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Stuttgarter Aufruf

Seit 2008 gehen jedes Jahr zehntausende Schüler_innen, Student_innen und Auszubildende auf die Straße um für ihre Forderungen nach einem solidarischen, und gebührenfreien Bildungssystem, sowie für bessere Bedingungen und die Übernahme in der Ausbildung zu kämpfen. Trotz dem Druck auf die Regierung, hat sich kaum etwas gebessert, die Situation verschärft sich weiter: Die Hochschulen erwarten durch doppelte Abiturjahrgänge und die Aussetzung der Wehrpflicht tausende neue Student_innen. Überfüllte Hörsäle und immer knapper werdender, bezahlbarer Wohnraum werden die Folge sein. In den Schulen sind die Schüler_innen weiterhin mit sozialer Selektion und dem Turbo-Abi konfrontiert, auf dem Ausbildungsmarkt ist eine Übernahme für Azubis alles andere als garantiert. Wir sagen diesen Verhältnissen weiterhin den Kampf an!

Gegen Konkurrenz und Leistungsdruck! In allen Schulformen herrscht der Konkurrenz- und Leistungsdruck, an welchem die Notengebung einen großen Anteil hat. Diese wird oft fälschlicherweise als alternativlos und objektiv dargestellt. Notenvergabe ist jedoch subjektive Willkür und dient einzig als Sanktions- und Disziplinierungsinstrument. Leistung wird vom Lerninhalt entkoppelt und kategorisiert in „Erfolg und Misserfolg“. Doch gerade Fehler und Irrtümer fördern den Erkenntnisgewinn und bringen uns weiter. Darüber hinaus werden individuelle Unterschiede, Lerntempi und Fortschritte nicht beachtet, stattdessen steht der Wille sich den Forderungen des Leistungssystems anzupassen im Vordergrund. Egal ob beim kurzfristigen von Klausur zu Klausur Lernen oder dem langfristigen Druck von Sitzenbleiben, Durchfallen, oder Regelstudienzeitüberschreitung.

Gegen (a)soziale Selektion! Trotz vollmundiger Ankündigungen, treibt das hiesige Bildungssystem weiterhin die (a)soziale Selektion voran: Immer noch werden in vielen Bundesländern die Schüler bereits nach der vierten Klasse in drei Schulformen selektiert. Vor allem Kinder aus Arbeiter- und Migrationsfamilien haben nachweislich weniger Chancen das Abitur oder gar einen Hochschulabschluss zu erreichen, sondern werden frühzeitig auf die zweitklassigen Haupt- und Realschulen abgeschoben.

Wir wissen, dass für die ungleich verteilten Berufschancen nicht nur das Schulsystem, sondern zahlreiche andere gesellschaftliche Faktoren entscheidend sind. Wir wenden uns jedoch entschieden gegen die Praxis die Ungleichheit bereits hier zu zementieren. Wir fordern die bedingungslose Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems und die Einführung einer inklusiven Gesamtschule für alle. Für gleiche Chancen muss Bildung kostenlos sein, von der KiTa bis ans Lebensende. Auch die sich selbst „sozial und ökologisch“ bezeichnende Grün- Rote Landesregierung hat den Klassenteiler weiterhin nicht gesenkt, des weiteren führt sie die Gemeinschaftsschule nicht flächendeckend ein, sondern überlässt die Initiative zum Übergang den einzelnen Schulen individuell.

Bundeswehr raus aus allen Bildungseinrichtungen! Wir richten uns nach wie vor gegen die abgeschlossene Kooperationsverarbeitung, die der Bundeswehr ermöglicht im Unterricht Nachwuchs zu werben und setzen uns an der Hochschule für die Zivilklausel ein, die Waffen- und Rüstungsforschung an unseren Bildungseinrichtungen verbietet. Viele Probleme im Bildungswesen ließen sich mit Einsparungen beim Rüstungsetat locker beheben. So beträgt der diesjährige Rüstungsetat der schwarz-gelben Regierung rund 32 Milliarden Euro.

Mehr Geld für Bildung, anstatt für S21! Auch unter der von vielen so lang ersehnten rot-grünen Regierung in BaWü, hat sich die Situation um Stuttgart 21 weder stark verändert noch verbessert. Die Grünen haben ihr Wahlversprechen, S21 zu stoppen, nicht eingelöst; ein perfektes Beispiel für das Nicht-funktionieren unserer Demokratie.

Weiterhin wird an einem Milliarden verschlingenden Großbauprojekt gebaut, während wegen „Geldmangel“ zu wenig Lehrer_innen in zu großen Klassen unterrichten müssen und uns der Putz auf den Kopf fällt. Wir als Schüler_innen, Student_innen und Auszubildende sollten für die sinnvolle Verteilung von Geldern kämpfen, ausgerichtet nach den Bedürfnissen der Leute, nicht den der Konzerne. Dass der Protest gegen S21 und der Bildungsstreik zusammen gehören, hat auch der 30.9.2010 gezeigt. Hier machte der Staat wieder einmal deutlich, was seine Antwort auf Protest ist: Wasserwerfer und Knüppel gegen nebeneinander demonstrierende Rentner, Jugendliche und Kinder.

Organisiert den Widerstand! Um die Bildungsproteste zu vergrößern und aktiv die Probleme dort zu bekämpfen wo sie uns täglich begegnen, rufen wir zur Gründung von Bildungsstreikkomitees in Schule, Uni und Betrieb auf. Solche Strukturen sind unerlässlich um die Proteste über den 17.11 hinaus zu organisieren und um eine gesellschaftliche Diskussion über unsere Lern-, Ausbildungs- und Lebensbedingungen in einem auf Profit ausgerichtete System und darüber hinaus zu führen.

Gemeinsam kämpfen, für ein besseres Bildungssystem, für eine andere Gesellschaft! Die Bildungsproteste in Deutschland in den vergangenen Jahren waren eine der größten Protestbewegungen in den letzten zwei Jahrzehnten in Deutschland. Dabei verstehen wir uns als Teil einer weltweiten Jugend-Bewegung die in den letzten Wochen, Monaten und Jahren gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Straße ging, sei es bei den Revolutionen in Nordafrika, oder bei den Sozial-Protesten in Griechenland, Spanien, Britannien oder Chile. All diese Bewegungen hängen miteinander zusammen. Sie eint nicht zuletzt die kritische Haltung gegenüber dem kapitalistischen System. Weltweit wehren sich die Menschen gegen dieses System, welches Minderheiten auf Kosten der verarmenden Mehrheit bereichert, Krieg und Umweltzerstörung vorantreibt und verursacht.

Die Krise ist nicht vorbei! Momentan versuchen die Regierungen, die Kosten der letzten Banken- und Unternehmerrettungen auf uns abzuwälzen. In einer solchen Situation ist es für unsere Bewegung unerlässlich sich mit den Beschäftigten, Arbeitslosen – kurz anderen sozialen Bewegungen – auf Basis einer Anti-Krisen-Bewegung zu organisieren, die unsere sozialen Errungenschaften verteidigt, um sie auf Kosten der Banken und der Krisenprofiteure auszudehnen! Ein erneutes Zusammenbrechen der Märkte könnte auch in Deutschland weitaus schärfere Folgen und demzufolge weitere schärfere Angriffe auch im Bildungsbereich nach sich ziehen, auf die wir uns vorbereiten müssen. In der Euro-Krise stehen vor allem Unterbezahlte, Arbeitslose, Schüler_innen und Student_innen als Verlierer dar. Sie sind es, auf die unter dem Diktat des Sparens die größten Einschnitte zukommen werden, während die Banken erneut profitieren. In Deutschland dient die „Schuldenbremse“ als Legitimation für Kürzungen und Privatisierung im öffentlichen Raum. Dass der Widerstand gegen die antisoziale Sparpolitik erfolgreich sein kann, zeigt der Bildungsstreik. Nur durch den Druck der Straße war in Baden-Württemberg und bundesweit die geplante Abschaffung der Studiengebühren und Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft und das Verhindern von Kürzungen im Bildungsbereich möglich. Um diese Erfolge zu verteidigen und unsere Forderungen umzusetzen, muss es am 17.11. wieder heißen: Streik in der Uni, Streik an der Schule, Streik in der Fabrik, das ist unsere Antwort auf ihre Politik!

Forderungen:

Abschaffung aller Studien-/ Lern-/ Ausbildungsgebühren! - Studien- und Ausbildungsplätze für alle! Mindestlohn für Auszubildende, Grundsicherung für Schüler_innen und Student_innen ab 16 Jahren! - Unbefristete Übernahme aller Azubis entsprechend der Ausbildung! - Weg mit dem mehrgliedrigen Schulsystem! - Für die Wiedereinführung des G9! - Für die uneingeschränkte Freistellung vom Unterricht für freiwillige Weiterbildung! - Weg mit den BA/MA Studiengängen! Für die Wiedereinführung der alten Prüfungsordnung! - Zurücknahme aller Kürzungen und Arbeitszeitverlängerungen im Bildungsbereich! - Sofortige Neueinstellung von 100.000 Lehrer_innen bundesweit! - Sofortige Investition von 40 Milliarden € im Bildungsbereich z.B. für Sanierungen der Schulgebäude und der Einrichtung von Erholungsräumen! - Wir zahlen nicht für die Krise! - Geld für Bildung statt für Banken und Bahnhof! - Gegen die kriminalisierung und die Repression der Bildungsproteste! - Für unsere materiellen Forderungen sollen die Reichen, Banken und Großkonzerne bezahlen, nicht die einfache Bevölkerung! - Prinzipielles Verbot des Betretens von Militär und Polizei oder Sicherheitsdiensten in Bildungseinrichtungen! - Sicherheit, Transparenz und Organisierung unserer Bewegung durch wähl- und abwählbare Schüler- und Studentenstrukturen! - Für volles politisches Aktions- und Streikrecht aller Schüler_innen, Student_innen, Azubis und Lehrer_innen! - Für ein volles politisches Mandat der SMV'en und Studierendenschaften!

Die Lehr- und Bildungsinhalte sollen nicht durch staatliche Bürokrat_innen oder die private Wirtschaft bestimmt werden, sondern durch die Lernenden, Lehrenden und die Organisationen, wie Gewerkschaften, die tatsächlich wissen, welches Wissen man braucht, um in einer Gesellschaft zu leben und zu arbeiten. Dafür ist es allgemein notwendig über Alternativen zum kapitalistischen Bildungs- und Gesellschaftssystem nachzudenken.