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LOTH

Ein Gedicht von Torsten Schwanke

Zwei Engel kamen abends gegen Sodom.


Lot aber saß zu Sodom unterm Tor.
Und da er sah die Engel, stand er auf,
Entgegen ihnen gehend, bückte sich
Mit seinem Angesicht zur Mutter Erde
Und sagte: Siehe, meine lieben Herren,
Kehrt ein doch in die Wohnung eures Knechtes
Und bleibt zur Nacht, lasst euch die Füße waschen,
So steht ihr morgens auf und zieht des Weges. -
Sie sprachen: Über Nacht wir wollen bleiben
Hier draußen auf der Gasse. - Er drang in sie,
Da traten sie zu ihm und in das Haus.
Er machte ihnen gleich ein Abendmahl
Von Broten, ungesäuert. Und sie aßen.

Doch ehe sie sich legten in die Betten,


Da kamen Männer Sodoms und umstanden
Das Haus, es waren junge Männer, alte,
Aus allen Winkeln der verruchten Stadt,
Die sprachen da zu Loth und fragten ihn:
Wo sind die Männer, die gekommen sind
Zur Nacht, die jungen Männer, schön wie Engel?
So führe sie heraus zu uns, dass wir
Erkennen sie, wie Männer tun mit Frauen. -
Loth ging hinaus zur Tür und schloss die Tür
Und sagte: Brüder, tut nicht so was Übles!
Zwei Töchter habe ich, die Jungfraun sind,
Die keinen Mann bisher im Akt erkannten,
Die schick ich aus dem Haus hinaus zu euch,
Dann tut mit ihnen, was ihr immer wollt.
Den jungen Männern tretet nicht zu nahe,
Die unter meines Daches Schatten sind.

Die Sodomiter sprachen da zu Loth:


Geh weg von uns! Und sprachen auch zu ihm:
Du bist ein Fremder hier und willst regieren?
Wir wollen dich noch schlimmer schänden als
Die jungen Männer wir zu schänden dachten. -
Und sie bedrängten Loth. Und als sie liefen,
Die Türe zu dem Hause aufzubrechen,
Da fassten aus der Tür die Engel, um
Den frommen Loth ins Haus hinein zu ziehen,
Sie schlossen dann die Türe hinter sich.
Die Sodomiter aber vor der Türe,
Geschlagen wurden sie von Gott mit Blindheit,
Die Jungen und die Alten waren blind,
Sie konnten nicht die Tür zum Haus mehr finden
Und wurden müde von der leeren Suche.

Die Männer sprachen also nun zu Loth:


Hast du noch einen Neffen oder Sohn
Und wer dir angehört in dieser Stadt,
Den führe du heraus aus dieser Stätte.
Wir werden diese Städte ganz verderben,
Weil ihr Geschrei ist laut vor Gott dem Herrn,
Und Gott hat uns gesandt, sie zu verderben.
Und da ging Lot hinaus und redete
Mit seinen Töchtern, seinen Schwiegersöhnen,
Mit den Verlobten seiner beiden Töchter:
So macht euch auf und geht aus diesem Ort,
Der Herr wird diese böse Stadt verderben. -
Doch schiens den jungen Burschen lächerlich.

Da nun die goldne Morgenröte aufging,


Die Engel hießen Loth zu eilen, sprechend:
So mach dich auf, dein Weib nimm, deine Töchter,
Auf dass du nicht auch umkommst mit der Stadt. -
Er zögerte, doch da ergriffen ihn
Die Männer, ihn, sein Weib und seine Töchter,
Auf dass der Herr verschone sie und rette,
Und führten sie hinaus bis vor die Stadt.

Und als sie ihn hinaus gebracht, da sprach er:


Errette dich und sieh nicht hnter dich,
Auch stehe nicht in dieser ganzen Gegend.
Steig auf den Berg, auf dass du nicht verstirbst.
Loth aber sprach zu ihnen: Nein, mein Herr,
Vor deinen Augen fand dein Diener Gnade,
So mache dein Erbarmen groß, mein Herr,
Da du Barmherzigkeit an mir geübt hast,
Dass meine Seele du im Sein erhieltest.
Ich kann mich retten nicht auf jenen Berg,
Es möchte dort ein Unfall mir geschehen,
Auf dass ich sterbe. Da ist eine Stadt,
In die ich fliehen kann, und sie ist klein,
Ich will mich retten in die kleine Stadt,
Dass meine liebe Seele bleibt lebendig.

Er sprach zu ihm: Ich hab dich angesehen,


Dass ich die Stadt, von der du redetest,
Dass ich sie nicht zu Trümmern reduziere.
So eile du und rette dich dahin,
Ich kann nichts tun, bis dass du dort hineinkommst.
Und darum nennt man diese Stadt auch Zoar. -
Die Sonne stieg, als Loth nach Zoar kam.

Gott ließ es regnen Feuersglut und Schwefel


Auf Sodom und Gomorra von dem Himmel
Und kehrte um die Städte und die Gegen
Und alle Stadtbewohner und was auf
Dem Land gewachsen war an Korn und Wein.
Sein Weib sah hinter sich und ward zur Säule.

Und Abraham ging aus des Morgens früh


Dahin, wo jüngst er vor dem Herrn gestanden
Und wandte dort sein Antlitz gegen Sodom
Und auf Gomorra zu und alles Land
Und schaute, da ging Rauch vom Lande auf
Wie Ofenrauch. Und es geschah, da Gott
Die Städte in der Gegend ganz verdarb,
Gedachte er an Abraham und führte
Loth aus den Städten, die er ganz verdarb.

10

Und Loth zog aus vom Städtchen Zoar und


Blieb auf dem Berg mit seinen Beiden Töchtern:
Elima war sehr fromm und Lea schön.
Loth hatte Angst, in Zoar noch zu bleiben,
So blieb in einer Höhle er mit beiden
Geliebten Töchtern, doch Elima war
Sein Liebling, Lea war der Tochter Liebling.
Da sprach Elima nun, die ältere,
Zu ihrer jüngern Schwester Lea dies:
Der Papa ist schon alt, schon fünfzig Jahre,
Kein Mann auf Erden nimmt uns je zu Frauen,
Auf dass er eingeht nach der Männer Weise
Und wir empfangen ihn nach Frauenart.
So komm, o Lea, meine schönste Schwester,
Lass Papa uns den alten Rotwein bringen
Und ihn betrunken machen von dem Rotwein.
Wenn Papa dann betrunken ist vom Rotwein,
Dann wollen wir mit unserm Papa schlafen,
Auf dass wir schwanger werden von dem Papa!
Elima nun und Lea gaben ihm
Den Wein vom Libanon des Nachts zu trinken.
Elima ging hinein in jene Höhle
Und legte sich zu Papa in das Bett.
Loth merkte nicht, wie sie ins Bett sich legte
Zu ihm, noch merkte er, wie sie dann aufstand
Am Morgen. Aber in der Höhle nachts
Loth hatte mit Elima Sex gehabt.

11

Am Morgen sprach Elima dann zu Lea:


O schönste Schwester mit den goldnen Locken,
Ich habe heute Nacht mit Loth geschlafen.
Wir geben ihm auch heute Nacht den Rotwein
Vom Libanon und machen ihn betrunken,
Dann gehst du in die Höhle in der Nacht,
O Lea, du bist ja so wunderschön,
Dann legst du dich zu Papa in das Bett,
Dass du empfängst den Samen von dem Mann!
So haben sie dem Papa wieder Rotwein
Vom Libanon, und Loth war sehr betrunken.
Und Lea machte sich, die Schöne, auf
Und legte sich zum Papa in das Bett
Und spreizte für den Mann die schlanken Beine.
Und Loth ergoss den Samen in die Tochter,
Doch merkte gar nicht, dass sie bei ihm lag,
Und merkte nicht, wie sie am Morgen aufstand.
Er hatte noch am Morgen einen Rausch
Und ahnte nur, er habe schön geträumt.

12

So wurden nun Elima und schön Lea


Vom Vater schwanger. Und die Ältere gebar
Ein Kind, ein Söhnchen, und sie nannt ihn Moab.
Und auch die Jüngere, die schöne Lea
Vom Vater schwanger war, und sie gebar
Ein Kind, ein Söhnchen, und sie nannt ihn Amor,
Von Amor stammen ab die Amoriter.