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News-Letter

Info und Hintergrund über Wälder, Menschen, Politik und Aktionen Nr. 27/28 - Dezember 2007

Schwerpunkt: Biosprit statt Regenwald


Mit Vollgas in die falsche Richtung
'Pack den Tiger in den Tank' sollte vor einigen Jahren noch das Bild der un- kommt man mit milden Grenzwerten
bandigen Stärke und Sprungkraft vermitteln, welche man sich mit dem Treib- weit entgegen (dass man sich als Ver-
stoff einer bestimmten Mineralölgesellschaft in seinen Tank füllte. Damals hät- braucherIn schon fragt, welchen Sinn es
te sich niemand vorstellen können, dass man einmal wirklich für die Sprither- macht, im Kleinen zu sparen) und die
stellung den Tiger bedrängen oder seinen Lebensraum sprichwörtlich in den neuen Modelle am Markt übertrumpfen
Tank packen würde. Millionen Hektar Regenwald sind gefallen, um neuen Plan- sich immer noch eher durch Leistungs-
tagen Platz zu machen, die Palmöl auch für unsere Autos produzieren. Biosprit zuwachs als durch Verbrauchsoptimier-
statt Regenwald ist also nicht ein Ausrutscher oder eine Themenverfehlung ei- ung.
niger Organisationen, die sich dem Walderhalt verschrieben haben - im Jahr
Die Zeit wird knapp. Während die Au-
2007 haben sich die Biospritproduktion und ihre Folgen zum wichtigsten The-
toindustrie offensichtlich lernresistent
ma auch von Pro REGENWALD entwickelt.
mit immer leistungsstärkeren Modellen
Schuld daran hat der Klimawandel. Um große Plantagen neu angelegt wurden. ihr altes Wirtschaftsmodell pflegt und
das Klima zu schützen und auch um eine nur zögerlich in die Entwicklung und
Die Rechnung geht aber nicht auf. Schon
Alternative zu knapper werdenden Produktion zeitgemäßerer Fahrzeuge in-
während der rasanten Ausweitung der
fossilen Treibstoffen wie Öl und Benzin vestiert, pusten wir weiter viel zu große
Anbauflächen kritisierten Umwelt-
zu haben, sucht die Welt aufgeregt nach Mengen Kohlendioxid in die Luft.
organisationen die Alternative als klima-
dafür verwendbaren nachwachsenden
technisches Nullsummenspiel oder gar Die Politik versagt. Unsere Volksver-
Rohstoffen. Geeignet sind u.a. Raps,
als Eigentor. Durch die
Zuckerrohr, Soja, Jatropha und Palmöl.
Vernichtung der Regen-
Palmöl bringt die höchsten Erträge und
wälder wird mehr Koh-
verspricht die größten Rendite. Kein
lendioxid frei, als durch
Wunder also, dass es kein Halten gab und
die Verwendung von
Palmöl überhaupt einge-
Inhalt spart werden kann. Das
Klima wird also nicht
2 Kein Bio: Sprit aus Biomasse
entlastet - es entsteht nur
3 Profiteure: Investoren und In-
der Schaden am Regen-
dustrie kapern eine grüne Vision
wald.
4 Marginale Böden: Magere
Böden, fette Beute? Der heftige Biosprit-
5 Global: Rohstoffe werden knapp Flirt ist nicht nur eine
6 Zertifizierung: Fördert vor zusätzliche Belastung
allem die Verschwendung
für die Ökosphäre, er
7 Sucht: Stoff für den nächsten Trip vernebelt auch den
8 Interview: Autoindustrie muß Blick für die eigentlich
umlernen In 6,4 Sekunden von Null auf 100 km/h. Der Q7 hat 2420 Kilo und 326 PS. Er schafft
wichtigeren Maßnah- 236 km/h. Mit dem Spitzenmodell des Ingolstädter Autoherstellers Audi muß/kann
1 1 Briefe schicken: Tempolimit
men zum Klima- und jeder Fahrer ausleben, was er vom Klimaschutz hält: nämlich nichts. (siehe Seite 7)
statt Palmöl
Ressourcenschutz: massive Verbrauchs- treterInnen hetzen zwar von Klima-
1 2 Norwegen: Tropenholz verboten konferenz zu Klimakonferenz, wenn es
einsparungen, den Umbau der gesam-
14 Plantagen-Safari: Dem Zell- aber darum geht klimaerhaltende Maß-
stoff auf der Spur ten Wirtschaftsstruktur auf ein Energie-
sparmodell und die Erziehung der Ge- nahmen zu entscheiden, dann knicken
1 5 Memorandum: Weniger Papier sie ein und entsprechen eher den Vor-
16 Tasmanien: Gegen Kahlschlag sellschaft zur umweltverträglichen Le-
bensgestaltung. stellungen der Lobbyisten, welche die
1 8 Partner Arbofilia: Unsere An- Energie- oder Automobilwirtschaft ver-
wort sind neue Bäume Bisher setzt sich eher noch das Gegen- treten.
2 0 Rückblick 2007: Aufbruch und ... teil durch: Energieintensiven Industrien
2 2 Impressum, Interna: Büro wird das Energieverschwenden finanzi- Regenwald- und Klimaschutz haben
2 4 Offener Brief: Geld zurück! ell leichter gemacht, der Autoindustrie immer noch eine zu schwache Stimme.
Kein Bio drin News-Letter Nr. 27/28

Sprit aus Biomasse: Wenig bio, aber extrem viel agro


Die Anbauflächen für unsere Energie der Zukunft liegen im (sub)tropischen Ausland
Holz ist der Energieträger aus Biomasse, produktion. Das Ziel der USA ist es, die genheit hauptsächlich der menschlichen
den die Menschen wohl als ersten und Bioethanolproduktion auch in den kom- Ernährung und als Rohstoff für Speise-
auch noch am häufigsten verwenden. menden Jahren zu fördern und voran- fette. Im Laufe der letzten Jahre hat sich
Die öffentliche Diskussion um unsere zutreiben. Da sie möglichst viel Mais für dies drastisch verändert. Inzwischen ge-
Energiezukunft bestimmen neuerdings die nationale Spritproduktion benötigen, hen über 70 Prozent des in Deutschland
aber eher die sogenannten Biotreib- werden sie keinen Mais mehr exportie- produzierten Rapsöls in die Erzeugung
stoffe. Im Allgemeinen Sprachgebrauch ren können. von Kraftstoffen.
ist häufig auch von Biosprit die Rede,
Bis 2005 war Brasilien noch der größte Die größten Rapsölproduzenten sind
wobei die Vorsilbe ‘Bio-’ nicht nur eine
Produzent und Verbraucher von Ethanol- Kanada, China, Indien und die Europäi-
umweltschonende Herstellung sugge-
sprit, wurde mittlerweile aber von den sche Union. Innerhalb der EU ist
riert, sondern auch eine klimaschonende
USA abgelöst. Um sich von Erdöl- Deutschland mit rund 1,5 Millionen
Verwendung des Treibstoffes. Wir wol-
importen unabhängiger zu machen, för- Tonnen Rapsöl im Jahr 2005 das bedeu-
len lieber mit einem Begriff arbeiten, der
dert die brasilianische Regierung sowohl tendste Erzeugerland. Die Anbaufläche
die Produktionsbedingungen treffender
die Herstellung als auch den Verbrauch in Deutschland ist von etwa 20.000
beschreibt und nicht beschönigt, ver-
von Ethanol. So ist in Brasilien landes- Hektar Anfang der 80er-Jahre auf rund
wenden also bevorzugt die Silbe ‘Agro’.
weit Benzin mit bis zu 25 Prozent 1,5 Millionen Hektar angewachsen. Die
Als Agrokraftstoffe werden solche Ethanolbeimischung erhältlich und ein Hauptanbauflächen liegen in Mecklen-
Kraftstoffe bezeichnet, die aus nach- großer Teil der Fahrzeugflotte kann mit burg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und
wachsender pflanzlicher Biomasse ge- speziellen Motoren reines Ethanol ver- Brandenburg.
wonnen werden. Dabei wird zwischen wenden. Mittlerweile hat Brasilien ehr-
Insgesamt werden in Deutschland rund
Bioethanol aus Pflanzen wie Mais, geizigere Ziele: es will Agrosprit für den
1,4 Millionen Hektar landwirtschaftli-
Zuckerrohr oder Getreide und Biodiesel Weltmarkt herstellen.
che Nutzfläche für die Produktion von
aus ölhaltigen Pflanzen wie Raps und
Im Gegensatz zu den USA produziert Agrokraftstoffen verwendet. Dies ent-
Nüssen unterschieden. Während Bio-
Brasilien Ethanol nicht aus Mais, son- spricht 8 Prozent der landwirtschaftli-
diesel herkömmlichem Diesel beige-
dern überwiegend aus Zuckerrohr. Die chen Nutzfläche Deutschlands.
mischt wird oder ihn ersetzen soll, ist
Anbaufläche wurde in den letzten zehn
Bioethanol der Ersatzstoff für Benzin. Palmöl
Jahren um 2 Millionen auf nun knapp 7
Bioethanol (Ethanolsprit) Millionen Hektar ausgeweitet. Etwa die Palmöl ist 2007 mit rund 40 Millionen
Hälfte dieser Fläche dient ausschließlich Tonnen das am meisten produzierte
Im Jahr 2005 wurden weltweit fast 50
der Ethanolproduktion. Nach Plänen der Pflanzenöl der Welt. Während die Öl-
Milliarden Liter Ethanolsprit produziert,
brasilianischen Regierung soll die An- palme ursprünglich aus Afrika stammt,
was etwa 2 Prozent des globalen Ben-
baufläche auf 30 Millionen Hektar er- sind heute Malaysia und Indonesien die
zinverbrauchs entspricht. Der größte
weitert werden. Zwei Drittel der bishe- größten Produzenten und Exporteure
Produzent von 'Agro'ethanol sind mitt-
rigen Anbaufläche befinden sich im von Palmöl. Von 2006 etwa 35 Millio-
lerweile die Vereinigten Staaten, die als
Bundesstaat Sao Paulo. nen Tonnen produzierten diese beiden
pflanzlichen Rohstoff Mais einsetzen.
Staaten rund 30 Millionen Tonnen. In
2005 wurden in den USA rund 15 Mrd. Mit rund 420 Millionen Tonnen ist Bra- Malaysia wachsen Ölpalmen auf über
Liter Ethanol hergestellt, was eine Bei- silien der mit Abstand größte Zucker- 4 Millionen Hektar und Indonesien will
mischung von 3,5 Prozent zum ver- produzent weltweit - die Hälfte davon die derzeitige Plantagenfläche von etwa
brauchten Benzin ermöglichte. Für die wird verspritet, was rund 17 Mrd. Liter 7 auf 26 Millionen Hektar bis zum Jahr
Ethanolproduktion mussten rund 6 Mil- Ethanol ergibt. Davon werden 3,7 Mrd. 2025 ausweiten.
lionen Hektar Maisfelder oder 20 Pro- Liter überwiegend in die USA exportiert
zent der 30 Millionen Hektar großen und die restlichen rund 13 Mrd. Liter Die wichtigsten Abnehmer des Palmöls
Gesamtmaisanbaufläche bereitgestellt sind für den heimischen Gebrauch vor- sind Indien, die Europäische Union,
werden. Das Ziel der US-Regierung ist gesehen. China und Pakistan. Bisher wird Palm-
es, diesen Anteil auf 30 Prozent, also öl hauptsächlich für die Produktion von
etwa 9 Millionen Hektar, auszudehnen. Biodiesel (Agrodiesel) Lebensmitteln verwendet, dann folgt die
Insgesamt produzierten amerikanische Biodiesel wird aus Pflanzenölen und Herstellung von Seifen, Waschmitteln
Bauern 2005 mit über 282 Millionen (auch tierischen) Fetten gewonnen und und Kosmetika.
Tonnen rund 40 Prozent des globalen wurde über Jahre propagiert, um eine Al-
Allerdings wird die Verwendung von
Maisaufkommens von 710 Millionen ternative zu Erdöl und der Abhängigkeit
Palmöl als Kraftstoff immer bedeutsa-
Tonnen. davon zu entwickeln. Für die Herstel-
mer und die enormen Flächenzuwächse
lung von Pflanzenöl geeignete Pflanzen
Wurden im Jahr 2000 noch 15,9 Millio- in Indonesien tragen der zu erwartenden
sind Raps, Ölpalmen, Sonnenblumen,
nen Tonnen Mais für die Agrosprit- Nachfrage aus Europa, Nordamerika
Leinsamen und Jatropha (Purgiernuss).
produktion eingesetzt, waren es 2005 und China nach Agrokraftstoffen Rech-
bereits über 36 Mio. Tonnen und somit Raps beziehungsweise das daraus ge- nung.
etwa 13 Prozent der nationalen Jahres- wonnene Rapsöl diente in der Vergan-
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Dezember 2007 - Doppelnummer
Agroindustrie profitiert News-Letter Nr. 27/28

Investoren und Industrie kapern eine grüne Vision


Nachhaltig und regenerativ war immer auch eine Frage der Dimension
Solange Öl konkurrenzlos billig war, barer Zeit einen großen Teil der fossilen tigten lassen sich höhere Rendite erwirt-
verlangte der Umstieg von fossilen auf Brennstoffe - klimafreundlich - ersetzen, schaften. Je größer, desto mehr Subven-
nachwachsende Energieträger sehr viel ist wissenschaftlich nicht tragbar“, tionen bleiben erfahrungsgemäß hängen.
Idealismus und Weitsicht. Wer an der schrieben die Sachverständigen in einem Der ideale Spielplatz für die ganz Gro-
Verbesserung von Holzheizungen tüftel- Sondergutachten und kritisierten die be- ßen im Agrobusiness also. Und die ha-
te oder an Biogasanlagen, die aus land- stehenden Subventionen für Agrar- ben sich längst kräftig in die Hände ge-
wirtschaftlichen Abfällen und Gülle Gas energie. In später beschlossenen Gesetzen spuckt und alle Hebel in Bewegung ge-
herstellen, fand kaum ein wirtschaftli- und Richtlinien wird trotzdem an Subven- setzt, um den Agrospritboom richtig ab-
ches Auskommen. So wie sich heute tionen und erhöhten Beimischungszielen heben zu lassen. Ganz vorne mit dabei
manche Biogasanlagenbetreiber wun- festgehalten, die in den Produktions- sind Nahrungsmittelmultis wie ADM
dern, dass man selbige auch mit Gülle/ regionen wiederum maßgeblich die Aus- (Archer Daniels Midland Company),
Abfall betreiben könnte anstelle mit ei- dehnung der Anbauflächen vorantreiben. Bunge, Cargill und Wilmar, die schon
gens dafür angebautem Mais, hat sich seit Jahrzehnten die Lebensmittel-
Sie bauen auf willfährige Politiker in
auch das Profil der ‘Antreiber’ geändert. produktion in weiten Teilen der Erde
Ländern wie Äthiopien, Brasilien, Ko-
Inspiriert von der öffentlichen Diskus- kontrollieren. Die Agroenergie eröffnet
lumbien, Ecuador, Indonesien, Malay-
sion und Besorgnis um den Klimawan- ihnen zusätzliche Märkte. Konzerne wie
sia und Kenia, die ihre Chance wittern
del, wurde die Biosprit-Lawine letztend- Monsanto, Syngenta, Bayer und BASF
und den Boom verstärken helfen. Indo-
lich von Unternehmen losgetreten, die arbeiten daran, Agrarpflanzen zu
nesien will seit Jahren Malaysia in der
sich einfach gute Geschäfte versprechen designen, die den Anforderungen der
Palmölproduktion überflügeln und er-
- dies in Allianz mit Politikern, die den Weg Agrosprit-Produzenten entsprechen.
höhte die Anbauflächen von gut 3 Mio
für diese Geschäfte mit den richtigen po- Ganz neue Allianzen bilden sich und
Hektar auf über 5 Mio im Jahr 2007. Im
litischen Entscheidungen und einem Füll- schieben den Boom zusätzlich an: Toyota
Jahr 2010 sollen es 17 Millionen Hektar
horn an Subventionen frei machen. arbeitet mit dem Ölmulti BP in Kanada
sein - meist zu Lasten von Regenwald
Mit dem ‘Iron Triangle of Ethanol Pro- und gegen den Widerstand der lokalen daran, Ethanol aus Zellulose herzustel-
duction’ beschreiben US-Organisationen Bevölkerung. Auch in Kolumbien räu- len. BP kooperiert mit dem Biotech-
das Geben und Nehmen in der Szene. men die Mächtigen - hier in Form of- Unternehmen DuPont an einem Projekt
Die Betreiber der Ethanolfabriken, Po- fensichtlich geduldeter paramilitärischer in Großbritannien, um eine neue Genera-
litiker und Maisproduzenten gruppieren Gruppen - auf der Suche nach Land für tion von Pflanzenkraftstoff zu entwickeln.
sich wie beim Tanz ums Goldene Kalb neue Plantagen Tausende von kolumbia- VW hat einen Vertrag mit ADM abge-
um den Rohstoff Mais. Die Vorteilnahme nischen Kleinbauern mit roher Gewalt schlossen um ‘sauberen’ Biodiesel für
aus dieser gegenseitigen Wechselbezie- aus dem Weg: ‘Bahn frei für Biosprit!’ die Dieselmotoren in den USA markt-
hung ist dabei wichtiger geworden, als das fähig zu machen. Royal Dutch Shell ist
öffentliche Interesse bzw. der Klima- Abgesegnet und durch zusätzliche Geld- dabei, eine zweite Generation von
schutz. Die Ethanolfabriken erhalten Sub- spritzen angeheizt wird der Boom durch Agrotreibstoffen zu entwickeln, und ver-
ventionen und durch Klimaschutzgesetze die Weltbank bzw. deren Tochter, die sucht sich an Ethanol aus Lignin und
gesicherte Wachstumsmärkte. Im Gegen- interamerikanische Entwicklungsbank Zellulose. Und Cargill, der Agro- und
zug fließen beträchtliche Spenden in die (IDB). Mitte 2007 organisierte sie bei- Nahrungsmittelriese, hat begonnen,
Wahlkampfkassen der Abgeordneten. Die spielsweise ein Darlehen über 120 Mil- selbst Pflanzendiesel herzustellen.
Ethanolproduktion bietet den Farmern ei- lionen US$ für die Usina Moema Acúcar
Die größten Gewinner der Agrosprit-
nen garantierten Absatz, der durch Sub- e Alcohol Ltda, ein Ethanolhersteller im
’Revolution’ sind die Gentech-Konzerne.
ventionen noch reizvoller gemacht wird. Bundesstaat Sao Paulo. Kein Zufall,
Während Genfood bis heute von den
Das ‘Iron Triangle of Ethanol Production’ denn die IDB sieht in Brasilien den idea-
meisten Verbrauchern abgelehnt wird,
hat sich, so die Kritiker, derart verselb- len Ort für die Agrotreibstoffexpansion,
werden sie ihre Automotoren wider-
ständigt, dass die Frage, ob das Programm weil es dort viel Platz für neue Anbauflä-
spruchslos mit genmanipuliertem
überhaupt einen Klimaschutzeffekt hat, chen gebe - es werden Zahlen von 120 Mil-
Agrosprit füttern. Mit Rohstoffen zur
nicht mehr ernsthaft diskutiert wird. lionen Hektar potenziell verwertbarem
Agrarenergiegewinnung versucht die
Ackerland genannt. Man müsse nur die
Auch wenn sie aus den beschriebenen Branche hoffähig zu werden. Unter
ineffektiven traditionellen Bauern-
Vorgängen gewarnt scheinen, setzen die Beteiligung von BASF Plant Science ex-
kulturen durch effektive industrielle
EU - sie will bis 2020 einen Agrosprit- perimentieren Forscher beispielsweise
Agrarplantagen ersetzen, zu deutsch:
anteil von 10 Prozent erreichen - und die mit genetisch veränderten Maniok-
extensive Rinderweide in industrielle
Bundesregierung unbeirrt auf den Ein- sorten, um höhere Stärkeanteile zu pro-
Mastanstalten umwandeln, wie man sie
satz von Agrarkraftstoffen. Zwar mahn- duzieren. Die Zulassung der Gensorten
aus den USA kennt.
te Ende Juli 2007 der Sachverständigen- wird die industrielle Maniokproduktion
rat der Bundesregierung für Umwelt- Industrielle Produktion ist die Zukunft. zur Energieerzeugung in vielen tropi-
fragen wenigstens eine Umkehr in der Die meisten der Agrarrohstoffe lassen schen Regionen forcieren. Dem traditio-
Förderpolitik an. „Der vielfach verbrei- sich mechanisiert ernten und weiterver- nellen Anbau als Grundnahrungsmittel
tete Eindruck, Biomasse könne in abseh- arbeiten - mit möglichst wenig Beschäf- hingegen droht die Verdrängung.

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3
Doppelnummer - Dezember 2007
Marginale Flächen News-Letter Nr. 27/28

Der Traum vom Biosprit: Magere Böden, fette Beute?


Marginale oder unproduktive Flächen warten nicht auf ihre neue Bestimmung
Als Reaktion auf Kritik an den Bio- märkten mehr Profit abwirft: Biomasse Beispiele in mehreren Ländern belegt.
spritentwicklungsplänen werden von für Agrosprit. Viele der Flächen beherbergen artenreiche
den Befürwortern (oder Antreibern) und sensible Ökosysteme, für die oft in
Ungenutzte Flächen als Ausweg
gerne besonders eingängige Vorteile Jahrhunderten eine nachhaltige Bewirt-
einer Biospritzukunft herausgestellt. Diese Auswirkungen auf die Ernäh- schaftung entwickelt wurde und die sich
Die Argumente dokumentieren viel rungssicherheit und -souveränität - dar- nur bedingt für agroindustrielle Produktion
Hoffnung in eine wirtschaftlich inter- unter versteht man das ‘Recht auf Nah- eignen. Sehr häufig ist Wasser knapp,
essante sowie klima- und umwelt- rung’, das ‘Recht zu produzieren’ sowie oder die Bodenfruchtbarkeit lässt zu
freundliche Zukunft. das ‘Recht auf eine selbstbestimmte wünschen übrig. Keine Optimalbedingung-
Landwirtschaft und Ernährung auf re- en um effizient Biomasse zu erzeugen.
So gilt die energetische Nutzung von gionaler Ebene’ - reden die ‘Antreiber’
Biomasse (aus der sich alle Agro- mit dem Argument klein, dass für die Sozial inakzeptabel
spritvarianten ableiten) noch immer als Agrospritproduktion weltweit viele Mil- Gewaltsame Vertreibung ist das Schick-
klimaneutrale und umweltfreundliche lionen Hektar nichtgenutztes (u.a. weil sal mit dem sich Kleinbauern im schlim-
Alternative zu Kraftstoffen auf Erdöl- wenig wertvolles) Land zur Verfügung meren Fall abfinden müssen. Doch Ent-
basis. Staaten versprechen sich von der stehen würde. Bei uns in Deutschland schädigungszahlungen weit unter Wert
Agrotreibstoff-Produktion, ihre Abhän- (bzw. in Europa) betrifft dies sogenann- und die erzwungene Abwanderung in
gigkeit von Erdöl(-importen) zu senken. te Stilllegungsflächen, die zur Minde- die Slums der nächstgelegenen größe-
Zudem bietet das „grüne Gold“ der rung der Agrarüberschüsse über ein Zu- ren Stadt sind ebensowenig zukunfts-
Landwirtschaft neue Einkommens- schußsystem aus der Produktion genom- trächtig und nicht akzeptable Kosten der
quellen, was in der Tat dazu geführt hat, men worden waren. Weltweit sollen zu- ländlichen Entwicklung, die Menschen
dass bäuerliche Betriebe sowohl in dem, so die Agrosprit-Befürworter, viele ja eher auf dem Land halten sollte.
Deutschland als auch im Ausland zu- Millionen Hektar ‘wertloses’ Land brach In dem Papier 'The Geopolitics of
nehmend auf „Bioenergie“ als zusätzli- liegen (im englischen ‘marginal’ oder Agrofuels', bezieht ein Teil der Zivil-
ches wirtschaftliches Standbein setzen. ‘arid’ lands) und regelrecht auf den gesellschaft Lateinamerikas Stellung
Des Weiteren werden den Ländern des Biomasseanbau warten. (06-2007, siehe www.wrm.org.uy/
Südens Export- und damit Ent-
'Ungenutzt' ist rar - und eine Frage subjects/biofuels/Quito_Manifest.html)
wicklungschancen eingeräumt.
der Definitionsmacht und nennt die Industrialisierung der
Agro-Industrialisierung führt zu Landwirtschaft als Ursache des Übels:
Wie so oft, eine Frage des Blickwinkels:
Verarmung ‘Die Industrialisierung der Landwirt-
Marginal/arid lands bezeichnen die Stra-
Doch schon bei den ersten Gehversu- schaft führt zur Verdrängung der Bau-
tegen der Agroindustrie und einige mit
chen, diese hochfliegenden Pläne um- ernschaft aus der Landschaft, da sie ih-
ihnen am gleichen Strang ziehende Re-
zusetzen, ist es zu massiven sozialen rem Wesen nach auf ein landwirtschaft-
gierungsvertreter potentieller Bio-
und ökologischen Verwerfungen ge- liches System ohne Bauern zusteuert.
masseproduktionsländer alle Länderei-
kommen. Die Biomasseproduktion für Dieses Modell hat weitreichende Folgen
en, die bisher noch nicht agroindustriell
Agrotreibstoffe verschärft durch die In- für die gesamte Gesellschaft. Es bedeutet
durchorganisiert sind. Als ob es keine
dustrialisierung und Kapitalisierung der die Enteignung der Ländereien im Besitz
Alternativen geben würde! Denn wenn
Landwirtschaft schon vorhandene Pro- der Gemeinschaften, die Plünderung
man genauer hinschaut, sind die Margi-
bleme und Strukturen. Was im Zusam- ihrer Territorien, die Konzentration und
nalen Flächen größtenteils alles andere
menhang mit der Futtermittelindustrie die Privatisierung von Land und Was-
als ungenutzt und wertlos. Sie sind
zur Solidarisierung zwischen Ver- servorräten, den Rückgang der Arten-
Wirtschafts- und Lebensgrundlage für
braucherorganisationen und Betroffe- vielfalt, die Zerstörung natürlicher Öko-
Kleinbauern, Viehzüchter und auch viele
nen in Produzentenländern geführt hat, systeme sowie Gewalt und eine Milita-
indigene Völker. Diese ‘ungenutzten’
tritt jetzt viel wuchtiger wieder auf: Ver- risierung, um die Kontrolle über die na-
Flächen sind oft seit Generationen im
treibung, Armut, Macht- und Kapital- türlichen Ressourcen zu erzwingen.
kollektiven Besitz örtlicher Dorfgemein-
konzentration sowie massive Natur- schaften, die dafür traditionelle Nut- Diese Marginalisierung der Gemein-
zerstörung. Millionen der ärmsten Men- zungsrechte haben oder sie einfordern. schaften, die im ländlichen Raum be-
schen sind von der Entwicklung dop- ginnt, ist Ursache beschleunigter Ver-
pelt betroffen: erstens werden sie durch Ökologisch Unsinn städterung die wiederum zu einer Krise
die meist im industriellen Maßstab agie- Frühere Nutzungsweisen dieser margi- in der Energieversorgung, im Wohnungs-
renden Biomasseproduzenten aus ih- nalen Ländereien und die in diesen Re- bau, bei der Gesundheit und anderen
ren Subsistenzexistenzen vertrieben und gionen lebenden und wirtschaftenden grundlegender Dienstleistungen, bei Ar-
zweitens können sich viele den Kauf der Menschen zu übersehen, mag ein Form- beitsplätzen und dem Zugang zu Nahrung
knapper (und somit teurer) werdenden fehler sein. Die Folgen, die sich aus der in den Städten führt. Städtische Armut
Grundnahrungsmittel nicht mehr lei- Umwandlung vermeintlich ungenutzter brütet Gewalt, Konflikte und die gesell-
sten. Denn auf vielen Flächen wird zu- Flächen für Natur und Mensch ergeben, schaftlichen Ärgernisse, die typisch für
nehmend produziert, was auf Export- sind aber katastrophal - und schon durch Großstädte im Süden sind.'
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Dezember 2007 - Doppelnummer
Rohstoff-Frage News-Letter Nr. 27/28

'Krieg um Rohstoffe' legt einen Zahn zu


Strukturelle Probleme auf der Nachfrageseite bleiben weiterhin ungelöst
Biosprit hat seine Unschuld längst verloren. Während viele noch die Hoffnung stellung andererseits potentiell fast alle
haben, Energie aus nachwachsenden Rohstoffen könne die Macht der Ölmultis produktiven Ökosystemtypen durch
und Produzentenländer brechen, haben diese sich schon die Schlüsselpositio- Übernutzung Schaden zufügen kann.
nen in der Agrospritwelt gesichert. Und während manche Umweltverbände und Nie zuvor gab es diesen direkten Wett-
Entwicklungsorganisationen mit Unternehmen an Roundtables (Runden Tischen) streit zwischen einem so enorm nach-
Kriterien und Regeln für eine sozial- und umweltfreundlichere Agro-Sprit- gefragten Industrierohstoff und der Er-
Produktion diskutieren, schaffen die Kampftruppen der ‘Antreiber’ schon die nährung. Diesen Zusammenhang wer-
neue Realität. Tausendhektarweise werden Wälder und andere wertvolle Öko- den über steigende Nahrungsmittel-
systeme gefällt, abgebrannt und abgeräumt, werden Menschen vertrieben, um preise zuerst die Armen spüren, die we-
ihre Existenzgrundlage gebracht oder gleich ganz eliminiert, wird die industri- niger Kaufkraft haben als Autofahrer in
elle Monotonie gewaltsam in den letzten Winkel unseres Planeten getragen. den Industrieländern. Denn der Markt
wird bevorzugt Tanks füllen anstelle ar-
Die Suche nach und die Ausbeutung von aus Politik und Automobilindustrie, den mer Leute Mägen, denen man zu allem
Rohstoffen ist nichts Neues. Ihre Nut- renditefixierten Managern von Invest- Unglück bei der Einrichtung der Plan-
zung war eine Voraussetzung für die mentfonds und Agroindustrie, den tagen auch noch die Möglichkeit zur
Entwicklung von Gesellschaften und ist boomenden Ökonomien der Schwellen- Subsistenzwirtschaft genommen hat.
bis heute Schmierstoff der zivilisierten länder, sowie den Entwicklungsein-
Welt. Ebenso alt ist die Geschichte der peitschern einiger Südländer. Ihr Run Agrosprit ist Ersatzdroge
Übervorteilung der in Köpfen gemessen auf Biosprit ist ein Blitzkrieg gegen Biosprit, als wichtigste 'klimaschonende'
zahlreicheren Rohstofflieferanten durch Natur und Mensch. Alternative zum schädlichen Erdöl ver-
die bevölkerungsärmeren Industriegesell- marktet, trägt nicht zur Entspannung der
Monotonie und Entmachtung
schaften in Nordamerika und Europa. So globalen Rohstoffproblematik bei. Im
nahm trotz des Reichtums an natürlichen Denn der Krieg um Rohstoffe wird nicht Gegenteil, dies verstellt den Blick auf
Ressourcen und des Abbaus bzw. Han- nur gegen die Natur geführt, sondern die wichtigste Maßnahme für das
dels damit die Armut in vielen Ländern verstärkt auch gegen die Menschen und Überleben: den radikalen Umbau von
Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zu. die sich seit Jahrtausenden entwickelten Wirtschaft und Gesellschaft auf ein
Die ökologischen und sozialen Lang- Kulturen. Wer innerhalb weniger Jahre Energie-und Ressourcensparmodell.
zeitschäden sind dabei oft noch nicht Millionen Hektar Land auf Agrosprit-
Rohstoff, sei das Zuckerrohr, Palmöl Agrosprit kann Öl nicht ersetzen
einkalkuliert. Die Geschichte lehrt Eines:
Hohe private Gewinne und staatliche oder Jatropha, umbauen will, kann nicht Treibstoffe auf Basis von Agrarproduk-
Einnahmen haben selten armuts- auf Nebensächlichkeiten achten. Man ten haben (noch) eine positive
reduzierende Wirkung - solange Eliten muss die Produktionsfläche ebnen, die- Konotation: Sie helfen das böse Erdöl-
der Lieferländer mit den Rohstoffauf- se ohne Unterbrechung möglichst groß zeitalter überkommen. Sie vermitteln ein
käufern kungeln und Einnahmen auf anlegen, ausreichend Wasser hinpumpen Gefühl der Selbstversorgung (auch
Privatkonten in der Schweiz oder anders- oder entwässern, die Ernte und den Ab- wenn sie aus den entferntesten Winkel
wo fließen lassen. transport zu den Verarbeitungsstätten der Erde hergekarrt werden müssen) und
und in die Verbraucherregionen organi- sie 'versprechen' Energiekonsum ohne
Beschleunigung der Zerstörung sieren und darauf achten, dass nicht zu sich über den Klimawandel Gedanken
Biosprit bringt auch neue Dimensionen viele Leute beschäftigt sind, die die Ren- machen zu müssen. Gegen diese Aus-
in den Kampf um Rohstoffe - oder um dite auffressen könnten. Idealerweise ein sichten zu argumentieren ist schwer, zu-
deren Anbauflächen, wie hier bei den möglichst gleichgeschaltetes System, in mal die Allianz der ‘Antreiber’ geschickt
nachwachsenden Rohstoffen. Selten zu- dem ehemals eigenverantwortliche wirt- die Vorteile vermarktet um ja von den
vor hat sich eine ähnlich machtvolle Al- schaftende Menschen zu ferngesteuer- Nachteilen der Biospritstrategie abzu-
lianz mit dem Ziel zusammengefunden ten Zulieferungssklaven auf Abruf de- lenken, wie von der Begrenztheit der
möglichst schnell die Oberfläche unseres gradiert werden - mit weniger regiona- Ökosphäre und insbesondere davon,
Planeten in monotone Produktions- ler Mitbestimmung und Kontrolle sowie welch einzigartiger Stoff unsere Moto-
wüsten umzuwandeln. Gemessen an der Selbstverwirklichung. Monotonie auf ren bisher antreibt: Erdöl ist das Kon-
Geschwindigkeit, mit der für Agrosprit den Feldern, in der Arbeit und in den zentrat jahrtausendlanger längst abge-
innerhalb von nur fünf Jahren millionen- Köpfen droht. schlossener Wachstumsprozesse und
hektarweise Waldflächen in Plantagen über lange Zeiträume eingelagerte
Biomasse für Mägen oder Motoren?
umgewandelt wurden, erscheint die Überschussproduktion.
jahrzehnte dauernde Waldzerstörung Für Menschen die bedeutendere neue
Dimension ist eine Materialfrage: Agro- Wer maßt sich an, diese Leistung heute
durch die industrielle Holzwirtschaft
sprit lässt sich praktisch aus allem her- zur Deckung unseres zu hohen Energie-
eher wie ein schleichender Tod.
stellen, was wächst (und was Menschen bedarfs laufend der Natur abzuzwacken?
Sektorenübergreifende Allianz essen) und ist somit einerseits direkte
Diese Allianz der 'Antreiber' ist breit auf- Konkurrenz zur Nahrungsmittel-
gestellt mit ihren Besitzstandsverwaltern produktion, während die Sprither-

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5
Doppelnummer - Dezember 2007
Absatzförderung News-Letter Nr. 27/28

Zertifizierung: Leitplanke für Verschwendungspfad


Erfahrung mit Holzzertifizierung lehrt: Viel Greenwashing, aber keine Lösung
Überall wo in der Herstellung oder Ge- der eine Nachhaltigkeitsbeurteilung ver- Projektebene eigentlich umwelt- und
winnung eines Produktes Missbrauch, schiedener Agrotreibstoffe ermöglichen sozialunverträgliche Plantagen als nach-
Menschenrechtsverletzungen oder Um- soll. Die inhaltliche Diskussion zu den haltig durch und die wenigen am Prozess
weltzerstörung nachgewiesen wurden, Themen Treibhausgasbilanz, ökologi- beteiligten Basisorganisationen mit An-
wird der Ruf nach einem Nachhaltig- sche Nachhaltigkeit, soziale Auswirkun- bindung an Menschen in der Region hof-
keits- bzw. Gütesiegel laut. Der Anreiz, gen und Umsetzung in der Praxis treiben fen von der Dynamik, in die sie sich
sein Produkt durch ein Zertifikat oder - vier Arbeitsgruppen voran. Ein eigenes mangels Masse kaum einbringen kön-
noch wirkungsvoller - ein Ökosiegel Zertifizierungssystem scheint nicht an- nen, nicht überrollt zu werden. Im Ok-
besser zu stellen oder wenigstens dro- gestrebt zu werden, die Ergebnisse sollen tober 2007 hat der RSPO auf über 50
hender Kritik zuvor zu kommen, verlei- in andere Prozesse eingespeist werden. Seiten Kriterien und Prinzipien für nach-
tet manche Hersteller sogar dazu, eige- haltiges Palmöl veröffentlicht. Der Pra-
Nach dem Motto 'je größer die Sauerei,
ne Siegel zu erfinden. Mittlerweile gibt xistest steht noch aus, Kritiker fürchten,
desto wichtiger ein Zertifikat' hat sich
es eine Flut an Siegeln für Nahrungs- dass sich die beteiligten Unternehmen
zum Palmöl beizeiten ein anderer Run-
mittel, Blumen, Fisch, Strom, Holz, Soja an keine der Verpflichtungen halten
der Tisch etabliert: der Roundtable on
- und nun sollen auch Agrotreibstoffe ein werden und Palmöl weiterhin zur
Sustainable Palm Oil (RSPO oder Run-
solches Siegel erhalten. Regenwaldzerstörung beitragen wird.
der Tisch Nachhaltiges Palmöl). Schon
Um sich der Nachhaltigkeit von Agro- bevor sich der ganz große Agrosprit- Denn so schön sich diese Kriterien und
treibstoffen anzunähern, riefen Ende 2006 boom abzeichnete, haben sich Indone- Empfehlungen des RSPO und später die
die Eidgenössische Technische Hoch- sien und Malaysia einen Wettlauf um des RSB lesen (werden), müssen diese
schule Lausanne und Claude Martin, der den Spitzenplatz als global größter in der Produktion auch Anwendung fin-
frühere Generalsekretär des WWF, den Palmölproduzent geliefert - und dafür den. Die Erfahrungen mit Holz-
Roundtable on Sustainable Biofuels Millionen Hektar Regenwald über meh- zertifikaten lassen uns daran zweifeln,
(RSB oder Runder Tisch Nachhaltige rere Jahre lang zerstört und abgebrannt. dass sich Probleme wie Zerstörung von
Biokraftstoffe) ins Leben. Diese Runde Palmöl wurde vor allen Dingen als Speise- Wäldern und Ökosystemen bei der An-
aus Wissenschaftlern, VertreterInnen aus öl und -fett, sowie in der Nahrungsmit- lage neuer Plantagen, Biodiversitäts-
Umweltorganisationen, Kleinbauern- tel- und Kosmetikindustrie eingesetzt. verlust, Vertreibungen indigener und lo-
verbänden, der Automobilbranche, von Weil die Produktionsumstände nicht kaler Bevölkerungsgruppen von ihrem
Ölkonzernen und Plantagenbesitzern hat mehr zu verheimlichen waren und Palm- traditionellen Land, der umwelt- und
es sich zum Ziel gesetzt, eine global und öl als 'nachhaltiger' Energieträger für die gesundheitsschädliche Einsatz von Pe-
von allen Betroffenen akzeptierte Defini- Industrieländer hoffähig gemacht wer- stiziden und die jeglicher Würde spot-
tion nachhaltiger Biotreibstoffe zu erarbei- den musste, führte kein Weg an einem tenden Arbeitsbedingungen in den Plan-
ten. Im Laufe des Jahres 2008 sollen Siegel vorbei. Der RSPO ist industrie- tagen mittels freiwilligen Nachhaltig-
sogenannte Prinzipien und ein entspre- dominiert, einige Groß-NGOs nicken für keitssiegeln ohne jede Sanktions-
chender Kriterienkatalog vorgelegt werden, gefälliges Entgegenkommen auf möglichkeit lösen lassen.

Kritik: daran scheitert die Zertifizierung


* Nachhaltigkeitszertifizierung öffnet das die weitere verantwortungslose Zer- * Zertifizierung garantiert im Schadensfall
die Tür für Trittbrettfahrer. Nach Ein- störung der Wälder oder die Verletzung keine Wiedergutmachung. Wenn ein Unter-
führung der Holzzertifizierung dach- von Menschenrechten bestraft würden. nehmen Zertifizierungsauflagen nicht ein-
ten viele Verbraucher, die Tropenholz- hält und beispielsweise schützenswerten
* Zertifizierung ist Teil eines weltweiten
problematik wäre gelöst und haben gu- Wald trotzdem zerstört, ist der Schaden
Industrialisierunsprozesses und führt zur
ten Gewissens auch nicht zertifzierte nicht wieder zu beheben. Im schlimmsten
Entmündigung. Zertifizierungssysteme
Produkte gekauft. Fall verliert das Unternehmen das Zertifi-
müssen sich auf ein überschaubares
kat für die betreffende Operation.
* Glaubwürdigkeit braucht auch Spektrum an Kriterien beschränken - und
Sanktionsmöglichkeit. Die Erfahrun- können keinesfalls alle beispielsweise für * Zertifizierung akzeptiert auch Indiskuta-
gen mit Siegeln wie dem Holzzertifikat die soziale und kulturelle Entwicklung bles, wie Pestizide und GMOs. Nach den
FSC zeigen zudem, dass ein solches wichtigen Aspekte betroffener Menschen Kriterien des RSPO ist in den Plantagen
System durch unabhängige berücksichtigen. Das kann dazu führen, der Einsatz von Pestiziden und Chemi-
Zertifizierer nicht nur absolut glaub- dass Menschen einer Region im kalien erlaubt. Obwohl die verheerenden
würdig geprüft sein, sondern darüber Kompromiss zur Ausrichtung ihrer Pro- gesundheitlichen Auswirkungen des
hinaus auch einen ernstzunehmenden duktionsmittel auf Palmöl mit allen Kon- Pestizideinsatzes auf die Plantagen-
Sanktionsmechanismus haben muss. sequenzen 'gezwungen' werden und arbeiterInnen über Jahre hinweg doku-
Insider sehen den FSC wegen dieser Nachteile dafür in Kauf zu nehmen ha- mentiert ist, wird ihr Einsatz weiterhin
beider Mängel scheitern und auch der ben, dass anderswo 'stakeholders' Zugang gestattet und sogar noch mit einem Güte-
2 RSPO verfügt über kein System, durch zu Agroenergie haben. siegel versehen.

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Dezember 2007 - Doppelnummer
Suchtverhalten News-Letter Nr. 27/28

Agrosprit - neuer Stoff für den nächsten Trip


Die automobile Gesellschaft pflegt ihre Sucht ohne Rücksicht auf Verluste
„Die Beschleunigung ist fast surreal, denn das böse dreinschauende Dickschiff Ford baute seine Autos auch für
wuchtet sich in nur 6,4 Sekunden von null auf 100 km/h. Weil der Q7 aber mit Alkoholtreibstoff, das legendäre erste
der Stirnfläche eines Barockschlosses durch die Länder zieht, geht selbst dem auf dem Fließband produzierte Modell
Power-TDI bei 236 km/h die Luft aus“, schreibt Georg Kacher Mitte des Jahres T war mit einem Flexfuel Motor ausge-
in der Süddeutschen Zeitung über die „neueste Ausgabe des Audi-Wucht- stattet, welcher sowohl mit Alkohol als
brummers“, ein Fahrzeug mit 2420 Kilo und 326 PS. Was dem Einen sein Traum auch Benzin betrieben werden konnte.
ist - pro Jahr sollen 4000 Kunden das Gefährt kaufen und fahren - ist dem In den folgenden Jahrzehnten hatten
Anderen die Ursache für Albträume. Um die Highend-Träume und die Vision Agrofuels ihre Auf und Abs, ganz nach
von der grenzenlosen Leistung und Fahrfreude angesichts des Gebots, den Ein- der Interessenslage der Industrie oder di-
satz fossiler Brennstoffe einzuschränken, nicht wie ein Kartenhaus zusammen- verser Regierungen in Kriegs-
brechen zu lassen, setzt die Autoindustrie in den Zeiten der zu Ende gehenden situationen.
Ölvorräte und des Klimawandels auf Biosprit. Die Folgen sind verheerend.
Die Situation änderte sich mit den Öl-
Im Vergleich zum Vorjahr kletterte im strie) ermöglichen und keinesfalls Wirt- krisen 1973 und 1979: plötzlich be-
Jahr 2006 der weltweite Verbrauch von schaftsstrukturen ändern soll. herrschte die Endlichkeit der fossilen
Bio- oder Agrosprit aus Mais, Soja und Darüberhinaus erhoffen sich Investoren Treibstoffe die öffentliche Diskussion
Raps um 28 Prozent auf insgesamt 44 sowie in der Herstellung und am Han- und Alternativen mussten her. Insbeson-
Milliarden Liter. Die Produktion von del beteiligte Unternehmen ein Riesen- dere Brasilien und die USA starteten in
aus Pflanzen gewonnenem Dieselkraft- geschäft, welches politisch flankiert und den Folgejahren Ethanol-Programme,
stoff stieg um 80 Prozent, die von aus Klimaschutzmitteln üppig finanziert die Teile der fossilen Energieträger er-
Ethanol um 22 Prozent. Der Verbrauch wird und die bisherige Ausbeutung von setzen sollten. Brasilien setzte auf Zuk-
an fossilen Treibstoffen nimmt trotz der Mensch und Natur in der Dritten Welt kerrohr, während die USA Mais und
Biowelle nicht ab, der Nachholbedarf zu unserem Vorteil bei weitem übertref- Soja im Überfluss hatten und über die
in unterentwickelten Ländern sowie der fen wird. Verflüssigung zu Treibstoff den darben-
Trend zu immer leistungsstärkeren Mo- den Farmern einen neuen Absatzmarkt
Angesichts des derzeitigen Bioenergie-
toren kompensieren die vermeintliche schafften - keiner hatte damals daran
Rummels neigen manche zu falschen
Verbesserung. gedacht, dass Agrofuels gut gegen den
Schlüssen: Die Nutzung regenerativer
Während uns diese neue Energieform Klimawandel sein könnten.
Energieträger ist keine Erfindung der
aus nachwachsenden Rohstoffen als letzten zwei Jahre. Ihre Geschichte dürf- Mittlerweile ist der Klimawandel real,
klimaschonende und als einkommens- te mit der Feuerbeherrschung vor rund die drohenden Auswirkungen erzwingen
schaffende Maßnahme in ländlichen 1,5 Millionen Jahren begonnen haben. politischen Aktionismus und die
Regionen insbesondere der südlichen Und selbst der modern anmutende Investmentströme werden schon ent-
Länder verkauft wird, ist die ‘Ära der Biosprit ist so alt wie das Automobil sprechend umgelenkt. ‘Bio’sprit heisst
Biotreibstoffe’ zuallererst eine selbst: Rudolf Diesel hat auf der Welt- das Wundermittel. Gut als Ausrede für
Greenwash-Operation, die in jeder Hin- ausstellung 1900 in Paris seinen Motor Politiker, die eine längst überfällige und
sicht business-as-usual (siehe Autoindu- mit Erdnuss-Öl vorgeführt und Henry radikale Umgestaltung unserer Wirt-
schaft und Gesellschaft nicht angehen
wollen, aber unter Handlungsdruck ste-
* Das System dient Interessen der Industrie, nicht vertreten. Allein aufgrund dieses
hen. Ein Riesengeschäft für Investoren,
die die Definitionsmacht hat. Die Legitimi- gravierenden Missverhältnisses steht zu
die sich heute noch billig in südliche
tät eines Zertifikates hängt wesentlich da- befürchten, dass ökologische Erwägun-
Länder und eine sich entwickelnde neue
von ab, ob es von allen relevanten gen ebenso die Anliegen marginalisierter
Industrie einzukaufen glauben können
Stakeholdern auf Augenhöhe mitentwickelt Gruppen nur wenig Berücksichtigung bei
und schon Klimaschutz-Subventionen in
und -getragen wird. Hierzu zählen nicht nur der Erstellung der Kriterien gefunden haben.
Milliardenhöhe auf ihrer Habenseite ver-
Unternehmen und NGOs, sondern auch Ge- * Selbst wenn ein Zertifizierungssystem
buchen. Eine Gelegenheit für die Mine-
werkschaften und VertreterInnen margina- funktionieren würde - d.h. es unabhän-
ralölkonzerne, die Claims für das Zeit-
lisierter gesellschaftlicher Gruppen, wie gig und unter Beachtung aller Kriterien
alter nach dem Erdöl abzustecken und
etwa der indigenen Bevölkerung. Beim zertifiziert, sowie in der Lage ist, Ver-
bis dahin mit dem Investment in einen
RSPO kann davon allerdings keine Rede stöße zu ahnden - bedeutet dies nicht,
‘grünen’ Wirtschaftszweig Klimaschutz
sein. Im Vorstand des RSPO sind lediglich dass die Industrie nicht Systeme entwick-
zu heucheln (derweil sie weiterhin
vier Umwelt- und Entwicklungs- eln wird, die einen weit niedrigeren Stan-
ungebremst Erdöl und Erdgas aus
organisationen sowie ein Kleinbauern- dard haben. Eben dies ist im Bereich der
fossilen Lagerstätten pumpen). Und zu
verband vertreten, die elf restlichen Plätze Holzzertifikate geschehen, wo neben
guter Letzt natürlich Frischblut für den
werden von Unternehmen eingenommen. dem halbwegs akzeptablen FSC noch re-
agroindustriellen Komplex, in dem die
Unter den insgesamt 253 RSPO-Mitgliedern gionale, zumeist von der Industrie lan-
Saatgut-, Chemie-, Gentech- und Han-
sind nur 20 Umwelt- und Entwicklungs- cierte, Zertifikate im Umlauf sind, wie
delsunternehmen wie ADM, Bayer,
NGOs. Gewerkschaften sind überhaupt z.B. PEFC, MTCC, SFI, CSA, AFS...
BASF, Bunge, Cargill, Monsanto und
andere eine goldene Zukunft wittern.
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7
Doppelnummer - Dezember 2007
Kommentar/Interview News-Letter Nr. 27/28

Kommentar: Autoindustrie muss umlernen:


Mord und Unnötig viel Masse bewegen,
Monster-Energie
„Innocence Dias starb einen grausa- kostet unnötig viel Energie!
men Tod. Seine Mörder stachen sieben
Mal auf ihn ein und schnitten ihm die Regenwald und Verkehrspolitik schei- Atmosphäre das Treibhausgas entzogen
Kehle durch. [...] Er starb weil die nen wenig miteinander zu tun zu ha- haben und bei ihrer Verbrennung dann
Welt durch ‘grüne’ Energie besser ben. Es folgt ein Interview, welches kein zusätzliches Gas freisetzen. Kurz:
werden sollte.“ Seinen Tod, so der Ein- anläßlich einer Radiosendung mit weg von fossil und hin zu regenerativ
druck nach meiner kurzen Recherche im Hermann Edelmann, dem zuständi- bzw. nachwachsend.
Internet, starb der kolumbianische Bauer gen Kampagnenkoordinator bei Pro Frage: Was doch ein guter
Innocence Dias, von dem wir weder Al- REGENWALD, entstanden ist. Ansatz ist. Es gibt ja schon
ter noch Familiengeschichte kennenler- Frage: Pro REGENWALD Fahrzeuge, die mit Rapsöl und
Biodiesel fahren und daher das
nen, mit jedem Artikel über Biosprit im- macht seit Mitte November die
Kampagne ‘Tempolimit statt Klima nicht mehr schädigen.
mer wieder aufs Neue und im Close-up.
Palmöl’ und nicht alle verste- Man muss da genau hinschauen, das
Ein dankbarer Einstieg in ein Thema, das hen, warum eine Regenwald- kommt gleich...
es zu skandalisieren und mit negativen organisation sich in die Ver-
Bildern zu behaften gilt. Für diesen kehrspolitik einmischt? Aber zuerst muss ich vor einer Begriffs-
Zweck steigt das Grauen vor der Mon- verwirrung warnen: Biodiesel oder
Hermann Edelmann: Wir mischen uns
ster-Energie mit jedem Messerstich - und Biofuel hat nichts mit Bio zu tun. Das
damit ja nicht nur in die Verkehrspolitik
man nimmt es nicht so genau, dass die ein. Es geht auch um Klimapolitik, um Zeug wird in Monokulturen produziert,
Originalberichterstattung Anfang Juni Energiepolitik, um Entwicklungspolitik es wird gespritzt und mit Kunstdünger
sich diese Details erspart hat. gedüngt, es ist zu erwarten, dass zur Er-
und um unser Hauptthema, den Regen-
tragsoptimierung Gentechnik eingesetzt
Die Dramatisierung schafft Betroffen- waldschutz. Unsere Welt ist sehr kom-
wird und in vielen Regionen knappe
heit und nutzt im Nachhinein den Tod - plex geworden: Wer heute darüber nach-
Wasserresourcen sollen bevorzugt für die
auch wenn dieser überhaupt nicht im denkt, wie er den Verkehr in Deutsch-
land klimafreundlicher gestalten soll, Produktion dieser neuen Energieträger
Sinn des Ermordeten gewesen sein dürf- bereitgestellt werden, wie wir gerade an
te - im Kampf gegen die Mächte, die die kann zu Vorschlägen kommen, die zu
einem anschau-
Agroenergie vorantreiben und die für die Regenwaldzerstörung führen. Und da
lichen Bei-
damit einhergehenden sozialen und wirt- sagen wir Stopp, das kann es nicht sein.
spiel in Brasi-
schaftlichen Ungerechtigkeiten, für mas- Warum soll klimafreundlicherer lien erleben,
sive Umweltzerstörung, sowie Mord- Verkehr Regenwald zerstören?
wo es derzeit
und Totschlag verantwortlich sind. Weil die Politik dafür gesorgt hat, dass einen großen
Doch was diese Dramatisierung schul- Palmöl in den Tanks unserer Fahrzeuge Streit über die
dig bleibt, sind Antworten auf die der landet - ohne offensichtlich zu beden- Ableitung
Problematik zugrundeliegenden Fragen: ken, dass für dessen Produktion Regen- und damit Zer-
Nach welchen Konzepten soll die Mensch- wald gerodet wird. störung des
heit ihren Energiebedarf decken? Wie Vielleicht kannst du uns das Rio São Fransi-
kommen wir in den Industrieländern kurz erläutern? sco gibt, was
zu einem nachhaltigen Energiever- immerhin der
Dazu muss man etwas ausholen, fangen
brauch, der nicht auf Kosten der Ent- drittgrößte
wir mit dem Klimazusammenhang an:
wicklungsländer geht? Wie schafft Fluß im Land
Mittlerweile weiss jeder, dass Benzin
man solidarische Entwicklung für alle und Diesel, also fossile Treibstoffe, bei ist. Zudem ist das internationale Ge-
Regionen und Menschen dieser Welt? schäft heute schon in den Händen we-
der Verbrennung das Treibhausgas Koh-
Uns wäre es lieber, Innocence Dias wäre lendioxid oder CO2 freisetzen und da- niger multinationaler Konzerne, Klein-
noch am Leben und die Auseinanderset- mit den Klimawandel vorantreiben. Dar- bauern werden entweder verdrängt oder
zung um Agroenergie könnte von mit über gibt es, wie uns die Bali-Konferenz müssen sich in sklavenähnlichen Ar-
Horrorbildern um Aufmerksamkeit hei- Anfang Dezember gezeigt hat, erfreuli- beitsverhältnissen verdingen. Also eher
schen allmählich zur Suche nach cherweise im Großen und Ganzen kei- 'Teufelszeug' als 'bio' - viele nennen die-
Lösungsansätzen und deren konkreten ne Diskussion mehr - und auch nicht se Treibstoffe deshalb nicht 'Bio'sprit
Umsetzung mutieren. darüber, dass wir die weitere Anreiche- sondern treffender 'Agro'sprit.
Ein Tempolimit ist ein Schritt zur Ver- rung des CO2-Gases in der Atmosphäre Jetzt zum Klimaschutzeffekt: dieser
sachlichung. Es hilft konkret durch tunlichst vermeiden müssen. Um dies zu steht und fällt mit der Kohlendioxid-
Verbrauchsreduktion das Klima entla- erreichen gibt es zwei Möglichkeiten: bilanz des regenerativen Treibstoffs. Es
sten und wird Wirtschaftsstrukturen ver- entweder weniger verbrauchen oder aber muss mehr Einsparung erzielt werden,
ändern, die bisher das Recht auf Klima- - und das ist der Trick, auf den man neu- als man zur Produktion aufwendet. Das
zerstörung leben. Und es ist Prüfstein für erdings setzt - nur sogenannt klima- oft zitierte Rapsöl schneidet nicht beson-
den Bewusstseinsstand in unserer Ge- neutrale Energieträger verwenden, also ders gut ab, ist aber im positiven Bereich
sellschaft und Wirtschaft. solche, die bei ihrer Entstehung der - und das Palmöl, welches auf extra
8 www.pro-regenwald.org
Dezember 2007 - Doppelnummer
Interview News-Letter Nr. 27/28

gerodeten Regenwaldflächen in Indone- nen Tonnen Minderungsmöglichkeiten den Gesetzen der Physik kann sich auch
sien produziert wird, schädigt in der Ge- ungenutzt verstreichen. die deutsche Autoindustrie nicht vorbei-
samtbilanz das Klima mehr, als wenn mogeln. Und die sagen: Unnötig viel
Das muss man auch im Vergleich zu an-
man gleich das Erdöl verbrennen wür- Masse bewegen, kostet unnötig viel En-
deren Maßnahmen sehen: die Bundes-
de. ergie.
regierung hat ein Altbausanierungs-
Und damit sind wir bei unserem The- programm als Klimaschutzmaßnahme Kritiker eines Tempolimits
ma, dem Regenwald: nach allem was auf den Weg gebracht. Das kostet 1 Mil- verweisen darauf, dass der
Einspareffekt vernachlässigbar
wir heute wissen, ist die Zerstörung der liarde Euro und schafft eine Einsparung sei und sie bezeichnen ange-
Regenwälder gleichzusetzen mit der von 1 Million Tonnen CO2. Das Tem- sichts der 5 Prozent noch
Zerstörung der globalen Lebensgrund- polimit würde nichts kosten, würde SO- geschwindigkeitsgebotsfreien
lagen. Wenn wir dies als Nebeneffekt FORT wirken und würde die dreifache Strecken ein Tempolimit als
Symbolpolitik.
unserer Klimaschutzbemühungen in Menge einsparen.
Kauf nehmen wollen, müsste man eine Meines Erachtens nach ist es doch um-
Ich habe in euren Unterlagen
breite Diskussion führen und abwägen. von einer Zweiten Sparstufe gekehrt: Politik und Autoindustrie klam-
Vollkommen absurd ist es aber, den gelesen. Was versteht ihr mern sich fest an einem theoretischen
Regenwald für ‘Klimaschutzmaß- darunter? Geschwindigkeitsrausch, der nach eige-
nahmen’ platt zu machen, die den Treib- Das ist fast unser wichtigstes Argument, ner Argumentation auf deutschen Stra-
hauseffekt nicht abschwächen, sondern gut dass du das ansprichst: Der größte ßen ohnehin kaum realisiert werden
verstärken. Da muss man nichts mehr Spareffekt wird ja nicht durch die der- kann. Für diese fünf Prozent Freiheit
diskutieren: klimaschädliches Erdöl zeit diskutierte Geschwindigkeits- baut die deutsche Industrie vollkommen
durch Palmöl ersetzen ist klimaschutz- reduzierung allein erzielt, also in einem überdimensionierte Fahrzeuge und die
mäßig Unsinn und zerstört darüber hin- System in dem man zwangsweise mit Leute verschwenden mit diesen schwe-
aus noch Regenwald. SUVs (Sport Utility Vehicels) oder an- ren Kisten täglich unnötig Energie? Das
deren 2 Tonnen schweren Fahrzeugen ist nicht mehr zeitgemäß.
Deshalb setzt ihr mit der
Tempolimit-Kampagne auf die ‘langsam fahren muss’. Richtig gespart Angesichts der Vehemenz, mit der sich
erste Möglichkeit zum Klima- wird erst dann, wenn die Fahrzeugflotte unsere Bundeskanzlerin gegen die ge-
schutz, auf die Verbrauchs- und das Straßensystem in Zukunft die-
reduktion? planten Reduktionsziele der EU geäu-
ser neuen Höchstgeschwindigkeit ßert hat, verwischen sich ja fast die
Ja, zufälligerweise wird nach unseren angepasst auf leicht konstruiert sein Grenzen zwischen Politik und Autoin-
Abschätzungen durch ein Tempolimit wird. dustrie. Da hat ja selbst der ADAC Ende
auf Autobahnen genausoviel Treibstoff
Um das kurz am Beispiel zu erläutern: letzter Woche mit seinem Vorwurf, dass
eingespart, wie die Bundesregierung
in einem Verkehrssystem, in dem alle die deutsche Autoindustrie in den ver-
vorschreibt, dass Agrofuel zur Verbes-
Teilnehmer auf Höchstgeschwindigkeit gangenen Jahren mehr für den Klima-
serung des Klimaschutzes zwangswei-
120 ausgelegt sind, kann man mit viel schutz hätte tun müssen, eine kritische-
se beigemischt werden muss. Wenn un-
leichteren Fahrzeugen auskommen, weil re Position eingenommen.
serer Regierung am Regenwaldschutz
die dann im Ernstfall nur mit 240 auf-
liegen würde, könnte man das gegenein- Und recht hat er, denn im schlimmsten
einanderknallen würden und nicht mit
ander aufrechnen und wenigstens auf die Fall könnte der Autoindustrie drohen,
450 (das wäre die theoretische Aufprall-
Beimischung von Palmöl, von der wir was vor langer Zeit den Sauriern pas-
geschwindigkeit in einem System, in
wissen, dass sie sowieso unsinnig ist, siert sein muss: nicht angepasst an sich
dem beide Verkehrsteilnehmer 225 kmh
verzichten. ändernde Rahmenbedingungen sind sie
fahren können). Das würde eine riesen
in relativ kurzer Zeit aus der Ökosphäre
Wieviel Treibstoff wird durch Rohstoff- und Energieersparnis mit sich
ein Tempolimit eingespart? verschwunden.
bringen - insbesondere da man auch we-
Das Umweltbundesamt sagt, dass sich niger Masse bewegt. Buchtipp:
mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung Insofern wäre ein Tempolimit eine kla- Nirgendwo sonst darf
auf 120 Stundenkilometer annähernd re politische Vorgabe an die Autoindu- man ungebremst ra-
drei Millionen Tonnen Kohlendioxid im strie, künftig Fahrzeuge so zu konstru- sen. Warum hat sich
Jahr einsparen ließen. Dies wären dem ieren, dass sie möglichst energieeffizient bei uns die Vernunft
Präsidenten des Amtes, Andreas Troge, den Zweck des Personentransports er- noch nicht durchset-
zufolge etwa zehn Prozent aller auf Au- füllen können. zen können?
tobahnen entstehenden Emissionen und
Damit wäre dann Schluß mit der aus kli- Wolfgang Zängl: Rasen
es wäre nicht richtig, auf dieses
matischer Sicht dummen Forderung der im Treibhaus. War-
Minderungspotenzial zu verzichten.
deutschen Autoindustrie, die mit Ver- um Deutschland ein
Die Mehrheit in Politik, Wirtschaft und weis auf physikalische Gesetze den zu- Tempolimit braucht;
2 der Gesellschaft scheint das mit dem lässigen CO2-Ausstoß an schwere Kfz Gesellschaft für ökolo-
Klimawandel noch nicht ganz so ernst angepasst sehen will. Der Klimawandel gische Forschung (HG.)
zu nehmen - und läßt diese drei Millio- wird die Argumentation umdrehen: An Bestellung bei shop.pro-regenwald.de

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Doppelnummer - Dezember 2007
Interview Tempolimit News-Letter Nr. 27/28

Es reicht. ‘Tempolimit statt Palmöl!’


Der Klimawandel erlaubt nicht, Minderungspotentiale ungenutzt zu lassen

Es reicht. Genug dramatisiert, analy- Und danach erlaubt er nicht, Minde- dehnung der Plantagen, größtenteils zu
siert und zerredet. Zu lange nur ge- rungspotentiale ungenutzt zu lassen. Lasten von Regenwald in Indonesien.
tan, was bequem ist. Und politisch zu- Grund genug für ein Tempolimit auf Das Tempolimit hat aber zwei weitere
gelassen, was Wachstumskurven und deutschen Autobahnen Lobbyarbeit zu Wirkungen. Erstens zeigt es der Auto-
die nächste Wiederwahl nicht gefähr- machen. Das Motto ‘Tempolimit statt industrie die Notwendigkeit, vor allen
det. Einen Flugverkehr gefördert, der Palmöl’ mag verwundern, steht aber für Dingen auf Effizienz zu setzen und den
unverhältnismäßig Klima und Flug- die Beimischung von Palmöl in den Unsinn mit Kraftprotzerei und immer
hafenanlieger belastet und doch nur Treibstoff für Kraftfahrzeuge. Die stärkeren Motoren (wozu auch, die Stra-
einem geringen Prozentsatz der Welt- Message der Aktion ist zusammen- ßen werden doch immer besser) einzu-
bevölkerung dient. Einen Wohnungs- gefasst: Ja, ein Tempolimit trägt zum stellen. Zum anderen ist das Tempoli-
bau mit Wärmeschutzstandards zu- Klimaschutz bei UND es rettet Regen- mit auch ein politisches Statement an die
gelassen, die jahrzehntelang weit wald. Deshalb fordern wir als Sofort- Industrie, an die BürgerInnen und an die
schlechter waren als das technisch maßnahme zum Klima- und Regenwald- Welt: Wir haben die Dringlichkeit er-
Machbare. Eine Autoindustrie sich schutz ein Tempolimit. kannt und handeln entschlossen!
entwickeln lassen, die zur Rendite-
Fakt ist: der Energieverbrauch steigt mit Bitte unterstützen Sie die Aktion entwe-
optimierung den Kunden Leistungs-
der Geschwindigkeit und langsamer fah- der Online oder durch den Versand ei-
zuwachs anstelle Effizienzrevolution
ren als derzeit bietet gute Einspar- nes Faxes/Briefes an die Bundeskanz-
anpreist.
potentiale. Fakt ist auch, dass sowohl die lerin und die beiden zuständigen Mini-
Der drohende Klimawandel ist nicht gott- EU als auch die Bundesregierung dar- ster. Eine Vorlage finden Sie auf der
gegeben, sondern Ergebnis von falschen auf setzen, einen Teil der fossilen Treib- nächsten Seite, weitere Infos auf
und unterlassenen Entscheidungen in der stoffe durch nachwachsende Rohstoffe www.pro-regenwald.de/tempolimit.
Vergangenheit. Mit den angenommenen (wie beispielsweise das sehr ertragrei-
2 Grad Temperaturerhöhung dikitert er che Palmöl) zu ersetzen. Die zu erwar- Sie können diese Kampagne auch durch
neue Spielregeln, wenn die Szenarien tende Nachfragesteigerung nach Palm- eine Spende unterstützen: Stichwort
der Wissenschaftler halbwegs stimmen. öl fördert jetzt schon die drastische Aus- Tempolimit

Fakten: 'Biosprit' für Kraftwagen Jahren (CO2 um etwa 35%, Methan um ca. 150 % durch
Deutsche Autos sollen mehr Biosprit - oder besser Agrofuel - tanken. Bis Reisanbau, Rinderzucht und Müllfäulnis) führte zu einer Er-
2020, so sieht es die neue Biokraftstoff-Strategie der Bundesregierung höhung der globalen Durchschnittstemperatur um ca. 0,8 Grad
vor, soll jeder fünfte Liter von nachwachsenden Rohstoffen stammen. Das in den letzten 100 Jahren.
geht aus der sogenannten „Roadmap Biokraftstoffe“ hervor, die kurz vor
Weihnachten von den zuständigen Bundesministerien vorgelegt wurde.
Fakten: Kraftfahrzeuge und Klima-
schutz
Im vergangenen Jahr lag der Anteil noch bei 6,3 Prozent. Er soll nun kon-
Der Treibstoffverbrauch von Kraftfahrzeugen ist maßgeb-
tinuierlich anwachsen. Die höhere Quote soll in erster Linie durch Beimi-
lich abhängig von der Fahrgeschwindigkeit. Als grobe Re-
schung von Bioethanol zu Ottokraftstoff und Biodiesel zu fossilem Diesel
geln gelten folgende Relationen: bei einer Geschwindigkeits-
erreicht werden. Nach der derzeitigen Gesetzeslage darf die Beimischung
veränderung von 100 km/h auf 150 km/h werden 50 Prozent
aus technischen Gründen nicht mehr als fünf Prozent ausmachen.
mehr Sprit verbraucht, bei einer Veränderung von 100 km/h
Dem neuen Plan zufolge soll die Beimischungsgrenze auf zehn Prozent auf 200 km/h verdoppelt sich der Verbrauch.
erhöht werden, wobei auf dem Papier wenigstens der Anbau der Biomasse
Ein Tempolimit von 120 km/h würde den CO2-Ausstoß von
nachhaltig, klimaschonend und ohne Konkurrenz zur Lebensmittel-
PKW auf Autobahnen um mindestens neun Prozent verrin-
produktion erfolgen soll.
gern. Die dadurch eingesparten 3,3 Millionen Tonnen CO2
Umweltverbände haben berechtigte Zweifel an sozialer und ökologischer entsprechen dem Jahresausstoß eines Steinkohlekraftwerks.
Nachhaltigkeit: aus einem Entwurf für eine Richtlinie wurden kurzerhand Innerhalb des Verkehrssektors gibt es keine andere Maßnah-
die von NGO als wichtig erachteten sozialen Kriterien gestrichen. me, die so einfach und schnell einen so großen Beitrag zum
Klimaschutz leisten kann.
Fakten: Kohlendioxid
Aufgrund physikalischer Gesetze benötigen große und
Kohlendioxid (CO2) ist ein farbloses, geruchloses, ungiftiges Gas, das na-
schwere Fahrzeuge mehr Treibstoff.
türlicher Bestandteil der uns umgebenden Luft ist. Kohlendioxid entsteht
u.a. bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe und ist ein sogenanntes Die EU-Kommission hat einen Gesetzesvorschlag für künf-
Treibhausgas. tige CO2-Grenzwerte vorgelegt: Ab 2012 sollen alle Neu-
fahrzeuge eines Herstellers im Durchschnitt nur noch 130
Verbrennungsmotoren setzen Kohlendioxid frei. Aus einem Liter Benzin Gramm CO2 je Kilometer ausstoßen dürfen. Weitere 10
entstehen 2,33 kg CO2 und aus einem Liter Diesel gar 2,64 kg CO2. Eine Gramm sollen durch begleitende Maßnahmen eingespart wer-
Fahrt von München nach Hamburg (Fahrstrecke 775 km) in einem Diesel- den, wie etwa die Beimischung von Bio-Kraftstoffen. Der-
fahrzeug mit 6 ltr Verbrauch pro hundert Kilometer setzt aus 46,5 Litern zeit liegt der Durchschnitt der Emissionen noch bei 160 g/km,
Sprit rund 123 kg CO2 frei (oder 159 g/km). Daimler liegt mit 188 g/km knapp über BMW mit 184 g/km,
Die Erhöhung der Konzentration der Treibhausgase in den letzten 100 entsprechende Zahlen zu Porsche sind nicht bekannt.
10 www.pro-regenwald.org
Dezember 2007 - Doppelnummer
Musterbrief Tempolimit News-Letter Nr. 27/28

Sie können den folgenden Text entweder als Brief kopieren und an die drei angebenen Adressen schicken - oder Ihren Protest per
Email übermitteln. (von www.pro-regenwald.de/tempolimit/). Weitere Informationen zur Aktion siehe Seite 10.

Bundeskanzleramt Bundesministerium für Verkehr, Bau Bundesumweltministerium


Bundeskanzlerin Angela Merkel und Stadtentwicklung Bundesminister Sigmar Gabriel
Willy-Brandt-Straße 1 Bundesminister Wolfgang Tiefensee Alexanderstr. 3
10557 Berlin Invalidenstr. 44 10178 Berlin
10115 Berlin
Fax: 01888-2722 555 Fax: 030-18305 4375
Fax: 030-18300 2059

Tempolimit statt Palmöl !

Sehr geehrte Frau Merkel, sehr geehrte Herren Tiefensee und Gabriel, sehr geehrte Damen und Herren,

die immer realer werdende Bedrohung durch den Klimawandel bestimmt die öffentliche Diskussion und das Denken vieler
Menschen in Deutschland. Jede Woche erfährt man von neuen Fakten, die die Ursachen und Auswirkungen immer deutlicher
beschreiben und niemand mehr hat Zweifel, dass die Veränderungen drastisch sein und viel Leid und Ungerechtigkeit über die
Weltbevölkerung bringen werden.

Sind Sie der Meinung, dass Ihre Antwort auf diese globale Zukunftsfrage der Problematik angemessen, konsequent und vorbild-
lich ist und der Erwartung der aufgeklärteren Bevölkerung an politische Entscheidungsträger gerecht wird?

Die Antwort ist nein, unsere Gesellschaft und Wirtschaft warten vergeblich auf deutliche Signale und wirksame Entscheidungen
von Ihnen.

Ein Beispiel ist die Verkehrspolitik in unserem Land. Eingeklemmt zwischen den Interessen der Autoindustrie, der Bemühung
unser Wirtschaftssystem egal zu welchen externalisierten Kosten und ökologischen Schäden boomen zu lassen und der ständi-
gen Angst vor Liebesentzug durch die kfz-industrie-agitierten Wähler, erlauben Sie uns ein Mobilitätsmodell, welches, falls welt-
weit kopiert, dreissig weitere Erden bräuchte, um die dafür nötigen Rohstoffe zu liefern.

Ganz in diesem Sinne wird in kleinen Reparaturansätzen an Fahrzeugen optimiert (wobei die meisten Errungenschaften nicht
dem Klimaschutz sondern der Leistungsförderung dienen) oder wie nun mit der Biokraftstoffverordnung versucht, den Treibstoff-
durst mit weniger klimaschädlichen Alternativen zu löschen, die aber, wie wir heute wissen, eine neue Bedrohung für Ökosysteme
darstellen. Für die Produktion von Palmöl werden oft ehemalige Regenwaldflächen auf Torfuntergrund genutzt mit der Folge, dass die
'weniger klimaschädliche' Alternative mehr Klimabelastung bedeutet, als die bisher praktizierte Verbrennung von fossilen Rohöltreibstoffen.

Experten raten, unverzüglich alle möglichen Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen und keinen Tag untätig verstreichen zu lassen.

Ein Tempolimit ist eine sofort wirksame Klimaschutzmaßnahme und spottbillig. Während die Einsparung von 1 Million Tonnen CO2
über das Altbausanierungsprogramm 1 Milliarde Euro kostet, schafft ein Tempolimit 3 Mio Tonnen für fast keine Kosten. Mit einer
Verordnung und einem kleinen Verwaltungsaufwand kann innerhalb kürzester Zeit konkret Klima geschützt werden.

Den so vermiedenen Kohlendioxid-Ausstoss kann man mit der durch die Biokraftstoffverordnung vorgeschriebenen Beimischung von
Agrosprit aufrechnen und somit auf Palmöl und andere unter unvertretbarer Umweltbelastung hergestellte Ersatzstoffe verzichten.

Das Tempolimit wäre auch das längst überfällige Signal an die Autoindustrie für den Bau und Vertrieb leichterer und sparsamerer
Autos. Niedrigere Geschwindigkeiten ermöglichen den Einbau leichterer Motoren und verlangen weniger Knautschzone und
keine teuren Hochgeschwindigkeitspisten mit durchgehendem Leitplankenverbau - was alles dem Klimaschutz zugute kommen
würde. Derzeit ist eher das Gegenteil zu beobachten: die Autos werden immer größer und leistungsstärker, und die wachsende
Zahl tonnenschwerer SUV in deutschen Städten dokumentiert: die Autofahrer werden zu Kraftprotzen erzogen anstelle zu smar-
ten, klimabewussten Verkehrsteilnehmern wie es die Zeit erfordern würde.

Für ein Tempolimit mag es eine Reihe weiterer Gründe geben: mit dieser Aktion beschränke ich mich auf den klimarelevanten
Einspareffekt. Dieser ist laut Andreas Troge, dem Präsidenten des Umweltbundesamtes erheblich. Nach seiner Schätzung ließen
sich mit einer Tempobegrenzung auf 120 Stundenkilometer fast drei Millionen Tonnen klimaschädigendes Kohlendioxid im Jahr
einsparen. Das sind rund zehn Prozent aller auf Autobahnen entstehenden Emissionen. Und es entspricht der Menge an Palmöl
(oder anderen pflanzlichen Ölen), welche künftig dem Treibstoff beigemischt werden soll.

Bitte setzen Sie sich für das Tempolimit ein oder setzen Sie es durch - aus Klimaschutzgründen plädieren Experten für eine
Geschwindigkeit von maximal 120 km/h. Falls Sie sich nicht dafür verwenden wollen, bitte ich Sie um eine Erklärung, warum Sie
die Möglichkeit, den CO2-Ausstoß zu verringern, ungenutzt verstreichen lassen.

Mit freundlichen Grüßen


www.pro-regenwald.org
11
Doppelnummer - Dezember 2007
Nägel mit Köpfen News-Letter Nr. 27/28

Tropenholz in öffentlichen Bauvorhaben verboten


Norwegischer Regierung ist selbst das FSC-Zertifizierungssystem nicht gut genug
Raubbau und Handel mit Holzprodukten Zertifizierungssystem, nicht einmal auf 2002 in Bezug auf die Zuverlässigkeit
aus illegalen Quellen stehen auf der po- das FSC-System, verlassen kann, wenn des FSC verlauten ließ. In Folge einer
litischen Agenda mittlerweile ganz oben. es darum geht, die neu beschlossene Untersuchung eines als FSC-Mix einge-
Dafür haben die Umweltorganisationen 'ethische Beschaffungspolitik' umzuset- stuften Produktes beschloß der norwe-
sorgen können. Konkrete Aktionen, die zen. In dieser Logik entschieden die gische Ombudsmann für Konsument-
merklich den Druck von den Wäldern Norweger deshalb auf jegliche Verwen- Innen, daß der Gebrauch derartiger
nehmen würden, sind allerdings sehr dung von Tropenholz bei öffentlichen Labels ‚irreführend' und illegal sei. Seit-
selten. Es werden Verhandlungen ge- Baumaßnahmen zu verzichten. Dies mit dem sind die Anforderungen des FSC
führt und Maßnahmen geplant - aber dem Anliegen, daß die Regierung jeden hinsichtlich der Produktauszeichnungen
ähnlich wie es in Deutschland kritisiert Handel mit illegalen oder aus nicht nach- mit nicht zertifizierten Bestandteilen
wird, so fehlt es auch in anderen euro- haltig bewirtschafteten Wäldern stam- sogar weiter abgeschwächt worden.
päischen Ländern an sichtbaren Erfol- menden Tropenholzprodukten einstellen
Diese neue Bekanntmachung bestätigt
gen. Der Holzhandel - natürlich bevor- möchte. Derzeit gibt es weder ein inter-
wachsende Zweifel am FSC-System
zugt mit illegalen Produkten aus Raub- nationales noch nationales Zerti-
über die Sachfrage 'Illegalität' hinausge-
bau - floriert weiter. Norwegen zieht fizierungssystem, welches zuverlässig
hend. Dadurch könnte sich der Druck
jetzt die Notbremse. Nach Ansicht der die legale und nachhaltige Herkunft von
auf andere Länder, wie Großbritannien
Entscheider dort, wird auf absehbare Holz garantieren kann.
oder auch Deutschland, erhöhen, FSC
Zeit kein System den nachhaltigen Holz-
Zu dieser vernichtenden Entscheidung aufgrund zunehmender Lücken in der
einschlag in den Tropen garantieren können.
kam es schließlich nach einer Reihe von Zuverlässigkeit von ihrem Beschaff-
So ist die norwegische Regierung zum Beanstandungen, welche die zuständi- ungswesen auszunehmen.
Schluß gekommen, daß sie sich auf kein ge Behörde von Oslo bereits ab dem Jahr

Norwegen verbannt Tropenholz aus der öffentlichen Beschaffung Pressemitteilung Rainforest Foundation Norway, 28.06.2007
Letzte Woche stellte die norwegische Regierung ihre neue Beschaffungspolitik für öffentliche Baumaßnahmen vor. Mit den neuen
Plänen übernimmt Norwegen eine führende internationale Rolle indem es ein Verbot auf die Verwendung von Tropenholz in
öffentlichen Gebäuden einführt. Zum ersten Mal wird damit in Norwegen eine strikte ‚Tropenholz-frei'- Politik erarbeitet und auf
Regierungsebene verankert. Anlaß ist der ‚Aktionsplan für Umwelt- und Soziale Verantwortung bei der öffentlichen Beschaffung',
der letzte Woche von der norwegischen Regierung vorgestellt wurde.
Der Plan beinhaltet mehrere Initiativen um die Umwelt- und Sozialaspekte in der öffentlichen Beschaffung zu stärken - die Anfor-
derungen für den Einsatz von Tropenholz sind ehrgeizig und lassen keinen Zweifel aufkommen: ‚Tropenholz soll weder im Gebäu-
de selbst, noch in Materialien während des Baus verwendet werden' wird im Plan vorgegeben.
Lars Løvold, der Direktor der Rainforest Foundation Norwegen sagt: ‚Wir sind mit den ehrgeizigen Zielen, die von der norwegi-
schen Regierung in dem Aktionsplan festgelegt wurden, sehr zufrieden. Der Staat ist ein Großverbraucher, übt eine Vorbildfunk-
tion für die Gesellschaft aus und setzt jetzt einen Präzedenzfall, indem auf jeglichen Tropenholzeinsatz verzichtet wird.' [...]
Fehlende verläßliche Zertifizierung für forstliche Bewirtschaftung
Beunruhigt von der um sich greifenden Abholzung in tropischen Waldgebieten riefen zwei Minister 2002 alle öffentlichen Einrich-
tungen auf, nur noch Tropenholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft zu verwenden. Trotz des Aufrufes benutzten viele staatliche
Einrichtungen für Bauvorhaben in den vergangenen fünf Jahren Holz aus bedrohten Regenwäldern.
Diese Skandale wurden weitgehend von den nationalen Medien aufgedeckt und in einem Fall forderte der damalige
Modernisierungsminister, Morten Meyer, die Abteilung für Öffentliche Bebauung und Eigentum (Statsbygg) auf, Bintangorholz
von einem im Bau befindlichen Gebäude zu entfernen. Daraufhin führte Statsbygg eine strenge Politik gegen jegliche Verwen-
dung von Tropenholz ein.
In Ermangelung eines verläßlichen Zertifizierungssystems hat die Regierung beschlossen, die strenge Politik von Statsbygg zu
übernehmen und die Verwendung jeglichen Tropenholzes, einschließlich zertifizierten Holzes zu verbieten.
‚Die Regierung möchte den Handel mit nicht nachhaltig gewonnenen oder illegal geschlagenen Tropenholzprodukten unterbin-
den. Derzeit gibt es keine internationale oder nationale Zertifizierung, die zuverlässig garantieren kann, daß importiertes Holz
legal und nachhaltig gewonnen wurde', stellt das Papier aus dem Ministerium fest.
‚Das Verbot für Tropenholz in öffentlichen Gebäuden macht Norwegen zu einem internationalen Vorreiter auf diesem Gebiet.
Soweit uns bekannt ist, hat kein anderes Land eine vergleichbar strenge und ehrgeizige öffentliche Beschaffungspolitik für Tropen-
holz. Hoffentlich wird dies auch andere Länder dazu animieren, ihre Politik ebenfalls zu verschärfen', sagt Løvold.
‚Wir sind nicht grundsätzlich gegen den Holzeinschlag in tropischen Wäldern. Das Problem ist, daß es derzeit keine zuverlässige
Zertifizierungsmethode für den Einschlag in tropischen Ländern gibt. Bis eine solche Methode wirksam wird oder es andere
Wege gibt, um nachzuweisen, dass der Einschlag nachhaltig erfolgt, unterstützen wir die Entscheidung der Regierung den Ge-
brauch von Tropenholz zu verbieten', sagt Løvold.
Quelle: http://www.rainforest.no/html/481.htm (Übersetzung: Pro REGENWALD)

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Dezember 2007 - Doppelnummer
Raubbau im Garten News-Letter Nr. 27/28

Was haben tote Mönche mit meinen Die unendliche Geschichte – GDH
und Selbstverpflichtungserklärung
Gartenmöbeln zu tun? Vor einem Jahr berichteten wir in unse-
Wenige Wochen ist es her, da rückte mal finanziell vom illegalen Holzeinschlag rem News-Letter von den vollmundigen
wieder ein Land in den Blickpunkt der und –handel mit Teak. Illegale Teak- Ankündigungen des GDH, dem deut-
Öffentlichkeit, dem ansonsten nicht viel händler operieren unter Duldung der schen Holzhandel eine Selbstver-
Beachtung zuteil wird. Als sich nun im Regierung und des Militärs und sind teil- pflichtungserklärung als unternehmeri-
September aufgrund einer massiven Ver- weise sogar an der Rekrutierung von schen Beitrag zur Eindämmung illega-
teuerung von Treibstoffen Proteste reg- Soldaten für die Armee beteiligt. Die il- len Holzhandels zu geben. Seit mehr als
ten, die innerhalb weniger Tage zu legalen Händler und die Regierung beu- zwei Jahren arbeitete der GDH an die-
Demonstrationen gegen die Regierung ten Naturwälder aus, damit in Europa ser Erklärung, als es im Juni 2007 auf
anschwollen, hatte Burma wieder Fussböden, Schiffseinrichtungen und einmal hieß: Er hat es geschafft! Der
Schlagzeilenwert. Möbel aus wertvollem Burma-Teak her- GDH hat sich einen Verhaltenskodex ge-
gestellt werden können. geben! Unser Mitleid galt zunächst uns
Zu Hunderttausenden gingen die Men- selbst, denn irgendwer musste die Er-
schen – angeführt von buddhistischen Die aktuelle Entwicklung in Burma war klärung nun ja auch lesen – schließlich
Nonnen und Mönchen – auf die Straßen, Anlass genug, bei deutschen Unterneh- wurde mehr als zwei Jahre daran gear-
um gegen das unterdrückerische Mili- men und Holzhändlern, die explizit mit beitet! Demnach musste es sich um ein
tärregime zu protestieren. Die Reaktion dem Verkauf von Burma-Teak bzw. Teak Werk biblischen Ausmaßes handeln!
des Regimes folgte später als vermutet, werben, nachzufragen, wie sie nicht nur
aber mit den erwarteten Mitteln. Erst ab die illegale Zerstörung der dortigen Aber der GDH wäre nicht der GDH,
dem 25. September ging das Militär Wälder, sondern auch die Unterstützung wenn er uns nicht auch dieses Mal ent-
gegen die Demonstranten vor und erklär- eines illegitimen, folternden und mor- täuscht hätte – eine DIN A4-Seite
te die Aufstände fünf Tage später für be- denden Militäregimes rechtfertigen. umfasst der Code of Conduct, wobei die
endet. Bis zu zweihundert Tote hatte das halbe Seite aus einem Vorwort besteht,
Von weit mehr als dreißig Unternehmen die eigentliche Selbstverpflichtung also
Eingreifen des Militärs zur Folge, lan-
haben wir eine Stellungnahme gefordert auch nur ein paar Zeilen umfasst.
desweit wurden Hunderte Demonstran-
– das Ergebnis war und ist großes
ten, Mönche, Nonnen und Oppositions- Die Unternehmen des GDH wollen von
Schweigen. Bisher haben lediglich zwei
politiker verhaftet. nun an also internationale Artenschutz-
Unternehmen geantwortet, wobei das
Und all dies hat auch mit unseren Gar- eine glaubwürdig versichern konnte, abkommen achten, Embargo-Empfeh-
tenmöbeln zu tun. Das Militärregime zwar Teak einzusetzen, es aber nicht aus lungen von UNO und EU respektieren,
Burmas ist finanziell entscheidend von Burma zu beziehen. Das zweite Unter- nachhaltige Wald- und Forstwirtschaft
der Ausbeutung und dem Handel der nehmen hat unsere Aktion dankbar auf- fördern und Handel mit illegal geschla-
heimischen Bodenschätze und Ressour- genommen und Burma-Teak bzw. Teak- genem Holz ausschließen.
cen abhängig. Neben Erdöl und –gas holz generell aus dem Angebot genommen An dieser Stelle wäre es schon interes-
sind dies vor allem Edelsteine und Holz, und will auch in Zukunft darauf verzichten. sant zu erfahren, worüber innerhalb des
insbesondere Teak. GDH über zwei Jahre lang diskutiert
Bei all den anderen ist davon auszuge-
Die Junta ist für die Vertreibung von über hen, dass in ihrem Denken und Handeln wurde, um am Ende ein Papier zu prä-
150.000 Angehörigen von Minderheiten ökologische, soziale und demokratische sentieren, dessen Inhalt mit Selbstver-
aus ihren angestammten Waldgebieten Grundsätze keinerlei Rolle spielen. Für ständlichkeiten gefüllt ist?
verantwortlich, die nun als Flüchtlinge sie gelten Menschenrechte nicht, sobald Aber auch bei der Beantwortung dieser
im angrenzenden Ausland ausharren. eigene wirtschaftliche Interessen betrof- Frage ist auf den GDH Verlass. Bereits
Die Menschen in Burma leben trotz des fen sein könnten. im Oktober zeigte sich, wie schwer es
Rohstoffreichtums in bitterer Armut. fallen kann, die eigene Selbst-
Welche Firmen das sind kann man auf
Seit Jahrzehnten profitiert das Regime www.raubbau.info einsehen. verpflichtungserklärung einzuhalten.
Angesichts der Vorfälle in Burma be-
schlossen die Außenminister der Euro-
päischen Union, aus Solidarität mit den
Unterdrückten Menschen in Burma, den
Druck auf das dortige Unrechtsregime
zu erhöhen und verhängten unter ande-
rem ein Importverbot für Hölzer aus
Burma. Anstatt diese Entscheidung, wie
es die Selbstverpflichtungserklärung
vorsieht, zu respektieren, legte der GDH
dagegen Protest ein, weil “ein Handels-
verbot für Teakholz die Schließung ei-
niger deutscher Importfirmen bedeuten
würde”. Ein Kommentar erübrigt sich.

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Doppelnummer - Dezember 2007
Papier fürs Ausland News-Letter Nr. 27/28

Plantagen-Safari: Dem Zellstoff auf der Spur


Papier für die Welt, aber kaum Essen und wenig Profit für die Bevölkerung
Was haben Peter George und die schrieb wenig später Chris, der mit mir tion Timberwatch Coalition, deren Mit-
Sudwala Caves gemeinsam? Bis zu mei- unterwegs war und Peters Farm selbst arbeiter Wally Menne uns auf unserer
nem Besuch in Südafrika Ende Oktober im Gegensatz zu mir auch besucht hatte. ‘Safari’ begleitete, hat eine lange
hätte ich wie jede/r andere auch gesagt: Mängelliste zusammengestellt, die bei
Die Sudwala Caves liegen gut hundert
‘Keine Ahnung! Wer ist Peter George fast allen der Plantagen zutreffen. Das
Kilometer weiter nordwestlich von Pe-
und wo sind Caves? Wie sollte ich da reicht von weiteren Umweltschäden
ters Farm in Südafrika. Der die Höhlen
ihre Gemeinsamkeit kennen!?’ Reisen über soziale Verwerfungen und sozio-
umgebene Fels besteht aus über drei
bildet, ich habe Peter kennengelernt und ökonomischen Verschiebungen bis hin
Milliarden Jahre altem, präkambrischen
die Höhlen gesehen - und erfahren, was zu kulturellen Auswirkungen, wie bei-
Dolomit. Das heutige Afrika war damals
sie verbindet: Wasser, besser der Man- spielsweise den Verlust traditioneller
noch Teil des Urkontinents Gondwana.
gel an Wasser. und angepasster Bewirtschaftungs-
Die Sudwala Caves selbst entstanden
weisen.
vor rund 240 Millionen Jahren und sind
damit eines der ältesten Höhlensysteme Einige weitere Details über Umwelt-
der Welt mit einer Gesamtlänge von schäden bei der Plantagenwirtschaft
rund 30 Kilometern, wovon rund 2 Ki- sollten helfen, die Küchenrolle oder das
lometer lange unterirdische Gänge für Toilettenpapier aus Frischfaser (im Ge-
Besucher zugänglich sind. gensatz zu Material aus Recyclingfaser)
mit etwas anderen Augen zu sehen: die
Ich kenne Tropfsteinhöhlen von der
Anwendung von Agrochemikalien ver-
Schwäbischen Alb. Die Sudwala Caves
giftet das Grundwasser, die Anlage wei-
sind anders. Viel größere Hallen finden
terer Eukalyptus- oder Kiefer-
sich hier - eine wird tatsächlich als
monokulturplantagen vernichtet arten-
Konzerthalle genutzt - und was mir so-
reichste Graslandvegetation, mit den
fort aufgefallen ist: bis auf ein paar Pfüt-
Bäumen werden fremdartige Pflanzen
zen nußtrocken. Tropfsteinhöhlen brau-
eingebracht (die man wortwörtlich am
chen Wasser, nur so können Stalaktiten
Fortlaufen und unkontrollierten Ausbrei-
und Stalakmiten wachsen. Die Einhei-
ten hindern muss) und die Plantagen
mischen bringen es auf den Punkt: ‘Die
verstärken die zum Ökosystem gehören-
Sudwala Caves sterben, Schuld sind die
den Feuer derart, dass meist Totalscha-
Plantagen, die im Wassereinzugsgebiet
den zu vermelden ist. Im Juli 2007
über den Caves gepflanzt wurden.“
brannten mehrere 10.000 Hektar Plan-
Zwei Beispiele wie es viele weitere gibt tagen ab - was zu Notstandsmaßnahmen
im südlichen Afrika, in einer Region, die führte.
Restbestand einer abgebrannten Plantage in Swasiland immer mehr Grasland in Baum- Auch die Auswirkungen auf die sozio-
monokulturen umwandelt. Trotz dieser ökonomische Situation sind beachtlich.
‘Peter George ist ein Farmer. Oder, um so anschaulichen Beispiele finden die In der Vergangenheit wurden häufig gan-
genauer zu sein, er war ein Farmer. Er Betroffenen und die Umweltschützer bei ze Dörfer zwangsweise umgesiedelt, um
kaufte die Elangeni Farm im kühlen den verursachenden Unternehmen im- für Plantagen den Weg frei zu räumen.
Hochland Swazilands Mitte der 1970er. mer noch zu wenig Gehör. Es hilft auch Dabei verloren die Dorfbewohner oft er-
Er pflanzte Gemüse gemischt mit eini- nicht, dass der Volksmund die Bäume satzlos ihr kommunales Gemein-
gen Eukalyptus- und Akazienbäumen. der Plantagen mittlerweile schon schaftsland, welches sie zur Viehzucht
Er fuhr zweimal täglich auf den Bauern- ‘thieves of water’ (Wasserdiebe) nennt und für den Anbau ihrer Nahrungsmit-
markt um seinen Kohl zu verkaufen. Er oder dass die in Wasserfragen sensiblen tel genutzt hatten. In der Umgebung von
hatte einige Schafe, Hühner, zwei Kühe Behörden es eigentlich ähnlich sehen Plantagen stellt sich Wasserknappheit
und einen halbblinden Hütehund. Nach wie die Umweltschützer. Denn es ist so ein, Wild ist seltener und die Menschen
einigen Jahren startete er eine kleine offensichtlich: alle Pflanzen funktionie- finden auch kaum mehr wildwachsen-
Fischfarm und belieferte Restaurants ren wie Wasserpumpen. Die Nährstoffe de Kräuter und andere Pflanzen, die ihr
und Hotels in der Gegend auch mit erreichen in Wasser gelöst die Blätter. Nahrungsangebot früher ergänzt haben.
Fisch. Als er seine Farm gekauft hat, gab Je schneller das Wachstum, je größer die
es ausreichend Wasser in den Bächen, Für die Region und die dort lebenden
Pflanzen und je ausgedehnter die
welche die Hänge neben seiner Farm Menschen haben die Plantagen jeden-
Plantagenfläche, umso mehr Wasser
herabflossen. Mitte der 80er Jahre be- falls weder Fortschritt noch wirtschaft-
wird verbraucht.
gann die Usutu Pulp Company die Hü- liche Sicherheit gebracht. Investoren
gel mit Kiefern zu bepflanzen. George Die Störungen im regionalen Wasser- verdienen anscheinend gut daran und die
sah sich gezwungen seine Farm aufzu- haushalt sind aber nur ein Übel von vie- zivilisierte Welt bekommt ausreichend
geben, als darauf hin die Bäche auf sei- len, die diese Plantagen den Ländern Zellstoff geliefert.
nem Land kein Wasser mehr führten’, bringen. Die südafrikanische Organisa-
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Dezember 2007 - Doppelnummer
Papier Memorandum News-Letter Nr. 27/28

Umweltverbände fordern: Papierverbrauch reduzieren!


Die ökologischen und sozialen Folgen der Produktion sind nicht mehr vertretbar
Mit einem Memorandum für einen nach- gerecht. Was nützt es, wenn sich einzel-
haltigen Papierverbrauch rufen Umwelt- ne Ministerien oder Bundesbehörden Unsere Papierspar-Tipps:
und Verbraucherschutzverbände die sogar für eine möglichst sparsame Ver- Sich keine Flugblätter, Broschüren
Bundesregierung auf, konkrete Maßnah- wendung von Papier aussprechen, die- oder kostenlose Zeitschriften aufdrän-
men einzuleiten, um den Papiereinsatz ser Erklärung dann aber keine Taten in gen lassen.
in Deutschland um 50 Prozent zu sen- der Praxis folgen lassen?
ken. Bundes- und Landesregierungen Ein Aufkleber 'Bitte keine Werbung
Aber auch die VerbraucherInnen sind einwerfen' am Briefkasten befreit von
aber auch kommunale Entscheidungs-
dazu angehalten zu handeln, angesichts unnötigen Werbe-Wurfsendungen und
träger sollen dem immer größeren Pa-
der Folgen für Ökosysteme und Men- Gratis- 'Zeitungen'.
pierverbrauch konsequent entgegenwir-
schen in Produktionsregionen. Die ein-
ken. Gleichzeitig sollte in allen Behör- Think before you print! Vor dem Dru-
fachste Möglichkeit Primärfasern einzu-
den und öffentlichen Einrichtungen die cken nachdenken ob der Ausdruck
sparen, ist es diese durch Sekundär-
Pflicht zum Einsatz von Recyclingpa- wirklich nötig ist. Wenn es wirklich sein
fasern zu ersetzen, also wo immer mög-
pier mit dem Blauen Engel bestehen. muss, dann möglichst beide Seiten
lich Recyclingpapier zu verwenden. Re-
In ihrem Appell fordern die insgesamt cyclingpapiere gibt es für jeden Einsatz- bedrucken (oder auf Schmierpapier s.u.).
zwölf Organisationen und Verbände zu- bereich, für Schule, Büro und zu Hause, Lange Wege zum Drucker im Büro
dem eine effektive Bekämpfung des ob zum Verpacken, zum Schreiben oder sparen Papier. Es muss nicht neben
illegalen Holz-Handels sowie einen Na- Drucken sowie für Hygienezwecke. jedem Arbeitsplatz ein Drucker stehen.
tionalen Aktionsplan zur umweltfreund- Qualitativ stehen Recyclingpapiere Druck- und Kopierinseln im Büro
lichen Beschaffung, in dem verbindli- Primärfaserpapieren in nichts nach. senken den Verbrauch!
che Papiereinsparquoten ebenso veran-
Recyclingpapier verwenden und Viele Informationen stehen in elektro-
kert werden sollen wie eine jährliche Er-
weniger verwenden nischer Form zur Verfügung, diese
fassung des Papierverbrauchs der öffent-
lichen Hand. Primärfasern durch Sekundärfasern zu können auch elektronisch archiviert
ersetzen ist ein erster Schritt, der bei- werden. Das erleichtert die Suche und
Wir verbrauchen zu viel Papier
trägt den Druck von den Wäldern zu spart neben Papier auch noch Platz!
Anlass des Appells ist der Negativ- nehmen. Aber noch wichtiger ist es den
Rekord des Papierverbrauchs in Weshalb sich nicht ein Zeitungs- oder
Verbrauch selbst zu senken. Hier ist
Deutschland: 253 kg verbrauchte jeder Zeitschriftenabo mit Nachbarn oder
Kreativität gefragt, denn oft hat man
Deutsche im Jahr 2006, so viel wie noch Freunden teilen?
keine Wahl, wie bei der Werbung, die
nie zuvor! Der Verbrauch ist damit in den einer Zeitung mitgeliefert wird. Auf viel Papier hat zwei Seiten! Interne Drucke
vergangenen 55 Jahren um das Achtfa- Papier lässt sich jedoch ganz einfach ver- im Büro oder Drucke im privaten Be-
che gestiegen. Die Deutschen liegen zichten, einige Ideen sind nebenan ge- reich kann man für die meisten Zwecke
beim Gesamtpapierverbrauch im inter- listet. auf die Rückseite von bereits einseitig
nationalen Vergleich auf Platz vier hin- verwendetem Papier drucken!
ter den USA, China und Japan. Weltweit Beim Thema nachhaltiger Konsum
verursacht der steigende Papierver- muss die öffentliche Hand als gutes Vor- Für Notizen zu Hause oder im Büro
brauch eine wachsende Nachfrage nach bild vorangehen und – neben Sparsam- Schmierzettel verwenden. Auch hier
dem Rohstoff Holz, der für die Papier- keit und dem Einsatz von Recyclingpa- kann man, als Alternative zu 'Klebe-
herstellung benötigt wird. Hunderttau- pier – der Waldzerstörung durch Raub- zetteln', auf die Rückseite von bereits
sende Hektar Wald fallen alljährlich dem bau mittels effektiver Gesetze einen bedrucktem Papier zurückgreifen.
“Holzhunger” der Zellstoff- und Papier- wirksamen Riegel vorschieben.
Küchenrolle durch waschbare Alterna-
industrie zum Opfer. Immer mehr Plan- Gerade beim “Ausschluss von Raubbau- tiven ersetzen.
tagen werden angelegt, um den weltweit papieren” stellen die Verbände der Bundes-
wachsenden Papier- und Zellstoffbedarf Einmal bestellt = Kataloge lebensläng-
regierung ein schlechtes Zeugnis aus.
befriedigen zu können. lich? Eine kurze E-Mail oder eine
Die Große Koalition habe sich bisher vor
Postkarte mit der Bitte um Streichung
Ein Umdenken bei Politik, Wirtschaft der politischen Verantwortung gedrückt.
der Adresse aus der Datenbank genügt,
und Verbrauchern ist dringend notwen- Statt klare Regeln aufzustellen und ein
um unerwünschte und überflüssige
dig um den hohen Verbrauch einzu- Urwaldschutzgesetz auf den Weg zu
Katalogsendungen loszuwerden.
schränken. Die Bundesregierung ist in bringen, bremst die Bundesregierung
besonderem Maße gefordert, ein solches solche Initiativen aus. Damit werden die Vorsicht bei Onlineformularen! Nie-
Umdenken durch eine bundesweite Verbraucherinnen und Verbraucher in mals ein Häkchen an die Stelle setzen,
Bildungsoffensive und Papierspar- Deutschland zu unfreiwilligen Kompli- wo weitere Informationen angefordert
programme gezielt voranzutreiben. zen von Raubbauunternehmen. werden oder der Verwendung von
Adressen zu Werbezwecken zuge-
Leider werden viele Entscheidungsträ- Das ‘Memorandum für einen nachhal-
stimmt wird.
ger ihrer Vorbildfunktion bezüglich des tigen Papierverbrauch in Deutschland’
Papierverbrauchs in Deutschland nicht ist im Internet herunter zu laden unter:
www.pro-regenwald.de/memolang.pdf
www.pro-regenwald.org
15
Doppelnummer - Dezember 2007
Gegen Kahlschlag News-Letter Nr. 27/28

Forstkonzern will Naturwälder in Tasmanien abholzen


Pro REGENWALD protestiert gegen geplantes Zellstoffwerk

Die Planierraupe bahnt sich ihren Weg zeug aus mit Pestiziden gespritzt. Das noch ein Bild von der Aktion schicken.
durch einen urwüchsigen Wald in Tas- bedeutet das Ende der Biodiversität.
Die Proteste waren Teil eines Interna-
manien. Sie walzt Bäume und Sträucher
Keine Ehrfurcht vor der Schöpfung, was tionalen Aktionstages, zu dem die au-
nieder, pflügt tiefe Furchen in den feuch-
zählt ist der Akkord. Der Weltmarkt ist stralische Umweltorganisation Wilder-
ten, modrigen Waldboden. Viele Bäume
gierig nach Papier und die Zellstoff- ness Society aufgerufen hatte. Neben
werden verschont - sie sind einfach zu
fabriken laufen Tag und Nacht. Der stei- Aktionen in der Tasmanischen Haupt-
groß für das Kettenfahrzeug. Es sind bis
gende Bedarf nach Papier ist kaum zu stadt Hobart und dem Hauptsitz der
zu 85 Meter hohe, Jahrhunderte alte
decken, der Großteil der Produktion geht ANZ Bank in Melbourne protestieren
Eukalyptusbäume. Doch ihre Größe
nach Japan: Eine neue Zellstofffabrik Umweltschützer auch in Neuseeland,
nützt ihnen nichts. All dies geschieht
soll gebaut werden. Um sie zu füttern, Japan, Großbritannien und Deutschland
nicht etwa im Kongo oder einem ande-
will der Forstkonzern Gunns Ltd. jähr- gegen die geplante Waldzerstörung.
ren krisengeschüttelten Tropen-
lich viereinhalb Millionen Kubikmeter Zwei Tage zuvor hatten in Tasmaniens
waldland. Wir sind in einem der reich-
Holz einschlagen. Mitten im Tamar-Tal, Hauptstadt Hobart 15.000 Menschen
sten Industrieländer: in Australien.
im Urwald Tasmaniens. Tasmanien gegen das Projekt protestiert .
Kurz nach dem Raupeneinsatz kommen braucht das Geld. Und da die Firma nur
Gunns ist der größte Zerstörer natürli-
Holzarbeiter mit extragroßen Motorsä- 17 Australische Dollar (10 Euro) für die
cher Wälder in Australien und eine der
gen - und wenige Minuten später kra- Tonne bezahlt, muss mengenmäßig ent-
größten Firmen im Bereich der Holzver-
chen die ersten Baumriesen zu Boden. sprechend rangeklotzt werden (zum Ver-
arbeitung weltweit. Die Bäume werden
Der gesamte Urwald wird kahlgeschla- gleich: eine Tonne Brennholz kostet bei
vorzugsweise zu Hackschnitzel verar-
gen. Auf den meisten Flächen werden uns heute etwa 80 Euro). Plantagenholz
beitet und zur Papierherstellung nach Ja-
die Bäume entfernt und kleingehäckselt, kostet das Doppelte, weil die Ausbeute
pan verschifft. In den Sägewerken werden
um Zellstoff aus ihnen zu produzieren. an Zellstoff höher ist und keine Inhalts-
darüber hinaus noch Furniere hergestellt.
Über anderen Flächen - Klimawandel stoffe aus den vielen Baumarten des Ur-
hin oder her - lässt der Forstkonzern waldes den chemischen Prozess stören. Das Haupteinschlagsgebiet von Gunns
Gunns Ltd. auch Brandfackeln abwerfen. sind die Wälder Tasmaniens. Nach dem
Fast niemand denkt an Horrorbilder wie
Tagelang brennen Stämme, Zweige und Kahlschlag der ursprünglichen Regen-
auf der nächsten Seite, wenn er mit Toi-
Humus, bis nur wenige Reste bleiben. wälder werden die Flächen in Eukalyp-
lettenpapier und einem 500-Blatt-Paket
tus-Plantagen umgewandelt. Insgesamt
Die Forstarbeiter kommen zurück nachdem DIN A4-Papier nach Hause kommt: Auch
besitzt Gunns in Tasmanien 130.000
abgeräumt oder das Feuer erloschen ist. die Protestaktion, die die Aktivisten von
Hektar Land, von denen ein Großteil in-
Bevor sie Plantagenbäume pflanzen, Pro REGENWALD Mitte November
zwischen umgewandelt wurde.
verteilen sie Karotten in der Mondland- durchführten, kann Ursache und Wir-
schaft. Futter, besser 'Köder', für die kung nicht drastisch genug vermitteln. Gunns betreibt nicht nur Kahlschlag,
hungrigen Tiere, Wombats, Oppossums Der harmlosen und kleinen Rolle Klo- sondern setzt auf diesen Flächen Gift
und Wallabies. Die Karotten hat man papier, sieht man nicht die geopferten ein, um Wallabies und Opposums zu
vorher mit einer Chemikalie getränkt. Riesenbäume an, und zu allem Übel findet töten, die sich dort ansiedeln. Dabei
1080 heißt das Gift, benannt nach der der Kahlschlag auch noch weit entfernt nimmt das Unternehmen nicht nur die
Bestellnummer im Katalog der Chemie- auf der anderen Seite des Globus statt. Vergiftung anderer Arten in Kauf, son-
dern ist aufgrund der negativen Auswir-
Protest in Tasmanien und Austra-
kungen des Giftes auf die Umwelt und
lien - und in Frankfurt
den Wasserhaushalt der Insel Protesten
Die Straße vor dem eleganten Büro vor der Zivilbevölkerung ausgesetzt. Dar-
der Frankfurter (deutschen) Niederlas- über hinaus wurde Gunns im August
sung der Australia and New Zealand 2002 angeklagt, auf anderer Leute Be-
Banking Group (ANZ) ist leer, das Bank- sitz illegal Holz eingeschlagen zu haben.
personal freundlich. Wir protestieren ge-
gen den Umweltfrevel und fordern die Wie ernst es Gunns mit Umweltschutz
Bank auf, die geplante Finanzierung der und der Befolgung von Gesetzenist,
riesigen Zellstofffabrik des australischen zeigte sich bereits 1989, als ein Auf-
Forstkonzerns Gunns Ltd. zu stoppen. sichtsrat versuchte, einen Abgeordneten
der regierenden Labor-Partei zu beste-
Um den jährlichen Holzbedarf der Fabrik
chen, um den - dem Holzeinschlag wohl
zu decken, will die Holzfirma die öko-
gesonnenen - ehemaligen Premier Robin
firma. Der Wirkstoff ist Sodium Mono- logisch wertvollen Naturwälder in Tas-
Gray wieder an die Macht zu bringen.
fluoroacetate, das den Zitronesäure- maniens Tamar-Tal kahlschlagen. Wir
Allerdings wurde der Korruptionsskan-
zyklus unterbricht und zum sicheren Tod übergeben einen Brief, die Dame macht
dal öffentlich. Inzwischen ist Robin
führt. Die Tiere sterben schnell. Die sogar ein Foto von uns - so können wir
Gray Aufsichtsratsmitglied bei Gunns.
Holzplantagen werden später vom Flug- den Organisationen in Australien auch
16 www.pro-regenwald.org
Dezember 2007 - Doppelnummer
Blatt sticht Baum News-Letter Nr. 27/28

Kein Respekt vor Artenreichtum und großem Kohlenstoffspeicher


Regierung: Wald wird Baum für Baum 'blatt'gemacht
Die geplante Zellstofffabrik in dem nordtasmanischen Tamar-
Tal würde jährlich 4,5 Millionen Tonnen Holz verbrauchen.
80 Prozent davon sollen in den Naturwäldern der noch gut
erhaltenen Region eingeschlagen werden. Damit würden ei-
nige der ökologisch wertvollsten Wälder des Landes zerstört.
Naturwälder wie die im Tamar-Tal speichern riesige Men-
gen Kohlenstoff und verfügen über eine hohe Biodiversität.
Die bis zu 85 Meter hohen Eukalyptusbäume der Region
zählen zu den höchsten Blütenpflanzen der Erde. Die Forstfirma
Gunns Ltd. will allen Ernstes Baumriesen mit Stammdurch-
messern von über 5 Metern fällen und zu Hackschnitzeln
zerkleinern, um daraus Zellstoff herzustellen, der wiederum
der wichtigste Rohstoff für die Papierherstellung ist.
Möglich wird das durch einen Winkelzug, mit dem Austra-
liens Regierung kurzerhand die gültigen Gesetze zugunsten
der Unternehmenspläne änderte. Demokratie hin oder her:
Wenn das Gesetz den Plänen einer großen Firma im Wege North East Highlands, Tasmania, 2003 (c) Rob Blakers
ist, wird es mit zweifelhaften Methoden passend gemacht.
Nicht umsonst sitzen einflussreiche Politiker wie Tasmaniens Ex-Premierminister
Robin Gray im Vorstand der Forstfirma. Gray hatte schon zu seiner Amtszeit ver-
sucht, den Lemonthyme Wald fällen zu lassen, der als UNESCO Weltnaturerbe
geschützt ist.
Mehrere Wisssenschaftler haben vor der Abholzung großer Waldgebiete auf Tasma-
nien gewarnt. Zahlreichen bedrohten Arten wie dem Tasmanischen Keilschwanz-
adler, der zum Überleben auf naturnahe Wälder angewiesen ist, droht die Ausrot-
tung. Unter der täglichen Abwasserfracht von 64.000 Ton-
nen würde auch die Biologische Vielfalt in der Bass-Straße
leiden, einer Meerenge zwischen Tasmanien und Australien.
Angesichts des Klimawandels und des weltweiten Arten-
schwundes muss die Zerstörung dieses kostbaren Naturerbes
verhindert werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass unser Kli-
ma und die Biologische Vielfalt unseres Planeten dem hem-
mungslosen Papierverbrauch geopfert werden.
Mit der Finanzierung der Zellstofffabrik würde die ANZ Bank
gegen die von ihr unterzeichneten Äquator-Prinzipien ver-
stoßen, einem internationalen Abkommen der Finanzinstitute,
die eine Beteiligung oder Finanzierung von Geschäften und
Projekten vermeiden soll, die soziale und ökologische Schä-
den verursachen.
Die ANZ (Australia and New Zealand Banking Group) mit
Sitz in Melbourne ist Australiens drittgrößte Bank und wird
North East Highlands, Tasmania,ähnliche Stelle wie oben 2006 (c) Rob Blakers
seit Jahren wegen der Finanzierung waldzerstörender Pro-
jekte kritisiert. Die Bank finanziert den
australischen Forstkonzern Gunns Ltd.
seit 1995 und hatte der Holzfirma erst im
Weiterführende Information gibt es
Februar 2007 einen 1,5 Mrd. Dollar Kre-
unter:
dit (ca 820 Millionen Euro) gewährt. In
der Kritik steht die ANZ auch wegen der www.wilderness.org.au
Finanzierung des malaysischen Holz-
www.pro-regenwald.de
konzerns Rimbunan Hijau, der u.a. we-
gen der Abholzung großer Regen- Bitte denken Sie daran: jedes Blatt
waldgebiete auf Papua Neuguinea be- Papier war ein Baum
rüchtigt und auch an illegalem Holzein-
Aktion bei der ANZ-Filiale in Frankfurt
schlag beteiligt ist.

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Doppelnummer - Dezember 2007
Projektpartner News-Letter Nr. 27/28

Arbofilia: Unsere Antwort sind neue Bäume


Wälder sind viel mehr als nur Kohlenstoffspeicher zur Gewissensberuhigung
Miguel Soto arbeitet Stelle gelangt, wenn ein Vogel einen Hölzer verschont bleiben. Was unter an-
seit 25 Jahren für die Samen fallen lässt, sorgen wir durch derem wieder den Böden zu Gute
costaricanische Um- unseren Eingriff dafür, dass dies im kommt.
weltorganisation Arbo- 5. Jahr der Waldanpflanzung auch wirk-
filia (Baumfreunde). Er lich passiert. Dieser Baum zieht später Ein weiterer Schritt wäre der Analog-
investiert seine Zeit in über seine Früchte wiederum Tiere an, wald, wie wir ihn anstreben. Hier wer-
die Erschaffung eines die für etwas anderes nützlich sind. den neben speziellen einheimischen
ökologischen Korri- Ohne unseren Eingriff würde sich dies Hölzern, Fruchtbäume und Pflanzen
dors, der feuchten vielleicht erst nach 25 Jahren einstellen. kombiniert, damit eine breiteres
Regenwald von der Produktangebot des Waldes wie Früch-
Heutzutage pflanzen glückli- te, Nüsse oder
Küste und Nebelwald cherweise viele Organisationen
in den Bergen verbin- und auch schon Firmen Bäume M e d i z i n -
den soll. und vermitteln, dass man sie pflanzen auch
bei dieser umweltfreundlichen der lokalen Be-
Tat unterstützen kann. völkerung zu
Miguel, wie bist du dazu Man muss beim Pflanzen von Bäumen Gute kommen.
gekommen dein Leben dem Dadurch dass
sehr genau unterscheiden was der Zweck
Baumpflanzen zu widmen?
ist. Natürlich kann man relativ zügig und die gepflanzten
Um mein Agrarstudium zu finanzieren, billig große Flächen mit schnell wach- Bäume hier dau-
arbeitete ich vor 25 Jahren mit lokalen senden Arten wie Gmelina Arboria fül- erhaft stehen
Farmern in Teilzeit zusammen. Wir bau- len, wie es auf industriellen Baum- bleiben, spei-
ten Zwiebeln und andere Früchte für den plantagen geschieht. Diese Bäume sind chern sie auch
örtlichen Markt an. Zur gleichen Zeit be- aber dazu vorgesehen, nur kurzfristig Kohlenstoff und
gann die Regierung in Costa Rica mit billiges Holz und Gewinne für meist bieten der Tierwelt langfristige Lebens-
der Gründung ihrer Nationalparks, die ausländische Investoren zu liefern, statt räume.
unter totalen Schutz gestellt wurden, langfristig der Natur zu nützen. Sie sind Was für Ziele verfolgt Arbofilia
was jegliche wirtschaftliche Nutzung zudem fremdländisch und haben in un- mit dem Bäumepflanzen und
untersagte. Parallel erlebte mein Land serem Ökosystem eigentlich nichts zu wie greifen diese ineinander?
den Höhepunkt der Vernichtung seiner suchen. Wir wollen ursprüngliche Regenwald-
Regenwälder durch Brandrodung und
Ein weiteres Beispiel sind die im gan- ökosysteme wieder herstellen. Dazu ge-
Holzeinschlag. Dieser starke Kontrast
zen Land verteilten Teakplantagen. De- hört neben der Pflanzung einheimischer
zwischen Umweltzerstörung und Natur-
ren Anpflanzung wurde absurderweise bedrohter Baumarten, die Wasserkreis-
schutz führte mich mit Anderen zu dem
von unserer Regierung mehr gefördert läufe durch Schutz der Quellen wieder-
Entschluss, dass wir im großen Stil be-
und von ausländischen Investoren stark herzustellen und die zerstückelten Wald-
ginnen sollten, unsere Wälder zu schüt-
nachgefragt, während man für einheimi- reste wieder zu verbinden. Nur so kön-
zen, die einmal ganz Costa Rica bedeckt
sche Arten keinen Zuschuss erhalten hat. nen sich die isolierten Tierpopulationen
hatten. Seit meiner Jugend hatte ich
Das war ein Skandal, denn die Bevöl- wieder erholen und genug Lebensraum
schon im Kleinen bei Farmern Bäume
kerung hat von diesem Holzgeschäft we- und Nahrung finden .
gepflanzt. Mit unserer neuen Organisa-
tion Arbofilia wurde dies unsere Haupt- nig profitiert. Das hat sich etwas geän- Um auch den am Korridor lebend Bau-
aufgabe. dert. Heutzutage können wir für die An- ern eine Einnahmequelle zu ermögli-
pflanzung mit den einheimischen Arten chen, vermitteln wir die Vorteile von
Bei der hohen Zerstörungsrate
auch Zuschüsse erhalten. Aber es gibt Agroforstwirtschaft, bei der Nutzpflan-
damals klingt das nach einer
Menge Arbeit. Kann man immer noch zuviele Teakplantagen, auf zen und Bäume zusammen angepflanzt
Wälder überhaupt wieder deren Flächen halt fast nix anderes und genutzt werden. So können die Bäu-
herstellen? wächst und die wie artenarme Inseln in me dazu beitragen die sehr dünnen Bö-
Ja, aber man muss sich klar sein, dass der Landschaft liegen. den vor den ständigen Regenfällen zu
es dann natürlich andere Wälder sind,als Wenn Anpflanzungen weder schützen.
die ursprünglichen - und das selbst wenn ökologisch noch sozial richtig Gibt es ein Patentrezept für die
man sich sehr viel Zeit nimmt. Zeit heilt nachhaltig sind, dann wäre es Pflanzungen oder was braucht
zwar alle Wunden, aber es entsteht im- ja besser, es ganz sein zu man alles für eine erfolgreiche
lassen? Wiederaufforstung?
mer auch etwas Neues dabei. Wir unter-
stützen mit dem was wir über die natür- Man hat das im Lauf der Jahre auch ein- Vor allem braucht man enorm viel Wis-
lichen Zusammenhänge wissen, die gesehen und es gibt jetzt auch verschie- sen über die Baumarten und deren Be-
Vorgänge bei der Entstehung von Wäl- den zusammengesetzte Wiederauf- deutung für den Wald. Es geht einerseits
dern. Ein Beispiel: während im natürli- forstungen, bei denen nicht nach einer darum die genetischen Ressourcen, die
chen Wald eine bestimmte Baumart viel- Wachstumsphase alle Bäume geerntet wir noch haben, zu beschützen und an-
leicht durch Zufall an eine bestimmte werden, sondern langsam wachsende dererseits dieses Wissen auch den loka-
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Dezember 2007 - Doppelnummer
Projektpartner News-Letter Nr. 27/28

len Menschen zu vermitteln und es zu Ebenso spielt der Erosionsschutz eine die Aufforstung die CO2-Schuld aus, die
behalten. Das Pflanzen eines Waldes ist größere Rolle durch die teils enormen bei der früheren Vernichtung dieser ehe-
ein langfristiger Prozess, der sich über Wassermassen. Besonders sichtbar wird maligen Wälder entstanden ist. Alle Auf-
drei bis fünf oder gar zehn Jahre hin- die Problematik bei ungeschützten forstung sollte man zuerst damit auf-
zieht. Nach dem Sammeln der Samen Weideflächen, die schreckliche Aufbrü- rechnen und nicht willkürlich mit dem
folgt das Züchten der Setzlinge in unse- che der Grasnabe und Erdbewegungen CO2, welches heutzutage beim Autofah-
ren Baumschulen. Je nach Mikroklima, aufweisen. ren freigesetzt wird. Damit soll doch nur
Boden, Vegetationszone und Wasserver- das Gewissen von Auto-
sorgung pflanzen wir die passenden Ist Wiederaufforstung eine fahrern beruhigt werden.
mögliche Antwort auf die
Baumarten. Nach und nach werden dann bedrohliche Klimasituation und Wiederaufforstung hat
in dynamischer Folge weitere Arten wie passt dies mit der enormen vor diesem Hintergrund
nachgepflanzt, weil jede ihre speziali- jährlichen Regenwald-
abholzung zusammen? eine Menge Vorteile. Wir
sierten Wachstumsbedingungen benötigt
erreichen neben CO 2 -
und viele ohne den Sonnenschutz der Eines der Hauptprobleme für unsere Speicherung auch noch
Pionierarten nicht überleben würden. So Zukunft ist unbestritten die ungezügel- die anderen positiven Zie-
entsteht langsam wieder wertvoller Wald. te CO2-Freisetzung, die wir mit unserer le, die ich eben beschrie-
Nun erleben wir seit einigen Lebens- und Wirtschaftsweise verursa- ben habe. Unser “grünes
Jahren den prophezeiten chen. Nur ein Bruchteil des globalen Königreich” sollte des-
Klimawandel hautnah durch Kohlendioxidvorrats liegt in den Wäl-
Wetterextreme und vermehrte halb langfristig wiederhergestellt wer-
dern und deren Speicherkapazität wird den. Doch dies allein wird niemals aus-
Naturkatastrophen. Wie
beeinflusst diese Entwicklung durch die fortschreitende Abholzung Tag reichen, den Klimawandel zu stoppen.
eure Arbeit im Korridor? für Tag verringert. Wir verbrennen nicht Wir müssen ebenso unseren Energie-
nur die Wälder dieses Planeten, sondern konsum drastisch einschränken. Dazu
In den letzten zehn Jahren hatten wir
auch die urzeitlich in Form von Erdöl müssen wir allerdings unser aller
tatsächlich mit immer heftigeren Regen-
und Erdgas eingelagerte Biomasse. All Bewusstsein verändern und meine Hoff-
fällen, Dürren oder Winden zu kämpfen.
diese Gase gelangen in unsere Atmo- nung besteht in einer stärkeren Aufklä-
Deswegen mussten wir unsere Strategi-
sphäre, die jetzt schon an ihre rung dahingehend. Denn wir können
en auch verändern. Neben Analogwald
Aufnahmegrenzen stößt. entscheiden, ob wir der Traum oder Alb-
pflanzen wir jetzt auch Pufferzonen mit
Windbrechern und stärkeren Baumarten. Wenn man es genau nimmt, dann gleicht traum dieser Erde sein wollen.

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Doppelnummer - Dezember 2007
2007 im Rückblick News-Letter Nr. 27/28

Ein Jahr zwischen Aufbruch und Gleichgültigkeit


Trotz vieler Lippenbekenntnisse immer noch zu wenig konkrete Maßnahmen

Auf den ersten Rückblick scheint das Jahr 2007 eigentlich ter (Erdöl, Kohle) durch eine ‘grünere’ Alternative zu er-
ganz erfreulich: Es gibt einen Bewusstseinswandel oder setzen - womit wir bei der Bioenergie oder konkreter bei
besser ‘Präsenzschub’, denn der Klimawandel ist in der den Agrotreibstoffen angekommen sind.
Öffentlichkeit angekommen. Kein Thema dürfte in den Me- Ein Blick in den Kalender genügt: uns hat das neue Thema
dien häufiger berichtet, von Wissenschaftlern mehr disku- ganz schön beschäftigt. Plötzlich wollte alle Welt grün wer-
tiert, von einigen Promis (Gore) vehementer vorgetragen den - und wenn man die Wirtschaftsmacht erst mal ma-
und von Umweltschützern dramatischer ausgemalt worden chen lässt, dann ist grün nicht mehr das, wofür es früher
sein. In den Köpfen der Menschen in Deutschland ange- einmal stand. Palmöl-Plantagen oder Zuckerrohrfelder sind
kommen ist der Wandel aber trotzdem noch nicht. Oder ab einer bestimmten Größe beim besten Willen nicht mehr
haben Sie persönlich schon Klimaschutzmaßnahmen ergrif- naturverträglich - und um sie so richtig rentabel im indu-
fen, die in ihrem Tages’geschäft’ gut 20 Prozent CO2-Aus- striellen Maßstab betreiben zu können, sollten sie auch rich-
stoß vermeiden helfen? Warum sollte der Nachbar etwas tig groß sein und außer Ölpalmen oder Zuckerrohr kaum
gemacht haben oder der Nachbar vom ..? anderen Pflanzen Raum lassen.
Nicht nur, dass unser Denken und Handeln sich NOCH Bildungs- und Lobbyarbeit war nötig, wie schon lange nicht
NICHT auf drastisch verändertes Wirtschaften eingestellt mehr gehabt. Umweltverbände arbeiten mit kleineren Etats
hat, viel schlimmer ist, dass ein Großteil der Antworten, als die Industrien, die mit viel Geld Biotreibstoffe als grü-
die aus Politik und Wirtschaft kommen, sogar noch in die ne Alternative vermarkten. Was für eine Aufgabe, zu er-
falsche Richtung weisen. Diese sind kurz zusammengefasst: klären, dass der vermeintlich grüne Boom Ökosysteme zer-
Wir wollen erstens unser Wirtschaftssystem und die Le- stört und - wenn man halbwegs nachrechnet - nicht einmal
bensweise möglichst nicht in Frage stellen bzw. fundamen- das Klima schützt. Da blieb immer weniger Zeit für die
tal ändern und wir versuchen zweitens die größten Übeltä- andere Arbeit.

Der Rückblick im Detail beginnt mit ei- Sonene Nationalpark um 200.000 Hekt- Ergebnis: Hungerstreik wurde aus
ner Zusammenschau der Mail-Aktionen, ar verkleinert werden um dann ein neu- Gesundheitsgründen nach einigen Wo-
bei denen uns wieder tausende es Erdöl/Gas-Feld erschließen zu kön- chen abgebrochen - das Projekt ist aber
AktivistInnen geholfen haben, die Inhalte nen. Erfolg zu vermelden: Weltweiter weiter unter heftigem Protest.
vielfach an die Entscheider zu kommu- Widerstand verhindert vorläufig diese
Illegal Logging Update and Stake-
nizieren. ‘Wir alle sind informiert und Pläne.
holder Consultation, London (Januar)
interessieren uns für den jeweiligen
Tempolimit statt Palmöl (17.11.07) - 2-tägiges Treffen mit Infoaustausch
Sachverhalt und wollen nur verhindern,
- Es reicht. Tempolimit statt Palmöl! Der und Networking zum Thema illegaler
dass etwas im Verborgenen hin-
Weltklimarat hat mit einem Abschluss- Holzhandel, sowie einer Besprechung
gemauschelt wird’ - das ist in jedem der
dokument der Konferenz in Valencia im kleineren Aktivistenkreis. Besonders
Fälle die wichtigste Aussage.
einen eindringlichen Warnruf an die wichtig waren die Präsentation über den
Nichts überstürzen - Keine Bio- Welt geschickt. „Es gilt keine Zeit mehr aktuellen Stand der Verhandlungen zum
energie für Europa auf Kosten von zu verschwenden. Die Forscher haben ‘EU FLEGT Action Plan’ und die Dis-
Regenwald (08.01.07) Die EU-Kom- klar und mit einer Stimme gesprochen“, kussion über die Möglichkeit bzw. Not-
mission sollte am 10. Januar über den sagte UN-Generalsekretär Ban Ki wendigkeit für zusätzliche Maßnahmen,
Biomasse-Aktionsplan entscheiden. Moon. Ein Tempolimit ist eine geeig- die das künftige EU-Paket ergänzen soll-
Umweltschützer aus Nord und Süd raten nete Klimaschutzmaßnahme und es hilft ten. Sehr spannend war auch die Aus-
der EU, sich für die Meinungsbildung Regenwald retten. Ergebnis: Bis zum einandersetzung der malaysischen De-
und Folgenabschätzung der zu beschlie- Jahresende keine Entscheidung, eher legierten mit NGO-VertreterInnen aus
ßenden Maßnahmen mehr Zeit zu lassen. Aussagen, dass die Regierung nicht dar- Malaysia. Die NGO kritisieren das offi-
Manche fordern auch ein Moratorium. an denke, diese Klimaschutzmaßnahme zielle Programm als Greenwash und
zu ergreifen (siehe Seite 11). wirkungslos bzgl des Ziels, Raubbau im
Landrückgabe an die Tupinikim
und Guarani Indianer (25.08.07) - Land abzustellen. Die NGO-Vertreter-
Brasilianischer Bischof im Hun-
Mit der Aktion soll der brasilianische Justiz- Innen reisten von London aus auch nach
gerstreik gegen Flußzerstörung
minister Tarso Genro in seiner Arbeit be- München, um ihre Position auch bei uns
(17.12.07) - Der Bischof der brasiliani-
stärkt werden. Es geht um Landrecht im im Büro vorzustellen (siehe Seite 23)
schen Diözese Barra (Bahia), Dom Luiz
Fall Aracruz gegen Ureinwohner und die Flávio Cappio, ist am 27.11.2007 als Service für VerbraucherInnen ver-
Abstellung gewaltsamer Konflikte im Zeichen des Protestes gegen die Zerstö- bessert: Raubbau-Status und Transpa-
Zusammenhang damit. RIESEN- rung des Rio São Francisco und das renz im Holzhandel wird künftig online
ERFOLG: Landrecht gesichert! Flussableitungsprojekt in Hungerstreik dokumentiert. (Februar) - Auf der
Peru Nationalpark Erweiterung für getreten. Er will seinen Hungerstreik erst Website www.raubbau.info stellt Pro
Erdöl (04.10.07) - Nach Plänen der pe- dann beenden, wenn das Projekt der REGENWALD dar, wie nach vorliegen-
ruanischen Regierung sollte der Bahuaja Flussableitung endgültig gestoppt wird. den Informationen und Expertenein-
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schätzung holzhandelnde und holzver- VertreterInnen aus Verbänden und kom- chen haben - und falls doch, dann kei-
arbeitende Betriebe mit der Raubbau- munalen Stellen bei Pro REGENWALD nesfalls in Form von Plantagen mit
problematik umgehen und Kundenan- um Neuigkeiten auszutauschen und fremdländischen Bäumen. Die zweite
fragen beantworten. Die Bandbreite der Strategien für das weitere Vorgehen zu Erkenntnis geht uns alle an: Wer
Bewertung reicht von ‘nachgewiesen an besprechen. Simone Hörner von Pro Zellstoffprodukte nutzten will, sollte
Raubbau beteiligt’ bis zu ‘setzt sich vor- REGENWALD ist auch die Brücke zur immer wissen unter welchen Umstän-
bildlich gegen Raubbau und für nach- bundesweiten Koordination der Kampa- den das Produkt entstanden ist - und
haltige Waldbewirtschaftung ein’. Die gne und investiert ein gutes Stück ihres dann entscheiden, ob man den Schaden
Informationen werden ständig überar- ehrenamtlichen Engagements dafür. bewusst in Kauf nehmen will (siehe Sei-
beitet und das Raubbau-Team bittet um te 16 und 24).
Agro-Energie aus dem Radio -
Weiterleitung von Erfahrungsberichten
Biosprit-Boom auf der einen Seite, ab- Aktionstag Tasmanien (November)
von KonsumentInnen beim Einkauf von
brennende Regenwälder und Smog- - Vom anderen Ende der Welt erhielten
Holzprodukten.
alarm auf der anderen. Und das alles soll wir im November einen Hilferuf: die
Geldwäsche und illegale Holz- mit dem Klimawandel zu tun haben, australische ANZ-Bank war im Begriff
geschäfte (März) - Teilnahme an ei- wobei niemand mehr genau weiß, was die Waldzerstörung im Norden Tasma-
nem Workshop in Frankfurt. Der Han- Grund der Krisenstimmung ist und was niens zu finanzieren. Die australische
del mit Holzprodukten, die illegal (u.a. sie dann abstellen könnte. Viele Organisation „Wilderness Society“ rief
weil gestohlen, entgegen Umwelt- VerbraucherInnen (er-)kennen die Zu- zum weltweiten Aktionstag auf. Austra-
gesetzen gefällt oder keine Steuern be- sammenhänge nicht (mehr). Das ist für lien/Tasmanien ist zwar weit weg - aber
zahlt) auf den Markt gelangt sind, ist in uns wichtiger Anlaß eine Stunde Radio die Finanzgeschäfte werden heutzutage
Deutschland legal, weil der Handel mit lang das Thema aufzubereiten und Fak- globalisiert gemacht: es gibt eine Filia-
illegal geschlagenem Holz in den Län- ten, Hintergründe und Argumente zu le der Bank in Frankfurt. Gemeinsam
dern der Europäischen Union nicht straf- übermitteln. Pro REGENWALD ist je- mit einem Vertreter des WRM (World
bar ist. Einzige Handhabe zur Zeit wäre den zweiten Monat mit einer selbst- Rainforest Movement) demonstrierte
eine Strafverfolgung nach dem Geld- produzierten Sendung im Ökomagazin ein Pro REGENWALD-Vertreter spon-
wäschegesetz. Doch dieser Weg, so die Rainbow des Münchner Bürgerradios tan und übergab einen Protestbrief. Er-
Ergebnisse des Workshops knapp ‘Lora 92,4’ zu hören. Die Sendung wer- gebnis des vielen weltweiten Aktionen:
zusammengefasst, ist so kompliziert, den meist von ehrenamtlichen Mit- die Bank entschied sich gegen die Fi-
dass es in Deutschland noch nicht zu arbeiterInnen und PraktikantInnen zu- nanzierung
einer einzigen Verurteilung auf dieser sammengestellt. Memorandum - Papierverbrauch
Basis gekommen ist. Gesetzesvorlagen, Wegweiser zum „richtigen“ Schul- weiter senken (Oktober) - Mit dem
die speziell den Handel mit illegal ge- heft (7.09.2007) - Da die umweltfreund- in Berlin vorgestellten Memorandum für
schlagenem Holz unter Strafe stellen lichen Schulhefte aus Recyclingpapier einen nachhaltigen Papierkonsum rufen
könnten, scheiterten in der Vergangen- immer schwieriger zu finden sind, bie- Umwelt- und Verbraucherschutz-
heit sowohl in Deutschland als auch auf tet Pro REGENWALD einen neuen Service: verbände die Bundesregierung auf, kon-
europäischer Ebene unter anderem am auf der Webseite www.heftefinder.de krete Maßnahmen einzuleiten, um den
Widerstand der Holzlobby. können VerbraucherInnen herausfinden, Papierverbrauch in Deutschland um 50
Strom umstellen und Baum- wo sie Schulmaterial aus Recyclingpa- Prozent zu senken. Pro REGENWALD
pflanzung fördern - Vom 25. 03. bis pier kaufen können. Grundrisse der Ge- gehört mit zu den Erstunterzeichnern, da
8.04. hieß es bei Pro REGENWALD schäfte weisen den Weg zum richtigen es ein zukunftsweisendes Statement ist,
„top – die Wette gilt!“. Mit den Schwarz- Heft. Die Suchhilfe war nötig geworden, worauf wir uns künftig berufen werden.
wälder Stromrebellen, den Elektrizitäts- nachdem es für Schulanfänger immer Regenwald auf
werken Schönau (EWS), wetteten wir, schwieriger geworden ist, die umwelt- der Straße - Direkt
dass wir es schaffen, innerhalb von zwei freundlicheren Recyclinghefte zu fin- mit Leuten sprechen,
Wochen mindestens 40 Menschen über- den. Sie sind fast vollständig aus den über unsere Themen,
zeugt zu bekommen, auf Ökostrom um- Regalen verdrängt und wenn sie dann die Zerstörung und
zusteigen. Dank Stromwechselpartys doch angeboten werden, liegen sie ver- Lösungsansätze in-
und dem unermüdlichen Einsatz unse- steckt in den hinteren Regalen. formieren, neue Akti-
rer Praktikantin Uli haben wir es ge- Plantagen-Safari in Südafrika (Ok- vistInnen und
schafft und haben dafür von den EWS tober/November) - Im Anschluss an ei- MitmacherInnen finden, Unterschriften
eine schöne Spende zur Unterstützung nen Workshop des World Rainforest sammeln oder auch eine Tombola zur
des Baumpflanzprojektes von Arbofilia Movements-Netzwerks in Johannes- Unterstützung unserer Projekte durch-
in Costa Rica erhalten. burg, geht mit Hermann Edelmann auch führen - dies alles klappt am Besten am
Mehr Recyclingpapier in Schulen ein Pro REGENWALD-Mitarbeiter mit Infostand. Pro REGENWALD war in
- Pro REGENWALD engagierte sich auf Spurensuche: Welche Auswirkungen diesem Jahr wieder auf dem Streetlife
auch noch in der Initiative 2000plus in haben ‘Zellstoff’plantagen in Südafrika Festival (im Rahmen des europaweiten
Bayern, um zu einer Entlastung im Pa- und Swasiland auf Mensch und Um- autofreien Tages in München), auf dem
pierverbrauch beizutragen und den Ein- welt? Erstaunliche erste Erkenntnis war, bekannten Münchner Tollwood-Festival
satz von Recyclingpapier zu fördern. dass Bäume in manchen Ökosystemen und an vielen anderen Plätzen präsent.
Vier- oder gar fünfmal treffen sich (wie Grasland) auch einmal nichts zu su-
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Impressum, Bücher News-Letter Nr. 27/28

Buchbesprechungen Blicke ins Büro

Augen auf und nachfragen! Reisen bildet


Von wegen desinteressiert, bequem und
Ist uns klar, wo Produkte unseres alltäg- Zusammen mit Érik Orsenna reisen wir keinen Bock auf gar nix: ganz offen-
lichen Bedarfs produziert werden und durch Mali, die USA, Brasilien, Ägyp- sichtlich machen sich immer mehr jun-
was Produktion und Handel anrichten ten, Usbekistan und China der Baum- ge Menschen Gedanken darüber, wo ein-
können? Tanja Busse spürt der Herkunft wolle hinterher. Am Ende der Reise sind mal ihr Platz sein könnte, was ihnen
von Kleidung, Teppichen, Kaffee, Pfla- wir klüger, aber auch ernüchtert. In Mali arbeits- und interessenmäßig taugt und
stersteinen und Handys nach, berichtet sind die Bauern bedroht, weil sie mit wo bzw. wie sie sich nützlich machen
von der industriellen Massentierhaltung ihrem qualitativ hochwertigen Produkt können. Wenn sie dabei dann bei Pro
in Deutschland, Gammelfleisch, dem gegen die staatlich subventionierten Far- REGENWALD landen, sind großer Er-
Einsatz von gentechnisch veränderten mer der USA auf dem Weltmarkt nicht kenntnisgewinn und abwechslungsrei-
Futtermitteln und wie wir mit Agrar- konkurrenzfähig sind. In Brasilien wer- che Herausforderungen garantiert.
subventionen Menschen in Afrika in den die Anbauflächen auf Kosten des
Armut stürzen. Regenwaldes massiv ausgeweitet, um Ninas (23) eigentliches Ziel
zukunftsfähig zu bleiben. In den Labo- ist es als Fotografin zu ar-
Sie belässt es aber nicht bei der Klage beiten. Da sie aber keine
ren von Monsanto wird die Baumwolle
über die Zustände, sondern zeigt anhand Lust mehr hatte, den Unge-
der Zukunft entwickelt. In Usbekistan
von Beispielen, welchen Einfluss Kon- rechtigkeiten auf der Welt
werden die Bürger zur Ernte zwangs-
sumenten haben und wie die Bedingun- tatenlos zuzusehen, hat sie
verpflichtet und der einstmals giganti-
gen durch bewusstes Einkaufen verän- sich zu einem Abstecher zu
sche Aralsee verkommt zur Pfütze, weil
dert werden können. uns entschlossen. Während
das Wasser zur Bewässerung benötigt
Tanja Busse: Die Einkaufsrevolution. wird. Wir besuchen das größte Baum- ihres Praktikums feilte sie
Konsumenten entdecken ihre Macht; wollmuseum der Welt sowie die Welt- an der Aussendarstellung
Karl Blessing Verlag hauptstadt der Socke und haben letzt- und Bewerbung der Baumpflanz-
lich eine Ahnung, warum wir T-Shirts workshops unserer Partnerorganisation
für 3 Euro kaufen können. Arbofilia in Costa Rica.

Érik Orsenna: Weisse Plantagen. Eine Alexander (27) siedelte von Münster
Reise durch unsere globalisierte Welt; nach München um, um uns elf Wochen
Verlag C.H.Beck im Frühling 2007
als Praktikant im
Rahmen seines Stu-
diums der Politik-
Impressum wissenschaften zu
DER News-Letter WIRD IN unterstützen. Bevor
UNREGELMÄSSIGEN ABSTÄNDEN er sich richtig in die
HERAUSGEGEBEN. FÖRDER- Problematik des il-
MITGLIEDER UND FREUNDINNEN
legalen Holzhandels
ERHALTEN EIN EXEMPLAR.
eingearbeitet hatte
Mitarbeit an dieser Ausgabe: Hermann um in der Kampagne mitzuarbeiten,
Edelmann, Martin Glöckle, Simone musste er als Ansprechpartner für
Hörner, Frank Schmidt, u.a. InteressentInnen am Baumpflanzprojekt
Fotos: H. Edelmann, J. Westerink einspringen. In diesem Zusammenhang
Kritik, Anregungen und Rückfragen organisierte er unseren Beitrag zum
bitte an: Regenwaldfestival Aschaffenburg
Pro REGENWALD (www.regenwaldfestival.de), die den
Frohschammerstr.14, 80807 München Gewinn der diesjährigen Veranstaltung
Tel: 089-359 8650, Fax 089-359 6622 für das Baumpflanzprojekt von Arbofilia
e-mail: info@pro-regenwald.de spendeten. Ganz nebenzu
www.pro-regenwald.org unterstützte er dann auch
www.raubbau.info, www.diewaldseite.de noch das Akquiseteam der
Waldseite.
Postbank München
Konto-Nr. 1490 70 800, BLZ 70010080 NeunWochen war Markus (24)
Bank für Sozialwirtschaft München aus dem oberbayrischen
Konto-Nr. 8819 500, BLZ 700 205 00 Hilgertshausen Praktikant
Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit durch bei uns und hat schwer-
eine Spende oder Fördermitgliedschaft punktmäßig bei der

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Interna News-Letter Nr. 27/28

Raubbaukampagne mitgearbeitet. Er te- Entwicklungszusammenarbeit“ ange- waschechter Bayer) und ist das was man
lefonierte mit unendlich vielen Schrei- hängt hat, ist seit Mitte August bei uns einen Checker nennen würde. Dass er
nern und Holzhändlern um die Firmen- und bringt seine theoretischen Kenntnis- in einem Jugendclub mitorganisiert und
datenbank auf www.raubbau.info mit se bestens in unsere Raubbaukampagne in der Heimat erste politische Gehver-
Details zu füllen und hat dabei oft am ein ("du glaubst es nicht, das sind ja doch suche gemacht hat, wird ihn auch nicht
eigenen Leib erfahren dürfen, wie rau alles Verbrecher"). Daneben hat er sich retten: bei uns ist er gelegentlich der uri-
das Geschäft und der Ton in dieser Bran- unserer lange vernachlässigten Biblio- ge Baum, einer der wenigen, die man in
che ist. thek angenommen und organisiert den der Münchner Innenstadt herumgehen
Bestand in der neuen Literatur- sieht.
Manuel (21) aus Augs-
datenbank.
burg hat nach dem Abitur Bei Stefanie Eisold (Steffi,
fast eine ganze Weltreise Die Engagiertesten sind nur schwer zu 18) waren wir uns nach Mo-
gemacht, bevor ihn sein bremsen - und manchmal muss man sie naten bei uns noch nicht
Weg zu uns führte: erst ein sich teilen: Andreas (26) musste sein ganz einig, ob sie nach
Freiwilliges Soziales Jahr Praktikum bei uns 3 Wochen unterbre- München gekommen ist,
in Nicaragua absolviert chen, um auf der Wiesn (Oktoberfest für um die Vorzüge des Stadt-
und danach noch durch die Nichtmünchner) zu arbeiten, dass er lebens kennenzulernen oder
Peru und Argentinien ge- sich die unbezahlte eher um sich zu bestätigen,
reist. Zurück in der Heimat wollte er Praktikantenzeit bei dass es im heimischen Dorf
wissen, wie man Regenwald von uns auch leisten nahe Leipzig doch alles besser ist. Und
Deutschland aus schützen kann und da- konnte. Wieder bei weil ihr das Umweltengagement bei Pro
für schien ein Praktikum bei uns das uns recherchiert er REGENWALD noch nicht den Rest ge-
Richtige zu sein - bevor er in Münster vor allem zum The- ben konnte, hat sie sich auch noch aus-
mit dem Studium der Betriebswirtschaft ma Agroenergie, erdienstliche Umweltverpflichtungen
beginnt. Bei Pro REGENWALD arbei- was gut zu seinem aufgeladen. Frauen sind ja multitasking-
tete er in der Raubbaukampagne mit und Landwirtschafts- fähig - sie ist zudem wild entschlossen,
recherchierte über Fördermöglichkeiten studium an der FH für einige Wochen nach Costa Rica zu
für Projekte in Costa Rica. Weihenstephan in Freising bei München gehen.
passt. Daneben arbeitete er in der Radio-
Frank (22) studiert Sozialwissenschaf- Besuch aus dem Ausland
arbeitsgruppe mit und konnte einige
ten in Mannheim und war im August und Auf Durchreise für eineinhalb
neue Partner für eine Unterstützung der
September als Prakti- Tage zu Besuch bei Pro
Projekte auf www.diewaldseite.de ge-
kant bei uns. Neben REGENWALD: Shamila
winnen.
der Erforschung der Ariffin von Sahabat Alam Ma-
Münchner Musik- Der September ist für uns alle immer ein laysia (SAM oder Friends of
szene kümmerte er spannender Monat: zwei junge Men- the Earth) und Meng Chuo ein
sich um die Partner der schen starten bei uns ihr FÖJ (Freiwilli- langjähriger Weggenosse aus
Internetplattform ges Ökologisches Jahr) und wir müssen Sibu, Sarawak.
www.dieWaldseite.de. es ein Jahr lang miteinander aushalten, Grund ihrer Europareise ist die
Seine Kenntnisse in sie müssen schnell viel Neues lernen und Diskussion um Maßnahmen
der Sozialforschung sollen dabei auch noch unserem An- gegen den illegalen Holzhan-
kamen uns sehr bei der Auswertung ei- spruch gerecht werden, effizient zu del. Malaysia ist eines von 5 so-
ner Befragung von HolzkäuferInnen zu Waldschutz und Menschenrechten zu ar- genannten VPA-Ländern, mit
Gute und kein anderer unserer Prakti- beiten. Gelegentlich stellt sich dann denen die EU Verhandlungen
kanten hat in kürzerer Zeit („äh, die Ra- schon nach drei Wochen heraus, dass es über Maßnahmen führt - die
diosendung ist ja schon eine Woche frü- trotz Schnupperarbeitstag doch nicht viele NGOs in Malaysia über-
her“) so wunderschöne Beitrage für un- geht ("äähm, ich glaub', ich kann das mit haupt nicht zielführend und
sere Sendungen im der Büroarbeit doch wirksam einschätzen. In ihrem Vortrag
Münchner Bürger- nicht ein ganzes Jahr stellte Shamila die Kritikpunkte der
radio Lora erstellt. lang machen ..."). Zivilgesellschaft im Detail vor.
Der Politikwissen- Leo Graf (19) wollte Meng Chuo berichtete über das nicht-
schaftler Martin es sich geben mit staatliche ‘medical doctors’-Projekt, mit
(27), der nach seinem dem Umweltschutz dem die (nomadischen) Penan versorgt
Abschluss noch den und so einer Organi- werden. Grund für diese Initiative: die
postgradualen Studi- sation. Er kommt aus staatlichen Programme erreichen die Ur-
engang „Nachhaltige Wasserburg (also ist einwohnern nicht in ihren Siedlungen.

www.pro-regenwald.org
23
Doppelnummer - Dezember 2007
Wirtschaft am Ende News-Letter Nr. 27/28

Anfang November ging die Nachricht um die Welt, dass der Chef der amerikanischen Bank und Investmentgesellschaft Merrill
Lynch & Co gehen musste, nachdem das Unternehmen einen Verlust von mehreren Milliarden gemacht hatte. Anstelle gefeuert
zu werden, wie auch andere Verantwortliche, die Mist machen, erhielt O'Neal den goldensten Handschlag der Finanzgeschichte.
Wir fürchten dass für solche 'Geschäfte' noch mehr Wald geplündert und Umwelt zerstört werden muss.

Offener Brief an Stan O'Neal, Ex-Chef von Merrill Lynch & Co., Inc
Sehr geehrter Herr O'Neal,
einen stärkeren Kontrast konnte ich mir kaum vorstellen, als mich auf der Straße aus irgendeinem laufenden
Fernseher oder einigen Gesprächsfetzen die Nachricht erreichte: in den USA hat ein Banker seinen Chefposten
aufgegeben und sein Abschiedspaket soll rund 200 Millionen US Dollar betragen haben! Swasiland, in dem ich
gerade in einer kleinen Reisegruppe von Umweltschützern und Menschenrechtlern unterwegs war, steht am
anderen Ende der Reichtumsskala, sprich auf der Armutsseite. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Swasiland
leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Ungefähr ein Drittel der Menschen ist auf Nahrungsmittelhilfe fürs
tägliche Überleben angewiesen. Und trotz diverser Éntwicklungsprojekte zur Wirtschaftsförderung soll es den
Leuten schlechter gehen und die Umwelt stärker beeinträchtigt sein, als vor 50 Jahren. Ich glaube nicht an Zufälle.
Anlass unserer Reise waren die Auswirkungen der extrem umweltzerstörenden und bei den Menschen wenig beliebten Plan-
tagenwirtschaft in dem Land und insbesondere die Folgen einer mehrtägigen Brandkatastrophe Ende Juli, der 80 Prozent der
Plantagen, hunderte Häuser und auch Menschen zum Opfer gefallen waren. Die Plantagen gehören den südafrikanischen
Unternehmen Mondi und Sappi. Sie produzieren Zellstoff, der zum größten Teil an südostasiatische Abnehmer verkauft wird.
Bei der Anlage der Plantagen verloren Bauernfamilien Grundstücke und teilweise auch ihre Häuser, die Anbaufläche konkur-
riert um Platz für Nahrungsmittel und die fremdländischen Bäume (Pinus und Eukalyptus) fördern durch hohen Wasserver-
brauch die Austrockung in den betroffenen Regionen.
Die Menschen akzeptieren nicht, dass ihre ohnehin schon knappen Möglichkeiten zur Nahrungsmittelproduktion für den Ex-
port-Zellstoff noch knapper gemacht werden. Viele Feuer werden vorsätzlich gelegt. Während die Vertreter der lokalen Orga-
nisationen uns die Situation beschreiben, über die Regierung und die südafrikanischen Unternehmen schimpfen und uns
bitten, mitzuhelfen, den Wahnsinn abzustellen, taucht bei mir plötzlich die Frage auf: Könnte es sein, dass Merrill Lynch solche
Plantagen oder die den Rohstoff verarbeitenden Pulp Mills finanziert? Wollte die Bank nicht vor einigen Jahren in ein höchst
umstrittenes Pulp Mill-Projekt in Südostasien einsteigen, glaubte ich mich zu erinnern?
Ich habe weder die Zeit noch die Vorkenntnisse, die man bräuchte um herauszufinden, ob Merrill Lynch nun tatsächlich im
Papiersektor investiert hat, daraus Rendite erwirtschaften will und somit für die ökologischen und sozialen Verwerfungen
mitverantwortlich ist, wie ich sie aktuell in Swasiland und Südafrika oder bei früheren Reisen auch in Indonesien gesehen
habe. Selbst ohne direkten Beweis: Ist der dringende Verdacht ganz von der Hand zu weisen, die Verarmung der Menschen
und die Zerstörung vieler Rohstoffproduktionsregionen weltweit schaffen erst die wirtschaftliche Basis, die in den USA hohe
Managementgehälter oder eben Abfindungen von 160 Millionen Dollar ermöglichen?
Höchstwahrscheinlich werden Sie abwiegeln, sagen, Merrill Lynch's Hauptgeschäft hätte wenig mit Rohstoffen zu tun und die
Gewinne kämen größtenteils aus Immobiliengeschäften in den USA und dem Handel mit diversen Finanzprodukten ohne
jeden Bezug zur realen Welt. Werden sich zurückziehen in den Elfenbeinturm, den sich Banken und Investmentgesellschaften
in den letzten 20 Jahren erbaut haben, um immer größere Finanzströme immer schneller zu bewegen.
Nur wenige Stunden Recherche und Lektüre machen mich staunen und wütend: Rund 80 Prozent aller Finanzströme weltweit
haben mit der Realwirtschaft nichts zu tun. Wie in einem Durchlauferhitzer werden virtuelle Geldströme zur Mehrung des
Kapitals hin und hergeschoben allein darauf hoffend, die Gier werde den Wert dieser Luftabschlüsse immer weiter steigen
lassen. Wie in einem Rausch bestätigen sich die Beteiligten gegenseitig, ermuntern sich zu noch größeren Abschlüssen,
schieben sich gegenseitig die immer höheren Gehälter und Boni zu. Krankhaft! Stellt niemand die Frage, dass auch bei
Luftgeschäften irgendwann einmal jemand den realen Gegenwert einfordern könnte, daß man für eine Immobilie den Gegen-
wert der darauf lastenden Hypothek erlösen können muss?
Dabei fangen die Probleme ja schon vorher an: wer die Maximierung der Rendite zu seinem wichtigsten Anliegen macht, der
zerstört Umwelt, vertreibt Menschen, siedelt Dörfer um, feuert Arbeitnehmer, drangsaliert Produktions- und Verwaltungseinheiten,
zerlegt ohne Skrupel gewachsene Unternehmen und korrumpiert die Politik - kurz: trimmt die gesamten Produktions- und
Sozialsysteme weltweit dem Ziel der Renditesteigerung zu dienen.
Wenn es nur das wäre, hätte ich Ihnen diesen Brief nicht geschrieben. Es ist natürlich mehr: Das von Ihnen und Ihresgleichen
perfektionierte System, welches Sie in schwindelerregende Einkommensdimensionen katapultiert hat, bedroht in seinem gren-
zenlosen Wachstumswahn die Überlebensfähigkeit der Ökosphäre. Die Millionen ihrer Abfindung saugen das Wirtschaftssystem
aus den absterbenden Wäldern, den leergefischten Meeren, den ausgelaugten Böden - und nicht zuletzt den Menschen in deren
Lebensraum Rohstoffe (anstelle Nahrungsmitteln) produziert werden, mit denen Unternehmen in den USA und anderswo für Ihre
Bank Rendite erwirtschaften. Sie sind diesen Weg sehr lange gegangen, haben ihn gestaltet - sowie mit Ihrem Abgang die
Absurdität dokumentiert und in der Übertreibung das Ende eines nicht nachhaltigen und überholten Systems geprägt. Was
liegt näher, als sich nun für die Reparatur der Schäden zu verwenden?
Wir fordern von Ihnen die Rückführung Ihrer Abfindungbezüge und Boni zum Zweck der Wiedergutmachung an Natur und
betroffenen Menschen.
Mit freundlichen Grüßen, Pro REGENWALD, Hermann Edelmann

24 www.pro-regenwald.org
Dezember 2007 - Doppelnummer