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08 01:56

Burkhard Luber
hubluber@web.de / www.tangoluber.blogspot.com

Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft


Manuskript-Stand: 09.02.2008 01:56
Ein Vorabversion dieses Ms kann frau auf www.druebeck.blogspot.com einsehen

Methodische Vorbemerkung:
Methodisches Problem: BL kann keine retrospektive, sondern nur eine simultane Analyse machen.
Solche Simultananalysen haben meist den Hang Sachen überzubetonen, die sich später mit mehr
Abstand als weniger wichtig herausstellen.

Mein methodisches Verfahren zur Gegenwartsanalyse:


Ich stelle einige analytische Modelle zur Gegenwart-Analyse vor und ergänze sie durch eigene
Beobachtungen. Ausserdem Hinweis auf einige Literatur.

Erstes Modell:
Die Theorie der modernen funktionsdifferenzierten Gesellschaft von Niklas
Luhmann

Quelle: Luhmann „Die Gesellschaft der Gesellschaft“

Frühzeit:
"Tribale, segmentierte Gesellschaften“, wo jede/r jede/n kannte und alles
überschaubar, transparent erledigt werden kann = im Stamm, Horde, Clan, Familie.
Verfügen tendenziell über ein unlimitiertes Zeitbudget so dass immer alle Themen
mit allen in der Gemeinschaft ohne Termindruck besprochen und gelöst werden
können. Einziges gesellschaftliches Differenzierungsmerkmal sind Alter und
Geschlecht.

Mittelalter/Neuzeit (bis ca. 1900):


Ständisch gegliederte Gesellschaft:
König/Kaiser
Hoher Adel
Niederer Adel
BürgerInnen
Bauer
Leibeigene

Diese Standeseinteilung ergibt eine starre Gesellschaftsformation, aus der


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Burkhard Luber: Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft / Seite 1


normalerweise niemand ausbrechen kann. Das Nobiliertsein legitimiert qua Geburt
zur Herrschaft auch, wenn es tatsächliche personale Defizite gibt (Dummheit,
Verarmung, moralisches Fehlverhalten). Aber durch die Hierarchie entsteht im
Unterschied zum Stamm auch Effizienzsteigerung.

Moderne Gesellschaft:
Eine Gesellschaft, die sich in verschiedene, von einander unabhängige
Funktionssysteme differenziert:

Politik
Wirtschaft
Recht
Erziehung
Religion
Wissenschaft

Diese Funktionssysteme steuern sich selbständig. Sie sind zwar miteinander


verflochten, handeln aber unabhängig voneinander und beeinflussen sich
gegenseitig nur wenig. Das Gesamtsystem („Die Gesellschaft“) verzichtet auf
Ordnungsvorgaben, Regulationen oder Koordination. Diese Selbständigkeit der
Funktionssystem - jedes Funktionssystem konzentriert ausschliesslich auf sich
selber - ergibt eine hohe Problemlösungskompetenz und eine starke
Überlebensfähigkeit.

Zitat: GG, p. 762-763

Zugrunde liegende Deutungskonzepte:


In den alten, nicht funktional differenzierten Gesellschaften überwiegen einfach
strukturierte, oft monokausale Deutungskonzepte mit starkem Bezug auf
vorgegebene Ordnungsbilder a la „es war einmal...“ Deutungskonzepte in modernen
Gesellschaften sind komplexer müssen mehr Raum für Widersprüche und
Variationen bereit stellen.

Die einzelnen Funktionssysteme der modernen Gesellschaft handeln weitgehend


selbständig, ohne dass jedes Ereignis in einem der Funktions-Systeme zwingend
Konsequenzen für alle anderen Funktions-Systeme hat. Im Unterschied zu alten
Gesellschaften koppeln funktionsdifferenzierte Gesellschaften ihre Kommunikation
von der persönlichen Interaktion (d.h. direktes Miteinander Reden) der Beteiligten
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Burkhard Luber: Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft / Seite 2


ab, indem sie externe Speicher (Schrift, Buchdruck, Computer) verwenden. In
modernen Gesellschaften muss deshalb im Unterschied zu alten Gesellschaften
nicht immer alles mit allen abgestimmt werden = das ermöglicht starke
Beschleunigung, Zeitgewinn und Anpassung. Damit das klappt, wird mit Medien
grosser Reichweite (Geld-, Macht- und Informations-Ketten) operiert, die über Zeit
von hoher Dauer sind. Zitat: GG, p.762

Die funktionsdifferenzierte Gesellschaft hat hohe Überlebenschancen weil:

a) Sie ist hoch anpassungsfähig: Nicht ein Häuptling oder König muss immer alles
wissen, sondern die vielfältigen Probleme werden auf die diversen Funktionssysteme
verteilt und simultan funktionsdifferenziert gelöst und

b) Sie ist sehr störungsresistent: ein Problem in einem der Funktionssysteme stellt
noch nicht gleich das Fortbestehen der anderen Funktionssysteme infrage!

Ständegesellschaften waren bei Erkrankungen oder Unfähigkeit von Königen oder


Päpsten gelähmt, weil die geweihten Herrscher nicht einfach austauschbar waren. In
modernen (demokratischen) Gesellschaften bleiben einzelne personale Probleme
als Problem auf das einzelne Funktionssystem, wo sie entstehen, beschränkt. Die
Probleme brauchen (nur) in diesem! Funktionssystem gelöst werden und greifen als
Problem nicht auf andere Funktions-Systeme über.

Hinweis:
Auffällig für funktionaldifferenzierte Gesellschaften ist, dass es dort weniger auf
"Wahrheit" ankommt, sondern: "Wer ist zuständig?, Wer ist verantwortlich, Wer hat
schuld?" Probleme werden nicht mehr über Werte oder Wahrheit skandalisiert,
sondern über Gerichte, Untersuchungsausschüsse, die Medien etc. Nicht das
Rauchen an sich ist das Thema, sondern die neuen Verordnungen dazu.

Zitat Luhmann GG p.630

Interessante Testfrage für eine funktionsdifferenzierte Gesellschaft wie Deutschland:


Wer ist der Mächtigste in Deutschland?: Merkel?, Ackermann?, Jauch?, BILD?,
Grönemeyer?, Bayern München?, Bischof Huber?

Merke:
- eine rote Karte für Michael Ballak im WM-Endspiel lässt Merkel nicht als
Bundeskanzlerin zurücktreten,
- wenn rauskommt dass ein Bischof in einem Bordell verkehrt, würde das nicht die
Aktien der kirchlichen Immobilienfonds abstürzen lassen
- nachdem die Ergebnisse der Pisa-Studie veröffentlicht wurden, hat Amazon seine
Buch-Preise nicht gesenkt

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Burkhard Luber: Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft / Seite 3


Zweites Modell:
Johan Galtungs Theorie der internationalen Globalisierung:

(vgl. sein Aufsatz im Sammelband „Imperialismus und Strukturelle Gewalt", hg durch


D.Senghaas in edition suhrkamp)

Die Welt gliedert sich in Zentren und Peripherieen bzw. Topdogs und Underdogs mit
klarem Macht- und Reichtumsgefälle. Und dies auf verschiedenen Ebenen:

In der Welt: Nordamerika+Europa+Japan/China vs: Südamerika/Afrika/Middle East


und Rest of Asia

In Europa (als Bsp): „die europäische Banane“ (London, Paris, Frankfurt, Milano) vs:
Sizilien, Nordengland, Balkan

In D (als Bsp): Berlin, FRA, Stuttgart, Dresden vs: Bremen, Ostdeutschland,


Saarland

In FRA (als Bsp): Bürostadt Niederrad, Rhein-Main airport / Autobahnkreuz Rhein-


Main, Bankenviertel vs: Slumquartiere wie: Nordweststadt

Das Macht/Ohnmachts-Profil und wie es sich unterhält, erkennt man dann, wenn
man die Zentren/Periferien analytisch noch wie folgt weiter differenziert in:

Zentren der Zentren (Frankfurt in D, Milano in ITA)

Peripherien der Zentren (MecklVorpomm in D, Sicilia in ITA)


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Burkhard Luber: Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft / Seite 4


Zentren der Peripherien (Lagos in Nigeria, Rio in Brasilien, Palermo in Sicilia)

Peripherien der Peripherien (Sahel im Tschad, der Süden in Venezuela, Corleone in


Sicilia)

Das Macht/Ohnmachts-Profil der Top-/Underdogs unterhält sich durch die


unterschiedlichen Interessenlage von Zentren/Peripherien wie folgt:

Die Zentren in den Zentren und die Peripherien in den Zentren haben gegenläufige
Interessen:
der Banker in FRA gegen den Arbeitslosen in Thüringen; die PolitikerInnen in
Beograd und die armen Bauern im Presevotal

Die Zentren in den Zentren und die Zentren in den Peripherien haben gleiche
Interessen:
die business Personen in London, Lagos und Buenos Aires haben den gleichen PC,
sprechen alle gut English, kleiden sich mit Gucci, benutzen MS Office software und
kennen die gleichen Golfplätze / vgl. das Zitat vom Chef der Kleidungsmarke Boss)

Die Peripherien in den Zentren und die Peripherien in den Peripherien haben
gegenläufige Interessen:
die Arbeiter in einem Autowerk in Magedeburg haben gegenläufige Interessen zu
den Arbeitern in einem Autowerk in Brasilien, die Werftarbeiter in Rostock haben
gegenläufige Interesse zu denen Werftarbeitern in Singapur
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Drittes Modell:
Thomas Friedman „Der BMW und der Ölbaum“
(„The Lexus and the Olive Tree“ / dt. „Globalisierung verstehen“)

Das Spannungsverhältnis zwischen Modernität/Globalisierung und


Familie/Heimat/Tradition. Der Mensch in der Gegenwart kann einerseits der
Globalisierung nicht entrinnen, hat aber gleichzeitig Bedürfnis nach Referenzpunkten
für Geborgenheit, die ihm die Globalisierung nicht geben kann.

Frage: Wie kann beides versöhnt werden? Beispiel: Machtanstieg der Multinational
Corporations (die nachhaltig das Schicksal aller Menschen beeinflussen und der
Abstieg des Nationalstaats, der für viele lange Zeit ein wichtiger Referenzpunkt war
(vgl. Statistische Zahlen und die story von MacDonalds in der Altstadt Tallinn).
Problem, wenn diese Spannung extrem „aufgelöst“ wird: nationaler oder
ideologischer Fanatismus oder globalisierte ruinöse Barbarei.

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BLs eigene Beobachtungen:


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Burkhard Luber: Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft / Seite 5


Beobachtung I:
Das Ende der Arbeitswelt traditionellen Typs

Miniaturisierung und Digitalisierung verknappen unumkehrbar die notwendige


Arbeitskraft und Arbeitszeit. Aus der Frage nach der Vermehrung von Arbeit und
Arbeitsplätzen wird zunehmend die Frage nach der gerechten Verteilung der
knapper werdenden Arbeit.

Beobachtung II:
Die Intensivierung von Vernetzung und Mondialisierung durchs Web zu Lasten von
Gemeinschafts-Identifikation

(Zitat Luhmann zur Weltgesellschaft, S.66)

in spätestens 10 Jahren wird kontinuierliches online-Sein zeitlich so


selbstverständlich sein, wie heute elektrischer Strom und örtlich durch Satelliten-
Datenverkehr sogar noch verbreiteter = tendenziell überall auf der Erde (vgl BLs
pocketweb device)

anytime / everywhere

zunehmende Beschleunigung ("real time")

Das Web verändert unser Wahrnehmen und Handeln:


jeder kann mit wenigen Hilfsmitteln alles sein und alles werden (Autor, Verkäufer,
Journalist, Regisseur, Komponist)

jedeR kann übers Web alles in der Welt beobachten: kritisch, zensurüberwindend,
preistransparenz herstellend, neue Kaufmöglichkeiten wahrnehmend

Bsp: ca 1 Mio US-Einkommensteuererklärung werden schon – anonym - in Indien


gemacht, viele US-Fluggesellschaften haben ihre call centers nach Indien
ausgesourct (mit detailliertem Tng des Personals)

(Buch: Thomas Friedman: The World is Flat)

Gleichzeitig oder auch als Folge davon:


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Burkhard Luber: Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft / Seite 6


Bedeutungsverlust von Kollektiven als langfristiger sozialer Kitt im Westen (wie
Vereine, Gewerkschaften, Kirchen) zugunsten globalisierungs-basierter Info,
Kommunikation und Aktion. Kollektivierung findet nur noch in sehr engen
Zeitfenstern, bei klarer Focussierung und eindeutigem Trend-Bezug statt.

Und zwar focussierung in doppelter Weise:


a) Identifizierung des Einzelnen mit dem im event und dem durch das event
repräsentierten Trend und
b) Aufmerksamkeit-Focussierung mit Trend-Bezug durch die Medien: Events aller Art
speziell Sportereignisse (WMs, Bundesliga, Olympia, Tour d.France), Musikfestivals,
mediale Shows.

im Islam bleibt demgegenüber das Kollektiv (Familie, Clan) bisher noch weiter
relevant

Beobachtung III: Das Ende der Petrokratien

Das Ende der fossilen Rohstoffe wird die Macht der know-how-starken
Gesellschaften in US, EU und Japan vergrössern (Hybrid-Autos, Energiesparen,
Recycling) und die Macht der know-how-losen Gesellschaften (die meist gleichzeitig
auch undemokratisch sind!) die nur – zufällig – über Erdöl (als ihr einziges, aber
tendenziell zu ende gehendes Macht- und Reichtumspotenzial) verfügen, verkleinern
(Middle East, Venezuela, Nigeria, Indonesia).

Beobachtung IV: Wie stehts mit den Religionen?

Christentum:

-nur noch individuell relevant, nicht mehr kollektiv


-nur noch als Rechtfertigungssideologie relevant, dann aber auch gefährlich (Bush)

Asiatische Religionen:

ungefährlich weil individuell-beschränkt und nicht kollektiv-strategisch agierend

Problematischer Islam:

Problem I: ohne Aufklärung, Rückschrittlich (Diktaturen, frauenfeindlich, korrupt,


solo-ölabhängig),

Problem II: Widerspruch zwischen kontra-realem Welt-Bundesliga-Anspruch und


tatsächlich nur Kreisklasseniveau (durch "gekaufte Spieler" = Öl) = keine Patente,
keine top hits auf den charts, keine software, kaum Sporterfolge, keine

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Burkhard Luber: Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft / Seite 7


weltrelevanten Filme, Bücher.
Deshalb: no future/no hope (symbolisch: Selbstmordattentate und der wechselseitige
Terror Schiiten gegen Sunniten). Solo-Abhängigkeit vom Öl. Wenn Öl keine Rolle
mehr spielt = so ca. ab 2020, haben die ggw Petrodiktaturen auch keine Geld- und
Machbasis mehr. Wie werden sie dann! mit ihrer kollektiven Frustration umgehen??

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Burkhard Luber: Zum Verständnis der Modernen Gesellschaft / Seite 8

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