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Dr. Waldemar Bauer Berufsschullehrerforschung in Deutschland

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Fachtagung „Perspektive Berufspädagoge!?“ Universität Rostock

28.9.-29.9.2006

Nutzen und Entwicklungsstand der (empirischen) Berufsschullehrerforschung

Dr. Waldemar Bauer Institut Technik und Bildung Universität Bremen wbauer@uni-bremen.de

Berufsschullehrerforschung Dr. Waldemar Bauer Institut Technik und Bildung Universität Bremen wbauer@uni-bremen.de

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Gliederung

Kernprobleme der Gewerbelehrerausbildung und -forschung

Entwicklung, Gegenstände und Befunde der empirischen BS-Lehrerforschung

Fazit zu emp. Befunden

Implikationen für die empirische BS- Lehrerforschung und Ausgestaltung der GTW-Studiengänge

Fazit zu emp. Befunden Implikationen für die empirische BS- Lehrerforschung und Ausgestaltung der GTW-Studiengänge

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Kernprobleme der Gewerbelehrerausbildung & -forschung

Leitbilddiskussion: Fachmann vs. Pädagoge

Berufsbild/Kompetenzprofil von Gewerbelehrern

Konzeption & Entwicklung der beruflichen Fachrichtung

natur-/ingenieurwiss. vs. „Arbeit und Technik“-Theorie / Fach- vs. Berufswissenschaft / Ingenieur- vs. Facharbeit

Fachdidaktik ist keine eigenständige, kohärente Disziplin

Verzahnung berufliches Fach und Berufspädagogik sowie Theorie und Praxis

innere und äußere Ausbildungsorganisation

Einführung (1960-1970) & Reformen (aktuell BA-MA) der Studiengänge erfolgt(e) nicht auf Basis emp. Erkenntnisse über den Zustand der BS-Lehrerbildung und –arbeit

Fehlen einer systematischen empirischen BS-Lehrerforschung

über den Zustand der BS-Lehrerbildung und –arbeit Fehlen einer systematischen empirischen BS-Lehrerforschung

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Modelle zum Studium der beruflichen Fachrichtung

1. Ingenieur-Modell: Integration der berufl. Fachrichtungen in ingenieurwiss. Diplomstudiengänge (Fach = Teilmenge des ingenieurwiss. Curriculums; Fachdidaktik = Brückenfunktion zwischen Fach-, Erziehungswissenschaft und Schulpraxis) [ Bildungskonzept in Bildungsreform ‘60er]

2. Modell der eigenständigen universitären gewerblich- technischen Wissenschaft (historisch begründeter Gewerbebezug) [Hamburg, Bremen, Flensburg und einige neue Bundesländer]

3. Annerkennung des Fach-/Hochschulstudiums als berufliche Fachrichtung und ergänzendes berufspäd. + fachdidakt. Aufbaustudium (oder direkter Einstieg in 2. Phase) bzw. neu Master:

i.d.R. in Zeiten des Lehrermangels, aber Mehrheit der aktuell beschäftigten Gewerbelehrer > 50% [ Normalbiografie: Lehre, FH-Studium, Ing.-Tätigkeit; Sek. II- Aufbaustudium, Referendariat]

Gewerbelehrer > 50% [ Normalbiografie: Lehre, FH-Studium, Ing.-Tätigkeit; Sek. II- Aufbaustudium, Referendariat]

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Entwicklung und Beiträge der empirischen Berufsschullehrerforschung

1. Zyklus: Akademisierung 2. Zyklus: Theorie- Praxis-Verhältnis 3. Zyklus: Theorie- Praxis-Verhältnis ? Linke 79
1. Zyklus:
Akademisierung
2. Zyklus: Theorie-
Praxis-Verhältnis
3. Zyklus: Theorie-
Praxis-Verhältnis
?
Linke 79
Hesse 75
Eyfert u.a. 73
Münk 01
Lutter 99
Faßhauer 97
Adolph 84
Grüner 70
Bader u.a. 94, 95
Bauer 05
Giesbrecht 83
Sommer 68
Holling/Bammé 82
Zielinski 65
Lempert 62
Brechmacher 80
Jenewein 94
Seltmann 93
Eisen u.a. 92
Grollmann 04
Zhao 03
Deutscher
Bildungsrat 70
BA-MA 03
KMK-Rahmen 73
Akademisierung GwL-
Ausbildung 60-70
KMK-Rahmen 95
GTW-Rahmen 03
BLK-MVP innovelle-bs 01-05
1960
1980
2000
Ereignisse
Studien (Auswahl)
60-70 KMK-Rahmen 95 GTW-Rahmen 03 BLK-MVP innovelle-bs 01-05 1960 1980 2000 Ereignisse Studien (Auswahl)

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Empirische Untersuchungen und Befunde zur Lehrerausbildung und –arbeit (Auswahl)

Wirkungen und Qualität der ersten Phase (Mehrzahl der Studien, meist negative Befunde)

Effekte der zweiten Phase (nur 2 Studien: 1983; 1999)

Leitbilder/Selbstverständnis (Diskussion seit den 1920er Jahren, Leitstudie Lempert 1962)

Handlungsstrategien (Holling/Bammé 1982) und Aufgabenverständnis/-repräsentation (Linke 1979)

Rolle der Praxiserfahrung (Jenewein 1994)

Technikverständnis (Adolph 1984)

Einstellungsmuster und Handlungsprinzipien (Bauer 2005)

Lernortkooperatives Handeln (BIBB, Pätzold u.a.)

International vergleichende Studie zur Arbeitsrealität (Grollmann 2005, Zhao 2003)

Handeln (BIBB, Pätzold u.a.) International vergleichende Studie zur Arbeitsrealität (Grollmann 2005, Zhao 2003) …

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Leitbilddiskussion: Fachmann versus Pädagoge Selbstverständnis von Elektrolehrern (Bauer 2005)

Ranking 1: Fachwissenschaftliche Kompetenz Hauptgruppe Gepaart mit Ausprägung Bundesländer 1. Fachwissenschaftler
Ranking 1: Fachwissenschaftliche Kompetenz
Hauptgruppe
Gepaart mit Ausprägung
Bundesländer
1. Fachwissenschaftler
Fachdidaktiker
TH
2. Fachdidaktiker
1. Fachwissenschaftler
BW, SN
2. Berufspädagoge
NI, NW, HH, SH
3. Berufspädagoge
1. Fachdidaktiker
HB
2. Erzieher
B, BB
Ranking 1: Fachdidaktische Kompetenz

Ranking 1: Methodenkompetenz

1. Fachdidaktiker HB 2. Erzieher B, BB Ranking 1: Fachdidaktische Kompetenz Ranking 1: Methodenkompetenz

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Aufgabenverständnis von Elektrolehrern

Ranking Lehreraufgaben West Ost Vermittlung fachtheoretisches Wissen 3 1 Vermittlung fachpraktischer Fertigkeiten 6
Ranking Lehreraufgaben
West
Ost
Vermittlung fachtheoretisches Wissen
3
1
Vermittlung fachpraktischer Fertigkeiten
6
7
Förderung Sozialkompetenz
5
5
Förderung Methodenkompetenz
2
3
Förderung Lernkompetenz
3
4
Erziehung zum selbstständigen Denken
und Handeln
1
2
Ergänzung der Allgemeinbildung
7
6

Pädagogischer Impetus

Fachlicher Impetus

Denken und Handeln 1 2 Ergänzung der Allgemeinbildung 7 6 Pädagogischer Impetus Fachlicher Impetus

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1. Klassisches fachsystematisches Konzept zur Strukturierung und Vermittlung von Lerninhalten

Grundlagen der Elektrotechnik

Wissens- elemente
Wissens-
elemente

Grundlagen der Digitaltechnik

Grundlagen der Elektronik

Faktenwissen

Digitaltechnik Grundlagen der Elektronik Faktenwissen Transfer Anwendung Arbeitsprozesse/-aufgaben …

Transfer

Grundlagen der Elektronik Faktenwissen Transfer Anwendung Arbeitsprozesse/-aufgaben …

Anwendung

Grundlagen der Elektronik Faktenwissen Transfer Anwendung Arbeitsprozesse/-aufgaben … [Wissenselemente sind

Arbeitsprozesse/-aufgaben

…

[Wissenselemente sind anders strukturiert]

Arbeitsprozesse/-aufgaben … [Wissenselemente sind anders strukturiert] Handlungsrelevantes Wissen
Arbeitsprozesse/-aufgaben … [Wissenselemente sind anders strukturiert] Handlungsrelevantes Wissen

Handlungsrelevantes

Wissen

Vernetzung

Theorie der Elektrotechnik:

fachsystematische Strukturierung und Vermittlung

Praxis: Problemstellungen und Anwendungsfälle (oft reduziert auf Ausschnitte oder auf reine Technologie)

Vermittlung Praxis: Problemstellungen und Anwendungsfälle (oft reduziert auf Ausschnitte oder auf reine Technologie)

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Grundlagen der Drehstromtechnik

Grundlagen der Antriebstechnik

DASM
DASM

Handlungsstruktur 1:

Fachsystematisch

Antriebstechnik DASM Handlungsstruktur 1: Fachsystematisch • Aufbau • Wirkungsweise Schleifringläufer
• Aufbau • Wirkungsweise Schleifringläufer Käfigläufer • Kennwerte • Betriebverhalten •
Aufbau
Wirkungsweise
Schleifringläufer
Käfigläufer
Kennwerte
Betriebverhalten
Betriebskennlinie
Drehzahlsteuerung
Anlassverfahren
Drehzahlsteuerung
• Schlupfsteuerung: Trafo,
Vorwiderstände, Drehstromsteller
Ständeranlass-
Läuferanlassverfahren
verfahren
• Polsteuerung: getrennte
Wicklungen, geteilte Wicklungen
(Dahlander)
• Stern-Dreieck-Schaltung
• KUSA-Schaltung
• Frequenzsteuerung:
• Anlasstransformator
Frequenzumrichter
• Anlasswiderstände
• Anlassdrosseln
• Elektronische Motorstarter

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2. Arbeitsbezogenes Konzept zur Strukturierung und Vermittlung von Lerninhalten

Arbeitsaufgabe/-prozess

… Arbeitsaufgabe/-prozess Handlungsrelevantes Wissen
… Arbeitsaufgabe/-prozess Handlungsrelevantes Wissen

Handlungsrelevantes

Wissen

Grundlagen der Elektrotechnik

Grundlagen der Digitaltechnik

Grundlagen der Elektronik

Faktenwissen

Erklären Verstehen Vertiefen
Erklären
Verstehen
Vertiefen

Praxis:

(authentische) Problemstellungen und Anwendungsfälle

Theorie der Facharbeit:

Erklärung von praktischen Phänomenen

(authentische) Problemstellungen und Anwendungsfälle Theorie der Facharbeit: Erklärung von praktischen Phänomenen

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Handlungsstruktur 2: Gebrauchswertorientiert

Beispiel zur Struktur der Lernaufgabe „Konfigurieren und Inbetriebnahme einer Kompressoreinheit“ Erstellung des
Beispiel zur Struktur der Lernaufgabe
„Konfigurieren und Inbetriebnahme einer Kompressoreinheit“
Erstellung
des
Netzformen
Leitungen verlegen
Schaltplans
Schutzmaßnahmen
Auswahl
eines
Auftrags-
geeigneten
Inbetrieb-
Motors
Arbeitsauftrag
analyse
durch die
Schüler
nahme nach
VDE
Änderung
Kosten-
und/oder
kalkulation
Neuinstallation
einer
Kompressoreinheit
Angebot für den
Kunden erstellen
(mit Dokumentation)
und/oder kalkulation Neuinstallation einer Kompressoreinheit Angebot für den Kunden erstellen (mit Dokumentation)

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Typisches Konzept zur Wissensstrukturierung

Zitat eines Lehrers aus BW:

„Der lernfeldorientierte Unterricht ist in Ordnung, aber nicht im ersten Jahr. Zuerst müssen wir allgemeine elektrotechnische Grundlagen vermitteln. Das sollte frontal und fragend- entwickelnd geschehen. Ohne diese Grundlagen geht es nicht! Die Schüler müssen pauken! Dann kann man langsam handlungsorientierten Unterricht einführen. Das muss so sein, weil die Schüler von ihren „alten“ Schulen es nicht gewöhnt sind, so unterrichtet zu werden. Außerdem haben die Schüler große Defizite in den Bereichen Mathe, Darstellung (Präsentationen) und selbstständiges Lernen (wie?). Das müssen wir alles nachholen. Die Lehrpläne gehen ja meist von guten Schülern aus.“

Lernen (wie?). Das müssen wir alles nachholen. Die Lehrpläne gehen ja meist von guten Schülern aus.“

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Fazit und Thesen

Die strukturellen Rahmenbedingungen der Berufsschulen (Organisation, Aufgabenzuweisung, alte Curricula) und teilweise Lehrerbildungskonzepte führten zu einem problematischen Aufgabenverständnis in der Fachdidaktik und der Lehrerarbeit

schwache Real-Kontextualisierung bzw. Authentizität der Praxis; Bezugssystem „berufliche Arbeit“ ist oft ausgeblendet

zweckfreie Bildung; dekontextualisierter Technikunterricht (Meta- Technologien, Fakten, Prinzipien und Regeln, universale Theorie)

Vorstellung von Wissenserwerb (Fachsystematik, didaktische Reduktion, „Trichterpädagogik“)

Konzepte zur Arbeitsanalyse und deren didaktischen Transformation in arbeitsorientierte Lernsituationen sind kaum verbreitet

Forderung nach arbeitsorientierten Wende im Aufgaben- und Fachverständnis der beruflichen Didaktik und in den Köpfen der Lehrer, da sonst Innovationen (z.B. Lernfeldkonzept) verpuffen

der beruflichen Didakt ik und in den Köpfen der Lehrer, da sonst Innovationen (z.B. Lernfeldkonzept) verpuffen

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Implikationen für die empirische Forschung und Konzeptualisierung der Lehrerausbildung

Ausweitung der empirischen Berufsschullehrerforschung in den beiden Bereichen Ausbildung und Arbeitsrealität in den Dimensionen Einstellungen, Wissensbasis und Lehrerhandeln

domänenspezifische Lehrerkognitions- & -handlungsforschung

Verknüpfung mit der Lernforschung

Forschungsgestütze länder- bzw. standortvergleichende Evaluationsstudien zu neuen BA-/MA-Studiengängen im Hinblick auf deren Wirkungen und Qualität

Entwicklung eines Kompetenzmodells für GTW-Lehrer und deren Ausbildung (Standards)

inhaltliche Klärung des Verhältnisses zwischen Ingenieurwissenschaften und den Gewerblich-Technischen Wissenschaften (in Breite und Tiefe)

des Verhältnisses zwischen Ingenieurwissenschaften und den Gewerblich-Technischen Wissenschaften (in Breite und Tiefe)