r e r als das ö k o n o m i s c h - m a t e r i a l e ist.
Dem Träger dieser geistigen Leistung Widerstand bieten, hieße heute sich
gegen den Arzt oder den Techniker in seinem eigenen Bezirk zu empören, nur
daß beide sich zu jenem verhalten wie die Kopie zur Realität.
Anslatt der Wirtschaft wird Leben, Vitalität und Tod in die Mitte des Staats
gerückt.
Hier liegt somit jene eingangs geforderte geistige Produktion vor, die nicht
wie die gegenwärtige Geistigkeit weit hinter der materialen Notwendigkeit einher-
schwebt, sondern die geeignet ist, m o m e n t a n eingesetzt zu werden, weil sie
sowohl an D r a s t i k wie an I n t e r e s s e der primärsten Materialität nicht nur eben-
bürtig, sondern sogar v o r g e o r d n e t ist, und dennoch und gerade deswegen
psychisch die Perception der fernsten Beziehungen in sich trägt.
Das ist es, was wir a u g e n b l i c k l i c h e W i r k s a m k e i t des G e i s t e s nannten,
und sie kann — da zur Augenblicklichkeit Materialität nicht entbehrlich ist —
nur m e t a p h y s i s c h ausfallen, weil Geist und Körper ein transzendentes Verhältnis
bedeuten.
Hier ist die Ersetzbarkeit des Geistes gegeben, der Sich als Hervorbringungs-
prinzip an die Spitze der materialen Bewegung setzt, statt als Erklärungsprinzip
hinter ihr her zu «geistern". Der Inhalt dieser geistigen Begebenheiten ist zwar
das, was heute »metaphysisch" heißt, aber in einer gänzlich veränderten Empfindung
seiner G e g e n w ä r t i g k e i t . Jetzt bezeichnet diese Sphäre ein Entlegenes, von allem
Materiellem Fernstes, dann bezeichnet es die- Perception, die Wahrnehmung, die
E r f a h r u n g des M a t e r i e l l e n selbst — — dann ist es ein Mittel, das so in
Gemeinschaftsverhältnisse eingreift wie heute die Technik, aber ein weit
intensiveres, weil in ihm, das über die »Kunst", die »Technik", die ihren Ersatz-
charakter noch immer hat spüren lassen, hinweggreift, die Tendenz des Bewußt-
seins (die, von Sein oder »Natur« a l l e i n g e l a s s e n , die »Künstlichkeit" bedeutet)
und die des Objekts selbst wieder so zusammentreffen wie in allem „bewußt-
Existierenden".
Und wenn alles Bewußtsein, das als »Wissen« im weitesten Sinne wesent-
lich wird, im Grunde: V o r h e r - W i s s e n meint, so muß, wenn irgend etwas, die
metaphysische Perspektive das leisten, was das konkreteste Ziel des Geistes ist:
den Lauf des Materiellen zu ü b e r h o l e n .
Das kann nicht als »Ideal" gelten — denn es ist praktisch unerläßlich; es
gibt keinen anderen Gedanken, der theoretisch den Punkt bezeichnet, von dem
aus das blinde Drängen in den Bewegungen sozialer Gesamtheiten zu bändigen
ist. Wenn irgend jemand, so ist der „Staatsmann" v e r p f l i c h t e t — voraus-
zuwissen.
Aber die Aufhellung jener metaphysischen Beziehungen wird schon deshalb
für die Vielheit verbindlich, weil sie o h n e das E l e m e n t der realen G e s a m t -
heit u n z u g ä n g l i c h bleibt. Es ist ein Verhalten der Gesamtheit erfordert,
damit auf einer Ebene etwas erreicht werde, für die gegenwärtig gerade die Viel-
heit das gleichgültigste auf der Welt ist.
Dieses Verhalten ist das Thema der metaphysischen Gesetzgebungen alter
Völker, und mit ihm entsteht das, was in den neueren Zeiten höchstens gelegent-
lich vage und unwissenschaftlich zu formulieren versucht ward, meistens aber und
als Praxis überhaupt unbekannt ist: Das Volk m i t einem schlüssig aufzeigbaren
P r o g r a m m — mit einer Bestimmung, welche die bloße Ökonomie, die heute
das Richtungsprinzip abgibt, deshalb weit übergreift, weil sie die Leiblichkeit noch
r a d i k a l e r angeht als jene.
Hier gebraucht der extreme „Idealismus" als Argument den extremen „Mate-
rialismus" — denn im Körper kommt der bedingungsloseste Materien-Instinkt mit
dem Weg des entlegensten Geistigen zusammen.
Es tritt in einem Volke, der metaphysische Z w e c k auf, nicht als ein
„idealistisches", d. i, ewig vor tauben Ohren tönendes Postulat, sondern als Be-
dingung körperhafter Existenz. Mit dem Vorhandensein dieser zwar teleologischen,
aber dennoch unübertragen körperhaften Bewegungsrichtung, in der Körper und
Geist nur z u g l e i c h motivieren, ist für die Gesamtheit die Gefahr desjenigen Risses
vermieden, der droht, wenn die Körper-Tendenzen der Einzelnen oder von Gruppen
solcher gegeneinander zu wirken beginnen, was unfehlbar eintreten muß, wenn
sie sich v e r s e l b s t ä n d i g e n , d. i. nicht in dieser psychophysiologischen Einheit
zusammengeschlossen sind: Hier wird die Verbindung des einzelnen organischen
L e b e n s mit der Gesamtheit sichtbar, folglich rückt die Bedeutung des Ökono-
mischen an die z w e i t e Stelle — — indessen es im Falle des Zerrissenseins des
metaphysischen Nexus zwischen-Körperhaftem und Geistigem notwendig an der
ersten Stelle stehen muß. »Ökonomie« aber heißt bestenfalls: Kompromiß von
Gegeneinander und jeder Appell an eine b l o ß - g e i s t i g e oder h i s t o r i s c h e oder
entlegen generative Einheit, um den Zwiespalt zu beschwören, muß wirkungslos
verhallen, wenn die reale Einheit, d. i. die Gemeinschaft der intensivsten theo-
retisch-konkreten Interessiertheit, verloren gegangen ist.
Volk — das hieß einstmals, als Geistiges und Körperliches noch nicht aus-
einanderstrebten: Stammesgesamtheit, denn in ihr lag das Seelische beschlossen.
Heute gibt es keine Völker.
Und was es geben wird, wird Stammes- und Problemgemeinschaft, Gemein-
schaft der dringendsten theoretisch-leibhaftigen Fragwürdigkeit sein.

•.;•••' iL ; , v

Es ist notwendig, die Luft der politischen Welt vollständig zu verändern. Es


liegen heute keine M ö g l i c h k e i t e n in ihr, und höchstens kristallisieren sich in
ihr geringfügige und mühsame Varianten des Vergangenen oder platte Umkeh-
rungen des Bestehenden (die zuletzt durchaus nichts a n d e r e s , sondern nur dessen
im Grunde identisches Negativ sind). Zum Bewußtsein dieser wahrhaft unge-
heuren, erstickenden Sterilität des soziologischen Bereichs kann indessen niemand
kommen, der nicht die Sphäre: anderer Konstellationen gespürt hat.
Unfruchtbarkeit gehört nicht zur Wirklichkeit
Die hiesigen Denker und Dichter haben entweder das Volk in eine furcht-
bare Gedankenrichtung hineingedrängt, oder sie sind selbst der Ausdruck dieser
verheerenden Tendenz: daß nur im »Reiche des Gedankens" Reichtum, Buntheit
und Fülle zu erleben sei, daß das Gehirn „weit", die Realität aber „eng" sei, daß
der Geist und die Phantasie blühend, die Wirklichkeit nüchtern sei, weshalb man
aus dieser zu jenen „flüchtet". Letzten Endes hat das Kantische „Nein" zu aller
erfahrbaren Metaphysik einen geradezu ertötenden Erfolg für das ganz k o n k r e t e
Dasein gehabt — — oder es ist, wie angedeutet, selbst die Äußerung einer un-
erhörten Mögjichkeitsarmut im „Realen".
Daß die Welt einen unglaublichen Grad der Langeweile oder der tierischsten
Sensation (die sehr zusammenhängen) erreicht hat, liegt daran, daß sie von dem
r e a l i s i e r b a r e n und lohnenden Anschluß an die Möglichkeiten des Geistes ab-
geschnitten wurde. V
Der Erkenntnis Schranken setzen heißt nämlich dem konkreten Dasein das
Blut abschnüren und heißt bereits innerhalb des rein Theoretischen einem Triebe
Grenzen setzen, der sich schon darum nicht begrenzen läßt, weil er mit der Logik
schaffenden Fähigkeit selbst zu innerst identisch ist: dem Erkenntnis-Trieb. Hier
verlangt ein voluntarisches Element logische Ausdrückbarkeit und eine Legitimie-
rung als logische, nicht als voluntarische Größe: hier ist der Punkt, wo Trieb
und Syllogistik angewiesen sind übereinzukommen, nicht zu divergieren, wie sie
es gemäß dem Kantischen Votum tun müssen, das den Erkenntnis-Trieb —
schweigen heißt. Hier ist der Grenzfall, wo die Nichtbefriedigung eines v o l u n -
t a r i s c h e n Erfordernisses einen l o g i s c h e n Fehler bedeuten muß, wo dieses
voluntarische Erfordernis gleichwohl logisch zufriedengestellt werden muß und
nicht durch irgend einen Machtspruch der Voluntas. Die umfangreichere volun-
tarische Befriedigung bedeutet hier zugleich die größere logische Systematisier-
barkeit, und da Ödigkeit und Verdorrtheit des konkreten Daseins entweder die
Folge der verschlossenen Realisierbarkeit inhaltreicherer Möglichkeiten ist, die
vorerst nur „im Geiste« existieren, oder beides der Ausdruck der gleichen Un-
fruchtbarkeit — — so ist die vielfältigere, an Auswegen, Mitteln und Möglich-
keiten reichere, mannigfaltigere rein voluntarisch befreiende, buntere, „angenehmere-
Tendenz zugleich die theoretisch tiefer gegründete, die willensmäßig erwartete
zugleich.die — logisch richtigere: die m e t a p h y s i s c h e A t m o s p h ä r e — die
jederzeit alles ermöglichende — — zugleich die e x a k t e r Ü b e r l e g u n g und
Einstellung entstammende.
An den Anfang aller sozialproblematischen d. i. politischen Besinnung muß
daher unumgänglich zu der Einsicht gelangt werden: Alles ist möglich — Un-
möglichkeit in menschlichen Dingen ist Übersehen von Mitteln. Denn konkretes
Dasein und äußerste Theorie hängen sprunglos zusammen, und nur die Zer-
reißung dieses Zusammenhangs schafft den Gegensatz zwischen beiden. Es gilt,
sich jederzeit bewußt zu halten, daß die entlegenste Forschung: erkenntnistheore-
tische, transzendentale, grenzmathematische Untersuchung, daß gerade im Bereich
des von aller Konkretheit fernsten Gedankenfeldes der Umkehrungspunkt zur
rückläufigen Richtung und gerade dort der Aufhellungspunkt für die Konvulsionen
der Praxis liegt, wofern man nur die Linie, die von dort zur drastischen Welt
führt, an jeder Stelle ihres Laufes erkennt. Der Sinn aller Theorie ist Praxis
— — und der Sinn aller Praxis Theorie, und wenn in diesem Weitauseinander-
liegenden die Einheit, die praktikable Identität nicht begriffen wird, müssen beide
steril bleiben.
Im Theoretischen l i e g e n die Möglichkeiten und wenn es gelingt, die
pathologische Empirie a n z u s c h l i e ß e n , so gelten sie auch für diese.
Es steht nicht fest, was gegeben ist Es gibt kein Gegebenes, keine Wirk-
lichkeit ü b e r der Theorie.
Wo die Theorie Nein sagt, ist die Realität in Frage gestellt. Denn Realität
ist eine Frage der „Zusammenfassung/?, eine Frage darüber, was zu einer Einheit
gehört. Diese Zusammenfassung aber ist erst „objektiv", wenn die Theorie die
äußersten Punkte einer transzendenten Realität festgelegt hat und eine objekt-
mäßige Struktur im Subjektiven, kraft deren sie reale Einheiten zu bezeichnen
und von fiktiven zu unterscheiden vermag. Aus bloßem D a s e i n kann nichts
entscheidend ergeben, was Wirklichkeit werden wird und was nicht; nur dann,
wenn auf dies Dasein ein Begreifungstypus beziehbar ist, der aus einem wenn
auch vorerst transzendenten Legitimationsbereich stammt, nicht, wenn seine Einheit,
unter der es begriffen wird, einer empirischen oder noch nicht einmal empirisch
restlosen Systematik entstammt.
Man kann aber nicht denken: mag dort die umfänglicher systematisierte
Begriffseinheit sein — — hier ist dennoch das F a k t i s c h e auf Seiten der vor-
läufigen Schematisierungen und das Faktische ist doch wirklich, und das wirk-
l i c h e r e Zeichen existiert nur — „im Geiste" — — wir sagen : man kann nicht so
denken. Denn jenes Unbekannte, X, das die Einheiten erfüllt, das Substrat der
Wirklichkeit,; die Drastik als solche, ist beweisend für die jeweils tiefste Form der
Realität: das „Ideal", das nur im Geiste dem Faktischen gegenüber verbleibt, und
dies nicht logisch und also empirisch notwendig herbeizieht, wie die tiefere Ebene
das Wasser aus der flacheren ist das Trugbild eines „Ideals" oder sein Schatten.
Wo D r a s t i k ist, da ist die jeweils gegründetste Form des Wirklichen, und wenn
sie noch so verneinenswert ist Denn entweder gelingt der tieferen Systemati-
sierung der E x p e r i m e n t a l b e w e i s oder sie ist keine.
Und dennoch ist die Faktizität nicht entscheidend für Realität
Dennoch ist mancherlei da, was nicht real ist — - weil das Kriterium der
Wirklichkeit nicht aus der Oberflächen-Optik kommt, in der willkürliche Einheiten
auftreten, die als wirklich gelten, weil sie materiell abgrenzbar sind, indessen die
Grenzführung echter Wirklichkeit nicht nur von den Linien der Materialität, sondern
von denen aller Elemente der Welt gezeichnet werden muß. Denn Realität heißt
letzten Endes: „standhalten", und das Wachsein ist nur darum „realer" als der
Traum, weil es den Kriterien nach mehr Elementen standhält als dieser.
Das Experiment muß dieser Perspektive rechtgeben: die leere Realität muß
vor der erfüllteren zusammenbrechen.
Es gibt vielerlei „Zusammenfassungen«, aber wie tief sie an Objektität, an
Realität teilhaben, das erweist sich erst, wenn eine tiefer gegründete Wirklichkeit
sich neben ihnen bildet, — vor der sie erscheinen, wie ein Bild aus drei Farben
gegen eins , aus sieben.
Vor den Kriterien der Wirklichkeit aber muß sich alles bloß „Vorhandene«
ausweisen und v o r d e m ist nichts gegeben und alles möglich.
Das Bewußtsein, daß die Hauptmasse des „Bestehenden" nicht real ist, ist
selbst ein realitätschaffender und zerstörender Faktor — eine vorerst rein psychische
Einstellung, der erste Schritt in eine intensivere Wirklichkeit
Das Primäre ist darum nicht das Angefülltsein der soziologischen Welt mit Be-
stehendem und das Sekundäre, das von diesem »Freigelassene", der »Rest", das
noch Mögliche, sondern umgekehrt ist eben dies noch Leere das bei weitem Um-
fänglichere und nur sehr weniges darf sich als wirklich bezeichnen und eine
Richtung zu weisen beanspruchen. Denn das den Raum wegnehmende Bestehende
als das ewige Hemmnis verdankt seine Konsistenz vorerst einem rein Psychischen:
seiner G e l t u n g als Wirklichkeit. Fällt diese Anerkennung, so ist die Atmosphäre
gereinigt und die Welt realiter ebenso weit wie das „Gehirn".
Hier sollen die p r a k t i s c h e n S i t u a t i o n e n und F o r d e r u n g e n wie siesich,
gesehen in dem Medium dieser metaphysischen Atmosphäre, darstellen, angegeben
werden: die soziologische Welt ist erfüllt mit unwirklichen Vorhandenheiten. Das
sind, — wofür oben die wesentlichsten theoretischen Momente angeführt wurden, —
die meisten der großen Zusammenfassungen generativer Gesamtheiten, die wir
unter dem Namen der einzelnen N a t i o n e n kennen.
Ein von Grund aus anhebendes Einsehen und Eingreifen in die soziologische
Wirklichkeit — und nur ein solches hat auch nur die Aussicht, über die Ebene
des ewigen politischen Zusammenbrechens einmal hinauszugelangen — kann
v o r e r s t alle diese Zusammenfassungen n i c h t a n e r k e n n e n .
Wohl beachtet: können unter solcher Perspektive nur diese nicht anerkannt
werden, nicht etwa zu Gunsten einer Streichung von nationsähnlichen Einheiten
ü b e r h a u p t und nicht zu Gunsten einer Atomisierung der Völker in die „allein
realen Einzelnen".
Das, was es an Gegebenheiten gibt, die sich den Namen „Volk" beilegen,
kann nicht anerkannt werden.
Denn es hat - im Großen gesehen — für sich selbst kein unmetaphorisches
Leben mehr, sondern wird nur noch „gedacht".
Es ist möglich (in geringem Ausmaß sogar wahrscheinlich), daß innerhalb
einer oder der anderen dieser historischen Einheiten, die England, Frankreich,
Rußland, Deutschland, Italien, Tschechien, Irland oder wie immer heißen, noch
Elemente einer echteren Einheit sich finden, aber diese würden nicht in eine der
Hüllen passen, wie sie heute um dfe Überbleibsel der einstigen lebendigen
Urgebilde aller dieser Größen — schlottern.
Das erst gilt es sich vor allem anderen bewußt zu machen: daß diese un-
geheuerlichen, die ganze Welt ausfüllenden, überall entscheidenden Größen trotz
aller Konkretheit ihrer Äußerungen, trotz fühlbarster Drastik ihrer Einrichtungen,
trotzdem von ihnen Tod und Erhaltung ausgeht, — — daß diese allgegenwärtigen
Gebilde eine Seite der Schembarkeit aufweisen, n i c h t etwa zu G u n s t e n der
realen p h y s i o l o g i s c h e n E i n z e l p e r s o n — was oft gesehen wurde — s o n d e r n
g e r a d e zu G u n s t e n e i n e r Realität i h r e r e i g e n e n G a t t u n g . (Nicht nur
diesseits der „Fiktion«, die die Einzelnen zusammenfaßt, liegt eine Realität —
eben diese physiologischen Einzelnen — sondern auch jenseits der Fiktion beginnt
wieder eine Realität: nämlich die e c h t e d. i. am bestimmten Individuum sichtbar
werdende Zusammenfassung der Einzelnen). Das heißtf diese gegenwärtigen
politischen Größen sind durchdringlich, nicht, wie oft kindisch gewähnt wurde,
von der Realität der Einzelnen, körperhaften Personen, der »Menschen", um
»derentwillen schließlich doch alles da sei«, diese Größen sind durchdringlich
für eine R e a l i t ä t i h r e r e i g e n e n G a t t u n g , vor der allein sie ihre Unwirklichkeit
d. i. ihre Bestandlosigkeit und gleichzeitig ihre konkrete Angreitbarkeit enthüllen
müssen, wofern es nicht, was unwahrscheinlich ist, in einem oder dem anderen
Falle gelingen sollte, in ihnen Elemente von gleicher Konsistenz aufzuweisen.
Für den physiologischen Einzelnen ist die Welt vermauert und verschlossen,
er ist ausweglos einer gefährlichen Irrealität ausgeliefert, für die Körperlichkeit einer
metaphysischen Einheit ist die Welt leer, und alle diese kolossalischen Hemmnisse
sind von geringerer Dichte.
Es gilt also einzusehen, daß es nicht notwendig ist, daß das G e g e b e n e
die Richtung der »Entwicklung" des Geschehens weist, sondern daß für gewisse
Realitäten die Welt frei steht — und das Bewußtsein dieser Situation ist selbst ein
objektives, produzierendes Element und erzeugt zunächst das, was wir die meta-
p h y s i s c h e A t m o s p h ä r e nannten.
Diese für den Raum' des soziologischen Ablaufs geltende Modifizierbarkeit
führt zugleich eine die Zeit-Empfindung betreffende Umschaltung herbei. Wenn
nämlich der Bereich dieses Ablaufs frei wird von den überall vorhandenen starren
politischen Gebilden, die ständig das Minimum eines noch übrigen Platzes für
etwaige Veränderungen übriglassen und bestimmen wenn diese dauernde
Unmöglichkeitsperspektive aufgehoben wird, so tritt gleichzeitig an die Stelle einer
unendlich langsamen, den Blick ständig auf kommende und ferne Generationen
gerichteten Progression das a u g e n b l i c k l i c h e , d. h. längstens eine Generation
umfassende Z e i t m a ß für endgültige politische Ziele: denn diese werden ja m ö g l i c h .
Es tritt das Zeitmaß der E i n z e l p e r s o n in Verbindung (nicht, wie jetzt, mit Teilen)
sondern mit d e m Ganzen äußerster soziologischer Erfordernisse. Denn es wäre
absurd, wenn die M ö g l i c h k e i t endgültiger Erfüllungen in den Gesichtskreis tritt,
lediglich sozusagen wegen der Größe des Ziels die Erreichung zu vertagen.
»Ideal" und „Zukunft" sind gegenwärtig so innig verknotete Assoziationen geworden,
daß »Ideal" in der »Gegenwart" vorzustellen gegen alle Denkgewohnheit geht.
Und doch ist das nicht nur die Voraussetzung allen nur halbwegs ernst zu nehmenden
soziologischen Vorgehens, es ist nicht nur die eigentliche, ursprüngliche, naiv-
selbstverständliche Einstellung — — so wie jemand bei Einrichtung seines Einzel-
daseins doch auf dessen Dauer und allenfalls die der Nachfahren, die er erlebt,
abstellt, andernfalls aus einem direkten und lebensvollen Motiv ein begriffliches,
schales und übertragenes würde — es bietet zugleich das Kriterium: alle politischen
Unternehmungen abzulehnen, die nicht mit bestimmten, aus der Dauer eines Einzel-
lebens entnommenen Zeitmaßen und deren Garantien operieren, analog den Ueber-
legungen jemandes, der von einem Endziel, das er in einem bestimmten Zeitpunkt
seines Daseins setzt, den Fortgang veranschlagt
Hieran sind insbesondere alle Parteien zu erkennen, die ständig für irgend
etwas „kämpfen" und bis zu jeder beliebigen Majorität anschwellen können, ohne
daß sich das Bild der Außenwelt in wesentlichen Zügen ändert, weil sie zwar
zuweilen ein Ziel angeben, aber nicht den Zeitpunkt dieses Ziels, der ad libitum
zu vertagen ist — — indessen als untrügliches Kennzeichen gelten sollte, daß j e d e
P r o g r a m m a t i k in dem Moment als w i d e r l e g t gelten kann, in dem evident
wird, daß sie nach den gemachten Anfängen in ihrer G e n e r a t i o n nicht zu
erfüllen ist
Jahrzehntelang werden die Anhänger sämtlicher Parteien mit irgendwelchen
Fortschritten genarrt, die in ihrer Wesentlichkeit für ein Einzeldasein und für den
Einzelnen lächerlich sind, und die Veränderungen, die über dieses Nichts hinweg-
täuschen, sind die unwirklichen Variationen in den parteipolitischen Konfigurationen,
die für den Einzelnen schon insofern total irrelevant sind, als ihnen jeder End-
gültigkeitscharakter fehlt
Die metaphysische Perspektive also enthält zwei Wahrnehmungen:
Erstens: Das W e s e n t l i c h e s o z i o l o g i s c h e r Wünschbarkeiten ist m ö g l i c h .
Zweitens: Es ist s o f o r t möglich.
Hiernach erst tritt die aus der Struktur der theoretischen Einleitung folgende
Ueberlegung nach konkreten Gestaltungen auf.
Nationalismus und Internationalismus haben in gleicher Weise recht und
unrecht Im Vorhinein steht bei jedem uralten Streit zu erwarten, daß in dem
Streitgegenstand etwas Phantomartiges vorhanden sein muß, das ihn scheinen
läßt, was er nicht ist — anderenfalls sofort und eindeutig zu erkennen sein muß,
ob er bejahens- oder verneinungswürdig ist Der Streit der Bewegungen um „die
Nation" ist eine Antinomie, die sich dadurch auflöst, daß das Streitobjekt, „die
Nation", seines Doppelgesichts beraubt wird, das aus einem empirischen und einem
ideenmäßigen besteht, und daß an die Stelle dieser Doppeltheit die reale Zusammen-
gefaßtheit gesetzt wird, von der aus gesehen Nationalismus und Internationalismus
einen zwar reziproken aber genau g l e i c h e n Wahrheits- und Irrtumsgehalt aufweisen.
Der Internationalismus verneint die empirischen Nationen: das ist richtig; aber
er verneint die Nation ü b e r h a u p t : das ist falsch.
Der Nationalismus bejaht die Nation überhaupt: das ist richtig; aber er bejaht
auch die empirische: das ist falsch.
Der absolut zu bejahende, d. i. metaphysische Begriff der Nation bejaht das
Prinzip der Nation überhaupt: sofern wirkt er national; und verneint die empirischen:
sofern wirkt er international.
Wenn es keine Völker gäbe, so müßten welche geschaffen werden. Nun
aber gibt es keine Völker.
Was könnte also überhaupt geschehen?
Hier muß einen Augenblick eine Vergegenwärtigung des prinzipiellen Kausal-
vorganges der Wesenheit „Volk" stattfinden: und unter den möglichen Annahmen
über diesen Prozeß die Auswahl getroffen werden.
Es gibt zwei denkbare Vorstellungen über die biologisch-kausalen Antecedentien
eines „Volkes": die eine Vorstellung läßt in der Biogenese eines Volkes keinen
prinzipiell anderen Vorgang sehen als in der Genese eines physiologischen Einzel-
individuums. Danach gibt es eine Biogenese des Volkes als solchen überhaupt
nicht, sondern jedes Einzelindividuum kann bei Erfüllung der physiologischen
Fortpflanzungsbedingungen sich zum „Volke" vermehren: j e d e s Individuum hat
potentiell die Eigenschaft des „Stammvaters". „Volk" ist die lediglich begriffliche
Zusammenfassung dieser vielen Einzelnen. Die andere Vorstellung läßt eine zu-
nehmende qualitative biologische Veränderung in denjenigen Individuen erblicken,
die sich in der aufsteigenden Linie befinden, insofern nur diesen proportional
der zunehmenden Aszendenz das Attribut des S t a m m i n d i v i d u u m s nicht nur wegen
ihrer zeitlichen Stellung, sondern auch als biologische Qualifikation zukommt —
bis zum letzten Einzelnen der Aszendentenreihe, der nicht nur historisch, sondern
eben auch b i o l o g i s c h „der Stammvater" ist
Es ist unschwer einzusehen, daß die erste Anschauung einen Primat des
Körpers bedeutet, sofern es nämlich lediglich von dem Zeugungswillen und den
accidentiellen Bedingungen dazu abhängt, eine beliebige Anzahl von Individuen
zu kausieren, während jede B e g r e n z u n g dieser Möglichkeit eben die qualitative
biologische Andersheit bedeutet, die das aszendente Individuum von den deszen-
denten scheidet
Wir legen die zweite Anschauung zu Grunde.
Diese B e g r e n z u n g bedeutet die Grenze des Volksumfanges, das vorher
bestimmte, präformierte Volk, und zu ihrem Zustandekommen muß ein psychisches
Element herangezogen werden: wenn nicht das Psychische lediglich die W i r k u n g
der materiellen Vermehrung sein soll, (sodaß so viel Personalitäten zur Verfügung
zu stehen hätten als eben Körper erzeugt werden,) so muß das psychische Element
als v o n A n b e g i n n für den Umfang der möglichen Vervielfachung mitbestim-
mend gedacht werden. Die biologische Eigenschaft, die das „Stammindividuum"
heraushebt, ist nun das Verhältnis seines Körpers zu eben der psychischen Größe,
die den Umfang der möglichen Vervielfachung mitbestimmt
Diese Beziehung bedeutet also zugleich eine bestimmte p s y c h i s c h e W e r t i g -
k e i t in B e z u g auf die S t e l l u n g im D e s z e n d e n z - S y s t e m . Der Begrilf
„ Stammindividuum" hat nicht nur einen biologischen, sondern auch einen.psychischen
Inhalt. Er bedeutet eine ganz besondere psychische Struktur, die aber in Hinstich
zum Körperlichen stehen muß. Ebenso wie etwa die männliche und weibliche
Differenzierung gleichzeitig zumindest das Vorhandensein einer p s y c h i s c h e n
Typus-Differenz bedeutet (selbst wenn eine wissenschaftliche Formulierung dieser
Differenz noch nicht gelänge) — — ebenso muß eine genealogische psychische
Differenz in Geltung sein, wenn sie auch erst „im Großen« sichtbar wird und
im unmittelbaren Verhältnis der Generationen überhaupt nicht zuzutreffen braucht
Um sogleich diese psychische Divergenz anzugeben, deren schematische
Grundlegung wir in dieser Erörterung nicht mehr hineinzuziehen haben, soll ge-
sagt werden: daß das allgemeine Moment welches die psychische Wertigkeit in
Bezug auf die Stellung im Abstammungs-System kennzeichnet, d i e E n g e des
A n s c h l u s s e s der geistigen Welt an die körperliche und u m g e k e h r t ist, die
proportional der Aszendenz zunimmt, proportional der Deszendenz abnimmt —
freilich nicht notwendig in dem Verhältnis b e n a c h b a r t e r Generationen, wohl
aber im prinzipiellen Verhältnis der P o l e einer Generationslinie überhaupt, die
sich einmal als der „erzeugende" und der „abstammende" gegenüberstehen.
Es gilt hierbei, sich bewußt zu bleiben, daß die Aufzeigung dieser Phäno-
mene zwar empirisch möglich sein muß, daß sie aber in gewisser Weise nichts
anderes als die Formen des psychischen Prozesses selber darstellen, sofern den-
selben eine Kontinuität über Geschlechter zukommt und daß das Verhältnis solcher
Formen apriorisch bestimmbar sein muß, wenn es unter psychischen Möglich-
keiten ein Prinzip der logischen Reihenfolge gibt, was, unerachtet aller Hegelsch en
oder sonstigen Dogmatik, kaum abgewiesen werden kann.
Hier ward also als die Situation des „Anfangs" (nicht etwa eine g e r i n g e r e
geistige Valenz sondern) eine umfangreichere und intimere Bezogenheit von
psychischer und materiaier Wirklichkeit aufeinander angegeben.
Dem entspricht die U n w i l l k ü r l i c h k e i t der geistigen Hervorbringungen
in den primären Individuen infolge der zahlreicheren und ungehemmteren Kom-
munikationen zwischen Geist und Körper. Daher die alte Zeit und insonderheit
die Urzeit durch das „Gelingen" der geistigen Unternehmungen charakterisiert
ist, weil das Psychische in engerem Zusammenhang mit dem Körperlichen über
umfänglichere und reichere Mittel gebot aber zugleich auch eben als P s y c h i s c h e s
d. i. als d i s t a n t zum Körperlichen weniger hervortrat. Das bedeutet gleichzeitig
die Sicherheit gegen die geringere eigentliche Bewußtheit Der Weg war den
Früheren intensiver vorgezeichnet:
Dem a l t e n V o l k w a r sein p s y c h i s c h e s P r o g r a m m m i t g e g e b e n .
Alle Teleologie stand dem Physischen näher, und sie war folgeweise mit
dem genealogischen Zusammenhang schon mitgegeben: durch die Stammeseinheit
war das geistige Ziel verbürgt und mehr oder weniger mit ihr i d e n t i s c h . Aber
in dem Maße, in dem diese unmittelbare Verknüpftheit und der spielende Verkehr
zwischen der psychischen und der materiellen Realität nachlassen d. h. in dem
beide auseinandertreten, das Materielle eine extreme Außenheit und das Geistige
eine extreme Bewußtheit annehmen,'in eben dem Maße verliert sich die relative
Kürze der Verbindung zwischen geistiger und körperlicher Wesenheit
Damit ist jener typisch und ewig g e g e n w ä r t i g e Zustand gegeben, in dem
das Bewußtsein,, von der Fühlungnahme mit der Welt des Körperlichen abge-
schnitten, auf sich selbst angewiesen ist und aus sich selbst die tausend Auswegs-
Systeme hervorbringt, denen allen die Irrealität d. i. die Unkörperlichkeit anhaftet
Diese Berührungslosigkeit der beiden Pole der Wirklichkeit bedeutet Sterilität und
Chaos. Die Ebene des Körperhaften ist verschlossen und von ihr aus ist also
nichts zu entnehmen, was dennoch die Probleme des leibhaftigen Daseins auf-
lösen könnte. Was ehedem der Geist leistete in dichtem Anschluß an die körper-
hafte Gegebenheit und ähnlich schwankungslos wie diese, das verfiel mit diesem
Zusammenhang. Die Bewußtheit zerstörte diesen Zusammenhang, denn sie er-
weiterte maßlos die Distanz zu allem Physischen. Diese chaotische Konstellation
ist die ewige G e g e n w a r t : allen geistigen Strebungen und Mitteln entspricht kein
Körperliches.
Die „rein geistigen" Vorschläge, Ideen dieser Epoche entstammen dem
richtigen Instinkt, daß auf dem Wege über die entlegenste Bewußtheit zur Lösung
zu gelangen sei, aber sie wagen sich nicht weit genug in diese Entlegenheit
hinein, weil sie sich allzuweit von den „Tatsachen" zu entfernen fürchten und
nicht vermuten, daß nicht nur diesseits s o n d e r n auch j e n s e i t s des Bloß-
Geistigen die Körperlichkeit beginnt d. i., daß der Geist noch auf eine andere
Weise mit der Materialität zusammenzutreffen vermag als auf die dem Bewußt-
sein entzogene oder veräußerlichte. Die weitest getriebene Bewußtheit trifft wieder
auf den Körper, nicht mehr nur auf dessen empirische, sondern auf dessen ehe-
dem vor-empirische Seite.
Dort liegen die Handhaben, den zerrissenen Nexus zwischen materieller und
psychischer Welt wiederzuknüpfen und die, ewige Unfruchtbarkeit mit sich führende,
Diskrepanzzwischcn teleologischem und physiologischem Verhalten zu indifferenzieren.
Das Schema zeigt die umgekehrte Sachlage als „im Anbeginn«:
Vormals: die Physis bringt das geistige Telos "mit sich. Ein biologischer
Tatbestand verbürgt einen geistigen.
Danach: die Physis und das geistige Telos d i f f e r i e r e n . Geist und Materie
entarten zu beziehungslosen pathologischen Selbständigkeiten.
Sodann: das Telos wird zu einem konstruktiven Element einer bis dahin
prinzipiell nicht gekannten Physis. Ein geistiger Tatbestand verbürgt einen
biologischen.
Das alte Volk ward mit seinem Programm g e b o r e n .
Ein künftiges Volk kann auf Grund einer geistigen Realität g e g r ü n d e t
werden in einer Weise, daß die physiologischen Kriterien einer solchen Einheit,
der biologische Zusammenhang q u e r durch die Reihe der Einzelnen, ebenso
evident werden, wie beim einstmals „natürlichen" Volk.
Aber in allem, was den Geist angeht, überbietet das „Künstliche" die „Natur".
Denn was nicht im Bewußtsein ist, kann verloren werden, was aber im Be-
wußtsein ist, kann stabilisiert werden, und wenn das Bewußtsein die Körperwelt
auf einem bis dahin metaphysisch erachteten Wege wieder erreicht, so ist seine
Absichtlichkeit der ehemaligen Natürlichkeit s c h l e c h t h i n ü b e r l e g e n ; wie denn,
wenn es überhaupt ein „vernünftiges" transzendentales Geschehens-Prinzip gibt,
ein solches lediglich darin gesehen werden könnte, daß etwas, was vormals auf
blindem, „ n a t ü r l i c h e m " Wege vor sich ging (und darum irgendwann in die
Irre ging), durch das Bewußtsein hindurch müsse, um Subjekt und Objekt ein-
sinnig zu gestalten, welches die einzige Möglichkeit einer sogenannten „Welt-
ordnung„ zu sein scheint, wofern das Bewußtsein nur nicht im Bloß-Psychischen
haften bleibt.
Das alte Volk, das h e i ß t : ein geistiges Programm ward physiologisch
geboren.
Einst gewährte die Körperwelt eine geistige Aufgabe: eine Teleologie, jetzt
stehen wir vor der Möglichkeit, daß eine geistige Notwendigkeit eine Körperlich-
keit zusammenzusetzen habe, die auf dem Wege der ehemals wirksamen „Natur"
nimmermehr zu erreichen ist
Dieser fehlerhafte Gedanke: — die Menschengesamtheit einem Ziele entgegen-
zuzüchten — ist gedacht worden. Von Nietzsche und anderen. Er ist nur denkbar,
wenn die Gesamtheit, die ein Telos zu erfüllen hat, als reale Einheit s c h o n
b e s t e h t Von einer schon bestehenden wirklichen Zusammengefaßtheit und
deren Bewußtsein aus, das unverlierbar zu machen ist, kann die Natur fortwirken,
aber ohne diese Realität und deren Bewußtsein gilt wieder nur der blinde Weg
der Materie, die, o h n e in die Form der Einheits-Körperlichkeit gefangen zu sein,
vom Geiste nicht angreifbar und also nicht lenkbar ist: es wiederholte sich noch
rapider der Irrgang, der schon einmal aus einer Erfüllungs-Epoche heraus in die
„Gegenwart" geführt hat
Es kann nicht mehr, wie einstmals, die reale Gemeinschaft einer Teleologie
gezeugt werden.
Die realen „Völker" aber sind tot
Somit kann in diesem Zeitpunkt der Welt eine körperhafte Zusammen-
gefaßtheit, ein reales „Volk", nur noch durch ihre schon vorbestehende psychische
Wirklichkeit - g e g r ü n d e t werden.
Jetzt ist eine p s y c h i s c h e Gegebenheit das Erste — aber ein Psychisches,
das im weiteren Verfolg physische Konsequenzen hat —; sein Inhalt entsteht, so
oft eine Seite der äußersten entscheidenden Problemsphäre eine augenblickliche,
konkrete, zur momentanen Lösung gespannte Gestalt annimmt; und diejenige
Vielheit von beliebigen Einzelnen, auf die jene Gestalt der Frage nicht als nur
„philosophische" d. i. ewig Zeit-habende, sondern als private d. i. befristete und
persönliche absolut lösungs-verlangende und -mögliche Angelegenheit übergreift,
in jenen Einzelnen liegen die Elemente einer „realen Einheit". Denn die Lösungs-
möglichkeit und -Notwendigkeit, die den allein betrachteten physiologischen
Einzelnen übersteigt, erzeugt hier auf dem psychophysischen Felde etwas, was
sonst nur aus der physischen Ebene bekannt ist: die S t e i g e r b a r k e i t d. h. eine
reale Wertigkeit der Einzelnen in B e z u g auf a n d e r e d. i. als Summanden —
und erzwingt damit zuletzt eine nicht begriffliche, sondern p h y s i s c h e Einheit be-
stimmter Individuen.
Das Instrument zu deren Z u s a m m e n s t e l l u n g ist also ein vorerst g e i s t i g e r
Ausdruck der L ö s u n g s m ö g l i c h k e i t einer nicht letztlich als „Wissenschaft" sondern
als sozusagen private • Notwendigkeit empfundenen Frage — ist eine solche
Lösungsmöglichkeit mit allen ihren Konsequenzen für das konkrete Dasein, die
zusammen eine „kulturelle" Atmosphäre bildet, in der die Gesamtheit der von
dieser Möglichkeit Betroffenen lebt-
Denn von dieser Lösung und dieser realen Gesamtheit derivieren, wie oben
dargelegt, die Auflösungen der Probleme des k o n k r e t e n Daseins.
Diese Konstituierung einer Gesamtheit „von oben her", von der ent-
scheidensten und letzten Frag-Würdigkeit her, bedeutet die radikale Umkehrung
der Richtlinie des ewigen Mißlingens: dem Aufbau-Versuch „von unten her"
d. h. von der Vor-Behandlung der Probleme des sogenannten p r a k t i s c h e n Da-
seins v o r den „geistigen".
Diese praktischen Probleme, voran die der „Wirtschaft" sind, für sich ge-
nommen und vorerst behandelt, u n l ö s b a r . Das bedeutet die jahrtausendalte
Katastrophe in diesen Dingen.
Damit sicherte sich das Geistige letzten Endes vor der völligen Vergessenheit
So gültig das Prinzip von unten nach oben bei der Konstruktion physikalischer
Verhältnisse, so ungültig ist es bei der Konstruktion menschlicher. Das ist eine
immense Schwierigkeit und gleichzeitig die Garantie, die einzige, des Nicht-
Materialismus: daß noch die Stillung des Hungers, sicherlich was das Ganze
angeht, von der Erfüllung äußerster, vorerst geistiger Voraussetzungen abhängt
Die Fälle dieser Kristallisationen von Einheiten um eine teleologische Auf-
gabe waren in der alten Form und werden in der kommenden Art die die
Geschichte lenkenden sein.
Aber die «reale Einheit" war und ist der Ausnahme-Fall des „Treffens" unter
den zahllosen Möglichkeiten des Geschehens, und unter diesen diejenige, von
der aus die anderen Sinn und Maß bekommen.
Dieser als „ausgezeichneter" zugleich seltenste Fall mußte gleichwohl in seiner
endgültigen, typischsten Gestalt der Schein-Existenz und Metaphorik als anderem
Pol entgegengestellt werden, weil allein die antipodisch r e s t l o s e Umschreibung
der Realität überhaupt erst Deutung und Wertung alles Übrigen, Vor-endgültigen
gestattet
Die reale Einheit nimmt ihren Ausgang von »Oberhalb des Bestehenden",
von einem bestimmten Grad geistiger Spannung und ihr Anfang sieht völlig anders
aus als »Politik".
Sie mußte aber vorerst gezeichnet werden, weil sie den Typus abgibt für
eine Struktur, die auch das „ B e s t e h e n d e " erfassen kann, vorausgesetzt, daß
Kräfte da sind, die einer anderen Form bedürfen.
Was ist nun das soziologisch „Bestehende«?
Es ist alles unter Ausschaltung des teleologischen Bewußtseins Gewordene,
aber es ist zugleich Reservoir und Material auch der e c h t e n d. i. unter Mitwirkung
dieses teleologischen Bewußtseins zustande kommenden Realität. Da aber die
Tendenz des teleologischen Bewußtseins in den Situationen des „Anbeginns", der
Urzeit, von der „Natur" d. h. in einer u n w i l l k ü r l i c h e n Form gewahrt ist, so
laufen, zwischen der Epoche des »Anfangs« und einer vom teleologischen
Bewußtsein zu bewirkenden zukünftigen, Verbindungslinien, die nur durch die
»Gegenwart" verwirrt und, wenn auch nicht unterbrochen, so doch teilweise
unsichtig gemacht werden -r weil wir, im Gegensatz zu den realen Einheiten des
Ehemaligen und Kommenden im Gegenwärtigen den Abschnitt der i l l u s i o n ä r e n
soziologischen Zusammenfassungen durchlaufen, die dem Chaos in der psycho-
physischen Beziehung entstammen.
Aber diese illusionären Einheiten werden irgendwelche Elemente der einstigen
realen enthalten und auf Grund der Geltung alles »Beginnenden« für das Teleo-
logische werden auch diese Schein-Gesamtheiten des „ Bestehenden«, soweit sie
noch von der primären Realität bruchstückhaft einen — vornehmlich genealogischen
— Anteil haben, wesentlich für die zukünftig zu erreichenden Kristallisationen
existenter Volkseinheiten — — werden gerade gewisse von einst unversehrt ver-
erbten Elemente in den im übrigen nur begrifflichen Vielheitsgrößen, »Staaten«,
auf die Gestaltungen der kommenden Zusammenfassungen ansprechen.
Wie stark nun überhaupt in dem sogenannten Bestehenden, den Einheiten
der soziologischen Welt, umfassenderen und untergeordneten, Verwandlungsmächte
vorhanden sind, läßt sich so lange nicht mit Sicherheit entscheiden, solange die
logische, reale Möglichkeit einer a n d e r e n Bildung als der bestehenden nicht ge-
geben ist Denn blind kann so wenig ein Schritt gemacht werden, als Erfahrung
ohne die Voraussetzungen, die sie ermöglichen. Es können die stärksten Ände-
rungs-Gewalten vorhanden sein, aber sie sind genötigt, einander aufzuheben,
wenn sich nicht ein Gefäß öffnet, ihre Wirkung aufzufangen.
Alle erdachten Ordnungen aber, ob kapitalistische oder kommunistische,
sind Schein-Gefäße, denn sie verkürzen eine Seite des Existierenden und lassen
ein Wesentliches draußen. Ihre Konkretisierung bedeutet notwendig neue Kon-
vulsionen, denn letzten Endes ist die logische Restlosigkeit ein Attribut und In-
gredienz der Wirklichkeits-Fähigkeit
Hier wurde unternommen, die reale Einheit als die widerspruchsloseste Form
aufzuzeigen und ihre Strukturlinien sollen somit ais n o r m a t i v e I n h a l t e formuliert
werden, die das Bestehende annehmen kann, wenn anders ihm als solchen die
prinzipielle Unzulänglichkeit vindiziert werden muß.
Aber in einer Atmosphäre, die über dem Durcheinander, wittert, das aus
Realitätsüberbleibseln und Fiktionen besteht und die heutigen »Staaten" bildet —
in einer solchen Atmosphäre können diese Inhalte weder eigentlich wahrgenommen,
noch etwa gar kompetenzgerecht zur Entscheidung gestellt werden. — —
Diese Inhalte setzen bereits eine grundsätzlich andere Anschauungsebene
voraus, von der aus sie überhaupt erst systematisch und konkret zugänglich sind,
ein Einstellungsniveau, das hier durch die »metaphysische Atmosphäre" bestimmt
wurde, deren erstes Zeichen ist, daß die b e s t e h e n d e n E i n h e i t e n als reale Größen
überhaupt g e l e u g n e t werden und demzufolge nicht als zu konservierende Fakta
in Rechnung gestellt werden. Genauer: Leugnung, nicht im Sinne einer g r u n d -
sätzlichen Aufhebung dessen, was vorhanden ist, sondern im Sinne seiner Auf-
hebung für den Fall seiner tieferen Irrealität; ausnahmsloses und grundsätzliches
Zitieren a l l e r politischen Einheiten dieser Kulturwelt — auch der hehrsten,
»geschichtlich gewordensten« und gefühlsbetontesten — vor dies Gericht der Realität,
v o r dessen Entscheidung diese nicht anerkannt werden kann: auch wenn eine
der an Alter ehrwürdigsten Zusammenfügungen auf dem Spiele steht, (die für eine
weit u m f ä n g l i c h e r e Vielheit verbindlich zu sein beansprucht als die ist, für die
sie r e a l i t e r noch verbindlich ist) d. Ii. wenn solche historische Einheit buchstäblich
eines halluzinatorischen Charakters teilhaft wird.
Um es noch einmal zu sagen: nicht aus einer platt-internationalistischen
Perspektive heraus waren alte Einheiten zu bekämpfen, nicht aus dem Dogma des
»allein realen Einzelnen" heraus — dies gesetzt, g ä b e es überhaupt keine soziale
Problematik — sondern zu Gunsten n e u e r d. i. wirklicherer Einheiten.
v Die Z w i s c h e n . - E r s c h e i n u n g e n zwischen der »realen Zusammengefaßtheit"
und dem, quoad »Volk", körperlosen Status haben wir vor uns: wenn der Kristallisa-
tionspunkt einer Gesamtheit zwar deutlich gegeben ist, aber doch noch nicht der
(den Streit zwischen Bewußtsein und Materie o r d n e n d e n ) metaphysischen Intensität
entstammt, d. h. in einem mehr physischen oder mehr geistigen Bereich liegt
(etwa einem nationalen oder einem ökonomischen) indessen das »gegenwärtige*
Schein-Gesamtheitsgebilde ü b e r h a u p t keinen Schwerpunkt hat, oder deren eine
ganze Reihe, die sich nicht endgültig auseinanderzusetzen vermögen und die
zentrifugalen Erschütterungen in allen „Staaten" bedeuten. Diese Konvulsionen führen
nicht etwa aus Gründen einer übergeordneten bindenden Energie: »des Staates«,
nicht zur Zerreißung des Ganzen, sondern nur deshalb, weil sie einander entgegen-
wirken und sich paralysieren, wobei der Staat nicht etwa die Rolle des stärksten
Dritten, sondern nur die des bewußten oder tatsächlichen Kraft-Wenders spielt.
Solche Zwischen-Erscheinungen zwischen realer und illusionärer Einheit sind
gegeben, sobald die Bindungs-Energie von Teil-Gesamtheiten eine zentrifugale
Tendenz annimmt d. i. stärker wird als die Bewertung der Staats-Ganzheit, weil
in der Teil-Gesamtheit ein größeres Deckungs-Verhältnis von Einzelnem und Ganz-
heitauftrittund eben damit diese untergeordnetere Zusammenfassung» wirklicher" wird.
Insofern sind gewisse Parteien »wirklicher« als der ihnen übergeordnete »Staat«,
und eine Politik, die »Realität« zum Richtungspunkt hat, wird hier vor der Möglich-
keit einer faktischen Scheidung, sofern sie bestünde, keineswegs zurückschrecken.
Wo die Ansätze oder Keime wirklicherer Gebilde sich zeigen, die in anderen
Gruppierungen oder Zusammenschließungen zu erkennen sind, sich um wirt-
s c h a f t l i c h e , a b s t a m m u n g s m ä ß i g e , r e l i g i ö s e oder andere Bindungszentren
gebildet haben: K l a s s e n und P a r t e i e n — da hätte ihnen die von teleologischer
Einstellung gelenkte Überlegung bedenkenlos die E n t s c h e i d u n g s f r a g e zu stellen:
Ob solche Zusammenschlüsse, mit denen die Struktur ihrer historisch über-
geordneten staatlichen Einheit unvereinbar widerstreitet, die Intensität und den
Inhaltsreichtum, zur e i g e n e n Lebendigkeit in sich tragen und demzufolge aus der
alten Einheit auch formenmäßig heraustreten wollen oder nicht
Generationen währendes Parteigezänk müßte mit dem Auftreten dieser Möglich-
keit verstummen und alles bloß taktische Manövrieren gegeneinander mit einem
Schlage seinen übrigbleibenden wahren Absichts-Kern enthüllen:
Die meisten der innerstaatlichen oder querstaatlichen Bindungen würden sich
vor solcher Alternative als unfähig zur eigenen Existenz bekennen müssen.
Sollte aber einmal diese Frage bejaht werden können: etwa von der zum alten
Staat am stärksten zentrifugalen, w i r t s c h a f t l i c h e n Schicht, dem »vierten Stand",
der für sich eine neue Wirtschaftsordnung erfunden zu haben glaubt, sollte eine
solche ganze Klasse in sich eine Kraft des Eigenlebens wahrnehmen, so hätte die
metaphysische Perspektive den Blick auf etwas zu lenken, das seit langen Zeiten —
von geringen, intensitätlosen und aufs Kasuelle gerichteten Gedanken abgesehen —
aus dem Gesichtskreis der weltpolitischen Ueberlegung geraten ist:.
Die W a n d e r u n g v o n Völkern und G e s a m t h e i t e n als Ganzes.
Wohl tauchte gelegentlich die »Abwanderung" von mehr oder weniger zahl-
reichen Einzelnen, die in eine andere Volksgesamtheit eindringen, als »Ausweg«
vor »Übervölkerung" auf — aber kaum ward in neuerer Zeit je ernsthaft ein Unter-
nehmen zu entwerfen versucht, des g l e i c h z e i t i g e n , Millionen umfassenden Sich-
i n - B e w e g u n g - S e t z e n s g a n z e r V o l k s s c h i c h t e n , eine regelrechte Völker-
w a n d e r u n g mit dem Ziel einer neuen t e r r i t o r i a l e n Einheit als Lösungsmittel
anders nicht lösbarer Verkrampfungen.
Alle wirtschaftlichen Verteilungs-Künste werden in einem Falle fruchtlos
bleiben müssen — und die ewige Sterilität und Aussichtslosigkeit aller politischen
Kämpfe zeigt diesen Status — wenn das zu Verteilende, oder die Materie, die zum
Leben der Völker verbraucht wird, im Verhältnis zum Umfang der Gesamtheiten
n i c h t a u s r e i c h t : Länder oder Rohstoffe. Vergeblich werden sich Ideen von
Wirtschafts-Ordnungen bekämpfen, wenn die Zusammenfassungen von Menschen-
Gesamtheiten unnatürliche sind.
Solange der V e r k e h r der Welt hindernislos läuft, kann das Mißverhältnis
von Land und Gesamtheit ausgeglichen werden, aber damit schneidet eine einzige
größere der tausend möglichen Störungen allen Völkern den Atem ab, die aus
eigenem Material nicht zu existieren vermögen.
So gibt es nur ein logisches Entweder-Oder: r e i b u n g s l o s e r V e r k e h r oder
W a n d e r u n g der V ö l k e r : das ist entweder T r a n s p o r t der Güter des physio-
logischen Daseins oder A u f s u c h e n dieser.
Hier kann bei weitem nicht von den Ländern die Rede sein, die unberührt
im Übermaß daliegen, noch von allem Einzelnen dieser Möglichkeiten — denn
es kann nicht bestritten werden, daß letzten Endes die gesamte Menschheit von
der Summe der bearbeiteten Länder erhalten wird — nur eine prinzipielle Über-
legung ist anzudeuten:
Der Sturmlauf gegen das „kapitalistische System" muß ewig vergeblich sein
am O r t e s e i n e r G e l t u n g . Der Kapitalismus ist das mächtigste und tiefste aller
Systeme und kann jeden Einwand gegen sich einbeziehen im G e b i e t seines
I n - K r a f t - s e i n s . Um gegen den Kapitalismus überhaupt etwas auszurichten, ist
es vor allem unerläßlich, aus seinem W i r k u n g s b e r e i c h h e r a u s z u t r e t e n , denn
innerhalb dessen vermag er jede Gegenwirkung aufzusaugen. Das r ä u m l i c h e
Verlassen der kapitalistischen Herrschaftsgebiete ist somit unausweichliches Gebot
für alle Zusammenfassungen, die sich einen anderen Grundriß ihres materiellen
Daseins erstreben und für diejenigen, die das durchaus nicht erstreben, würde
diese Loslösung zuletzt doch die Befreiung von einer ebenso wenig abzuweisenden
wie zufriedenzustellenden Macht bedeuten.
Betraf dieses Prinzip der V ö l k e r w a n d e r u n g , das in manchem Betracht den
Bürgerkrieg ablösen kann, eine wesentliche Voraussetzung zur Entstehung wirk-
licherer Einheiten: die Entwirrung der zentrifugalen Tendenzen, die den Tod jeder
realen Zusammengefaßtheit im Anbeginn bedeuten müßten — betraf dieses Prinzip
der Verselbständigung von Gesamtheiten die ä u ß e r e Umgrenzung des Materials
zu einer möglichen realen Einheit, so gilt es noch die unumgänglichsten Be-
dingungen ihrer i n n e r e n S t r u k t u r in normativen Fassungen aufzustellen.
Es handelt sich um die Zentrai-Frage aller Gesamtheitsordnung: die der
K l a s s i f i z i e r u n g von Menschen.
In der realen Einheit ist gemäß dem in der theoretischen Ableitung An-
gegebenen, das Problem des o b j e k t i v e n R a n g e s gelöst
Auf alle soziologischen Erscheinungen, die v o r diesem typischen vollendeten
Fall eines Zusammen liegen, sind nun dessen fundamentale Gültigkeiten sogleich
dergestalt zu übertragen:
Daß die psychophysischen Attribute oder deren Konsequenzen, die in der
realen Einheit als objektive Kennzeichen gewisse Individuen herausheben, in allen
Vor Stadien einer metaphysischen Gesamtheit in Gestalt strikter, momentan zu er-
füllender F o r d e r u n g e n gesetzt werden, denen die eine Lenkung des ganzen be-
anspruchenden Individuen sich zu unterwerfen haben, w i e w o h l ihnen die aus
einer metaphysischen Gebundenheit resultierende S t e i g e r u n g ihrer Fähigkeiten
noch nicht zur Verfügung s t e h t
• Das heißt: es ist eine metaphysische Perspektive a n z u s e t z e n , obzwar die
Voraussetzungen des vollendeten Status noch nicht oder nur unvollkommen
(etwa nur vorwiegend psychisch) gegeben sind.
Dennoch gibt es keinen anderen Modus, weder einen über das empirische
Niveau hinaus liegenden Zustand zu erreichen, noch objektive Kriterien für realiter
rangunterschiedene Einzelne zu stabilieren, als die Bedingungen dieses Erfüllungs-
Stadiums vorher g e w i l l k ü r t zu s e t z e n : das ist die in einer metaphysischen
Atmosphäre zutreffende Optik.
Damit geschieht eine vollkommene Umkehrung aller der die „gegenwärtige"
ungesteigerte Situation beherrschenden Geltungen für den T y p u s d e s zu
e i n e r „R e g i e r u n g" B e f u g t e n .
Eine unumgängliche Vorbedingung dafür, daß ein bestimmtes Individuum
kein psychophysiologisch abgetrennter Einzelner sei, sondern bis in die empirie-
bedingend-materiale Existenz hinein über das gewöhnliche Maß eine Gesamtheits-
Realität darstelle, ist selbstverständlich die, daß nicht gerade durch die Beziehung
zur Gesamtheitsgröße dieses psychophysiologische A b g e t r e n n t h e i t s-Dasein
irgendwie g e s t ä r k t und gefördert werde, wodurch der Accent immer auf dieses
letztere fällt: dahin gehören sämtliche m a t e r i e l l e n , der psychophysiologischen
Einzelperson zukommenden V o r t e i l e , die die illusionäreSocietas verschwenderisch
auf ihre Leitenden ausschüttet. Jede E n t g e l t l i c h k e i t und gar die Gestaltung
der entscheidenden Einwirkungsmöglichkeit auf eine soziologische Einheit als ein
B e r u f bedeutet im Vorhinein das Zerschneiden der Verbindungslinien, ohne die
eine reale Zusammengefaßtheit nicht konstituiert werden kann: die a b s o l u t e
E n t s c h ä d i g u n g s l o s i g k e i t der irgendwie richtunggebenden Einzelnen
ist somit erste indiskutabelste Voraussetzung. Es sei hinzugefügt, daß das un-
bedingt Lebensnotwendige nicht ausgeschlossen sein kann, daß aber im Hinblick auf
das E i n z e l sein die e n t s c h e i d e n d e n Elemente in einer nicht scheinbaren
Vielheit eher der schlechtestgestellten als der bestgestellten ökonomischen
Schicht zu gleichen haben.
In der metaphorischen „Gesamtheit" bleibt der Einzelne, der an die Führung
herantritt, insofern ein Einzelner, als er nur das, was er nach „bestem Wissen und
Gewissen" ausrichtet, zu vertreten hat und nur für den „guten Willen" verant-
wortlich ist Das M i ß g l ü c k e n wird ihm n i c h t zugerechnet, denn er tat, was
„in seinen Kräften stand" — er haftet nur sozusagen für diligentia quam suis, für
die Anspannung, die er in eigenen Sachen, in den Dingen seines Einzeldaseins
einsetzt: er bleibt, wiewohl Lenkender einer Gesamtheit dennoch ein Einzelner,
solange — im Großen — die bona fides seine Verantwortung begrenzt
Bei jeder Art der wirklichen Zusammengefaßtheit oder im Falle der Orien-
tierung nach ihr haftet der R i c h t u n g g e b e n d e einer G e s a m t h e i t für den
Erf o lg. Es tritt eine völlig veränderte Beanspruchung an ihn heran, in dem Moment,
da an die Stelle der empirischen eine teleologische Perspektive eingesetzt wird,
deren Kennzeichen nicht mehr ist „guter Wille" — sondern das Können schlecht-
hin und nur dieses und ohne die Begrenzung des „ M e n s c h e n m ö g l i c h e n " .
Es fällt jede Rücksicht auf eine private Bewußtheit, jedes in Rechnungstellen
des besten Willens oder des Einsetzens aller Kräfte eines solchen Einzelnen: es
gilt einzig und allein der Erfolg.
Und er haftet für diesen mit seiner p h y s i o l o g i s c h e n Existenz: die Ver-
a n t w o r t u n g ist unbedingt eine l e i b l i c h e : das Mißlingen einer von ihm ge-
leiteten gesamtheitlichen Unternehmung trifft ihn ausnahmslos k ö r p e r l i c h ; er
steht nicht mit seinem „Ansehen" und seinem „Ruf für die selbstverständlich
bona fide vorgenommenen sozialen Operationen ein, sondern mit seinem Leben.
Nicht anders steht es bei der Verbundenheit von Societas und einzelner physio-
logischer Existenz und anders kann es folgeweise auch nicht bei einer Einrichtung
nach dieser, einstweilen metaphysischen, Ordnung gelten — — indessen alle die
„Achtung" und den „Namen" eines Leitenden treffenden Konsequenzen recht aus
dem Geiste der Metaphorik stammen und der illusionären Gesamtheitsgebilde:
denn noch immer hatte der also „Betroffene" einen Partei-Anhang um sich, der
ihm sein gutes Gewissen und das Bewußtsein, „das Beste gewollt" zu haben
erhielt und ihn die „Namensschädigung" ohne Beschwerden ertragen ließ.
So befremdlich und so „überwunden" in dieser Kultur-Atmosphäre das
Verhalten antiker oder naturhafter Volkseinheiten anmuten mag, die den fehl-
greifenden Staatsmann oder den geschlagenen Heerführer an Leib und Leben
straften — nicht weil es ihm an bestem Willen und äußerster Einsetzung, sondern
am Gelingen fehlte — — so viel näher ist diese Einstellung der objektiven Er-
kenntnis vom Wes:n einer wirklichen Gesamtheit
Gänzlich andere Lebens-Bedingungen gelten für das Individuum, das der
Gesamtheit sozusagen „verfallen" ist, als für das mehr oder weniger private
(— — obzwar in der realen Einheit niemand „privat" ist, wenngleich alle an
wesensverschiedene Orte der Societas gestellt sind). An dem entscheidenden
Punkte einer realen Einheit, bei dem man an eine unmetaphorische psychische
„Höhe" zu denken genötigt ist, beginnt nicht nur die Möglichkeitsebene des
V o r a u s w i s s e n s — — diesen Punkt innezuhaben bedeutet vor allem für den
oder die bestimmten Einzelnen das Auf-sich-nehmen der Bedingung des Vor-
herwissens auf j e d e n Fall. Denn auch, wenn die psychophysiologischen Voraus-
setzungen der Steigerung n i c h t oder noch nicht erfüllt sind, so muß dennoch
dieses Erfordernis fixiert bleiben, weil es Ingredienz und Richtungspunkt zu einer
objektiven soziologischen Einheit ist — — es muß diese Forderung bestehen,
selbst wenn ihre Aufstellung und der Versuch, sie zu befriedigen, in Folge jener
„normalen" ungesteigerten Situation jedes Risiko in sich birgt
Diese Belastung ist ein Symptom, daß man es hier mit der zentralen An-
gelegenheit des Einzel- und Gesamtheitsdaseins zu tun hat, und daß dieses
Problem, ein individuell unlösliches, auch nur durch jene k ö r p e r h a f t e V e r -
b i n d u n g d i e s e r b e i d e n E x i s t e n z f o r m e n lösbar ist, die oben analysieit wurde
diese Sachlage läßt ein Problem in die Mitte aller „politischen" Operationen
und in den Interessenpunkt alles öffentlichen Geschehens rücken, statt daß es wie
gegenwärtig am Rande aller Konkretheit, in femer spezialphilosophischer Be-
trachtung eine spärliche und seltene Belichtung erfährt
In dieser Umstellung, dieser Vertauschung von möglichen Schwerpunkten
soziologischer Wesenheiten, in dem Hervorziehen der fundamentalen Fragwürdig-
keiten gegenüber den provisorischen und in ihrem Hineinziehen in das materielle
Dasein, erkennt man unschwer das Unterscheidungsmoment, das die naiven,
betreffs des Ziels, des telos, in einer einzig möglichen, unbefangenen, selbstver-
ständlichen Einstellung befindlichen voreuropäischen oder nichteuropäischen Ge-
samtheitsgebilde von dem typisch „ e u r o p ä i s c h e n " trennt: die Erheblichkeit des
» P r o p h e t i s m u s " für das ganze soziologische Gefüge.
Aber auch o h n e daß die psychophysiologischen Gegebenheiten einer Gemein-
schaft so weit potenziert sind, daß sie als eine reale anzusprechen ist, ist allen diesen
für den Typus der entscheidenden Personen einer Vielheit normierten Gesetzen
zu genügen; denn die Uebernahme aller dieser Bedingungen durch jene Individuen
ist das einzige Kriterium der Erkennbarkeit eines realen Wertunterschiedes von
Einzelnen in einer Gesamtheit und der objektiven und sichtbaren Klassifizierung
in einer solchen. Die objektive Klassifizierbarkeit aber ist essentielle Voraussetzung
einer wirklichen Einheit.
Welche Inhalte in einem gegebenen Falle ein soziologisches Unternehmen
zu verwirklichen habe, liegt weit außerhalb des Umkreises dieser allgemeineren
Untersuchung, in der aber einiges über die Mittel der Auffindung der für die
Aufstellung dieser Inhalte nicht entbehrlichen und nicht ersetzbaren Einzelnen
aus dem Zusammenhange des Ganzen zu folgern war.
Generell aber sei für die Aussichten eines teleologischen Vorhabens daran
erinnert: —
Zum Wesen einer „theoretischen" Unternehmung gehört durchaus das Ein
setzen der Materie.
Keineswegs kann von einem irgendwie „geistigen" Versuch eine Einwirkungs-
Garantie erwartet werden.
Die Materie aber nach Art der empiristischen politischen Gewalten wirken
zu machen kann nicht im Verfahren eines von der psychischen Ebene, „von
oben" aus anhebenden soziologischen Gebildes liegen:
Die Macht der illusionären Einheiten bedeutet: die Verbindung dieser meta-
phorischen Gesamtheit mit der t e c h n i s c h e n Behandlung der Materie.
Es gibt aber noch einen anderen Zugang zur Materie — das ist der, der
über das psychische Vermögen zu ihr auf dem Wege geht, der an den körper-
mäßigen Entstehungspunkt der wirklichen Einheit führt (wie oben analysiert
wurde), in deren Wesen ihre Stellung zum Materiellen und ihre Machtmitte
begründet sind.
Es handelt sich nicht um „Geist" und nicht um .Materie", sondern um
ihre Auseinandersetzung d. i. Metaphysik.

III.
Aber die Energien, die entstehen, so oft und wo überall die Einsicht gelingt,
daß die Katastrophe dieser Soziologie ewig sein müsse — diese Energien, die
die Luft der politischen Welt laden, werden an einem Kristallisationsgebilde
niederschlagen und sich dort binden. Dieses Gebilde einer Zusammenfassung,
der Träger solcher Kräfte und Einstellungen wird der Ausgangsort einer im Ver-
hältnis zum Einstmals u m g e k e h r t e n Entstehungsart einer unmetaphorischen, im
Reiche des Objektiven, existierenden Gesamtheit: — der psychophysischen (statt
der physopsychischen) Genesis; der naturhaft-bewußten (statt der naturhaft-
unbewußten). Der Ort eines solchen Beginns ist, im Gegensatz zu einer vom
b e s t e h e n d e n Staate abzweigenden Forschungseinrichtung eine v o r der Staaten-
„Wirklichkeit" liegende und solche erst begründende m e t a p o l i t i s c h e u n i v e r -
s i t a s : ein Indifferenzpunkt der soziologischen Realität, aus dem diese überhaupt
erst hervorgeht und ihre Kompetenz nimmt.
Aber das Problem, das diese universitas zu lösen stellt, ist u n m i t t e l b a r
kein p o l i t i s c h e s , sondern ein fundamentales; der f o r m a l e Z u s a m m e n s c h l u ß
zu seiner Lösung ist das Politische an ihr. Das erste » P o l i t i s c h e " , » P o l i t i k "
im » U r a n f a n g * ist z u n ä c h s t u n w i l l k ü r l i c h e B e g l e i t e r s c h e i n u n g einer
s i c h auf w e i t Z e n t r a l e r e s r i c h t e n d e n B e w u ß t s e i n s r e i h e .
Deren w i r k l i c h e Problematik ist identisch mit einem Ausdruck der meta-
physischen und das Soziologische ist hierbei die Hervorbringung einer die Span-
nung zur Auflösung dieser Aufgabe steigernden Atmosphäre, die aus der Aner-
kennung aller der Geltungen sich ergibt, die eine reale Gesamtheit zu konstituieren
vermögen und aus der Bearbeitung desjenigen Feldes, das um jene zentrale Frag-
würdigkeit liegt (Es gilt nicht die »Sammlung von Geistigen« zwecks poli-
t i s c h e r Betätigung — sondern eine Akkumulierung der geistigen Fähigkeit als
s o l c h e r zwecks Bezwingung der ihr an sich, eigentümlich gestellten e r k e n n t -
n i s m ä ß i g e n Aufgabe.)
Das bedeutet den Arbeitsbereich jener metapolitischen universitas durch
folgende Zielsetzungen abzugrenzen:
Es gilt vorerst die Umschaltung in der Wertung der Möglichkeit — Metaphysik:
Gerade die e n t l e g e n s t e philosophische Theoretik ist nicht um »reiner
Erkenntnis" willen da, sondern um der k o n k r e t e n Bewältigung aller Existenz-
Pathologie einschließlich der soziologischen willen — — o h n e um deswillen
» p r a k t i s c h e " »Weltweisheit" werden z u dürfen. D a s Z i e l d e r „ P h i l o s o -
phie" ist n i c h t E r k e n n t n i s , s o n d e r n Bewältigung aller
Konkretheit a b e r d i e s e s Ziel ist nur e r r e i c h b a r , wenn
sie die R i c h t u n g auf r e i n e E r k e n n t n i s innehält.
Das Richtunggebende ist die Dignität und Unaufschiebbarkeit gerade der
empirie- f e r n s t e n Untersuchung und Einstellung.
Die metapolitische universitas i s t gleicherweise selbst der Archetypus einer
realen Einheit wie auch das der Ermittelung der Bedingungen solcher gewidmete
Unternehmen:
Sofern sie das erste ist, k a n n s i e e b e n d a m i t n i c h t u m h i n , bereits
eine bestimmte universale d. i. aber völlig „politikferne" Problem-Gestalt zum
Zentrum ihrer Existenz zu machen; sofern sie das zweite ist, wird sie, auf das
„Bestehende« blickend, in diesem die M a t e r i a l i e n der realen Einheit aufzu-
suchen und so weit dieselben im Vergangenen und Gegenwärtigen den A u ß e n -
a n b l i c k solcher Einheiten darstellen, die Masse des T a t s a c h e n haften zu-
sammenzubringen haben. (Die dennoch beileibe nicht » G e s c h i c h t e « , sondern
Erzielung von Orientierungspunkten in einem h ö c h s t a k t u e l l e n , noch
kaum gegenwärtigen Bereich bedeutet)
Die Untersuchung des W e s e n s d e r r e a l e n E i n h e i t , sofern sie fak-
tisch ist, wird sich in zwei Hauptrichtungen begeben: in die eine: die der
Gewinnung der P r i n c i p i e n z u r K o n s t i t u i e r u n g einer wirklichen (d. i.
als V o l k wirklichen, nicht als Einzelnen-Begriffs-Gesamtheit existierenden) Zu-
sammengefaßtheit, welche Principien identisch sein werden mit bestimmten
psychischen Ausdrücken, die im Zentrum dieses oder jenes realen „Volkes«
gestanden haben oder stehen — und in die andere: die der Sichtung der f
materiellen, p s y c h o p h y s i o l o g i s c h e n Konsequenzen und Er-
scheinungsformen der realen Einheit Zwei sehr umfangreiche Arsenale sind zu
erschöpfen:
Was das sogenannte » K u l t u r - V o l k « angeht, so gibt es Fälle der realen
Einheit nur in der a l t e n Zeit (und nur unter dieser Perspektive wird es gelingen
zu den ebenso provozierenden wie uneinreihbaren Gegebenheiten der „mytho-
logischen Geschichte« überhaupt eine andere als die hilflos umdeutende Stellung
zu finden) — das N a t u r - V o l k existiert in dem Status der wirklichen Ge-
samtheit auch in der g e g e n w ä r t i g e n Periode oder besser: ist in dieser Zeit
vorhanden, weil eine Art „geschichtslosen" Daseins ihm eignet, die es zu einem
Volk einer „ewigen Urzeit" macht, wie es mit gutem Grunde genannt wurde.
Hier ist das p s y c h o p h y s i o l o g i s c h e Material, das auf Kosten einer realen
Volks-B i n d u n g kommt, in Sicherheit zu bringen und zu systematisieren.
Dieser Behandlung des Bestehenden: — einer Sichtung desselben zur k o n -
s t r u k t i v e n Bearbeitung — entspricht eine a b w e h r e n d e : der Zusammen-
tragung der empirisch-vorhandenen Elemente in Fällen der realen Einheit korre-
spondiert die Kritik der ungleich näheren soziologischen Gegebenheiten, die aus
unwirklichen »Gesamtheiten« bestehen, und die Zerstörung dieser Tendenzen zur
metaphorischen Einheit. Hier werden vornehmlich alle I d e o l o g i e n s ä m t -
l i c h e r P a r t e i e n zu treffen und zu destruieren sein, nicht etwa von einer
„übergeordneten" Staatsganzheit aus, die selbst nichts anderes ist als eine Partei,
sondern weil diese Ideologien ständig auf einem nur p e r i p h e r e n Prinzip
ruhen, das eben wegen dieser Peripherität niemals eine wirkliche T o t a l i t ä t
soziologischer Komplexe konstituieren kann, die allein lebendig d. i. katastrophenlos
sein kann und die nur von einem sie universal d. i. z e n t r a l beherrschenden |
Punkt aus ergriffen werden kann also nicht von einer empirischen „Staats"-
ganzheit aus (die doch nur T e i l ist), sondern von einem, logisch erfordert,
u n i v e r s a l e n Hervorbringungs-Ort aus, in dem alle denkbaren peripheren
Gesichtspunkte, alle P a r t e i - Teleologien nicht etwa »verbunden«, sondern auf-
gegangen sind. Aufgehoben aber deswegen, weil der Punkt u m f a s s e n d e r
Perspektive apriorisch v o r h e r die verschiedenen Strebungen konzentrisch ent-
hält, von denen die Parteiformulationen nachträgliche losgerissene Verselbständi-
gungen sind, aus denen nimmermehr eine Einheit »kombiniert" werden kann,
weil diese nur mechanisch ausfallen könnte. Die u m f a s s e n d e metapolitische
Einstellung nämlich enthält die antinomischen Tendenzen zwar miteinander
a u s e i n a n d e r g e s e t z t , aber i m p l i c i t e , weil ihre e x p l i c i t e Form auf etwas
a n d e r e s , nämlich auf den oben bezeichneten erkenntnismäßigen Lösungs-Aus-
druck gerichtet ist — obwohl von diesem Anderen aus nun gleichfalls explicite
ein notwendiges Verhalten derjenigen soziologischen Komplexe analysiert werden
kann, die vpn der Parteidogmatik mit Beschlag belegt werden.
Somit wird die negierende Wirksamkeit der metapolitischen universitas sein:
durch Vergleich mit der an eine E n d g ü l t i g k e i t geketteten soziologischen Rege-
lung die ihrem Wesen nach v o r l ä u f i g e Partei-Systematik zu z e r s t ö r e n : hier
muß j e d e Partei in gleicher Weise zu entlarven sein: denn keine kann an wirklich
übergeordneter Einstellung teilhaben ohne ihren Begriff aufzugeben.
Alle konkreten Versprechungen der Parteien m ü s s e n hinfällig sein, weil
Parteien ihrem Wesen nach (als »Teile" von Natur aus) nicht weit genug gehen
k ö n n e n , da die extremste Radikalität einer T e i l g r ö ß e mit Notwendigkeit —
H y p e r t r o p h i e , damit aber Gewaltsamkeit wird, o h n e diese Hypertrophie aber
jedes Ans-Ziel-gelangen unmöglich bleibt Alle Parteien müssen zu unradikal
bleiben, wollen sie nicht o f f e n b a r e Katastrophenpolitik treiben, alle sind nur vor
die Wahl eines Zuviel oder Zuwenig gestellt und ihrer Natur nach ewig davon
ausgeschlossen den organ-konstituierenden Punkt zu treffen. Dies Bewußtsein
des vollkommen hoffnungslosen und unentrinnbaren Nichts allen parteipolitischen
Aufwandes gilt es hervorzubringen und zwingend überallhin zu fundieren; es
gilt im konkreten Fall die Behauptungen einer Partei zunichte zu machen, nicht
von der Basis ihrer Gegenparteien, sondern von i h r e r e i g e n e n , a b e r g e -
s t e i g e r t e n T e n d e n z aus, die, als in einem übergeordnet Anderem — der
realen Zusammengefaßtheit und ihrer Teieologie — enthalten, auf diese andere
Ebene gebracht, sich nicht nur mit den Prinzipien der Gegenstrebung „verträgt«,
sondern sogar auch deren Intensivierung voraussetzt: wie etwa, wenn es einen
organisch-„natürliehen« „Vertreter" einer Gesamtheit gäbe, (von dem der so-
genannte „geniale Staatsmann" ein zufälliges und einseitig-ungenaues Abbild ist
und von dessen wissenschaftlicher Erfaßbarkeit hier die Rede war), der nicht
durch eine nur-politische Konstruktion dazu »gemacht« ist, — in diesem äußerste
Volksherrschaft und extremste Autokratie in eins treffen müßten.
Der notwendige Abstand jeder Partei-Programmatik, das Zurückbleiben ihrer
eigenen Forderungen hinter den Gegebenheiten, die durch die Seiten der wirk-
lichen soziologischen Ganzheit ausgedrückt werden, und in Sonderheit die
z e i t l i c h e Einstellung der parteihaften Bewegungen sind geeignet, das notwendig
Unzureichende auch bei den Mengen derer sinnfällig zu machen, die die obersten
Bedingungen weder übersehen können noch müssen; die aber durch die Evidenz
jenes Abstandes und der unausweichlichen Alternative zwischen Gewalt oder
ewiger Aufschiebung dennoch in unbegrenztem Ausmaß den Parteien abwendig
gemacht werden können.
Aber eine solcherart zersetzende Auswirkung der nietapolitischen universitas
wäre, sowohl der Entfernung von ihrem Eigentlichen Zentrum nach die ä u ß e r s t e
als auch die ihr sichtbarlich antinomischen soziologischen Gegebenheiten am
drastischsten und leichtesten treffende. Bezeichnender aber, differentialdiagnostisch
die Art und Herkunft ihrer Wirkungen — gegenüber anderswoher kommenden
Angriffen — auf das politische Außen schärfer beleuchtend, schwieriger zu sehen,
aber von größerer symptomatischer Intensität, spannungsvoller ist das Verhalten
der metapolitischen universitas zu dem relativen I n n e n jener Außenwelt, zu deren
u n m i t t e l b a r e r Geistigem: zu deren w i s s e n s c h a f t l i c h & r Erscheinung und zu
jener nach innen hin gewandten Energie, die „Kunst" heißt.
Aus dem Wesen der metapolitischen universitas folgt für das Faktum „Wissen-
schaft" zuerst, daß es eine F r e i h e i t des G e i s t e s genauer eine solche des
F o r s c h e u s im geltenden Verstände nicht geben kann, und wenn auch diese Frei-
heit nicht von außen eingeschränkt werden kann, so ist doch der Geist selbst
eine verbietende und gewährende Instanz und ein prinzipielles Gewähren aller
Geistesbetätigungen liegt dann nicht in seiner Natur, wenn in dieser ein Ge-
richtetsein und eine teleologische Struktur angesetzt ist. Es stünde danach nicht
frei, beliebige Antriebe der Untersuchung, auch wenn ihnen noch so exakt Folge
geleistet werden könnte, und auch wenn sie unter die Kategorie einer bestehenden
Disziplin fielen, unter der Idee der »Wissenschaft" zu begreifen. Zu der bisher
einzigen Bedingung der Wissenschaftlichkeit, nämlich der M e t h o d e des Vor-
gehens, tritt »vielmehr noch die einer von e i n e m o b e r s t e n P r o b l e m - A u s -
d r u c k u n u n t e r b r o c h e n fortlaufend l e g i t i m i e r b a r e n F r a g e s t e l l u n g . Es
hätte die denkbar i n t e n s i v s t e V e r k ü r z u n g des gesamten Wissenschafts-
Bereichs stattzufinden, der zu einer e i n z i g e n Gerichtetheit und Übersehbarkeit
zusammenzuziehen wäre, indem der Abstand, ja der Bruch zwischen der Be-
tätigung auf einem konkreten Erfahrungsfelde und der von diesem abgewandten
Einstellung durch die a k t u e l l s t e , in keinem Moment aussetzende Kommunikation
— indem diese Diskrepanz als Hemmungsmoment einer einzigen Lebendigkeits-
größe so ausgeschaltet wird. Der Riß entstand, indem aller wißbare Inhalt in
das Erfahrungsreservoir und seine Erkenntnis glitt, der „Philosophie" aber kaum
mehr als die F o r m des Wissensmöglichen übrig blieb. Das ist der gegenwärtige
Status. Ist indessen, wie oben gesehen wurde, die o b e r s t e P r o b l e m a t i k
e i n e s o l c h e , daß ihr t r o t z ihres t r a n s z e n d e n t a l l o g i s c h e n C h a r a k t e r s
g e w i s s e Inhalte mit N o t w e n d i g k e i t e i g e n t ü m l i c h v o r b e h a l t e n b l e i b e n ,
so wird der ständig momentane Zusammenhang mit der Erfahrungs-Durch-
forschung bestehen und zugleich eine Architektonik der Fragestellungen, die die
absolute Einheit aller Wissenschaftsbewegung sicherstellt. Die Scheidung in
Materie, als Objekt der Erfahrungswissenschaften und in das (von allem Empi-
rischen möglichst) »reine« Bewußtsein, als Objekt der Philosophie, ergibt mit
Notwendigkeit einesteils die völlige Unverwertbarkeit der „Philosophie" für die
Erfahrung, ^anderenteils ihre absolute Bewegungslosigkeit in bezug auf ihre eigene
Aufgabe. Diese Scheidung involviert Unfruchtbarkeit Gelingt es aber, eine
prinzipielle- und exakte Scheidung in „fremde" und „eigene« Materialität auf-
zuweisen, davon die erste der Naturwissenschaft zu überweisen ist, die zweite
rein durch das Bewußtsein zur Darstellung zu bringen und dem Denken als
solchen zuzuerteilen ist, so enthält die Philosophie nicht nur die für die Auf-
hellung der an sie zu richtenden Forderungen notwendigen Inhalte, sondern
auch einen Angriffspunkt für die E r f a h r u n g — ein Gelingen also, das uner-
läßliche methodologische Bedingungen für eine konkrete Wesentlichkeit und
Weiterbewegungs-Fähigkeit der Philosophie ist.
Aber bei dieser Konzentration, die die Weite und chaotische Verlaufenheit
wieder zu einem bestimmt gerichteten U m r i ß zurückzuholen hätte, würden nicht
wenige wissenschaftliche Unternehmungen fallen. Zahllose Fragen und die von
ihnen motivierten Bearbeitungen, die sich nicht in diesen Nexus einer bestimmten
Struktur eingliedern lassen, hätten zu pausieren und, wenn ihnen eine Legitimierung
durch das oberste Telos überhaupt nicht zukommt, aufzuhören. Das heißt: Das
„Entbehrliche" irgendwelchen Wissens ist oft behauptet worden. Aber diese Be-
hauptung ist im Falle des mangelnden Kriteriums sinnlos, am sinnlosesten aber,
wenn die empirische „Praxis« das Entscheidungsinstrument abgeben sollte. Die
hier bezeichnete Aufgabe aber wäre, auf jede Weise darzutun und im eigenen
Geltungsbereich verbindlich zu erfüllen; nämlich alle „wissenschaftliche« Bewegung,
die über den U m r i ß der auf einem angebbaren Zweck konzentrierten Wissen-
s c h a f t s g e s t a l t u n g — der das Kennzeichen ist — hinausragt, abzuschneiden und
zu verursachen, daß diese Hypertrophien bildenden Kräfte durch Unterbindung
sich in ihrem Anteil an der Konstituierung des e i g e n t l i c h e n teleologischen
Organons entbinden müssen.
Aber diese zu einem Teil auflösende Wirkung der metapolitischen universitas
ist das Anzeichen einer neu auftretenden prinzipiellen Möglichkeit; es ist nämlich
hier dem Gedanken an eine überall denkbare Handhabe Raum zu geben, die
V e r w a n d l u n g eines mit unreduzierbaren Entartungen affizierten Erscheinungs-
zusammenhanges zu erzwingen: es gilt nämlich das .Mittel des E l i m i n i e r e n s
rein als s o l c h e s einmal in Rechnung zu stellen: es ist a priori zu erwarten, daß
eine — wo auch immer angesetzte — umfassende Zurückdrängung und Unter-
drückung an und für sich notwendig eine aus dem Grunde kommende Ver-
änderung heraufbringt und also diese durch jene bedingt ist Dennoch gilt es der
schweren Mißdeutung auszuweichen, als ob so „Negation um der Negation willen«
gefordert würde. Evidentermaßen kann allerdings — da die pathologischen Ge-
gebenheiten in einem solchen verneinten Erfahrungskomplex ohnehin unter der
Perspektive ihrer Aufhebbarkeit resultatlas gewertet werden - nur eine. Untere
bindung von solchen Äußerungsformen jenes Komplexes in Frage stehen, die im
Vorhinein zu den v ö l l i g l e g i t i m i e r t e n g e h ö r e n . Zweifellos nämlich ist gerade
die Konzentration der angreifenden Strebungen auf die als K r a n k h e i t s h e r d e
erkannten soziologischen Gebilde, welche eine p o s i t i v e Wertung der übrigen
impliciert, Ursacheder unablässigen Sterilität dieses Vorgehens — diese Beschränkung,
die ersetzt werden muß durch eine bei weitem umfänglicher ausgreifende Bearg-
wöhnung gerade der »gesundesten" und erstrebtesten Gegenden geistiger Wirksamkeit
Denn: wenn die ewige Unlösbarkeit der katastrophalen Phänomene nicht
schicksalmäßig „in der Natur der Sache« liegen, sondern einen Grund haben soll,
so muß realiter allerdings ein unterirdischer Zusammenhang, ein sonst verborgener
Ausdruck g l e i c h l a u f e n d e r Tendenz der ständig unheilvollen und der immer von
aller „Schuld" freien Gebiete menschlichen Agierens zu Tage kommen.
Die Idee ist also diese:
Einer an unheilbaren Mißbildungen erkrankten Erfahrungs-Gesamtheit gegen-
über erweist sich der Angriff auf die als entartet e r k e n n b a r e n Komplexe ständig
als fruchtlos, während einer Zeitdauer, die rein als solche ein maßloses Mißver-
hältnis und eine Fehlerquelle bedeutet (Denn die Welt hat nicht für Alles „ewig«
„Zeit".) Es gilt sich also darauf zu besinnen, daß es ein Mittel der Umwandlung
jener Gesamtheit auf jeden Fall gibt: die Unterdrückung von Energien schlecht-
hin, rein als solche. Diese ist gleichsam a priori gegeben.
Davon fortschreitend wird die Überlegung überhaupt erst darauf geführt,
völlig gerechtfertigte, ja geförderte Phänomene unter der Perspektive ihrer Negierung
zu sehen, um auf diese Weise, heuristisch, zu der Auffindung einer bis dahin ver-
borgenen Identität gewisser konkreter „schuldloser«, ja höchstgewerteter Daseins-
äußerungen mit jenen schuldverstrickten gebracht zu werden.
Nun aber genügt dieses, obzwar von einer ratio geführte, aber dennoch
vornehmlich, zur Willens-Bestimmung vorangehend notwendige Prinzip allein
weder zu der Auffindung des angedeuteten nicht offen liegenden Zusammenhanges
noch zu der konkret durchzusetzenden Zurückdrängung völlig anerkannter und
nicht nur anerkannter Erscheinungen. Was vorerst die Sichtbarmachung jenes
Konnexes zwischen dem intensivst beanstandeten Gebiet: — dem der soziologischen
Problematik — und irgendwelchem anderen noch unbekannten bisher gültigen
Tätigkeits-Feld des Geistes antrifft, so ist klar, daß es eines Dritten bedarf: eines
tertium comparationis, eines Berührungs-Zentrums, an dem gemessen, solcherlei
Zusammenhänge überhaupt erst evident werden können. Dieses Dritte aber ist
die wissenschaftlich transzendentale Einstellung. Deren Antithetik mit der em-
pirisch-soziologischen Pathologie ist hier auseinander gelegt worden. Hätte diese
Einstellung n o c h m i t e i n e r a n d e r e n feindlichen Einwirkung zu rechnen, so
wäre diese als eine mit dem befehdeten soziologischen Status v e r b u n d e n e , ihn
auf irgend eine Weise stützende Instanz zu werten.
Es gibt nun einen Komplex von Bezeugungen, die den Argwohn auf sich
lenken, im Effekt jener von Grund aus anhebenden Orientierungstendenz e n t -
g e g e n z u a r b e i t e n , indem sie die Intensität eines r e a l e n , zu entscheidenden
Hervorbringungen in der soziologischen Welt (und damit nicht nur in dieser)
fähigen, metaphysischen Ansatzes dauernd ablösen.
Der Verdacht: Ursache davon zu sein, daß es nie zu einer metaphysischen
Spannung kommt — die in ihren Konsequenzen unabsehbare Anschuldigung,
diese hervorbringende Spannung i m m e r w i e d e r d u r c h ein E r s e t z e n i h r e r
a b z u s p a n n e n , trifft alle Kunst in b e i n a h e s ä m t l i c h e n w e i t e n Be-
reichen ihrer Erscheinungsformen.
Hier ist nun die an die anderen Unternehmungen der metapolitischen uni-
versitas anschließende Aufgabe von allesbedingendem Gewicht: zu entscheiden
über die Möglichkeit einer maßlos zerstörerischen Gewalt, die unablässig das Ent-
stehen einer realen metaphysischen Konzentration auflöst, indem sie ihre eigenen,
j e n e r ä h n l i c h e n Wirkungen unterschiebt — durch umfängliche Untersuchungen
wäre die Gewißheit zu schaffen über das Bestehen einer Macht, die die Ansamm-
lung jener empiriegründenden Intensität durch ihre eigenen „kleinen" trans-
empirischen Entladungen ableitet oder verteilt und „unschädlich" macht, damit
aber der katastrophalen Außensphäre von ihrem gefährlichsten Gegner hilft — —
es wäre strikt zu entscheiden, ob Kunst nicht so eine tiefe Gemeinsamkeit mit
jenem Außen bilde und dessen ebenbürtiges „Innen" abgebe.

Dies scheidet den aus metaphysischer Richtung stammenden Angriff von


allen bloß „kunstfeindlichen". Die Kunst, die irgendetwas von der Dignität einer
„anderen Ordnung" besitzt, wird nie den Argumentationen der „ P r a x i s " und der
„irdischen N o t " erliegen, die mit dem Schluß ihrer „Überflüssigkeit" oder ähn-
lichem operieren — etwa in der Dialektik Piatons oder Tolstois, und niemals
können diese Beweisgründe die Kompetenz zu ihrer Eliminierung aufbringen.
Denn nicht aus einer dem Motiv zur Kunst entgegengerichteten, e m p i r i s c h e n ,
sondern einzig aus einer diesem Motiv g l e i c h g e r i c h t e t e n , aber dessen äußerst
mögliche Erfüllung zu ü b e r h o l e n fähigen Triebkraft, die die Tendenz zur Kunst
so weit treibt, daß sie über den Begriffsumfang „Kunst" weit hinausträgt — —
kann ein Legitimiertsein zur Aufhebung der Kunst stammen . Nicht aus
einer die Absicht der Kunst v e r n e i n e n d e n , sondern einzig und gerade aus
der ihr selbst i n n e w o h n e n d e n , aber sie ü b e r s t e i g e r n d e n , vom Bild
zur Wirklichkeit davonführenden Energie kann auch nur die Fähigkeit kommen,
jene Kräfte, die die nicht zureichenden Z w i s c h e n gebilde („Kunst" genannt)
hervorbringen, zu unterbinden — um sie, durch Sammlung, bis an den Kristalli-
sationspunkt einer — der „zweiten" — Realität zu zwingen. Die konkrete Form
aller dieser Verhinderungen und Unterdrückungen wird lediglich und zureichend
den Ausdruck der ritualartigen Verbannung solcher Wirkungen und Wertungen
für die sich dieser Perspektive Unterstellenden annehmen.
Die Vorstellung dieser verschieden vorgehenden Manifestationen der meta-
politischen universitas könnte die Idee dieser universitas verschleiern, wenn sie
nicht den Oedanken ausschließt, daß alle diese Äußerungen das Stigma der
„Theorie" zu einer unabhängig von ihr existierenden „Praxis" trügen; daß sie gar
als Bearbeitungen des Bezirks der „kulturellen" Politik zu gelten hätten, gleich als
ob es diesen und daneben andere „Bezirke" gäbe; daß die universitas „zunächst"
ein „Gebiet" umfasse, und daß daneben andere „Gebiete" anerkannt würden, die
sie „später" möglicherweise einzubeziehen habe. Diese Deutung würde das Prinzip
der metapolitischen universitas verfehlen und alle diese' Scheidungen wären schief.
Denn es gehört zum Wesen jeder Einzelaktion, die von einer präzis als meta-
physisch zu bezeichnenden Einstellung ausgeht, ü b e r d e u t i g zu sein:
Das heißt: die „Gebiete", die eine empiristische „Entwicklung" geschaffen
hat, passen nur sehr bedingt für das mit dem Kriterium eines metaphysischen
Ablaufs zu bestimmende Geschehen. Die durch Begriffe „Theorie" und „Praxis"
und die durch teils in ihnen enthaltene Unter-Kollektiva teils anders definierten
Bereiche, wie Politik, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft, die in der pathologischen
Wirrnis p a r a l l e l und hauptsächlich g e t r e n n t — wenn auch mit „Grenz-
einwirkung" — fortschreiten, konvergieren in einem als metaphysisch zu bezeich-
nenden processus dergestalt, daß in einem bestimmten Status dieses Verlaufs
jeder Vorgang g l e i c h z e i t i g ein Bewirken in a l l e n jenen Bereichen vor-
stellt; sodaß solches Vorgehen als theoretisch und praktisch in e i n e m (näm-
lich als die in jenem Stadium einzig mögliche Praxis, neben der es eine andere —
jedenfalls metaphysisch orientierte — g a r n i c h t g i b t , während es eine em-
piristische Praxis fortwährend neben dem Theoretischen gibt); als „politisch" wie
„philosophisch" wie „wirtschaftlich" in e i n e m (nämlich als der in jenem Moment
einzig vorhandene Existenzmodus aller dieser Typen) zu erkennen ist

Es beruhte somit auf einem vollendeten Fehlschluß, im Stadium der


Bearbeitung einer bestimmten metaphysischen Problematik zu fragen, wo dem-
gegenüber etwa die Behandlung der wirtschaftlichen sei; vielmehr i s t in solcher
Epoche das Einzige, was zur Auflösung der Fragen wirtschaftlicher Soziologie zu
geschehen hat, eben jene von ihr völlig absehende Erkenntnis.
Die Idee der metapolitischen universitas kann also nicht wie etwa das Prinzip
der Universität ein „Gebiet", die „Wissenschaft", für sich okkupieren und die
„anderen" a n d e r e n Mächten überlassen, sondern sie muß, wohl oder übel, präten-
dieren, das Indifferenz-Gebilde a l l e r denkbaren „Gebiete" zu sein und n i c h t nur
das »theoretische« — weil sie das Dasein einer ü b r i g e n Praxis garnicht anerkennen
kann. Sie sieht einem nur-wissenschaftlichen Unternehmen der gegenwärtigen
Empirie einzig deshalb ähnlich, weil diejenige apriorische Einheitlichkeit divergenter
Erfahrungsbereiche, die deren Bewältigung ermöglicht, (entgegen der natürlich-
embryonalen Indifferenziertheit, die zum Chaos geführt hat) im Denken stattfindet;
denn Metaphysik ist nur die entschlossenste d. i. am weitesten gehende Theoretik.
Ih dieser Überdeutigkeit ist das A u f - E i n - M a l des körperkonstituierenden
Prinzips wiederzuerkennen, das vorherige Zusammen alles später Differenzierten,
das zuvor archetypisch aufeinander bezogen worden sein muß — denn sie ist ein
essentiale eines empiriekonstituierenden d. i. metaphysischen Vorgehens überhaupt
Nun wird dem Denken das besondere Prädikat, Einheit von Differentem zu
sein, gewiß koncediert werden, aber es wird nicht eingesehen werden, wie denn
der Ü b e r g a n g von solcher Art Einheiten zu den B e s t i m m t h e i t e n der Erfahrung
beschaffen sein solle.
Und allerdings wird auf diese Frage nur zweierlei möglich sein: entweder
ein allmählicher völliger Verzicht auf Erfüllung der ewig an das Denken zu stellenden
Forderungen (welche Forderungen nicht etwa als ein beliebiges „Ansinnen", sondern
selbst als logische Notwendigkeiten auszuweisen sind) das ist entweder eine Auf-
hebung der Erkenntnis selbst — oder die Sichtbarmachung einer die ganze
Geschichte des Fehlschlages widerlegenden Möglichkeit einer unvergleichbar zu
erhöhenden Leistungsfähigkeit des Denkens.
Es gibt für den Fortgang des philosophischen Denkens einen prinzipiell
kritischen Punkt Er kann nicht anders bezeichnet werden als durch die Frage
einer prinzipiellen Zuwachs-Möglichkeit, die allein einen Gegensatz zu der langen
machtlosen Vergangenheit des Denkens bedeutet und somit diese nicht zum Maß-
stab werden läßt Dieser Zuwachs kann nirgendwoher kommen als aus einer
erweiterten Perception der eigenen Materialität, einem Moment, in dem, wie oben
analysiert wurde, gleichzeitig das Vorhandensein der empirischen körpermäßigen
Subjekts-Vielheit akut wird. Jener Entscheidungspunkt der Erkenntnis wird also
bezeichnet durch eine ganz bestimmte Problematik der „Mehrfachheit". Das heißt:
die Philosophie wird sich nicht weiter bewegen als durch die Stellung und Be-
herrschung des Problems der A u s w e r t b a r k e i t e i n e r e x t e n s i v e n G e g e b e n h e i t ,
jener Mehrfachheit, für eine intensive. Die eigenen typischen Fragestellungen
des Denkens werden über den toten Punkt an dem sie seit geraumer Zeit ruhen,
nicht hinausgelangen als durch neue Mittel, die aus der Möglichkeit einer Steiger-
barkeit stammen, die objektive wie subjektive Geltung hat d. i. die sowohl als
heuristische T a t s a c h e der Erkenntnis w i e als d y n a m i s c h e Quelle der Er-
k e n n e n s - I n t e n s i t ä t verstanden werden muß.

DieseVielheits-Problematikistaberzugleichinnerstes
T h e m a und A u f l ö s u n g s - P u n k t a l l e r F r a g w ü r d i g k e i t , die
p o l i t i s c h h e i ß e n kann. Und indem jenes Problem die der Erkenntnis
als solcher zugehörige, eigenste, nicht von außen ihr „aufgegebene" Angelegenheit
ist, ist die solcherart d e t e r m i n i e r t e Erkenntnis zugleich die n e u t r a l e
d. i. nicht von außen „bestimmte", nur den eigenen Motiven folgende ist
das keineswegs als „politische Philosophie" zu begreifende Erkennen ü b e r h a u p t ,
dennoch das D e n k e n d e r P o l i t i k .
Das Ziel der Gesamtheit ist das gleiche wie das des Einzelnen; das der
„Politik" — auch der materiellsten — das gleiche wie das des Einzeldaseins: und
nur durch beider Verknüpfung zugänglich: eine Verknüpfung, die für das Vielheits-
Ganze die Lösung der materialen, für den Einzelnen die Lösung der theoretischen
und personalen Problematik ergibt; und für beide die Erfaßbarkeit und Handhabung
einer bis dahin transzendenten Sachlage.
2. Veröffentlichung:

Oskar Goldberg: Das Volk.


Ü b e r eine d y n a m i s c h e Struktur in s o z i o l o g i s c h e n
Einheiten und d i e T h e o r i e ihrer F o r m e l .

Verlag David / Berlin, Neuenburger Str. 38.


Druck Ad. Alterthum, Berlin-Brandenburg (Havel).
H. G. Adler

Erinnerung an den Philosophen Erich Unger


(aus: Eckart, Jg. 29, 1960, S. 182-185)

Zu den geistigen Verlusten der zwölf unheilvollen Jahre gehört das Vergessen eines
der tiefsinnigsten Philosophen, die unser Jahrhundert hervorgebracht: Erich Unger.
Seine nicht sehr zahlreichen Werke sind bis auf das im Buchhandel noch erhältliche
grundlegende Buch „Wirklichkeit, Mythos, Erkenntnis" (Oldenbourg, München
1930) und den zwei Essays vereinigenden Band „The Imagination of Reason" (Die
Imagination der Vernunft" — Routhledge & Kegan Paul, London 1952) schwer zu-
gänglich, längst vergriffen oder zu einem bedauerlich großen Teil durch die Ungunst
der Umstände nie gedruckt worden. Diese Ungunst, 1933 hereingebrochen, wurde
auch seit 1945 nicht überwunden, wozu, außer den schwierigen Verhältnissen der er-
sten Nachkriegszeit, Ungers langjährige Krankheit und sein vorzeitiger Tod beige-
tragen haben.
Dies ist umso mehr zu beklagen, als Unger heute dazu berufen wäre, den philoso-
phisch Interessierten, aber auch Theologen, Erforschern von Religion und Mythos
wie allen, die um eine einheitliche, doch umfassende Anschauung vom Menschen
und seiner Welt bemüht sind, ein Helfer und Lehrer zu sein. Ein Lehrer, wie er es für
viele war, die das Gück seines persönlichen Umganges, seiner einprägsamen, scharf-
sinnigen, dabei des Humors nicht entratenden Unterweisung genossen. In unge-
wöhnlichem Maße war ihm die Gabe beschieden, nicht nur sein eigenes Denken,
sondern auch die Meinungen anderer, die Lehrgebäude der großen Philosophen, al-
ler Zeiten und Richtungen so durchsichtig und objektiv vorzutragen, als handelte es
sich um seine eigenen Anschauungen, mochte er selbst zu ihnen in entschiedenem
Gegensatz stehen. Diese Kraft, fremde Auffassungen gerecht zu vertreten, ohne sein
persönliches Urteil zu trüben, lenkte Unger auf eine Bahn, die ihm, ohne die Un-
gunst der Epoche, längst eine Geltung gesichert hätte, während sie jetzt erst mühsam
durch Herausgabe und Erschließung seiner wichtigsten Schriften neu zu gewinnen
bleibt. Als die böse Zeit hereinbrach, arbeitete Unger an einer Darstellung der
Hauptströmungen in der jüngsten Philosophie. Der angesehene Verlag, der ihn dazu
beauftragt hatte, löste wegen der nationalsozialistischen Gesetzgebung den Vertrag,
das Werk wurde nicht fortgeführt; der erwünschte Weg eines Präzeptors der Philoso-
phie war versperrt.
Erich Unger wurde am 25. Oktober 1887 in Berlin geboren, im gleichen Jahre
wie Georg Heym, mit dem er gut bekannt war, ein Jahr nach Gottfried Benn, der in
einem seiner letzten Bücher ihn gepriesen hat. So gehörte Unger generationsmäßig
zu den sogenannten „Expressionisten", mit denen er in seinen Anfängen, kaum
aber später, einiges gemeinsam hat. Nach dem Besuch eines Berliner humanistischen
Gymnasiums studierte er in Berlin, München und Erlangen Philosophie. In Erlan-
gen promovierte er unter Professor Hensel. Schon vor 1914 publizierte er in Zeit-
schriften wie im „Sturm", in der „Aktion" und in der „Zukunft". Später schrieb er
gelegentlich für die Zeitschriften „Der Morgen", „Der Jude" und für die „Vossische
Zeitung". Unger geriet in den Bannkreis der Lehren Oskar Goldbergs, wie sie dieser
im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts in seiner Pentateuch-Exegese entwickelt und
1925 als „Die Wirklichkeit der Hebräer" herausgegeben hat. Die Deutungsweise
Goldbergs, so anregend wie umstritten, hat ihren besonderen Sinn darin, daß sie den
biblischen Text, vom Rationalismus wie von moderner religiöser Demutshaltung
oder mystischer Spekulation gleich entfernt, als Hinweis auf eine mythische Realität
auffaßt, die zwar gegenwärtig — für das aktuelle menschliche Bewußtsein — nicht re-
al ist, aber aus dem Text des Pentateuchs erschlossen werden kann. Goldbergs Be-
trachtungsweise des Mythos, der zumindest eine Realität war, wie sie einem mythi-
schen und vorrationalen (deswegen freilich keineswegs un-vernünftigen) Bewußtsein
entsprach, das die Fülle des Existenten in einer Einheit, also nicht in der Spaltung
verschiedener moderner Tätigkeitsgebiete menschlichen Trachtens wie Religion,
Mystik, Philosophie, Wissenschaft und Kunst begriff, wurde zum Ausgangspunkt
für Ungers Philosophie. Er vertrag eine Gesamtanschauung vom Menschen, der das
Existierende unter vielerlei Zeichen, aber als eine Einheit begreifen kann, zumindest
als Einheit in der Wurzel und im Ziele aller Erkenntnis.
Damit hatte sich Unger vom idealistisch-materialistischen Antagonismus fast al-
ler abendländischen Philosophie gelöst und sich vom Denken nach erstarrten Schul-
richtungen befreit. Hatte Schelling im Alter die Geschichte des Weltgeistes in einer
Philosophie des Mythos und der Offenbarung nachgezeichnet, so hat Unger den
Mythos als realen Kontrast unserer unmythischen Realität verstanden und es unter-
nommen, aus beider Vergleich und Unterscheidung zu philosophieren. Er hat des-
halb keine Philosophie des Mythos geliefert, sondern mit Hilfe der Erkenntnis des
Mythos als Wirklichkeit philosophiert. Der Mythos wurde nicht als Dichtung be-
griffen, nicht als Vorstufe der Religion, Theologie, Philosophie und Wissenschaft,
auch nicht als psychologisches Glaubensphänomen, ebenso nicht als mystischer
Schluß emotioneller Gleichsetzungen des Ichs und der Universalien, nicht einmal als
Magie und noch viel weniger als okkulte vorzeitliche und in die Gegenwart ragende
prärationale Übung, sondern als eine sinnliche Teilnahme an übersinnlichen Offen-
barungen, wie sie in altbiblischen, doch auch in anderen urtümlichen Zeugnissen ge-
schildert und heute gewöhnlich Wunder genannt werden. Diesen Wundern wohnt
nach Goldberg und Unger ein objektiver Charakter inne; sie sind wirklich gesche-
hen, sie sind nicht als Allegorie, als Symbol, als dichterische Zutat zu bewerten, sie
stellen aber auch bestimmt kein nur psychologisches Phänomen dar. Nein, sie sind
essentiell gegründet, sie haben einen ontologischen Gehalt. Es ist Ungers bleibendes
Verdienst, diese Anschauung vom Mythos in die logische Philosophie, in die Be-
griffssprache des modernen Denkens eingeführt zu haben. Das ist zuerst 1925 in dem
eigenartigen Buch „Gegen die Dichtung" geschehen. In späteren Jahren ist Unger
von diesem, seinem am kunstvollsten gestalteten Werk, teilweise in Dialogen, wohl
nicht gedanklich, aber formal etwas abgerückt, da er die radikale Schärfe des nicht
nur äußerlich mit Piatos dichtungsfeindlichem Standpunkt berührenden Denkens so
nicht aufrechterhielt. Allerdings war die Dichtung eine Gefahr, sobald sie andere
Leistungen des menschlichen Geistes, usurpieren oder verdrängen wollte, wenn sie
etwa die letzten Ziele der Menschheit zu vertreten vorgab, die politisch wie theolo-
gisch, religiös wie wissenschaftlich verstanden, nicht auf dem Wege der Kunst und
namentlich nicht der Dichtung zu gewinnen waren, obwohl und gerade weil poeto-
logische Momente der alten mythischen (nicht mythologischen) Dokumente im
Mißbegriff dazu verleiten konnten, die ersten und letzten Dinge nur im ästhetischen
Bilde, doch nicht in der gesamten realen Existenz zu verwirklichen. Sollte die onto-
logische Würde des Mythos unangetastet hergestellt werden, dann war die Dichtung
als ihr Ersatz und mögliches Zerrbild zu verneinen.
So sollte Ungers Philosophie eine praktische Philosophie werden. Praktisch ist
hier nicht so zu begreifen, daß nun unmittelbar das Praktische auch schon durch-
führbar wäre und die Rezepte sich dafür angeben ließen. Zu dieser Praxis, so er-
wünscht sie ist, fehlen die konkreten Voraussetzungen — das heißt: dem wider-
spricht der aktuelle Zustand der Welt. Praktisch kann hier nur meinen, daß dem
Umkreis der mythischen als realhistorischen Betrachtungsweise in das moderne
Denken als praktische Möglichkeit einbezogen wird, daß demnach unsere Auffas-
sungen vom Sein und von den empirischen Zugängen zum Erlebnis dieses Seins be-
reichert werden und sich nicht vor Einsichten versperren, die man gemeinhin — in
statischen Dogmen befangen — als unpraktisch, unverbindlich, als psychologische Il-
lusion abtut. Diese Illusion bedroht uns nur dann, wenn wir unser gegenwärtiges
Dasein zusammenhanglos betrachten, gleichsam nur als eine Sammelstätte beliebiger
psychischer Gegebenheiten, die das im Augenblick Unübersteigbare unserer
menschlichen Beschränkung als für alle Zeiten stets unübersteigbar postulieren. Die-
se unleugbar aktuelle, aber nicht zu verewigende, darum auch nicht ewige Beschrän-
kung aufzuzeigen, hat Unger in seiner kleinen Schrift „Das Problem der mythischen
Realität" von 1926 und in dem schon erwähnten großen Werk „Wirklichkeit, My-
thos, Erkenntnis" von 1930 unternommen. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß
hier entwickelt wird: was war, was ist, was sein könnte. So gelangt Unger — wie
schon vor ihm Schelling in anderem Zusammenhang — zur Betrachtung des Experi-
mentes und des Experimentierbaren in der Philosophie. Er lehrt:
„Die Herstellungs-Funktion der philosophischen Überlegung bedeutet eine ei-
gentümliche Einheit von Betrachten und Tun. Diese Einheit erscheint von den ge-
genwärtig herrschenden Standpunkten der Philosophie aus leicht als jene pragma-
tisch-psychologistische Vermengung der Geltungs- und der Seinssphäre, mit der sie
in Wahrheit nichts zu tun hat.
Die herrschende Erkenntnistheorie, welche die Erkenntnisvorgänge nach ,Psy-
chologie' und ,Logik', nach ,Erfahrung' und ,Geltung' aufspaltet, vollzieht diese ra-
dikale Trennung mit Recht, solange die psychologische Situation als einheitlicher
Komplex der Geltungs-Situation als ebenfalls einheitlichem Komplex gegenüberge-
stellt werden kann. Anders aber würde die Sachlage mit Notwendigkeit werden,
wenn diese beiden einheitlichen Gesamtkomplexe des Erkenntnis- Vorgangs und des
Erkenntnis-/»Ä<t/£s, ein jeder in sich, in unterschiedliche Regionen sich zerlegen lie-
ßen, die nun eine deutliche parallelistische, regionsweisende Zuordnung zwischen
den Komplexen aufwiesen. Ergäbe sich hier eine Systematik dieser Zuordnung, so
könnte der einer bestimmten Geltungs-Konzeption zugehörige Tatbestand nicht
mehr als ,sachlich unerheblich' bezeichnet werden, soll nicht die Zuordnung unver-
ständlich werden."
„All dies zeigt, daß schon in der .gewöhnlichen' philosophischen Besinnung,
wenn man die Akzentuation ihrer Ergebnisse als endgültiger Wahrheiten unterläßt
und ihnen den Charakter eines bloßen .Materials' der Wirklichkeits-Umformung
zuerkennt, das Merkmal eines Tuns steckt, das nicht als empirisch-psychologisches,
sondern als ein Sachverhalt durch das Mittel der Bewußtseinslagenänderung ent-
deckendes Tun begriffen werden muß — kurzum, als der Beginn des .Experiments
der Philosophie'."
Der Philosophie Ungers war eine zu kurze Entfaltungszeit beschieden, um in
Deutschland und von hier aus in anderen Ländern sich zu verbreiten, wenn sie auch
Widerhall und manche Zustimmung fand, wovon noch mancher weiß, der über 50
Jahre alt ist. Vielleicht war es ihm gar beschieden, in Berlin Gast im Hause Ungers
gewesen zu sein, wo er mit seinen Freunden Joseph Markus und Adolf Caspary im
Jahre 1927 die „Philosophische Gruppe" gründete. Allwöchentlich kam man abends
— 50 oder 60 Leute faßte der Raum in der Charlottenburger Uhlandstraße — und
blieb gewöhnlich bis tief in die Nacht beisammen. Bis Anfang 1933 bildete die Grup-
pe einen Mittelpunkt des Berliner kulturellen Lebens. Oft wurde ein philosophi-
scher Text, etwa Plato, gelesen und gründlich ausgelegt. Vertreter fast aller Geistes-
richtungen trafen zusammen und behandelten in Rede und Widerrede, wobei jedem
freie Äußerung gewährt war, Themen über verschiedenste Wissensgebiete: sei es nun
philosophischer Positivismus, mathematische Logik, Naturwissenschaft, Grundla-
gen der Mathematik, Technik, Kunst, Geschichtsphilosophie, Marxismus und vieles
andere mehr. Unvergeßlich wurden diese Abende jedem, er auch nur einigen bei-
wohnte, und mancher erinnert sich, mit welch belebender Kraft Unger Ansichten
zusammenfaßte und in dieser freiesten Akademie des Geistes auftauchende Konflik-
te überlegen und einfach fruchtbar machte, dabei stets straff, doch ohne daß Bitter-
keit aufkam. So leitete Unger diese Abende überlegen und mit unbezweifelter Auto-
rität.
Das nationalsozialistische Regime setzte der „Philosophischen Gruppe" und Un-
gers publizistischer Tätigkeit ein jähes Ende. Er und die anderen Stützen der Grup-
pe, meist waren es Juden, verließen Deutschland nicht später als am 1. April 1933,
dem Tage des .Judenboykotts", den Unger richtig nicht als einmalige Ausschrei-
tung, sondern als den Anfang viel schlimmerer Übel noch begriff. Unger wandte
sich zunächst nach Prag, ging wenige Monate später nach Paris und schließlich 1936
nach England, wo er in Oxford und in seinen letzten Jahren in London mit Würde
in dürftigen Umständen lebte. Seit 1943 herzleidend, ist Erich Unger am 25. Novem-
ber 1950 in London gestorben. Auch in Frankreich und England hielt er Vorträge,
aber ein Kreis bildete sich nicht wieder, zumal die engsten Freunde aus Berlin jetzt
in aller Welt zerstreut waren. In England arbeitete Unger an einer Übersicht über
zeitgenössische englische Philosophie und an einer Darstellung der jüdischen Philo-
sophie der letzten 50 Jahre. Vollendet wurde neben vielen kleineren Schriften, von
denen nur ein Teil in französischen, englischen und amerikanischen Zeitschriften ge-
druckt wurde, zwei umfangreichere Bücher, Ungers reifste Gaben, die noch der Ver-
öffentlichung harren: „Warum die Philosophie keine Wissenschaft ist" und „Das Le-
bendige und das Göttliche". In die Problematik des zuletzt genannten Werkes führt
der nachstehende Aufsatz ein.1 Knapp und kristallen enthält er die Quintessenz sei-
nes reifsten Denkens. Alle Gedanken in sich verschränkt, dennoch alle aufeinander
bezogen, stehen sie, wenn dieses Sprachbild gelten darf, in monumentaler Schlicht-
heit vor uns; sie weisen das Nächste und Fernste im realen wie idealen Treffpunkt
des Jetzt und Hier. Dieser Treffpunkt ist die Mitte des Menschen, also sein Geist als
Organ der Erkenntnis, sein erst durch Einsichten wirksames Dasein. Dieses Dasein
blickt auf den wirklichen Gott als erste und fortbestehende Ursache, die ent-fernt,
aber nicht deistisch in der Zeit ungültig — und in diesem Sinne dann doch unwirk-
lich — sein kann, und so wird dieses Dasein, menschliches Dasein, des Weges der
Menschheit und mit ihr alles Geschaffenen inne, wie er von der Urzeit des Anfangs
zur Urzeit des Endes endgültig bestimmt, aber der Freiheit unserer Entscheidung
überlassen ist. Das Endgültige kann hinausgeschoben, es kann vertagt werden; dann
halten wir es auf und stehen in der Schuld. Der Ablauf der Geschichte, der als Evolu-
tion das von Gott gegebene Zeichen unseres kollektiven wie individuellen Daseins
ist, wird durch die Schuld scheinbar aufgehalten, weil sie in Verstrickung und kausa-
ler Abfolge diesen Ablauf, als Dauer verstanden, verlängert, ihn fast zu verhindern
und aufzuheben droht, während wir, auch wenn wir nicht an die Gültigkeit des gött-
lichen Gesetzes glauben, die Geschichte als Gericht, als Gerechtigkeit erleben und
als Gerechtigkeit auch erschauen können. Alles, was im göttlichen Plane nicht ge-
wollt (doch zugelassen) ist, von uns aber gewollt wird, verwandelt sich in das Wir-
ken der zu erleidenden Gerechtigkeit; die Erfüllung des Gewollten ist der uns vorge-
schlagene Weg, sein Verfolgen die Evolution von der Erschaffung unserer Welt bis in
das ihr bestimmte letzte Ziel.
Mit diesem Augenblick ist die Richtung gewiesen, die einzuschlagen wäre, wenn
man die Philosophie Erich Ungers erschließen und sich aneignen will.

1 Anm. d. Hrsg.: gemeint ist ,Gott, Mensch und Evolution", s. Auswahlbibliographie


Manfred Voigts

Nachwort

Mensch sein heißt: dieser Art Wirklichkeit ein kräftiges


,Nein' entgegenschleudern.
Max Scheler1

. . . als ob es nicht auch einen rebellischen und auch einen


eschatologischen Mythos gäbe.
Ernst Bloch2

. . . ja, es geht so weit, daß überhaupt nur wenige zugeben,


daß es an einem Geschehen etwas Nicht-Historisches ge-
ben könne und daß es eine Berechtigung zu einer Betrach-
tungsweise gebe, die das Ereignis nur als es selbst sieht. Es
wird also in Ewigkeit hierdurch verhindert, daß irgend et-
was in seinem eigenen Wesen und in seiner eigenen Macht
sich enthüllen kann.
Erich Unger 3

Was Erich Unger 4 mit ,Politik und Metaphysik', seiner ersten Buch Veröffentli-
chung 5 , 1921 vorlegte, war ein umfassender Entwurf einer Neufundierung von Poli-
tik. Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen ist die Verkoppelung des psycho-
physischen Problemes mit dem Begriff des Volkes. Dem entspricht der Aufbau des
Werkes: Der erste Teil setzt sich kritisch mit bestehenden Vorstellungen von Politik
auseinander und weist die zentrale Stellung des psychophysischen Problemes nach,
der zweite Teil entwickelt den metaphysischen Volks-Begriff, der dritte Teil stellt die
Grundlagen einer neuen Politik dar.
Dieser Aufbau des Werkes hängt zweifellos auch mit seinem Verhältnis zu Oskar
Goldberg (1885-1952) zusammen. Beide kannten sich schon vom Berliner Friedrichs-
Gymnasium her. Zurecht galt der zwei Jahre jüngere Unger als Goldbergs Schüler,

1 Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos, München 1947, S. 49


2 Ernst Bloch: Atheismus im Christentum, Frankfurt/Main 1986, S. 70
3 Erich Unger: Brief an Kurt Breysig vom 7. Febr. 1915, unveröffentlicht, Staatsbibliothek Preussi-
scher Kulturbesitz Berlin, S. 4 f
4 zu Erich Unger hier der Beitrag von H.G. Adler und: Biographische Notiz, in: Erich Unger: Das Le-
bendige und das Göttliche, Jerusalem 1966, S. 181-184; und (für die frühen Jahre): Richard Sheppard
(Hrsg.): Die Schriften des Neuen Clubs 1908-1914, Bd. 0, Hildesheim 1983, S. 600 f.
5 s. Auswahlbibliographie am Schluß dieses Nachwortes
Gershom Scholem hielt ihn für den wichtigsten6. Hans Richter nannte Unger zu-
recht einen „talmudistischen Philosophen" 7 , während man Goldberg allenfalls als
einen philosophischen Talmudisten bezeichnen kann. Was Goldberg aus der Analyse
der Fünf Bücher Mose an Erkenntnissen gewann, wurde von Unger ins Philosophi-
sche .übersetzt' und in den Zusammenhang mit der neueren Philosophie gestellt. So
schrieb er ein Jahr nachdem 1925 Goldbergs Hauptwerk ,Die Wirklichkeit der He-
bräer' erschienen war eine Einleitung zu diesem schwierigen Werk'. In der Vorbe-
merkung hatte Goldberg festgestellt, er habe seine Ausführungen „in den Jahren
1903 bis 1908 in privater Darstellung bekanntgegeben" 9 ; zumindest die Grundideen
waren Unger also 1921 bekannt.
Das Verhältnis zu Goldberg schlug sich in .Politik und Metaphysik' auf die Weise
nieder, daß der erste Teil sich vorwiegend mit aktuellen Geistesströmungen befaßt,
während der zweite Teil über den Begriff des metaphysischen Volkes weitgehend ei-
ne Wiedergabe Goldbergscher Anschauungen darstellt. Eine genauere Auseinander-
legung gegenseitiger Beeinflussungen ist schon deshalb nicht möglich, weil Goldberg
zwischen 1908 (,Die fünf Bücher Mosis ein Zahlengebäude', Berlin) und 1925 nichts
veröffentlicht hat 10 .
Wir werden also im Folgenden erst einmal auf einige Aspekte der damals (wie
heute) aktuellen Diskussionen eingehen; danach wird, soweit in diesem Zusammen-
hang nötig, auf Goldberg einzugehen sein. Im dritten Abschnitt soll besonders auf
das Verhältnis von Erich Unger und Walter Benjamin hingewiesen werden. Im letz-
ten Abschnitt soll, um einen Hinweis auf das Gesamtwerk Ungers zu geben, auf ei-
nige Zusammenhänge von Ungers letztem Werk und der philosophischen Biologie
von Hans Jonas eingegangen werden.

Wer die geläufige Vorstellung von Politik — damals wie heute — zentral angreifen
will, muß auf den Begriff des Kompromisses zielen, wie dies Unger hier (S. 8) getan
hat. Unger spricht dem Kompromiß, den Georg Simmel „eine der größten Erfin-
dungen der Menschheit" 11 genannt hat, die Möglichkeit ab, einen .Maßstab des
Rechts' zu bilden. Wer den Kompromiß ablehnt, der lehnt die Parteien und die De-

6 Encyclopaedia Judaica, Jerusalem, Bd. 7, 1970, Art. Goldberg, Sp. 706


7 Hans Richter: DADA — Kunst und Antikunst, Köln 1978, S. 61
8 Erich Unger: Das Problem der mythischen Realität, Berlin 1926
9 Oskar Goldberg: Die Wirklichkeit der Hebräer, Berlin 1925
10 Vielleicht kann der Nachlaß Goldbergs Aufschluß geben
11 Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908,
S. 329; 4. Aufl. 1958, S. 250
mokratie ab, der lehnt die Grundlage der zwischenstaatlichen Beziehungen ab — der
will eine andere Welt.
Felix Weltsch, der Freund Kafkas, hat den Kompromiß richtig beschrieben als
„jene Art von Mischung gegnerischer Ansichten, welche als Resultat nicht viel mehr
als die Subtraktion der einen von der anderen Absicht ergibt" 12 . Dennoch sprach er
sich für die Demokratie aus — auch in der Einsicht, daß der Kompromiß keinen
Maßstab des Rechts bilden kann:,,Die Demokratie beruht nicht auf dem Glauben,
daß die Mehrheit immer Recht habe. Wohl aber beruht sie auf dem Glauben, daß die
Majorität der beste Schutz gegen das Unrecht sei." Denn: „Die Demokratie ist der
Ansicht, daß es unter verantwortlich wählenden Individuen keine Majorität des Bö-
sen in der Welt gibt." 13 Diese Sätze wurden 1936 veröffentlicht, drei Jahre nachdem
die Demokratie in Deutschland sich selbst abgewählt hatte. Eine Politik, die sich der
Problematik des Kompromisses nicht stellt, weil sie auf die Verantwortlichkeit der
Bürger, auf Menschen- und Völkerrecht setzt, bleibt blind gegenüber ihren Gefähr-
dungen.
,,Das Kompromiß .... ist zwar der Ausdruck der augenblicklichen Kraft-Vertei-
lung, aber nie der Ausdruck einer ethisch normierten Situation." (S. 8) Was Unger
hier andeutet, hat Helmut Thielicke mit aller Konsequent dargestellt: „Der Kom-
promiß ist ein Tribut, der an die gefallene
Welt zu entrichten i s t . . . W e i l . . . der Kom-
promiß ein Tribut an die gefallene Welt ist, entspricht er nicht dem ,eigentlichen'
Willen Gottes; er entspricht nicht dem Schöpfungsentwurf der Welt. Insofern gibt es
keine Selbstrechtfertigung des Kompromisses mit Hilfe des Argumentes, er sei not-
wendig." Der Geist des Kompromisses betreibt „eine illegitime Prolongierung der
Welt. Er weiß nicht um ihr Ende, um ihre Grenze, um ihre Fragwürdigkeit und um
den Infragestellenden."14 Das Argument, so etwas Profanes, Real-Politisches wie den
Kompromiß dürfe man nicht mit theologischen Kriterien messen, bestätigt aufs ge-
naueste Thielickes Kritik.
Es gibt noch eine andere, grundsätzlich ebenso gewichtige Kritik am Kompro-
miß — ebenso gewichtig, weil sie zu demselben Punkt zurückführt. Max Weber:
„Der praktische Politiker muß Kompromisse machen, aber der Gelehrte darf sie
nicht decken." 15 Dieser Satz, bezogen auf unsere immer tiefer wissenschaftlich
orientierte Gesellschaft, reißt jenen Abgrund auf, den auch Unger bezeichnet hat.
Die um den Kompromiß miteinander streitenden Kräfte wirken „rein von sich aus"
und werden „erst im Treffpunkt von den anderen beeinflußt, behemmt oder geför-

12 Felix Weltsch: Das Wagnis der Mitte, Sttg./Berlin/Köln/Mainz 1965, S. 25; Nachdruck der Erstausga-
be 1936
13 ebd. S. 76 und 78 (im Orig. gesperrt)
14 Helmut Thielicke: Theologische Ethik, II. Bd. I. Teil, 3. Aufl. Tübingen 1965, S. 190; zit. nach: Ger-
hard Zacharias: Der Kompromiß, München 1974, S. 82
15 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, 4. Aufl. Tübingen 1968 (Wissenschaft als
Beruf), zit. ebd. S. 11
dert, der Ausgleich wirkt mechanisch"
(S. 8) Die Interessen, die sich im Kompromiß
treffen, haben sich autonom gesetzt, die theologische Figur — so schon Max Weber
—, die dem Kompromiß entspricht, ist der Polytheismus 16 . In demselben Sinne deu-
tete auch Günther Anders den modernen Pluralismus als Polytheismus, ja Polykos-
mismus 17 : Da die „diversen, unendlich vielen Götter" nichts miteinander zu tun ha-
ben, ergebe sich keine übergreifende Ordnung. „Und deshalb ist der heutige Poly-
theist...,weltlos'. Denn wo das Götterchaos herrscht da bleibt auch unsere subluna-
re Welt chaotisch; da kristallisiert sie sich nicht zu etwas, was wir ,Welt', gar eine
,Welt' nennen dürfen." 18 Auch Unger sprach von der .politischen Chaotik' und gab
als Ursache an: „Die Ganzheit ist aus dem ganzen Umkreis der Teile nicht zu ermit-
teln, weil die Teile verselbständigte
Teile sind." (S. 9)
Und damit befinden wir uns schon mitten in'der gegenwärtigen Diskussion um
politische Theologie, polytheistische und polymythische Politik, wie sie von Hans
Blumenberg, Odo Marquard und anderen geführt wird 19 — dies kann hier nicht ein-
mal angedeutet werden. Dennoch muß auf den entscheidenden Punkt hingewiesen
werden: Wenn Unger die Geschichte als .Mißlingen' und den Mythos als .Gelingen'
bezeichnet (S. 4), wenn Odo Marquard eine .Polymythie' fordert 20 , dann geht es
dem einen um Realität und dem anderen um Interpretation. Marquard setzt auf „je-
ne Metaphysik, die so viele Antworten produziert, daß sie einander wechselseitig
neutralisieren, und gerade dadurch — teile und denke! — die Probleme offenläßt" 21
— und verkürzt die Metaphysik auf diesem Wege zur Hermeneutik. Unger ver-
knüpft, wie wir sehen werden, die Metaphysik mit dem psychophysischen Problem
und versucht den Beweis zu erbringen, daß auch die Metaphysik sich mit Realien be-
faßt, nicht mit irgendwelchen ,bloß geistigen' Dingen.
Gerade gegen die .Geistigen', gegen den literarisch-politischen ,Aktivismus' (S.
10) hat Unger sich am entschiedensten gewendet: „Diese Wirtschaftswelt und diese
— scheinbar doch ganz heterogene — .geistige' Welt mitsamt ihren das Wirtschafts-
dasein revolutionierenden Forderungen... bedingen einander." (S. 13) Ein Vergleich
mit einem der wichtigsten Texte des Aktivismus kann die Position Ungers verdeutli-
chen: Ludwig Rubiner schrieb für die .Aktion', in der auch Unger veröffentlicht hat,
den Beitrag ,Der Dichter greift in die Politik'. Auch Rubiner fordert: „Nieder mit

16 ders. in: Schriften zur theoretischen Soziologie und zur Soziologie der Politik und Verfassung,
Frankfurt/Main 1947, S. 20 f.
17 Günther Anders: Mensch ohne Welt, München 1984, S. X V I
18 ebd. S. XVIH
19 hier sei nur hingewiesen auf die entsprechenden Beiträge in: Jacob Taubes (Hrsg.): Der Fürst dieser
Welt, München u.a. 1983
20 Odo Marquard: Politischer Polytheismus, in: ebd. S. 82
21 ders.: Apologie des Zufälligen, Stuttgart 1986, S. 20; s. hierzu schon: Walter Bröcker/Heinrich Buhr: |
Zur Theologie des Geistes, Pfullingen 1960, S. 12 . »
den Demokraten!" 22 , auch Rubiner stellt sich gegen die Vorstellung einer schrittwei-
se sich vollziehenden Entwicklung zum Besseren — dennoch nehmen Unger und
Rubiner diametral entgegengesetzte Positionen ein. Unger konstatiert ein heilloses
Chaos und sein Ziel ist eine .unkatastrophale Politik" (S. 3), Rubiner sieht verstei-
nerte Verhältnisse, die es durch Katastrophen zu beenden gilt: „Und jede Idee ist eine
Katastrophe , . . " 2 3 . Rubiner kommt es darauf an, „Erschütterungen zu erzeugen" 24 ,
ein politisches Ziel konnte, ja wollte er nicht vorgeben: „Es gilt nur, daß wir schrei-
ten. Es gilt jetzt die Bewegung. Die Intensität und den Willen zur Katastrophe." 23
Die hier geforderte ,Intensität' bezieht sich allein auf den Einzelnen, während Un-
gers Vorstellung einer .Steigerung' der menschlichen Möglichkeiten (S. 40 und 57)
sich ausdrücklich als soziologische Kategorie versteht (S. 18): „Die Philosophie wird
sich nicht weiter bewegen als durch die Stellung und Beherrschung des Problems der
Auswertbarkeit einer extensiven Gegebenheit, jener Mehrfachheit, für eine intensi-
ve." (S. 57) Eine Intensivierung der Möglichkeiten, die Lebensbedingungen der Men-
schen zu beherrschen, sieht Unger allein auf der sozialen Ebene, genauer: bei den
metaphysischen Völkern. Darum ist für ihn der entscheidende Punkt der Argumen-
tation die Verbindung des psychophysischen Problemes (im Individuum) mit der
Gründung des metaphysischen Volkes.
Indem wir einen letzten Vergleich von Rubiner und Unger vornehmen, gelangen
wir genau an die Ausgangsproblematik des psychophysischen Problemes. Rubiner
sah sich unter einem großen Zeitdruck: „Wir können es nicht länger aushalten. . . .
(Der Dichter) spreche auch zu denen, die nicht warten können — wie er nie warten
konnte." 26 Gerade hier setzt Unger mit seiner entscheidenden Kritik des .Geistigen'
an, indem er feststellt, „daß alle geistige Wirkung keine augenblickliche nach Art der
körperlichen, sondern eine an Unsichtbarkeit grenzend ferne und allmähliche ist;...
daß Körperhaftes überall die Notwendigkeit momentaner Regelung zeige, demge-
genüber Geistiges jedweden unbestimmten Aufschub vertrage." (S. 13) Seine Forde-
rung, die eben gerade die Losgelöstheit des .Geistigen' aufzuheben bestrebt ist: „Es
muß dem Wirken des Geistes die Möglichkeit gegeben sein, mit der gleichen Unmit-
telbarkeit, mit der gleichen unzweifelhaften, unmetaphorischen Drastik und Plötz-
lichkeit da zu sein wie dem des Körpers — sonst verbürgt nichts das Aufhören seiner
ewigen Nachträglichkeit." (S. 15) Rubiners Ungeduld, die das Problem in gleicher
Weise erkannt hatte, wird durch Unger aufgenommen und umgekehrt. Das psycho-
physische Problem ist gestellt: Wie kann der Geist „Momentanwirkung" (S. 15) er-
langen?

22 Ludwig Rubiner: Der Dichter greift in die Politik, hrsg. von Klaus Schuhmann, Frankfurt/Main
1976, S. 262
23 ebd. S. 258
24 ebd. S. 261
25 ebd. S. 264
26 ebd. S. 253 u. 262
Die Frage nach der .Nachträglichkeit* der geistigen hinter den materiellen Wir-
kungen spielte schon in der Aufklärung eine wichtige Rolle, sie war für die Zuord-
nung von ,höheren' und .niederen' Seelenvermögen maßgebend, das psychophysi-
sche Problem stand im Zentrum des Menschenbildes. Moses Mendelssohn: „Allein
die sinnlichen Lüste haben größtentheils mehr Gewalt über die Seele, als die verstän-
digen Vergnügungen. Woher dieses? Warum sind die dunkeln Vorstellungen thätiger
als die deutlichen?" Und er beantwortete die Frage so, daß die undeutliche Sinnlich-
keit wirkt, „bevor sich noch der denkende Theil des Menschen in das Spiel
mischt." 27 Zu lösen suchte Mendelssohn dieses Problem durch die Übung des
Geschmacks: „Ein geübter Geschmack findet in einem Nu, was die langsame Kritik
nur nach und nach ins Licht setzt." 28 Diese auf die Pädagogik hinweisende Antwort
blieb für die bürgerliche Gesellschaft verbindlich — bis hin zu Ludwig Rubiner, für
den der Literat der .Führer', der ,Volksmann' sein sollte. Heute stellt sich dasselbe
Problem drängender denn je: Können die existenzbedrohenden Vorgänge von der
Umweltverschmutzung über die Bevölkerungsexplosion bis zur atomaren Drohung
durch rationale Einsicht gelöst werden — oder kommt die Einsicht zu spät, diesmal
endgültig zu spät?

II

Unger strebte keine Neuinterpretation des psychophysischen Problemes an, son-


dern seine Veränderung. Es muß, behauptet er, weiterhin bei den katastrophalen
Menschen-Ordnungen bleiben, „wenn nicht ,die Natur', das Naturgegebene des psy-
chophysiologischen Phänomens — modifizierbar, behandelbar ist." (S. 15) An die-
sem .kritischen Punkt' seien die „.Tatsachen' auf ihre .Tatsächlichkeit' hin zu über-
prüfen" (ebd.) — Unger fordert für die Lösung der politischen Probleme eine .meta-
physische Atmosphäre', „deren erstes Zeichen ist, daß die bestehenden Einheiten als
reale Größen überhaupt geleugnet werden und demzufolge nicht als zu konservie-
rende Fakta in Rechnung gestellt werden." (S. 42) Die bloße Faktizität sei für die Re-
alität nicht entscheidend (S. 32), die Wirklichkeit wird zur Möglichkeit hin geöffnet:
„Alles ist möglich — Unmöglichkeit in menschlichen Dingen ist Übersehen von
Mitteln." (S. 31)
Spätestens hier erweist sich Ungers Gedankenführung als interpretierende Dar-
stellung Goldbergscher Erkenntnisse. Seine ,Wirklichkeit der Hebräer' begann
Goldberg mit einem philosophisch-metaphysischen Einleitungskapitel: ,Philosophi-

27 Moses Mendelssohn's Schriften, hrsg. v. Moritz Brasch, 2 Bde. Breslau 1892, Bd. 2, S. 51 und 52 (Brie-
fe über die Empfindung, 10. Brief)
28 ebd. Bd. 1, S. 100 (Uber die Evidenz, 4. Abschnitt); s. hierzu: Manfred Voigts: Naturrecht und Ästhe-
tik bei Moses Mendelssohn, in: Mendelssohn-Studien, Bd. 4, Berlin 1979, S. 180 ff.
sehe und kosmologische Grundlagen. Der Begriff der Prophetie', in dem er das Ver-
hältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit untersucht: Die „Möglichkeit ist genauso
wirklich bzw. existent bzw. seiend wie die in Raum und Zeit befindliche sogenannte
Wirklichkeit. Der Unterschied . . . ist jedoch der: während die erstere offenbar,
d.h.
stets nur ,wirksam' zu denken ist, ist die letztere 19 latent."
(Es ist sicher kein Zufall,
daß David Baumgardt, der dem Goldbergkreis nahe stand, schon 1920 über ,Das
Möglichkeitsproblem der Kritik der reinen Vernunft, der modernen Phänomenolo-
gie und der Gegenstandstheorie' promoviert hatte 30 .)
Die .Latenz' der Möglichkeit, die Goldberg hier hervorhebt, weist voraus auf
Ernst Bloch. Alfred Schmidt über Bloch: „Die Welt ist kein bloßes Aggregat fertiger
Tatsachen, sondern ein zielgerichteter Prozeß. . . . Hieraus nun ergibt sich . . . , daß
die Materie . . . ebenso das noch unerschöpfte Totum (ist): das ,In-Möglichkeit-Seien-
de' schlechthin.... Der Grundwiderspruch dieser Dialektik ist der zwischen dem ab-
solut Möglichen (,In-Möglichkeit-Seienden') und dessen relativer Verwirklichung
(im ,Nach-Möglichkeit-Seienden' als partieller Wirklichkeit)." 31 So, wie Bloch die
Verwirklichung als relativ, die Möglichkeit aber als absolut ansah, so barg auch für
Goldberg und Unger erst die Möglichkeit „eine intensivere Wirklichkeit." (S. 32)
Diese greifbar und erfahrbar zu machen, war ihre zentrale Intention. Und so, wie
Bloch die Welt zuletzt als ,Experiment' vorstellte (Experimentum mundi', 1975), so
definierte Goldberg seine Theorie als „Experimentalwissenschaft" 32 (s. Unger S. 32).
Der Schritt zur Veränderung des psychophysischen Problemes führt vom Einzel-
nen, auf den allein bezogen das Problem bisher interpretiert wurde, zur Vielheit:
„Vielheit ist nicht als das bloß ,geistige Band' der .allein realen' Einzelnen, sie ist
selbst als Realität zu verstehen, deren Sinn zu ermitteln ist." (S. 20) Allein die reale
Existenz einer „Einheit einer bestimmten empirischen Vielheit" (S. 26) kann die ka-
tastrophale Kontinuität unterbrechen, eine Einheit, die — weil sie die bloße physika-
lische Welt überschreitet — als .metaphysisch' bezeichnet werden muß, die aber den-
noch erfahrbar sein muß: „Metaphysik bedeutet nicht logische, sondern nur gleich-
sam-historische Nicht-Erfahrung." (S. 25) Die Realität dieser Vielfalts-Einheit be-
zeichnet Unger — Goldberg folgend — als .Volk', und er konstatiert: „Heute gibt es
keine Völker." (S. 30) Die Realität der Vielfalts-Einheit ist eine Möglichkeit, die erst
Wirklichkeit werden muß. Das, was Unger hier anstrebte, nannte Goldberg .Mytho-
logie', die er definierte als die „Wissenschaft von den metaphysischen Volkswirklich-

29 Oskar Goldberg: Die Wirklichkeit der Hebräer, Berlin 1925, S. 1


30 David Baumgardt: Das Möglichkeitsproblem der Kritik der reinen Vernunft, der modernen Phäno-
menologie und der Gegenstandstheorie, Kant-Studien Erg.Heft 51, Berlin 1920, Nachdruck
Vaduz/Liechtenstein 1978
31 Alfred Schmidt: Anthropologie und Ontologie bei Ernst Bloch, in: Merkur 393, Febr. 1981, S. 131 u.
133
32 Oskar Goldberg: Die Wirklichkeit der Hebräer, a.a.O., S. 16
keitssystemen und deren Herstellung" 33 . Goldberg hob den „Plötzlichkeitscharakter
der hebräischen Metaphysik" 34 hervor: „Ein ,Organismus* kann nämlich nur entste-
hen, wenn die endlos vielen Faktoren, aus denen er sich zusammensetzt, auf einmal
da sind. Dadurch unterscheidet er sich von der Maschine . . . " Den Kompromiß hat-
te Unger als mechanisch kritisiert, der Ausgleich der Kräfte solle .organisch' wirken
(S. 8.).
Wer war Oskar Goldberg, welche Grundideen lagen der,Wirklichkeit der Hebrä-
er' zugrunde? Es gibt weder eine Goldberg-Tradition33 noch eine Goldberg-For-
schung. Die beiden vorhandenen Lexikon-Artikel 36 sind schon vom Umfang her
völlig unzureichend. Goldberg 37 wird nur noch am Rande erwähnt in der Literatur
über den frühexpressionistischen .Neuen Club' in Berlin (Georg Heym, Neopatheti-
schen Cabarett), über Thomas Mann Qosephs-Tetralogie, ,Mass und Wert', Dr. Fau-
stus) und im Briefwechsel Walter Benjamins mit Gershom Scholem (Erinnerungen
Scholems).
Als Goldberg Michaelis 1906 am Berliner Friedrichs-Gymnasium das Abitur
machte, gab er zwar als Berufswunsch .Medizin' an, aber erst einmal vertiefte er sei-
ne Hebräisch-Kenntnisse am Rabbiner-Seminar bei Joseph Wohlgemuth und am jü-
dischen Lehrhaus (Beth Hamidrasch) bei Abraham Biberfeld3'. Der dort vertretene
orthodoxe Standpunkt, der schon eine Ubersetzbarkeit des Pentateuch in Frage stell-
te, prägte Goldberg tief. 1908 erschien seine erste Schrift, .Die fünf Bücher Mosis ein
Zahlengebäude', in der er anhand des Nachweises einer durchgehenden Zahlen-
schrift (Gematria) versucht nachzuweisen, daß dieses komplizierte Zahlengebäude
nur durch Verbalinspiration geschaffen werden konnte. Ab 1909 studierte Goldberg
in Berlin und München Medizin, Orientalistik und Völkerpsychologie, 1913/14
übernahm er die Leitung des ,Neuen Club', 1914 wurde er bei Kriegsausbruch als
Militärarzt eingezogen, promovierte aber noch 1915 mit dem Thema .Die anorma-
len biologischen Vorgänge bei orientalischen Sekten'. Diese Dissertation ist nicht
mehr aufzufinden, ja es muß bezweifelt werden, daß sie je als geschlossener Text
schriftlich vorlag. Erich Unger jedenfalls, der ein Semester später an derselben Schu-

33 ebd. S. 273
34 ebd. S. 284
35 Der in Paris veranstaltete Neudruck einer Artikelserie Goldbergs: .L'edifice des nombres dans le Pen-
tateuque' (1986) kann angesichts des Goldbergs Intentionen widersprechenden Nachwortes keine
Tradition bilden
36 s. Anm. 6 und: International Biographical Dictionary of Central European Emigres 1933-1945, Vol.
Ii/Part 1: A-K, München/New York/London/Paris 1983, S. 389 (falsches Todesjahr!)
37 Meine Forschungen sind — erst einmal — zusammengefaßt in der Rundfunk-Sendung .Oskar Gold-
berg — ein verdrängtes Kapitel jüdischer Geschichte', gesendet vom Sender Freies Berlin am
27.12.1988 in SFB III
38 Die einzige mir bekannte autobiographische Äußerung Goldbergs befindet sich unter dem Titel
.Curriculum' im Max-Horkheimer-Archiv in Frankfurt und wurde höchstwahrscheinlich im August
1941 in New York verfaßt, wohin er im Mai 1941 emigriert war
le sein Abitur abgelegt hatte, erwähnte diesen Text in seiner Dissertation von 1922
nicht, obwohl sie thematisch benachbart war und ihm zweifellos vorgelegen hätte;
der Titel von Ungers Dissertation: ,Das psychophysische Problem und sein Arbeits-
gebiet. Eine methodologische Einleitung*.
Das Besondere der Erkenntnisse Goldbergs war, daß er ihnen von Anfang an eine
„naturwissenschaftliche Bedeutung" beimaß39 — Goldberg wollte die Trennwand
zwischen Wissen und Glauben niederreißen40. Er wollte sich nicht damit abfinden,
daß das Wissen sich fortwährend mit den bedingten und begrenzten Tatsachen be-
schäftigt, während das Glauben sich auf die unbegrenzten Ideale beschränkt, Gold-
berg strebte eine Verbindung beider Bereiche in einer höheren Stufe der Wirklich-
keit an. Dies meinte er ganz praktisch, und bei der Umsetzung dieses Zieles half ihm
Erich Unger. In unterschiedlichen Fassungen wird Folgendes von Martin Buber be-
richtet — hier im Gespräch mit Werner Kraft: „Während des ersten Weltkriegs sei
Erich Unger in Goldbergs Auftrag zu ihm gekommen, mit dem Vorschlag, er solle
seinen Einfluß im Berliner Auswärtigen Amt geltend machen, daß dieses ihn, Gold-
berg, in offiziellem Auftrag nach Indien schicke, um mit den dortigen .Mahatmas' in
Verbindung zu treten, denn diese verfügten über metaphysische Geheimnisse, deren
Kenntnis Deutschland den Sieg sichern könnte." 41 Die .anormalen biologischen
Vorgänge' waren für ihn das Tor zur höheren, nicht mehr mechanisch-technisch
orientierten Realität. Diese außerordentlichen biologischen Vorgänge — Atemstill-
stand, Aussetzen des Herzschlages, Schmerzunempfindlichkeit — waren für Gold-
berg wie für Unger ein .Paradigma': Die „Beherrschung des Körpers durch geistige
Momente" (S. 15) sollte beispielhaft für die Wirksamkeit des Geistigen im Materiel-
len stehen. Derjenige, der diese außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt, gilt als Hei-
liger, aber als einer, „der realiter nichts anderes ist als jemand, der die physiologische
Anlage seiner Gruppe voll zum Ausdruck bringt, eine Anlage, die somit potentiell
jeder Angehörige der Gruppe besitzt." 42 — so die Darstellung Goldbergs in einem
unveröffentlichten Brief an Prof. Felix von Luschan vom 30. August 1922, in dem er
sein neues Dissertationsvorhaben darlegt mit dem Thema ,Die Verbindung physio-
logischer und soziologischer Methodik in der Anthropologie als heuristisches Prin-
zip zur Aufklärung der anthropologischen Gruppenbildung'. Erich Unger — um
dies zu ergänzen — half auch bei späteren Versuchen, ein .Indien-Unternehmen' in
offizieller Mission zustande zu bringen43, Goldberg berichtet aber in jenem Brief an

39 Oskar Goldberg: Die fünf Bücher Mosis ein Zahlengebäude, Berlin 1908, Vorbemerkung
40 s. ders.: Maimonides, Wien 1935
41 Werner Kraft: Gespräche mit Martin Buber, München 1966, S. 33; s.a.: Schalom Ben-Chorin: Zwiege-
spräche mit Martin Buber, Gerlingen 1978, S. 104 f, und: Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusa-
lem, Frankfurt/Main 1977, S. 187 f.
42 Oskar Goldberg an v. Luschan 30.8.1922, S. 11, Nachlaß v. Luschan in der Staatsbibliothek Preussi-
scher Kulturbesitz Berlin
43 s. Telegramm von Oskar Goldberg an Prof. Kurt Breysig vom 1. Febr. 1916 und Telegramm von
von Luschan, daß erst Kontakte zum Bayerischen Kriegsministerium insofern zum
Erfolg geführt haben, als er an Expeditionen in die Türkei teilgenommen hat.
Die Figur des .Heiligen' bzw. einer Person, die die (physiologische) Anlage einer
Gruppe in einer besonderen Deutlichkeit und Intensität repräsentiert, ist bei Unger
und Goldberg von zentraler Bedeutung, denn diese Repräsentanz gilt nicht nur von
der Vergangenheit her, sondern auch in die Zukunft hinein. Für Unger ist sie der
„Typus des zu einer .Regierung' Befugten" (S. 45), von dem ein Volk gegründet wer-
den kann. Bei Goldberg ist dies der „Stammvater"* 4 , der gegen das (rein biologische)
Abstammungs-Prinzip gesetzt ist. Es ist dies ein Vermögen, „das typisch .Einzelnen'
übergeben wird, die hierdurch zu .Völkern' in ihrer eigenen Person werden." 45 Daß
Goldberg und Unger hier auf alte hebräische Vorstellungen zurückgreifen, zeigt ein
Blick in das Standardwerk von Thorleif Boman ,Das hebräische Denken im Ver-
gleich mit dem griechischen':,.Die Begriffe des Israeliten sind keine von konkreten
Einzeldingen oder Einzelerscheinungen abgeleiteten Abstraktionen, sondern reale
Ganzheiten, welche die Einzeldinge in sich schließen.... Das Allgemeine, der Typus
ist der gegebene Ausgangspunkt des Denken, der die gemeinsamen Charakterzüge
enthält und der Gemeinschaft ein einheitliches Willengepräge gibt.... Das Entschei-
dende ist nämlich nicht die Anzahl, ob mehrere oder nur ein einzelnes Exemplar
darin steckt, sondern, ob die Eigenart oder das Wesen sich in dem betreffenden Indi-
viduum oder in den Individuen verkörprt." 46 Hier ist die Umkehrung des
Abstämmlings- in das Stammvater-Prinzip schon vorgezeichnet, das Goldberg und
Unger („Stammindividuum", S. 36) zum Drehpunkt ihrer .metapolitischen' (S. 48)
oder .transzendentalpolitischen'47 Vorstellungen machten.
Goldberg war der Meinung, daß die Besonderheit der Bindungskraft der israeliti-
schen Gemeinschaft (religio) in der von der Abstammung „diskontinuierlichen
Volksgründung" zu finden sei48. Das .geborene' Volk werde durch .feste Gesetzlich-
keiten' vorausbestimmt, während „die Struktur des .gegründeten' Volkes durch das
Wechselwirkungssystem zwischen Gott und Volk erst hergestellt" wird 49 . Diese
Wechselwirkung, die das System der durch Abstammung erstellten biologischen Ge-
setze durchbricht, vollzieht sich in „metaphysischen Ereignissen" 30 . Da das Volk Is-
rael die Folge einer teleologischen Gründung' war, bezeichnete Goldberg es als ein
.teleologisches Volk', das „hinsichtlich des Dienstes dem Wahl- und Zielgott gegen-

Erich Unger an denselben vom 2. Febr. 1916, Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Berlin
44 Oskar Goldberg: Die Wirklichkeit der Hebräer, a.a.O., S. 79
45 ebd., S. 286
46 Thorleif Boman: Das hebräische Denken im Vergleich mit dem griechischen, 6. Aufl. Göttingen
• 1977, S . 5 6 •
47 Oskar Goldberg: Die Wirklichkeit der Hebräer, a.a.O., S. 35
48 ebd. S. 205
49 ebd. S. 182
50 ebd.
über Willensfreiheit"
habe51 — mit der Gefahr, daß das Ziel verfehlt werden kann,
was Goldbergs Uberzeugung nach geschah52.
| £ Weiterer Hinweise bedarf es nicht um zu erkennen, daß Unger mit .Politik und
Metaphysik' eine ent-theologisierte Fassung Goldbergscher Vorstellungen darbietet;
wo er ohne konkretere Hinweise vom .psychischen Programm' (S. 37) oder von
.notwendigen Inhalten' (S. 53) spricht, sind jene Punkte getroffen, an denen Gold-
berg auf hebräische Traditionen (Riten, Gesetze u.a.) zurückgriff. Ein Jahr später leg-
te Unger seine Position zum Judentum dar in dem Vortrag .Die staatslose Bildung ei-
nes jüdischen Volkes'. Auch dort stand das psychophysische Problem im Mittel-
punkt: „Den Geist weitertreiben um des Körperhaften willen: den Geist tiefer, ge-
wandter, subtiler und abstrakter zu kultivieren, — gerade um zuletzt der Leiblich-
keit und ihren Problemen gewachsen zu sein, aus Liebe zum Materiellen — geistig
sein — durch diese Spannung am tiefsten geeignet zu sein, darin liegt vielleicht die
Kraft und die Definition des Judentums." 53
Die beiden Publikationen Ungers geben ein grundsätzliches Dilemma Goldbergs
wieder: Einerseits hielt er allein die Fünf Bücher Mosis für einen heiligen Text und
die darin beschriebenen Rituale allein für geeignet, die Verbindung zu Gott herzu-
stellen, andererseits aber stellt für ihn die Geschichte des Judentums eine einzige Ge-
schichte des Abfalles, des Niederganges dar, sodaß er in Ostasien und in Nordafrika
nach Resten ,mythenfähiger' Völker suchte. Das .Hebräerritual' mußte missionsfä-
hig sein, es mußte sowohl der metaphysischen Idee des Volkes Israel entsprechen als
auch auf andere Völker übertragbar sein — dies war zweifellos der tiefste Anstoß für
Unger, die Goldbergschen Ideen auf die philosophische Ebene zu übertragen. Da
diese Fragen den hier zu behandelnden Themenkreis überschreiten, seien hier nur
zwei Zitate nebeneneinandergestellt. Erich Unger schrieb; „Der absolut zu bejahen-
de, d.i. metaphysische Begriff der Nation bejaht das Prinzip der Nation überhaupt:
sofern wirkt der national; und verneint die empirischen: sofern wirkt er internatio-
nal." (S. 35) Goldberg ganz ähnlich und doch um wichtige Nuancen anders: „Im Ge-
gensatz zu den Moralgesetzen der anderen metaphysischen Völker-Gesetze . . . führt
der biologische Universalismus der hebräischen Metaphysik . . . zu .Moral'gesetzen,
die nicht sinnlos werden, wenn sie vom übrigen Ritual abgetrennt werden, sondern
welche die Möglichkeit zu universeller Anwendung in,sich enthalten." 54 Hier öffnet
sich die tiefe Problematik der Goldbergschen Idee des „Missionierenden Hebräer-
tums' 55 .

51 Ebd. S. 88 f.
52 s. ebd. S. 209
53 Erich Unger: Die staatslose Bildung eines jüdischen Volkes, Berlin 1922, S. 28
54 Oskar Goldberg: Die Wirklichkeit der Hebräer, a.a.O., S. 140
55 Oskar Goldberg: Missionierendes Hebräerturo, in: Saat auf Hoffnung, Zeitschrift für die Mission der
Kirche an Israel, 70. Jg., 1933, Heft 2, S. 70 (-79)
Eine Nachwirkung hatte Ungers .Politik und Metaphysik' nicht; die einzige Er-
wähnung, die mir bekannt ist, kommt aus dem Goldberg-Kreis: Adolf Caspary, der
Goldberg 1941 ins Exil nach New York folgte und der als ständiger Mitarbeiter der
Exil-Zeitschrift .Aufbau' die strategischen Probleme' des Zweiten Weltkrieges ana-
lysierte, schrieb über Ungers Buch am Schluß seiner .Geschichte der Staatstheorien
im Grundriß' gut zwei Seiten, in denen er nicht mehr als das Grundanliegen Ungers
darstellen konnte 56 .

III

Von Walter Benjamin wissen wir, daß Erich Unger sein Buch zuerst in Vorlesungen
vorgetragen hat. Die folgende längere Passage aus einem Brief Benjamins an Ger-
shom Scholem vom Januar 1920 zeigt, welch gespaltene Haltung Benjamin gegen-
über dem Goldberg-Kreis hatte:
„Nun habe ich gerade jetzt die Bekanntschaft mit einem Buche gemacht, das so-
weit ich nach der Vorlesung die der Verfasser an zwei Abenden hielt, denen ich bei-
wohnte, urteilen kann, die bedeutendste Schrift über Politik aus dieser Zeit mir zu
sein s c h e i n t . . . . Erich Unger: Politik und Metaphysik. Der Verfasser ist aus demsel-
ben Kreise der Neo-pathetiker, dem auch David Baumgardt (den ich hier einmal
sprach) angehört hat und den ich von seiner verrufensten und wirklich verderbli-
chen Seite zur Zeit der Jugendbewegung in einer für Dora und mich höchst eingrei-
fenden Weise in der Gestalt des Herrn Simon Guttmann kennen lernte.... Sie haben
recht wenn Sie — selbstverständlich — den zionistischen Tendenzen dieser Leute mit
völliger Teilnahmlosigkeit gegenüber stehen. Ich darf das voraussetzen ohne es zu
wissen. Das Hebräisch dieser Menschen kommt aus der Quelle eines Herrn Gold-
berg, — von dem ich zwar wenig weiß, durch dessen unreinliche Aura ich mich aber
so oft ich ihn sehen mußte aufs entschiedenste, bis zur Unmöglichkeit ihm die Hand
zu geben, abgestoßen fühlte. Dagegen sind Unger und Baumgardt wie mir scheint
von gänzlich andrer Art — und ich glaube es aus meinem höchst lebhaften Interesse
an Ungers Gedanken, die sich z.B. was das psycho-physische Problem angeht mit
den meinigen überraschend berühren, verantworten zu können, Sie, trotzdem ich
das Gesagte weiß, auf das Buch hinzuweisen." 57
Simon Guttmann war, wie Scholem anmerkt, Benjamin deswegen in böser Erin-
nerung, weil dieser 1914 eine Spaltung des ,Sprechsaals' betrieben und erreicht
hatte 58 . Diese Anmerkung Scholems erschien 1966, 1970 wurde sein Artikel über

56 Adolf Caspary: Geschichte der Staatstheorien im Grundriss, Mannheim/Berlin/Leipzig 1924, S. 96-


98
57 Walter Benjamin: Briefe, hrsg. v. Gershom Scholem und Th. W. Adorno, Frankfurt/Main 1966, S.
252 f. s.a. Gesammelte Werke Bd. II.l, S. 191 und 193
58 ebd. S. 256; s. Werner Fuld: Walter Benjamin, Zwischen den Stühlen, München 1979, S. 51 ff.
Goldberg in der ,Encyclopaedia Judaica' veröffentlicht. Wahrscheinlich in diesem
Zusammenhang hatte Scholem versucht, genaueres über Goldberg und dessen Nach-
laß zu erfahren59, aber erst 1980 gab Richard Sheppard den Hinweis, daß dieser
Nachlaß von Simon Guttmann in London verwahrt wird 60 .
Gershom Scholem war — neben Schalom Ben-Chorin und Hermann L. Gold-
schmidt — einer der wenigen, die sich über Goldberg und Unger äußerten61 und da-
durch verhinderten, daß diese vergessen werden. Dennoch muß festgestellt werden,
daß Scholem gegenüber dem Goldberg-Kreis eine starke Abneigung hegte — Benja-
mins Formulierungen zeigen deutlich, wie diplomatisch er versuchte, sein Interesse
an Unger zu rechtfertigen. Dieses Interesse aber bestand nicht trotz, sondern wegen
Ungers engem Verhältnis zu Goldberg. Leider muß Scholems,Goldberg-Brief' 62 als
verloren gelten, über den es neben Benjamins hochlobendem Urteil auch ein wesent-
lich kritischeres von Franz Rosenzweig gibt63. Uber Goldbergs ,Maimonides, Kritik
der jüdischen Glaubenslehre'64 schrieb er 1935 an Benjamin, dieses Buch sei „im un-
verfälschtesten Zuhälterstil" geschrieben65, und noch 1980 gab er als Begründung da-
für, daß er sich über dieses Buch nicht geäußert habe, an: „weil mir das Buch die er-
forderliche Länge nicht wert war." 6 6 So nimmt es nicht wunder, daß Scholem in sei-
nen Darstellungen keinen Hinweis darauf gibt, daß Unger an Benjamins Zeitschrift
,Angelus Novus' mitarbeiten sollte, die dann allerdings nicht zustande kam: „Unger
ist bereit mitzuschreiben, doch habe ich den in Aussicht gestellten Beitrag, einen
Aufsatz den er vor ein oder zwei Jahren schrieb, noch nicht. In nächster Zeit beab-
sichtigt er, den 30 Minuten-Doktor von Erlangen zu machen." 67 Wäre diese Zeit-
schrift erschienen, so hätte der engste Goldberg-Schüler eine sicher nicht unwichtige
Rolle bei ihrer Ausgestaltung übernommen.
Indirekt scheint Erich Unger zumindest zwischenzeitig eine entscheidende Rolle
bei der Frage gespielt zu haben, ob das Projekt .Angelus Novus' durch den Verleger
Richard Weißbach überhaupt realisiert werden könne: In einem Brief an Scholem zi-
tiert Benjamin aus einem Brief von Weißbach, der aus finanziellen Gründen den Satz

59 Brief von Prof. Nachum T. Gidal vom 18.5.1988 an Verf.; im Nachlaß von Scholem befindet sich Ma-
terial über Goldberg und Unger aus dem Literaturarchiv in Marbach
60 Richard Scheppard (Hrsg.): Die Schriften des Neuen Clubs 1908-1914, Band 1, Hildesheim 1980,
S. XV; Brief von Nicholas Jacobs (London) vom 29.1.1988 an Verf.
61 Gershom Scholem: Walter Benjamin — die Geschichte einer Freundschaft, Frankfurt/Main 1975,
S. 122-126; und: ders.: Von Berlin nach Jerusalem, Frankfurt/Main 1977, S. 184-188
62 s. Walter Benjamin: Briefe, a.a.O., S. 483 u. 489
63 Franz Rosenzweig: Briefe und Tagebücher Bd. 2 (- Der Mensch und sein Werk, Gesammelte Schrif-
ten), Den Haag 1979, S. 1200 (Brief an Martin Buber vom 24.10.1928); der Name Scholems ist durch
Punkte ersetzt
64 Oskar Goldberg: Maimonides, Wien 1935
65 Walter Benjamin Gershom Scholem: Briefwechsel, Frankfurt/Main 1980, S. 2112
66 ebd. S. 213
67 Walter Benjamin: Briefe, a.a.O., S. 280
für die Zeitschrift einstellen mußte: „Das Ungerbuch, aus dem ich größere Einnah-
men haben werde, wird erst in vier Wochen fertig. Ich hoffe, dann über die notwen-
dige Summe verfügen zu können." 68 Über dieses „Ungerbuch" ist nichts bekannt,
mit Sicherheit ist es nicht erschienen.
Benjamin verfolgte sämtliche Veröffentlichungen Ungers mit großem Interesse
und berichtete Scholem brieflich davon — so auch über den Gedanken einer neuen
,Völkerwanderung' 69 , den Unger in .Politik und Metaphysik' dargelegt hat (S. 43 f).
Erst Ungers Buch .Wirklichkeit Mythos Erkenntnis' stieß bei ihm auf allerdings
scharfe Kritik und hier fällt das erste Mal der Begriff der ,Zauberei', gewendet gegen
den Goldbergkreis und dessen zahlenkombinatorischen Tendenzen70. Später heißt es
dann nur noch, Goldberg sei ein ,Zauberjude' 71 , eine Formulierung allerdings, die
deshalb pikant ist, weil Benjamin seinerseits Scholem einen „abgefeimten Zauber-Ju-
den" genannt hatte 72 .
Das Interesse Benjamins an Ungers Arbeiten anfang der 20er Jahre läßt es nicht
unwahrscheinlich erscheinen, daß er dessen Dissertation von 1922 gelesen hat.
Zweifellos jedenfalls wäre diese Arbeit für ihn von großem Interesse gewesen. Unger
führte hier seine Wissenschaftskritik fort, die er 1915 in einem langen Brief an Prof.
Kurt Breysig dargelegt hatte 73 — und die deutliche Parallelen zu Benjamins Vorstel-
lung der ,Aura' aufwies —, und die er über .Politik und Metaphysik' immer weiter
entwickelte bis hin zu seinen Spätschriften. Und immer stand für Unger das psycho-
physische Problem im Mittelpunkt. In seiner Dissertation bezog er sich vor allem
auf Ricken: und dessen Darstellung eines .transzendentalen Empirismus' 74 ; Benja-
min hatte in Freiburg bei Heinrich Rickert studiert 73 . Unger benutzt in seiner Darle-
gung Begriffe, die Benjamin erst viel später, nämlich in der Erkenntniskritischen
Vorrede seines Trauerspielbuches systematisch verwendet hat (deren Vorarbeiten al-
lerdings auf das Jahr 1916 zurückgehen). Hier sollen nur einige Sätze aus der Disser-
tation zitiert werden, die ein mögliches Interesse Benjamins am deutlichsten belegen
können: „Die Wissenschaften pflegen ihren Ausgang von Grenzbegriffen aus zu
nehmen. Dies deshalb, weil dem Denken der Radikalismus innewohnt, zuerst die
Pole, d.h. die unmittelbaren Gegensätzlichkeiten zu formulieren.... Deshalb fordert
auch das Denken in Extremen den geringsten Energieaufwand, weil die Pole als
Grenzen stets starr und eindeutig sind, während nach einem Zentrum hin eine end-

68 ebd. S. 289
69 ebd. S. 288
70 ebd. S. 516
71 ebd. S. 637
72 ebd. S. 282
73 s. Anm. 3
74 Erich Unger: Das psychophysische Problem und sein Arbeitsgebiet. Eine methodische Einleitung,
phil. Diss. der Friedrich-Alexanders-Universität Erlangen, Tag der mündl. Prüfung: 27.7.1922
75 s. Berd Witte: Walter Benjamin, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 18
los sich steigernde Fülle von Möglichkeiten oszilliert— Aus dem Vorangegangenen
dürfte hervorgehen, daß die erweiterte Psychophysiologie echte theoretische und
echte Experimentalwissenschaft ist." 76 Wenn es, wie Liselotte Wiesenthal darlegte,
Benjamins Frage war, wie „das naturwissenschaftliche Experiment als eine Form der
Erfahrung in den Humanwissenschaften realisierbar" sei77, so hatte Erich Unger
hier seine Antwort gegeben.
Die scharfe Ablehnung des Goldbergs-Kreises durch Scholem brachte Benjamin,
wie Scholem erinnert, „in ziemliche Verlegenheit, da ihm zwar nichts an Goldberg,
wohl aber an der Aufrechterhaltung der Verbindung mit Unger lag." 78 Diese Verbin-
dung wurde in verschiedene Gruppen hergestellt. Hans G. Adler berichtete in seinen
Erinnerungen über die .Philosophische Gruppe', aber die von ihm angegebenen Jah-
reszahlen sind wohl zu korrigieren: Die Philosophische Gruppe, die bei Erich Un-
ger tagte, wurde 1925 ins Leben gerufen und löste sich wahrscheinlich 1931 auf. Die
Erinnerungen über diese wöchentlich stattfindenden Abende gehen bei den Teilneh-
mern nach den Jahren des Exils auseinander: Während Hans G. Adler davon sprach,
daß die Abende in der Uhlandstraße stattgefunden haben, erinnert sich Werner
Kraft an die Wilmersdorfer Straße79. Ist dieser Widerspruch durch einen Umzug zu
erklären, so gehen doch die Teilnehmerzahlen sehr weit auseinander: Den von Adler
genannten 50 oder 60 Personen stehen 8 bis 10 Personen gegenüber, die Te Fuchs
angibt80. Nicht auseinander gehen die Angaben über die große Breite der behandel-
ten Themen. Über die Rolle Goldbergs aber gehen die Erinnerungen wieder ausein-
ander. Te Fuchs: „Es wurde auch versucht, gewisse Problemstellungen den Veröf-
fentlichungen Oskar Goldberg's anzugleichen und von der Problematik aus zu er-
klären." Dagegen Werner Kraft: „Die Themen waren rein philosophisch und völlig
sachlich, von Goldbergs Schülern, die hoch begabt waren wie Erich Unger, Adolf
Caspary und anderen, alles war auf Goldberg im Zentrum bezogen, obwohl er mit
Namen nie vorkam. Als Privatperson war er immer anwesend, ohne je persönlich
einzugreifen: er lenkte geheim." Zweifellos hat Benjamin an einzelnen dieser
Abende teilgenommen 81 . Ob er darüberhinaus auch an den bei Goldberg stattfin-
denden geselligen Abenden teilgenommen hat, die intern .langweilige Abende' ge-
nannt wurden und an denen keine Vorträge oder philosophische Diskussionen statt-
gefunden haben82, ist unbekannt, Scholem aber berichtet, daß Benjamin in anderem
Kreise manchmal mit Goldberg und Unger zusammengetroffen ist83.

76 Erich Unger: Das psychophysische Problem, a.a.O., S. 3, 11 u. 20


77 Liselotte Wiesenthal: Zur Wissenschaftstheorie Walter Benjamins, Frankfurt/Main 1973, S. 13; s.
Manfred Voigts: Brechts Theaterkonzeptionen, München 1977, S. 124 u. 172 f.
78 Gershom Scholem: Walter Benjamin, a.a.O. S. 124
79 Werner Kraft in einem Brief an den Autor vom 4.2.88
80 Te Fuchs in einem Brief an den Autor vom 8.9.88
81 Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem, a.a.O., S. 186
82 s. Anm. 80
83 Gershom Scholem: Walter Benjamin, a.a.O., S. 123 f.
Da dieser Nachdruck von .Politik und Metaphysik' das einzige im Buchhandel er-
hältliche Werk Ungers ist, erscheint es sinnvoll, als kurzen Hinweis auf das Gesamt-
werk auf das zuletzt erschienene Werk einzugehen, das Unger 1941 bis 1944 verfaßt
hat, das aber erst posthum 1966 in Jerusalem erschienen ist — in einer leider an
Druckfehlern reichen Form: ,Das Lebendige und das Göttliche'. Um die Bedeutung
der Überlegungen Ungers abschätzen zu können, sollen sie im Zusammenhang mit
ähnlichen Gedanken erörtert werden, die Hans Jonas in seinem Buch .Organismus
und Freiheit' niedergelegt hat.
Sowohl Unger als auch Jonas gehen davon aus, daß die Erkenntnis von Mensch,
Leben und Kosmos nicht abgetrennt werden kann von der Entwicklung und Stel-
lung des Menschen im Kosmos. Es ist genau diese Verbindung, die nicht nur für Un-
ger — wie wir sahen — sondern auch für Jonas das psychophysische Problem in den
Mittelpunkt des Interesses richtete: „Vielleicht ist in einem richtig verstandenen Sin-
ne der Mensch doch das Maß aller Dinge — nicht zwar durch die Gesetzgebung der
Vernunft, aber durch das Paradigma seiner psychophysischen Totalität . . . " 8 4 Das
hat für Jonas gravierende Konsequenzen auch für das Verhältnis von Naturwissen-
schaften und Geisteswissenschaften: „Die Tatsache des Lebens als körperlich-seeli-
scher Einheit, wie sie im Organismus da ist, macht die Trennung illusorisch." 83 Jo-
nas sieht sich daher an einem wissenschaftsgeschichtlichen Wendepunkt: Nachdem
der mythische Panvitalismus durch den neuzeitlichen Panmechanismus abgelöst
wurde, müsse jetzt das Verhältnis von Leben und Materie in ein neues paradigmati-
sches Verhältnis gebracht werden: „Noch immer ist die Frage offen, ob das Leben ei-
ne qualitative Komplizierung in der Anordnung von Materie darstellt . . . oder ob
umgekehrt die ,tote' Materie privativ, als defizienter Modus der Eigenschaften des
empfindenden Lebens . . . zu verstehen ist" 86 .
Erich Unger stellt — in vollständiger Übereinstimmung mit Hans Jonas — fest:
„Die ,Verdrängung der Erde aus dem Mittelpunkt der Welt', die ihre wissenschaftli-
che Rechtfertigung haben mag, hat psychologisch eine andere Verdrängung zur Fol-
ge gehabt, die keine wissenschaftliche Rechtfertigung hat und keine haben kann, die
Verdrängung des Lebendigen aus dem Gedankenbild von der Welt." 87 Und er fol-
gert: „Der Wiederanschluß der biologischen Sicht an die Betrachtung des Kosmos
ist, nach Ueberwindung der Exzesse des Mythos und der ausschließlichen Kultivie-
rung eines ,toten' Kosmos, notwendig." 88 Jonas stellt zum neuzeitlichen Denken

84 Hans Jonas: Organismus und Freiheit, Ansätze zu einer philosophischen Biologie, Göttingen 1973,
S. 39
85 ebd. S. 31
86 ebd. S. 39
87 Erich Unger: Das Lebendige und das Göttliche, Jerusalem 1966, S. 46
88 ebd. S. 65
fest: „Das Natürliche und Verständliche ist der Tod, problematisch ist das Leben." 89
Dann aber beginnen die Differenzen — die im Rahmen dieses Nachwortes nur
dargestellt und nicht aufgearbeitet werden können. Unger und Jonas legen uns zwei
unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten für die Zuordnung von Materie und Leben
vor. Hans Jonas: „Vielmehr, da die Materie nun einmal so von sich Kunde gab, näm-
lich sich tatsächlich auf diese Art und mit diesen Ergebnissen organisierte, so sollte
ihr das Denken ihr Recht widerfahren lassen und ihr die Möglichkeit zu dem, was
sie tat, als in ihrem anfänglichen Wesen gelegen zuerkennen." Es habe „schon das
gründende Prinzip des Überganges von lebloser zu lebender Substanz eine so zu be-
zeichnende Tendenz in den Tiefen des Seins selber" 90 gehabt. Jonas bleibt im Prinzip
bei der Aufeinanderfolge von toter und lebendiger Materie, wenn er auch der toten
eine ,Tendenz' zum Leben zuerkennt. Er löst die Zuordnung also durch Gradabstu-
fungen des Lebens von der minimalen Tendenz über die einfachen Stoffwechselfunk-
tionen bis hin zur lebendigen Freiheit des Menschen. Umgekehrt Unger: Er geht da-
von aus, „dass eine Zunahme der Bildbarkeit und Formbarkeit der lebenden Materie
in Richtung auf das Anfangsstadium des Lebens zu konstatieren sei", und daß am
Beginn der Welt eine lebendige ,Urmaterie' gestanden hat, „in der es nichts Unbeleb-
tes gab, aber auch noch keinen .Organismus'" 91 . Die Masse toter Materie im Kos-
mos sei das Produkt des in immer bestimmtere und begrenztere Formen drängenden
Lebens92. Lebende und unbelebte Materie bleiben aufeinander bezogen, der Kosmos
wird von Unger als .Umwelt' des Lebens begriffen93: „Es gibt keine andere nicht-
belebte Materie als .Nichtbelebte Materie f ü r Lebendiges'." 94
Solch eine Formulierung wäre für Hans Jonas unannehmbar. Für ihn ist das Phä-
nomen der Freiheit als Kennzeichen des Lebens durch einen „Urakt der Absonde-
rung" von der „allgemeinen Integration der Dinge im Naturganzen" gekennzeich-
net 95 . Dieser Urakt ist bei Jonas notwendig, damit das Leben aus dem Bannkreis der
unbelebten Materie heraustreten kann. Für Unger bildet die Organismus-Materie
und die Umwelt-Materie ein Ganzes, „dessen Unterteilung in einen .belebten' und
einen .unbelebten' Teil lediglich dem Endprodukt der Entwicklung und also der
wahrnehmungsempirischen Situation, nicht aber der Ursprungs-Situation oder der
kosmischen Sachlage zukommt." 9 6
Der entscheidende Unterschied bei den beiden Lösungskonzepten der Zuord-
nung von Materie und Leben ist der, daß Unger eine Wandlung in den Naturgesetz-

89 Hans Jonas, a.a.O., S. 22


90 ebd. S. 11 und 130
91 Erich Unger, a.a.O., S. 56 und 107
92 S. ebd. S. 135
93 ebd. S. 143
94 ebd. S. 107
95 Hans Jonas, a.a.O., S. 15
96 Erich Unger, a.a.O., S. 125
lichkeiten voraussetzt, während für Jonas diese Gesetze „seit Beginn des Alls wie im
Augenblick" gelten97. Die Veränderbarkeit der Naturgesetze in der Konzeption Un-
gers hat zweifellos in der Goldbergschen Vorstgellung der Durchbrechung der nie-
deren' Naturgesetzlichkeiten durch .höhere' ihren Ursprung. Diese Durchbrüche,
die sich — nach Goldberg — immer zu höheren Stufen der Lebendigkeit hin vollzie-
hen, vollzogen sich bei den Hebräern durch die Wunder; von dieser Vorstellung des
Wunders hat sich Unger hier distanziert98. Gleichwohl hat er direkt oder indirekt
Goldbergsche Ideen aufgenommen und weiterentwickelt und an seinen Grundideen
festgehalten, so an der Uberzeugung der Katastrophalität der gegenwärtigen
Geschichte 99 und der ursprünglichen Identität von Individuum und Gattung 100 . Ins-
gesamt aber hat er wichtige neue Perspektiven eröffnet und für sich abschließend die
Perspektive und die damit verbundene Verantwortung des Menschen so beschrie-
ben:
„Wir könnten sagen, daß das was der Mensch eigentlich
ist und werden kann, sich
zu dem, was er wahrnehmungsempirisch ist, nochmals verhält wie das Lebendige
zum Unlebendigen, wenngleich wir hinzufügen müssen, daß das buchstäblich
Nichtbelebte um des Lebendigen willen hervorgebracht ist, während das sozusagen
nicht bis zu seiner höchsten Möglichkeit gelangte Lebendige in eben diese Möglich-
keit sich umzusetzen trachtet." 101

97 Brief von Hans Jonas an den Verf. vom 21.8.1988


98 Erich Unger, a.a.O., S. 140 f.
99 ebd. S. 170
100 ebd. S. 101
101 ebd. S. 172 f.
Bibliographischer Anhang

Die Reihe ,Die Theorie' im Verlag David

Erich Ungers ,Politik und Metaphysik' ist als 1. Veröffentlichung der Reihe ,Die
Theorie, Versuche zu philosophischer Politik' im Verlag David erschienen. Auf der
letzten Seite dieses Buches wird als 2. Veröffentlichung angekündigt: Oskar Gold-
berg: Das Volk. Über eine dynamische Struktur in soziologischen Einheiten und die
Theorie ihrer Formel. Dieses Buch aber ist nie erschienen. 1922 erschien als,Sonder-
veröffentlichung der Schriftfolge: ,Die Theorie' von Erich Unger: Die staatslose Bil-
dung eines jüdischen Volkes, Vorrede zu einer gesetzgebenden Akademie' 1 .1925 ver-
öffentlichte der Verlag David Goldbergs Hauptschrift ,Die Wirklichkeit der Hebrä-
er, Einleitung in das System des Pentateuch'. Dazu verfaßte Erich Unger ,Das Pro-
blem der mythischen Realität, Eine Einleitung in die Goldbergsche Schrift: „Die
Wirklichkeit der Hebräer'", die als 3. Veröffentlichung der Reihe ,Die Theorie' 1926
erschien. Die 4. Veröffentlichung dieser Reihe war: Adolf Caspary: ,Die Maschinen-
utopie, Das Ubereinstimmungsmoment der bürgerlichen und sozialistischen Öko-
nomie' von 1927.
Uber Ernst David sind zwei bedeutende Aussagen von Gershom Scholem erhal-
ten. Am 26. Juli 1933 schrieb dieser an Walter Benjamin:
Heute vor vierzehn Tagen ist Ernst David plötzlich gestorben, was ich nicht vergessen möch-
te Dir mitzuteilen. Er war einer der angenehmsten Menschen, denen ich in meinem Leben be-
gegnet bin, von einer Sauberkeit und Entschiedenheit des Wesens bei größter Zurückhaltung
und Bescheidenheit, die den Umgang mit ihm viele Jahre zu einer Erholung gemacht haben.
Er wohnte zuletzt eine Minute von uns, arbeitete freilich sehr viel in Kairo, wo er auch ohne
jede Vorbereitung tot umfiel. Ich habe bei seiner Beerdigung für seine Freunde gesprochen
und fühle einen wirklichen Verlust. (...) Er war übrigens sehr fromm und lebte hier streng
nach jüdischem Gesetz. Uber seine Beziehungen und seinen Bruch mit dem Goldbergkreis
bewahrte er ein unverbrüchliches Schweigen, so lebhaft er sich über meine Ansichten dar-
über zu erkundigen pflegte.2

In seinem Buch über die Freundschaft mit Benjamin schrieb er:


Als ich schon in Jerusalem war, befreundete ich mich mit Ernst David, der die Drucklegung
von Goldbergs Hauptwerk finanziert hatte. Er war ein Mann von vornehmem Charakter,
der jahrelang unter Goldbergs Faszination in diesem Kreis verweilt und sich unter großen
Schwierigkeiten von ihm gelöst hatte, indem er das Tabu, mit dem Goldberg die Auswande-

1 Gershom Scholem gab verschiedene falsche Titel an: s. Walter Benjamin: Briefe, Ffm 1966, Bd. 1,
S. 291; und: Walter Benjamin — die Geschichte einer Freundschaft, Ffm 1975, S. 124.
2 Walter Benjamin Gershom Scholem: Briefwechsel 1933-1940, Ffm 1980, S. 88 f.
rung und Anteilnahme am zionistischen Aufbau belegt hatte, durchbrach. Von ihm und sei-
ner Frau habe ich viel über die exoterischen und esoterischen Aspekte dieser Gruppe gehört.3

Den offensichtlichen Widerspruch in diesen Aussagen können wir nicht auflösen.


Ein Umriß der Persönlichkeit Ernst Davids, der die ersten Bücher Erich Ungers ver-
öffentlichte, wird dennoch deutlich.

3 Gershom Scholem: Walter Benjamin — die Geschichte einer Freundschaft, Frankfurt/Main 1975,
S. 123.
Auswahlbibliographie Erich Unger

A. Bücher
1921 Politik und Metaphysik; Berlin
1922 Die staatslose Bildung eines jüdischen Volkes; Berlin
1924 zusammen mit Adolf Caspary: Die Vergewaltigung des Gymnasiums durch den Geist des prakti-
schen Lebens'; Berlin
1925 Gegen die Dichtung; Leipzig
1926 Das Problem der mythischen Realität; Berlin
1930 Wirklichkeit Mythos Erkenntnis; München

posthum
1952 The Imagination of Reason; London
1966 Das Lebendige und das Göttliche; Jerusalem

B. Aufsätze — vor allem bis Anfang, der 20er Jahre


Andeutungen zur Kunst
in: Beigaben zu den Monatsberichten der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung, Heft 4, März 1909, S. 6-
9 (wiederabgedruckt in: Die Schriften des Neuen Clubs 1908-1914, hrsg. von Richard Sheppard, Bd. II,
Hildesheim 1983, S. 403-409)
Vom Pathos: Die um George
in: der Sturm, Jg. 1, Nr. 40, 1. Dez. 1910, S. 316

Die Gehemmten
in: ebd., Jg. 1, Nr. 43, 22. Dez. 1910, S. (343)-344

Nietzsche

in: ebd., Jg. 1, Nr. 48, 28. Jan. 1911, S. 380-381, und: Nr. 49, 4. Febr. 1911, S. 388-389

Nachts
in: ebd., Jg. 2, Nr. 57, 1. Apr. 1911, S. 452

Vorwort zu einem Roman


in: ebd., Jg. 2, Nr. 94, Jan. 1912, S. 749

Wedekinds ,In allen Wassern gewaschen'


in: Revolution, Jg. 1, Nr. 5, 20. Dez. 1913, (S. 6-7)

Von den obersten Zwecken


in: die Aktion, Jg. 4, H. 27, 4. Juli 1914, Sp. 586-589

Mynona: Rosa, die schöne Schutzmannsfrau. Grotesken


in: ebd., Jg. 4, H. 31, 1. Aug. 1914, Sp. 691 f

Der Krieg
in: Der Neue Merkur, Jg. 2, 2. Bd., Okt. 1915 - März 1916, S. 567-572

Schöpferische Indifferenz
in: Die Zukunft, hrsg. v. M. Harden, Berlin, X X I X . Jg. Nr. 52 vom 24. Sept. 1921, S. 350-355
L'evolution de la morale en Aliemagne et le point de vue de la sociologie francaise
in: Revue Philosophique, Jg. 40, Nr. 3 / 4 , März/Apr. 1935, S. 210-223

Oskar Goldberg: Maimonides — Kritik der jüdischen Glaubenslehre


in: Der Morgen, Monatsschrift der Juden in Deutschland, 12. Jg. Heft 3, Juni 1936, S. 130-134

Sigmund Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion


in: Mass und Wert, Jg. II, Heft 5, Mai/Juni 1939, S. 706-711

Modern Judaism's Need for Philosophy


in: Commentary, Jg. 23, Nr. 5, Mai 1957, S. 422-429

Gott, Mensch und Evolution


in: Eckart, Jg. 29, 1960, S. 186-191

C. Unveröffentlichte Texte
Das psychophysiologische Problem und sein Arbeitsgebiet. Eine methodologische Einleitung.
Inaugural-Dissertation an der Friedrich-Alexanders Universität Erlangen, Tag der mündlichen Prüfung:
27.7.1922

Brief von Erich Unger an Kurt Breysig vom 7. Febr. 1915, handschriftl. 12 Seiten, Staatsbibliothek Preus-
sischer Kulturbesitz Berlin