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Bericht Partizipativer Journalismus: Chance oder Fluch für die klassischen Medien?

Die Podiumsdiskussion über den „partizipativen Journalismus“ wurde vom Institut Pierre Werner in Zusammenarbeit mit dem Maison AK* organisiert und steht im Rahmen der Veranstaltungsreihe Kunst & Politik – Politik & Kunst, die über den Umgang der Künstler mit politischen Themen diskutiert. Sandrine Devaux, stellvertretende Leiterin des IPW, hat als Einführung an das Ziel des IPW erinnert, unterschiedliche Ansichten von Künstlern, Journalisten und Wissenschaftlern einander gegenüberzustellen. Diese Podiumsdiskussion fand dank der Zusammenarbeit mit dem Maison AK* im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie statt. Mylène Carrière, Präsidentin des Kollektives AK*, ein Verein zur Förderung der Fotografie, moderierte die Diskussionsrunde. Ausgangspunkt war die Ausstellung VIEWS über die Beziehung zwischen Fotografie, neuen Medien und Entwicklung von aktuellen politischen Ereignissen.

Annika Sehl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik an der TU Dortmund, schreibt zurzeit ihre Doktorarbeit zum Thema „partizipativer Journalismus“. Sie begann ihren Vortrag mit dem Hinweis, dass die heutige Digitalisierung in gewisser Weise der Zeit der Erfindung des Buchdrucks ähnelt und dem Journalismus somit eine große Herausforderung stellt. Zunächst veranschaulichte sie die Entwicklung des partizipativen Journalismus mit konkreten Beispielen, wie anhand der Saarbrücker Zeitung, die 2006 als erste deutsche Zeitung den Leserreporter einführte, d.h. Leser werden aufgefordert, Themen-Tipps und Nachrichten der Zeitung mitzuteilen. Der „partizipative Journalismus“ wird immer wieder stark kritisiert. Themenhinweise und zugesandte Fotos von den Lesern sorgen zwar für mehr Interaktion, mehr Informationen

aus Orten ohne Redaktion und für eine gewisse Authentizität. Der deutsche

Journalistenverband bemängelt aber den damit verbundenen Qualitätsrückgang. „Partizipativer Journalismus“, bei dem die Leserbeteiligung innerhalb eines professionellen Rahmens stattfindet, unterscheidet sich vom „Bürgerjournalismus“, wo allein die Bürger entscheiden, was sie schreiben, wo und wie sie es veröffentlichen. Beim

partizipativen Journalismus hingegen kontrollieren und filtern professionelle Journalisten die Ernsthaftigkeit der Kommentare bzw. Fotos, die veröffentlicht werden (Abgrenzung

nach

Nip, 2006). Am Ende ihres Vortrags schlug Annika Sehl drei Thesen zur Diskussion

vor:

- An partizipativem Journalismus führt durch den Druck des Bürgerjournalismus kein

Weg vorbei. Professionelle Medien sollten daher Chancen nutzen und Risiken minimieren.

- Partizipativer Journalismus kann publizistische Vielfalt bereichern. Dafür wäre es

allerdings hilfreich, wenn der professionelle Journalismus mehr als nur Feedback- Formate anbietet, um das Publikum zu beteiligen. - Im partizipativem Journalismus ist die Publikumsbeteiligung im Gegensatz zum Bürgerjournalismus in eine vermittelnde Struktur eingebunden. So kann ein Mindestmaß an Qualität gesichert und eine oftmals höhere Reichweite gewährleistet werden.

Roland Arens, Verantwortlicher für den Bereich Neue Medien bei Saint-Paul

Luxembourg, stellte die partizipative Webseite mywort.lu vor. Die im November 2010 entstandene Mywort.lu-Seite gehört zum Luxemburger Wort und stellt sich aus einem

Mix zusammen: Lokaljournalismus, der partizipativ ist. Der „content“ aus mywort.lu

stammt von den Lesern. Die 116 Gemeinden Luxemburgs und die einzelnen Stadtviertel bilden das Ordnungsprinzip. Jede Gemeinde hat eine virtuelle Homepage, die sowohl mit Artikeln des Worts und der „User“ gefüllt wird und anhand einer Karte lokalisiert werden.

Die Qualität ist der my.wort-Redaktion ganz wichtig. So muss man sich zum Schreiben identifizieren, man engagiert sich sozusagen unter seinem Namen. Die Veröffentlichung erfolgt ebenfalls unter dem Namen des Autors oder seinem Profilbild. Es besteht die Möglichkeit, Inhalte, die stören, zu melden. Schlussendlich gibt es noch eine Redaktion, die sich um die Inhalte kümmert und die Veröffentlichungen schnell scannen kann. Mywort.lu stellt neue Möglichkeiten und eine gewisse Motivation für die Journalisten dar, die von sämtlichen Einladungen bombardiert werden und in der Tageszeitung nur einen beschränkten Platz vor sich finden. Des Weiteren bietet mywort.lu, als reiche Recherchequelle, eine weitere Hoffnung für die Kollegen aus der Redaktion: My.wort- Themen können mit ein oder zwei Anrufen schöne Artikel oder Reportagen stricken. Roland Arens beendete seinen Vortrag, indem er auf die mögliche Entstehung von Synergien in ein paar Jahren blickte.

Claude Colomer, kreativer Künstler, begann seinen Vortrag, indem er auf die Vergänglichkeit der Nachrichten, die uns tagtäglich überfluten, hinwies: Was wird schlussendlich vom Tsunami bleiben nach der Ankündigung des Attentats in Marrakesch, der britischen Hochzeit und Bin Ladens Tod? Anhand dieser Fragestellung hat Claude Colomer seine Arbeit, die er während der Ausstellung VIEWS präsentiert, verwirklicht. Zum Ausbau seiner Idee, hat er die Titelseiten der Tageszeitung International Herald Tribune verwendet und eingeschwärzt, um nur ein Bild in einem Art goldenen Kreis festzuhalten. Diese Arbeit verwandelt einen Raum des Maison AK* in einen schwarz- goldenen Kubus, übersät mit unzähligen Fotofragmenten aus der Presse und macht die Aktualität so erfahrbar. Claude Colomer möchte mit dieser Ausstellung die Aktualität der letzten Monate überdenken. Die Beseitigung des Textes soll das Gedächtnis zum Denken bringen und anhand der Fotografien an die verschiedenen Ereignisse erinnern.

Samuel Bollendorff, freier Pressefotograf, hat die Möglichkeiten des Internets für die Fotografie vorgestellt. Laut Samuel Bollendorff, ist die Presse „krank, die Arbeiten der Fotografen zu veröffentlichen“. In der Tat produziert die Presse kaum noch Bilder und verwendet eine Menge von AFP-Depeschen. Das Web bietet heute für Samuel Bollendorff die neu zu erfindende Schrift, ein unglaubliches Feld von Möglichkeiten, das die Aufmerksamkeit fesseln sollte. Mit der Webdokumentation stellt Samuel Bollendorff eine neue Art der narrativen Fotografie vor. Die Webdokumentation erlaubt den Fotografen, eine neue Schaffensform zu entwickeln in einer Zeit, in der Fotoreportagen in den „traditionellen“ Medien immer seltener werden. Samuel Bollendorff hat seine Äußerungen mit der Vorstellung seiner Webdokumentation „Voyage au bout du charbon“ (Eine Reise in den dunklen Winkel der Kohle) veranschaulicht. „Voyage au bout du charbon“ ist auf „monde.fr“ veröffentlicht worden und zählte letztes Jahr 200.000 einmalige Besucher. Diese Webdokumentation beleuchtet die Arbeit in den chinesischen Bergwerken auf eine interaktive Weise: der Internetbesucher nimmt die Rolle des Journalisten ein. Anhand einer Karte kann dieser sich orientieren, Inhalte auswählen und seinen Weg selber wählen. Der Lauftext sowie die kurzen Interviews halten den Web- Browser aktiv und geben dem Projekt einen „immersiven“ Charakter. Diese Web-Projekte werden jedoch in der Regel von außergewöhnlichen Finanzierungen unterstützt. Des Weiteren sind Bollendorffs Ansprechpartner eher Fernsehsender, auf dessen Interseiten dann diese Webdokumentation gezeigt werden, als die Printmedien.

Schlussendlich haben die Teilnehmer während den Publikumsfragen folgende Schlussfolgerung gezogen: Partizipativer Journalismus kann ohne Problem mit den klassischen Medien zusammenleben. Es ist unnötig, die Informationen anhand einer Rangordnung klassieren zu wollen. Jedoch muss man die Quellen immer genau angeben und zwischen den Beiträgen von Berufsjournalisten und Lesern unterscheiden.